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U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

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5. Juni 1991

22

NAHER OSTEN

DIE RUSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

KSE

BUSH WÜRDIGT
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point

BILDUNGSWESEN

IM VERGLEICH: WEITERFUHRENDE
SCHULEN IN EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
5. Juni 1991

DIE RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die folgende Übersicht zu den Initiativen Präsident Bushs für die Rüstungskontrolle im Nahen Osten wurde am
29. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht.

Um das in seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses am 6. März 1991 gegebene Versprechen
einzulösen, hat der Präsident heute eine Reihe von
Vorschlägen verkündet, mit denen der Verbreitung
nuklearer, chemischer und biologischer Waffen sowie
der dazugehörigen Trägersysteme im Nahen Osten
Einhalt geboten werden soll. Diese Vorschläge zielen

darüber hinaus auf die Eindämmung des destabilisierenden konventionellen Rüstungswettlaufs in der Region
ab.
Die Vorschläge würden den gesamten Nahen Osten,
insbesondere Irak, Iran, Libyen, Syrien, Ägypten, Libanon, Israel, Jordanien, Saudi-Arabien sowiedie Maghreb-Staaten und die Mitglieder des Golf-Kooperationsrates umfassen. In ihnen finden unsere Konsultationen mit Verbündeten, Regierungen in der Region und
wichtigen Lieferanten von Waffen und Technologie
ihren Niederschlag.
Die Unterstützung von Waffenexporteuren und -Importeuren wird für den Erfolg der Initiative unerläßlich
sein. Da die Weiterverbreitung ein weltweites Problem
ist, muß dafür eine weltweit gültige Lösung gefunden
werden. Gleichzeitig bietet die gegenwärtige Lage im
Nahen Osten einmalige Gefahren und Chancen. Aus
diesem Grund konzentriert sich der Vorschlag des
Präsidenten auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt.
Er ergänzt darüber hinaus andere Initiativen, insbesondere die von den Premierministem John Major und
Brian Mulroney eingeleiteten. Der Vorschlag umfaßt
folgende Elemente:
Zurückhaltung der Lieferstaaten
Die Initiative fordert die wichtigsten fünf Lieferstaaten
für konventionelle Waffen auf, sich in naher Zukunft
AMERIKA DIENST 22

auf hoher Ebene zu treffen, um über die Erstellung von
Richtlinien zur Eindämmung destabilisierender Lieferungen von konventionellen Waffen sowie Massenvernichtungswaffen und ihrer Technologie zu sprechen.
Frankreich hat sich bereiterklärt, das erste Treffen
dieser Art zu veranstalten. (Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion, China und die Vereinigten
Staaten waren im vergangenen Jahrzehnt die Hauptlieferanten konventioneller Waffen für den Nahen Osten.)
Gleichzeitig werden diese Richtlinien es den Staaten in
der Region gestatten, die von ihnen berechtigterweise
zur Abschreckung und Verteidigung gegen militärische Aggression benötigten konventionellen Fähigkeiten zu erwerben.
Diese Gespräche werden erweitert, um auch andere
Lieferanten einzuschließen und damit eine Zusammenarbeit auf möglichst breiter Basis herzustellen.
Das im Juli 1991 stattfindende Londoner Gipfeltreffen
der G-7 wird eine frühzeitige Gelegenheit bieten, andere
Regierungen in diesen Prozeß einzubinden.
Um diese Regelungen zu verwirklichen, würden sich
die Lieferanten zu folgenden Maßnahmen verpflichten:
1. Achtung eines allgemeinen Verhaltenskodex
für verantwortungsbewu ßte Waffenlieferungen.
2. Vermeidung destabilisierender Lieferungen.
3. Aufstellung effektiver eigener Exportkontrollen zu Endverbleib von Waffen oder anderen gelieferten Ausrüstungskomponenten.
Die Richtlinien werden einen Mechanismus für Konsultationen zwischen den Lieferanten umfassen. Letztere würden
Seite 1

�weiterhin die mögliche Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in der Region zu unterstützen.

1. Einander im voraus über gewisse Waffenverkäufe informieren.
2. Regelmäßig zusammentreffen, um über
Waffenlieferungen zu beraten.

Chemische Waffen

3. Einander ad hoc konsultieren, wenn ein Lieferant der Meinung ist, die Richtlinien würden
nicht beachtet.

Der Vorschlag wird auf der jüngsten Initiative des
Präsidenten aufbauen, baldmöglichst eine weltweite
C-Waffenkonvention abzuschließen.

4. Untereinander Jahresberichte über Waffenlieferungen austauschen.

Die Initiative fordert alle Länder in der Region
auf, sich dafür einzusetzen, daß sie sofort der
Konvention beitreten.

Raketen

Angesichts der Vorgeschichte des Besitzes und
der Nutzung chemischer Waffen in der Region
fordert die Initiative die Länder dort auf, vertrauensbildende Maßnahmen zu verhängen, indem
sie sich für die Durchführung angemessener
Bestimmungen der C-Waffenkonvention noch
vor Unterzeichnung einsetzt.

Die Initiative schlägt ein Einfrieren der Beschaffung,
Produktion und Erprobung von Boden-Boden-Raketen durch die Staaten der Region vor. Endziel sollte
dabei die Beseitigung solcher Raketen aus ihren Arsenalen sein.
Lieferanten würden darüber hinaus Bestrebungen zur
Koordinierung von Exportlizenzen für Maschinen,
Technologie und Dienstleistungen verstärken, mit denen
Boden-Boden-Raketen hergestellt werden könnten.
Exportlizenzen würden nur für die Nutzung zu friedlichen Zwecken erteilt.

Biologische Waffen
Ebenso wie der Ansatz zur Kontrolle von C-Waffen
bauen auch diese Vorschläge auf einem bestehenden
weltweiten Ansatz auf. Die Initiative würde
eine Stärkung der Konvention über biologische
Waffen (BWC) von 1972 fordern, und zwar
durch vollständige Durchführung bestehender
BWC-Bestimmungen und einen verbesserten
Mechanismus zum Informationsaustausch. Diese
Maßnahmen werden bei der Fünf-Jahres-Folgekonferenz der Konvention im September
dieses Jahres angesprochen werden.

Nuklearwaffen
Die Initiative baut auf bestehenden Institutionen auf
und konzentriert sich auf Aktivitäten, die direkt mit der
Fähigkeit zur Herstellung von Nuklearwaffen zu tun
haben. Die Initiative würde:
Staaten in der Region auffordern, ein verifizierbares Verbot für Herstellung und Erwerb von
spaltbarem Material (angereichertem Uran oder
geschiedenem Plutonium) zur Herstellung von
Waffen zu erlassen,
unseren Aufruf an alle Länder in der Region
wiederholen, die das noch nicht getan haben,
dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten,
unseren Aufruf wiederholen, alle Atomkraftwerke in der Region den Sicherheitsbestimmungen
der Internationalen Atomenergie-Organisation
(IAEO) zu unterwerfen, und

Länder in der Region auffordern, vertrauensbildende Maßnahmen über biologische Waffen zu
verabschieden.
Diese Initiative vervollständigt unsere kontinuierliche
Unterstützung für die Fortsetzung des Embargos vom
UN-Sicherheitsrat über Waffenlieferungen an den Irak
ebenso wie die Bestrebungen der UN-Sonderkommission zur Beseitigung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak zum Einsatz oder zur Herstellung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und ihrer
Trägerraketen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 22

�KSE
5. Juni 1991

BUSH WÜRDIGT AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point
WEST POINT (NEW YORK) - (AD) - Präsident Bush zufolge hat die amerikanisch-sowjetische Übereinkunft zu
Fragen der konventionellen Abrüstung in Europa (KSE) den Weg "für einen wichtigen Schritt zu einem Gipfel der
Supermächte freigemacht". Dies sei wichtig für den Weltfrieden, erklärte der Präsident am 1. Juni 1991 in einer
Ansprache bei der US-Militärakademie in West Point.
Dabei beglückwünschte der Präsident die Außenminister Baker und Bessmertnych für ihren Beitrag zur Lösung
bilateraler Meinungsverschiedenheiten bei ihren Gesprächen über den KSE-Vertrag in Lissabon.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in West Point in wesentlichen Auszügen.

Bevor ich mich nun an den Abschlußjahrgang wende,
möchte ich eine Ankündigung machen, die für Sie alle
hier und für alle Menschen auf der Welt von Interesse
ist. Vor wenigen Stunden haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion ihre Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf den KSE-Vertrag beigelegt
und damit den Weg für einen wichtigen Schritt zu
einem Gipfel der Supermächte freigemacht. Ich beglückwünsche unseren Außenminister, den Außenminister der Sowjetunion und alle Beteiligten. Dies ist
wichtig für den Weltfrieden, und ich freue mich, diese
Ankündigung gerade hier in West Point machen zu
können.
Wie Sie wissen, treffen wir an diesem Morgen nicht als
Mitglieder gegnerischer Mannschaften zusammen,
sondern als ein Volk, das Amerikaner genannt wird.
Amerikaner, die wissen, daß - wie das Ehrenmal in
Pearl Harbor oder die Kapelle an der Luftwaffenakademie, deren Silhouette zum Himmel strebt - dieser
Boden hier in West Point unsere tiefsten Werte und
Prinzipien verkörpert.
Schauen Sie sich um - die majestätische Kapelle der
Kadetten, die vier Statuen in der Messe, auf einem
Boden, der von Generationen militärischer Helden
geehrt wurde. Militärisch und kulturell, moralisch und
geistig ist West Point stets eine Metapher für den
amerikanischen Charakter gewesen.
Der amerikanische Charakter hat Generationen von
Einwanderern inspiriert, die Wildnis zurückzudrängen,
AMERIKA DIENST 22

Siedlungen zu gründen und die Unabhängigkeit zu
sichern. Eine Generation hat die Union bewahrt. Eine
andere kämpfte "den Krieg, der alle Kriege beenden
sollte". Die Generation Ihrer Eltern und Großeltern
zeigte, daß der Eiserne Vorhang die Werte und Hoffnungen sowie das Beispiel Amerikas nicht aufhalten
konnte.
Heute möchte ich über den amerikanischen Charakter
sprechen sowie darüber, wie wir unser Land zur größten Nation der Welt machen. Dieser Charakter umfaßt
viele Elemente, von denen das wichtigste unsere
Treue zur Freiheit ist. Die Liebe zur Freiheit treibt
unseren nationalen Herzschlag. Und hier möchte ich
einfügen, daß dieser Herzschlag regelmäßig geht und
nicht flimmert. Ein zentraler Grundsatz dieser Treue die Religionsfreiheit - schafft einen besonderen Platz
für Werte, Moral, Überzeugungen und Anliegen, die
größer sind als wir.
Unser Charakter sprüht vor Selbstsicherheit und Kreativität - zwei Qualitäten, die uns von den Zeichenbrettern von heute zu den Startrampen von morgen bringen. In der Tat stammen bis heute die einzigen
Fußspuren auf dem Mond von Amerikanern, und die
einzige Flagge dort ist das Sternenbanner.
Schließlich definieren wir unseren Charakter durch
den Dienst, den wir an anderen tun, indem wir Verantwortung für das Wohlergehen unserer Heimat, unserer
Familien und Gemeinden übernehmen. Wir müssen

Seite 1

�denen dienen, für die der amerikanische Traum immer
noch als unmöglicher Traum erscheint.
Sie in West Point haben dem Rest der Nation ein
Beispiel gegeben. Hier messen die Menschen einander im Hinblick auf Verdienste, Herz und Willen - nicht
an Glauben, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.
Schauen Sie nach links oder nach rechts, was sehen
Sie dort? Menschen, die durch Rasse oder Religion
getrenntsind? Nein. Sie sehen Ihre Freunde-und Ihre
Zukunft. Unsere Streitkräfte haben gezeigt, was
Amerikaner leisten können, wenn sie selbst nicht als
wei ß, schwarz, rot oder braun betrachten, sondern als
ein für ein gemeinsames Ziel vereintes Volk- indem sie
einander unterstützen, einander beistehen und sich
auf einander verlassen - und damit ihre Aufgabe erledigen.
Vor über drei Jahrzehnten hat die Bürgerrechtsbewegung eine Nation umgestaltet, indem sie an diesen
amerikanischen Charakter appellierte. Sie forderte die
Menschen auf, für ein gemeinsames Anliegen gegen
das Böse einander die Hand zu reichen, um eine
Gesellschaft aufzubauen, die auf allgemeinem Anstand und gegenseitigem Respekt gegründet ist. Martin
Luther King träumte von einem Amerika, in dem eines
Tages unsere Kinder - ich zitiere - "nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt
werden". In der Armee, ebenso wie hier in West Point,
ist jener Tag eingetreten.
Wie der Vorsitzende Oberste Bundesrichter Earl Warren
in der Begründung des Urteils im Fall Brown gegen die
Schulbehörde schrieb: "Der Weg zum Fortschritt für
die Opfer vergangener Diskriminierung besteht in gleicher
und hervorragender Ausbildung." In den Jahren, seit
die Armee zu einer Streitmacht von Freiwilligen wurde,
hat sie gleiche und hervorragende Ausbildung geboten. Als Ergebnis besitzen wir das bestausgebildete
Militär unserer Geschichte. Der Prozentsatz der
Angehörigen von Minderheiten in unseren Streitkräften hat sich nahezu verdoppelt - ebenso wie die Zahl
der Unteroffiziere, die Minderheiten angehören. Die
Zahl der Offiziere aus Minderheiten hat sich fast verdreifacht.
Sie mögen sich daran erinnern, daß zu Beginn des
Golfkriegs - denken Sie zurück - einige sich darüber
beschwerten, wir hätten zuviele Angehörige von Minderheiten in den Streitkräften. Meine Ablehnung dieser Meinung könnte nicht größer sein. Das Militär ist
der größte Arbeitgeber überhaupt, bei dem absolute
Chancengleichheit herrscht. Und wie Ihr hervorragender Vorsitzender Colin Powell damals erklärte, gibt es
nichts, dessen wir uns schämen müßten. In West
Point, und gerade in West Point gibt es vieles, auf das
wir stolz sein können.
Zu Ihrem Jahrgang gehört der tausendste schwarze
Absolvent dieser Institution, ein großer Führer, wie

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jeder, der diesen Ort kennengelernt hat, weiß und ein
großartiger Athlet. Die tausendste Absolventin, ebenso eine umfassende Führungspersönlichkeit und eine
gute Soldatin. Zu Ihrem Jahrgang zählt darüber hinaus
der erste Absolvent aus dem Volk der Hmong in Laos.
Und doch rekrutieren die Armee und West Point keine
Angehörigen von Minderheiten. Sie rekrutieren Soldaten - die besten Söhne und Töchter, die unser Land
überhaupt haben kann.
Die Aufgabe unsere Landes, die Aufgabe Amerikas,
besteht also darin, auf nationaler Ebene zu erreichen,
was wir heute in West Point feierlich würdigen. Wir
müssen uns nicht als Farben oder Zahlen, sondern als
Amerikaner, als Träger geheiligter Werte betrachten.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, müssen wir das
rassisch begründete Mißtrauen beseitigen, das unser
nationales Wohlergehen ebenso bedroht wie Gewalt,
Drogen oder Armut. Wir alle haben Bilder von Gewalttätigkeit zwischen den Rassen gesehen - lebhafte
Bilder von Feuer und Zerstörung, von Blaulicht und
Gummiknüppeln. Aber wir haben auch geringfügige
Episoden des Mißtrauens erlebt - kleine, häßliche
Beispiele, etwa von Menschen, die die Straßenseite
wechselten, um jemandem mit anderer Hautfarbe aus
dem Weg zu gehen, oder Menschen, die sich im
Fahrstuhl ängstlich in eine Ecke drängen. Das Verhalten, Fremden aufgrund ihrer Rasse oder Nationalität
zu mißtrauen. Die Gewohnheit, herablassende oder
entwürdigende Klischees zu verwenden.
Wir sollten uns nichts vormachen. Leider gibt es in
unserem großartigen Land immer noch Rassismus
und Bigotterie. Aber niemand sollte daran zweifeln,
daß dieser Präsident und diese Regierung Diskriminierung überall bekämpfen, wo wir sie antreffen. Denn
Vorurteile und Haß haben in diesem Land keinen Platz
Punkt. Die wahre Frage, die sich uns stellt, lautet nicht,
ob wir diese Übel bekämpfen, sondern wie.
Ob schwarz oder weiß, die großen führenden Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung der fünfziger
und sechziger Jahre wandten sich gegen Intoleranz
und verlangten Chancengleichheit und Gleichheit vor
dem Gesetz. Die Pflicht des Staates besteht darin,
Chancen zu fördern und nicht umzuverteilen, damit
alle eine faire Chance erhalten, ihre Träume zu verwirklichen.
Heute sprechen manche nicht von Chancen, sondern
von der Umverteilung von Rechten. Sie möchten eine
Gruppe gegen die andere ausspielen, die Menschen
ermutigen, einander als Konkurrenten zu betrachten,
nicht als Kollegen. Das ist nicht der Weg, um hier in
den Vereinigten Staaten Gerechtigkeit und Gleichheit
herzustellen. Wir müssen einen einheitlicheren, moralischen und großzügigeren Ansatz wählen.
Ich habe vor langer Zeit gelernt, daß, wenn man etwas
getan haben möchte, man jemandem einen Grund
geben muß, um es zu tun. Treiben Sie sie nicht in die

AMERIKA DIENST 22

�Defensive, schüchtern Sie sie nicht ein - appellieren
Sie an die guten Seiten ihrer Charakters.
Meines Erachtens ist dies das Konzept, das Gleichstellungsprogrammen zugrundeliegt. Für mich bedeutet echte Gleichstellungspolitik eine Bürgerpflicht - gut
gemeinte Bemühungen, um dem einzelnen aufgrund
seiner Verdienste eine Chance zu geben - die Hand
auszustrecken und wirklich gleiche Chancen für diejenigen zu bieten, die zurückgelassen wurden, die ausgeschlossen wurden.
Einige sind der Meinung, die Gleichstellung sollte
einen magischen Würfel von Arbeitsplatzgarantien
enthalten. Und ich bin der Ansicht, daß sie die Menschen aller Rassen dazu inspirieren sollte, positive
Werte und eine positive Einstellung zu sich selbst zu
nähren - ein positives Leben.
Und deshalb engagiert sich unsere Administration für
die Probleme benachteiligter Amerikaner. Mit unserer
Strategie America 2000 haben wir eine Revolution im
Bildungswesen gefordert. Wir haben den öffentlichen
Wohnungsbau mit einem Programm zu reformieren
versucht, das wir H.O.P.E. nennen. Damit soll Eigentum geschaffen werden. Und wir haben Gewerbegebiete gefordert, um Samen des Wachstums zwischen
die Ruinen der verfallenden Städte und schäbigen
ländlichen Gebiete zu säen. Darüber hinaus haben wir
strenge Gesetze zur Verbrechensbekämpfung eingebracht, weil kein Amerikaner frei sein kann, wenn ihn
die Furcht vor Verbrechen gefangenhält. Femer haben
wir Chancenverbesserung innerhalb von Gemeinden
verfochten, um die Macht von der schwerfälligen Hand
des Staates in die Hände derer zu legen, die den
Haushalt führen und die Familie ernähren. Gott segne
die Stärke der amerikanischen Familie. Wir müssen
mehr tun, um sie zu fördern.
Diese Politik gibt dem Volk die Macht zurück und bringt
uns unserem Ziel der Chancengleichheit ein Stück
näher. Sie gewährleistet nicht allen den Erfolg - das
kann sie nicht leisten.
In diesem Sinne sollten Sie unser Paket der Bürgerrechte betrachten. Das Bürgerrechtsgesetz S-1991
unserer Regierung würde die Berücksichtigung von
Faktoren wie Rasse oder Geschlecht bei Bewerbungen für Arbeitsplätze verbieten. Es wird sicherstellen,
daß der Kongreß sich an dieselben Regeln hält, die er
für andere verfügt. Und es wird Arbeitgeber nicht
zwingen, zwischen Quoten oder dem Risiko kostenträchtiger Prozesse zu entscheiden.
Ich weiß, daß es noch ein anderes sogenanntes Bürgerrechtsgesetz gibt, aber hierbei handelt es sich um
ein Quotengesetz, egal wie seine Verfasser es verbrämen mögen. Es fördert Streitigkeiten, keine Zusammenarbeit. Und dies ist nicht der Weg, um in unserem
Land Harmonie zu fördern.

AMERIKA DIENST 22

Wir sollten also die PolitikderTeilung abschütteln. Wir
sollten eine Gesellschaft aufbauen, in der die Menschen sich gegenseitig respektieren, zusammen nicht gegeneinander - arbeiten und bestrebt sind, dem
amerikanischen Charakter Glanz zu verleihen.
Morgen wird unser Gesundheitsminister, mein Kollege
in unserem Kabinett, Dr. Lou Sullivan, an der High
School seiner Heimatstadt Blakely in Georgia sprechen. Ungewöhnlich daran ist, daß dieser heute
bekannte Doktor in seiner Jugend diese Schule nicht
besuchen konnte, weil sie keine schwarzen Kinder
zuließ. Er hat die Last der Vorurteile abgeschüttelt, um
ein eloquenter Verfechter guter Bildung und gesunder
Werte zu werden. Lou hat vergeben, aber er und wir
dürfen nicht die schrecklichen Dinge vergessen, die
Rassismus und Vorurteile einem Land antun können.
Hier in West Point haben Sie das Wesentliche des
amerikanischen Charakters bewiesen - Chancen auf
der Grundlage von Leistungen. Lassen Sie uns eine
Generation aufbauen, in der das "Wir" und nicht das
"Ich" regiert, indem wir die Ideale dieser Schule in
unser Land und die ganze Welt tragen.
Wie Sie wissen, sind viele Soldaten, die bei den
Operationen Wüstenschild und Wüstensturm Großes
geleistet haben, zu "Punkten des Lichts" in ihrem Land
geworden. Sie sind in ihre Gemeinden zurückgekehrt
und haben junge Menschen aufgefordert, es ihnen
gleichzutun und hart zu arbeiten, die Schule zu beenden und keine Drogen zu nehmen.
Und so wollen wir all jenen danken, die die Botschaft in
den Schulen und Gemeinden unseres Landes verbreitet haben. Wir wollen geloben, noch mehr zu tun. Ich
möchte Sie alle - die Sie jetzt in Ihren Gemeinden
respektiert werden - ermutigen, auch "Punkte des
Lichts" zu werden. Besuchen Sie eine Schule, ein
Freizeitzentrum oder ein Gotteshaus und erzählen Sie
von Ihrem Leben und Ihren Erfahrungen. Ich fordere
Gemeinden auf, diese hervorragenden Männer und
Frauen in die Schulen und andere Foren einzuladen.
Sie als Mitglied des Jahrgangs 1991 können zeigen,
daß die Geschichte vom barmherzigen Samariter mehr
ist als lediglich ein Lehrinhalt - sie ist Bestandteil des
amerikanischen Charakters.
Der Absolvent von West Point, Douglas MacArthur,
hat einmal gesagt: "Der Soldat betet mehr als alle
anderen Menschen um den Frieden, denn er muß
leiden und die tiefsten Wunden und Narben des Krieges
ertragen." Amerikas hervorragendes Militär hat den
Frieden auf der Welt sichern geholfen. Jetzt stehen wir
vor der Herausforderung, die Wunden und Narben in
unserem Land zu heilen. Unsere ausgestreckte Hand
soll Harmonie und Brüderlichkeit bringen, nicht Zwietracht und Mißtrauen.

Seite 3

�Lassen Sie uns also die wahre Größe Amerikas ehren Möge Gott die Abschlußklasse von 1991 segnen, da
- die Würde des einzelnen. Sie hier in West Point Sie ihren Dienstfür dasgrößteLandderWeltantreten.
übernehmen die Führungsrolle.
Und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 22

�HOCHSCHULWESEN
5. Juni 1991

IM VERGLEICH: WEITERFÜHRENDE SCHULEN IN
EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Artikel ist der Zeitschrift Change entnommen und erschien
erstmalig in der Ausgabe September/Oktober 1989. Die Zeitschrift wird von Heldref Publications, 4000
Albemarle St. N.W., Washington D.C. herausgegeben. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung
der Helen Dwight Reid Educational Foundation.
Edward M. White ist Professor für Anglistik an der California State University (San Bernardino), Professor
Rüdiger Ahrens lehrt Anglistik an der Universität Würzburg.

Oftmals können wir uns besser im Vergleich als isoliert
beurteilen. Jüngste Untersuchungen mit alarmierenden Ergebnissen über die weiterführende Bildung in
Amerika sollten Versuche in anderen Ländern eingehender betrachten, mit den Problemen umzugehen,
die sie so sehr beklagen. Im internationalen Vergleich
zeigen amerikanische Universitäten trotz ihrer offensichtlichen Probleme eindeutig Stärken, die dort leicht
übersehen werden.

.

•

Wenn wir die Versuche amerikanischer und europäischer Universitäten zur Lösung zentraler Probleme
des Bildungswesens miteinander vergleichen, scheint
die kreative Gelassenheit der amerikanischen Lösungen eindeutig den Sieg davonzutragen. Nehmen wir
zum Beispiel die beiden Bereiche Massenbildung und
Allgemeinbildung. Obwohl dies keinesfalls die einzigen wichtigen Probleme im Bildungswesen sind, denen wir uns widmen müssen, sind sie doch von zentraler Bedeutung und lassen aufschluPreiche Vergleiche
zu.
Massenbildung
In der Regel besuchen sechs von zehn Schulabgängern in Amerika weiterführende Schulen. Ein vielfältiges System von Institutionen - öffentliche und private,
selektive und allen offenstehende, berufsbildende,
akademische oder allgemeine - ist entstanden, um
große Studentenzahlen aufzunehmen. Natürlich stehen sie nicht allen offen, da finanzielle Barrieren und
schulische Voraussetzungen vielen - insbesondere

AMERIKA DIENST 22

Minderheiten - echte Steine in den Weg legen. Aber so
unvollkommen es auch sein mag, so werden die vielfältigen Möglichkeiten für Schüler der meisten Altersgruppen und fast aller Ausbildungsgänge doch in der
ganzen Welt beneidet.
In Europa hat die Nachfrage nach Bildung für alle in
den letzten Jahren drastisch zugenommen. Infolgedessen haben die meisten Länder große Studentenzahlen an die bestehenden Universitäten zugelassen,
ohne die Struktur dieser Institutionen zu verändern.
Im Hinblick auf die Perspektive gibt es in den meisten
westlichen Ländern einen Ausleseprozeß, bei dem
Schüler bereits im Alter von 10 oder 12 Jahren selektiert werden. Nur ein kleiner Prozentsatz darf eine
weiterführende Schule besuchen (das Gymnasium in
Deutschland, das lycee in Frankreich und die grammarschool in England), die Schüler auf die Zulassung
zur Universität vorbereitet. Dieser Auswahlproze ß hat
seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als eine dominante Bürgerschicht ihre Vormachtstellung in der Klassengesellschaft sichern wollte. Noch 1960 besuchten
in der Bundesrepublik nur 5 Prozent eines Jahrgangs
die Universität. Hierbei handelte es sich um die
wenigen Glücklichen, die harte Jahre bis zum hochgeachteten Abitur überstanden hatten. Heute hat sich
dieser Prozentsatz mit 28 Prozent verfünffacht, was in
Zahlen für die Bundesrepublik eine Steigerung von
300.000 auf 1,3 Millionen Studenten - bei einer Bevölkerung von 60 Millionen - bedeutet. In den letzten
zwanzig Jahren hat in Italien und Frankreich ein ähn-

Seite 1

�licher Aufschwung stattgefunden, während Großbritannien aufgrund des traditionellen Auswahlverfahrens seine Schülerzahl auf "nur" 600.000 gehalten hat.
Welche Art Institution besucht diese neue Flut von
Studenten nun? In der Regel ist sie alt und historisch
nicht auf die Bedürfnisse der Studenten zugeschnitten, sondern auf die Vorrechte der Professoren. Der
europäische Professor ist im wesentlichen Staatsbediensteter, nicht Angestellter seiner Institution wie sein
amerikanischer Kollege. Dies gestattet es ihm, seine
Studenten als lästige Pflicht zu betrachten, die ihn
potentiell von seinem Hauptwerk, der Forschung, abhält.
Eine ähnlich gelagerte Situation ist natürlich an amerikanischen Forschungseinrichtungen nicht unbekannt,
aber der amerikanische Professor ist in mancher Hinsicht von der "Kundschaft" abhängig und fühlt sich
verpflichtet, den Studenten seinen Stoff in leicht verdaulichen Portionen zu vermitteln. Der Student in
Amerika kann sich auf eine gut gegliederte Studienordnung verlassen, die in Seminaren vermittelt wird, deren Material und Lernziele vorab zugänglich sind. Der
Student in Europa kann sich auf wenig verlassen, weil
Professoren die Freiheit genießen, zu lehren, was und
wie sie wollen.
Der europäische Professor profitiert von dem traditionellen und (seit Humboldts Reform von 1810) verbindlichen System der Einheit von Forschung und Lehre.
In der Praxis unterstützt dieses Prinzip die vorrangige
Verantwortung der Professoren - nicht gegenüber den
Studenten sondern gegenüber dem Staat als Erben
der Privilegien der Herrscher des 18. Jahrhunderts, die
"ihre" Universitäten in "ihren" Hoheitsgebieten gründeten.
Die Grundstruktur ist in Europa trotz der Tatsache
erhalten geblieben, daß sie für eine kleine Elite konzipiert war, die allein lernen konnte und ihre Professoren
nicht weiter stören mußte. Unter den neuen - sehr
neuen - demokratischen Bedingungen haben die europäischen Länder eine Politik ohne Zulassungsbeschränkungen mit Studentenfluten, die jetzt die kaum noch
aufnahmefähigen Universitäten zu überschwemmen
drohen. Universitäten wie Padua (gegründet 1222),
Paris (1257) oder Würzburg (1402), die genau so viele
immatrikulierte Studenten haben wie zwei Universitäten im Staat Ohio, sind nichts Ungewöhnliches. Wenn
jeder an dieser Universität immatrikulierte Student selbst wenn ein Viertel dieser Studenten gleichzeitig zu Vorlesungen erscheinen würde, gäbe es Chaos. Es
wäre einfach kein Platz da.
Aber niemand glaubt ernsthaft an eine solche Situation, da Vorlesungen in der Regel für das Examen
eines europäischen Studenten kaum keine Rolle spielen. Was zählt, sind bestandene Prüfungen, und viele
Studenten unterbrechen nicht ihre Examensvorbereitungen (ihre Reisen oder andere Aktivitäten), um
Vorlesungen an der Universität zu besuchen.

Seite 2

Europäische Studenten werden in jeder Hinsicht "allein" gelassen. Sie sollen unabhängig arbeiten. Sie
leben nur selten in Wohnheimen, sondern meist in
"Buden" in der Stadt, getrennt von Familie und Elternhaus. Im günstigsten Fall beteiligen sie sich in irgendeiner Form am Gemeinschaftsleben durch Mitgliedschaft in Verbindungen oder anderen sozialen Gruppen. An europäischen Universitäten gibt es keinerlei
ständige Leistungskontrolle. Das gesellschaftliche
Leben an europäischen Universitäten ist gegenüber
den mannigfaltigen, amerikanischen Studenten offenstehenden Möglichkeiten eher bescheiden zu nennen.
Wenn er Glück hat, wird der europäische Student
seine Examensarbeit unter der Aufsicht eines engagierten Professors schreiben. Aber nur wenige haben
dieses Glück. Aus diesem Grund ist die Quote der
Studienabbrecher an europäischen Universitäten sehr
hoch.
Die Einbettung einer Massenbildung in eine Struktur,
die für eine Elite ausgelegt war, hat zur Vorspiegelung
einer Offenheit geführt, die in der Praxis jedoch relativ
wenigen zu einer Ausbildung verhilft. Sicherlich, die
Chance existiert, aber es bestehen noch nicht einmal
rudimentäre Unterstützungssysteme. Diejenigen, die
dabei durch ihre Universitätsabschlüsse gewinnen,
sind zweifellos gut ausgebildet und auf das Leben
vorbereitet, da sie sich großenteils aus eigener Kraft
weitergebildet haben. Für den Rest jedoch versagt
dieses System zumeist. Ihre Länder waren einfach
nicht bereit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was
erforderlich ist, um das Versprechen der Massenbildung zu verwirklichen.
Allgemeinbildung
Obwohl es unmöglich ist, den amerikanischen Ansatz
zur Vermittlung von Allgemeinbildung zusammenzufassen, können wir mit Sicherheit feststellen, daß das
amerikanische weiterführende Bildungssystem praktisch uneingeschränkt von der Prämisse ausgeht, daß
Allgemeinbildung in den Verantwortungsbereich der
Universitäten fällt. In den Vereinigten Staaten wird
über die Inhalte der Allgemeinbildung und darüber
diskutiert, wie man mehr hochkarätige Gelehrte dazu
bringen könnte, an diesem wichtigen Unterfangen
mitzuwirken. Wir erwarten von der High School keinen
wesentlichen Beitrag zur Allgemeinbildung. Tatsächlich schätzen sich die meisten von uns glücklich, wenn
unsere Erstsemester Lesen, Schreiben und Trigonometrie beherrschen. Wir erwarten also im allgemeinen, daß unsere Studenten im Laufe ihrer weiterführenden Ausbildung etwa die Hälfte ihrer Studienzeit
auf Nebenfächer verwenden, häufig auf Kurse, die
dazu dienen, ihre schulische Bildung zu erweitern.
Europäische Universitäten gehen von einer anderen
Prämisse aus, nämlich, daß die Vermittlung von Allgemeinbildung nicht ihre Aufgabe sei. Natürlich nehmen
die Studenten dort ihr Studium zwei Jahre später auf,

AMERIKA DIENST 22

�nachdem sie ihre Allgemeinbildung an einem lycee
oder Gymnasium erworben haben sollen. Das Reifezeugnis, das ihnen die Aufnahme eines Universitätsstudiums gestattet, bestätigt, daß der Student seine
allgemeine Ausbildung abgeschlossen und mit Erfolg
eine Reihe von Prüfungen vor strengen Lehrern abgelegt hat. Die Universität kann deshalb mit der weiterführenden Ausbildung fortfahren und sich dabei in der
Erwartung wiegen, daß ihre Studenten dem "Kinderkram" entwachsen sind.
,

&gt;

Europäische Studenten nehmen ihr Studium mit 19
oder 20 Jahren auf, nachdem sie sich durch die
Fallstricke des baccalaureat, des Abiturs oder der ALevels gekämpft und - bei vielen Männern - ihren
Wehrdienst abgeleistet haben. Sie sollen sich nicht mit
neuen Fächern beschäftigen oder der Allgemeinbildung widmen, sondern sich über ihren künftigen Beruf
im klaren sein und die einschlägige Ausbildung anstreben. Ihre geistige Reife wird einer ersten Prüfung
unterworfen, wenn sie die Entscheidung zwischen
verschiedenen Studiengängen treffen. Diese Wahl ist
sehr spezialisiert und meist unwiderruflich. Die Immatrikulation entscheidet über ihr künftiges Leben, denn
ein Sinneswandel oder Entschlußlosigkeit bedeuten
wichtigen Zeitverlust. Es gibt an europäischen Universitäten keine Möglichkeit, ohne Festlegung des Hauptfachs zu studieren oder Wahlfächer außerhalb des
gewählten Studienganges zu belegen.
Natürlich haben die wirklich reifen Studenten den
Vorteil, daß sie ihr spezialisiertes Studium - Jura,
Medizin, Naturwissenschaften oder Philologie - unverzüglich aufnehmen können ohne bis zum Hauptstudium warten zu müssen. Unglücklicherweise kann die
Bürde der "Reife" jedoch ebenso häufig auf schwachen Schultern lasten.

t

Das einzige Überbleibsel des mittelalterlichen Konzepts einer jedermann offenstehenden Allgemeinbildung sind universitäre Vorlesungen für die allgemeine
Öffentlichkeit, das Studium Universale. Das Hauptaugenmerk gilt jedoch der Ausbildung von Spezialisten, und diese Konzentration hat es der europäischen
Universität gestattet, für ihre besten Studenten, interessierte und begabte Adepten, die sich um herausragende Dozenten scharen, "klein" zu bleiben.

&gt;
Studenten, die sich über ihre Berufsziele im unklaren
sind, die daran interessiert sind, Wahlfächer neben
ihren Spezialgebieten zu wählen oder eine fachüber-

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greifende intellektuelle Neugier besitzen, sind an europäischen Universitäten in einer schwierigen Position.
Man findet solche Studenten überall in Europa. Sie
bilden sich in den Straßencafes und hervorragenden
Buchläden, die selbst in kleinen Städten anzutreffen
sind. Bisweilen besuchen sie sogar die Universität, an
der sie pro forma eingeschrieben sind und legen ein
paar Prüfungen ab. Aber die Universitäten sind für
Spezialisten konzipiert.
Natürlich würden die meisten amerikanischen Universitäten gerade ohne solche Studenten eingehen. Für
uns ist die Universität ein allgemeines geistiges Zentrum - in vielen Teilen des Landes weit und breit das
einzige. Das Engagement der Universität für die
Allgemeinbildung bedeutet ein Engagement für den
ganzen Menschen (daher auch die außerplanmäßigen
und sportlichen Programme, die zahlreichen europäischen Professoren nur ein müdes Lächeln entlocken)
und für eine Zukunft, in der die Spezialisten wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangen, daß ihre Fachkenntnisse weniger zählen als ihre allgemeine Fähigkeit, zu lernen und sich anzupassen. Bei uns setzt die
Spezialisierung im europäischen Sinne erst im Hauptstudium nach dem College oder in Doktorandenprogrammen ein. Doch trotz - oder gerade wegen - dieser
verzögerten Spezialisierung erscheint uns die amerikanische Sichtweise als der demokratischen politischen Theorie weit angemessener als die europäische.
Niemand sollte die bildungsmäßige Qualität des europäischen Systems unterschätzen. Diejenigen, die zur
Hochschulreife gelangen, besitzen eine hochentwikkelte Fähigkeit, akademische Fragen zu verstehen
und darüber zu schreiben. Diejenigen, die sich an der
Universität durchsetzen und das anspruchsvolle Hauptstudium erreichen, sind in der Tat eine Elite - hochgebildet und daran gewöhnt, strengen Kriterien zu genügen. Dieses System besitzt eine Klarheit und Begrenztheit, die vielen in der Verwaltung des amerikanischen Bildungswesens Tätigen als wünschenswert
erscheinen muß, die von dem hin und her einer sich in
alle Richtungen auf einmal entwickelnden plumpen
Institution erschöpft sind.
Aber selbst wenn wir uns unserem nationalen Zeitvertreib widmen, uns wegen unserer Fehler selbst zu
schelten, besteht nach einem Blick über den Atlantik
Grund zur Befriedigung.

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Seite 3

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