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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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6. März 1991

GOLFKRIEG

DIE POSITION DER VEREINIGTEN STAATEN
IM GOLFKONFLIKT
Erläuterungen des Gesandten George F. Ward

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
IN "SCHWIERIGER PHASE"
Zoellick vor Senatsausschuß

AUSLANDSHILFE

PLAN DER US-AUSLANDSHILFE FÜR 1992
Übersicht über den Antrag der'Regierung

WIRTSCHAFT

DIE US-HANDELSPOLITIK 1991
Präsident Bush stellt das neue Programm vor

MENSCHENRECHTE

SCHIFTER: ZUNEHMENDE WAHRUNG DER
MENSCHENRECHTE
Rede des Abteilungsleiters vor Unterausschuß
des Kongresses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�GOLFKRIEG
6. März 1991

DIE POSITION DER VEREINIGTEN STAATEN
IM GOLFKONFLIKT
Erläuterungen des Gesandten George F. Ward
SANKT AUGUSTIN - (AD) - In seiner Einführung zur Position der Vereinigten Staaten im Golfkonflikt unterstrich
der Gesandte bei der US-Botschaft in Bonn, George F. Ward, am 6. März 1991 vor Mitarbeitern der KonradAdenauer-Stiftung in Sankt Augustin, bei dem Krieg am Golf habe es sich nicht um eine rein amerikanische
Angelegenheit, sondern eine internationale Operation und einen Krieg Saddam Husseins gegen den Rest der
Welt gehandelt, dessen Ziel die Auslöschung der nationalen Identität Kuwaits gewesen sei.
Der Gesandte verwies darauf, daß mit dem irakischen Überfall auf Kuwait "die erste Weltkrise nach dem Ende
des kalten Krieges" begonnen habe und fügte hinzu: "Wäre der Überfall auf Kuwait ohne Antwort geblieben, so
spricht alles dafür, daß wir uns zu einem späteren Zeitpunkt neuen und größeren Katastrophen gegenübergesehen hätten."
Zur Position der Vereinigten Staaten erläuterte der Gesandte, mittelfristig werde die Stellung des Irak in der
Region im Hinblick auf die Sicherheitsbelange seiner Nachbarn neu zu bestimmen sein, und auf lange Sicht
strebten die Vereinigten Staaten eine umfassende Friedensordnung für den gesamten Nahen Osten an.
Abschließend bemerkte Ward, die amerikanischen Ziele seien zwar ehrgeizig, "aber wir haben Partner, mit
denen wir einen Krieg gewinnen konnten. Wir glauben daran, daß wir mit ihnen auch den Frieden sichern
können."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erläuterungen des Gesandten im Wortlaut.

Sehr geehrter Herr Dr. Vogel, meine sehr verehrten
Damen und Herren,
ich danke Ihnen für die Gelegenheit, Ihnen die Position
meiner Regierung in dem Konflikt am Persischen Golf
darzulegen. Seit dem 28. Februar schweigen zwar die
Waffen, aber wirklicher Friede ist noch nicht eingekehrt. Ich möchte rekapitulieren, warum und wofür wir
gekämpft haben, und ich werde versuchen, einen
Ausblick auf die Zukunft zu geben.
Der Krieg am Golf war keine rein amerikanische Angelegenheit. Es handelte sich um eine internationale
Operation, die von 38 Staaten und einer multinationalen Gruppe, dem Golf-Kooperationsrat, aktiv getragen
oder materiell unterstützt wurde. Die Ziele der Operation Wüstensturm wurden nicht von den Vereinigten
Staaten, sondern vom UN-Sicherheitsrat in zwölf
Resolutionen definiert. Dies war ein Krieg Saddam
Husseins gegen den Rest der Welt.

AMERIKA DIENST 9

Der Golfkrieg begann nicht erst am 16. Januar 1991,
sondern bereits am 2. August 1990. An diesem Tag
überfiel der Irak Saddam Husseins ein kleines und
nahezu wehrloses Nachbarland. Der Irak tat dies ohne
Grund und ohne auch nur im mindesten provoziert
worden zu sein. Der irakische Einmarsch in Kuwait war
ein Akt nackter Aggression, begangen von einem
Diktator, dem es um nichts weiter ging als um die
Vergrößerung seiner Machtfülle. Die irakischen Besatzungstruppen übten in Kuwait eine Schreckensherrschaft aus. Mord, Folter und Plünderung waren an
der Tagesordnung. Das Ziel der Irakis war die Auslöschung der nationalen Identität Kuwaits.
All dies veranlaßte Präsident Bush zu dem Wort, daß
der Konflikt mit dem Irak eine Frage von Schwarz und
Weiß sei. In der Tat gab es in diesem Konflikt keine
Ambivalenz. Welche Seite für das Völkerrecht kämpfte und welche es fortgesetzt brach, war unzweideutig.

Seite 1

�Nur darum konnte so schnell eine internationale Koalition höchst unterschiedlicher Staaten gegen den
Aggressor gebildet werden.

Haftung des Irak für alle angerichteten Schäden sowie
Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit in der
Region.

Der irakische Überfall war aus verschiedenen Gründen nicht hinnehmbar. Erstens mußte die Völkergemeinschaft unverzüglich und mit Entschiedenheit
demonstrieren, daß Aggression sich nicht lohnt und
nicht geduldet wird. Das Ende des Ost-West-Konflikts
erfüllte uns alle mit der Hoffnung, daß es nun möglich
sei, eine neue und friedlichere Welt aufzubauen. Wenn
nackte Aggression aber ungeahndet bleibt, dann kann
es nur allzu leicht sein, daß diese neue Welt noch
anarchischer und gewalttätiger wird als es die alte war.
Mit dem irakischen Überfall auf Kuwait begann die
erste Weltkrise nach dem Ende des kalten Krieges. Es
stand von vornherein fest, daß sie einen Präzedenzfall
schaffen und eine Weichenstellung bilden würde,
entweder in Richtung einer stabileren Weltordnung
oder aber in Richtung Chaos. Ein Erfolg Saddams
hätte eher früher als später Nachahmer gezeugt. Sein
Scheitern wird andere Despoten nachdenklich stimmen.

Dies waren die Ziele der Vereinigten Staaten und ihrer
Verbündeten am Golf. Präsident Bush und Mitglieder
seines Kabinetts taten ein übriges, indem sie wiederholt erklärten, welche Ziele wir nicht verfolgten. Wir
haben nicht gegen das irakische Volk gekämpft. Wir
erkennen die Stellung des Irak in der Region an. Wir
haben nicht die Absicht, ihn so weitgehend zu destabilisieren, daß er selbst zur Zielscheibe für Aggression
werden könnte. Wir wollten den Irak weder erobern
noch besetzen. Wir wollen keine Veränderung der
Grenzen des Irak. Wir sind nicht daran interessiert,
langfristig größere Kontingente an amerikanischen
Bodentruppen in der Golfregion zu stationieren.

Zweitens ist der Nahe Osten eine der explosivsten und
konfliktträchtigsten Regionen der Welt. In einem solchen Umfeld ist eine aggressive, gefährlich hochgerüstete Militärmacht unter dem Kommando eines völlig
bedenkenlosen Diktators wie ein vorbestrafter Brandstifter, der mit einer Fackel in der Hand in ein Pulvermagazin eindringt. Ein erfolgreicher Saddam hätte in
Kuwait niemals haltgemacht. Wäre sein Überfall auf
Kuwait ohne Antwort geblieben, so spricht alles dafür,
daß wir uns zu einem späteren Zeitpunkt neuen und
größeren Katastrophen gegenübergesehen hätten.
Drittens lagert im Nahen Osten der Großteil der Erdölreserven dieses Planeten. Die gesamte Weltwirtschaft hängt von dieser Region auf Gedeih und Verderb ab. Die Vorstellung, die Energieversorgung großer Teile der Welt von den Launen eines Diktators auf
Aggressionskurs abhängig zu machen, wäre abenteuerlich gewesen.
All diese Gefahren wurden weltweit erkannt und veranlaßten die Völkergemeinschaft zum Handeln. Ihre
erste Reaktion erfolgte noch am 2. August 1990 in
Form der Resolution 660 des UN-Sicherheitsrats. Sie
enthielt erstmalig die Forderung, die das zentrale
Kriegsziel der Koalition blieb - sofortiger und bedingungsloser Rückzug aller irakischer Streitkräfte aus
Kuwait.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen konkretisierte der UN-Sicherheitsrat in elf weiteren Resolutionen, was zur Beilegung der Krise notwendig sei:
Wiederherstellung der Souveränität, Unabhängigkeit
und territorialen Unversehrtheit Kuwaits, Wiedereinsetzung seiner legitimen Regierung, die Nichtigkeitserklärung des irakischen Annexionsbeschlusses,

Seite 2

Nach der Befreiung Kuwaits, der weitgehenden Vernichtung der irakischen Feldarmee und der Anerkennung aller zwölf UN-Resolutionen durch den Irak am
27. Februar dürfen wir die Kriegsziele der Koalition als
weitgehend erreicht betrachten. Was bleibt zu tun?
Wie gelangen wir von der Waffenruhe zum Frieden?
Konkrete Antworten auf diese Fragen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Wir sprechen
hier von einer Gleichung mit vielen Unbekannten.
Die unmittelbaren Aufgaben sind noch klar umreißbar
und eher technischer Natur: Bestimmung der militärischen Bedingungen eines Waffenstillstands, Repatriierung der Kriegsgefangenen sowie der in den Irak
verschleppten Zivilisten, Beseitigung der irakischen
Minenfelder, Löschung der Ölbrände und Wiederherstellung der Grundversorgung der Bevölkerung von
Kuwait mit Dingen wie Wasser und Elektrizität.
Mittelfristig wird die Stellung des Irak in der Region im
Hinblick auf die Sicherheitsbelange seiner Nachbarn
neu zu bestimmen sein. Auch die Frage der Wiedergutmachung der immensen vom Irak angerichteten
Schäden wird zu klären sein. Wie die Lösung dieser
Probleme aussehen wird, hängt in starkem Maße von
der inneren Entwicklung des Irak ab. Ein Irak mit
Saddam Hussein wird sich zweifellos mehr Vorbehalten und weitreichenderen Forderungen nach Sicherheitsauflagen gegenübersehen als ein Irak ohne Saddam Hussein.
Machen wir uns keine Illusionen: Der Irak beugte sich
den Forderungen des UN-Sicherheitsrats nicht aus
Einsicht, sondern mangels weiterer Möglichkeiten zur
Fortführung des Krieges. Gebrochen wurde nur Saddams Kriegsmaschinerie, nicht sein Wille zur Aggression. Noch am 26. Februar, einen Tag vor Kriegsende,
hielt er eine Rede, die alles andere als eine Friedensbotschaftwar und in der er Kuwait weiterhin als Teil des
Irak bezeichnete. Bleibt Saddam an der Macht, so
werden die Koalition und der UN-Sicherheitsrat Vorkehrungen gegen eine irakische Wiederaufrüstung

AMERIKA DIENST 9

�treffen müssen. Zu denken wäre vor allem an ein
Waffenembargo.
Langfristig streben die Vereinigten Staaten eine umfassende Friedensordnung für den gesamten Nahen
Osten an. Ihre Gestalt und der Weg zu ihrer Verwirklichung sind offen. Dies erfordert die Mitwirkung aller
Staaten der Region. Die Vereinigten Staaten haben
bislang keine praktischen Konzepte, wohl aber Ziel vorstellungen. Diese lassen sich in fünf Komplexe gliedern.
Erstens sollte für die Region ein sicherheitspolitischer
Rahmen geschaffen werden. Beruhen sollte er auf der
allgemeinen Anerkennung bestimmter Grundsätze.
Hierzu zählen die Ächtung jeglicher Aggression, die
Garantie der Souveränität und territorialen Unversehrtheit aller Staaten der Region sowie die Verpflichtung zurfriedlichen Regelung von Streitfragen. Dieses
Rahmenwerk müssen die unmittelbar Betroffenen im
wesentlichen selbst schaffen, und keiner der Staaten
der Region darf hiervon ausgeschlossen werden. Wie
ich schon sagte, streben die Vereinigten Staaten keine
dauerhafte Präsenz größerer Kontingente an Bodentruppen an.
Zweitens brauchen wir regionale Rüstungskontrolle
und Vorkehrungen gegen unbegrenzte Rüstungslieferungen in einen Teil der Welt, der ohnehin bereits
übermilitarisiert ist. Solche Kontrollmechanismen
mü ßten sowohl auf konventionelle Waffen als auch auf
Massenvernichtungsmittel Anwendung finden. Außerdem müssen wir das Problem des Exports gefährlicher Technologien energisch angehen. Seine Lösung erfordert ein hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit. Die Vereinigten Staaten würden deutsche oder europäische Initiativen begrüßen.
Drittens muß der wirtschaftliche Wiederaufbau der
nicht nur von diesem Krieg betroffenen Länder in
Angriff genommen werden. Darüber hinaus sollten
Abkommen über die wirtschaftliche Entwicklung und
Zusammenarbeit der gesamten Region ins Auge gefaßt werden, vielleicht sogar eine Art Nahost-EG.
Wichtige Einzelprojekte könnten den Anfang bilden,
z.B. ein Wasserwirtschaftsplan für die Region.

AMERIKA DIENST 9

Viertens muß eine arabisch-israelische Aussöhnung
erreicht werden. Hierzu gehört auch die Lösung des
Palästinenserproblems. Ein solches Ziel mag unrealistisch erscheinen, denn dieser und die vorausgegangenen Konflikte haben Feindschaft geschaffen und
Gräben aufgerissen. Aber auch Deutschland und
Frankreich galten über Generationen hinweg als Erbfeinde. Auch die Fronten im südlichen Afrika galten
einmal als erstarrt und sind heute doch in Bewegung.
Ein solcher Aussöhnungsprozeß kann seiner Natur
nach nur langfristig angelegt sein. An seinem Anfang
sollten nach Möglichkeit bilaterale Kontakte zwischen
den betroffenen Ländern stehen. Eine große internationale Konferenz wäre verfrüht und könnte mehr
Schaden als Nutzen stiften. Ich warne auch vor der
Vorstellung, daß es nun die Aufgabe der Vereinigten
Staaten sei, die Israelis an den Verhandlungstisch zu
bringen, während die Europäer in diesem Sinne auf die
Araber einwirken. Vielmehr ist enge Zusammenarbeit
mit allen Beteiligten erforderlich. Die Herstellung besserer
und vertrauensvollerer Beziehungen zwischen den
Israelis und den Europäern würde den Friedensprozeß
sicherlich einen großen Schritt voran bringen.
Fünftens sollten die Industriestaaten ihre Abhängigkeit
von Ölimporten aus dem Nahen Osten verringern.
Beim derzeitigen Stand der Dinge sind sie erpreßbar,
was für jeden Aggressor einen Anreiz zum Griff nach
den Ölfeldern schafft.
Diese Ziele sind umfassend und weit gesteckt, und sie
müssen es sein, denn die Probleme des Nahen Ostens
stehen in Wechselwirkung zueinander. Religiöse und
nationale Gegensätze schaffen Bedrohungsängste,
Bedrohung führt zu Rüstung, Rüstung schafft Wirtschaftsprobleme und Armut, Armut gebiert Radikalismus, Radikalismus verschärft religiöse und nationale
Gegensätze.
Unsere Ziele sind ehrgeizig, aber wir haben Partner,
mit denen wir einen Krieg gewinnen konnten. Wir
glauben daran, daß wir mit ihnen auch den Frieden
sichern können.

Seite 3

�USA-SOWJETUNION
6. März 1991

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN IN
"SCHWIERIGER PHASE"
Zoellick vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen steht eine "schwierige Phase" bevor.
Dies ist die Einschätzung von Robert Zoellick, einem führenden Beamten im US-Außenministerium. In seiner
Erklärung voreinem Unterausschuß für europäische Angelegenheiten des Senats stellte Zoellick am 28. Februar
1991 andererseits fest, beide Länder arbeiteten auf Gebieten beiderseitigen Interesses weiterhin zusammen,
und er würdigte die sowjetische Unterstützung für die Koalition gegen den Irak. "Was am Golf geschehen ist,
wäre ohne sie nicht möglich gewesen", erklärte er.
Schewardnadses Rücktritt sei ein "Weckruf - ein Weckruf für Gorbatschow und ein Weckruf für die Reformer".
Beide Parteien sollten darauf hören. Er kritisierte Gorbatschows "Schwenk nach rechts" und prognostizierte,
sein gegenwärtiges Reformprogramm werde "unproduktiv" sein.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Erklärung von Zoellick im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, ich begrüße diese Gelegenheit,
über die jüngsten Ereignisse in der Sowjetunion und
die amerikanische Reaktion berichten zu können. Ich
habe meine Erklärung in vier Themenbereiche gegliedert:
Wichtige Grundsätze der US-Politik gegenüber
der Sowjetunion 1989 -1990.
Analyse der jüngsten Ereignisse.
Ausblick.
Folgerungen für die US-Politik.
Wichtige Grundsätze der US-Politik gegenüber
der Sowjetunion 1989 -1990
Bei der Analyse unseres künftigen Kurses ist es nützlich, die wichtigsten Elemente unserer heutigen Politik
Revue passieren zu lassen. Damit werden die Grundrichtung umrissen und die Gründe für unseren gegenwärtigen Weg erklärt.
Im Mai 1989 erklärte der Präsident, es sei an der Zeit,
"über die Politik des Containment hinaus" zu gehen.
Angesichts des Bruchs in den traditionellen sowjetischen Verhaltensmustern war es unseres Erachtens
wichtig, die Möglichkeit zur Vollendung seit langem
bestehender westlicher Ziele beim Schopf zu packen

AMERIKA DIENST 9

und gleichzeitig der UdSSR den Weg zu ebnen, um
eine konstruktive Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft zu spielen.
Außenminister Baker erläuterte unsere Haltung gegenüber der Sowjetunion in Reden im April und Oktober 1989. In einer dritten Rede im Oktober 1990
untersuchte er unsere Fortschritte und erläuterte unsere
weitere Strategie.
Kurzgesagt bestand unsere Strategie darin, mögliche
Punkte beiderseitigen Vorteils für die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion zu erkunden und weiterzuentwikkeln. Folgerichtig stellten wir Sondierungen im Hinblick auf das "neue Denken" in der sowjetischen
Außenpolitik an und waren bestrebt, sowjetische politische Einschätzungen zu beeinflussen und - soweit
dies möglich war - zu verändern, damit sich die Sowjets
der Widersprüche zwischen neuem Denken und alten
Gewohnheiten bewußt würden. Wir versuchten, Vorschläge so zu formulieren, daß die Vorteile für beide
Parteien betont wurden. Damit waren wir bestrebt, die
alte Nullsummenlogik zwischen Ost und West zu
überwinden, derzufolge ein Gewinn für eine Seite
einen Verlust der anderen bedeutete.
Unsere Strategie erforderte die Erweiterung unserer
Tagesordnung mit den Sowjets. Wir fügten neue
Punkte hinzu. Wir schlugen neue Ansätze vor.

Seite 1

�Unser erstes Ziel bestand darin, mit den Sowjets bei
der Überwindung der Teilung Europas, des wahren
Ursprungs des kalten Krieges, zusammenzuarbeiten.
Nach vielen Jahrzehnten hatten die Entschlossenheit
des Westens und der Schutz der NATO freie und
wohlhabende Staaten hervorgebracht, die mit Diktaturen Tür an Tür lebten. Als die mit dieser Kluft konfrontierten Menschen hinter dem Eisernen Vorhang die
Freiheit wählten, suchten wir die Sowjets davon zu
überzeugen, daß die friedliche Entstehung demokratischer Regierungen und Marktwirtschaften in ganz
Mittel- und Osteuropa uns allen - Ost und West zugutekommen würde. Die alten unrechtmäßigen
Regime seien im Verfall begriffen, weil sich in ihnen
nicht die Zustimmung der Regierten widerspiegelte
und weil sie sich nicht den freien Willen freier Menschen zunutze machen konnten. Ihre Erhaltung wäre
sowohl wirtschaftlich als auch deshalb kostspielig, weil
sie die Sowjetunion daran hindern würde, die von ihr
angestrebte Öffnung zum Westen zu erreichen. Unser
Ansatz war kooperativ und bestärkend, nicht bedrohend. Dieser Ansatz - die Bemühung, keine Partei in
Europa zu singularisieren oder isolieren, wenn sie die
freiheitlichen Bestrebungen respektierte - war ein
wichtiger Beitrag zur friedlichen und demokratischen
Vereinigung Deutschlands.
Zweitens haben wir unser gemeinsames Interesse an
der friedlichen Beilegung regionaler Konflikte betont
und waren häufig bestrebt, Wahlen als Mittel zur
Schaffung von Legitimität und Feststellung des Willens der dort ansässigen Bevölkerung einzusetzen.
Um ein angemessenes Umfeld für Wahlen zu schaffen, versuchten beide Seiten, ihren jeweiligen Einfluß
geltend zu machen, um streitende Parteien davon zu
überzeugen, daß der weitere Einsatz von Gewalt keine
dauerhafte Lösung herbeiführen würde. Dies war in
etwa die Formel für unsere kooperativen Bemühungen
in Nicaragua, Kambodscha, Angola und Afghanistan.
Diese Erfahrung lieferte die Grundlage für die unverzügliche gemeinsame amerikanisch-sowjetische Verurteilung des irakischen Angriffs auf Kuwait - die
gemeinsame Erklärung der Außenminister Baker und
Schewardnadse vom 3. August 1990 -, die wiederum
Grundlage für die einmaligen multinationalen und UNMaßnahmen war.
Drittens versuchten wir unsere Unterstützung für die
Perestrojka auf praktische Art und Weise zu demonstrieren. Wir erweiterten unsere Tagesordnung bei
den Menschenrechten, indem wir durch Aufbau von
Rechtsstaatlichkeit diese Rechte zu institutionalisieren versuchten. Wir leiteten ein Programm technischer Wirtschaftszusammenarbeit in die Wege, um
die Entwicklung marktwirtschaftlicher Reformen zu
fördern. Wirsondierten unser gemeinsames Interesse
an der Behandlung grenzüberschreitender Herausforderungen, darunter Rauschgifthandel, Terrorismus und
Umwelt.

Seite 2

Viertens erweiterten wir die Tagesordnung in der
Rüstungskontrolle durch zwei Maßnahmen: wir forderten eine Behandlung des Ungleichgewichts bei
konventionellen Waffen in Europa, und wir loteten
unser gemeinsames Interesse aus, die Aufrüstung mit
neuen Massenvernichtungswaffen anzuhalten und
umzukehren. Diese Bemühungen führten zu Abkommen über KSE (Konventionelle Streitkräfte in Europa)
und die Vernichtung chemischer Waffen.
Meines Erachtens kann diese Strategie eine erfolgreiche Bilanz vorweisen, obwohl sicherlich kein Zweifel
daran besteht, daß unsere Arbeit noch lange nicht
vollendet ist. Die Rote Armee verläßt Mittel- und
Osteuropa. Die Nationen hinter dem ehemaligen
Eisernen Vorhang haben heute die Chance, einen
neuen Kurs der Demokratie und Marktwirtschaft zu
steuern. Wir haben bedeutende Schritte zur Begrenzung und Kanalisierung der sowjetischen militärischen
Bedrohung durch Rüstungskontrolle getroffen. Wir
haben eine Abschwächung des sowjetischen Hangs
zum Abenteurertum erlebt, und wir haben darüber
hinaus dazu beigetragen, sowjetische Kooperation bei
regionalen Konflikten überall auf der Welt zu fördern.
Ferner haben wir unser vertrauensvolles Engagement
unterstrichen, die politischen und wirtschaftlichen
Reformen in der Sowjetunion zu unterstützen, wenn
die sowjetische Führung weiterhin an diesem Kurs
festhalten wird.
Die zunehmende Unsicherheit über den künftigen Kurs
der Sowjetunion birgt drei wichtige Folgerungen für
diese Strategie. Erstens sollten wir danach trachten,
die in den letzten Jahren errungenen Vorteile zu sichern. Zweitens sollten wir weiterhin Möglichkeiten
sondieren, um neue Punkte beiderseitigen Vorteils für
die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten zu finden,
dabei aber das veränderte Umfeld berücksichtigen.
Drittens sollten wir versuchen, mit dieser Ungewißheit
so umzugehen, daß wir unsere Informationskanäle
und unsere Zugangsmöglichkeiten zu einer sich rasch
verändernden sowjetischen Gesellschaft ausbauen.
Analyse der jüngsten Ereignisse
Die Sowjetunion ist ein riesiges Land. Die Motivationen, Ängste und Interessen ihrer verschiedenen Völker sind enorm komplex. Der Kreml ist sicherlich nicht
das einzige Einflußzentrum, aber die politische Szene
wurde dominiert von dem Zusammenspiel vieler Kräfte
innerhalb der sowjetischen Gesellschaft mit den Handlungen eines bestimmten politischen Führers. Ich
möchte Ihnen deshalb eine mögliche Analyse dazu
anbieten, wie die jüngsten Veränderungen die Perspektive Präsident Gorbatschows und den Kurs der
sowjetischen Politik beeinflußt haben könnten.
Im Oktober 1989 machte Außenminister Baker zu den
sowjetischen Reformbemühungen eine Beobachtung,

AMERIKA DIENST 9

�die für die Untersuchung des Laufs der jüngsten Ereignisse dort ein nützlicher Ausgangspunkt ist. Er erklärte:
"Präsident Gorbatschow möchte die Sowjetunion neu
aufbauen. Dies ist die Quintessenz von Perestrojka
und Glasnost. Dies mag vielleicht im Jahr 1985 noch
nicht sein Ziel gewesen sein, aber die Fehlschläge der
frühen Reformbemühungen haben ihn und seine Mitarbeiter davon überzeugt, daß der Wandel die sowjetische Gesellschaft tiefer durchdringen mu ß. Dies sind
dem Nützlichkeitsprinzip verhaftete, zielgerichtete und
entschlossene Männer - wir sollten erkennen, daß sie
die Freiheit nicht um der Freiheit willen anstreben. Ihr
Ziel ist die Modernisierung der Sowjetunion, aber ihr
Bezugsrahmen ist nicht das Zeitalter der Vernunft oder
der Geist der Aufklärung. Als Nachfahren anderer
gro ßer russischer Erneuerer wie Peter der Gro ße oder
Alexander II. sind sie tief in der einzigartigen russischen Erfahrung verwurzelt."
Als Erneuerer und ausgleichendes Element zwischen
den politischen Kräften war Präsident Gorbatschow im
Spätsommer 1990 mit Erfolg, Verfall und Dilemmas
konfrontiert.
Indem er der Wahrheit freie Bahn schaffte, hatte er
begonnen, die schreckliche Bilanz des Kommunismus
bloßzustellen. Das alte System war diskreditiert. Im
Juli schürte Gorbatschow sogar die öffentlichen Ressentiments, um der alten Garde beim Parteitag der
KPdSU eine vernichtende Niederlage beizubringen.
Er besaß jedoch nichts, mit dem er die Kontrolle der
Partei über Staat und Gesellschaft hätte ersetzen
können, und die Probleme bedrängten ihn von allen
Seiten. Die neue Offenheit schien institutionelle Fähigkeiten und gesellschaftliche Normen rapide zu demontieren. Staatliche Institutionen, Exekutive und Legislative, schienen unfähig, in diese Bresche zu springen.
Es fand eine Erosion der Exekutivgewalt auf allen
Ebenen statt. Die gesetzgebenden Körperschaften
konnten debattieren, schienen jedoch unfähig zu
kohärentem Handeln; die von ihnen verabschiedeten
Gesetze wurden nicht in konkrete Maßnahmen umgesetzt.
Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich zusehends. Bewegungen, die mehr Autonomie oder sogar
die Sezession forderten, machten die schwierigen
Aufgaben der Schaffung einer neuen bürgerlichen
Gesellschaft und neuer wirtschaftlicher Verhältnisse
noch komplizierter. All dieses Durcheinander, das
sicherlich erklärbar und vielleicht sogar unvermeidlich
war, rief tief sitzende russische Ängste hervor. Gesellschaft und Wirtschaft schienen zu zerfallen, und offensichtlich war niemand in der Lage, etwas dagegen zu
unternehmen.
Trotz der Hoffnungen und des Enthusiasmus, die von
den Reformern hervorgerufen wurden, schienen sie
außerstande zu sein, als effektives Gegengewicht zu
AMERIKA DIENST 9

wirken; sie waren noch nicht in der Lage, diejenigen
Kräfte in der Gesellschaft auszugleichen, die sich von
den Veränderungen verängstigt und bedroht fühlten.
Deshalb versuchte Schewardnadse ihnen einen
"Weckruf" zu geben, indem er die Reformer mahnte,
sie müßten sich zusammenreißen.
Dagegen könnte es Gorbatschow so erschienen sein,
als ob die Institutionen der Rechten ehrliche, verständliche Lösungen dieser Probleme anboten - selbst
wenn dies keine wirklichen Antworten sind. Darüber
hinaus bleiben die Armee, der KGB, der militärisch-industrielle Komplex und die Kommunistische Partei
weiterhin mächtige Einflußgruppen. Alle fühlten sich
von den jüngsten Ereignissen bedroht. Ebenso schwer
wiegt die Tatsache, daß sie alle nationale Institutionen
und somit Instrumente sind, die von der sowjetischen
Führung eingesetzt werden könnten, um den Kräften
entgegenzuwirken, von denen sie wahrscheinlich
annimmt, daß sie die Modernisierung der Sowjetunion
untergraben.
Insgesamt könnte Gorbatschow folgende Faktoren
empfunden haben: innere wirtschaftliche und politische Probleme, die ihm weniger Bewegungsfreiheit
ließen. Fehlende Unterstützung (oder sogar eine
Bedrohung) seitens der radikalen Reformer, die schneller zu echter Demokratie, Kapitalismus und Unabhängikeit von Republiken gelangen wollten. Und Kräfte
auf der Rechten, die vermeintliche Lösungen und
gewohnte Instrumente anboten, um ihre eigenen Ängste
und die der Gesellschaft als Ganzes zu bewältigen.
Also wandte sich Gorbatschow der Rechten zu, aus
seiner Sicht zur Aufrechterhaltung seiner Glaubwürdigkeit als führender Politiker und zur Bewahrung der
Union. Im September lehnte Gorbatschow Schatalins
500-Tage-Plan ab und stieß die Reformer vor den
Kopf. Er hielt Ryschkow als seinen Ministerpräsidenten und bekräftigte damit seine Absicht, die bestehende Regierungsstruktur nicht anzutasten. Im Oktober
stellte Gorbatschow die Verabschiedung eines unverbindlicher formulierten Kompromißprogramms für
Wirtschaftsreformen sicher. Im Dezember erhielt er
als Präsident eine enorme neue Machtfülle, um dieses
Programm zu verwirklichen. Ebenfalls im Dezember
nahm Gorbatschow eine Neubesetzung der Schlüsselstellungen im Innen- und Justizministerium vor und
sicherte dem KGB und dem Militär stärkere Befugnisse im Inneren. Außenminister Schewardnadse trat
zurück und warnte vor einer Diktatur. Am Ende des
Jahres war nahezu das gesamte Perestrojka-Team
Gorbatschows abgetreten. Schließlich entschied sich
die sowjetische Führung im Januar für die Einschüchterungspolitik im Baltikum, die sich zu einer Demonstration von Macht und anschließend von Gewalt
entwickelte.
Gorbatschow mag davon ausgehen, daß er angesichts des auf ihn ausgeübten Drucks energisch handeln muß, um die Ordnung wiederherzustellen und die
Seite 3

�Reformen zu "retten". Es muß jedoch unbedingt
betont werden, daß dies sein Konzept von Reformen,
von der Modernisierung der sowjetischen Gesellschaft
ist und nicht das Konzept der radikalen Reformer, die
er so frei gemacht hat, daß sie sich eigene Gedanken
machen können. Präsident Gorbatschow mag von der
negativen Reaktion auf diese Maßnahmen in der
Sowjetunion und im Westen sogar ehrlich überrascht
gewesen sein. Vielleicht erwartete er, das Volk werde
ihm vertrauen, würde ihm einen Spielraum zugestehen.
Angesichts der stark negativen Reaktion des Westens
scheint Präsident Gorbatschow Schritte unternommen zu haben, um seine Verantwortung für einige
besonders kritikwürdige Merkmale seines Schwenks
nach rechts zu begrenzen, insbesondere im Baltikum.
Wahrscheinlich erkennt er, daß seine langfristigen
Hoffnungen auf Modernisierung der Sowjetunion die
Aufrechterhaltung einer Öffnung zum Westen erfordern. Aber die Modernisierung - und der Westen - sind
nicht wichtiger als das Überleben.
Trotzdem sollte man einige grundlegende Veränderungen nicht außer acht lassen, die in den vergangenen sechs Jahren in der Sowjetunion stattgefunden
haben. Einige Reformen haben Wurzeln geschlagen,
obwohl nur schwer zu sagen ist, wie tief diese gehen.
Die Menschen haben keine Angst mehr, die Regierung
und die alten Methoden in Frage zu stellen. Demonstrationen von über 200,000 Menschen in den Straßen
Moskaus können nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Die Kooperativen-Bewegung wächst
trotz ungeheurer Hindemisse weiter an (gegenwärtig
sind über sechs Prozent der sowjetischen Arbeitnehmer in Kooperativen tätig oder selbständig). Berichten
zufolge ist dem sowjetischen Militär unwohl bei der
Aussicht, im Falle von Unruhen gegen die eigene
Bevölkerung eingesetzt zu werden. Und obwohl sie
nicht auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms handeln, scheinen die neuen Führungen der
Republiken ein gemeinsames Interesse daran zu haben,
ein pluralistischeres System und eine gleichmäßigere
Verteilung der Macht zwischen der Zentrale und den
Republiken zu etablieren. Dies sind Veränderungen,
die wir ermutigen müssen; sie bieten die Chance einer
anderen Zukunft für die Sowjetunion.

Ausblick
Die Perestrojka war ein Programm zur politischen und
wirtschaftlichen Liberalisierung, mit dem die Sowjetunion modernisiert werden sollte. Präsident Gorbatschow wollte die Stagnation beenden. Er wollte den
Weg für neue Leute und unverbrauchtes Denken freimachen. Er wollte Beschränkungen auf Informationen
aufheben, um die Weiterentwicklung von Wissenschaft
und Technik zu ermutigen. Er dachte, wenn er dem
sowjetischen Volk eine stärkere Rolle bei der Festlegung der Politik, mehr Freiheit der Rede und des
Handelns einräumen würde, könnte er mehr Energie

Seite 4

und Engagement für die Stärkung des sowjetischen
Staates freisetzen.
Es scheint als ob die sowjetische Führung nie erkannt
hat, daß mehr Freiheit die Menschen in die Lage
versetzen würde zu wählen, wie sie ihre Energien
einsetzen möchten. Und diese freigesetzten Kräfte
bewegten die sowjetische Gesellschaft in unvorhergesehene Richtungen. Die Führung ließ die seit langem
schwelende Glut des Nationalismus außer acht, die
auflodern würde, wenn das Reich seinen Würgegriff
aus Furcht lockerte. Sie wußte nicht, daß die Menschen, wenn man ihnen einmal gestattete, ihre Verachtung für die Kommunistische Partei auszudrücken,
ihre Energie nicht der Stärkung der von den Kommunisten geschaffenen staatlichen Institutionen widmen
würden. Die sowjetische Führung konnte nicht wissen,
daß sie eine Legitimitätskrise herbeiführte, die das
ganze System bedrohte, durch das sie aufgestiegen
war und das sie in den Griff bekommen hatte.
Die sowjetische Führung versucht mit dieser Legitimitätskrise fertig zu werden, indem sie die "Ordnung"
wiederherstellt. Für sie hängt die Ordnung von Autorität ab.
Ich vermute, daß sich die Sowjetunion heute in einer
Phase befindet, die ich als "autoritäre Reformen"
bezeichnen möchte: der Staat wird bereit sein, repressive Maßnahmen zu treffen, um wiederherzustellen,
was er als notwendige Voraussetzungen für ein andauerndes Programm der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung betrachtet. Dieses Programm wird wahrscheinlich durch eine Reihe aufeinander aufbauender Veränderungen sowie ein Muster
der Uneinheitlichkeit gekennzeichnet sein. Die größte
Gefahr besteht darin, daß die "autoritären" Elemente
dem Reformimpuls den Garaus machen könnten.
Die größten Probleme, mit denen Präsident Gorbatschow heute konfrontiert ist, sind erstens die Ausarbeitung effektiver Beziehungen zwischen Zentrale und
Republiken sowie zweitens die Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungskraft.
Während die sowjetische Führung ihre Aufmerksamkeit auf diese beiden Schlüsselprobleme konzentriert,
wird sie sicherlich bereit sein, die neue politische und
soziale Freiheit anzutasten und einzuschränken. Zum
gegenwärtigen Zeitpunkt sind politische Gruppen
weiterhin innerhalb und außerhalb des parlamentarischen Prozesses aktiv. Es gibt weiterhin einen Ideenaustausch, der vor sechs Jahren undenkbar gewesen
wäre. Präsident Gorbatschow mag versuchen, eine
durchgreifende Beschränkung dieses Gedankenaustausche zu vermeiden, weil er immer noch davon
ausgeht, daß er für die Modernisierung der Wirtschaft
und der Technologie unerläßlich ist. Aber in der
Sowjetunion ist Offenheit ein Mittel zum Zweck; sie
könnte erheblich eingeschränkt werden, wenn sie die
Fähigkeit der Zentrale behindert, diese beiden überge-

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�ordneten Probleme in den Griff zu bekommen.
Das Problem der Beziehungen zwischen Zentrale und
Republiken besteht grundsätzlich darin, Arrangements
auszuhandeln, mit denen eine befriedigende politische
Legitimität zwischen den verschiedenen Regierungsebenen und dem Volk erreicht wird. Es steht fest, daß
die alte Autorität des Reichs nicht länger funktioniert.
Deshalb leitet die Zentrale einen langsamen Prozeß
ein, um das Ausmaß der für die Erlangung dieser
Legitimität notwendigen Autonomie zu bestimmen.
Als außenstehende Betrachter dieses Prozesses
müssen wir darauf bedacht sein, diesen nicht nur
durch die Brille unserer westlichen Vorstellungen vom
Nationalstaat zu untersuchen. Der Nationalismus, der
in großen Teilen der übrigen Welt im 19. und 20.
Jahrhundert eine der folgenschwersten Bewegungen
war, folgte in der Sowjetunion einem etwas anders
gelagerten Kurs. Der russische Nationalismus besteht
zwar schon seit einiger Zeit, aber er wurde für die Ziele
des sowjetischen Kommunismus eingespannt. Der
russische Chauvinismus hat sich zahlreiche andere
Völker in der UdSSR zu Feinden gemacht. Aber die
nationalen Bewegungen in den Grenzrepubliken wurden erst kürzlich soweit befreit, daß sie ihren eigenen
nationalen Charakter sowie ihre Ursprünge im Hinblick
auf Kultur, Literatur, Sprache, Territorium und Geschichte definieren konnten; sie entwickeln sich weiter
und untersuchen immer noch, wie sie miteinander
umgehen sollen. Die Beziehung zwischen Nationalismus und Staat ist häufig noch nicht so gut definiert.
Überdies stimmen die nationalen Bewegungen nicht
genau mit den Republikgrenzen überein. Einer von
fünf Sowjetbürgern lebt außerhalb seines ethnischen
Bereichs. Es besteht also ein erhebliches Potential für
Reibungen und Konflikte zwischen der Zentralregierung, den Republikregierungen und nationalen Bewegungen.
Die Suche nach politischer Legitimität, das Gleichgewicht zwischen Zentralmacht und Autonomie sowie
die gütliche Einigung mit dem Nationalismus sind
Fragen, die vom sowjetischen Volk entschieden werden müssen. Es sind sicherlich keine Fragen, über die
von uns entschieden werden kann.
Es könnte sein, daß das neue in der Sowjetunion
ausgearbeitete Beziehungsgeflecht mit dem Begriff
der traditionellen Souveränität eines Nationalstaats
nicht so leicht beschrieben werden kann. Präsident
Gorbatschow hat erklärt, die Zentrale müßte vielleicht
mit jeder Republik ein unterschiedliches Vertragsverhältnis entwickeln, und die Übergänge zu diesen neuen Beziehungen könnten unterschiedlich vonstatten
gehen. Es ist jedoch eindeutig, daß die Sowjetunion
bei der Definition geeigneter Konzepte für Machtteilung, Föderalismus oder Rechte des einzelnen keine
großen Fortschritte gemacht hat.

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An der ökonomischen Front erwarte ich ebenso wie im
Fall der Beziehungen Zentrale-Republiken, daß das
erste Ziel die Wiederherstellung der Ordnung sein
wird. Einige mögen der Ansicht sein, daß Ordnung
eine Voraussetzung für die Entwicklung des Systems
zu marktwirtschaftlichen Verhältnissen ist. Die Beschlagnahme von Bargeld und die Angriffe auf die
Schattenwirtschaft sind dazu bestimmt, Ordnung zu
fördern. Die Preiserhöhungen und Lohnvorschläge
dienen dazu, das Verhältnis zwischen Preisen und
Löhnen neu zu ordnen. Befehle zur Erfüllung staatlicher Bestellungen sollen sicherstellen, daß die grundlegenden Lieferbeziehungen aufrechterhalten bleiben.
Diese Schritte werden von anderen schrittweisen
Maßnahmen ergänzt werden, darunter ein Abbau der
zentralen Planwirtschaft, um die industrielle Organisation der Wirtschaft umzustrukturieren und damit in
einer Art marktwirtschaftlicher Umgebung effektiver
operieren zu können.
Dieses Wirtschaftsprogramm wird nahezu mit Sicherheit fehlschlagen. Der Produktionsrückgang wird sich
wahrscheinlich beschleunigen. Dasselbe gilt für die
Inflation. Große Industrieunternehmen werden wahrscheinlich verstärkt auf Tauschgeschäfte zurückgreifen, wenn dieser Trend nicht durch eine umfassende
Disziplinierungskampagne aufgehalten wird. Firmen,
die Waren oder Rohstoffe für den Export gegen harte
Devisen liefern können, werden diese Gelegenheit
ergreifen. Firmen, deren Waren gegen Nahrungsmittel und andere Lieferungen eingetauscht werden können, werden dies tun und die daraus resultierenden
Vorteile an ihre Beschäftigten weitergeben. Unternehmen, die große, nichtmarktfähige Güter herstellen,
werden in Schwierigkeiten geraten. Die Gewerkschaften, die wichtige Bereiche wie Energie und Verkehrswesen kontrollieren, könnten diese Macht einsetzen,
um besondere Vorteile zu sichern. Wenn der Agrarsektor nicht die nötigen Rohstoffe und Maschinen
erhält, könnte es dieses Jahr eine schlechtere Ernte
geben. Die Sowjetunion hat hohe Schulden, die dieses
Jahr fällig werden und die sie nicht bezahlen kann, was
die Belastung weiter erhöht. Die Menschen am Ende
der Kette, die Verbraucher, werden wahrscheinlich
noch mehr leiden.
Eine der größten Gefahren dieser Betonung der wirtschaftlichen Ordnung besteht darin, daß damit der
noch in den Kinderschuhen steckende marktwirtschaftliche Sektor geschädigt wird. Trotz unglaublicher
Hindernisse fanden Kooperativen immer größere
Verbreitung und beschäftigten immer mehr Arbeitnehmer. Sie sind jedoch verwundbar, da sie au ßerhalb der
geltenden Regeln der Kommandowirtschaft tätig sind.
Darüber hinaus haben sich "schwarze" Märkte gebildet, um den Menschen zu Marktpreisen Waren und
Dienstleistungen zu liefern. Jedoch machen Querverbindungen einiger dieser Aktivitäten zur kriminellen
Szene - entweder als deren Opfer oder als deren

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�Ergebnis - diese anfällig für eine Disziplinierungskampagne. Die Ordnungskampagne könnte ferner einige
der Tauschgeschäfte behindern, die sich zwischen
den Firmen entwickeln. Dieses Pseudomarktsystem
ist ineffizient und wird durch Mangel an Wettbewerb
und festen Regeln behindert, aber man ist bestrebt,
dort anzuknüpfen, wo die zusammengebrochene
Kommandowirtschaft aufgehört hat.
Auch in der Wirtschaft muß die Sowjetunion einen
gesetzlichen Rahmen für Eigentumsrechte, Verträge
und Wettbewerb entwickeln. Dies ist eine Frage der
Schaffung von Legitimität und Vertrauen in den Wirtschaftsbeziehungen, die im großen und ganzen mit
der anstehenden Aufgabe im politischen Bereich vergleichbar ist. Sicherlich ist die Fähigkeit zur Etablierung solcher wirtschaftlicher Regeln untrennbar mit
der Schaffung von Autorität der jeweiligen politischen
Einheiten verbunden. Gegenwärtig herrscht ein "Krieg
der Gesetze", der Produzenten, Investoren, Arbeitnehmer und Verbraucher verwirrt. Des weiteren könnte es zu einem Konflikt zwischen der Herstellung
effizienter Marktbeziehungen in großen Bereichen und
der Abwertung politischer Autorität kommen. Diese
beiden Fragen - der politischen und ökonomischen
Regeln - müssen also gemeinsam gelöst werden.
Der gegenwärtige Kurs scheint also ein Versuch zu
sein, die Macht der Zentrale wiederherzustellen. Dies
ist das Machtsystem, das die sowjetische Führung
kennt und das den nationalen Institutionen wie Armee,
KGB und Kommunistische Partei zusagt. Präsident
Gorbatschow könnte jedoch der festen Überzeugung
sein, daß er diese Bekräftigung der zentralen Autorität
benutzt, um zum Kurs der Perestrojka zurückzukehren.
Teilweise besteht der Konflikt darin, daß Präsident
Gorbatschow, der an die Spitze des alten sowjetischen
Systems aufgestiegen ist, sich nicht voll und ganz über
eine Ironie im klaren ist: daß er mit der Initiierung eines
neuen Systems nicht automatisch seine rechtmäßige
Führung innerhalb des neuen Systems sichert. Das
Legitimitätskonzept der sowjetischen Führung ist durch
deren eigene Erfahrungen begrenzt. Sie möchte für
die Sowjetunion ein Endergebnis erzielen, das sowohl
ihrer als auch unserer Einschätzung nach in beiderseitigem Interesse liegt, aber sie glaubt dieses Ergebnis
nicht ohne die vom alten System abgeleitete Macht
erreichen zu können. Die Kräfte, die sie zur Modernisierung der Sowjetunion freisetzen muß, fordern ihre
Autorität heraus. Da sie diese Herausforderungen als
Bedrohungen der Modernisierung ansieht, ergreift die
Führung Maßnahmen zur Wiederherstellung der alten
Ordnung. Damit ließen sich die zunehmenden Hinweise einiger Sowjets auf Entwicklungsmodelle wie Südkorea oder Chile erklären.
Wir sollten uns bemühen, die sowjetische Führung
davon zu überzeugen, daß eine Stützung auf die
Methoden des alten Machtsystems unbeabsichtigte

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Konsequenzen haben wird, die sie von den von ihr
angestrebten Zielen geradezu entfernen würde. Sowohl
eine effiziente Marktwirtschaft als auch eine stabile
demokratische Politik beruhen auf dem Vertrauen der
Öffentlichkeit darin, daß die Regierung und der öffentliche Wille auf der Grundlage allgemein anerkannter
Regeln funktionieren. Willkürliche Maßnahmen zur
Behauptung staatlicher Macht bedrohen ein solches
auf Regeln basierendes System. Es liegt in unserem
Interesse, alle Parteien in der Sowjetunion dazu aufzufordern, solche Regeln aufzustellen und einzuhalten.
Die Legitimität der Beziehungen zwischen Zentrale
und Republiken sowie zwischen Regierungen und
Bevölkerung muß durch ihre eigenen, innerhalb dieser
Regeln bestehenden Verfahren geschaffen werden.
Folgerungen für die US-Politik
Möglicherweise werden wir für einen längeren Zeitraum einen flexiblen Ansatz aufrechterhalten müssen,
der sich wichtigen Problemen einer großen Nation in
einer schwierigen Übergangsperiode anpassen kann.
Die Sowjetunion bleibt eine militärische Supermacht
mit der Fähigkeit, die Vereinigten Staaten und die
gesamte uns bekannte Welt zu zerstören. Sie besitzt
weiterhin etwa 30,000 nukleare Gefechtsköpfe. In den
vergangenen beiden Jahrhunderten marschierten ihre
Armeen von den Küsten des Pazifiks bis nach Paris
und Berlin. Sie besitzt 46 Kernkraftwerke von zweifelhafter Konstruktion, die für Mensch und Umwelt zur
Katastrophe führen könnten. Ihre Öl- und Erdgasreserven sind riesig. Ihre Grenzen schlagen einen
Bogen über andere Länder im Übergang: von den
aufstrebenden Demokratien Mittel- und Osteuropas
über die islamischen Staaten des Mittleren Ostens bis
zu den südasiatischen Staaten mit ihren eigenen religiösen und nationalen Konflikten und den Kommunisten Ost- und Nordasiens, die versuchen, bankrotte
Regime künstlich aufrechtzuerhalten.
Wie ich bereits erklärte, werden sich die Bedingungen
in der Sowjetunion wahrscheinlich verschlechtern, aber
der genaue künftige Kurs ist äußerst ungewiß. Deshalb müssen wir die errungenen Vorteile sichern,
weiterhin andere Punkte beiderseitigen Vorteils sondieren und gleichzeitig das veränderte Umfeld berücksichtigen und bestrebt sein, die Ungewißheit dadurch
zu bewältigen, daß wir unsere Zugangskanäle zu einer
Gesellschaft vermehren, die einen Prozeß des Umbaus durchläuft.
Wir müssen weiterhin sowohl durch unsere Diplomatie
als auch durch unsere Außenwirtschaftspolitik die
Bedeutung des Erfolgs der brüchigen demokratischen
Marktwirtschaften in Mittel- und Osteuropa für die
Stabilität des Ost-West-Verhältnisses betonen. Wirtschaftlicher Niedergang und Unruhen in der Sowjetunion bedeuten zusätzlichen Druck auf diese Länder.
Unsere Maßnahmen sollten diesen Nationen sowohl
dabei helfen, stabile Demokratien und solide Marktwirtschaften zu erlangen, als auch ihre Anbindung an

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�das stabilisierende Netz politischer und wirtschaftlicher Institutionen des Westens zu erleichtern. Wir
müssen dies auf eine Art und Weise tun, die der
Sowjetunion zu der Erkenntnis verhilft, daß es ihr zum
Vorteil gereicht, erfolgreiche Beispiele demokratischer
und marktwirtschaftlicher Umgestaltungen an ihren
Grenzen zu wissen.
Bei regionalen Konflikten liegt es weiterhin in unserem
Interesse, konstruktiv mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten, um eine Abkehr vom neuen Denken zu
verhindern, mit dem die sowjetische Sicherheit neu
definiert und gestaltet werden soll. Dieses Denken
macht die Entwicklung kooperativer Ansätze möglich,
um Konflikte friedlich und demokratisch zu lösen. Es
gibt jedoch weiterhin einige grundlegende innenpolitische Umstände, die auf sowjetischer Seite die Bereitschaft hervorgebracht haben, gemeinsam mit uns
regionale Fragen zu behandeln. Die Beteiligung an
diesen Konflikten kam die Sowjets teuer zu stehen sowohl im Hinblick auf die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen als auch im Hinblick auf Gorbatschows Wunsch zur Verbesserung der Beziehungen
zum Westen.
Wir müssen uns jedoch vor Augen führen, daß die
Inanspruchnahme der Führung durch innenpolitische
Probleme dazu führen könnte, daß sich die Regierungsspitze nicht mehr mit einigen der Probleme in
anderen Teilen der Welt beschäftigt. Angesichts der
von der Sowjetunion vollzogenen strategischen Anpassung werden einflußreiche Gruppen wahrscheinlich zunehmende Sensibilität für Grenzkonflikte an den
Tag legen. Es ist eine geopolitische Tatsache, daß
man in der Sowjetunion die Haltung vertritt, geographisch naheliegende regionale Probleme seien von
größerem politischen und sicherheitspolitischen Interesse als solche, die sich in Afrika, Mittelamerika oder
Südostasien abspielen.
Bei der Rüstungskontrolle ist es weiterhin sinnvoll, die
sowjetische militärische Bedrohung einzudämmen,
indem wirksam verifizierbare Abkommen ausgehandelt werden. Natürlich müssen die einzelnen Modalitäten jedweder Verhandlungen unseren eigenen nationalen Interessen dienen. Und wir müssen ein eindeutiges Signal aussenden, daß wir keine Neufassung
bereits eingegangener Abkommen akzeptieren werden und deren gewissenhafte Durchführung erforderlich ist.
Darüber hinaus sollten wir prüfen, ob die Sowjetunion
an der Zusammenarbeit mit uns und anderen am
Programm der Nichtweiterverbreitung interessiert ist einem Thema in der Rüstungskontrolle, dem in Zukunftwahrscheinlich noch größere Bedeutung zukommen wird als traditionellen Ost-West-Gesprächen. Die
Sowjetunion sollte ein starkes Intresse daran haben,
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und
Raketentechnologie aufzuhalten, weil eine Reihe derer, die solche destabilisierenden Waffen weiterent-

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wickeln wollen, an ihren eigenen Grenzen leben. Wie
es auch die Krise am Golf bestätigt, haben wir ein
starkes Interesse daran, uns der Herausforderung der
Weiterverbreitung zu stellen.
Unsere Politik im Baltikum sollte zwei Wege gehen.
Erstens müssen wir weiterhin die Hoffnung auf Unabhängigkeit einhellig unterstützen. Natürlich haben wir
die illegale Integration in die Sowjetunion niemals
akzeptiert. Diese Unterstützung haben wir in Wort und
Tat demonstriert. Wir sind auf den höchsten politischen Ebenen mit Vertretern der demokratisch gewählten Regierungen der Baltenstaaten zusammengekommen. Der Präsident hat alle vier Spitzenpolitiker
aus dem Baltikum anläßlich ihrer Besuche in Washington seit Mai vergangenen Jahres empfangen. Wir
unterhalten weiterhin in allen drei Hauptstädten des
Baltikums diplomatische Vertretungen. Unser Generalkonsul in Leningrad unterstützt diese Präsenz durch
regelmäßige Besuche bei baltischen Regierungsvertretern. Wir begrüßen Besuche dieser Regierungsvertreter in den Vereinigten Staaten. Wir leisten humanitäre Hilfe in Form von Arzneimittellieferungen direkt ins
Baltikum. Und wir arbeiten mit anderen westlichen
Ländern durch die KSZE und andere multilaterale
Organisationen zusammen, um einheitliche internationale Unterstützung zu demonstrieren.
Aber diese Schritte allein werden nicht ausreichen,
wenn wir die sowjetische Führung nicht davon überzeugen können, sich an friedlichen Verhandlungen zu
beteiligen, um Probleme zu lösen, die den Zielen des
Baltikums im Weg stehen. Mit unserem zweiten Weg
soll also die sowjetische Führungsspitze davon überzeugt werden, daß ein solcher Kurs in ihrem Interesse
liegt. Zumindest wird mit diesem Kurs ein deutliches
und einhelliges Signal des Westens ausgesandt, daß
der Einsatz von Einschüchterung und Gewalt unannehmbar ist. Unser Weg muß weiterhin häufige Kontakte mit sowjetischen Spitzenpolitikern beinhalten,
damit wir sie zur Einführung von Mechanismen auffordern können, mit denen Schritt für Schritt ein Ergebnis
erzielt werden kann, das den Menschen im Baltikum
entgegenkommt. Wir haben darauf hingewiesen, daß
im Baltikum eine besondere Situation besteht, weil
diese Länder nach dem Hitler-Stalin-Pakt widerrechtlich annektiert wurden, was eine Kommission des
Obersten Sowjet selbst verurteilt hat. Zusätzlich zu
unseren Kontakten zur Spitze haben wir Vertreter der
Sowjetrepubliken gebeten, die Perspektive der Ereignisse im Baltikum zu sondieren. Eine friedliche demokratische Lösung in den Baltenstaaten könnte einen
Mechanismus schaffen, mit dem die Spitze rechtmäßige und auf Konsens basierende Beziehungen zu den
Republiken aufbauen könnte.
Schließlich liegt es nach wie vor in unserem wie auch
im Interesse der sowjetischen Führung, innerhalb der
Sowjetunion eine pluralistische Gesellschaft zu schaffen. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu Demokratie und

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�Marktwirtschaft, zu dem es hoffentlich letztlich kommen wird. Wir müssen ehrlich zugeben, daß unser
Einfluß bei diesem historischen Prozeß gering sein
wird. Aber angesichts der Bedeutung der Sowjetunion
für die Welt sollten wir nach Wegen Ausschau halten,
die den Umgestaltungsprozeß fördern könnten.
In Anbetracht der bereits in der sowjetischen Gesellschaft erfolgten Umwälzungen liegt es in unserem
Interesse, eine große Bandbreite von Kontakten zu
pflegen. Diese Kontakte sollten mit Vertretern der
Republiken und Kommunen und mit der Spitze hergestellt werden. Wir haben Möglichkeiten der Unterstützung für Demokraten, freie Gewerkschaften und Marktreformer erwogen. Hierbei handelt es sich um mutige
und bewunderungswürdige Vorreiter - Menschen, die
den universellen Geist von Freiheit und Würde repräsentieren. Ich hoffe, wir können für die Zukunft ihres
Landes eine größere Rolle spielen.
Es mag für manche nicht so sehr auf der Hand liegen,
aber wir sollten auch unsere Kontakte mit anderen
wichtigen Gruppen in der Sowjetunion, wie etwa dem
Militär und der Rüstungsindustrie ausbauen. Diese
Gruppen sind sehr einflußreich, und wir wissen, daß
sie mit dem rechten Lager der sowjetischen Politik in
Verbindung gebracht werden. Aber diese Gruppen
oder Institutionen spiegeln auch die Besorgnis weiter
Kreise der sowjetischen Gesellschaft wider. Kein
sowjetischer Politiker kann die Sorge der Militärs um
Wohnungen und Arbeitsplätze für die aus Mittel- und
Osteuropa abzgezogenen Truppen ignorieren. Kein
wirtschaftliches Reformprogramm wird politisch erfolgreich sein, wenn es nicht die Ängste der qualifizierten und einflußreichen Arbeitnehmer in der Rüstungsindustrie berücksichtigt. Vielleicht können Kontakte
mit uns und anderen im Westen dazu führen, daß
manche, die eigentlich bisher nicht der Reformbewegung zuzurechnen waren, die potentiellen Vorteile
einer Reform und die düsteren Aussichten einer auf
altem Denken basierenden Politik erkennen.
Wir müssen uns jedoch der Tatsache stellen, daß die

*

Seite 8

Erhaltung und der Ausbau dieser Kontakte zwar nützlich, aber manchmal sehr schwierig sein wird. Angesichts der Unruhen in der Sowjetunion sollten wir mit beabsichtigten oder unbeabsichtigten - Reaktionen
rechnen, die uns verletzen oder verärgern. Wenn
solche Ereignisse stattfinden, wie es bereits geschehen ist und wahrscheinlich wieder geschehen wird,
müssen wir den handelnden Personen eine eindeutige
Botschaft übermitteln. Wir müssen darauf verweisen,
daß innenpolitische Gegebenheiten die Bereitschaft
und Fähigkeit westlicher Demokratien beeinflussen,
die Sowjetunion aus ihrer selbstauferlegten politischen
und wirtschaftlichen Isolation herauszuführen. Dabei
müssen wir nüchtern erwägen, ob wir damit Beziehungen aufrechterhalten, die in unserem eigenen nationalen Interesse liegen und langfristig im Interesse einer
reformierten Sowjetunion liegen könnten.
Wir müssen mit den höchsten Ebenen der sowjetischen Regierung und der Regierungen der Republiken
die Art von Dialog führen, bei der wir die unbeabsichtigten negativen Konsequenzen aufzeigen können, die
sich aus bestimmten Vorgehensweisen ergeben könnten. Diese unbeabsichtigten Konsequenzen könnten
die Fähigkeiten sowjetischer Politiker blockieren, ihre
eigenen positiven Ziele zu erreichen. Präsident Gorbatschow hat ein wichtiges Erbe errungen, aber wir
müssen erklären, daß er dieses Erbe durch seine
eigenen Schritte riskiert.
Die Sowjetunion befindet sich mitten in einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise. Aber die
Sowjets können ihre Probleme nicht dadurch lösen,
daß sie einem alten verfassungsrechtlichen und politischen System anhängen, das niemals politisch legitimiert war. Das alte System zentralistischer Kontrollen
wird für die Zukunft keine rechtmäßige Basis sein.
Auch nicht der Einsatz von Einschüchterung und Gewalt.
Die Sowjetunion muß neue Beziehungen zwischen
den Regierungen und den Menschen knüpfen. Sie
muß Institutionen aufbauen und ein Maß an Autonomie schaffen, in denen sich die Zustimmung der
Regierten angemessen widerspiegelt.

* * *

*

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�AUSLANDSHILFE
6. März 1991

PLAN DER US-AUSLANDSHILFE FÜR 1992
Übersicht über den Antrag der Regierung
WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat Einzelheiten des von der Bush-Administration vorgelegten bilateralen und multilateralen Programms für Wirtschaftshilfe in Höhe von 11,133 Milliarden
Dollar für das am 30. September 1991 endende Haushaltsjahr bekanntgegeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir Einzelheiten des Antrags der Regierung.
Der vom amerikanischen Kongreß für das Haushaltsjahr 1992 beantragten "Ausgabeermächtigung" stehen im Haushaltsjahr 1991 geschätzte Ausgaben von
10,185 Milliarden und im Jahr 1990 tatsächliche Ausgaben in Höhe von 10,103 Milliarden Dollar gegenüber.
Der Antrag für 1992 umfaßt 2,715 Milliarden Dollar für
Entwicklungshilfe, 3,240 Milliarden für den Wirtschaftshilfefonds (ESF), 1,301 Milliarden Dollar an den Fonds
Nahrungsmittel für den Frieden (Gesetz PL-480) sowie
3,876 Milliarden an sonstiger Wirtschaftshilfe für die
jeweiligen multilateralen Entwicklungsbanken. Mittel
aus dem Wirtschaftshilfefonds gehen an Länder von
besonderem sicherheitspolitischem Interesse für die
Vereinigten Staaten.
Das PL-480-Programm umfaßt Titel I, II und III. Titel
I ist ein vergünstigtes Nahrungsmittelhilfeprogramm
für Länder, die diese Mittel über einen Zeitraum von 30
Jahren hinweg zurückzahlen können. Titel II enthält
Spenden an weltweite Nahrungsmittelprogramme,
private Freiwilligenverbände und bilaterale Beiträge an
Länder, in denen aufgrund von Dürre, Hungersnot
oder Armut der Notstand herrscht. Titel III sind bilaterale Spenden zur Milderung des Hungers und der
Unterernährung in den ärmsten Ländern.
Regional wird die Wirtschaftshilfe folgendermaßen
aufgeteilt:

223 Millionen Dollar an Entwicklungshilfe,
2,225 Milliarden Dollar für den Wirtschaftshilfefonds,
428 Millionen Dollar an Unterstützung
für PL-480.
Die Hauptnutznießer sind Israel mit 1,2 Milliarden
Dollar, Ägypten mit 965 Millionen, Pakistan mit 145
Millionen und Bangladesch mit 137 Millionen Dollar.
Afrika
Insgesamt 975 Millionen Dollar verglichen mit schätzungsweise 1,009 Milliarden für 1991 und 853 Millionen Dollar an tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1990. Der Antrag für 1992 umfaßt:
800 Millionen Dollar an Entwicklungshilfe,
147 Millionen Dollar an Unterstützung
für PL-480,
28 Millionen Dollar für den Wirtschaftshilfefonds.
Die Hauptnutznießer sind Mozambique mit 57 Millionen Dollar, Uganda mit 47 Millionen, Malawi mit 41
Millionen und Südafrika mit 40 Millionen Dollar.
Lateinamerika

Naher Osten und Südasien
Insgesamt 2,875 Milliarden Dollar für das Haushaltsjahr 1992, verglichen mit schätzungsweise 2,848 Milliarden für 1991 und 3,219 Milliarden Dollar an tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1990. Der Antrag
für 1992 umfaßt:

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Insgesamt 1,42 Milliarden Dollar verglichen mit schätzungsweise 1,246 Milliarden für 1991 und 1,722 Milliarden Dollar an tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1990. Der Antrag für 1992 umfaßt:
406 Millionen Dollar an Entwicklungshilfe,

Seite 1

�714 Millionen Dollar für deh Wirtschaftshilfefonds,

die Interamerikanische Entwicklürtti^bänk
- 90 Millionen Dollar,

300 Millionen Dollar an Unterstützung
für PL-4B0.

die Weltbank-70 Millionen Dollar.

Die Hauptnutznießer sind El Salvador mit 208 Millionen Dollar, Nicaragua mit 204 Millionen und Honduras
mit 108 Millionen Dollar.

Andere Programme
Andere Programme umfassen:

Ostasien und der Pazifik

200 Millionen Dollar für das Pöäbe Corps,

Insgesamt 492 Millionen Dollar verglichen mit schätzungsweise 480 Millionen für 1991 und 457 Millionen
Dollar äh tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr
1Ö90. Der Antrag für 1992 Urntaßt:

I11 Milliöheri böllär tür NücritUhtjsrillfe,
25Ö Millionen Dollar für freiwillige Beiträge
äh internationale Organisationen ührj
Programme,

148 MilHöheh Dollar an Entwicklungshilfe,
143 Millionen Dollar für den Wirtschäftshilfefönds,

410 Milllöheh Dollar tür dlö initiative zur
Förderung der Privatwirtschaft In den
Lähderh ArherlkäÖ,

42 Millionen Dollar an Unterstützung
für PL-480,

172 Millionen Dollar für Drogenbekärnpfung
und -korttroile.

160 Millionen Dollar an sonstiger Wirtschaftshilfe.
Die Haüptnutznießer sind die Philippinen rfiit 353 Millionen Dollar, Indonesien mit 56 Millionen und Kambodscha mit 28 Millionen Dollar.

Europa
Insgesamt 518 Millionen Dollar verglichen mit schätzungsweise 510 Millionen für 1991 und 411 Millionen
Dollar an tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr
1990. Der Antrag für 1992 umfaßt:

Aufschlüsselung des Hilfsplans nach
Ptbgrarnmtyß
Anhand einer anderen Art der Aufschlüsselung der
Zählen gelangt man zu folgender Gesamtsumme.
(Angaben in Milliörteh Dollar):
Länderprogramme

6281

Nicht an Länder gebundene Programme

1634

Multilaterale Entwicklungsbanken

1685

118 Millionen Dollar für den Wirtschaftshilfefönds,

Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas

410

400 Millionen Dollar an sonstiger Wirtschaftshilfe.

Beiträge an internationale Organisationen

250

Peace Corps

200

Flüchtlingshitfe

511

Drogenbekämpfung

172

Die Hauptnutznießer sind die Türkei mit 75 Millionen
und Portugal mit 40 Millionen Dollar.
Multilaterale Programme
Die über multilaterale Entwicklungsbanken geleistete
Wirtschaftshilfe beläuft sich auf 1,685 Milliarden Dollar. Die Hauptnutznießer sind:
die Internationale Entwicklungsorganisation
(IDA) -1,06 Milliarden Dollar,

Anpassung
Insgesamt

88
(98)
11133

Darüber hinaus beantragte die Bush-Administration
für das Haushaltsjahr 1992 4,746 Milliarden Dollar an
Militärhilfe. Die Gesamtsumme der Wirtschafts- und
Militärhilfe beläuft sich somit auf 15,879 Milliarden
Dollar.

die Asiatische Entwicklungsbank
- 200 Millionen Dollar,

* *

Seite 2

Sonstige Programme

* *

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�WIRTSCHAFT
6. März 1991

DIE US-HANDELSPOLITIK 1991
Präsident Bush stellt das neue Programm vor
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat drei umfassende Zielsetzungen im Handel abgesteckt und
gleichzeitig erklärt, der ertolgreiche Abschluß der Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche habe für ihn
höchste Priorität.
Das vom Büro der US-Handelsbeauftragten erarbeitete "Programm für die Handelspolitik 1991 und der Bericht
des Präsidenten der Vereinigten Staaten über das Programm für Handelsabkommen 1990" enthält als zweite
Zielsetzung Bushs die Beendigung der Uruguay-Runde durch Abschluß regionaler und bilateraler Handelsvereinbarungen wie etwa das Nordamerikanische Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada und die Initiative
zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas.
Der im Handelsgesetz 1988 geforderte Bericht bestimmt als drittes Ziel die Durchführung amerikanischer Handelsgesetze in einer Weise, die offene Märkte fördert und den Handel ausbaut.
Zur Erlangung dieser Zielsetzungen ist es dem Bericht zufolge unabdingbar, daß der Kongreß einer Verlängerung des "Fast-track"-Mandats für weitere zwei Jahre zustimmt.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Das Programm für 1991".

Im Jahr 1990 bot der Welthandel der US-Wirtschaft
ungeahnte Möglichkeiten und war eine wichtige Triebfeder wirtschaftlichen Wachstums.

Drittens sollen US-Handelsgesetze in einer Weise
durchgesetzt werden, die den Zielen offener Märkte
und erweiterten Handels am besten dient.

Die Wachstumsrate der US-Exporte stieg 1990 doppelt so schnell wie der Zuwachs bei den Importen und
war für nahezu die Hafte des gesamten Wachstums
unseres BSP verantwortlich.

Um diese Ziele zu verwirklichen, müssen wir jedoch
zunächst eine vierte und entscheidende Zielsetzung
erfüllen: die Verlängerung des Fast-track-Mandats
vom Kongreß für weitere zwei Jahre.

Das handelspolitische Programm der Regierung für
1991 will diese Möglichkeiten erweitern, indem es
bestrebt ist, den Zugang der Vereinigten Staaten zu
Auslandsmärkten zu verbessern. Aus diesem Grund
haben wir uns für das kommende Jahr drei umfassende Ziele gesteckt.

Das Fast-track-Mandat bietet zwei wichtige Garantien
für die erfolgreiche Aushandlung von Handelsabkommen: ein Votum zur Durchführung von Gesetzen
innerhalb eines bestimmten Zeitraums und keine
Veränderungen dieser Gesetze.

Erstens wollen wir das Welthandelssystem durch den
Abschluß eines ehrgeizigen Abkommens bei der Uruguay-Runde mit 107 Ländern im GATT stärken und
ausbauen.
Zweitens sollen die Ziele und Abkommen der UruguayRunde durch Initiativen zur regionalen und bilateralen
Marktöffnung und Markterweiterung verwirklicht werden, etwa durch das historische Nordamerikanische
Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada und
die Initiative des Präsidenten zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas.

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Das Fast-track-Mandat läuft am 31. Mai aus, wenn der
Präsident nicht bis zum 1. März eine zweijährige
Verlängerung beantragt. Ohne Fasttrack kann der
Präsident unseren Handelspartnern nicht zusichern,
daß das von ihnen erzielte Abkommen das Abkommen
ist, über das der Kongreß abstimmt. Ohne diese Zusicherung würden ausländische Regierungen nur ungern
mit den Vereinigten Staaten verhandeln und nicht die
starken Zugeständnisse machen, die für den Abschluß
von Vereinbarungen notwendig sind, wie die Vereinigten Staaten sie unterzeichnen würden.

Seite 1

�Die Beibehaltung von Fasttrack wird uns die Fähigkeit
erhalten, weiterhin durch multilaterale und bilaterale
Abkommen an der Liberalisierung von Handel und
offenen Märkten durch das GATT zu arbeiten.
1. Erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde
Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor davon
überzeugt, daß die Uruguay-Runde das beste Mittel
zur Stärkung des multilateralen Handelssystems ist.
In der Uruguay-Runde wollen die Vereinigten Staaten
tarifäre und nichtärifäre Hemmnisse weltweit
abbauen und in Schlüsselbereichen vollständig
beseitigen,
Aufstellung internationaler Regeln des Fair play
in den neuen Bereichen Dienstleistungen und
Investitionen sowie Schutz geistigen Eigentums,
grundlegende Reform des Weltagrarhandels
durch Öffnung weltweiter Märkte und Kürzung
kostenintensiver handelsverzerrender Agrarsubventionen,
Integration der Entwicklungsländer in unser
weltweites Handelssystem und
Verbesserung der internationalen Regeln über
Schlichtung von Streitigkeiten, Subventionen,
Antidumping und Importschutz, um den Zugang
zu ausländischen Märkten zu erleichtern und
fairen Handel auf dem amerikanischen Markt
sicherzustellen.
Wenn wir diese Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluß bringen, könnte unsere Weltwirtschaft
in den nächsten zehn Jahren einen Zuwachs von über
4 Billionen Dollar verzeichnen. Der amerikanische
Anteil an diesem neuen Reichtum würde sich im Produktionsbereich auf mehr als 1 Billion Dollar im kommenden Jahrzehnt belaufen.
2. Regionale und bilaterale Initiativen
In diesem Jahr leiten die Vereinigten Staaten zwei
umwälzende regionale Handelsinitiativen auf diesem
Kontinent in die Wege:
Aushandlung eines Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North American Free Trade
Agreement - NAFTA) mit Mexiko und Kanada,
und
Verbesserung von Präsident Bushs Initiative
zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas (EAI), die eine Freihandelszone
von Alaska bis Tierra del Fuego zum Ziel hat.
NAFTA. Am 5. Februar 1991 gab der Präsident seine
Absicht zur Aushandlung eines Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada bekannt. Diese Ankündigung erfolgte im Anschlu ß an die
zuvor von den Vereinigten Staaten und Mexiko getrofSeite 2

fene Entscheidung, Verhandlungen über ein umfassendes bilaterales Freihandelsabkommen aufzunehmen.
Die Vereinigten Staaten sind Mexikos wichtigster
Handelspartner, und Mexiko ist unser drittgrößter
Abnehmer. Mit Kanada unterhalten wir bereits ein
Freihandelsabkommen. Die Verknüpfung unserer
jeweiligen Volkswirtschaften durch freien Handel würde zur Stärkung dieser wirtschaftlichen Bande beitragen, die regionale politische Stabilität verbessern und
neue Möglichkeiten für amerikanische Exporteure
eröffnen.
Letztlich würde NAFTA einen der größten und reichsten Märkte der Welt mit 360 Millionen Verbrauchern
und einer Jahresproduktion von 6 Billionen Dollar
schaffen. Der progressive Abbau von Hemmnissen
gegen den Fluß von Waren, Dienstleistungen und
Investitionen sowie verbesserter Schutz geistigen
Eigentums werden den drei Nationen die erforderlichen Möglichkeiten zu Wachstum und Erfolg in einem
zunehmend konkurrierenden Welthandelssystem an
die Hand geben.
NAFTA wird darüber hinaus unserem Endziel offener
Märkte und Erweiterung des weltweiten Handels dienlich sein, indem es anderen Ländern größeren Anreiz
bietet, gemeinsam mit uns Märkte zu erschließen.
EAI. Am 27. Juni 1990 unterbreitete der Präsident eine
historische Initiative, um alle Länder Amerikas in einer
neuen, offenen Wirtschaftsbeziehung zu vereinigen,
die er als Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft
in allen Ländern Amerikas bezeichnete. Diese ehrgeizige Initiative umfaßt drei Elemente: Handel, Investitionen und Schuldenabbau. Die Handelsaspekte der
EAI beinhalten Zusammenarbeit, um die UruguayRunde zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen,
gemeinsame Anstrengungen zum Abbau von Handelshemmnissen auf unserem Kontinent und letztlich
die Schaffung einer Freihandelszone von Alaska bis
Tierra del Fuego.
Als Teil der EAI handeln die Vereinigten Staaten mit
einer Reihe unserer lateinamerikanischen Partner
Rahmenabkommen über Handel und Investitionen
aus. In diesem Zusammenhang streben wir Verbesserungen beim Schutz geistiger Eigentumsrechte, offenerer Investitionsregime, Abbau der Exportsubventionspraktiken sowie beim Marktzugang für Waren und
Dienstleistungen an.
Initiative Karibisches Becken - CBI. Darüber hinaus
arbeiten wir an der effektiven Durchführung der CBI,
einschließlich administrativer Maßnahmen, die eine
Weiterentwicklung der Tourismusindustrie in der Region
gestatten würden.
Anden-Handelsinitiative. Im Rahmen der Bestrebungen des Präsidenten, den Andenstaaten bei der
Erschließung wirtschaftlicher Alternativen zum DroAMERIKA DIENST 9

�Kongreß um Zustimmung zum Gesetz über Handelsvergünstigungen für die Andenstaaten. Dies würde
zollfreie Importe einer grö ßeren Vielfalt von Waren aus
der Region zur Folge haben.

tion an regelmäßigen Konsultationen auf Minister- und
hoher Beamtenebene mit den ASEAN-Staaten teilnehmen, um Mechanismen für die Förderung der
Handels- und Investitionsbeziehungen zu entwickeln.

Die Administration treibt durch eine Reihe bilateraler
Initiativen weiterhin Bestrebungen zur Öffnung entscheidender ausländischer Märkte voran. Wir streben
die Durchsetzung moderner Patentgesetze in den
wichtigsten südamerikanischen Ländern sowie die
Aushandlung bilateraler Investitionsverträge an.

Europa und der Mittelmeerraum

Das Pazifische Becken
Japan. Die Erweiterung des Zugangs zur zweitgrößten Marktwirtschaft der Welt ist nach wie vor erste
Priorität der Regierung. Bei der Verwirklichung dieses
Ziels verfolgt die Administration einen umfassenden
Vier-Punkte-Aktionsplan: Nutzung der Uruguay-Runde zur Aushandlung aussagekräftiger und durchsetzbarer multilateraler Regeln, Abbau von Strukturhemmnissen durch unsere Initiative zum Abbau von Strukturhemmnissen (Structural Impediments Initiative - Sil),
Beseitigung von Schranken in bestimmten Sektoren
unter Anwendung unserer Handelgesetze und anderer
Mittel sowie Aufbau einer Lobby in Japan, die Maßnahmen zur Öffnung von Märkten unterstützt.
Im Jahr 1991 wird die Administration Japan weiterhin
zur Einhaltung der im vergangenen Juni im Rahmen
von Sil eingegangenen Verpflichtungen drängen, um
eine ganze Bandbreite von Strukturhemmnissen abzubauen, Gesetze zu modifizieren, Maßnahmen zu
verändern und Geld zur Öffnung des japanischen
Markts auszugeben.
Darüber hinaus wird die Administration die im Rahmen
der bisherigen Abkommen mit Japan zur Öffnung von
Märkten erzielten Fortschritte genau überwachen,
einschließlich Satelliten, Supercomputer, Holzprodukten, Telekommunikation und amorphe Metalle.
Schließlich werden wir die andauernden Verhandlungen in Bereichen wie Bauwesen, Halbleiter und juristische Dienstleistungen energisch weiterverfolgen, um
sicherzustellen, daß Japan seine Märkte in Schlüsselbereichen für die Vereinigten Staaten weiter öffnet.
Korea. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
intensive bilaterale Verhandlungen mit Korea führen,
um zu gewährleisten, daß dessen wachsender Markt
mit erweitertem Zugang für Importe einhergeht. Die
Administration wird ihre Aufmerksamkeit verstärkt allen koreanischen Versuchen widmen, Importe zu bremsen.
Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN). Im
Dezember 1990 unterzeichneten die Vereinigten Staaten eine Regierungsvereinbarung mit den sechs ASEANMitgliedern (Malaysia, Thailand, Indonesien, Philippinen, Singapur und Brunei), um Handel und Investitionen zu erleichtern. Im Jahr 1991 wird die Administra-

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EG 1992. Die Vereinigten Staaten verfolgen aufmerksam die Fortschritte der Europäischen Gemeinschaft
bei der Verwirklichung des EG-Binnenmarkts im nächsten Jahr. Wir werden weiterhin bei der EG in Fällen
intervenieren, in denen der Prozeß der europäischen
wirtschaftlichen Integration durch restriktive, diskriminierende Praktiken amerikanische Interessen gefährdet. Zu diesen Bereichen, die wir mit besonderer
Aufmerksamkeit beobachten, gehören: Telekommunikation, staatliche Beschaffungen, Dienstleistungen
im Finanzwesen sowie Prüfung und Zulassung.
Osteuropa und die Sowjetunion. Die Administration ist um die Integration der aufstrebenden Marktwirtschaften Osteuropas in das offene Welthandelssystem bestrebt, um sowohl politische Stabilität als auch
Wirtschaftswachstum zu fördern. Mit der Entwicklung
und Öffnung dieser Volkswirtschaften für den Welthandel werden neue Märkte für amerikanische Exporteure geschaffen. Die Vereinigten Staaten werden
sich dieses Jahr bemühen, im vergangenen Jahr
ausgehandelte Handels- und Investitionsabkommen
zu verwirklichen, die noch andauernden Verhandlungen abzuschließen und neue Gespräche einzuleiten.
Sektorale Bestrebungen
Textilien und Bekleidung. Die Administration ist
bestrebt, eine internationale Übereinkunft im Rahmen
der Uruguay-Runde auszuhandeln, die das Multifaserabkommen (MFA) ersetzt, die geordnete Integration
dieses Sektors in das GATT gestattet und verbesserte
Exportchancen für die Industrie gewährleistet. Die
Kombination dieser Bemühungen wird letztlich der
Textil- und Bekleidungsindustrie dabei helfen, sich
einem offenen Handelssystem anzupassen. Das MFA
läuft am 31. Juli 1991 aus. Das MFA muß bis zur
Durchführung eines im Rahmen der Uruguay-Runde
geschlossenen Abkommens verlängert werden. Sollte die Runde scheitern, muß das MFA neu ausgehandelt werden.
Stahl. Im Jahr 1989 führte der Präsident das Programm zur Liberalisierung des Stahlhandels ein. Damit
sollte sichergestellt werden, daß die Handelsströme
sowie Preis und Menge des produzierten Stahls von
den Marktkräften und nicht von den Regierungen
bestimmt werden. Dies wurde durch den Abschluß
bilateraler Abkommen über die Beseitigung unfairer
Handelspraktiken und die stufenweise Abschaffung
freiwilliger Selbstbeschränkungsvereinbarungen erreicht.
Schiffbau. Über die Organisation für wirtschaftliche
Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) bemüht
Seite 3

�sich die Administration, ein Abkommen zum Abbau
von Subventionen und anderen Formen handelsverzerrender staatlicher Hilfen für den Schiffbau zu erlangen. Es wird erwartet, daß ein erfolgreicher Abschluß
dieses Abkommens in diesem Jahr zustandekommt.
3. Durchführung der US-Handelsgesetze
Die Administration wird die US-Handelsgesetze anwenden, um ihre multilateralen und bilateralen Ziele
freier Märkte und fairen Handels zu ergänzen. Dazu
gehört die Durchführung der Bestimmungen des
Handelsgesetzes von 1988, darunter Initiativen zum
Schutz geistigen Eigentums, zu Telekommunikation
und staatlichen Beschaffungen in einer Art und Weise,
die multilateralen Zielen der Vereinigten Staaten forde riich ist.

Die Vereinigten Staaten werden darüber hinaus die
gemäß Abschnitt 301 im vergangenen Jahr ausgehandelten Marktöffnungsabkommen sorgfältig beobachten und die Verhandlungen über Angelegenheiten
fortsetzen, die zur Zeit Ermittlungen gemäß Abschnitt
301 unterliegen.
Darüber hinaus unterstützt das Handelsprogramm der
Administration international anerkannte Arbeitnehmerrechte in der ganzen Welt.
Schließlich werden die Bestimmungen gegen Dumping und Ausgleichszölle, das Allgemeine Präferenzsystem sowie Verfügungen im Handelsgesetz, mit
denen die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten
geschützt werden soll, buchstabengetreu angewendet
werden.

* * * * *

Seite 4

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�MENSCHENRECHTE
6. März 1991

SCHIFTER: ZUNEHMENDE WAHRUNG DER
MENSCHENRECHTE
Rede des Abteilungsleiters vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für Menschenrechte und humanitäre
Angelegenheiten, Richard Schifter, zufolge nimmt die Wahrung der Menscherechte weltweit zu, obwohl sich die
Menschen noch immer mit zahlreichen ernsthaften Verletzungen der Rechte des einzelnen konfrontiert sehen.
Bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für Menschenrechte und internationale Organisationen erklärte Schifter am 26. Februar 1991 jedoch, daß "sich auf lange Sicht positive Tendenzen
abzeichnen". Eine auf demokratische Konzepte und Achtung der Menschenrechte gegründete Regierungsphilosophie "hat in den vergangenen Jahren einen Stellenwert und eine bisher ungekannte Akzeptanz in der Welt
erlangt", so Schifter.
Nachfolgend veröffentlichen wir Schifters Ausführungen im Wortlaut.

In unserem Jahresbericht über Menschenrechtspraktiken - der Arbeit von Hunderten von Beamten des USAußenministeriums auf der ganzen Welt und Dutzenden in Washington - finden erneut die zahlreichen
ernsthaften Verletzungen der Rechte des einzelnen
ihren Niederschlag, mit denen sich die Menschen auf
der Welt konfrontiert sehen.
Obwohl weiterhin ernste Probleme bestehen, stellen
wir mit Befriedigung fest, daß sich auf lange Sicht
positive Tendenzen abzeichnen. Unsere auf demokratische Konzepte und Achtung der Menschenrechte
gegründete Regierungsphilosophie, die sich im 17.
und 18. Jahrhundert entwickelte, hat in den vergangenen Jahren einen Stellenwert und eine bisher ungekannte Akzeptanz in der Welt erlangt.
Über weite Teile dieses Jahrhunderts kam die entscheidende ideologische Herausforderung für den von
Spöttern so genannten "bourgoisen Liberalismus" von
denjenigen, die Anhänger der Grundsätze Lenins waren.
All dies gehört heute der Vergangenheit an. Demokratie wird nicht nur als hehres Ideal, sondern als Regierungssystem angesehen, das funktioniert und dazu
beiträgt, eine Grundlage für Freiheit und einen höheren Lebensstandard zu schaffen. Diejenigen, die
weiterhin die Diktatur verteidigen, beanspruchen keinen immanenten Wert der Diktatur an sich, geben aber

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für gewöhnlich vor, ihr Volk sei noch nicht reif für
Demokratie.
Zweifelsohne gibt es noch einige wenige Länder, in
denen alternde Diktatoren weiterhin dem MarxismusLeninismus frönen. Aber die Zahl dieser Länder, die
im Jahr 1989 so drastisch sank, nahm 1990 noch
weiter ab. Wie die derzeitigen Entwicklungen in Albanien so anschaulich zeigen, gibt es keine Massenbasis mehr, die marxistisch-leninistische Regime unterstützt. Sie haben alles, was sie an Unterstützung des
Volkes je gehabt haben mögen und insbesondere die
Unterstützung der Jugendlichen verloren. Sie sind in
der Tat ein Relikt der Vergangenheit.
Obwohl die größte Herausforderung für die grundlegenden Konzepte von Demokratie und Menschenrechten jetzt drastisch abnimmt, bedeutet dies nicht,
daß die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegten Prinzipien heute einheitlich
gewahrt werden. Der Iran lehnt beispielsweise internationale Menschenrechtsnormen ab, größtenteils auf
der Grundlage religöser Überzeugungen, und es gibt
auch andernorts Bewegungen, die dasselbe Argument vorbringen. Weltweit existieren noch zahlreiche
brutale Diktaturen, die sich auf nichts anderes gründen als den Wunsch einer Person oder einer kleinen
Gruppe, sich selbst in der Macht zu verewigen. Die

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�Diktatur im Irak ist - wie ich bereits vor einem Jahr
Gelegenheit hatte auszuführen - ein solches Beispiel.
Diese Art von Diktatur ist heute weltweit im Schwinden
begriffen, besonders jedoch im Afrika südlich der Sahara
wo jetzt neue demokratische Kräfte, Bestrebungen,
diktatorische Regierungen zu verdrängen und Verfassungen zu schreiben, die das Volk ihre Herrscher in
freien Wahlen unter Beteiligung mehrerer Parteien
wählen lassen, an Boden gewinnen.
Es liegt auf der Hand, daß die Wahrung der Menschenrechte in einem Staat aussichtsreicher ist, der seine
Regierung in freien und fairen Wahlen wählt als in einer
Diktatur. Freie Wahlen sind jedoch keine vollständige
Garantie für Menschenrechte. Man benötigt auch ein
unabhängiges Gerichtssystem, das in der Lage ist,
Gerechtigkeit ohne Einfluß von außen walten zu lassen sowie ein Strafverfolgungsssystem, das den einzelnen Bürger effektiv schützt. Zahlreiche Länder mit
schwachen Rechtssystemen sind an seiner Verbesserung interessiert. Wir können diesen Ländern helfen,
indem wir Programme für Rechtsstaatlichkeit unterstützen, und das ist genau das, was wir tun.
Wir haben den Begriff "Menschenrechte" stets verwendet, um die Beziehungen zwischen einer Regierung und den ihrer Kontrolle unterstehenden Personen, insbesondere ihren Bürgern, zu definieren. Als
Menschenrechte haben wir solche Rechte angesehen, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, die im großen und ganzen die
Bill of Rights in unserer Verfassung widerspiegeln. So
definiert, setzen Menschenrechte der Regierungsbefugnis Grenzen und artikulieren die Verpflichtungen,
die Regierungen zur Achtung der Menschenrechte
haben, einschließlich der Rechte von nationalen Minderheiten und ethnischen Gruppen. Wie ich bereits
festgestellt habe, ist die Wahrung der Menschenrechte
durch die Regierungen im Steigen begriffen.
Die Menschenrechtsdiskussion hat jedoch eine neue
Dimension erhalten. Heute beziehen wir in die Bandbreite der Menschenrechtsbelange durch Gewalt in
den Gemeinden verursachte Probleme sowie die durch
Konflikte zwischen rivalisierenden ethnischen, religiösen oder sogar Stammesfehden zu beklagenden Toten und Verletzten mit ein. Solche Konflikte können
gelegentlich durch staatliche Maßnahmen geschürt
oder verschaff werden, in vielen Fällen möchte die
Regierung aber solche Ausbrüche verhindern, ist dazu
jedoch nicht in der Lage.
Ein ähnlich geartetes Problem stellt sich durch gewalttätige Rebellion und die darin resultierenden Zusammenstöße mit den staatlichen Sicherheitskräften. Die
Rebellion kann politisch motiviert oder auf den durch
Nationalitätenkonflikte ausgelösten Wunsch nach
Veränderung des politischen Status eines Gebiets
gegründet sein. Wo Gewalt angewandt wird, haben
die Strafverfolgungsbehörden das Recht zu versu-

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chen, die Ordnung wiederherzustellen. Sie sollten
jedoch nicht übermäßig viel Gewalt einsetzen und die
gültigen Grundsätze des Völkerrechts wahren. In
jedem Fall sollten die im Völkerrecht verankerten Rechte
des einzelnen respektiert werden. Der Einsatz übermäßiger Gewalt durch das Militär oder die Polizei ist
eine andere Form von Menschenrechtsverletzungen.
Ein weiteres Problem sollte der Tagesordnung zu
Menschenrechtsbelangen hinzugefügt werden. In vielen
Ländern der Welt sind Gewalt gegen oder Diskriminierung von Frauen an der Tagesordnung. Häufig mögen
sie die Folge gesellschaftlicher Praktiken sein und
werden nicht von Regierungen überprüft. Wenn
Regierungen sich einer Änderung dieser Praktiken
verpflichtet haben und um unseren Beistand ersuchen, sollten wir versuchen zu helfen. Wenn sie nicht
dazu bereit sind, müssen wir die Aufmerksamkeit auf
das Problem lenken, insbesondere in seiner abscheulichsten Form: Gewalt gegen Frauen.
Obwohl - wie ich bereits ausgeführt habe - die herkömmlichen Menschenrechtsverletzungen in Form einer
Verweigerung bürgerlicher Freiheiten im Schwinden
begriffen sind, konnte weltweit eine deutliche Zunahme gewalttätiger Nationalitätenkonflikte mit tragischen
Konsequenzen beobachtet werden. In einem Land, zu
dem die Vereinigten Staaten seit langem historische
Beziehungen unterhalten - Liberia - waren über 10 000
Tote zu beklagen und mehr als 3 Viertel der Bevölkerung, über 1,7 Millionen Menschen, sind aufgrund des
Bürgerkriegs in diesem Land noch immer heimatlos.
Und dies alles in einem Land mit nur 2,5 Millionen
Einwohnern.
Nachdem ich sowohl die alte als auch die neue Dimension der weltweiten Menschenrechtsverletzungen
aufgezeigt habe, stellt sich die Frage, wie wir dazu
beitragen können, die Probleme zu lösen, mit denen
wir uns konfrontiert sehen. Wir sollten natürlich weiterhin die Regierungen drängen, die willentlich die Menschenrechte ihrer Bürger verletzen, davon abzulassen, aber es ist sehr viel mehr vonnöten, wenn wir es
mit Regierungen zu tun haben, die die Bedingungen
verbessern wollen, sich dabei jedoch Schwierigkeiten
gegenübersehen. Dies gilt insbesondere unter Gegebenheiten, bei denen Menschenrechtsverletzungen
von unzulänglicher beruflicher Bildung und Ausbildung
der Polizei oder dem Versagen des Rechtssystems
herrühren. In vielen Ländern sind Programme zur
Ausbildung der Polizei in Menschenrechtsbelangen
sowie Programme zur Stützung der Rechtsstaatlichkeit erforderlich.
Die größte Herausforderung resultiert jedoch vom
durch gewalttätige Nationalitätenkonflikte geschürten
Feuer. Die Herausforderung für so viele Länder und
die internationale Staatengemeisnchaft besteht in Hilfe bei der Lösung von ethnischen und mancherorts
religiösen Konflikten. Die Regierungen - gleichgültig,
ob zentral, regional oder lokal - sollten ein Teil der
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*

&gt;

�Lösung und nicht der Auslöser dieser Probleme sein.
Welche Normen können im Hinblick auf die Rechte von
Minderheiten Anwendung finden, die akzeptiert und
wirksam durchgesetzt werden könnten? Welche
Programme können in Schulen ins Leben gerufen
werden, um die jeweiligen Nachbarn zu lehren, gemeinsam in Frieden zu leben? Welche Schlichtungs-

mechanismen sollten geschaffen werden? Können
insbesondere führende Geistliche eine bedeutsame
Rolle beim Schlichten übernehmen und wie können sie
am wirksamsten dafür gewonnen werden? Dies sind
einige der Fragen auf unserer heutigen Tagesordnung
zu Menschenrechtsbelangen.

* * * *

AMERIKA DIENST 9

*

Seite 3

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