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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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27. Juni 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

BAKER: VIERMACHTESTATUS VON
BERLIN MUSS BEENDET WERDEN
Pressekonferenz des Außenministers
in Berlin

EUROPA

EUROPA AUF DEM WEG INS JAHR 2000
Rede von Botschafter Walters vor
dem Außenpolitischen Kongreß
der CSU

KSZE

KAMPELMAN FORDERT SCHUTZ DER
RECHTE VON MINDERHEITEN
Rede bei der KSZE-Konferenz
in Kopenhagen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
27. Juni 1990

BAKER: VIERMÄCHTESTATUS VON BERLIN MUSS
BEENDET WERDEN
Pressekonferenz des Außenministers in Berlin
BERLIN - (AD) - Außenminister Baker zufolge hängt ein "freies, souveränes, ungeteiltes" Deutschland mit
"allseits anerkannten Grenzen" von Aktionen ab, die "ein vereinigtes Deutschland weder singularisieren noch
diskriminieren" sowie von der Einigung der vier Mächte, auf ihre Rechte in Berlin, der geteilten ehemaligen
Hauptstadt, "zum Zeitpunkt der Vereinigung zu verzichten."
In einer Pressekonferenz im Anschluß an das Zwei-plus-Vier-Ministertreffen in Ostberlin erklärte Baker, die
Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien müßten ihre Rechte zum Zeitpunkt der
Vereinigung aufgeben", so daß die Souveränität Deutschlands in keiner Weise eingeschränkt ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Meine Damen und Herren, meine Kollegen haben auf
die heutige Feier verwiesen. Bei dieser Feier habe ich
erklärt, während wir dieses historische Tor öffnen,
weht der Geist der Freiheit durch Berlin und vereint
diese Stadt, diese Nation und heilt diesen Kontinent.
Unsere Gastgeber, die demokratisch gewählte Regierung der Deutschen Demokratischen Republik vertreten meiner Ansicht nach in der Tat diesen Geist der
Freiheit. Nur weil die DDR-Bürger den Weg der
Freiheit gewählt haben, können wir in Berlin - dem
Symbol für ein geteiltes Deutschland und ein geteiltes
Europa - zusammenkommen. Bald wird Berlin aus
meiner Sicht als Symbol für etwas Neues stehen: ein
ungeteiltes Berlin, ein in Frieden und Freiheit vereinigtes Deutschland, ein ungeteiltes und freies Europa.
Ich möchte daher allen Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik meinen Dank aussprechen - jedem einzelnen von ihnen, deren ungeheurer Mut uns
diese Möglichkeiten eröffnet hat. Den Vertretern der
Kirche und vielen anderen, deren Suche nach nationaler Aussöhnung und Gerechtigkeit lang und einsam
war, entbieten wir unsere Glückwünsche. Und Ministerpräsident de Maiziere und Außenminister Meckel
möchte ich meinen persönlichen Dank für die Veranstaltung dieses Treffens aussprechen.
Bei der Eröffnung der Gespräche im Mai habe ich die
sich uns meiner Ansicht nach bietenden Chancen in
einfachen Worten umrissen: die Erleichterung der
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deutschen Vereinigung in Freiheit und Frieden. Vier
Jahrzehnte der Teilung stellen uns vor einige sehr
schwierige und komplexe Probleme. An deren Lösung
kann jedoch kein Zweifel bestehen: ein freies, souveränes, vereinigtes Deutschland in allseits anerkannten
Grenzen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten muß sich der
Prozeß zur Verwirklichung dieser Lösung - und auf
dieses Thema haben wir einen Großteil unserer Zeit
heute verwandt - auf zwei Grundprinzipien stützen:
erstens sollten unsere Aktionen ein geeintes Deutschland weder singularisieren noch diskriminieren. Unserer Ansicht nach würde damit zukünftige Instabilität in
Europa gesät. Und zweitens sollten die vier Mächte
ihre Rechte zum Zeitpunkt der Vereinigung aufgeben,
so daß die Souveränität Deutschlands in keiner Weise
eingeschränkt ist. Zunächst sollte ich hier feststellen,
daß die Sowjetunion in einem von ihr vorgelegten
Entwurf diese Ansicht nicht teilt, obwohl die anderen
Teilnehmer unserer Meinung sind. Diesem Entwurf
zufolge würde die Souveränität Deutschlands eingeschränkt und zwar für einige Jahre.
Aber lassen Sie mich unsere heutigen Gespräche kurz
zusammenfassen:
Zunächst haben wir in bezug auf die Grenzfrage, wie
bereits von meinem Kollegen Roland Dumas erwähnt,
die polnische Teilnahme am nächsten Außenminister-

Seite 1

�treffen in Paris vorbereitet. Wir gehen davon aus, daß
den legitimen Anliegen Polens im Hinblick auf die
Grenze Rechnung getragen werden muß, und wir
haben heute unterstrichen, daß kein Beschluß über
diese Angelegenheit ohne umfassende Konsultationen mit den Polen getroffen werden sollte.
Meiner Ansicht nach sind rasche Fortschritte in der
Frage der Grenzen Deutschlands sowohl unerläßlich
als auch machbar. Unsere Haltung ist ganz eindeutig.
Ein vereinigtes Deutschland sollte das gegenwärtige
Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der
Deutschen Demokratischen Republik und Berlins
umfassen - nicht mehr und nicht weniger. Zu diesem
Punkt bestehen zwischen den Sechs keinerlei Meinungsverschiedenheiten.
Zweitens arbeiten wir auf eine Vereinbarung über die
Elemente eines Dokuments zur endgültigen Regelung
der Deutschlandfrage hin. Die Vereinigten Staaten
gehen davon aus, daß dieses Dokument fünf Elemente enthalten sollte. Erstens sollte es mit einer allgemeinen politischen Erklärung über den internationalen
Kontext für die Vereinigung beginnen. Zweitens sollte
darin die Verwirklichung der deutschen Einheit durch
die Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland, der
Deutschen Demokratischen Republik und Berlins
begrüßt werden. Drittens sollten durch sie unsere
verbleibenden Rechte und Pflichten in bezug auf die
Grenzen aufgehoben werden. Viertens sollte sie
Bestimmungen enthalten, mit denen der Viermächtestatus von Berlin beendet wird. Fünftens sollte die
Regelung darüber hinaus die Erlangung der vollständigen und umfassenden Souveränität eines vereinigten
Deutschlands sowie die Aufhebung der Rechte und
Pflichten der vier Mächte kodifizieren.
Wir haben uns heute vorläufig auf einen Zwischenentwurf für Elemente einer endgültigen Regelung geeinigt, in dem von einer Präambel, den Grenzen und
Berlin die Rede ist. Darüber hinaus haben wir vereinbart, daß unsere Experten eine Liste anderer umstrittener Fragen erstellen und gegebenenfalls die geeigneten Foren für die Lösung dieser Probleme bestimmen.
Zusammenfassend möchte ich sagen, daß unseres
Erachtens ein stabiles Interessengleichgewicht gefunden werden kann. Wir bemühen uns unsererseits
darum, den angemessenen Sicherheitsanliegen Moskaus gerecht zu werden. Ich muß jedoch auch feststellen, daß es den Sowjets obliegt, die Anliegen der
deutschen Staaten, anderer Staaten Europas und
auch der Vereinigten Staaten zu verstehen.
Zu Beginn dieser Gespräche habe ich das besondere
Vertrauen unserer Öffentlichkeit betont, ein Vertrauen,
das grenz und sogar generationenüberschreitend war.
Heute ist es meines Erachtens angebracht, diesen
Punkt zu wiederholen. Zu lange ist ein ungeteiltes und
freies Europa nur ein Traum gewesen, während uns

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die Realität das unverhüllte Bild von Grenzkontrollpunkten, Mauern und Konfrontation geboten hat.
So war es in der Vergangenheit, und bis vor kurzem
schien es, als ob das auch in Zukunft so sein würde.
Aber hier und jetzt, in dieser Stadt und in diesem Land
haben wir nun die Chance, die alte Realität zu vertreiben und an ihrer Stelle das Europa zu schaffen, das dessen bin ich mir sicher - wir alle haben möchten.
Vielen Dank.
Frage: Eine Frage an Außenminister Baker: Der
sowjetische Entwurf sieht einen Zeitplan für die Reduzierung auf lediglich symbolische Streitkräfte vor, die
andere Länder auf deutschem Boden unterhalten sollen. Können Sie dazu Stellung nehmen? Ist dieser
Vorschlag wert, berücksichtigt zu werden?
Antwort: Wir vertreten dazu die Auffassung, daß es
das echteste Zeichen deutscher Souveränität ist, wenn
das vereinigte Deutschland seine eigenen Entscheidungen über Fragen wie Streitkräftestationierung auf
seinem Territorium treffen kann.
Frage: Wenn ich den Vorschlag richtig verstehe,
wären es die Besatzungsmächte, die eine Entscheidung über den Abzug ihrer Truppen treffen würden.
Sehen Sie das tatsächlich als Streitkräftereduzierung
in Deutschland? Ich dachte eher, daß sich die anderen
Länder aus Deutschland zurückziehen. Was ist daran
falsch?
Antwort: Vielleicht sollten wir zu diesem Vorschlag weil wir ihn heute zum ersten Mal gesehen haben - die
Meinung von Außenminister Schewardnadse hören.
Aber wie ich es verstehe, würde damit für Berlin eine
andere Situation entstehen als für die DDR. Es würde
zum Beispiel bedeuten, daß im Hinblick auf die Stadt
Berlin ein Truppenabzug stattfindet und daß Berlin
dann von etwa 380 000 sowjetischen Soldaten umgeben wäre. Sie fragen mich, ob ich das für eine gute
Idee halte, und ich denke, Sie kannten die Antwort
bereits, als sie die Frage stellten. Aber ich möchte
dazu einfach sagen: Unsere Position lautet, daß diese
Frage tatsächlich von einem vereinten Deutschland
entschieden werden soll.
Frage: Meiner Ansicht nach gab es noch einen
anderen Aspekt zu dem Vorschlag, daß ausländische
Truppen in einigen Jahren von deutschem Boden
abgezogen werden sollten.
Antwort: Es gibt dazu noch einen anderen Aspekt.
Meine Antwort dazu lautet: Warum soll das nicht ein
souveränes vereintes Deutschland entscheiden, anstatt daß es ihm als Bedingung für die Erlangung einer
endgültigen Regelung aufgezwungen wird?
Frage: Die Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts
haben ihre Bereitschaft angedeutet, den Charakter
ihres Bündnisses zu verändern. Meine Frage lautet,
ob die NATO bei ihrem Gipfel in London auf diese

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,

�Schritte des Ostens mit einem neuen sicherheitspolitischen Konzept reagieren will?
Antwort: Wir verweisen bereits seit einiger Zeit darauf, daß die politische Komponente der NATO stärker
betont werden soll. Ich selbst habe dazu bereits im
Dezember vergangenen Jahres Vorschläge über
mögliche politische Schritte des Bündnisses unterbreitet, die ich hier nicht im einzelnen wiederholen will. Die
Situation in Europa hat sich verändert. Wird die NATO
ein Verteidigungs- und Sicherheitsbündnis bleiben?
Meine Antwort darauf ist positiv, weil sie zuerst und vor
allem ein Verteidigungsbündnis war. Diejenigen von
uns, die Mitglieder sind, vertreten die Auffassung, daß

*

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sie zum großen Teil verantwortlich dafür war, daß 40
Jahre lang kein Krieg stattgefunden hat. Aber sie wird
sich anpassen und politischer werden. Und ich möchte
in diesem Zusammenhang auch auf die Ergebnisse
des NATO-Gipfels hinweisen, der uns in zwei Wochen
in London bevorsteht. Und nach dem Gipfel werden
Sie das Ausmaß ermessen können, in dem im Bündnis
politische Anpassungen stattfinden und das Bündnis
auf die veränderte Situation in Europa eingehen wird,
auch im Hinblick auf die Erklärung der Mitgliedstaaten
des Warschauer Pakts, die hier vor kurzem abgegeben wurde. Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�EUROPA
27. Juni 1990

EUROPA AUF DEM WEG INS JAHR 2000
Rede von Botschafter Walters vor dem Außenpolitischen
Kongreß der CSU
MÜNCHEN - (AD) - In einer Rede vor dem Außenpolitischen Kongreß der CSU in München hat Botschafter
Vernon A Walters am 23. Juni 1990 betont, daß im Zuge der sehr positiven Entwicklungen in Europa eine Politik
vonnöten sei, "die alles tut, um die Konsolidierung der Demokratie zu fördern und die Konfrontation abzubauen.
Gleichzeitig müssen wir in Europa jene Strukturen aufrecht und funktionsfähig erhalten, die unsere gemeinsame
Sicherheil garantieren." Als wichtigste dieser Strukturen bezeichnete der Botschafter in diesem Zusammenhang
die NATO. Europa sei "immer noch ein Ort der Ungewi ßheit, und wir wären töricht, wenn wir jenes so erfolgreiche
Bündnis - die NATO - zugunsten neuer und unerprobter Modelle aufgeben würden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude und Ehre, hier vor diesem
so hochkarätig besetzten Außenpolitischen Kongreß
der CSU zu einem solch wichtigen Thema wie "Europa
auf dem Weg ins Jahr 2000" sprechen zu können.
Die Entwicklungen der letzten zwölf Monate haben die
Aussichten für ein "ungeteiltes und freies Europa" - um
mit den Worten von Präsident Bush zu sprechen drastisch verbessert. Verhaßte diktatorische Regime
sind von Regierungen abgelöst worden, die den Willen
des Volkes verkörpern. Deutschland ist auf dem
Wege, 40 Jahre einer schmerzlichen Teilung zu beenden. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion sind - wie Präsident Bush
gesagt hat - in eine "neue Ära" eingetreten.
Zur gleichen Zeit stellen uns diese sehr positiven
Entwicklungen auch vor die Aufgabe, den bestmöglichen Nutzen aus ihnen zu ziehen. Im Falle der
veränderten politischen Lage in Europa müssen wir
uns um eine Politik bemühen, die alles tut, um die
Konsolidierung der Demokratie zu fördern und die
Konfrontation abzubauen. Gleichzeitig müssen wir in
Europa jene Strukturen aufrecht und funktionsfähig
erhalten, die unsere gemeinsame Sicherheit garantieren.
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Die wichtigste dieser Strukturen bleibt die NATO. Wie
Präsident Bush während des letzten Washingtoner
Gipfeltreffens gegenüber Gorbatschow betont hat,
sind wir der Meinung, daß die "NATO ein Eckpfeiler
sowohl der militärischen Sicherheit als auch der politischen Legitimität im neuen Europa bleiben wird."
Warum sollte dies so sein, wo doch die Demokratie den
Kommunismus in Osteuropa hinweggefegt hat und die
Sowjetunion einen Prozeß der politischen und wirtschaftlichen Reformen eingeleitet hat?
Es gibt darauf mehrere Antworten. Die erste lautet,
daß wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben, so sehr
wir uns auch nach einem vollständig stabilen und
demokratischen Europa sehnen. Die Entwicklungen in
Rumänien in der letzten Woche haben dazu beigetragen, diesen Punkt nachdrücklich zu unterstreichen.
Niemand kann umhin, jene Völker zu bewundern, die
eine demokratische Staatsordnung anstelle einer
kommunistischen Tyrannei aufgebaut haben. Aber es
wäre auch töricht, die ungeheuren wirtschaftlichen und
sozialen Probleme, vor die sich die neuen
osteuropäischen Demokratien gestellt sehen, in Abrede zu stellen und die unterschwelligen ethnischen und
anderen Spannungen zu übersehen, die einen potentiellen Gefahrenherd für die Stabilität Europas darstel-

Seite 1

�len.
Was nun die Sowjetunion betrifft, so werden die wichtigen Veränderungen, die Präsident Gorbatschow sowohl
außenpolitisch als auch innenpolitisch auf den Weg
gebracht hat, von den Vereinigten Staaten und den
anderen Mitgliedsländern der Allianz durchaus anerkannt und begrüßt. Gleichzeitig kann niemand die
großen Probleme in Abrede stellen, die die Zukunft
dieses Landes belasten und die in den kommenden
Jahren zu großer Instabilität in der Sowjetunion führen
könnten.
Daher ist Europa immer noch ein Ort der Ungewi ßheit,
und wir wären töricht, wenn wir jenes so erfolgreiche
Bündnis - die NATO - zugunsten neuer und unerprobter Modelle aufgeben würden.
Die NATO spielt auch eine Schlüsselrolle bei der
Rüstungskontrolle, wie sich dies gegenwärtig in Wien
zeigt. Jeder, der die Frage nach der zukünftigen Rolle
der NATO aufwirft, sollte sich fragen lassen, welch
andere Organisation eine vergleichbare Rolle spielen
könnte, um die schwierige und komplizierte Aufgabe
des Aushandelns und Überwachens zukünftiger Rüstungskontrollvereinbarungen zu übernehmen.
Durch die NATO wird außerdem dafür gesorgt, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin in entscheidender Weise zur europäischen Sicherheit beitragen.
Mit den Ländern Westeuropas teilen wir gemeinsame
Werte, die uns enger miteinander verbinden als jeder
Vertrag. Niemand wurde gezwungen, der NATO beizutreten. Jedes Mitglied ohne Ausnahme schloß sich
ihr aus freien Stücken an. Seit über vierzig Jahren
haben wir Mittel und Wege gefunden, um einstimmig
all die Entscheidungen zu treffen, die uns zu diesem
geschichtlichen Augenblick geführt haben. Die NATO
war und ist ein Bündnis freier Völker.
Die Außenminister des Bündnisses haben jedoch bei
dem kürzlichen Treffen in Turnberry klar gemacht, daß
sich das Bündnis an veränderte politische Verhältnisse
anpassen wird. Diese "Botschaft von Turnberry"
beginnt mit den folgenden Worten: "Wir, die Außenminister der Allianz, bekunden unsere Entschlossenheit,
die historische Chance zu ergreifen, die sich aus den
grundlegenden Veränderungen in Europa ergibt, um
eine neue europäische Friedensordnung zu schaffen,
gegründet auf Freiheit, Recht und Demokratie. In
diesem Geiste reichen wir der Sowjetunion und allen
anderen europäischen Ländern die Hand zu Freundschaft und Zusammenarbeit."
Die "Botschaft von Turnberry" besagt weiter, daß die
Allianz die legitimen Sicherheitsinteressen aller Staaten anerkennt. Sie betont die Bereitschaft des Bündnisses, aktiv zum Aufbau von Vertrauen und engeren
Beziehungen zwischen allen europäischen Ländern,
einschließlich der Mitglieder beider Bündnisse, beizu-

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tragen. Die Botschaft fordert eine Stärkung des KSZEProzesses und Fortschritte bei den Wiener Rüstungskontrollverhandlungen. Sie bringt außerdem die
Überzeugung zum Ausdruck, daß die deutsche Einigung ein wesentlicher Beitrag zur Stabilität in Europa
ist.
Was die Rolle der NATO bei der Rüstungskontrolle
betrifft, so erklären die NATO-Außenminister im Turnberry-Kommunique, "wir betonen mit Nachdruck, daß
wir dem Abschluß eines KSE-Vertrages noch in diesem Jahre höchste Priorität einräumen. Dieser Vertrag muß alle Verhandlungsgegenstände einschließen
und zu substantiellen, verbindlichen und verifizierbaren Reduzierungen konventioneller Streitkräfte in Europa
führen, damit destabilisierende Ungleichgewichte sowie
die Fähigkeit beseitigt werden, einen Überraschungsangriff zuführen oder raumgreifende Offensivhandlungen zu beginnen. Ein derartiger Vertrag wäre ein
gewaltiger Schritt auf dem Wege zu größerer Stabilität
und Sicherheit in Europa." Darüber hinaus stellt das
Kommunique fest, daß die Bündnispartner nach Abschluß eines KSE-Abkommens bereit sein werden,
Folgeverhandlungen zur weiteren Stärkung von Sicherheit und Stabilität in Europa aufzunehmen.
Der Platz für ein vereintes Deutschland ist im Atlantischen Bündnis. Seine Beteiligung an dieser institutionellen Struktur für gegenseitigen Beistand bei der
Landesverteidigung und der Erhaltung der Stabilität
bedroht niemanden. Darüber hinaus wird, sobald
Deutschland vereinigt ist, die fortdauernde sowjetische Truppenpräsenz auf deutschem Boden eine
Anomalie sein, die kaum geeignet erscheint, sowjetischen Sicherheitsinteressen zu dienen. Es ist die
Hoffnung meines Landes und der anderen Mitglieder
des Zwei-plus-Vier-Prozesses, daß die Sowjetunion
dies auch so sehen und einem raschen Abzug dieser
Truppen zustimmen wird.
Mit der Abschaffung der alliierten Vorbehaltsrechte als
Ergebnis des Zwei-plus-Vier-Gespräche muß das
vereinte Deutschland über seine volle Souveränität
verfügen. Wir glauben, die historische Erfahrung lehrt
uns, daß besondere Beschränkungen der Rechte eines
Landes nicht dazu beitragen, Aussöhnung und Vertrauen zu fördern, die für den Aufbau einer wirklich
stabilen Ordnung in Europa so dringend benötigt werden.
Der Umstand, daß ich die fortdauernde Bedeutung der
NATO so stark betont habe, sollte nicht dahingehend
mißverstanden werden, daß sich der Blick der Vereinigten Staaten auf Europa nur auf die Mitgliedstaaten
des Bündnisses beschränkt. Das Bündnis betrachtet
sich ebenfalls als Teil eines größeren Ganzen.
Der ungeschmälerte Fortbestand der NATO und der
Bau eines größeren, geeinten und freien Europas, von
dem Präsident Bush und die NATO-Außenminister
sprachen - diese beiden Dinge schließen sich nicht
aus, sondern ergänzen einander.

AMERIKA DIENST 25

�Gestatten Sie mir noch ein Wort zum "europäischen
Pfeiler" der NATO. Es besteht kein Zweifel daran, daß
die Vereinigten Staaten an eine vollkommen gleichberechtigte atlantische Partnerschaft glauben. Natürlich
brauche ich hier nicht besonders zu betonen, wie sehr
wir daran interessiert sind, daßder europäische Pfeiler
uns dabei hilft, das gemeinsamen Gebäude - die
NATO - abzustützen, und nicht in irgendeiner Weise
als Alternative zum atlantischen Bündnis oder als
ausschließlich europäische Angelegenheit betrachtet
wird.
Um auf das größere Europa zurückzukommen, möchte ich betonen, daß wir niemand davon ausschließen
wollen, wie dies Präsident Bush im Verlaufe des
Washingtoner Gipfeltreffens gegenüber Präsident
Gorbatschow mehr als deutlich gemacht hat. Wir sind
ebenso der Meinung, daß es für den Erfolg der neuen
europäischen Friedensordnung unabdingbar ist, daß
die Vereinigten Staaten ihre Präsenz in Europa weiterhin aufrechterhalten.
Das neue "ungeteilte und freie Europa" wird bestimmte integrierende Strukturen benötigen, eine Art Rahmen für die zukünftige enge Zusammenarbeit, die wir
alle wünschen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es
ein wachsendes Interesse am KSZE-Prozeß als der
Basis für eine solche Struktur.
Außenminister Baker hat dann drei Herausforderungen aufgezeigt, die wir bewältigen müssen:
"Erstens müssen wir sicherstellen, daß die soeben
gewonnenen Freiheiten in Gesellschaften verwurzelt sind, deren Grundsätze Rechtstaatlichkeit und die Zustimmung der Regierten sind."
Ich möchte hier hinzufügen, daß die jüngsten
beklagenswerten Entwicklungen in Rumänien
deutlich machen, wie wichtig dieser Punkt ist.
"Zweitens müssen wir gewährleisten, daß alle
Völker in Europa den Wohlstand kennenlernen,
der sich aus wirtschaftlicher Freiheit und wettbewerbsfähigen Märkten ergibt."
"Und drittens müssen wir sicherstellen, daß wir
nicht unabsichtlich in Konflikte verwickelt werden oder sich die Streitigkeiten wiederholen, wie
sie vor dem kalten Krieg stattfanden."
Die Stärkung des KSZE-Prozesses findet eine große
Unterstützung von Seiten der Vereinigten Staaten.
Außenminister Baker machte kürzlich folgende sechs
Vorschläge zur Stärkung des KSZE-Prozesses:
Erstens regelmäßige Konsultationen unter den
Unterzeichnerstaaten. Die Minister könnten
sich vielleicht einmal pro Jahr treffen, ihre engsten Mitarbeiter zweimal im Jahr. Solche Gespräche würden die KSZE als Forum für einen
hochrangigen politischen Dialog stärken.

AMERIKA DIENST 25

Zweitens häufigere Abhaltung von KSZE-Überprüfungskonferenzen, vielleicht alle zwei Jahre
und mit einer festgesetzten Dauer von etwa drei
Monaten.
Drittens die Annahme des Prinzips freier und
fairer Wahlen, des politischen Pluralismus und
der Rechtsstaatlichkeit durch die Konferenz in
Kopenhagen und den KSZE-Gipfel.
Viertens Bestätigung der Bonner Prinzipien zur
wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf dem KSZEGipfeltreffen. Insbesondere werden die 35
Staaten danach trachten, freien Kapitalfluß,
marktwirtschaftliche Systeme mit auf Angebot
und Nachfrage basierenden Preisen sowie den
Schutz allen Eigentums, einschließlich von Privateigentum und geistigem Eigentum, zu erlangen oder aufrechtzuerhalten.
Fünftens durch den KSZE-Gipfel das Mandat
der für Januar 1991 in Valletta anberaumten
Konferenz über die friedliche Beilegung von
Streitigkeiten zu stärken. Wir sind auch der
Meinung, daß die KSZE durch innovative Vorschläge bei den Wiener VSBM-Gesprächen
militärische Offenheit und Transparenz fördern
kann.
Sechstens ein Treffen auf Beamtenebene in
diesem Sommer zur Vorbereitung des Gipfels ein Vorschlag, der schon angenommen worden
ist.
Beim KSZE-Gipfel erwarten wir dann die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens, und Präsident Gorbatschow erklärte Präsident Bush gegenüber, er teile
diese Ansicht. Wir erwarten ferner eine Überprüfung,
schriftliche Fixierung und Konsolidierung der Fortschritte bei allen drei Körben von Helsinki, die Stärkung
der KSZE als Prozeß sowie die Planung der Folgekonferenz im Jahre 1992.
Wie Sie sehen, messen die Vereinigten Staaten der
KSZE beim Aufbau eines neuen Europas eine bedeutende Rolle zu. Wir sind jedoch nicht der Ansicht, daß
die KSZE die Möglichkeit in sich birgt, die NATO
ersetzen zu können.
Die Vereinigten Staaten verfolgen mit großem Interesse den Prozeß der europäischen Integration. Dies ist
eine Entwicklung, die von den Vereinigten Staaten seit
Gründung der EG immer wieder begrü ßt wurde. Wenn
eine Art europäischer Föderation oder gar die Vereinigten Staaten von Europa Wirklichkeit werden sollten,
dann würden die Vereinigten Staaten einen solchen
Schritt nur begrüßen können, da er voll und ganz im
Einklang mit unserem Wunsch nach einem "ungeteilten und freien Europa" stünde.
Es würde unserer Meinung nach jedoch der Sache
Europas und der Vereinigten Staaten sehr abträglich

Seite 3

�sein, wenn der Prozeß der europäischen Integration
als ein irgendwie gearteter Ersatz für die transatlantische Zusammenarbeit gesehen würde, statt (wie wir
meinen) als Ergänzung zur transatlantischen Partnerschaft.
Ein Europa, in dem die Vereinigten Staaten teure
Truppenpräsenz aufrechterhalten, aber in dem wichtige Sicherheitsentscheidungen in Gremien getroffen
werden, in denen die USA keine Stimme haben, ist
nicht vorstellbar.

Jahren in der Tat eine riskante Angelegenheit. Lassen
Sie mich hier jedoch kurz ausführen, was wir dann zu
sehen hoffen:
Ein Osteuropa, in dem die Demokratie fest
verankert ist und das den Übergang zur Marktwirtschaft vollzogen und substantielle Fortschritte zur Wiederherstellung des Wohlstandes seiner Völker gemacht hat.
Eine Sowjetunion, die zumindest substantielle
Fortschritte in die gleiche Richtung gemacht
hat.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die uneingeschränkte Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die europäische Integration hervorheben. In der Tat
glauben wir, daß in dem Maße, wie Europa zusammenwächst, neue institutionelle Bindungen zwischen
der Europäischen Gemeinschaft und den Vereinigten
Staaten für beide Seiten von Nutzen sein könnten.

Ein vereintes, fest im Westen verankertes
Deutschland, selbst wenn es seine natürlichen
Bindungen und Interessen im Osten verfolgt
und pflegt.

Wir sind weit davon entfernt, die Europäische Gemeinschaft abzulehnen und sind vielmehr im Gegenteil der
Ansicht, daß wir zu ihren Begründern gehörten. Im Mai
1948 kam ich als Assistent von Averell Harriman, dem
damaligen Direktor des Marshallplans, nach Europa.
Ich konnte persönlich feststellen, daß die gesamte
Hilfe im Rahmen des Marshallplans davon abhängig
gemacht wurde, daßdie Europäer Schritte zu verstärkter wirtschaftlicher und politischer Einheit unternahmen.

Ein qualitativ verändertes amerikanisch-sowjetisches Verhältnis, wie es sich bereits beim Washingtoner Gipfel abzeichnete.

Zu jener Zeit machte das Bruttosozialprodukt der
Länder, die heute die Europäische Gemeinschaft bilden, nur einen Bruchteil des unsrigen aus. Heute ist
das europäische Bruttosozialprodukt ebenso hoch wie
unseres. Wir sind der Ansicht, daß dies gut für die
Europäer, für uns und für die Freiheit ist. Trotz aller uns
nachgesagten Schwierigkeiten ist das amerikanische
Bruttosozialprodukt heute ebenso groß wie das der
vier folgenden Staaten zusammengenommen. Dagegen ist der Fehlschlag undemokratischer Gesellschaftssysteme für jedermann unschwer zu erkennen.

Einen intensivierten KSZE-Prozeß, der durch
Fortschritte in allen drei Körben wesentlich dazu
beigetragen hat, die Zusammenarbeit in Europa
zu fördern und die Sache der Freiheit zu stärken.

Wir begrüßen Entwicklungen wie den europäischen
Binnenmarkt, hoffen jedoch, daß die Länder Europas
sich darüber im klaren sind, daß Freihandel und fairer
Wettbewerb über den Atlantik hinweg jedermann von
Nutzen sind, und zwar im Hinblick auf die Förderung
der Technologie, der wirtschaftlichen Effizienz und
letztlich von Wachstum und Beschäftigung. Protektionismus nützt niemandem, und dies ist der Grund,
warum wir einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay
Runde des GATT noch in diesem Jahr so große
Bedeutung beimessen.
Wie also sieht "Europa auf dem Weg ins Jahr 2000"
aus amerikanischer Sicht aus? Da noch vor einem
Jahr niemand auch nur annähernd hätte voraussagen
können, wie das Europa von heute aussehen würde,
ist eine Voraussage für einen Zeitraum von zehn

Seite 4

Eine beachtliche Reduzierung des Niveaus
militärischer Streitkräfte in Europa, die auf der
Basis eines ausgehandelten Abkommens erzielt wurde.

Ein fortdauerndes amerikanisches Engagement
im Bereich europäischer Sicherheit und eine
tragfähige NATO, die bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten für die Zusammenarbeit mit allen europäischen Staaten offen ist.

Bedeutsame Fortschritte bei der europäischen
Integration, die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit als gemeinsames Interesse betrachtet.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle ein Wort über mein
eigenes Land. Seit 1981, als klar wurde, daß die
Vereinigten Staaten gegenüber der immensen militärischen Macht der Sowjetunion in einen Zustand provokativer Schwäche gefallen waren, hat das amerikanische Volk über zwei Billionen Dollar für die Verteidigung aufgebracht - und zwar nicht nur für unsere
eigene, sondern auch für die unserer Bündnispartner.
Die Perestrojka ist nicht vom Himmel gefallen, sie
wurde durch unsere Einigkeit mit Europa und durch
das enorme Opfer einer solchen Geldsumme gefördert. Der Rüstungswettlauf war für diejenigen, die
andere Träume hatten als wir, schließlich zu kostspielig geworden.

AMERIKA DIENST 25

�Bis heute wird nahezu ein Drittel des amerikanischen
Verteidigungshaushalts tür die Unterstützung unserer
Streitkräfte in Europa ausgegeben.
Gemeinsam mit den Europäern sehen wir im Licht der
Vorgänge im Osten einer angemessenen Erleichterung dieser Last entgegen.

gen zu heilen, die so lange ohne Freiheit und in Furcht
leben mußten.
Der Anbruch der Morgendämmerung hat lange auf
sich warten lassen, aber heute ist der ganze Osten in
helles Licht getaucht.
Ich danke Ihnen.

Wir werden jedoch weder zögern noch nachlassen,
unseren Anteil beizutragen, um die Wunden derjeni-

*

AMERIKA DIENST 25

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Seite 5

�KSZE
27. Juni 1990

KAMPELMAN FORDERT SCHUTZ DER RECHTE
VON MINDERHEITEN
Rede bei der KSZE-Konferenz in Kopenhagen
KOPENHAGEN - (AD) - Der amerikanische Delegationsleiter bei der KSZE, Botschafter Max M. Kampelman,
erklärte gegenüber den Teilnehmern der Kopenhagener Konferenz über die Menschliche Dimension am 22. Juni
1990, der Zeitpunkt zum Schutz der Rechte von Minderheiten sei so günstig wie nie zuvor.
Das Thema Rechte von Minderheiten ist Kampelman zufolge eine der wichtigsten Herausforderungen, denen
sich die KSZE-Länder stellen müssen, zumal sich viele von ihnen im Prozeß der Demokratisierung befinden.
In seiner Rede bei der Plenarsitzung verurteilte Kampelman den wieder verstärkt zu beobachtenden Antisemitismus und andere Formen der Diskrimierung aufgrund von Hautfarbe, Rasse oder Religion in einigen der 35
Teilnehmerstaaten. Er verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auf Rumänien, wo Intoleranz
gegenüber bestimmten Volksgruppen zunimmt und forderte die Regierung auf, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen über die jüngsten Aufstände zu veröffentlichen.
Kampelman begrüßte ferner die Entscheidung des jugoslawischen Präsidenten, den in der Provinz Kosovo
ausgerufenen Ausnahmezustand wieder aufzuheben, erklärte jedoch, die Probleme könnten nicht gelöst
werden, bis ein "echter Dialog mit den demokratischen albanischen Gruppen in der Region stattfindet".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
Sie werden mir zustimmen, da ß der Schutz der Rechte
von Minderheiten eine wichtige Herausforderung für
die KSZE-Länder darstellt, die nicht so leicht gelöst
werden kann. Regierungen können dabei zur Lösung
oder zur Verschärfung des Problems beitragen. Meine
Regierung ist davon überzeugt, daß der Geist und
Wortlaut der von uns eingegangenen KSZE-Verpflichtungen von uns fordern, daß wir zur Lösung beitragen.

damit auch nicht sagen, daß die Erfahrungen in Amerika
automatisch auf andere Länder übertragbar sind, in
denen sich die kulturelle und politische Tradition und
Geschichte grundlegend von unserer Situation unterscheidet. Aber wir verfügen über eine einmalige
nationale Erfahrung - zum Teil ein Grund des Stolzes,
zum Teil auch eher tragisch -, die unsere Überlegungen leiten kann.

Wir müssen jetzt und in der Zeit nach Kopenhagen
unsere Arbeit intensivieren, wenn wir zu einem breiter
angelegten Prozeß der Problemlösung beitragen wollen. Dieses Problem ist von ungeheurer Komplexität.
Unsere Arbeit wird das gesamte Spektrum der KSZE
umfassen.

Die Erfahrung der Vereinigten Staaten in den letzten
200 Jahren zeigt, daß jede Gesellschaft, die sich auf
ihre demokratischen Grundsätze beruft, nicht nur den
Willen der Mehrheit achten, so wichtig dies auch sein
mag. Wenn sie ihren grundlegendsten demokratischen Werten wahrhaft treu bleiben will, muß sie auch
auf die Stimmen der Minderheiten in ihrer Mitte lauschen.

Die Delegation der Vereinigten Staaten vertritt eine der
größten Demokratien der Welt. Darüber hinaus sind
wir einer der größten Vielvölkerstaaten der Welt. Das
berechtigt uns noch nicht zu Ermahnungen. Ich will

Herr Vorsitzender, ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das Zitat eines prominenten amerikanischen Spezialisten für die Rechte der Indianer und
engen Freundes von mir, des verstorbenen Felix Co-

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�hen, der das Schicksal der Indianer mit dem Kanarienvogel der Bergleute verglich. Die Bergleute nahmen
immer einen Kanarienvogel im Käfig mit unter Tage.
Wenn der Kanarienvogel aufgrund des Sauerstoffmangels starb, wußten die Bergleute, daß sie auch
sterben würden, wenn sie nicht sofort zurückkehrten.
Cohen benutzte dieses Bild zur Verdeutlichnug der
verfassungmäßigen Rechte amerikanischer Indianer,
die, ebenso wie die Juden in Europa eine gefährdete
Minderheit waren. Wenn Minderheiten nicht geschützt
werden, so Cohen, dann ist über kurz oder lang jeder
gefährdet und Gesellschaften könnten nicht wiedergutzumachende Verluste erleiden.
Cohen veröffentlichte seine Ansichten zu einer Zeit, da
sich Europa und die Welt von den Verwüstungen eines
schrecklichen Kriegs erholten, den die vergiftete
Atmosphäre des Nationalismus ausgelöst hatte. Trotz
der Tatsache, daß wir heute in einer anderen Welt
leben, hat der Mensch immer noch die Fähigkeit zum
Bösen. Unsere Zerstörungsfähigkeit hat erheblich
zugenommen. Da das Eis des kalten Krieges schmilzt,
entdecken wir umso klarer die immer noch vorhandene
Glut der Spannung zwischen einzelnen Volksgruppen.
Sie liegen offen vor uns und können leicht durch
Verantwortungslosigkeit entfacht werden.
Das vorherrschende Thema heute ist jedoch die Freiheit. Die Völker Europas haben sich eindeutig entschieden, den Weg der Demokratie und Zusammenarbeit zu gehen. Es ist der Weg der Gerechtigkeit,
Sicherheit und des Friedens, wie er in der Schlußakte
von Helsinki aufgezeichnet ist, die das wichtigste
Dokument unserer Tage darstellt. Deshalb ist jetzt die
Zeit gekommen, da Regierungen und Bürger gleichermaßen Zurückhaltung und Respekt für die Menschenrechte ihrer Bürger und denen ihrer Nachbarländer
aufbringen müssen. Jetzt ist es an der Zeit, daß
Vernunft und Dialog über Vorurteile und Gewalt siegen. Kein Staat kann heute behaupten, daß im Bereich der Rechte von Minderheiten kein Raum für
Verbesserungen bestünde. Keine Gesellschaft - auch
nicht meine eigene - kann sich von Vorurteilen freisprechen.
Die gegenwärtige Lage in einer Reihe von Mitgliedstaaten gibt zu gemeinsamer Besorgnis Anlaß. In
einigen Gebieten ist die Lage gespannt und sogar
potentiell explosiv. Dies gilt insbesondere für die
Länder, die sich erst seit kurzem mit dem Aufbau von
Demokratien und Reformen befassen, da es eben
diese Länder sind, in denen es bisher praktisch keinen
Schutz für Rechte jedweder Art gab, wenige Präzedenzfälle für die friedliche Beilegung von Streitigkeiten, wenig verläßliche Mittel für die Behebung von
Beschwerden und geringes Vertrauen in die Legitimität der Regierungsbehörden.
Das Wiederaufflammen von Antisemitismus und die
Zunahme anderer Formen ethnischer, rassischer und

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religiöser Auswüchse sind schreckliche Rückschläge,
die in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz haben.
Ethnische Spannungen haben bereits einen hohen
Tribut an Menschenleben gefordert. In Rumänien sind
wir beispielsweise über Berichte zutiefst besorgt, daß
eine Reihe Haß schürender Organisationen und Elemente, die die brutale Unterdrückung der Rechte der
ungarischen Minderheit befürworten, zunehmend aktiv werden. Wir drängen die rumänische Regierung,
entschiedene Schritte zur Eindämmung der gewalttätigen Aktivitäten der Handlanger nationaler Vorurteile
zu unternehmen. Wir fordern die Regierung, die uns
ihrer demokratischen Absichten zu versichern versucht, auf, den Schleier der Geheimhaltung zu lüften
und die Ergebnisse ihrer Untersuchung der jüngsten
blutigen ethnischen Auseinandersetzungen in diesem
Land offenzulegen. Auf diese Weise könnten wir
Vertrauen in die Absichtserklärungen dieser Regierung gewinnen, vom Geiste der KSZE geleitet zu sein.
Wir begrüßen die vom jugoslawischen Präsidenten
getroffene offizielle Entscheidung, den Ausnahmezustand im Kosovo aufzuheben. Die dortigen Probleme
sind jedoch nicht gelöst, solange kein echter Dialog mit
den demokratischen albanischen Gruppen in der Region
stattfindet. Wir fordern die Regierung dieses Landes
zu der Einsicht auf, daß der scheinbar nie endende
Kreislauf von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Kosovo Anlaß zu großer Besorgnis
für viele von uns ist.
Ethnische Gewalttätigkeiten sind nicht nur im Hinblick
auf Menschenleben unkalkulierbar hoch, sondern richten auch großen sozialen und wirtschaftlichen Schaden an. Die Sowjetunion und ihr Volk sind sich des
durch ethnische Auseinandersetzungen und Gewalt in
so vielen Teilen diesen riesigen und stolzen Landes
verursachten Leids schmerzlich bewu ßt. Die Hundertausende von Flüchtlingen, die Berichten zufolge heute
Moskau und andere Großstädte Übervölkern und
überlasten, sind eine traurige Mahnung an die "Opfer",
die wir weder vergessen noch ignorieren können. Ihr
Leid ist nicht selbstverschuldet.
In den von ethnischen Konflikten geschüttelten Regionen sind Mittel zur Sicherstellung ziviler Freiheiten für
alle Menschen vonnöten. Sie sind für alle Menschen
erreichbar, denn alle Menschen streben nach menschlicher Würde. Rechte der Minderheiten müssen wegen ihrer Unerläßlichkeit integraler Bestandteil für alle
von uns werden, weil viele von uns sich zu jeder Zeit
und an jedem Ort in der Minderheit befinden können.
Sie müssen zum von den Behörden, den Minderheiten
und den Mehrheiten anerkannten und verfochtenen
Prinzip werden.
Wir sind uns bewußt, daß der Schutz der Rechte von
Minderheiten angesichts der Tatsache, daß tolerante
und demokratische politische Strukturen in einigen

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�Staaten noch geschaffen werden müssen, nicht leicht
zu verwirklichen sein wird. Wir alle haben jedoch
gelernt, daß die Zeit rast und wir alle auf den nicht allzu
fernen Tag hinarbeiten müssen, an dem ethnische
Identifikation eher als Symbol für soziale Reife und
kulturelle Bereicherung steht, denn in den Straßen
ausgestoßene Beleidigungen oder stigmatisierende
Kennzeichen in Pässen, die den Inhaber zum Opfer
von Diskriminierungen machen.
Die Lösung dieser schwierigen Probleme ist ebenso
ein moralisches Muß wie der Aufbau stabiler, demokratischer Nationen. Die Staaten, die vor diesen
realen Problemen die Augen verschlie ßen, tun dies auf
eigene Gefahr und gestatten den lokalen und selbst
den zentralen Behörden, schwelende lokale Probleme
zu ignorieren, Mißbrauch zu schüren und Spannungen
zwischen Minderheiten zu verschärfen. Die Staaten
agieren damit als Handlanger von Vorurteilen und
Gewalt, nicht als legitime Hüter von Recht und Ordnung.
Viele KSZE-Mitgliedstaaten üben sich in Verfassungsgebung. Es ist an der Zeit, eine solide verfassungsmäßige Grundlage zum garantierten Schutz der Rechte
von Minderheiten zu legen. Die Gründung und Konsolidierung demokratischer Regierungsstrukturen und
staatlicher Regeln, die den Mißbrauch staatlicher Macht
wirksam einschränken, Garantien für die Gleichheit
aller Bürger vor dem Gesetz - all dies bildet die
unerläßliche Grundlage zum Schutz von Minderheiten
und maximiert den Beitrag, den sie zur Gesellschaft
leisten.
Wenn wir an dieser fundamentalen Aufgabe scheitern,
überlassen wir die Minderheitengruppen einer anhaltend schwierigen Lage, in der sie sich wandelnden
politischen Strömungen ausgesetzt sehen, der Regierung gegenüber mißtrauisch und ängstlich und daher
eher geneigt sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu
nehmen.
Sensible, konstruktive und bewährte Methoden zum
Schutz nationaler, religiöser und ethnischer Minderheiten in einem Land gewähren ihnen ein beträchtliches Maß an lokaler Autonomie bei gleichzeitiger
ebenbürtiger Einbeziehung in die gesamte kooperative Struktur der Gewaltenteilung. Föderalismus, das
Prinzip, von dem mein Land geleitet ist - die Gewaltenteilung zwischen den Regierungen von Bund, Ländern
und Gemeinden - hat sich in den über 200 Jahren
unserer Erfahrung mit der Verfassung und in den
Erfahrungen zahlreicher anderer Staaten bewährt.
Dieses Prinzip kann dazu beitragen, eine sichere
rechtliche und politische Grundlage für freundschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Völkern zu
legen, gleichgültig, welche Form oder welchen Namen
es annehmen mag.
Demokratien gleich welcher Struktur erfordern die
freie und engagierte Teilnahme aller Bürger - unabhän-

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gig von ihrem ethnischen, nationalen oder religiösen
Erbe - am politischen Prozeß. Damit wird es den
Menschen ermöglicht, Minderheitengruppen und politische Organisationen zu bilden, auf breiterer Grundlage fußende Koalitionen zu ihrer Unterstützung aufzubauen, sich an politischen Bündnissen zu beteiligen
und sich auf die Wahlurne als Mittel der politischen
Selbstverwirklichung zu verlassen. Offene, umfassende demokratische Systeme fördern die Entwicklung bürgerlichen Verantwortungsbewußtseins und das
Gefühl, daß der einzelne Angehörige einer Minderheit
ein unmittelbares Interesse an der Besserung der
Gesellschaft als Ganzes hat. Dagegen führen Entrechtung und Diskriminierung zu destruktiven Gefühlen der Entfremdung.
Die Regierungen können bei der wichtigen Aufgabe
der Demokratisierung auf die Hilfe mächtiger Verbündeter bauen. Eine große Zahl von nichtstaatlichen
Organisationen sind zur Hilfe bereit. Viele der aufstrebenden Demokratien in Europa können Zeugnis von
der Hilfe ablegen, die ihnen durch Gewerkschaften,
Kirchen, politische Parteien und Bürgerinitiativen zuteil wurde. Diese Institutionen gedeihen in einem
Klima des demokratischen Pluralismus, der Toleranz
und der Schaffung bürgerlicher Gesellschaften. Sie
repräsentieren politischen Pluralismus im Handeln.
In dieser Hinsicht haben wir die Pflicht und Freude, die
Rolle religiös geprägter Einzelpersonen und kirchlicher Organisationen beim Übergang zur Demokratie
zu erwähnen und zu würdigen, der in Mittel- und
Osteuropa im vergangenen Jahr stattgefunden hat.
Diese Einzelpersonen und Organisationen haben durch
die Ausübung des Grundrechts auf Religionsfreiheit
einen engagierten Beitrag zum Aufbau der bürgerlichen Gesellschaft in den neuen Demokratien geleistet. Religiöse Werte sowie religiöse Gruppen und
Organisationen können eine wichtige Rolle bei der
Verteidigung grundlegender Menschenrechte durch
Rechtsstaatlichkeit spielen.
Während sich unsere Regierungen den nie endenden
Aufgaben des nationalen Aufbaus widmen - denn
echte Demokratien erschaffen sich durch bewußte
Akte der Gerechtigkeit täglich aufs Neue - würden wir
alle gut daran tun, uns folgender Bibelworte zu erinnern: "Wahrlich, ich sage Euch: Was Ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan."
Herr Vorsitzender, zumeist zählen Minderheiten an
Zahl und Stärke gemessen unter uns am wenigsten.
Die Regierungen tragen eine besondere Verantwortung für ihren Schutz. Historisch gesehen, sind die
Regierungen dieser Verantwortung nicht immer nachgekommen. Vom "Zug der Tränen" der CherokeeIndianer in meinem Land über die Deportation der
europäischen Juden in die Todeslager bis zur Vertreibung der Mescheten und der anhaltenden und allgegenwärtigen Diskriminierung von Sinti und Roma können

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�wir grausame Ungerechtigkeiten feststellen. Unter
ihrem Erbe leiden auch die nachfolgenden Generationen. Die heutigen Regierungen tragen eine schwere
Verantwortung, um solche Fragen mit Würde und
Mitgefühl zu behandeln.
Ich habe heute morgen über einige der Probleme
gesprochen, die wir mit der Erfüllung unserer KSZEVerpflichtungen gegenüber Minderheiten in Zusammenhang bringen. Ich habe mich auf die Probleme
konzentriert, weil sie ernst und dringlich sind und das
Potential in sich bergen, sich in destabilisierender
Gewalt zu entladen. Während die Spannungen zwischen Ost und West langsam verschwinden, stehen
die Minderheitenspannungen in mancher Hinsicht kurz
vor der Explosion. Die KSZE kann sich der Verantwortung nicht entziehen, im Rahmen dieser Konferenz
und danach energische Bemühungen zu unternehmen, um zu ihrer friedlichen Lösung beizutragen.
Von einer solchen Lösung würden wir alle profitieren.
Die Minderheiten würden nicht länger als irritierendes
Problem betrachtet. Im Gegenteil, wenn Minderheiten
unter uns leben, wenn sie das Geflecht unserer Gesellschaften durch ihren umfassenden Beitrag stärken,
helfen sie uns allen, die Pracht der Vielfalt zu erkennen. Sie zeigen uns kristallklar den Wesensgehalt
unseres gemeinsamen menschlichen Seins auf.

Ich möchte meine Bemerkungen zum Pluralismus mit
einer Parabel abschließen. Es soll einst ein König
gelebt haben, der einen prächtigen Diamanten besaß.
Eines Tages ließ ein unaufmerksamer Diener den
Diamanten fallen, der dadurch einen tiefen Kratzer
bekam. Der König war außer sich, rief die Diamantenschleifer des ganzen Königreichs zu sich und befahl
ihnen, den Diamanten neu zu schleifen und seine
Schönheit wiederherzustellen. Es gelang ihnen nicht,
der Kratzer blieb. Einige Wochen danach kam ein
fremder Diamantenschleifer in das Königreich. Der
König bat ihn, seinen zerkratzten Diamanten wiederherzustellen. Der Schleifer nahm sich des Problems
auf andere Weise an: In die Oberfläche des Diamanten ritzte er eine Rose, und durch seine Kunstfertigkeit
schaffte er es, den tiefsten Teil des Kratzers als Stil der
Rose zu benutzen.
Der Schutz von Minderheitenrechten ist eine Frage mit
vielen Facetten. Durch ihre Handlungen können die
Regierungen entweder die Kluft zwischen den Völkern
vertiefen, oder sie können Lösungen erarbeiten, die
ihre Gesellschaften insgesamt verbessern und verschönern. Die von uns im Rahmen der KSZE erzielten
Fortschritte in der Frage der Minderheitenrechte werden die von uns getroffene Wahl widerspiegeln.

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