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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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29

25. Juli 1990

OBERSTER RICHTER
NOMINIERT

DAVID SOUTER FÜR DAS AMT DES
OBERSTEN RICHTERS NOMINIERT
Präsident Bush benennt
seinen Kandidaten

CHEMISCHE WAFFEN

USA VERPFLICHTEN SICH ZUR
GEFAHRLOSEN ZERSTÖRUNG
CHEMISCHER WAFFEN
US-Army beginnt mit C-Waffenabzug

INDOCHINAPOLITIK

BAKER: VEREINIGTE STAATEN ÄNDERN
HALTUNG ZU KAMBODSCHA
Erklärungen der Außenminister
Baker und Schewardnadze

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
(I.Halbjahr 1990)

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�OBERSTER

RICHTER

NOMINIERT
25. Juli 1990

DAVID SOUTER FÜR DAS AMT DES
OBERSTER RICHTERS NOMINIERT
Präsident Bush benennt seinen Kandidaten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush wird den Richter des Bundesberufungsgerichts David Souterfür den
Posten am Obersten Bundesgericht nominieren, der durch den Rücktritt von Richter William Brennan vakant
wurde.

Bush erschien am 23. Juli 1990 in Begleitung von
Souter im Presseraum des Wei ßen Hauses. Er nannte
Souter einen "bemerkenswerten Juristen", dessen
"intellektuelle Bandbreite" ihn zu einem "gerechten
Verfechter des Gesetzes macht".
Der Präsident würdigte Brennan, der mehr als drei
Jahrzehnte am höchsten Gerichtshof des Landes diente,
als einen Mann, dessen "intellektuelle Fähigkeiten,
gewinnende Persönlichkeit und insbesondere sein
Engagement für eine gemäßigte Haltung bei emotionalen Fragen ... ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten unserer Zeit machen".
Bush verwies darauf, Souter demonstriere "denselben
Einsatz für den öffentlichen Dienst und die intellektuellen Fähigkeiten wie Richter Brennan".
Der Präsident erklärte, Souter habe seine juristische
Laufbahn in New Hampshire begonnen, wo er Justizminister war, Richter und Oberster Richter im Bundesstaat, bevor Bush ihn Anfang des Jahres an das
Berufungsgericht berief.
Präsident Bush zufolge hat er ihn nicht zu den beim
Obersten Gericht anstehenden emotional besetzten
Problemen befragt - das Recht der Frau auf Abtreibung, Probleme der Bügerrechte und Fragen zum
eisten Zusatzartikel der Verfassung. Bush erklärte,
"bei der Wahl des Obersten Richters sei es unangemessen, diesen auf die Probe zu stellen".
Bush fügte hinzu, seine Wahl "sei nicht mit einem
bestimmten juristischen Problem in Zusammenhang
zu bringen ... Ich wünsche mir einen Richter, der das

AMERIKA DIENST 29

Gesetz in seiner ganzen Bandbreite fähig und gerecht
auslegt."
Bush bezeichnete Souter als "außergewöhnlich intelligent" und als Persönlichkeit, die "die Verfassung
auslegt und nicht aus der Sicht der Bundesregierung
Recht spricht".
Obwohl Souter für einen erst in der vergangenen
Woche freigewordenen Posten ausgewählt wurde,
wies Bush darauf hin, er habe seit seinen ersten Tagen
im Amt als potentieller Kandidat gegolten. "Das ist kein
voreiliger Entschluß", erklärte er seine Wahl. "Die
Vernunft gebietet es, vorbereitet zu sein", so der Präsident im Hinblick auf mögliche freie Stellen bei einem
Gericht mit mehreren Richtern in fortgeschrittenem
Alter.
Bush erklärte, er habe mit der Ernennung Souters "die
bestmögliche Wahl im Hinblick auf Qualifikation, Fähigkeiten, Hintergrund und Engagement für diesen
Gerichtshof getroffen".
Souter wurde im vergangenen April für das Berufungsgericht nominiert, nachdem er seit 1983 Richter am
Obersten Gerichtshof von New Hampshire war. Beim
Obersten Gerichtshof dieses Bundesstaates war er
von 1978-1983 tätig.
Souter war von 1968-1978 Justizminister, stellvertretender Justizminister und Abteilungsleiter im Justizministerium des Staates New Hampshire. Er ist 50 Jahre
alt, hat die Harvard Uni versity und Harvard Law School
absolviert und als Rhodes Stipendiat von 1961-1963
an der Oxford University studiert.

Seite 1

�Brennan hat im Alter von 84 Jahren am 20. Juli 1990
Präsident Bush um seinen Rücktritt ersucht, nachdem
er 34 Jahre lang als herausragendster Liberaler der
Richterschaft galt. Zusammen mit den Richtern Earl
Warren, William O. Douglas, Thurgood Marshall und
anderen bildete Brennan den liberalen Flügel bei
Gerichtsbeschlüssen, mit denen die amerikanische
Gesellschaft derart umgestaltet wurde, daß die Rechte des einzelnen statt der Macht von Institutionen in
den Vordergrund traten.
Mit dem Rücktritt Brennans und Präsident Bushs
Nominierung von Souter könnte die während der bisherigen Amtszeit der Republikaner erzielte knappe
konservative Mehrheit im Gericht wieder zugunsten
der Regierungsmacht ausschlagen.

* *

Seite 2

Das Oberste Bundesgericht ist die höchste Instanz
des dritten Verfassungsorgans, der Judikative. Gemäß der amerikanischen Verfassung nominiert der
Präsident Vertreter der Exekutive und Bundesrichter
vorbehaltlich der Bestätigung durch den Senat. Die
Senatoren räumen dem Präsidenten breiten Spielraum bei der Wahl seiner Regierungsvertreter ein, da
sie ihm direkt unterstellt sind und mit jeder neuen
Administration ihrer Abschied nehmen.
Der Senat unterzieht Kandidaten für die Judikative
jedoch einer sehr viel genaueren Überprüfung, weil sie
auf Lebenszeit ernannt sind und die Macht haben,
Handlungen des Kongresses und des Präsidenten als
verfassungswidrig zu beurteilen.

* *

*

AMERIKA DIENST 29

�CHEMISCHE

WAFFEN
25. Juli 1990

USA VERPFLICHTEN SICH ZUR GEFAHRLOSEN
ZERSTÖRUNG CHEMISCHER WAFFEN
US-Army beginnt mit C-Waffenabzug
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten beginnen unter ausgedehnten Sicherheitsvorkehrungen mit der
Zerstörung ihrer alternden unitären chemischen Waffen.

Im Zuge der Vorbereitungen der US-Army, rund 30 000
Tonnen alternder unitärerer C-Waffen zu verbrennen,
zieht das Problem der Beseitigung chemischer Waffen
erneut die Aufmerksamkeit auf sich. Unitäre C-Waffen
enthalten einen chemischen Kampfstoff, der als aktive
Mischung bereits in der Munition gelagert ist. Die
meisten dieser Waffen - alle weit über 20 Jahre alt werden in acht speziell dafür ausgelegten Einrichtungen in den Vereinigten Staaten zerstört. Die größte
und wichtigste dieser Einrichtungen befindet sich in
Tooele (Utah).
Die einzige Einrichtung außerhalb der Vereinigten
Staaten wird von der US-Army auf dem unbewohnten
Johnston Atoll im Pazifik betrieben. Hier werden
chemische Waffen zum ersten Mal kontinuierlich und
in großen Mengen vernichtet.
Unter der Bezeichnung Johnston Atoll Chemical Agent
Disposal System (JACADS) wurden am 30. Juni 1990
Testverbrennungen vorgenommen. Eine große Zahl
chemischer Raketen wurde bereits als Vorbereitung
zur vollständigen Vernichtung der dort gelagerten
Arsenale verbrannt.
JACADS entspricht dem Stand der Technik des Prototyps von C-Waffen-Vernichtungsanlagen der US-Army
in Tooele und verfügt über die modernste Technologie
der Vereinigten Staaten zur Beseitigung unitärer chemischer Waffen.
Bevor JACADS operative Verifizierungserprobungen
durchführte, wurde von der US-Army in Zusammenarbeit mit anderen Regierungsbehörden wie der Atombehörde des Verteidigungsministeriums, dem Wirtschaftsministerium, Nationalen Marinefischereidienst,

AMERIKA DIENST 29

dem Energie- und Innenministerium, dem Amt für
Fischereiwesen und Wildschutz sowie der Umweltschutzbehörde ein umfassendes Umweltverträglichkeitsgutachten (EIS) erstellt.
Während der am 30. Juni durchgeführten Tests zeigte
eines der beiden unterschiedlich ausgelegten Luftwarngeräte in der Verbrennungsanlage an, daß geringe Mengen schädlicher Kampfstoffe freigesetzt worden sein könnten. Vorsorglich durchgeführte Bluttests
bei 10 Arbeitern waren jedoch negativ, und die Rauchmelder am Schornstein gaben keinerlei Hinweise darauf, daß Wirkstoffe in die Atmosphäre entwichen waren.
Bei intensiven Nachuntersuchungen konnte kein Entweichen chemischer Kampfstoffe festgestellt werden,
so ein Sprecher der US-Army, demzufolge bei den
zusätzlichen Tests vom 14.-16. Juli keinerlei weitere
Probleme auftraten.
Susan Livingstone, Abteilungsleiterin des Heeres für
Objekte, Logistik und Umweltfragen erklärte im April
bei einer Anhörung im Kongreß, daß "man naturgemäß mit einigen technischen Problemen rechnen muß",
wenn eine so komplizierte Einrichtung wie JACADS
den Betrieb aufnimmt.
Obwohl "chemische Waffen furchteinflößend klingen",
so Matthew Meselson, Professor für Biochemie an der
Harvard University kürzlich in einem Interview, kann
ihre Vernichtung bei entsprechender Vorbereitung,
Erprobung und Überwachung sehr sicher vonstatten
gehen.
Nachdem er seit rund 30 Jahren C-Waffenprogramme
der Vereinigten Staaten überwacht und in den siebzi-

Seite 1

�ger Jahren bei der Nationalen Akademie der Wissenschaften tätig war, die die US-Army bei der Vernichtung chemischer Waffen berät, verwies Meselson darauf,
daß "die Army bisher keinen einzigen tödlichen Unfall
bei ihrem gesamtem Bestandswartungsprogramm zu
verzeichnen hatte".
Richtige Verbrennung chemischer Waffen kann sehr
viel sicherer sein als die Verbrennung städtischen
Mülls, erklären Experten mit der Feststellung, städtischer Müll sei sehr viel schwieriger zu entsorgen, da er
höchst unterschiedliche chemische Bestandteile enthalte.
Kampfstoffe für C-Waffen seien dagegen relativ einfache Mischungen, so Meselson, daher "ist ihre chemische Zusammensetzung berechenbar, und wir wissen, wie wir mit ihnen umgehen müssen".
Der US-Army-Literatur zufolge "hängt jeder Schritt bei
der Vernichtung der C-Waffen bestände von der Sicherheit ab". Dennoch stieß das Vernichtungsprogramm auf Kritik sowohl bei Umweltschützern wie
Greenpeace, die die Verbrennung aller Schadstoffe
ablehnen als auch bei den Bewohnern der Pazifischen
Inseln, die das Gefühl haben, ihr Teil der Welt werden
von den Industrienationen als potentielle Müllkippe
angesehen.
"Das Abzugsprogramm für chemische Waffen scheint
mir kein geeigneter Angriffspunkt, wenn es um Umweltprobleme geht," erklärte Meselson. "Wir sprechen in den nächsten Jahren bei chemischen Waffen
möglicherweise von der Verbrennung von 10 000
Tonnen pro Jahr," erläuterte er und verwies darauf,
eine mittelgroße Stadt würde diese Menge Abfall in
einem Jahr verbrennen, "und es gibt viele mittelgroße
Städte".
In einem anderen Interview erklärte eine Expertin für
chemische Waffen der Brookings Institution in Washington, Elisa Harris, gegenwärtig gebe es keine
echte sichere Alternative zur Verbrennung chemischer
Waffen. "Wir haben bereits die Neutralisierung des
Kampfstoffs erwogen, aber dann muß der Stoff selbst
verbrannt werden." Harris bemerkte ferner, die kontinuierliche Lagerung der Waffen bringe weitere Risiken
mit sich, unter anderem die Möglichkeit, daß diese
alternden Waffen undicht werden.

Das Johnston Atoll ist Lagerstätte für chemische Waffen,
seit die ersten 1971 aus Okinawa dorthin transportiert
wurden. Im JACADS werden auch die 100 000 Stück
chemischer Munition vernichtet, die gegenwärtig in der
Bundesrepublik Deutschland gelagert sind.
Im Jahr 1986 haben der damalige US-Präsident Reagan und Bundeskanzler Kohl vereinbart, die Munition
bis Ende des Jahres 1992 abzuziehen. Die BushAdministration hat diesen Zeitplan beschleunigt, und
gegenwärtigen Pläne zufolge soll der Abzug im kommenden Monat stattfinden.
Der Transport dieser Waffen von Europa aufs amerikanische Festland wurde ausgeschlossen, weil damit
eine längere Beförderung verbunden und mehr Papierkrieg notwendig wäre, um die Genehmigung der
Regierungen der Bundesstaaten zu erlangen. Ferner
wäre das Risiko für dicht besiedelte Gebiete größer.
Höchste Stellen im Verteidigungsministerium weisen
darauf hin, daß es sich bei der Munition in der Bundesrepublik um transport- und handhabungssichere Artilleriegranaten handelt. Darüber hinaus ist diese Munition, obwohl sie aus dem Zweiten Weltkrieg stammt,
aufgrund sorgfältiger Lagerung und Wartung in ausgezeichnetem Zustand.
Meselson verwies darauf, die aus der Bundesrepublik
abgezogenen Granaten seien "in einwandfreiem Zustand, aus dickwandigem Stahl und mit demontierten
Zündungen." Abgesehen von der "extrem unwahrscheinlichen Möglichkeit, daß sich jemand dieser Waffen
bemächtigen könnte, sehe ich beim Transport keine
Schwierigkeiten", erklärte er.
Auch dem Dozenten Trevor Findlay vom Peace Research Centre der Australian National University zufolge ist der Transport dieser Waffen weniger risikoreich
als deren kontinuierliche Lagerung. "Während der
Abzug des Arsenals (aus der Bundesrepublik) ein
gewisses Risiko mit sich bringen mag, wird durch die
weitere Lagerung das Risiko nicht verringert, sondern
es entstehen Gefahren für die Umwelt, die aufgrund
des Alters der Waffen mit der Zeit nur steigen können,"
schreib er kürzlich.
Der Plan des Verteidigungsministeriums zielt darauf
ab, die auf Paletten gestapelte chemische Munition
aus dem Lager in Stahlcontainern einzulagern. Diese

Um einen weiteren Vorzug der Vernichtung dieser
Waffen zu verdeutlichen, erklärte Harris, "Meiner Ansicht
nach geben wir ein sehr wichtiges Beispiel und hoffentlich den multilateralen Verhandlungen für ein weltweites Verbot dieser Waffen neue Impulse."
Als Journalisten des Christian Science Monitor Kopien
der "Liste chemischer Zwischenfälle des Verteidigungsministeriums " von 1983-87 erhielten, fanden sie darin
nur sechs Unfälle verzeichnet. Der Zeitung zufolge
handelte es sich bei den meisten "lediglich um kleine
Blasen durch Kontakte mit Senfgas".
Seite 2

Container werden dann in Munitionscontainer (MILVANs) verladen. Beide Container entsprechen dem
Code für die Beförderung gefährlicher Güter auf Seeschiffen (IMDG) über den Transport dieser Art von
Gefahrgut. Die MILVANs werden in einem Konvoi zu
einem Verladebahnhof transportiert, um von dort aus
ihren Weg zum Hafen Nordenham anzutreten. Zwei
speziell ausgerüstete Schiffe des Militärischen Seetransportdienstes der Vereinigten Staaten werden die
chemischen Waffen mit einer Eskorte der US-Marine
zum Johnston Atoll bringen.

AMERIKA DIENST 29

�Das Arsenal der Army enthält einige undichte Waffem,
die meisten lagern in Tooele, wo sie auch vernichtet
werden. Ein Sprecher des US-Amts tür Rüstungskontrolle und Abrüstung erklärte jedoch, "undichte Stellen
seien nicht das Problem".
Die festen Nebenprodukte der Verbrennung im JACADS werden zurück in die Vereinigten Staaten transportiert, um auf Sondermülldeponien eingelagert zu
werden. Die Abgase werden der US-Army zufolge

*

AMERIKA DIENST 29

*

gekühlt und mit einem Schmutzbeseitigungssystem
gereinigt, das Säure neutralisiert und die Gase von
bestimmten Bestandteilen befreit, damit sie gefahrlos
in die Atmosphäre abgelassen werden können.
Meselson zufolge enthält die in den Öfen anfallende
Asche Salze und Fluoride, die "eine geringe Gefährdung bedeuten". Was die Rauchemissionen anbelangt, "sollten dabei keinerlei Probleme auftreten wenn
die Öfen planmäßig funktionieren," erklärte Meselson.

*

*

Seite 3

�INDOCHINAPOLITIK
25. Juli 1990

BAKER: VEREINIGTE STAATEN ÄNDERN HALTUNG
ZU KAMBODSCHA
Erklärungen der Außenminister Baker und Schewardnadse
PARIS - (AD) - Außenminister Baker erklärte, um die Rückkehr der Roten Khmer zur Macht in Kambodscha zu
verhindern, werde die Bush-Administration einen Dialog mit Vietnam aufnehmen und "bereit sein, unsere
humanitäre Hüte an Kambodscha aufzustocken".
Nach Abschlu ß der bilateralen Gespräche mit dem sowjetischen Au ßenminister Schewardnadse in Paris erklärte
Baker am 18. Juli 1990 vor Journalisten, die Administration werde auch bereit sein, konkrete Veränderungen ihrer
Politik im Hinblick auf einen Sitz in den Vereinten Nationen vorzunehmen, den jetzt eine Koalition unter
Beteiligung der Roten Khmer innehat".
Baker erklärte, er habe mit Schewardnadse dieses und andere Themen erörtert, unter anderem die deutsche
Wiedervereinigung und Afghanistan. Baker zufolge wird das nächste Treffen am 1. August 1990 in Irkutsk in der
Sowjetunion stattfinden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers und Schewardnadses Kommentare im Wortlaut.

Baker: Ich möchte nur kurz erläutern, daß wir zwei
Stunden und fünfzehn Minuten eine Vielzahl von Themen
erörtert haben, unter anderem die Vereinigung beider
deutscher Staaten und den Zwei-plus-Vier-Prozeß,
aber auch den Parteitag in der Sowjetunion, Entwicklungen in den bilateralen Beziehungen und bestimmte
regionale Konflikte. Femer haben wir Probleme bei
den Verhandlungen über konventionelle Streitkräfte
angesprochen. Der sowjetische Außenminister wird
gleich mit Premierminister Mitterand zusammentreffen, so daß uns hier nicht soviel Zeit zur Verfügung
steht, wie wir ursprünglich angenommen hatten. Zum
Ausgleich werden wir bereits in zwei Wochen, am 1.
August 1990, in Irkutsk in der Sowjetunion zusammenkommen, um unsere Gespräche fortzusetzen.
Schewardnadse: Dem habe ich im Augenblick nichts
hinzuzufügen. Wir haben versucht, all diese Fragen
abzuhandeln und die Zeit effektiv zu nutzen. Wie
Außenminister Baker bereits erklärte, haben wir uns
auf die Entwicklungen in Europa und den Prozeß der
Vereinigung beider deutscher Staaten konzentriert.
Dabei wurde ein hohes Maß an Verständigung erzielt.
Wir werden uns auf das Zwei-plus-Vier-Treffen in
AMERIKA DIENST 29

Moskau vorbereiten, um sicherzustellen, daß zu dem
Zeitpunkt die abschließenden Dokumente im wesentlichen ausgearbeitet sind, und alle Probleme werden in
Irkutsk eingehend erörtert werden - die Atmosphäre
und die Umgebung werden gut sein. Dort werden wir
uns also treffen und alles besprechen.
Frage: Beide Länder haben ein Interesse an Kambodscha und Vietnam. In der Los Angeles Times gab es
eine Meldung, derzufolge die Regierung zu dem Schluß
gelangt ist, daß die Roten Khmer tatsächlich die stärksten Rebellen sind und eine grö ßere Gefahr darstellen
als die Regierung in Kambodscha, von der es hei ßt, sie
sei kein Marionettenregime der vietnamesischen
Regierung. Setzt die Regierung jetzt auf eine andere
Karte?
Baker: Eines der wichtigsten Ziele unserer Regierung
war der Abzug vietnamesischerTruppenaus Kambodscha. Das ist jetzt geschehen. Und es ist unserer
Ansicht nach sehr wichtig, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um zu verhindern, daß die Roten Khmer
wieder an die Macht kommen. Das ist auch das
politische Ziel der Regierung. Im Einklang mit dieser
Zielsetzung sind wir zu dem Schluß gekommen, mit
Seite 1

�Vietnam einen Dialog über Kambodscha aufzunehmen. Wir werden darüber hinaus bereit sein, unsere
humanitäre Hilfe an Kambodscha aufzustocken und
konkrete Veränderungen unserer Politik im Hinblick
auf einen Sitz in den Vereinten Nationen vorzunehmen, den jetzt eine Koalition unter Beteiligung der
Roten Khmer innehat.
Ich habe diese Angelegenheit mit dem sowjetischen
Außenminister erörtert und ihm die politische Kursänderung der Vereinigten Staaten erläutert.
Frage: Heißt das, Herr Minister, daß die Vereinigten
Staaten nicht mehr die Koalition unterstützen, an der
die Roten Khmer beteiligt sind?
Baker: Im Hinblick auf den Sitz in den Vereinten
Nationen ist das sicherlich der Fall. Die Vereinigten
Staaten unterstützen weiterhin den nichtkommunistischen Widerstand. Sie unterstützen die Son Sann und
Prinz Sihanouk loyal ergebenen Kräfte.
Schewardnadse: Unsere Positionen zum Kambodscha-Problem haben sich angenähert.
Frage: Herr Außenminister, konnten sie die Haltung
der Sowjets zu Afghanistan klären?
Baker: Wir hatten kaum Gelegenheit, das Thema
Afghanistan eingehend zu erörtern, und das ist eine
der Fragen, die wir in zwei Wochen in Irkutsk besprechen werden.
Frage: Wird diese Kambodscha-Politik zur Wiederaufnahme der Beziehungen zu Vietnam führen?
Baker: Dieser Kurswechsel bedeutet keine Entscheidung über die Normalisierung der Beziehungen zu
Vietnam. Sie ist einzig und allein eine Entscheidung
zur Aufnahme des Dialogs mit Vietnam über Kambodscha. Die Fortschritte oder mangelnden Fortschritte
dieses Dialogs und Vietnams kontinuierliche Bemühungen im Hinblick auf unsere Kriegsgefangenen und
Vermißten werden Einfluß darauf haben, ob wirSchritte zur Normalisierung unternehmen können.
Frage: Herr Außenminister, liegen Ihnen Informationen vor, ob die Sowjets ebenfalls ihre Haltung zur
Aufgabe oder Verminderung der Unterstützung für die
von Vietnam unterstützte Regierung in Kambodscha
ändern. Haben die Sowjets Ihnen diesen Eindruck
vermittelt?
Baker: Nein, diesen Eindruck hatte ich nicht. Diese
Frage habe ich nicht gestellt.
Frage: Legen Sie damit Sihanouk nicht Steine in den
Weg? Versuchen Sie wirklich absichtlich, mit Ihrer
Nichtanerkennung seine Bemühungen zu vereiteln?
Baker: Nein, keinesfalls. Aus unserer Sicht geht das
Ganze in die andere Richtung, weil es in Ermangelung
eines überparteilichen Ansatzes noch schwieriger sein

Seite 2

wird, weiterhin die benötigten Mittel zur weiteren Unterstützung des nichtkommunistischen Widerstandes
vom Kongreß loszueisen. Wie Sie wissen, wurde
dagegen gestimmt.
Frage: Heißt das, Sie haben zusammen mit dem
Kongreß auf diesen politischen Umschwung hingearbeitet und seine Zustimmung, den Dialog mit Vietnam
zu eröffnen?
Baker: Sie werden sehen, daß im Kongreß im großen
und ganzen Zustimmung zu diesem Vorgehen besteht. Wir haben jedoch nicht zusammen darauf
hingearbeitet. Es handelt sich hierbei nicht um ein
zwischen uns und dem Kongreß ausgehandeltes
Abkommen.
Frage: Hat der Kongreß der Idee zugestimmt, einen
Dialog mit Vietnam zu eröffnen oder der Idee, die
Unterstützung einzuschränken, die in den Händen der
Roten Khmer landet?
Baker: Einige werden dem zustimmen, andere nicht.
Man kann diese Frage nicht einfach mit Ja oder Nein
beantworten.
Frage: Was hat Ihr Umdenken in dieser Frage bewirkt
- offensichtlich haben Sie in den ersten fünfzehn bis
achtzehn Monaten der Administration die bisherige
Politik verfolgt. Was hat Sie zu diesem Sinneswandel
verleitet?
Baker: Eines unserer politischen Ziele war der Abzug
vietnamesischer Truppen aus Kambodscha. Das haben
wir verwirklicht. Ein anderes politisches Ziel war, die
Rückkehr der Roten Khmer an die Macht zu verhindern. Es ist uns nicht gelungen, dieses Ziel zu verwirklichen, und es sieht tatsächlich so aus, als ob die
Risiken größer wären, wenn wir dieses Ziel weiter
verfolgen als daß dies wirklich geschieht. Daher
wollen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu
verhindern, daß die Roten Khmer wieder an die Macht
kommen. Das war die ganze Zeit eines unserer
politischen Ziele, das wir bisher nicht verwirklichen
konnten.
Unser drittes politisches Ziel sind freie Wahlen in
Kambodscha. Wir haben also bisher nur eines unserer
politischen Ziele verwirklicht - zwei liegen noch vor uns.
Frage: Haben Sie die Chinesen vorab über ihre
Absichten informiert?
Baker: Wir haben einige Konsultationen geführt. Ich
kann Ihnen nicht genau sagen, in welchem Umfang
und wer angesprochen wurde. Ich weiß, daß wir
unsere ASEAN-Partner kontaktiert haben.
Frage: Haben Sie Ihre Meinung über die Regierung in
Kambodscha geändert - der Reagan-Bush-Politik zufolge
war sie die Marionette Vietnams. Viele stellen dies in
Frage und vertreten die Ansicht, verglichen mit den

AMERIKA DIENST 29

�Roten Khmer sei dies keine schlechte Wahl. Glauben
Sie immer noch, daß sie Marionetten sind?
Baker: Unser Ziel ist, die Rückkehr der Roten Khmer
zur Macht zu verhindern. Dies erfordert meines Erachtens nicht, daß wir alle möglichen Urteile über die
kambodschanische Regierung abgeben. Sicherlich
war sie eine Marionetten-Regierung solange die vietnamesischen Truppen sie im Lande unterstützt haben.
Diese vietnamesischen Truppen wurden jetzt abgezogen, und das ist eines unserer politischen Ziele, das wir
verwirklicht haben.
Frage: Was verstehen Sie unter der Eröffnung des
Dialogs mit Vietnam? Können Sie kurz umreißen, was
Sie von diesem Dialog erwarten?

Frage: Herr Außenminister, wird dies nicht aller
Voraussicht nach das Verhältnis zu China komplizieren, das keinerlei Anstalten gemacht hat, seine Unterstützung der Roten Khmer einzustellen?
Baker: China sollte zu dieser Angelegenheit selbst
Stellung nehmen. Es ist nicht an mir, der chinesischen
Reaktion vorzugreifen. Ich möchte nur sagen, daß
unserer Ansicht nach - und diese Ansicht wird von
vielen Menschen auf der Welt geteilt - die jüngste
Erfahrung mit der Diktatur der Roten Khmer in Kambodscha für viele Kambodschaner außerordentlich
tragisch war. Wie bereits gesagt, ist eines unserer
Hauptziele, die Rückkehr zur Macht der Roten Khmer
zu verhindern, und wir hoffen und glauben, daß wir mit
der von uns verfolgten Politik richtig liegen.

»
Baker: Wir wollen mit Vietnam reden, weil es unserer
Ansicht nach Einfluß auf die kambodschanische Regierung hat, diesen Einfluß geltend machen und uns
bei der Schaffung der Voraussetzungen helfen kann,
unter denen die Wahl einer freien Regierung in Kambodscha ermöglicht würde. Auch dies ist eines unserer politischen Ziele, das bisher nicht verwirklicht worden ist. Wir führen über General Jack Vessey einen
Dialog mit Vietnam über Kriegsgefangene und Vermißte, und natürlich wird er fortgesetzt. Die vietnamesischen Truppen sind jedoch jetzt aus Kambodscha
abgezogen, und somit handelt es sich hierbei um ein
Thema, das wir nicht mit Vietnam erörtern müssen, es
sei denn, es liegen Beweise vor, daß sich immer noch
Truppen in Kambodscha aufhalten und wir darüber
sprechen wollen.

Frage: Wie wahrscheinlich ist ihre Rückkehr zur
Macht - es klingt, als seien Sie wirklich besorgt, daß
dies geschehen könnte.
Baker: Ich kann Ihnen darauf keine konkrete Antwort
geben - aber sie sind immer noch da. Seit über einem
Jahr haben wir versucht, über die vor einem Jahr in
Paris einberufene Kambodscha-Konferenz einen Dialog zu führen. Den Roten Khmer ist es gelungen,
diesen politischen Dialog mit Waffengewalt zu beantworten. Die Kämpfe dauern an, noch immer leiden und
sterben Kambodschaner. Aus unserer Sicht ist es
daher vordringlich, unser Augenmerk auf den Weg zu
lenken, den ich gerade aufgezeigt habe.

* *

AMERIKA DIENST 29

*

Seite 3

�THEMENINDEX
25. Juli 1990

DER AMERIKA DIENST
(I.Halbjahr 1990)

Nachstehend eine Liste der Themen, die im AMERIKA DIENST (1. Halbjahr 1990) erschienen sind. Angegeben ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

Abrüstung

NUMMER DER AUSGABEN

4,10,11

Amerikanisch-sowjetische Beziehungen

19

Baker-Schewardnadse-Treffen

14

Bericht zur Lage der Nation

5

Bush-Thatcher-Treffen

15

COCOM

18,20

China

24

DDR-Wahlen

11

Demokratisierung

13

Deutschlandpolitik
Dienstleistungen
Drogen

6,8, 13,19,24,25
Sonderdienst (27. 6. 1990)
2,4,7,14

Dumping

Sonderdienst (27. 6. 1990)

Europa

19,25

Geistiges Eigentum

Sonderdienst (27. 6. 1990)

Gipfel in Washington

21,22

Handel
Seite 1

�Haushalt

4

Hilfe für Osteuropa

7

ILO

23

KSE

12

KSZE

11,15 23, 24,25

Kongreß

12

Landwirtschaft

Sonderdienst (27. 6. 1990)

Lateinamerika

21

Martin Luther King

2

Menschenrechte

3,8

NATO

10,18 19, 23

NST

16

Nationale Sicherheit

12

Offener Himmel

13

Ost-West-Beziehungen

3,7, 21

Osteuropa

9,11 19, 20

Panama

2,4

Polen

Rüstungskontrolle

START
Sicherheitspolitik

12

8, 14

16
3,5,6

Subventionen

Sonderdienst (27. 6.1990)

Terrorismus

17

Textilien

Sonderdienst (27. 6. 1990)

US-Außenpolitik
USA-UdSSR
Umwelt

5,6,8, 18,20
20

2,8,10,15,16

Uniweitpolitik

12

Uruguay-Runde

22

Seite 2

�VSBM
Verteidigung

17,20,23
\

16

Weltbank

19

Weltwirtschaft

17

Weltwirtschaftsgipfel Houston

Sonderdienst (27. 6.1990)

Wirtschaft

9,11,13,19,22

Wissenschaft

8

Zwei-plus-Vier-Gespräche

18

* * * * *

Seite 3

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              <text>&lt;strong&gt;1. Oberster Richter nominiert&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;David Souter für das Amt des Obersten Richters nominiert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Bush benennt seinen Kandidaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA verpflichten sich zur gefahrlosen Zerstörung chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Army beginnt mit C-Waffenabzug&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Indochinapolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Vereinigte Staaten ändern Haltung zu Kambodscha&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung der Außenminister Baker und Schewardnadze&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(1. Halbjahr 1990)&lt;/em&gt;</text>
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