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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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5300 Bonn

2

24. Juli 1991

NATO

NATO BLEIBT ENTSCHEIDENDES
SICHERHEITSINSTRUMENT
Rede von Botschafter Taft bei NATO-Workshop

GATT

DIE URUGUAY-RUNDE:
DER STAND IM JUL11991
Eine Übersicht des US-Wirtschaftsministeriums

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

BILATERALE WIRTSCHAFTSHILFE
FÜR SOWJETUNION IN AUSSICHT GESTELLT
Interview mit Finanzminister Brady

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NATO
24. Juli 1991

NATO BLEIBT ENTSCHEIDENDES
SICHERHEITSINSTRUMENT
Rede von Botschafter Taft bei NATO-Workshop
BRÜSSEL- (AD) - Die NATO ist nach wie vor zur Aufrechterhaltung der Sicherheit in Europa notwendig, erklärte
der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, Botschafer William H. Taft IV, am 19. Juli 1991 bei
einem NATO-Workshop für Journalisten und Wissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa.
Taft stellte fest, die Vereinigten Staaten blieben trotz der Pläne zum Abbau der amerikanischen Streitkräfte in
Europa der Beibehaltung ihrer Präsenz in Europa verpflichtet. "Die Vereinigten Staaten werden bleiben - nicht
nur um die Freiheit in Europa zu erhalten, nicht nur, um der Freiheit in Osteuropa eine Chance zu geben, nicht
nur, um ein neues Verhältnis zur Sowjetunion zu begründen - sondern auch, weil wir keinen besseren Weg zur
Bewahrung der Freiheit im Westen kennen", räumte Taft ein.
Die NATO kann die Stabilität Europas nicht mit dem Einsatz von Waffen sondern durch Dialog aufrechterhalten, so Taft. "Es reicht nicht aus, daß wir uns versammeln, um die Ergebnisse von Beratungen der NATO einer
Überprüfung zu unterziehen sondern wir müssen uns vielmehr zusammensetzen und die Probleme erörtern,
bevor Entscheidungen getroffen werden."
Taft fügte hinzu, die NATO sei in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ein Instrument des Wandels gewesen
und werde auch in Zukunft Veränderungen bewirken.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Taft im Wortlaut.

Vor fast zwei Jahren kam ich zur NATO - zu einer Zeit,
in der Europa noch geteilt war, Sie im Osten nach
Freiheit strebten und wir im Westen versuchten, die
Konfrontation der Vergangenheit zu überwinden.
Während dieser zwei Jahre hat sich der Kontinent
gewandelt. Auch die NATO hat sich verändert. Ich
würde gerne glauben, daß diese Veränderungen
unumkehrbar sind. Mit Verständnis, Geduld und Toleranz, mit Hoffnung, Phantasie und Wagemut kann das,
was wir in Bewegung gebracht haben, in der Tat nicht
mehr aufgehalten werden.
Ich möchte heute über die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa unter besonderer Berücksichtigung der
amerikanischen Rolle in der NATO sprechen. Zunächst möchte ich jedoch kurz auf die Bedeutung
einiger der jüngsten Veränderungen einschließlich des
Londoner Gipfeltreffens und der beiden Ministertreffen
der NATO vom Frühjahr eingehen.

AMERIKA DIENST 29

Das Londoner Gipfeltrefen: Die umgewandelte
NATO
Im vergangenen Juli kamen die Staats- und Regierungschefs in London zusammen, um die Umgestaltung des nordatlantischen Bündnisses in die Wege zu
leiten. Dies ist ihnen in beachtlichem Maße gelungen.
Sie kamen überein, daß sowohl die politische Strategie
der NATO als auch ihre Militärdoktrin geändert werden
müsse. Die NATO-Streitkräfte würden nicht länger an
der innerdeutschen Grenze massiert, um einen blitzkriegartigen Angriff des Warschauer Pakts abzuwehren.
Die Staats- und Regierungschefs der NATO stimmten
überein, daß die ehemalige Bedrohung eines Angriffs
vom Osten im großen und ganzen beseitigt sei. Heute
sehen wir uns mit der Bedrohung von Instabilität und
Unsicherheit - der Bedrohung durch Nationalitätenkonflikte, wirtschaftliches Versagen, Aggression sei-

Seite 1

�tens der dritten Welt - konfrontiert. Dies würde bedeuten, daß sich das Bündnis, um seinen historischen
Prinzipien gerecht zu werden, für das 21. Jahrhundert
umorganisieren müßte. Es würde die Vorneverteidigung modifizieren, seine Truppenstationierung und
Kommandostruktur ändern, eine Änderung seiner
Haltung zu Nuklearwaffen bekanngeben und versuchen, die Konfrontation, die Europa seit vier Jahrzehnten charakterisierte, durch einen neuen Geist der
Kooperation zu ersetzen.
Das Bündnis hat daher beim Londoner Gipfel die
Sowjetunion und ihre ehemaligen Verbündeten im
Warschauer Pakt eingeladen, diplomatische Beziehungen zur NATO aufzunehmen. Einen Monat später
traf Außenminister Baker mit dem ersten von der
Sowjetunion zur NATO entsandten Botschafter zusammen.
Im vergangenen September hatte ich Gelegenheit, vor
einer Gruppe von Wissenschaftlern, Journalisten und
Diplomaten zu sprechen, die die Mitgliedstaaten des
Bündnisses und die Länder Mittel- und Osteuropas
vertraten. Um zu bewerten, wie weit wir gekommen
waren und um vielleicht beurteilen zu können, wie weit
wir noch zu gehen haben, möchte ich meine Worte zu
der damals entstandenen Verbindung wiederholen:
Wir erwarten von der NATO in Zukunft eine
Erweiterung ihrer Kontakte, obwohl wir zum
jetzigen Zeitpunkt nicht sicher sind, wie weit und
wie schnell wir vorankommen. Das wird zum
Teil von unseren Gesprächspartnern abhängen.
Ich hoffe jedoch, daß wir zumindest weit über
den Gedanken hinausgehen, diese neuen Freunde nur dann über die wichtigsten Entwicklungen
zu unterrichten, wenn sie stattfinden. Das Kernstück dieser Verbindung ist sicherlich etwas
wichtigeres - tatsächlich in Kontakt zu sein,
bevor entscheidende Schritte unternommen und
von den Konsultationen mit unseren Gesprächspartnern zu profitieren, bevor Entscheidungen
getroffen werden.
Dies scheint mir der Zweck der Verbindung zu
sein - die Entwicklung eines neuen zweibahnigen Dialogs zu Sicherheitsproblemen in Europa, die uns nicht weniger und nicht mehr betreffen als die Staaten, mit denen wir nun zu kooperieren versuchen statt Gegner zu sein. In diesem Geiste möchte ich betonen, daß wir die
Beiträge der heute hier anwesenden osteuropäischen und sowjetischen Teilnehmer sehr begrüßen. Ihre Beteiligung wird dazu beitragen,
eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.
Auch das Tempo der Ereignisse hat uns natürlich geholfen, diese Zukunft zu gestalten. Als
Saddam Hussein den Vereinten Nationen im

Seite 2

Herbst die Stirn bot und die aufstrebenden
Demokratien im Osten die wirtschaftlichen
Konsequenzen seiner Aggression zu spüren
begannen, wurden Treffen zwischen der NATO
und osteuropäischen Diplomaten häufiger. Ende
des Jahres waren die Treffen zur Routine geworden. Wir haben die Hand der Freundschaft
ausgestreckt - und stellten fest, daß Sie nicht
zögerten, sie zu ergreifen.
Der tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel
und der polnische Präsident Lech Walesa sind
inzwischen zur NATO gekommen und haben
vor den Außenministem und den Ständigen
Vertretern des Nordatlantikrats gesprochen.
Beide haben um engere Zusammenarbeit in
Zukunft gebeten. Im Herbst erwarten wir den
ungarischen Ministerpräsidenten Anfall undden
Präsidenten von Bulgarien. Und wir haben
gehört, daß auch Präsident Gorbatschow vor
dem Nordatlantikrat sprechen wird.
Der Verteidigungs-Planungsausschuß: Abbau der
NATO-Streitkräfte
Jeden Herbst versammeln sich die Verteidigungsminister der NATO zu einem Treffen des VerteidigungsPlanungsausschusses (DPC) und der Nuklearen Planungsgruppe (NPG). Dieses Frühjahr war ein Meilenstein in der Geschichte des Bündnisses - als die
Minister ihre Zustimmung zu beträchtlichen Reduzierungen der NATO-Streitkräfte gaben, einer Streitmacht,
die vornehmlich aus multinationalen Korps zusammengesetzt ist. Zu ihnen wird eine Schnelle Eingreiftruppe zählen, einschließlich einer multinationalen
Division von der nördlichen Flanke der NATO undeiner
zweiten multinationalen Division von ihrer Südflanke.
Dieses Korps kann binnen 72 Stunden überall auf
NATO-Territorium stationiert werden. Daher können
wir unsere derzeit stationierten aktiven Streitkräfte
umfassend reduzieren.
Zusammengenommen symbolisieren die Entscheidungen der Verteidigungsminister die beachtlichsten
Veränderungen der NATO-Streitkräftestruktur seit über
20 Jahren. Die Konsequenzen für die amerikanischen
Streitkräfte sind tiefgreifend: Wir werden ungefähr die
Hälfte der 300.000 Mann umfassenden jetzt in Europa
stationierten Truppen abziehen. Für die europäischen
Verbündeten sind die Konsequenzen ebenso umfassend - da sie proportional mehr Verantwortung für die
Stabilität und Sicherheit Europas übernehmen. Die
Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten stimmen überein, daß der europäische Pfeiler der
NATO gestärkt werden muß.
Während die Truppenniveaus insgesamt beträchtlich
abgebaut werden, wird die NATO die Fähigkeit zur
Verstärkung dieser Truppen beibehalten und die
Fähigkeit zur raschen Verlegung in Krisengebiete
entwickeln. Heißt das, wie einige sich gefragt haben,

AMERIKA DIENST 29

�daß sich die NATO vorbereitet, in Konflikte außerhalb
des NATO-Territoriums einzugreifen? Die Antwort
lautet Nein. Darauf bereiten wir uns nicht vor. Die
NATO ist ein Verteidigungsbündnis. Als solches gewährt
es seinen Mitgliedstaaten Sicherheit und Stabilität in
ganz Europa. Sie macht jedoch keine Pläne, außerhalb ihres Territoriums zu intervenieren. Sollte eines
oder mehrere seiner Mitglieder sich für die Verteidigung der westlichen Interessen entscheiden - wie
einige es bei der Golf krise getan haben - so ist dies eine
völlig andere Angelegenheit. Die Rasche Eingreiftruppe der NATO ist beispielsweise nicht darauf ausgerichtet, außerhalb des NATO-Gebiets stationiert zu werden.
Der Nordatlantikrat: Eine neue Partnerschaft
Anfang Juni kamen die NATO-Außenminister in Kopenhagen zu einer Überprüfung der Fortschritte bei
der neuen politischen Strategie der NATO zusammen.
Sie verabschiedeten eine Erklärung zu den Kernfunktionen der NATO und reichten der Sowjetunion und
Osteuropa die Hand der Freundschaft.
In einem weitreichenden Papier mit dem Titel Partnerschaft mit den Ländern Mittel- und Osteuropas
erklärten die NATO-Außenminister, daß Schutz vor
Zwang und Einschüchterung "ein direktes und materielles Anliegen für uns" ist und gaben eine Reihe
weiterer auf Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Rumänien und die Sowjetunion ausgerichteter Initiativen bekannt. Dazu zählen politische
Konsultationen, militärische Kontakte, wissenschaftliche Zusammenarbeit, Informationsvermittlung und
parlamentarischer Austausch.
Sie haben unsere Erklärung gesehen. Sie haben
unsere Erklärung zweifellos genau studiert. Ich nehme
an, Sie haben darin die Dynamik einer Allianz erkannt,
die einen grundlegenden Wandel durchläuft. Während
wir - als Strategen, Planer und Diplomaten - 40 Jahre
lang zur Aufrechterhaltung des Friedens die Logik der
Abschreckung betonen mußten, appellieren wir heute
aus vollem Herzen dafür, die Teilung Europas zu
überwinden.
Daß unsere Kopenhagener Erklärung eine "Partnerschaft" forderte, war keine bloße Rhetorik. Sie wurde
von dem gleichen Geist inspiriert, der die Verfasser
des Nordatlantikvertrags im Jahr 1949 zu schreiben
veranlaßte, daß die Parteien "entschlossen [seien],
die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation
ihrer Völker, die auf den Grundsätzen von Demokratie,
Freiheit des einzelnen und der Rechtsstaatlichkeit
beruhen, zu gewährleisten".
Der Vertrag stellt fest, daß wir bestrebt sind, "den
Zusammenhalt und das Wohlergehen im nordatlantischen Gebiet zu fördern". Heute stellen wir fest, daß
wir nach Zusammenhalt und Wohlergehen in den
Ländern Mittel- und Osteuropas streben. Präsident

AMERIKA DIENST 29

Havel hat im März an diesem Ort erklärt, daß "das
Schicksal des Ostens keine Sache der Gleichgültigkeit" für den Westen sein kann. Wir hoffen, Sie
entnehmen unserer Kopenhagener Erklärung, daß
dies nicht der Fall ist.
Der Nordatlantikrat: Die wichtigsten Sicherheitsfunktionen
Die Minister haben in Kopenhagen femer Einigung
über die Zukunft des Bündnisses signalisiert, indem
sie eine Erklärung über die sicherheitspolitischen
Kernfunktionen der NATO beschlossen. Dabei handelt es sich um vier Funktionen:
eines der unverzichtbaren Fundamente für ein
stabiles sicherheitspolitisches Umfeld in Europa
zu liefern,
als ein transatlantisches Forum für Konsultationen unter den Verbündeten über Fragen zu
dienen, die ihre vitalen Interessen berühren,
vor Aggressionen abzuschrecken und diese
abzuwehren und
das strategische Gleichgewicht in Europa zu
wahren.
Mit diesem Schlüsseldokument haben die Verbündeten ihre Übereinstimmung zur neuen Rolle der NATO
in Europa kundgetan. Sie haben sich darüber geeinigt,
für was sie das Bündnis in Zukunft einsetzen wollen.
Sie werden diese Übereinkunft beim NATO-Gipfel in
Rom festigen, wenn die Staats- und Regierungschefs
zusammentreffen, um die neue Strategie der NATO zu
verabschieden und damit den Abschluß der Umwandlung der NATO zu signalisieren.
Die umgewandelte NATO: Die Vereinigten Staaten
und Europa
In dieser Zeit der Umgestaltung werden wir häufig von
der Öffentlichkeit aufgefordert, einige grundsätzliche
Fragen zu beantworten. Als Journalisten und Wissenschaftler sind ja auch Sie den gleichen Fragen ausgesetzt. Wenn Konfrontation von Kooperation abgelöst
wurde, warum schließt die NATO dann nicht ihre
Türen? Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, warum gehen
die Soldaten und Diplomaten der NATO dann nicht
nach Hause? Einige fragen, warum die EG oder die
KSZE nicht die Funktionen der NATO übernehmen.
Die Antwort lautet, daß weiterhin viel Arbeit und alle
bestehenden Institutionen, einschließlich der NATO,
erforderlich sind, um die Stabilität in Europa zu bewahren.
Vor diesem Publikum brauche ich nicht eigens zu
betonen, daß es auch heute noch zahlreiche Quellen
der Instabilität in Europa gibt. Die religiösen und
ethnischen Unterschiede, die in der Vergangenheit zu
Kriegen geführt haben, sind nicht verschwunden. Der

Seite 3

�Nationalismus bleibt eine mächtige Kraft. Sprachliche
und kulturelle Unterschiede können ernste Mißverständnisse hervorrufen. Darüber hinaus bestehen
auch wirtschaftliche und politische Divergenzen. Diese Unterschiede sind Faktoren, die historisch betrachtet allzu häufig Menschen und Regierungen dazu
veranlassen, ihr Heil in Gewalt zu suchen. Sie haben
dies in der Vergangenheit in Europa getan und, wie wir
heute in Jugoslawien feststellen können - wo alle diese
Faktoren vorhanden sind - sie könnten es erneut tun.
Ich frage mich, ob man da nicht eine Parallele zum
Betrieb der F-16, eines der modernsten Kampfflugzeuge, ziehen kann. Als ich noch im Pentagon arbeitete,
wurde mir gesagt, die Maschine sei aerodynamisch
instabil. Ohne einen hochmodernen Computer könne
kein Mensch diese Maschine fliegen, da sie sich nur in
der Luft halten könne, wenn man sie abwechselnd
nach oben und nach unten steuere. Für dieses hervorragende Flugzeug könne es keinen ruhigen Flug geben.
Wie die Geschichte uns lehrt, kann sich auch Europa
nicht auf einen ruhigen Flug verlassen. Ohne einen
hochmodernen Computer zur Bewahrung seiner Stabilität haben wir stabilisierende Institutionen erfunden
- die NATO und die EG sind die bekanntesten, und die
KSZE wird immer wichtiger.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin in NATO
und KSZE sowie auch bei der EG engagieren, um ihren
stabilisierenden Einfluß so stark wie möglich zur Geltung zu bringen. Man neigt dazu, sich auf die amerikanischen Truppen in Europa zu konzentrieren, aber
ebenso wichtig sind die weniger greifbaren Beiträge:
die Größe der Vereinigten Staaten, ihre Entfernung
von Europa, ihre Führungskraft, Werte und Technologie. Ich spreche nicht nur von den Institutionen, die uns
in der Vergangenheit solch gute Dienste geleistet
haben, sondern von der Dynamik dieser Institutionen,
die heute einen solch bemerkenswerten Wandel durchlaufen.
Wir müssen aktive Partner in (und bei) diesen Institutionen bleiben, um die Stabilität sicherzustellen, die
Europa in der Vergangenheit so häufig entbehren
mußte. Natürlich hängt die Sicherheit der Vereinigten
Staaten selbst von der Sicherheit Europas ab, und aus
diesem Grund sind und bleiben wir in Europa. Zweimal
in diesem Jahrhundert war nach dem Beginn von
Konflikten unser Engagement in Europa erforderlich,
um unsere eigene Sicherheit zu schützen.
Um zu meinem Grundthema, der amerikanischen Rolle
in der NATO zurückzukehren, möchte ich zusammenfassend die Frage beantworten, warum die NATO im
Jahr 1991 notwendig ist.
Erstens ist sie notwendig, um das Gleichgewicht auf
diesem Kontinent aufrechtzuerhalten - das Gleichgewicht mit der Sowjetunion und das Gleichgewicht unter

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den größeren europäischen westeuropäischen Staaten selbst. Trotz der kooperativen Beziehungen, die
wir gegenwärtig mit der Sowjetunion entwickeln, bleibt
sie das mächtigste Land in Europa. Sie besitzt die
größte militärische Streitmacht. Sie besitzt ein strategisches Atomwaffenarsenal, das von niemandem erreicht wird, außer von den Vereinigten Staaten. Die
europäischen Staaten können der Sowjetunion nur
dann von gleich zu gleich begegnen, wenn sie mit
einem Land verbündet sind, das die sowjetische Macht
ausbalancieren kann - nur, wenn sie mit den Vereinigten Staaten verbündet sind.
Zweitens wird die NATO benötigt, um als Anker der
Sicherheit in Westeuropa zu dienen, damit Osteuropa
sein Potential mit der geringsten möglichen Bedrohung durch Instabilität, Unordnung und Einschüchterung entwickeln kann. Die NATO kann die Sicherheit
Osteuropas nicht garantieren, aber ihre Abwesenheit
würde extrem destabilisierend wirken.
Drittens liefert die NATO ein Forum, in dem Europäer
und Amerikaner zusammensitzen können, um sich zu
beraten und zu Angelegenheiten von gemeinsamem
sicherheitspolitischem Interesse Maßnahmen zu ergreifen. Es gibt kein alternatives Forum. Die UNO
umfaßt kein nordatlantisches Forum für kollektive
Sicherheit. Das gilt auch für die KSZE, die EG, die
G-7 oder andere internationale Institutionen. Wie ich
bereits erwähnte, kamen die Amerikaner zweimal in
diesem Jahrhundert nach Europa, um die Freiheit zu
bewahren. Dieses Mal werden die Amerikaner auf
Bitten der Europäer bleiben - nicht nur, um die Freiheit
in Europa zu erhalten, nicht nur, um der Freiheit in
Osteuropa eine Chance zu geben, nicht nur, um ein
neues Verhältnis zur Sowjetunion zu begründen sondern auch, weil wir keinen besseren Weg zur
Bewahrung der Freiheit im Westen kennen. Die Welt
ist zu klein, als daß die Vereinigten Staaten eine
Rückkehr zum Isolationismus erwägen könnten.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich Ihnen ein paar persönliche
Gedanken zu den Verbindungsmaßnahmen der NATO
mit Ihren Ländern mitteilen. Wenig über ein Jahr ist

vergangen, seit die Außenminister der NATO in Turnberry die Hand der Freundschaft ausgestreckt haben.
Über die Ergebnisse bin ich außerordentlich erfreut.
Wir haben in einem Jahr mehr Fortschritte erzielt als
ich zu hoffen gewagt hätte. Daß Sie heute hier
anwesend sind, ist ein Beweis der neuen Beziehungen, die wir heute unterhalten.
Aber wir müssen noch weiter gehen. Wir dürfen uns
mit der Offenheit, die unsere Beziehungen heute
charakterisiert, nicht zufrieden geben. Wir dürfen nicht
damit zufrieden sein, einfach nur unsere Ansichten
auszutauschen. Wir müssen die Partnerschaft, die
von uns in Kopenhagen gefordert wurde, entwickeln,
indem wir unsere Konsultationen vertiefen und die

AMERIKA DIENST 29

�Verbindungsmaßnahmen zu einer Zweibahnstraße
machen. Ihre Bürger und Ihre Regierungen müssen
anerkennen lernen, daß die NATO die Stabilität in
Europa nicht mit Waffengewalt sondern durch Dialog
bewahren kann. Es reicht nicht aus, daß wir uns
versammeln, um die Ergebnisse von Beratungen der
NATO einer Überprüfung zu unterziehen, sondern wir
müssen uns vielmehr zusammensetzen und die Probleme erörtern, bevor Entscheidungen getroffen werden. Dies ist das Wesen der Partnerschaft, die die
Vereinigten Staaten für das Bündnis und die hier
vertretenen Staaten anstreben.
Die NATO war in der Vergangeneheit ein Instrument
des Wandels, sie ist selbst den heutigen Veränderungen unterworfen und wird in Zukunft als Urheber des
Wandels wirken - insbesondere, da sich die Nationen

*

AMERIKA DIENST 29

Mittel- und Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, unseren Prinzipien der Demokratie, Freiheit und
Rechtsstaat! ichkeit verschrei ben.
Wie Außenminister Baker im vergangenen Monat in
Berlin feststellte, müssen wir, wenn wir den Geist der
Aufklärung in der euro-atlantischen Gemeinschaft
wachhalten wollen, sowohl Idealisten als auch Realisten sein. Ich fühle mich von unseren gemeinsamen
Pflichten ernüchtert und bin gleichzeitig von den erzielten Fortschritten begeistert. Indem wir das Nordatlantische Bündnis umwandeln, schaffen wirein Umfeld, in
dem Freiheit und Demokratie gedeihen werden, und
zwar nicht nur innerhalb der Allianz, sondern auch im
ganzen ungeteilten, freien Europa. Ihr Engagement in
diesem Prozeß ist äußerst willkommen.

* * *

*

Seite 5

�GATT
24. Juli 1991

DIE URUGUAY-RUNDE: DER STAND IM JULI 1991
Eine Übersicht des US-Wirtschaftsministeriums
Die folgende Übersicht zum Stand der Uruguay-Runde wurde vom Büro für multilaterale Angelegenheiten im
amerikanischen Wirtschaftsministerium herausgegeben.

Verlängerung des Fast-Track-Mandats: Ende Mai
stimmte der Kongreß dem Antrag der Administration
auf zweijährige Verlängerung der Fast-Track-Verhandlungsvollmachtfürdie Uruguay-Runde und andere anstehende Handelsabkommen zu. Die Fast-TrackRegelung sichert den Verhandlungspartnern der Vereinigten Staaten zu, daß das von ihnen vereinbarte
Abkommen dem Abkommen entspricht, das im Kongreß zur Abstimmung gelangt. Dem Fast-Track-Verfahren zufolge wird garantiert, daß über ein Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde im Kongreß
innerhalb eines festgelegten Zeitraums und ohne Zusätze
abgestimmt wird. Das Fast-Track-Mandat gibt anderen GATT-Mitgliedern die nötige Sicherheit, um mit
den Vereinigten Staaten zu verhandeln und die für
einen erfolgreichen Abschluß der Runde erforderlichen einschneidenden Zugeständnisse zu machen.
Seit Ende Februar, als die beim Brüsseler Ministertreffen im Dezember ausgesetzte Runde wiederaufgenommen wurde, hat GATT-Direktor Arthur Dunkel in
jedem Verhandlungsbereich der Uruguay-Runde
zumindest ein Konsultationstreffen angesetzt, um den
Teilnehmern eine Entscheidung darüber zu ermöglichen, welche Fragen technischer Natur sind und deshalb unmittelbar behandelt werden können und welche
an Fortschritte in anderen Bereichen der Runde, insbesondere der Landwirtschaft, gekoppelt sind. Mit der
Verlängerung des Fast track haben die Vereinigten
Staaten ihr Engagement für den Erfolg der Verhandlungen unterstrichen. Die Vereinigten Staaten gehen
davon aus, daß ihre Handelspartner bereit sein müssen, der Leistung der US-Administration im Hinblick
auf das Fast-Track-Verfahren zu entsprechen, indem
sie über politische und technische Fragen gleichermaßen konstruktiv verhandeln.
AMERIKA DIENST 29

Vereinigte Staaten fordern Verständigung auf Aktionsplan: Beim kürzlich beendeten Treffen der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) in Paris forderten die Vereinigten
Staaten die Verständigung auf einen Aktionsplan, um
bis zum 31. Juli 1991 den andauernden Verhandlungen der Uruguay-Runde neue Impulse zu verleihen.
Landwirtschaft, Dienstleistungen und Marktzugang
wurden als die Bereiche gekennzeichnet, in denen in
diesem Sommer noch intensive Arbeit geleistet werden muß.
Im Hinblick auf die Landwirtschaft haben die Vereinigten Staaten die Teilnehmer gedrängt, Mechanismen
zur Verwirklichung von Verpflichtungen in allen drei
Verhandlungsbereichen zu unterstützen - Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang und Exportsubventionen. Bei den Dienstleistungen sollten die Regierungen bis Ende Juli übereinkommen, zusätzliche
bilaterale Treffen über Marktzugang abzuhalten und
an einem Rahmenabkommen zu arbeiten. Beim
Marktzugang sollten die Regierungen Einigung erzielen, die bilateralen und multilateralen Gespräche zu
beschleunigen, eine auf Gegenseitigkeit beruhende
Initiative "zero for zero" auszuhandeln, um Zölle in
Schlüsselbereichen zu beseitigen und ein multilaterales Stahlabkommen abzuschließen.
Zusammenfassung: Ende Februar wurden die Verhandlungen der Uruguay-Runde nach nahezu dreimonatiger Pause offiziell wiederaufgenommen. Die Unterbrechung gestattete es den Ländern, ihre Haltung
zur Landwirtschaft zu überprüfen - dem entscheidenden Thema der Runde und der Frage, die im Dezember 1990 beim Brüsseler Ministertreffen zur Aussetzung der Verhandlungen führte. Nach einer Serie von

Seite 1

�Konsultationsgesprächen mit den Delegationen bestätigte der Generaldirektor des GATT, Dunkel, daß
33 wichtige Teilnehmer an den Landwirtschaftsverhandlungen (darunter die Europäische Gemeinschaft,
Korea und Japan, die im Dezember nicht bereit gewesen waren, bestimmte Verpflichtungen in jedem Bereich auszuhandeln) übereingekommen seien, "Verhandlungen zur Erlangung bestimmter, bindender
Verpflichtungen in jedem der folgenden Bereiche
abzuhalten: Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang, Exportwettbewerb (Exportsubventionen) und
ein Abkommen zu gesundheits- und lebensmittelrechtliche Fragen zu erarbeiten". Dies war der erforderliche
Durchbruch, um die Verhandlungsteilnehmer an den
Verhandlungstisch zurückzuholen.
In seinem Plan zur Wiederaufnahme der Runde verwirklichte Dunkel eine neue Verhandlungsstruktur, mit
der die Anzahl der Verhandlungsrunden reduziert wurde.
Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen leitete Dunkel
mindestens ein Treffen in jedem der sieben Bereiche:
Landwirtschaft, Textilien, Dienstleistungen, GATTRegeln (Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen,
Importschutz, GATT-Artikel, Normen, Antidumping,
Importlizenzen, staatliche Beschaffung, Zollbewertung,
Inspektionen vor der Verschiffung, Herkunftsregeln,
handelsbezogene Investitionsmaßnahmen [TRIMs]),
handelsbezogene Aspekte von Rechten an geistigem
Eigentum (TRIPs), Beilegung von Streitfällen/Funktionsweise des GATT-Systems (FOGS) sowie Marktzugang (Zölle, nichttarifäre Maßnahmen, auf natürlichen Ressourcen beruhende Produkte und tropische
Produkte).
Dank der anfänglichen Konsultationen konnten die
Teilnehmer entscheiden, welche Fragen technischer
Natur sind und deshalb unverzüglich behandelt werden können und welche politischer Natur sind und
daher in Zusammenhang mit Fortschritten in anderen
Verhandlungsbereichen gesehen werden müssen. Die
nachfolgenden Konsultationen haben den Teilnehmern die Möglichkeit eingeräumt, die technischen
Fragen zu behandeln. Aufgrund der noch in allen
Beratungsgruppen zu leistenden intensiven Arbeit setzte
Dunkel unlängst neue Vorsitzende für fünf der sieben
Beratungsgruppen ein. Er selbst wird den Vorsitz der
Gruppen für Landwirtschaft und Textilien behalten.

Es folgen kurze Überblicke über die Konsultationen in
jeder der sieben Gruppen:
Landwirtschaft: Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen Ende Februar hat Dunkel drei informelle Konsultationen über Landwirtschaft geleitet. Dem in Dunkels
Plan zur Wiederaufnahme der Verhandlungen enthaltenen Arbeitsplan zur Landwirtschaft zufolge haben
sich die Teilnehmerstaaten darauf verständigt, bestimmte bindende Verpflichtungen im Hinblick auf
Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang und
Exportwettbewerb (Exportsubventionen) auszuhandeln.
Dunkel hat darüber hinaus "Checklisten" ungelöster
Fragen in jedem dieser Bereiche formuliert. Das erste
Treffen der Beratungsgruppe am 11. März 1991 konzentrierte sich auf technische Probleme in Zusammenhang mit internen Stützungsmaßnahmen. Es wurde
allgemein anerkannt, daß ein vorrangiges Ziel der
Agrarreform darin bestehen sollte, die nichthandelsverzerrenden Formen der Stützung zu behandeln.
In der Woche vom 15. April setzte die Beratungsgruppe ihre Gespräche über interne Stützungsmaßnahmen fort. Die Teilnehmer begannen darüber hinaus,
Fragen in Zusammenhang mit Marktzugang zu behandeln, einschließlich der Frage, wie mengenmäßige
Beschränkungen in Zölle umgewandelt werden können. Am 15. Mai trafen sich die Teilnehmer erneut, um
ihre Diskussion über Fragen des Marktzugangs fortzusetzen. Weitere Themen waren Minimalverpflichtungen zum Marktzugang, besondere Schutzmaßnahmen für die Landwirtschaft sowie Regeln zu mengenmäßigen Beschränkungen. Die technischen Gespräche sollten im Juni mit der Erörterung von Exportsubventionen abgeschlossen werden.
Auf der Grundlage dieser Konsultationen möchte Dunkel
ein Optionspapier zur Landwirtschaft erstellen, das auf
den Antworten auf seine Checklisten basiert. Alle
Teilnehmer sind sich bewußt, daß die technischen
Gespräche den Weg für politische Entscheidungen
über die wichtigsten Parameter der Reformmechanismen bereiten.

Neben den von Dunkel organisierten Treffen haben die
Länder bilaterale oder multilaterale Gespräche veranstaltet, um Angebote zum Marktzugang für Waren und
Dienstleistungen zu erörtern.

Textilien: Nach dem Brüsseler Ministertreffen blieben
mehrere Probleme bestehen. Dazu gehören die
Übergangsperiode für die Einbeziehung des Textilsektors in das gestärkte GATT, auf bestehende und neue
Quoten anzuwendende Zuwachsraten, der während
der Übergangsperiode anzuwendende Schutzmechanismus und das Verhältnis des Übergangsmechanismus zu den gestärkten GATT-Regeln.

Für den Abschluß der Verhandlungen wurde keine
Frist festsetzt. Bei den Teilnehmern scheint jedoch
Übereinstimmung zu herrschen, daß die UruguayRunde so schnell wie möglich beendet werden sollte.
Die intensiven Verhandlungen in den Monaten Juni
und Juli sollten ein eindeutigeres Bild des noch zu
Leistenden hervorbringen.

Die im März und April durchgeführten Konsultationen
konzentrierten sich auf technische Fragen. Die Teilnehmer erörterten, wie sich der Gesamtbereich von
zur Verhandlung stehenden Textilprodukten definieren läßt. Die GATT-Mitglieder untersuchten ferner
mögliche Techniken, um relative Integrationsniveaus
in einer Übergangszeit miteinander zu vergleichen. In

Seite 2

AMERIKA DIENST 29

�Beantwortung eines Antrags der Entwicklungsländer
lieferten Importländer von Textilien Daten, die das
Ausmaß des betreffenden Handels im Jahr 1990 belegten.
Auf einer getrennten aber mit diesem Thema verwandten Schiene erörtern die Mitglieder des GATT-Textilausschusses weiterhin eine Verlängerung des Mehrfaser-Abkommens, das den Löwenanteil des Welthandels mit Textilien regelt, von seinem Auslaufen am 31.
Juli 1991 bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Ergebnisse
der Uruguay-Runde verwirklicht werden können. Das
Treffen des Textilausschusses am 16. Mai verlief
ergebnislos. Die Gespräche werden informell weitergeführt.
Beilegung von Streitfällen/Funktionsweise des
GATT-Systems (FOGS): Der letzte Vertragsentwurf
zur Beilegung von Streitfällen beinhaltet Verfahrensweisen, die zur automatischen Annahme von Ausschußberichten mit dem Recht zur Anrufung eines
ständigen Tribunals führen könnten. Darüber hinaus
schafft er einen Prozeß, mit dem das Recht zur Vergeltung automatisch gewährt werden könnte, wenn eine
unterlegene Partei einer Entscheidung des Ausschusses innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht nachkommt (oder keine Ausgleichszahlungen leistet). Die
Vereinigten Staaten haben diesen Ansatz unter der
Voraussetzung unterstützt, daß in allen Bereichen der
GATT-Verhandlungen durchgreifende Regeln vorhanden sind. Eine solche Automatik würde im Falle ihrer
Verabschiedung die Durchsetzung der neuen GATTRegeln enorm verbessern, und die glaubwürdige
Androhung von Vergeltung würde zu unverzüglicher
Erfüllung der Entscheidungen des Schlichtungsausschusses führen.
Seit Brüssel fand eine Runde von Konsultationen über
die Beilegung von Streitfällen statt. Bei den Konsultationen am 18. März erklärte sich das Sekretariat bereit,
einen revidierten Entwurf für das GATT-Verfahren zur
Beilegung von Streitfällen sowie überarbeitete Bestimmungen zur Definition der Schlichtung in allen anderen
Verhandlungstexten als informelle, technische Papiere zu erstellen und in Umlauf zu bringen.
Ein Hauptziel bei den Verhandlungen über FOGS
bestand darin, den Status des GATT zu verbessern
und die GATT-Prinzipien bei der Entwicklung der internationalen Handelspolitik durch alle GATT-Mitglieder
zu stärken. Als Ergebnis der bei der Zwischenüberprüfung der Runde (Mid-Term Review) erlangten Übereinkunft verständigten sich die Teilnehmer auf einen
substantiell neuen Mechanismus zur Überprüfung der
Handelspolitik mit dem Ziel, die Überwachung der
Handelspolitik der einzelnen Länder durch das GATT
zu verbessern. Ferner herrschte Übereinstimmung
zur Verbesserung der institutionellen Effektivität durch
größeres ministerielles Engagement bei den GATTMaßnahmen sowie darüber, den Beitrag des GATT
zur Geschlossenheit in der weltwirtschaftlichen Ent-

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scheidungsfindung zu verstärken. Dazu gehören auch
engere Beziehungen zwischen dem GATT und den
internationalen Finanzinstitutionen.
Bei GATT-Beratungen zu FOGS unter dem Vorsitz
von Dunkel einigten sich die Teilnehmer, die Erörterungen über die Schlußakte (mit der die während der
Runde ausgehandelten Abkommen im GATT festgeschrieben werden) zu vertagen. Auch die Probleme
der Geschlossenheit (von Handel, Geld- und Finanzwesen) bei der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung
werden zu einem späteren Zeitpunkt angesprochen.
Marktzugang: In den Wochen vom 18. März bis 22.
April wurden multilaterale Treffen der Beratungsgruppe Marktzugang abgehalten. Die Vereinigten Staaten
haben diese Gelegenheit ergriffen, um die gegenseitigen Vorschläge zum Abbau von Zöllen ("zero for
zero") und andere bilaterale Probleme beim Marktzugang voranzubringen. Zu den während der multilateralen Sitzungen behandelten Sektoren zählen Pharmazeutika, Holzprodukte (Holz und Papier), Fischereiwesen, Stahl, nichteisenhaltige Metalle sowie Baugerät. Die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen
verbleibenden Bereiche Elektronik und Bier werden
bei späteren Sitzungen erörtert. Die Europäische
Gemeinschaft hat mehrere Treffen zur Förderung der
Angleichung von Zöllen bei Petrochemikalien und
Textilien veranstaltet. Abgesehen von den Bestrebungen zu "zero for zero" hielt die amerikanische Delegation bilaterale Treffen mit ungefähr 20 Ländern ab, bei
denen Sorgen über tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen angesprochen wurden.
Pharmazeutika sind nach wie vor der Bereich, in dem
die Gruppenberatungen am weitesten fortgeschritten
sind. Die Vereinigten Staaten haben zwei multilaterale
Treffen anberaumt, um die Teilnehmerstaaten im Hinblick
auf die Abdeckung der Produkte im Falle eines "zero
for zero-Abkommens" in diesem Bereich über die
neuesten Aktivitäten des Privatsektors zu informieren
und die mit der Durchführung zusammenhängenden
technischen Probleme anzusprechen.
Die Delegationen scheinen bereit, die praktische Arbeit bei den Marktzugangsverhandlungen während
der kommenden Monate bei allen Aspekten der Verhandlungen voranzubringen.
Dienstleistungen: Bei den Verhandlungen über
Dienstleistungen verfolgen die Vereinigten Staaten
zwei Ziele: 1. bis Ende Juli einen Rahmen allgemeiner
Regeln für den Handel mit Dienstleistungen sowie
sektorspezifische Zusätze zu entwickeln und 2. mit
ihren Handelspartnern ein Paket spezifischer Liberalisierungsverpflichtungen auszuhandeln.
In Brüssel lenkten die Vereinigten Staaten die Aufmerksamkeit erneut auf die Liberalisierungsverpflichtungen, indem sie eindeutig klarstellten, daß sie den
Meistbegünstigungsstatus für Dienstleistungen nur dann

Seite 3

�einräumen werden, wenn ein maßgebliches Paket
solcher Verpflichtungen ausgehandelt wird. Die Meistbegünstigungsklausel fordert, daß von zwei beliebigen
GATT-Signatarstaaten ausgehandelte Handelsvorteile unverzüglich allen anderen Unterzeichnern des
Abkommens zugänglich gemacht werden.
Im Anschlu ß an Brüssel konzentrierten die Vereinigten
Staaten ihre Bemühungen auf die Verhandlung von
Marktzugangsverpflichtungen, indem sie bilaterale
Angebots-/Nachfragesitzungen mit über 30 Ländern
anberaumten. Die amerikanischen Unterhändler haben
sich mindestens einmal mit nahezu allen Vertretern
der führenden Handelspartner der Vereinigten Staaten in Europa, Asien und Lateinamerika getroffen, um
erste Verpflichtungen zu erörtern.
22 Länder haben jetzt "Angebote" (obwohl nicht alle
offiziell vorgelegt wurden) über Verpflichtungen zum
Marktzugang für Dienstleistungen unterbreitet. Kanada und drei osteuropäische Länder sind allgemeine
politische Verflichtungen eingegangen. Die Vereinigten Staaten erwarten noch Angebote von 18 Ländern.
Im März und April wurden multilaterale Verhandlungen
zu Dienstleistungen unter dem Vorsitz von Dunkel
abgehalten. Die Teilnehmer einigten sich, die Verhandlungsgruppe Dienstleistungen (Group of Negotiations on Services - GNS) mit einem Mandat zum
Abschluß des Rahmenabkommens und zur Erleichterung der Angebots-/Nachfrageverhandlungen auszustatten. Die GNS kam Ende Mai und im Juni zur
Erörterung mehrerer Themen zusammen, unter anderem Verbesserungen bei der Klassifizierung der Sektoren und Themen in Zusammenhang mit der Fristsetzung für Verpflichtungen sowie der Überprüfung der
bisher unterbreiteten Angebote. Darüber hinaus traf
sich die GNS in der ersten Juniwoche, um Rahmenvereinbarungen zur Schlichtung von Streitigkeiten, Binnenregulierung und Definition der Bedingungen sowie
Verfahren und Richtlinien für die Durchführung der
Angebots-/Nachfrageverhandlungen zu erörtern.
GATT-Regeln: Die Beratungsgruppe GATT-Regeln
befaßt sich mit Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen, Importlizenzen, staatlicher Beschaffung sowie
Zollbewertung. Darüber hinaus fallen zwei mit den
multilateralen Verhandlungen über Marktzugang zusammenhängende Themen - Inspektion vor der Verschiffung und Herkunftsregeln - in den Kompetenzbereich dieser Gruppe. Kürzlich wurden auch handelsbezogene Investitionsmaßnahmen (TRIMs) dieser
Gruppe zugeordnet.
Bei einer am 25. März abgehaltenen Sitzung überprüften die Teilnehmer die in allen Bereichen erzielten
Fortschritte. Es wurde beschlossen, daß die ungelösten Fragen zu Importschutz und Antidumping eine
politische Entscheidung der Teilnehmer erfordern. Aus
diesem Grund wird die Lösung dieser Probleme an
Fortschritte in anderen Verhandlungsbereichen gekoppelt.
Seite 4

Die Teilnehmerstaaten haben den Verhandlungstext
ad referendum verabschiedet (die Unterhändler haben
einem Wortlaut zugestimmt, der vorbehaltlich des
endgültigen Ergebnisses der Verhandlungen der Uruguay-Runde nicht geändert wird). Dies gilt für Inspektionen vor der Verschiff ung, Herkunftsregeln, Importlizenzen, Zollbewertung, staatliche Beschaffung (Zugang weiterer Länder), GATT-Artikel (zu staatlichem
Handel, Neuverhandung von Zollvergünstigungen sowie
der Festschreibung anderer ZöHe und Abgaben im
Zollsystem). Im Hinblick auf Importlizenzen schlug
Indien mit Unterstützung einiger GATT-Mitglieder die
Aufnahme der Arbeit an Exportlizenzierungsverfahren
vor - die Vereinigten Staaten und andere Ländern
erachten dies jedoch derzeit als nicht verhandlungsreif.
Im Bereich der GATT-Regeln gibt es mehrere anstehende Themen:
GATT-Artikel: Die von den Vereinigten Staaten als
Schlüsselthemen bei den Verhandlungen zu GATTArtikeln und der Zahlungsbilanzreform angesehenen
Probleme werden in den kommenden Monaten intensive Arbeit erfordern. Bisher haben die Entwicklungsländer eine ernsthafte Erörterung dieser Themen
abgeblockt, und es liegt kein Verhandlungstext vor.
Die Vereinigten Staaten haben die Priorität klargestellt, die sie der Zahlungsbilanzreform bei den Verhandlungen zu den GATT-Artikeln beimessen.
Andere von der Beratungsgruppe GATT-Artikel entwickelte Entscheidungen wie etwa der Entwurf eines
Abkommens zu regionalen Vereinbarungen und die
Nichtanwendung des GATT für beitretende Länder
sind noch nicht vollständig: die Länder haben sich das
Recht vorbehalten, sie zu kommentieren.
Subventionen: Im Hinblick auf Subventionen wurde
vorgeschlagen, daß im Zusammenhang mit folgenden
Themen weiter praktische Arbeit geleistet werden soll:
1. die Behandlung von Ländern, deren Volkswirtschaften sich im Übergang zu Marktwirtschaften befinden
und 2. die Anwendung von "Spezifikationen" und
Bewertungsregeln bei staatlichen Programmen im
Rohstoffsektor. Dunkel schlug ferner vor, daß die mit
der Definition der Regeln befaßte Gruppe zu einem
späteren Zeitpunkt die vorgeschlagenen Bestimmungen zur Behandlung der Entwicklungsländer weiter
erörtert.
Normen: Bei der Diskussion über den Entwurf eines
Abkommens zu technischen Handelsschranken (Normen) haben die Vereinigten Staaten verschärfte Verpflichtungen für staatliche und kommunale Körperschaften weiterhin abgelehnt. Bei zukünftigen Gesprächen werden die Vereinigten Staaten mögliche
Modifizierungen des Kodex der guten Praxis anstreben, mit denen ein freiwilliger Kodex für die Entwicklung von Normen für den Privatsektor geschaffen
würde, der Themen wie Notifizierung und Transparenz
bei der Entwicklung von Normen berücksichtigt. DarAMERIKA DIENST 29

�über hinaus streben die Vereinigten Staaten die Klärung der vorläufigen Sprachregelung für "unnötige
Handelshemmnisse" an, die als Kriterium für die
Schlichtung von Streitigkeiten in dem Abkommen dient
sowie die Verbesserung der Verfahren zur Beilegung
von Meinungsverschiedenheiten.
Staatliche Beschaffung: Im Zusammenhang mit
staatlicher Beschaffung wird das Schlüsselthema- die
Erweiterung des Anwendungsbereichs des Kodex ausgiebig erörtert und im Sommer in Genf bei multilateralen Verhandlungen wiederaufgenommen. Bei den
bisherigen Verhandlungen in diesem Jahr einigten sich
die Unterhändler der Vereinigten Staaten und der EG
auf Dezember 1991 als den Termin für die praktische
Beendigung der Kodex-Verhandlungen.
Handelsbezogene Investitionsmaßnahmen (TRIMs):
Bei den Diskussionen über TRIMs hatten die Entwicklungs- und einige Industrieländer weiterhin Meinungsverschiedenheiten über geeignete Disziplinen für TRIMs.
Vor dem Brüsseler Ministertreffen hatten diese Entwicklungsländer einen vom Vorsitzenden vorgelegten
Textentwurf abgelehnt, der das Verbot einiger TRIMs
enthielt. Sie bevorzugen eine Prüfung des "Gegenstands" statt eines vollständigen Verbots. Während
der Erörterungen zu TRIMs schlug Dunkel vor, daß der
nächste Schritt bei dem Verfahren die Diskussion der
"technischen Fragen" sein sollte, wie etwa die Art
eines solchen Tests. Die Unterhändler müssen in
anderen Bereichen weit genug vorangekommen sein,
bevor Fortschritte zu so wichtigen Themen wie einem
Verbot erzielt werden können.
Handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum (TRIPs): Die TRIPs-Unterhändler
befassen sich mit den handelsverzerrenden Wirkungen unangemessener internationaler Normen für den
Schutz von solchen Eigentümerrechten wie Patenten,

*

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Warenzeichen und Urheberrechten und haben femer
zum Ziel, wirksame Mechanismen zur Schlichtung von
Streitigkeiten bei der Behandlung von Rechten an
geistigem Eigentum zu entwickeln, da derzeit keine
solchen international anwendbaren Mechanismen
bestehen. Bis heute haben die Verhandlungen zu
einem Text mit zahlreichen Klammern geführt, der die
von den gegnerischen Gruppen bevorzugten Optionen zur Behandlung der anstehenden Themen festhält.
Am 18. März leitete GATT-Direktor Dunkel Beratungen zu TRIPs. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß
die TRIPs-Gruppe bei den technischen Fragen so
große Fortschritte wie zur Zeit möglich gemacht hat.
Die GATT-Mitglieder stimmten überein, daß diese
Fragen nicht gelöst werden können, bis die Verhandlungen in anderen Bereichen, insbesondere Landwirtschaft, weiter Fortschritte machen.
Die Teilnehmer an den TRIPs-Verhandlungen haben
zu zahlreichen Themen noch Meinungsverschiedenheiten - vor allem dahingehend, ob moralische Rechte
(das Rechteines Künstlers, die künstlerische Kontrolle
über seine Arbeit zu behalten) zusammen mit den
wirtschaftlichen Rechten von den Urheberrechtsnormen abgedeckt werden, ob die Patentnormen alle
Gegenstände schützen und welche Disziplinen auf
obligatorische Patente angewendet werden, ob Nachbarschaftsrechte (die Rechte von Herstellern von
Tonaufzeichnungen, Sendern und Darstellern) von
dem Abkommen abgedeckt werden und die Art der
Bestimmungen bei der Bezeichnung des Herkunftslandes (Behandlung geographischer Bezeichnungen).
Diese Themen werden jedoch von Dunkel und allen
Teilnehmern als politischer Natur angesehen und werden
aus diesem Grund nicht in den Beratungen angesprochen.

*

Seite 5

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
24. Juli 1991

BILATERALE WIRTSCHAFTSHILFE FÜR
SOWJETUNION IN AUSSICHT GESTELLT
Interview mit Finanzminister Brady
WASHINGTON - (AD) - Obwohl die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden westlichen Industrieländer bei ihrem soeben abgeschlossenen Londoner Wirtschaftsgipfel die multilaterale technische Hilfe für die
Sowjetunion betont haben, "wurde... sicherlich nichts gesagt, was bilaterale Hilfe ausschließen würde", erklärte
Finanzminister Nicholas Brady in einem Interview mit dem Fernsehsender PBS am 17. Juli 1991. Es wäre
"hervorragend", wenn einzelne Staaten und Unternehmen sich entscheiden würden, Hilfsprojekte zu unterstützen, erklärte der Minister in diesem Zusammenhang.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des Interviews mit Finanzminister Brady im Wortlaut.

Frage: Hat Gorbatschow die G-7 überzeugt, daß er
sich jetzt für eine freie Marktwirtschaft engagiert?
Antwort: Meines Erachtens waren sie bereits davon
überzeugt, daß er sich für eine freie Marktwirtschaft
engagiert, und das heutige Mittagessen mit Präsident
Bush war gewiß eine Gelegenheit, bei der ein kompetenter Mann überzeugend erläuterte, was er sich für
sein Land erhofft. Ich gehe davon aus, daß er es sehr
ernst meinte.
Frage: Wird die heute beschlossene technische und
anderweitige Hilfe als erster Schritt angesehen, dem
andere folgen werden, wenn er die Reformen vorantreibt?
Antwort: Nun, ich glaube, es handelt sich dabei nicht
um Bedingungen. Aber sicherlich ist die sofortige
Einbeziehung des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und die Bereitstellung aller verfügbaren technischen
Hilfe und des Fachwissens, das sie für die Eingliederung von Volkswirtschaften wie der sowjetischen in die
Sphäre der westlichen Demokratien besitzen, ermutigend, und meines Erachtens wird das auch von den
Sowjets so gesehen.
Frage: Auch wenn es sich dabei nicht um Bedingungen im eigentlichen Sinne handelt, geht die G-7 davon
aus, daß im Zuge der Privatisierung der Volkswirtschaft, mit Privateigentum und so weiter greifbarere
Hilfe folgen wird?

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Antwort: Nun, dieser Prozeß wird in den internationalen Institutionen, dem IWF und der Weltbank weitergeführt. Wenn man Mitglied dieser Institutionen wird,
qualifiziert man sich für deren Mittelvergabe, aber um
diesen Prozeß in Gang zu bringen, muß man einem
Reformprogramm zustimmen, und das ist der erste
Schritt.
Das war im Falle Polens so, und ebenfalls bei Ungarn
und der Tschechoslowakei. Es liegt dem enormen
Erfolg in Mexiko zugrunde. Das ist der Entwurf und der
Weg. Es ist ein Plan zur Durchführung dieser Dinge.
Frage: Könnte die volle Mitgliedschaft in IWF und
Weltbank für die Sowjetunion schon frühzeitig realisiert werden?
Antwort: Das ist wirklich eine Frage, die sich erst mit
der Zeit beantworten läßt. Aber offengestanden, die
besondere Assoziierung, die die Staats- und Regierungschefs heute der Sowjetunion gewährt haben, ist
ein Weg, um diesen Prozeß beschleunigt einzuleiten.
Man sollte sich nicht auf all diese theoretischen Argumente einlassen, die mit einer Mitgliedschaft in den
internationalen Finanzinstitutionen einhergehen, Fragen der Definition, ob man eine freie Wirtschaft hat
oder nicht. All diese Dinge müssen nicht qualifiziert
werden. Man muß lediglich umgehend mit der Arbeit
beginnen. Das sollte getan werden, und das wird hier
gefordert.

Seite 1

�Frage: Aber er kann mit diesem assoziierten Status
kein Geld leihen oder Kredite erhalten.

rung der Verteilung von Nahrungsmitteln materielle
Hilfe in diesen Bereichen oder nur Beratung?

Antwort: Nicht vom IWF und der Weltbank, aber Sie
müssen berücksichtigen, daß es zwei oder drei Jahre
dauern könnte, bevor etwas geschieht, wenn man
abwartet und sich auf die enorm komplizierte Diskussion darüber einläßt, was ein Land zum Mitglied des
IWF oder der Weltbank qualifiziert. In der Zwischenzeit würde die technische Analyse kaum eine Rolle
spielen.

Antwort: Wenn Sie über Bargeld sprechen, so bedeutet es das nicht. Wenn Sie darüber sprechen, Menschen zur Verfügung zu stellen, die wissen, wie ein
System zur Verteilung von Nahrungsmitteln funktioniert, die wissen, wie ein Verkehrssystem funktioniert,
die wissen, wie Energieunternehmen in den westlichen Industriestaaten operieren, ein Produkt liefern
und dafür bezahlt werden, dann bedeutet es genau
dies.

Man sollte also die Arbeit leisten, um sicherzustellen,
daß die notwendigen Reformen in der Sowjetunion
geplant und eingeleitet werden. Ich möchte damit nur
erklären, daß das System der besonderen Assoziierung ein schneller Weg ist, um die Arbeit zu leisten.
Frage: Sie meinen also, daß es Gorbatschow dazu
zwingt, eher detaillierte Pläne zu entwickeln, wie er
dies bewerkstelligen will? Ist das der Fall?
Antwort: Ich würde natürlich nicht von zwingen sprechen. Es schafft eine Grundlage, auf der die internationalen Institutionen und daran anschließend private
Quellen Geld in eine Gesellschaft wie die sowjetische
investieren, eine Kommandowirtschaft, die sich marktorientierten Kräften zuwendet.
Genau dies geschah in Polen. In Polen gab es zwei
oder drei Jahre lang eine Zusammenarbeit mit IWF
und Weltbank, die letztlich zur Vergabe von Geld
führte.
Wirsagen lediglich: Laßt uns anfangen. Laßtunsnicht
auf die Mitgliedschaft warten. Laßt uns so schnell
beginnen, wie die Leute dorthin reisen können.
Frage: Verschafft diese assoziierte Mitgliedschaft
Gorbatschow und seiner Volkswirtschaft sogleich mehr
Glaubwürdigkeit bei privaten Investoren und Bankiers?
Antwort: Das würde ich mit Beginn dieses Prozesses
annehmen. Ich habe "assoziierte Mitgliedschaff' gesagt.
Ich hätte "besondere Assoziierung" sagen sollen.
Frage: Genau das meine ich.

Dabei handelt es sich um ein kostspieliges Vorhaben,
denn man muß ja kompetente Leute dorthin entsenden. Ich nehme an, daß in Moskau Büros eröffnet
werden und diese Projekte ins Rollen kommen.
Frage: Nun, ich weiß nicht, ob Sie das noch mitbekommen haben, aber der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Horst Schulmann hat gerade vor Ihnen
erklärt, die sowjetische Ölindustrie befinde sich in
Schwierigkeiten. Sie benötige dringend Investitionen,
neue Pipelines.
Wenn nun also die Deutschen, zum Beispiel, unter der
Überschrift technische Hilfe irgendeine Pipeline oder
anderes Material zur Verbesserung der sowjetischen
Ölindustrie beisteuern würden, fiele das dann in diese
Rubrik?
Antwort: Es wurde heute sicherlich nichts gesagt,
was bilaterale Hilfe ausschließen würde. Wie Sie
wissen, haben wir in den Vereinigten Staaten der
Sowjetunion einen Landwirtschaftskredit von 1,5 Milliarden Dollar gewährt. Wenn man Ihr Beispiel zugrundelegt, wäre es völlig in Ordnung, wenn die Deutschen
dort auf bilateraler Grundlage eine Pipeline bauen und
finanzieren wollten. Sie sollten es tun.
Das amerikanische Unternehmen Chevron steht kurz
vor dem Abschluß einer Transaktion mit der Republik
Kasachstan, um bei der Erdölförderung in dieser Republik
zu helfen. Das ist eine gute Idee. Wenn sie (die
Bundesrepublik) das tun möchte, wäre es eine großartige Idee. Das ist eine bilaterale Angelegenheit.

Antwort: Und das ist der Terminus, der gebraucht
wird, um den Prozeß zu beschreiben.

Frage: Ich verstehe. Gorbatschow hat besonders auf
die Konvertierbarkeit des Rubels hingewiesen. Er
erwähnte sie als eines der Hindernisse auf dem Weg
zu einer vollen Partnerschaft in der Weltwirtschaft.

Meines Erachtens muß demonstriert werden, daß die
in der Sowjetunion erörterten Reformen wirklich stattfinden. Man redet über Privateigentum. Wie viele
Menschen besitzen wirklich Privateigentum?

Was hat ihm die G-7 angeboten, um zur Konvertierbarkeit des Rubels beizutragen?

Wie steht es um das Banksystem?
Revisionsfirmen und dergleichen?

Was ist mit

Frage: Bedeutet die heute beschlossene technische
Hilfe zur Entwicklung der Energievorkommen, zur
Umgestaltung der Rüstungsindustrie, zur Verbesse-

Seite 2

Antwort: Ich war natürlich nicht bei dem Treffen der
Staats- und Regierungschefs anwesend, aber bei dem
Treffen des Präsidenten, Außenminister Bakers und
mir mit diesen Vertretern wurde das Thema nicht
besonders erörtert.

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�Vor diesem Treffen hat es jedoch breite Diskussionen
in dieser Angelegenheit gegeben, und meines Erachtens waren sich alle - einschließlich der Russen, die
heute nicht hier aufgetreten sind und gesagt haben,
"Gebt uns einen Rubel-Stabilisierungsfonds" - ziemlich einig. Diese Diskussionen haben ergeben, daß die
in der Sowjetunion zur Durchführung eines solchen
Programms erforderlichen Reformen noch nicht verwirklicht wurden. Wenn wir sie jetzt einführen würden,
würde dies zu einer Einbahnstraße für alle Rubel aus
der Sowjetunion führen und nicht einmal einen Monat
überdauern.

Antwort: Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen die Antwort
geben kann, weil die Treffen gerade erst zu Ende
gegangen sind. Es scheint jedoch notwendig zu sein,
daß die Finanzministernach Moskau reisen und versuchen, einige dieser Probleme zu lösen.

Frage: Welchen Eindruck haben die sowjetischen
Reformpläne auf Sie gemacht? Hatten Sie einen
guten Eindruck? Würden sie weit genug gehen? Wie
haben Sie darauf reagiert?

Es handelt sich nicht nur um IWF und Weltbank. Die
neue Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung kann in Form von technischer Beratung Hilfe
leisten. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung) hat Geld. Die EG
hat Geld. Es handelt sich also darum, all diese Dinge
zu koordinieren und ihnen bei den beteiligten Personen einen hohen Stellenwert zu verschaffen.

Antwort: Meines Erachtens muß man zunächst feststellen, daß hier enorm viel guter Wille besteht. Die
russischen Vertreter, mit denen wir zusammengetroffen sind, sind im Bilde. Sie verstehen, was aus
politischer Sicht zu tun ist.
Es besteht allerdings ein geringeres Verständnis der
zu treffenden Einzelmaßnahmen. Wenn Sie mich
jedoch fragen würden, ob ich überzeugt davon bin, daß
sie sich wirklich einer Marktwirtschaft mit so viel
Demokratie wie möglich annähern wollen, so würde ich
darauf mit Ja antworten. Ich bin davon überzeugt.
Sie fragten, wie weit sie dabei gekommen sind. Ich
muß dazu sagen, es wäre außergewöhnlich, wenn sie
sehr weit gekommen wären. Ihre ganze Geschichte
steht dem entgegen.
Frage: Was ist nun der nächste Schritt, Herr Minister?
Der britische Premierminister, der Sie alle vertritt, wird
nach Moskau reisen, und Bundeskanzler Kohl wird
dorthin reisen, nachdem er den Vorsitz der G-7 übernommen hat. Was sehen Sie als den nächsten Schritt
an?

*

AMERIKA DIENST 29

Wie Sie wissen, haben die Finanzminister ein sehr
enges Verhältnis zum IWF und zur Weltbank, und der
nächste Schritt wird wahrscheinlich die Integration
dieses Prozesses sein, seine Einleitung und die Planung, wie die technische Hilfe umgesetzt und funktionsfähig gemacht werden könnte.

Frage: Leslie Gelb, ein hiesiger Kommentator, beschrieb das, was Gorbatschow zu erwarten habe als
"einen Vorgeschmack von Wurst und ein Pflaster".
Wie reagieren Sie darauf?
Antwort: Ich halte ihn für einen Zyniker. Er sollte hier
an die vorderste Front kommen und sehen, was hier
vorgeht. Er wäre sehr beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der sowjetischen Bitten und dem wirklich enormen
guten Willen, den die westlichen Staats- und Regierungschefs für die Einleitung dieses Prozesses gezeigt haben.
Es ist nicht leicht. Man stellt nicht einfach einen
Scheck aus. Ich wette mit Ihnen, daß Leslie Gelb keine
Schecks für die Sowjetunion ausstellt.

*

Seite 3

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