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15. August 1990

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GOLFKRISE

DIE WELT VERLANGT UNO-SANKTIONEN
GEGEN IRAKISCHE SCHIFFAHRT
Pressekonferenz von Präsident Bush

INTERNATIONALE REAKTIONEN AUF DIE
IRAKISCHE INVASION KUWAITS
Übersicht über wirtschafliche und
politische Maßnahmen

BAKER: ZUSAMMENHALT IM ATLANTISCHEN
BÜNDNIS UNABDINGBAR
Rede des US-Außenministers beim Nordatlantikrat

KSZE

KSZE KANN MASSGEBLICHEN BEITRAG ZU
FRIEDEN IN EUROPA LEISTEN
Die zukünftige Rolle der KSZE
Von Botschafter Max M. Kampelman

A

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
15. August 1990

DIE WELT VERLANGT UNO-SANKTIONEN GEGEN
IRAKISCHE SCHIFFAHRT
Pressekonferenz von Präsident Bush
WASHINGTON - (AD - Präsident Bush zufolge verlangt die Welt die Durchsetzung der von den Vereinten
Nationen verhängten Wirtschaftssanktionen gegen den Irak. Bei einer Pressekonferenz erklärte Bush am 14.
August 1990 in Washington, dies sei "die Rolle, die die Vereinigten Staaten zu erfüllen trachten", indem sie sich
entschlossen hätten, Schiffe mit Ziel Irak abzufangen.
In diesem Zusammenhang fügte der Präsident hinzu, daß die Vereinigten Staaten dies seiner Meinung nach in
angemessener Weise und so tun, daß alle Schiffe abdrehen werden, wenn sie den UNO-Maßnahmen
zuwiderhandeln. Die illegale Annexion Kuwaits durch den Irak "ist unannehmbar und wird keinen Bestand
haben".
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Pressekonferenz des Präsidenten.

Frage: Meine Frage besteht aus zwei Teilen. Warum
haben Sie nachdem die Ablehnung der irakischen
Aggression durch die Vereinten Nationen erfolgreich
internationalisiert wurde, so übereilt gehandelt und
einseitig eine Blockade angeordnet, über die sich die
anderen Mitglieder verärgert gaben? Und zweitens, ist
die amerikanische Politik gegen die Annexion eroberter Länder im Nahen Osten allgemeingültige Politik der
Vereinigten Staaten?
Antwort: Ich glaube nicht, daß wir andere Mitglieder
mit unserer Politik der Abriegelung verärgert haben.
Wir handeln gemäß unseren Rechten, und ich bin
überzeugt davon, daß die Welt die Durchführung der
Sanktionen nach Artikel 51 erwartet, und das ist die
Rolle, die die Vereinigten Staaten zu erfüllen trachten.
Frage: Sie haben sich aber nicht an den abgestuften
Prozeß nach Kapitel VII gehalten.
Antwort: Wir tun das, was uns unsere Rechtsberater
und andere in der ganzen Welt empfehlen, und ich
denke, daß wir dies in angemessener Weise tun. Ich
hoffe, wir werden es so tun, daß alle Schiffe abdrehen
werden, wenn sie den UNO-Maßnahmen zuwiderhandeln.
Frage: Und wie steht es mit der Ablehnung der
Annexion eroberter Gebiete - entspricht das unserer
allgemeingültigen Politik?
AMERIKA DIENST 32

Antwort: Ich kann nur über die gegenwärtigen Ereignisse sprechen. Ich weiß nicht, ob es irgendwelche
Ausnahmen gibt oder nicht. Ich weiß aber, daß eine
Annexion, wenn man diese Invasion in Kuwait so
bezeichnen kann, unannehmbar ist und keinen Bestand haben wird.
Frage: Jordanien behauptet, es halte sich an die
UNO-Sanktionen, trotzdem aber rollen vom Hafen
Akaba ganze Lkw-Ladungen durch Jordanien in den
Irak. Glauben Sie, daß Jordanien die Sanktionen
unterläuft, und was werden Sie dagegen unternehmen?
Antwort: Bevor ich Ihre Frage beantworte, sollte ich
König Hussein die Gelegenheit geben, mir zu erläutern, was dort geschieht. Wenn ein Land den Güterverkehr weiter gestattet, so würde es die Sanktionen
verletzen. Aber Sie wissen, daß er hierher kommen
wird, und ich werde die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm haben, um ihm die Haltung der Vereinigten Staaten zu erläutern. Ich bin aber ziemlich
sicher, daß er sie bereits sehr gut versteht.
Frage: Was halten Sie von der Behauptung König
Husseins, die amerikanischen Streitkräfte im Persischen Golf hätten eine explosive Lage geschaffen?
Antwort: Ich weiß nicht, was er damit meint, aber ich
stimme dem nicht zu. Meines Erachtens sind wir nicht
Seite 1

�dort, um die Lage zu verschärfen, sondern um zu
ergänzen, was die Vereinten Nationen mit ihrer Verurteilung dieser unverschämten Aggression getan haben. Wir werden auch darüber sprechen. Es wird ein
interessantes Gespräch werden, wenn Sie die Tagesordnung für ihn festlegen.
Frage: Aus welchem Grund hat König Hussein um
diesen Besuch gebeten? Sein Bruder hat gegenüber
Reportern in Jordanien erklärt, eines der Probleme
Jordaniens bestehe darin, daß dieses Landwirtschaftlichen Schaden erleiden würde, wenn es die Sanktionen einhielte, daß man sich beschwerte, es gäbe
keinerlei Garantien oder Zusicherungen des Westens
an Jordanien. Was können Sie anbieten...
Antwort: Vielleicht möchte er darüber sprechen. Ich
hoffe, daß es so ist. Wir sind doch immer ein Freund
Jordaniens gewesen. Wir haben diesem Land in der
Vergangenheit geholfen. Wir werden ihm auch in
Zukunft helfen - wenn es seine Verpflichtungen in
diesem Bereich erfüllt. Ich kann hier nur wiedergeben,
was er mir gestern telefonisch mitgeteilt hat. Er sagte,
er wolle hierher kommen, um über die gesamte Situation zu sprechen. Es wurde keine Tagesordnung
vereinbart. Es gab keine Diskussion über Unterstützung für Maßnahmen dieser Art.
Frage: Aber sind Sie bereit, ihn wirtschaftlich zu
unterstützen oder andere Länder in der Region um
Hilfe für ihn zu bitten?
Antwort: Ich glaube, das wären wir, wenn sich
Jordanien diesen anderen Ländern bei der Erfüllung
dieser Verpflichtungen gemäß den Sanktionen anschlösse.
Frage: Besteht überhaupt Hoffnung auf eine diplomatische Lösung dieser Krise?
Antwort: Ich kann zur Zeit keine erkennen. Aber
wenn die Sanktionen einmal greifen, was eine Zeitlang
dauern wird, dann hoffe ich auf das Zustandekommen
einer diplomatischen Lösung dieser Krise.
Frage: Könnte nicht der von Saddam Hussein unterbreitete Vorschlag, der für Sie natürlich völlig unnanehmbar ist, als Grundlage für Verhandlungen dienen?
Antwort: Ich glaube nicht, daß irgendein Vorschlag
als Grundlage für Verhandlungen taugt. Ich sehe nicht
genug positive Elemente darin, um zu dem Schluß zu
kommen, daß er eine Verhandlungsbasis liefern könnte. Er brachte ganz andere Probleme ins Spiel und
ging nicht auf das grundlegende Problem ein, nämlich,
daß sie Kuwait besetzt haben und sie sich aus Kuwait
zurückziehen und den rechtmäßigen Herrschern die
Rückkehr nach Kuwait gestatten müssen. Ich erkenne
also aufgrund dieser Vorschläge keinerlei Verhandlungsmöglichkeit.

Seite 2

Frage: Im Außenministerium kommen Botschafter
zusammen, um über eine multinationale Quarantäne
oder Abriegelung der UNO zu sprechen - wie immer
man es nennen möchte. Entspricht es heute der Politik
der Vereinigten Staaten, sich möglicherweise einem
gemeinsamen UNO-Kommando zu unterwerfen oder
amerikanische Schiffe unter der Flagge der Vereinten
Nationen einzusetzen?
Antwort: Gegenwärtig gibt es solche Pläne nicht,
aber wir führen Gespräche, um festzustellen, wie wir
diese Marinepräsenz effektiv gestalten können. Aber
was Sie da erklärt haben, entspricht nicht der Politik
der Vereinigten Staaten.
Frage: Aus den Vereinten Nationen wurde berichtet,
es gäbe Kritik daran, daß Sie mit dieser de factoBlockade einseitig und vielleicht ohne rechtliche Dekkung gehandelt hätten. Empfinden Sie das so, als ob
man Ihnen in den Ami fällt, oder...
Antwort: Nein, das denke ich keinesfalls. Meiner
Ansicht nach befinden wir uns im Rahmen der Legalität. Daher beunruhigt mich diese von Kuba gestern
einberufene Sitzung in keiner Weise. Natürlich kann
es Meinungsverschiedenheiten geben, die erörtert
werden können, aber ich bin der Überzeugung, daß wir
richtig handeln, und wir sind entschlossen, auch in
Zukunft so zu handeln. Anscheinend hat Perez de
Cuellar darauf verwiesen, daß nur die Vereinten Nationen mittels einer Resolution über eine Blockade entscheiden können. Er hat jedoch auch gesagt, daß
jedes Land das Recht hat, sich auf Artikel 51 zu
berufen, und der Generalsekretär konnte dem nichts
entgegensetzen. Meinungsumfragen zufolge handeln
wir richtig, und ich habe nicht die Absicht, dies zu
ändern. Meines Erachtens ist es wichtig, daß andere
unserem Beispiel folgen und ihren Teil beitragen - und
die meisten setzen bereits ihre Entschlossenheit zur
Unterbindung des Handels in die Tat um.
Frage: Wäre es angesichts des schwankenden Defizits und der Kosten für die militärische Operation im
Golf und in Saudi-Arabien nicht sinnvoll, wenn einige
der von uns abhängigen Länder einen Teil der Kosten
übernehmen? Ich denke natürlich an Japan, die
Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien.
Sollten sie nicht einen Teil der Kosten für unsere
Truppen in der Region übernehmen?
Antwort: Ich bin überzeugt, daß die Länder in dieser
Hinsicht ein außerordentlich kooperatives Verhalten
an den Tag legen werden. Aufgrund des gestern mit
Premierminister Kaifu geführten fruchtbaren Gesprächs
bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß die Japaner
mehr als willens und bereit sind, Vorschläge in dieser
Richtung zu unterstützen. Mit Herrn Kohl habe ich
darüber in jüngster Zeit nicht gesprochen. Frankreich
ist natürlich im Besitz von Schiffen und stellt bereits
jetzt Mittel zur Verfügung. Es wird hier wohl koopera-

AMERIKA DIENST 32

�tive Bestrebungen auf finanzieller und militärischer
Ebene und nicht zuletzt auch im Hinblick auf die
Schiffahrt geben.
Frage: Und die Saudis selbst? Sie sind die direkten
Nutznießer.
Antwort: Meiner Ansicht nach werden die Saudis
ihren Teil beitragen - davon bin ich überzeugt. Und ich
möchte hinzufügen - obwohl diese Frage nicht gestellt
wurde - ich bin auch der Überzeugung, daß andere
Länder die Verluste wettmachen werden, die entstehen, weil das irakische und kuwaitische Öl nicht auf
den Markt gelangt. Ich kann Ihnen dazu keine Einzelheiten nennen, aber ich habe genug Gespräche mit
Regierungsvertretern aus aller Welt geführt - ebenso
wie Jim Baker und General Scowcroft - um das Gefühl
zu haben, daß die Dinge in die richtige Richtung gehen.
Frage: Ich bin immer noch etwas verwirrt über die
Einladung an König Hussein. Bei ihrer Bekanntgabe
zeichnete sich eine gewisse Spannung ab - jetzt scheint
sie eher zwanglos gehandhabt zu werden. Er kommt
um ca. 1 Uhr morgens Washingtoner Zeit an, Sie
treffen jedoch erst am Donnerstag morgen in Kennebunkport mit ihm zusammen. Angeblich hat er ein
Schreiben von Saddam zu überreichen. Warum dieses zwanglose Vorgehen?
Antwort: Erstens hat er mir gegenüber keinen Brief
von Saddam erwähnt, was natürlich nicht heißen muß,
daß er keinen hat. Zweitens hat er mir gesagt, er wolle
in die Vereinigten Staaten reisen und mit mir sprechen.
Ich habe geantwortet, "Gerne, wie paßt es Ihnen
morgen?", worauf er erwiderte, er werde es mich
wissen lassen. Daraufhin habe ich gesagt, er solle
Brent anrufen, weil ich keine Lust hatte, um 2 Uhr
morgens angerufen zu werden. Er hat also General
Scowcroft angerufen, und sie haben sich auf ein
Treffen zum frühestmöglichen Zeitpunkt geeinigt.
Er deutete jedoch an - ich denke, ich verrate hiermit
keine Geheimnisse -, daß er etwas Zeit zum Ausruhen
vor unserem Treffen begrüßen würde. Das ist alles,
was ich dazu zu sagen habe, denn ich hätte mich
jederzeit mit ihm getroffen - heute oder morgen. Meines Erachtens ist es wichtig, mit ihm zu sprechen.
Aber Sie haben wohl Recht, die Art, wie seine Majestät
um das Gespräch ersuchte - ich möchte Sie besuchen
und mit Ihnen über die Situation sprechen und zwar
nicht als eine Art Sondergesandter - war eher zwanglos.
Ich habe mich also zur Verfügung gestellt. Wir unterhalten seit Jahren Beziehungen zu König Hussein. Es
wurden die Meinungsverschiedenheiten erwähnt, die
zwischen Jordanien und den Vereinigten Staaten
bestehen, und ich werde sehen, ob wir die Differenzen
nicht abbauen oder eventuell ganz beilegen können.
Ich sehe dem Treffen mit ihm also erwartungvoll entgegen.

AMERIKA DIENST 32

Frage: Ich möchte eine Frage zu Saddam und dem
von ihm unterbreiteten Angebot stellen. Sie haben es
rundweg abgelehnt, aber hatten Sie das Gefühl, er
habe auch nur mit der Wimper gezuckt? Sind Sie in
irgendeiner Weise ermutigt?
Antwort: Man könnte sagen, die Tatsache, daß er
Schritte unternommen hat - auch wenn ich von seinen
Maßnahmen nicht sonderlich beeindruckt war - ist
ermutigend. Es scheint sich für mich jedoch eher um
eine Wiederholung alter Positionen zu handeln, und
daher möchte ich das amerikanische Volk nicht irreführen, indem ich sage, ich sei von Saddam Husseins
Vorschlag irgendwie ermutigt.
Frage: Können Sie jetzt Zahlen über die Kosten für die
Operation im Nahen Osten vorlegen, wenn Sie eine
Bilanz der Haushaltslage vornehmen?
Antwort: Noch nicht, aber ich gehe ins Pentagon.
Vielleicht bekomme ich morgen dort einen besseren
Überblick über die Zahlen, im Moment kann ich Ihnen
jedoch keine nennen.
Frage: Sind Sie erfreut über die Unterstützung, die Sie
in diesem Zusammenhang von der Sowjetunion erhalten haben ...
Antwort: Ich möchte es folgendermaßen formulieren
- angenommen, wir würden die Uhr um fünf Jahre
zurückdrehen, ganz zu schweigen von zehn oder
zwanzig Jahren, und wir hätten uns mit einem Ereignis
dieser Art im Nahen Osten konfrontiert gesehen, so
wäre die größte Unbekannte die Reaktion der Sowjets
gewesen. Wie hätten die Sowjets dies gesehen,
welche Maßnahmen könnten sie ergreifen? Heute
müssen wir diese Sorge nicht mehr haben, weil sie wie
die Vereinten Nationen diese Aggression verurteilt
haben. Dies ist ein beachtlicher Unterschied zu früher
und macht die Gleichung sehr viel einfacher lösbar.
Insofern bin ich mit der Reaktion der Sowjets bisher
sehr zufrieden. Und Jim Baker hat, glaube ich, erst
gestern mit Herrn Schewardnadse gesprochen, und
ich weiß, daß er mit ihm einer Meinung ist. Ich sage
nicht, daß wir keinerlei Differenzen mit ihnen haben,
aber die Situation ist ganz anders als noch vor fünf oder
zehn Jahren.
Frage: Die Irakis haben jetzt seit 12 oder 13 Tagen
Amerikaner in ihrer Gewalt. Sind Sie bereit, diese
Amerikaner im Falle einer direkten militärischen Konfrontation zu opfern?
Antwort: Ich bin niemals bereit, das Leben irgendeines Amerikaners zu opfern - Opfer - nein.
Frage: Glauben Sie, die Irakis benutzen diese Amerikaner als Schutzschild gegen mögliche Militäraktionen der Vereinigten Staaten?
Antwort: Im Augenblick habe ich nicht das Gefühl und

Seite 3

�hoffe, es wird nicht dazu kommen, denn wir sehen die
Schwierigkeiten, die andere Ausländer haben, aus
dem Land zu kommen. Es ist eine beunruhigende
Situation. Wenn Menschen gegen ihren Willen festgehalten oder von der Ausreise abgehalten werden,
beunruhigt es mich.
Frage: Wie würden Sie ihre Lage beurteilen?
Antwort: Es handelt sich um Menschen in einer
Notlage, die ausreisen wollen. Und es sind nicht allein
sie, sondern viele andere. Ich hoffe, daß es nicht noch
mehr werden. Ich habe keinen Grund, das an diesem
Punkt zu denken. Aber je mehr wir darüber reden und
spekulieren, umso weniger wird es uns meiner Ansicht
nach helfen. Aber ich würde mir wünschen, daß alle
Ausländer, die Kuwait oder den Irak verlassen wollen,
dies auch tun können. Dazu gab es einige ermutigende Erklärungen - etwa vom irakischen Botschafter
heute morgen -, die mich dazu verlassen, noch weiter
abzuwarten.
Frage: In der Annahme, daß Saddam Hussein einen
Weg für den Abzug aus Kuwait ohne Gesichtsverlust
findet, hätte er immer noch eine sehr gro ße Armee, die
nach einer Invasion sehr einschüchternd auf seine
Nachbarn wirkt. Glauben Sie, daß angesichts dessen
diese Krise letztlich gelöst werden kann, ohne Saddam
Hussein abzusetzen? Und wenn ja, wie?
Antwort: Ich möchte, daß sie genauso gelöst wird,
wie die Meinung der Welt sie gelöst sehen möchte, und
dann werden wir uns um den Rest kümmern. Hauptsächlich liegt uns am Abzug und der Wiedereinsetzung
der Herrscher in ihr Amt. Es würde zu hypothetisch,
darlegen zu wollen, was darüber hinaus geschehen
könnte, aber ich neige zu der Annahme, daß es
geschehen wird. Und die Wirtschaftssanktionen fangen gerade erst an, zu greifen. Und sie werden meiner
Meinung nach sehr effektiv sein, effektiver als in der
Vergangenheit. Das hoffe ich. Es bleibt abzuwarten,
wie es funktioniert.
Frage: Ich möchte noch einmal auf den Einsatz der
Marine zurückkommen. Die Sowjets schlagen offensichtlich eine Art gemeinsames Kommando des Sicherheitsrats vor, um den Einsatz der Marine zu kontrollieren. Verfolgen Sie das mit den Sowjets weiter
oder sind Sie an der Idee überhaupt interessiert?
Antwort: Ursprünglich bestand in diesem Bereich ein
Problem, darüber mit den Sowjets zu reden - ich
denke, Schewardnadse hat es Jim Baker gegenüber
geäußert, und ich habe dagegen keine Einwände.
Meiner Ansicht nach wäre eine aktive sowjetische
Präsenz eine gute Sache, um die UNO-Resolutionen
durchzusetzen. Damit möchte ich nur sagen, daß es
meiner Ansicht nach nicht entscheidend ist, eine UNOFlagge zu haben, damit einzelne Länder ihren Pflichten nachkommen können. Aber ich bin für Gespräche
zu diesem Thema offen.

Seite 4

Frage: Ist es Ihrer Meinung nach irgendwann erforderlich, Schiffen den Zugang zu Akabazu verwehren, weil
dies eine Lebensader sein könnte?
Antwort: Das könnte sein. Wenn das ein Loch in
einem sonst engmaschigen Netz ist, durch das Handel
getrieben wird, sollte meiner Ansicht nach Akaba für
den irakischen Handel geschlossen werden.
Frage: Sollte sich das amerikanische Volk in den
nächsten Jahren auf eine kontinuierliche US-Präsenz
in Saudi-Arabien einstellen?
Antwort: Ich wei ß nicht, ob es Jahre dauern wird, aber
wir werden sicherlich lange genug dort bleiben, um
alles zu erledigen. Ich würde Ihnen gern einen Zeitrahmen abstecken, aber ich kann es nicht.
Frage: Sie haben mit dem venezolanischen Präsidenten gesprochen, um ihn wegen des Öls um Hilfe zu
bitten. Haben Sie dabei auch über Zahlen gesprochen?
Antwort: Nein, ich habe ihn angerufen, um ihm für das
zu danken, was ich als Bereitschaft Venezuelas verstanden habe, die Förderung anzukurbeln - sie könnten das sehr effizient tun, habe ich mir sagen lassen und ihm für seine Haltung dazu zu danken. Er erklärte
mir, er würde seinen Außenminister in verschiedene
Hauptstädte schicken, um all dies zu koordinieren.
Darüber hinaus gab es noch eine Reihe anderer Diskussionspunkte, die jedoch nichts mit dem Persischen
Golf zu tun hatten, etwa Mittelamerika, ein Gebiet, zu
dem wir in sehr engen Konsultationen stehen. Aber
wenn Ihre Frage lautete, ob wir bestimmte Mengen
besprochen haben, dann lautet die Antwort nein.
Frage: Dazu noch eine Frage. Sind Sie mit dem
Angebot Mexikos zufrieden -100 000 Barrel am Tag?
Antwort: Ich wei ß wirklich nicht, ob mehr oder weniger
besser wäre, aber ich bin mit Mexikos Kooperation in
diesem Bereich sehr zufrieden. Präsident Salinas ist
ein sehr mutiger Mann, und ich freue mich, daß er
bereit ist, einzuspringen und zu helfen. Ich kann Ihnen
nicht mit genauen Zahlen dienen, ob es 100 000 oder
mehr sind, wir haben es jedoch für gut befunden. Wir
unterhalten gute Beziehungen zu Mexiko.
Frage: Sie haben die Irakis wiederholt aufgefordert,
Kuwait zu räumen, sich bedingungslos und vollständig
zurückzuziehen. Sie haben dazu beigetragen, daß
Sanktionen verhängt wurden und ihre Durchführung
betrieben. Wie wichtig ist dieser Abzug? Ist er wichtig
genug, daß Sie versprechen, militärische Mittel einzusetzen, um den Abzug Saddam Husseins zu erzwingen, wenn die Sanktionen nicht greifen?
Antwort: Diese Frage ist zu hypothetisch. Wir haben
einen Plan, daß die UNO-Sanktionen vollständig durchgeführt werden sollen, und Teil dieses Plans ist der

AMERIKA DIENST 32

�Schutz Saudi-Arabiens mittels einer multinationalen
Truppe, der zahlreiche Länder angehören - gegen
dieselbe Art von Aggression, die Saddam Hussein
gegen Kuwait gerichtet hat. Genau an diesem Punkt

*

befinden wir uns. Das ist unser Plan, und ich kann
Ihnen nicht helfen, indem ich mich zu Hypothesen
versteige,

* * *

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4

AMERIKA DIENST 32

Seite 5

�GOLFKRISE
15. August 1990

INTERNATIONALE REAKTIONEN AUF DIE
IRAKISCHE INVASION KUWAITS
Übersicht über wirtschaftliche und politische Maßnahmen
Die nachfolgende Übersicht über die von der internationalen Staatengemeinschaft als Reaktion auf die Invasion
des Iraks in Kuwait ergriffenen Maßnahmen stützt sich auf am 13. August 1990 verfügbare Informationen und
ist gegebenenfalls unvollständig.

Ägypten

Bangladesch

Entsendung von Truppen zur Verstärkung der multinationalen Streitmacht in Saudi-Arabien.

Forderung nach Abzug der irakischen Truppen aus
Kuwait.

Arabische Liga

Belgien

12 von 20 Mitgliedern der Arabischen Liga sprechen
sich für die Entsendung einer arabischen Streitmacht
nach Saudi-Arabien aus, um dieses Land vor möglicher irakischer Aggression zu schützen. Jordanien,
Mauretanien und der Sudan stimmen für die Resolution, bringen jedoch gewisse "Vorbehalte" zum Ausdruck. Irak, Libyen und die Palästinensische Befreiungsorganisation stimmen dagegen. Yemen und
Algerien enthalten sich der Stimme, Tunesien ist nicht
anwesend. Darüber hinaus werden mit der Resolution
die Resolutionen 660, 661 und 662 des UNO-Sicherheitsrats bekräftigt.

Ölembargo, Einfrieren der irakischen Vermögenswerte.

Argentinien
Verurteilung der Invasion Kuwaits durch den Irak und
Forderung nach Abzug der Invasionstruppen.
Australien
Geplante Beteiligung am gemeinsamen Marineeinsatz. Entsendung von zwei Fregatten mit Lenkraketen
und einem Versorgungsschiff in den Persischen Golf.
Versprechen, irakische Schiffe im Golf als Unterstützung der von den Vereinten Nationen verhängten
Sanktionen abzufangen. Öl- und Waffenembargo,
Einfrieren der Vermögenswerte.

AMERIKA DIENST 32

Belize
Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits und
Forderung nach Abzug der Invasionstruppen.
Brasilien
Öl- und Waffenembargo. Einstellung aller Handelsbeziehungen einschließlich Nahrungsmittellieferungen.
Bulgarien
Unterbindung aller Lieferungen militärischer Güter an
Irak und Erweiterung der Wirtschaftssanktionen.
Bundesrepublik Deutschland
Entsendung von Minenräumbooten und einem Versorgungsschiff ins Mittelmeer zum Schutz der Seewege.
Lehnt Beteiligung an einer multinationalen Streitmacht
in Saudi-Arabien ab. Angebot an die Vereinigten
Staaten zur Nutzung von Stützpunkten für Operationen gegen den Irak, ölembargo, Einfrieren irakischer
Vermögenswerte.

Seite 1

�Chile
Wirtschaftssanktionen, Waffenembargo.

Angebot an die Vereinigten Staaten zur Benutzung der
Stützpunkte als Operationsbasis sowie Entsendung
von Kriegsschiffen in die Golf-Region.

China

Haiti

Waffenembargo.

Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits.

Costa Rica

Hongkong

Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits.

Hongkong hat irakische Vermögenswerte eingefroren.

Dänemark

Indien

Erlaubt die Nutzung seiner Handelsschiffe im Golf als
Versorgungsschiffe der multinationalen Streitmacht in
Saudi-Arabien. Ölembargo.

Forderung des Abzugs irakischer Truppen aus Kuwait.
Indonesien

Deutsche Demokratische Republik

Einstellung des Handels mit dem Irak, Ölembargo.

Geplante Beteiligung an Wirtschaftssanktionen. Nur
Nahrungs- und Arzneimittel für humanitäre Zwecke
werden weiterhin geliefert.

Iran

Europäische Gemeinschaft
Verhängung eines generellen Handelsembargos gegen Irak und Kuwait.
Frankreich

Ablehnung der Annexion Kuwaits durch den Irak.
Erklärung, die Ölförderung ankurbeln zu wollen, um
die Engpässe im Irak und in Kuwait auszugleichen.
Irland
Ölembargo.
Island

Geplante Aufstockung der Marineeinheiten im Persischen Golf und Entsendung von Bodentruppen sowie
Beratern nach Saudi-Arabien. Entsendung einer Fregatte zur Verstärkung zweier Kriegsschiffe im Golf.
Öl und Waffenembargo, Einfrieren der irakischen Vermögenswerte, Unterbindung des Handels mit Ausnahme von Arznei- und Nahrungsmitteln für humanitäre
Zwecke.

öl- und Waffenembargo, Einfrieren irakischer Vermögenswerte, Erlaubnis der Nutzung von US-Stützpunkten in Italien.

Gambia

Jamaica

Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits und
Forderung nach Abzug der Truppen.

Verurteilung der Invasion und Respektierung der
Sanktionen gegen den Irak.

Golf-Kooperationsrat

Japan

Der Kooperationsrat hat die irakische Aggression gegen
Kuwait verurteilt und den Abzug irakischer Truppen
gefordert. In Saudi-Arabien wurden Streitkräfte stationiert.

ölembargo, Unterbrechung von Handel und Hilfe.

Griechenland
Ölembargo. Erlaubnis zum Überfliegen für amerikanische Kriegsflugzeuge auf dem Weg in den Golf. Verweigert den Vereinigten Staaten die Benutzung von
Stützpunkten für militärische Aktionen im Nahen Osten
Großbritannien
Öl- und Waffenembargo, Einfrieren der irakischen
Vermögenswerte. Verpflichtung zu militärischer Unterstützung der Vereinigten Staaten in Saudi-Arabien,

Seite 2

Erklärung der uneingeschränkten Unterstützung für
U NO-Sanktionen gegen den Irak.
Italien

Jordanien
Geplante Beteiligung an den UNO-Sanktionen gegen
den Irak.
Kanada
Geplante Entsendung von zwei Zerstörern und einem
Versorgungsschiff zur Verstärkung der multinationalen Streitmacht im Golf. Aussetzung der Wirtschaftsund Handelsbeziehungen mit Irak.
Korea (Rep.)
Waffen- und ölembargo, Einstellung des Handels außer
mit Waren für medizinische und humanitäre Zwecke.

AMERIKA DIENST 32

�Libanon

Norwegen

Forderung des Abzugs irakischer Truppen aus Kuwait.

Handelsembargo außer für Arznei- und Nahrungsmittel für humanitäre Zwecke, Ölembargo, Einfrieren
kuwaitischer und irakischer Vermögenswerte.

Liechtenstein
Einfrieren kuwaitischer und irakischer Vermögenswerte, Handelsembargo außer für Arznei- und Nahrungsmittel zu humanitären Zwecken.

Waffenembargo.

Luxemburg

Pakistan

Ölembargo, Einfrieren Irakischer Vermögenswerte.

Bedauern des Einsatzes von Gewalt durch den Irak
und Forderung des Abzugs der Invasionstruppen.

Malaysia
4

Bezeichnung der Annexion Kuwaits durch den Irak
"als inakzeptabel".
Malediven
Forderung des Abzugs irakischer Truppen aus Kuwait.
Marokko

Österreich

Panama
Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits und
Forderung des Abzugs der Invasionstruppen.
Paraguay
Verurteilung der irakischen Invasion in Kuwait.
Philippinen

Geplante Entsendung von Truppen nach Saudi-Arabien zur Verstärkung der multinationalen Streitmacht.

Ölembargo.

Mexiko

Polen

Geplante Ankurbelung der ölproduktion um 100 000
Barrel pro Tag in den nächsten zwei Monaten.

Waffenembargo.

NATO
Verpflichtung zur Verteidigung der Türkei im Falle
eines Angriffs durch den Irak.
Nepal

Portugal
Erlaubnis zur Nutzung amerikanischer Stützpunkte,
ölembargo.
Salomonen

Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits.

Geplante Verhängung wirtschaftlicher Sanktionen gegen
den Irak.

Neuseeland

Saudi-Arabien

Angemessene Regelungen im Einklang mit den UNOSanktionen gegen Irak werden sobald wie möglich
getroffen, Ölembargo.

Bitte an die Vereinigten Staaten und andere Länder um
militärischen Beistand zur Verteidigung Saudi-Arabiens. Angebliche Bereitschaft zur Erhöhung der
ölförderung um 2 Millionen Barrel täglich, um die
Ausfälle der Lieferungen aus dem Irak und Kuwait
wettzumachen. Verweigert einem irakischen Tanker
die Erlaubnis zum Festmachen an einem saudischen
ölterminal im Roten Meer.

Nicaragua
Verurteilung der Invasion Kuwaits durch den Irak und
Forderung des Abzugs der Invasionstruppen.
Niederlande
Ölembargo, Einfrieren irakischer Vermögenswerte,
Erlaubnis der Weiterarbeit am irakischen Hafen für
eine holländischen Firma. Geplante Entsendung von
zwei Kriegsschiffen in den Golf.
Nigeria
Verurteilung der irakischen Invasion Kuwaits und
Forderung des Abzugs der Streitkräfte. Geplante Aufstockung der Ölproduktion um 200 000 Barrel pro Tag
(vorbehaltlich der Zustimmung anderer OPEC-Mitgliedstaaten).

AMERIKA DIENST 32

Schweden
Ölembargo.
Schweiz
Öl- und Waffenembargo, Einfrieren von Vermögenswerten, Beschränkungen des Handels insgesamt. Zum
ersten Mal beteiligt sich die Schweiz an Wirtschaftssanktionen der UNO.
Sowjetunion
Verurteilung der Annexion Kuwaits durch den Irak.

Seite 3

�Waffenembargo. Erwägung einer Abriegelung des
Golfs für die irakische Schiffahrt, wenn dies unter
Schirmherrschaft der UNO erfolgen würde.
Spanien

Uruguay
Plant die Ergreifung notwendiger Schritte zur Befolgung der UNO-Sanktionen.
Venezuela

Ölembargo, erlaubt den Vereinigten Staaten die Nutzung von Stützpunkten für Operationen gegen den
Irak.

Geplante Steigerung der ölförderung um 400 000 bis
500 000 Barrel pro Tag.

Syrien

Vereinigte Staaten

Entsendung von Landtruppen nach Saudi-Arabien als
Teil einer multinationalen Streitmacht.

Entsendung von Kampfeinheiten nach Saudi-Arabien,
um das Land vor einer möglichen irakischen Aggression zu schützen. Neun Kriegsschiffe und zwei Flugzeugträger befinden sich gegenwärtig im Golf. Verhängung eines vollständigen Handelsembargos gegen den Irak, einschließlich des besetzten Kuwaits.
Dieses vollständige Handelsembargo schließt auch
Nahrungsmittellieferungen ein. Aussetzung von Krediten, Anleihen und Zuschüssen. Embargo schließt
darüber hinaus auch Exporte an Unternehmungen ein,
die - direkt oder indirekt - vom Irak aus betrieben oder
kontrolliert werden oder im Besitz der irakischen
Regierung sind. Einfrieren irakischer und kuwaitischer
Vermögenswerte. Amerikanische Zollbeamte beschlagnahmen Ersatzteile, Satelliten- und Computerausrüstung für Irak und Kuwait im Wert von 8 Millionen
Dollar. Das Bundeskriminalamt FBI versiegelt die
Büroräume der Iraqi Airlines in New York, Detroit und
Los Angeles. Absicht, zur Unterstützung der UNOSanktionen jegliche irakische öllieferungen auf dem
Seeweg zu verhindern.

Taiwan
Ölembargo.
Tschechoslowakei
Waffenembargo.
Tunesien
Forderung nach Abzug der irakischen Truppen aus
Kuwait.
Türkei
Einfrieren irakischer Vermögenswerte. Verweigert
Schiffen die Erlaubnis zum Laden irakischen Öls am
Terminal der irakischen Pipeline. Lieferung von Nahrungsmitteln wird fortgesetzt. Parlament ermächtigt
die Regierung im Falle eines Angriffs durch den Irak
zur Kriegserklärung, zur Entsendung von Kampftruppen und zum Einsatz ausländischer Truppen auf türkischem Hoheitsgebiet.

Zypern
Unterstützung der Sanktionen gegen Irak.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 32

�GOLFKRISE
15. August 1990

BAKER: ZUSAMMENHALT IM ATLANTISCHEN
BÜNDNIS UNABDINGBAR
Rede des US-Außenministers beim Nordatlantikrat
BRÜSSEL - (AD) - Bei einer Sondersitzung des Bündnisses erklärte Außenminister Baker am 10. August 1990,
Hoffnungen "auf eine neue und friedlichere Weltordnung" erforderten Solidarität und Tatkraft "um Saddam
Husseins bedrohliche Ambitionen zu vereiteln". Im Zusammenhang mit der irakischen Invasion in Kuwait rief
Baker zu Zusammenhalt im Bündnis auf und beschwor die "Unteilbarkeit unserer kollektiven Sicherheit".
Darüber hinaus erklärte er, das Bündnis müsse der weiteren Agression des Iraks entgegenwirken, Zeit für die
UNO-Sanktionen gewinnen und zusammenarbeiten, um die Effektivität der Sanktionen sicherzustellen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um einen
Akt der Aggression anzusprechen, der sowohl unsere
moralischen Prinzipien als auch unsere materiellen
Interessen bedroht.
Erst vor einer Woche hat die Regierung des Iraks ihren
Nachbarn, den souveränen Staat Kuwait, angegriffen
und besetzt. Dieser vorsätzliche, nicht provozierte
Angriff hat bereits das Leben vieler unschuldiger
Menschen gefordert. Die Öl- und Finanzmärkte sind
in eine Krise gestürzt worden. Darüber hinaus wurden
Hoffnungen gefährdet, daß mit der Beendigung des
kalten Krieges für alle Nationen ein neues Zeitalter in
Frieden und Freiheit beginnen kann.
Das Problem, das sich uns stellt, betrifft nicht nur das
Schicksal eines einzelnen Landes oder den Preis von
und die Versorgung mit Öl. Nicht nur Kuwait ist
angegriffen worden. Es sind nicht nur die wirtschaftlichen Fortschritte, die bedroht wurden. Wenn die
Macht das Recht gestaltet, wird die Welt in ein neues
dunkles Zeitalter zurückfallen.
Dies ist ein plötzlicher und tragischer Wendepunkt der
Ereignisse. Im vergangenen Jahr sind wir an diesem
Tisch zusmmengekommen, um außergewöhnliche
historische Vorgänge zu feiern. Unser Bündnis, das
seinen Grundsätzen fest verhaftet ist, hat Europa
vierzig Jahre lang den Frieden bewahrt. Wir haben
hart für den Tag gearbeitet, an dem Europa ungeteilt

AMERIKA DIENST 32

und frei sein würde. Jetzt, da sich dieser Tag nähert,
paßt sich das Bündnis einer neuen Situation auf dem
Kontinent an - einer hoffnungsvollen Situation.
Weit schneller als irgendjemand dies hätte vorhersagen können, müssen sich die NATO-Mitgliedstaaten
einer veränderten - gefährlichen - Situation außerhalb
Europas anpassen. Der Irak hat gerade ein Jahrzehnt
der Gemetzel im Krieg mit seinem Nachbarn Iran
überwunden. Ich denke, man kann ruhig sagen, daß
Iraks andere Nachbarn und viele in diesem Saal vertretene Nationen Bagdad in diesem schrecklichen Kampf
beigestanden haben. Viele glaubten - aus gutem
Grund -, der Irak würde das Buch des Kriegs schließen
und ein neues Buch schreiben, das mit einem Kapitel
über friedliche Beziehungen zu seinen Nachbarn beginnt.
Das lag sicher im Interesse des Iraks. Genauso sicher
liegt dies heute im Interesse des irakischen Volkes.
Stattdessen waren wir Zeuge einer kontinuierlichen
und unverminderten Aufrüstung. Der irakische Diktator Saddam Hussein hat für die Unterhaltung von
Streitkräften keine Kosten gescheut, und sie stehen in
keinem Verhältnis zu einer reellen Bedrohung. Hunderttausende von Soldaten stehen unter Waffen. Der
Irak stationiert etwa 5 700 moderne Panzer, die viertgrößte Panzerarmee der Welt. Und Iraks 10 000
Schützenpanzer machen das Land zur drittstärksten
Macht in diesem Bereich nach der Sowjetunion und
den Vereinigten Staaten.

Seite 1

�Trotz aller internationaler Appelle entwickelt Saddam
Hussein weiterhin chemische Waffen, die er gegen
den Iran und sogar gegen sein eigenes Volk eingesetzt
hat. Er hat Hunderte von Raketen gehortet, mit denen
er einst iranische Städte angegriffen hat. Er betreibt
nach wie vor energisch ein Nuklearforschungsprogramm mit bedenklichen Auswirkungen.
Warum verschwendet der Führer einer Nation, die ihre
eigenen Wunden so dringend heilen muß, seine Ressourcen für noch mehr Waffen? Jetzt kennen wir die
Antwort. Diese Waffen dienten der Aggression Einschüchterung und Angriff, um die Souveränität
seiner Nachbarn Saddam Husseins Willen zu unterwerfen.
Wir brauchen keine Zeit mit dem Argument zu verschwenden, daß dieser große, sehr mächtige und
kampferprobte Irak von dem angeblich aggressiven
Akt des Emirs von Kuwait tödlich bedroht wurde. Wir
sollten auch den Lügen über einen Volksaufstand
keine Beachtung schenken, der den Emir absetzte und
zur Wiederherstellung der Ordnung den Irak um Hilfe
bat. Diese Falschaussagen haben wir alle schon
gehört. Sie wiederholen sich in den Windungen der
tragischen Geschichte dieses Kontinents, der Geschichte, die sich niemals wiederholen sollte.
Für alle hier Anwesenden steht bei der gegenwärtigen
Golfkrise sehr viel auf dem Spiel. Seit 1949 hat jeder
amerikanische Präsident erklärt, der Golf sei für die
amerikanischen und westlichen Interessen von entscheidender Bedeutung und daß wir es keiner gegnerischen Macht gestatten können, die Verfügungsgewalt über seine Erdölreserven zu erringen. Heute geht
eine solche Bedrohung von Saddam Hussein aus.
Unter dem Gesichtspunkt der zentralen Bedeutung
des Golf öls für die Weltwirtschaft sind wir alle bestrebt,
die Ambitionen dieses Diktators zunichte zu machen.
Wir alle haben daran ein brennendes Interesse.
Darüber hinaus sind wir alle an der Stabilität des Nahen
Ostens interessiert - einer bereits von Gewaltanwendung gekennzeichneten Region, deren Lage durch die
kriegerische Haltung Saddam Husseins noch verschärft wird. Einer der strategischen Eckpfeiler unseres Bündnisses, die Türkei, ist an ihrer südlichen
Grenze Gefahren ausgesetzt, die durch Saddam
Husseins Aggression noch verstärkt werden.
Schlie ßlich haben wir alle ein aus bitteren Erfahrungen
resultierendes grundlegendes Interesse daran, zu
demonstrieren, daß sich Aggressionen nicht auszahlen. Wir kennen die Geschichte der dreißiger Jahre
und wissen, daß eine Politik der Beschwichtigung
Aggressoren nur den Mund wäßrig macht. Aus der
jüngeren Geschichte von Aggressionen kann ich kaum
ein Beispiel nennen, das verwerflicher oder brutaler
wäre als die Invasion Kuwaits durch Saddam Hussein.
Wenn all unsere Hoffnungen auf eine neue und friedlichere Weltordnung Wirklichkeit werden sollen, müs-

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sen wir jetzt handeln, um Saddam Husseins bedrohliche Ambitionen zu vereiteln.
Angesichts dieser schwerwiegenden Herausforderung
hat Präsident Bush vier grundlegende Ziele als Leitlinien der amerikanischen Politik dargelegt. Erstens
streben wir den unverzüglichen, bedingungslosen und
vollständigen Rückzug aller irakischen Truppen aus
Kuwait an. Zweitens muß die legitime Regierung
Kuwaits wieder anstelle des Marionettenregimes eingesetzt werden. Drittens sind wir weiterhin der Sicherheit und Stabilität im Golf verpflichtet, und viertens sind
wir entschlossen, das Leben unserer Staatsbürger im
Ausland zu schützen.
Nach unseren breitgefächerten Konsultationen der
vergangenen Tage kann man mit voller Berechtigung
sagen, daß wir alle diese grundlegenden Ziele teilen.
Die Frage lautet jetzt, wie wir unsere Maßnahmen zu
ihrer Verwirklichung am besten koordinieren können.
Die umfassende Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft - zu der wir alle auf unterschiedliche
Weise beigetragen haben - war außergewöhnlich und
bemerkenswert.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat rasch
gehandelt, um den Irak zu verurteilen, seinen Abzug
aus Kuwait zu fordern und zum ersten Mal nach 23
Jahren verbindliche Sanktionen nach Kapitel VII der
UNO-Charta zu verhängen. Es wird einige Zeit vergehen, bis diese Sanktionen bei Saddam Wirkung zeigen, aber sie können sehr effektiv sein, wenn wir
geduldig und standhaft sind, und wenn wir sorgfältig
und energisch vorgehen, um Ausnahmen und Betrugsmanöver zu verhindern.
Ein deutliches Zeichen der neuen Zeit besteht darin,
daß sich die Sowjetunion der Staatengemeinschaft bei
der Verurteilung des Iraks angeschlossen hat. Die
beispiellose, von den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion in Moskau veröffentlichte gemeinsame
Erklärung und deren Appell zur Einleitung von Maßnahmen hat meines Erachtens dem nahezu einstimmigen Votum des Sicherheitsrats für die Verhängung von
Sanktionen den Weg bereitet. Sie hat dazu beigetragen, den überwältigenden internationalen Konsens
herzustellen und die Isolierung des Iraks im Nahen
Osten sicherzustellen. Ich stehe - nahezu täglich - in
engem Kontakt mit Eduard Schewardnadse und bin
der festen Ansicht, daß wir die Sowjets weiterhin
einbinden müssen. Als Teil dieser andauernden
Bemühungen werde ich mich hier in Brüssel mit dem
sowjetischen Botschafter treffen, der als sowjetischer
Verbindungsmann zur NATO ausgewählt wurde - ein
weiteres Beispiel der sich ändernden Zeiten und unseres sich weiter entwickelnden Bündnisses.
Umfassende internationale Sanktionen stellen einen
entscheidenden Schritt zur Vereitelung von Saddam
Husseins Aggression dar. Unsere heutige Arbeit innerhalb der NATO ist ein weiterer Teil der Antwort.

AMERIKA DIENST 32

�Eine neue Gefahr ist heraufgezogen, die zwar aus
einer entfernten Region kommt, uns jedoch alle treffen
Kann. Auch wenn traditionelle Bedrohungen sich
drastisch verringert haben (und unsere Hoffungen für
die Zukunft beeinflußt haben), sind wir heute mit einer
neuen Bedrohung konfrontiert, die eine neue Herausforderung und neue Gefahren aufwirft. Sie erinnert
uns daran, daß unsere Sicherheit und unser Wohlergehen aus neuen Regionen und von neuen Ursachen
herausgefordert werden. Einige unserer Mitgliedstaaten, wie die Türkei, könnten noch größere strategische
Bedeutung erlangen, da wir mit einem veränderten
Sicherheitsumfeld konfrontiert sind.
Unsere Konsultationen zu dieser Krise, zu dieser
Herausforderung erinnern uns daran, daß sich die
Bedingungen verändern und sich unser Bündnis anpassen muß.
Dieses Bündnis, das sich über den Atlantik hinweg
erstieckt, ist ein Symbol der Einigkeit des Westens,
und dies ist der Ort, an dem wir unsere Solidarität in der
gegenwärtigen Krise unter Beweis stellen sollten. Wir
müssen weiteren Aggressionen einen Riegel vorschieben. Wir müssen Zeit gewinnen, damit durch die
Sanktionen der UNO die bereits erfolgte Aggression
rückgängig gemacht wird. Wir müssen zusammenarbeiten, um zu gewährleisten, daß diese Sanktionen
wirksam sind. Wir stehen nicht allein. Aber die Welt
wird von uns - den heute hier versammelten Nationen
- eine Führungsrolle erwarten. Wir sollten diese Rolle
spielen.
Wie ich hoffe, wird von dem heutigen Treffen eine
vierfache Botschaft ausgehen. Erstens, daß die Mitglieder dieses Bündnisses - jedes auf seine Weise dazu beitragen werden, weiteren Aggressionen des
Iraks Einhalt zu gebieten. Ich möchte an dieser Stelle
betonen, daß die von uns durchgeführte Verlegung
von Truppen auf Bitten der Saudis erfolgt, nachdem
der Irak Versprechen gebrochen und seinen unheilversprechenden Truppenaufmarsch fortgesetzt hat.
Aufgrund der mit ihnen geführten Gespräche wissen
wir, daß die Saudis und andere Golf-Nationen auf eine
möglichst unfassende Unterstützung durch die multinationale Streitmacht der arabischen Welt und des
Westens hoffen. Einige von Ihnen haben bereits die
Entscheidung getroffen, unserem Beispiel zu folgen
und Militäreinheiten in die Golf-Region zu entsenden.
Diese Beiträge sind lebenswichtig - politisch und militärisch. Wir alle haben uns multinationalen Bestrebungen verpflichtet und fordern jeden von Ihnen auf, zu
überprüfen, wie er helfen kann.
Unsere zweite Botschaft lautet, daß wir bereit sind, zu
unseren kollektiven Verteidigungsverpflichtungen zu
stehen. Ich bin gerade aus Ankara zurückgekommen,
wo ich Gelegenheit zu Gesprächen mit Präsident Özal,
Premierminister Akbulut und Außenminister Bozer hatte.
Präsident Bush hat mich gebeten, unsere Kontakte mit

AMERIKA DIENST 32

diesem wichtigen Verbündeten und Bollwerk des
Bündnisses an seiner Südflanke zu verstärken. In
unseren Gesprächen haben Präsident Özal und seine
Kollegen ihre uneingeschränkte Verpflichtung gegenüber der NATO und dem Westen erneut unterstrichen
und dieses Engagement ist für uns sehr positiv.
Aus diesem Grund sollten wir öffentlich und privat die
Geschlossenheit unseres Bündnisses und die Unteilbarkeit unserer kollektiven Sicherheit hervorheben.
Dies bedeutet die unmißverständliche Bekräftigung
unserer eindeutigen und bedingungslosen Verpflichtungen gemäß Artikel V des Nordatlantikvertrags, der
festlegt, daß ein bewaffneter Angriff gegen ein Mitglied
des Bündnisses als ein Angriff gegen alle Mitglieder
des Bündnisses angesehen wird. Dieser Rat sollte
gemäß Artikel IV des Vertrags jederzeit in der Lage
sein, eine Sitzung einzuberufen, falls die territoriale
Integrität oder Sicherheit eines NATO-Mitgliedstaats
bedroht ist. Bei einer solchen Sitzung würden mögliche kollektive Maßnahmen erörtert, die das von der
Chartader Vereinten Nationen anerkannte unmittelbare Recht auf Selbstverteidigung sowie die automatische Pflicht jedes NATO-Mitgliedstaats, einem anderen Mitglied Beistand zu leisten, das Opfer eines
bewaffneten Angriffs geworden ist, ergänzen würden.
Ich hoffe, wir müssen niemals eine solche Sitzung
einberufen. Aber unsere eindeutige Bereitschaft dazu
ist der beste Weg, dies zu verhindern. Es sollten keine
Zweifel an unserer Entschlossenheit bestehen.
Zusätzlich zur Abschreckung weiterer irakischer Agressionen sollten wir zusammenarbeiten, um die bereits
erfolgte Aggression rückgängig zu machen.
Daher sollte unsere dritte Botschaft lauten, daß dieses
Bündnis Maßnahmen unterstützt, die Mitgliedstaaten
ergreifen könnten, um die vom UNO-Sicherheitsrat mit
Resolution 661 verfügten obligatorischen Sanktionen
zu verhängen. Falls diese UNO-Sanktionen trotz der
seltenen Einmütigkeit bezüglich ihrer Verhängung
scheitern, kann man sich kaum vorstellen, wie irgendeine UNO-Sanktion jemals Erfolg haben könnte. Als
Institution hätten die Vereinten Nationen einen moralischen Tief schlag erlitten - ebenso wie es dem Völkerbund unter entsprechenden Umständen erging. Dies
darf nicht geschehen. Es besteht auch keine Veranlassung, darüber zu spekulieren, was vielleicht getan
werden muß. Eine internationale Blockade ist sicherlich eine Möglichkeit. Aber erst sollten wir den Sanktionen etwas Zeit geben, zu greifen und Zeit gewinnen,
herauszufinden, was noch nötig ist, um sie wirksam zu
machen. Wir sollten jedoch demonstrieren, daß wir
alles Erforderliche tun werden, um den Willen der
Vereinten Nationen durchzusetzen.
Schlie ßlich sollten wir ein Signal setzen, da ß die NATO
ein Ort der Konsultation und Zusammenarbeit in Zeiten einer gemeinsamen Krise ist. Wie unsere Staatsund Regierungschefs im Mai 1989 verkündeten:
"Weltweite Entwicklungen, die unsere SicherheitsinSeite 3

�teressen berühren, sind legitime Themen für Konsultationen und, wo angebracht, Koordination zwischen
uns. Unserer Sicherheit muß in einem Zusammenhang gesehen werden, der über den Schutz vor Krieg
allein hinausgeht." Diese Herausforderung des Iraks
birgt einen weiteren Aspekt: Die Türkei - einer unserer
Mitgliedstaaten - liegt an der Frontlinie eines möglichen Konflikts. Ich weiß, daß dies für einige unter
Ihnen ein heikles Thema ist. Mein Vorschlag ist
einfach. Die Mitglieder des Bündnisses sollten in der
NATO Informationen über ihre politischen und militärischen Aktivitäten austauschen, um die praktische
Zusammenarbeit auf den Ebenen - bilateral oder

multilateral - zu erleichtern, die sich als am nützlichsten
erweisen.
Mit diesen Gedanken möchte ich zum Schluß kommen. Was wir heute hier tun, wird meiner Überzeugung nach weit über die Lage im Persischen Golf
hinaus Bedeutung haben. Dies ist die erste Krise der
Nachkriegszeit. Wie ich häufig gesagt habe, besteht
unsere Herausforderung darin, nicht nur den kalten
Krieg zu überwinden, sondern auch die ihm vorangegangenen Konflikte. Durch gemeinsames Handeln
bietet sich uns heute die Gelegenheit, dies zu tun.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 32

�KSZE
15. August 1990

KSZE KANN MASSGEBLICHEN BEITRAG ZU FRIEDEN
IN EUROPA LEISTEN
Die zukünftige Rolle der KSZE
Von Botschafter Max M. Kampelman
Der nachfolgende Artikel gründet sich im wesentlichen auf ein kürzlich von Botschafter Kampelman gegebenes
Interview.
Als die Vereinigten Staaten im Jahr 1975 der Schlußakte von Helsinki beitraten, wurden diejenigen, die sie
als dauerhafte Triebfeder für Stabilität zwischen Ost
und West sowie für Frieden und Zusammenarbeit in
Europa erachteten, als unrealistische Träumer angesehen. Zweifelsohne waren die in dem Dokument
verankerten Werte westliche Werte, und man ging
nicht davon aus, daß die Sowjetunion ihre auf dem
Papier gegebenen Versprechen in die Praxis umsetzen würde.
In der kurzen Zeitspanne von nur 15 Jahren konnten
wir jedoch beobachten, daß die in der Schlußakte von
Helsinki niedergelegten Werte heute beispiellos sind
und ganz Europa erfassen. Es sind menschliche
Werte, die der Auslöser für tiefgreifende demokratische Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa waren.
Als ich zwischen 1980 und 1983 als Leiter der amerikanischen Delegation der Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) Teilnehmer
der Folgekonferenz in Madrid war, wurde in Polen die
Gewerkschaftsbewegung Solidarität gegründet. Wir
in Madrid waren beeindruckt, daß eine der Forderungen der Solidarität an die polnische kommunistische
Regierung lautete, den Wortlaut der Schlußakte von
Helsinki in der Presse zu veröffentlichen. Dies war ein
Anzeichen für die Bedeutung dieser Werte. Heute
stellen die Gewerkschaftsführer, die von der polnischen kommunistischen Militärregierung verhaftet
worden waren, die Regierung Polens.
Ich erinnere mich, den Namen von Bronislaw Geremek
in Madrid erwähnt zu haben - einem Historiker von
Weltruf -, der aufgrund seiner Mitgliedschaft in der
Solidarität verhaftet wurde. Heute ist er Vorsitzender
der Solidaritäts-Fraktion im polnischen Parlament.

AMERIKA DIENST 32

Ich erinnere mich an die Gründung der Charta 77
genannten Gruppe in der Tschechoslowakei. Ihr Zweck
bestand darin, die Ziele der Schlu ßakte von Helsinki in
diesem kommunistischen System voranzubringen. Auch
ihre Mitglieder wurden verhaftet.
Ich weiß noch, wie ich in Madrid dagegen protestiert
und die Namen von Vaclav Havel, Jiri Hajek und
anderen renommierten Persönlichkeiten genannt habe,
die ebenfalls verhaftet worden waren. Herr Havel ist
heute Präsident der Tschechoslowakei und Professor
Hajek leitete die Delegation seines Landes bei der
KSZE-Konferenz über die menschliche Dimension in
Juni in Kopenhagen.
Die Schlußakte von Helsinki hat sich als nützlich
erwiesen, und die KSZE liefert ihr Instrumentarium. In
15 Jahren ist viel erreicht worden.
Jetzt wird die Frage laut: "Welchen Kurs wird die
KSZE einschlagen?"
Manche haben meiner Ansicht nach etwas unrealistische Vorstellungen über die Zukunft der KSZE und
ihren Einsatz für die Gewährleistung militärischer Sicherheit in ganz Europa. Vielleicht ist es Erfolgseuphorie. Vielleicht ist es auch auf die Tatsache zurückzuführen, daß Bedürfnisse bestehen, die von der
KSZE anscheinend leicht erfüllt werden können.
Vielfach herrscht auch die Auffassung, die KSZE könne
NATO und Warschauer Pakt ersetzen. Das wäre ein
Fehler ist, meiner Meinung nach nicht praktikabel. Die
NATO ist eine Organisation zur militärischen Verteidigung. Sie ist ein Bündnis, das Militärdoktrin und
militärische Theorien in den Vordergrund stellt und
militärische Operationen von 16 Ländern koordiniert.

Seite 1

�Ich kann mir nicht vorstellen, daß die KSZE diese
Aufgaben übernehmen kann oder sollte.
Die KSZE muß - wie in der Schlußakte von Helsinki
1975 definiert - eine wichtige sicherheitspolitische Rolle
spielen, um unter den 35 Mitgliedstaaten Vertrauen zu
bilden und ihre Zustimmung zu bestimmten vertrauensbildenden Maßnahmen im sicherheitspolitischen
Bereich einholen. Das ist von Nutzen, hat aber Grenzen.
Wenn KSZE-Länder zum Beispiel militärische Manöver durchführen wollen, benachrichtigen sie sich vorher. Sie versichern sich gegenseitig, daß es sich nicht
um feindliche Aktionen handelt. Und sie gestatten sich
gegenseitig Inspektionen - die Vertrauen bilden und
gut und nützlich sind, um das Sicherheitskonzept in
Europa zu stärken.
Aber all dies ist etwas anderes als über einen militärischen Befehlshaber und eine koordinierte militärische
Struktur zwischen allen Ländern zu verfügen. Es wäre
ein Fehler, wenn wir in solchen Kategorien denken
würden, und wir sind weit davon entfernt.
Ich bin mir des in Europa bestehenden Problems der
militärischen Sicherheit bewußt. Ich habe Gespräche
mit führenden Politikern der aufstrebenden Demokratien in Mitteleuropa geführt, von denen mir einer erklärte: "Sie haben die NATO. Ein Angriff auf ein Land
kommt einem Angriff auf alle gleich. Und was haben
wir?"
Er war besorgt über mögliche Bedrohungen der Grenzen seines Landes durch Nachbarn aus Ost und West:
einen neuen Kremlführer, der sowjetische Truppen
aussenden könnte oder einen künftigen aggressiven
Staatsmann eines vereinten Deutschlands und Befehlshaber einer großen Armee. "Werden Sie mich
beschützen?" fragte er.
Ich verstehe diese Sorge und kann mir gut vorstellen,
daß jemand, der diese Sorgen hat, sagen könnte: "Wir
brauchen die KSZE, um uns zu schützen."
Aber die KSZE ist nicht in der Lage, jemanden zu
schützen, weil sie auf der Basis der Einstimmigkeit
funktioniert. Jedes Mitgliedsland könnte sein Veto
gegen den Hilferuf eines Staats einlegen, eine von ihm
wahrgenommene Bedrohung abzuwehren.
Es gibt jedoch Sicherheitsprobleme, die von der KSZE
gelöst werden können.
Während einer Europareise wurde mir unlängst wiederum die Tatsache verdeutlicht, daß sich mit der
Abschwächung der Ost-West-Spannungen neue
Spannungen entwickeln. Wenn man diese neuen
Spannungen sorgfältig untersucht, wird man zu dem
Schlu ß kommen, da ß sie gar nicht so neu sind. Es sind
alte Spannungen, die erneut zum Tragen kommen Nationalitätenprobleme, Minderheitenprobleme, eth-

Seite 2

nische Probleme -, insbesondere in Mittel- und Osteuropa. Dies sind potentielle Bedrohungen der Sicherheit in Europa.
Wenn die KSZE ihrer Verantwortung für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa gerecht werden soll, dann
wird sie meines Erachtens Mittel und Wege finden
müssen, um diese Zwistigkeiten zu behandeln.
Dem Konzept der Schlußakte von Helsinki zufolge
besteht der beste Weg zur Behandlung von Minderheitenproblemen meiner Meinung nach darin, jetzt zu
sondieren, ob die KSZE eine vermittelnde, beratende
oder untersuchende Rolle spielen kann, die zur Lösung dieser Streitigkeiten beiträgt, wenn sie noch im
Entstehen begriffen sind und bevor sie zu gewalttätigen Auseinandersetzungen eskalieren.
Ich hoffe, daß sich die KSZE bei ihrem nächsten
Treffen damit beschäftigen wird, welche Art von Vermittlerrolle sie spielen kann.
Im Verlauf der Kopenhagener Konferenz über die
menschliche Dimension hat die amerikanische Delegation einen Ansatz vorgeschlagen. Wenn zwischen
zwei Staaten ein Streitfall besteht, würde jeder einen
Experten zu dem betreffenden Thema benennen. Die
beiden Experten würden sodann einen dritten Vermittler von einem anderen KSZE-Land auswählen, der als
Vorsitzender fungieren würde.
Diese drei würden dann sondieren, ob eine friedliche
Lösung des Streits möglich wäre. Sie würden das
Recht haben, Anhörungen zu veranstalten, aber sie
hätten nicht das Recht, eine Regelung vorzuschreiben.
Das war nur eine Idee von unserer Seite. Vielleicht
funktioniert sie. Ich meine, man sollte sie ausprobieren. Vielleicht wird jemand anders eine andere Idee
haben, aber dies ist ein entscheidender Bereich, in
dem die KSZE einen einzigartigen Beitrag zu Stabilität
und Zusammenarbeit in Europa leisten kann.
Ein weiteres sehr wichtiges Problem, das von der
KSZE behandelt werden könnte, ist der Terrorismus.
Wir haben heute eine einzigartige Chance, weil der
internationale Terrorismus bis vor kurzem noch vom
Weltkommunismus gefördert wurde.
Viele wu ßten bereits, da ß die alten Regime der Tschechoslowakei, Polens, der DDR, Bulgariens und Rumäniens internationale Terroristen ausbildeten, sie finanzierten und taten, was sie konnten, um die Welt und
auch Europa zu destabilisieren. Heute, da die neu
entstehenden Demokratien ihre nationalen Archive
öffnen, erfahren wir weitere Einzelheiten darüber.
Neue Regierungen werden in Mittel- und Osteuropa
gebildet, die hoffentlich alle demokratisch sein werden.
Die Entwicklung verläuft jedenfalls in dieser Richtung.
Sie können zusammen mit den anderen europäischen

AMERIKA DIENST 32

�Ländern eine einzigartige und kooperative Rolle spielen, indem sie den internationalen Terrorismus aushungern anstatt ihm Nahrung zu geben, indem sie ein
Programm entwickeln, mit dem jeder dem anderen
dabei hilft, Terroristen bloßzustellen, zu inhaftieren,
sie auszuweisen und alles zu tun, um ihnen Einhalt zu
gebieten. Die Sowjetunion signalisiert ihre Bereitschaft, sich an solchen Bemühungen zu beteiligen.
Es gibt noch eine dritte mögliche Rolle für die KSZE:
die Förderung von Abrüstungsmaßnahmen in Europa.
Die Wiener Gespräche über die Reduzierung konventioneller Streitkräfte werden bald zu Ende gehen - ich
hoffe, mit Erfolg -, und wahrscheinlich wird es eine
weitere Gesprächsserie in diesem konventionellen
Bereich geben, bei der die KSZE eine bedeutende
Rolle spielen kann.

*

AMERIKA DIENST 32

Einerseits kann die KSZE über die Reduzierung von
Rüstungen sprechen und andererseits über eine Stärkung der Sicherheit durch die Behandlung von Minderheiten- und Nationalitätenproblemen sowie bei der
Ausrottung des Terrorismusproblems.
Die KSZE kann meines Erachtens in Europa eine
Atmosphäre schaffen, die fest in Freiheit, Menschenwürde und Stabilität verankert ist. Langfristig könnte
sich dies als weit entscheidenderer Beitrag zum Friedensprozeßerweisen als der Versuch, dieses sensible
Instrument irgendwie in ein militärisches Bündnis zu
verwandeln.

*

Seite 3

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              <text>&lt;strong&gt;1. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Welt verlangt UNO-Sanktionen gegen irakische Schiffahrt &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Internationale Reaktionen auf die irakische Invasion Kuwaits&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht über wirtschaftliche und politische Maßnahmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: Zusammenhalt im atlantischen Bündnis unabdingbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSZE kann maßgeblichen Beitrag zu Frieden in Europa leisten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die zukünftige Rolle der KSZE von Botschafter Max M. Kampelman&lt;/em&gt;</text>
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