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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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1

15. Mai 1991

CHEMISCHE WAFFEN

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

NEUE WELTORDNUNG

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDUNG
Rede von Robert Gates

INSTITUTIONEN IN AMERIKA

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�CHEMISCHE

WAFFEN
15. Mai 1991

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht über Präsident Bushs Initiative zu chemischen Waffen
wurde am 13. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht

Mit der Feststellung, daß der jüngste Konflikt am
Persischen Golf erneut das Gespenst des Einsatzes
chemischer Waffen gegen unschuldige Menschen
heraufbeschworen habe, gab der Präsident eine Reihe
neuer Maßnahmen im Rahmen seines langfristigen
Ziels bekannt, diese Waffen des Terrors für immer von
der Welt zu verbannen. Präsident Bush bekräftigte
seine Überzeugung, die beste Hoffnung zur Verwirklichung dieses Ziels sei die Konvention über chemische
Waffen (CWC) - ein multilateraler Vertrag, der Herstellung, Besitz, Transfer und Einsatz chemischer Waffen
vollständig verbieten würde -, die im Rahmen der
Genfer Abrüstungskonferenz (CD) ausgehandelt wird.
Vorrangiges Ziel dieser Initiative ist, die Aussichten für
einen baldigen Abschlu ß dieser Konvention zu verbessern, das Engagement der Vereinigten Staaten unter
Beweis zu stellen, so bald wie möglich ein wirksames
Verbot chemischer Waffen zu erzielen und anderen
Nationen einen Anreiz zu bieten, sich ebenfalls diesem
wichtigen Ziel zu verschreiben. Aus diesem Grund
erklärte der Präsident, daß die amerikanische Delegation bei der Genfer Abrüstungskonferenz mit Wiederaufnahme der Gespräche am 14. Mai 1991 folgende
Maßnahmen ergreifen wird:
1. Die Vereinigten Staaten fordern die Lösung aller
wesentlichen noch ausstehenden Fragen zu C-Waffen
bei der Genfer Abrüstungskonferenz bis Ende 1991
sowie den Abschlu ß einer Konvention über chemische
Waffen binnen 12 Monaten.

AMERIKA DIENST 19

2. Um diese Ziele zu verwirklichen und sicherzustellen, daß keine Zeit verschwendet und keine Chance
vertan wird, um die Verhandlungen bald zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen, werden die Vereinigten Staaten den Vorschlag unterbreiten, daß mit
Beginn der Mai-Sitzungsperiode ein C-Waffen Adhoc-Ausschuß der Genfer Abrüstungskonferenz ständig in Genf tagen soll. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, ihren Botschafter am Verhandlungstisch zu
belassen und ihre Delegation zur Unterstützung dieses Zeitplans entsprechend zu verstärken.
3. Die Vereinigten Staaten werden formell ihre Absicht
bekunden, erster Unterzeichner des Vertrags über
chemische Waffen zu sein und werden alle anderen
Staaten öffentlich auffordern, ebenfalls Erstunterzeichner des Vertrags zu werden sowie ihre C-Waffenbestände offenzulegen.
4. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position aufgeben, daß Staaten das Recht zu einem C-WaffenVergeltungsschlag haben, solange sie über C-Waffenbestände verfügen, wenn C-Waffen zuerst gegen sie
eingesetzt werden. Die Vereinigten Staaten werden
offiziell dem Einsatz chemischer Waffen aus jedwedem Grund abschwören, einschließlich der gleichartigen Vergeltung mit chemischen Waffen gegen jeden
Staat. Diese Klausel wird mit Inkrafttreten der CWC
wirksam. Darüber hinaus werden die Vereinigten
Staaten eine Klausel vorschlagen, damit die CWC den
Einsatz von C-Waffen aus jedem erdenklichen Grund
verbietet.

Seite 1

�5. Die Vereinigten Staten werden von ihrer Position
abrücken, daß es ihnen gestattet werden müßte, 2
Prozent ihres C-Waffenbestands (500 Tonnen) beizubehalten, bis alle C-waffenfähigen Staaten dem Vertrag beigetreten sind. Die Vereinigten Staaten werden
sich bedingungslos der Zerstörung ihres gesamten CWaffenbestands und ehemaliger Produktionseinrichtungen binnen 10 Jahren nach Inkrafttreten der CWC
verschreiben. Sie werden alle Staaten auffordern,
dem amerikanischen Vorbild zu folgen und mit der
Vernichtung ihrer C-Waffenbestände und Produktionseinrichtungen so bald wie möglich zu beginnen. Sie
werden Klauseln für die Konvention über chemische
Waffen vorschlagen, die für alle Vertragsparteien die
bedingungslose Zerstörung ihrer C-Waffenbestände
und Produktionseinrichtungen vorschreiben, sobald
die CWC in Kraft tritt. Diese Beseitigung muß binnen
10 Jahren nach diesem Datum abgeschlossen sein.

7. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten
umfassendes Informationsmaterial über die amerikanischen Exportkontrollen für alle chemiewaffenrelevanten Materialien und Technologien ihre unsere zu
deren Durchsetzung getroffenen gesetzlichen Maßnahmen liefern. Sie werden alle Staaten auffordern,
ähnliche Kontrollen einzuführen und damit die Kontrolle der Verbreitung chemischer Waffen zu verbessern,
während sie ein vollständiges und offizielles Verbot
anstreben.

8. Neben den bedeutenden unmittelbaren Vorteilen,
die allen Parteien durch ein vollständiges Verbot chemischer Waffen zuteil werden, sollten die Staaten, die
sich der Konvention anschließen und diese stärken,
greifbare Vorteile daraus ziehen. Andererseits sollten
genau definierte Strafen gegen die Staaten verhängt
werden, die durch ihren Nichtbeitritt eindeutig demonstrieren, daß sie ein solches Verbot nicht unterstützen.
6. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten für
praktische und wirksame Hilfe zur Verfügung stellen, die Konvention über chemische Waffen Bestimmunum zur raschen, sicheren und umweltverträglichen gen vorschlagen, die es den Vertragsparteien untersaZerstörung von Chemiewaffen beizutragen, wo immer gen, zur Herstellung von Chemiewaffen verwendbares
Material an solche Staaten zu liefern, die der Konvendiese vorgefunden werden.
tion nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums
Dazu gehören folgende Maßnahmen:
nach deren Inkrafttreten beigetreten sind.
Schaffung einer aus Vertretern der amerikanischen Regierung und Privatindustrie zusammengesetzten Expertengruppe, die Vorschläge
entwickeln soll, wie die Vereinigten Staaten
anderen Ländern bei der Zerstörung chemischer Waffen mit Rat und Tat zur Seite stehen
können.

9. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position bekräftigen, derzufolge Sanktionen gegen die Staaten
verhängt werden sollten, die die Konvention über
chemische Waffen verletzen sowie besonders einschneidende Sanktionen gegen solche Staaten, die
den Einsatz chemischer Waffen vorbereiten. Die
Vereinigten Staaten erklären, daß sie Verletzungen
der Konvention über chemische Waffen, insbesondere
Bereitstellung technischer Hilfe bei der Zerstödie Vorbereitung des Einsatzes chemischer Waffen,
rung (etwa Besuche bei amerikanischen Zerstöals äu ßerst schweren Bruch des Völkerrechts betrachrungseinrichtungen, Pläne und technische Beten und daß sie in solchen Fällen alle geeigneten
ratung) für solche Staaten, auf deren HoheitsSanktionen verhängen werden.
gebiet sich chemische Waffen befinden.
Der Vorschlag zur Schaffung einer Arbeitsgrup- 10. Die Vereinigten Staaten werden ihr Engagement
pe zur Zerstörung chemischer Waffen im Rah- für ein solides und offenes Verifikationsregime bekräfmen der Genfer Abrüstungskonferenz sowie tigen. Sie werden zusätzliche konkrete Vorschläge
unterbreiten, um das zentrale Problem der Inspektion
das Angebot, zu diesem Zweck amerikanische
verdächtiger Einrichtungen zu behandeln. Sie werden
Experten zu delegieren.
die Genfer Abrüstungskonferenz auffordern, sich die
Position der Vereinigten Staaten zu Ad-hoc-Inspektionen solcher Einrichtungen zu eigen zu machen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 19

�NEUE

WELTORDNUNG
15. M a i l 991

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDNUNG
Rede von Robert Gates
VANCOUVER - (AD) - Mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten keinen Niedergang erleben
und heute die einzige wirkliche Supermacht sind, hat der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Robert
Gates die Notwendigkeit bekräftigt, sein Land müsse sich weiterhin weltweit engagieren und der Versuchung
eines Rückzugs aus der Weltpolitik widerstehen.
In einer Rede vor dem Verband Amerikanischer Zeitungsverleger (American Newspaper Publisher's Association) erklärte Gates, "sicherlich sind weder Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort" für eine
Nation, die im vergangenen Jahr Waren im Wert von über 637 Milliarden Dollar exportiert hat.
Gates erläuterte die amerikanische Vision der Neuen Weltordnung und der Probleme, die es zu lösen gelte.
Insbesondere betonte er in diesem Zusammenhang den Aufbau der Demokratie in Osteuropa und der
Sowjetunion. Ferner behandelte er die amerikanische Politik gegenüber Irak und die Nachkriegssituation am
Persischen Golf.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gates im Wortlaut.

Lord Salisbury hat vor vielen Jahren einmal gesagt:
"Keine Lehre scheint von der Lebenserfahrung so sehr
bestätigt zu werden wie die, daß man Experten niemals trauen sollte. Glaubt man den Ärzten, so ist
nichts gesund. Glaubt man den Theologen, so ist
nichts unschuldig. Glaubt man den Soldaten, so ist
nichts sicher." Dem möchteich hinzufügen: Glaubte
man vielen Kommentatoren, Analysten und Gelehrten
der letzten Jahre, so ist die Zukunft vom Niedergang
der Vereinigten Staaten gekennzeichnet - einer ungeliebten Führung und schwindendem Einfluß, einer
undisziplinierten und phantasielosen Politik ohne Vision und einer Wirtschaft, deren Wettbewerbsfähigkeit
ständig nachläßt.
In einer Atmosphäre solch kritischen Pessimismus'
besteht ein Bedürfnis innezuhalten, einen neuen Standpunkt einzunehmen und darüber nachzudenken, wie
außergewöhnlich doch die Zeiten sind, in denen wir
leben und warum so viele Experten und Beobachter es
versäumt haben, Umfang und Macht der sich vollziehenden Veränderungen vorherzusehen (oder später
zu erkennen) - oder die amerikanische Rolle bei diesen
Veränderungen zu würdigen.

AMERIKA DIENST 19

Wieviele haben vor neun Monaten geglaubt,
daß Kuwait vor Ende des Winters befreit würde
und sich unsere Truppen im Frühjahr auf dem
Heimweg befänden?
Wer hat vor einem Jahr die Vereinigung Deutschlands innerhalb der NATO mit sowjetischer
Duldung vorhergesehen?
Wieviele Beobachter haben vor zwei Jahren
den vollständigen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, den Abzug der sowjetischen Truppen, den Fall der Berliner Mauer
und die Auflösung des Warschauer Pakts vorhergesehen (der der Washington Post lediglich einen Artikel auf Seite 16 wert war)?
Wer hat vor zwei Jahren den Abbau grundlegender Elemente der Apartheid in Südafrika vorhergesagt?
Wer hätte vor vier Jahren darauf gewettet, daß
sowjetische Truppen aus Afghanistan, vietnamesische Truppen aus Kambodscha, kubanische Truppen aus Angola abgezogen würden,

Seite 1

�Noriega aus Panama vertrieben und freie Wahlen
in Nicaragua abgehalten - und von der Opposition gewonnen würden?
Vor 10 Jahren lebten 10 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas in demokratischen Staaten. Wer hätte vorhergesagt, daß heute 90
Prozent demokratisch regiert werden?
Was wir am Ende des Jahrtausends erleben, ist eine
neue Dämmerung der Freiheit für lang unterdrückte
Völker - eine neue Dämmerung am Ende des Jahrhunderts, das trotz seines materiellen und technischen
Fortschritts vielleicht das am meisten durch Gewalt,
Krieg und Unterdrückung verdunkelte in der Geschichte war.
Heute, nahezu am Ende des Jahrhunderts sind die
alten Imperien und die neuen totalitären "ismen" tot
oder im Absterben begriffen. In der ganzen Welt ist die
alte Weltordnung entweder zusammengebrochen, oder
sie liegt in den letzten Zügen. Die Ereignisse haben die
Experten in Regierung, Universitäten und Medien
erschlagen. Ihre vorsichtigen, konventionellen Prognosen und pessimistischen Vorhersagen wurden von
der ungeheuren Macht mutiger Völker zunichte gemacht, die frei sein wollten; von despotischen Regierungen, deren wirtschaftlicher, politischer und moralischer Bankrott allzu häufig nicht erkannt oder ignoriert
wurde; von den vereinten Demokratien, deren Standhaftigkeit, vertrauensvolle Unterstützung und Führungskraft über Jahrzehnte hinweg diese dramatischen
Veränderungen möglich machten.
Neue Ansätze für eine neue Welt
Heute müssen wir die Welt und unsere Rolle darin mit
neuen Augen betrachten. Im Gegensatz zur Vorliebe
einiger auf der Linken und auf der Rechten, die Lasten
der internationalen Führung an andere weiterzugeben,
ist eine Rückkehr zum Isolationismus nicht möglich nicht für ein Land, das im vergangenen Jahr Waren im
Wert von über 673 Milliarden Dollar exportierte und
dessen Kultur und politischer Einfluß so weitverbreitet
sind. Trotzdem müssen wir uns auch der Tatsache
bewußt sein, daß die Art und Weise unserer Reaktion
auf unseren alleinigen Supermachtstatus und unsere
Übermacht vielen Ländern Sorge bereitet, und zwar
sowohl den mit uns befreundeten als auch den uns
weniger freundlich gesonnenen. Sicherlich sind weder
Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort. Wir haben keine Wahl als uns weiterhin zu
engagieren, aber wir müssen aufs Neue überlegen,
wie wir uns engagieren und die Führungsrolle ausüben.
Die uns durch die gegenwärtig in der ganzen Welt
stattfindenden Veränderungen gegebenen Chancen
zu ergreifen, stellt uns vor eine zweifache Herausforderung: erstens, aufbauend auf unseren Erfahrungen
am Golf die Schaffung eines dauerhaften internationalen Engagements zur friedlichen Beilegung von StreitSeite 2

fällen und Solidarität gegen Aggression. Zweitens, die
Ermutigung und Unterstützung der Staaten, die gerade ihre Freiheit gewonnen haben, bei der Stärkung
ihrer Demokratie und dem Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften.
Bereits zweimal in diesem Jahrhundert haben amerikanische Präsidenten nach Weltkriegen die Bemühungen angeführt, einen internationalen Mechanismus für
den kollektiven Widerstand gegen Aggression ins Leben
zu rufen - zuerst Präsident Wilson und der Völkerbund,
später dann Präsident Roosevelt und die Vereinten
Nationen. Doch erst heute, am Ende des kalten
Krieges hat am Persischen Golf zum ersten Mal ein
internationales Gremium - die Vereinten Nationen - die
von ihren Begründern vorgesehene Rolle gespielt Organisierung und Sanktionierung kollektiven Widerstands gegen einen Aggressor. Das Potential der
UNO, diese Rolle auch weiterhin auszufüllen und die
neue Bereitschaft zahlreicher Staaten, Geld und militärische Einheiten dafür zur Verfügung zu stellen, sind
die Grundsteine eines neuen Zeitalters der internationalen Sicherheit - einer neuen Weltordnung, die durch
den wachsenden Konsens gekennzeichnet ist, daß
Gewalt nicht angewendet werden darf, um Streitfälle
zu regeln und bei einem Bruch dieses Konsenses die
Lasten und Verantwortlichkeiten von vielen Nationen
geteilt werden.
Die Neue Weltordnung ist weder eine Pax Americana
noch ein Euphemismus für die Vereinigten Staaten als
Weltpolizist. Sie ist einfach ein Versuch, Aggression
abzuschrecken und ihr gegebenenfalls durch kollektive und freiwillige Maßnahmen der internationalen
Staatengemeinschaft entgegenzutreten.
Wirtschaftliche Probleme bedrohen in vielen Ländern
Bestrebungen zu Aufbau und Förderung der Demokratie. Ungeachtet der vielfältigen Ursachen dieser
Probleme - der wirtschaftlichen Hinterlassenschaften
des Kommunismus oder der Konsequenzen massiver
Verschuldung - muß die Initiative und Opferbereitschaft aus dem Land selbst und von seiner Bevölkerungkommen. Aberwirund andere können und sollten
helfen, und wir müssen - im Bewußtsein, daß eine
Wirtschaftskrise die Demokratie unterminieren kann kreativ und aggressiv sein, wenn wir neue Instrumente
amerikanischer Außenpolitik entwerfen.
Ein solches Instrument besteht in der Förderung einer
erweiterten Partnerschaft zwischen Privatsektor und
Regierung. Die Grundbedürfnisse vieler neuer Demokratien sind wirtschaftlicher Art- Investitionen, Märkte,
technische Beratung und Know-how. Wir müssen
neue Mechanismen finden, um private Führungskraft
und Initiative partnerschaftlich mit den aufstrebenden
Demokratien zu fördern.
Unsere Hilfsprogramme sollten darauf abzielen, das
Wachstum eines Privatsektors in den Empfängerländem zu fördern und sie auf eigene Füße zu stellen.
Unsere traditionelle Förderung des freien Handels
AMERIKA DIENST 19

�kann für ihr Wirtschaftswachstum ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Indem wir ihnen Zugang zu den
Weltmärkten verschaffen, können wir den Handel und
die Investitionen fördern, von denen unwirtschaftlicher
Erfolg abhängt. Kurzum, unsere Regierung muß erkennen, daß den neuen Demokratien in vielen Fällen
unser - von der Regierung geförderter und gestärkter
- Privatsektor besser helfen kann als traditionelle
Programme.
Die Gestaltung der Zukunft: Historische Chancen
Wir befinden uns in einer Zeit der Entscheidung. Dank
der zwei Generationen dauernden Bemühungen von
Demokratien und dank jüngster Ereignisse ist die
Zukunft offen und bietet eine reale Möglichkeit zur
Stärkung von Weltfrieden und Stabilität und zur Verbreitung von Freiheit und wirtschaftlicher Vitalität oder
die gleichermaßen reale Möglichkeit des Rückschritts
- zurück zu Spannungen, heißen und kalten Kriegen,
autoritärer Regierung und Entbehrung. Wir haben
historisch einmalige Chancen, die nicht verschenkt
werden dürfen. Ich möchte lediglich drei davon ansprechen: Osteuropa, die Sowjetunion und den Nahen
Osten.
Osteuropas langer totalitärer Alptraum ist vorbei. Wir
sehen jetzt ein Mittel- und Osteuropa, das nichtkommunistisch ist und dessen sowjetische Truppen nach
Hause zurückgekehrt sind. Wir müssen den Osteuropäern auf eine Weise helfen, die ihre langfristigen
Aussichten auf einen erfolgreichen Übergang zu einer
stabilen demokratischen Regierung und zu Marktwirtschaft verbessert.
Es besteht kein Zweifel, daß die neuen Demokratien in
Osteuropa sich gravierenden wirtschaftlichen Problemen gegenübersehen. Trotz dieser Herausforderungen sollten wir über die Zukunft Osteuropas und sein
reiches menschliches Potential optimistisch sein. Die
Unterstützung und Führungsrolle der Vereinigten Staaten
wurden früh sichtbar. Im April 1989 bot der Präsident
Hilfe für echte Fortschritte bei politischen und wirtschaftlichen Reformen in Osteuropa an. Er übernahm
beim Weltwirtschaftsgipfel in Paris im Sommer 1989
die Führung bei der Mobilisierung internationaler Unterstützung für Polen und Ungarn, eine Maßnahme,
die allein im ersten Jahr zu Zusagen an diese Länder
im Umfang von 14 Milliarden Dollar führte. Darüber
hinaus bewilligte das Gesetz zur Förderung der Demokratie in Osteuropa nahezu eine weitere Milliarde
Dollar zur Förderung von politischem Pluralismus und
wirtschaftlichem Wiederaufbau. Ferner gab es andere
wichtige Initiativen wie die Unternehmensfonds für
Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei, mit dem
Ziel einer echten Lösung für Osteuropa - ausländische
Investitionen, Aufbau von Privatunternehmen und
Öffnung unserer Märkte für ihre Waren.

AMERIKA DIENST 19

Das Leben ist heute in Osteuropa sehr hart. Nur Mut
und Entschlossenheit sind im Überfluß vorhanden.
Der Westen darf diese Menschen nicht im Stich lasen.
In der Zwischenzeit bleibt die Aufmerksamkeit der
Welt auf die Sowjetunion gerichtet, wo die kommunistische Herrschaft zerfällt und politische Dynamik ebenso freisetzt wie gesellschaftliche Spannungen und
wirtschaftlichen Druck, die einerseits die Sowjetunion
zu Pluralismus und wirtschaftlicher Vernunft führen
und andererseits erhebliche Instabilität, Repression
und vielleicht noch größere Härten und Bürgerkrieg mit
sich bringen können.
Die Reformen in der Sowjetunion müssen vier Hindernisse überwinden:
Erstens haben sich die politischen Veränderungen wesentlich schneller vollzogen als die wirtschaftlichen Reformen, und die Wirtschaft ist in
einer ausweglosen Lage. Infolgedessen können die Menschen jetzt ihre Beschwerden leichter zum Ausdruck bringen, aber zu einer Zeit, da
die Regierung über keine Mittel verfügt, um auf
sie einzugehen. Damit sind erhebliche Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Zweitens dauert das Nationalitätenproblem in
beunruhigender Weise an, als Vermächtnis eines
mannigfaltigen Reiches, das durch jahrhundertelange Eroberungen zustande kam. Dieses
Vermächtnis zeigt sich in unterschiedlicher Weise:

in alten Feindschaften zwischen Minderheiten,
dem Kampf der Minderheiten gegen das Zentrum und dem Kampf der Millionen von Russen
in nichtrussischen Gebieten für ihren Schutz
und die Sicherung ihres weiteren politischen
Einflusses.
Drittens wurde das alte System aufgelöst und
zerstört, bevor ein neues geschaffen wurde, das
Ordnung und die Bedingungen für Reformen
und Wachstum in der Wirtschaft schafft. Das
Ergebnis waren Aufruhr, Verbrechen, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Versorgungsengpässe und ein allgemeines Gefühl sozialer
Hoffnungslosigkeit.
Viertens und letztens ist die russische Geschichte selbst eine große Last. Die Reformer müssen
nicht nur 70 Jahre kommunistischer Geschichte, sondern tausend Jahre russischer Geschichte bewältigen, eine Geschichte, die niemals eine
andere Regierungsform gekannt hat als Diktatur und niemals ein anderes Wirtschaftsleben
als das staatlich kontrollierte und dominierte.
Der Schwerpunkt unseres Ansatzes für die Sowjetunion hat sich von der Eindämmung eines Feindes zu
konstruktiver weltweiter Zusammenarbeit, Unterstüt-

Seite 3

�zung demokratischer Tendenzen und verzweifelt
benötigter Wirtschaftsreformen in der UdSSR verlagert. Wir sind uns der Realität voll und ganz bewußt sowohl im Hinblick auf die fortgesetzte große Militärmacht der Sowjetunion und die zeitweise Unvermeidbarkeit von Gegensätzen als auch im Hinblick auf den
langen Weg der Reformen und Veränderungen, den
die Menschen in der Sowjetunion noch gehen müssen.
Dies ist ein Ansatz, der uns Ausdauer und Beharrlichkeit abfordert.
Wir haben es nach wie vor mit dem sowjetischen
Politiker an der Spitze zu tun, der diese Veränderungen freigesetzt und sich in Europa, am Persischen Golf
und zum gro ßen Teil auch in Angola, Kambodscha und
in der Rüstungskontrolle als konstruktiver Partner
erwiesen hat. Gleichzeitig müssen wir unsere Kontakte mit demokratischen Reformern in den Republiken
und Kommunen ausbauen, um sicherzustellen, daß
die sowjetische Gesellschaft unsere Unterstützung
der Reformpolitik wahrnimmt. Aber unser Ansatz bei
allen Problemen in der Sowjetunion muß auf der
unerschütterlichen Botschaft basieren, daß die einzige
Zukunft der Sowjetunion in dem Weg zu Demokratie
und weitreichenden wirtschaftlichen Reformen besteht.
Ob sich die Sowjetunion tatsächlich auf friedlichem
Wege in eine politisch pluralistische, marktorientierte
Gesellschaft mit internationaler Verantwortung entwickelnkann, bleibt offen. Dies ist eine historische Zeit
der Entscheidung für die Sowjetunion. Wird ihr - wie
wir hoffen - der Aufbruch in eine andere, bessere
Zukunft gelingen oder wird sie in eine bewährte aber
unglückliche Vergangenheit zurückfallen? Im Augenblick und wahrscheinlich noch in den kommenden
Jahren müssen wir auf beide Eventualitäten gefaßt
sein.
Der Persische Golf und der Nahe Osten sind eine
weitere Herausforderung. Am Golf versuchen wir
sicherzustellen, daß wir nie wieder mit einer solchen
Herausforderung konfrontiert werden wie am 2. August. Es wurden Sanktionen verhängt, damit der Irak
seine Nachbarn nicht bedrohen kann. Gleichzeitig
bauen wir zusammen mit unseren Freunden neue
Verteidigungsarrangements auf, die weiter zur Stabilität der Region beitragen. Wie Sie wissen, stellen die
Vereinigten Staaten darüber hinaus beträchtliche Mittel zur Milderung des massiven menschlichen Elends
bereit, das auf Saddam Husseins Unterdrückung seines eigenen Volkes zurückzuführen ist.
Unsere Politik gegenüber Saddam Hussein und dem
Irak ist, solange er an der Macht bleibt, entschlossen
und unerschütterlich:
Die Vereinigten Staaten und die internationale
Staatengemeinschaft unterstützen nach wie vor
die Souveränität und territoriale Integrität des
Irak, wünschen jedoch eine neue irakische
Führung, die auf die Bedürfnisse des irakischen

Seite 4

Volkes eingeht und bereit ist, in Frieden mit
seinen Nachbarn zu leben. Eine neue politische
Führung sollte durch Verhandlungen zwischen
den Irakern und nicht durch Gewalt herbeigeführt werden.
Aufgrund der Invasion und Besetzung Kuwaits
sowie der brutalen Unterdrückung seines eigenen Volkes hat sich Saddam Hussein in nicht
wiedergutzumachender Weise diskreditiert. Seine
Führung wird niemals von der internationalen
Staatengemeinschaft akzeptiert werden, und
deshalb werden die Iraker den Preis dafür bezahlen, solange er an der Macht ist.
Alle nur möglichen Sanktionen werden aufrechterhalten, bis er aufgibt. Eine Lockerung der
Sanktionen wird nur in Erwägung gezogen, wenn
eine neue Regierung eingesetzt ist.
Die Zeit arbeitet gegen den Irak, solange Saddam Hussein an der Macht festhält. Der Irak ist
nichts anderes als der Staat eines Parias, solange er im Amt ist. Die Iraker werden nicht an den
nach der Krise abgehaltenen wirtschaftlichen
und sicherheitspolitischen Gesprächen teilnehmen, bis ein Regierungswechsel stattgefunden
hat.
Wir hatten und haben keine Probleme mit dem
irakischen Volk, sondern mit seiner Führung
und vor allem mit Saddam Hussein. Er ist nach
wie vor das Problem.
Im Nahen Osten hoffen wir, daß sich nach dem Krieg
neue Chancen für Frieden ergeben werden. Der
gefährlichste Gegner Israels ist besiegt worden. Unseres
Erachtens sind die arabischen Mitglieder der Koalition
bereit, mit Israel in Frieden zu leben. Und es wurde
krass demonstriert, daß in modernen Zeiten Städte zu
militärischen Grenzgebieten gemacht werden und
Zivilisten sich an der Frontlinie finden können. Die
Herausforderung besteht darin, diese Erkenntnis in
Diplomatie umzusetzen.
Niemand sollte an unserer Fähigkeit zweifeln, unseren
Freunden zu helfen - sei es in Zeiten des Krieges oder
Friedens. Außenminister Baker hat in den vergangenen zwei Monaten drei anstrengende Reisen in die
Region unternommen, um eine regionale Friedenskonferenz herbeizuführen, bei der direkte Verhandlungen zwischen den einzelnen Parteien in die Wege
geleitet werden könnten. Wir müssen alte Tabus
brechen und die Ursachen an der Wurzel angehen, die
Israelis und Palästinenser und Israel von den arabischen Staaten trennen.
Die uns leitenden Prinzipien sind kein Geheimnis: Wir
streben einen umfassenden Frieden an, der auf die
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats und
das Prinzip Land für Frieden gegründet ist. Wir wollen
einen wahren Frieden für alle Staaten in der Region
AMERIKA DIENST 19

�einschließlich Israels. Aber als Gegenleistung müssen wir bereit sein, den legitimen politischen Rechten
des palästinensischen Volkes gerecht zu werden und
eine Lösung für die Fragen bezüglich Land, Wasser
und Sicherheit finden, die für die Zukunft der Region
von so zentraler Bedeutung sind.

Das 20. Jahrhundert geht seinem Ende entgegen,
beherrscht von zwei Weltkriegen, zahllosen anderen
Konflikten, mehr Leiden als Worte zu beschreiben
vermögen und einem langen und feindseligen kalten
Krieg, der die Menschheit selbst als Geisel gefangenhielt. Wie befinden uns an der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, hoffen
auf einen klareren und ruhigeren Himmel und darauf,
daß wir auf den Ruinen großer despotischer Imperien
und diskreditierter Ideologien jetzt ein neues Zeitalter
des Friedens aufbauen und weitere Fortschritte der
Freiheit sicherstellen können. Dies könnte in greifbare
Nähe rücken, wenn wir vertrauensvoll und mutig sind,
unseren internationalen Verpflichtungen nachkommen
und unerschütterlich in unserer Führungsrolle sind. Es
ist eine Rolle, die von der Welt begrü ßt wird und die wir
- wie uns die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lehrt - nicht aufgeben dürfen.

Es gibt kein Patentrezept "Made in America" für den
Frieden - nur Verhandlungen können ihn herbeiführen.
Wir wissen, daß allen Kompromisse abverlangt werden. Wir sind nicht naiv - die Bitterkeit und das Erbe
von Haß und Gewalt sind uns bestens bekannt. Wir
lassen uns jedoch nicht von Schwierigkeiten abschrekken. Wir sind entschlossen, voranzugehen - wie
schwierig der Weg auch sein mag. Amerikanische
Bestrebungen können den Nahostkonflikt nicht lösen nur die Völker und Regierungen des Nahen Ostens
können das - aber ein Engagement der Vereinigten
Staaten kann als Triebfeder und notwendiger Katalysator wirken. Es ist höchste Zeit zusammenzukommen, zu sprechen und um der Sache des Friedens
willen dieselben Risiken einzugehen wie für den Krieg.
Schlußbemerkung:
Wunschdenken

Entschlossenheit,

Und damit ende ich, wo ich angefangen habe - bei den
von den Revolutionen unserer Zeit verwirrten Experten und Insidern. Zu viele haben den Anschluß verpaßt, weil sie die Auswirkungen der amerikanischen
Führungsrolle, Macht, des vertrauenswürdigen Engagements, nationalen Willens und demokratischen
Vorbilds vom Persischen Golf über ein vereinigtes
Deutschland bis zu Osteuropa und Lateinamerika
unterschätzten.

nicht

Noch vor einem Jahr waren Theorien des Niedergangs
und kritischer Pessimismus in Washington sehr in
Mode. Heute sind sie vielleicht etwas weniger aktuell,
aber deshalb noch lange nicht verschwunden. Dennoch stellt heute niemand die Realität nur einer Supermacht und ihrer Führungsrolle in Frage. Bei all den
herkömmlichen Mitteln nationaler Macht - wirtschaftlich, militärisch, kulturell, politisch und selbst philosophisch - haben wir keine Herausforderer.

Vielleicht haben sie auch den Anschluß verpaßt, weil
sie den menschlichen Geist unterschätzten. Um Churchill
zu zitieren: "Fachwissen, so unerläßlich es auch sein
mag, ist kein Ersatz für einen großzügigen und umfassenden Ausblick auf die Geschichte der Menschheit
mit all ihrer Traurigkeit aber - vor allem - mit ihrer
untilgbaren Hoffnung." Was zu viele Experten (und
andere) anscheinend übersehen haben, hat Dostojewski als "das Feuer im Geiste des Menschen" bezeichnet - das Feuer der Freiheit. Es ist zweifelsohne
ein großes Wunder, daß dieses Feuer an so vielen
Orten nach Generationen der Unterdrückung noch
immer so hell leuchtet und so viele Menschen noch
immer glauben, daß die Amerikaner die Fackel tragen,
die dieses Feuer entflammt. Wir können und dürfen sie
nicht enttäuschen.

Was wir haben - um Joseph Nye von der Universität
Harvard zu zitieren - sind Herausforderungen. Bildung, Produktivität und handwerkliches Können,
Haushaltsvorschriften und die Bereitschaft, den Preis
der weltweiten Führungsrolle zu bezahlen: kontinuierliches, vertrauenswürdiges Engagement und Führung,
Aufrechterhaltung eines starken und fähigen Militärs,
Unterstützung der neuen Demokratien.

Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 19

*

*

Seite 5

�INSTITUTIONEN

IN

AMERIKA
15. Mal 1991

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn
BONN - (AD) - Vor etwa 200 Jahren - genau am 1. Februar 1790 - kam das Oberste Bundesgericht der Vereinigten
Staaten zu seiner ersten Sitzung zusammen. Der nachfolgend veröffentlichte Artikel erschien erstmals im
September 1990 in der Zeitschrift American Studles Newsletter. Er beschreibt die dritte "Gewalt" in der
Regierung und ihre Funktion in der amerikanischen Gesellschaft. Der Autor Barrett McGurn war von 1973 bis
1982 Pressesprecher des Obersten Bundesgerichts. Er ist darüber hinaus Verfasser mehrerer politischer
Bücher.

Ein dramatischer Augenblick in der zweihundertjährigen Geschichte des Obersten Bundesgerichts der
Vereinigten Staaten war in den siebziger Jahren erreicht, als die neun Richter den aufsehenerregenden
Fall "Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen
Richard M. Nixon, Präsident der Vereinigten Staaten"
zu verhandeln hatten.
Für die Journalisten war das eine Sternstunde der
Berichterstattung, und die Richter übertrugen mir die
Verantwortung, das Pressekorps zu betreuen. In
Washington gibt es 3.000 hauptamtlich akkreditierte
Journalisten, dazu Reporter aus den meisten Ländern
der Welt. Alle 3.000 schienen entschlossen, sich in
den kleinen Gerichtssaal zu zwängen, um der Verhandlung des Falls beizuwohnen. Dafür Journalisten
nur 19 Plätze vorgesehen waren, gab es ein Problem.
Den Verhandlungen des Obersten Bundesgerichtes von denen die erste am 1. Februar 1790 stattfand - liegt
die Idee zugrunde, daß die Verfahren eine öffentliche
Angelegenheit sind und auch der letzte Bürger zumindest Gelegenheit haben sollte, die Richter in ihren
schwarzen Roben auf ihren hohen Richterbänken zu
sehen, wenn sie Fälle verhandeln, die noch viele
Generationen nach uns betreffen können. Deshalb
sind mehrere Dutzend der 300 Plätze im Gerichtssaal
bei jeder Verhandlungen für die Öffentlichkeit reserviert.

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Mein erster Gedanke war zu empfehlen, daß die
Presse alle Plätze im Gerichtssaal einnehmen sollte,
auch die für die Öffentlichkeit reservierten. Die Richter
legten Einspruch ein. Ich erhielt jedoch die Genehmigung, zusätzlich 80 Stühle aufzustellen, womit ich nun
für das potentielle Publikum von 3.000 Journalisten
100 Plätze hatte. Während der dreitägigen Verhandlung mußten sich fünf Journalisten einen Platz teilen,
und es wurde jeweils nur ein Platz an jedes Medium
(Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Radio- und Fernsehstationen sowie Zeitschriften) vergeben, und so
kam ich mit relativ wenigen Protesten durch die hektischen Tage.
Die paar Dutzend Plätze für die Öffentlichkeit waren
ebenfalls immer besetzt. Mitglieder der 60 Mann
starken Polizeitruppe des Bundesgerichts hatten damit
zu tun, eine Gruppe nach der anderen hereinzuführen,
damit sie wechselweise drei Minuten lang einen Blick
auf die Verhandlung erhaschen konnten. Dasselbe
Verfahren wird bei jeder Verhandlung des Obersten
Bundesgerichts durchgeführt, aber dieses Mal nahm
die lange Warteschlange fast kein Ende. Einige hatten
die ganze Nacht gewartet, um einen schnellen Blick
auf Wirklichkeit werdende Geschichte werfen zu können.
Wie alle Verhandlungen des Obersten Bundesgerichts
endete auch diese ohne eine unmittelbare Entschei-

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�düng. Die Richter zogen sich hinter die schweren
Vorhänge im rückwärtigen Gerichtssaal in einen separaten Raum zurück. Dort erörterten sie das weitere
Vorgehen. Wie gewöhnlich waren sie allein. Keiner
ihrer 300 Mitarbeiter war bei ihnen. An den Wänden
standen in Hunderten von Bänden die Entscheidungen, die 100 Richter seit Ende des 18. Jahrhunderts
gefällt haben. Wie immer ergriff der Vorsitzende
Oberste Bundesrichter, damals Warren E. Burger, das
Wort. Auf dem Spiel stand die Präsidentschaft von
Richard Nixon. Kein anderer Präsident war der Amtsenthebung jemals so nahe.
Zur Debatte stand ein technisches Problem. Kongreßabgeordnete sprachen von einer möglichen Anklageerhebung gegen den Präsidenten wegen Behinderung der Justiz in einem Fall von Politik und Diebstahl
und verlangten, Tonbänder von Gesprächen des Präsidenten im Weißen Haus zu hören. Der Präsident
hatte dies abgelehnt. Mitarbeiter des Präsidenten
wurden im Zusammenhang mit demselben Fall angeklagt. Sie baten um eine Freigabe der Bänder des
Präsidenten, weil sie sich damit Hilfe bei ihrer eigenen
Verteidigung gegen die Anklage erhofften. Die Richter
hatten die Frage zu prüfen, ob der Präsident gezwungen werden sollte, die möglicherweise belastenden
Aufzeichnungen zu übergeben.
Der Vorsitzende Oberste Bundesrichter arbeitete
wochenlang von morgens früh bis abends spät und traf
schließlich eine Entscheidung auf der Basis dessen,
was sein großer Vorgänger im 19. Jahrhundert, John
Marshall, in einem ähnlichen Konflikt um einen Präsidenten getan hatte. Bei diesem frühen Fall ging es um
Thomas Jefferson, den ehrenwerten Verfasser der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Aaron Burr,
einer der wichtigsten Politiker seiner Zeit, war des
Landesverrats angeklagt. Jefferson versicherte Marshall, ihm lägen Beweise für Burrs Schuld vor.
"Zeigen Sie uns die Beweise," forderte Marshall.
"Nur Auszüge," antwortete Jefferson. Andere Teile
des Dokuments sollten nicht enthüllt werden.
"Alle Beweise oder keinen," forderte Marshall. Wenn
jemand unter Anklage steht, kann er in Wahrnehmung
des Rechts auf Selbstverteidigung die Vorlage aller
Beweise verlangen, die für seinen Fall hilfreich sind.
Kein Bürger, nicht einmal der Präsident, kann sich
dieser Bürgerpflicht der Kooperation entziehen. Jefferson blieb hart und und Burr kam frei.
Nixon mußte seine Bänder herausgeben. Es wurde
einstimmig abgestimmt. Innerhalb weniger Tage trat
Nixon von seinem Amt zurück.
Kein anderes Gericht der Welt hat die Macht des
Obersten Bundesgerichts des Vereinigten Staaten,
auch wenn das Gericht über keine Armee zur Durchsetzung seiner Entscheidungen verfügt. Die Macht
des Gerichts wird allgemein akzeptiert, auf der GrundSeite 2

läge der Vereinbarung, mit der das Land nach dem
Revolutionskrieg im 18. Jahrhundert gegründet wurde.
Die Gründerväter wollten ein System der gegenseitigen Kontrolle und geteilten Verantwortung schaffen,
das der Regierung ausreichend Macht zugesteht, aber
sie trotzdem teilt, um die Art der Tyrannei zu vermeiden, gegen die sie rebelliert hatten.
Mit diesem Gedanken wurde die Regierung dreigeteilt:
Der Kongreß soll die Gesetze schreiben, die Exekutive
sie durchführen, und eine separate Judikative unter
dem Vorsitz des Obersten Bundesgerichts sollte die
Aufsicht haben.
Um den Menschen gerecht zu werden und gleichzeitig
angesichts wechselnder Moden Kontinuität zu sichern,
verfügten die Gründerväter, daß Mitglieder des Unterhauses der Legislative, die Kongreßabgeordneten oder
Volksvertreter, sich alle zwei Jahre zur Wahl stellen
sollten, der Präsident sollte vier Jahre im Amt bleiben,
die Senatoren (im Oberhaus der Legislative) sollten
alle sechs Jahre wiedergewählt werden, und die Bundesrichter als Bewahrer der Kontinuität sollten solange
dienen, wie sie "gutes Verhalten" an den Tag legen.
Damit wurde den Obersten Bundesrichtern als den
einzigen Mitgliedern der Regierung eine lebenslange
Amtszeit zugebilligt.
Die grundlegende Vereinbarung zwischen den erfolgreichen Revolutionären des 18. Jahrhunderts war die
Verfassung der Vereinigten Staaten, ein knapp formuliertes Dokument mit einer starken Bill of Rights zum
Schutz der Freiheiten des einzelnen.
Die neue Nation war erst einige Jahre alt, als es zu
Debatten kam, wie die knappe Sprache der Verfassung zu interpretieren sei. John Marshall, der kühne
Gegner von Präsident Jefferson, legte den Fall ein für
allemal bei. Er erklärte, in Zweifelsfällen sollte der
Oberste Gerichtshof sagen, was die Verfassung bestimmt. Das Wort Marshalls galt und hat seitdem das
Leben der Nation bestimmt.
Jedes Jahr werden dem Obersten Gerichtshof 5.000
Fälle vorlegt. Das bedeutet, an einem Arbeitstag
müßte in 90 Minuten ein Fall verhandelt werden. Die
erste Aufgabe der Richter besteht also darin, aus
dieser Vielzahl etwa 150 Fälle herauszugreifen, über
die "aufgrund der ihnen innenwohnenden Umstände"
entschieden werden soll, um Präzedenzfälle zu schaffen, die Tausenden anderer Richter und den Hunderttausenden Anwälten im Land als Entscheidungsgrundlage dienen.
Jeder Oberste Richter hat das Recht auf die Hilfe von
vier Mitarbeitern, jungen Männern und Frauen, die
unter den absolut besten Universitätsabsolventen
ausgewählt werden. Die meisten Richter bitten diese
brillianten jungen Mitarbeiter, die eingehenden Fälle zu
prüfen und wichtige Fragen im Hinblick auf die Bundesgesetzgebung zu finden, die für die anderen Gerichtssäle des Landes entschieden werden sollten. Das ist
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�eine große Verantwortung, und ein Oberster Richter,
der 83jährige William Brennan, hat den Ruf, die enorme Papierflut, die 5.000 Fälle mit sich bringen, selbst
zu lesen.
Einer Schätzung zufolge wendet ein Oberster Richter
etwa ein Sechstel seiner Zeit für die erste Phase, die
Auswahl der zu verhandelnden Fälle, auf.
Die Sitzungsperiode - der Zeitraum, in dem die Obersten Bundesrichter Fälle verhandeln und beraten dauert neun Monate jährlich. An drei Tagen im Monat
versammeln sich die Richter in ihrem Konferenzzimmer, um darüber abzustimmen, welche Fälle zur Verhandlung kommen. Bei dieser Abstimmung kann auch
eine Minorität gewinnen. Sprechen sich mindestens
vier Richter dafür aus, über einen Fall zu verhandeln,
so wird er als einer von jährlich 150 Fällen zur Verhandlung zugelassen.
Neunzehn von 20 Fällen werden ohne Verfahren
abgewiesen. In diesen Fällen bleibt die Entscheidung
der Vorinstanz bestehen, die aber keinen landesweit
gültigen Präzedenzfall darstellt. Dahinter steht die
Haltung, daß dem Grundsatz, demzufolge jedem
Prozeßführer sein "Tag vor Gericht" zusteht, dadurch
Genüge getan wurde, daß bereits mindestens zwei
Vorinstanzen über den abschlägig beschiedenen Fall
verhandelt haben.
Die Tätigkeit als Oberster Bundesrichter verlangt ein
besonderes Temperament. Vor einigen Jahrzehnten
gab es einmal einen Richter, der mehr als gewissenhaft war und an den sich noch manch ein heutiger
Mitarbeiter des Obersten Bundesgerichts erinnert. Dank
seines großen Erfahrungsschatzes konnte er bei jeder
Frage zumindest zwei Seiten erkennen. Jede Entscheidung stürzte ihn in Gewissenskonflikte. Häufig
besteht im Gericht ein Patt von vier zu vier Stimmen,
so daß die Stimme eines einzelnen Richters einen
bindenden, landesweit gültigen Präzedenzfall schaffen kann. Von der Not getrieben, fällte dieser Richter
zwar letztlich seine Entscheidung und stimmte ab,
beschäftigte sich wenig später jedoch erneut mit den
Gegenargumenten und kam zu dem Schluß, er habe
sich geirrt. Der Richter verlie ß schlie ßlich das Oberste
Bundesgericht mit einem Nervenzusammenbruch.
Gerichtsbeobachter - und davon gibt es unter amerikanischen Juristen eine ganze Menge - zerbrechen sich
häufig den Kopf über die Motive des einzelnen Richters. Ein Richter unterhielt sich einmal mit mir über
diese Frage. Er erklärte:
"Ich bin sicher, daß einige meiner alten Freunde von
meinem Stimmverhalten enttäuscht sind. Und sicherlich ist es so, daß ich anders abstimmen würde, wenn
ich Mitglied im Kongreß wäre. Aber ich bin nicht
Mitglied im Kongreß. Ich bin nicht dafür zuständig, die
Gesetze abzufassen. Meine Tätigkeit besteht darin,
die von Kongreßabgeordneten geschriebenen Gesetze anzuwenden."
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Er und die anderen Richter prüfen die eingehenden
Fälle, untersuchen die anzuwendenden Gesetze und
vergleichen dann diese Gesetze mit dem Wortlaut der
Verfassung. Wenn die Gesetze die verfassungsmäßige Überprüfung bestehen, werden sie angewandt, und
der Fall wird entschieden.
Entscheiden ist das Schlüsselwort, wie mir ein anderer
Richter einmal erklärte. Jemand muß entscheiden,
und in den Vereinigten Staaten ist diese Person häufig
der Oberste Bundesrichter. Das Gericht orientiert sich
gerne an Präzedenzfällen. Es folgt der Doktrin des
stare decisis, d.h. bereits getroffene Entscheidungen
aufrechtzuerhalten. Bisweilen hat das Gericht jedoch
- wenn auch widerstrebend und trotz der verwirrenden
Folgen für nachgeordnete Gerichtsinstanzen - von ihm
selbst gesprochene Urteile wieder rückgängig gemacht.
Der ehemalige Vorsitzende Oberste Bundesrichter
Burger drückte es einmal folgendermaßen aus: "Wir
Richter sind unfehlbar! Denn wir sitzen hier im Gericht.
Wir sind jedoch nicht hier im Gericht, weil wir unfehlbar
sind!"
Ein häufig beim Gericht diskutiertes Thema ist die
Frage, ob die Richter überarbeitet sind. Verlangt man
nicht zuviel von Menschen aus Fleisch und Blut, so
gesetzeskundig sie auch sein mögen? Burger und der
verstorbene William O. Douglas vertraten dazu unterschiedliche Ansichten. Der ehemalige Vorsitzende
Oberste Bundesrichter erinnerte sich daran, daß die
Obersten Bundesrichter, als das Oberste Bundesgericht gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch seinen
Sitz im Wall-Street-Viertel von New York hatte, Fälle
von der ersten Instanz bis zum Ende verhandelten.
Damit aber waren die ursprünglich fünf Obersten
Bundesrichter eindeutig überlastet, und deshalb wurde das Oberste Bundesgericht erweitert. Eine neue
gerichtliche Instanz wurde eingeführt, die Bundesbezirksgerichte (Federal District Courts). Letztere führten die ersten und häufig endgültigen Verfahren durch.
Eine Zeitlang reichte dies aus, aber am Ende des 19.
Jahrhunderts war eine neue Instanz erforderlich geworden, die Bundesberufungsgerichte (Federal Courts
of Appeal). Vielleicht war es sogar an der Zeit, noch
eine weitere Instanz zwischen den Berufungsgerichten und dem Obersten Bundesgericht zu schaffen.
Dieser neue Gerichtshof könnte die eingereichten
5.000 neuen Fälle durchforsten, etwa 500 davon an
das Oberste Bundesgericht weiterleiten und vielleicht
100 bis 200 selbst "aufgrund der besonderen Umstände" entscheiden und damit Präzedenzfälle schaffen.
Viele Juristen sind sich darin einig, daß mehr als 150
Präzedenzfälle schaffende Urteile notwendig sind, um
den juristischen Interessen des Landes gerecht zu
werden.
Einer Lösung für die Probleme des Obersten Bundesgerichts widersetzte sich Burger jedoch: der Erweiterun des Gerichts, zum Beispiel auf 15 Oberste Bundesrichter. Es war bereits äußerst schwierig, fünf
Seite 3

�Richter zu einer gemeinsamen Meinung zu bewegen.
Es wäre noch wesentlich schwieriger, acht Übereinstimmungen herzustellen. Das Oberste Bundesgericht kennt keine verschiedenen Senate. Alle neun
Richter stimmen über jeden Fall ab.

jemandem zusammen gedient, den ich nicht leiden
konnte."

Der überhebliche William O. Douglas vertrat eine
abweichende Auffassung. Als Mann mit blitzschneller
Urteilsgabe und einer tiefverwurzelten Leidenschaft
für die Sache des "kleinen Mannes" war er der Meinung, die Arbeit des Gerichts ließe sich in der Hälfte
der Zeit bewältigen, die von anderen Richtern für
notwendig erachtet wurde. Um sein Argument zu
untermauern, daß jedes Jahr viel Zeit übrigbleibt,
schrieb er über 30 Bücher.

"Aber", drängte der Reporter, "meinen Sie nicht auch,
daß jeder Präsident die Richter aussucht, die seinem
eigenen Bild entsprechen?" Mit anderen Worten:
würde ein Nixon nicht auch Nixons auswählen, und wie
könnte ein Liberaler wie Douglas das gutheißen?

Wenn einige Beobachter darüber erstaunt waren, daß
der "Nixon-Gerichtshof" Warren Burgers beim Tonbandfall einstimmig gegen Präsident Nixon votierte,
so lag dies nur daran, daß sie eine Binsenweisheit im
Hinblick auf das Oberste Bundesgericht vergessen
hatten: Der Präsident ernennt die Richter, nach seiner
Ernennung ist der Richter jedoch auf sich allein gestellt
und trägt niemandes Farben.
Dies wurde mir in den siebziger Jahren verdeutlicht, als
Richter Douglas mit über 34 Jahren den Rekord für die
längste Amtszeit beim Obersten Bundesgericht brach.
Das Oberste Bundesgericht veranstaltet keine Pressekonferenzen, aber ich diskutierte mit Richter Douglas darüber, daß wir in einem solch historischen
Augenblick eine Ausnahme machen sollten. Er stimmte widerstrebend zu, und acht Fernsehteams versammelten sich in unseren Marmorhallen. Ich warnte den
Richter davor, daß Journalisten ihn wahrscheinlich
dazu bringen wollten, seine neuen konservativen, von
Nixon ernannten Kollegen anzugreifen. Ich war der
Meinung, daß solch öffentlich zur Schau getragene
Uneinigkeit im Zentrum des Justizwesens nur nachteilig sein konnte. Der Richter versicherte mir, daß er
solchen Rates nicht bedürfe.
"Ich bin schon länger hier tätig als Sie", versicherte er
mir.
Welche

Meinungsverschiedenheiten

auch

"Ja", erwiderte der Richter. "Jeder Präsident versucht, das zu tun. Und wäre ich Präsident, würde ich
das auch versuchen. Aber wie Sie wissen, liegen die
Fragen, mit denen sich ein Präsident beschäftigt, für
uns als Nation bereits in der Vergangenheit. Die
Fragen, die ein neuer Richter zu behandeln hat, liegen
vor uns in der Zukunft, und ein Präsident kann diese
ebenso wenig wie wir alle vorhersehen!"
Was der Richter damit ausdrückte, entsprach sicherlich der Wirklichkeit. Auch wenn sie es noch so sehr
versuchen, können Präsidenten das künftige Stimmverhalten der von ihnen ernannten Richter nicht vorhersagen. So ernannte der konservative Dwight Eisenhower William Brennan, der konsequent die Sache
der Liberalen unterstützte. Dagegen war der einzige
von dem Liberalen John Kennedy ernannte Oberste
Bundesrichter, Byron White, ein Mann der Mitte, der
häufig der konservativen Mehrheit half.
Zwischen den Richtern besteht ein Altersunterschied
von einem Vierteljahrhundert, wobei die einzige Frau,
Sandra Day O'Connor, mit 59 Jahren zu den jüngsten
zählt und mehrere, darunter der einzige Schwarze,
bereits das Alter von achtzig überschritten haben oder
kurz davor stehen. Darin liegt eines der ungelösten
Probleme des Obersten Bundesgerichts. Indem sie
eine praktisch lebenslange Amtszeit der Bundesrichter vorsahen, um damit den Zufällen von Modeerscheinungen vorzubeugen, versäumten es die Gründerväter, eine Regelung für ein angemessenes Pensionierungsalter zu treffen. Jeder Richter entscheidet selbst,
wann er sich von diesem aufreibenden aber faszinierenden Lebenswerk zurückziehen möchte.

immer

bestehen werden - und davon gibt es eine Menge,
wenn die acht Männer und eine Frau sich mit den
schwierigsten nationalen Fragen auseinandersetzen so besteht doch eine Ergebenheit für die Institution
selbst, die alle Obersten Bundesrichter vereint. Kein
Mitglied des Gerichts würde sie vorsätzlich beschädigen.
Als die historisch einmalige Pressekonferenz begann,
stellte einer der Journalisten die erwartete Frage:
"Was halten Sie von der gegenwärtigen Zusammensetzung des Gerichtshofs?"
"Ich diene seit 34 Jahren", erwiderte Richter Douglas
kühl. "Und in all den Jahren habe ich niemals mit

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Politische Meinungsverschiedenheiten seien eine Sache.
Menschlicher Respekt und Freundschaft eine andere.

Der Kongreß hat Anreize bereitgestellt, um alte Richter
zum Rücktritt zu veranlassen. Jeder Richter, der
mindestens 10 Jahre an einem Bundesgericht gedient
und das 70. Lebensjahr vollendet hat, kann bei vollem
Gehalt auf Lebenszeit in den Ruhestand treten und
behält gleichzeitig bei Gericht ein Büro mit einer Sekretärin, einem Sachbearbeiter und einem Boten. Darüber hinaus kann der pensionierte Richter auf seinen
Wunsch von Zeit zu Zeit bei einem Bundesberufungsgericht Dienst tun. Nur wenige Richter nehmen dieses
Angebot an. Richter Oliver Wendell Holmes, eine der
hervorstechendsten Persönlichkeiten des Obersten
Bundesgerichts in diesem Jahrhundert, tat auch noch
mit über 90 Jahren seinen Dienst.

AMERIKA DIENST 19

�Das nach einem erfolgreichen nationalen Befreiungskrieg im 18. Jahrhundert geschaffene Oberste Bundesgericht tritt in das dritte Jahrhundert seines Beste-

*

hens ein. Dieses Herzstück des amerikanischen
Rechtssystems ist dabei immer noch äußerst lebendig
und erfreut sich bester Gesundheit.

* * *

*

&gt;

&gt;

AMERIKA DIENST 19

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�</text>
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