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                  <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

30. Januar 1991

Unfted States Information S?-v!ö8
Embassy oi !f;a United S:;^:::. oi America

libtary Services
Deichmanns Aue 29

530G Bonn 2

BERICHT ZUR LAGE
DER NATION

BUSH VERSPRICHT ERFOLG DER
KOALITION AM GOLF
Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation

GOLFKRISE

BUSH VERSPRICHT AUSSERSTE
ANSTRENGUNGEN ZUR BESEITIGUNG
DER ÖLKATASTROPHE IM PERSISCHEN GOLF
Pressekonferenz des Präsidenten
WIE DER IRAK SEINE
KRIEGSMASCHINERIE AUFBAUTE
Hintergrundinformation zu Iraks Militärapparat

GOLFKRISE/KSZE

MARESCA: DIE WELT HAT
SADDAM HUSSEIN GEWARNT
Botschafter Maresca bei der KSZE

WIRTSCHAFT

GREENSPAN: ENDE DER REZESSION IN DEN
USA GEGEN MITTE DES JAHRES ERWARTET
Rede des Direktors der US-Bundesbank
im Kongreß

BALTIKUM

DIE SITUATION IM BALTIKUM
Amerikanische Pressestimmen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�BERICHT ZUR LAGE DER NATION
30.Januar 1991

BUSH VERSPRICHT ERFOLG
DER KOALITION AM GOLF
Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush verprach am 29. Januar 1991, die Bestrebungen der Koalition am
Persischen Golf "werden erfolgreich sein" und erklärte, die Aggression des irakischen Präsidenten Saddam
Hussein "wird sich nicht behaupten".
In seinem Bericht zur Lage der Nation konstatierte Bush, Saddam Husseins "nichtprovozierte Invasion" Kuwaits
"hat alles verletzt, was der internatioalen Staatengemeinschaft heilig ist. Die Welt hat erklärt, seine Aggression
werde sich nicht behaupten - und sie wird sich nicht behaupten."
Der Präsident erklärte ferner, es ermutige ihn, daß die Vereinigten Staaten nicht allein die finanzielle Belastung
des Kampfes um die Befreiung Kuwaits von der irakischen Besetzung tragen müssen.
"Im vergangenen Jahr haben unsere Freunde und Verbündeten den größten Teil der Kosten für die Operation
Wüstenschild getragen, und da ich inzwischen Zusagen im Umfang von über 40 Milliarden Dollar für die ersten
drei Monate des Jahres 1991 erhalten habe, bin ich zuversichtlich, daß sie während der Durchführung von
Operation Wüstensturm eingehalten werden," bemerkte Bush.
Die Rede des Präsidenten ging auf die Entwicklungen am Persischen Golf ebenso ein wie auf das Verhältnis
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die Handelsbeziehungen, die US-Wirtschaft und andere
innenpolitische Themen, einschließlich Bürgerrechten, Verbrechensbekämpfung und Gesundheitswesen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Vorsitzender, verehrte Abgeordnete des amerikanischen Kongresses. Ich trete vor
dieses Haus des Volkes, um zu Ihnen und allen
Amerikanern zu sprechen, weil wir uns in einer entscheidenden Stunde befinden.
Auf der anderen Seite des Erdballs führen wir in der
Luft, zu Wasser und zu Lande einen großen Kampf.
Wir wissen, warum wir dort sind. Wir sind Amerikaner
und damit Teil eines übergeordneten Ganzen.
Seit zweihundert Jahren haben wir für die Freiheit hart
gearbeitet. Und heute abend führen wir die Welt in der
Machtprobe einer Bedrohung gegen Anstand und
Menschlichkeit.
Es steht mehr auf dem Spiel als nur ein kleines Land
- eine große Idee: eine neue Weltordnung, in der
unterschiedliche Nationen in einer gemeinsamen Sache
zusammenstehen, um die universellen Hoffnungen
der Menschheit zu verwirklichen: Frieden und Sicherheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. So sieht eine
AMERIKA DIENST 4

Welt aus, für die es sich zu kämpfen lohnt und die der
Zukunft unserer Kinder wert ist.
Die internationale Staatengemeinschaft ist einmütig
zusammengetreten, um die gesetzlose Aggression zu
verurteilen und zurückzuschlagen. Saddam Husseins
nichtprovozierte Aggression - seine ruchlose, systematische Vergewaltigung eines friedlichen Nachbarn hat alles verletzt, was der internationalen Staatengemeinschaft heilig ist.
Die Welt hat erklärt, seine
Aggression werde sich nicht behaupten - und sie wird
sich nicht behaupten.
Gemeinsam sind wir der Falle der Beschwichtigung,
des Zynismus und der Isolation entgangen, die für
Tyrannen eine große Versuchung darstellt. Die Welt
hat Saddam Husseins Invasion mit 12 UNO-Resolutionen beantwortet, beginnend mit der Forderung nach
dem unverzüglichen und bedingungslosen Abzug des
Irak und untermauert von Streitkräften aus 28 Ländern
in 6 Kontinenten. Mit wenigen Ausnahmen hält die
Welt jetzt zusammen.
Seite 1

�Das Ende des kalten Kriegs war ein Sieg für die ganze
Menschheit. Vor anderthalb Jahren habe ich in Deutschland erklärt, unser Ziel sei ein ungeteiltes und freies
Europa. Heute ist Deutschland vereinigt. Europa ist
ungeteilt und frei geworden - und Amerikas Führungsrolle hat es möglich gemacht.
Unsere Beziehungen zur Sowjetunion sind nicht nur
für uns, sondern für die ganze Welt von Bedeutung.
Diese Beziehungen haben uns geholfen, diese und
andere historische Veränderungen zu gestalten. Aber
wie viele andere Länder sind auch wir tief besorgt über
die Gewalt im Baltikum, und diese Sorge haben wir
auch der sowjetischen Führung übermittelt.
Unsere Leitlinie ist einfach: unser Ziel besteht darin,
den Völkern im Baltikum bei der Realisierung ihrer
Hoffnungen zu helfen, nicht die Sowjetunion zu bestrafen. Bei unseren jüngsten Gesprächen mit der sowjetischen Führung haben wir Vorträge gehört, die bei
ihrer Umsetzung in die Tat zum Abzug einiger Teile der
sowjetischen Streitkräfte, einer Wiederaufnahme des
Dialogs mit den Teilrepubliken und zu einer Abkehr von
Gewalt führen würden.
Wir werden genau beobachten, wie sich die Situation
entwickelt. Und wir werden unsere Kontakte mit der
sowjetischen Führung pflegen, um weiteres Engagement für Demokratisierung und Reform zu fördern.
Wenn möglich möchte ich ein dauerhaftes Fundament
für amerikanisch-sowjetische Kooperation undfüreine
friedlichere Zukunft der gesamten Menschheit schaffen.
Der Triumph demokratischer Ideen in Osteuropa und
Lateinamerika - und der anhaltende Kampf für Freiheit
in anderen Teilen der Welt - sind eine Bestätigung für
die Klugheit unserer Staatsgründer.
Heute abend arbeiten wir gemeinsam, um einen anderen Sieg zu erringen - einen Sieg über die Tyrannei und
brutale Aggression.
Gemeinsam treten wir in das letzte Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts ein und sind dankbar für die Wohltaten,
die uns zuteil werden, sind uns standhaft in unserem
Ziel unserer Schwierigkeiten bewußt und tragen die
Verantwortung für unsere Pflichten im In- und Ausland.
Seit zweihundert Jahren dient Amerika der Welt als
leuchtendes Beispiel für Freiheit und Demokratie. Seit
Generationen übernimmt Amerika die Führungsrolle
im Kampf um die Erhaltung und Ausdehnung der
Wohltaten der Freiheit. Und heute, in einer sich rasch
verändernden Welt, ist die Führungsrolle Amerikas
unabdingbar. Amerika weiß, daß eine Führungsrolle
auch Belastungen mit sich bringt und Opfer fordert.
Aber wir wissen, warum die Hoffnungen der Menschheit auf uns gerichtet sind.

Seite 2

Wir sind Amerikaner. Wir haben eine einzigartige
Verantwortung, die harte Arbeit der Freiheit zu leisten.
Und wenn wir das tun, funktioniert Freiheit.
Die Überzeugung und der Mut, wje wir sie heute am
Persischen Golf beobachten, zeigen ganz einfach den
amerikanischen Charakter in Aktion. Der unbeugsame Geist, der zu diesem Sieg für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt beiträgt, ist derselbe Geist, der uns
die Macht und die Möglichkeit gibt, unseren größten
innenpolitischen Herausforderungen gerecht zu werden.
Wir sind entschlossen und erfinderisch. Wenn wir
selbstlos dem Bösen in einem so weit entfernten Land
die Stirn bieten können, dann können wir ganz sicher
dieses Land zu dem machen, was es sein sollte.
Wenn Ihnen jemand erzählt, Amerika habe seine besten
Tage hinter sich, sehen sie das falsch.
Heute abend trete ich vor dieses Haus und vor das
amerikanische Volk mit einem Aufruf zur Erneuerung.
Dies ist nicht nur ein Aufruf zu neuen Regierungsinitiativen, sondern ein Appell für neue Initiative der Regierung, unserer Gemeinden und von jedem Amerikaner
- sich auf das nächste amerikanische Jahrhundert
vorzubereiten.
Amerika hat immer ein Beispiel gegeben. Wer von uns
wird dieses Beispiel geben? Wer von unseren Bürgern
wird uns in das nächste amerikanische Jahrhundert
führen? Jeder, der einen Schritt nach vorn macht und
einen Süchtigen bewegt, Drogen aufzugeben. Der
einen Jugendlichen in Not davon überzeugt, nicht
aufzugeben - der einen AIDS-Kranken tröstet - der
einem hungrigen Kind hilft.
Die Hoffnung auf ein erneuertes Amerika liegt in Reichweite. Wir können einen Sinn und die Erfüllung finden,
indem wir uns einem höheren Ziel verschreiben einem leuchtenden Ziel, der Entfachung tausender
Lichter. Es wird von allen ausgedrückt, die die unwiderstehliche Macht einer Kinderhand kennen, die Macht
eines Freundes, der einem zur Seite steht, die großzügige Geste eines Freiwilligen, eine Idee, die ganz
einfach richtig ist.
Die vor uns liegenden Probleme mögen anders sein,
aber der Schlüssel zu ihrer Lösung bleibt derselbe: es
ist der einzelne, der einen Schritt nach vorn macht.
Und unser Staatenbund wird von von allen gebildet, er
ist die Summe unserer Freundschaften, Ehen, Familien und Gemeinden.
Wir alle haben etwas zu geben. Wenn Sie lesen
können, suchen Sie jemanden, der es nicht kann.
Wenn Sie einen Hammer haben, suchen Sie einen
Nagel. Wenn Sie keinen Hunger haben, nicht einsam
oder in Schwierigkeiten sind - suchen Sie jemanden,
dem Sie helfen können.

AMERIKA DIENST 4

�Treten Sie der verantwortungsbewußten Gemeinschaft
bei. Leisten Sie die harte Arbeit des Friedens. Dadurch definiert sich unser Staatenbund.
Seit Gründung unserer Nation war "Wir, das Volk"
Quelle unserer Stärke. Was die Regierung allein
leisten kann, ist begrenzt - aber die Möglichkeiten des
amerikanischen Volkes kennen keine Grenzen.
Wir sind eine Nation, die von steinhartem Realismus
und klarsichtigem Idealismus geprägt ist. Wir sind
Amerikaner: Wir sind ein Land, das an seine Zukunft
glaubt. Wir sind ein Land, das die Zukunft gestalten
kann.
Und wir haben angefangen, genau das zu tun - durch
Stärkung der Macht und Wahlfreiheit des einzelnen
und der Familie.
Gemeinsam haben wir in den letzten zwei Jahren das
Geld für die Kinderbetreuung direkt den Eltern und
nicht mehr der Bürokratie zukommen lassen. Wir
haben das Potential behinderter Amerikaner freigesetzt. Die Kreativität der Marktwirtschaft in den Dienst
der Umwelt und der sauberen Luft gestellt. Und wir
haben es ermöglicht, daß mehr Amerikaner ein eigenes Haus besitzen können.
Die Stärke der Demokratie liegt nicht in der Bürokratie.
Sie liegt bei den Menschen und ihren Gemeinden. Bei
allem, was wir tun, müssen wir das Potential unserer
wertvollsten Ressourcen freisetzen - unsere Bürger.
Wir müssen Familien, Gemeinden, Bezirken, Städten,
Staaten und Institutionen aller Art wieder die Macht
geben, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen und ihnen
die Freiheit und Chancen einräumen, die starkes Wirtschaftswachstum bieten. Darum geht es in Amerika.
Ich weiß, daß heute abend in einigen Teilen dieses
Landes Menschen in echter wirtschaftlicher Not sind.
Ich höre sie.
Anfang dieses Monats schrieb mir Kathy Blackwell aus
Massachusetts einen Brief darüber, was bei einer
wirtschaftlichen Flaute passieren kann: "Mir tut das
Herz weh, und ich denke, Sie sollten es wissen - Ihr
Volk hier draußen leidet großen Schmerz."
Ich verstehe das. Und ich bin nicht unrealistisch im
Hinblick auf die Zukunft. Aber es besteht Grund zum
Optimismus über unsere Wirtschaft.
Erstens müssen wir keine zweistellige Inflation bekämpfen. Zweitens müssen die meisten Industrieunternehmen ihre Produktion nicht erheblich drosseln,
weil sie keine großen Lagerbestände angesammelt
haben. Und drittens exportieren wir stetig und in
gewohntem Umfang. Tatsächlich exportieren amerikanische Unternehmen in nie dagewesenem Maße.
Diese Zeit muß man im richtigen Blickwinkel sehen.
Seit 1981 haben wir gemeinsam fast 20 Millionen

AMERIKA DIENST 4

Arbeitsplätze geschaffen, die Inflation und die Zinssätze halbiert.
Es stimmt, daß die größte wirtschaftliche Expansion
der Geschichte in Friedenszeiten zeitweise unterbrochen ist. Aber unsere Wirtschaft ist immer noch
doppelt so groß wie die unseres größten Konkurrenten.
Wir werden diese Rezession hinter uns bringen und bald - wieder auf den Wachstumskurs zurückkehren.
Wir werden den Weg zu einem neuen Expansionsrekord einschlagen und die Stärke im Wettbewerb erlangen, die uns ins nächste amerikanische Jahrhundert
führt.
Wir sollten unsere Bestrebungen heute auf die Förderung des Wirtschaftswachstums richten, in die Zukunft
investieren und dem einzelnen Macht und Chancen
geben.
Dabei müssen wir mit der Kontrolle der Bundesausgaben beginnen. Aus diesem Grund unterbreite ich einen
Haushalt, der den Ausgabenzuwachs unter der Inflationsrate hält. Und deshalb haben wir, trotz allen
Wehklagens bei der Haushaltsdebatte im letzten Jahr,
durchführbare Ausgabenkürzungen verabschiedet, so
daß künftige Debatten über die Ausgaben ein Kampf
der Ideen sind, kein Machtkampf.
Trotz aller Kontroversen hat die Haushaltsvereinbarung der Bundesregierung schließlich einen Mechanismus zur gleichzeitigen Anhebung von Ausgaben
und Steuern (pay-as-you-go-plan) auferlegt - und das
Schuldenwachstum um nahezu 500 Milliarden Dollar
gesenkt. Damit werden Mittel zum Sparen und für
Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen frei.
Wir wollen noch mehr tun. Mein Haushalt umfaßt auch
steuerfreie Sparguthaben für Familien, straffreie Auszahlungen aus der Rentenkasse für Ersteigentümer
von Häusern und zur Vermehrung von Arbeitsplätzen
und Wachstum eine gesenkte Steuer für langfristige
Kapitalerträge.
Ich weiß, daß wir über die Auswirkungen eines Anreizes für Kapitalerträge unterschiedlicher Meinung sind.
Deshalb fordere ich heute abend die Kongre ßabgeordneten und die Notenbank auf, gemeinsam mit uns unter Leitung von Alan Greenspan - eine Untersuchung durchzuführen, um unsere technischen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, so daß wir eine
Rückkehr zu unproduktivem Zank zwischen den Parteien vermeiden können.
Aber ebenso wie unsere Bestrebungen jetzt und in
Zukunft Wirtschaftswachstum hervorbringen, müssen
sie von langfristigen Investitionen für das nächste
amerikanische Jahrhundert begleitet sein.
Das erfordert einen zukunftsorientierten Aktionsplan und genau den werden wir dem Kongreß übergeben.

Seite 3

�Wir haben eine Reihe detaillierter Vorschläge erarbeitet:
Einen Haushalt, der Investitionen in Amerikas Zukunft
fördert- in Kinder, Ausbilung, Infrastruktur, das Weltall
und Hochtechnologie.
Gesetze, die - aufbauend auf der Partnerschaft mit 50
Gouverneuren beim Bildungsgipfel - Leistung im Bildungswesen fördern, im Rahmen derer Eltern die
Schulen ihrer Kinder wählen können und dazu beitragen, daß Amerika in Mathematik und Naturwissenschaften die Nummer 1 wird.
Einen Plan für ein neues nationales Autobahnnetz eine wichtige Investition für unser Verkehrsnetz.
Ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm mit einem Rekordumfang an Investitionen der Bundesregierung und einen Steuerfreibetrag zur Förderung privater Forschung und Entwicklung und Schaffung von
Arbeitsplätzen.
Ein umfassendes nationales Energieprogramm, das
Erhaltung und effektive Nutzung von Energie ebenso
fordert wie stärkere Entwicklung und umfangreicheren
Einsatz alternativer Brennstoffe.
Einen Reformplan für die Banken für den Übergang
des amerikanischen Finanzwesens ins 21. Jahrhundert - so daß unsere Banken sicher bleiben und
weiterhin Kredite an Fabriken und Unternehmen zur
Schaffung von Arbeitsplätzen und an Hauskäufer
vergeben können. Ich denke, man war zu pessimistisch. Gesunde Banken sollten mehr Kredite bereitstellen und die Zinssätze sollten - jetzt - sinken.
Zusätzlich zu diesen Vorschlägen müssen wir der
Tatsache Rechnung tragen, daß unsere wirtschaftliche Stärke von unserer Wettbewerbsfähigkeit auf den
Weltmärkten abhängt. Wir müssen das Exportvolumen der Vereinigten Staaten weiter aufstocken. Ein
erfolgreicher Abschuß der Uruguay-Runde von Welthandelsgesprächen wird mehr Arbeitsplätze und größeres reales Wachstum - für alle Nationen - schaffen.
Sie und ich wissen, wenn die Spielregeln stimmen,
können die amerikanischen Arbeitnehmer und Landwirte es mit jedem zu jeder Zeit und an jedem Ort
aufnehmen.
Mit dem mexikanischen Freihandelsabkommen und
unserer Initiative zur Unternehmensförderung in allen
Ländern Amerikas können wir unseren Partnern helfen, ihre Wirtschaft zu stärken und auf dem gesamten
Kontinent eine Freihandelszone zu schaffen.
Die Haushaltsvorlage enthält ferner einen Aktionsplan, der jedem einzelnen hier in unserem Land mehr
Macht und Chancen bieten will. Dies bedeutet neue
Initiativen zur Schaffung von Arbeitsplätzen in unseren
Stadtkernen durch Ermutigung von Investitionen in

Seite 4

Gewerbegebiete. Es bedeutet ferner Mietermitbestimmung und Eigentumsförderung im öffentlichen
Wohnungsbau. Die Freiheit der Wahl sollte nicht das
Privileg der Wohlhabenden sein. Sie ist das Geburtsrecht jedes Amerikaners.
Bürgerrechte sind ebenso entscheidend bei der Gewährleistung gleicher Chancen. Jeder von uns trägt
die Verantwortung, sich gegen Rassismus, Bigotterie
und Haß auszusprechen. Wir werden die bestehenden Statuten weiterhin vehement durchsetzen, und ich
werde den Kongreß nochmals auffordern, die Gesetze
gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz ohne unfaire
Bevorzugung zu verbessern.
Wir sind ferner entschlossen, ein weiteres grundlegendes Bürgerrecht zu schützen - Kriminalität und Furcht
zu bekämpfen, die in unseren Städten umgeht. Der
Justizminister wird in Kürze eine Zusammenkunft der
Strafverfolgungsbeamten unseres Landes zur Verbrechensbekämpfung einberufen. Um zu ihrer Unterstützung beizutragen, benötigen wir eine strenge Gesetzgebung zur Verbrechensbekämpfung - und wir brauchen sie jetzt.
Bei der Verbrechensbekämpfung werden wir unsere
nationale Strategie zum Kampf gegen den Drogenmißbrauch voll und ganz verwirklichen. Jüngste Statistiken belegen, daß wir Fortschritte machen, aber es
bleibt noch viel zu tun. Wir werden nicht ruhen, bis wir
allen Drogenhändlern für immer das Handwerk gelegt
haben.
Gesundheit ist das Recht und die Verantwortung jedes
Amerikaners. Aus diesem Grund schlagen wir ein
aggressives Programm neuer Vorsorgeinitiativen vor für Kleinkinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere
Mitbürger - um ein gesünderes Amerika zu schaffen
und die Kostenexplosion im Gesundheitswesen einzudämmen.
Es ist an derzeit, den Mitbürgern ein größeres Mitspracherecht bei der Regierung einzuräumen, indem wir
das Ideal des bürgernahen Politikers wiederbeleben,
der dient und nicht nur sein Amt verteidigt. Einer der
Gründe für die starke Befürwortung begrenzter Amtszeiten ist, daß das amerikanische Volk zunehmend
über den Einfluß des Geldes in der Politik besorgt ist.
Wir müssen über die nächste Wahl hinausblicken und
zukünftige Generationen im Auge behalten. Es ist an
der Zeit, nationales Interesse über Einzelinteresse zu
stellen - und politische Aktionskomitees vollständig
abzuschaffen.
Damit gäbe es größere Konkurrenz bei den Wahlen,
und dem einzelnen würde mehr Macht verliehen. Und
wo Macht nicht direkt in die Hände des einzelnen
gelegt werden kann, sollte sie dem Volk nähergebracht
werden - weiter entfernt von Washington.

AMERIKA DIENST 4

�Die Bundesregierung behandelt staatliche Programme zu häufig, als seien sie in Washington, von Washington und für Washington gemacht. Einmal eingeführt, scheinen Bundesprogramme unsterblich zu
werden.
Es ist an der Zeit für eine dynamischere Programmfolge: Einige Programme sollten erweitert werden. Andere
abgebaut. Einige sollten beendet, und wieder andere
sollten der Zuständigkeit der Bundesstaaten übergeben werden.
Mein Haushaltsentwurf enthält eine Liste von eventuell
abzustoßenden Programmen, die sich insgesamt auf
über 20 Milliarden Dollar belaufen. In Zusammenarbeit mit dem Kongreß und den Gouverneuren schlage
ich vor, daß wir Programme im Wert von mindestens
15 Milliarden Dollar aussuchen und sie mit einem vollständig finanzierten - einmaligen konsolidierten
Zuschuß an die Bundesstaaten übergeben, damit diese
sie flexibel verwalten können.
Der Zweck dieser Übung liegt auf der Hand. Sie
gestattet der Bundesregierung eine Reduzierung der
laufenden Kosten und den Bundesstaaten eine flexiblere und effizientere Verwaltung. Macht und Entscheidungsfindung werden dem Volk nähergebracht.
Und sie bekräftigt eine Leitlinie dieser Administration:
Würdigung und Ermutigung des Innovationsgeistes
von "Bundesstaaten als Versuchslabors".
Diese Nation wurde von politisch Verantwortlichen
gegründet, die erkannten, daß die Macht in die Hand
des Volkes gehört. Sie planten für die Zukunft. Das
müssen auch wir tun - hier und in der übrigen Welt.
Als Amerikaner wissen wir, daß es Zeiten gibt, in
denen wir einen Schritt nach vorn machen und unsere
Verantwortung übernehmen müssen, die Welt aus
dem dunklen Chaos der Diktatoren in eine vielversprechendere Zukunft besserer Tage zu führen.
Vor nahezu 50 Jahren haben wir den langen Kampf
gegen aggressiven Totalitarismus aufgenommen. Heute
befinden wir uns in einer weiteren entscheidenden
Stunde für die Vereinigten Staaten und die Welt.
Niemand leistet mehr harte Arbeit für die Freiheit als
jeder Soldat und jeder Seemann, jeder Marineinfanterist, Flieger und Küstenwachmann - jeder Mann und
jede Frau, die heute am Persischen Golf dienen.
Jeder von ihnen hat sich freiwillig zur Verteidigung
dieser Nation bereiterklärt - und jetzt führen sie einen
mutigen Kampf, um für die Vereinigten Staaten, die
Welt und zukünftige Generationen einen gerechten
und dauerhaften Frieden zu erlangen.
Unsere Verpflichtung ihnen gegenüber muß ihrer
Verpflichtung gegenüber ihrem Land entsprechen. Sie
sind die Besten, die Amerika hat.

AMERIKA DIENST 4

Wir wollten den Krieg am Golf nicht. Wir haben hart
daran gearbeitet, Krieg zu vermeiden. Zusammen mit
der Arabischen Liga, der Europäischen Gemeinschaft
und den Vereinten Nationen haben wir über fünf Monate
lang versucht, alle diplomatischen Kanäle auszuschöpfen. UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar, die
Präsidenten Gorbatschow, Mitterrand, Özal, Mubarak
und Bendjedid, die Könige Fahd und Hussein, die
Premierminister Major und Andreotti - um nur einige zu
nennen - haben alle an einer Lösung gearbeitet. Aber
immmer wieder hat Saddam Hussein den Kurs der
Diplomatie und des Friedens rundweg abgelehnt.
Die Welt weiß sehr wohl, wie und wann dieser Konflikt
begann: Er begann am 2. August, als Saddam Hussein in einen kleinen, wehrlosen Nachbarstaat einmarschierte und ihn sich einverleibte. Und ich bin sicher,
wie er enden wird. Damit der Frieden obsiegt, werden
wir dort ausharren.
Es ist mir eine Freude, heute abend berichten zu
können, daß wir auf Kurs liegen. Iraks Fähigkeit zur
Kriegführung wird zerstört. Unsere Investitionen, unsere
Ausbildung und Planung - all dies macht sich bezahlt.
Die Zeit wird Saddam Hussein nicht retten.
Unser Ziel am Persischen Golf ist und bleibt: den Irak
aus Kuwait zu vertreiben, die rechtmäßige Regierung
Kuwaits wiedereinzusetzen und Stabilität und Sicherheit in dieser entscheidenden Region zu gewährleisten.
Ich möchte eindeutig klarstellen, was ich unter Stabilität und Sicherheit in der Region verstehe. Wir wollen
nicht die Vernichtung des Irak, seiner Kultur oder
seines Volkes. Wir wünschen vielmehr, daß der Irak
seine riesigen Ressourcen nicht zur Zerstörung einsetzt oder in den Dienst eines ehrgeizigen Tyrannen
stellt, sondern zur Schaffung eines besseren Lebens
für sich und seine Nachbarn. Unser Ziel ist ein Persischer Golf, an dem nicht länger Konflikt die Regel ist,
wo die Starken weder versucht noch fähig sind, die
Schwachen einzuschüchtern.
Die meisten Amerikaner wissen instinktiv, warum wir
am Golf sind. Sie wissen, wir mußten Saddam Hussein jetzt aufhalten - nicht später. Sie wissen, dieser
brutale Diktator wird alles tun, jede Waffe einsetzen
und jede Greueltat begehen - gleichgültig, wie viele
Unschuldige leiden müssen.
Sie wissen, wir müssen sicherstellen, daß die Kontrolle
über die Ölreserven der Welt nicht in seine Hände fällt,
nur um weitere Aggression zu finanzieren. Sie wissen,
daß wir einen neuen, dauerhaften Frieden schaffen
müssen - nicht auf Wettrüsten und Konfrontation,
sondern auf gemeinsame Prinzipien und Rechtsstaatlichkeit gegründet.

Seite 5

�Und wir alle erkennen, daß unsere Verantwortung als
Katalysator für Frieden in der Region nicht mit der
erfolgreichen Beendigung dieses Krieges endet.
Demokratie birgt das unveräußerliche Recht des konstruktiven Widerspruchs - und wir haben hier in unserem Land anderslautende Meinungen vernommen einige unbesonnen, die meisten verantwortungsbewußt. Aber die Tatsache, daß alle das Recht haben,
ihre Meinung auszusprechen, ist ein Grund, warum wir
seit 200 Jahren in Ziel und Grundsätzen übereinstimmen.
Unser Fortschritt in diesem großen Kampf ist das
Ergebnis jahrelanger Wachsamkeit und der unerschütterlichen Verpflichtung zu einer starken Verteidigung.
Angesichts beachtlicher technologischer Fortschritte
wie der Patriot-Rakete können wir uns heute gegen
Angriffe ballistischer Raketen auf unschuldige Bürger
verteidigen.
Mit Blick auf die Zukunft habe ich verfügt, daß unser
SDI-Programm sich erneut darauf konzentriert, Schutz
vor begrenzten Angriffen mit ballistischen Raketen zu
gewähren - gleichgültig welcher Herkunft. Wir wollen
ein SDI-Programm verfolgen, das jeder zukünftigen
Bedrohung der Vereinigten Staaten, unserer Streitkräfte in Übersee und unserer Freunde und Verbündeten gewachsen ist.
Dank der amerikanischen Arbeitnehmer hat uns die
Qualität der amerikanischen Technologie in die Lage
versetzt, erfolgreich mit schwierigen militärischen Situationen fertig zu werden und den Verlust an Menschenleben so gering wie möglich zu halten. Wir
haben unseren Männern und Frauen unser Bestes
gegeben. Und sie verdienen es.
Wir alle bewahren einen Platz in unserem Herzen für
die Familien unserer am Golf dienenden Männer und
Frauen. Sie sind heute abend hier durch Frau Schwarzkopf vertreten. Wir sind General Schwarzkopf und
allen, die mit ihm dienen, zu großem Dank verpflichtet.
Und den Familienangehörigen möchte ich sagen, unsere
Streitkräfte werden keinen Tag länger als zur Beendigung ihrer Mission nötig am Golf bleiben.
Der Mut und der Erfolg der Piloten - aus Kuwait, SaudiArabien, Frankreich, Kanada, Italien, Katar und Bahrain - sind Beweis dafür, daß sich die internationale
Staatengemeinschaft zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg einig ist. Die bisher als Idealvorstellung
geltende Führungsrolle der Vereinten Nationen bestätigt jetzt die Vision ihrer Gründer.
Es berührt mich tief, daß wir die finanzielle Belastung
dieses Kampfes nicht allein tragen müssen. Im vergangenen Jahr haben unsere Freunde und Verbündelen den größten Teil der Kosten für die Operation
Wüstenschild übernommen, und da ich inzwischen

Seite 6

Zusagen im Umfang von über 40 Milliarden Dollar für
die ersten drei Monate des Jahres 1991 erhalten habe,
bin ich zuversichtlich, daß sie während der Durchführung von Operation Wüstensturm eingehalten werden.
Aber die Welt wundert sich vielleicht, was der irakische
Diktator wohl denkt. Wenn er glaubt, Vorteile zu
erlangen indem er unschuldige Zivilisten in Israel und
Saudi-Arabien zur Zielscheibe macht, liegt er ganz
falsch. Wenn er denkt, seine Sache durch tragischen
und verabscheuungswürdigen Umweltterrorismus
vorantreiben zu können, liegt er ganz falsch. Und
wenn er glaubt, durch brutalen Umgang mit den Kriegsgefangenen der Verbündeten Vorteile erlangen zu
können, liegt er ebenfalls falsch.
Wir werden im Golf Erfolg haben. Und wenn wir das
tun, wird dies ein für allemal eine Warnung der internationalen Staatengemeinschaft für jeden Diktator oder
Despoten - der Gegenwart oder Zukunft - sein, der
gesetzlose Aggression in Betracht zieht.
Die Welt kann deshalb diese Gelegenheit ergreifen,
um die langgehegte Hoffnung auf eine neue Weltordnung zu erfüllen - in der Brutalität nicht zum Ziel führt
und Aggression auf kollektiven Widerstand stößt.
Die Vereinigten Staaten übernehmen einen großen
Teil der Führungsrolle in diesem Bestreben. Unter den
Ländern der Welt verfügen lediglich die Vereinigten
Staaten über die moralische Standfestigkeit und die
Mittel zu ihrer Durchsetzung. Wir sind das einzige
Land auf der Welt, das diese Friedensstreitkräfte
zusammenbringen konnte.
Dies ist die Last der Führungsrolle - und die Stärke, die
Amerika zum Symbol der Freiheit in einer Welt macht,
die sich auf der Suche befindet.
Dieses Land hat Krieg niemals als ruhmreiche Angelegenheit angesehen. Unser Volk wollte niemals die
Vorzüge von Heimat und Arbeit zugunsten ferner
Länder und tödlicher Konflikte aufgeben. Wenn wir in
Empörung kämpfen, dann nur, weil wir überhaupt
kämpfen müssen. Und wir alle streben eine Welt an,
in der wir niemals wieder kämpfen müssen.
Jeder von uns wird für sich selbst den Wert dieses
großen Kampfes erkennen. Jeder Verlust an Menschenleben liegt au ßerhalb unseres Ermessens. Aber
der Preis, um den wir die Augen vor der Aggression
verschließen würden, liegt außerhalb der Vorstellungskraft des Menschen überhaupt.
Wir wissen eins: Unsere Sache ist gerecht. Unsere
Sache ist moralisch, und unsere Sache ist richtig.
Künftige Generationen sollen die Belastungen und die
Vorzüge der Freiheit erkennen. Wir können ihnen
sagen, daß wir aufgestanden sind, als uns die Pflicht
rief.

AMERIKA DIENST 4

�Sie sollen wissen, daß wir als verantwortungsbewußte
Gemeinschaft alles für Amerika und die Welt getan
haben.

daß wir im In- und Ausland über den Willen verfügen,
das zu leisten, was geleistet werden muß - harte Arbeit
für die Freiheit.

Der Wind des Wandels weht aus unserer Richtung.
Die Kräfte der Freiheit sind vereint. Wir treten zuversichtlicher als je zuvor in das nächste Jahrhundert ein,

Möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 4

Seite 7

�GOLFKRISE
30. Januar 1991

BUSH VERSPRICHT ÄUSSERSTE ANSTRENGUNGEN
ZUR BESEITIGUNG DER ÖLKATASTROPHE IM
PERSISCHEN GOLF
Pressekonferenz des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) -Am 25. Januar 1991 versprach Präsident Bush, "alle Anstrengungen zu unternehmen",
um die weitere Einleitung von Öl in den Persischen Golf zu unterbinden, die der Irak durch Sabotage an den
wichtigsten Pumpstationen für Kuwaits Supertanker verursacht hat.
Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärte Bush, "ich kann Ihnen versichern", daß alle Wissenschaftler, Öl- und Militärexperten aus Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Staaten "in sehr engen Konsultationen stehen".
Darüber hinaus bekundete Bush seine Absicht, den Kongreßabgeordneten Edward Madigan aus Illinois zum
Landwirtschaftsminister zu nominieren. Er soll an die Stelle Clayton Yeutters treten, der zum Vorsitzenden des
Nationalen Komitees der Republikaner ernannt worden ist.
Im Rahmen der Pressekonferenz ging der Präsident ferner auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, die
Lage im Baltikum und die Probleme am Persischen Golf ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz in wesentlichen Auszügen.

Bush: Ich möchte diese Pressekonferenz mit der
Ankündigung beginnen, daß ich meinen guten Freund
undhervorragendenn Kongreßabgeordneten, Edward
Madigan, zum neuen Landwirtschaftsminister nominieren möchte. Ed Madigan ist seit 19 Jahren Mitglied
des Repräsentantenhauses. Er ist mit allen landwirtschaftlichen Fragen bestens vertraut und rangältestes
Mitglied der Minderheitspartei im Landwirtschaftsausschuß des Repräsentantenhaus. Ich kenne ihn seit
langem. Ich habe ihn als Freund und Führungspersönlichkeit in unserer Partei sowie als Mensch schätzengelernt, dem die Landwirtschaftspolitik unserer Regierung und die Landwirte in Amerika am Herzen liegen.
Er kennt die Landwirte in Illinois genau. Er kennt ihre
Bedürfnisse, ihre Sorgen und - was am wichtigsten ist
- ihre Hoffnungen für die Zukunft der Landwirtschaft.
Dies sind keine leichten Zeiten für die kleinen Landwirte, aber es sind wichtige Zeiten. In der Nahrungsmittelproduktion gelten wir - die Vereinigten Staaten - der
Welt als Vorbild. Dennoch haben amerikanische
Bauernfamilien nicht immer den Wohlstand genossen,
den sie verdienen. Meiner Ansicht nach ist Ed Madi-

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gan der Mann, der sich dieser Probleme annehmen
kann. Er setzt sich für die Sache ein und wird ihr im
Wei ßen Haus Gehör verschaffen, wenn wir die Zukunft
der amerikanischen Landwirtschaft erörtern...
Frage: Herr Präsident, was können Sie bei der Einleitung von Öl in den Golf durch den Irak unternehmen?
Wie kann sie gestoppt werden?
Antwort: Im Augenblick wird viel unternommen, um
herauszufinden, mit welchem Verfahren man dieser
Katastrophe Herr werden und die Ölpest stoppen
kann.
Saddam Hussein verblüfft weiterhin die Welt. Erst
benutzt er diese Scud-Raketen, die überhaupt keinen
militärischen Wert haben. Dann spielt er mit dem
Leben von Kriegsgefangenen, läßt sie aufmarschieren
und droht sie als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Offensichtlich sind sie brutal behandelt worden.
Jetzt nimmt er sogar schwere Umweltschäden in Kauf
und läßt Unmengen Öl abfließen. Davon hat er überhaupt keine militärischen Vorteile. Es wird ihm überhaupt nicht helfen...

Seite 1

�Frage: Wird damit die Invasion nicht verhindert?
Antort: Ganz und gar nicht. Es hat damit überhaupt
nichts zutun. Deshalb weiß ich nicht, was das soll. Die
ganze Welt ist über ihn empört. Aber um auf Ihre Frage
zurückzukommen - vor etwa zwei Stunden sind Besprechungen beendet worden. Ein Kurs, über den ich
keinen Kommentar abgeben möchte, steht kurz vor
der Vereinbarung. Genaueres kann ich dazu noch
nicht sagen, aber ich kann Ihnen versichern, daß alle
Anstrengungen unternommen werden, um den weiteren Ölfluß in den Golf zu stoppen und zu verhindern,
da ß er weiter südwärts zieht. Das ist nicht einfach, weil
dieser Mann Kuwait besetzt hält und die Anlagen dort
in dieser Weise benutzt. Aber ich kann Ihnen versichern, daß die Wissenschaftler, die Öl- und Militärexperten zusammen mit den Saudis, den Kuwaitis und
der amerikanischen Seite in sehr engen Konsultationen stehen.
Frage: Sprechen Sie hier von einem Vergeltungsschlag?
Antwort: Nein, ich spreche gerade davon, was wir mit
diesem Ölteppich machen können. Darauf können wir
später eingehen.
Frage: Herr Präsident, Sie haben neulich gesagt,
niemand wäre böse darum, wenn Saddam Hussein zur
Rechenschaft gezogen würde. Denken Sie dabei an
ein Kriegsgerichtsverfahren für Saddam Hussein?
Können Sie eindeutig sagen, daß Saddam Hussein
nicht erlaubt wird, an der Macht zu bleiben, wenn all
dies vorüber ist?
Antwort: Nein. Ich bleibe nach wie vor bei unseren
Zielsetzungen. Sein Vorgehen ist ein eindeutiger
Bruch der Genfer Konvention, und wir müssen abwarten, wie sich das alles weiterentwickelt. Wir müssen
abwarten, wie Kuwait nach der Befreiung und der Irak
aussehen. Aber unsere Ziele bleiben dieselben.
Frage: Sie haben darauf hingewiesen, daß Saddam
Hussein viel unternommen hat, von dem eigentlich
nichts als militärische Offensive zu bezeichnen ist.
Ziehen Sie daraus den Schluß, daß er nicht kämpfen
wird?

Antwort: Nein, diese Schlußfolgerung ziehe ich
überhaupt nicht, weil die Scud-Raketenangriffe natürlich eine unmittelbare Vergeltung herausfordern, wenn
man die mobilen Abschußvorrichtungen finden kann.
Diese Nachforschungen führen wir weiterhin durch,
wie ich bereits erklärt habe.
Frage: Was tut er dann?
Antwort: Meiner Ansicht nach geht es ihm darum, in
einigen der Länder um Unterstützung zu werben, in
denen sie ihm vermutlich zuteil wird. Mit den Angriffen
auf Israel will er die Koalition spalten und in Teilen der
Welt antiisraelische Stimmungen schüren.

Seite 2

Was er damit bezwecken will, daß er die Ölreserven
abfließen läßt, weiß ich nicht, es sei denn, er will SaudiArabien oder jemand anderem seine Stärke beweisen.
Ich weiß auch nicht, was er bezweckt, wenn er auf
brutale Weise amerikanische Gefangene - auch britische Kriegsgefangene oder einen italienischen Piloten
- vorführt. Das ist meiner Meinung nach keine Vorführung, die ihm irgendwo eine gute Meinung einbringt.
Frage: Herr Präsident, viele Amerikaner möchten
wissen, warum Sie nicht Saddam Hussein selbst als
Zielscheibe nehmen, da alle Probleme immer wieder
auf ihn zurückzuführen sind. Besteht ein Zusammenhang mit den Komplikationen, die sich ergeben haben,
als Manuel Noriega zur Strecke gebracht werden
sollte?
Antwort: Dabei gab es keine Komplikationen. Es hat
sechs oder sieben Tage gedauert, aber es gab keine
Komplikationen. Auch keine Peinlichkeiten. Es gab
einen Mann, der aufgrund seiner Verbechen in diesem
Land gesucht wurde. Er sitzt jetzt im Gefängnis und
wird eines Tages vor dem Richter stehen. Ich möchte
mich also gegen den Begriff verwahren - es gab keine
Komplikationen. Aber wir haben unser Ziel abgesteckt. Unsere Koalitionspartner befinden sich im
Einklang mit diesen Zielen, und auch wir werden diese
Ziele beibehalten.
Frage: Aber warum haben Sie es nicht auf Saddam
Hussein abgesehen?
Antwort: Weil wir unser Ziel klar abgesteckt haben.
Diese Ziele sind mit der Koalition abgestimmt, und wir
werden uns daran halten - genau deshalb.
Frage: Eine andere Frage. Hat es heute für Sie
geringere Bedeutung, Gorbatschow beim politischen
Überleben zu helfen? Sind Sie von seiner Vorgehensweise im Baltikum so enttäuscht, daß Sie jetzt anders
darüber denken?
Antwort: Ich bin vom sowjetischen Vorgehen im
Baltikum enttäuscht, weil der Einsatz von Gewalt kein
Weg ist, um dieses Problem zu lösen. Und ich hatte
Gelegenheit, darüber mit dem Präsidenten zu sprechen, so daß ich die Schwierigkeiten kenne, denen er
sich gegenübersieht. Aber ich habe die Tatsache nicht
aus den Augen verloren, daß Gorbatschow als Katalysator vieler Veränderungen in Osteuropa fungiert und
die Wiedervereinigung Deutschlands gefördert hat,
die natürlich im Interesse der Deutschen und der
Vereinigten Staaten liegt. Er hat auch dazu beigetragen, daß wir bei der Krise am Persischen Golf eine
gemeinsame Basis haben.
Aber die Probleme im Baltikum und der Einsatz von
Gewalt dort bereiten uns große Schwierigkeiten. Die
Gespräche zwischen Baker und Bessmertnych werden eine große Bandbreite von Themen behandeln.
Es gibt Themen, bei denen wir eine breite gemeinsame

AMERIKA DIENST 4

�Basis haben, solche, bei denen unsere gemeinsamen
Ziele noch nicht verwirklicht sind und Bereiche, in
denen wir unterschiedlicher Meinung sind. An diesem
Punkt werde ich ansetzen, um herauszufinden, was
getan werden muß. Und genau das werden die
Sowjets meiner Ansicht nach auch tun.
Frage: Die Berichte aus Israel legen jetzt die Vermutung nahe, daß die Verletzten und vielleicht sogar
Toten unter der Zivilbevölkerung auf Patriot-Raketen
zurückzuführen sein könnten, die ihre Ziele verfehlt
haben oder - wenn sie trafen - zumindest Trümmer der
Rakete herunterfielen. Damit stellt sich erneut die
Frage nach der Funktionstüchtigkeit von Patriot-Raketen und ob Sie nun zusätzliche Maßnahmen in Erwägung ziehen, um dieses offensichtlich anhaltende
Problem in den Griff zu bekommen?
Antwort: Natürlich befassen wir uns die ganze Zeit
damit und wollen Mittel und Wege zu seiner Bewältigung finden. Wir möchten Wege finden, um diese
brutalen, sinnlosen, militärisch wertlosen Angriffe auf
die Zivilbevölkerung zu beenden.
Frage: Können Sie einen Anhaltspunkt geben, wieviel
Vertrauen Sie in die Israelis setzen, daß sie weiterhin
Zurückhaltung üben? Offensichtlich ist es heute nicht
leichter für sie als vorher.
Antwort: Ich bin nicht sicher, ob uns bereits alle
Einzelheiten über diesen letzten Angriff zur Verfügung
stehen. Ich setze nach wie vor großes Vertrauen in die

Patriot. Sie funktioniert außerordentlich gut. Ich
möchte lieber keinen Kommentar dazu abgeben, ob es
sich um Trümmer der Abfangrakete handelte oder
nicht, weil wir es einfach noch nicht sicher wissen.
Frage: Nochmals zu Saddam Hussein. Wäre es
angesichts der Aussage Ihrer Befehlshaber, sie hofften, diese Armee trete eher den Rückzug an als
Kämpfe zu führen, die in eine blutige Bodenoffensive
münden, militärisch nicht durchaus angebracht, Saddam Hussein ins Visier zu nehmen?
Antwort: Saddam Hussein ist nicht unser Ziel. Ich
habe unsere Ziele dargelegt, und ich möchte dem
britischen Premierminister Major nochmals beipflichten, daß niemand Saddam Hussein hinterherweinen
würde. Wir haben unsere Ziele artikuliert, und wir
stehen dazu.
Aber wer weiß, was geschieht, wenn er heute gehen
würde? Ich wünschte mir, was ich wieder und wieder
gesagt habe - daß wir mit der irakischen Bevölkerung
nicht im Streit liegen - würde im Irak Resonanz finden.
Wir möchten keinen destabilisierten Irak, wenn dies
alles vorüber ist. Genausowenig wünschen wir jedoch
eine Fortsetzung seiner Aggression. Wir werden eine
Fortsetzung dieser Brutalität nicht dulden. Daher
sehen wir uns mit einer Mischung von Problemen
konfrontiert. Diese Probleme beziehen sich jedoch
nicht auf die Bevölkerung in den Straßen von Bagdad.
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Frage: Herr Präsident, einige Fragen zu den Auswirkungen der Golfkrise auf unsere Innenpolitik. Erstens,
können Sie den Amerikanern in etwa sagen, was
dieser Krieg kosten wird, insbesondere, da Sie und
Außenminister Baker sich an die Verbündeten und
Koalitionspartner wenden, damit sie einen Teil der
Kosten übernehmen? Wie lauten Ihre Prognosen?
Was können Sie dem amerikanischen Volk sagen?
Und zweitens, wie antworten Sie Clayton Yeutter und
den anderen, die versuchen, dieses Thema politisch
gegen viele Demokraten auszuschlachten, die sich
gegen die Resolution zum Einsatz von Gewalt ausgesprochen haben?
Antwort: Den ersten Teil der Frage möchte ich dem
Pentagon zur Beantwortung überlassen. Es wird noch
gerechnet. Die Zahlen werden dem amerikanischen
Kongreß natürlich vorgelegt, der nicht nur das Recht
auf Information sondern vor allem die Pflicht bezüglich
der Finanzierung dieser Angelegenheiten hat. Ich bin
mit der Zusammenarbeit und Beteiligung des Auslands außerordentlich zufrieden. Ich glaube, Außenminister Baker wird heute eine Erklärung über die
Beteiligung Kuwaits abgeben oder hat dies bereits
getan. Gestern haben Sie vernommen, zu welcher
Beitragsaufstockung Japan bereit ist. Dies begrüßen
wir. Aller Voraussicht nach werden wir in der nächsten
Woche mehr derartige Informationen erhalten.
Die außerordentlich wichtige Lastenverteilung funktioniert also ziemlich gut. Der Kongreß ist daran sehr
interessiert und ich natürlich auch. Wir werden diese
Zahlen zusammen mit der Kostenrechnung dem
Kongreß vorlegen. Ich kann Ihnen die Zahlen jedoch
nicht im einzelnen nennen.
Frage: Würden Sie bitte den zweiten Teil der Frage
beantworten?
Antwort: Ja, natürlich. Ich vertrete die Ansicht, daß
es sich hierbei nicht um eine Parteiangelegenheit
handelt. Meines Erachtens hat Lee Hamilton diese
Frage sehr gut beantwortet. Er sagte, er werde seine
Stimme in jeder Hinsicht verteidigen. Und ich glaube,
jeder sieht es so. Ich kann mich nicht genau erinnern,
was Clayton Yeutter sagte, daher möchte ich dazu
nicht Stellung nehmen. Heute hat er erklärt, er habe
keinerlei Absicht, den Krieg zu einer Parteiangelegenheit zu machen, da wir von beiden Häusern des
Kongresses starke Unterstützung erhalten haben. Es
handelt sich um eine überparteiliche Sache.
So habe und werde ich mich verhalten. Natürlich
werden immer wieder Stimmen gegen uns in dieser
Sache laut. Wenn ich etwas derartiges höre, denke ich
jedoch nicht, daß die Demokratische Partei oder Clayton Yeutter dies zu einem Parteiproblem machen
wollen.
Frage: Beabsichtigen Sie, in Ihrem Haushaltsentwurf,
den Sie im Februar vorlegen werden, den Vorschlag
zur Kapitalertragssteuer zu wiederholen?
Seite 3

�Antwort: Warten Sie ab.
Frage: Wenn Sie Dienstag nacht (29. Januar) Ihren
Bericht zur Lage der Nation im großen Saal des
Repräsentantenhauses bei einer gemeinsamen Sitzung von Senat und Repräsentantenhaus vorlegen
werden, böte sich angesichts all der anwesenden
Mitglieder des Kabinetts und Obersten Gerichtshofs,
der Diplomaten, Ihrer Frau und Ihnen eine ausgezeichnete Gelegenheit für Terroristen, wenn sie durchkommen könnten. Warum verlesen Sie den Bericht zur
Lage der Nation nicht einfach im Weißen Haus?
Antwort: Viele Präsidenten haben den Bericht zur
Lage der Nation von Boten hierhin schicken lassen.
Ich weiß nicht, ob jemals einer ihn vom Weißen Haus
aus verlesen hat. Aber wenn ich zum Kapitol gehe,
habe ich uneingeschränktes Vertrauen in den Sicherheitsapparat dieses Landes. Ich mache mir überhaupt
keine Sorgen.
Ich weiß, daß dieser Mann Terrorismus gefördert hat,
und wir werden uns weiterhin in jeder erdenklichen
Weise dagegen schützen. Aber das Kapitol der Vereinigten Staaten wird ein sicherer Ort sein. Ich bin
darüber überhaupt nicht beunruhigt. Vielleicht sollte
ich das sein - ich bin jedoch nicht unbedingt fatalistisch
in dieser Angelegenheit, weil ich denke, wir machen
alles, um das Kapitol des Volkes sicher zu machen.

Das Leben geht werter. Die Priorität besteht darin,
diesen Krieg richtig zu Ende zu bringen. Wir werden
jedoch im Hinblick auf unsere innenpolitische Tagesordnung nicht alles auf Stop stellen. Wir werden auch
nicht alle Freizeitvergnügungen auf Eis legen - ich
nenne nur Super Bowl. Und ich werde aus Angst vor
Saddam Hussein nicht mein Leben ändern. Dies ist
meiner Meinung nach ein gutes, eindeutiges Signal für
alle Amerikaner rund um den Erdball.
Ich gebe zu, er handelt irrational. Was heute geschehen ist, beunruhigt mich sehr, weil es jeder Rationalität
entbehrt. Es sieht nach Verzweiflungstat aus. Es sieht
aus, als ob er in den letzten Zügen liegt. Es entspricht
keinerlei militärischer Doktrin. Aber es entspringt
einem kranken Gehirn. Und dennoch lassen wir uns
von dieser frevelhaften Tat nicht lähmen. Genausowenig wie durch die Bombardierung der Wohngebiete
oder die brutale Zurschaustellung amerikanischer
Kriegsgefangener. Das hat mich wirklich bis ins Mark
getroffen. Sein Tun ist wirklich ungeheuerlich.
Frage: Herr Präsident, könnte das Öl nicht amphibische Landungen erschweren? Ergibt das militärisch
keinen Sinn?
Antwort: Nein, das trifft nicht zu.

* * * * *

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�GOLFKRISE
30. Januar 1991

WIE DER IRAK SEINE KRIEGSMASCHINERIE
AUFBAUTE
Hintergrundinformation zu Iraks Militärapparat

WASHINGTON - (AD) - Seit über zwanzig Jahren hat
der Irak systematisch eine mächtige Kriegsmaschinerie mit konventionellen und nichtkonventionellen (chemischen, biologischen und nuklearen) Waffen sowie
massiven Bodentruppen aufgebaut. Dank dieser zielstrebigen Bemühungen ist der Irak aus dem achtjährigen Krieg mit Iran mit einem breiten Spektrum der
modernsten strategischen Fähigkeiten in der arabischen Welt hervorgegangen.

ein breitgefächertes Arsenal ballistischer Raketen
aufgebaut. Seine wichtigsten Raketensysteme, die AIHussein und Al-Abbas, sind modifizierte SCUD-BRaketen mit verlängerter Reichweite, die der Irak
durch Modernisierung der von der Sowjetunion gelieferten Raketen produziert. Sowohl AI-Hussein als
auch Al-Abbas bieten Langstrecken-Schlagfähigkeit
und können vermutlich mit konventionellen und chemischen Gefechtsköpfen bestückt werden.

Außenminister Baker erklärte in einer Anhörung vor
dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses im Dezember 1990, Iraks Präsident Saddam Hussein
"hat die sechstgrö ßte Armee der Welt aufgebaut..., die
fünftgrößte Panzerwaffe und ballistische Rakten stationiert." Der Pentagon-Sprecher Pete Williams fügte
im Januar hinzu, "Schätzungen der Vereinigten Staaten zufolge beläuft sich die Zahl der irakischen Truppen jetzt auf 545 000 Mann und 4 200 Panzer."

"Die vom Irak erworbenen chemischen und biologischen Waffen und seine in greifbare Nähe gerückte
Fähigkeit zur nuklearen Kriegführung sind Teil einer
komplizierten Geschichte, die 1974 begann und noch
nicht richtig erzählt wurde", schreibt ein Sonderkorrespondent der renommierten britischen Tageszeitung
The Independent.

Mitte der siebziger Jahre leitete der Irak nukleare und
chemisch-biologische M1 MO-Waffenprogramme in die
Wege und erwarb Angriffssysteme wie die sowjetische
SCÜD-B-Rakete. Heute bilden chemische Waffen ein
Schlüsselelement der Fähigkeiten des Irak bei strategischen Waffen.
Die chemische Fähigkeit des Irak hängt von der Effektivität seiner Trägersysteme ab. Saddam Hussein hat
anhaltende und systematische Versuche zur Beschaffung militärischer Ausrüstung, Abschuß- und Trägersysteme für Gefechtsköpfe unternommen, die zur
Verwirklichung dieses Ziels von entscheidender Bedeutung sind.
Dank umfangreicher Käufe vornehmlich aus Europa
stammender ausländischer Technologie hat der Irak

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"Die Entscheidung zur Beschaffung dieser Waffen
enstand in den Köpfen eines im Jahr 1974 gebildeten,
aus drei Männern bestehenden Ausschusses unter
Leitung des damaligen Vizepräsidenten Saddam
Hussein", so The Independent. Dem Bericht zufolge
ist von den dreien heute nur noch Saddam Hussein am
Leben.
Laut The Independent warb der Irak zwischen 1974
und 1977 über 4 000 Wissenschaftler mit Kenntnissen
in Atom-, Bio-, chemischen und verwandten Wissenschaften aus Marokko, Algerien, Syrien, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Brasilien zur
Teilnahme an gesamtarabischen militärischen Forschungsprojekten an.
Den Sturz des Schahs von Persien im Jahr 1979
nutzend, strebte der Irak Zugang zu den Seehäfen am
Persischen Golf an, forderte Souveränität über den

Seite 1

�Wasserweg zwischen Iran und Irak - das Schatt-al
Arab - und den Abzug des Iran von den umstrittenen
Inseln im Golf. Der Irak griff Iran 1980 an, um eine
diplomatische Vereinbarung mit militärischen Mitteln
rückgängig zu machen.
Zu Beginn des Kriegs engagierte die irakische Regierung den weltberühmten Artillerieexperten Gerald V.
Bull, der sein Leben lang vom Bau einer "Superkanone" - einer riesigen Haubitze - besessen war, die
Satelliten ins All oder Artilleriegranaten Tausende von
Meilen entfernt in feindliches Gebiet schießen konnte.
Obwohl dieser Traum nicht zu verwirklichen war, entwarf Bull einige der wirksamsten Artilleriegeschütze
der Welt.
Als in Kanada geborener Astrophysiker hatte Bull
früher Forschungsverträge mit der US-Army, dem
kanadischen Verteidigungsministerium und der McGill
Universität. Ehemaligen Geschäftspartnern zufolge
trennte er sich in den siebziger Jahren vom Pentagon
und baute Firmen auf, um verbesserte Versionen der
von ihm für eine Reihe ausländischer Regierungen,
einschließlich Iran, Chile, Taiwan und China, entwikkelten Technologie zu verkaufen.
Über seine eigene Firma in Quebec - Space Research
Corporation - und eine belgische Tochtergesellschaft
- European Poudreries Reunies de Belgique - konnte
Bull sein bestes Gefechtsfeld-Artilleriegeschütz produzieren, die GC-45-Kanone, die Geschosse 25 Meilen mit einem doppelt so hohen Wudgewicht wie dem
der von den westlichen Armeen eingesetzten Kanone
abfeuern kann.
"Kurz nach Ausbruch des iranisch-irakischen Kriegs
schickte die irakische Regierung ein Privatflugzeug
nach Genf... um Bull nach Bagdad zu bringen", erklärt
Lawrence Surtees, Korrespondent des Toronto Globe and Mail. So begann eine lange Verbindung
zwischen Bull und der irakischen Regierung und ihrem
damaligen Verteidigungsminister Saddam Hussein.

*

Seite 2

"Bull stand nahezu zehn Jahre lang in Geschäftsverbindungen mit dem Irak - sechs Jahre länger als
frühere Berichte angaben", so der Journalist von Toronto
Globe and Mail unter Berufung auf ein unveröffentlichtes Manuskript über Bulls Leben, das von einem
engen Freund und Kollegen angefertigt wurde - Donald
Mordeil - dem verstorbenen Dekan der Fakultät Maschinenbau an der McGill Universität in Montreal.
Der Irak ist nur einer von vielen Staaten, die im Besitz
der von Bull entwickelten Kanonen sind. Zu seinen
Kunden zählen bekanntermaßen sein Geburtsland
Kanada, die Vereinigen Staaten, Südafrika, Iran, Chile, Taiwan, China und Libyen.
Die beuruhigendsten der von Gerald Bull von Mitte
1981 bis zu seinem Tod am 22. März 1990 entwickelten Kanonen sind seine 300 155mm Haubitzen modernisierte Versionen der von Bull in den siebziger
Jahren entwickelten GC-45-Kanone. 200 dieser GHN-45 genannten und in Österreich hergestellten Kanonen wurden 1985 über Jordanien zum Einsatz im
iranisch-irakischen Krieg in den Irak transportiert. Die
übrigen 100 wurden in Südafrika hergestellt, wo sie
unter dem Namen G-5 verkauft werden. Militärexperten zufolge kann die G-5 mit einem taktischen Atomsprengkopf, chemischen Granaten oder jeder 155mm
Standardgranate der NATO bestückt werden.
Ebenso beunruhigend sind modifizierte Bull-Raketengefechtsköpfe, mit denen die Reichweite irakischer
SCUD-Raketen verlängert wurde.
Darüber hinaus hat Bull zwei moderne Artilleriesysteme auf Selbstfahrlafetten für die Iraker entworfen: das
210mm AI Fao und das 155mm Majnoon. Mit einem
Gewicht von 48 Tonnen kann AI Fao vier 109 Kilogrammgranaten pro Minute über eine Reichweite von
35 Meilen aus seinem 11 Meter langen Geschützrohr
abfeuern. Die Iraker behaupten, daß AI Fao und
Majnoon eine Höchstgeschwindigkeit von 72 bis 88
Stundenkilometern auf der Straße ereichen können.

* * *

*

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�GOLFKRISE / KSZE
30. Januar 1991

MARESCA: DIE WELT HAT SADDAM HUSSEIN
GEWARNT
Botschafter Maresca bei der KSZE
WIEN - (AD) - Botschafter John Maresca erklärte am 28. Januar 1991, die Welt habe den irakischen Präsidenten Saddam Hussein gewarnt, sie werde "nicht länger tatenlos zusehen, wie er brutale militärische Gewalt zum
Zweck der Eroberung einsetzt und alle Bestrebungen um eine friedliche Lösung mit Mißachtung straft".
In einer Plenarsitzung beim Treffen hoher Beamter der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) konstatierte Maresca im Hinblick auf die irakische Invasion Kuwaits im August vergangenen
Jahres und die darauffolgenden Kampfhandlungen im Golf: "All unsere Anstrengungen in diesem Forum werden
natürlich vom Golfkrieg überschattet, in dem eine Reihe von hier vertretenen Ländern damit befaßt sind, einen
skrupellosen Tyrannen aus einem Land zu vertreiben, das er mit der ruchlosesten militärischen Aggression
erobert hat, die seit vielen Jahren in der Welt stattgefunden hat."
Botschafter Maresca erklärte ferner, "obwohl der Golf krieg eigentlich außerhalb des KSZE-Gebiets stattfindet,
sind wir alle davon betroffen. Wie die Erklärung unserer Außenminister in New York von Oktober vergangenen
Jahres zeigt, stimmen unsere Länder überein, daß Kuwait seinen Bürgern zurückgegeben werden und seine
rechtmäßige Regierung wiedererhalten muß, wie es auch in zahlreichen UNO-Resolutionen gefordert wird."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Maresca im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, dies ist das erste Treffen des Ausschusses Hoher Beamter, wie in die Charta von Paris
verankert. Wir betrachten dies nicht nur als wichtigen
Schritt im KSZE-Prozeß und erste Zusammenkunft im
Programm regelmäßiger politischer Konsultationen
zwischen den 34 Teilnehmerstaaten. Unserer Ansicht
nach sollte dieses konsultative Programm jetzt seinen
Platz als zentrale Institution der KSZE einnehmen und
unser wichtigstes Diskussionsforum sein.
Aus diesem Grund begrüßen wir auch die von Ihnen,
Herr Vorsitzender, vorgeschlagene Tagesordnung. Sie
spiegelt überzeugend das diesem Ausschuß von der
Pariser Charta verliehene Mandat wider und wird für
unsere künftigen Treffen ein nützliches Vorbild sein.

Reihe von hier vertretenen Ländern damit befaßt sind,
einen skrupellosen Tyrannen aus einem Land zu vertreiben, das er mit der ruchlosesten militärischen
Aggression erobert hat, die seit vielen Jahren in der
Welt stattgefunden hat. Die an dieser gemeinsamen
Arbeit Beteiligten haben den irakischen Präsidenten
Saddam Hussein gewarnt, die Welt werde nicht länger
tatenlos zusehen, wie er brutale militärische Gewalt
zum Zweck der Eroberung einsetzt und alle Bestrebungen um eine friedliche Lösung mit Mißachtung
straft.

Der erste Punkt auf unserer Tagesordnung - die Prüfung aktueller Fragen - ist für unsere Arbeit ein unerläßlicher Ausgangspunkt, insbesondere in diesen
unruhigen Zeiten rapide Veränderungen.

Obwohl der Golfkrieg eigentlich außerhalb des KSZEGebiets stattfindet, sind wir alle davon betroffen. Wie
die Erklärung unserer Au ßenminister in New York von
Oktober vergangenen Jahres zeigt, stimmen unsere
Länder überein, daß Kuwait seinen Bürgern zurückgegeben werden und seine rechtmäßige Regierung
wiedererhalten muß, wie es auch in zahlreichen UNOResolutionen gefordert wird.

All unsere Anstrengungen in diesem Forum werden
natürlich vom Golfkrieg überschattet, in dem eine

Die KSZE steht für die Rechte aller Bürger: ihre
Menschenrechte und ihr Recht auf Wahl ihrer eigenen

AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�Regierungen. Dies ist die zentrale Aussage der KSZE
seit Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki im
Jahr 1975. Als wichtigste Leistung hat die Schlußakte
anerkannt, daß solche Rechte grenzübergreifend sind
und im berechtigten Interesse aller Länder, aller
Menschen und aller Regierungen liegen.

Darüber hinaus haben wir die Ereignisse im Baltikum
beim KSZE-Treffen über die friedliche Beilegung von
Konflikten in Valletta angesprochen, weil wir unsere
Überzeugung bekräftigen wollten, das Problem der
Baltenstaaten müsse auf friedlichem Wege und durch
Verhandlungen gelöst werden.

Dieses grundlegende Konzept wurde im November
vergangenen Jahres von einer neuen Generation Staatsund Regierungschefs in der Charta von Paris bestätigt
und gutgeheißen.

Herr Vorsitzender, ich möchte unsere Position eindeutig darlegen. Wir haben die sowjetischen Bestrebungen um eine Hinwendung zu Reformen begrüßt. Wir
betrachten die Politik von Glasnost und Perestrojka als
positive Entwicklungen, die den Wunsch der sowjetischen Regierung und des Volkes widerspiegeln, mit
den wichtigsten Entwicklungen in Europa Schritt zu
halten. Aber die jüngsten Ereignisse im Baltikum
scheinen eine Abkehr von Glasnost und Perestrojka zu
dokumentieren, zurück zu der repressiven Politik, wie
wir sie in der Vergangenheit beobachten konnten.

Aus diesem bemerkenswerten Dokument ein Zitat.
"Menschenrechte und Grundfreiheiten sind allen
Menschen von Geburt an eigen; sie sind unveräußerlich und werden durch das Gesetz gewährleistet. Sie
zu schützen und zu fördern ist vornehmste Pflicht jeder
Regierung. Ihre Achtung ist wesentlicher Schutz gegen
staatliche Übermacht. Ihre Einhaltung und uneingeschränkte Ausübung bilden die Grundlage für Freiheit,
Gerechtigkeit und Frieden.
Demokratische Regierungen gründen sich auf den
Volkswillen, der seinen Ausdruck in regelmäßigen,
freien und gerechten Wahlen findet. Demokratie beruht auf Achtung vor dem einzelnen und Rechtsstaatlichkeit. Demokratie ist der beste Schutz für freie
Meinungsäußerung, Toleranz gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppen und Chancengleichheit für alle.
Die Demokratie, ihrem Wesen nach repräsentativ und
pluralistisch, erfordert Verantwortlichkeit gegenüber
der Wählerschaft, Bindung der staatlichen Gewalt an
das Recht sowie eine unparteiische Rechtspflege.
Niemand steht über dem Gesetz."
Was sollen wir im Lichte dieser Verpflichtungen von
einer Regierung halten, die militärische Gewalt einsetzt, um Druck auf eine frei gewählte Regierung
auszuüben, die Maschinengewehre und Panzer gegen Zivilisten einsetzt und Greueltaten nicht scharf
verurteilt oder die erforderlichen Schritte unternimmt,
um Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen?
Viele der hier vertretenen Länder haben die sowjetische Regierung um eine Erklärung für die vielen
Menschenrechtsverletzungen gebeten, die eindeutig
in den letzten Wochen im Baltikum stattgefunden
haben. Die Vereinigten Staaten haben am 25. Januar
im Rahmen der menschlichen Dimension der KSZE
ein solches Gesuch unterbreitet. Dazu haben wir
gemäß dem KSZE-Prozeß das Recht.
Praktisch alle Teilnehmerstaaten haben einen vor zwei
Wochen an dieser Stelle unterbreiteten Vorschlag
unterstützt, eine Sondersitzung zur Erörterung dieser
beunruhigenden Ereignisse einzuberufen. Dies fand
ebenfalls im Einklang mit den vereinbarten KSZEVerfahren statt, wurde aber vom Vertreter der UdSSR
blockiert, der als einziger einen Konsens verhindert
hat.

Seite 2

Die internationale Staatengemeinschaft ist allgemein
entrüstet über die Massaker sowjetischer Soldaten in
Vilnius und Riga und den anhaltenden Druck auf die
rechtmäßigen Regierungen aller drei Baltenstaaten.
Solche Akte sind Abbild der vergangenen Tyrannei
und passen nicht in die Welt von heute. Wir fordern die
sowjetische Regierung auf, diese Situation unverzüglich zu korrigieren, jeglichen Einsatz von Gewalt zu
verdammen und die Verantwortlichen des Massakers
zur Verantwortung zu ziehen. Der Einsatz von Gewalt
kann Streitfälle dieser Art nicht lösen - das kann nur
friedlicher Dialog.
Außenminister Baker hat erst kürzlich daran erinnert,
daß die Vereinigten Staaten die Annexion der Baltenstaaten durch die Sowjetunion infolge des berüchtigten Hitler-Stalin-Pakts niemals anerkannt haben.
Darüber hinaus gibt es Präsident Bush zufolge keine
Rechtfertigung für den Einsatz von Gewalt gegen die
Zivilbevölkerung.
Es würde uns interessieren, eine sowjetische Erklärung zu den jüngsten Ereignissen im Baltikum zu
erhalten.
Herr Vorsitzender, ich werde allen Delegationen die
Erklärung der US-Regierung zu diesem Thema zugänglich machen, weil es meiner Ansicht nach für alle
Anwesenden nützlich ist, unsere Meinung zu kennen.
Als Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang die
einstimmig von beiden Häusern unseres Kongresses
verabschiedeten Resolutionen anführen, in denen die
sowjetische Vorgehensweise in Vilnius und Riga verurteilt wird. Solche Resolutionen sind höchst außergewöhnlich und spiegeln ein ungeheures Ausmaß der
Besorgnis in der Öffentlichkeit wider, sogar in einer
Zeit, da Washington sich vornehmlich auf den Golfkrieg konzentriert.
Darüber hinaus sind wir in tiefer Sorge über einen
möglichen Einsatz von Gewalt in Jugoslawien. Wir
haben bei zahlreichen Gelegenheiten erklärt, daß wir

AMERIKA DIENST 4

�jeglichen Einsatz von Gewalt, Einschüchterung oder
Aufwiegelung zur Beilegung dieser Art von Streitigkeiten scharf verurteilen und fordern die friedliche Schlichtung der gegenwärtigen Differenzen. Die Vereinigten
Staaten unterstützen voll und ganz Einheit, demokratische Veränderungen, Achtung der Menschenrechte
und marktwirtschaftliche Reformen in Jugoslawien.

Unserer Meinung nach muß Demokratie im Einklang
mit der Schlußakte von Helsinki und der Charta von
Paris das dauerhafte Fundament für eine vereinigte,
wohlhabende und freiwillig beschlossene jugoslawische Union sein.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 4

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
30. Januar 1991

GREENSPAN: ENDE DER REZESSION IN DEN USA
GEGEN MITTE DES JAHRES ERWARTET
Rede des Direktors der US-Bundesbank im Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Dem Direktor der amerikanischen Bundesbank, Alan Greenspan, zufolge konnte die
amerikanische Wirtschaft den durch die irakische Invasion Kuwaits im August verursachten Ölschock auffangen
und wird die Rezession voraussichtlich bis Mitte des Jahres überwunden haben.
"Hätten keine anderen Ereignisse stattgefunden, könnte man gut und gerne ein Rechenexempel anstellen,
demzufolge sich die Wirtschaft gegen Mitte des Jahres auf dem Tiefstand befindet und dann einen Aufschwung
erlebt", erklärte Greenspan am 22. Januar 1991 im Kongreß.
Ein langer Krieg mit dem Irak würde jedoch teuer und könnte "die Wirtschaft schwächen", so Greenspan vor dem
Haushaltsausschuß des Repräsentantenhauses.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Alan Greenspan im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, heute vor diesem Ausschuß sprechen zu dürfen.
Wie Sie wissen, wird die Bundesbank ihren Halbjahresbericht zur Geldpolitik dem Kongreß im nächsten
Monat vorlegen. Der Bericht wird die Ziele der Bundesbank für 1991 sowie unsere Wachstums- und Inflationserwartungen im einzelnen darlegen. Sie werden
sicherlich verstehen, daß ich diese Prognosen selbst
unter normalen Umständen nur ungern vorwegnehme.
Wir sind jedoch von normalen Umständen weit entfernt
und werden uns zweifelsohne in einer besseren Position für einen präziseren Ausblick befinden, sobald
einige der mit dem Golfkonflikt verbundenen Unwägbarkeiten behoben worden sind. Wir können uns heute
jedoch konstruktiv mit einigen anderen Erwägungen
auseinandersetzen, die Auswirkungen auf unsere
Wirtschaftslage und den richtigen politischen Kurs
unter den aktuellen Umständen haben.
Alles deutet darauf hin, daß die Wirtschaftstätigkeit im
4. Quartal 1990 beträchtlich nachgelassen hat. Bei
meiner Rede vor dem Bankenausschuß des Respräsentantenhauses im November habe ich festgestellt,
daß die Gesamtproduktion in den Monaten Oktober
und November rückläufig war. Der Einbruch hielt bis in
den Dezember an. Auf dem Arbeitsmarkt nahm die
Zahl der Erwerbstätigen insgesamt nach noch höheAMERIKA DIENST 4

ren Zahlen in den vorausgegangenen Monaten um
weitere 75 000 ab, und die Arbeitslosenquote der
zivilen Erwerbspersonen stieg weiter auf 6,1 Prozent.
Die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes sank
weiterhin rapide, und der Industrieproduktionsindex
fiel Schätzungen zufolge um weitere 0,6 Prozent.
Mit dem Einbruch der Industrieproduktion vom Dezember beträgt die Abnahme seit September insgesamt 3 Prozent. Nahezu die Hälfte davon ist auf die
Kürzung der Produktion von Fahrzeugen und -teilen
zurückzuführen. Darüber hinaus verlief auch die
Herstellung von Baumaterialien außergewöhnlich
schwach, und in anderen Bereichen wurden ebenfalls
Einsparungen vorgenommen.
Die Ereignisse am Persischen Golf waren eindeutig
der ausschlaggebende Faktor für das merkliche Nachlassen der Wirtschaftstätigkeit im vergangenen Herbst.
Insbesondere der Preisanstieg bei Rohöl hinterließ
einen spürbaren Einschnitt im real verfügbaren Einkommen der Haushalte und trug somit zur Zurückhaltung bei Ausgaben für ein breites Spektrum von Waren
und Dienstleistungen bei. Darüber hinaus schränkten
zahlreiche Firmen, deren Gewinnspanne bereits durch
höhere Energiekosten unter Druck geraten war, die
Produktion ein, um einen Überhang an LagerbestänSeite 1

�den zu vermeiden. Als Reaktion auf eine tatsächliche
oder erwartete verringerte Nachfrage als Folge des
Energiepreisanstiegs haben sie ferner ihre Investitionspläne beschnitten.
Der durch die Golfkrise verursachte Schaden ging
jedoch über den direkten Effekt höherer Ölpreise hinaus. Die enorme Unsicherheit über das Wie und Wann
ihrer Beilegung trug zu einem beträchtlichen Vertrauensschwund bei Verbrauchern und Unternehmen
bezüglich der Wirtschaftslage bei. Angesichts solcher
Unwägbarkeiten neigen Hersteller wie Konsumenten
dazu, von ihren normalen Aktivitäten abzuweichen
während sie auf eindeutigere Signale der Wirtschaftsentwicklung warten und vermeiden Verpflichtungen,
die nur unter Kosten rückgängig gemacht werden
könnten.
Natürlich war die Golf krise nicht der einzige Faktor, der
die Wirtschaftstätigkeit hemmte. Erkenntnisse belegen, daß insbesondere die Banken - zusammen mit
anderen Kreditgebern - ihre Konditionen und andere
Bedingungen der Kreditvergabe verschärft haben, und
einige Kreditnehmer stie ßen zweifelsohne auf größere
Schwierigkeiten, finanzielle Mittel zu erhalten. Solche
Schwierigkeiten sind auf dem gewerblichen Immobilienmarkt am offenkundigsten, erstrecken sich jedoch
auch auf Kredite für eine Vielzahl anderer Zwecke.
Eine Prognose der Wirtschaftslage ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein besonders riskantes Unterfangen und nicht nur wegen der enormen Unsicherheit im
Zusammenhang mit dem Krieg am Persischen Golf.
Zweifelsohne waren die Informationen über die Wirtschaftstätigkeit in den vergangenen Wochen außerordentlich dürftig. Soweit wir es beurteilen können,
enthalten die jüngsten Statistiken einige Hinweise, daß
die Auswirkungen des anfänglichen Schocks vom
vergangenen August im großen und ganzen das System durchlaufen haben, und der Druck auf die Wirtschaftstätigkeit nachlassen könnte. Dennoch müssen
wir auch der Möglichkeit Rechnung tragen, daß die
Tätigkeit insgesamt weiterhin rückläufig ist, bevor ein
Aufschwung stattfindet. Ein solches Ergebnis könnte
erfolgen, wenn sich beispielsweise eine ernsthafte
Strukturkrise in einigen Teilen des Landes auf Regionen ausdehnt, in denen die Wirtschaftstätigkeit stärker
ist oder - alternativ - das Vertrauen von Verbrauchern
und Unternehmen durch die Ereignisse vom letzten
August so erschüttert wurde, daß weitere Ausgabenkürzungen bevorstehen.
Zweifelsohne werden die Probleme auf dem Immobilienmarkt eine Zeitlang nachteilige Effekte auf die
Wirtschaft haben, insbesondere angesichts der Rolle,
die sie bei der Verschärfung der Schwierigkeiten gespielt haben, mit denen sich die Finanzinstitutionen
konfrontiert sehen. Auf dem privaten Wohnungsmarkt
scheinen Sorgen über Häuserpreise sowie um den
Arbeitsplatz und gesichertes Einkommen potentielle
Käufer abzuschrecken - obwohl Häuser angesichts

Seite 2

der niedrigen Hypothekenzinsen heute erschwinglicher sind als vor einiger Zeit. Im gewerblichen Bereich
ist der Überhang an leerstehenden Büro- und Geschäftsräumen trotz der heute geringen Bautätigkeit
immer noch gravierend. Bewilligte Ausgaben für Nichtwohngebäude machen nur 1 Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP) aus, und daher sind die direkten Auswirkungen selbst drastisch verminderter Bautätigkeit
auf die Wirtschaftstätigkeit insgesamt begrenzt. Da
der aktuelle Besitz an Nichtwohngebäuden jedoch
einen solch großen Anteil des Bestands an Vermögenswerten ausmacht, die finanziert werden müssen,
bedeutet ein einschneidender Wertverlust dieser
Gebäude beträchtliche Verluste für die Bilanzen der
Banken und anderer Finanzinstitutionen mit Auswirkungen, die nicht nur die Bauwirtschaft betreffen.
Gleichzeitig berechtigen andere Faktoren zu Optimismus bei Prognosen für die Wirtschaftstätigkeit. Erstens sollte die Abwertung des Dollars im Verlauf des
letzten Jahres das Exportvolumen ankurbeln, selbst
angesichts einer Verlangsamung wirtschaftlicher
Expansion im Ausland. Darüber hinaus sollte sie zu
einer Beschränkung der Importe beitragen und damit
einen Teil der Binnennachfrage auf amerikanische
Hersteller verlagern. Das soll jedoch nicht hei ßen, daß
der niedrigere Dollar nur ein Segen ist: Er verschärft
den Inflationsdruck und könnte zu Instabiität auf den
Finanzmärkten beitragen.
Ein Aspekt der bisherigen Entwicklungen, der für die
Wirtschaftstätigkeit besondere Vorteile verspricht, ist
die offensichtliche Geschwindigkeit, mit der die Hersteller auf die erwartete geringere Nachfrage reagiert
haben. Die verfügbaren Daten sind dürftig und bedürfen der Überarbeitung, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint es nur vereinzelt Überhänge an Lagerbeständen zu geben, die besser in den Griff zu bekommen sind, als dies bei Konjunktureinbrüchen der Vergangenheit der Fall war. Wenn der Umsatz anhält und ich bin nicht sicher, daß wir davon ausgehen
können -, könnte der größte Teil der Produktionsanpassung hinter uns liegen. Eine verstärkte Endnachfrage würde darüber hinaus wahrscheinlich rasch eine
Belebung der Produktion zur Folge haben.
Die Autohersteller sind ein Paradebeispiel für dieses
Verhalten: Sie haben die Produktion schnell drastisch
gekürzt, obwohl die Verkaufszahlen nur mäßig gesunken und die Bestände bei den Händler verglichen mit
der Vergangenheit nicht extrem hoch waren. Zweifelsohne war die tatsächliche Nachfrage schwächer als
die angegebenen Verkaufszahlen, die beachtliche Käufe
gro ßer Mietwagenfirmen enthielten, und die Bestandszahlen müssen im Licht der Tatsache ausgewertet
werden, daß viele dieser Fahrzeuge in nur wenigen
Monaten als "Jahreswagen" wieder auf den Markt
kommen. Die Drosselung der Automobilherstellung
Ende letzten Jahres war jedoch prompt und beträchtlich. Bei ansonsten gleichbleibenden Werten war sie
groß genug, um die jährliche Zuwachsrate des realen
AMERIKA DIENST 4

�BSP im 4. Quartal um über 2 Prozentpunkte zu reduzieren. Die gute Nachricht ist, daß Kürzungen bei der
Automobilherstellung, den aktuellen Produktionsplänen tür das 1. Quartal nach zu urteilen, größtenteils wenn nicht sogar ganz - hinter uns liegen.
Abgesehen von den mit den Energiepreisen einhergehenden Unwägbarkeiten scheinen sich die Aussichten
im Hinblick auf die Inflation in den vergangenen Monaten verbessert zu haben. Relativ viele Anzeichen
deuten auf nachlassenden Druck bei Löhnen und
Gehältern hin, und ein weiterer Rückgang der Inflation
in diesem Bereich scheint im Zusammenhang mit der
Flaute wahrscheinlich, die sich in den vergangenen
Monaten auf dem Arbeitsmarkt abzeichnete. Darüber
hinaus lag der Inflationssockel bei den Verbraucherpreisen in den vergangenen Monaten unter dem zu
Beginn des Jahres verzeichneten Sockel.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesbank eine
Reihe der in den vergangenen anderthalb Jahren
ergriffenen Maßnahmen erweitert, um der Geldpolitik
Vorschub zu leisten. Infolgedessen ist der Tagesgeldsatz seit dem Frühjahr 1989 von etwa 10 Prozent auf
6,75 Prozent und damit durchschnittlich um rund 3
Prozentpunkte gefallen. Andere kurzfristige Raten
sind ebenfalls merklich gefallen, und die langfristigen
Raten für Schatzanleihen befinden sich am unteren
Ende der Skala für das vergangene Jahr.
Die Durchführung der Geldpolitik in diesem Zeitraum
erforderte ein sorgfältiges Abwägen der Notwendigkeit, einerseits auf Signale des merklichen Rückgangs
der Wirtschaftstätigkeit zu reagieren und andererseits
den inflationären Druck einzudämmen. Die zwischen
Juni und Dezember 1989 unternommenen ersten Schritte
zur Erleichterung waren zum größten Teil eine Reaktion auf Entwicklungen, die auf eine mögliche Abschwächung der Inflation hindeuteten, da sich die
Anzeichen für ein langsameres Wirtschaftswachstum
mehrten und der Geldzuwachs gemessen am üblichen
Jahresumfang schleppend blieb. Die Politik wurde
insgesamt in der ersten Hafte des Jahres 1990 kaum
verändert, da die Wirtschaftstätigkeit - wenn auch
gebremst - belebt wurde, aber dennoch waren die
Informationen über die Inflation enttäuschend.
Mitte des Jahres gab es Hinweise auf eine Abschwächung der Inflation nach dem anfänglichen plötzlichen
Anziehen, und vorliegende Informationen deuteten auf
eine Stagnation der Wirtschaftstätigkeit hin. Darüber
hinaus legte eine Beschränkung bei der Kreditbeschaffung der Banken - teilweise signalisiert durch
einen verzögerten Geldzuwachs - die Vermutung nahe,
daß die Kreditbedingungen strenger als beabsichtigt
waren, und die Politik wurde infolgedessen im Laufe
des Sommers geringfügig gelockert.
Weitere Maßnahmen sind angesichts Ihrer steuerpolitischen Schritte im vergangenen Herbst, der schwächeren Volkswirtschaft, anhaltender Probleme der

AMERIKA DIENST 4

Kreditbeschaffung und langsamen Wachstums der
Geldbestände getroffen worden. Zu ihnen zählen eine
Senkung des Diskontsatzes Mitte Dezember um einen
halben Prozentpunkt auf 6,5 Prozent, der Abbau bestimmter notwendiger Reserven und andere Operationen, mit denen Reserven verfügbarer gemacht werden sollten.
Erwartungsgemäß werden unsere bis heute getroffenen Maßnahmen der Wirtschaftstätigkeit in den kommenden Quartalen Vorschub leisten. Dabei wissen wir
nicht, ob weitere politische Anpassungen notwendig
werden, weil Entscheidungen dieser Tragweite von
sich abzeichnenden Tendenzen auf den Finanzmärkten und der Wirtschaft abhängen. Im Hinblick darauf
wollen wir sicherstellen, daß sich Geld und Kredite auf
angemessenem Wachstumskurs befinden. Wir sind
insbesondere besorgt über die Stagnation der Geldmenge in den vergangenen Monaten, und unsere
jüngste Maßnahme wurde größtenteils durch weitere
Anzeichen schwachen Geldwachstums bewirkt. Darüber hinaus beobachten wir die Kreditlandschaft eingehend und werden die Wirtschaftsdaten weiterhin auf
Anzeichen einer sich verschärfenden Rezession hin
prüfen. Gleichzeitig müssen wir alles daransetzen,
eine allzu stimulierende Politik zu vermeiden. Das
Ausmaß der wirtschaftlichen Flaute ist historisch betrachtet nicht groß, und eine zu aggressive Niedrigzinspolitik könnte sich letzten Endes als kontraproduktiv erweisen. Unser Ziel sollte darin bestehen, eine
dauerhafte Gesundung zu fördern und nicht nur Ungleichgewichte zu stützen, die zum nächsten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit führen.
Auch die Haushaltsexperten müssen sich in den
kommenden Monaten auf schwierige Entscheidungen
gefaßt machen. Ich nehme an, daß die wirtschaftlichen Prognosen der Haushaltsbehörde des Kongresses (CBO) und der Administration sowohl im 4. Quartal
1990 als auch im 1. Quartal 1991 einen Rückgang
beim realen BSP aufweisen. In diesem Fall muß der
Senat - und das Repräsentantenhaus kann - eine
gemeinsame Entschließung erwägen, in der die Durchführungsbestimmungen des Gesetzes zur Abstimmung des Haushalts ausgesetzt werden.
Die Abstimmmung über eine Aufhebung der Durchführungsbestimmungen ohne zwingende Beweise einer
tiefgreifenden oder anhaltenden Rezession wäre ein
Fehler. Sie haben zusammen mit der Regierung im
vergangenen Jahr lange und hart gearbeitet, um ein
annehmbares Paket aus Ausgaben, Steueränderungen und Reformen des Haushaltsprozesses zusammenzustellen. Mit Inkrafttreten der Haushaltsvereinbarung haben Sie den Finanzmärkten eine gewisse
Garantie für Stabilität und künftige Erleichterungen bei
der Kreditaufnahme der Bundesregierung gegeben.
Ein Unterlaufen dieser Zusage könnte sich nachteilig
auf die langfristigen Zinssätze auswirken, und sie
würde damit wirkungslos.

Seite 3

�Ich bin mir darüber im klaren, daß Sie wahrscheinlich
erheblichem Druck ausgesetzt sein werden, Maßnahmen zu ergreifen, die letztlich das Haushaltsdefizit
steigern würden. Besorgnis über die Angemessenheit
einer zurückhaltenden Steuerpolitik in einer Zeit schwacher Wirtschaftsleistung ist verständlich. Dennoch
muß sie gegen die Vorteile abgewogen werden, die
sich aus der Zustimmung zu einer Haushaltsstrategie
zugunsten langfristiger Erfordernisse in der Wirtschaft
ergeben. Diesen Erfordernissen wird man am besten
gerecht, wenn man sicherstellt, daß das zugrundeliegende oder "strukturelle" Defizit weiterhin rückläufig
ist, auch wenn das tatsächliche Defizit zeitweise von
den Auswirkungen der schwachen Wirtschaft aufgebläht wird.
Darüber hinaus wird der Haushalt, auch ohne politische Maßnahmen, einen stark stabilisierenden Effekt
auf die Wirtschaft haben - was bei Ausarbeitung des
neuen Haushaltsverfahrens eindeutig beabsichtigt war.
Unter anderem beseitigt die gesetzlich verfügte Konzentration auf Abbau des Defizits und nicht so sehr die
Höhe des Defizits selbst die Notwendigkeit, daß politische Anpassungen die Auswirkungen veränderter
wirtschaftlicher Gegebenheiten ausgleichen, und damit
können die automatischen Stabilisatoren wie beabsichtigt funktionieren.
Darüber hinaus sind die bisherigen Anzeichen für die
Durchführung einer willkürlichen antizyklischen Haushaltspolitik nicht ermutigend. In der Vergangenheit
haben wir oftmals Programme verabschiedet, mit denen
die Wirtschaft stimuliert werden sollte, die jedoch erst
spät nach dem Einsetzen des Aufschwungs in die Tat
umgesetzt wurden. Wenn die vorherrschende wirtschaftliche Prognose für 1991 in etwa stimmt, könnte
die Ergreifung stimulierender Maßnahmen jetzt zu
einer Wiederholung dieses Musters führen. In diesem
Fall würde wenig zur Lösung unserer gegenwärtigen
Schwierigkeiten erreicht und gleichzeitig die Aussichten für zunehmende Kapitalbildung sowie Produktivitätssteigerungen zunichte gemacht.
Ferner unterliegt die Operation Wüstensturm nicht der
Kürzung der Verteidigungsausgaben, die im Haushaltsjahr 1991 zweifellos erheblich höher sein werden
als letzten Herbst vorhergesagt. Erwartungsgemäß
werden sich andere Länder an den Kosten für den
Krieg beteiligen, und ihr Beitrag wird die Auswirkungen
auf das Haushaltsdefizit dämpfen helfen. Aber ungeachtet wer dafür zahlt - die Ausgaben für neu produzierte Inlandsgüter im Rahmen von Wüstensturm werden
das BSP der Vereinigten Staaten steigern.
Darüber hinaus müssen die Probleme des Einlagensicherungssystems behandelt werden, denn auch sie
zeitigen Auswirkungen auf den Haushalt und komplizieren die Auslegung der Steuerpolitik. Nach dem
neuen Haushaltsverfahren werden die Nettoaufwendungen für Einlagensicherungen weiterhin in den offiziellen Haushaltszahlen enthalten sein und auch in die

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umfassenderen Maßnahmen des Gesamthaushalts
einbezogen werden. Die Einbeziehung der Einlagensicherung in den Gesamthaushalt reduziert seinen
Nutzen als Indikator für die Auswirkungen des Bundeshaushalts auf die Wirtschaft. Da Einlagensicherungen
die Anreize für leitende Angestellte von Finanzinstitutionen verändern, hatten sie zweifellos erhebliche
Auswirkungen auf die Wirtschaft an sich, aber die
tatsächlichen Auszahlungen haben geringe Nebeneffekte auf Kreditmärkte, Zinssätze oder Wirtschaftstätigkeit.
Deshalb sollte sich die Aufmerksamkeit auf Haushaltszahlen konzentrieren, die keine Einlagensicherung
enthalten. Dies ist die alternative Berechnung des
Defizits, wie sie von der Haushaltsbehörde des Kongresses in ihrer Zwischenbilanz der Haushaltsvereinbarung von 1990 vorgestellt wurde und das Defizit, wie
es in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
(National Income and Product Accounts - NIPA) aufgenommen ist. Obwohl der Haushalt in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dem Gesamthaushalt
in vieler Hinsicht ähnelt, behandelt er die Kreditvergabe- und Finanzaktivitäten der Bundesregierung in einer
Weise, die für die Analyse des Verhältnisses von Sparund Investitionstätigkeit und die Auswirkungen der
Steuerpolitik auf die Wirtschaftstätigkeit nützlicher ist.
Insbesondere zeigt er die im Laufe finanzieller Transaktionen gezahlten oder erhaltenen Zinsen, aber er
schließt die Transaktionen selbst aus.
Im Prinzip erfaßt die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung das derzeitige Volkseinkommen und die Produktion und schließt daher Transaktionen aus, die im
wesentlichen ein Austausch von Aktiva und Passiva
sind. Solche Transaktionen wirken sich auf die Vergabe und Verteilung von Einnahmen und Produktion aus
und können damit erhebliche Auswirkungen auf die
Wirtschaft haben, werden aber angemessener innerhalb eines Rahmens analysiert, wie ihn der Finanzmarkt steckt. Ausgaben für Einlagensicherungen sind
im wesentlichen eine Begleichung früher eingegangener finanzieller Verpflichtungen. Sie stellen kein laufendes Einkommen für ihre Empfänger dar, denn die
Anleger werden nicht in dem Moment reicher, in dem
ihre Bank oder Sparkasse von der Regierung übernommen wird. Deshalb werden sie nicht von NIPA
erfaßt.
Die Kreditreformbestimmungen im Abstimmungsgesetz zum Haushalt verbessern im Gesamthaushalt die
Offenlegung neuer Kredite und Kreditbürgschaften
und schließen eine konzeptionelle Lücke zwischen
den beiden Haushaltsberechnungen. Das Gesetz
weist ferner die Haushaltsbehörde (Office of Management and Budget - OMB) und die CBO an, die haushaltsmäßige Behandlung von Einlagensicherungen zu
untersuchen, die derzeit noch auf Barzahlungsbasis
abgewickelt wird. Ausgaben für Einlagensicherungen
verursachten eine umfangreiche Abweichung zwischen
den Defiziten, wie sie im Haushaltsjahr 1990 in der
AMERIKA DIENST 4

�volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und im Gesamthaushalt errechnet worden waren, und sie werden zweifellos auch 1991 und 1992 stark voneinander
abweichen. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zu
beobachten und zu verstehen, die insbesondere auf
die Bereitstellung von Informationen ausgerichtet ist,
wie sich die Steuerpolitik auf die Wirtschaft auswirkt.

In der gegenwärtigen Lage gibt es viele Unsicherheitsfaktoren, und das Risiko politischer Fehler ist groß. Wir
müssen natürlich die Ereignisse am Persischen Golf
und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft aufmerksam
verfolgen. Darüber hinaus müssen wir aber sicherstellen, daß unsere Politik mit der Verwirklichung unserer
wirtschaftlichen Ziele auf lange Sicht im Einklang steht.

* * * * *

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�BALTIKUM
30. Januar 1991

DIE SITUATION IM BALTIKUM
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus Leitartikeln in der amerikanischen
Tagespresse zur Situation in Estland, Lettland und Litauen.

The New York Times
Erst Litauen, jetzt Lettland - aber die Welt ist vom
Golfkrieg gelähmt. Obwohl der Kreml wiederum todbringende Gewalt einsetzt, sieht er sich mit empörtem
Widerstand von innen konfrontiert.
In der gesamten Sowjetunion erheben sich mutige
Bürger zu Tausenden, um gegen die Kehrtwendung
zur Unterdrückung zu demonstrieren...
Die Demonstranten sind für Michail Gorbatschow eine
Warnung, daß der Einsatz von Gewalt durch eine
diskreditierte Partei, den Militär- und Sicherheitsapparat die Sowjetunion nicht regierbarer macht.
Gorbatschow hat am Dienstag (22. Januar) darauf
bestanden, daß er mißverstanden wird und immer
noch beabsichtigt, auf Reformen zu drängen.
Es fällt schwer zu verstehen, wie er Reformen erzielen
kann, wenn er genau die Menschen entfremdet, die er
benötigt, um sie hervorzubringen.

die mit den Folgen leben müssen. Es ist ebenfalls eine
Tragik für die Vereinigten Staaten, die so viel Hoffnung
auf Gorbatschow und ein neues Zeitalter amerikanisch-sowjetischer Zusammenarbeit gesetzt haben.
Ist dieses Zeitalter jetzt zu Ende? Das könnte wohl der
Fall sein, wenn die neue Dynamik der sowjetischen
Innenpolitik zu einer Diktatur führt - mit oder ohne
Gorbatschow.
In der Zwischenzeit sollten die Vereinigten Staaten
alles in ihrer Macht Stehende tun, um Gorbatschow
und die übrige sowjetische Führung zu überzeugen,
daß der von ihm eingeschlagene Kurs im Baltikum
moralisch falsch und zum Scheitern verurteilt ist. Die
Bush-Administration sollte jedoch der Versuchung
widerstehen, die Tragödie im Baltikum für eine Vergeltung zu nutzen, die nicht zum gewünschten Ziel führen
wird. Solche Gesten könnten lediglich der KGB- und
Militärfaktion Munition liefern, die eine Zusammenarbeit zwischen Ost und West verhindern und die Sowjetunion wieder in die Konfrontation und den kalten
Krieg treiben will...

The Washington Post
...Gorbatschow sieht offensichtlich keine Diskrepanz
zwischen seinem Aufruf zur Achtung von Bürgerrechten im Nahen Osten und seinem verabscheuungswürdigen Vorgehen in den Baltenrepubliken. Nach sechs
Jahren vielbejubelter innen- und außenpolitischer
Reformen ist ein Träger des Friedensnobelrepreises
von seinem hohen moralischen Sockel gestürzt und
hat sich als so schwach erwiesen wie die von ihm
regierte marode Nuklearmacht. Dies ist eine Tragödie
für die Menschen im Baltikum und in der Sowjetunion,

AMERIKA DIENST 4

Vertrauensvolle Zusammenarbeit kann nur in einem
Umfeld gedeihen, in dem gleiche Verhaltensregeln
gelten. Dies ist die Botschaft, die Amerikaner dem
Kreml eindringlich vermitteln sollten - sicherzustellen,
daß die stark vertretenen Verfechter des harten Kurses die Bedeutung verstehen, die den Ereignissen im
Baltikum von den Vereinigten Staaten beigemessen
wird. Die krasse Alternative bestünde in der Verweigerung amerikanischer Wirtschaftshilfe, auch wenn damit
die sowjetische Beteiligung am Golf gefährdet würde.
Damit wäre niemandem von uns gedient.

Seite 1

�The Christian Science Monitor
Michael Gorbatschow führt einen Nervenkrieg - auch
mit Waffen - gegen die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Balten. Da der russische Bär jetzt die Türen in
Lettland eintritt, scheint es, daß Moskau die Unterdrükkung und Kontrolle aller drei Baltenrepubliken ins Auge
gefaßt hat.
Diese Entwicklung wird von neuen Angriffen auf liberale Strömungen und Glasnost begleitet. Die Presse hat
weniger Freiheiten. Sieben wichtige Berater Gorbatschows und Mitbegründer der Perestrojka wurden am
Samstag ihrer Ämter enthoben.
Wo ist der Westen? Vor dem Fernseher und beobachtet Angriffe von Scud-Raketen im Nahen Osten...
Gorbatschow stellt sich beim Kernproblem des Nationalitätenkonflikts stockstaub. Der sowjetische Präsident könnte mit dem von sowjetischem Öl, Gas, Handel,
von Nahrungsmitteln und wahrscheinlich auch sicherheitspolitisch abhängigen Baltikum einen Kompromiß
eingehen. Er könnte eine Abmachung treffen, die den
Interessen beider Seiten Rechnung trägt. Statt dessen zwingt er zu einem Handel, der mit Blut bezahlt
werden muß. Die Abspaltungsversuche der Moldaurepublik, der Ukraine und Aserbaidschans erleichtern
die Sache nicht unbedingt.
Die liberalen Kräfte in der Sowjetunion müssen unterstützt werden. Boris Jelzin gilt jetzt als Held. Der
Präsident der russischen Republik ist ein Fürsprecher
der Demokratie im Baltikum - er flog nach Estland, um
einen Vertrag zu unterzeichnen, demzufolge die Vereinten Nationen im Baltikum intervenieren sollten.
Das ist mehr als der Westen getan hat. Präsident Bush
war beschäftigt. Wenn er jedoch nicht vorsichtig ist,
wird er den Niedergang der neuen Weltordnung, wie er
sie 1989 übernommen hat, ebenso erleben wie den
Untergang des Baltikums. Klingt das nicht nach Breschnew?
Das Weiße Haus muß mehr tun. Die russische Aggression darf sich nicht behaupten.
The Baltimore Sun
...In Litauen wird eine demokratisch gewählte Regierung mit eigener Verfassung allmählich von Fallschirmjägern gestürzt, die dem Ruf einer zweifelhaften Gruppe moskautreuer Kommunisten folgen. Solche "Hilferufe" von Kollaborateuren gehören in der Sowjetunion
von der Annexion der baltischen Staaten 1940 bis zu
den Invasionen in Ungarn, der Tschechoslowakei und
Afghanistan zur Standardtaktik. Ihre gegenwärtige
Wiederholung schockiert Millionen im Westen besonders, weil sie ihre Hoffnung auf Gorbatschow gesetzt
haben.
Wenn Präsident Gorbatschow mit der mörderischen
Operation der Fallschirmjäger nicht einverstanden war,
Seite 2

hatte er reichlich Gelegenheit, das zu sagen. Statt
dessen versuchte der Kremlchef zu erklären, daß der
Einsatz militärischer Gewalt von einem Befehlshaber
vor Ort angeordnet worden war und er erst später
davon erfahren hatte. Dagegen erklärte der Kommandant Wladimir N. Uschkocknik, er habe seine Befehle
vom Präsidenten erhalten.
Eindeutig trägt Gorbatschow die volle Verantwortung
für das Blutvergießen und die groben Gesetzesverstöße, die jetzt das gesamte Gebäude des Rechtswesens
erschüttern, mit dem verhindert werden sollte, daß die
Sowjetunion jemals wieder in die Willkür des Stalinismus zurückfällt...
Zu einer Zeit, da die Aufmerksamkeit der Welt auf die
Krise am Persischen Golf gerichtet ist, wird um die
Sowjetunion gekämpft. Es ist ein Kampf zwischen
Reformern und Reaktionären - mit Gorbatschow in
seiner neuen Rolle als trauriges Beispiel eines Mannes, der seine professionellen Ideale verrät.
The Wall Street Journal
Am Samstag (12. Januar) haben hochrangige Vertreter des Weißen Hauses Journalisten gegenüber erklärt, die ins Baltikum entsandten sowjetischen Truppen dienten nur der Einschüchterung der Bürger Litauens. Michail Gorbatschow habe nicht die Absicht,
"tatsächlich Blut zu vergießen". Nur wenige Stunden
später eröffneten sowjetische Panzer das Feuer...
Gorbatschows westliche Anhänger argumentieren, daß
ohne ihn Chaos herrschen würde. Inzwischen sollte
klar sein, daß Gorbatschow kein Chaos verhindert - er
verursacht es. Litauen war ein friedlicher und um
Verständigung mit Moskau bestrebter Ort, bevor seine
Truppen dort einfielen. Und natürlich ist die Regierung
Litauens durch Wahlen ins Amt gekommen - im Gegensatz zu Gorbatschow.
Wir halten Gorbatschow nicht für eine blutrünstige
Figur im Stil Stalins und Saddam Husseins. Aber er ist
eindeutig um die Erhaltung des sowjetischen Imperiums und dessen Kontrolle durch die Kommunistische
Partei bestrebt. Er hat sich gegneüber wirtschaftlichen
Reformen aufgrund des Widerstands der Partei abwartend verhalten. Jetzt hat er nach Unabhängigkeit
strebende Balten in dem verzweifelten Versuch getötet, die Macht der Partei zu erhalten...
Gorbatschow selbst hat den Grundstein für dieses
scharfe Vorgehen mit der Forderung gelegt, daß die
Litauer "die Einsetzung der Präsidialregierung" fordern - eine Absurdität. Der Zeitpunkt war günstig
gewählt, denn er fiel genau mit dem Ultimatum am Golf
zusammen, und das Ziel war aus strategischen Gründen gewählt, um allen Unabhängigkeitsbewegungen
der Republiken eine Botschaft zu übermitteln. Andere
Republiken wurden gewarnt, daß sie die nächsten sein
werden...

AMERIKA DIENST 4

�Saddam Hussein stellt immer noch das vordringlichste
Problem der Welt dar. Vielleicht sollte es keine umfangreichen Bestrebungen geben, um davon abzulenken. Aber westliche Spitzenpolitiker können der Hilfe
für die Sowjetunion zweite Priorität einräumen. Sie
können ebenfalls bestätigen, daß Gorbatschow nicht
länger die Interessen von Freiheit und Demokratie
vertritt. Das bedeutet, die Kommunistische Partei
abzuschreiben und diplomatische Kontakte mit den
demokratischen Alternativen insbesondere in den
Baltenrepubliken aufzunehmen.
Unsere Aufgabe besteht nunmehr darin, Gorbatschow
und den Kommunisten den Abgang zu erleichtern. Der
Status quo ist lediglich ein Rezept für noch mehr
Massaker.
Seattle Times
Die Seattle Times erhielt eine Reihe von Leserbriefen
zur Lage in Litauen. Nachfolgend einige Auszüge:
Das Überleben der Demokratie in Litauen wurde durch
das Massaker an unbewaffneten Zivilisten in Vilnius
aufs Spiel gesetzt. Die frei gewählte Regierung Litauens ist durch das barbarische Eingreifen sowjetischer
Panzer und Fallschirmjäger bedroht... Wenn wir nicht
mehr tun als Herrn Gorbatschow für diese unverantwortlichen, brutalen Akte auf die Finger zu klopfen,
wird die Bush-Administration als Präsidentschaft in die
Annalen der Geschichte eingehen, die Demokratie in
Litauen verkauft hat, während sie amerikanisches Blut
für Öl vergoß.
Es scheint, als ob Gorbatschow von dieser einzigartigen Möglichkeit zur Wiederherstellung von "Recht und
Ordnung" in den baltischen Ländern profitiert. Während sich die übrige Welt auf den Nahen Osten konzentriert, marschierten sowjetische Truppen in Litauen als
warnendes Beispiel für andere aufsässige Sowjetrepubliken ein, die es wagen, Moskau in die Quere zu
kommen.
Ist Bush einen weiteren schändlichen außenpolitischen Handel eingegangen? Ebenso wie Franklin D.
Roosevelt, der einen Handel mit dem größten Tyrannen dieses Jahrhunderts - Stalin - abmachte und im
Anschluß daran Millionen von Osteuropäern über 45
Jahre lang zu Sklaven machte, hat auch Bush die
Freiheit einer weiteren Generation von Befürwortern
des Kapitalismus verschachert, um Gorbatschows
Unterstützung für seine Golfpolitik zu gewinnen...
The Sacramento Bee
Es war unvermeidbar, daß Michail Gorbatschow gegen die baltische Unabhängigkeitsbewegung scharf
durchgreifen würde. Er bedurfte keines außergewöhlichen taktischen Gespürs, um zu erkennen, daß der
geeignete Zeitpunkt gekommen war, als die gesamte
Aufmerksamkeit der übrigen Welt und insbesondere
der amerikanischen Medien und Regierung - berüch-

AMERIKA DIENST 4

tigt dafür, daß sie sich auf nicht mehr als eine Sache
konzentrieren können - auf den Golfkrieg gelenkt war.
Er mußte scharf durchgreifen, denn ein anderes Vorgehen hätte für ihn bedeutet, die Unterstützung der
entscheidenden Elemente des Machtmonopols zu
verlieren: in der Armee, der Polizei und im Parteiapparat. Das hat nichts damit zu tun, ob er ein bewundernswerter Bursche ist oder den Nobelpreis verdient oder
unseres Dankes für das würdig ist, was er bisher
erreicht hat. Er hat praktisch keine Alternative zu
seinem jetzigen Vorgehen...
Ein revolutionärer Prozeß treibt den Machthaber automatisch zum rechten Flügel, ebenso wie jede Krise im
Machtzentrum neue Fraktionen zur Linken absplittert
und jede darauffolgende Herausforderung radikaler
wird...
Im Fall der baltischen Republiken ist der richtige Kurs
unmißverständlich. Bei Gorbatschow und der sowjetischen Regierung und Armee darf auch nicht der
geringste Zweifel aufkommen, daß die westliche Hilfe
an die Sowjetunion absolut gebunden ist: Sie hängt
voll und ganz von der Fortführung des friedlichen
Reformkurses in der Sowjetunion ab, bei dem alle
Konflikte durch Verhandlung und Schlichtung gelöst
werden.
Der sowjetischen Regierung muß deutlich gesagt
werden, daß offiziell geschürte Gewalt in den baltischen Staaten und politische Manipulationen der althergebrachten und schändlichen Art, die "nationale
Rettungskomitees" erfinden, um Interventionen der
sowjetischen Armee gegen "bourgeoise" nationalistische Kräfte "zu erbitten", mit guten Beziehungen zum
Westen nicht in Einklang zu bringen sind...
The Houston Post
Heute wird Litauen, eine der zivilisiertesten und wohlhabendsten Regionen der Sowjetunion, von Unsichtbaren regiert.
Die Gruppe bezeichnet sich selbst als "Nationales
Rettungskomitee", aber wenn von ihr irgendeine Rettung ausgeht, geht sie an den tapferen Litauern vorbei,
die dem brutalen Vorgehen des Militärs am Sonntag
(13. Januar) widerstanden haben...
Der sowjetische Präsident Gorbatschow unterstützt
die blutige militärische Besetzung der litauischen Fernsehanstalt, während er leugnet, sie befohlen zu haben.
Das ist kein Trost. Wenn er lügt, hat er seinem in den
vergangenen Jahren so sorgfältig aufgebauten Image
der Offenheit einen ziemlichen Schlag versetzt. Spricht
er die Wahrheit, dann hat er die Kontrolle über sein
Militär mehr oder weniger verloren...
Was die Administration tun sollte - aber wahrscheinlich
nicht tut - ist, Gorbatschow zu sagen, daß seine
schwer erkämpften amerikanischen Hilfsleistungen in

Seite 3

�Form von Agrarprodukten in Milliardenhöhe gestrichen sind. Im selben Atemzug sollten wir ihm klarmachen, daß die Versorgung im Austausch für glaubwürdige Zusagen einer besseren Behandlung der leidenden Bevölkerung durch Moskau wieder aufgenommen
werden kann. Obwohl die Vereinigten Staaten Gorbatschows lang erkämpften Reformen Erfolg wünschen,
braucht er uns sehr viel nötiger als wir ihn...
Detroit Free Press
Moskaus Druck auf die baltische Unabhängigkeitsbewegung hält an, trotz wenig überzeugender Versuche
Präsident Gorbatschows, die jüngsten brutalen Akte in
Vilnius nicht der Roten Armee zuzuschreiben. Was wir
in Litauen beobachten, ist militärisches Eingreifen im
Stile Jaruzelskis, nur in Zeitlupe - wahrscheinlich in der
Hoffnung, die Art von scharfer westlicher Reaktion zu
vermeiden, die polnische Generäle bei der Niederschlagung der Solidarität im Jahr 1981 so verblüffte.
Mitten im Krieg mit dem Irak ist dies wohl der schlechteste Moment für die Bush-Administration, etwas gegen
die sich abzeichnende Tragödie im Baltikum unternehmen zu wollen. Die amerikanische Reaktion auf die
Niederschlagung und die insgesamt schärfere Gangart bei Gorbatschows Innenpolitik muß jedoch über
eine verbale Verurteilung hinausgehen.
Angesichts so vieler Kräfte im Spiel könnte eine starke
westliche Reaktion auf die Entwicklungen in Litauen
Eindruck auf den Kreml machen - und wahrscheinlich
einen echten Unterschied bewirken.
Chicago Tribüne
Blutiger Mord. Das ist der einzig richtige Ausdruck für
das Eingreifen der sowjetischen Armee am Wochenende des 12. und 13. Januar in Vilnius, in der Absicht,
die litauischen Unabhängigkeitsbestrebungen niederzuschlagen und gleichzeitig eine Warnung an gleichgesinnte Verfechter der Unabhängigkeit in anderen
sowjetischen Republiken auszusprechen.
Michail Gorbatschow - gleichgültig, ob er das Eingreifen befahl oder nicht - muß die Verantwortung dafür
tragen, weil er es unvermeidbar machte. Selbst nach
dem Eingeständnis, daß die Sowjetunion Litauen und
die anderen baltischen Staaten unrechtmäßig annektiert hatte, bestimmte er Konditionen für ihre Unabhängigkeit, die nicht erfüllt werden konnten und zwangsläufig zu Frustration, Widerstand und Konflikt führen,
mußten.
Dennoch ist Präsident Bush gut beraten, sich Forderungen nach einer Bestrafung Gorbatschows durch
die Absage des Gipfeltreffens am 11. Februar in Moskau
zu widersetzen. Die wichtigsten Gipfelthemen - Verträge über Rüstungskontrolle und Streitkräftereduzierungen - sind für eine noch immer von Nuklearwaffen
überschattete Welt von zu großer Bedeutung. Und die
erst vor kurzem bewilligte Nahrungsmittelhilfe wieder

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zu entziehen, hieße, die Bedingungen weiter zu verschlechtern, die einen Großteil der sowjetischen Unruhen ausgelöst haben.
Ob dieses Eingreifen die Wiederkehr des Stalinismus
signalisiert oder nicht, scheint es - wie der litauische
Außenminister bekräftigte - definitiv das Ende der Ära
Gorbatschow von Reform und Liberalisierung anzudeuten...
Es stellt sich die Frage, ob die Ereignisse von Vilnius
Gorbatschow und die alten Löwen der Roten Armee,
des KGB und der Kommunistischen Partei zu gewalttätigem Vorgehen in anderen rebellierenden Republiken einschließlich Lettland und Estland ermutigen
werden? Oder könnten sie zu der Einsicht gelangen,
daß durch ihr Vorgehen in Vilnius Märtyrer für die
Sache geschaffen wurden, die sie zu unterdrücken
hofften?
Was Präsident Bush anbetrifft, so könnte er in Moskau
sehr viel Schlimmeres tun als zwei Sätze seiner Rede
vom Sonntag (13. Januar) zu wiederholen:
"Rechtmäßigkeit wird nicht durch Gewalt geschaffen.
Sie wird durch den Konsens des Volkes durch Offenheit und die Achtung der grundlegenden Menschenund politischen Rechte erlangt."
The Arizona Republic
Bei den Nürnberger Prozessen machten ehemalige
SS-Angehörige ihre Vorgesetzten für die von ihnen
begangenen Greueltaten verantwortlich. Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow beschuldigt seine "Untergebenen" für die Morde in Litauen. Er habe
zu dem Zeitpunkt geschlafen - sagt er -, und der Befehl,
auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen, sei von dem
Ortskommandeur erteilt worden.
Er kann sich nicht reinwaschen. Gorbatschow ist
entlarvt worden. Einzig sein Stil unterschied ihn von
seinen Vorgängern. Nun hat sich selbst der gewandelt. Am Mittwoch (16. Januar) hat Gorbatschow
tatsächlich die sowjetische Legislative aufgefordert,
vorübergehend die Kontrolle über die Medien zu übernehmen...
Wir hätten auf den verstorbenen Andrej Gromyko
hören sollen. Als Gromyko Gorbatschow als Generalsekretär nominierte, warnte er, der neue Staatsmann
habe ein "breites Lächeln, aber ein Gebiß aus Stahl"...
Gipfeltreffen können abgesagt, ein Getreideembargo
verhängt, Resolutionen verabschiedet und der Verkauf technischen Geräts begrenzt, aber die Richtung
der sowjetischen Führung kann wohl nicht geändert
werden...
In der Ansprache anläßlich der Verleihung des Nobelpreises an Gorbatschow im vergangenen Jahr zitierte
das norwegische Nobelpreiskomitee Gorbatschows

AMERIKA DIENST 4

�"führende Rolle im Friedensprozeß" und erklärte, dieser
Prozeß, "zu dem Gorbatschow so maßgeblich beigetragen hat, eröffnet der internationalen Staatengemeinschaft neue Möglichkeiten zur Lösung der drängenden Probleme über ideologische, religiöse, historische und kulturelle Grenzen hinweg".

Die Überschreitung der Grenzen, die Gorbatschow
jetzt mit seinen Panzern vollzogen hat, zeitigen sehr
viel größere Wirkung. Das Nobelpreiskomitee sollte
den Preis und das damit verbundene Geld zurückverlangen...

* * * * *

AMERIKA DIENST 4

Seite 5

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