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U.S. Information Service
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Deichmanns Aue 29

5300 Bonn 2

12. Dezember 1990

49

GOLFKRISE

BAKER FORDERT HUSSEINS
UNVERZÜGLICHEN RÜCKZUG AUS KUWAIT
Erklärung des Außenministers vor Senatsausschuß

GATT-

LANDWIRTSCHAFT WEITERHIN SCHLÜSSEL
ZUM ERFOLG BEI GATT-GESPRÄCHEN
Pressekonferenz der US-Delegation in Brüssel

MENSCHENRECHTE

SCHIFTER: DEMOKRATIE IM AUFWIND
Rede zum Tag der Menschenrechte

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
12. Dezember 1990

BAKER FORDERT HUSSEINS UNVERZÜGLICHEN
RÜCKZUG AUS KUWAIT
Erklärung des Außenministers vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - In einem Appell an den Kongreß und das amerikanische Volk forderte Außenminister
Baker am 5. Dezember 1990, dem irakischen Präsident Saddam Hussein ein unmißverständliches Signal zu
senden, "sich jetzt aus Kuwait zurückzuziehen oder alles zu riskieren".
"Bis heute deuten alle verfügbaren Erkenntnisse darauf hin", daß die vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
verhängten Wirtschafts- und Handelssanktionen gegen den Irak "Saddam Husseins Neigung zum Abzug kaum
beeinflußt haben", erklärte Baker in einer Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats. Der
Außenminister forderte kontinuierliche Unterstützung der militärischen Vorbereitungen, "um die Option einer
Offense zur Befreiung Kuwaits glaubwürdig zu machen".
Saddam Hussein müsse demonstriert werden, daß "die Zeit gegen ihn arbeitet", so Baker. "Selbst wenn er
glaubt, den Sanktionen trotzen zu können - und diese Überzeugung mag zutreffen - mu ß er wissen, daß wir ihm
gegebenenfalls durch den Einsatz von Gewalt einen noch höheren Preis abverlangen können und werden."
Außenminister Bakers Rede hat folgenden Wortlaut.

Ich stehe heute zum dritten Mal seit der Besetzung
Kuwaits durch den Irak am 2. August vor Ihnen.
Ich möchte Sie heute erneut konsultieren, weil ein - bis
an die Zähne bewaffneter - außerordentlich gefährlicher Diktator eine äußerst wichtige Region in einem
entscheidenden Augenblick der Geschichte bedroht.
Ihm muß Einhalt geboten werden - mit friedlichen
Mitteln, wenn möglich und mit Gewalt, falls nötig.
Mein Manuskript konzentriert sich auf drei Aspekte der
Situation:
Erstens die Erläuterung der Strategie des Präsidenten,
zweitens die detaillierte Begründung dafür, daß die
Vorbereitungen für den möglichen Einsatz von Gewalt
- und in der Tat die Bereitschaft zur Gewaltanwendung,
falls erforderlich - zur Erlangung einer friedlichen Lösung
unabdingbar sind, und
drittens die Darlegung des zwingenden Interesses,
das wir daran haben, die brutale Aggression Saddam
Husseins zunichte zu machen.

AMERIKA DIENST 49

Strategie
Von Anfang an hat die internationale Staatengemeinschaft vier Zielsetzungen verfolgt:
Erstens den unverzüglichen, uneingeschränkten und
bedingungslosen Abzug des Irak aus Kuwait,
zweitens die Wiedereinsetzung der rechtmäßigen
Regierung Kuwaits,
drittens die Freilassung aller Geiseln, und
viertens die Verpflichtung zu Sicherheit und Stabilität
am Persischen Golf.
Der Präsident hat wiederholt festgestellt, daß wir diese
Ziele mit friedlichen Mitteln erlangen wollen. Er hat
auch klargestellt, daß wir sie mit den geringsten Kosten für uns und die anderen Mitglieder der internationalen Koalition erreichen wollen.
Von Anfang an bestand unsere Strategie zur Verwirklichung dieser Ziele darin, Saddam Hussein einen
solch hohen Preis für seine Aggression abzuverlan-

Seite 1

�gen, daß erzürn Rückzug aus Kuwait veranlaßt würde.
Wir zielten darauf ab, Saddam für seine Aggression
zahlen zu lassen, indem wir den Druck und die Schmerzgrenze immer weiter erhöht haben - politisch, wirtschaftlich und militärisch. Wirtschaftssanktionen und
militärische Vorbereitungen bilden hierzu keine Alternative, sondern verstärken und beschleunigen diese
Strategie.
Trotz unseres Wunschs nach Frieden haben wir von
Anfang an in dem Bewußtsein gehandelt, daß wir
angesichts der auf dem Spiel stehenden lebenswichtigen Interessen zum Einsatz von Gewalt bereit sein
müssen, wenn diese Ziele nicht mit friedlichen Mittin
erreicht werden können.
Aus diesem Grund hat die von den Vereinigten Staaten
angeführte internationale Koalition dem Irak vom 2.
August an Kosten für seine Aggression auferlegt.
Am Tag der Invasion hat der Sicherheitsrat Resolution
660 verabschiedet, die den unverzüglichen Abzug des
Irak aus Kuwait fordert. Als diese Bestrebungen und
die diplomatischen Bemühungen der Arabischen Liga
von Saddam Hussein uneingeschränkt abgelehnt
wurden, verhängte der Sicherheitsrat am 6. August
obligatorische Wirtschaftssanktionen, um den Druck
auf den Irak zu verstärken und ihm höhere Kosten für
seine Aggression abzuverlangen, in der Hoffnung, daß
Saddam Hussein sich aufgrund der politischen und
wirtschaftlichen Isolierung zurückziehen werde.
Gleichzeitig mit diesen diplomatischen und wirtschaftlichen Maßnahmen wurden zur Abschreckung weiterer Aggression und als Unterstützung der Resolutionen
des Sicherheitsrats Streitkräfte in der Region stationiert. Bis heute haben sich 27 Nationen dieser wahrlich einmaligen multinationalen Streitmacht angeschlossen.
Bis heute konnte die internationale Koalition beachtliche Fortschritte bei der Isolierung des Irak verzeichnen und hat ihn für seine Besetzung Kuwaits zahlen
lassen. Wir bedauern die Leiden, die den unschuldigen Bürgern des Irak damit zugefügt werden - einem
Volk, mit dem wir nicht im Streit liegen.
Wir sehen uns jedoch jetzt mit der Frage konfrontiert,
ob die Saddam Hussein in Form von Sanktionen
auferlegten Kosten allein hoch genug sein werden, um
ihn zum friedlichen Rückzug aus Kuwait zu bewegen.
Wir müssen uns der Tatsache bewußt sein, daß in
diesem seit vier Monaten andauernden Konflikt keine
unserer Bemühungen irgendein Anzeichen eines Sinneswandels in Saddam Hussein bewirkt hat. Er macht
keinerlei Anstalten, auch nur eine der Resolutionen
des Sicherheitsrats zu befolgen.
Statt dessen scheint er seinen Einsatz zu verdoppeln.
Er hat durch systematische Ausplünderung und Entrechtung eines souveränen arabischen Staats ver-

Seite 2

sucht, Kuwait zu einem Teil des Irak zu machen. Er hat
die Bevölkerung terrorisiert, indem seine Soldaten
unerhörte Verbrechen gegen unschuldige Kuwaitis
verübt haben. Er hat den Sturz von König Fahd und
Präsident Mubarak gefordert. Er hat mit Terror und
Massenvernichtung seiner arabischen Nachbarn und
Israels gedroht. Er hat mit Geiseln und ihren Familien
und auch mit unseren Diplomaten in Kuwait ein grausames Spiel getrieben.
Vorbereitung auf den Krieg, um Frieden zu erlangen
Nach ernsten und nüchternen Konsultationen verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am vergangenen
Donnerstag mit überwältigender Mehrheit eine zwölfte
Resolution - die alle notwendigen Mittel, einschließlich
der Anwendung von Gewalt, zuläßt, um Saddam Hussein
nach dem 15. Januar 1991 aus Kuwait zu vertreiben.
Mit der Verabschiedung dieser Resolution gibt die
internationale Staatengemeinschaft Saddam Hussein
eine weitere - in der Tat seine letzte - Chance, zur
Besinnung zu kommen.
Mit der Verabschiedung der Resolution vom vergangenen Donnerstag übermittelt die internationale Staatengemeinschaft Saddam Hussein die folgende eindeutige Botschaft: "Wir streben weiterhin eine diplomatische Lösung an. Der Friede ist Ihre einzige vernünftige
Option. Sie können den Frieden wählen, indem Sie
den Willen der internationalen Staatengemeinschaft
respektieren. Tun Sie das jedoch nicht, so werden Sie
alles aufs Spiel setzen. Sie haben die Wahl."
Um zu gewährleisten, daß Saddam Hussein diese
Wahl versteht, hat der Präsident den irakischen Außenminister nach Washington eingeladen und mich
angewiesen, nach Bagdad zu reisen.
Offengestanden ist dies die letzte Chance für eine
friedliche Lösung. Wenn wir dabei irgendeine Aussicht
auf Erfolg haben wollen, so muß ich mit der uneingeschränkten Unterstützung des Kongresses und des
amerikanischen Volkes für die Botschaft der internationalen Staatengemeinschaft nach Bagdad reisen.
Ich möchte eines klarstellen: Dieses Treffen wird keine
Aufnahme von Verhandlungen über die Bedingungen
der UNO-Resolutionen bedeuten. Diese Bedingungen
sind eindeutig: vollständiger, unverzüglicher und
bedingungsloser Abzug des Irak, Wiedereinsetzung
der rechtmäßigen Regierung Kuwaits und Freilassung
aller Ausländer.
Dies ist auch nicht der Beginn von Verhandlungen über
Themen, die nichts mit der brutalen irakischen Besetzung Kuwaits zu tun haben. Ich werde weder über das
Palästina-Problem noch über den Bürgerkrieg im Libanon verhandeln. Saddam ist nicht in Kuwait eingefallen, um den Palästinensern zu helfen. Er tat dies, um
seine eigene Macht zu vergrößern. Wie Eduard Sche-

AMERIKA DIENST 49

�wardnadse sagte, versklavt man nicht ein Volk, um ein
anderes zu befreien.
Meine Mission in Bagdad ist lediglich der Versuch,
Saddam die ihm zur Verfügung stehende Wahl zu
verdeutlichen: Erfüllung der Ziele des Sicherheitsrats
oder das Risiko eines Desasters für den Irak.
Um diese Worte zu untermauern, hat der Präsident
den Verteidigungsminister, den Vorsitzenden der
Vereinigten Stabschefs und mich angewiesen, mit den
anderen Mitgliedern der internationalen Koalition zusammenzuarbeiten, um die multinationale Streitmacht
am Golf zu verstärken und ihre Bemühungen zu koordinieren. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten,
daß eine Anwendung von Gewalt gegebenenfalls
überraschend, massiv und entscheidend durchgeführt
wird.
Bedeuten die Truppenverstärkungen und die Resolution des Sicherheitsrats, daß ein Krieg unvermeidlich
ist? Sicherlich nicht. Ein friedlicher Ausgang ist
möglich - ein Ausgang, der Aggression nicht belohnt und jeder, einschließlich Saddam Husseins, weiß, wie
er aussieht. Er kann den Frieden wählen, indem er sich
bedingungslos aus Kuwait zurückzieht und alle Geiseln freiläßt.
Erwird diese Wahl fürden Frieden jedoch nicht treffen,
wenn er nicht versteht, daß die Alternative zur friedlichen Einhaltung darin besteht, zur Einhaltung gezwungen zu werden. Das ist die Botschaft, die wir ihm zu
vermitteln versuchen. Das ist die Bedeutung der
Schritte, die von der internationalen Staatengemeinschaft im Verlauf des vergangenen Monats getroffen
wurden. Dies ist keine neue Strategie, sondern eine
Fortsetzung und Festigung der von uns seit August
verfolgten Strategie.
Ich weiß, daß einige hier und im ganzen Land ein
ungutes Gefühl im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Kriegs haben. Niemand von uns wünscht einen Krieg.
Sie nicht, der Präsident nicht und ich nicht. Niemand
von uns wollte diesen Konflikt, und wir unternehmen
alles in unserer Macht Stehende, um dies friedlich
beizulegen, ohne den Aggressor zu beschwichtigen.
Ich kenne die Argumente derer, die der Ansicht sind,
Zeit und das Wirtschaftsembargo allein würden die
friedliche Lösung dieses Konflikts herbeiführen. Wir
müssen den Tatsachen jedoch ins Auge blicken.
Wenn die Sanktionen erfolgreich sein sollen, dann
müssen sie mehr bewirken, als den Irak lediglich
wirtschaftlich zu schwächen. Sie müssen Saddam
soviel Schaden zufügen, daß er sein Verhalten ändert
und aus Kuwait abzieht. Das ist das Kriterium für den
Erfolg, an dem die Sanktionen gemessen werden
müssen.
Wenn wir die Rolle der Sanktionen in unserer Strategie
betrachten, müssen wir uns folgende Fragen stellen:

AMERIKA DIENST 49

Können Wirtschaftssanktionen allein einen
Diktator vom Schlage Saddams zwingen, die
politisch schwierige Entscheidung zum Abzug
aus Kuwait zu treffen?
Wird Saddam ohne eine glaubwürdige militärische Bedrohung die Maßnahmen des Sicherheitsrats ernst nehmen?
Gibt es im bisherigen Verhalten Saddam Husseins irgendwelche Anhaltspunkte dafür, daß
Sanktionen allein ihn aus Kuwait vertreiben
werden?
Ich möchte versuchen, diese Fragen aufgrund der
bisher gewonnenen Erkenntnisse zu beantworten. Nach
vier Monaten eines durchgreifenden Embargos haben
die Sanktionen zweifelsohne Auswirkungen auf die
irakische Wirtschaft. Wir müssen jedoch der Tatsache
ins Auge blicken, daß niemand sagen kann, daß
Sanktionen allein jemals in der Lage sein werden,
Saddam einen Preis abzuverlangen, der hoch genug
ist, um ihn zum Abzug zu veranlassen. Bis heute
deuten alle verfügbaren Erkenntnisse darauf hin, daß
sie seine Neigung zum Abzug kaum beeinflußt haben.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß Saddam
in beträchtlichem Maß entscheiden kann, wer im Irak
unter den Sanktionen zu leiden hat. Sie können darauf
wetten, daß die irakische Bevölkerung als erste und
am einschneidendsten darunter zu leiden hat - nicht
das irakische Militär oder Saddam selbst. Saddam ist
seit jeher dafür bekannt, daß er dem irakischen Volk
große Opfer und großes Leid abverlangt. Es ist für ihn
nichts Neues, dem irakischen Volk große Opfer aufzuerlegen, um seine eigenen ehrgeizigen Pläne zu
verwirklichen.
Wir müssen uns der Tatsache erinnern, wen wir aus
Kuwait vertreiben wollen. Saddam ist ein rücksichtsloser Diktator. Er hat eine übersteigerte Einschätzung
der Macht des Irak und eine hohe Schmerzschwelle.
Saddam geht zweifelsohne davon aus, daß er Wirtschaftssanktionen überdauern kann. Sicherlich versteht er jedoch die Folgen militärischer Gewaltanwendung besser.
Ein weiteres Abwarten gibt Saddam nicht nur Zeit, die
Sanktionen zu durchbrechen, sondern erlegtauch uns
Kosten auf.
Während wir abwarten, wird Saddam weiterhin Kuwait
foltern und es als Nation vernichten.
Während wir abwarten, wird er weiterhin sein Spiel mit
den Geiseln treiben und damit versuchen, die Koalition
zu spalten.
Während wir abwarten, wird er weiterhin Kuwait zur
Festung ausbauen, chemische und biologische Waffen herstellen und an der Erlangung von Atomwaffen
arbeiten.

Seite 3

�Während wir warten, rechnet er damit, daß unsere
Aufmerksamkeit von anderen Ereignissen abgelenkt,
unsere Entschlossenheit geschwächt und die internationale Koalition aufgelöst werden.
Während wir warten, lastet die Bürde von Saddams
Verbrechen immer schwerer auf der Welt.
Das ist der Grund, weshalb wir unseren Vorbereitungen für den Einsatz von Gewalt Glaubwürdigkeit verleihen müssen.
Die internationale Staatengemeinschaft hat eindeutig
zugestimmt, daß vor dem 15. Januar nächsten Jahres
keine Gewalt angewandt wird, wenn Saddam keine
Reaktion provoziert. Demnach müssen wir uns vor
Augen führen, daß bis jetzt niemand eine Entscheidung zugunsten eines Krieges getroffen hat. Vielmehr
hat der Präsident mit seiner Bitte an mich, nach
Bagdad zu reisen, deutlich gemacht, daß er die nächsten sechs Wochen zur Ausschöpfung aller diplomatischen Möglichkeiten nutzen wird.
Der Präsident hat jedoch auch unterstrichen, daß wir
zur Förderung dieser diplomatischen Bemühungen
weiterhin Unterstützung für unsere militärischen Vorbereitungen erhalten müssen, um die Option einer
Offensive zur Befreiung Kuwaits glaubwürdig zu machen.
Ohne die Entscheidung über eine potentielle Gewaltanwendung nach dem 15. Januar vorwegnehmen zu
wollen, kann ich doch unmißverständlich sagen, daß
sich mindestens drei gefährliche Konsequenzen ergeben werden, wenn wir die Vorbereitungen nicht fortsetzen.
Erstens würde unser diplomatischer Einfluß unterminiert, indem die Alternative für einen friedlichen Abzug
- Gewaltanwendung - beseitigt wird. Damit würde dem
Irak die falsche Botschaft vermittelt: "Versuchen Sie
nur weiter, Zeit zu gewinnen. Sie werden genug davon
haben, weil die Resolutionen des Sicherheitsrats nur
ein Bluff sind. Die internationale Koalition zieht die
Option der Gewaltanwendung nicht einmal in Betracht,
geschweige denn, daß sie diese in die Tat umsetzen
würde." Genau diese Botschaft dürfen wir nicht vermitteln.
Wir müssen Saddam zeigen, daß die Zeit nicht für ihn
arbeitet. Selbst wenn er glaubt, den Sanktionen trotzen zu können - und diese Überzeugung könnte zutreffen - mu ß er wissen, daß wir ihm gegebenenfalls durch
den Einsatz von Gewalt einen noch höheren Preis
abverlangen werden.
Zweitens würden nicht durchgeführte Vorbereitungen
für die glaubwürdige Option einer militärischen Offensive höchstwahrscheinlich den Status quo bestätigen
und für einige die brutale Besetzung legitimieren, die
Saddam jetzt Kuwait und seinen Bewohnern aufzwingt.
Drittens würde das Versäumnis angemessener Vorbereitungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt bedeuten,

Seite 4

daß wir im Falle eines Konflikts in verantwortungsloser
Weise größere Verluste riskieren würden und damit
das Leben der jungen Amerikaner, die bereits an den
Frontlinien am Persischen Golf stehen, mehr als nötig
gefährden. Der Präsident wird das nicht vertreten.
Und das amerikanische Volk auch nicht.
Was auf dem Spiel steht
Wir schlagen diesen Weg nicht ein, ohne uns der damit
verbundenen Gefahren und Risiken bewußt zu sein.
Aber es darf kein Zweifel daran bestehen, daß der
Erfolg dieses Unternehmens - hoffentlich auf friedlichem Wege, gegebenenfalls durch Gewalt - eindeutig
im Interesse des amerikanischen Volks liegt.
Oftmals werden Stimmen laut, daß keine klare Antwort
auf die Frage erfolgt ist, warum wir am Golf sind. Das
ist vielfach die Folge der Suche nach einem einzigen
Grund für unser Engagement, einem einzigen Grund,
den der Präsident anführen könnte, um zu erklären,
warum das Leben amerikanischer Soldaten in der
arabischen Wüste, auf See oder in der Luft aufs Spiel
gesetzt werden soll.
Diese Suche sollten wir beenden. Wir sollten uns
selbst und anderen gegenüber aufrichtig sein. Es gibt
vielfältige Gründe, Gefahren und Bedrohungen. Jeder
einzelne von ihnen ist zwingend. Insgesamt betrachtet
ist das Problem überwältigend.
Um es deutlich zu sagen: Ein sehr gefährlicher Diktator bedroht - bis an die Zähne bewaffnet - in einem
entscheidenden Augenblick der Geschichte eine wichtige Region.
Es ist die Kombination dieser Gründe - wer unsere
Interessen bedroht, welche Fähigkeiten er hat und
entwickelt, wo er seine Aggression durchführt und
welchen Zeitpunkt er dafür gewählt hat - die dazu
führen, daß wir alle einen hohen Preis zahlen müssen.
Ich möchte Ihnen das erläutern.
Strategisch betrachtet ist Saddam ein unberechenbarer Diktator, dessen Machtgelüste so maßlos sind wie
seine Brutalität, mit der er sie zu befriedigen sucht. Er
hat zwei Nachbarstaaten besetzt, gewährt Terroristen
Unterschlupf und vernichtet Kuwait jetzt systematisch.
Saddam setzt Giftgas ein - sogar gegen sein eigenes
Volk, entwickelt tödliche Chemikalien und ist unermüdlich bestrebt, sich Atombomben zu beschaffen. Er hat
die sechstgrößte Armee der Welt aufgebaut, verfügt
über die fünftgrößte Panzertruppe der Welt und hat
ballistische Raketen stationiert.
Geographisch betrachtet hat Saddams Aggression in
einem politischen Pulverfaß stattgefunden, das an drei
Kontinente grenzt. Sein Erfolg würde lediglich mehr
Hader, mehr Konflikte und möglicherweise einen Krieg
für mehr Länder bedeuten. Es bestünde nur wenig
Hoffnung für Bestrebungen um einen Frieden im Nahen
Osten.
AMERIKA DIENST 49

�Wirtschaftlich betrachtet gefährdet Saddams Aggression die ungehinderte Ölversorgung der Welt, es besteht die Gefahr einer Rezession und Depression hier
und im Ausland, die insbesondere die schwachen
Demokratien treffen würde, die damit am wenigsten
fertigwerden würden. Seine Aggression ist der Versuch, den wirtschaftlichen Aufschwung der Welt nach
dem kalten Krieg an die Launen eines einzelnen Mannes
zu verpfänden.

i

Moralisch gesehen müssen wir so handeln, daß das
Völkerrecht und nicht das Unrecht von Verbechern die
Welt nach dem kalten Krieg regiert. Wir müssen so
handeln, daß Recht und nicht Macht den Erfolg in der
Welt nach dem kalten Krieg bestimmen. Wir müssen
so handeln, daß unschuldige Männer, Frauen und
Diplomaten in der Welt nach dem kalten Krieg geschützt und nicht als Geiseln genommen werden.
Historisch gesehen müssen wir dem kuwaitischen
Volk beistehen, so daß die Annexion Kuwaits nicht die
erste Realität wird, die uns den Blick auf eine neue
Weltordnung trübt. Wir müssen mit der internationalen
Staatengemeinschaft fest zusammenstehen, damit
die Vereinten Nationen nicht den Weg des Völkerbunds gehen.
Politisch gesehen, müssen wir zur amerikansichen
Führungsrolle stehen, nicht weil wir sie anstreben,
sondern weil niemand anders sie übernehmen kann.
Und wir haben nicht vierzig Jahre Einigkeit demon-

*

AMERIKA DIENST 49

* *

striert, um den kalten Krieg zu einem friedlichen Ende
zu führen und dann die Welt Leuten wie Saddam
Hussein zu überlassen.
Dies alles steht auf dem Spiel.
Wenn Saddam jetzt nicht Einhalt geboten wird, wenn
seine aggressiven Pläne nicht - wenn möglich, mit
friedlichen Mitteln, falls nötig mit Gewalt - durchkreuzt
werden, werden wir später alle einen höheren Preis
zahlen müssen.
Ebenso wie der Sicherheitsrat dies vergangenen
Donnerstag getan hat, müssen dieser Kongreß und
das amerikanische Volk Saddam Hussein gegenüber
durch Wort und Tat unmißverständlich zum Ausdruck
bringen:
"Verlassen Sie Kuwait unverzüglich oder Sie riskieren
alles."
Wir müssen jetzt - mehr als zu irgendeinem anderen
Zeitpunkt dieser Krise - mit der internationalen Staatengemeinschaft bei der uneingeschränkten Unterstützung der Resolutionen des Sicherheitsrats Einigkeit demonstrieren.
Einfach gesagt, ist dies eine Entscheidung zwischen
richtig und falsch.
Meiner Meinung nach haben wir den Mut und die
Stärke, das Richtige zu wählen.

*

*

Seite 5

�GATT
12. Dezember 1990

LANDWIRTSCHAFT WEITERHIN SCHLÜSSEL ZUM
ERFOLG BEI GATT-GESPRÄCHEN
Pressekonferenz der US-Delegation in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - In einer Pressekonferenz nach der Vertagung der Handelsgespräche im Rahmen der
Uruguay-Runde bekräftigten die amerikanischen Unterhändler am 7. Dezember 1990 in Brüssel, daß ihrer
Meinung nach der Reform des Agrarhandels weiterhin eine Schlüsselfunktion bei der Liberalisierung des
gesamten Welthandels zukomme.
So erklärte die US-Handelsbeauftragte Carla Hills, "ohne eine grundlegende Reform der Landwirtschaft wird
man diejenigen Länder, denen es nur um die Landwirtschaft geht, nicht einbeziehen können". Diese Staaten
würden im Gegenzug für Reformen im Agrarbereich ihre Märkte für Dienstleistungen öffnen, den Schutz
geistigen Eigentums gewährleisten und Hemmnisse für Investoren beseitigen.
Hills zufolge "verschwenden" die Industriestaaten jährlich etwa 250 Milliarden Dollar für protektionistische Maßnahmen in der Landwirtschaft "und entziehen den Entwicklungsländern damit Marktchancen, was wiederum
wirtschaftliche Verluste für sie zur Folge hat und vielleicht Instabilität sät".
Neben Hills nahmen an der Pressekonferenz, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen, US-Landwirtschaftsminister Clayton Yeutter, Wirtschaftsminister Robert Mosbacher und der Stellvertretende Arbeitsminister
Roderick DeArment teil.

&gt;

*&gt;

Hills: Die Vereinigten Staaten sind mit der Bereitschaft nach Brüssel gekommen, ehrgeizige, marktöffnende Vereinbarungen in allen 15 Bereichen der Uruguay-Runde auszuhandeln. Wir haben diese Woche
sichtbare Fortschritte in vielen dieser Bereiche erzielt.
In einigen wurden die Meinungsverschiedenheiten sogar
wesentlich verringert.
Es tritt jedoch nun eindeutig zutage, daß das Patt im
Agrarbereich hier in Brüssel nicht durchbrochen werden kann. Der Vorsitzende der Landwirtschaftsgruppe
hat einen kreativen Vorschlag unterbreitet, der eine
Grundlage für den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen lieferte. Leider wurde dieser Vorschlag
von einigen wenigen, wirtschaftlich starken Ländern
abgelehnt, die nicht bereit waren, durchgreifende
Agrarreformen auszuhandeln. Dies war umsomehr
enttäuschend angesichts der äußerst konstruktiven
Haltung, die im Verlauf der Runde von zahlreichen
Entwicklungsländern eingenommen wurde.

AMERIKA DIENST 49

Wir müssen uns der Einsicht anschließen, daß eine
Verlängerung des Brüsseler Treffens keinem sinnvollen Zweck dienen kann. Mit der Vertagung trägt der
Vorsitzende Gross-Espiell lediglich dieser Tatsache
Rechnung. Wir ermutigen die Teilnehmer, sich diese
Chance zunutze zu machen und ihre Positionen auf
höchster politischer Ebene zu überdenken. Darüber
hinaus unterstützen wir den Vorschlag von Generaldirektor Dunkel, unter geeigneten Bedingungen seine
guten Dienste in Anspruch zu nehmen, um mit den
Teilnehmern Differenzen abzubauen.
Ich spreche für den Präsidenten, wenn ich sage, daß
sich die Vereinigten Staaten weiterhin der Aufrechterhaltung und Stärkung des multilateralen Handelssystems sowie einem positiven und raschen Abschluß
der Uruguay-Runde verpflichtet fühlen. Wir werden
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
dieses Ergebnis zu erlangen. Gleichzeitig werden wir
jedoch darauf bestehen, daß die Vereinbarungen wirk-

Seite 1

�lieh den Handel liberalisieren. Wenn feststeht, daß es
eine Grundlage für den erfolgreichen Abschluß dieser
Runde gibt, werden die Vereinigten Staaten an den
Verhandlungstisch zurückkehren. Zusammen mit
meinen Kollegen werde ich nun gerne Ihre Fragen
beantworten.
Frage: (unverständlich)
Hills: Das Gesetz, das wir als Beschleunigungsvereinbarung bezeichnen, existiert bereits. Es schreibt
vor, daß dem Kongreß zum 1. März eine Mitteilung
zugehen muß, wenn wir das Recht zur Beschleunigung in Anspruch nehmen wollen. Das heißt - für
diejenigen unter Ihnen, die mit unserer Gesetzgebung
nicht so vertraut sind -, daß der Kongreß lediglich über
ein Paket von Handelsvereinbarungen abstimmen muß,
daß wir dies bis zum 1. März beantragen müssen und
das Abkommen bis zum 1. Juni unterzeichnet werden
muß. Uns steht also nicht mehr viel Zeit zur Verfügung,
wenn wirdiese beschleunigte Behandlung in Anspruch
nehmen wollen.
Frage: Sicherlich wissen Sie, daß unter allen Regierungen der Europäischen Gemeinschaft die britische
seit jeher die kritischste Haltung zu einzelnen Elementen der Gemeinsamen Agrarpolitik einnimmt. Heute
und diese Woche haben britische Minister jedoch Ihre
Verhandlungstaktik als empörend beschrieben. Sie
ärgerten sich darüber, wie der weltgrößte Handelsblock vom zweitgrößten angegangen wurde und erklärten im allgemeinen, daß Ihre Ziele völlig unrealistisch seien. Sind Sie wirklich schon mit dem Wissen
hierhergekommen, daß eine Agrarvereinbarung unerreichbar war?
Und zweitens möchte ich Sie bitten, den weiteren nicht
mit Handelsfragen verbundenen politischen Schaden
einzuschätzen, der von diesem Patt verursacht wird.
Hills: Wie ich bereits am Tag unserer Ankunft erklärte,
sind wir mit der festen Absicht angereist, die UruguayRunde hier in Brüssel abzuschließen. Wir sind bei den
Verhandlungen über durchgreifende Agrarreformen
auf enorme Hindernisse gestoßen. Ich möchte darauf
verweisen, daß die Mehrzahl der hier versammelten
Staaten grundlegende Agrarreformen befürworteten,
die in allen drei Bereichen spezifische Verpflichtungen
erfordern, also Reduzierung der Exportsubventionen,
Reduzierung der Schutzmaßnahmen an den Grenzen
und Reduzierung der Beihilfen im Inland, die mit handelsverzerrenden Auswirkungen verbunden sind. Wir
werden weiterhin über durchgreifende Agrarreformen
verhandeln. Wir hoffen, daß wir bei Verhandlungen,
die in gutem Glauben für hohe Prinzipien und eine
Liberalisierung des Handels geführt werden, mehr
anstatt weniger Ruhe zwischen den großen Handelspartnern gewährleisten können. Wir hoffen, daß wir
unsere Ziele durch Verhandlungen in gutem Glauben
verwirklichen können.

Seite 2

Frage: Frau Hills, in den vergangenen Jahren waren
Sie sehr erfolgreich bei der Abwehr von Druck seitens
des Kongresses sowie der Privatwirtschaft, Sie zu
Maßnahmen gemäß 301 und anderer Mechanismen
zu veranlassen. Wie lange können Sie diesem Druck
angesichts des Zustands dieser multilateralen Gespräche noch standhalten?
Hills: Der Kongreß betrachtet den Einsatz einseitiger
Maßnahmen gemäß 301 als Mittel zum Abbau von
Handelsschranken, die uns vom Handel im Rahmen
des internationalen Handelssystems abhalten. Solange wir keine vereinbarten multilateralen Regeln haben,
ist es sehr schwierig ,den gewählten Vertretern unseres Volkes zu erklären, daß sie die nationalen Interessen nicht schützen dürfen. Wir werden mit dem
Kongreß zusammenarbeiten, wir werden sehr regelmäßig Konsultationen mit dem Kongreß abhalten, und
wir werden Maßnahmen zu ergreifen versuchen, die
im Einklang mit der Bewahrung und dem Ausbau des
multilateralen Systems stehen, während wir gleichzeitig unsere nationalen Interessen schützen.
Frage: ... einige der Cairns-Länder, die zur Gruppe
der Agrarprodukte exportierenden Entwicklungsländer gehören, werden nicht nach Genf zurückkommen,
wenn die EG im Bereich der Landwirtschaft keine
Fortschritte erzielt? Ich weiß, daß Sie sich in der
Vergangenheit besorgt darüber geäußert haben, daß
sich einige dieser Länder ganz zurückziehen könnten.
Hills: Ich glaube nicht, daß eine Verringerung der
Meinungsverschiedenheiten in den anderen 14 Verhandlungsgruppen möglich ist, ohne daß die Verhandlungen in der Landwirtschaftsgruppe fortgesetzt werden, und die lateinamerikanischen Länder haben
zusätzlich zu den aktiven Mitgliedern der Cairns-Gruppe ziemlich deutlich gemacht, daß sie eine grundlegende Reform der Landwirtschaft benötigen, wenn sie
mit den Verhandlungen fortfahren sollen. Ich hoffe
also, daß diese Botschaft die höchsten politischen
Kreise erreicht und wir in der Lage sein werden, die
Verhandlungen in der Landwirtschaft fortzuführen.
Frage: Zwei Frage, die erste an Frau Hills. Kann ich
Ihrer Eingangserklärung entnehmen, daß die Vereinigten Staaten nicht bedingungslos der Rückkehr an
den Verhandlunstisch in Genf verpflichtet sind? Zweitens
eine Frage für Minister Yeutter. Vor vier Jahren wurde
allgemein vorausgesagt, daß die Vereinigten Staaten
genau diesen Ausgang riskierten, indem sie eine
maximalistische Haltung bei den Exportbeihilfen einnahmen. In welchem Umfang fühlen sich die Vereinigten Staaten für dieses Ergebnis verantwortlich, indem
sie diese Voraussagen ignorierten?
Hills: Zu Ihrer ersten Frage: weder die Vereinigten
Staaten noch irgendein anderes Land werden nach
Genf zurückkehren, um die Gespräche fortzuführen,
bis der Generaldirektor bei seinen Sondierungen zu

AMERIKA DIENST 49

�dem Schluß gekommen ist, daß die Bedingungen
geeignet und solche Gespräche vorteilhalft und effektiv für die Verwirklichung unserer Ziele sind. Wir hoffen
zutiefst, daß diese Bedingungen schon bald zutage
treten, aber ich habe keine Gewähr, daß dies der Fall
sein wird.
Yeutter: Ich möchte darauf eingehen und vielleicht
noch etwas zu der früheren Frage sagen, derzufolge
die Vereinigten Staaten eine unrealistische Haltung
einnahmen. Ich stimme dem ganz uns gar nicht zu,
und diese Meinung wird auch von der überwiegenden
Zahl der Länder nicht geteilt. Wenn irgendjemand von
Ihnen gestern abend oder die ganze Woche über bei
den Gesprächen anwesend gewesen wäre, dann wäre
ihm das klar geworden. Es erhebt sich die Frage, ob
sich die Gemeinschaft in bezug auf die Agrarhandelspolitik von der Realität entfernt hat oder ob dies für den
Rest der Welt gilt. Und es saßen eine Reihe von
Delegierten in dieser Woche an den Verhandlungstischen, die einheitlich und generell der Ansicht waren,
daß sich die Gemeinschaft in diesem Bereich von der
Realität entfernt hat.
Im Hinblick auf die Exportbeihilfen im besonderen wird
mich niemand jemals davon überzeugen können, daß
wir, die Vereinigten Staaten oder wir, die Exportländer
- darunter die gesamte Cairns-Gruppe - mit dem
Vorschlag eines Abbaus der Exportsubventionen eine
unrealistische Haltung eingenommen haben. Denn:
Exportsubventionen bieten keinerlei Vorteile. Jeder
versteht das. Ich glaube nicht, daß man in der ganzen
Welt einen Praktiker der Handelspolitik finden wird, der
mit dieser Behauptung nicht einverstanden ist. Die
Frage lautet also, wie weitgehend und wie schnell.
Tatsache ist, daß die Vereinigten Staaten von Anfang
an dazu bereit waren, ein vernünftiges Ergebnis bei
dieser Frage auszuhandeln. Wir waren diese Woche
bereit, das zu tun, und wir deuteten unsere Bereitschaft dazu ebenfalls im Kontext des Hellstrom-Vorschlags vom gestrigen Abend an. Zu keinem Zeitpunkt
diese Woche hat die Europäische Gemeinschaft einen
Vorschlag unterbreitet, der irgendwelche spezifischen
Verpflichtungen zur Reduzierung oder zum Abbau der
Exportbeihilfen in der Landwirtschaft enthielt. Es gab
lediglich die Verpflichtung, über dieses Thema zu
sprechen, aber niemals in all diesen vier Tagen wurde
ein spezifischer Vorschlag unterbreitet.
Frage: Vertreten die Vereinigten Staaten die Auffassung, daß die EG die Hellstrom-Vorschläge im weitesten Sinne - sei es im Hinblick auf die Anzahl oder das
Konzept - akzeptieren müssen, um darauf aufzubauen, damit eine klare Basis für die Wiederaufnahme der
Gespräche geschaffen wird?
Hills: Es sollte deutlich geworden sein, daß der
Vorsitzende DeZeeuw bei der Unterbreitung seines
Berichts als Vorsitzender der Arbeitsgruppe in Genf
erklärt hat, sowohl Exportsubventionen als auch Schutz
der Grenzen und nationale Beihilfen seien für eine
AMERIKA DIENST 49

grundlegende Reform unabdingbar. Der Vorsitzende
Hellstrom, der hier in Brüssel wirklich sehr gute Arbeit
geleistet hat, hat genau dasselbe gesagt. Und darüber
hinaus hat Minister Yeutter deutlich darauf hingewiesen, eine grundlegende Agrarreform sei unmöglich,
wenn nicht Exportsubventionen angesprochen würden, die wirklich eine Form wirtschaftlicher Kriegführung gegen die Nachbarn darstellen. Man exportiert
seine Probleme in andere Länder und fordert von
ihnen, für sie zu bezahlen, und das ist für die Mehrheit
der Länder auf der Welt unannehmbar.
Frage: Frau Hills, Sie haben zu Beginn erklärt, einige
Länder mit erheblichem wirtschaftlichem Potential hätten
Hellstroms Vorschläge zurückgewiesen. Besteht nicht
die "Realpolitik" dieser Zusammenkunft darin, daß
diese Länder beim Mißerfolg der Uruguay-Runde weniger
zu verlieren haben als die Vereinigten Staaten oder die
Cairns-Gruppe? Wenn die ganze Sache sich als Flop
erweist, werden die EG und Japan - unter dem Strich,
in Dollars und Cents - in geringerem Maße benachteiligt sein als Sie oder irgendjemand anders. Ist dies
nicht das Ergebnis des Treffens dieser Woche?
Hills: Nein. Wir alle verlieren durch ein Scheitern der
Uruguay-Runde viel. Und dabei spielt es keine Rolle,
ob es sich um Europa, die Vereinigten Staaten oder die
Entwicklungsländer handelt - alle verpassen die Chance zum Wachstum - das für die Weltwirtschaft in den
neunziger Jahren um über 4 Billionen Dollar höher
liegen könnte. Man verzichtet auf die Gelegenheit,
mehr Harmonie und wirtschaftlichen Frieden unter den
Handelspartnern der Welt zu schaffen. Und was
vielleicht noch egoistischer und schlimmer ist - man
macht die Hoffnungen der Entwicklungsländer auf
wirtschaftliche Gewinne zunichte. Dadurch erleiden
wir also alle Verluste, weil dieser letzte Punkt bedeutet,
daß politische Instabilität wahrscheinlicher ist als politische Stabilität. Und meiner Ansicht nach muß deshalb in allen Ländern der Welt auf höchster Ebene der
politische Wille aufgeboten werden, um diese Probleme zu lösen, die uns entzweien. Und eines davon hat
sich als grundlegend erwiesen.
Frage: Würden Sie sagen, daß diese Position der
Gemeinschaft signalisiert, welche Haltung Europa von
nun an einnehmen wird? Sehen wir uns insgesamt der
Schaffung zweier neuer wirtschaftlicher Blöcke gegenüber? Haben wir jetzt diese zwei wirtschaftlichen
Blöcke, die sich gegenüberstehen?
Hills: Wir müssen nicht zu dem Schluß kommen, daß
die Welt sich infolge des Brüsseler Treffens auf der
Stelle in zwei Blöcke spaltet. Ganz und garnicht. Wir
haben immer noch die Möglichkeit, die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Und
die Vereinigten Staaten werden nichts unversucht
lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Und ich hoffe, daß
sich andere Länder der Welt uns dabei anschließen
werden - einige haben bereits Zustimmung demonstriert.

Seite 3

�Frage: Frau Hills, den Vereinigten Staaten gegenüber
verhält sich die Europäische Gemeinschaft widerspenstig und unfähig, auf die Liberalisierungsimpulse
zu reagieren. Würden die Vereinigten Staaten Disziplinierungsmaßnahmen wie etwa Super 301 oder Ausgleichszölle in Erwägung ziehen?
Hills: Meiner Ansicht nach ist dies kaum der Augenblick für eine Bitte an den Kongreß, seine Maßnahmen
zum Schutz nationaler Interessen aufzugeben, und wir
haben kein Konzept für multilaterale Regeln zum Schutz
nationaler Interessen erarbeitet. Natürlich werde ich
meine ganze Energie für den erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde aufbieten.
Frage: Um nochmals auf die Frage meines Kollegen
zurückzukommen - wenn man die Schärfe in den
Gesprächen dieser Woche gehört hat, ist es nur schwer
vorstellbar, daß die Vereinigten Staaten und die EG
Verbündete sind. Können Sie uns sagen, wie sich die
Vereinigten Staaten und die EG nächsten Monat bei
einer möglichen Golfkrise verhalten werden, wenn
dies Damoklesschwert über dem Bündnis hängt?
Hills: Zunächst einmal haben Sie von mir bestimmt
keine scharfen Bemerkungen gehört, und ich arbeite
ungeachtet unserer Meinungsverschiedenheiten sehr
effektiv mit meinen EG-Kollegen zusammen. Ich
hoffe, die Ergebnisse des Brüsseler Treffens und das
offensichtliche Ergebnis einer Mehrheit aller Länder
der Welt mit dem Wunsch nach einer grundsätzlichen
Reform der Landwirtschft sowie Regeln in dem einen
Drittel des Handels, für das wir noch keine Regeln
haben, werden bei der EG den politischen Willen
auslösen, Agrarreformen anzusprechen. Es bedarf
also nicht der Schärfe. Und tatsächlich gibt es unter
meinen Kollegen keinen einzigen, der Schärfe gegenüber der EG oder irgendeinem anderen Land befürworten würde. Wir wollen ganz einfach eine Grundsatzreform unseres Handelssystems und die Chance,
einen potentiellen wirtschaftlichen Aufschwung anzufachen, wenn wir den Marktzugang schaffen, wie ihn
mein Kollege - der die Uruguay-Runde vor vier Jahren
initiierte - für möglich gehalten hat.
Frage: Ich möchte eine Frage an Minister Yeutter
richten, der, wie Sie sagten, die Uruguay-Runde vor
vier Jahren ins Leben gerufen hat. Haben Sie Ihrer
Ansicht nach einen Fehler gemacht, indem Sie die
Grundsatzreform der Landwirtschaft so aggressiv
vorangetrieben und so viele Bereiche eingebracht
haben, die ursprünglich nicht Bestandteil des GATT
waren?
Yeutter: Botschafter Hills kann Ihnen das näher
erläutern. Natürlich glaube ich nicht, daß es ein Fehler
war, der Landwirtschaft in der Uruguay-Runde die
Priorität einzuräumen. Das war seit langem fällig. Sie
wissen sehr wohl, daß Landwirtschaft in früheren
Runden der Handelsverhandlungen erörtert wurde,
aber daraus ist überhaupt keine Arbeitsgrundlage

Seite 4

entstanden. Mit anderen Worten, aus praktischen
Erwägungen ist die Landwirtschaft seit mehr als 40
Jahren von den GATT-Regeln unberührt geblieben,
obwohl sie eine der wichtigsten Aktivitäten des Welthandels darstellt. Es liegt also an uns, ob wir erwarten,
in dieser Welt eine politische Führungsrolle zu spielen
und ob wir erwarten, eine Institution wie das GATT
weiterzuentwickeln, die dies leisten kann. Es ist unsere Pflicht, die wichtigsten Probleme des Welthandels
von heute zu lösen. Das betrifft auch die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist in den vergangenen
vierzig Jahren der Geschichte des GATT im wesentlichen ignoriert worden. Sie darf aber nicht außer acht
gelassen werden - dafür ist sie für den Welthandel zu
wichtig. Wir müssen also effektive Regeln für den
Agrarhandel erarbeiten. Deshalb steht er auf der
Tagesordnung der Uruguay-Runde. Er verdient diesen Stellenwert. Es ist bedauerlich, daß wir noch keine
Vereinbarung für umfangreiche Reformen des Agrarhandels erzielen konnten. Er ist heute der Sektor, der
den Welthandel am stärksten verzerrt. Es gibt zweifellos mehr Handelsverzerrungen in der Landwirtschaft
als in irgendeinem anderen Bereich des Handels.
Deshalb sehen wir uns mit diesem Problem unmittelbar konfrontiert. Das gilt ebenso für Botschafter Hills
wie für mich und jeden anderen Wirtschafts- und
Landwirtschaftsminister auf der Welt. Es wird nicht
verschwinden, ungeachtet der Ereignisse hier in Brüssel oder anderswo in der Uruguay-Runde. Aber wir
sollten nicht davon ausgehen, daß wir diese grundsätzliche Reform in der Uruguay-Runde nicht erzielen
können. Zeit für dieses Urteil ist beim Abschluß der
Uruguay-Runde, nicht heute. Wir haben diese Reformen nicht hier in Brüssel erzielt.
Frage: Mit dem Abschluß dieses Treffens geht für die
meisten Teilnehmer auch das Gefühl für die Dringlichkeit verloren, nicht jedoch in den Vereinigten Staaten,
weil man dort diesen Termin des 1. März gesetzt hat.
Müssen Sie nicht angesichts der Tatsache, daß die
Unmittelbarkeit für die meisten anderen nicht mehr
besteht, den Kongreß um Verlängerung des gesetzlich
verfügten Mandats zur beschleunigten Behandlung im
Kongreß bitten? Wenn Sie das tun, glauben Sie, daß
der Kongreß Ihnen unter diesen Umständen diese Verlängerung gewähren wird?
Hills: Zunächst möchte ich auf diese Prämisse eingehen . Ich glaube schon, daß die 107 Nationen sehr wohl
das Gefühl der Dringlichkeit haben, und ich kann nicht
darüber spekulieren, wie schnell - oder ob überhaupt wir unsere Meinungsverschiedenheiten in den Bereichen verringern, die heute das Problem darstellen. Ich
hoffe, wir werden das tun. Wenn wir - nach dem Monat
März - um ein Mandat zur beschleunigten Behandlung
im Kongreß bitten müssen, werde ich mit dem Kongreß eingehende Konsultationen führen müssen. Meiner
Ansicht nach liegen Sie richtig mit der Meinung, daß
dies ohne nachweisbare Fortschritte sehr schwierig
sein wird. Gegenwärtig gibt es keine nachweisbaren

AMERIKA DIENST 49

�Fortschritte, so daß es uns allen nützt, wenn wir schnell
handeln, damit wir keine unmöglichen Hindernisse
überwinden müssen.

gen des Vorsitzenden Hellstrom zur Landwirtschaft
sehr konstruktiv. Zu Ihrer zweiten Frage, wie meine
Hoffnungen ...

Frage: Was werden Sie den Befürwortern der Runde
in den Bereichen Dienstleistungen und geistiges Eigentum sagen oder denjenigen mit anderen Interessen als der Landwirtschaft? Worauf sollten Sie Ihre
Hoffnungen richten, welchen Anlaß für Optimismus
haben sie bei einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde, wenn man das zugrundelegt, was hier
passiert?

Frage: Wie haben sich die Hoffnungen zerschlagen?

Hills: Natürlich sollen sie ihre Hoffnungen nicht aufgeben. Und sie werden ihr Ausmaß an Optimismus
selbst bestimmen müssen. Die Grundsatzfrage, in der
wir nicht übereinstimmen, lautet, ob wir das Problem
Landwirtschaft lösen können, das Minister Yeutter
zufolge seit über 30 Jahren ansteht und immer noch
nicht gelöst ist. Dies ist der Schlüssel, um die Entwicklungsländer davon zu überzeugen, daß sie diese Fragen über Dienstleistungen, Investitionen und Schutz
geistigen Eigentums ansprechen müssen - Bereiche,
die Sie genannt haben. Ob man in der verarbeitenden
Industrie oder in der Hochtechnologie tätig ist oder
ganz einfach nur Farmer in Nebraska - man muß eine
grundsätzliche Reform in der Landwirtschaft anstreben. Denn ohne eine grundlegende Reform der Landwirtschaft wird man diejenigen Länder, denen es nur
um die Landwirtschaft geht, nicht einbeziehen können,
die aber als Gegenleistung Zugang zu Dienstleistungen, Schutz geistigen Eigentums und Abbau der
Restriktionen für Investoren gewähren. Und genau
darum geht es bei den Verhandlungen. Wir wollen
Zugang für Unternehmer aus allen Bereichen. Und
dazu ist eine Beteiligung von 107 und nicht einer
Elitegruppe von nur einigen wenigen erforderlich. Damit
alle am Verhandlungstisch bleiben, wie wir das gestern
abend beobachten konnten, muß eine grundlegende
Reform der Landwirtschaft stattfinden.
Frage: Botschafter Hills, ich möchte Sie fragen, ob
diese Woche Ihrer Ansicht nach ein Mi ßerfolg war, und
zweitens hegte jeder gestern bestimmte Hoffnungen,
die im Laufe des gestrigen Abends zerstört wurden.
Was ist genau geschehen?
Hills: Meiner Ansicht nach war diese Woche kein
Mißerfolg. Wir haben 107 Wirtschaftsminister veranlaßt, sich sehr intensiv mit Problemen zu beschäftigen,
die die meisten vorher nicht so eingehend behandelt
hatten. Ich glaube, wir konnten Meinungsverschiedenheiten in einigen Gruppen abbauen. Der Vorsitz
war effektiv, und er hat Vorsitzende von sieben verschiedenen Gruppen ernannt, die bestimmte Themen
bearbeiten sollten. Er hat ferner die zwischen den
einzelnen Ländern bestehenden Differenzen herausgestellt und Annäherung in vielen Bereichen der Dienstleistungen, Schutz geistigen Eigentums und handelsbezogener Investitionsmaßnahmen (TRIMs) erzielt.
Und meiner Meinung nach waren auch die Bestrebun-

AMERIKA DIENST 49

Hills: Der Vorsitzende Hellstrom hat einen Vorschlag
unterbreitet, der jeden der drei Bereiche behandelt
hätte, in denen wir grundlegende Agrarreformen für
notwendig erachten, und die Gemeinschaft war nicht
bereit, auf bestimmte Verpflichtungen einzugehen, die
in den Bereichen Exportsubventionen und Marktzugang erforderlich sind. Minister Yeutter hat an den
Gesprächen teilgenommen, und vielleicht können Sie
erläutern, was Ihrer Meinung nach gestern abend
geschehen ist, das unsere Hoffnungen des vergangenen Tages zunichte gemacht hat.
Yeutter: Nur eine kurze Bemerkung hierzu. Natürlich
zeichnete sich gestern nach Andeutungen der Gemeinschaft, sie sei - wie von Botschafter Hills umrissen
- zur Erwägung spezifischer Verpflichtungen in jedem
dieser drei Bereiche bereit, Hoffnung ab. Dies war ein
beachtlicher Schritt nach vorn, und wir hoffen, er wird
noch über Brüssel hinaus Wirkung zeitigen. Eine
solche Verpflichtung haben wir seit vielen Monaten
von der Gemeinschaft erwartet. In Weiterführung
dieser guten Nachrichten entwickelte der Vorsitzende
Hellstrom einen bestimmten Vorschlag - ein Arbeitspapier-, das allen anwesenden Mitgliedstaaten zur Erörterung vorgelegt wurde und von vielen Seiten einschließlich der Vereinigten Staaten großen Beifall erhielt.
Es zeichnete sich ab, daß die Gemeinschaft - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen - zu gewissen Verpflichtungen in diesen drei Bereichen bereit
war. Diese Bedingungen wurden seit langem nicht nur
von den Vereinigten Staaten sondern auch von den
übrigen Nationen für inakzeptabel erklärt. Als nun
deutlich wurde, daß sich diese Voraussetzung für
Verhandlungen nicht geändert hatte, wurde ebenfalls
deutlich, daß wir alle nur unsere Zeit vergeuden,
zumindest im Hinblick auf das Brüsseler Treffen. Wir
hoffen, daß sich die Situation in Zukunft ändern wird.
Ich möchte noch eine Bemerkung hinzufügen. In der
verfügbaren Zeit möchte ich nicht nur über Landwirtschaft sprechen, aber wie Sie wissen, haben Anfang
der Woche 30 000 Bauern demonstriert und damit
ihrer Sorge über die Agrarhandelsreform Ausdruck
verliehen. Ich möchte jedoch insbesondere diesen
Bauern durch die europäische Presse mitteilen lassen,
daß wir alle das Einkommen unserer Bauern erhöhen
und Bedingungen schaffen wollen, die zu größerer
Lebensqualität für diese Bauern führen. Das steht hier
überhaupt nicht zur Debatte. In der Uruguay-Runde
versuchen wir nicht, die Agrareinkommen in Westeuropa zu schmälern. Weder in dem amerikanischen
Vorschlag noch in dem der Cairns-Gruppe war diesbezüglich etwas enthalten.
Frage: Botschafter Hills, in den vergangenen zwei bis
vier Jahren sind zugunsten eines erfolgreichen AbSeite 5

�Schlusses der Uruguay-Runde eine Reihe von Beschwerden amerikanischer Interessengruppen abgewiesen worden. Als Handelsbeauftragter hat Herr
Yeutter eine von Reisbauern gegen Japan erhobene
Beschuldigung bezüglich gewisser Handelspraktiken
aufgrund der ausdrücklichen Versicherung der Japaner abgewiesen, daß sie konstruktiv an dieser Runde
mitarbeiten würden. Mit Europa und Korea bestehen
heute Probleme bei verschiedenen Themen. Was wird
in den nächsten Monaten mit diesen Problemen geschehen?
Hills: Die mir vorliegenden Petitionen werden im
Rahmen der Gesetze geprüft, entsprechend der von
uns bei Amtsübernahme eingegangenen Verpflichtung.
Frage: Vor dem EG-Gipfeltreffen im Oktober sind der
Präsident und der Außenminister bei den EG-Staats und
Regierungschefs vorstellig geworden, um sie zur Aufhebung des Patt zu bewegen. Können Sie vor dem
EG-Gipfel am kommenden Wochenende weitere Aktionen für diese Woche vorhersagen, und sind Sie zweitens - der Auffassung, daß die Abwesenheit der
politischen Führung Deutschlands und insbesondere
Japans in dieser Woche die Verhandlungen unterminiert haben?
Hills: Präsident Bush hat den erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde und den Aufbau eines starken
multilateralen Handelssystems zur ersten Priorität im
Handel erklärt. Und bei der Verwirklichung dieses
Ziels war er effektiver und energischer als irgendein
Präsident vor ihm. Er hat dieses Ziel an die erste Stelle
seiner Tagesordnung beim Gipfeltreffen in Houston
gesetzt, er ist sogar noch weitergegangen und hat mit
allen politisch Verantwortlichen intensive Gespräche
über die Notwendigkeit zur Modernisierung und zum
Ausbau eines guten Handelssystems geführt. Meines
Erachtens bleibt er diesen Zielen verpflichtet. Die hier
aufgetretenen Probleme sind sattsam bekannt und
werden den Staats- und Regierungschefs weltweit
dank Ihrer Berichterstattung noch besser verdeutlicht.
Wir hoffen, sie alle werden Führungsstärke beweisen
und versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, die uns zu
einem erfolgreichen Abschluß dieser Runde verhelfen. Ich bin nicht hier, um auf irgendeine Regierung
oder irgendeinen Staatschef mit dem Finger zu zeigen
und seine mangelnde Führungsstärke der Vergangenheit zu kritisieren. Was wir von allen 107 benötigen, ist
starke Führung - jetzt und in Zukunft.
Frage: (unverständlich)
Hills: Wir haben niemals den Vorschlag zu einem
zweijährigen Moratorium unterbreitet und ich würde
dies auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfehlen.
Frage: (unverständlich)
Hills: Das Papier des Vorsitzenden Hellstrom wird
zumindest den Arbeitspapieren gleichgesetzt, die Teil
Seite 6

des Protokolls dieser Sitzung sind. Meines Erachtens
war dies ein außerordentlich kreativer und konstruktiver Versuch, zukünftigen Verhandlungen einen Rahmen geben zu wollen. Das Problem im Agrarbereich,
nicht aber in den anderen 14 Bereichen ist, daß es
keinen vereinbarten Rahmen für die Verhandlungen
gibt. Es ist absolut unerläßlich, daß wir in den Bereichen Exportsubventionen, Stützmaßnahmen im Inland und Schutz der Grenzen Verhandlungen führen.
Auch die anderen Vorsitzenden haben meiner Meinung nach wertvolle Beiträge geleistet. Die schwedische Vorsitzende Gradin war Leiterin der TRIMsGruppe und ich glaube, sie ist bei ihren bi- und multilateralen Gesprächen auf größere Unterstützung für
TRIMs und geringere Meinungsverschiedenheiten
gestoßen. Dasselbe gilt für handelsbezogenes geistiges Eigentum (TRIPs).
Frage: (unverständlich)
Yeutter: Ich befürworte Marktaufteilung in keiner
Weise. Das läuft meiner eigenen Wirtschaftsphilosophie und der Präsident Bushs sowie den Grundregeln
des GATT und der Uruguay-Runde zuwider. Nichts
dergleichen ist in irgendeinem der Verhandlungsvorschläge, die ich gesehen habe, enthalten, und ich
bezweifle, daß es in Zukunft erwogen wird. Es ist
unabdingbar, daß wir bei Exportsubventionen extreme
Disziplinen greifen lassen. Das ist der Kern der Sache.
Es geht nicht um die Höhe des Geldes, das jeder von
uns für Exportsubventionen ausgibt, denn diese variieren je nach Marktlage, verfügbarem Angebot, der
Nachfrage und einer ganzen Reihe anderer Faktoren.
Das Problem bei Exportsubventionen ist die Größenordnung, in der Produkte auf den Weltmarkt geworfen
werden und damit die Marktlage verzerren und stören.
Wir müssen also anfangen, das Volumen subventionierter Produkte zu verringern, die von den jeweiligen
Nationen durch unterschiedliche Mechanismen auf
den Markt gebracht werden. Volumendisziplinen sind
entscheidend, es besteht jedoch überhaupt keine
Notwendigkeit, sie in eine Vereinbarung bezüglich
Marktaufteilung münden zu lassen. Tatsächlich wird
genau das Gegenteil der Fall sein, wenn diese Disziplinen greifen. Immer mehr der auf den Weltmarkt
gebrachten Produkte werden auf der Grundlage freien
und offenen Handels bewegt, und dies ist genau das
Gegenteil von Marktaufteilung.
Frage: Wie sind die Aussichten für das amerikanische
Exporterweiterungsprogramm angesichts der Tatsache, daß das Patt im Agrarsektor anhält und sehen Sie
für die kommenden Monate und Jahre Agrarhandelskriege voraus?
Yeutter: Meines Erachtens sollte keiner von uns im
Anschluß an Brüssel oder zu irgendeinem anderen
Zeitpunkt mit Handelskriegen drohen. Mir scheint, der
internationale Handel ist für alle von uns zu wichtig, um
dies geschehen zu lassen.

AMERIKA DIENST 49

�Gleichzeitig müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß wir uns heute aufgrund einiger verzerrender
Kriterien der Handelspolitik verschiedener Nationen,
die wir heute morgen erörtert haben, beim Agrarhandel
in einem äußerst kontroversen Umfeld bewegen. Mit
anderen Worten, im Agrarbereich ist das System defekt und muß repariert werden. Und bis es repariert ist,
wird dies ein kontroverses und umstrittenes Thema
bleiben. Das ist genau das, womit sich dieser Aspekt
der Uruguay-Runde befaßt. Aus diesem Grund wird
dem Agrarbereich in der Uruguay-Runde ein so hoher
Stellenwert beigemessen, und aus diesem Grund
müssen wir letztlich ein Abkommen erzielen. Wie ich
bereits gesagt habe, sollten wir die Verhandlungen
nicht aufgeben, und wenn wir in absehbarer Zukunft
Fortschritte und ein erfolgreiches Abkommen erzielen,
wird die von Ihnen gestellte Frage irrelevant. Wenn
nicht, werden wir natürlich weiterhin in dieser Situation
großen Belastungen ausgesetzt sein. Ich habe bei
meinen Reisen durch Europa häufig den Eindruck
gewonnen, daß große Sorge besteht, erfolgreiche
Argrarverhandlungen würden der europäischen Landwirtschaft einen enormen politischen und wirtschaftlichen Preis abverlangen. Ich bin fest davon überzeugt,
daß ein Scheitern der Agrarverhandlungen einen noch
höheren Preis fordern wird, und das sollte in dieser
Woche hier in Brüssel deutlich geworden sein. Wir
hoffen also, daß dies im Laufe der Zeit eine geänderte
Einstellung bewirken wird.
Frage: Mr. Mac Sharry und Mr. Andriessen haben
erklärt, die Erwartungen der Vereinigten Staaten und
anderer Länder seien viel zu hoch, und die Verhandlungen gingen um Geben und Nehmen, davon sei in
dieser Woche jedoch von Ihrer Seite nichts zu spüren
gewesen.
Hills: Meines Erachtens waren unsere Positionen seit
einigen Wochen flexibel und konstruktiv. Sie von der
Presse und unsere Kollegen bei der Brüsseler Sitzung
haben in der Tat geänderte Positionen bei einer ganzen Bandbreite von Themen festgestellt. Mr. Mac
Sherry und Mr. Andriessen verwechseln wohl das
Problem, daß wir einen Vorschlag für eine tiefgreifende Reform unterbreitet haben, der sich mit Exportsubventionen befaßt. Sie haben auf diesen Vorschlag

* *

AMERIKA DIENST 49

nicht reagiert. Sie haben uns mitgeteilt, sie hätten im
Hinblick auf Exportsubventionen kein Verhandlungsmandat. Praktisch jede Nation der Welt glaubt, die
Exportsubventionen müßten abgebaut werden, oder
es gibt keine durchgreifende Reform der Landwirtschaft. Und ohne eine grundlegende Reform der
Landwirtschaft werden diese die Mehrheit bildende
Nationen nicht konstruktiv über andere Themen verhandeln. Der Schlüssel für unseren jeweiligen Erfolg
- den von Mr. Andriessen und unseren Erfolg - liegt
daher in einer tiefgreifenden Reform der Landwirtschaft, die Verhandlungen über Exportsubventionen
erfordert.
Frage: (unverständlich)
Hills: Wir haben einen unseres Erachtens absolut
soliden Vorschlag unterbreitet. Der Vorsitzende der
Agrargruppe in Genf hat einen Vorschlag eingebracht,
der unserm Vorschlag bis zu einem gewissen Grad
folgt. Zumindest behandelt er Exportsubventionen.
Der Vorsitzende Hellstrom hat gestern abend einen
Vorschlag unterbreitet - ein Arbeitspapier - der in vieler
Hinsicht von unsererm Vorschlag abweicht, jedoch im
Hinblick auf Exportsubventionen eine tiefgreifende
Reform fordert. Unserer Meinung nach ist die Feststellung realistisch, daß sich die Europäische Gemeinschaft mit Exportsubventionen befassen muß. Aufgrund von Protektionismus im Agrarbereich verschwenden die wohlhabenden Nationen 250 Milliarden Dollar
pro Jahr und entziehen den Entwicklungsländern damit
Marktchancen, was wiederum wirtschaftliche Verluste
für sie zur Folge hat und vielleicht Instabilität sät. Aus
dieem Grund müssen wir dieses Thema ansprechen.
Ich denke, unsere Erwartungen sind realistisch, und
die Frage lautet: "Reicht der politische Wille unserer
Verhandlungspartner in Europa aus, um sich mit dieser höchst augenfälligen Notwendigkeit auseinanderzusetzen?"
Yeutter: Ich möchte dem nur einen Satz hinzufügen.
Ich möchte darauf verweisen, daß die Europäische
Gemeinschaft bisher keine definitiven Disziplinen zu
Exportsubventionen für auch nur eine Tonne oder ein
Pfund irgendeines Produkts angeboten hat. Unseres
Erachtens deutet dies wohl kaum auf Reformwillen hin.

* *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
12. Dezember 1990

SCHIFTER: DEMOKRATIE IM AUFWIND
Rede zum Tag der Menschenrechte
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im
amerikanischen Außenministerium zufolge befindet sich die Demokratie trotz einiger Rückschläge im Bereich
der Menschenrechte weltweit seit dem vergangenen Jahr "im Aufwind".
In seiner Rede bei einer Konferenz des US-Außenministeriums zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember
1990 würdigte Schifter den Fortschritt in Osteuropa bis zu den beispiellosen von der sowjetischen Führung
unternommenen Schritten, ihren Staatsbürgern "die Chance, sich in einem völlig neuen Klima der Meinungsfreiheit zu bestätigen", zu gewähren.
Schifter erklärte, auch in Chile, Nicaragua und Benin hätten positive Veränderungen stattgefunden, und in
Südafrika "werden echte Fortschritte bei der Beendigung der Apartheid erzielt".
Nachfolgend veröffentlichen wir Schifters Ansprache im Wortlaut.

In seinen Jahren als Abgeordneter des District of
Columbia war Richter Skelly Wright für seine unbeugsame Haltung bei der Bekämpfung von Rassendiskrimierung und Rassentrennung bekannt. Er war aus
Louisiana hierher gekommen, wo er zunächst Befürworter der Rassentrennung gewesen war. Auf die
Frage, wie er zum Verfechter gleicher Rechte für
Schwarze und Weiße geworden sei, deutete Richter
Wright auf seinen Kopf und erwiderte: "Hier oben hat
es eines Tages einfach 'klick' gemacht."

machte der Präsident der Sowjetunion folgende Aussage über die Entwicklungen in seinem Land: "Es ist
allgemein anerkannt, daß der historische Wandel in
der Sowjetunion eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Welt darstellt, einen Wandel von Totalitarismus zu Freiheit und Demokratie, vom bürokratischen
Kommandosystem zu Rechtsstaatlichkeit und politischem Pluralismus, vom wirtschaftlichen Staatsmonopol zu gerechter Verteilung von Besitz und Marktbeziehungen..."

In den vergangenen 35 Jahren hat es bei ziemlich
vielen Amerikanern beim Thema Gleichberechtigung
'geklickt'. Rückblickend ist Richter Wrights einfache
Erklärung einleuchtend. War sein Land nicht auf das
Prinzip gegründet worden, daß alle Menschen gleich
sind? Und stellten nicht Sklaverei und Rassendiskriminierung einen eklatanten Verstoß gegen dieses fundamentale Gebot dar? Der Wandel, der sich in unserem
Land in der letzten Generation vollzogen hat, zielte
darauf ab, unsere Praktiken mit unserer in der Unabhängigkeitserklärung verankerten grundlegenden
Verpflichtung in Einklang zu bringen.

Diese Charakterisierung des in der Sowjetunion vollzogenen Wandels ist keine leere Rhetorik. Die Worte
Präsident Gorbatschows beschreiben zutreffend und
präzise den massiven politischen Umbruch in der
Sowjetunion der letzten Jahre, einen Umbruch, der
das Ende des von Lenin geschaffenen Einparteiensystems herbeigeführt hat.

Als wir im letzten Jahr zusammenkamen, war Rumänien noch eine totalitäre Diktatur. Heute ist Albanien
das einzige europäische Land, das noch dem Leninismus anhängt. Beim jüngsten Pariser Gipfeltreffen
AMERIKA DIENST 49

Anhänger des Leninismus zu sein, war nicht leicht. Es
bedeutete die Akzeptanz eines komplexen Gefüges
von Überzeugungen. Es bedurfte mehr als eines
einfachen 'Klicks' in den Köpfen der Menschen, um
diesen Übergang zu vollziehen. Vielleicht bedurfte es
einer Vielzahl von 'Klicks' - aber zumindest fand dieser
'Klick' statt. Wie Präsident Gorbatschow zu Recht
feststellte, ist die Welt nicht mehr das, was sie noch vor
zwei Jahren war.
Seite 1

�Vor vierzig Jahren gaben sechs renommierte Schriftsteller - Arthur Koestler, Andre Gide, Ignazio Silone,
Louis Fischer, Richard Wright und Stephen Spender einen Band von Essays heraus, in dem sie ihre Gründe
dafür darlegten, warum sie ihrer Überzeugung oder
ihrer Sympathie für den Kommunismus abgeschworen
hatten. Das Buch trug den Titel "The God That Failed".

erhebliche Bewegung im Sinne der Demokratie statt.
In Südafrika werden echte Fortschritte bei der Beendigung der Apartheid erzielt, die, wie wir hoffen, zu einem
demokratischen Vielparteienstaat ohne Rassenschranken führen werden. Und in Asien vollzog sich eine
Entwicklung zur Demokratie in der Mongolei und in
Nepal.

In den siebziger und achtziger Jahren folgten Millionen
in Osteuropa diesen Vorreitern eines früheren Zeitalters. Diejenigen, die in jüngster Zeit ihre Ansichten
geändert haben, waren von den gleichen Gründen,
den gleichen Denkprozessen beeinflußt wie die Autoren von "The God That Failed" bei ihrer Abkehr von
leninistischer Überzeugung oderSympathisantentum.
Aber dieses Mal gab es einen Unterschied. Die
Menschen, die in jüngster Zeit ihre Ansicht änderten,
waren keine einzelnen Literaten am Rande der internationalen kommunistischen Bewegung. Die Menschen,
die dieses Mal ihre Sichtweise änderten, waren die
Menschen im Herzen der Bewegung. In diesem
Zusammenhang hat Margot Honecker angeblich zu
ihrem Mann gesagt: "Wer hätte gedacht, daß die
Konterrevolution in Moskau beginnen würde?"

Das soll nicht heißen, daß es nicht auch Rückschläge
gegeben hat, denn wir haben das Ende der Geschichte
noch nicht erreicht. Über das Problem repressiver
staatlicher Maßnahmen hinaus erleben wir heute in
vielen Teilen der Welt die Unmenschlichkeit des
Menschen gegenüber anderen Menschen in Zusammenhang mit Konflikten zwischen einzelnen Volksgruppen. Unsere Länderberichte zu den Menschenrechten, die in etwa 60 Tagen veröffentlicht werden,
werden zahlreiche ernste und andauernde Probleme
im Bereich der Menschenrechte aufführen.

Wenn wir über das heutige Europa nachdenken, müssen
wir in erster Linie derjenigen gedenken, die in den
Jahren der Unterdrückung den Mut besaßen, für die
Sache der Freiheit zu sprechen und damit ihre Einkerkerung, die Einweisung in psychiatrische Anstalten
oder sogar ihr Leben riskierten.
Wir können jedoch die Tatsache nicht außer acht
lassen, daß im Jahr 1989 und seither noch ein anderer
Faktor zum Tragen kam, ein Faktor, der diesen Umbruch um den Preis eines Minimums an Menschenleben ermöglichte. Es war der grundlegende Wandel,
auf den sich Präsident Gorbatschow in seiner Pariser
Rede bezog. Für die von der sowjetischen Führung in
den vergangenen Jahren ergriffenen Maßnahmen
scheint es keinen Präzedenzfall zu geben. Nachdem
sie absolute Macht ererbt hatten, traten Präsident
Gorbatschow und seine Berater diese freiwillig und
bewu ßt ab und gaben dem Volk die Möglichkeit, seinen
Einfluß in einer völlig neuen Atmosphäre der Redefreiheit geltend zu machen.
Die Hinwendung zu einer offenen, demokratischen
Gesellschaft fand nicht nur auf einem Kontinent, in
Europa, statt. Auch andernorts ist die Demokratie im
Aufwind. In der westlichen Hemisphäre sind wir 1990
Zeugen der Einführung einer demokratisch gewählten
Regierung in Chile sowie des Wahlsiegs der demokratischen Kräfte in Nicaragua geworden. In anderen
lateinamerikanischen Staaten hat der friedliche Wechsel von einer demokratischen Regierung zur nächsten
bewiesen, daß die demokratischen Fortschritte der
vergangenen Jahre konsolidiert werden.
Darüber hinaus hat in Benin eine demokratische
Regierung ihr Amt angetreten, und in ganz Afrika fand

Seite 2

Heute möchten wir uns jedoch dem positiven Aspekt,
dem Triumph der Sache der Freiheit in so vielen Teilen
der Welt zuwenden.
Was hat den Dissidenten in Osteuropa die Kühnheit
verliehen, öffentlich Stellung zu beziehen ? Was hat die
sowjetische Führung dazu veranlaßt, seit langem
bestehende Doktrinen und Praktiken zu überdenken?
Was bewirkte den Umschwung zur Demokratie in
Benin und in der Mongolei? Ein wichtiger Faktor bei
der Beantwortung der ersten Frage war zweifelsohne
der unauslöschliche Freiheitsdrang des Menschen.
Die Antwort auf die zweite Frage lautet, daß die
sowjetische Führung jenen Instinkt anerkannte und
begrüßte.
Und nun zur Antwort auf die dritte Frage. In diesem
Zeitalter der grenzüberschreitenden Kommunikation
erreichten Gedanken und Ideen aus dem Westen den
Osten und andere Teile der Welt mit zunehmender
Häufigkeit. Sie erreichten den Mann auf der Straße,
aber auch die herrschenden Eliten, und sie beeinflußten beide.
Es wäre unnötige und unangebrachte Bescheidenheit,
wenn ich an dieser Stelle unerwähnt ließe, daß es die
Vereinigten Staaten waren, die bei diesen Bemühungen die führende Rolle spielten. Der Einsatz für die
Sache der Freiheit ist bei uns eine seit langem bestehende Tradition. Unsere Unabhängigkeitserklärung
versuchte - wie ich vorhin bereits sagte - die allgemeine
Wahrheit zu formulieren, wonach "alle Menschen gleich
geschaffen sind". Wir haben unsere Bill of Rights seit
jeher als Vorbild betrachtet, dem alle Regierungen bei
ihrem Verhalten gegenüber ihren Bürgern nacheifern
sollten. Wir haben ausländische Regierungen weniger
nach ihrer Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten
sondern nach ihrer Behandlung ihrer eigenen Staatsbürger beurteilt. Unsere Betrachtungsweise ausländischer Regierungen im Licht ihrer Maßnahmen gegenüber ihren eigenen Bürgern hat sich - obwohl auf

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�Idealismus gegründet - als äußerst praktisch erwiesen. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, daß
eine Regierung, die für ihre eigene Bevölkerung eine
Bedrohung darstellt, letztlich zur Bedrohung für ihre
Nachbarn wird. Die Regierung Saddam Husseins, die
seit vielen Jahren wahllos ihre eigenen Staatsbürger,
seien sie Araber oder Kurden, Schiiten oder Sunniten,
ermordet, ist lediglich das jüngste Beispiel für die
Gültigkeit dieser Behauptung.
Es nimmt nicht wunder, daß es nach Gründung der
Vereinigten Staaten eine Amerikanerin - Eleanor
Roosevelt - war, die die Kampagne für die Verabschie-

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düng der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
anführte. Ferner ist es auch nicht überraschend, daß
diese Erklärung eine enge Verwandtschaft mit der Bill
of Rights und anderen Prinzipien aufweist, die in
unserer Verfassung, unseren Grundgesetzen verankert sind. Es ist deshalb besonders passend und
angemessen, daß wir bei dieser Gelegenheit, dem 42.
Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, auch des Beginns der
Zweihundertjahrfeier unserer Bill of Rights gedenken
und dabei die Ehre haben, den Obersten Richter
Burger in unserer Mitte zu wissen.

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