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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

39

DEUTSCHE EINHEIT

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Library Services
Deichmanns Aue 29
5300Bonn2

3. Oktober 1990

BUSH LEITET VERTRAG ÜBER
VEREINIGUNG DEUTSCHLANDS
DEM SENAT ZU
Erklärung des Präsidenten, Text des Schreibens

SENAT ERÖRTERT DEN VERTRAG
ÜBER DIE ABSCHLIESSENDE REGLUNG
IN BEZUG AUF DEUTSCHLAND
Anhörung von Robert Zoellick im Senat

GOLFKRISE

UNO-REAKTIONEN AUF IRAKS
AGGRESSION "BEISPIELLOS"
Rede von Präsident Bush vor der
UN-Generalversammlung
BAKER: ÜBERGANG ZUR TAGESORDNUNG
MIT DEM IRAK UNMÖGLICH
Rede vor dem UN-Sicherheitsrat

KSZE

BUSH DRÄNGT KSZE ZU KONSOLIDIERUNG
DER FREIHEIT
Ansprache beim KSZE-Treffen in New York

WETLBANK/IWF

BUSH: ERFOLG DER GATT-RUNDE
UNABDINGBAR
Rede des Präsidenten bei Weltbank und IWF

SOWJETISCHE
MILITÄRMACHT

PENTAGON: SOWJETISCHE MILITÄRMACHT
IMMER NOCH "ENORM"
Auszüge aus "Die sowjetische Militärmacht 1990"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHE

EINHEIT
3. Oktober 1990

BUSH LEITET VERTRAG ÜBER VEREINIGUNG
DEUTSCHLANDS DEM SENAT ZU
Erklärung des Präsidenten, Text des Schreibens
WASHINGTON - (AD) - In einer Zeremonie im Rosengarten des Weißen Hauses hat Präsident Bush am 25.
September 1990 ein Schreiben an den Senat unterzeichnet, in dem dieser um die Zustimmung zum Vertrag über
die Vereinigung der beiden deutschen Staaten gebeten wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Bush aus diesem Anlaß abgegebene Erklärung sowie das
Schreiben an den Senat im Wortlaut.

Herr Botschafter, ich heiße Sie nochmals im Weißen
Haus willkommen. Außenminister Baker, verehrte
Gäste, ich freue mich, Sie alle zu diesem historischen
Ereignis begrüßen zu können.
In wenigen Minuten werde ich ein Schreiben an den
Senat der Vereinigten Staaten unterzeichnen, in dem
ich um seinen Rat und seine Zustimmung zur Ratifizierung des Vertrags über die abschlie ßende Regelung in
bezug auf Deutschland bitte. Dieser Vertrag bildet den
Höhepunkt sechsmonatiger Verhandlungen zwischen
den sechs Unterzeichnerstaaten - den beiden deutschen Staaten sowie den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion. Darüber
hinaus bildet erden Höhepunkt von über vierzig Jahren
westlicher Entschlossenheit, von den dunkelsten Stunden des kalten Krieges bis zu den strahlenden neuen
Horizonten, die sich heute vor uns eröffnen.
Dieser Vertrag wird die künstliche Teilung Deutschlands und Berlins beenden. Er wird ferner die Souveränität Deutschlands über sein gesamtes Staatsgebiet
wiederherstellen und alle Rechte und Pflichten der Vier
Mächte aufheben. Dieser Vertrag macht den Weg zur
Erlangung des Ziels frei, das wir Amerikaner seit
langem mit dem deutschen Volk gemeinsam haben ein vereinigtes, demokratisches und souveränes
Deutschland.
Ich beglückwünsche Bundeskanzler Kohl und das so
lange geteilte deutsche Volk sowohl im Osten als auch
im Westen Deutschlands und in Berlin, daß sie ihren

AMERIKA DIENST 39

Traum von nationaler Selbstbestimmung so lange
lebendig erhalten haben. Zusammen mit unseren
Partnern im Atlantischen Bündnis sind wir Amerikaner
stolz darauf, Ihnen bei Ihrer langen Wacht zur Seite
gestanden zu haben. Wir sind besonders stolz darauf,
daß wir im vergangenen Jahr mit Ihnen auf das gemeinsamen Anliegen der Einheit Deutschlands hingearbeitet haben.
Unsere Politik, unser Engagement ist mit der Annäherung an dieses Ziel niemals schwankend geworden.
Heute teilen Deutsche und Amerikaner die Früchte
unserer Freundschaft, und gemeinsam mit unseren
deutschen Freunden blicken wir mit Hoffnung und
Zuversicht in die Zukunft des Neuanfangs, der durch
diesen Vertrag ermöglicht wird.
Stellvertretend für das amerikanische Volk und meine
Vorgänger im Amt des Präsidenten, die diese gemeinsame Entschlossenheit aufrechterhielten, freue ich
mich, dieses Schreiben unterzeichnen zu können, mit
dem dieses historische Dokument dem Senat zur
Beratung und Zustimmung zugeleitet wird.
Ich möchte besonders Außenminister Baker meinen
Dank aussprechen, der sich so intensiv dafür eingesetzt hat und noch einmal erklären, daß es mir ein
Vergnügen war, mit Bundeskanzler Kohl und anderen
Persönlichkeiten aus Deutschland bei dieser wichtigen
Frage zusammenzuarbeiten.
(Ende der Erklärung des Präsidenten)

Seite 1

�Text des Schreibens an den Senat:
An den Senat der Vereinigten Staaten
Ich leite hiermit den Vertrag über die abschließende
Regelung in bezug auf Deutschland und eine vereinbarte Protokollnotiz, die von den Vereinigten Staaten,
der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen
Demokratischen Republik, der Französischen Republik, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien
und Nordirland am 12. September 1990 in Moskau
unterzeichnet wurden, dem Senat zur Beratung und
Ratifizierung zu. Zur Information des Senats unterbreite ich ferner einen Bericht des Au ßenministeriums
zu diesem Vertrag.
Der von mir heute unterbreitete Vertrag bildet den
Höhepunkt sechsmonatiger Verhandlungen zwischen
den sechs Unterzeichnerstaaten, die als "Zwei-plusVier"-Forum bekanntgeworden sind, das zu diesem
Zweck im Februar 1990 in Ottawa ins Leben gerufen
wurde. Mit dieser Vereinbarung wird die künstliche
Teilung Deutschlands und Berlins beendet. Sie sieht
den vollständigen Abzug aller sowjetischen Streitkräfte innerhalb der nächsten vier Jahre vor. Darüber
hinaus hebt sie sämtliche verbleibenden Rechte und
Pflichten der Vier Mächte für Berlin und Deutschland
als Ganzes auf. Sie schafft deshalb die Grundlage für
die Entstehung einer vereinten, demokratischen und
souveränen Bundesrepublik Deutschland, die in der
Lage und bereit ist, volle und aktive Partnerschaft im
Nordatlantischen Bündnis, der Europäischen Gemeinschaft und den vielen anderen Foren internationaler
Zusammenarbeit zu übernehmen, zu denen die Bundesrepublik Deutschland bereits bedeutende Beiträge
geleistet hat.
Der Vertrag legt fest, daß die gegenwärtigen Grenzen
der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen Republik die endgültigen und definitiven Grenzen des vereinigten Deutschlands sein werden. Sämtliche Regelungen in bezug auf die Grenzen
Deutschlands mit Polen wurden mit Beteiligung und
Zustimmung der polnischen Regierung ausgehandelt.
Der Vertrag legt fest, daß das Recht eines vereinten
Deutschlands, Bündnissen mit allen daraus resultierenden Rechten und Pflichten anzugehören, nicht
durch irgendwelche Bestimmungen des Vertrags
beeinträchtigt werden soll.
Der Vertrag sieht den Abzug aller sowjetischen Truppen von Gebiet eines vereinigten Deutschlands bis
Ende 1994 vor. Darüber hinaus verbleiben laut Vertrag
auf Antrag der deutschen Regierung die britischen,
französischen und amerikanischen Truppen während
der Übergangszeit in Berlin. Während dieser Zeit hat
die deutsche Regierung völlig freie Hand bezüglich der
Stationierung territorialer Verteidigungseinheiten ihrer
Streitkräfte auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen
Demokratischen Republik. Diese Streitkräfte gehören
Seite 2

nicht der integrierten militärischen Kommandostruktur
der NATO an. Im Anschluß an den Abzug der sowjetischen Truppen im Jahr 1994 wird es keine weiteren
Begrenzungen im Hinblick auf den Standort der deutschen Streitkräfte in ganz Deutschland und ihre Integration in NATO-Strukturen geben. Nichtdeutsche
verbündete Streitkräfte und Kemwaffensysteme werden nicht auf den Territorium der heutigen Deutschen
Demokratischen Republik stationiert oder disloziert.
Die vereinbarte Protokollnotiz - die ich Ihnen ebenfalls
zur Beratung und Zustimmung vorlege - definiert
bestimmte Vorschriften für die Anwendung des Terminus "disloziert".
Der Vertrag enthält eine Reihe von im Namen eines
vereinigten Deutschlands von der Bundesrepublik
Deutschland und der Deutschen Demokratischen
Republik gegebenen Zusicherungen. Unter ihnen sind
die Bekräftigung ihres Verzichts auf nukleare, biologische und chemische Waffen sowie ihre erklärte Absicht, die Personalstärke der deutschen Streitkräfte im
Verlauf von drei oder vier Jahren auf 370 000 Mann zu
reduzieren.
Schließlich sieht der Vertrag die Aufhebung aller verbleibenden Rechte und Pflichten der Vier Mächte für
Berlin und Deutschlands als Ganzes vor.
Darüber hinaus möchte ich die Aufmerksamkeit des
Senats auf den Wortlaut von drei Briefen lenken, die im
Zusammenhang mit sich aus der Vereinigung der
beiden deutschen Staaten ergebenden Fragen ausgetauscht wurden (dem Bericht des Außenministeriums
als Anlage beigefügt). Bei dem ersten Schreiben
handelt es sich um einen Brief von Außenminister
Baker an den Außenminister der Bundesrepublik
Deutschland, Hans-Dietrich Genscher, mit Datum vom
11. September 1990. Das zweite Schreiben ist ein
Brief von Außenminister Genscher und dem Ministerpräsidenten und Au ßenminister der Deutschen Demokratischen Republik, de Maiziere, an ihre Amtskollegen bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen mit Datum
vom 12. September 1990. Das dritte Schreiben datiert
vom 18. September 1990 und wurde von Außenminister Genscher an seinen Amtskollegen Baker gerichtet.
In ihrem Schreiben vom 12. September an ihre Amtskollegen bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen übermitteln der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Genscher, und der Ministerpräsident undAußenminister der Deutschen Demokratischen Republik, de
Maiziere, offiziell mehrere zusätzliche Zusicherungen.
Darin enthalten ist ihre Erklärung, daß die Verfassung
eines vereinigten Deutschlands die freie demokratische Ordnung wahren und die dauerhafte Grundlage
zum Verbot von Parteien und Vereinigungen mit nationalsozialistischen Zielen bieten wird. In seinem Schreiben mit Datum vom 18. September an Außenminister
Baker stellt Au ßenminister Genscher ferner unmi ßverständlich fest, daß die Regierung eines vereinigten

AMERIKA DIENST 39

�Deutschlands die Verantwortung für die Abwicklung
ungeklärter Ansprüche gegen die Deutsche Demokratische Republik übernimmt und zwar sowohl von
amerikanischen Staatsbürgern als auch von jüdischen
Opfern des Naziregimes. In seinem Schreiben verpflichtet er seine Regierung, unmittelbar nach der
Vereinigung die unverzügliche und befriedigende Erfüllung von Ansprüchen jüdischer Opfer des Naziregimes gegen die Deutsche Demokratische Republik
anzustreben. In demselben Schreiben stellt er fest,
daß die Bundesrepublik Deutschland unmittelbar nach
der Vereinigung in Verhandlungen mit der Regierung
der Vereinigten Staaten von Amerika die Ansprüche
amerikanischer Staatsbürger, die zuvor mit der Deutschen Demokratischen Republik erörtert wurden, erledigen wird. Die in diesen beiden Schreiben enthaltenen Verpflichtungen sind ein weiterer Beweis, daß die
Regierung eines vereinigten Deutschlands die beispielhafte Bilanz der Bundesrepublik Deutschland bei
der Förderung demokratischer Werte aufrechterhalten
und weiter ausbauen wird.
Der Vertrag symbolisiert eine herausragende Errungenschaft für unsere deutschen Verbündeten, die die
Vergangenheit oder die Rolle, die Deutschland einstmals bei den Schrecken von 1933 bis 1945 gespielt
hat, nicht vergessen haben, die jedoch in über vier
Jahrzehnten unerschütterlicher Unterstützung für
Demokratie und das westliche Bündnis demonstriert
haben, was die Welt von einem vereinigten Deutschland erwarten kann.
Der Vertrag ist ferner ein Tribut an den Mut und die
Entschlossenheit des deutschen Volkes, Einheit in

*

AMERIKA DIENST 39

Frieden, Freiheit und im Einvernehmen mit seinen
Nachbarn zu erlangen.
Das Entstehen eines freien, vereinigten und demokratischen Deutschlands, das den Vereinigten Staaten
und seinen europäischen Nachbarn durch unlösbare
Bande der Freundschaft, gemeinsamer Werte und
gegenseitiger Interessen verbunden und das bereit ist,
als vollständig einbezogener Partner in einer größeren
Gemeinschaft demokratischer Nationen zu handeln,
war seit über 40 Jahren das beständige Ziel amerikanischer Außenpolitik. Kaum jemals hat ein Präsident
das Privileg gehabt, dem Senat ein Abkommen zur
Beratung und Zustimmung vorzulegen, das so uneingeschränkt unsere nationalen Ziele verwirklicht. Dieses Abkommen ist das Ergebnis jahrzehntelanger
unerschütterlicher Bestrebungen und Entschlossenheit ehemaliger Präsidenten und Kongresse sowie
unserer Verbündeten. Es ist eine Leistung, auf die wir
stolz sein können.
Es ist voll und ganz angebracht, daß die Deutschen
ihren Status als vereinigtes Land zum frühestmöglichen Zeitpunkt offiziell und unumkehrbar, ungehindert
durch heute veraltete und unnötige Rechte der Vier
Mächte erlangen, zu denen auch die Sowjetunion
gehört. Aus diesem Grund bitte ich den Senat, unverzüglich zu handeln, und über den Vertrag und die
vereinbarte Protokollnotiz zu beraten und seine Zustimmung zur Ratifizierung zu erteilen.

(Unterzeichnet) George Bush

* * *

*

Seite 3

�DEUTSCHE

EINHEIT
3. Oktober 1990

SENAT ERÖRTERT DEN VERTRAG ÜBER DIE
ABSCHLIESSENDE REGELUNG IN BEZUG
AUF DEUTSCHLAND
Anhörung von Robert Zoellick im Senat
WASHINGTON - (AD) - Robert Zoellick, Verhandlungsführer des Außenministeriums, gab dem Senat gegenüber am 28. September 1990 die Empfehlung ab, den "Vertrag über die abschlie ßende Regelung in bezug auf
Deutschland" zu ratifizieren.
In einer Anhörung vor dem Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten erklärte Zoellick, "diese Regelung
symbolisiert die Verwirklichung eines beständigen Ziels der amerikanischen Außenpolitik: die Erlangung eines
vereinigten, demokratischen, souveränen Deutschlands."
Bei der Anhörung konzentrierte sich die Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Artikel des Vertrags, die sich auf
eine Begrenzung der deutschen Streitkräfte und den bevorstehenden Abzug sowjetischer Streitkräfte aus der
damaligen Deutschen Demokratischen Republik beziehen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Zoellicks Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder,
ich danke für diese Gelegenheit, den Vertrag über die
abschließende Regelung in bezug auf Deutschland
heute vor diesem Ausschuß erörtern zu können. Insbesondere möchte ich Ihnen und Ihren Kollegen meinen Dank dafür aussprechen, daß sie diese Vereinbarung in einer Zeit dichtgedrängter Termine vorrangig
behandeln.
Es ist mir eine Ehre, dem Senat diesen Vertrag vorzulegen.
Diese Regelung symbolisiert die Verwirklichung eines
beständigen Ziels der amerikanischen Außenpolitik:
die Erlangung eines vereinigten, demokratischen,
souveränen Deutschlands.
Dieses Deutschland wird die fundamentalen politischen und wirtschaftlichen Werte der Vereinigten Staaten
teilen und ein Deutschland sein, das uns als Verbündeter zur Seite steht.

Es ist ein Triumph für den Präsidenten, der im Jahr
1948 unerschütterlich blieb, als Stalin seine Vertreter
anwies, den Alliierten Kontrollrat zu verlassen und die
Berlinblockade anordnete.
Es ist ein Triumph für den Präsidenten, der den Deutschen versicherte, sie seien nicht allein, indem er der
Welt gegenüber verkündete: "Ich bin ein Berliner."
Es ist ein Triumph für den Präsidenten, der forderte:
"Reißen Sie diese Mauer nieder."
Es ist ein Triumph für den Präsidenten, der die internationale Staatengemeinschaft bei der Unterstützung
Deutschlands anführte, als wir im vergangenen Jahr
an der Sicherstellung der friedlichen Vereinigung eines
demokratischen Deutschlands in einem ungeteilten
und freien Europa arbeiteten.
Es ist ein Triumph für diesen und alle vorherigen
Kongresse, die sich unerschütterlich gegen Aggression gewandt und für Freiheit eingesetzt haben.

Dies ist ein Triumph vierzigjähriger Arbeit.

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�Aber vor allem ist es ein Triumph für das amerikanische Volk, das einem ehemaligen Gegner beim Aufbau einer starken Demokratie und dem Wiederaufbau
einer florierenden Wirtschaft geholfen hat, und das
dann bereit war, gemeinsam mit dem deutschen Volk
Opfer auf sich zu nehmen, um dessen Freiheit zu
schützen. Und weil das amerikanische Volk weiß, daß
Freiheit unteilbar ist, haben auch wir niemals die
Hoffnung aufgegeben, daß ganz Deutschland eines
Tages frei sein würde.
Gelegentlich - und selbst in diesen Zeiten - behaupten
Kommentatoren und Kritiker im In- und Ausland, den
Vereinigten Staaten mangele es an Entschlußkraft
und Durchhaltevermögen. Während wir dieses Kapitel
des kalten Krieges schließen, hoffe ich, daß wir auch
etwas über den Platz der Vereinigten Staaten in der
Welt nach dem kalten Krieg sagen können: Die
Vereinigten Staaten können die Sache der Freiheit
anführen und erhalten - wenn wir geschlossen für unsere gemeinsamen Interessen eintreten.
Dieser abschließenden Regelung liegt jedoch noch
eine andere Geschichte zugrunde.
Es ist die Geschichte eines Volkes, das im Jahr 1953
den ersten Volksaufstand gegen eine neue Tyrannei
anführte.
Auch das deutsche Volk hat in der friedlichen Revolution von 1989 durchgehalten und gelitten und sich
erhoben. Sein Wunsch nach Selbstbestimmung hat
eine Mauer niedergerissen. Und das deutsche Volk ist
der Grund, warum ich Sie heute bitte, die letzten
Relikte der Rechte und Pflichten der Vier Mächte über
ein souveränes Deutschland aufzuheben.
Das Tempo der Ereignisse hat sich seit der Befreiung
des deutschen Volkes am 9. November vergangenen
Jahres erheblich beschleunigt.
Am 28. November 1989 legte Bundeskanzler Kohl
einen Ansatz dar, mit dem das Streben der Deutschen
nach Frieden und Freiheit verwirklicht werden sollte.
Sechs Tage später bekräftigte Präsident Bush seinen
Amtskollegen bei der NATO gegenüber, daß sich die
Vereinigten Staaten und die NATO seit 40 Jahren für
die Vereinigung der beiden deutschen Staaten eingesetzt hätten und wir niemals von diesem Ziel abweichen würden.
Der Präsident stellte als Leitfaden für unsere Politik
vier Prinzipien auf, die Außenminister Baker in seiner
Berliner Rede vom 12. Dezember 1989 weiter ausführte:
Erstens muß die Selbstbestimmung des deutschen
Volkes ungeachtet des Ergebnisses erfolgen.
Zweitens sollte die Wiederherstellung der Einheit im
Rahmen deranhaltenden Verpflichtung Deutschlands
gegenüber der NATO und der Europäischen Gemeinschaft erfolgen.
Seite 2

Drittens muß die Wiederherstellung der Einheit im
Interesse der allgemeinen europäischen Stabilität friedlich und schrittweise erfolgen.
Viertens sollten Grenzfragen gemäß den in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Grundsätzen gelöst
werden.
Diese Punkte fanden die Zustimmung der deutschen
Regierung und anderer Verbündeter, die gemeinsam
mit uns die erneuten Hoffnungen auf die deutsche
Einheit unterstützt haben.
Ich freue mich berichten zu können, daß die von uns
dem Senat unterbreitete abschließende Regelung diesen
vier Grundsätzen voll und ganz gerecht wird.
Nachdem die Vereinigten Staaten bei der Kursbestimmung im Hinblick auf die äußeren Aspekte der Vereinigung maßgeblich beteiligt waren, mußte ein Prozeß
geschaffen werden, der den entscheidenden Parteien
die Lösung der wichtigsten Fragen gestattete. Bis zum
Januar dieses Jahres hatte sich die innere Vereinigung
schon "am Boden" vollzogen. Wir wollten nichts tun,
was den Eindruck erwecken konnte, von außen würde
versucht, die Selbstbestimmung der Deutschen zu
verweigern oder zu verzögern. Der Vollzug der deutschen Einheit erforderte jedoch den vollständigen
Verzicht auf die Rechte und Pflichten der Vier Mächte.
Darüber hinaus verstärkte das Tempo der Ereignisse
"am Boden" die Ängste mancher der Vier Mächte,
insbesondere der Sowjetunion.
Um den gemeinsamen Interessen aller Parteien gerecht zu werden, brachten wir Ende Januar und Anfang
Februar dieses Jahres den Gedanken des Zwei-plusVier-Mechanismus' ins Spiel.
Am 13. Februar gaben wir in Ottawa die Einigung auf
diesen neuen Prozeß bekannt. Die "zwei" Deutschlands und ihr innerer Vereinigungsprozeß standen an
erster Stelle. Der "Zwei-plus-Vier"-Prozeß sollte es
ihnen jedoch ermöglichen, die äußeren Aspekte der
Vereinigung mit den Vier Mächten zu erörtern. Er
verschaffte uns einen Rahmen, innerhalb dessen wir
über die Aufhebung der verbleibenden Einschränkungen der Souveränität Deutschlands verhandeln und
damit die Vereinigung Deutschlands erleichtern konnten. Der Zwei-plus-Vier-Prozeß war femer flexibel
genug, um den besonderen Umständen Rechnung zu
tragen, insbesondere durch die Einladung an Polen, an
unseren Gesprächen über die Grenzen Deutschlands
teilzunehmen.
Wir haben dem Ausschuß den historischen Ablauf des
Zwei-plus-Vier-Prozesses schriftlich dargelegt, und
ich will deshalb in meiner Erklärung nicht mehr auf die
Einzelheiten eingehen. Ich wende mich nun statt
dessen der abschließenden Regelung zu, die den Höhepunkt unserer Arbeit darstellt.

AMERIKA DIENST 39

�Wir sind davon überzeugt, daß der Ihnen vorliegende
Vertrag ein gutes Abkommen ist. Sie haben den
Wortlaut des Vertrags, der vereinbarten Protokollnotiz
sowie von drei Briefen über andere Fragen von möglichem Interesse in Händen. Ich möchte kurz auf die
wichtigsten Artikel dieses Abkommens eingehen.
Die Präambel begrüßt den Entschluß des deutschen
Volkes, in einem demokratischen, vereinigten Staat zu
leben, erkennt die Veränderungen an, die zu einem
ungeteilten und freien Europa geführt haben und erläutert die Prinzipien, die den Kurs Europas nach Beendigung des kalten Krieges bestimmen sollten.
Artikel 1 bestätigt den endgültigen Charakter der Grenzen
des vereinigten Deutschlands. Der polnische Außenminister nahm an dem Treffen teil, bei dem diese
Grundsätze formuliert wurden, und am 15. September
1990 verkündete die polnische Regierung, sie sei mit
diesem Vertrag voll und ganz einverstanden.
Artikel 2 bekräftigt den Willen Deutschlands, daß von
deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird.
In Artikel 3 bekräftigt Deutschland seinen Verzicht auf
Herstellung und Besitz von und Verfügungsgewalt
über atomare, biologische und chemische Waffen.
Der Artikel nimmt darüber hinaus Kenntnis von der in
vollem Einvernehmen mit der DDR abgegebenen
Erklärung der Bundesrepublik Deutschland, daß die
Streitkräfte des vereinigten Deutschlands innerhalb
von drei bis vier Jahren nach Inkrafttreten des ersten
KSE-Vertrags auf 370 000 Mann reduziert werden.
Artikel 4 regelt den Abzug der sowjetischen Truppen
von deutschem Boden bis zum Jahr 1994.
Artikel 5 betrifft die Stationierung von Streitkräften in
Berlin und der ehemaligen Deutschen Demokratischen
Republik. Er gestattet die Stationierung von NATOStreitkräften in der ehemaligen DDR nach dem sowjetischen Truppenabzug und erlaubt die Stationierung
deutscher Verbände der Territorialverteidigung, die
nicht in die Bündnisstrukturen integriert sind. Auf
Wunsch der deutschen Regierung werden amerikanische, britische und französische Truppen in dieser
Übergangsperiode in Berlin verbleiben. Nach diesem
Zeitraum dürfen ausländische Streitkräfte in der ehemaligen DDR weder stationiert noch dorthin verlegt
werden. In der vereinbarten Protokollnotiz wird verdeutlicht, daß alle Fragen in bezug auf die Anwendung
des Wortes "verlegt" im letzten Satz dieses Artikels
von der Regierung des vereinten Deutschlands entschieden werden.
Artikel 6 erlaubt die volle Mitgliedschaft Deutschlands
in der NATO. Er legt dar, daß das Recht des vereinigten Deutschlands auf Zugehörigkeit zu Bündnissen mit

* *

AMERIKA DIENST 39

allen sich daraus ergebenden Rechten und Pflichten
von diesem Vertrag nicht berührt wird.
Die übrigen Artikel regeln die Aufhebung der Rechte
der Vier Mächte, das Ratifizierungsverfahren, das
Inkrafttreten und die Hinterlegung der Urschrift des
Vertragstextes.
Die Begleitschreiben enthalten zusätzliche deutsche
Verpflichtungen im Hinblick auf ausstehende Forderungen amerikanischer Staatsbürger und Juden (und
zwar amerikanische Staatsbürger und Nichtamerikaner) gegen die DDR, die Erhaltung von Denkmälern für
die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft, das
Verbot nationalsozialistischer Parteien und die Erörterung der von der DDR abgeschlossenen völkerrechtlichen Verträge. Ich möchte insbesondere den vom 18.
September datierten Brief von Außenminister Genscher betonen, der zur zügigen und befriedigenden
Regelung von Ansprüchen amerikanischer Staatsbürger und jüdischer Opfer des Holocaust gegen die DDR
verpflichtet.
Herr Vorsitzender, Deutschland wird sich am 3. Oktober vereinigen. Dies wird ein großer Tag für Deutschland, für seine Verbündeten und für Europa sein.
Die Parlamente der Vier Mächte haben die Ratifizierung dieses Vertrags in die Wege geleitet, der die
Rechte der Vier Mächte beendet. Das Parlament des
vereinigten Deutschlands wird sich nach der Vereinigung diesem Vertrag als absolut vordringlicher Frage
widmen. Wir hoffen, nächste Woche ein Dokument zu
unterzeichnen, das die Rechte der Vier Mächte in einer
Interimszeit zwischen der Vereinigung Deutschlands
und der Ratifizierung des Vertrags durch den letzten
Unterzeichnerstaat aufhebt.
Ich fühle mich deshalb von den Äußerungen Senator
Mitchells und einer Reihe anderer Senatoren aus
diesem Ausschuß stark ermutigt, die unser Engagement zur zügigen Behandlung dieses Vertrags teilen.
Wir möchten diese letzten Nachkriegsbeschränkungen so bald wie möglich beenden, damit wir unser
Verhältnis zum vereinigten Deutschland mit derselben
Achtung und Freundschaft beginnen können, die unsere Beziehungen auf dem langen Weg zum 3. Oktober gekennzeichnet haben.
Es ist daher ein besonderes Privileg, den Senat um
seinen Rat und seine Zustimmung zu diesem Vertrag
zu bitten, um die erfolgreiche Partnerschaft zwischen
Kongreß und Regierung zu besiegeln. Diese Partnerschaft hat dem gesamten deutschen Volk geholfen,
das Wort des ersten Kanzlers der Bundesrepublik
Deutschland neu zu fassen: Die Devise lautet nicht
länger "Freiheit über Einheit", sondern "Freiheit und
Einheit".

* *

*

Seite 3

�GOLFKRISE
3. Oktober 1990

UNO-REAKTION AUF IRAKS
AGGRESSION "BEISPIELLOS"
Rede von Präsident Bush vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Präsident Bush zufolge war die "entschlossene Reaktion der Sicherheitsrats der
Vereinten Nationen auf die unprovozierte Aggression des Irak beispiellos" und fand in der Verabschiedung von
acht wichtigen Resolutionen im Hinblick auf die Lage am Persischen Golf ihren Niederschlag.
Alle hofften, daß die zur Durchsetzung der UN-Sanktionen gegen Irak und zur Verteidigung Saudi-Arabiens in
den Golf entsandten Streitkräfte nicht eingesetzt werden müssen und "unmittelbar nach Beendigung der Mission
nach Hause zurückkehren können". Die Vereinigten Staaten strebten eine "friedliche, diplomatische Lösung"
am Golf an, erklärte Präsident Bush vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 1. Oktober 1990.
"Die Hauptaufgabe der Welt besteht vornehmlich - heute und in allen Zeiten - darin, zu demonstrieren, daß
Aggression nicht toleriert oder belohnt wird".
Bush zufolge bietet sich heute eine "echte Möglichkeit, die Vereinten Nationen ihrem eigentlichen Zweck
entsprechend zu nutzen - als Zentrum für internationale kollektive Sicherheit". Er fuhr fort, die in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen hätten maßgeblich zur Stärkung der Vereinten Nationen beigetragen. "Die
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen haben endlich Containment und Konfrontation überwunden, und heute
versuchen wir, das Versprechen gegenseitigen Verständnisses zu erfüllen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, heute zur Eröffnung einer
historischen Sitzung der Generalversammlung der
Vereinten Nationen zu Ihnen sprechen zu können.
Vor 45 Jahren, als die Feuer eines tragischen Krieges
noch über zwei Ozeane und zwei Kontinente fegten,
begann eine kleine Gruppe von Männern und Frauen
inmitten der Ruinen nach Hoffnung zu suchen. Sie
kamen in San Francisco zusammen, ließen die Schrekken hinter sich, um eine neue Struktur zu schaffen, mit
der vielleicht ein alter Traum realisert werden könnte.
Ungeheuer idealistisch und dennoch vom Krieg geprägt, versuchten sie eine neue Art von Brücke zu
bauen, eine Brücke zwischen Nationen, eine Brücke
die dazu beitragen könnte, die Menschheit von ihrer
dunkelsten Stunde zu ihrem strahlendsten Tag zu
leiten.
Die Gründung der Vereinten Nationen verkörperte
unsere tiefsten Hoffnungen auf eine friedliche Welt.
Und im vergangenen Jahr sind wir der Verwirklichung
dieser Hoffnungen näher als jemals zuvor gekommen.
Wir wurden Zeuge, wie im Verlauf dieses von Drohungen und Stacheldraht gekennzeichneten Jahrhunderts
AMERIKA DIENST 39

der Weg für ein neues Zeitalter von Frieden, Zusammenarbeit und Freiheit freigemacht wurde.
Die Revolution von 1989 fegte mit ungeahnter Eigendynamik über die Welt hinweg, von einem neuen Wind
der Freiheit getragen, der das politische Klima von
Mitteleuropa bis nach Mittelamerika veränderte und
praktisch jeden Winkel des Globus erreichte.
Dieser Wind wurde von einer einfachen, fundamentalen Tatsache entfacht, die heute praktisch weltweit
anerkannt ist: Der menschliche Geist kann nicht für
immer und ewig eingeschlossen werden. Tatsache ist,
daß die Menschen überall auf der Welt durch dieselben
Dinge motiviert werden: Die Chance, ein erfülltes
Leben zu leben - sich selbst für ein Leben zu entscheiden, in dem sie und ihre Kinder lernen, gesund aufwachsen, ungehindert ihre Religion ausüben und durch
ihrer Hände Arbeit zu Wohlstand gelangen können.
Wir sprechen nicht von der Macht der Nationen, sondern von der Macht des einzelnen. Der Macht, Entscheidungen zu treffen, Risiken einzugehen, der Macht
zum Erfolg.

Seite 1

�Dies ist eine neue und andere Welt. Erstmals seit 1945
sehen wir eine reale Möglichkeit, die Vereinten Nationen ihrem eigentlichen Zweckentsprechend zu nutzen
- als Zentrum für internationale kollektive Sicherheit.
Die in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen
haben maßgeblich zur Stärkung der Vereinten Nationen beigetragen. Die amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen haben endlich Containment und Konfrontation überwunden, und heute versuchen wir, das
Versprechen gegenseitigen Verständnisses zu erfüllen.
Der lange Kampf, der 45 Jahre lang Europa, unsere
beiden Nationen und einen Großteil der Welt gespalten hat, ist beendet. In den vergangenen zwei Jahren
hat sich sehr viel verändert. Die Sowjetunion hat
zahlreiche drastische und entscheidende Schritte
unternommen, um voll und ganz Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft werden zu können.
Als die Sowjetunion so vielen von uns bei der Verurteilung der irakischen Aggression zustimmte, konnte kein
Zweifel daran bestehen, daß wir in der Tat vier Jahrzehnte der Geschichte hinter uns gelassen hatten.
Wir hoffen, daß das Instrumentarium der Vereinten
Nationen nicht länger durch die Zwietracht behindert
wird, die wir im Verlauf des kalten Kriegs erleben
mußten. Nun endlich können wir neue Brücken bauen
und alte Mauern niederreißen.
In zwei Tagen wird die Welt Zeuge, wie der kalte Krieg
in Berlin offiziell beendet wird. Und in dieser Zeit der
Prüfungen muß eine grundlegende Frage gestellt
werden. Eine Frage - nicht an eine einzelne Nation sondern an die Vereinten Nationen.

Diese Frage

lautet: Können wir in einer neuen Partnerschaft der
Nationen zusammenarbeiten? Kann die kollektive
Stärke der internationalen Staatengemeinschaft, die in
den Vereinten Nationen ihren Niederschlag findet, uns
bei Abschreckung und Verteidigung gegen Aggression
vereinigen?
Denn der im kalten Krieg geführte Kampf der Ideen ist
nicht der letzte dramatische Kampf dieses Jahrhunderts. Vor zwei Monaten, in den letzten Wochen eines
der hoffnungsvollsten Sommer der Geschichte wurde
die endlose, stille Schönheit der friedlichen kuwaitischen Wüste durch Dieselgestank und den Lärm von
Panzern verpestet. Wiederum verhallte das Grollen
eines entfernten Donners im wolkenlosen Himmel.
Und wiederum erwachte die Welt, um in Gewehrläufe
zu blicken.
Aber dieses Mal war die Welt bereit. Die entschlossene Reaktion des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen auf die unprovozierte Aggression des Irak war
beispiellos. Seit der Invasion am 2. August hat der
Sicherheitsrat acht wichtige Resolutionen verabschiedet, in denen die Bedingungen für eine Lösung der
Krise festgelegt sind.
Seite 2

Das irakische Regime muß sich den Tatsachen stellen. Wie ich bereits im vergangenen Monat gesagt
habe: Die Annexion Kuwaits wird nicht Bestand haben. Das ist nicht allein die Ansicht der Vereinigten
Staaten. Es ist die Ansicht eines jeden Kuwaiters, der
Arabischen Liga und der Vereinten Nationen. Die
irakische Führung sollte wissen: Der Irak hat den Rest
der Welt gegen sich. Ich möchte diese Gelegenheit
ergreifen, die Politik meiner Regierung zu verdeutlichen. Die Vereinigten Staaten unterstützen die Anwendung von Sanktionen, um die irakische Führung
zum unverzüglichen und bedingungslosen Abzug aus
Kuwait zu zwingen. Darüber hinaus unterstützen wir
die Lieferung von Arznei- und Nahrungsmitteln für
humanitäre Zwecke, solange die Verteilung entsprechend überwacht werden kann. Wir liegen nicht mit
dem irakischen Volk im Kampf. Wir wollen nicht, daß
es leidet. Die Welt kämpft gegen den Diktator, der die
Invasion befohlen hat.
Gemeinsam mit anderen Ländern haben wir Streitkräfte zur Durchsetzung der Sanktionen, zur Abschrekkung und gegebenenfalls Verteidigung gegen weitere
Aggression in die Region entsandt. Wir handeln nicht
aus Eigennutz, und unsere Streitkräfte sollen keinen
Tag länger als nötig in Saudi-Arabien bleiben. Die
amerikanischen Streitkräfte wurden auf Bitte der saudiarabischen Regierung entsandt. Das amerikanische
Volk - und dieser Präsident - wollen, daß jeder amerikanische Soldat unmittelbar nach Beendigung der
Mission nach Hause zurückkehrt.
Darüber hinaus möchte ich nochmals betonen, daß wir
alle hier bei den Vereinten Nationen hoffen, die Streitkräfte mögen niemals zum Einsatz kommen. Wir
streben ein friedliche, diplomatische Lösung an. Und
noch etwas - ich bin fest davon überzeugt, daß es im
Anschlu ß an den bedingungslosen Abzug des Irak aus
Kuwait Möglichkeiten geben wird: Für die endgültige
Beilegung der Streitigkeiten zwischen Irak und Kuwait,
für die Staaten am Golf, ein neues Stabilitätsgefüge
aufzubauen und für alle Staaten und Völker der Region, den Konflikt zu lösen, der Araber und Israelis
trennt. Die Hauptaufgabe der Welt besteht jedoch
vornehmlich - heute und in allen Zeiten - darin zu
demonstrieren, daß Aggression nicht toleriert oder
belohnt wird.
Durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist
der Irak von einem Geschworenengericht ihm Ebenbürtiger - den Nationen der Welt - verurteilt worden.
Heute steht das Regime isoliert und als Anachronismus da, von der zivilisierten Welt nicht durch Raum,
sondern durch Jahrhunderte getrennt.
Die unprovozierte Aggression des Irak ist ein Rückfall
in ein anderes Zeitalter, ein dunkles Relikt einer finsteren Zeit. Der Irak hat Kuwait geplündert, unschuldige
Bürger terrorisiert und selbst Diplomaten als Geiseln
genommen. Der Irak und seine Führung müssen für
diese Verbrechen der Mißachtung und Zerstörung zur

AMERIKA DIENST 39

�Rechenschaft gezogen werden. Aber diese empörende Mißachtung grundlegender Menschenrechte kam
nicht völlig überraschend. Tausende von Irakern wurden
aus politischen und religiösen Gründen exekutiert und
noch mehr durch einen völkermörderischen, gegen
Iraks kurdische Dorfbewohner geführten Krieg unter
Einsatz chemischer Waffen.

Wenn wir in die Zukunft blicken, bietet der Kalender
einen Meilenstein, eine Meßlatte, an der wir unseren
Fortschritt als internationale Staatengemeinschaft
messen können.
Das Jahr 2000 markiert einen Wendepunkt, an dem
nicht nur ein neues Jahrzehnt, nicht nur ein neues
Jahrhundert, sondern ein neues Jahrtausend anbricht.

Als internationale Staatengemeinschaft sind wir zum
Handeln verpflichtet - nicht nur, um den Einsatz unmenschlicher Waffen wie Senf- und Nervengas abzuschrecken - sondern, um solche Waffen endgültig
abzuschaffen. Aus diesem Grund habe ich vor einem
Jahr der Generalversammlung neue Vorschläge über
ein vollständiges Verbot dieser schrecklichen Waffen
unterbreitet.

In zehn Jahren, bei der 55. Sitzung der Generalversammlung, werden sich wiederum viele von uns in
diesem Saal einfinden, die Haare etwas mehr ergraut,
vielleicht mit etwas weniger schwungvollem Gang.
Aber wir werden nicht von weniger Hoffnung oder
Idealismus, oder weniger Vertrauen in den endgültigen
Triumph der Menschheit geleitet sein.

Ich habe versprochen, die Vereinigten Staaten würden
in den ersten acht Jahren des Vertrags über ein Verbot
chemischer Waffen über 98 Prozent ihres Bestands
zerstören und 100 Prozent in 10 Jahren, wenn alle
Nationen mit C-Waffenfähigkeit den Vertrag unterzeichnen.

Ich sehe eine Welt der offenen Grenzen, des offenen
Handels und - was am wichtigsten ist - der geistigen
Offenheit. Eine Welt, die sich des gemeinsamen
Erbes erfreut, das allen Menschen auf der Welt gehört,
die nicht nur auf ihren Heimatort oder ihr Heimatland
stolz sind, sondern auf die Menschheit als Ganzes.

Wir haben dieses Versprechen eingehalten. Im Juni
haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ein
bahnbrechendes Abkommen über die Einstellung der
Produktion und die Zerstörung eines Gro ßteils unserer
Bestände unterzeichnet. Heute werden die chemischen Waffen der Vereinigten Staaten zerstört.

Ich sehe eine Welt, in der ein olympischer Geist
herrscht: Gegründet nicht auf einen Wettstreit aus
Furcht, sondern auf Freude und Ausgelassenheit und
wahres Streben nach herausragenden Leistungen.

Aber die Zeit läuft uns davon. Dies ist nicht nur ein
bilaterales Anliegen. Die Golf krise beweist, wie wichtig
gemeinsames - und unverzügliches - Handeln ist, um
ein absolutes, weltweites Verbot dieser Waffen zu
verwirklichen. Wir müssen darüber hinaus unsere
Anstrengungen verdoppeln, die Verbreitung von Kernwaffen, biologischen Waffen und ballistischen Raketen einzudämmen, die Vernichtung für weit entlegene
Völker bedeuten können.
Die Vereinten Nationen können dazu beitragen, einen
neuen Tag herbeizuführen, einen Tag, an dem diese
schrecklichen Waffen - und die schrecklichen Despoten, die sie zum Einsatz bringen - ein Relikt der
Vergangenheit sein werden. Es ist an uns, diese
dunkle Maschinerie hinter uns zu lassen, in den dunklen Zeiten, in die sie gehören und darauf zu drängen,
eine historische Entwicklung zu einer neuen Weltordnung und einem langen Zeitalter des Friedens zu
einem krönenden Abschluß zu bringen.
Wir haben die Vision einer neuen Partnerschaft der
Nationen, die über den kalten Krieg hinausgeht. Einer
auf Konsultationen, Kooperation und kollektivem Handeln
- insbesondere in internationalen und regionalen Organisationen - gegründeten Partnerschaft. Einer durch
Prinzipien und Rechtsstaatlichkeit und durch gerechte
Verteilung von Kosten und Pflichten getragenen Partnerschaft. Einer Partnerschaft, die mehr Demokratie,
Wohlstand, Frieden und weniger Waffen zum Ziel hat.

AMERIKA DIENST 39

Ich sehe eine Welt, in der die Demokratie weiterhin
neue Freunde gewinnt und alte Feinde umstimmt, in
der alle Teile Amerikas - Norden, Mitte und Süden - ein
Modell für die Zukunft der Menschheit schaffen können - die erste vollkommen demokratische Hemisphäre der Welt.
Und ich sehe eine Welt, die auf dem entstehenden
neuen Modell der europäischen Einheit aufbaut. Nicht
nur Europa, sondern die ganze Welt - "ungeteilt und
frei".
Gerade aus diesem Grund ist die Aggression am Golf
nicht nur eine Bedrohung für die Sicherheit der Region
selbst, sondern für die Vision der ganzen Welt von
unserer Zukunft. Sie droht, den Traum von einer
neuen internationalen Ordnung in einen grauenhaften
Alptraum der Anarchie zu verwandeln, wo das Gesetz
des Dschungels das Völkerrecht verdrängt.
Aus diesem Grund haben die Vereinten Nationen mit
solch historischer Einigkeit und Entschlossenheit reagiert. Und aus diesem Grund ist diese Herausforderung eine Prüfung, bei der wir nicht scheitern dürfen.
Ich bin zuversichtlich, daß wir uns durchsetzen werden. Der Erfolg wird dauerhafte Folgen haben - die
Stärkung zivilisierter Normen des internationalen Verhaltens, die Schaffung eines Präzedenzfalles für internationale Zusammenarbeit, die Verbesserung der
Aussichten unserer Vision von der Zukunft.
Es sind noch zehn Jahre bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Zehn Jahre, um die Kämpfe des 20. Jahrhunderts für immer hinter uns zu lassen. Zehn Jahre,
Seite 3

�in denen wir eine neue Partnerschaft zwischen den
Nationen einleiten können. Und in diesen zehn Jahren
kommt den Vereinten Nationen von heute an eine neue
und vitale Rolle beim Aufbau dieser neuen Partnerschaft zu. Im vergangenen Jahr hat uns die Generalversammlung gezeigt, wie wir größere Fortschritte zu
pragmatischeren und erfolgreicheren Vereinten Nationen machen können. Zum ersten Mal beginnt der UNSicherheitsrat so zu funktionieren, wie es von Anfang
an gedacht war.

Wie freie Wahlen, so betrachte ich auch die allgemeine
UNO-Mitgliedschaft aller Staaten als entscheidend für
die Zukunft dieser Organisation und der neuen Partnerschaft, über die wir gesprochen haben. Zur Unterstützung dieses Prinzips und in Zusammenhang mit
Bemühungen der UNO zum Abbau regionaler Spannungen befürworten die Vereinigten Staaten uneingeschränkt die UNO-Mitgliedschaft der Republik Korea.
Wir tun dies, ohne das Endziel der Wiedervereinigung
der koreanischen Halbinsel in Frage zu stellen und
ohne eine gleichzeitige Mitgliedschaft der Volksrepublik Korea abzulehnen.

Heute ist die Zeit gekommen, alte Debatten, alte
Verfahren, alte Kontroversen und alte Resolutionen
beiseitezulegen. Es ist an der Zeit, polemische Angrif- Zur Entwicklung dieser und anderer Initiativen müssen
fe durch pragmatische Maßnahmen zu ersetzen.
wir uns alle in einem neuen Bund zusammenschließen, um die Vereinten Nationen in das 21. Jahrhundert
Wir haben bewiesen, daß die Vereinten Nationen auf zu führen. Ich rufe heute zu umfassenden und langfridie kollektive Stärke der internationalen Staatenge- stigen Bemühungen dafür auf. Wir sollten auf dem
meinschaft zählen können. Wir haben bewiesen, daß Erfolg unseres verehrten Generalsekretärs, meines
sich die Vereinten Nationen der Herausforderung von alten Freundes und Kollegen, Javier Perez de Cuellar,
Aggression stellen können, wie ihre Gründer dies aufbauen. Wir sollten nach mehr Effektivität und
erhofft hatten. Und heute in dieser Zeit der Prüfung Effizienz der Vereinten Nationen streben.
müssen wir darüber hinaus beweisen, daß die Vereinten Nationen der Ort sind, um internationale Unterstüt- Die Vereinigten Staaten verpflichten sich, ihren Teil
zung und einen Konsens zu bilden, damit die anderen beizutragen, um weltweite Sicherheit aufrechtzuerhalvor uns liegenden Herausforderungen bewältigt wer- ten und Demokratie und Wohlstand zu fördern. Meine
den.
Administration engagiert sich uneingeschränkt für die
Unterstützung der Vereinten Nationen und dafür, zu
Die Welt bleibt ein gefährlicher Ort. Unsere Sicherheit bezahlen, wozu wir uns aufgrund der Charta verpflichund unser Wohlergehen hängen häufig - zumindest tet haben. Weltfrieden und -Sicherheit - sowie internateilweise - von Geschehnissen ab, die sich weit ent- tionale Freiheit und Wohlstand - erfordern dies.
fernt zutragen. Wir brauchen ernsthafte, internationale und kooperative Bemühungen, um Fortschritte bei Die Welt muß wissen und verstehen: Von dieser
Bedrohungen der Umwelt, beim Terrorismus, bei der Stunde, von diesem Tage an, aus diesem Saal schreiBewältigung der Schuldenlast, beim Kampf gegen die ten wir nach vorn mit einer neuen Zielstrebigkeit,
Geißel des internationalen Drogenhandels und bei einem neuen Gefühl für Möglichkeiten. Wir stehen
Flüchtlings- und Friedenssicherungsbemühungen auf zusammen, sind bereit, gegen den Strom zu schwimder ganzen Welt zu erreichen.
men, Hindemisse zu überwinden, die schwierigen
Herausforderungen in Angriff zu nehmen, die sich uns
Die Welt bleibt jedoch auch ein Ort der Hoffnung. stellen werden - nicht nur als Vereinte Nationen, sonForderungen nach Demokratie und Menschenrechten dern als Nationen der Welt, die vereint stehen.
leben überall wieder auf. Diese Forderungen sind
Ausdruck der Unterstützung für die in der UNO-Charta Vom letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts soll einverankerten Werte. Sie ermutigen unsere Hoffnungen mal gesagt werden können: Dies war eine Zeit, in der
auf eine stabilere, friedlichere und wohlhabendere die Menschheit endlich mit sich ins reine kam. Als wir
Welt.
aus dem Ruß und Rauch des Industriezeitlaters heraustraten, um eine Revolution des Geistes zu verwirkFreie Wahlen sind die Grundlage demokratischer lichen und eine Reise zu einem neuen Tag, einem
Regierungen und können tiefgreifende Erfolge bewir- neuen Zeitalter und einer neuen Partnerschaft der
ken, wie wir in Namibia und Nicaragua feststellen Nationen anzutreten.
konnten. Die Zeit ist gekommen, um der Rolle der
UNO bei solchen Bemühungen eine formalere Struk- Die Vereinten Nationen erfüllen heute dieses Verspretur zu verleihen. Ich schlage deshalb heute vor, daß chen als Friedensparlament der Welt. Ich beglückdie Vereinten Nationen einen Sonderkoordinator für wünsche Sie. Ich unterstütze Sie. Und ich wünsche
Wahlhilfe ernennen, dem eine UN-Wahlkommission Ihnen Gottes Segen für die kommenden Herausfordezur Seite stehen soll, die sich aus renommierten Fach- rungen.
leuten in aller Welt zusammensetzt.
* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 39

�GOLFKRISE
3. Oktober 1990

BAKER: ÜBERGANG ZUR TAGESORDNUNG
MIT DEM IRAK UNMÖGLICH
Rede vor dem UNO-Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Angesichts der vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen den Irak
verhängten neuen Sanktionen erklärte US-Außenminister Baker, mit dem Regime des irakischen Präsidenten
Saddam Hussein "kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", bis seine "brutale Aggression"
gegenüber Kuwait zunichte gemacht worden sei.
"Tatsächlich kann es überhaupt keine Wirtschaftsbeziehungen mit dem Irak geben", erklärte Baker, nachdem
der Sicherheitsrat mit einer Abstimmung von 14 zu 1 Stimme seine achte Resolution seit Saddam Husseins
Invasion und Besetzung des benachbarten Kuwait am 2. August verabschiedete, in der der Irak verurteilt wird.
Die Resolution verbietet den gesamten zivilen Flugverkehr mit dem Irak und dem besetzten Kuwait, außer zu
humanitären Zwecken.
Der Irak ist "unter Quarantäne gestellt, weil seine Vorgehensweise ihn von der Staatengemeinschaft isoliert hat",
erklärt der US-Außenminister in Sicherheitsrat. "Wir befinden uns in einem Kampf, in dem unsere Willenskraft
auf die Probe gestellt wird. Wir dürfen nicht zulassen, daß unsere Hoffnungen und Wünsche vom Ehrgeiz oder

den Drohungen eines Diktators zertreten werden."
Die Verabschiedung der Resolution 670 "demonstriert erneut, daß die internationale Staatengemeinschaft bereit
ist, zugunsten der Isolation des Irak jedes Schlupfloch zu stopfen", erklärte Baker.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Unsere heutige Zusammenkunft ist außergewöhnlich.
Dies ist erst das dritte Mal in der 45jährigen Geschichte
dieser Organistion, daß alle Außenminister der fünf
Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats zusammenkommen. Die Vereinten Nationen sind kaum jemals
mit einem so dreisten Akt der Aggression konfrontiert
worden wie der irakischen Invasion in Kuwait. Kaum
jemals hat die internationale Staatengemeinschaft eine
solche Einigkeit und Entschlossenheit demonstriert,
daß Aggression nicht zum Erfolg führen sollte.

Nationen würde an Wert verlieren - genau in dem
Augenblick, in dem sie ihrer Verwirklichung näher ist
als jemals zuvor in ihrer Geschichte.

Aktionen haben Konsequenzen! Wenn die internationale Staatengemeinschaft dem Irak gestatten würde,
einen kleinen Nachbarn zu überwältigen und von der
Landkarte auszuradieren, würde damit eine verheerende Botschaft vermittelt. Die Hoffnungen der Welt
auf ein neues, friedlicheres Zeitalter nach dem kalten
Krieg würden schwinden. Die Charta der Vereinten

Elementare Gerechtigkeit und eine besonnene Verfolgung unserer eigenen Interessen haben in dieser
Angelegenheit einmalige Solidarität hervorgebracht.
Wir befinden uns in einem Kampf, in dem unsere
Willenskraft auf die Probe gestellt wird. Wir dürfen
nicht zulassen, daß unsere Hoffnungen und Wünsche
vom Ehrgeiz oder den Drohungen eines Diktators
zertreten werden.

AMERIKA DIENST 39

Im Namen der Vereinigten Staaten möchte ich dem
Rat erklären, daß wir tatsächlich Hoffnungen auf eine
bessere Welt hegen. Die Charta der Vereinten Nationen steht für die Werte des amerikanischen Volkes
und aller Menschen, die wissen, daß Macht allein kein
Recht schaffen darf.

Seite 1

�Unser Ziel muß eindeutig sein und von allen, auch der
irakischen Regierung und dem irakischen Volk richtig
verstanden werden. Die Resolutionen 660 und 662
des Sicherheitsrats weisen den Weg zur Beilegung
des Konflikts: den vollständigen, unverzüglichen und
bedingungslosen Abzug des Irak aus Kuwait, die
Wiedereinsetzung der rechtmäßigen kuwaitischen
Regierung und die Freilassung aller Geiseln. Bis dahin
wird die internationale Staatengemeinschaft mit Resolution 661 und den nachfolgenden Resolutionen für
jeden Tag, an dem die irakische Aggression andauert,
eine hohe und steigende Strafe verhängen.
Die Strafen zeigen erste Auswirkungen, und die kriegerische Sprache aus Bagdad kann die Gefahren der
Isolation nicht überdecken. Drohungen verlängern nur
unnötig die Leiden des irakischen Volkes. Der Irak ist
unter Quarantäne gestellt worden, weil seine brutale
Vorgehensweise ihn von der internationalen Staatengemeinschaft abgesondert hat. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Tatsächlich kann
es überhaupt keine Wirtschaftsbeziehungen mit dem
Irak geben.
Heute unterstützen die Vereinigten Staaten zusammen mit anderen Mitgliedern dieses Rats eine neue
Resolution und zusätzliche Maßnahmen:
Erstens verweist der Rat ausdrücklich darauf, daß
Resolution 661 des UNO-Sicherheitsrats auch den
zivilen Flugverkehr umfaßt. Dies demonstriert erneut,
daß die internationale Staatengemeinschaft bereit ist,
zugunsten der Isolation des Irak jedes Schlupfloch zu
stopfen.
Zweitens kommen wir überein, Maßnahmen gegen
jede Regierung zu ergreifen, die einen Versuch zur
Aufhebung der internationalen Quarantäne unternehmen könnte. Keine Versuchung noch so minimaler
Vorteile sollte irgendeine Regierung zur Komplizenschaft mit dem irakischen Angriff auf internationale
Gerechtigkeit und Anstand veranlassen. Ich würde
sogar sagen, je effektiver die Durchführung der Sanktionen , desto wahrscheinlicher ist der friedliche Verlauf
dieses Konflikts.
Drittens erinnern wir die Regierung des Irak daran, daß
es nicht in ihrem Ermessen steht, internationale Verpflichtungen, insbesondere die humanitären Bestimmungen der vierten Genfer Konvention, zu mißachten.
Jeder Tag, an dem irakische Vertreter Grundregeln
des Anstands außer acht lassen, erschwert dem Irak
die Wiederaufnahme in der internationalen Staatengemeinschaft und die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens. An diesem Punkt möchte ich auf die
Forderung der Arabischen Liga nach Reparationen
verweisen.
Darüber hinaus sind Tausende unschuldiger Menschen heimatlos geworden. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten koordinierte und ein-

Seite 2

heitliche Bestrebungen der Flüchtlingshilfe. Die Ernennung von Saddrudin Aga Kahn ist ein wichtiger
Schritt in diese Richtung.
Viertens unterrichtet der Rat die irakische Regierung
davon, daß ihre anhaltende Nichteinhaltung weitere
Maßnahmen, unter anderem nach Kapitel VII, nach
sich ziehen wird. Die internationale Staatengemeinschaft hat eindeutig ihren Wunsch nach Ausschöpfung
aller friedlichen Möglichkeiten zur Lösung dieser Angelegenheit im Einklang mit den Prinzipien der UNOCharta zum Ausdruck gebracht. Aber wir sind uns alle
sehr wohl bewußt, daß die Charta die Möglichkeit
weiterer einzelner und kollektiver Maßnahmen in Betracht zieht, um sich gegen Aggression und eindeutige
Verletzung internationaler humanitärer Grundsätze zu
verteidigen.
Eduard Schewardnadse hat für uns alle gesprochen,
als er heute erklärt hat: "Dies ist ein massiver Affront
gegen die Menschheit. Im Lichte der jüngsten Ereignisse sollten wir diejenigen, die Aggression als akzeptables Verhalten betrachten, daran erinnern, daß die
Vereinten Nationen über die Macht zur Unterdrückung
von Akten der Aggression verfügen. Es besteht ausreichend Grund zu der Annahme, daß sie von diesem
Recht Gebrauch machen werden. Das wird geschehen , wenn die illegale Besetzung Kuwaits fortbesteht."
Es ist wichtig, zu betonen, daß die von uns verhängten
Sanktionen auf eine Umkehrung der aggressiven Politik
der irakischen Regierung abzielen. Sie richten sich
nicht gegen das irakische Volk, das gezwungen ist, mit
den Konsequenzen einer fehlgeleiteten Politik zu leben.
Der Rat erkennt, daß seine Sanktionen - wie alle
unvorhergesehenen Ereignisse - zahlreiche Mitgliedstaaten teuer zu stehen kommen können. Wir haben
die Pflicht zu gewährleisten, daß kein Land gelähmt
wird, weil es für die Grundsätze der internationalen
Ordnung einsteht. Die Vereinigten Staaten arbeiten
mit anderen Ländern an der Koordinierung internationaler Bestrebungen, um denjenigen Hilfe zu leisten,
die sie am dringendsten benötigen.
Herr Präsident, Mitglieder des Rats, das Ende des
kalten Kriegs hat viele Bedeutungen - vor allem eine
Wiedergeburt der Hoffnung. Die Horizonte der Demokratie, Menschenrechte, nationaler Würde und wirtschaftlichen Fortschritts haben sich ständig erweitert.
Das Ergebnis war auch die Wiedergeburt der Vereinten Nationen. Plötzlich scheinen die Vision der Charta
und die Verwirklichung internationaler Kooperation in
greifbarer Nähe zu liegen. In Mittelamerika, in Namibia
und vielleicht bald in Kambodscha und Afghanistan
setzt diese Organisation mit ihrem Beitrag als Friedensstifter Signale. Zumindest bringen wir erstmals
die Ausbreitung von großen und kleinen Konflikten
unter Kontrolle, die der Menschheit einen so hohen
Preis abfordern.

AMERIKA DIENST 39

�Jetzt sehen wir uns alle zusammen einer ungeheuren
Herausforderung an die Vereinten Nationen und alles,
wofür sie steht, gegenüber. Wenn die Vereinten
Nationen ihre Mission erfüllen und wenn der Frieden
Bestand haben soll, dann darf der irakische Führer von

seinem Angriff auf Anstand und menschliche Grundwerte nicht profitieren dürfen. Wir müssen das tun,
was Gerechtigkeit, Ehre und der Weltfrieden uns
abverlangen: Saddam Husseins brutale Aggression
zunichte machen.

* * * * *

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Seite 3

�KSZE
3. Oktober 1990

BUSH DRÄNGT KSZE ZU KONSOLIDIERUNG
DER FREIHEIT
- Ansprache beim KSZE-Treffen in New York NEW YORK - (AD) - Präsident Bush hat am 1. Oktober 1990 die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) aufgefordert, den Zuwachs an Freiheit zu "konsolidieren", der "in dem enormen politischen
Umbruch, der das Angesicht Europas verändert hat", seinen Niederschlag gefunden habe.
In einer Ansprache bei der ersten KSZE-Konferenz außerhalb Europas erklärte Bush vor den Außenministern
der 35 Staaten, die Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 - die Gründungscharta der KSZE - sei "Ursprung
und Katalysator" der Veränderungen in Osteuropa gewesen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten beim New Yorker KSZE-Treffen im Wortlaut.

Stellvertretend für das amerikanische Volk ist es mir
eine große Ehre, Sie alle in den Vereinigten Staaten
willkommen zu heißen. Es ist besonders angemessen, daß diese Zusammenkunft der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - die erste
auf amerikanischem Boden - in dieser Zeit tiefgreifender Veränderungen stattfindet. Europa tritt in ein
neues und vielversprechendes Zeitalter ein, und dasselbe gilt für die amerikanischen Beziehungen zu
Europa.
Wir Amerikaner sind mit Europa durch ein gemeinsames Erbe, eine gemeinsame Geschichte und durch
gemeinsame kulturelle Bande verknüpft. Durch das
Atlantische Bündnis und die umfassendere Partnerschaft, die unsere beiden Kontinente und unsere Völker verbinden, haben wir zusammen das Ende der
Teilung Europas bewirkt und unseren Blick auf ein
neues, ungeteiltes und freies Europa gerichtet. Zusammen können wir eine neue transatlantische Partnerschaft in der KSZE schmieden - einen Staatenbund
freier Nationen, der den zwischen uns liegenden Ozean
überbrückt.
Im vergangenen Jahr haben wir eine Welt im Wandel
erlebt. Deutschlands lang erwarteter Freudentag bildet den Höhepunkt eines Jahres der Veränderungen,
die einen Kontinent umgestaltet haben. Dieser Umbruch legt Zeugnis ab von der Macht der in der Charta
der KSZE - der Schlußakte von Helsinki - verankerten
Prinzipien. Darin - in den vor 15 Jahren in Helsinki
AMERIKA DIENST 39

niedergelegten Menschenrechten und Grundfreiheiten - erkennen wir Ursache und Katalysator dessen,
was ich als die Revolution von 1989 bezeichne.
In den dunkelsten Tagen der Diktatur strahlten diese
Prinzipien weiter - als leuchtender Stern, der gewöhnliche Menschen zu außergewöhnlichen Taten inspirierte. Denken Sie an Walesa, den Vater der Solidarität. An Sacharow - und seine unbeugsame Menschlichkeit im Angesicht der Repression. An Havel,
Mazowiecki und Antall: Unlängst noch politische
Gefangene - heute Präsident und Ministerpräsidenten
von dreien der jüngsten Demokratien der Welt. Und
Schelew, ein weiterer ehemaliger Häftling, heute Präsident Bulgariens. Denken Sie an all die Millionen
einfacher Männer und Frauen: Endlich frei, ihre Meinung zu äußern - frei, zu leben, arbeiten und glauben,
wie sie möchten.
Die KSZE hat Anteil an diesem gewaltigen Triumph
des menschlichen Geistes. Unsere Herausforderung
besteht jetzt darin, mit dem enormen politischen Umbruch
Schritt zu halten, der das Angesicht Europas verändert
hat - eine KSZE zu schaffen, die diesen großen
Zuwachs an Freiheit konsolidieren und Ost und West
einander näher bringen kann. In Ost- und Mitteleuropa soll diese KSZE dazu beitragen, schwer errungene
demokratische Prinzipien zu verankern und zu stärken. Eine KSZE, die Anteil daran hat, eine solide
Grundlage der Freiheit in dem neuen Europa zu sichern, das heute entsteht.
Seite 1

�Beim Londoner Gipfel im Juli haben die politisch Verantwortlichen des Atlantischen Bündnisses eine Reihe
von Vorschlägen unterbreitet, deren Ziel die Stärkung
der KSZE und die Bündelung ihrer Energien in neue
Richtungen ist.
Wir fordern die Mitgliedstaaten der KSZE auf:
Ein Zentrum zur Konfliktverhütung ins Leben zu
rufen - um auf dem Erfolg der KSZE bei der
Schaffung Vertrauens- und sicherheitsbildender
Maßnahmen aufzubauen, die so viel dazu beigetragen haben, das Risiko eines Krieges aus
Versehen oder aufgrund von Fehleinschätzungen zu reduzieren.
Ein kleines ständiges Sekretariat zu schaffen,
das der KSZE dienen soll - ein Sekretariat, das
einen beschleunigten Fahrplan für KSZE-Konsultationen und Folgekonferenzen unterstützen
könnte.
Ein KSZE-Wahlbüro zu schaffen - um freie und
faire Wahlen zu fördern, das grundlegende demokratische Prinzip, aus dem alle anderen folgen.
Für die Vereinigten Staaten möchte ich die Hoffnung
zum Ausdruck bringen, daß diese neuen Institutionen
- zum gegebenen Zeitpunkt - in den neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas angesiedelt werden.
Beim Londoner Gipfeltreffen haben wir darüber
hinaus eine Einladung an die Mitgliedstaaten
ausgesprochen, eine "Europäische Versammlung" einzuberufen: ein Parlament, in dem die
wachsende Familie der Demokratien einen

gemeinsamen Kurs zu diesem neuen, ungeteilten und freien Europa ausarbeiten kann.
Heute, da wir die Vorbereitungen für einen Gipfel der
KSZE-Staaten treffen, appelliere ich an die Minister,
dieses Treffen zu einem Meilenstein in der Geschichte
der KSZE zu machen.
Aus diesem Grund möchte ich noch einen Bereich
ansprechen, in dem rasche Fortschritte entscheidende Bedeutung haben: die andauernden Verhandlungen über die konventionellen Streitkräfte in Europa.
Ein Abkommen zur Reduzierung der konventionellen
Streitkräfte bildet weiterhin den Eckpfeiler einer neuen
Sichei heitsarchitektur für Europa. Aus diesem Grund
gehen die Vereinigten Staaten davon aus, daß ein
Abkommen über die konventionellen Streitkräfte eine
Grundvoraussetzung für einen KSZE-Gipfel bildet.
Ich fordere deshalb heute die Unterhändler in Wien
auf, ihre Anstrengungen in den kommenden Wochen
zu verdoppeln. Wir müssen die noch ausstehenden
Fragen lösen und eine Übereinkunft erzielen, damit
dieses Jahr ein Gipfeltreffen stattfinden kann.
Vor 15 Jahren - in einem in Ost und West gespaltenen
Europa - bot die KSZE eine Vision eines vereinten
Europas - ungeteilt und frei. Heute, da dieses Europa
in greifbare Nähe gerückt ist, bleibt die KSZE von
entscheidender Bedeutung für all das, was Europa
werden kann.
Ich möchte Sie nochmals willkommen heißen. Möge
der Geist, der Europa auf dem Weg nach vorn geführt
hat, auch Ihre Gespräche leiten - und möge Ihrem
Treffen Erfolg beschieden sein.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 39

�IWF/WELTBANK
3. Oktober 1990

BUSH: ERFOLG DER GATT-RUNDE UNABDINGBAR
Rede des Präsidenten bei Weltbank und IWF
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge können die derzeit unter der Schirmherrschaft des Allgemeinen
Zoll- und Han&lt; Jelsabkommens (GATT) abgehaltenen Handelsgespräche der Uruguay-Runde "die Triebfeder für
Wirtschaftswachstum sein, das uns ins 21. Jahrhundert führt".
In seiner Ansprache vor der Jahresversammlung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) am
25. September 1990 forderte Bush die Nationen der Welt auf, ihren Teil beizutragen. In einem ungewöhnlich
starken Appel' für einen erfolgreichen Abschluß der Handelsgespräche warnte der Präsident, ein Scheitern der
Verhandlungen werde "unweigerlich zunehmenden protektionistischen Druck und politische Instabilität ermutigen", etwas, das - so Bush "wir uns schlecht leisten können während wir eine neue Partnerschaft der Nationen
gegen die Aggression am Persischen Golf schmieden."
Bush gab die Gründung einer neuer Finanzkoordinierungsgruppe unter dem Vorsitz des amerikanischen
Finanzministers Nicholas Brady bekannt, die Hilfsleistungen an die von der Golfkrise am meisten betroffenen
Länder weiterleiten soll. Der Präsident forderte die Bank und den Fonds darüber hinaus auf, Maßnahmen zur
Unterstützung der weltweiten Entwicklung zu freien Märkten zu erarbeiten und unterstrich das amerikanische
Engagement ;:ur Förderung von Entwicklung und Wachstum in den aufstrebenden Demokratien in Lateinamerika, Mittel- und Osteuropa, Afrika und Asien.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, auch in diesem
Jahr wieder mit Ihnen zusammenzutreffen und Sie in
Washington zu diesem bedeutsamen Ereignis willkommen heißen zu dürfen. Und es ist mir eine
besondere Ehre, heute die neuen Mitglieder aus Bulgarien, der Tschechoslowakei, Namibia und natürlich
die Gäste aus der Sowjetunion begrüßen zu können.
Ihre Anwesenheit führt uns vor Augen, wie die Ereignisse des vergangenen Jahres eine neue Partnerschaft der Nationen hervorbringen - und dies ist ein
grundlegender und in der Tat ermutigender Wandel in
der politischen und wirtschaftlichen Ordnung der Welt.
Der in den achtziger Jahren bereits starke Trend zu
demokratischer Herrschaft beschleunigte sich während der sogenannten Revolution von 1989. Die
Rechte des einzelnen wurden bekräftigt und die Rechtsstaatlichkeit besser gewahrt.
Die Freiheit, politisch Verantwortliche - und selbst
politische Systeme - zu wählen, hat in den Ländern
tiiumphiert, die noch vor einem Jahr von Einparteienregimen regiert wurden. Und im Einklang damit begann sich auch wirtschaftliche Freiheit zu entwickeln.
AMERIKA DIENST 39

Heute sehen die politisch Verantwortlichen der Welt in
den Marktkräften das Mittel zur Befriedigung der
Bedürfnisse ihrer Völker. Natürlich hat sich dieser
Wandel nicht problemlos vollzogen. Aber wie ich vor
einem Jahr - bei derselben Veranstaltung - gesagt
habe: "Die Geschworenen haben ihre Entscheidung
gefällt. Die Geschichte hat entschieden." Und heute
sind die Ergebnisse dieses weltweiten Experiments
unmißverständlich. Heute herrscht Konsens, daß
Regierungen allein keinen Wohlstand schaffen können.
Vielmehr macht Wirtschaftswachstum den einzelnen
frei - frei, Risiken einzugehen, Entscheidungen zu
treffen, seine Initiative und Fähigkeiten auf dem Markt
einzusetzen. Wir beobachten dies beispielsweise bei
der Wiederherstellung von Privateigentum in Ländern,
in denen der Staat einst jeden Aspekt des Wirtschaftslebens kontrollierte. Für effiziente Produktion ist Privateigentum immer noch der stärkste Anreiz, den es
gibt.
Zusammen mit der Verjüngung der Märkte ist die
Fähigkeit, individuelle Wirtschaftsentscheidungen zu
Seite 1

�treffen, der schnellste, wirksamste Weg, breitgefächertes Wirtschaftswachstum zu erzielen und erhalten. Aus diesem Grund leiten die politisch Verantwortlich überall auf der Welt schwierige Wirtschaftsreformen in die Wege, bauen stärkere, flexiblere Privatsektoren auf, verbessern die Effizienz und machen die
Entscheidungsfindung der Regierungen rationaler.
Dieser Prozeß erfordert Zeit. Wirtschaftliche Anpassung ist häufig schwierig. Und in den vergangenen
Monaten ist eine neue Herausforderung aufgetreten,
die diesen Prozeß des Wandels behindern könnte: Die
illegale und nicht provozierte Aggression des Irak
gegen den souveränen Staat Kuwait.
Kuwait und seinem Volk wird eindeutig der größte
Schaden zugefügt. Als die saudi-arabische Grenze
geöffnet wurde, berichteten die neu angekommenen
Flüchtlinge aus Kuwait von neuen Greueltaten und
Schrecken, denen sich das kuwaitische Volk und
Ausländer durch die Besatzungstruppen Saddam
Husseins ausgesetzt sahen.
Heute müssen andere Länder, die sich bereits mit
einem schmerzlichen wirtschaftlichen und politischen
Umbruch konfrontiert sehen, zusätzliche Härten in
Kauf nehmen. Länder, die durch die Unwägbarkeiten
der Ölversorgung, im Handel, durch die Entlassung
von Arbeitnehmern und Flüchtlingsströme erschüttert
werden, sehen sich ernsthaften Herausforderungen
gegenüber.
Diese wachsende Bürde, die auf den am härtesten
betroffenen Ländern lastet, erfordert eine großzügige
Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft. Aus
diesem Grund haben wir bereits begonnen, Finanzmittel für die Frontstaaten zu mobiliseren und verantwortungsvolle Lastenteilung unter den Gläubigerländern
sicherzustellen. Die erste Reaktion auf diese Bestrebungen war beeindruckend. Damit Verpflichtungen
jetzt in konkrete Beiträge umgemünzt werden können,
ist es mir eine Ehre, in diesem Zusammenhang die
Gründung der Golf krise-Finanzkoordinierungsgruppe
unter dem Vorsitz von Finanzminister Brady bekanntgeben zu dürfen, die wirksame, rechtzeitige und kontinuierliche finanzielle Unterstützung dieser am härtesten betroffen Länder zum Ziel hat.
Wir dürfen jedoch eine noch größere Gruppe von hier
anwesenden Ländern nicht außer acht lassen, die
unter höheren Ölpreisen und anderen wirtschaftlichen
Engpässen leiden wird.
Obwohl sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu recht auf die Länder am Krisenherd gelenkt hat,
die die schwerste Wirtschaftslast tragen, darf ich Ihnen
versichern, da ß die übrige Welt sicherlich nicht vergessen wurde und wird.
Diese Zusammenkunft führender Vertreter der Finanzwelt bietet uns eine Gelegenheit zur Erörterung,

Seite 2

wie wir zusammenarbeiten können, um die besondere
Finanzlast dieser Krise zu bewältigen, und zwar so,
daß der dramatische, weltweite Übergang zu freien
Märkten nicht gefährdet wird.
Der IWF und die Weltbank sind - angesichts ihrer
Schlüsselrolle in der Weltwirtschaft - das Instrument,
das uns allen durch diese Situation hindurchhelfen
kann, indem sie eine Kombination von politischem Rat
und Finanzhilfe bereitstellen. Die politische Führung
der UNO muß durch die wirtschaftliche Führung von
IWF und Weltbank ergänzt werden.
Finanzminister Brady wird in seiner Rede einige spezifische Vorschläge für mögliche Wege zur wirksameren Nutzung laufender IWF- und Weltbankprogramme machen. Ich möchte jedoch nochmals wiederholen: Wir sind entschlossen, den historischen Prozeß
demokratischen Wandels nicht durch das brutale
Verhalten eines Aggressors unterminieren oder die
Entwicklung zu marktorientierten Wirtschaftssystemen
aus dem Ruder laufen zu lassen.
Ich möchte mit einer Vision von der Rolle der Vereinigten Staaten und der Weltwirtschaft fortfahren, an der
wir alle teilhaben können.
Erstens sind wir der Überzeugung, daß die Vereinigten
Staaten zu wirtschaftlicher Stabilität und Wachstum
beitragen sollten. Der größte Beitrag, den die Vereinigten Staaten vielleicht zu einer gesunden Weltwirtschaft leisten können, ist, unser eigenes Haus in
Ordnung zu bringen. Unser Haushaltsdefizit muß
unter Kontrolle gebracht und abgebaut werden.
Zweitens sind die Vereinigten Staaten der Förderung
von Entwicklung und Wachstum in den aufstrebenden
Demokratien in Lateinamerika, Mittel- und Osteuropa,
Afrika und Asien aufs stärkste verpflichtet. In allen vier
Regionen arbeiten wir im Rahmen des Bradyplans an
der Linderung der Schuldenlast. Auf unserem Kontinent, wo der Schuldenüberhang Fortschritt verhindert,
haben wir die Initiative "Enterprise for the Americas" in
die Wege geleitet, um Wirtschaftswachstum durch
Ausbau von Handel und Investitionen zu fördern,
Schulden gegenüber der US-Regierung abzubauen
und Mittel für notwendige Umweltprojekte vor Ort
bereitzustellen. In Osteuropa, wo eine massive
Umstrukturierung erforderlich ist, arbeiten wir mit anderen
Nationen zusammen, um den aufstrebenden Demokratien Hilfsleistungen in Milliardenhöhe zur Verfügung zu stellen. Im immer noch unterentwickelten
Afrika haben viele der Länder mit den niedrigsten
Einkommen bereits vom Schuldennachlaß gegenüber
den Vereinigten Staaten profitiert.
Drittens verpflichten sich die Vereinigten Staaten zur
Schlüsselrolle von IWF und Weltbank bei der Verwirklichung von Wirtschaftsreformen. Reformbestrebungen können nur Erfolg haben, wenn die Länder ihren
Teil der Verantwortung übernehmen. Und das bedeu-

AMERIKA DIENST 39

�tet die Durchführung von Reformen und Privatisierung,
solide makroökonomische Maßnahmen und Strukturpolitik sowie offene Grenzen für Handel und Investitionen.
Aus diesem Grund ist Ihre Arbeit in dieser Woche in
Washington so wichtig. Seit über 40 Jahren haben der
Fonds und die Bank in aller Stille die Talente und
Energien von Industrie- und Entwicklungsländern in
den weltweiten Kampf gegen die Armut eingebracht.
Und heute, in einer Welt, die nicht mehr durch Ideologien und Supei machtblöcke geteilt ist, sind Bank und
Fonds zum Paradebeispiel internationaler Zusammenarbeit geworden. Insbesoidere würdigen wir Ihre
Arbeit an einer Studie über die sowjetische Volkswirtschaft von beispiellosem Unifang. Diese Studie bildet
die Grundlage für Wirtschafts-, Finanz- und Strukturreformen.
Im Verlauf der kommenden Woche wird ein Teil Ihrer
Aufgabe auch darin bestehen, die Zukunft ihrer beiden
renommierten Institutionen :u planen. Ich verpflichte
mich zur kontinuierlichen Unterstützung der Vereinigten Staaten füi eine Weltbank und einen IWF, die so
eindeutig unseren gemeinsamen Kampf zur Verbesserung der Lebensqualität i Her Menschen voranbringen.
Aus diesem G und unterstützen wir die IWF-Quotenaufstockung nnd verbesserte Maßnahmen im Hinblick auf die Zahlungsrückstände beim IWF. Darüber
hinaus möchten wir beide Institutionen auffordern, ihre

Aufmerksamkeit verstärkt auf die Schaffung dynamischer Privatsektoren in den Mitgliedstaaten zu konzentrieren - dem wichtigsten Stimulans zur Belebung
dieser neuen Marktwirtschaften.
Ferner möchten wir die Weltbank bitten, drei anderen
für gesundes und anhaltendes Wachstum unabdingbaren Bereichen hohe Priorität beizumessen. Erstens
dem Umweltschutz. Wie ich im letzten Jahr bereits
gesagt habe: Zerstörung der Umwelt kennt keine
Grenzen. Zweitens muß die Ausmerzung der Armut
weiterhin ein zentrales Anliegen der Bank sein. Und
drittens unterstützen wir Bestrebungen zur Integration
von Frauen in den Entwicklungsprozeß uneingeschränkt.
Nicht zuletzt müssen wir bei unserer Zukunftsplanung
am Edolg einer anderen wichtigen internationalen
Wirtschaftsinstitution zusammenarbeiten - dem GATT.
Von heute an sind es weniger als 70 Tage, die der
vierjährigen Uruguay-Runde internationaler Handelsgespräche verbleiben. Dauerhafte Reformen sind für
Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen
unabdingbar. Sie sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Runde, die neue Reoeln und Chancen für alle
Länder schafft. Diese Verhandlungen sind eine der
größten wirtschaftlichen Chancen der Welt in diesem
Jahrzehnt. Aber es bleibt noch viel zu tun.
Die Runde behandelt nicht nur Handels- sondern auch
AMERIKA DIENST 39

Wachstumsprobleme. Ui ld sie ist nicht nur eine Übung
für Bürokraten in Genf. Die Handelsgespräche sind
der "letzte Zug, der abfährt", und alle Länder der Welt
müssen aufspringen. Sie können die Triebfeder für
Wirtschaftswachstum sein, das uns ins 21. Jahrhundert führt.
Die Runde verspricht, Hemmnisse in vier entscheidenden Bereichen aus dem Weg zu räumen, die in den
vorhergehenden Runden nicht behandelt wurden:
Dienstleistungen, Investitionen, geistiges Eigentum
und Landwirtschaft. In der Tat sind Agrarreformen
nach wie vor der größte Hemmschuh und drohen die
übrigen Themen der Runde zum Scheitern zu bringen.
Wir müssen die Bauern mit den Bauern konkurrieren
lassen statt mit den tiefen Taschen der Regierungen.
Wir benötigen eine erfolgreiche Lösung der Agrarfragen, wenn wir ein Abkommen erzielen wollen.
Wenn die Länder der Welt in der verbleibenden Zeit
nicht den politischen Mut zur Bewältigung dieser schwierigen Themen aufbringen, werden wir neue Märkte für
unsere Wirtschaftstätigkeit verlieren, unseren Verbrauchern höhere Preise auferlegen und auf neue
Arbeitsplätze und höhere Einkommen für Arbeitnehmer in allen Ländern verzichten müssen.
Und das schlimmste ist, wir werden das vitale, erprobte
Gefüge internationaler Zusammenarbeit gefährden.
Ein Scheitern der Runde wird unweigerlich zunehmenden protektionistischen Druck und politische Instabilität ermutigen. Das ist etwas, was wir uns schlecht
leisten können während wir eine neue Partnerschaft
der Nationen gegen die Aggression am Persischen
Golf schmieden.
Ich bitte Sie, innerhalb Ihrer Regierungen aktiv an der
Sicherstellung des Erfolgs mitzuarbeiten. Und ich bitte
meine Amtskollegen weltweit - wie wir es beim Wirtschaftsgipfel in Houston getan haben - ihre Unterhändler anzuweisen, bis Dezember alle Aspekte der Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen.
Bei all diesen Bestrebungen steht viel auf dem Spiel.
Vor nahezu 35 Jahren nahm Präsident Eisenhower
zum ersten Mal am Treffen von IWF und Weltbank teil.
Er sprach von den Lektionen, die er gelernt hatte,
während er einen Krieg führte, der so viele Soldaten
aus so unterschiedlichen Ländern zusammenführte.
Eisenhower stellte - so wie ich jetzt - fest, daß unter den
Teilnehmern Verbündete bei dieser vornehmen Aufgabe waren. Ich zitiere:
"Eines haben wir schnell herausgefunden: Ohne das
Herz, ohne den Enthusiasmus für die Sache, an der wir
arbeiteten, war keine Zusammenarbeit möglich. Mit
diesem Enthusiasmus - alles andere hinter das Voranbringen der Sache zu stellen -, war Zusammenarbeit
ein leichtes."

Seite 3

�Wie die Geschlossenheit in den Vereinten Nationen in
den vergangeren zwei Monaten belegt hat, ist der
weltweite Enthusiasmus für die vornehme "Sache"
von heute - die Sache, die ich als "neue Partnerschaft
der Nationen" bezeichnet habe - nicht nur beispiellos

sondern wahrhaft bemerkenswert. Und ich bitte Sie,
bei ihren Sitzungen in dieser Woche solchen Enthusiasmus aufzubringen, um die für den Erfolg erforderlichen neuen Ebenen der Zusammenarbeit hervorzubringen.

* * * * *

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Saite 4

\M ?F 'KA DIENST 39

�SOWJETISCHE

MILITÄRMACHT
3. Oktober 1990

PENTAGON: SOWJETISCHE MILITÄRMACHT
IMMER NOCH "ENORM"
- Auszüge aus "Die sowjetische Militärmacht 1990" WASHINGTON - (AD) - Die sowjetische Militärmacht ist "enorm und weiterhin gegen die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten gerichtet". Dieses Fazit zieht US-Verteidigungsminister Cheney im Vorwort des jährlichen
Pentagon-Berichts über die sowjetische Militärmacht, der am 25. September 1990 der Öffentlichkeit vorgestellt
wurde. Cheney zufolge "deutet alles darauf hin, daß sich an dieser Tatsache nichts ändern wird".
Obwohl es "in bezug auf die künftige Tendenz der sowjetischen Bedrohung sicherlich Anlaß zu Optimismus gibt",
so Cheney, "lassen die Fakten lediglich den Schluß zu, daß die Sowjetunion eine enorme militärische
Supermacht bleibt. Die Absichten dieses Regimes verändern sich. Aber Absichten allein reichen nicht aus, um
dramatische Veränderungen bei unserem Grad der Einsatzbereitschaft zu unterstützen."
Im Schlußkapitel des Pentagon-Berichts wird festgestellt, daß die freie Welt heute "möglicherweise vor ihrer
schwersten und ernsthaftesten Bewährungsprobe steht: Wie soll sie auf ein sich rasch veränderndes Umfeld
reagieren, in dem sich die Bedrohungen, auf die unsere sicherheitspolitische Haltung über 40 Jahre lang
zugeschnitten war, verringert haben, während neue Instabilität und potentielle Gefahren neue Anforderungen
stellen."
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Vorwort zu "Die sowjetische Militärmacht 1990" und dem
Schlußkapitel mit dem Titel "Aussichten für die Zukunft".

(Vorwort von Verteidigungsminister Cheney)
Die neunte Ausgabe von "Die Sowjetische Militärmacht" wird in einer Zeit beispielloser wirtschaftlicher
und politischer Unruhen in der Sowjetunion veröffentlicht. Diese Unruhen haben ein ungewöhnlich hohes
Maß an Unsicherheit über den künftigen Kurs der
enormen Militärstruktur des Kreml ausgelöst. Jeder
maßgebliche Bericht über die Streitkräfte Moskaus
und die von ihnen ausgehende Bedrohung erfordert
eine wesentlich stärkere Genauigkeit und Bereitschaft,
Nuancen wahrzunehmen, als jemals zuvor. Weder
diejenigen, die fest daran glauben, daß die Sowjets
keine westlichen Interessen mehr bedrohen, noch
diejenigen, die die sowjetische Bedrohung als weitgehend unverändert betrachten, werden sich durch "Die
sowjetische Militärmacht 1990" bestätigt fühlen.
Das uneinheitliche Bild der Bedrohung umfaßt wesentlich mehr als die Sowjetunion selbst. Mit der sich
verringernden Möglichkeit eines weltweiten Konflikts

AMERIKA DIENST 39

nehmen die Gefahren in den Entwicklungsländern zu.
Herausforderungen unserer nationalen Sicherheit
werden diffuser und komplexer. Die Instabilität im
Nahen Osten und andernorts, Terrorismus, Rauschgifthandel und Verbreitung von Waffen gehören zu den
Bedrohungen, die wir bei der Umstrukturierung unserer Verteidigung berücksichtigen müssen.
Gleichzeitig ist es ein Gebot der Klugheit, daß wir uns
auf die gefährlichste Herausforderung unserer nationalen Sicherheit konzentrieren. Die Militärmacht der
Sowjetunion ist enorm und bleibt weiterhin gegen die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gerichtet.
Alles deutet darauf hin, daß sich an dieser Tatsache
nichts ändern wird. Darüber hinaus ist die Bedrohung
nicht mehr eindeutig umrissen. Die Folgen des Wandels in der Sowjetunion sind noch ungewiß.
Eine Einschätzung der sowjetischen Macht wird schwieriger, die Notwendigkeit verstärkt sich, den Modifizierungen der sowjetischen Militärdoktrin und militäri-

Seite 1

�sehen Fähigkeiten breiteren Raum zu geben. In
einigen Fällen ist der Wandel grundlegender Natur. So
hat zum Beispiel aufgrund des Zusammenbruchs der
sowjetischen Kontrolle über Osteuropa und der mangelnden Bereitschaft des Kreml, die Praktiken der
Vergangenheit fortzusetzen und seine Macht mit Gewalt
aufrechtzuerhalten, im Warschauer Pakt ein Auflösungsprozeß eingesetzt. Infolgedessen hat sich die
Drohung eines Überraschungsangriffs auf die NATO
drastisch verringert. Zur Verteidigung der Handlungsweise seiner Regierung, die es Osteuropa gestattete,
seinen eigenen Weg zu gehen, erklärte der sowjetische Außenminister Schewardnadse: "Ein Block, den
man mit Gewalt davon abhalten muß, sich aufzulösen,
war bei ernsten Angelegenheiten keine Stütze und
kann dies auch in Zukunft nicht sein." Der vorliegende
Bericht beschreibt im Detail, was sich in bezug auf das
sowjetische Einsatzkonzept in Europa verändert hat
und was nicht. Darüber hinaus wird der Charakter der
sowjetischen Bedrohung gegenüber der NATO erörtert.
In anderen Fällen bietet die sowjetische Militärmacht
jedoch weiterhin einen bedrohlichen Anblick. Dies wird
nirgends deutlicher als bei den strategischen Nuklearstreitkräften und der strategischen Verteidigungsfähigkeit. Die Sowjets setzen die Modernisierung ihrer
strategischen Streitkräfte fort, die eine auf die Bedrohung unserer strategischen Streitkräfte ausgerichtete
Doktrin unterstützen. Die öffentlichen Äußerungen
Präsident Gorbatschows über Reformen stehen im
Hinblick auf die strategischen Streitkräfte in krassem
Gegensatz zu den tatsächlich durchgeführten militärischen Stationierungen. Dies ist keine Überraschung.
Wenn ihre militärischen Fähigkeiten nicht durch das
umfangreichste Atomwaffenarsenal der Welt gestützt
würden, könnte die Sowjetunion nicht mehr als Supermacht gelten. Obwohl Gorbatschow von Umgestaltung spricht, kann er sicherlich nicht die Absicht hegen,
sein Land zu einer zweitklassigen Macht zu reformieren.
Die sowjetische Bedrohung wandelt sich, aber sie
verschwindet nicht. Bei der Beobachtung dieses
Wandels kommt der emotionslosen Analyse höhere,
nicht etwa geringere Bedeutung zu. Die sowjetische
Militärmacht 1990 erörtert deshalb das ganze Spektrum von Faktoren, die auf die sowjetischen Streitkräfte Einfluß ausüben.
Seit der letzten Ausgabe haben wir zusätzliche Erkenntnisse über den Charakter des sowjetischen Militärs gewonnen. "Glasnost im militärischen Bereich" ist
nicht weit genug gegangen, aber es besteht bei der
politischen und militärischen Führung größere Bereitschaft, Probleme und Meinungsverschiedenheiten
öffentlich zu erörtern. Dies mag der Reformatmosphäre oder der Tatsache zuzuschreiben sein, daß die
Schwierigkeiten so groß sind, daß man sie einfach
nicht geheimhalten kann.

Seite 2

So wird zum Beispiel die innenpolitische Unterstützung für den Militärdienst zunehmend in Frage gestellt.
Hauptsächlich aufgrund der baltischen Sezessionsbewegungen, der Kampagnen gegen das Militär und die
Wehrpflicht sowie des offenen Widerstandes einiger
Regierungen (etwa von Armenien) gegen die Wehrpflicht, drücken sich mehr und mehr Sowjetbürger vor
der Wehrpflicht. So gab Verteidigungsminister Jasow
zu, daß zum Einberunfungstermin im Frühjahr mehrere tausend Rekruten nicht angetreten waren. In Armenien kam fast niemand seiner Wehrpflicht nach.
Darüber hinaus bestehen innerhalb des sowjetischen
Militärs eindeutig Meinungsverschiedenheiten über eine
Vielzahl grundsätzlicher Fragen, darunter der Verfall
des sowjetischen Einflusses in Osteuropa, das Tempo
der Reformen in der militärischen Struktur und Glasnost selbst. Viele der jüngeren und mittleren Offiziere
möchten am liebsten die Wehrpflicht überhaupt abschaffen und das Militär von polizeilichen Aufgaben im
Innern entbinden. Elemente des sowjetischen Oberkommandos hingegen lehnen viele Reformbestrebungen Präsident Gorbatschows ab. Wie der vorliegende
Bericht zeigt, ist vieles, was einstmals in bezug auf das
sowjetische Militär als selbstverständlich galt, heute
Gegenstand offener Debatten. Es ist unklar, wie diese
Debatten ausgehen werden.
Ein weiterer Bereich, über den wir neue Erkenntnisse
gewinnen, ist die Verteidigungslast für die sowjetische
Wirtschaft. Schätzungen der Nachrichtendienste zufolge sind die sowjetischen Verteidigungsausgaben in
den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich gestiegen
und erreichten in den achtziger Jahren einen Anteil von
1 5 - 1 7 Prozent am geschätzten Bruttosozialprodukt
(BSP). Dagegen vertraten die Sowjets offiziell die
Position, daß die Verteidigungsausgaben - und damit
auch die Belastungen - wesentlich niedriger lägen.
Selbst der von Gorbatschow im Jahr 1989 bekanntgegebene "revidierte" Verteidigungshaushalt (mit dem
die früheren Zahlen vervierfacht wurden) würde bedeuten, daß die Sowjets 9 Prozent ihres BSP für
Verteidigungszwecke aufwenden. Erst kürzlich deuteten die Sowjets an, daß die Lasten in Wirklichkeit höher
liegen. Präsident Gorbatschow hat selbst Ausgaben
zwischen 13 und 15 Prozent des BSP für Verteidigungszwecke zugegeben, während einige sowjetische Wirtschaftswissenschaftler spekuliert haben, daß
die Lasten noch erheblich höher liegen und vielleicht
bis zu 25 Prozent des sowjetischen BSP betragen
könnten.
Dies sind furchteinflö ßende Zahlen für eine Regierung,
die ihren Bergleuten noch nicht einmal genug Seife
liefern kann. Dagegen wurden in den Vereinigten
Staaten in einem Zeitraum beispiellosen Wirtschaftswachstums zwischen 5 und 6 Prozent des BSP für
Verteidigungszwecke bereitgestellt.
Es gibt Hinweise, wonach dieses erstaunliche Ausmaß sowjetischer Ausgaben verringert wird. Zu BeAM ERIKA DIENST 39

�ginn des Jahres 1989 kündigte Präsident Gorbatschow Ausgabenreduzierungen von 14,2 Prozent bis
1991 an. Wir schätzen, daß die sowjetischen Militärausgaben im Jahr 1989 real um 4 bis 5 Prozent gefallen
sind. Selbst angesichts dieser Kürzungen sind die
sowjetischen Verteidigungsaufwendungen höher als
zu dem Zeitpunkt, an dem Gorbatschow an die Macht
kam. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die Ausgaben auf einem Niveau verharren, das eine erhebliche
Modernisierung der sowjetischen Streitkräfte erlauben
wird.
Diese Modernisierung ist besonders bemerkenswert
im Hinblick auf das Atomwaffenarsenal und die strategische Verteidigungsfähigkeit Moskaus. Die sowjetische Interkontinentalstreitmacht (ICBM) wird von Grund
auf verbessert. Dazu gehört die fortgesetzte Stationierung der SS-24, einer mit Mehrfachgefechtsköpfen
ausgerüsteten Rakete, von der es sowohl eine stationäre als auch eine mobile Version gibt, der mobilen
SS-25 und der neuen Version der SS-18, die mit zehn
Gefechtsköpfen ausgerüstet ist. Durch die verbesserte Überlebensfähigkeit der mobilen Systeme, die bei
der neuen SS-18 mit grö ßerer Sprengkraft und Zielgenauigkeit einhergeht, werden die Sowjets eine glaubwürdige Erstschlagfähigkeit gegenüber den amerikanischen silogestützten ICBMs und nicht in Alarmbereitschaft befindlichen Streitkräften beibehalten, selbst
wenn ein START-Vertrag unterzeichnet wird.
Die Modernisierung der Bomberstreitkräfte des Kremls
schließt neue BEAR-H und BLACKJACK-Maschinen
ein, die mit Marschflugkörpern mit verlängerter Reichweite ausgerüstet sind. In der Gesamtzahl der sowjetischen Bomberflotte werden wir wahrscheinlich eine
Verringerung beobachten, da veraltete Bomber außer
Dienst gestellt werden und der Schwerpunkt auf qualitative Verbesserungen, etwa bei den Marschflugkörpern, verlagert wird.
Dasselbe gilt für die sowjetische U- Bootstreitmacht mit
ballistischen Systemen. Die Stationierung der DELTA
IV und TYPHOON, die mit jeweils 16 oder 20 Atomraketen bestückt sind, untermauert die Gesamttendenz
zu Qualität anstatt Quantität.
Die sowjetischen Investitionen in strategische Verteidigungssysteme liegen etwa auf dem gleichen Niveau
wie die Investitionen in offensive Nuklearprogramme.
Die Sowjets haben ihren Schutzgürtel um Moskau zur
Verteidigung gegen ballistische Raketen zu einem
zweistufigen System modernisiert, das in der ganzen
Welt seinesgleichen sucht. Darüber hinaus unterhält
Moskau eine Antisatelliten-Fähigkeit, darunter Systeme, die Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen zerstören können.
Forschungsarbeiten über moderne Systeme, wie etwa
Laser, unterstreichen das starke sowjetische Interesse an der militärischen Nutzung des Weltraums. Betrachtet man den anscheinend scharfen Wettbewerb

AMERIKA DIENST 39

um Mittel für die Verteidigung, so sind die sowjetischen
Ausgaben für strategische Verteidigung in der Tat
beeindruckend und deuten auf ein beständiges Engagement zur Entwicklung eines umfassenden Raketenabwehrsystems hin.
Keine gründliche Analyse des sowjetischen Militärs
kann ein einfaches Bild der gegenwärtigen Bedrohung
vermitteln. Debatten über die Zukunft der kommunistischen Partei, die Struktur der Wirtschaft und das
Militär sind weitverbreitet. In einer solchen Atmosphäre ist es schwer vorauszusagen, was im nächsten
Monat, geschweige denn im nächsten Jahr geschehen
wird. In bezug auf die sowjetische Militärmacht gibt es
jedoch einige grundlegende Schritte, die der Kreml
selbst angesichts dieser Ungewißheit ergreifen könnte, um den Westen von der Ernsthaftigkeit seines
Wunschs nach Abbau der Bedrohung zu überzeugen.
Die Vereinigten Staaten würden es beispielsweise
begrüßen, wenn sich die Sowjetunion weniger auf das
Militär stützen würde. Das würde ein Militär erfordern,
das nur über einen vernünftigen Teil des nationalen
Reichtums verfügt. Darüber hinaus sollte der Kreml
seine massiven Militärhilfeprogramme einstellen, die
sich im vergangenen Jahr auf insgesamt 15 Milliarden
Dollar beliefen und Regimen in Afghanistan, Nordkorea, Libyen, Angola, Vietnam, Syrien und besonders
Kuba zugutekommen. Letzteres liegt nur 90 Meilen
von der amerikanischen Küste entfernt. Dies würde
erheblich dazu beitragen, uns zu überzeugen, daß es
der Kreml mit dem "neuen Denken" ernst meint und
seine inneren wirtschaftlichen Probleme in Angriff nimmt,
anstatt weiterhin seine traditionellen geopolitischen
Manöver zu verfolgen.
Jede ernsthafte Analyse des sowjetischen Militärs
enthüllt sowohl ein Bild intensiver innerer Debatten und
ungewisser Absichten als auch von Wandel und Instabilität. Was nicht enthüllt wird, auch wenn wir uns das
sehnlichst wünschen, ist eine ausgedünnte sowjetische Streitkräftestruktur und eine schwächer werdende Bedrohung. Die Wahrheit ist jedoch wesentlich
komplexer. Sicherlich gibt es in bezug auf die künftige
Tendenz der sowjetischen Bedrohung Anlaß zu Optimismus. Die Fakten lassen jedoch lediglich den Schluß
zu, daß die Sowjetunion eine enorme militärische
Supermacht bleibt. Die Absichten dieses Regimes
verändern sich. Aber Absichten allein reichen nicht
aus, um dramatische Veränderungen bei unserem
Grad der Einsatzbereitschaft zu unterstützen. Wir
müssen grundlegende und dauerhafte Veränderungen sowohl bei den Fähigkeiten als auch im Charakter
der sowjetischen Militärmacht feststellen.
(Ende des Vorworts von Verteidigungsminister Cheney)
(Beginn des Schlußkapitels)
Heute steht die freie Welt möglicherweise vor ihrer
schwersten und ernsthaftesten Bewährungsprobe: Wie
Seite 3

�soll sie auf ein sich rasch veränderndes Umfeld reagieren, in dem sich die Bedrohungen, auf die unsere
sicherheitspolitische Haltung über 40 Jahre lang zugeschnitten war, verringert haben, während neue Instabilität und potentielle Gefahren neue Anforderungen
stellen. Die Herausforderung ist so schwerwiegend,
weil die Fragen so komplex und paradox sind, sie ist
ernst, weil eine falsch kalkulierte Antwort eine Weltordnung hervorbringen könnte, die unsere Bestrebungen
nach einem zunehmend friedlichen und sicheren internationalen Umwelt zunichte machen könnte. Ungefähr die einzige Gewißheit, die wir gegenwärtig haben,
ist die Gewißheit weiterer Veränderungen.
Die Rolle der Sowjetunion in einer zunehmend unsicheren Welt ist schwer vorherzusagen. Mehr als vier
Jahrzehnte lang waren die Sowjetunion, ihre Verbündeten und Stellvertreter Hauptbedrohung für Weltfrieden und Sicherheit. Moskau hat seine Macht zur
Einschüchterung, Aggression, versuchter Beherrschung
und Expansion eingesetzt. Echte und dauerhafte
Veränderungen in der sowjetischen Bedrohung können nur aus einer grundlegenden Abkehr Moskaus von
der historischen Anlehnung an Gewalt und deren
Androhung als Instrumente der Außenpolitik entstehen. Dies wäre, um die Worte von Präsident Gorbatschow zu benutzen, eine "revolutionäre Transformation" des sowjetischen Staates.
Im vergangenen Jahr sind ermutigende Ereignisse
eingetreten, die darauf hindeuten, daß sich die Sowjetunion in Richtung einer solchen revolutionären Transformation bewegt, jedoch steckt dieser Prozeß noch in
den Kinderschuhen, und das Endergebnis ist weiterhin
unklar. Die Sowjetunion sieht sich auf dem Weg zu
dieser Umwandlung in ein dauerhaft weniger bedrohliches Land mit erheblichen Hindernissen konfrontiert.
Jahrzehnte wohlbegründeten Argwohns haben im
sowjetischen Volk und auch in der internationalen
Staatengemeinschaft ihre Spuren hinterlassen.
Die sowjetische Militärmacht 1990 beschreibt die vielen Bereiche, in denen sich Veränderungen der sowjetischen Politik, Doktrin und Beziehungen mit der übrigen Welt vollzogen haben. Es ist jedoch noch nicht
klar, in welchem Maß diese Veränderungen dauerhafte Reformen bedeuten. Die grundsätzliche Frage
lautet, ob die Sowjetunion eine Regierung schaffen
wird, die wirklich ihren Bürgern gegenüber und dem
Prinzip der Rechtsstaatlichkeit gemäß rechenschaftspflichtig ist - im Hinblick auf Freiheit, demokratischen
Pluralismus und die allgemeine Achtung der Menschenrechte.
Obwohl es nicht möglich ist, die künftige Form und
Richtung der sowjetischen Politik vorherzusagen, lassen sich eindeutige Veränderungen ausmachen, von
denen einige positive, andere unbekannte Folgen haben
werden:

Seite 4

Reduzierungen und Abzug von Streitkräften
haben zusammen mit der fortschreitenden
Auflösung des Warschauer Pakts die Fähigkeit
der Sowjets erheblich verringert, einen multinationalen, unverstärkten konventionellen Angriff
auf Westeuropa durchzuführen.
Die sowjetische Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten bei den Verhandlungen über
wichtige Abkommen birgt große Chancen zur
Reduzierung der strategischen, konventionellen und chemischen Bedrohung.
Das Aufleben nationalistischer Gefühle in der
Sowjetunion und das damit einhergehende Unabhängigkeitsstreben einiger Republiken stellt
den künftigen Zusammenhalt der UdSSR selbst
in Frage.
Die radikale Umwandlung, die ein fehlgeschlagenes wirtschaftliches und politisches System
auffangen mußte, spaltet die kommunistische
Partei.
Die Sowjets haben einen konstruktiveren Ansatz in bestimmten Bereichen ihrer Außenpolitik
demonstriert, wie der Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan und die Reduzierung der
Unterstützung für zahlreiche radikale Regime in
Ländern der Dritten Welt bewiesen haben.
Trotz aller positiven Anzeichen für Veränderungen
bleiben beunruhigende Aspekte bestehen.
Die Sowjetunion modernisiert weiterhin ihr strategisches Atomwaffenarsenal, was im allgemeinen zu noch einsatzfähigeren Streitkräften führt.
Die Sowjets sind nach wie vor die einzige Macht
auf der Welt, die in der Lage ist, die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten zu zerstören.
Infolge grundlegender geographischer und
demographischer Gegebenheiten im Verbund
mit immer noch massiven Militärausgaben verfügt die Sowjetunion über das größte militärische Potential, das jemals ein einzelnes Land
auf dem eurasischen Kontinent besessen hat,
geeignet, um eine Armee von etwa drei Millionen Mann und Waffen mit Tausenden von nuklearen Gefechtsköpfen zu unterhalten.
Die Sowjets stellen weiterhin etwa 15 Milliarden
Dollar zur Verfügung, um die bedrohlichen Aktivitäten einiger Vasallen, wie etwa Kuba, Afghanistan, Vietnam, Kambodscha und Äthiopien zu
unterstützen.
Diese Faktoren haben in der Tat bedeutende Auswirkungen. Wir werden Zeuge eines Übergangs von der
bipolaren Konfrontation, von der die internationalen

AMERIKA DIENST 39

�Beziehungen der Nachkriegszeit geprägt waren. Obwohl
sich die Vorwarnzeit eines konventionellen sowjetischen Angriffs auf Westeuropa erheblich verlängert
hat, stellt der Umfang der verbleibenden militärischen
Fähigkeiten der Sowjets eine ernsthafte Bedrohung für
unsere Zukunftsplanungen dar. Es gibt nach wie vor
unterschiedliche Quellen militärischer Bedrohungen.
Die sowjetische Militärmacht muß vor dem Hintergrund dieser Realitäten bewertet werden. Die Demokratisierung Osteuropas und die zunehmende Auflösung des Warschauer Pakts sind positive Entwicklungen, aber es ist nicht klar, welche Auswirkungen die
anhaltende Modernisierung der strategischen Atomwaffenarsenale der Sowjets und die inneren Unruhen
in der Sowjetunion auf die Sicherheit des Westens
haben. Die unmittelbare Bedrohung eines sternförmig
ausgeführten Angriffs des Warschauer Pakts, der die
NATO in den Atlantik stößt, besteht fast nicht mehr.
Was bleibt, ist eine Sowjetunion mit modernen, zunehmend einsatzfähigen konventionellen und nuklearen
Waffen und der Fähigkeit zu chemischer und biologischer Kampfführung. Diese Waffen werden von einer
Regierung kontrolliert, die sich zunehmenden Herausforderungen im Inland gegenübersieht und die bei
offensiven Operationen nicht auf Unterstützung ihrer
ehemaligen Verbündeten zählen kann. Eine Reaktion
auf die Bedrohung wird nunmehr verkompliziert durch
den unsicheren Fortgang der Ereignisse in der Sowjetunion. Die Reaktion des Westens muß von einer
Vision geleitet sein, die auf den Lehren der Geschichte
basiert. Sie wird moderne, flexible und sichere Streitkräfte erfordern, die in der Lage sind, auf Unerwartetes
zu reagieren.

*

AMERIKA DIENST 39

Das neue Umfeld bedeutet für die Vereinigten Staaten
und den Westen neue Chancen und neue Risiken. Wir
haben die Möglichkeit, zur Verfestigung positiver
Tendenzen für Freiheit und Zusammenarbeit beizutragen zu helfen und negative Trends in günstigere Ergebnisse umzuwandeln. Dennoch bleiben Risiken bestehen im Hinblick auf die massive militärische - konventionelle und nukleare - Fähigkeit, die von einem Sowjetstaat kontrolliert wird, der sich tiefgreifenden Problemen gegenübersieht.
Unsere eigene Sicherheitspolitik muß dieser Unsicherheit Rechnung tragen. Einseitige westliche Abrüstung, die unsere Flexibilität im Umgang mit schwierigen Szenarien unter instabilen neuen Bedingungen
internationaler Sicherheit beseitigt, würde die weltweite Abschreckung schwächen und der Instabilität auf
der Welt Vorschub leisten.
Dies ist ein außergewöhnlicher Augenblick in der
Geschichte. Von den Vereinigten Staaten oder der
Sowjetunion getroffene Entscheidungen werden den
Kurs der Weltpolitik bestimmen. Die Entscheidungen
von heute werden die Aussichten für Sicherheit und
Entwicklung der Freiheit der nächsten Generationen
bestimmen. Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin positive Veränderungen fördern und gleichzeitig
die Fähigkeit und Flexibilität behalten, in einem Augenblick der Unruhe und Unsicherheit mit immer noch
ungeheuren militärischen Fähigkeiten der Sowjets
fertigzuwerden - und sie abzuschrecken.

*

Seite 5

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    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
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      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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              <text>Digitalisat</text>
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          <name>Creator</name>
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              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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              <text>Amerikadienst 03.10.1990</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Deutsche Einheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush leitet Vertrag über Vereinigung Deutschlands dem Senat zu&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten, Text des Schreibens&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Senat erörtert den Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von Robert Zoellick im Senat&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UNO-Reaktionen auf Iraks Aggression "beispiellos"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Bush vor der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: Übergang zur Tagesordnung mit dem Irak unmöglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor dem UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSZE&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush drängt KSZE zu Konsolodierung der Freiheit&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Ansprache beim KSZE-Treffen in New York&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Weltbank/IWF&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush: Erfolg der GATT-Runde unabdingbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten bei Weltbank und IWF&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Sowjetische Militärmacht&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pentagon: Sowjetische Militärmacht immer noch "enorm"&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus "Die sowjetische Militärmacht 1990"&lt;/em&gt;</text>
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