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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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10. Oktober 1990

40

DEUTSCHE EINHEIT

BUSH: USA UND DEUTSCHLAND
ALS PARTNER IN DER FÜHRUNG
Rede des Präsidenten zur deutschen Einheit
BUSH WÜRDIGT VEREINIGUNG
DEUTSCHLANDS
Erklärung bei Feierstunde

DEUTSCHAMERIKANISCHER TAG

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION
ZUM DEUTSCH-AMERIKANISCHEN TAG

KSE

BAKER: KSE WIRD NEUE EUROPÄISCHE
ORDNUNG BESCHLEUNIGEN
Pressekonferenz des Außenministers

US-AUSSENPOLITIK

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

NEUE AKZENTE IN DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Rede des Gesandten George F. Ward

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHE

EINHEIT
10. Oktober 1990

BUSH: USA UND DEUTSCHLAND ALS PARTNER
IN DER FÜHRUNG
Rede des Präsidenten zur deutschen Einheit
WASHINGTON - (AD) - Zum Tag der deutschen Einheit erklärte Präsident Bush am 2. Oktober 1990, den
Vereinigten Staaten und Deutschland werde bei der Bewältigung der neuen Herausforderungen und Verantwortlichkeiten der Zukunft Erfolg beschieden sein.
"Aufbauend auf unseren gemeinsamen Werten werden wir Partner in der Führung sein", stellte der Präsident
in einer Botschaft an das deutsche Volk anläßlich der Feiern zum Tag der deutschen Einheit fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Präsident Bush im Wortlaut.

Ich freue mich, Bundeskanzler Helmut Kohl und dem
deutschen Volk in diesem historischen Augenblick
meine Glückwünsche übermitteln zu dürfen. Und es ist
mir eine große Ehre, dem Volk eines vereinigten
Deutschlands eine Botschaft zu überbringen.
In Berlin und Bonn, von Leipzig im Osten bis hin zu
Städten im Westen entlang des Rheins, feiern die
Menschen den Tag, auf den ganz Deutschland 45
lange Jahre gewartet hat.
Für die Welt waren es 45 Jahre der Spannungen und
des Aufruhrs. Zu Ihrer Nation war das Schicksal
besonders grausam. Im Herzen eines geteilten Kontinents lag 45 Jahre lang ein geteiltes Deutschland.
Durch die Trennungslinie zwischen Ost und West
wurde ein Volk in zwei Welten gespalten.
Das ist vorüber. Heute wird ein neues Kapitel in der
Geschichte Ihrer Nation aufgeschlagen. 45 Jahre des
Konflikts und der Konfrontation zwischen Ost und
West liegen jetzt hinter uns. Endlich ist der Tag
gekommen. Deutschland ist vereinigt. Ganz Deutschland ist endlich frei.
Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, gemeinsam
mit Ihnen das Fundament der Freiheit gelegt zu haben,
stolz, beim Streben nach einem ung stellten und freien
Deu tschland ein verlä ßlicher Partnei gewesen zu sein.
Die Vereinigten Staaten sind stolz, sich heute und in
Zukunft zu den Freunden und Verbündeten eines
freien Deutschlands zählen zu dürfen.
AMERIKA DIENST 40

Unsere Völker sind durch gemeinsame kulturelle Bande
und ein gemeinsames Vermächtnis der Geschichte
verbunden. Niemals zuvor waren diese Bande offenkundiger als im vergangenen Jahr, während wir gemeinsam auf das Ziel der deutschen Einheit hinarbeiteten. Heute genießen wir gemeinsam die Früchte
unserer Freundschaft.
Im vergangenen Jahr wurden wir Zeuge einer Welt im
Wandel - für die Vereinigten Staaten, ein vereinigtes
Deutschland und für das Atlantische Bündnis, dem wir
angehören. Und selbst während Deutschland diesen
Neubeginn feiert, besteht kein Zweifel daran, daß die
Zukunft neue Herausforderungen und Verantwortlichkeiten bereithält.
Ich bin sicher, daß unsere beiden Nationen diese
Herausforderungen wie bisher auch - durch gemeinsame Freiheitsliebe vereint - bewältigen werden. Aufbauend auf unseren gemeinsamen Werten werden wir
Partner in der Führung sein.
Dieserf ür Deutschland so bedeutsame Tag ist auch für
die Welt von großer Bedeutung. Nur wenige Meter von
den Mauern des alten Reichstags, dem Schauplatz der
ersten Sitzung des gesamtdeutschen Parlaments,
entfernt, stand die Berliner Mauer - als schreckliches
Mahnmal des Konflikts und kalten Kriegs. Jahrzehntelang träumten freie Menschen überall auf der Welt
von dem Tag, an dem die Berliner Mauer fallen würde.
An dem eine Welt ohne die Mauer ein wieder ungeteiltes Deutschland bedeuten würde. An dem ein vereiSeite 1

�nigtes und souveränes Deutschland in vollem Umfang stark genug ist, den menschlichen Geist zu ersticken
als Kraft für Frieden und Stabilität am Weltgeschehen und keine Mauer je die Seele einer Nation unter sich
teilhaben würde.
begraben kann.
Heute liegt die Mauer in Trümmern. Und unsere Augen
blicken auf eine neue Welt der Hoffnung. Heute ist
Deutschland erneut vereinigt. Die Mauer spaltet eine
Nation und die Welt nicht länger in zwei Lager. Die
letzten Relikte der Mauer stehen im Herzen eines
freien Berlins - ein düsteres Monument aus Beton und
Stacheldraht - als Beweis dafür, daß keine Mauer je

Heute tritt die deutsche Nation in ein neues Zeitalter
ein. Ein Zeitalter, um die Worte Ihrer Nationalhymne
zu zitieren, von "Einigkeit und Recht und Freiheit".
Während wir in diesem feierlichen Augenblick gemeinsam mit Ihnen voller Hoffnung und Zuversicht in die
Zukunft blicken, möchte ich im Namen aller Amerikaner sagen: Möge Gott das deutsche Volk schützen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 40

�DEUTSCHE

EINHEIT
10. Oktober 1990

BUSH WÜRDIGT VEREINIGUNG DEUTSCHLANDS
Erklärung bei Feierstunde
WASHINGTON - (AD) - Anläßlich einer Feierstunde im Rosengarten des Weißen Hauses zur Vereinigung
Deutschlands und zum Deutsch-Amerikanischen Tag gab Präsident Bush am 3. Oktober 1990 folgende
Erklärung ab:

Ich habe gerade mit Bundeskanzler Helmut Kohl telefoniert. Dabei habe ich ihm an diesem ganz besonderen Tag die herzlichsten Glückwünsche des amerikanischen Volkes an alle Deutschen übermittelt. Zu
dieser Stunde, in der wir uns hier im Rosengarten
versammelt haben, feiern die Deutschen von Berlin bis
Bonn, von München bis Bremen und von den Plätzen
Leipzigs bis zu den goldenen Weinbergen am Rhein
ihre neue Einheit.
Überall in dieser erneut vereinten Nation feiern die
Deutschen einen wunderbaren Augenblick, der nahezu ein halbes Jahrhundert verzögert wurde. Als Teil
dieser Feierlichkeiten habe ich dem deutschen Volk
eine Fernsehbotschaft gesandt - Empfindungen, die
ich Ihnen hier kurz erläutern möchte.
45 Jahre lang lebte im Herzen eines gespaltenen
Kontinents ein geteiltes Volk. Eine grausame Mauer
aus Beton schnitt im wahrsten Sinne des Wortes
Nachbar von Nachbar ab, Männer von ihren Frauen,
Kindern von ihren Eltern, und eine Nation von sich
selbst. An dieser Trennungslinie des Ost-West-Konflikts wurde ein Volk in zwei Welten geteilt. Und als das
deutsche Volk diese lange Prüfung durchlitt, waren wir
Amerikaner mehr - viel mehr - als mitfühlende Beobachter. Denn wir sind durch kulturelle Bande miteinander verknüpft, die bis in die frühe Kolonialzeit zurückreichen, als Deutsche zum ersten Mal zu DeutschAmerikanern wurden.
Auf Einladung von William Penn trafen Deutsche in
Amerika ein, um ein neues Leben zu beginnen. Dieses
Leben war hart. Ihre ersten Unterkünfte waren Erdhöhlen. Aber ihre Entschlossenheit war unerschütterlich. Sie bauten eine Gemeinde auf - Germantown in

AMERIKA DIENST 40

Pennsylvania -, die weitere Millionen motivierte, ihnen
zu folgen und weiterzubauen.
Deutsch-Amerikaner gründeten Hagerstown und Frederick in Maryland, Mecklenburg County in North
Carolina, New Braunfels in meinem Heimatstaat Texas, Frankfort in Kentucky, Berlin in Wisconsin, Anaheim in Kalifornien. Sie leisteten darüber hinaus einen
Beitrag zum Bau großer Städte der Vereinigten Staaten: Philadelphia, Cincinnati, St. Louis, Milwaukee.
Und die 60 Millionen Amerikaner, die Söhne und
Töchter dieser deutschen Pioniere sind, fühlten sich wie alle Amerikaner- mit beiden deutschen Staaten tief
verbunden. Der eine war eine junge Demokratie im
Herzen Europas, der andere kämpfte um seine Freiheit.
Auch unser Land hat einmal Unterdrückung erdulden
müssen. Wir erinnern uns an John Peter Zenger,
einen jungen deutsch-amerikanischen Zeitungsredakteur, der es schon im Jahr 1734 wagte, die Staatsmacht herauszufordern. Es war derselbe deutsche
Einwanderer, der Amerika dazu verhalf, unsere am
meisten geschätzte Tradition zu verankern - die Redefreiheit.
Deshalb, Herr Botschafter Ruhfus, teilte das amerikanische Volk Ihren Widerstandsgeist, als die Bevölkerung der DDR für ihre abweichenden Meinungen bestraft wurde. Und als Deutsche erschossen wurden,
weil sie versuchten, in die Freiheit zu fliehen, teilten wir
Ihren Abscheu. Als die politisch Verantwortlichen in
der Bundesrepublik es wagten, auf ein in Freiheit
vereintes Deutschland zu hoffen, teilten wir Ihren
Traum.

Seite 1

�Wir sind heute hier zusammengekommen, um zu
bekräftigen, daß Träume bisweilen wirklich wahr werden. Deutschland ist vereinigt, Deutschland ist frei.
Dieser Tag entspricht voll und ganz den Gedanken
Konrad Adenauers, der einmal erklärte, daß die Lösung für ein geteiltes Deutschland nur mit Hilfe seiner
Freunde möglich sei. Adenauers Vision von der Freundschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten, zwischen Deutschland und den freien Völkern der Welt ist nach Jahrzehnten jetzt Wirklichkeit
geworden. Dieser Moment ist gekommen, weil die
Amerikaner der Bevölkerung Berlins zur Seite standen
- von den todesmutigen Piloten der Luftbrücke bis zu
einem jungen Präsidenten, der im Angesicht der Mauer
eine kühne Erklärung abgab.
Dieser Moment ist auch aufgrund der Entschlossenheit bundesrepublikanischer Politiker eingetreten,
Deutschland ungeteilt und frei zu machen. Nicht nur
Adenauer, sondern auch Ernst Reuter, Ludwig Erhard,
Willy Brandt, Helmut Schmidt und natürlich der heutige
Bundeskanzler Helmut Kohl setzten sich dafür ein.
Und dieser Tag ist gekommen, weil das deutsche Volk
im Jahr 1989 für die Freiheit standgehalten hat.
Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, Ihren Landsleuten beim Aufbau der Fundamente der Freiheit geholfen
zu haben. Stolz, bei Ihren Bestrebungen ein beständiger Partner gewesen zu sein. Die Vereinigten Staaten sind darüber hinaus stolz, sich heute und für alle
Zeit zu den Freunden und Verbündeten eines freien
Deutschlands zu zählen.
Dies war ein Jahr des Wandels für die Vereinigten
Staaten, für ein vereinigtes Deutschland und für das

laments, entfernt stand die Berliner Mauer. Jahrelang
träumten freie Menschen in der ganzen Welt von dem
Tag, an dem die Berliner Mauer nicht mehr existieren
würde. An dem eine Welt ohne die Mauer ein Deutschland bedeuten würde, das erneut ungeteilt ist. Und an
dem ein vereinigtes und souveränes Deutschland seinen
uneingeschränkten Beitrag als Kraft für Frieden und
Stabilität in die Weltpolitik einbringen würde.
Heute liegt die Mauer in Trümmern, und unsere Augen
blicken auf eine neue Welt der Hoffnung. Die letzten
Relikte der Mauer bleiben als trauriges Monument aus
Beton und Stacheldraht im Herzen des freien Berlins
stehen, zum Beweis, daß keine noch so starke Mauer
den menschlichen Geist ersticken kann. Daß keine
Mauer jemals die Seele eines Volkes zerstören kann.
Und dies ist meine Botschaft an das deutsche Volk,
und das entspricht auch dem tief empfundenen Gefühl
der amerikanischen Bevölkerung.
Bevor ich nun dieses Dokument unterzeichne, mit dem
dieser ganz besondere Deutsch-Amerikanische Tag
proklamiert wird, möchte ich noch etwas hinzufügen.
Am vergangenen Sonntag nahm ich am Weltkindergipfel der Vereinten Nationen teil. Über 70 Staats- und
Regierungschefs waren dort anwesend. Wir sprachen
über viele äußerst wichtige Probleme: Gesundheitswesen, Bildung und zahlreiche andere. Was uns aber
besonders berührte, war die Tatsache, daß wir die
Zukunft unserer Nationen in die Hände einer anderen
Generation legen müssen. Und wenn ich die heute
hier versammelten Kinder betrachte, so glaube ich die
Zukunft des neuen Deutschlands sehen zu können.
Eine Zukunft der Freiheit und Führung, des guten
Willens und der Größe.

Atlantische Bündnis, dem wir beide angehören. Ich bin

sicher, daß unsere beiden Nationen die Herausforderungen der Zukunft ebenso wie bisher als Partner in
der Führung bewältigen werden. Dieser für Deutschland so bedeutungsvolle Tag stellt auch eine Motivation für die Welt dar. Nur wenige Meter von den
Mauern des Reichstages, des ersten deutschen Par-

Ich wünsche dem Volk dieses vereinigten Deutschlands noch einmal von Herzen alles Gute. Ich kann
wirklich darauf vertrauen, für alle Amerikaner zu sprechen. Vielen Dank, daß Sie heute hierher gekommen
sind.

* *

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*

AMERIKA DIENST 40

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG
10. Oktober 1990

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM
DEUTSCH AMERIKANISCHEN TAG 1990
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation des Präsidenten zum "DeutschAmerikanischen Tag" am 6. Oktober 1990 im Wortlaut.

Am 6. Oktober 1683 gingen in der Nähe von Philadelphia die ersten deutschen Einwanderer an Land. Diese
kleine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern war
auf der Suche nach freier Religionsausübung und
einer vielversprechenderen Zukunft in der Neuen Welt
über den unendlichen, tückischen Atlantik gesegelt.
Weitere sieben Millionen Deutsche folgten ihnen. Diese
mutigen und fleißigen Menschen und ihre Nachfahren
haben maßgeblich dazu beigetragen, die Geschichte
der Vereinigten Staaten zu schreiben.

Die Wiederherstellung der deutschen Einheit gibt auch
anderen, insbesondere den baltischen Völkern, zu
Hoffnungen Anlaß, daß ein friedlicher aber entschlossener Kampf um nationale Selbstbestimmung sogar
scheinbar unüberwindbare Hindernisse aus dem Weg
räumen kann. Die Vereinigten Staaten halten an ihrer
Politik der Nichtanerkennung der Annexion der baltischen Staaten ebenso unerschütterlich fest wie an
ihrer Unterstützung der deutschen Einheit selbst in den
dunkelsten Stunden des kalten Kriegs.

Das reiche Vermächtnis, das wir jedes Jahr am
Amerikanischen Tag würdigen, besteht nicht nur aus
kulturellen, familiären und historischen Banden, sondern gründet sich auch auf gemeinsame Werte und gemeinsames Streben. Seit General Friedrich von Steuben an vorderster Front beim Kampf dieser Nation um
Freiheit und Unabhängigkeit stand, haben die deutschen Einwanderer und ihre Angehörigen - durch
Worte, Taten und Opfer - Tag für Tag ihre ungeteilte
Verpflichtung zu demokratischen Idealen unter Beweis gestellt.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand das
amerikanische Volk bei der Bewahrung unserer Freiheit und der Förderung unserer gemeinsamen Interessen Seite an Seite mit den Bürgern der Bundesrepublik
Deutschland. Der Geist der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Völkern der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland findet in
einem breiten Spektrum von Austauschprogrammen
und anderen über die Jahre hinweg geknüpften Kontakten seinen Niederschlag.

Der Deutsch-Amerikanische Tag 1990 sucht in der
Geschichte seinesgleichen, denn in diesem Jahr geht
die Gedenkfeier mit der Verwirklichung eines Ziels
einher, das Amerikaner und Deutsche seit langem gemeinsam hatten: ein vereinigtes, demokratisches und
souveränes Deutschland. Im vergangenen Jahr hat
das deutsche Volk die künstlichen Schranken niedergerissen, die sein Land schon zu lange auf grausame
Weise teilten. Die Berliner Mauer, die einstmals als
düsteres und sogar todbringendes Symbol der Teilung
stand, liegt jetzt in Trümmern - ein angemessenes
Mahnmal des diskreditierten Regimes, das ihren Bau
vor29 Jahren befahl. Heute befindet sich Deutschland
im Frieden mit seinen Nachbarn und - an diesem Tag
der deutschen Einheit - im Frieden mit sich selbst.

AMERIKA DIENST 40

Von diesem Tag an wird ein neues, vereintes Deutschland unser Partner bei der Führung sein. Wir Amerikaner - und vor allem die Amerikaner deutscher Abstammung - sind stolz auf die Rolle, die wir bei der Unterstützung der deutschen Einheit gespielt haben. Wir teilen
die Freude des deutschen Volkes an diesem Tag und
feiern die jahrhundertealten Beziehungen zwischen
Deutschen und Amerikanern.
Mit der gemeinsamen Entschließung 469 hat der
Kongreß den 6. Oktober 1990 zum "Deutsch-Amerikanischen Tag" erklärt und den Präsidenten ermächtigt
und ersucht, zur Würdigung dieses Tages eine Proklamation zu erlassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, George Bush, Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika, hiermit den

Seite 1

�6.Oktober 1990 zum Deutsch-Amerikanischen Tag. Unterzeichnet am 3. Tag des Oktober, im Jahr des
Ich bitte die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn 1990 und im 215. Jahr der Unabhängigkeit der
diesen Tag mit angemessenen Feiern und Veranstal- Vereinigten Staaten von Amerika,
tungen zu begehen.
(Unterzeichnet) George Bush

* * * * *

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AMERIKA DIENST 40

�KSE
10. Oktober 1990

BAKER: KSE WIRD NEUE EUROPÄISCHE
ORDNUNG BESCHLEUNIGEN
Pressekonferenz des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge wird die Durchführung eines Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) "die Errichtung einer neuen, stabileren und rechtmäßigen europäischen Ordnung
im politischen und militärischen Bereich" beschleunigen.
Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus am 4. Oktober 1990 erklärte Baker ferner, KSE "wird der erste
Vertrag über konventionelle Rüstungskontrolle unter Einbeziehung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
in der Nachkriegszeit sein. ... Im Rahmen des Vertrags werden die Sowjets Zehntausende von Waffensystemen
zerstören, und er wird durch Bestimmungen über genaueste Überwachung und Inspektionen die Sicherheit in
Europa erhöhen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz des Außenministers im Wortlaut.

Zunächst möchte ich Ihnen vier der aus meiner Sicht
wichtigsten Auswirkungen des KSE-Vertrags nennen,
auf den wir uns jetzt grundsätzlich geeinigt haben. Wie
der Präsident gerade ausgeführt hat, können wir erstens die politischen Revolutionen des vergangenen
Herbstes in Mittel- und Osteuropa jetzt durch eine
militärische Revolution ergänzen. Die Errichtung einer
neuen, stabileren und rechtmäßigen europäischen
Ordnung im politischen und militärischen Bereich wird
durch die Durchführung dieses Vertrags beschleunigt.
Zweitens wird KSE der erste Vertrag über konventionelle Rüstungskontrolle unter Einbeziehung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in der Nachkriegszeit sein. Die bisherigen Bestrebungen, die eine
Stabilisierung des europäischen militärischen Gleichgewichts zum Ziel hatten, zogen sich über 17 Jahre
hin.
Drittens werden die Sowjets im Rahmen des Vertrags
Zehntausende von Waffensystemen zerstören müssen. Auf diese Weise wird ein sichereres und stabileres militärisches Gleichgewicht in Europa festgeschrieben.
Selbst wenn die Zukunft unsicherere Zeiten brächte,
würden viertens die im Vertrag enthaltenen Bestimmungen über genaueste Überwachung und InspektioAMERIKA DIENST 40

nen die Sicherheit in Europa erhöhen. Wo bisher
Tausende von sowjetischen Panzern für eine Offensive stationiert waren, werden jetzt Hunderte von Inspektoren stehen, und damit werden Stabilität und
eine Vorwarnzeit gewährleistet, falls sich die politischen Gegebenheiten ändern sollten.
Gestern konnten wir Ihnen bedauerlicherweise noch
keine Einzelheiten des Vorschlags nennen, da wir
noch keine Gelegenheit zu Konsultationen mit den
Verbündeten hatten. Diese Konsultationen haben
jetzt stattgefunden. Ich möchte Ihnen daher die wichtigsten Bestandteile des Vertrags erläutern.
Erstens legt er Obergrenzen für jedes Bündnis fest also für die NATO und den Warschauer Pakt. Bei
Panzern beträgt die Obergrenze 20 000, bei Artillerie
20 000, bei gepanzerten Kampffahrzeugen 30 000,
bei Hubschraubern 2 000. Wie ich bereits gestern
erwähnte, haben wir uns bei Kampfflugzeugen noch
nicht auf eine Obergrenze einigen können, da in dieser
Frage noch Gespräche mit den Verbündeten auf beiden Seiten geführt werden müssen.
Im Rahmen dieser Obergrenzen kann jedes Land des
jeweiligen Bündnisses folgende Bestände unterhalten: 13 300 Panzer, 13 700 Artilleriegeschütze, 20 000
gepanzerte Kampffahrzeuge, 1 500 Hubschrauber und
Seite 1

�5 150 Kampfflugzeuge. Bei dieser Zahl hatten wir die
größten Schwierigkeiten, uns zu einigen, und sie erforderte die meiste Zeit.
Sie können sich die Prozentsätze selbst ausrechnen.
Ich kann sie ganz kurz erwähnen, wenn Sie möchten,
denn das meinen wir, wenn wir vom "vernünftigen und
ausreichenden Niveau" sprechen. Der Prozentsatz
für Panzer beträgt 33,3 Prozent, für Artillerie 34,3, für
gepanzerte Kampffahrzeuge 33,3 und für Hubschrauber 37,5 Prozent. Für Bodengerät liegt der Prozentsatz bei 33,6 Prozent.
Frage: Diese Zahlen, das ist eher wie ...
Antwort: Ja, ich weiß, was Sie meinen. Aber die
Prozentsätze beziehen sich auf die Gesamtzahl beider
Büdnisse. Und wenn Sie es aus dieser Sicht betrachten, werden Sie feststellen, daß sie ganz genau zutreffen.
Frage: Sie haben erklärt, die sowjetischen Panzer
würden verschrottet, aber Sie haben nicht erwähnt,
was mit unserem überschüssigen Gerät geschieht.
Antwort: Wir werden nicht sehr viel beseitigen müssen, weil die Sowjets uns im Hinblick auf Zahlen enorm
überlegen sind. Die Sowjetunion wird also sehr viel
größere Verpflichtungen bezüglich der Zerstörung von
Gerät übernehmen müssen als die NATO oder irgendein NATO-Mitgliedstaat einschließlich der Vereinigten
Staaten. Wir werden im Rahmen der NATO 4 000
Panzer zerstören müssen. Der Warschauer Pakt wird
19 000 Panzer verschrotten müssen. Dies trifft auch
auf andere Kategorien zu und sieht in diesen Kategorien für uns sogar noch günstiger aus.
Frage: Wir werden sie verschrotten, und nicht an
irgendjemand weitergeben oder weiterverkaufen?
Antwort: Nein. Der Vertrag legt fest, daß das am Tag
der Vertragsunterzeichnung bestehende Gerät durch
Zerstörung beseitigt werden muß. Außer einigen
Ausnahmen wie bei Mannschaftstransportwagen, die
für zivile Zwecke umgerüstet werden können. Ein
bestimmter Teil dieses Geräts wird zur Umrüstung für
zivile Zwecke freigegeben.
Frage; Werden Sie ohne ein paktweites Abkommen
über Kampfflugzeuge nach Paris reisen? Und wann
erwarten Sie die Einigung auf ein solches Abkommen.
Antwort: Nein. Wir gehen davon aus, daß der
Abschluß eines solchen Abkommens nicht sehr lange
dauern wird. Aber offen gesagt - den Sowjets war sehr
daran gelegen, sich nicht auf eine endgültige Zahl
bezüglich des Niveaus des Warschauer Pakts zu
einigen, bevor sie nicht Gelegenheit hatten, sich intensiv mit den Warschauer-Pakt-Staaten zu beraten.
Frage: Was bedeutet das Abkommen im Hinblick auf
Truppenreduzierungen?

Seite 2

Antwort: Dieses Abkommen bezieht Truppenstärken
nicht ein. Es ist möglich und in der Tat sogar wahrscheinlich, daß wir Truppenstärken in den Folgeverhandlungen im Anschluß an dieses Abkommen über
konventionelle Rüstungen behandeln werden.
Frage: Was geschieht mit der Verlegung oder dem
Abzug sowjetischer Panzer, Artillerie und gepanzerter
Kampffahrzeuge vor der tatsächlichen Durchführung
des Vertrags? Sie verlegen Tausende dieser Waffensysteme aus den zu bestimmenden Zonen zurück in
ihr Land.
Antwort: Wir haben diese Angelegenheit mit ihnen
erörtert - und es handelt sich hierbei um die Verlegung
von durch den Vertrag abgedecktem Gerät, bevor der
Vertrag in Kraft tritt oder vor seiner Durchführung. Wir
haben um Aufstellungen gebeten, wie sie mit ihrem
Gerät verfahren werden und diese auch erhalten. Das
gleiche trifft auch auf uns zu. Wir werden einiges Gerät
an unsere NATO-Verbündeten weitergeben. Und wir
sagen den Sowjets, was wir tun, ebenso wie sie uns
sagen, was sie tun. Dies führt zu einem weiteren
wesentlichen Aspekt - einem Abkommen, auf das man
sich im Grundsatz einigt. Der Zeitplan, im Rahmen
dessen solche Verhandlungen fortgeführt werden
können, ist sehr kurz.
Frage: Ich möchte eine Frage zum Persischen Golf
stellen. Kennen Sie den Inhalt der Botschaft, die
Präsident Gorbatschows Emissär in Bagdad überbringen soll? Glauben Sie, daß die Chancen für eine
diplomatische Lösung besser oder schlechter werden?
Antwort: Ich möchte die Begriffe besser oder schlechter hier nicht verwenden. Meines Erachtens würde
nahezu jeder eine diplomatische, friedliche und politische Lösung vorziehen, und es gibt Bemühungen in
diese Richtung. Wir verbringen bei den Vereinten
Nationen eine Menge Zeit damit, über andere Dinge zu
sprechen, die im Rahmen dieses Mechanismus' getan
werden könnten.
Was die Botschaft von Herrn Primakow angeht, so
kann ich darüber nicht mehr sagen als das, was Herr
Schewardnadse gestern erklärt hat, als er meinte, sie
seien über ihre Staatsbürger dort besorgt, und das war
alles, was er dazu sagte.
Frage: Können Sie uns mitteilen, ob Präsident Mitterrand in seinem Schreiben an Präsident Bush seinen
Friedensplan erläutert hat? Und falls ja, können Sie
uns etwas über den Inhalt seiner Vorschläge sagen?
Antwort: Meines Erachtens gehen die Franzosen
davon aus, daß sich unsere Positionen decken, daß
keine Meinungsverschiedenheiten in bezug auf das
weitere Vorgehen bestehen, und das weitere Vorgehen beinhaltet die uneingeschränkte Verwirklichung
der Sanktionen des UN-Sicherheitsrats. Dies wurde

AMERIKA DIENST 40

�mir vom französischen Außenminister erklärt, und ich
vertraue darauf, daß dies der Ansicht der Franzosen
entspricht.
Frage: Bei der Erläuterung des KSE-Vertrags erwähnten Sie, einer seiner Werte bestehe darin, daß er
einen Schutz gegen negative politische Veränderungen in der Sowjetunion biete, also mehr Vorwarnzeit
und so weiter. Tag für Tag hört man Gerüchte, daß es
innerhalb der Sowjetunion Gruppen gibt, etwa das
Militär oder andere, die nach Wegen suchen, solch
negative Veränderungen mit einem Putsch oder etwas
ähnlichem herbeizuführen. Können Sie uns sagen, ob
Sie davon ausgehen, daß es solche Vorgänge wirklich
gibt? Machen Sie sich gegenwärtig über die politische
Stabilität in der Sowjetunion Sorgen?
Antwort: Nun, das entspricht nicht der Geschichte der
Sowjetunion. Und gegenwärtig haben wir keine Sorgen in dieser Hinsicht. Wir sind seit einiger Zeit besorgt
über die Stabilität in der Sowjetunion und haben dies
auch öffentlich erklärt. Wir haben die Haltung vertreten, daß Stabilität in der Sowjetunion sehr in unserem
Interesse und im Interesse der Welt liegt und daß
demgegenüber Instabilität überhaupt nicht unserem
und dem Interesse der übrigen Welt entspricht. Wir
würden es also vorziehen, wenn die recht erheblichen
und tiefgreifenden politischen und ökonomischen
Reformen in der Sowjetunion stabil ablaufen würden.
Frage: Aber gegenwärtig bestehen keine Sorgen in
bezug auf diese Frage der Instabilität?
Antwort: Sorgen wäre hier das falsche Wort. Wir
haben sensibel auf die Tatsache reagiert, daß es sich
hier um dramatische Veränderungen handelt. Wir
haben schon vor langer Zeit unsere Hoffnung und
unseren Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß sie
friedlich und stabil ablaufen. Sicherlich gibt es beträchtliche Probleme. Dabei denke ich vornehmlich an
Wirtschaftsprobleme. Ich habe aber gerade erklärt,
daß wir dabei gegenwärtig keine besondere Rolle für
das Militär sehen.
Frage: Wird die heutige Entscheidung des Kongresses über den Haushaltskompromiß Auswirkungen auf
die Außenpolitik haben? Ich beziehe mich hier nicht
auf Zwangskürzungen, sondern vielmehr auf die Tatsache, daß in einer Zeit, in der Sie diplomatisch
erfolgreich an der Neugestaltung der amerikanischen
Rolle im Zeitalter nach dem kalten Krieg arbeiten, es
gleichzeitig so aussieht, als ob die Vereinigten Staaten
ihre Wirtschaft nicht in Ordnung bringen können, insbesondere, wenn dieses Haushaltspaket scheitern
sollte. Ich denke, Sie wissen, was ich sagen will.
Antwort: Meines Erachtens ist es sehr wichtig, daß
dieses Haushaltsabkommen verabschiedet und diese
Vereinbarung gesetzlich verankert werden. Dies war
meine Meinung im Jahr 1987, als wir ein Haushaltsabkommen hatten. Es war nicht die einfachste Sache der
Welt, es zu verabschieden, und auch bei dem vorlieAMERIKA DIENST 40

genden Abkommen wird es nicht leicht sein, aber in
Anbetracht der allgemeinen internationalen Wirtschaftslage ist es wichtig. Sicherlich gibt es dabei auch eine
außenpolitische Dimension.
Frage: Sie werden morgen einige der Probleme bei
START in Angriff nehmen. Können Sie uns erklären,
warum die START-Gespräche mit Schewardnadse
den KSE-Gesprächen hinterherzuhinken scheinen?
Antwort: Das einzige Problem, zu dem wir gestern
nach Abschluß der KSE-Gespräche noch gekommen
sind, war die Nichtumgehung von START. Wir haben
Gespräche darüber aufgenommen. Dies ist eine Nuß,
die wir noch knacken müssen. START hinkt hinterher,
wie Sie es nennen, weil diese Fragen viel Zeit in
Anspruch nehmen, und wir scheinen in Zeitnot zu
geraten. Wir haben bewußt KSE zuerst behandelt - als
ich in New York war, habe ich mich dort dreimal mit
Außenminister Schewardnadse getroffen. Bei KSE ist
der Termindruck wesentlich stärker. Wir haben uns
also darauf konzentriert und werden uns morgen mit

START beschäftigen.
Frage: Sind Sie der Meinung, daß Sie jetzt die
Unterstützung der Vereinten Nationen für eine militärische Option am Golf besitzen? Haben Sie bereits eine
Resolution entworfen, die...
Antwort: Wie ich bereits andeutete, haben wir darüber nach Abschluß der KSZE-Konferenz gesprochen.
Es wäre unklug, wenn wir nicht alle Optionen erwägen
würden. Wir tun dies also. Wir untersuchen, welche
Optionen in unseren Gesprächen mit anderen Staaten
erörtert werden könnten. Und ich gehe davon aus, daß
es heute mehr Unterstützung für eine Aktion dieser Art
geben könnte als etwa bei UN-Treffen vor einer Woche
oder 10 Tagen. Eine Reihe von Ländern haben ihr
Interesse bekundet, zumindest zu prüfen, was dies
beinhalten würde, wie man es machen sollte und so
weiter. Das ist der Stand der Dinge.
Frage: Glauben Sie, daß wir heute einer diplomatischen Lösung näher sind, und ist dies der Grund für
Präsident Mitterrands...
Antwort: Das führt wiederum auf die vorige Frage
zurück. Meines Erachtens kann man diese Dinge nicht
in Stunden oder Tagen messen. Ob man einer friedlichen politischen Beilegung näher ist oder ob man
einer Lösung näher ist, bei der Gewalt angewendet
würde. Meines Erachtens neigen wir zu sehr dazu,
jeden Tag nach Signalen Ausschau zu halten. Wir
können die andere Option nicht ausschließen. Aber
wir und die meisten anderen Länder haben klargemacht, daß wir eine friedliche diplomatische und politische Lösung bei weitem vorziehen würden.
Frage: Ist dies in Mitterrands Schreiben enthalten?
Drängt er den Präsidenten, in die Richtung zu gehen,
die er vorgeschlagen hat, obwohl er die Sanktionen
befürwortet?
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�Antwort: Ich möchte den Inhalt eines bestimmten friedlichen oder politischen Losung. Ich glaube jedoch
Briefs nicht im einzelnen kommentieren. Die Äu ßerun- nicht, da ß die Franzosen einen anderen Ansatz kategen Präsident Mitterrands vor den Vereinten Nationen gorisch und unwiderruflich ausgeschlossen haben,
beziehen sich auf Möglichkeiten einer diplomatischen,

* * * * *

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AMERIKA PIENST 40

�US-AUSSENPOLITIK
10. Oktober 1990

NEUE AKZENTE IN DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Rede des Gesandten George F. Ward
HAMBURG - (AD) - Dem Gesandten bei der amerikanischen Botschaft in Bonn, George F. Ward, zufolge haben
die revolutionären Ereignisse der jüngsten Vergangenheit "die Überarbeitung der weltpolitischen Tagesordnung
noch dringlicher gemacht. Wir können nicht länger in völlig überholten Kategorien denken."
In einer Rede in Haus Rissen in Hamburg betonte Ward am 8. Oktober 1990, dabei gebe es für die Vereinigten
Staaten "keinen wichtigeren Partner als die Bundesrepublik Deutschland. Seit 1949 sind unsere beiden Länder
durch gemeinsame Interessen, gemeinsame Werte und gemeinsame Ziele verbunden..." Die Vereinigten
Staaten seien zuversichtlich, daß das vereinigte Deutschland seine "neugewonnene Macht" zur Stabilisierung
Europas einsetzen werde.
Die Rede des Gesandten in Haus Rissen hat folgenden Wortlaut:

*

Vor fast genau einem Jahr hatte ich bereits das Privileg, vor dieser Gruppe zu sprechen. Damals erschienen die Gezeiten des Wandels als unwiderstehlich. In
ihrem Sog waren viele der vertrauten Gefahren entweder verschwunden oder traten in veränderter Form
zutage, während andernorts neue Probleme auftauchten. Angesichts dieses Umbruchs in der Weltpolitik
hatte Haus Rissen seiner Jahreskonferenz einen provokativen Titel gegeben: "Herausforderungen der
Weltinnenpolitik." Meine eigene Rede bei jener Tagung war überschrieben: "Neue Herausforderungen
für die amerikanische Außenpolitik [am Ende des
Zwanzigsten Jahrhunderts]." Sicherlich verspürten
wir alle die Notwendigkeit, uns Gedanken über die
Zukunft zu machen und die Tagesordnung der Weltpolitik zu überprüfen.
Und doch übertrafen die Ereignisse der Wochen danach alle Erwartungen. Um Vaclav Havel zu zitieren:
"die Geschichte beschleunigte sich". Wir wurden nicht
nur Zeuge des Zusammenbruchs von Regimen, sondern der rapiden Erosion einer ganzen Ordnung, von
Moskau bis nach Managua. Selten in der Geschichte
haben Frieden und Demokratie in so kurzer Zeit solch
große Fortschritte erzielt. Was Deutschland anbelangt, so trugen diese Veränderungen zur Erfüllung
eines Traumes bei: das schönste Bild unseres Zeitalters ist vielleicht das des jungen Mannes, der seine

AMERIKA DIENST 40

Freiheit feiert, indem er Betonbrocken aus der Berliner
Mauer schlägt.
Solch revolutionäre Ereignisse haben die Überarbeitung der weltpolitischen Tagesordnung noch dringlicher gemacht. Wir können nicht länger in völlig überholten Kategorien denken. Heute sind wir gezwungen
Probleme zu lösen, die es gestern noch gar nicht gab.
Wer hätte sich vor einem Jahr träumen lassen, daß im
Jahr 1990 Diplomaten über den Abzug der sowjetischen Truppen aus einem vereinigten Deutschland
verhandeln würden?
Doch selbst heute sind dem Wandel Grenzen gesetzt.
Ein amerikanischer Senator kleidete diese Tatsache in
die Formulierung, Saddam Hussein habe uns aufgeweckt. Seine Handlungsweise führt uns vor Augen,
daß Macht und die Bereitschaft, sie zu benutzen,
weiterhin wichtige Faktoren in der Weltpolitik sind. Das
gilt auch für Europa. Sicherlich, der kalte Krieg zwischen zwei ideologisch konträren Blöcken ist vorbei.
Doch die Sowjetunion ist nach wie vor eine gewaltige
und unberechenbare geopolitische Macht an der
Schwelle Europas. Osteuropa setzt sich mit uralten
inneren Streitigkeiten auseinander.
Bitte mißverstehen Sie mich nicht. Die amerikanische
Außenpolitik blickt mit Optimismus in die Zukunft.
Präsident Bush selbst hat erklärt, daß wir die NachSeite 1

�kriegszeit hinter uns lassen und über die Politik des
Containment hinausgehen. Wir verwechseln jedoch
nicht Wunsch und Wirklichkeit. Vergangenes Jahr
habe ich die These meines Kollegen Francis Fukuyama in Frage gestellt, der Sieg des demokratischen
Kapitalismus über den Marxismus bedeute das Ende
der Geschichte. Er bedeutet lediglich das Ende eines
Kapitels der Geschichte, und obwohl ich nicht behaupten kann zu wissen, was das nächste Kapitel bringen
wird, ziehen sich Konflikte wie ein roter Faden durch
die Geschichte der Menschheit. Ihr Wiederaufflammen sollte also niemanden verwundern. Aus diesem
Grund dürfen wir keine Strukturen aufgeben, die sich
bewährt haben.
Es gibt für uns keinen wichtigeren Partner als die
Bundesrepublik Deutschland. Seit 1949 sind unsere
beiden Lander durch gemeinsame Interessen, gemeinsame Werte und gemeinsame Ziele verbunden einschließlich der gemeinsamen Verpflichtung, die
Teilung des Kontinents zu überwinden. Zyniker haben
oftmals behauptet, der Westen unterstütze die Vereinigung Deutschlands nur so lange sie unmöglich sei.
Die amerikanische Politik der vergangenen zwölf Monate
beweist das Gegenteil. Für uns ist der deutsche
Wunsch nach Einheit etwas natürliches, und unser
Vertrauen in dieses Land hat niemals gewankt. Es
wurde in der Tat noch stärker, nachdem wir die bisher
unbekannten Deutschen - aus dem Osten - besser
kennenlernten und entdeckten, daß ihre Sehnsucht
nach Freiheit und persönlicher Erfüllung den amerikanischen Traum verkörperten.
Natürlich kann niemand die geopolitische Dimension
der deutschen Einheit in Abrede stellen. Seit letzter
Woche ist das politische Gewicht Deutschlands größer
geworden. Wir sind zuversichtlich, daß diese neugewonnene Macht zur Stabilisierung Europas beitragen
wird. Wir sind ebenso sicher, daß ein vereinigtes
Deutschland weiterhin die Logik von Macht und Politik
anerkennt. Wie Konrad Adenauer häufig erklärte,
kann eine Nation von der Größe Deutschlands in der
Mitte Europas nicht die passive Rolle einnehmen, die
von kleineren oder peripheren Staaten gespielt wird.
Für ein Land von der Bedeutung Deutschlands ist
selbst eine Entscheidung, nicht zu handeln, eine
Handlung mit Folgen. Aus diesem Grund fühlen sich
die Vereinigten Staaten durch die herausragende Rolle
Deutschlands in europäischen Fragen und sein zunehmendes Engagement in der Weltpolitik bestärkt. Eine
solche Tatkraft bildet die Grundlage für unsere Partnerschaft bei der Führung.
Ich möchte nun im einzelnen auf die Herausforderungen eingehen, mit denen unsere beiden Länder konfrontiert sind. Ich werde die europäische Sicherheit,
Sicherheitsfragen außerhalb Europas und andere
Angelegenheiten erörtern, die über das Thema Sicherheit hinausgehen. In jedem Bereich werde ich neue
Akzente in der amerikanischen Außenpolitik und die

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Rolle der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit
betonen.
Europa bleibt zentraler Schwerpunkt der amerikanischen Außenpolitik. Auch wenn der Blick der Vereinigten Staaten auf den Golf gerichtet ist, heißt das nicht,
daß die politisch Verantwortlichen dort Europa übersehen. Im Gegenteil: unsere intensiven Bemühungen im
Nahen Osten leiten sich in nicht geringem Maß aus
unserem Engagement in Europa ab. Würde man
Saddam Hussein erlauben, Preis und Angebot des Öls
zu diktieren, wäre dies für Westeuropa teuer und für
Osteuropa katastrophal. InderinterdependentenWelt
von heute ist Stabilität unteilbar: die Interessen keiner
Region lassen sich von Ereignissen andernorts abschotten.
Die amerikanische Politik bleibt also eurozentrisch. In
Washington wird keine wichtige Entscheidung gefällt,
ohne die Auswirkungen auf diese Region zu berücksichtigen, die immer noch für die Sicherheit der Vereinigten Staaten am wichtigsten ist. Trotz des drastischen Rückgangs der Spannungen zwischen Ost und
West ist das amerikanische Engagement in Europa für
jegliche Hoffnung auf dauerhafte Stabilität von entscheidender Bedeutung.
Sicherlich ist die sicherheitspolitische Bedrohung in
ihrer klassischen Form verschwunden. Mit dem Vollzug der deutschen Einheit sind die Chancen für einen
dauerhaften Frieden drastisch gestiegen. Wenn den
Reformen in der Sowjetunion und Osteuropa Erfolg
beschieden ist, wird dies einen weiteren gewaltigen
historischen Schritt nach vorn markieren.
Das "wenn" ist jedoch das entscheidende Wort. Da
sich die sowjetische Wirtschaft in desolatem Zustand
befindet, ist der Erfolg der Perestrojka bei weitem nicht
gesichert. Jeder Ruf nach Reformen stößt auf einen
Chor von Kritikern: einigen gehen die Veränderungen
zu schnell, anderen zu langsam. Jeder Versuch des
Kreml, dem Föderalismus wirkliche Bedeutung zu
verleihen, führt zu neuen Forderungen nach Selbstbestimmung einzelner Nationalitäten. Zahlreiche Elemente der sowjetischen Gesellschaft, auf der Rechten
wie auf der Linken, sind über den Zusammenbruch der
russischen Macht aufgebracht; sie könnten handeln.
Gorbatschow selbst hat bereits von Notstandsgesetzen gesprochen.
Selbst wenn die Wirtschaftsreformen greifen und das
sowjetische Reich Bestand hat, ist es denkbar, daß
Anhänger des alten Denkens das Experiment torpedieren könnten, um der UdSSR in der Weltpolitik
erneut eine eher traditionelle, interventionistische Rolle
zu verschaffen.
Niemand erwartet die Wiederbelebung des Stalinismus. Das schiere Machtpotential der Sowjetunion ist
jedoch eine zentrale Tatsache der Geopolitik. Obwohl
wir die drastische Reduzierung der Streitkräfteniveaus

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�und der Vorwarnzeit begrüßen, stellt die sowjetische
Macht, wenn sie in die falschen Hände gerät, weiterhin
eine Gefahr für ihre Nachbarn und eine Quelle der
Instabilität für den gesamten Kontinent dar.
Dies gilt noch mehr, wenn die Reformen in Osteuropa
scheitern. Die amerikanische Politik engagiert sich
moralisch und materiell für ihren Erfolg. Aber die
Einführung von Demokratie und freier Marktwirtschaft
praktisch über Nacht ist ein beispielloses Experiment.
Bei vielen wird vielleicht die Realität nicht den Erwartungen gerecht, andere könnten bei diesem Prozeß zu
Verlierern werden, und ein ungleichmäßiges Reformtempo könnte innere Unruhen auslösen. Spannungen
zwischen den osteuropäischen Staaten, einschließlich
der Sowjetunion, sind nicht auszuschließen: die Landkarte ist in dieser Region unglücklich gestaltet worden,
und die Reformen führen bereits zum Wiederaufleben
alter Animositäten.
Selbstverständlich hoffen wir auf den Erfolg der Reformen. Eine kluge Politik muß jedoch Hoffnung als Ziel
und nicht als Tatsache betrachten. Darüber hinaus
sind diese Szenarien zwar keine Entschuldigung für
das Festhalten an überholten Konzepten, aber sie
erinnern uns daran, daß Stabilität Europa nicht in die
Wiege gelegt wurde. Sie ist die Folge eines Gleichgewichts, und seit 1949 ist die amerikanische Präsenz
ein entscheidender Faktor dieser Balance. Die europäische und die amerikanische Sicherheit haben gleichermaßen davon profitiert.
Es gibt sogar einen noch zwingenderen Grund, warum
die Vereinigten Staaten eine Macht in Europa bleiben
müssen und werden: sie sind per definitionem eine
europäische Macht. Die Vereinigten Staaten sind
durch ein gemeinsames Erbe, gemeinsame Werte und
Ziele mit diesem Kontinent verbunden. Ihre besten
Verbündeten beim Streben nach einer stabilen Weltordnung befinden sich hier. Einem alten Sprichwort
zufolge haben Staaten keine dauerhaften Freunde,
sondern nur dauerhafte Interessen. Die Erfahrung
lehrt uns jedoch auch, daß den vitalen Interessen
jedes Staates durch lange bestehende Freundschaften gut gedient ist.
Seit 1949 verbindet die NATO die Vereinigten Staaten
mit Europa. Es gibt keinen Grund, warum sich dies
ändern sollte. Natürlich entwickelte sich die NATO
während des kalten Krieges als Teil der Bemühungen
zur Eindämmung der sowjetischen Expansion. Aus
gutem Grund wird die Sowjetunion jedoch im Nordatlantikvertrag mit keinem Wort erwähnt. Dieser Vertrag
ist zudem unbefristet. Denn der grundsätzliche Zweck
der NATO ging über die Politik des Containment
hinaus: eine transatlantische Sicherheitspartnerschaft
sollte dem langfristigen Ziel dienen, eine stabile Sicherheitsstruktur in Europa zu gewährleisten. Die
NATO bei Verwirklichung dieses Ziels preiszugeben,
würde nicht mehr Sinn ergeben als die Abschaffung
der EG beim Aufbau des europäischen Binnenmarkts.
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Niemand bestreitet, daß sich die NATO ändern muß.
Wie Außenminister Baker erklärt hat, wird sie neue
politische Aufgaben und einen mehr politischen Schwerpunkt entwickeln. All dies ist jedoch eine Frage der
Betonung, nicht der Substanz: das westliche Bündnis
war stets eine politische Institution, ein Forum der
Koordinierung und des Dialogs von Staaten mit gemeinsamen Interessen. Die sich verändernden Bedingungen von heute bedeuten, daß neue Punkte auf
seiner Tagesordnung erscheinen werden: Verbreitung von Raketen, Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen und regionale Konflikte. Unsere Konsultationen zu Osteuropa und der Golfkrise unterstreichen
den Wert der NATO in dieser Hinsicht.
Die NATO ist jedoch mehr als ein Forum. Sie ist eine
Institution, die handeln kann. Einige behaupten gern,
die Anfangsbuchstaben des Bündnisses in Englisch
stünden für "NoAction;TalkOnly." Wiederum lehrt die
Geschichte, daß solche Zyniker zwar oft clever daherreden, aber selten im Recht sind. Nichts beweist die
Fähigkeit der NATO zum Handeln besser als der
NATO-Doppelbeschluß zu INF, mit dem der sowjetischen Führung vor Augen geführt wurde, daß es für sie
außer Verhandlungen keine Option gab. Dies öffnete
den Weg zu einer echten Annäherung zwischen Ost
und West.
Der politische Einfluß der NATO kann nicht wachsen,
wenn man ihre grundlegende militärische Komponente nicht bewahrt. Natürlich haben wir angesichts der
wachsenden Friedensaussichten damit begonnen,
unsere Truppenstärke zu verringern, Stützpunkte zu
schließen und auf die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte zu verzichten. Auch die Strategie ist
nicht sakrosankt. Die Londoner Erklärung stellt eindeutig fest, daß Vomeverteidigung und flexible Reaktion der grundlegenden Überarbeitung bedürfen. Darüber
hinaus müssen die Nuklearstreitkräfte der NATO als
Waffen behandelt werden, die nur als allerletztes Mittel
eingesetzt werden.
Bestimmte militärische Elemente lassen sich jedoch
nicht reduzieren. Die US-Militärpräsenz in Europa ist
ein wichtiger Schutz vor Instabilität. Amerikanische
Nuklearwaffen geben der transatlantischen Sicherheit
Gewicht und tragen dazu bei, daß Krieg undenkbar
wird: solche Waffen müssen in der einen oder anderen
Form in Europa stationiert bleiben. Darüber hinaus
gewinnt das Bündnis seinen einzigartigen Einfluß durch
den in der Geschichte einmaligen Grad militärischer
Integration und gemeinsamer Formulierung der Politik
innerhalb der NATO. Die Umstrukturierung von NATOTruppen zu multilateralen Korps könnte diese Merkmale des Bündnisses verbessern.
Natürlich begrüßen wir die im Hinblick auf den langersehnten zweiten Eckfpeiler erzielten Fortschritte. Die
Neubelebung der WEU ist ein wichtiger Schritt in diese
Richtung, und ihre Charta verbindet sie ja mit der
NATO. Darüber hinaus wertet Washington die 1990
Seite 3

�zwischen Bonn und Paris ins Leben gerufene Initiative
für eine EG-Sicherheitsunion als weiteren Schritt in
Richtung auf einen besseren Zusammenhalt des
Westens und nicht als Alleingang.
Die Politik der Vereinigten Staaten berücksichtigt die
wachsende Bedeutung der KSZE. Hierbei handelt es
sich um einen entscheidenden Prozeß, der unterschiedlich gearteten Ländern die Möglichkeit bietet,
bei vielen - auch sicherheitspolitischen - Fragen eine
gemeinsame Basis zu finden und den Ländern Osteuropas das Gefühl vermittelt, in den Sicherheitsdialog
einbezogen zu werden. Artikel 21 und 22 der Londoner
Erklärung beschreiben neue Aufgaben, unter anderem Vertrauensbildung und Konfliktlösung. Die weitere Institutionalisierung der KSZE kann ihre Rolle als
Forum stärken.

Man soll einem alten Spruch zufolge keine offenen
Türen einrennen, und ein Vertreter der amerikanischen Regierung muß die meisten Deutschen - und
vor allem dieses Publikum - kaum auf die Bedeutung
der NATO hinweisen. Er muß sie auch nicht zur
Erhaltung der transatlantischen Bindungen auffordern.
Bundeskanzler Kohl hat unser Bündnis bei unzähligen
Gelegenheiten als unverzichtbar bezeichnet, sich gegen
einen Prozeß der vollständigen Entmilitarisierung
ausgesprochen und vor der Errichtung einer Festung
Europa gewarnt.
Dennoch ist in Europa die Versuchung groß, alle
bestehenden Strukturen als überholt zu betrachten.
Manche möchten die NATO abschaffen, andere möchten
sie als Fassade mit geringer politischer und keiner
militärischen Bedeutung behalten. Auch wenn damit
erneut ein Beispiel aus der Architektur zitiert wird, so
erinnern diese Reformeiferer an Stadtplaner, die solide alte Bauten eilig abreißen, um an ihrer Stelle neue,
aber instabile Gebäude zu errichten.

Die eigentliche Stärke der KSZE - ihr Streben nach
einem Konsens inmitten dieser Vielfalt - bedeutet, daß
nicht immer westliche Sicherheitsinteressen zum Zuge
kommen. Es liegt ein Kömchen Wahrheit in den
scherzhaften Worten des israelischen Staatsmanns
Abba Eban, bei einem Konsens sagten alle gemeinsam etwas, woran kein einzelner glaubt. Länder mit
unterschiedlichen Interessen finden oftmals nur einen
gemeinsamen Nenner, indem sie Differenzen notdürftig übertünchen. Selten werden auf der Basis eines
solch brüchigen Konsenses konkrete Maßnahmen
ergriffen, erst recht nicht im Bereich der Sicherheit.

Die Vereinigten Staaten und das vereinte Deutschland
sind Partner bei der Führung. Jedes künftige Sicherheitsgefüge braucht ihre Beteiligung und ihre Zustimmung. Wir sind zuversichtlich, daß die politische
Führung dieses Landes ihr traditionelles Engagement
für transatlantische Institutionen beibehalten und sich
einer Politik widersetzen wird, die solche Institutionen
ihrer Inhalte berauben würde.

Kurzum: bei der KSZE handelt es sich um ein Forum
für die Suche nach gemeinsamen Interessen, während die NATO ein Bündnis ist, in dem auf der Grundlage bereits bestehender gemeinsamer Interessen
gehandelt wird. Damit ergänzen sich beide Organisationen auf natürliche Weise und leisten somit beide
einen wichtigen Beitrag für die europäische Stabilität
der Zukunft.

Europa ist heute ein Abbild des Erfolgs gemeinsamer
sicherheitspolitischer Bestrebungen. Es lehrt viele
Lektionen für die Politik an anderen Orten. Denn das
Ende des kalten Krieges heißt nicht, daß die Bedrohungen für die Sicherheit verschwinden, es erfordert
und ermöglicht vielmehr neue Methoden zur Entschärfung solcher Bedrohungen. Hierfür liefert die Golfkrise
ein anschauliches Beispiel.

In der europäischen Politik werden oftmals Beispiele
aus der Architektur verwendet. Denken Sie nur an
Metaphern wie den zweiten Eckpfeiler der NATO und
Präsident Gorbatschows gemeinsames Haus. Nur
zögernd würde man noch eine weitere nennen, die
aber ein eindeutiges Bild vermittelt. Angesichts des
herannahenden Jahres 1992 ist viel von der Festung
Europa die Rede, die um den Binnenmarkt errichtet
wird. Ich werde im folgenden noch darauf eingehen,
wie wichtig der Kampf gegen den Protektionismus
schon aus wirtschaftlichen Erwägungen ist. Überdies
würde eine Mauer der Handelshemmnisse, die Amerika von Europa trennt, unweigerlich die transatlantischen Sicherheitsbeziehungen schwächen, denn wenn
in ganz Europa die Mauern fallen, wird die Errichtung
einer neuen Mauer ziemlich sinnlos. Der Schutz vor
einer solchen Mauer ist ein Ziel der institutionalisierten
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der EG und darüber hinaus Gegenstand regelmäßiger, in diesem Jahr aufgenommener Gespräche zwischen dem Rat und der Kommission.

Präsident Bush hat mit der unverzüglichen Entsendung von US-Truppen nach Saudi-Arabien den ersten
und wichtigsten Schritt unternommen, um der irakischen Aggression entgegenzutreten. Diese konkrete
Maßnahme hat jede mögliche Expansion irakischer
Macht über Kuwait hinaus vereitelt und Saddam Hussein ein unmißverständliches Signal gegeben, daß
seine Aggression ins Auge gegangen ist.

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Aber trotz der Tatsache, daß die Vorgehensweise der
Vereinigten Staaten irakischen Ambitionen schnell die
Spitze nahm, konnte und kann sie allein keine Stabilität
in der Golfregion hervorbringen. Die Amerikaner sind
vereint in ihrer Bereitschaft, der irakischen Aggression
entgegenzutreten. Dennoch mißtraut die öffentliche
Meinung einer langanhaltenden, einsamen Wacht auf
fernen Posten. Insbesondere in einer Zeit der Engpässe im Haushalt und einer offensichtlichen relativen
Abschwächung der wirtschaftlichen Stärke der Vereinigten Staaten wäre eine US-Aktion am Golf oder
andernorts in unserem Land schwer zu rechtfertigen.

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�Die Amerikaner wollen vielmehr, daß ihre Anstrengungen Teil einer gemeinsamen Reaktion sind.

i

^

Darüber hinaus hat das Ende des kalten Krieges zu
einem neuen strategischen Konzept in Amerika geführt. Angesichts der geringen Wahrscheinlichkeit
eines kurzfristig angezettelten weltweiten Konflikts
wollen wir sobald wie möglich - bis 1995 - unsere
aktiven Streitkräfte um 25 Prozent reduzieren. Unsere
Strategie ist zunehmend auf schnelle Reaktion auf
regionale Konflikte ausgerichtet. Ein solcher Ansatz
vertraut auf materielle und politische Unterstützung
von Freunden und Verbündeten.
Um es mit Präsident Bushs Worten zu sagen: "Allein
können die Vereinigten Staaten viel tun - gemeinsam
mit ihren Freunden und Verbündeten können sie noch
sehr viel mehr für Frieden und Gerechtigkeit tun."
Die internationale Solidarität gegen Saddam Hussein
war und ist daher unverzichtbar. Die beste Hoffnung
auf eine Beilegung dieses Konflikts bieten die historische im vergangenen Monat in Helsinki erzielte amerikanisch-sowjetische Übereinstimmung, der Konsens
gemäßigter arabischer Staaten und die Hilfe aus
Westeuropa und Japan. Nur mit Hilfe dieser Solidarität
kann der Irak von wirtschaftlicher, militärischer und
politischer Unterstützung abgeschnitten und gleichzeitig in den Vereinigten Staaten Unterstützung für die
Operation Wüstenschild gewonnen werden.

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i

Dieser Konsens zeigt sich deutlich bei den Vereinten
Nationen. Dieses internationale Gremium und seine
Unterorganisationen spielen seit langem eine unverzichtbare Rolle bei der Bewältigung von Krankheit,
Hunger, Armut, Analphabetentum und Flüchtlingsproblemen. Im Golfkonflikt demonstrieren sie jetzt ihre
Fähigkeit, ernsthafte sicherheitspolitische Maßnahmen zu ergreifen. Saddam Husseins Aggression ist
eine solch massive Bedrohung des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit, daß der Sicherheitsrat mit beispielloser
Entschlossenheit gehandelt hat. Die U NO-Sanktionen
einschließlich des jetzt verhängten Luftverkehrembargos spielen eine wichtige Rolle. Die Billigung dazu,
Sanktionen gegebenenfalls mit militärischen Mitteln
durchzuführen, ist beispiellos. Präsident Bush hat es
ausdrücklich als amerikanische Politik bezeichnet, diesen
Sanktionen Geltung zu verschaffen.
Natürlich hoffen wir, daß diese Solidarität schließlich
den Bunker in Bagdad durchdringt und Saddam Hussein zum Rückzug zwingt. Dennoch liefern die UNOEntscheidungen lediglich den Rahmen für internationale Maßnahmen, sie können und dürfen kein Ersatz
für Taten sein. Wenn wir auf das internationale Gremium als ausführendes Organ der Politik gesetzt hätten, stünde Saddam Hussein heute vielleicht in Riad.
Wenn wir darauf bauen, daß die Sanktionen von allein
greifen, dann ist das eine Selbsttäuschung.
Die einzige friedliche Lösung der Krise besteht in
effektiver Abschreckung und wirksamen Sanktionen,
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beide hängen von konkreten Maßnahmen zur Durchsetzung ab, und diese Durchsetzung erfordert wiederum eine koordinierte militärische Reaktion. Die Teilung der Verantwortung ist daher entscheidend.
Die arabische Präsenz in Saudi-Arabien ist politisch
unverzichtbar und militärisch wertvoll. Wir müssen
Wege aufzeigen, wie eigene Verteidigungsfähigkeiten
von Ländern wie Saudi-Arabien und Ägypten zu steigern sind. Es gibt keine Pläne für eine NATO des
Nahen Ostens. Aber erweiterte Zusammenarbeit und
mehr Waffenverkäufe werden Sicherheit und Stabilität
am Golf fördern.
Angesichts dessen, was für die Stabilität am Golf auf
dem Spiel steht, müssen sich die Länder des westlichen Bündnisses die Verantwortung teilen. Sie verfügen über die Ressourcen, sie sind gewohnt, auf der
Basis gemeinsamer Interessen zu handeln, sie haben
Mechanismen für regelmäßige Konsultationen und
Zusammenarbeit entwickelt. Nahezu alle NATO-Länder
haben ein bestimmtes Streitkräftekontingent in der
Golf-Region. Die Türkei spielt natürlich eine besonders entscheidende Rolle in dieser Region.
Niemand schlägt eine Erweiterung des Mandats der
NATO vor. Der Operationsbereich der NATO ist der
Nordatlantik. Dennoch verbietet kein Passus im Vertrag von 1949 Konsultationen über Fragen außerhalb
dieses Gebiets, insbesondere wenn solche Bestrebungen dem übergeordneten NATO-Ziel der kollektiven Sicherheit dienen. Zumindest müssen wir zusammenarbeiten, um Streitkräfteverschiebungen auszugleichen, die Südflanke zu stärken und die Einhaltung
der Sanktionen zu überwachen.
Dieser Konflikt trifft uns an einem kritischen Punkt der
deutschen Geschichte. Man hat inzwischen Verständnis für Zeitungsredakteure: der Platz auf der Titelseite
reicht nicht aus für all die dramatischen Schlagzeilen.
Dennoch sind die deutsche Einheit und die Golfkrise
als Themen nicht so verschieden wie es scheint: mit
dem zunehmenden Gewicht Deutschlands in Europa
steigt auch sein Gewicht in der Welt. Die Golfkrise ist
eine große Herausforderung an die Weltordnung und
die wirtschaftliche Stabilität, und der Status Deutschlands als wichtige politische und wirtschaftliche Macht
macht es unvermeidlich, daß Deutschland eine Rolle
spielt.
Bonns im letzten Monat getroffene Entscheidung, den
betroffenen Ländern Wirtschaftshilfe zu gewähren und
die militärischen Bestrebungen der Vereinigten Staaten indirekt zu unterstützen, ist ein wichtiger erster
Schritt. Angesichts all der Rechnungen, die sich auf
dem Schreibtisch des Bundeskanzlers stapeln, war es
keine leichte Entscheidung, diese Mittel für den Nahen
Osten bereitzustellen.
Obwohl wir anerkennen, daß die Deutschen offiziell
den Wunsch geäußert haben, mehr tun zu können, hat
schon dieser erste Beitrag Kritik entfacht. In einigen
Seite 5

�Kreisen weist man auf die Möglichkeit hin, daß der
Beitrag in Höhe von 3,3 Milliarden Mark schon das
ganze Ausmaß der deutschen Beteiligung darstellen
könnte. Solche Haltungen stehen mit Deutschlands
zunehmender Bedeutung als internationale politische
und militärische Macht wohl kaum in Einklang.
Verbündete und Nachbarn würden eine etwas größere
Rolle Deutschlands begrü ßen, um die Stabilität au ßerhalb des Einflußbereichs der NATO zu erhalten. Fragwürdige Interpretationen der Geschichte sollten es
nicht davon abhalten, multilaterale Bestrebungen zu
unterstützen, um der dreisten Agression entgegenzutreten.
Allgemein anerkannten Auslegungen der Verfassung
zufolge wäre ein solches Vorgehen verfassungswidrig, und zweifelsohne kann aktive Politik niemals die
breite Unterstützung der Bevölkerung gewinnen, wenn
nicht die überwiegende Mehrheit der Deutschen davon
überzeugt ist, daß sie im Einklang mit dem Grundgesetz steht. Aus diesem Grund haben der Bundeskanzler und zahlreiche andere politisch Verantwortliche
eine Verfassungsänderung gefordert, um ein militärisches Engagement au ßerhalb des Atlantiks zu ermöglichen. Viele unterstützen diese Änderung unter der
Voraussetzung, daß Aktionen "in bündnisfremden
Gebieten" nur im Rahmen der UNO bei Einsätzen wie
derzeit am Golf gestattet werden.
Die deutschen "Blauhelme" wären willkommen, aber
die Rolle der Friedenstruppen - wie mutig auch immer
- ist kaum entscheidend bei der Bewahrung regionaler,
ganz zu schweigen von weltweiter Stabilität. Eine "Lex
Saddam" kann daher in Frage gestellt werden. Es ist
absolut möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß künftige
Krisen deutsche Interessen direkt betreffen werden
oder die stabile Weltordnung gefährden, an der Deutschland noch mehr interessiert ist. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß diese Einsätze solch ein einhellig unterstütztes und eindeutiges Mandat zu Handlungen
der UNO hervorbringen wie das durch die dreiste Aggression des Irak hervorgerufene. An irgendeinem
Punkt - entweder im Verlauf dieser Krise oder in
Zukunft - wird die Bundesrepublik entscheiden müssen, ob sie direkte Schritte, gegebenenfalls mit Einsatz
von Militärmacht, unternimmt.

rungen oder Ozonschwund entziehen. Niemand kann
hoffen, die Elbe oder die Ostsee alleine zu reinigen.
Die jüngsten internationalen Bestrebungen sind ermutigend. Bei der diesjährigen Londoner Ozonkonferenz
wurde die Verpflichtung des Protokolls von Montreal
aus dem Jahr 1987 verstärkt. Die Teilnehmer einigten
sich ferner darauf, den ersten internationalen Umweltfonds zu gründen. Beim Wirtschaftsgipfel im Juli in
Houston widmeten die G-7 ihre Aufmerksamkeit nicht
nur Wirtschafts- sondern auch Umweltfragen. Vertreter aus den Vereinigten Staaten und der EG kamen
bereits im vergangenen Monat überein, das bei der
Londoner Konferenz vereinbarte Ozon-Abkommen in
die Praxis umzusetzen. Darüber hinaus werden sie im
Januar Konsultationen über die energiewirtschaftlichen Aspekte der Klimaveränderungen abhalten.
Meilensteine in Europa sind die Ost- und Nordseekonferenzen sowie das von den Vereinigten Staaten und
der EG finanzierte regionale Umweltzentrum für Osteuropa in Budapest. Beim Londoner NATO-Gipfeltreffen wurde ferner eine Rolle der KSZE in Umweltfragen
vorgeschlagen.
Wir wissen, unsere Partner in Bonn wollen rasche
Fortschritte erzielen. Die Betonung der amerikanischen Politik liegt jedoch darauf, daß wirksame langfristige Lösungen für diese Probleme richtiges Verständnis ihrer Ursachen erfordern. Gemeinsame Forschung
und Datenaustausch wie wir sie auf bilateraler Ebene
haben, sind daher die vielversprechendste Form multilateraler Zusammenarbeit. Aus diesem Grund plant
Präsident Bush in diesem Winter im Weißen Haus ein
zweites internationales Ministertreffen zu Umweltfragen.
Handel ist eine der ältesten Formen von Interaktion
zwischen Staaten. Dennoch halten allzu viele noch
immer an der Illusion des Protektionismus fest, im
Glauben, sie könnten von Exporten profitieren und
gleichzeitig irgendwie wirtschaftliche Unabhängigkeit
erlangen. Sie ignorieren eine Lehre, die durch den
Zusammenbruch des Ostblocks erneut bestätigt wurde: Mauern um die Volkwirtschaft einer Nation ersticken Wachstum ebenso wie Mauern um das Volk einer
Nation die Freiheit ersticken.

Sicherheit ist nach wie vor das herausragende Thema
unserer Zeit, aber keinesfalls das einzige. Wie wir
letztes Jahr unter dem Titel "Herausforderungen der
Weltinnenpolitik" erörterten, hat eine interdependentere Welt neue Probleme aufgeworfen, die ebenfalls
multilaterale Lösungen erfordern. Ich möchte vier
davon erörtern: Ökologie, Handel, Terrorismus und
Flüchtlinge.

Multilaterale Zusammenarbeit muß darauf abzielen,
jegliche Form von Handelsbeschränkungen abzubauen. In sieben Runden hat das GATT seit 1946 die
Zollsätze drastisch um 75 Prozent gesenkt. Infolgedessen explodierte der Handel von nur 60 Milliarden
Dollar im Jahr 1950 auf einen Rekordstand von 4
Billionen Dollar 1989. Nirgendwo waren die Profite
größer als in der EG - der größten Handelseinheit der
Welt.

Die Bedrohung der Umwelt macht nicht an den Grenzen halt. Daher ist es nur angemessen, daß Ökologie
heute weit oben auf der Tagesordnung der internationalen Politik steht. Kein Land kann sich Klimaverände-

Dennoch sind weitere 1,3 Billionen Dollar an Handel
mit Gütern und Dienstleistungen durch die bestehenden Regeln nicht angemessen abgedeckt. Abbau

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�dieser Restriktionen ist das Ziel der Uruguay-Runde in
Genf.
Die Vereinigten Staaten haben bei derGATT-Runde in
Genf alle Handelspraktiken auf den Verhandlungstisch gelegt. Bedauerlicherweise könnte Europas
unbeugsamer Widerstand gegen Agrarreformen die
Runde zum Scheitern verurteilen. Mit ihrem anachronistischen Festhalten an Subventionen zahlt die EG
Landwirten, die Weizen anbauen, beispielsweise 10
Prozent pro Tonne mehr als den tatsächlichen Marktwert. Diese Intervention in den freien Handel erhöht
die Kosten für den Verbraucher und bestraft Bauern in
den Entwicklungsländern.
Die Uruguay-Runde kann die Zölle drastisch um ein
Drittel kürzen und Regeln für fairen Wettbewerb festlegen. Dennoch hängt ihr Erfolg vom schrittweisen
Abbau der Agrarsubventionen ab. Falls die Runde
scheitert, wird die Welt Millionen an erhöhter Produktion verlieren, was für einen Gro ßteil der Entwicklungsländer und Osteuropas den Ruin bedeuten könnte.
Wenn es uns darüber hinaus nicht gelingt, den Handel
multilateral zu regeln, werden viele von uns einseitige
Maßnahmen ergreifen - einschließlich des amerikanischen Kongresses, der die Macht hat, den Handelsverkehr zu bestimmen.
Es erübrigt sich, den Wert des freien Handels in Bonn
und Washington zu unterstreichen. Unsere beiden
Länder wetteifern gerade deshalb um den Titel des
größten Exporteurs der Welt, weil wir von offenen
Märkten und fairem Wettbewerb profitieren. Aus diesem Grund ist es umso zwingender für Bonn, bei der
Entwicklung einer flexibleren Haltung der EG in multilateralen Foren eine Führungsrolle zu übernehmen.
Terroristen machen sich Grenzen zunutze. Sie verüben in einem Land Terroranschläge und suchen Zuflucht hinter den Grenzen eines anderen. Gelegentlich
werden sie vom zweiten Staat gedeckt, wie in dem
Falle, als Stasi-Beamte den vermutlichen RAF-und
Nahostterroristen Schutz gewährten. Häufig wird jedoch
hinter den Bestimmungen und Praktiken eines anderen Staates Zuflucht gesucht.
Multilaterale Maßnahmen können zur Bekämpfung
dieser Bedrohung beitragen. Wir müssen vereint
Druck auf staatlich geförderten Terrorismus ausüben.
Durch koordinierte Bestrebungen müssen wir darüber
hinaus sicherstellen, daß kollidierende Wirtschaftinteressen, Rechtsvorschriften und politische Programme Terroristen nicht unbeabsichtigt ein Schlupfloch
bieten, in dem sie sich verstecken können. Gute Absichten allein sind nicht genug.
Die bis heute unternommenen internationalen Bestrebungen sind ermutigend, sie reichen jedoch noch nicht
aus. Die Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats über
Geiselnahme sind nur ein Anfang. Die unerschütterliche Haltung der Weltöffentlichkeit gegen die Aggres-

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sion am Golf gibt zu der Hoffnung Anlaß, daß sie schon
bald über die bloß formale Mißbilligung terroristischer
Aktivitäten hinausgehen wird. Entschiedenes Vorgehen in diesem Bereich wird die UNO zu einem wahrhaft
entscheidenden Faktor in den internationalen Beziehungen machen.
Kontinuierliche enge Zusammenarbeit zwischen den
G-7 und der europäischen Trevigruppe ist unabdingbar. Wir ermutigen die Europäische Gemeinschaft als
Ganzes, über koordinierte Sicherheitsmaßnahmen
hinauszugehen und entscheidende Schritte gegen
staatlich geförderten Terrorismus zu unternehmen.
Zumindest muß der Export von sicherheitsempfindlicher Technologie in Staaten wie Libyen unterbunden
werden.
Deutsch-amerikanische bilaterale Koordinierung des
Austauschs polizeilicher Erkenntnisse hat dem Terrorismus Hindernisse in den Weg gelegt und dazu beigetragen, Verdächtige wie Mohammed Hammadi vor
Gericht zu bringen. Ein vereintes Deutschland kann
jetzt in stärkerem Maße dazu beitragen, daß eine
starke EG eine feste Haltung gegenüber staatlich
gefördertem Terrorismus einnimmt. Iraks Drohung,
Terroristen einzusetzen, macht die Zusammenarbeit
noch entscheidender.
Iraks brutale Aggression wirft ein Schlaglicht auf ein
weiteres Problem, das eine multilaterale Lösung erfordert. 15 Millionen Flüchtlinge, vornehmlich Frauen und
Kinder, sind bereits in entlegenen, öden Wüstenlagern

angekommen, haben ihre jämmerlichen Boote in asiatischen Häfen festgemacht oder stiegen am Bahnhof
Friedrichstraße aus dem Zug.
Es wäre für wohlhabendere Länder moralisch inakzeptabel, einfach ihre Grenzen zu schließen. Lagerhausartige Camps sind wenig besser. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten ihre Einwanderungsquote erhöht. Unsere Erfahrungen zeigen, daß Neuankömmlinge aus unterschiedlichen Teilen der Welt
das kulturelle Leben eines Landes bereichern und sein
Wirtschaftspotential erhöhen. Führende Politiker in
Europa haben ebenfalls eine flexiblere Einwanderungspolitik gefordert.
Dennoch benötigen wir auch internationale Bestrebungen wie die der UNO-Flüchtlingskommission und der
Internationalen Indochinakonferenz.
Die Staaten
müssen gedrängt werden, mehr legale Einwanderer
aufzunehmen, so daß die Verzweiflung nicht zur Tragödieführt. Über die Rückführung der Flüchtlinge, von
denen die Mehrheit nur den einen Wunsch hat, nach
Hause zurückzukehren, müssen Abkommen geschlossen werden.
Regionale politische Krisen und wirtschaftliche Miseren in den Entwicklungsländern sind schuld an der
Verzweiflung, die Menschen veranlaßt, aus ihrem
Heimatland zu fliehen. Letztlich wird nur die Lösung

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�dieser grundlegenden Probleme diese zweite Völkerwanderung verlangsamen. Dies ist nur umso mehr
Grund für ein intensiviertes amerikanisch-deutsches
Engagement bei den Bestrebungen, internationale
Sicherheit und Wohlstand zu gewährleisten.
Zusammenfassend erscheint die Feststellung fast wie
eine Binsenwahrheit, daß die Umgestaltung der Weltpolitik schwindelerregend war. Vielleicht waren wir
bereits durch das Tempo des Wandels benommen:
einige Ereignisse, die noch vor zehn Jahren als epochemachend erachtet worden wären, werden heute in
den Abendnachrichten nicht einmal mehr erwähnt.
Dennoch sollten wir dankbar sein, daß unsere Kinder
in dieser Welt aufwachsen und nicht in der, die wir
vierzig Jahre lang kannten: der Spielraum zur gemeinsamen Bewältigung von Problemen schien noch nie so
groß.
Angesichts der zahlreichen verbleibenden Probleme
wäre Selbstgefälligkeit jedoch fehl am Platze. Die
Tagesordnung der internationalen Politik wird viele

Punkte umfassen - teils vertraut, teils neu, teils unvorhersehbar. Die Vereinigten Staaten und Deutschland
müssen die Grundlagen der europäischen Stabilität
erhalten, auch während sie versuchen, die Herausforderungen und Probleme in den Griff zu bekommen, die
über diesen Kontinent und das Sicherheitsgefüge
hinausgehen. Sie alle erfordern unsere Aufmerksamkeit und Zusammenarbeit miteinander. Denn in einer
Welt wachsender Interdependenz gibt es keine isolierten Probleme und keine einseitigen Lösungen.
Partnerschaft bei der Führung ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Beschreibung der Realität. Unsere
beiden Länder üben Führungsrollen aus und unsere
sehr eng koordinierte Beziehung ist nach wie vor ein
großer Gewinn für Europa und in der Tat für die ganze
Welt. Seit vierzig Jahren hat die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit in jedem Bereich - Wirtschaft,
Politik und Verteidigung - Wohlstand, Stabilität und
Frieden hervorgebracht. Dies muß so bleiben, während wir uns der Zukunft stellen.

* * * *

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AMERIKA DIENST 40

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