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8. August 1990

31

IRAK-UNO

UNO-SANKTIONEN FORDERN
"EXTREM HOHEN PREIS" VON IRAK
Erklärung von UNO-Botschafter Pickering

IRAK

DIE IRAKISCHE INVASION IN KUWAIT
Amerikanische Pressestimmen

SICHERHEITSPOLITIK

BUSH UMREISST UMSTRUKTURIERUNG DER
US-VERTEIDIGUNGSFÄHIGKEIT
Rede des Präsidenten vor dem Aspen-Institut

RICHTIGSTELLUNG

AMERIKA DIENST 29 VOM 25. JUL11990
Chemische Waffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�cimGfikci
U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

dienet

An unsere Leser
in eigener Sache

Bonn, den 8. August 1990

LESERUMFRAGE

Die Amerika Dienst-Redaktion dankt allen Beziehern für die große
und außerordentlich positive Resonanz auf die im Februar 1990
durchgeführte Leserumfrage.
Insbesondere gebührt unseren Lesern Dank für die zahlreichen
Anregungen und Vorschläge, die im Rahmen des Möglichen
Berücksichtigung finden werden.
Die vielfach bemängelte neue Heftung des Amerika Dienstes hat
versandtechnische und Kostengründe, für die wir um Verständnis bitten.

Für Ihre Kooperation nochmals vielen Dank!

William Bach
Stellvertretender Presseattache

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�IRAK-UNO
8. August 1990

UNO-SANKTIONEN FORDERN
'EXTREM HOHEN PREIS" VON IRAK
Erklärung von UNO-Botschafter Pickering
NEW YORK - (AD) - Aufgrund der durch die Invasion und Besetzung Kuwaits durch den Irak hervorgerufenen
Bedrohung für "wirtschaftliches Wohlergehen und Stabilität" der Welt haben die Vereinigten Staaten am 6.
August 1990 für die unverzügliche Anwendung der Resolution 660 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen
gestimmt, in der Sanktionen gegen den Irak gefordert werden.
In seiner Erklärung vor dem Sicherheitsrat betonte der amerikanische UNO-Botschafter, Thomas Pickering,
unter anderem: "Der Irak muß lernen, daß er für seine Mißachtung des Völkerrechts einen extrem hohen
politischen und wirtschaftlichen Preis zahlen mu ß, unter anderem - aber nicht ausschließlich - die Einstellung von
Waffenlieferungen." Mit ihrer gemeinsamen Entschlossenheit demonstriere die internationale Staatengemeinschaft, daß sie den Einsatz von Gewalt, Zwangsmaßnahmen und Einschüchterung durch Bagdad nicht
hinzunehmen gewillt ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Pickering vor dem Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen im Wortlaut:

Herr Präsident, meine Regierung hat zusammen mit
neun anderen Staaten die heute zur Beschlußfassung
vorliegende Resolution eingebracht, mit der auf die
unverfrorene Aggression des Iraks gegen Kuwait, ein
souveränes Mitglied der Vereinten Nationen sowie auf
die inakzeptable Nichteinhaltung der Resolution 660
durch den Irak reagiert werden soll, einer Resolution,
deren Einhaltung für alle Mitgliedstaaten Pflicht ist. Mit
seinen Handlungen hat Saddam Hussein die strategisch entscheidende Region am Persischen Golf in
eine Krise gestürzt. Als Folge sind heute dreißig
Prozent der Ölförderung in dieser Region unter irakischer Kontrolle. Damit werden wirtschaftliches Wohlergehen und Stabilität weltweit bedroht.
Diese Handlungen fanden statt, nachdem der Irak vor
elf Tagen erklärt hatte, er werde nicht in Kuwait einmarschieren. Am Freitag verkündete Radio Bagdad, man
werde sich am Sonntag aus Kuwait zurückziehen.
Auch das entsprach nicht der Wahrheit. Heute werden
die irakischen Truppen in Kuwait verstärkt und ihre
Stellungen ausgebaut. Für andere Staaten in der
Region bedeuten sie eine gefährliche Provokation. Die
Staatengemeinschaft glaubt keiner Erklärung, die das
Bagdader Regime in dieser Angelegenheit abgibt.

AMERIKA DIENST 31

Mit dieser Resolution verlangt die internationale Staatengemeinschaft die unverzügliche Anwendung der
Resolution 660 des Sicherheitsrats der Vereinten
Nationen. In zahlreichen Erklärungen einzelner Staaten in aller Welt, der Europäischen Gemeinschaft, des
Golf-Kooperationsrats, der Arabischen Liga und der
Blockfreien wird die irakische Invasion verurteilt. Mit
unserer heutigen Resolution werden wir ihren Verurteilungen dieser Invasion und ihren - und unseren Forderungen nach unverzüglichem und bedingungslosem Abzug Nachdruck verleihen.
Vielfach wird die Hoffnung geäußert, daß Bagdads
angebliche Versprechungen zum unmittelbaren und
unverzüglichen Abzug ohne internationalen Nachdruck
erfüllt werden. Die Realität steht jedoch dazu im
Widerspruch. "Versprechungen", nicht einzumarschieren und nachfolgende "Versprechen" über einen Abzug
haben sich als Lüge erwiesen. In nur sechs Stunden
hat der Irak Kuwait erobert und innnerhalb von vierundzwanzig Stunden eine "provisorische Regierung", ein
Marionettenregime, eingesetzt. Nach 48 Stunden
wurden irakische Truppen - mehr als 100 000 Mann "auf freiwilliger Basis rekrutiert", um den rasch zusammengestellten Vasallen zu dienen und zursaudiarabi-

Seite 1

�sehen Grenze im Süden vorzudringen.
Darüber
hinaus hat der Irak Geiseln genommen und mehr als
eine Million Ausländer bedroht. Iraks Vasallen haben
erklärt, sich nicht ehrenhaft verhalten zu wollen, wenn
die internationale Staatengemeinschaft auf den irakischen Angriff antworten will.
Der Irak hat die Resolution 660 des UNO-Sicherheitsrats ebenso abgelehnt wie die Mahnungen dereigenen
Region und der Blockfreien. Sie sind der Welt mit
Verachtung entgegengetreten Der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen erklärt heute einstimmig, daß die
Gemeinschaft zivilisierter Länder dieses Verhalten
nicht dulden wird. Niemals und nirgendwo. Mit dieser
Resolution erklären wir dem Irak, die uns in Artikel 7
der Charta der Vereinten Nationen zugestandenen
Mittel zu nutzen, um Resolution 660 des UNO-Sicherheitsrats durchzusetzen.
Der Irak muß lernen, daß er für seine Mißachtung des
Völkerrechts einen extrem hohen politischen und wirtschaftlichen Preis zahlen muß, unter anderem - aber
nicht ausschließlich - die Einstellung von Waffenlieferungen. Unsere konzertierte Aktion wird demonstrieren, daß die internationale Staatengemeinschaft Bagdads Präferenz für den Einsatz von Gewalt, Zwang
und Einschüchterung jetzt und in Zukunft nicht duldet.

* *

Seite 2

Herr Präsident, die heutige Resolutton ist bindend für
alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Wie Sie
wissen, hat meine Regierung schneU gehandelt, um
die gesamten irakischen und kuwartischen Vermögenswerte einzufrieren. Sie hat ferner den Handel mit
Irak untersagt und begrü ßt, daß viele Regierungen ihre
Entscheidung bekanntgegeben haben, keine Waffen
mehr an den Irak liefern zu wollen. Der Sicherheitsrat
ist heute zusammengetreten, um all unsere Aktionen
zu bündeln und durchzusetzen. Den Übergriffen des
Iraks muß Einhalt geboten werden, bevor der Irak
oder andere zu dem Schluß kommen, ihren Willen
durchsetzen zu können. Unsere Verpflichtung gegenüber Kuwait, einem souveränen Mitgliedstaat dieses
Gremiums, bedingt die Durchführung der Resolution
660 des UNO-Sicherheitsrats und die Wiederherstellung der legitimen Autorität, Souveränität und territorialen Integrität Kuwaits. Mit unseren heute getroffenen Maßnahmen versichern wir der legitimen
kuwaitischen Regierung, daß die irakische Invasion
eine internationale Reaktion nach sich ziehen wird.
Und wir erklären mit unseren heutigen Maßnahmen,
daß wir keine Fortsetzung oder Wiederholung dieser
Aggression dulden werden.
Herr Präsident, ich danke Ihnen.

* *

*

AMERIKA DIENST 31

�IRAK
8. August 1990

DIE IRAKISCHE INVASION IN KUWAIT
Amerikanische Pressestimmen
Die Zeitungen in den Vereinigten Staaten nehmen in ihren Leitartikeln gegenwärtig zum irakischen Einmarsch
in Kuwait und dessen Auswirkungen auf die Ölversorgung der Welt Stellung. Nachfolgend veröffentlichen wir
einige Pressestimmen zu diesem Thema.

The New York Times
Präsident Bush hat im Hinblick auf Liberia am Wochenende das Richtige getan, indem erden Marineinfantristen Befehl gab, bedrohte Amerikaner zu evakuieren
und die US-Botschaft zu schützen. Darüber hinaus
sendet er damit ein nützliches Signal über die Bereitschaft der Vereinigten Staaten aus, angemessene
militärische Mittel zur Verteidigung eindeutiger nationaler Interessen einzusetzen.
Im Kontext der gefährlichen internationalen Krise, die
mit dem Einmarsch des Iraks in Kuwait ausgelöst
wurde, könnte dieses amerikanische Signal zu einer
schnellen und angemessenen internationalen Reaktion beitragen. Der irakische Diktator Saddam Hussein
kümmert sich wohl wenig um die internationale Meinung. Aber er wird wohl auf der Hut sein, wenn
potentielle Gegner die Zähne zeigen ...
Der Präsident hat sich geweigert, den Einsatz amerikanischer Streitkräfte in der Kuwaitkrise auszuschließen, insbesondere wenn Saudi-Arabien in irgendeiner
Weise bedroht wird. Die unmittelbare Reaktion der
Sowjetunion, der Europäischen Gemeinschaft und
des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen auf die
Invasion zeigt, daß dies nicht allein die Botschaft
Amerikas ist.
The Wall Street Journal
Vielleicht hat Saddam Hussein der Welt einen Gefallen
getan. Die irakische Invasion in Kuwait ist der erste
große Akt der Aggression im Zeitalter nach dem kalten
Krieg. Wir könnten auch erstmals Zeugen werden, wie
einzelne Länder in der neuen Weltordnung ihre Interessen definieren und welche Auswirkungen dies auf
Piraterie und Terrorismus hat.
AMERIKA DIENST 31

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man dazu nur die
vagesten Vermutungen anstellen. Die politische
Atmosphäre im Mittleren Osten ist unbeständiger als je
zuvor. Hussein könnte noch mehr Überraschungen
bereithalten. Es besteht kaum die Aussicht, daß ihm
seine Beute bald wieder abgenommen werden kann,
auch wenn der versprochene Truppenabzug in die Tat
umgesetzt wird. Dennoch ist es ziemlich beeindrukkend, wie bemerkenswert positiv die weltweite Reaktion auf die Invasion war.
Zumindest bis heute gab es nur wenige Länder, die
sich in ängstliches Schweigen hüllen oder Zuflucht in
diplomatischen Floskeln suchen, die diese Ereignisse
bisher zu begleiten pflegten. Der Irak wurde nahezu
überall verurteilt, und viele Nationen waren nur allzu
gern zu wirtschaftlichen Strafmaßnahmen gegenüber
dem Irak bereit.
Obwohl die weltweite Reaktion Saddam Hussein nicht
in seine Schranken zurückweist, ergeben sich damit
doch Möglichkeiten für eine Führungsrolle in dieser
Frage. Vielleicht wird diesmal die französische Regierung amerikanischen F-111 das Überfliegen des Territoriums gestatten. Angesichts der von Präsident
Bush ins Gespräch gebrachten Möglichkeit, irakische
Ölexporte durch Sperrung der Pipelines durch die
Türkei zu verhindern, wäre dies ein guter Augenblick
für die NATO. Sie könnte bekräftigen, daß ein Angriff
auf die Türkei ein Angriff auf ein NATO-Land und
vertragsgemäß ein Angriff auf alle sei.
Die gute weltweite Reaktion schafft unter Umständen
ein Klima für Konsultationen und konzertierte Aktionen
... aber die Vereinigten Staaten müssen erkennen, daß
die Hauptverantwortung für eine Führungsrolle immer
noch bei ihnen liegt. Wir können uns nicht vorstellen,

Seite 1

�daß die Bundesrepublik Deutschland als weithin gefeierte neue Großmacht es freiwillig mit dem Tyrann von
Bagdad aufnimmt.
The Christian Science Monitor
Die meisten Länder haben den Irak für seinen in der
letzten Woche geführten Blitzkrieg gegen Kuwait verurteilt. Jetzt muß die internationale Staatengemeinschaft den Verurteilungen Taten folgen lassen, einschließlich erheblicher Wirtschaftssanktionen und der
Aufstellung von Streitkräften, um weiteren Angriffen
des ehrgeizigen und skrupellosen irakischen Führers
Saddam Hussein entgegenzutreten ...
Für die Industrieländer bestanden die unmittelbaren
Auswirkungen der irakischen Invasion in Störungen
auf dem Weltmarkt für Öl. Die Ölpreise steigen bereits
angesichts der irakischen Kontrolle über kuwaitische
Ölfelder.
Außer den Auswirkungen auf die Ölpreise fordert
Husseins brutales Vorgehen die internationalen Maßstäbe im Hinblick auf die Beilegung von Streitigkeiten
heraus. Die internationale Staatengemeinschaft muß
diese Werte hochhalten, oder sie wird ihre moralische
Autorität und ihren politischen Einfluß verlieren.
Obgleich eine arabische Reaktion begrüßenswert wäre,
scheint der Löwenanteil der Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft zuzufallen, dem Irak
auf koordinierte und disziplinierte Weise Widerstand
zu leisten. Ein Embargo gegen irakisches Öl und
andere Wirtschaftssanktionen werden nicht leicht
aufrechtzuerhalten sein, sind aber wichtig. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unterstützt diese
Maßnahmen. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion stehen in diesem Zeitalter nach dem kalten Krieg
zusammen.
The Los Angeles Times
Als Washington und Moskau anfingen, Frieden zu
schließen, warnten einige Militärexperten davor, die
Abwehr regionaler Kriege könnte eines Tages den
kalten Krieg als Zuckerschlecken erscheinen lassen.
Angesichts des irakischen Übergriffs auf das benachbarte Kuwait in dieser Woche müssen Länder, die
Gesetze respektieren, diese Warnung ernst nehmen.
Nukleare Abschreckung hieß, die richtige Anzahl von
Nuklearraketen zur Verfügung zu haben, um nach
einem Überraschungsangriff zurückschlagen zu können - und das heißt es in geringerem Umfang auch
heute noch. Die Wahl der richtigen Anzahl beschäftigte die fähigsten Strategen im Lande, und obwohl es
sich hierbei immer um eine ungenaue Wissenschaft zu
handeln schien, funktionierte es.
... Theoretisch können die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten eine konventionelle Abschreckung
entwickeln, die genauso gut funktioniert wie eine strategische Abschreckung.
Seite 2

Aber insbesondere in einer Region wie dem Mittleren
Osten mit seiner Politik des Mi ßtrauens und der langen
Geschichte religiöser Konflikte und Stammesfehden,
ist die Praxis von der Theorie weit entfernt. Die Zahl
der Orte ist eng begrenzt, wo Waffen und anderes
Gerät für den Ernstfall stationiert werden können (in
Stellung gebracht, wie das Pentagon es nennt), wie es
in NATO-Ländern der Fall ist. Schnelles Eingreifen ist
im Mittleren Osten schwieriger, weil königliche Familien in der Region eher ihrem Instinkt folgen und ihre
Konflikte durch Feilschen lösen als mit Waffen.
Schließlich wird konventionelle Abschreckung nicht
nur komplizierter als im Zeitalter des kalten Krieges,
sondern auch teurer. Etwa 20 Prozent des Pentagonhaushalts fließt in die strategischen Streitkräfte.
Konventionelle Abschreckung ist nicht leicht. Glücklicherweise unterstützen andere Nationen mit Interesse
am Frieden im Mittleren Osten, einschließlich der
Sowjetunion, Präsident Bushs Forderung nach Maßnahmen gegen den Irak, die einer Quarantäne gleichkommen. Damit sollte Zeit für Anpassungsmaßnahmen gewonnen werden, solange das Glück der Industrieländer anhält. Aber Washington muß diese Zeit
nutzen, um im Hinblick auf die Zukunft grundsätzliche
Anpassungen bei seiner Verteidigungsstruktur vornehmen zu können - einer Zukunft, die plötzlich viel
unmittelbarer und eindringlicher und weniger theoretisch und wissenschaftlich ist.
The Boston Globe
Der Anstieg der Ölpreise - drei Dollar pro Barrel in
wenigen Stunden - war nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait zu erwarten. Einzelne Märkte reagieren sofort auf unvorhergesehene Ereignisse. Der
Schlüssel zur Dämpfung dieser Entwicklungen liegt in
der Gewißheit, daß die Ölversorgung nicht ernsthaft
unterbrochen wird und daß Engpässe bei einer Quelle
aus einer anderen gelöst werden können. Die von den
Vereinigten Staaten für strategische Zwecke angelegte Ölreserve im Umfang von einer Milliarde Barrel kann
dies leisten.
Die Reaktion auf seine (Saddam Husseins) Invasion
wird primär ökonomisch sein müssen, wenn sie erfolgreich sicherstellen will, daß sich die irakischen Streitkräfte letztlich wirklich aus Kuwait zurückziehen werden, obwohl ein Plan zum baldigen Abzug bereits
verkündet wurde. Ein Boykott der Öllieferungen aus
irakischen und kuwartischen Quellen, die täglich etwa
4 Millionen Barrel für den Export bereitstellen, würde
Ersatzlieferungen aus anderen Quellen erfordern wobei Saudi-Arabien der naheliegendste Kandidat ist,
da es seine Produktion um genau diese Menge gedrosselt hat. Eine Wiederinbetriebnahme dieser Quellen
wird jedoch Zeit erfordern, und die Marktpreise werden
hoch bleiben bis dieses ö l in den Handel kommt.
Zwischenzeitlich bietet die strategische Reserve der
Vereinigten Staaten ein Polster, das zur Sättigung des
AMERIKA DIENST 31

�gegenwärtigen Bedarfs und zur Stabilisierung der Preise
beitragen würde. Schon das Wissen, daß die Reserve
angezapft wird, würde Spekulanten davon abhalten,
rasche Profite auf Kosten derjenigen zu erzielen, die
unabhängig vom Preis auf Öl angewiesen sind.
The Baltimore Sun
Der Donner der irakischen Geschütze bei der Invasion
Kuwaits am Donnerstag war weithin hörbar. Die Stille
der von dem Diktator Saddam Hussein eingeschüchterten arabischen Staaten war ohrenbetäubend.
Souveränität und Integrität eines arabischen Staats
wurden zerschlagen...
. Arabische Führer, die Usurpation tolerieren, untergraben ihre eigene Legitimität. Wenn König Fahd dem
Erlaß der irakischen Schulden an Kuwait in Höhe von
15 Milliarden Dollar zustimmt, dann schreibt er damit
zugleich die noch höheren Schulden des Iraks an
Saudi-Arabien ab.
Die gemeinsame Moskauer Erklärung der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten war das erste Beispiel
der Art von verstärkter Zusammenarbeit, wie sie von
den Au ßenministern Baker und Schewardnadse angestrebt wurde. Angesichts der amerikanisch-sowjetischen Konfrontationen in der Vergangenheit war sie
geradezu elektrisierend, indem sie "die internationale
Staatengemeinschaft auffordert, mit uns gemeinsam
alle Waffenlieferungen an den Irak einzustellen". Die
Sowjetunion war der größte Waffenlieferant des Iraks
und hätte noch vor wenigen Jahren die Invasion begrüßt. Die Vereinigten Staaten neigten während des
Kriegs zwischen Irak und Iran zu stark zur Begünstigung des Iraks.
Um Recht und Gesetz wiederherzustellen, muß sich
der Irak völlig und bedingungslos zurückziehen. Er hat
keine Recht, dort zu sein, keinen Anspruch auf das Öl
oder die Bankkonten Kuwaits. Präsident Hussein
möchte der größte Führer der arabischen Welt sein.
Jeden Tag, an dem seine Truppen in Kuwait stehen, ist
er ihr größter Verbrecher.
The Philadelphia Inquirer
Eines der Schlagworte des neuen Jahrzehnts heißt
Interdependenz. Es bedeutet, daß in einer Welt der
Glasfaserkabel und des Reisens im Überschalltempo
die Probleme eines Landes zunehmend Rückwirkungen auf alle anderen haben.
... Saddam Husseins grandiose Träume von der Macht
könnten für einen Großteil der Weltbevölkerung negative Folgen haben.
Aber kann sich die Welt gegen weltweite Bedrohungen
zusammenschlie ßen ?
Wenn die Bedrohung in den Bereich der Wissenschaft
fällt, können Ausschüsse gebildet werden, um die

AMERIKA DIENST 31

Gefahr zu untersuchen, und die Politiker haben Zeit,
um hinter den Kulissen zu wirken. Husseins Invasion
von Kuwait und die Drohung, daß er auch nach SaudiArabien marschieren und sich dadurch die Kontrolle
über die Hälfte der Weltölvorräte sichern könnte, verlangen jedoch eine unverzügliche und eindeutige Antwort.
Solange aber nicht die Welt gemeinsam handelt, ist er
nicht aufzuhalten.
Die unmittelbare Frage betrifft Wirtschaftssanktionen
gegen den Irak. Die Vereinigten Staaten möchten, daß
der UNO-Sicherheitsrat umfassende Wirtschafts- und
Finanzsanktionen gegen den Irak verhängt....
Diese könnten Auswirkungen zeitigen. Der Irak ist
verwundbar, belastet mit immensen Kriegsschulden.
Er importiert die Hälfte seiner Nahrungsmittel. Sanktionen werden jedoch nicht greifen, wenn sich nicht alle
Industriestaaten - und wichtige arabische Länder anschließen. Und sie können nicht funktionieren,
wenn die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, ihrer
Politik Nachdruck zu verleihen, notfalls mit Gewalt...
Dies wird eine historisch einmalige Zusammenarbeit
mit der Europäischen Gemeinschaft und Japan erfordern. Ihnen müssen wir für ihren Beschluß Beifall
zollen, irakischen und kuwaitischen Besitz einzufrieren und ein Verbot von Ölkäufen aus dem Irak zu
unterstützen. Ein solches Embargo erfordert jedoch
ein langfristiges Engagement, selbst wenn die Ölpreise explodieren.
Können all diese Länder gegen die irakische Bedrohung zusammenhalten? Die Beantwortung dieser
Frage wird zeigen, ob die "Interdependenz" real existiert oder nur Wunschdenken ist.
The Washington Post
In den vergangenen Jahren wurde viel von der Waffe
Öl geredet. Im allgemeinen bezog man sich dabei auf
die Macht der Produzenten, durch eine Drosselung
des Angebots höhere Preise oder politische Zugeständnisse von ihren Abnehmern zu erzwingen. Wie
viele Waffen ist jedoch auch diese zweischneidig.
Auch die Abnehmer können die Waffe Öl einsetzen.
Keine Waffe ist billig. Diese wird ein ungewöhnlich
hohes Maß an Zusammenarbeit zwischen den Regierungen der Industriestaaten und die Bereitschaft erfordern, mit etwas weniger Öl auszukommen. Am Ende
wird sie sich jedoch als weit preiswerter erweisen als
die Verabschiedung einer Resolution, nach der man
sich gähnend zurücklehnt und mit den Irakern wieder
zur Tagesordnung übergeht.
Die Arithmetik eines Boykotts ist nichts Unmögliches.
Sicherlich, der Irak und Kuwait sind wichtige Förderländer. Zusammen fördern sie fast 5 Millionen der
etwas über 60 Millionen Barrel öl, die von der Welt Tag
für Tag produziert und verbrannt werden. Einige
Länder können jedoch, wenn sie dies wollen, mehr

Seite 3

�produzieren als sie dies zur Zeit tun. Die arabischen
Golfstaaten, insbesondere Saudi-Arabien, sind der
Schlüssel...
Ein allgemeines Embargo gegen Öl aus dem Irak und
seinem Gefangenen Kuwait wird höhere Preise bedeuten. Es ist schwer vorauszusagen, wieviel höher er
sein wird, da dies größtenteils von den Verbrauchern
abhängt. Wenn sie wie bei der letzten Ölkrise vor 11
Jahran in Panik verfallen und sich wie wild gegenseitig
übet bieten, könnten sie ein weiteres ökonomisches
Desaster hervorrufen. Wenn sie kühlen Kopf bewahren und 7"n'ickhaltung üben, kann der Preisanstieg in
veitreibaren Grenzen gehalten werden. Dies ist nicht
das Jahr 1979.
Nacl mehreren Jahren des billigen Öls wird die Welt
jetzt mehr zahlen messen. Gibt es dazu eine Alternative? DasVc ?piel zur irakischen Invasion Kuwaits war
^in Streit v ' n gegenwärfg; ) Ölpreis, den Saddam
jssein fü vi ^u niedrig hielt. Wenn er mit seinem
iminellen Vorgehen Erfolg hat. wird er seine neue
'agemonie am Golf sicherlich dazu benutzen, um die
-*:se weitr»- zu steigern. Ein höherer Ölpreis ist nicht
'oblem. Das einzige Problem besteht darin, ob
an c?n irakzah!°n.

jore Sun
... Die Vereinigten Staaten sind weiterhin durch einen
steilen Anstieg der Ölpreise verwundbar. Wenn überhaupt, dann ist das Land heute weniger darauf vorbereitet, mit einer unsicheren Ölversorgung fertigzuwerden, als vor 10 Jahren...
Nie wurde mehr Öl importiert. Importe betragen etwa
die Hälfte unseres täglichen Ölbedarfs. Die Vereinigten Staaten beziehen 731 000 Barrel pro Tag aus dem
Irak und Kuwait. Es konnte also nicht verwundern, daß
die Aktienkurse einbrechen, die Preise auf den RohölSpotmärkten explodieren und Besorgnis über die Folgen weiterer militärischer Maßnahmen im Golf um sich
greifen würden.

Die größte Sorge gilt vielleicht der Tatsache, daß das
kriegerische Auftreten des Iraks den wirtschaftlichen
Drahtseilakt der Administration aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Sollten die ölpreise über 25
Dollar steigen (was von einigen Experten erwartet
wird), könnte die amerikanische Wirtschaft einen Anstieg
der Inflationsrate um zwei oder drei Prozent verzeichnen. Wirtschaftszweige wie die Automobil-, Chemieund Flugzeugindustrie könnten in den Abschwung
getrieben werden. Eine sich verlangsamende Wirtschaftstätigkeit könnte leicht zur Rezession führen.
Dank eines Überangebots an Öl auf den internationalen Märkten werden die Auswirkungen der irakischen
Invasion bis auf weiteres nicht voll zum Tragen kommen. Jedoch wird von Ölgesellschaften und -händlern
bereits ein scharfer Preisanstieg auf den Spotmärkten
erwartet. Die Kosten für den amerikanischen Autofahrer: Ein paar Pennies mehr an den Zapfsäulen in den
kommenden Wochen und etwa 10 Cents mehr pro
Gallone insgesamt..
Auch das amerikanische Handelsbilanzdefizit könnte
steigen. Bemühungen zur Reduzierung des Defizits
im Bundeshaushalt durch höhere Benzinsteuem könnten zunichte gemacht und damit die Defizitprobleme
des Landes noch verschärft werden. Auch die Hoffnungen von Regierungen der Bundesstaaten auf eine
Erhöhung der Benzinsteuern zur Finanzierung des
Straßenbaus könnten sich als trügerisch erweisen.
Es gibt keine Lösungen, die rasch zum Erfolg führen.
Eine starke Unterstützung für Maßnahmen zur Energieeinsparung könnte langfristig Abhilfe schaffen.
Dasselbe gilt für die Ermutigung der Erschließung
alternativer Energiequellen. Die Zeiten, in denen Öl für
15 Dollar pro Barrel zu haben war, sind jedoch vorbei.
Eine neue Ordnung entsteht innerhalb der OPEC und
in den ölreichen Golfstaaten. Beides bedeutet für die
amerikanische Wirtschaft nichts Gutes.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 31

�S I C HE RH E I T S P O L I T I K
8. August 1990

BUSH UMREISST UMSTRUKTURIERUNG DER
US-VERTEIDIGUNGSFÄHIGKEIT
Rede des Präsidenten vor dem Aspen-Institut
ASPEN - (AD) - Präsident Bush zufolge hat der in der Welt von heute stattfindende Umbruch "unser Sicherheitsumfeld" verändert und erfordert die Umstrukturierung der Verteidigungsfähigkeiten.
In einer Rede bei dem vom Aspen-Institut veranstalteten Symposium erklärte der Präsident am 2. August 1990,
"um das gesamte Spektrum der vor uns liegenden Herausforderungen in den Griff zu bekommen, müssen wir
uns auf Einsatzbereitschaft und schnelles Eingreifen sowie Forschung konzentrieren".
Bush fuhr fort, die Vereinigten Staaten "werden ihre Truppen solange in Europa stationieren, wie unsere
Verbündeten dies wünschen und und brauchen", und außerhalb Europas müssen die Vereinigten Staaten
"Streitkräfte unterhalten, die auf Bedrohungen unabhängig davon reagieren können, aus welchem Teil der Welt
sie kommen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit Ihnen
gemeinsam das 40jährige Jubiläum des renommierten
Aspen-Instituts begehen zu können.
In diesen 40 Jahren stand Aspen als Symbol für den
Versuch, eine Brücke zwischen Wissenschaft und
Politik zu schlagen. Und natürlich für das Verständnis
der tiefgreifenden Veränderungen, die um uns herum
stattfinden. Denken Sie an die Schlagzeilen von vor40
Jahren - die Zeit der ersten Aspen-Konferenz im Jahr
1950. Nordkorea machte Ansprüche jenseits des 38.
Breitengrades geltend. Klaus Fuchs wurde gefaßt und
für die Weitergabe geheimer Informationen über die
Atombombe an die Sowjets veruteilt. Der kalte Krieg
- ein von Bernard Baruch in unser Vokabular eingeführter Begriff - stand als Synonym für einen bewaffneten
und unsicheren Frieden zwischen West und Ost.
Dies war die Welt, in der Aspen gegründet wurde - die
Welt, die Aspen studieren und gestalten wollte.
Die seitdem vergangenen 40 Jahre waren eine Zeit
außerordentlicher Fortschritte - und für die Nationen
des Westens eine Ära von beispiellosem Wohlstand,
Frieden und Freiheit. Gleichzeitig jedoch lebten wir in
einem Umfeld konstanter Spannungen, des kalten
Krieges und der Konflikte.

AMERIKA DIENST 31

Die Welt ist im Umbruch begriffen. Die jahrzehntealte
Teilung Europas ist überwunden - und das Zeitalter
des Aufbaus von Demokratien ist angebrochen. In
Deutschland - der geteilten Nation im Herzen eines
geteilten Kontinents - ist die Einheit jetzt gewährleistet
und die freie Entscheidung für die Vollmitgliedschaft in
der NATO ausgesprochen worden. Die Sowjetunion
befindet sich inmitten eines politischen und wirtschaftlichen Umbruchs, der zu nie gekannter Offenheit geführt hat - ein Prozeß, der gleichzeitig Hoffnungen und
Unsicherheiten in sich birgt.
Wir stehen in unserer Beziehung zur Sowjetunion an
einem historischen Wendepunkt. Heute habe ich mit
Jim Baker in Irkutsk gesprochen. Seine Gespräche mit
Außenminister Schewardnadse sind sehr positiv verlaufen. Meine Erörterungen mit Präsident Gorbatschow waren sehr offen und ehrlich. Alle Probleme
liegen auf dem Tisch - und wir schrecken auch vor den
schwierigen nicht zurück. Das war bisher das Geheimnis unseres Erfolgs, und auf diese Weise werden wir
mit der Zeit unsere Differenzen minimieren - und diese
historische Gelegenheit ergreifen, um dauerhaften
Fortschritt hervorzubringen.
Der Umbruch, von dem ich spreche, hat unser Sicherheitsumfeld verändert. Wir treten in ein neues Zeitalter

Seite 1

�ein: Die zur Gewährleistung des Friedens benötigte
Verteidigungsstrategie und Sicherheitsstruktur kann und muß - anders sein. Die Bedrohung einer sowjetischen Invasion in Westeuropa ohne oder nur mit
kurzer Vorwarnzeit scheint heute weiter entfernt als zu
jedem anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte.
Mit dem Entstehen der Demokratie in Osteuropa hat
der Warschauer Pakt seine militärische Bedeutung
verloren - und nach über vier Jahrzehnten der Vorherrschaft werden die sowjetischen Truppen aus Mittelund Osteuropa abgezogen.
Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet, unsere
Verteidigungsfähigkeiten an diese sich verändernden
strategischen Gegebenheiten anzupassen. In einer
Welt, die weniger von der unmittelbaren Bedrohung für
Europa und der Gefahr eines Weltkriegs geprägt ist einer Welt, in der der Umfang unserer Streitkräfte
zunehmend von regionalen Unwägbarkeiten und der
Präsenz in Friedenszeiten abhängt - haben wir erkannt, daß unsere Streitkräfte kleiner sein können.
Verteidigungsminister Cheney und General Powell
arbeiten hart daran, die genaue Zusammensetzung
der von uns benötigten Streitkräfte festzulegen. Ich
kann Ihnen jedoch bereits jetzt sagen, daß unsere
Sicherheitsbedürfnisse unseren Berechnungen zufolge bis zum Jahr 1995 von Streitkräften erfüllt werden
können, die verglichen mit heute um 25 Prozent reduziert sind. Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten
werden sich dann auf dem niedrigsten Niveau seit
1950 befinden.
Jetzt kommt es darauf an, wie wir die verbleibenden
Streitkräfte umgestalten. Unsere neue Strategie muß
den Rahmen für unseren beabsichtigten Abbau auf
das absolute Minimum an Streitkräften liefern, die wir
zur Wahrung unserer nach wie vor bestehenden Interessen benötigen - Streitkräfte, um Vorneverteidigung
in Schlüsselbereichen zu üben, wirksam auf Krisen zu
reagieren, um die nationale Kapazität zur Wiederaufstockung unserer Streitkräfte aufrechtzuerhalten, falls
dies erforderlich würde.
Den Vereinigten Staaten wäre mit Streitkräften schlecht
gedient, die nicht mehr sind als eine zurückgeschraubte oder abgespeckte Version derjenigen, die wir zum
gegenwärtigen Zeitpunkt unterhalten. Wenn wir unsere Reduzierungen schlicht und einfach anteilmäßig
vornehmen - gleichmäßig linear abbauen - könnten wir
leicht mit mehr Streitkräften enden als wir für inzwischen eher unwahrscheinliche Ereignisse benötigen und weniger als wir haben müssen, um auftretenden
Herausforderungen zu begegnen. Was wir brauchen,
sind nicht bloße Reduzierungen, sondern eine Umstrukturierung.
Was wir jetzt brauchen, ist eine Verteidigungspolitik,
die sich den bedeutenden Veränderungen anpaßt,
deren Zeugen wir nunmehr werden - ohne die weiterhin bestehenden Realitäten außer acht zu lassen, die

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unsere Sicherheitsstrategie dauerhaft prägen werden.
Eine Politik, bei der das Engagement in Friedenszeiten
ebenso konstant ist und der Verteidigung unserer
Interessen und Ideale in der Welt von heute dient wie
in der konfliktträchtigen Zeit des kalten Krieges.
Und in dieser Welt bleibt Amerika Dreh- und Angelpunkt für friedliche Veränderungen. Wichtige amerikanische Interessen in Europa und im Pazifik, im Mittelmeer und im Persischen Golf, sind der Hauptgrund
dafür, daß die Aufrechterhaltung einer vorne stationierten Präzenz unabdingbares Element unserer Strategie bleibt.
Wir erinnern uns alle an die Zeit, da die Sowjets unsere
Vornepräsenz als Bedrohung betrachteten. Als ich in
Malta mit Präsident Gorbatschow zusammentraf, zeigte mir dieser eine Landkarte, auf der angeblich die
Sowjetunion von Amerika eingekreist war. Darüber
haben wir eingehend gesprochen. Meiner Ansicht
nach versteht er jetzt, daß wir nicht die Absicht haben,
sein Land zu bedrohen - und meiner Ansicht nach
haben Gespräche, wie wir sie in Camp David geführt
haben, solche Fortschritte möglich gemacht.
Ich war Präsident Gorbatschow gegenüber offen. Ich
habe ihm gesagt, daß die Sowjetunion - trotz aller
wahrnehmbaren positiven Veränderungen - immer
noch eine Militärmacht erster Ordnung ist. Auch nach
den gegenwärtig ausgehandelten Reduzierungen im
konventionellen Bereich werden die Sowjets nach wie
vor zwei bis drei Millionen Männer unter Waffen haben.
Und dann gibt es natürlich noch unser vordringlichstes
Anliegen: Die Sowjets unterhalten und modernisieren
weiterhin ihr Arsenal strategischer Nuklearwaffen.
Unsere Verbündeten und wir begrüßen den neuen
Kurs, den die Sowjetunion jetzt einschlägt. Aber die
Vorsicht gebietet, daß wir eine effektive Abschreckung
aufrechterhalten, die den Frieden nicht nur im heutigen
Umfeld geringerer Spannungen gewährleistet, sondern sicherstellt, daß eine neue Konfrontation keine
reelle Option für irgendeine sowjetische Führung ist.
Die Sowjets werden den START-Vertrag mit vollständig modernisierten, einsatzfähigen und sehr umfangreichen strategischen Streitkräften eingehen. Um
auch im nächsten Jahrhundert eine eindeutige und
überzeugende strategische Abschreckung aufrechterhalten zu können, brauchen wir den B-2 Bomber.
Verteidigungsminister Cheney hat das Programm bereits
zurückgeschraubt. 75 Flugzeuge haben durchaus
eine strategische Bedeutung. Weitere Verzögerungen
werden nur die Kosten steigern. Wir müssen das
Trident-Programm vervollständigen. Diese 18 U-Boote
werden eine überlebensfähige, U-Boot-gestützte
Abschreckung gewährleisten. Endgültige Entscheidungen über unsere landgestützten ICBMs können wir
- entsprechend der Entwicklung der START-Verhandlungen - zurückstellen, müssen uns aber unsere Optio-

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�nen erhalten: und das bedeutet den Abschluß der
Entwicklungen kleiner ICBMs und schienengestützter
Raketen vom Typ PEACEKEEPER.
Und schließlich bin ich davon überzeugt, daß eine
defensive strategische Abschreckung in den neunziger Jahren sinnvoller ist als je zuvor. Welches Verteidigungsinstrument kann besser sein als ein System,
daß nur gegen uns gerichtete Raketen zerstört - ohne
ein einziges Menschenleben zu bedrohen? Wir müssen weiterhin unsere Hoffnung auf SDI setzen - und es
stationieren, wenn es fertiggestellt ist.
Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten ihre
Truppen solange in Europa stationieren, wie unsere
Verbündeten dies wünschen und uns dort brauchen.
In dem Umfang, wie unsere Verbündeten und wir die
NATO einer sich verändernden Welt anpassen, werden sich Umfang und Zusammensetzung unserer
Streitkräfte verändern, um neuen und weniger bedrohlichen Umständen gerecht zu werden. Aber wir werden in Europa bleiben, um neue Gefahren abzuschrekken, treibende Kraft der Stabilität zu sein und ganz
Europa - Ost und West - zu versichern, daß das
europäische Gleichgewicht weiterhin gesichert ist.
Außerhalb Europas müssen die Vereinigten Staaten
Streitkräfte unterhalten, die auf Bedrohungen unabhängig davon reagieren können, aus welchem Teil der
Welt sie kommen. Auch in einer Welt, in der Demokratie und Freiheit auf dem Vormarsch sind, bleiben
Bedrohungen bestehen. Terrorismus. Geiselnahmen. Regime, die ihr Volk verraten und unberechenbare Herrscher - neue Quellen der Instabilität - erfordern ein starkes engagiertes Amerika.
Die brutale Aggression, die in der vergangenen Nacht
gegen Kuwait geführt wurde, ist ein anschaulicher
Beleg meiner These: ungeachtet der Veränderungen
im Hinblick auf die sowjetische Bedrohung ist die Welt
weiterhin eine gefährlicher Ort mit ernsten Bedrohungen für wichtige US-Interessen, die mit früheren Mustern
der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen nichts
zu tun haben. Solche Bedrohungen können plötzlich,
unvorhergesehen und völlig unerwartet auftreten.
Amerikanische Interessen könnnen mit den bestehenden Fähigkeiten geschützt werden, die zu unverzüglichem Handeln bereitstehen. Die gestrigen Ereignisse
unterstreichen auch die dringende Notwendigkeit einer Verteidigungsstruktur, die nicht nur unsere Sicherheit erhält, sondern auch die Ressourcen zur Unterstützung des berechtigten Wunsches nach Selbstverteidigung unserer Freunde und Verbündeten liefert.
Dazu verpflichten wir uns, auch im Hinblick auf unsere
Umstrukturierung der Streitkräfte. Niemand, Freund
oder Feind, soll diese Verpflichtung in Frage stellen.
Trotz unserer eingehenden Bemühungen, die Verbreitung chemischer und nuklearer Waffen sowie von
Raketentechnologie zu kontrollieren, erwerben immer
mehr Länder Massenvernichtungswaffen - und erfor-

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derliche Trägersysteme. Gegenwärtig sind zwanzig
Länder in der Lage, chemische Waffen herzustellen.
Und bis zum Jahr 2000 könnten etwa 15 Entwicklungsländer ihre eigenen ballistischen Raketen haben. In
Zukunft könnten sogar Konflikte, die wir als begrenzt
oder regional eingestuft haben, weitreichende Konsequenzen zeitigen.
Um das gesamte Spektrum der vor uns liegenden
Herausforderungen in den Griff zu bekommen, müssen wir uns auf Einsatzbereitschaft und schnelles
Eingreifen konzentrieren. Um uns darauf vorzubereiten, möglichen künftigen Herausforderungen zu begegnen, müssen wir die Forschung in den Vordergrund stellen - ein aktives und innovatives Programm
für verteidigungsbezogene Forschung und Entwicklung.
Ich möchte zunächst auf die Komponente mit großen
langfristigen Auswirkungen eingehen - Forschung.
Immer wieder haben wir festgestellt, wie die Technik
das Gefechtsfeld revolutioniert hat. Die Vereinigten
Staaten haben sich stets auf ihren technologischen
Vorsprung verlassen, um die zahlenmäßige Stärke
ihrer jeweiligen Gegner wettzumachen. Marschflugkörper, Tarnjäger und -bomber, die "intelligenten"
Waffen von heute mit ihren hochmodernen Feuerleitsystemen sowie die "brillianten" Systeme von morgen:
Die Angehörigen unserer Streitkräfte verdienen die
beste Technologie, die die Vereinigten Staaten zu
bieten haben.
Darüber hinaus müssen wir uns über den hohen Preis
im klaren sein, den Einsparungen an der falschen
Stelle - nämlich bei verteidigungsbezogener Forschung
und Entwicklung - nach sich ziehen würden. Die
meisten modernen Waffensysteme erfordern mindestens zehn Jahre von der Planungsphase bis zur
Einsatzreife. Der Charakter der nationalen Verteidigung gebietet es, daß wir heute Pläne für Bedrohungen entwerfen, die sich erst schemenhaft am Horizont
abzeichnen. Die von uns heute getroffenen Entscheidungen - die Programme, die wir vorantreiben oder
verwerfen - werden uns die Art von Streitkräften vorschreiben, die uns im Jahr 2000 und danach zur
Verfügung stehen werden.
Zweitens müssen wir uns auf rasche Eingreifmöglichkeiten konzentrieren. Wie wir erst unlängst in Panama
festgestellt haben, könnten die Vereinigten Staaten
gefordert sein, auf unterschiedlichste Herausforderungen aus allen Himmelsrichtungen reagieren zu müssen. In einer Zeit, in der Bedrohungen ohne oder nur
mit kurzer Vorwarnzeit entstehen können, wird die
Fähigkeit zur Verteidigung unserer Interessen von
unserer Schnelligkeit und Beweglichkeit abhängen.
Wir werden Streitkräfte benötigen, die uns weltweite
Zugriffsmöglichkeiten sichern. Kein wie auch immer
gearteter politischer Wandel wird die geographische
Tatsache verändern können, daß wir von vielen unse-

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�rer wichtigsten Verbündeten und Interessen über
Tausende Meilen von Wasser getrennt sind.
In vielen Konflikten, denen wir ausgesetzt werden
könnten, werden wir vielleicht nicht den Luxus genießen, daß die vorhandene Mannschaftsstärke dem
vorgelagerten Material entspricht. Wir werden Luftund Seetransportfähigkeiten benötigen, um unsere
Streitkräfte dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden - wenn sie gebraucht werden. Ein neuer Schwerpunkt auf Flexibilität und Vielseitigkeit muß unsere
Bemühungen leiten.
Schließlich müssen wir im Zuge unserer Neustrukturierung der Einsatzbereitschaft höchsten Stellenwert
beimessen. Für die aktiven Verbände, auf die wir uns
zur Reaktion auf Krisen verlassen werden, muß Einsatzbereitschaft höchste Priorität haben. Echte militärische Fähigkeiten existieren niemals auf dem Papier
- sie werden in Stunden gemessen, die auf Übungsplätzen, auf Schiffen und in Cockpits verbracht und in
Erfahrungen, die dort gewonnen wurden. Nichts wäre
kurzsichtiger, als die Ausbildungszeiten zu beschneiden, um Geld zu sparen - und nichts wäre für unsere
Truppen demoralisierender. Unsere Soldaten, Matrosen, Flieger und Marineinfanteristen müssen gut ausgebildet, belastbar und erprobt sein - bereit, jeden
Auftrag zu erfüllen, den wir ihnen geben.
In unseren neustrukturierten Streitkräften werden
Reserven zwar wichtig sein, aber mit Einschränkungen. Die Notwendigkeit, auf eine massive, kurzfristige
Mobilisierung vorbereitet zu sein, ist schwächer geworden. Wir können nun Umfang, Struktur und Bereitschaftsgrad unserer Reserveeinheiten so anpassen,
daß wir die wahrscheinlicheren Herausforderungen
der Zukunft besser bewältigen können.
Unsere Strategie wird Vorkehrungen gegen eine umfassende Umkehrung in den sowjetischen Absichten
treffen, indem das Konzept des Wiederaufbaus unserer Streitkräfte in unsere Planung aufgenommen wird.
Bis Mitte der neunziger Jahre, dem Zeitraum, den die
Sowjets für eine Rückkehr zu dem Konfrontationsniveau benötigen würden, das den Tiefpunkt des kalten
Kriegs markierte, werden wir genug Zeit haben, um
uns neben der Stützung auf bereits vorhandene auch

dem Aufbau völlig neuer Einheiten zu widmen. Diese
Bereitschaft zum Wiederaufbau als ausdrücklicher
Bestandteil unserer Verteidigungspolitik wird ein wichtiges Element unserer Fähigkeit zur Abschreckung
von Aggressionen sein.
Eine rationelle Umstrukturierung in der von mir umrissenen Art wird fünf Jahre dauern. Ich bin zuversicht-

lieh, daß wir die von mir heute erläuterten Herausforderungen bestehen können, unter der Voraussetzung,
daß wir Reduzierungen in geordneter Weise vollziehen - und nicht Hals über Kopf. Jede Reduzierung
dieser Größenordnung muß sorgfältig durchgeführt
werden, um Verwerfungen so gering wie möglich zu
halten - und zwar nicht nur im militärischen Gleichgewicht, sondern auch in der Moral. Ich kann heute als
Oberbefehlshaber mit Fug und Recht behaupten, daß
wir jede erdenkliche Maßnahme treffen werden, um
die Turbulenzen zu minimieren, die diese Veränderungen für unsere Soldaten, Matrosen, Flieger und Marineinfanteristen nach sich ziehen werden. Ich werde
das Vertrauen der jungen Menschen nicht brechen, die
sich aus freien Stücken entschlossen haben, ihrem
Land zu dienen.
Wir alle wissen, daß die vor uns liegenden Herausforderungen sowohl haushaltspolitischer als auch militärischer Natur sind. Die Haushaltszwänge sind sehr
real vorhanden - dasselbe gilt jedoch für die Notwendigkeit, die Errungenschaften zu bewahren, die wir in
jenen 40 Jahren des Friedens durch Stärke erlangt
haben. Die Grundtatsache lautet: Wenn die nationale
Sicherheit berührt ist, können es sich die Vereinigten
Staaten niemals leisten, zu scheitern oder zu wenig zu
tun.
Ich möchte nochmals meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, heute hier sprechen zu dürfen - insbesondere in Gegenwart einer so geschätzten Persönlichkeit wie Mrs. Thatcher. Die heutige Veranstaltung
ist ja nicht der erste Anlaß, zu dem die führenden
Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten gemeinsam auftreten. Die Welt erinnert sich an
jenen Tag vor 44 Jahren - als Churchill in Fulton,
Missouri, seine historische Rede über den "Eisernen
Vorhang" hielt. Das war jedoch nicht der Titel seiner
Rede. Er nannte sie "Die Früchte des Friedens".
Damit wollte er einer Vision von der Stärke freier
Nationen Ausdruck verleihen - vereint in der Verteidigung der Demokratie.
Endlich schreiben wir das letzte Kapitel des dritten
gro Ben Konflikts des 20. Jahrhunderts. Der kalte Krieg
geht zu Ende. Nach vier Jahrzehnten der Teilung und
Zwietracht besteht unsere Herausforderung heute darin,
jenen großen Traum aller Demokratien zu erfüllen:
Einen echten Staatenbund freier Nationen. Um die
wachsenden Kräfte der freien Welt freizusetzen - um
zusammenzuarbeiten, um für alle Menschen und Staaten
die Freiheit in greifbare Nähe zu bringen, die rechtmäßig allen zusteht.

* *

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�RICHTIGSTELLUNG
8. August 1990

Amerika Dienst 29 vom 25. Juli 1990
Chemische Waffen
Der Artikel "USA verpflichten sich zur gefahrlosen Zerstörung chemischer Waffen" über den Abzug chemischer
Waffen durch die US-Army enthielt bedauerlicherweise unrichtige Angaben.

In diesem Artikel wurden die chemischen Waffen
fälschlicherweise beschrieben als "Munition, die (...)
aus dem Zweiten Weltkrieg stammt" (Seite 2, rechte
Spalte).
Diese Information ist unzutreffend. Tatsächlich wurden diese Waffen erst kurz vor ihrem Transport in die

Bundesrepublik hergestellt. Das Verteidigungsministerium der Bundesrepublik stimmte dem Transport
dieser Artilleriegranaten zu, da diese sich aufgrund
sorgfältiger Lagerung und Wartung in ausgezeichnetem Zustand befanden.
Die Redaktion bedauert diesen Übertragungsfehler.

* * * * *

AMERIKA DIENST 31

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