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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

21

Embassy o.moun
iör-erry Services
DJchmatW Aue 29
5300 Bonn 2

30. Mai 1990

GIPFELTREFFEN

BUSH: NATO-MITGLIEDSCHAFT EINES
VEREINIGTEN DEUTSCHLANDS KEINE
BEDROHUNG FÜR DIE SOWJETUNION
Interview des Präsidenten mit
dem sowjetischen Fernsehen

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

ERFOLGREICHE STARTHILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede des stellvertretenden
US-Außenministers Eagleburger

GEMEINSAME WERTE ALS BINDEGLIED
DER OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Walters
bei der University of Maryland

LATEINAMERIKA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

FREIHEIT AUCH AUF DEM
AMERIKANISCHEN KONTINENT
AUF DEM VORMARSCH
Rede von Präsident Bush beim
Council of the Americas

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GIPFELTREFFEN
30. Mai 1990

BUSH: NATO-MITGLIEDSCHAFT EINES
VEREINIGTEN DEUTSCHLANDS
KEINE BEDROHUNG FÜR DIE SOWJETUNION
Interview des Präsidenten mit dem sowjetischen Fernsehen
WASHINGTON - (AD) - In einem am 24. Mai 1990 mit Valentin Zorin vom sowjetischen Fernsehen geführten
Interview erklärte Präsident Bush, ein vereinigtes Deutschland würde "ein stabiles Europa erhalten, wie es auch
die Sowjets begrüßen sollten". Bush erklärte ferner, die NATO-Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands
stelle keine Bedrohung für das sowjetische Volk dar.
"Es bestehen bei dieser Frage Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets", erklärte Bush, "aber ich spreche
mir aus der Seele, weil ich meine feste Meinung zu dem Thema habe. Und er wird seine Meinung dazu vertreten.
Aber ich möchte die Meinungsverschiedenheiten beilegen. Das sind meine Erwartungen."
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview im Wortlaut.

Frage: Herr Präsident, die amerikanisch-sowjetischen
Gipfeltreffen haben dazu beigetragen, daß sich die
politische Lage der Welt drastisch verändert hat.
Wodurch werden Ihrer Ansicht nach Ihre bevorstehenden Gespräche mit Präsident Gorbatschow gekennzeichnet, und was erwarten Sie von dieser Zusammenkunft?
Bush: Eine Besonderheit besteht darin, daß die
beiden Länder, die für den Weltfrieden besonders
hohe Verantwortung tragen, in einem günstigen Klima
zusammentreffen, um weltpolitische Probleme zu
besprechen. Ich erhoffe mir Fortschritte bei den
strategischen Waffen. Ich wünsche mit größere Fortschritte bei konventionellen Waffen. Ich bin überzeugt
davon, daß wir etwas erreichen werden, das die Welt
als Durchbruch bei chemischen Waffen betrachten
wird.
Ich wünsche mir für den Gipfel, mich mit Herrn Gorbatschow zusammensetzen und mit ihm meine Wünsche
und die Wünsche der Vereinigten Staaten im Hinblick
auf ein Europa nach einer Wiedervereinigung beider
deutscher Staaten erörtern zu können. Ich möchte
Herrn Gorbatschow - mit dem ich offen reden kann,
weil er ein Mann ist, mit dem man das kann - davon
überzeugen, daß eine Präsenz der Vereinigten Staa-

AMERIKA DIENST 21

ten in Europa, ein vereinigtes Deutschland, ein Deutschland in der NATO nicht nur keine Bedrohung für die
Sowjetunion darstellen, sondern ein stabiles Europa
erhalten, wie es auch die Sowjets begrüßen sollten.
Es bestehen bei dieser Frage Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets, aber ich spreche mir aus der
Seele, weil ich meine feste Meinung zu dem Thema
habe. Und er wird seine Meinung dazu vertreten. Aber
ich möchte die Meinungsverschiedenheiten beilegen.
Das sind meine Erwartungen.
Dann gibt es noch eine Reihe regionaler Fragen und
viele ökonomische Probleme zu lösen. Und dann gibt
es noch eine schwierige Frage, die ich nicht unter den
Teppich kehren möchte - das Problem der baltischen
Staaten und die Schwierigkeiten mit Litauen. Er muß
verstehen, unter welchem Druck sich ein amerikanicher Präsident befindet, bis Selbstbestimmung dort
sichtbar wird und sich entwickelt.
Das ist eine umfangreiche Tagesordnung, und ich
freue mich auf unsere Zusammenkunft.
Frage: Bestimmte Kreise in den Vereinigten Staaten
behaupten, die Schwierigkeiten in der Sowjetunion
machen eine Gesprächsführung aus einer Position der
Stärke heraus möglich. Teilen Sie diese Auffassung?
Seite 1

�Antwort: Wenn Sie mit einem der wichtigsten Politiker
der Welt zusammentreffen, stellt sich nicht die Frage,
wer stärker oder schwächer ist, wer die größeren oder
kleineren Probleme hat. Es stellt sich die Frage nach
der Pflicht - und ich spreche hier von mir -, all diese
Punkte anzusprechen und ihn in strittigen Punkten
davon zu überzeugen, daß unsere Haltung richtig ist.
Genau das wird er auch versuchen.
Dazu möchte ich ein Beispiel anführen. Wenn ich mit
dem Spitzenpolitiker eines kleinen Landes der dritten
Welt zusammentreffe, hat es keinen Sinn, erklären zu
wollen, wer größer oder stärker, Gewinner oder Verlierer ist. Im Umgang mit ihm geht es um Respekt. Und
im Hinblick auf die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten, die traditionell als die beiden Supermächte
gelten, wird diesem Treffen besondere Bedeutung
beigemessen. Dabei möchte ich nichts anders tun, als
das sowjetische Volk und seinen Präsidenten mit dem
ihnen gebührenden Respekt behandeln.
Bei einigen Fragen bestehen große Meinungsverschiedenheiten. Aber wir sind vernünftig. Wir streben
lediglich nach Frieden und Wohlstand für die Menschen in der Sowjetunion. Und davon möchte ich
Herrn Gorbatschow überzeugen.
Frage: Hen Präsident, wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Präsident Gorbatschow, und in welcher Weise
werden Ihre Gespräche davon geprägt?
Antwort: Ich gehe davon aus, daß sie Erfolg haben
werden. Warten Sie, bis ich ihn treffe, weil ich es Ihnen
dann sagen kann. Es kann sehr wohl zu Auseinandersetzungen kommen, weil Meinungsverschiedenheiten
bestehen. Aber ich habe dem amerikanischen Volk
erklärt, daß ich respektiere, was Herr Gorbatschow
getan hat - seine Art und Weise, mit den dramatischen
Veränderungen in Osteuropa umzugehen. Ich respektiere, was er im Hinblick auf Perestrojka und Glasnost
versucht hat - eine einmalige Offenheit, von der niemand vor ein paar Jahren auch nur zu träumen gewagt
hätte.
Es gibt einige Kritiker in diesem Land, denen zufolge
ich Herrn Gorbatschow zuviel Bedeutung beimesse.
Aber ich kenne ihn. Ich bin zuversichtlich, daß wir
offene Gespräche führen können. Er verdient Lob für
das, was er getan hat. Und wo Meinungsverschiedenheiten bestehen, werden wir versuchen, diese auszubügeln.
Von unserem Standpunkt aus betrachtet, haben wir
also ein gutes persönliches Verhältnis.
Aber Gorbatschow kann die außenpolitischen Initiativen der Sowjetunion nicht darauf gründen, daß ich
Präsident bin, und ich kann die außenpolitischen Initiativen der Vereinigten Staaten nicht darauf ausrichten,
daß er dort dieses Amt innehat. Hier geht es um
prinzipielle Fragen. Es trifft jedoch zu, daß wir dort
einen Mann haben, mit dem ich in neuer Offenheit,
Seite 2

sozusagen Glasnost zwischen uns, sprechen kann.
Das verbessert meines Erachtens die Situation. Ich
freue mich also darauf, ihn zu treffen, und ich werde
ihm sagen, wo es zwischen uns unterschiedliche
Meinungen gibt.
Frage: Sie sprechen von Perestrojka. Sie haben
häufig ihre Unterstützung der Perestrojka in der Sowjetunion bekundet. Von welchen Vorstellungen lassen Sie sich dabei leiten?
Antwort: Meines Erachtens werden Wirtschaftsreformen und das gesamte Spektrum der von Gorbatschow
beabsichtigten Reformen eine wohlhabendere Sowjetunion und eine friedlichere Welt hervorbringen. Wir
gehen davon aus, daß Marktwirtschaften sowie freie
Märkte und Wahlmöglichkeiten im ökonomischen
Bereich den Menschen zum Vorteil gereichen. Und
von einem Erfolg der Perestrojka erwarte ich Vorteile
für mein Land. Je mehr Handel wir haben, desto
besser.
Es gibt einige Probleme. Es bestehen Probleme im
Baltikum, die eine völlige Offenheit verhindern. Es gibt
Probleme, weil unserer Meinung nach zunächst Reformen in die Tat umgesetzt werden müssen, bevor wir
einen vollständigen Austausch ökonomischer Interessen haben können.
Wenn ich also an Perestrojka denke, so an dramatische Reformen und Veränderungen, die wir begrüßen
und fortgesetzt sehen möchten. Und ich möchte Ihren
Zuschauern gegenüber wiederholen, was ich bereits
dem amerikanischen Volk gesagt habe, daß wir ein
Interesse am Erfolg der Perestrojka haben. Sie liegt in
unserem Interesse. Wir tun dies nicht, weil wir plötzlich
nur an jemand anderen denken. Meines Erachtens
liegt sie auch im Interesse des sowjetischen Volkes.
Meine Aufgabe besteht zuerst darin, für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten und das Wohlergehen des Volkes draußen vor diesem Fenster zu sorgen. Und der Erfolg der Perestrojka würde dem auf
vielfältige Weise nützen. Darüber hinaus tragen wir
beide - Gorbatschow und ich - Verantwortung für ein
breites Spektrum von Tagesordnungspunkten, einschließlich des Weltfriedens.
Ich habe Enkel, und er hat Familie, und wir können uns
darüber auf menschlicher Ebene unterhalten. Was
sollen wir tun, um die Welt etwas sicherer zu machen?
Wenn wir streiten, dann in freundlicher Atmosphäre.
Er ist ein harter Bursche. Ich kenne ihn lange genug,
um zu wissen, daß er seine Vorstellungen überzeugend darlegt. Nun, ich kann dasselbe tun. Und es ist
wichtig, daß ich ihm gegenüber offen sein kann - ich
lege meine Gedanken und unsere Politik dar. Ich
möchte, daß Sie das verstehen. Ich möchte, daß Sie
verstehen, daß diese Politik nicht darauf ausgerichtet
ist, die Lage für die Sowjetunion zu verschlimmern.
Wenn Sie meinen Rat annehmen, Sir, wird sich die
Lage der Sowjetunion wesentlich verbessern.

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»
*

�Frage: Vielen Dank, Herr Präsident. Ich weiß, wie
beschäftigt Sie sind und danke Ihnen vielmals dafür.

vor seinem führenden Vertreter an diesen Gipfel herangehen werde und dabei in dem Bewußtsein handele, daß wir in diesen Gesprächen Erfolg haben müsAntwort: Ich danke Ihnen. Sie können Ihren Zu- sen, um die Rüstungskontrolle voranzubringen, um
schauern in der Sowjetunion versichern, daß ich voller zwischen uns die bestmögliche Formel nicht nur für die
Respekt für das sowjetische Volk, voller Achtung vor Stabilität Europas, sondern der ganzen Welt auszuarden durchgeführten Veränderungen und mit Respekt beiten. Ich freue mich auf diesen Besuch.

* * * * *

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�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
30. Mai 1990

ERFOLGREICHE STARTHILFE FÜR OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Bei einem Seminar des Bretton Woods-Komitees zum Thema "Der Finanzbedarf
Osteuropas - Die Rolle des Westens" erklärte der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence S. Eagleburger
am 23. Mai 1990 den anwesenden Wirtschaftswissenschaftlern und Vertretern aus Industrie und Finanzwelt, die
westlichen Länder hätten den aufstrebenden Demokratien Osteuropas "erfolgreiche Starthilfe" geleistet.
Eagleburger zufolge ist dies in der Geschichte des Industriezeitalters eine "einmalige Chance". "Wir können
entweder den Übergang zu freien Märkten und Demokratie in Osteuropa und anderen Ländern zum Erfolg führen
oder die Möglichkeit in Kauf nehmen, daß die heutigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen
wieder in ihren alten Zustand der sicherheitspolitischen Herausforderung zurückfallen."
Der Stellvertretende Außenminister stellte die Prognose auf, diese Art des Übergangs sei für viele Jahre
"vorrangiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik weltweit".
Eagleburger erläuterte in diesem Zusammenhang den dreistufigen Ansatz der Vereinigten Staaten zu den
"revolutionären Umständen" in Osteuropa:
kurzfristig - humanitäre Soforthilfe,
mittelfristig - Förderung von politischem Pluralismus und marktorientierten Volkswirtschaften,
langfristig - mehr Wirtschaftshilfe für diejenigen Länder, die zur Umwandlung in eine freie
Marktwirtschaft bereit sind.

Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut:

Vor ein paar Tagen hat mich mein Freund Henry Owen
gebeten, bei diesem wichtigen Seminar eine 15minütige Rede über die Osteuropa-Hilfe der Vereinigten
Staaten zu halten. Diejenigen, die der Regierung den
Vorwurf machen, sie täte zuwenig für Osteuropa,
werden denken, 15 Minuten seien zu lang für das, was
ich zu sagen hätte. Sie werden mich - heute auf
Krücken - vielleicht sogar als Sinnbild für unsere Politik
betrachten. Aber ich bin auf dem Wege der Besserung, und was den Vergleich betrifft, so lernen wir
gerade zusammen mit den Osteuropäern bei dieser
einmaligen Gelegenheit, einen Schritt nach dem anderen zu setzen.
Tatsache ist, daß alles, was wir jetzt in Osteuropa
unternehmen, nie zuvor versucht oder geleistet wor-

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den ist - nie zuvor sind zentralisierte Kommandowirtschaften in freie Marktwirtschaften und totalitäre Willkürregime in demokratische Staaten mit rechtsstaatlichen Prinzipien verwandelt worden. Infolgedessen
haben wir - offen gesagt - ebenso wie unsere Freunde
und Partner in Ost- und Westeuropa viele Hindernisse
überwinden müssen. Unweigerlich haben wir Fehler
gemacht - zuviel an einer Stelle ausgegeben - zuwenig
an anderer, unnötig doppelte Arbeit geleistet und es an
Koordination fehlen lassen.
Ich möchte Ihnen kurz einige der Lektionen darlegen,
die wir bereits gelernt haben, vertrete aber grundsätzlich die Auffassung, daß wir uns im Hinblick auf unsere
Bestrebungen, in Osteuropa einen 50jährigen Zeitrückstand aufzuholen, noch in einem frühen, experi-

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�mentellen Stadium befinden. Aber es sollte kein
Zweifel daran bestehen, daß wir sehr großes Interesse
an einem erfolgreichen Ergebnis dieser Bemühungen
haben. Wir wollen in der Tat dasselbe Ziel erreichen,
das wir in zwei Weltkriegen in Europa und währenddes
von John F. Kennedy so bezeichneten "langen Kampfes im Zwielicht" des kalten Krieges verfolgt haben: ein
demokratisches und stabiles Europa, das mit sich
selbst und mit der Außenwelt in Frieden lebt.
Der Unterschied besteht heute natürlich darin, daß
sich unsere Mittel zur Erlangung dieses Ziels plötzlich
gewandelt haben. Dank der Beharrlichkeit westlicher
Demokratien in den vergangenen 45 Jahren konnten
wir an den Punkt gelangen, an dem tiefgreifende und
schwierige Herausforderungen an die Sicherheit nunmehr einzig politischen oder wirtschaftlichen Herausforderungen gewichen sind. Das trifft nicht nur für
Europa, sondern auch für einen großen Teil der Welt
zu, wo der ideologische Kampf des letzten Jahrhunderts zugunsten von Demokratie und freiem Unternehmertum aufgegeben wurde.
Kurz, wir befinden uns an einem Zeitpunkt einmaliger
Chancen in der Geschichte des Industriezeitalters.
Wir können entweder den Übergang zu freien Märkten
und Demokratie in Osteuropa und anderen Ländern
zum Erfolg führen oder die Möglichkeit in Kauf nehmen, daß die heutigen politischen und wirtschaftlichen
Herausforderungen wieder in ihren alten Zustand als
sicherheitspolitische Herausforderung zurückfallen.
Das ist Neuland, und die vor uns liegenden Aufgaben
sind keineswegs einfach. Es ist wichtig und ernüchternd, sich zu vergegenwärtigen, daß wir den ideologischen Kampf weltweit teilweise aufgrund des eindeutigen Scheiterns der Systeme unserer Gegner gewonnen haben. Unsere Aufgabe wird ungeheuer kompliziert durch das Vermächtnis, das diese gescheiterten
Systeme ihren Nachfolgern hinterlassen haben: massive
Schulden, eine veraltete industrielle Basis, die geschädigte Umwelt sowie politischen Dogmatismus und
Intoleranz. Das schlimmste Vermächtnis ist jedoch
möglicherweise psychologischer Art - eine Abhängigkeit von staatlich vergebenen oder subventionierten
Arbeitsplätzen, Waren und Dienstleistungen und das
damit einhergehende Fehlen unternehmerischer Fähigkeiten.
Wenn man diesem Vermächtnis im Falle der Länder
der dritten Welt noch die Last der Überbevölkerung
und die massiven Einkommensunterschiede hinzufügt, ergibt sich ein besseres Bild vom Umfang der
Herausforderung, der sich der Westen in den nächsten
zehn Jahren und darüber hinaus gegenübersehen
wird. Was wir heute in Osteuropa beobachten, ist
lediglich eine erste Vorahnung von einem außenpolitischen Ansatz, wie wir ihn im 21. Jahrhundert benötigen werden.

Seite 2

Wir im Westen müssen uns als Regierung und Öffentlichkeit der Tatsache bewußt sein, daß ein Scheitern
der weltweiten Hinwendung zu Demokratie und freien
Märkten unseren Interessen einen ernsthaften und
nicht akzeptablen Schlag versetzen würde. In Europa
würden erneut die Tage des Taktierens mit dem Gleichgewicht der Kräfte im Umfeld eines schwachen und
instabilen osteuropäischen Ländergefüges heraufbeschworen und lang unterdrückte ethnische Konflikte
im Kontext wirtschaftlichen Niedergangs verschärft. In
den Industrieländern wären die Auswirkungen eines
gescheiterten Übergangs mindestens ebenso gravierend und könnten ernsthafte Implikationen haben,
wenn man die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit grenzenloser Einwanderungswellen bedenkt.
Mit anderen Worten, wir müssen die Übergangsphase
meistern, denn die erfolgreiche Abwicklung des Übergangs wird viele Jahre lang vorrangiges außenpolitisches Ziel der Vereinigten Staaten weltweit sein. Meiner
Ansicht nach haben wir Osteuropa erfolgreiche Starthilfe geleistet. Obwohl die bisherigen Leistungen sich
angesichts dessen, was für uns auf dem Spiel steht,
relativ bescheiden ausnehmen, möchte ich nochmals
auf das zurückkommen, was ich eingangs erklärt
habe: wir müssen einen Schritt nach dem anderen
setzen, und wir können die vielschichtigen und vielfältigen Probleme des Übergangs zur Marktwirtschaft in
Osteuropa - ganz zu schweigen vom Rest der Welt nicht mit einem Schlag lösen.
Zunächst müssen wir Amerikaner uns selbst ein Bild
von dem grundlegend anderen, aber nicht minder
schwierigen Charakter der Lasten und Pflichten machen, die wir in der neuen Welt übernehmen müssen.
Als nächstes gilt es - nicht etwa über Nacht - unsere
Mittel so einzusetzen, daß wir unseren Prioritäten
gerecht werden .Und drittens - das betrifft insbesondere den Kongreß - müssen wir bei der Durchführung
der Au ßenpolitk für unsere Nation ein verfassungsmäßiges Gleichgewicht herstellen, damit die Exekutive
über die erforderliche Flexibilität verfügt, um Ressourcen den sich schnell verändernden Anforderungen
und Bedingungen anpassen zu können.
Unser Ansatz für die sich nunmehr in Osteuropa
vollziehenden revolutionären Veränderungen deckt drei
Bereiche ab. Erstens sind wir kurzfristig bereit, humanitäre Soforthilfe zu leisten, um dem Mangel am Notwendigsten, wie Nahrungs- und Arzneimitteln, abzuhelfen.
Zweitens wollen wir mittelfristig eine Reihe von Schritten zur Förderung von politischem Pluralismus und
freier Marktwirtschaft unternehmen. Wir sind bereit,
allen Ländern der Region, die beim Übergang zu
Demokratie, freien Märkten und einer sauberen Umwelt

AMERIKA DIENST 21

�Unterstützung brauchen, praktische Hilfe zu leisten.
Darüber wollen wir unbedingt unsere bilateralen Handels- und Investitionsbeziehungen mit denjenigen
Ländern, die die Bestimmungen der amerikanischen
Gesetzgebung erfüllen, normalisieren.
Und drittens wollen wir langfristig unsere Wirtschaftshilfe in der Übergangsphase auf diejenigen Länder
erweitern, die bereit sind, den hohen und schmerzlichen Preis für eine echte freie Marktwirtschaft zu
zahlen. Dies umfaßt finanzielle Hilfe für glaubwürdige
Programme der Stabilisierung und strukturellen Anpassung, im Sinne der von uns eingerichteten Unternehmensfonds für Polen und Ungarn. Darüber hinaus
wollen wir die Europäische Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung unterstützen. Und wir vertreten die Auffassung, daß internationale Finanzinstitutionen wie
IWF und Weltbank wichtige Hilfestellung bei der Integration der osteuropäischen Länder in die Weltwirtschaftsgemeinschaft leisten können.
Vielfach ist Kritik laut geworden, daß die Regierung
keine Pläne für Osteuropa hat. Diesen Vorwurf nehme
ich an. Tatsächlich möchte ich darauf hinweisen, daß
wir keinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan haben dürfen und können, der einzelne Entwicklungen in jedem
Land antizipieren würde. Die Zeit der Pläne und
grandiosen Planspiele ist vorbei. Jeder, der im letzten
Jahr Pläne für die Region gehabt hätte, hätte sie
inzwischen viele Male ändern müssen. Was wir vor
allem benötigen, ist eine Vorstellung vom einzuschlagenden Kurs und eine gute Übersicht, wie wir dorthin
kommen. Die haben wir meiner Ansicht nach. Darüber
hinaus müssen wir flexibel - und fähig genug - sein, um
auf neue Ereignisse zu reagieren.
Das soll nicht heißen, unser Ansatz ist perfekt. Ich
habe bereits darauf verwiesen, daß wir uns in einer
experimentellen Phase befinden. Wenn Sie über den
Weg nachdenken, den wir in Zukunft - nicht nur in
Osteuropa, sondern auch in Lateinamerika und andernorts - einschlagen müssen, befinden wir uns noch
immer im Trainingslager - um einen Begriff aus dem
Sport zu verwenden. Aber wir sind weit genug, um
einige erste Beobachtungen gemacht zu haben. Dabei
ist mir insbesondere ein Bereich aufgefallen, in dem wir
etwas verbessern können - bei der Koordination unserer Osteuropahilfe.
Ich denke dabei zunächst an die Probleme der Koordination innerhalb der US-Regierung, ein Bereich, für
den ich mitverantwortlich bin. Mehr als 25 Regierungsbehöiden sind in der einen oder anderen Form an der
Hilfe für die Länder Mittel- und Osteuropa beteiligt.
Einige dieser Behörden beschäftigen sich auch sonst
mit Außenpolitik und sind daher mit einem internationalen Umfeld vertraut. Dennoch sind es in den meisten
Fällen innenpolitische Behörden, die an der Hilfe beteiligt werden. Sie spielen eine wichtige Rolle, die inter-

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ministerielle Koordination ist jedoch schwierig, zumal
alle um beschränkte Ressourcen konkurrieren. Ich
denke, meine Kollegen aus Westeuropa verfügen da
über ähnliche Erfahrungen.
Noch schwieriger ist die Koordination von Aktivitäten
auf dem Privatsektor, zu denen gewinnorientierte
Geschäfte gehören, Vorschläge für praktische Hilfe
mit staatlicher Förderung und der Einsatz freiwilliger
Helfer. Im Hinblick auf gewinnorienierte Geschäfte
können wir Beistand leisten, weil solche Unternehmen
für erfolgreiche Reformen in Mittel- und Osteuropa
unabdingbar sind. Aber es ist nicht Aufgabe der
Regierung, ein Unternehmen einem anderen vorzuziehen und zu subventionieren.
Um staatliche Finanzierung nachsuchende Gruppen
des Privatsektors sind in der Regel die schwierigste
Kategorie, mit der wir umgehen. Sowohl wir als auch
die Regierungen Mittel- und Osteuropas sind mit einer
Vielzahl von Vorschlägen des Privatsektors überzogen worden, technische Hilfe zu leisten. Diese Vorschläge sind von höchst unterschiedlicher Güte, und
wir müssen Mittel und Wege finden, die guten von den
schlechten zu trennen.
Schließlich stellen die freiwilligen Helfer ein großes
ungenutztes Potential dar. Wir sind jetzt bestrebt, im
Rahmen des kürzlich vom Präsidenten ins Leben
gerufenen Bürgerkorps Demokratie in den Vereinigten
Staaten eine Freiwilligenhilfe zu organisieren. Wir
wollen ein Zentrum schaffen, in dem alle technischen
Fähigkeiten und Dienstleistungen verzeichnet werden, die der amerikanische Privatsektor leisten kann.
Dann werden wir in der Lage sein, diese Fähigkeiten
und Dienstleistungen mit den Bedürfnissen der Länder
Mittel- und Osteuropas in Einklang zu bringen.
Angesichts der Koordinationsschwierigkeiten zwischen
US-Regierung und Privatsektor möchte ich noch auf
einen Faktor hinweisen, der uns nicht beschämen
sollte. Freie Marktwirtschaften wie unsere sind einfach
nicht vereinbar mit der Gewährung zentralisierter,
koordinierter Hilfe. Die Tugend, die wir in Osteuropa zu
fördern suchen - einen Privatsektor mit freier Marktwirtschaft - bringt es mit sich, daß eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppen innerhalb und außerhalb der
Regierung um die beschränkten Ressourcen kämpft.
Wir müssen mit diesen Problemen fertigwerden und
die Hilfe so gut wie möglich zu lenken suchen, indem
wir bei wichtigen Initiativen politische Prioritäten setzen und eine Führungsrolle übernehmen. Wir können
den Prozeß jedoch nicht streng kontrollieren und sollten das auch nicht tun.
Bei all diesen nationalen Koordinierungsproblemen
denken wir manchmal - zu Unrecht -, internationale
Koordination sei faktisch unmöglich. Sicherlich war es
für die G-24 nicht leicht, Hilfsprogramme zu koordinie-

Seite 3

�ren. Tatsächlich ist es unmöglich, einer Gruppe in
einem Land erklären zu wollen, sie dürfe sich an
landwirtschaftlichen, nicht aber an ökologischen Programmen beteiligen. Jedes Geberland hat ein großes
Spektrum von Interessengruppen, die in Mittel- und
Osteuropa beteiligt werden wollen, und es ist - obgleich
wünschenswert - nicht praktikabel, Verantwortungsbereiche aufzuteilen. Das hei ßt nicht, daß wir es unter
bestimmten Umständen nicht doch versuchen sollten,
es wird nur schwierig sein.
Die G-24 hat jedoch als Schnittstelle für Informationen
eine wichtige Rolle gespielt. Darüber hinaus war sie
bei Projekten hilfreich, die ein Land allein nicht bewältigen konnte. Zum Beispiel war unsere Zusammenarbeit beim polnischen Stabilisierungsfonds sehr erfolgreich. Meiner Ansicht nach könnten wir ebenfalls ein
größeres gemeinsames internationales Projekt in den
Bereichen Umwelt oder Gesundheitswesen auf regionaler Ebene in Angriff nehmen.
Zum Schluß möchte ich noch zwei Punkte ansprechen. Erstens ist es wichtig, daß wir soviel Hilfe wie
möglich in Form von Zuschüssen und nicht als Kredite
vergeben. Kredite erhöhen lediglich die bereits große
Schuldenlast der Länder Mittel- und Osteuropas.
Zweitens müssen Mittel- und Osteuropa selbst nach
der Bildung neuer Regierungen ihre eigenen Prioritäten aufstellen und den Geberländern den Kurs mitteilen, den sie einschlagen wollen.
Um dem Charakter dieser Zusammenkunft und den
Diskussionsthemen Rechnung zu tragen, habe ich
meine Rede auf einige allgemeine Beobachtungen
über die Bestrebungen des Westens beschränkt, den

Seite 4

wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Konsolidierung
der Demokratie in Osteuropa zu fördern. Ich möchte
meine Ausführungen jedoch nicht beenden, ohne
nochmals meine Meinung zum Ausdruck zu bringen,
daß der westliche Privatsektor direkt an dieser großen
Reformbewegung teilhaben muß, wenn diese Erfolg
zeitigen soll. Aber Privatuntemehmen wollen mehr als
die Überzeugung, Almosen zu geben oder ein Abenteuer zu bestehen. Westliche Unternehmer werden
sich davon überzeugen wollen, daß in Osteuropa
echte Gewinnmöglichkeiten bestehen. Wir in der
Regierung müssen unsererseits alles in unserer Macht
Stehende tun, um Ost- und Mitteleuropäer davon zu
überzeugen, daß sie in der gesamten Region ein
gerechtes Umfeld und ein attraktives Investitionsklima
schaffen müssen. Letztlich werden die Mittel der
Region Vorteile bringen, die aus Privatinvestitionen
stammen, und mit ihnen werden die unternehmerischen Fähigkeiten und die Marktpsychologie den
Übergang zum Erfolg führen.
Ich habe eingangs bereits darauf verwiesen, daß die
Herausforderung der Förderung des Übergangs von
einer konfliktreichen Welt in eine Welt, die sich der
Förderung der Demokratie und dem Erfolg der freien
Marktwirtschaft verschrieben hat, für uns und unsere
Außenpolitik der kommenden Jahre höchste Priorität
hat. Wenn wir in Osteuropa die Übergangsphase
meistern, dann ist das nicht nur als Einzelfall wichtig
sondern auch im Hinblick auf die Veränderungen in
anderen Ländern - und für alle bevorstehenden Veränderungen.

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�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
30. Mai 1990

GEMEINSAME WERTE ALS BINDEGLIED DER
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Walters bei der University of Maryland
HEIDELBERG - (AD) - In seiner Rede anläßlich der Examensfeier bei der University of Maryland in Heidelberg
erläuterte Botschafter Walters am 27. Mai 1990 drei Bereiche, denen in der Wertegemeinschaft von Amerikanern
und Westdeutschen große Bedeutung zukommt - eine demokratische Regierung, ein föderales System und der
tiefe Glaube an den Wert des einzelnen.
Botschafter Walters erklärte, "je mehr gemeinsame Werte wir entdecken und je mehr Elemente wir in unserem
Erbe und unserer Zivilisation als gleich oder miteinander vereinbar identifizieren, desto aussichtsreicher
erscheint auf lange Sicht die Aufrechterhaltung gemeinsamer Interessen und einer starken Beziehung." Wenn
diese Beziehung erhalten werden soll, müssen Walters zufolge "künftige Generationen in Amerika und Deutschland gleichermaßen diese Werte und ihren Stellenwert in den deutsch-amerikanischen Beziehungen verstehen,
pflegen und schützen".
Diese Herausforderung gab er den Absolventen der University of Maryland mit auf den Weg.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Walters' Rede im Wortlaut:

Ich betrachte es als großes Privileg, diesen wichtigen
Tag in Ihrem Leben mit Ihnen hier in Heidelberg
begehen zu können. Ich bin hocherfreut und fühle
mich geehrt, gemeinsam mit Au ßenminister Genscher
den Titel eines Doktors der Rechte von der University
of Maryland verliehen zu bekommen.
Die University of Maryland kann stolz auf den Beitrag
sein, den sie in über 35 Jahren für das amerikanische
Bildungswesen erbracht hat. Daß sie Zehntausenden
von Amerikanern, die in Übersee ihrem Land dienten,
Weiterbildungsmöglichkeiten bot, macht ihren Beitrag
so einzigartig. Arnold Toynbee würdigte einst das
Überseeprogramm der University of Maryland als
"amerikanische Leistung, von der der Rest der Welt
viel lernen kann".
Sie, die Absolventen des Jahrgangs 1990, können
stolz darauf sein, diese Tradition fortzuführen, ebenso
wie ich stolz darauf bin, zu der langen Reihe prominenter Persönlichkeiten zu gehören, die hierher eingeladen wurden. Seinen Namen auf einer Liste zu sehen,
die mit Konrad Adenauer beginnt - er sprach zum
ersten Abschlußjahrgang der University of Maryland
im Jahr 1951 - und die auch John J. McCIoy, Arnold

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Toynbee, Margaret Mead, Ludwig Erhard, Helmut
Kohl und Hans-Dietrich Genscher umfaßt, ist eine
große Ehre.
Sie als Absolventen haben wie wir alle das Glück, in
einer Zeit historischen Wandels in Europa zu sein.
Dieser Satz ist gewiß nichts Neues, und er ist ja in der
Tat schon zu einer stereotypen Redewendung geworden. Wir stoßen nahezu jeden Tag in den Medien
darauf. Aber ich war bereits 1945 und in den folgenden
äußerst schwierigen Jahren hier. Damals diente ich
meinem Land, wie die meisten von Ihnen heute, in
Uniform. Ich sah die Zerstörungen und bewegte mich
zwischen den Trümmern. Das Ausmaß der Zerstörung spottet jeder Beschreibung. Ganze Städte, in
denen einst Hunderttausende gelebt, gearbeitet und
ihre Kinder aufgezogen hatten, lagen in Schutt und
Asche. Es gab keine Gebäude oder Bäume mehr und
kaum noch Lebenszeichen. Stattdessen glichen viele
der großen städtischen und industriellen Zentren
Deutschlands einer Mondlandschaft. Ich besuchte die
Überlebenden, von denen viele in schuttbedeckten
Kellern lebten und mutig versuchten, sich eine neue
Existenz aufzubauen.

Seite 1

�Damals in diesen ersten Nachkriegsjahren war es mir
offengestanden unmöglich, zu glauben, daß Deutschland zeit meines Lebens wiederaufgebaut würde.
Aber, wie Sie sehen, geschah genau das - zumindest
im Westen. Die westliche Hälfte - die Bundesrepublik
Deutschland - wurde nicht nur wiederaufgebaut, sondern sie stieg aus den Ruinen zur viertstärksten Volkswirtschaft der Welt, zu einer Spitzenstellung in der
Technologie und einer Demokratie auf der Basis von
Freiheit und Werten des einzelnen auf. Es war ein
Wunder. Mit Hilfe des Marshallplans und hinter dem
Schild der NATO blühte die Bundesrepublik Deutschland auf, und ein neues Kapitel der Geschichte begann. Die Bundesrepublik Deutschland wurde für den
Rest der Welt zu einem Modell für Freiheit und Wohlstand, ein Licht der Hoffnung fürdiejenigen Deutschen
und Osteuropäer, die weit weniger Glück hatten. Dieses
Licht leuchtete während des gesamten kalten Krieges,
in jenen langen, spannungsgeladenen Monaten der
Berlin-Blockade und durch nahezu drei Jahrzehnte
hindurch, in denen die Berliner Mauer wie eine häßliche Narbe die grausame und künstliche Teilung Deutschlands und ganz Europas symbolisierte.
Heute wird Europa vom Gefühl des Optimismus und
der Hoffnung bestimmt. Dagegen wurden vergangene
Abschlußfeiern in Deutschland durch Bilder von Wachtürmen, Wachhunden und Maschinengewehren überschattet. Viele von Ihnen waren beim Bau der Berliner
Mauer im August 1961 noch nicht geboren. Jene
häßliche Narbe, die das Gesicht Europas verunzierte,
war ein Götzenbild staatlich verhängter Tyrannei.
Und heute hat die Welt in nur wenigen Monaten ein
neues Gesicht bekommen, in dem sich eine neue
Realität widerspiegelt - von Deutschen in Ost und
West, die einander auf die Krone der Mauer halfen,
dem neuen Symbol einer menschlichen Brücke zwischen den Nationen. Die Botschaft dieses Ereignisses, die über Satellit Zuschauer in der ganzen Welt
erreichte, hatte einen eindeutigen Symbolgehalt und
rührte an verschüttete Emotionen. Die Freiheit hatte
gewonnen, jenes Licht der Hoffnung war nicht ausgelöscht worden.
Nirgends in der Welt von heute - oder selbst in der
Geschichte der Menschheit - haben die Bestrebungen
der Menschen so rasch und so sicher über kalten
Beton triumphiert wie in Berlin. Ich war stolzer Zeuge,
als Außenminister Genscher Präsident Bush im vergangenen November ein Stück der Berliner Mauer
überreichte, das an die Macht der Freiheit erinnert, daß
die Freiheit die Macht besitzt, Mauern zwischen den
Menschen zum Einsturz zu bringen.
Ebenso anrührend wie die Szenen beim Fall der Berliner Mauer war es für mich persönlich im vergangenen
November, zu beobachten, wie DDR-Bewohner die
Glienicker Brücke überquerten. Es ist der Ort, an dem
zahlreiche treue Diener der Vereinigten Staaten, die in

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den Jahren des kalten Krieges schon für tot erklärt
worden waren, den Weg in die Freiheit gingen. Es war
äußerst bewegend, zu sehen, wie Westdeutsche ihre
Landsleute auf dem Weg über diese Brücke umarmten.
Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters in
den deutsch-amerikanischen Beziehungen, und ich
möchte Ihnen kurz erläutern, welches meines Erachtens die grundlegendsten Elemente dieses neuen
Verhältnisses sein werden.
Ich erwähnte bereits Konrad Adenauer, den ersten
Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er war
zweifellos einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. Vor 34 Jahren gab Bundeskanzler Adenauer in
einer Rede an der Yale-Universität eine Erklärung über
die Rolle der NATO ab, die sich als prophetisch erwiesen hat. Er sagte:
"Höchste Wachsamkeit und berechtigtes Mißtrauen gegenüber der Politik der Sowjetunion
schließen jedoch nicht aus, daß der Westen
bereit sein muß, seine Politik laufend daraufhin
zu überprüfen, ob sie den weltpolitischen Entwicklungen angepaßt ist."
Ich spreche häufig über die politischen, ökonomischen
und militärischen Aspekte der deutsch-amerikanischen
Beziehungen und darüber, wie sie sich im Hinblick auf
die von Adenauer prognostizierten neuen Entwicklungen entfalten sollten. Ich möchte jedoch nun über
etwas wesentlich Grundlegenderes sprechen als über
politische, wirtschaftliche und militärische Maßnahmen. Ich möchte über gemeinsame Werte unserer
beiden Nationen sprechen und über die zentrale Rolle
dieser gemeinsamen Werte für die Zukunft.
Es waren in der Tat die NATO und 40 Jahre des
Weitblicks, Mutes und der Beharrlichkeit ihrer Mitgliedstaaten, die die Idee des freien Europas von heute erst
möglich machten.
Und es war der Erfolg der Marktwirtschaften, der
letzlich die Völker der ganzen Welt überzeugte, dem
Marxismus-Leninismus eine Absage zu erteilen. Der
Marxismus-Leninismus, was immer er auch bezweckte, ist tot. Es waren aber die auf Freiheit und Individualismus basierenden gemeinsamen Ideale der freien
Gesellschaften, die den Anstoß zu der heute so bezeichneten "friedlichen Revolution" in Osteuropa gaben.
Zu Beginn der neunziger Jahre liegt die Zukunft der
deutsch-amerikanischen Beziehungen in jenen gemeinsamen Idealen und Werten. Während meine
Generation, die die Zerstörung und den Wiederaufbau
Deutschlands erlebte, von Ihrer abgelöst wird, besteht
die Herausforderung für Ihre Generation - und mein
Appell an Sie, den Abschlußjahrgang 1990 - darin,
diese gemeinsamen Ideale und Werte, die unsere
beiden großen Nationen miteinander verbinden, zu
verstehen und zu stärken.

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�Bei der Diskussion über die Zukunft der deutschamerikanischen Beziehungen können wir eine Prämisse aufstellen. Je mehr gemeinsame Werte wir entdekken und je mehr Elemente wir in unserem Erbe und
unserer Zivilisation als gleich oder miteinander vereinbar identifizieren, desto aussichtsreicher erscheint auf
lange Sicht die Aufrechterhaltung gemeinsamer Interessen und einer starken Beziehung. Lassen Sie uns
also einige der wichtigsten Elemente unseres gemeinsamen Erbes untersuchen.
Wenn wir mit der Geographie und den geschichtlichen
Ursprüngen unserer beiden Nationen beginnen, könnten wir sehr leicht versucht sein, danach zu fragen, was
wir überhaupt gemeinsam haben. Die Vereinigten
Staaten sind ein Land, das sich zwischen zwei Weltmeeren erstreckt, die unsere natürlichen Grenzen
bilden und uns Schutz gewähren. Deutschland ist
relativ klein - etwa von der Größe Oregons -, befindet
sich in der Mitte Europas und hat keinerlei natürliche
Grenzen, die es oder - das muß auch gesagt werden
- seine Nachbarn schützen. Die Unterschiede könnten
nicht größer sein, und diese Unterschiede haben sicherlich unsere historische Entwicklung beeinflußt.
Die frühe amerikanische Geschichte zeichnete sich
durch ein ausgeprägtes Gefühl der Abgeschiedenheit
von der alten Welt im Hinblick auf politische und
religiöse Überzeugungen aus. Es gab - und viele
fürchten, es bestünde immer noch - eine amerikanische Option des Isolationismus und Unilateralismus,
die seit George Washingtons Warnung vor "verstrik-

kenden Allianzen" und James Monroes Erklärung der
westlichen Hemisphäre zum "Sperrgebiet", für künftige europäische Eroberungen fester Bestandteil amerikanischen politischen Denkens war. Für Deutschland gab es in seiner ganzen Geschichte nie einen
Moment der "splendid Isolation". Die Einheit war
zerbrechlich. Seine Nachbarn hatten ein starkes Interesse daran, was sich in der Mitte Europas abspielte.
Bündnisse wurden geschmiedet, in denen ein deutscher Staat gegen den anderen stand. In Zeiten der
Schwäche war Deutschland Ziel ausländischer Interventionen, und in Zeiten der Stärke war es eine Bedrohung für seine Nachbarn.
Was haben wir gemeinsam? Was verbindet uns
miteinander und wird in den kommenden Jahren eine
solch große Bedeutung haben? Welche Traditionen
werden von Amerikanern und Westdeutschen geteilt?
Ich meine, es gibt drei von entscheidender Bedeutung:
eine demokratische Regierung, ein föderales System
und einen tiefen Glauben an den Wert des einzelnen.
Das Jahr 1776 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte, nicht nur, weil es die erste Erklärung der Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft hervorbrachte, sondern
weil es - mit der Niederschrift der amerikanischen
Verfassung ein Jahrzehnt später - der modernen
Demokratie und dem Rechtsstaat den Weg bereitete.
Obwohl Deutschland im 19. Jahrhundert weiterhin von

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Königen und Fürsten regiert wurde, entwickelte sich
eine Bewegung von Anhängern einer verfassungsmäßigen Ordnung, die in der Revolution von 1848 und
schließlich in der Weimarer Verfassung von 1919zum
Ausdruck kam. Als im Jahr 1948 die Begründer der
Bundesrepublik das Grundgesetz entwarfen, konnten
sie sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in
Deutschland auf einen großen Schatz an Erfahrungen
mit Verfassungen zurückgreifen.
Dabei stand den Politikern von 1948 das Beispiel der
Vereinigten Staaten am deutlichsten vor Augen. Sie
wollten einen föderativen deutschen Staat, der die
Regierung mit der notwendigen innen- und außenpolitischen Macht ausstattete, aber auch ein System der
"checks and balances" zwischen einzelnen Regierungsstellen sowie der Regierung und den Ländern,
um die Auferstehung der Diktatur zu verhindern. Sie
hatten Erfolg. Heute funktioniert in der Bundesrepublik
die Symbiose zwischen Bundesregierung und Landesregierungen. Ebenso wie die Deutschen vertreten
auch wir Amerikaner die Auffassung, daß eine weit
oben angesiedelte Autorität nicht viel für eine Regierung des Volkes und für das Volk tun kann. Vielmehr
müssen die Menschen selbst dem Staat Autorität
verleihen - in ihren Familien, Gemeinden, Landkreisen
und Ländern. Dieser gemeinsame Glaube an den
Förderalismus ist einer unserer wichtigsten Werte.
Eine andere Dimension dieser Philosophie - und der
wichtigste unserer gemeinsamen Werte - ist der Glaube an den Menschen selbst. An Menschenrechte und
die politische Reife des einzelnen. Die ersten zehn
Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung und die
ersten 17 Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland stellen diesen Glauben unter den
Schutz der Verfassung. Diese Überzeugung ist tief in
der Geschichte verwurzelt, von den griechischen Philosophen über frühchristliche Theologen und Kants
kategorischem Imperativ bis zur amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung, die das Recht des einzelnen auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück proklamiert. Ein wichtiger Faktor des Individualismus,
dem wir unseren heutigen Wohlstand verdanken, ist
unser Glaube an die Kreativität des Menschen. Die
Pioniere, die völlig auf sich selbst gestellt, den amerikanischen Westen erforschten, gehören dazu. Ebenso die Entdecker des Atoms, die lange Nächte in ihren
Labors verbrachten und die Pioniere von heute, die
dem Weltall seine Geheimnisse zu entreißen suchen.
Beide Gesellschaften wurden in dem Glauben gegründet, daß der schöpferische Mensch Lösungen für alle
Probleme - heute und morgen - finden wird.
Die Macht dieser gemeinsamen Werte und der Mut, sie
zu schützen, hat Westeuropa 45 Jahre Frieden und
Wohlstand gesichert, den längsten konfliktfreien Zeitraum in der neueren Geschichte dieses Kontinents.
Bei dieser langen Friedenszeit können Sie sich als
Universitätsabsolventen heute vielleicht keinen ande-

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�ren Zustand vorstellen. Natürlich kann man von Ihrer
und auch von den nächsten Generationen kaum erwarten, daß sie die Ängste meiner Altersgenossen
nachvollziehen können. Aber unsere Erwartungen an
diesen sich schnell verändernden Teil der Welt dürfen
nicht so hochgeschraubt werden, daß wir vergessen,
wie es dazu kam und was auf dem Spiel steht.
Ebenso wie sich die 1945 entstandene Nachkriegsordnung schnell zu einem neuen und anderen System
veränderte, werden sich auch die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, wie
sie sich nach dem Krieg entwickelten, höchstwahrscheinlich wandeln. Natürlich müssen bestimmte
wichtige Punkte beibehalten werden, wenn sich die
Beziehungen positiv entwickeln sollen. Denn unsere
Beziehungen zu Deutschland unterscheiden sich grundlegend von den zynischen Machtbündnissen der Vergangenheit. Sie basieren auf etwas anderem als der
Wahrnehmung einer gemeinsamen Bedrohung - sie
sind ein Band der Verwandtschaft, die sich aus gemeinsamen Werten ergibt.

Wenn wir ins 21. Jahrhundert blicken, müssen sich
Amerikaner und Deutsche gleichermaßen vergegenwärtigen, daß unsere wichtigsten Bande nicht die
militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Bündnisse selbst sind, sondern gemeinsame Werte auf der
Basis von Demokratie, Wahlfreiheit und dem Wert des
einzelnen. Wenn diese Beziehungen erhalten werden
sollen, müssen künftige Generationen in Amerika und
Deutschland gleichermaßen diese Werte und ihren
Stellenwert in den deutsch-amerikanischen Beziehungen verstehen, pflegen und schützen.
Diese Herausforderung stelle ich Ihnen als Absolventen der University of Maryland. Diese Werte sind unser
gemeinsames Erbe. Sie sind es, die wir schützen und
fördern müssen. Diesen Schatz müssen wir für unsere
Kinder, die Amerikaner und Deutschen künftiger
Generationen hüten.
Ich möchte nochmals darauf verweisen, wie stolz ich
auf den von Ihnen verliehenen Titel bin und auch
darauf, diese Ehre mit Herrn Genscher teilen zu dürfen.
Ich danke Ihnen. Gott segne Sie.

* *

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*

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�LATEINAMERIKA
30. Mal 1990

FREIHEIT AUCH AUF DEM AMERIKANISCHEN
KONTINENT AUF DEM VORMARSCH
- Rede von Präsident Bush beim Council of the Americas WASHINGTON - (AD) - In seiner Rede beim Council of the Americas erklärte Präsident Bush am 22. Mai 1990,
das "große Drama Demokratie" vollziehe sich dem auf Osteuropa gerichteten Blick der Weltöffentlichkeit zum
Trotz auch in der westlichen Hemisphäre.
Bush erläuterte ferner, seit dem vergangenen Jahr habe Freiheit auf dem Kontinent "ungeheuren Einfluß"
gewonnen, da die Diktaturen in Panama, Nicaragua, Paraguay und Chile von frei gewählten Regierungen
abgelöst worden sind.
"In allen Ländern Amerikas", erklärte der Präsident, "leben jetzt mehr Menschen unter frei gewählten
Regierungen als je zuvor - und wir sind dem Tag näher denn je, an dem alle Menschen in Amerika, im Norden
wie im Süden, in Freiheit leben werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Ich freue mich über die Gelegenheit, vor diesem einllu ßreichen Gremium zu sprechen - das Pionierleistungen im Privatsektor vollbracht hat, um Handel und
Investitionen zwischen den Vereinigten Staaten und
Lateinamerika anzukurbeln. Und ich freue mich über
dieses Treffen insbesondere nach diesem Jahr beeindruckender Veränderungen.

t

i

In den letzten zwölf Monaten schienen bisweilen die
Augen der Welt ausschließlich auf Osteuropazu ruhen
- auf den fast unglaublichen Veränderungen, die dort
stattgefunden haben. Unsere Freunde in Lateinamerika haben die Entwicklung dieser historischen Ereignisse voller Aufmerksamkeit und Ehrfurcht verfolgt.
Aber - wie ich weiß - auch mit einer gewissen Sorge,
daß mit dem aktiven Einsatz in Osteuropa das Interesse der Vereinigten Staaten an Lateinamerika schwinden könnte.
Ich bin heute hierhergekommen, um Ihnen - wie auch
den vielen politisch Verantwortlichen in Lateinamerika,
mit denen ich zusammengetroffen bin - zu versichern,
daß durch die Ereignisse des letzten Jahres das
Interesse der Vereinigten Staaten an dieser Region
gestiegen und unser Wunsch stärker geworden ist,
eine neue Partnerschaft mit den aufstrebenden Kräften der Freiheit aufzubauen.

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Tatsache ist, daß sich das große Drama Demokratie
auf unserem eigenen Kontinent vollzieht.
Denken Sie nur an den ungeheuren Einfluß, den die
Freiheit in diesem Jahr gewonnen hat. Als ich im Mai
letzten Jahres an dieser Stelle eine Rede hielt, bereitete sich das panamaische Volk gerade auf die Wahlen
vor - trotz der Tatsache, daß der Diktator Panamas
diese zu verhindern suchte. In Nicaragua tobte der
Bürgerkrieg, die Sandinisten regierten, und die tapferen Mitglieder der nicaraguanischen Opposition standen erst am Anfang ihres langen Weges, der in diesem
Jahr zum überwältigenden Sieg der Demokratie führte.
In Mittelamerika sind es Nicaragua und Panama. In
Südamerika Paraguay und Chile. Und in ganz Amerika
leben heute mehr Menschen unter frei gewählten
Regierungen als je zuvor - und wir sind dem Tag näher
denn je, an dem alle Menschen in Amerika, im Norden
wie im Süden, in Freiheit leben werden.
Sogar in Haiti, wo es soviel Leid und soviele Unruhen
gab, hat die provisorische Regierung ihre Absicht
bekundet, freie Wahlen durchzuführen. Am Donnerstag (24. Mai 1990) werde ich im Weißen Haus die
Präsidentin Ertha Trouillot treffen, und sicherlich wird
in der Diskussion zur Sprache kommen, wie wir die

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�Demokratie in Haiti fördern können. In ganz Lateinamerika gibt es nur noch Kuba - Castros Inselgefängnis, das völlig isoliert ist und nicht mit der demokratischen Entwicklung Schritt halten kann. Aber heute dem Tag, an dem wir des Jahrestags der Unabhängigkeit Kubas gedenken - glaube ich mit Sicherheit sagen
zu können, daß auch in Kuba der Traum der Demokratie nur aufgeschoben - aber niemals zerstört - werden
kann.

Tausenden unabhängiger und unternehmerisch begabter Menschen, die ohne Zustimmung des Staates
Geschäfte machen.

Wenn wir in den Vereinigten Staaten unsere mittelund südamerikanischen Nachbarn in der Reihe der
Demokratien wilkommen heißen, müssen wir ihnen
unsere Hilfe - und noch mehr - anbieten. Wir müssen
ihnen den Respekt zollen, den sich freie Länder entgegenbringen und Ihnen partnerschaftlich die Hand reichen.

Lateinamerika schlägt bereits diesen Weg ein. In
Brasilien und Bolivien, Argentinien, Venezuela, Mexiko, Costa Rica und Jamaica macht die freie Marktwirtschaft Fortschritte und schafft Raum, damit Privatinitiative Fuß fassen und sich verbreiten kann. Wenn sie
Erfolg haben und nach einer möglicherweise schwierigen Übergangszeit die Früchte ernten können, werden
andere Länder nachfolgen.

Ich habe mich für die Intensivierung unserer Verbindungen eingesetzt. Allein in diesem Jahr bin ich beim
Drogengipfel der Andenstaaten in Cartagena mit den
Präsidenten Barco, Paz und Garcia zusammengetroffen. In Washington waren die Präsidenten Perez und
Paz, Cristiani und Endara, Collar de Mello, Calderon
und Callejas sowie Premierminister Manley meine
Gäste. In jedem Fall habe ich die Gespräche sehr
optimistisch beendet. Und meiner Ansicht nach hat
jeder dieser Staatsmänner das Weiße Haus in dem
Bewußtsein verlassen, daß sich die Vereinigten Staaten in nie dagewesenem Umfang für die Zukunft des
Kontinents engagieren.
Trotz der unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern wissen wir, daß unsere Herausforderungen Konsolidierung der Demokratie und Beschleunigung der Entwicklung heißen.
Das heißt, wir müssen die geistige Revolution fördern,
die jetzt über Lateinamerika hinwegfegt - eine Abkehr
von den überkommenen stalinistischen Doktrinen. Weg
von den Diktaturen der Rechten und Linken. Hin zur
Demokratie - einer gewählten Regierung, freiem Unternehmertun. Hin zur echten politischen und wirtschaftlichen Macht des Volkes.
Das bedeutet, wir müssen - in vielen Fällen zum ersten
Mal - Reformen für echte freie Marktwirtschaft fördern.
Auch in Ländern ohne kommunistische Herrschaft gab
es kein freies Unternehmertum. Die Realität sah so
aus, daß Volkswirtschaften oftmals so organisiert waren,
daß sie den Wohlstand der Machtelite sicherten und es
keine Aufstiegsmöglichkeiten für diejenigen gab, die
bereit waren, hart zu arbeiten.
Der peruanische Wirtschaftswissenschaftler Hernando de Soto beschreibt das Labyrinth bürokratischer
Hindernisse, die sich dem Unternehmer in den Weg
stellten und das Wirtschaftswachstum in seinem Land
lähmten. De Soto verweist ferner darauf, wie sehr die
Hauptstadt Lima ihre wirtschaftliche Vitalität dem von
ihm sc genannten 'informellen Sektor' verdankt - den

Seile :i

De Sotos Rezept - und meines - heißt Befreiung dieser
wirtschaftlichen Kräfte. Freisetzung der Millionen Funken
Energie und Unternehmergeist. Durch Anreize sollten
die Erwerbstätigen zur Arbeit beflügelt werden, damit
sie und ihre Familien es besser haben.

Wir in den Vereinigten Staaten müssen alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Zukunft freier Märkte auf
dem amerikanischen Kontinent zu gewährleisten - weil
unser Land ein Interesse an der wirtschaftlichen Stabilität dieser Region hat. Wir wissen, daß Lateinamerikas Anteil am gesamtamerikanischen Handel seit
Ende der siebziger Jahre von 10 Prozent aller USExporte auf 7 Prozent sank. Dennoch belief sich im
vergangenen Jahr der bilateralen Handel zwischen
den Vereinigten Staten und Lateinamerika auf über
100 Milliarden Dollar. Wenn dieser Handel zunimmt,
wird auch die Verbindung zwischen unserem Wohlstand und dem Wohlstand unserer lateinamerikanischen Partner enger werden.
Zur Verdeutlichung dieses Punkts möchte ich ein paar
Zahlen nennen. Im vergangenen Jahr verzeichnete
die kolumbianische Wirtschaft ein Wachstum von 3
Prozent. Amerikanische Exporte nach Kolumbien
stiegen um 9 Prozent. Mexikos Wirtschaft verzeichnete Zuwachsraten von 3 Prozent, und US-Exporte stiegen um 21 Prozent. In Chile, wo die Wachstumsrate
sich insgesamt auf 10 Prozent beläuft, stiegen die USExporte um das Dreifache dieses Prozentsatzes - um
mehr als 30 Prozentpunkte.
Der wirkungsvollste Weg zur Gewährleistung des
erweiterten Handels zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika besteht für alle Länder der
Hemisphäre in der Förderung einer erfolgreichen
Uruguay-Runde. Unsere lateinamerikanischen Handelspartner werden von der ehrgeizigen Tagesordnung der Runde, unter anderem den Vorschlägen für
deutliche multilaterale Zollsenkungen, profitieren. Wir
engagieren uns für den Ausbau des Handels und die
Liberalisierung von Investitionen und bemühen uns um
die Unterstützung Lateinamerikas für diese wichtigen
Zielsetzungen.
Darüber hinaus hat die im Frühjahr vergangenen Jahres
ausgebaute Schuldenstrategie marktorientierte Wirt
schaftsreformen in Lateinamerika bestärkt. Mit Markt-

AMERIKA DIENST 21

�wirtschaften läßt sich die notwendige Grundlage für
eine Demokratie schaffen.
Aus diesem Grund bin ich so erfreut, über die von uns
im vergangenen Jahr mit dem Brady-Plan erzielten
Fortschritte zu berichten. Mexiko, Venezuela und
Costa Rica haben sich mit ihren Gläubigern auf Wege
zum Schuldenabbau geeinigt - damit ihre Bestrebungen zur Umstrukturierung ihrer Volkswirtschaften in
freie Marktwirtschaften zum Erfolg geführt werden.
Nur der freie Markt führt langfristig zu dauerhaftem
Wachstum.
Wir alle wissen, daß der Privatsektor eine entscheidende Rolle spielt. Die Nutzung neuer Investitionschancen ist gut für die Wirtschaft - aber zu diesem
kritischen Zeitpunkt gibt es noch etwas, das darüber
hinausgeht. Etwas, das sich nicht einfach an der Höhe
des BSP messen läßt. Die Rolle, die der Council of the
Americas spielen kann - beim Ausbau des Handels
und der Stärkung des Privatsektors - leistet nicht nur
einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum, sondern auch
zum Gedeihen der Demokratie.
Auch der Staat hat eine wichtige Rolle zu spielen insbesondere in den schwierigen Tagen des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie. Aus diesem
Grund habe ich den Kongreß aufgefordert, 800 Millionen Dollar Soforthilfe für Panama und Nicaragua zur
Verfügung zu stellen. Diese Hilfe ist von entscheidender Bedeutung. Vor über einer Woche erhielt ich ein
Schreiben von Präsidentin Chamorro, die zu diesem
Zeitpunkt gerade drei Wochen im Amt war, in dem sie
mir mitteilte, daß Nicaragua bankrott ist. Und trotzdem
sitzt diese Soforthilfe jetzt schon seit über zwei Monaten in den Mühlen des Kongresses fest. Um Ihnen eine
Idee vom Umfang dieses Problems zu geben: Im März
beantragte ich beim Kongreß 800 Millionen Dollar für
Panama und Nicaragua und bat dabei, diese Vorlage
bis zum 5. April abschließend zu behandeln. Heute
schreiben wir den 22. Mai, und die Mittel für Panama
und Nicaragua sind um 80 Millionen Dollar reduziert
worden - und dies, obwohl der Etat um 1,4 Milliarden
Dollar zusätzlich aufgestockt wurde. Es scheint so, als
ob der Kongreß diese Woche endlich diese äußerst
wichtige Maßnahme behandeln wird.
Für das Volk von Nicaragua und Panama hängt die
Demokratie in der Schwebe. Deshalb möchte ich dem
Kongreß sagen: Das Schicksal der Freiheit liegt in
Ihren Händen. Tun Sie ein Werk der Demokratie - und
verabschieden Sie dieses Soforthilfepaket jetzt.

*

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Ich begann meine heutigen Ausführungen mit den
Veränderungen, die die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Europa lenkten. Die Anziehungskraft
dieser Vorgänge beruht teilweise darauf, das sie in
eindringlichen persönlichen Schicksalen zum Ausdruck
kommen - wie die Geschichte des Dramatikers und
Dissidenten, der heute Staatspräsident ist. Des Elektrikers, der zum Symbol der Hoffnungen seines Volkes
auf Freiheit wurde. Der Vormarsch der Demokratie hat
auch in Lateinamerika Helden hervorgebracht - und
heute möchte ich mit dreien dieser Helden aus einem
einzigen Land schließen - aus Lateinamerikas jüngster
Demokratie: Nicaragua.
Vier Jahre lang - von 1979 an, dem Jahr, in dem die
Sandinisten an die Macht kamen - war Enrique Dreyf us
Vorsitzender des Obersten Rats für Privatwirtschaft
Nicaraguas - eine private Gruppe, die in vielen Punkten
dieser hier vergleichbar ist. Seine Kritik an der sandinistischen Herrschaft brachte ihn auf die schwarze
Liste der Sandinisten, und schließlich landete er im
Gefängnis. Heute, nachdem die Sandinisten von der
Macht vertrieben wurden, ist er nicht nur ein freier
Mann - er ist der neue Außenminister Nicaraguas.
Im Jahr 1985 wurde Sofonias Cisneros von Angehörigen der sandinistischen Sicherheitskräfte zusammengeschlagen, weil er die Politisierung der Schulen durch
die Sandinisten kritisiert hatte. Heute ist er Bildungsminister.
Am 10. Juli 1988 wurde die Oppositionsführerin Myriam Arguello geschlagen und mitten in der Nacht von
der sandinistischen Polizei aus ihrem Haus geholt - ihr
wurde der Prozeß gemacht, und sie wurde zu sechs
Monaten Gefängnis verurteilt. Heute ist Myriam Arguello Präsidentin der frei gewählten Nationalversammlung.
Dies sind drei Geschichten, die auf sehr persönliche
Weise den wahrhaft revolutionären Wandel unterstreichen, der sich nicht nur in Nicaragua, sondern in ganz
Lateinamerika vollzogen hat. Ein Wandel, der ohne
jeden Zweifel beweist, daß die Zeit der Diktatoren
abgelaufen und der Tag der Demokratie gekommen
ist.
Wir in den Vereinigten Staaten müssen alles in unserer
Macht Stehende tun, um dazu beizutragen, die Freiheit, den Frieden und den Wohlstand, die wir genießen, auf dem gesamten amerikanischen Kontinent
sicherzustellen.

* * *

*

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