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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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O

OSTEUROPA
/

/

16. Mal 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina

DEUTSCHLANDPOLITIK

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS
BÜNDNIS UND DIE NEUE GESTALT
EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP

EUROPA

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER
RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

NATO

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz

WIRTSCHAFT

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK IM VERÄNDERTEN
OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

WELTBANK

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT
DER WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Unterstaatssekretär
Mulford vor Entwicklungsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�OSTEUROPA
16. Mai 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina
COLUMBIA (South Carolina) - (AD) - In einer Rede bei der Examensfeier der University of South Carolina
erläuterte Präsident Bush am 12. Mai 1990 vier Schritte, mit deren Hilfe die demokratischen Entwicklungen in
Osteuropa - unter anderem mit der Bildung eines "Bürger-Korps Demokratie", das von amerikanischer Seite den
Privatsektor unterstützt und ehrenamtliche Tätigkeit fördert - vorangetrieben werden sollen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede in Auszügen.

Meine Damen und Herren, wir leben in aufregenden
Zeiten. Im vergangenen Jahr haben viele Länder dem
Kommunismus entsagt und befinden sich jetzt an der
Schwelle zur Demokratie. Dabei hat jedes Land viel
erlitten und schwere wirtschaftliche Schäden davongetragen. Wir haben alle die Bilder der langen Käuferschlangen und leeren Regale gesehen. Aber was
unter der Oberfläche liegt, wird nicht so unmittelbar
wahrgenommen, ist aber dennoch nicht weniger real es sind der moralische Schaden, die tiefen Narben im
Bewußtsein, die vierzig Jahre kommunistische Herrschaft hinterlassen haben.
Unter diesen Regimen war der Geist des Menschen
systematischen Angriffen ausgesetzt. Religion, Moral, Gut und Böse - jede Herausforderung der Herrschaft des Staates wurde zum Staatsfeind erklärt.
Gläubige wurden verfolgt, Kirchen und Friedhöfe zerstört. Bürger wurden gegeneinander aufgebracht und
als Informanten des Regimes eingesetzt. Nichts war
vor dem Zugriff des Regimes sicher - nicht einmal die
Vergangenheit. Die Geschichte wurde neu geschrieben, um den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht zu
werden - die Helden von gestern wurden aus den
Büchern der Geschichte gestrichen. Dertschechische
Schriftsteller Milan Kundera hat dies als "organisiertes
Vergessen" bezeichnet.
Natürlich gab es in diesen Ländern Gesetze. Es gab
auch Gerichte. Und Verfassungen. Alles zum Wohle
des Staates. Sie hatten - zumindest auf dem Papier Rechte und Freiheiten. In Wirklichkeit war ihre Freiheit
eine leere Hülse.
AMERIKA DIENST 19

Es regierte nicht das Gesetz, sondern dessen pervertierte Form. Die Gesetze folgten nicht dem Willen des
Volkes, sondern dem Gutdünken der Partei. Und das
führte dann dazu, daß es in Rumänien drei oder mehr
Menschen verboten war, sich auf der Straße zusammen zu unterhalten. Und in einem anderen Land
wurde ein Mann, der das "Verbrechen" begangen
hatte, anderen Religionsunterricht zu erteilen, sechs
Monate ins Gefängnis gesteckt. Die vorgeschobene
Anklage lautete: Unerlaubtes Betreten von Blumenbeeten. Wir werden niemals erfahren, wieviele Dissidenten als "Verbecher" bestraft worden sind - und
wieviele andere sich starr vor Angst zum Schweigen
und zur Unterwerfung zwingen ließen.
Das ist das Vermächtnis - eine Landschaft moralischer
Zerstörung. Die tragische Konsequenz vierzigjähriger
kommunistischer Herrschaft - der Zusammenbruch
des Vertrauens. Bereits in grauer Vorzeit haben große
Denker den Zusammenhang zwischen Gesetz und
Vertrauen erkannt. Und Aristoteles schrieb: "Das
Gesetz ist die Forderung, daß die Bürger eines Staates gerecht zueinander sind." Das ist das Band, das
einzelne Menschen zu einer Gemeinschaft - einer
Nation - zusammenschmiedet.
Gottseidank konnte die moralische Zerstörung Osteuropas nicht zuende geführt werden. Die Menschen
haben es geschafft, ihre innere Stärke zu bewahren einen Kompaß für ihre Moral. Sie haben sich den
Willen erhalten, die Wände der Lügen des Regimes zu
durchbrechen. Vaclav Havel zufolge haben sie dies

Seite 1

�getan, indem sie ganz einfach "wahrhaftig lebten". Sie
riefen "fliegende Universitäten" ins Leben, wo Dozenten in Privathäusern lehrten. Sie bildeten Verlage im
Untergrund und Beobachtergruppen für Menschenrechte - eine echte "bürgerliche Gesellschaft", die sich
dem Zugriff der herrschenden Klasse entzog.
Heute möchte ich vor allem darauf eingehen, wie die
Vereinigten Staaten diesen Ländern helfen können,
ihre Freiheiten zu sichern und Teil eines ungeteilten
und freien Europas zu werden. Anfang des Jahres
habe ich in meinem Bericht zur Lage der Nation über
die Rolle der Vereinigten Staaten als leuchtendes
Beispiel gesprochen. Über die Bedeutung der Vereinigten Staaten nicht als Land, sondern als Idee, die in
den Köpfen aller Menschen auf der ganzen Welt
präsent ist. Diese Idee war zweifellos eine treibende
Kraft der Revolution von 1989.
Ich möchte Ihnen die Geschichte einer amerikanischen Besucherin in Rumänien erzählen, die Leute
nach den Dingen gefragt hat, die für sie am wichtigsten
sind und danach, was sie am nötigsten brauchen. Auf
diese einfache Frage erhielte sie unerwartete Antworten. In Temeschwarzog eine Frau ein altes Exemplar
der Fernsehzeitschrift TV-Guide vom Juli 1987 aus
ihrer Tasche mit einer Beilage über die Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Verfassung, die sie der
amerikanischen Besucherin zeigte. "Was wir brauchen, sind mehr davon", sagte sie dazu.
Auf den Straßen von Temeschwar - in einem Land, wo
Lebensmitel knapp, Häuser ohne Heizung und Straßen nachts dunkel sind - gibt es also eine Frau, die ihre
Hoffnungen auf unsere Verfassung setzt. Was diese
Rumänin wollte - und was alle Länder Osteuropas für
sich erhoffen - ist ein Leben in Demokratie, auf der
Basis von Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit.
Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn stehen im
Frühjahr 1990 genau da, wo Amerika im Sommer des
Jahres 1787 stand. Wer werden ihre Franklins, Washingtons, Hamiltons und Madisons - ihre genialen
Köpfe sein? Die Staatsmänner, die ein solides Fundament für die Herrschaft des Volkes legen?
Einige von ihnen kennen wir mit Namen - die Helden
der Revolution von 1989. Aber für die Gestalter der
Verfassungen in Osteuropa fängt die Arbeit jetzt erst
an. Weil das Schicksal der Freiheit nicht nur vom
Charakter der Regierenden anhängt, sondern davon,
ob sie selbst von Rechtsstaatlichkeit regiert werden.
Und ebenso wie die Väter unserer Verfassung Lektionen ihrer Vergangenheit gelernt haben, werden die
aufstrebenden Demokratien Osteuropas auf ihre eigene demokratische Vergangenheit, das Beispiel Europa und natürlich die amerikanische Verfassung blikken. Und deshalb müssen wir unsere Erfahrungen
weitergeben - unser in zwei Jahrhunderten erworbenes Wissen über die Arbeit freier Regierungen.

Seite 2

Wir unterhalten bereits eine Reihe aktiver Austauschprogramme mit Osteuropa und der Sowjetunion, in
deren Rahmen Juristen, Parlamentarier und führende
Politiker die Vereinigten Staaten besuchen und dort
Kollegen treffen. Ich freue mich, heute vier weitere
neue Initiativen ankündigen zu können - vier Schritte,
mit denen die Vereinigten Staaten die demokratische
Entwicklung in Osteuropa unterstützen möchten.
Erstens werden die Vereinigten Staaten weiterhin die
ökonomische Freiheit fördern. Im vergangenen Jahr
haben wir über eine Milliarde Dollar an direkter Wirtschaftshilfe für Osteuropa bereitgestellt. Wir haben
Kredite vergeben, unsere Märkte durch die Meistbegünstigungsklausel geöffnet und amerikanische Investitionen gefördert. Ich freue mich, heute eine weitere
wirtschaftspolitische Initiative verkünden zu können die Export-Import-Bank wird Polen einen neuen Rahmen für mittelfristige Exportkredite und Kreditbürgschaften gewähren, um Maschinen, Technologie und
Dienstleistungen amerikanischer Anbieter zu erwerben.
Zweitens werden sich die Vereinigten Staaten bemühen, zur Gewährleistung freier und fairer Wahlen in
Osteuropa beizutragen. Nächste Woche werden wir
eine Delegation entsenden, um die Wahlen in Rumänien zu beobachten. Zu demselben Zweck wird im
nächsten Monat eine weitere Delegation nach Bulgarien reisen.
Drittens werden die Vereinigten Staaten dafür eintreten, das Mandat der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zu erweitem. In
weniger als einem Monat werden die Vereinigten Staaten
als einer der 35 KSZE-Staaten an einer Konferenz
über Menschenrechte, einschließlich freier Wahlen,
politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit, teilnehmen. Ich habe den Leiter unserer Delegation,
Botschafter Max Kampelman, angewiesen, einen neuen
Konsens über diese Eckpfeiler Freiheit, Rechte und
Demokratie anzustreben. Wie ich bereits vergangene
Woche an der Oklahoma State University erklärt habe,
müssen wir uns im Rahmen der KSZE darum bemühen, die neuen Demokratien Osteuropas in diesen
Bund freier Nationen einzugliedern.
Viertens werden wir schließlich daran arbeiten, die
Grundlagen einer freiheitlichen Gesellschaft in Osteuropa zu stärken. Ich freue mich deshalb heute besonders, die Schaffung eines 'Bürger-Korps Demokratie'
verkünden zu können. Seine erste Aufgabe wird die
Einrichtung eines Zentrums und Clearinghauses für
Hilfsmaßnahmen des amerikanischen Privatsektors
und freiwillige Einsätze in Osteuropa sein. Wir wissen,
daß die wahre Stärke unserer Demokratie in unseren
Bürgern ruht, in der kollektiven Stärke der einzelnen
Amerikaner. Wir werden uns auf diese Stärke dort
konzentrieren, wo sie am meisten leisten kann.

AMERIKA DIENST 19

�Die Vereinigten Staaten können viel beitragen, um
diesen Nationen zu Fortschritten auf dem Weg zur
Demokratie zu verhelfen. Wir können ihnen helfen,
politische Systeme aufzubauen, die auf folgenden
Grundlagen beruhen:

mung in Litauen, Lettland und Estland verpflichtet.
Letztlich wird auch die Sowjetunion, die heute für
Offenheit und Reformen eintritt, von einem ungeteilten, freien Europa profitieren. Demokratie und Freiheit
bedrohen niemanden.

Achtung der Rechte des einzelnen. Für das Recht,
unsere Meinung frei zu äußern, so zu leben, wie wir
wollen und Gott so zu verehren, wie uns unser Gewissen dies vorschreibt. Systeme, die Privateigentum
und die Unverletzlichkeit von Verträgen achten. Gesetze,
die nicht notwendig sind, um Reichtum anzuhäufen
oder Türme aus Gold und Gier zu bauen, sondern um
ausreichend für uns und unsere Familien zu sorgen.
Systeme, die freie Zusammenschlüsse erlauben Gewerkschaften, Berufsverbände, politische Parteien, Grundsteine einer freien Gesellschaft. Wir müssen den sich entwickelnden Demokratien beim Aufbau
von Rechtssystemen helfen, in denen die Verfahrensregeln garantiert sind, die Freiheit sicherstellen. Vor
allem ein System, das strikte Gleichberechtigung unterstützt, das garantiert, daß Männer und Frauen
unabhängig von Rasse oder Herkunft vor dem Gesetz
gleich sind.

Bisweilen hören wir, daß mit dem großartigen Triumph
der Freiheit die Vereinigten Staaten ihren Auftrag
erfüllt haben. Nichts könnte der Wahrheit weniger
entsprechen. Ich möchte mit einer Geschichte über
die weiterbestehende Macht der amerikanischen Idee
und die unvollendeten Aufgaben schließen, die vor der
von Ihnen so stolz vertretenen Generation liegen.

Wir haben in diesem Jahrhundert eine schmerzliche
Wahrheit erfahren - über das ungeheure Unheil, das im
Namen der Menschlichkeit begangen werden kann.
Wir haben gelernt, wie eine Utopie für Millionen von
Menschen zur Hölle auf Erden werden kann. Wir
haben leidvoll erfahren, daß die einzige Alternative zur
Tyrannei des Menschen die Rechtsstaatlichkeit ist.
Das ist die Quintessenz unserer Vision für Europa. Ein
Europa, in dem nicht nur die Dikatoren verjagt sind,
sondern wo durch Rechtsstaatlichkeit - die den Willen
des Volkes widerspiegelt - die Freiheiten gesichert
sind, für die Millionen so hart gekämpft haben.
Es bleibt noch manches zu tun. Im Baltikum, wo die
Menschen für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten, identifizieren wir Amerikaner - die wir frei sind,
unseren Weg selbst zu wählen - uns mit diesen Hoffnungen und Bestrebungen. Wir sind der Selbstbestim-

Sie handelt von der Stadt Pilsen in der Tschechoslowakei, einer Stadt, die in der vergangenen Woche den
Tag feierte, an dem sie vor 45 Jahren durch amerikanische Truppen befreit wurde. Aber schon nach wenigen
Jahren war der Traum Pilsens von der Freiheit und mit
ihr die Wahrheit über jenen Tag vor 45 Jahren hinter
dem Eisernen Vorhang verschwunden. Eine Generation wuchs heran, der man in der Schule beibrachte,
Pilsen sei nicht von Ihren Vätern und Großvätern in der
amerikanischen Armee befreit worden, sondern von
sowjetischen Soldaten in amerikanischen Uniformen.
Aber die Bevölkerung - die Bevölkerung Pilsens wußte
es besser. Sie hat nie vergessen. Und heute, nachdem die Wahrheit endlich frei ausgesprochen werden
darf, lud die Stadt ihre wahren Befreier zu sich ein.
Nach 45 langen Jahren kehrten diese alten amerikanischen Soldaten auf die Straßen Pilsens zurück, zu den
Klängen der amerikanischen Nationalhymne - und sie
wurden empfangen wie Helden.
Diese Gls, meine Generation, waren im Jahr 1945 so
alt wie Sie heute. Und jetzt fällt Ihnen, dem Abschlußjahrgang dieser großen Universität, die Aufgabe zu,
unsere amerikanischen Ideale hochzuhalten. Gottseidank geschieht dies nicht in Kriegszeiten, sondern in
einer Zeit von enormem Enthusiasmus - um diesen
Nationen zu helfen, die Freiheit zu sichern, für die Ihre
Väter und Großväter gekämpft haben. Freiheiten, von
denen Millionen bis heute nur zu träumen wagten.

*

AMERIKA DIENST 19

*

Seite 3

�DEUTSCHLANDPOLITIK
16. M a i l 990

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS BÜNDNIS
UND DIE NEUE GESTALT EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP
FRANKFURT - (AD) - Dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Vernon A. Walters, zufolge neigt sich "die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und Deutschland als Ganzes ihrem Ende zu." Vor allem wollten die Vereinigten Staaten, daß
"auch ein vereinigtes Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang Mitglied des Atlantischen
Bündnisses ist". Diese Auffassung, die zugleich erklärte Politik der amerikanischen Regierung sei, bekräftigte
Walters am 8. Mai 1990 in einer Ansprache vor dem Redaktionskomitee von Associated Press in Frankfurt und
fügte hinzu, ein vereintes Deutschland solle die volle Kontrolle über sein gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede
neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die gelassene amerikanische
Sichtweise des deutschen Einigungsprozesses beruhe maßgeblich auf der Tatsache, daß sich die Vereinigten
Staaten in der Frage der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der Bundesregierung wissen.
Unter Betonung der uneingeschränkten politischen und militärischen Bedeutung der NATO in der heutigen Zeit
und der Leitbildfunktion, die das demokratische Gesellschaftsmodell des Westens für die Länder Osteuropas
habe, verwies Botschafter Walters abschließend auf den maßgeblichen Beitrag, den die EG zur Aufhebung der
Teilung und zum Zusammenwachsen eines wirtschaftlich starken Europas leisten könne, das den Unternehmen
gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte biete. "Wir wollen, daß die jungen Demokratien
Osteuropas politisch, kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr
Renz,
ich danke Ihnen für die Einladung zu Ihrer Tagung, und
ich freue mich auf einen interessanten Meinungsaustausch mit Ihnen. Angesichts der weltpolitischen
Umwälzungen, deren Zeugen wir heute werden, besteht an Themen sicherlich kein Mangel.
Ich las kürzlich, daß in den 20er Jahren eine deutsche
Tageszeitung ein Preisausschreiben veranstaltet habe,
bei dem es darum ging, möglichst unwahrscheinliche
Sensationsschlagzeilen zu erfinden. Die Siegerschlagzeile lautete: "Erzherzog Franz Ferdinand lebend
aufgefunden. Weltkrieg war Irrtum."
Manchmal holt die Wirklichkeit auch gewagte Phantasien ein. "Die Mauer fällt." "Pfarrer wird Verteidigungsminister der DDR." "Kohl führt Wahlkampf in der
DDR." Noch vor fünf Jahren hätten diese Schlagzeilen
bei einer Wiederholung des Preisausschreibens SieAMERIKA DIENST 19

geschancen gehabt. Heute wirken sie fast schon
alltäglich. Die Welt, in der wir alle hier unser gesamtes
politisch bewußtes Leben verbracht haben, gibt es
bereits nicht mehr. Das Tempo des Wandels ist
atemberaubend.
Journalismus ist ein schnellebiges Geschäft, das sich
an der Tagesaktualität orientiert. Für Nachrichtenagenturen gilt dies in erhöhtem Maße. Daß diese
Veranstaltung gerade heute stattfindet, beweist jedoch, daß man sich bei AP ein Gespür für Geschichte
bewahrt hat.
Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu
Ende. Deutschland lag in Trümmern, und damals hat
wohl kaum jemand zu hoffen gewagt, daß diesem
verwüsteten Land eine Zukunft in Wohlstand und
Freiheit beschieden sei. Und doch kam es so. Der
materielle Wiederaufbau vollzog sich, nicht zuletzt
dank dem Marshallplan, erstaunlich rasch. Noch

Seite 1

�bemerkenswerter aber erscheint mir die politische und
staatsbürgerliche Aufbauleistung, die die Bundesrepublik zu einer der stabilsten und vertrauenswürdigsten Demokratien der Welt gemacht hat. Die Deutschen dürfen hierauf mit Recht stolz sein.
Heute, 45 Jahre später, schicken sie sich an, den
letzten Schutt dieses unseligen Krieges zu beseitigen,
nämlich die Teilung ihres Landes. Ein ungeteiltes
Deutschland unter einer demokratischen Regierung
war stets das Ziel amerikanischer Politik. So ist es in
Artikel 7 des Deutschlandvertrags von 1954 niedergelegt. Man kann sogar noch weiter zurückgreifen.
Wenn Sie die Rede lesen, die US-Außenminister Byrnes
am 6. September 1946 in Stuttgart hielt, so werden sie
feststellen, daß die Absage an eine Teilung Deutschlands schon ein Jahr nach Kriegsende amerikanische
Politik war.
Wir Amerikaner waren stets für die deutsche Einheit,
und die derzeitigen Bemühungen beider deutscher
Staaten um ihre praktische Verwirklichung finden unsere
volle Unterstützung. Die Vorgehensweise der Deutschen zeugt von Verantwortungsbewußtsein und gibt
keinen Anlaß zu irgendwelchen Befürchtungen.
Nach Auffassung der Vereinigten Staaten sollte ein
vereintes Deutschland die volle Kontrolle über sein
gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und
Deutschland als Ganzes neigt sich ihrem Ende zu.
Vor allem aber wollen wir, daß auch ein vereinigtes
Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang
Mitglied des Atlantischen Bündnisses ist. Dies ist die
erklärte Politik meiner Regierung. Das Wort "Bedingung" höre ich in diesem Zusammenhang nicht gern,
denn Freunde und Verbündete stellen einander keine
Bedingungen. Aber sie haben eine Politik, und diese
Politik hat Ziele. Unser Ziel ist die Fortdauer der
deutschen Westintegration, und die deutsche NATOMitgliedschaft bildet deren Kern. Unsere gelassene
Sichtweise des deutschen Einungsprozesses beruht
maßgeblich auf der Tatsache, daß wir uns in der Frage
der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der
Bundesregierung wissen.
Die Haltung der Sowjetunion ist noch schwankend.
Stellungnahmen aus Moskau sind uneinheitlich. Ich
meine aber, daß eine rationale Lageanalyse die Sowjets letztlich zu dem Schluß führen muß, daß die
deutsche Einheit im Rahmen der europäischen und
atlantischen Integration ihren Interessen nicht widerspricht. Das Bündnis ist bereit, legitimen sowjetischen
Sicherheitsinteressen Rechnung zu tragen. Niemand
besteht darauf, NATO-Truppen auf das Gebiet der
heutigen DDR vorzuschieben. Für Nordnorwegen
besteht übrigens seit langem eine entsprechende
Sonderregelung. Sie könnte als Modell dienen.

Seite 2

Man könnte nun einwenden, daß Diskussionen über
eine fortdauernde NATO-Mitgliedschaft der Deutschen
insofern überflüssig seien, als die sicherheitspolitischen Veränderungen in Europa die Existenzberechtigung des Bündnisses insgesamt in Frage stellen. Ein
solcher Standpunkt ist schlicht paradox, denn diese
Veränderungen sind ja gerade das Ergebnis von 40
Jahren erfolgreicher Bündnispolitik. Dennoch gibt es
Leute, nach deren Auffassung die NATO nur noch ein
müder alter Wachhund ist, den man allmählich einschläfern sollte.
Ich teile eine solche Sichtweise nicht und bin davon
überzeugt, daß das Atlantische Bündnis nichts von
seiner Bedeutung eingebüßt hat. Das demokratische
Gesellschaftsmodell des Westens ist heute das Leitbild, an dem sich alle Länder Osteuropas orientieren,
während der Kommunismus hoffungslos diskreditiert
ist. Dies ist vielleicht der friedlichste Sieg, den je ein
politisches System über ein anderes errungen hat, und
es ist ein Sieg der NATO. In ihrem Schutz konnten die
Freiheit und der Wohlstand gedeihen, die heute eine
so enorme Ausstrahlungskraft beweisen. Dank der
beharrlichen Verteidigungsanstrengungen der NATO
konnte das gewaltige Militärpotential der Sowjetunion
niemals im Sinne hegemonialer Ziele wirksam werden.
Kein NATO-Staat konnte je durch Drohgebärden gefügig gemacht oder zu einer Gefälligkeitspolitik gegenüber der Sowjetunion genötigt werden.
Vier Jahrzehnte lang konnte sich die Demokratie im
Schutze des Bündnisses behaupten, und heute dürfen
wir ihren Siegeszug durch ganz Osteuropa erleben.
Erfolgreicher kann eine Politik nicht sein. Wir befinden
uns in der Situation einer Fußballmannschaft, die in
der Halbzeit 10:0 führt. Warum also sollten wir unser
Spielkonzept radikal ändern?
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bleibt
ein wichtiger Faktor westlicher Sicherheitspolitik. Am
15. Februar wurde Präsident Bush während seiner
Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl gefragt, wer
denn heute eigentlich noch der Gegner des Bündnisses sei. Seine Antwort lautete: "Der Gegner ist die
Unvoraussagbarkeit. Der Gegner ist die Instabilität."
Genauso ist es. Welchen Weg die Sowjetunion schließlich gehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Ihr
militärisches Potential ist immer noch immens, und
seine Modernisierung wurde keineswegs ausgesetzt.
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bildet
unsere Versicherungspolice für den Fall von Rückschlägen für die demokratischen Reformen im Osten.
Die NATO ist ein Zusammenschluß freier Staaten, die
eine gemeinsame Wertordnung teilen. Die NATO
unterscheidet sich damit fundamental vom Warschauer Pakt, der nur ein einziges freiwilliges Mitglied hat nämlich die Sowjetunion - und der nie etwas anderes
als ein sowjetisches Führungsinstrument war. Die
NATO hingegen war stets nicht nur eine militärische,
sondern auch eine politische Institution.
AMERIKA DIENST 19

�Wir sind woiterhin optimistisch, daß wir bei den Rüstungskontrollverhandlungen in Wien und Genf die
Ziele erreichen können, die wir uns gesteckt haben.
Dies würde tiefe Einschnitte bei den konventionellen
Streitkräften wie bei den strategischen Waffen ermöglichen und in Europa eine neue sicherheitspolitische
Lage schaffen. Wenn dies gelingt, werden sich auch
bei den Aufgaben der NATO Gewichte verschieben.
Das Bündnis wird dann seine politischen Wesenszüge
stärker in den Vordergrund rücken können, ohne allerdings die militärischen völlig aufzugeben.
Eine wichtige Funktion der NATO wird dann die Planung und Koordination des Rüstungskontrollprozesses einschließlich der Verifikation geschlossener Verträge sein. Die ständigen Gremien und regelmäßigen
Ratstagungen der NATO gewährleisten einen umfassenden und stetigen Informationsfluß sowie eine Institutionalisierung des Dialogs der Bündnispartner. Das
Atlantische Bündnis wird daher eine bedeutsame Rolle
bei der Konzipierung und Abstimmung der Ost- und
Sicherheitspolitik des Westens zu spielen haben.
Vor allem aber bildet die NATO das stärkste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa und ist in ihrer
transatlantischen Klammerfunktion nicht zu ersetzen.
Keine andere Institution bietet ein so umfassendes
Netz eingespielter Informationskanäle. Für keine andere
Institution ist die transatlantische Zusammenarbeit in
so hohem Maße Routine. Keine andere Institution
verfügt über Gremien, die den Europäern derart direkte, wenn auch begrenzte Möglichkeiten zur Einflußnahme auf den politischen EntScheidungsprozeß in
den Vereinigten Staaten bieten.
Das Atlantische Bündnis bildet auch die Grundlage für
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Europa. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der amerikanische Kongreß einer Truppenstationierung auf einer
anderen Vertragsgrundlage zustimmen würde.
Sicherlich ist die Gefahr eines militärischen Konflikts
zwischen Ost und West heute geringer als zu jedem
anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte. Dennoch bleibt die Anwesenheit amerikanischer Truppenverbände in Europa politisch wichtig und eine Angelegenheit im Interesse der Europäer.
Die Sowjetunion ist ein riesiges Land mit einer Vielzahl
kaum entfalteter Ressourcen. Seine Größe und
Machtfülle werden immer auch ein Faktor seiner Politik
sein, ganz gleich, ob es sich in die staatliche Form
einer Republik, eines Kaiserreichs oder einer kommunistischen Diktatur kleidet. Europa hingegen bildet nur
einen schmalen Gebietsstreifen an der Westküste der
eurasischen Landmasse.
Gorbatschow zählt zweifellos zu den eindrucksvollsten politischen Gestalten der Gegenwart, aber er ist
weder ein demokratischer Idealist noch ein sentimentaler Apostel der Völkerverbrüderung. Er ist ein Vir-

AMERIKA DIENST 19

tuose der Machtpolitik mit dem Ehrgeiz, seinem Land
den Anschluß an die moderne Welt zu sichern. Die
treibende Kraft der Reformpolitik Gorbatschows ist
nicht die Liebe zur Demokratie, sondern der Ehrgeiz,
sein Land aus seiner Rückständigkeit herauszurei ßen.
Das dumpfe und geistfeindliche Ideologentum des
Kommunismus mag in der Sowjetunion seinem überfälligen Ende entgegengehen. Aber dies ist nicht
gleichbedeutend mit dem Ende sowjetischer Machtpolitik, und die Sowjetunion bleibt eine Supermacht.
Darum wäre es vielleicht keine schlechte Idee, wenn
die Europäer ein Gegengewicht in Form amerikanischer Streitkräfte auf ihrem Kontinent behielten. Wenn
diese Truppen gehen, ist es schwer, sie zurückzubringen. Die Geographie ändert sich nicht, und es wird
immer schwieriger sein, den Atlantik zu überqueren als
die Weichsel.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben nicht die
Absicht, sich zurückzuziehen. Wir werden in Europa
bleiben, solange wir hier willkommen sind. Die Kosten
hierfür sind erheblich. Von den Verteidigungsausgaben des Bündnisses tragen die Vereinigten Staaten
64 Prozent. Unsere Truppenstationierung in Deutschland kostet uns jährlich 90 Milliarden Dollar. Der Abzug
dieser Truppen würde uns der Sorge um unser Haushaltsdefizit schlagartig entheben. Aber wir werden
bleiben.
Die industrielle Infrastruktur Europas ist hochentwikkelt. Die technische Bildung seiner Bevölkerung im
allgemeinen und seiner Industriearbeiterschaft im
besonderen liegen weit über dem internationalen Standard. All dies macht Europa zu einer tragenden Säule
der Weltwirtschaft und gibt ihm damit ein weltpolitisches Gewicht, das die Vereinigten Staaten nicht
ignorieren können. Es kann uns nicht gleichgültig sein,
was in Europa geschieht. Neoisolationismus können
wir uns nicht leisten.
Abgesehen von solch eher realpolitischen Überlegungen sind die Europäer einschlie ßlich der Deutschen für
uns Amerikaner nicht einfach nur Verbündete und
Geschäftspartner, sondern Mitglieder der gleichen
demokratischen Wertegemeinschaft, der wir uns selbst
zugehörig fühlen. Ein reines Zweckbündnis kann man
auch mit einem kulturell völlig andersgearteten Partner
eingehen. Es kann bestehen, solange es im beiderseitigen Interesse liegt. Eine Verbindung mit Menschen
von verwandter Lebensart und politischer Kultur ist
jedoch mehr als eine Frage der politischen Opportunität. Dies wiegt schwerer und ist stabiler, trotz aller
möglichen Meinungsverschiedenheiten. Von solchen
Partnern wendet man sich nicht ab. Gestatten Sie mir
einen Augenblick der Sentimentalität, und lassen Sie
mich sagen, daß für uns das Bündnis mit Europa auch
eine Herzensangelegenheit ist.
Die innere Beziehung Amerikas zu Europa spiegelt
sich auch in der Entwicklung der Besucherströme

Seite 3

�wider. Beispielsweise haben im vergangenen Jahr
mehr als eine Million deutscher Touristen die Vereinigten Staaten bereist. Addiert man die Statistiken der
offiziell aktenkundigen Austauschprogramme, so ergibt sich, daß sich 1989 rund 18,000 junge Deutsche
im Rahmen solcher Programme in den USA aufhielten.
Diese Zahlen erfassen Schüler, Studenten, junge
Berufstätige und Au Pairs. Außerdem kamen rund
11,000 junge Amerikaner nach Deutschland. Dies
sind erfreuliche Zahlen, wenn man bedenkt, wie teuer
solche Programme schon wegen der hohen Reisekosten sind. Ich meine, man darf aus diesen Besucherzahlen folgern, daß sich die Deutschen bei uns in
Amerika unter Freunden und daher wohl fühlen.
In diesen Jahren erleben wir mit, wie eine der großen
Wegmarken der Weltgeschichte gesetzt wird. Die
Welle der Veränderungen, die die Staaten des ehemaligen Ostblocks erfaßt haben, erfüllt das Kriterium für
eine Einordnung unter die Kerndaten der Weltgeschichte: Diese Veränderungen sind im Begriff, die
völlige Umgestaltung eines großflächigen Kulturraumes herbeizuführen. Ich bin optimistisch genug, um zu
prophezeien, daß dies eine Umgestaltung im Sinne
von Demokratie und Marktwirtschaft sein wird.
Niemand vermag vorherzusagen, wieviele Rückschläge und Anfechtungen diese Entwicklung erleiden wird.
Die gesamte Tradition Rußlands ist despotisch, und
die Demokratie wird es schwer haben, in einem solchen Lande Wurzeln zu schlagen. Die Wirtschaftsprobleme haben ungeheuere Dimensionen. Außerdem
haben Stalins Imperialismus und der zaristische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts der Sowjetunion ein
schweres Erbe in Form zahlreicher gewaltsam angegliederter Länder und Nationen hinterlassen. Es wird
Zeiten geben, wo es den geistigen Nachfahren Breschnews leichtfallen wird, Gorbatschow als Abenteuerer zu denunzieren. Selbst mancher Reformer wird
wohl angesichts der massiven Probleme zuweilen
einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Rumpelkammer
stalinistischer Unterdrückungsinstrumente werfen.
In Osteuropa findet die Demokratie einen besser bereiteten Boden, aber auch in diesen Ländern mangelt es
nicht an Konfliktstoff. So zeigen sich heute auf dem

Balkan wieder Ansätze zu genau der Form von aggressivem Nationalismus und ethnischer Intoleranz, die
der Halbinsel vor dem 1. Weltkrieg den Ruf eines
Pulverfaßes eingetragen hatten.
Die Anfechtungen des Demokratisierungsprozesses
sind mannigfaltig, aber ich glaube an seinen schließlichen Erfolg. Der Niedergang des Kommunismus und
das Aufbrechen der Blockstruktur Europas sind Entwicklungen von historischer Tragweite. Natürlich können
wir dies nicht ignorieren und unser bündnispolitisches
*

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Tagesgeschäft betreiben, als ob im Kreml immer noch
Leonid Breschnew regiere. Aber wir müssen auch
nicht alles ganz anders machen, denn die Verheißungen der Gegenwart sind die Früchte unserer erfolgreichen Politik in der Vergangenheit.
US-Außenminister Baker hat für Europa und die transatlantischen Beziehungen eine "new architecture",
d.h., eine Neuordung und Neugestaltung gefordert.
Dies muß sich jedoch nicht voraussetzungslos und
quasi im luftleeren Raum vollziehen. Wir können und
sollten uns vielmehr der bewährten Institutionen bedienen, die an der Herbeiführung des Wandels im Osten
ihren Anteil haben, die eingespielte Gremien und
Verfahrensweisen besitzen und die deshalb in der
Lage sind, einer positiven, aber instabilen Entwicklung
eine solide Grundlage zu schaffen.
Wir wollen, daß die westlichen Sicherheitsinteressen
auch bei Rückschlägen für die Demokratie im Osten
gewahrt bleiben. Wir wollen einen tiefgreifenden und
geordneten Abrüstungsprozeß. Wir wollen, daß die
enge Verzahnung der transatlantischen Meinungsbildungs- und EntScheidungsprozesse erhalten bleibt.
Wir wollen einen verläßlichen Rahmen für das amerikanische Engagement in Europa. Für all dies haben
wir die NATO.
Wir wollen, daß politischer Pluralismus, demokratische Verfahrensweisen einschließlich freier Wahlen,
Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und
wirtschaftliche Freiheiten in Osteuropa und in der
Sowjetunion durchgesetzt und fest verankert werden.
Wir wollen, daß dort all dies geschriebenes und einklagbares Recht wird, nicht nur Ermessenssache von
Regierungen. Dafür haben wir den KSZE-Prozeß, der
sich als effektives Forum des Ost-West-Dialogs bewährt hat.
Wir wollen, daß die Teilung Europas vollständig aufgehoben wird. Wir wollen, daß Europa zusammenwächst. Wir wollen, daß es wirtschaftlich stark ist und
unseren Unternehmen gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte bietet. Wir wollen,
daß die jungen Demokratien Osteuropas politisch,
kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden.
All dies sollte die Aufgabe der EG sein.
Dies ist die "new architecture", die uns vorschwebt.
Dies ist unsere Vorstellung von dem Weg, der Europa
und Amerika ins dritte Jahrtausend führen soll. Er wird
ereignisreich sein und deshalb auch Ihnen, den Chronisten und Kommentatoren des Zeitgeschehens, durchaus befriedigende berufliche Perspektiven bieten.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 19

�EUROPA
16. Mai 1990

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York
NEW YORK - (AD) - Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist in den Worten Außenminister Bakers
der Schlüssel zu "Frieden und Freiheit" im Europa von morgen. "Ein vereinigtes Deutschland und der Prozeß,
mit dem dieses Ziel erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen", erklärte
Baker am 14. Mai anläßlich der Entgegennahme des Hans J. Morgenthau-Preises für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, der vom gemeinnützigen, privaten Nationalen Komitee für
Amerikanische Außenpolitik verliehen wird.
Baker zufolge gehören zu den neuen diplomatischen Aufgaben und zur Rolle der Vereinigten Staaten in Europa
folgende Elemente: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Diese
"gemeinsamen Interessen" werden von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten überlagert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Ich freue mich, den Hans J. Morgenthau-Preis entgegennehmen und mich in die prestigeträchtige Gesellschaft der sechs früheren Preisträger einreihen zu
können. Ich habe mich den größten Teil meines
Lebens mit juristischen Fragen beschäftigt, die meisten der vergangenen 20 Jahre im öffentlichen Dienst
gestanden und mich während eines Großteils dieser
Zeit innenpolitischen Fragen gewidmet. Es ist deshalb
eine große Ehre, heute abend für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten
von Amerika ausgezeichnet zu werden.
Vor allem ist es eine Ehre, einen Preis verliehen zu
bekommen, der an einen Mann vom Format Hans
Morgenthaus erinnert. Von Hitler aus Europa vertrieben, verbrachte Hans Morgenthau den Rest seines
Lebens damit, den Vereinigten Staaten die Welt jenseits ihrer Küsten näherzubringen. Es war eine Welt,
die sich Hals über Kopf von der Zivilisation zu entfernen schien. Als Anwalt für Völkerrecht erlebte Hans
Morgenthau den Zusammenbruch des Völkerbundes.
Als politischer Philosoph wurde er Zeuge der Tragödien von Faschismus und Stalinismus. Als Fachmann
für die Geschichte der Diplomatie erlebte er zwei hei ße
Kriege und das Auf und Ab eines kalten Krieges. Als
persönliches Opfer unglückseliger Politik fühlte er sich
veranlaßt, die Vereinigten Staaten aus ihrem traditionellen isolationistischen Schlummer zu wecken. Um
AMERIKA DIENST 19

dies zu erreichen, nutzte er häufig historische Beispiele, die oftmals bitteren Realitäten der internationalen
Politik und vor allen Dingen die Raison nationaler
Interessen.
Nirgends war Hans Morgenthau effektiver oder eloquenter als in seinem klassischen Werk von 1946 mit
dem Titel Scientific Man versus Power Politics.
Darin schrieb er: "Die Zeit ist stets auf der Suche nach
dem Stein des Weisen, der magischen Formel, die,
mechanisch angewandt, ... die Ungewißheiten und
Risiken politischen Handelns durch die Gewißheit
rationaler Berechnung ersetzen wird." Er fuhr fort:
"Da jedoch das, was die Sucher der magischen Formel
wollen, einfach, rational, mechanisch ist und das,
womit sie sich befassen müssen, kompliziert, irrational, unberechenbar, sind sie gezwungen... die Realität
der internationalen Politik zu vereinfachen und das zu
entwickeln, was man als 'Methode der einen Ursache'
bezeichnen könnte."
Hans Morgenthau war der Überzeugung, daß es keine
einzelne Ursache des Krieges und keine einzelne
Lösung der Probleme von Macht und Frieden geben
könne. Er verbrachte den überwiegenden Teil seines
Schaffens damit, diejenigen zu entlarven, die der
"Methode der einen Ursache" anhingen.

Seite 1

�Heute abend möchte ich mich Hans Morgenthau anschließen. Ich möchte gegen die "Methode der einen
Ursache" im Kontext der dramatischsten Ereignisse
unserer Zeit argumentieren: Europas jüngste Morgendämmerung von Freiheit und Einheit.
Der sichtbare Abbau der sowjetischen Bedrohung hat
manch einen zu der Annahme veranlaßt, der einzige
Grund für unsere Präsenz in Europa in den vergangenen 40 Jahren sei die Eindämmung dieser Bedrohung
gewesen. Jenseits des Containments, so meinen sie,
spielten die Vereinigten Staaten keine Rolle mehr.
Wenn also die "eine Ursache" des amerikanischen
Engagements - die Furcht vor einer sowjetischen
Aggression - schwindet, sollte damit auch die Stellung
der Vereinigten Staaten in Europa abgebaut werden.
Das wäre der gründlichste strategische Fehler dieser
Generation. Wir müssen nicht nur den kalten Krieg
überwinden, sondern auch die Konflikte, die dem kalten Krieg vorausgingen. Der Abbau der sowjetischen
Bedrohung darf Europa nicht dazu verleiten, zu einem
unsteten Gleichgewicht der Kräfte oder einem neuen
Ausbruch nationaler Rivalitäten uncLethnischer Spannungen zurückzukehren.
Die Perestrojka in der Sowjetunion, die demokratischen Revolutionen Mittel- und Osteuropas und die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten geben
Europa und den Vereinigten Staaten eine neue Chance: Unsere Vision für die Verhinderung von Krieg... auf
den praktischen Aufbau des Friedens auszudehnen..
Um Krieg zu verhindern, müssen wir weiterhin Aggressionen abschrecken und die verbleibende Bedrohung
in die Schranken weisen. Um jedoch den Frieden
aufzubauen, muß die Rolle der Vereinigten Staaten
über ein bloßes Ausgleichen der verbleibenden sowjetischen Militärmacht hinausgehen.
Das amerikanische Engagement muß neu gestaltet
werden, um den neuen Umständen gerecht zu werden. Durch einen Ozean getrennt, doch historisch,
politisch, wirtschaftlich und strategisch mit Europa
verbunden, können wir eine Führungsrolle auf dem
Weg des gemeinsamen Interesses spielen. Die Förderung des gemeinsamen Interesses in Europa kann
eine unserer wichtigsten nationalen Interessen bilden.
Wie Professor Morgenthau vor Jahren schrieb: "Die
Diplomatie hat hier die neue Aufgabe, neue Institutionen und Verfahren zu schaffen und zu bewahren, mit
denen das neue gemeinsame Interesse der Nationen
verfolgt werden kann."
Ich möchte Ihnen also heute abend die neuen diplomatischen Aufgaben der Vereinigten Staaten erläutern
und mit Ihnen diese gemeinsamen Interessen Revue
passieren lassen: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Ich möchte über die Rolle der Vereinigten Staaten bei der
Erlangung dieser Interessen sowohl für uns selbst als
auch für Europa sprechen.
Seite 2

Das erste gemeinsame Interesse: Politische Legitimität
Unsere erste Aufgabe wird die Förderung politischer
Legitimität sein - oder, um es klarer auszudrücken,
vom Volk gewählter und diesem verantwortlicher
Regierungen.
Nachdem die Diktatoren der Vergangenheit verjagt
wurden, bemühen sich die Völker Mittel- und Osteuropas um den Aufbau legitimer politischer Ordnungen,
die von Dauer sind. Die Vereinigten Staaten müssen
weiterhin an ihrer Seite stehen und ihr Engagement für
die neuen Demokratien bekräftigen.
Der sicherste Eckpfeiler sind freie und faire Wahlen.
Im vergangenen Mai hat der Präsident in Mainz einen
Vorschlag in bezug auf freie Wahlen für die 35 Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gemacht. Vor zwei
Tagen bekräftigte er diesen Vorschlag, indem er bei
seiner Rede an der University of South Carolina die
KSZE aufforderte, einen Konsens auf der Grundlage
freier Wahlen, von politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit zu schaffen. Wir hoffen, daß die KSZE
nächsten Monat in Kopenhagen Fortschritte bei diesen Ideen erzielen wird.
Um zu gewährleisten, daß die in diesem Frühjahr in
Mittel- und Osteuropa stattfindenden Wahlen frei und
fair sind, habe ich im Februar in Prag vorgeschlagen,
daß die KSZE-Mitgliedstaaten Beobachterdelegationen zu diesen Wahlen entsenden. Die Vereinigten
Staaten haben Beobachter zu den bereits abgehaltenen Wahlen entsandt, und der Präsident wird Delegationen zu den kommenden Wahlen in Rumänien und
Bulgarien entsenden. Ich freue mich darüber hinaus,
berichten zu können, daß sich uns viele Staaten bei
diesen Bemühungen angeschlossen haben.
In einigen Fällen werden Beobachter jedoch nicht
ausreichen. Wir sind besorgt darüber, daß ein wiederkehrendes Muster von Einschüchterung und Gewalt
den Wahlkampf in Rumänien aushöhlen könnte.
Bei der Suche nach Institutionen, die zur Förderung
politischer Legitimität in ganz Europa fähig sind, kann
die KSZE eine wichtige Rolle spielen. Sie bleibt die
einzige europäische Organisation, die nahezu alle
europäische Staaten sowie die Vereinigten Staaten
und Kanada umfaßt. Sie ist in einer guten Position, um
den europäischen Konsens über politische und ökonomische Werte zu fördern, die uns als Leitlinien dienen
sollten. Wenn Sie so wollen, kann sie zum "Gewissen
des Kontinents" werden. Um die KSZE zu stärken,
müssen wir ihre Treffen regelmäßiger abhalten, neue
Richtlinien für freie Gesellschaften entwickeln und sie
als ein Forum des politischen Dialogs im neuen Europa
unterstützen. Auf diese Weise kann den neuen
Demokratien des Ostens eine Stimme im neuen Europa verschafft werden.

AMERIKA DIENST 19

�Obwohl in den zehn Prinzipien der KSZE westliche
Werte zum Ausdruck kommen, sollte die NATO die
Organisation bleiben, in der sich die westlichen Demokratien zusammenfinden, um den neuen Frieden in
Europa zu garantieren. Neben ihrer Rolle als militärisches Bündnis war die NATO 40 Jahre lang ein wichtiges politisches Forum, in dem sich demokratische
Vertreter trafen und für die Zukunft planten. Das
Bündnis wird ein zentrales Forum für politische Konsultationen über die Zukunft Europas bleiben. Der
Präsident hat deshalb klargestellt, daß die NATO
unserer Ansicht nach das Gipfeltreffen im Sommer
nutzen sollte, um ihre Anpassung an die neuen politischen Realitäten in Europa zu beschleunigen.
Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Das Bündnis hat
sich energisch für die Verwirklichung unseres Vorschlags zur Einsetzung eines NATO-Stabs zur Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen eingesetzt,
seit wir diesen Vorschlag im vergangenen Dezember
in Berlin gemacht haben. Seither wurden auch die
politischen Konsultationen im Bündnis intensiviert. Dazu
gehörte auch ein vor 11 Tagen abgehaltenes Sondertreffen der Außenminister, um die-Entwicklungen in
der Sowjetunion, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und Wege zur Stärkung der KSZE zu
besprechen.
In dieser Hinsicht möchte ich einen Gedanken vortragen, der es wert sein könnte, weiterentwickelt zu
werden. Die Nordatlantische Versammlung hat bereits osteuropäische Parlamentarier zu einigen ihrer
Treffen eingeladen. Die Westeuropäische Union (WEU)
und die NATO müssen überlegen, wie sie ihre Hand
ausstrecken und die Völker und Regierungen Osteuropas beruhigen können. Diese Institutionen sollten zum
Beispiel die Entwicklung eines soliden politischen und
militärischen Dialogs mit den Mittel- und Osteuropäern sowie mit den Sowjets in Erwägung ziehen. Auf
diese Weise könnten wir vielleicht das Verständnis in
bezug auf das Engagement des Westens für Legitimität und Stabilität schärfen.
Langfristig werden die Vereinigten Staaten mit dem
Wachsen der Demokratie in Mittel- und Osteuropa
ihre bilateralen Beziehungen zu den neuen Demokratien ausweiten und ihre diplomatischen Ressourcen
und Einrichtungen in der Region ausbauen.
Wir werden in ganz Osteuropa neue Kulturzentren
eröffnen und wesentlich mehr tun, um die starke
Nachfrage nach Englischunterricht zu befriedigen. Wir
haben bereits einen Fonds für Unabhängigen Rundfunk und eine Freie Presse vorgeschlagen.
Die Demokratie kann nur mit der breiten Beteiligung
der Bürger gedeihen. Aus diesem Grund hat der
Präsident ein Bürger-Korps Demokratie angeregt. Indem
sich amerikanische Bürger zusammen mit privaten
Bürgern und Gruppen in Osteuropa und später vielleicht auch in der Sowjetunion engagieren, kann das

AMERIKA DIENST 19

Geben und Nehmen der Demokratie auch über den
Atlantik hinweg florieren.
Das zweite gemeinsame Interesse
Wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand bilden das zweite
gemeinsame Interesse, auf dessen Grundlage sich
alle Europäer vereinen können. Politisch und ökonomisch muß Europa ein umfassendes, integriertes
Ganzes werden, das der Welt offen gegenübersteht.
Unsere bilateralen ökonomischen Bemühungen betreffen drei Bereiche. Erstens stehen wir denjenigen
unter den neuen Demokratien bei, die sich in Krisensituationen befinden, indem wir ihnen verzweifelt benötigte Soforthilfe gewähren. Zweitens unterstützen wir
aktiv solche Bemühungen, deren Ziel die Erleichterung
des Übergangs von stalinistischen Kommandowirtschaften zu privatwirtschaftlich orientierten Marktwirtschaften ist. Drittens bemühen wir uns um die Integration der neuen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien in die Weltwirtschaft.
Die Vereinigten Staaten haben bei mehreren wichtigen
Hilfsmaßnahmen die führende Rolle gespielt, etwa bei
der Schaffung des polnischen Stabilitätsfonds zur
Unterstützung der mutigen Reformen in Polen. Wir
haben innovative Untemehmensfonds für Polen und
Ungarn ins Leben gerufen, um das Wachstum des
Privatsektors in diesen Ländern zu fördern. Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin ihre Handelsund Hilfsprogramme für die neuen Demokratien ausbauen - und je marktorientierter diese Volkswirtschaften werden, desto umfassender werden unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Eine Europäische Gemeinschaft liegt als Institution,
die den Vereinigten Staaten eng verbunden ist und
Verbindungen mit Osteuropa offen gegenübersteht,
im allseitigen Interesse. Für die Westeuropäer kann
sie größere und freiere Märkte bedeuten. Für Amerikaner kann sie Tor zum gesamten Europa sein.
Und für die Osteuropäer kann sie die sich entwickelnden Privatsektoren gegenüber Westeuropa und den
Vereinigten Staaten öffnen und ihnen Märkte für die
Produkte ihrer umgestalteten Wirtschaftssysteme
sichern.
Wir haben viele Schritte unternommen, um unsere
Konsultationen mit der EG in Wirtschaft und Politik
auszubauen. Zum Beispiel konnten durch unsere
Arbeit im Bereich der Normen unbeabsichtigte Handelsschranken abgebaut werden. Wir haben jetzt
sowohl Ministertreffen als auch Präsidentengespräche geplant. Im Rahmen des Prozesses der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ) streben wir
eine Intensivierung unseres politischen Dialogs, auch
über Osteuropa und regionale Konflikte an.
Mit ihrer Zusammenarbeit können ein engagiertes
Amerika, die EG, das OECD-Zentrum für Europäische

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�Volkswirtschaften im Aufbau und die neue Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ein
wirtschaftliches Klima schaffen, das von Kooperation,
nicht von Abschottung geprägt ist.
Das dritte gemeinsame Interesse:
Sicherheit

Militärische

Politische Legitimität und wirtschaftlicher Wohlstand
müssen durch militärische Sicherheit untermauert
werden. Angesichts der sich verändernden Gegebenheiten hat der Präsident erklärt, daß wir nunmehr eine
Strategie für den Umgang mit einem neuen strategischen Umfeld in Europa entwickeln müssen. Der
Abzug sowjetischer Truppen aus Mittel- und Osteuropa und Moskaus Fortschritte bei der Reduzierung
seiner Streitkräfte versetzen uns in die Lage, nicht
mehr auf die Strategie und Streitkräfte der NATO in
dem Umfang bauen zu müssen, den wir in der Vergangenheit kannten, sondern daß wir diesen jetzt drastisch ändern können.
Wenn man die konventionelle militärische Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bedenkt, kommt der
sowjetischen Handlungsweise weiterhin entscheidende Bedeutung zu. Wenn das "neue Denken" in eine
neue sowjetische Streitkräftestruktur umgesetzt wird,
können wir auch unser Einsatzkonzept ändern. Tatsächlich ist die Möglichkeit zur Reduzierung unserer
Streitkräfte in gewissem Maße auf Präsident Gorbatschows Abzug sowjetischer Truppen und die Neudefinition realistischerer sowjetischer Sicherheitsinteressen in Europa zurückzuführen.
Aber auch wenn alle sowjetischen Streitkräfte in die
UdSSR zurückkehren und konventionelle Rüstungskontrolle Fortschritte macht, verfügen die Sowjets
noch über Streitkräfte, die um ein Vielfaches umfangreicher sind als die jedes anderen einzelnen Landes.
Deshalb müssen US-Streitkräfte, solange sie erwünscht
sind, in Europa bleiben. Aber die Art und der Umfang
der US-Präsenz in Europa sollte sich mit der Bedrohung verändern. Wenn wir die politischen Veränderungen durch demokratische Regierungen und die
militärischen Veränderungen durch ein KSE-Abkommen festschreiben, müssen wir anders planen. Aus

diesem Grund könnten wir uns in naher Zukunft weniger auf den unmittelbaren Ausbruch eines Krieges
vorbereiten und mehr zur Förderung langfristiger militärischer Stabilität in Europa tun.
Der Präsident hat darüber hinaus die Notwendigkeit
eines NATO-Gipfels betont, bei dem die Zukunft
amerikanischer Nuklearstreitkräfte in Europa bewertet
werden soll. Auch hier muß die militärische Strategie
die politische Realität widerspiegeln. Situationen und
Bedingungen verändern sich. Wir müssen der Anzahl,
Art und den Abschreckungsmissionen unserer Nuklearwaffen in Europa größere Aufmerksamkeit zuwenden. Als Teil dieser Neubewertung hat der Präsi-

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dent das Bündnis aufgefordert, Zielsetzungen für künftige
amerikanisch-sowjetische Verhandlungen über Kurzstreckenraketen in Europa zu vereinbaren.
Konventionelle und nukleare Rüstungskontrolle müssen zentraler Bestandteil unserer Planung sein. Ich
habe bereits im Oktober vergangenen Jahres in San
Francisco erklärt, daß Rüstungskontrolle positive
Veränderungen festschreiben, die Sowjets zur Zerstörung ihrer Waffen auf wirksam verifizierbare Art und
Weise verpflichten und die Veränderungen vornehmen kann, die nur schwierig und kostenträchtig rückgängig zu machen sind. Wir sollten nicht nur noch in
diesem Jahr einen Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) unterzeichnen, sondern wir
müssen Folgeverhandlungen beschleunigen, um die
bei einigen Ländern auch nach KSE möglicherweise
noch bestehenden sicherheitspolitischen Fragen zu
lösen.
Darüber hinaus müssen wir größere Anstrengungen
unternehmen, um die strategische Berechenbarkeit
bei den Wiener Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) zu fördern.
Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs ist um
stärkeren Austausch mit militärischen Vertretern sowohl
der Sowjets als auch der Osteuropäer bestrebt. Im
zivilen Bereich sollten wir einen ähnlichen Dialog mit
unseren Amtskollegen führen, der nicht nur Tagesereignisse, sondern vielmehr Doktrinen und Konzepte
zum Inhalt hat, derer wir uns beim Nachdenken über
Krieg und Frieden bedienen.
Zur Anpassung an die veränderten Bedingungen möchte
ich noch auf einen Punkt hinweisen: Wir können es
uns nicht leisten, daß in Europa irgendeine Art von
Krieg leichter führbar sein wird. Abschreckung muß

durch einen angemessenen und verläßlichen Mix
konventioneller und nuklearer Streitkräfte sichergestellt werden.
Längerfristig sind wir daran interessiert, Möglichkeiten
für einen KSZE-Mechanismus zu erforschen, mit dem
Streitigkeiten auf friedlichem Wege gelöst werden
können. Wir fördern solche Bestrebungen, wenn sie
bestehende Institutionen wie die NATO und die WEU
ergänzen und nicht ersetzen. Alt und Neu können sich
ergänzen, und die so geschaffenen Institutionen können die anstehenden Probleme lösen.
Neue Institutionen und das gemeinsame Interesse: Zwei-plus-Vier
Aus meinen Ausführungen zu unseren drei gemeinsamen Interessen ist hoffentlich ein Punkt klar geworden:
So wie es keinen einzelnen Grund für Amerikas Engagement in Europa gibt, gibt es auch kein einzelnes
Band, das uns zusammenschmiedet. Darüber hinaus
kann auch keine einzelne Institution unser vielfältiges
transatlantisches Engagement leisten. Deshalb sind
wir an den Beziehungen zu den wichtigsten europäi-

AMERIKA DIENST 19

�sehen Institutionen interessiert - der NATO, der EG
und der KSZE.
Aber ich habe bereits im Winter vergangenen Jahres in
Berlin und Prag darauf verwiesen, daß unter Umständen neue Institutionen und Mechanismen geschaffen
werden müssen. Im Prag habe ich zum Beispiel die
Rolle betont, die regionale oder freiwillige Zusammenschlüsse bei der Förderung der gemeinsamen Interessen von Mittel- und Osteuropäern spielen können.
Mit der Aussöhnung und Integration Europas verbinden sich die gemeinsamen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen zu einem
gemeinsamen Projekt: der Vereinigung beider deutscher Staaten in Frieden und Freiheit. Ein vereinigtes
Deutschland und der Prozeß, mit dem dieses Ziel
erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen.
Der Zwei-plus-Vier-Prozeß für die Vereinigung beider
deutscher Staaten ist ein wichtiges Beispiel, wie - auch
vorläufige - Mechanismen geschaffen werden können,
mit deren Hilfe gemeinsame Interessen artikuliert und
die kontinuierliche Arbeit bereits bestehender Institutionen gefördert werden.
Zwei-plus-Vier ist aber nicht etwa als Versuch eines
Diktats über die Zukunft Deutschlands oder Europas
zu betrachten, sondern dient einem anderen Ziel: er
ratifiziert den bereits klar bekundeten Willen des deutschen Volkes auf Vereinigung in Freiheit und Selbstbestimmung und bietet gleichzeitig ein Forum zur Erörterung außenpolitischer Folgen der Vereinigung.
Eine vordringliche Aufgabe von Zwei-plus-Vier besteht
darin, eine Formel zu entwerfen, derzufolge alle Rechte und Pflichten der Vier Mächte auch über Berlin
aufgegeben und einem vollständig souveränen Deutschland übertragen werden - einem innerhalb des Territoriums der Bundesrepublik, der DDR und Berlins vereinigten Deutschland.
Im allgemeinen sollte Zwei-plus-Vier als "Lenkungsgruppe" fungieren, die solche die Vereinigung beider
deutscher Staaten betreffende außenpolitische Fragen - die am besten woanders entschieden werden
können, an die entsprechenden europäischen Foren,
etwa zu den KSE- und VSBM-Verhandlungen, den
anstehenden SNF-Gesprächen oder KSZE, weiterleitet. Bei diesem Ansatz werden die betroffenen europäischen Länder beteiligt und ihr Engagement bei
wichtigen außenpolitischen Fragen gewährleistet, ohne
daß Deutschland ausgegrenzt und damit der Samen
künftiger Instabilität gesät würde. Auf diese Weise
können Entscheidungen in Foren getroffen werden,
deren Aufgabe bereits in der Förderung gemeinsamer
Interessen besteht.

AMERIKA DIENST 19

Die neue Politik unter den Nationen
Es gibt keine einzelne Ursache für die Freiheit, die im
vergangenen Jahr Europa im Sturm erobert hat. Und
deshalb kann es auch keine einzelne Lösung geben,
die gewährleisten könnte, daß Europa ungeteilt und
frei wird und bleibt.
Wirkungsvolle Lösungen werden die vielfältigen Talente erfordern, die Amerikaner ihren Nachbarn auf der
anderen Seite des Atlantiks anzubieten haben. Wenn
sowjetische Truppen nach Hause zurückkehren, können unsere militärischen Erfordernisse für die Verteidigung Europas umgestaltet werden und viele - wenn
auch nicht alle - Soldaten wieder in die Vereinigten
Staaten zurückkehren. Mit gültigen und effektiv verifizierbaren Rüstungskontrollabkommen kann unsere
militärische Last insgesamt verringert werden.
Es wird viel über eine "Friedensdividende" gesprochen. Wenn der Frieden, den wir jetzt in Europa
aufbauen, solide und dauerhaft sein kann, wird sich
das auszahlen. Er wird nicht nur finanzieller Art sein
und über eine maßvolle, schrittweise Kürzung des
Verteidigungshaushalts hinausgehen. Ebenso wichtig
ist die Tatsache, daß er in neuen Austauschmöglichkeiten für unsere Studenten, gemeinsamen Projekten
unserer Wissenschaftler, besseren wirtschaftlichen
Möglichkeiten für unsere Unternehmer und größerem
politischem Verständnis unter unseren Völkern Gestalt annehmen wird.
Aber diese Gewinne erfordern Investitionen neuer Art.
Genau aus diesem Grund - um den Frieden zu sichern
und seine Vorzüge greifbar zu machen - sollten zu dem
Zeitpunkt, an dem ein Teil unserer Soldaten Europa
verläßt, unsere Studenten, Unternehmer und Diplomaten dort eintreffen. Und sie sollten den Atlantik in
nie gekannter Zahl überqueren. Aber wenn sie das
tun, müssen sie die Ziele der Vereinigten Staaten im
neuen Europa kennen und verstehen.
Die wichtigsten Aufgaben der neunziger Jahren bestehen darin, gemeinsame Interessen in einem ungeteilten und freien Europa und entsprechende Verfahrensweisen dazu zu artikulieren. Die Alternative würde für
Europa darin bestehen, in die bekannte Politik zurückzufallen, die Hans Morgenthau beschrieben und gefürchtet hat.
Meiner Ansicht nach kann niemand heute in Europa
oder anderswo zur "alten Tagesordnung" zurückkehren.
Die Geschichte unseres Jahrhunderts ist leider voll
von wohlmeinenden, aber gescheiterten Experimenten kollektiver Sicherheit. Sie sind gescheitert, weil die
Länder entweder gemeinsame Interessen aus den

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�Augen verloren oder es an Klugkeit und Mut fehlen
ließen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Als größte
Demokratie der Welt haben in unserem Land zwei
Generationen Opfer gebracht, damit Europas Traum
von Einigkeit und Freiheit in Erfüllung gehen kann.
Jetzt sind die letzten Hindernisse für diesen Traum
beseitigt. Oder wie es der Präsident formuliert hat, ein
neuer Staatenbund ist in greifbare Nähe gerückt.

Familien überschattet und unser Denken beeinflußt
hat.
Dieser Kampf geht jetzt zuende.

Die Lektion, die Hans Morgenthau gelehrt hat, über
Amerikas notwendiges Engagement in den Reihen
derer, die nach Demokratie und Frieden streben, ist
eine Lektion, die den kalten Krieg überlebt. Wir müsDie durch die schweren Erfahrungen des Zweiten sen uns deshalb neu für die Sicherung der wichtigen
Weltkriegs gereiften großen Amerikaner, die das gemeinsamen Interessen in Europa und anderen
Schicksal unseres Landes mit dem Europas verknüpft Ländern verpflichten, mit denen die Opfer des 20.
haben, müssen Nachfolger in der heutigen Generation Jahrhunderts in Frieden und Freiheit münden.
finden. Auch wir sind durch den Krieg gereift - einen Kurz, wir müssen den Frieden gestalten.
Krieg, dessen Verluste sich in den zerstörten Gesellschaften ausdrücken, die jetzt auf der anderen Seite Dann werden wir tatsächlich eine neue Politik unter
der durchbrochenen Berliner Mauer neu entstehen. den Nationen hervorbringen.
Das war ein Kampf, der unser Leben und das unserer

* * * * *

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AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
B E Z I E H U N G EN
16. Mali990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht wurde am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. -19. Mai 1990 in Moskau stattfindenden
Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Shewardnadse vom USAußenministerium veröffentlicht.

Die Gespräche über konventionelle Rüstungskontrolle in Wien

begrenzen. Beide Seiten hoffen, daß ein KSE-Vertrag
im Lauf des Jahres 1990 unterzeichnungsreif wird.

Dies ist eine der höchsten Prioritäten der Bush-Administration und der NATO. Im Jahr 1986 entwickelte die
aus 35 Mitgliedstaaten bestehende Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
innovatives Programm vertrauensbildender Maßnahmen, um Offenheit und Berechenbarkeit bei militärischen Aktivitäten zu fördern. Die Ziele des Westens
bei den fortdauernden Gesprächen über vertrauensund sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) beinhalten einen umfassenden Informationsaustausch
über die Stationierung von Truppen und Waffensystemen in Europa sowie strengere Bestimmungen für die
Beobachtung und Inspektion militärischer Übungen,
einen Ausbau von Kontakten und verbesserte Kommunikation.

Amerikanischer Vertreter - Botschafter R. James
Woolsey.

Amerikanischer Vertreter- Botschafter John J. Maresca.

Gespräche über die Reduzierung strategischer
Waffen (START) in Genf

Die 23 Mitgliedstaaten von NATO und Warschauer
Pakt nahmen im Jahr 1989 Gespräche über die konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE) auf, um die
massive konventionelle Überlegenheit des Warschauer Pakts abzubauen. Ziel dieser Gespräche ist die
Verbesserung von Sicherheit und Stabilität vom Atlantik bis zum Ural auf verringerten konventionellen Streitkräfteniveaus.

Das amerikanische Ziel bei START ist die Reduzierung des Kriegsrisikos durch Schaffung eines stabileren nuklearen Gleichgewichts auf erheblich geringeren Niveaus.

NATO und Warschauer Pakt haben im vergangenen
Jahr große Fortschritte erzielt. Im Februar kamen sie
beispielsweise in Ottawa überein, die in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Truppen zu

AMERIKA DIENST 19

Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen (NST)
in Genf
Diese Verhandlungen wurden im Jahr 1985 aufgenommen und betreffen drei wichtige Bereiche: Offensive strategische Kernwaffen, Waffen für Verteidigung
im Weltraum sowie nukleare Mittelstreckenwaffen.
Leiter der amerikanischen Delegation - Botschafter
Richard R. Burt.
Leiter der sowjetischen Delegation - Botschafter Jurij
K. Nasarkin.

Beide Seiten haben sich auf wichtige Elemente eines
Vertragsentwurfs geeinigt, aber es bleiben noch eine
Reihe wichtiger Fragen zu lösen.
Beide Seiten sind übereingekommen, sich zu bemühen, alle noch ausstehenden substantiellen Probleme
bis zum Juni-Gipfel zu lösen. Ein Vertrag soll bis Ende
des Jahres unterschriftsreif sein.

Seite 1

�Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter
Richard R. Burt.

Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter David
J. Smith.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter L. A.
Masterkow.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Jurij J.
Kusnezow.

Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
(NST) in Genf

Nukleare Mittelstreckenwaffen (INF)

Die Vereinigten Staaten erforschen gegenwärtig, ob
wirksame Verteidigungssysteme eines Tages zur
Sicherung eines stabileren Kräftegleichgewichts zwischen beiden Seiten beitragen könnten.
Die amerikanischen Ziele bei NST sind:
Bewahrung des Rechts der Vereinigten Staaten, die Arbeiten an der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) m Rahmen des ABM-Vertrags fortzusetzen.
Gemeinsam mit den Sowjets zu einer verstärkten Stützung auf Verteidigungssysteme anstatt
auf offensive Waffensysteme zu gelangen, falls
die andauernden Forschungsarbeiten beider
Seiten zu dem Ergebnis kommen, daß solche
Verteidigungssysteme machbar sind.

*

Seite 2

*

Dem INF-Vertrag von Dezember 1987 zufolge sind die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zur Zeit
damit beschäftigt, diese gesamte Kategorie von Kernwaffen zu zerstören.
Gespräche über Atomtests (NTT) in Genf
Zur Zeit finden Verhandlungen über Protokolle für
Verifizierungsverfahren statt, damit der Vertrag über
Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken (PNET) aus
dem Jahr 1976 und der Schwellenvertrag (TTBT) aus
dem Jahr 1974 dem Senat zur Ratifizierung vorgelegt
werden können. Diese Protokolle sollten beim Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif sein.
Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter C.
Paul Robinson.
Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Igor
M. Palenich.

* *

AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN
16. Mai 199

ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium hat am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. bis 19. Mai in
Moskau stattfindenden Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse die nachstehende Übersicht veröffentlicht.

Außenminister Baker legt den Schwerpunkt auf überregionale Fragen als Teilbereich der amerikanischsowjetischen Beziehungen insgesamt. Das Arbeitsprogramm über internationale Probleme markiert den
Anfang eines wichtigen neuen Aspekts unserer Beziehungen.

Naturkatastrophen und ihre Schadensbegrenzung
Beide Seiten haben eine engere Zusammenarbeit im
Rahmen bestehender Abkommen vereinbart, um auf
multilateraler und bilateraler Ebene die Bekämpfung
von Naturkatastrophen zu verbessern.

Bei den Moskauer Ministertreffen im Mai 1989 wurde
eine Arbeitsgruppe zur Bewertung der bereits bestehenden Kooperation in diesen Fragen gebildet und
eine erste Tagesordnung für künftige Zusammenarbeit aufgestellt.

Amerikanische und sowjetische Expertentreffen finden kontinuierlich in den Bereichen Rettungsdienst,
Gesundheitswesen, Technik und Erdbebenforschung
statt.

Das Arbeitsprogramm umfaßt gegenwärtig Umwelt,
Weltraum, Vorhersage von Naturkatastrophen und
deren Schadensbegrenzung, Terrorismusbekämpfung
und den Kampf gegen den internationalen Drogenhandel.

Beide Seiten haben die Notwendigkeit zur Ausbau von
Gemeinsamkeiten bei der Bekämpfung des Terrorismus erkannt.

Umwelt

Beide Seiten haben ihre Absicht bekundet, die Regierungsvereinbarung vom Januar 1989 über Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels durchzuführen.

Beim Ministertreffen im Mai haben beide Seiten die
Intensivierung der bilateralen und multilateralen Kooperation vereinbart, um wirksame Maßnahmen für
weltweite Umweltprobleme einschließlich der Klimaveränderungen auf der Erde zu entwickeln.
Dabei wurde ein neues Kooperationsabkommen unterzeichnet, um die Verschmutzung der Bering- und
Tschuktschensee in Notfällen bekämpfen zu können.
Die Unterzeichnung eines Soforthilfeplans steht unmittelbar bevor.

Terrorismusbekämpfung

Drogen

Arbeitsgruppen für das Ministertreffen
Arbeitsgruppen decken eine große Bandbreite von
Fragen der fünf Punkte umfassenden amerikanischsowjetischen Tagesordnung ab.
1.

Rüstungskontrolle - Die Arbeitsgruppe überprüft den Status der bilateralen amerikanischsowjetischen Gespräche (zum Beispiel über die
Verringerung strategischer Rüstungen, Atomtests) und anderer Verhandlungen.

2.

Regionale Fragen - Es findet ein Austausch
über regionale Fragen wie etwa Mittelamerika,
Afghanistan, den Mittleren Osten, Afrika und
Ostafrika/Pazifik statt.

Weltraum
Beim Ministertreffen im Mai wurde das Arbeitsprogramm für überregionale Probleme erweitert, und es
umfaßt nunmehr die Untersuchung von Möglichkeiten
zur Intensivierung der Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten im Weltraum.

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�3.

Menschenrechte - Der Austausch erfolgt über
Menschenrechte und humanitäre Fragen.

4.

Überregionale Probleme - In diesem Bereich
werden Terrorismusbekämpfung, Bekämpfung
des Drogenhandels und Umwelt behandelt.

* * *

Seite 2

5.

Bilaterale Beziehungen - Dieses Thema deckt
ein breites Spektrum von Problemen von amerikanisch-sowjetischen Austauschprogrammen
über Zivilluftfahrt bis zur Arbeit der Botschaften
ab.

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
16. Mai 1990

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz
WASHINGTON - (AD) - Staatssekretär Paul Wolfowitz vom US-Verteidigungsministerium erwartet trotz der
jüngsten Verzögerungen bei den KSE-Verhandlungen in Wien die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens noch
in diesem Jahr. Vor dem Unterausschuß für Europäische Angelegenheiten des Auswärtigen Senatsausschusses erklärte Wolfowitz am 9. Mai 1990, daß auch im Rahmen der von Präsident Bush vorgeschlagenen
umfassenden Überprüfung der NATO-Strategie die Präsenz amerikanischer Truppen in Europa nicht zur
Diskussion stehe. Zu einer Reduzierung dieser Truppen unter die für KSE vorgeschlagenen 195 000 Mann
meinte Wolfowitz, es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, über eine neue Obergrenze zu sprechen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über diese Gelegenheit, vor diesem
Ausschuß zu den amerikanischen Sicherheitsbeziehungen mit Europa Stellung nehmen zu können.
Wir befinden uns inmitten historischer Veränderungen, die eine Gelegenheit bieten, die Vereinigten Staaten
und Europa in ein neues Zeitalter von Freiheit und
Frieden zu führen - ein Europa, das mit den Worten des
Präsidenten 'ungeteilt und frei' ist.
Wie Sie wissen, hat der Präsident erst vor wenigen
Tagen eine historische NATO-Initiative verkündet, die
nicht nur unmittelbar auf die einschneidenden Veränderungen im europäischen sicherheitspolitjschen Umfeld
eingeht, sondern darüber hinaus die NATO in die Lage
versetzt, in den kommenden Monaten und Jahren
wichtige Anpassungen bei ihrer Rolle und Strategie
vorzunehmen.
Die Initiative des Präsidenten sieht einen NATO-Gipfel
vor, der eine umfassende Überprüfung der Strategie
einleiten soll. Der Gipfel würde diese Überprüfung
durch die Behandlung Verfolgenden vier entscheidenden Punkte lenken:

AMERIKA DIENST 19

Erstens sollte die NATO ihre künftige politische Mission überdenken.
Die zweite Aufgabe des Gipfels ist die Überprüfung der
künftigen konventionellen Verteidigungsanforderungen
für das Bündnis sowie der nächsten Schritte in der
konventionellen Rüstungskontrolle. Die Vereinigten
Staaten gehen davon aus, daß die NATO weiterhin
eine solide, geschlossene und effektive militärische
Fähigkeit benötigt, deren genauer Umfang jedoch
noch analysiert werden muß.
Drittens sollte der Gipfel die Zukunft der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa einschätzen und
sich auf umfassende Ziele für künftige Verhandlungen
mit der Sowjetunion über nukleare Kurzstreckenwaffen verständigen. In dieser Hinsicht hat der Präsident
seine Entscheidung bekanntgegeben, auf ein LANCEFolgesystem zu verzichten und die weitere Modernisierung der in Europa stationierten nuklearen Artillerie
einzustellen.
Schließlich forderte der Präsident die NATO auf,
gemeinsame Ziele für die künftigen Beratungen der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) zu erarbeiten. Die Vereinigten Staaten

Seite 1

�sind der Ansicht, daß die KSZE eine besonders konstruktive Rolle bei der Anbindung der Staaten des
Warschauer Pakts an den Westen spielen kann.
Ich möchte anmerken, daß die Vereinigten Staaten
unabhängig von den vorgenommenen Veränderungen
davon ausgehen, daß die NATO unser wichtigstes
sicherheitspolitisches Bindeglied mit Europa darstellt.
Ich möchte nun kurz auf die jüngsten Veränderungen
in Europa und die Reaktionen eingehen, die wir umgesetzt haben oder die in Zukunft erforderlich werden
könnten.
Veränderungen in Osteuropa und der
Sowjetunion
In den letzten Monaten haben spektakuläre Veränderungen stattgefunden, die ein grundlegend neues
Zeitalter in Europa versprechen. Das Ziel der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten, ein "ungeteiltes
und freies" Europa und insbesondere ein Osteuropa
hervorzubringen, das unabhängig und demokratisch
ist, liegt jetzt in Reichweite.
Wie sie wissen, haben in jüngster Zeit folgende Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa stattgefunden:
der Niedergang sowjetisch gesteuerter Regime,
Schritte der Demokratisierung, einschließlich
freier Wahlen,
gestiegene Achtung grundsätzlicher Menschenrechte,
Hinwendung zur freien Marktwirtschaft und
sowjetische Übereinstimmung mit der Tschechoslowakei und Ungarn über einen vollständigen Truppenabzug bis Ende Juni 1991.
Eine weitere spektakuläre Veränderung, von der man
noch vor einem Jahr kaum zu träumen wagte, ist die
Aussicht der Vereinigung beider deutscher Staaten in
naher Zukunft. Bei ihren Wahlen im März haben die
DDR-Bürger sich eindeutig für einen baldigen Zusammenschluß mit dem Westen ausgesprochen. Wir
haben die Vereinigung beider deutscher Staaten seit
langem unterstützt und arbeiten jetzt bei den Zweiplus-Vier-Gesprächen an ihrer Verwirklichung. Ferner
hat auch der Präsident auf unsere Position - und die
aller NATO-Regierungen - verwiesen, Deutschlands
Wunsch nach Vollmitgliedschaft in der NATO zu unterstützen. Wenn das der Fall ist - wovon ich überzeugt
bin -, wird die Vereinigung beider deutscher Staaten
ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung auf unser
Endziel eines ungeteilten und freien Europas sein.
Gleichzeitig haben alle nichtsowjetischen Länder des
Warschauer Pakts außer Rumänien die Absicht zur
Reduzierung ihrer Streitkräfte und Militärausgaben

Seite 2

bekundet, und einige Streitkräftereduzierungen haben
bereits stattgefunden. Grundsätzlich scheint der
Warschauer Pakt einen großen Teil seiner Bedeutung
als Militärbündnis verloren zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß Länder Osteuropas sich freiwillig an einer
sowjetischen Offensive auf die NATO beteiligen könnten, scheint jetzt verschwindend gering.
Auch in der Sowjetunion selbst finden bemerkenswerte Veränderungen statt. Politisch scheint Gorbatschow einen positiven Weg einzuschlagen, obwohl
Rückschritte nicht ausgeschlossen werden können.
Es bleibt zum Beispiel abzuwarten, ob die UdSSR bei
ihrer Reaktion auf die Unabhängigkeitsabsichten des
litauischen Volkes auf Gewalt oder friedlichen Dialog
setzen wird.
Im Bereich der Verteidigung führt die Sowjetunion
einseitig bei ihren Streitkräfte Umstrukturierungen und
Reduzierungen durch, die zwar in gewissem Maße
durch die kontinuierliche Modernisierung abgeschwächt
werden, aber dennoch zum ersten Abbau des konventionellen Ungleichgewichts beigetragen haben.
Von einem Abkommen bei den Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erwarten
wir eine weitere starke Reduzierung der Streitkräfte.
Trotz des eher schleppenden Verhandlungsverlaufs in
den letzten Wochen gehen wir davon aus, daß es noch
in diesem Jahr zur Unterzeichnung eines KSE-Abkommens kommt. Die vorgesehenen Reduzierungen hat
es in diesem Umfang noch nie gegeben: zum Beispiel
würden 15 000 sowjetische Panzer, 12 500 Artilleriegeschütze und 21 000 gepanzerte Fahrzeuge zerstört. Angesichts dieser bemerkenswerten Ereignisse
wird es einige grundlegende Veränderungen geben,
die wir nach eingehenden Überlegungen für die nächsten Jahre prognostizieren:
den Abschluß öffentlich angekündigter einseitiger Streitkräftereduzierungen und -Umstrukturierungen bei den Sowjets,
die vollständige Durchführung des gegenwärtig
ausgehandelten KSE-Abkommens,
das Ende des Warschauer Pakts als Militärbündnis,
Abzug der Sowjets aus Osteuropa und
die Entstehung demokratischer und pluralistischer Staats- und Wirtschaftssysteme in ganz
Osteuropa.
In Anbetracht dieser wichtigen gegenwärtigen und
erwarteten Veränderungen sollten wir uns auch vor
Augen führen, daß noch dunkle Wolken über uns
schweben. Die amerikanischen und westlichen Vorbereitungen im Bereich der Sicherheit müssen diese
Realitäten ebenso berücksichtigen wie die positiven
Entwicklungen, von denen wir gerne hören.

AMERIKA DIENST 19

�Es darf jedoch nicht außer acht gelassen werden, daß
die Sowjetunion in absehbarer Zukunft eine militärische Supermacht bleiben dürfte. Wir sollten immer
daran denken, daß die jüngsten Reduzierungen ihrer
militärischen Fähigkeiten von dem Rekordniveau einer
25jährigen Aufrüstung aus erfolgt ist. Im strategischen
Bereich erörtern wir einschneidende Reduzierungen
bei unseren Programmen, während bei den Sowjets
die Produktion kontinuierlich fortgesetzt wird. Tatsächlich produzieren die Sowjets weiterhin drei neue
Interkontinentalraketen (die SS-18 MOD5, SS-24 und
SS-25), drei Bomber (BLACKJACK, BACKFIRE und
BEAR H) und ein nukleargetriebenes Raketenunterseeboot (DELTA IV). Wir haben im vergangenen Jahr
12 ICBMs (aller Typen) hergestellt, die Sowjets hingegen 140. Und dies in dem Jahr, in dem auch Verteidigungsminister Cheney zufolge viele sagten, es gebe
angeblich keine Bedrohung mehr.
Sogar im konventionellen Bereich, in dem wir erst vor
kurzem den Rückgang der sowjetischen Panzerproduktion begrüßt haben, sollten wir uns vor Augen
führen, daß die Sowjetunion genau seit Gorbatschows
Amtsantritt im Jahr 1985 mehr Panzer und Artillerie
produziert hat als in den Arsenalen Frankreichs, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland insgesamt vorhanden sind. Darüber hinaus deutet der
anhaltend hohe Stand der Produktion von Rüstungsgütern - trotz der erdrückenden wirtschaftlichen Probleme - darauf hin, daß hochmoderne konventionelle
Streitkräfte bei den Sowjets immer noch eine hohe
nationale Priorität haben. Obwohl 1989 bei der Herstellung von Panzern und Artilleriegeschützen ein
erheblicher Rückgang zu verzeichnen war, ist die
Produktion anderer Panzerfahrzeuge, Granatwerfer,
Kurzstreckenraketen und Luftabwehrgeschütze gestiegen. Die Herstellung von Militärhubschraubern
und Kampfflugzeugen wird in unverändertem Umfang
fortgesetzt. Darüber hinaus liegt die Produktion auch
in den Bereichen, wo Reduzierungen vorgenommen
wurden, immer noch im Vergleich zur NATO doppelt so
hoch bei Panzern und zehnmal so hoch bei Artillerie.
Dabei muß man jedoch einen Punkt bedenken. Der
Prozeß, bei dem Demokratie institutionalisiert und
erwartete Veränderungen bei der Militärdoktrin und
Streitkräftestruktur dauerhaft durchgeführt werden, hat
in Osteuropa - von der Sowjetunion ganz zu schweigen
- gerade erst begonnen. Obwohl die Bedrohung
drastisch abgenommen hat und wichtige Veränderungen bei der Vorwarnzeit und den nichtsowjetischen
Streitkräften des Warschauer Pakts stattgefunden
haben, verfügen die Sowjets immer noch über ungeheure militärische Fähigkeiten. Wir erwarten keine
Großoffensive mit kurzer Vorwarnzeit an drei Fronten
in Europa mehr, können aber die Wiederherstellung
einer solchen Fähigkeit der Sowjets nach einer gewissen Zeit nicht völlig ausschließen. Kurzfristig sind wir
auch besorgt über die anhaltenden nachrichtendienstlichen Verbindungen zwischen den Regierungen des
Warschauer Pakts und der Sowjetunion.
AMERIKA DIENST 19

Darüber hinaus besteht eindeutig die Möglichkeit der
Instabilität in Osteuropa und - wie der Fall Litauen zeigt
- in der Sowjetunion. Bisher ist nie der Versuch einer
wirtschaftlichen und politischen Umwandlung von totalitärem Marxismus-Leninismus in eine freie Gesellschaft unternommen worden.
Dramatische und tiefgreifende Veränderungen sind
oftmals unberechenbar und könnten unbeabsichtigte
Konsequenzen nach sich ziehen. Der dramatische
Schritt der Veränderung birgt zusammen mit ethnischen Konflikten und schwelendem Territorialstreit
das Potential für Instabilität. Ferner besteht das Problem großer Erwartungen, die kurzfristig kaum zu
befriedigen sein dürften. Wir dürfen nicht vergessen,
daß die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts mit
dem Machthunger großer Mächte gegenüber Osteuropabegannen. Präsident Bush hat dazu erklärt: "Der
Gegner ist die Unberechenbarkeit. Der Gegner ist die
Instabilität.
Die Reaktion der NATO
Insgesamt ergibt sich für die NATO ein Bild aus
vielversprechenden Veränderungen und anhaltenden
Herausforderungen an die Sicherheit. Angesichts des
vom Präsidenten eingeleiteten Überprüfungsprozesses muß die NATO meiner Ansicht nach drei Dinge
gleichzeitig tun - in einer Zeit der Unsicherheit und
potentiellen Instabilität die erforderlichen Fähigkeiten
beibehalten, auf bereits erfolgte Veränderungen reagieren und sich überlegen, wo die NATO stehen soll,
wenn die erwarteten tiefgreifenden Veränderungen
erfolgen.
Angesichts dieses komplexen Prozesses sollte unsere
Politik einige Grundsätze befolgen. Der erste ist die
anhaltende Bedeutung der Präsenz von US-Streitkräften in Europa. Der Präsident hat erklärt, daß wir dort
militärisch wichtige US-Truppen beibehalten, solange
unsere Verbündeten dies wünschen und benötigen.
Für uns ist diese Präsenz erforderlich, um ein Gegengewicht zur Sowjetunion bilden und zur Stabilität in
Europa beitragen zu können. Das erste und vordringlichste Ziel besteht im Schutz unserer eigenen nationalen Sicherheitsinteressen. Wir haben aus den beiden
Kriegen dieses Jahrhunderts gelernt, daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten und Europas untrennbar
miteinander verknüpft ist.
Ein weiterhin gültiges Prinzip, das auf der Hand liegen
sollte - insbesondere angesichts des sowjetischen
strategischen Modernisierungsprogramms - ist die
anhaltende Notwendigkeit einer modernen nuklearen
Abschreckung der Vereinigten Staaten. Die amerikanischen strategischen Nuklearstreitkräfte bilden das
Rückgrat der Abschreckungsstrategie der NATO. Die
Beibehaltung einer effektiven Triade ist notwendig,
damit die kontinuierliche Glaubwürdigkeit dieser Streitkräfte gewährleistet werden kann, und darüber hinaus
ist es an der Zeit, die Triade um die strategische

Seite 3

�Verteidigung zu erweitem. Die heute von uns entwikkelten Systeme werden die Streitkräftestruktur schaffen, die bis ins nächste Jahrhundert hinein Gültigkeit
haben wird. Nuklearstreitkräfte sichern uns gegen unvorhergesehene Veränderungen oder eine Umkehrung der heutigen positiven Tendenzen ab.
Ein weiterer Grundsatz ist die Notwendigkeit, die NATO
aufrechtzuerhalten. Die NATO war und ist wichtigstes
Instrument für die transatlantischen Sicherheitsbeziehungen und ein Mittel, um unsere nukleare Abschrekkung in die Verteidigung unserer Verbündeten zu
integrieren. Deshalb messen wir der Mitgliedschaft
eines vereinigten Deutschlands in der NATO so große
Bedeutung bei. Keine andere Organisation in Europa
kann die NATO ersetzen. Obwohl wir eine größere
Rolle anderer europäischer Institutionen fördern, sind
wir gegen Vorschläge für eine neue Sicherheitsstruktur als Ersatz für die NATO. Unserer Meinung nach
kann der KSZE-Prozeß nur dann künftig einen Beitrag
zur Stärkung der europäischen Sicherheit leisten, wenn
es ein effektives atlantisches Bündnis gibt, das diesen
Prozeß fördert. Eine stärkere KSZE sollte nicht die
NATO ersetzen wollen, sondern - wie Präsident Bush
erklärt hat, "die NATO stärken und demokratische
Werte in einem ungeteilten und freien Europa fördern
helfen".
Kurzfristige Anpassung an Veränderungen
Innerhalb dieses Rahmens von Grundsätzen wird bereits
im Bündnis daran gearbeitet, sich der veränderten
Situation in Europa anzupassen. In den Vereinigten
Staaten hat der Verteidigungsminister die Streitkräfte
angewiesen, sich darauf einzustellen, daß Mitte der
neunziger Jahre unsere vorgeschlagenen KSE-Reduzierungen verwirklicht sein werden. Das bedeutet die
Planung eines erheblichen Abbaus von US-Streitkräften nicht nur in Europa, sondern auch bei den Streitkräften, die Europa Verstärkung leisten sollen.
Ähnliche Bemühungen sind innerhalb der NATO im
Gange. So entwickeln die militärischen Stellen der
NATO zur Zeit eine neue Bedrohungsanalyse. Sie
haben bereits verschiedene Veränderungen ins Kalkül
gezogen: Eine Reduzierung der Manöver, überarbeitete Ausbildungsprogramme und neue Einsatzkonzepte. Die Auswirkungen der KSE-Gespräche werden
ein wichtiges Thema bei den Ministertagungen im
Frühjahr sein, von denen eine - das Treffen der Nuklearen Planungsgruppe - gerade heute in Kananaskis in
Kanada stattfindet.
Die Entscheidungen, auf ein LANCE-Nachfolgesystem zu verzichten, Verhandlungen über die atomaren
Kurzstreckenwaffen anzustreben und eine umfassende Überprüfung der NATO-Strategie einzuleiten, sind
ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie wir unsere
Verteidigungsplanung an das neue sicherheitspolitische Umfeld anpassen. Ich möchte hier anmerken,
daß die NATO stets bestrebt war, lediglich das für die

Seite 4

Gewährleistung von Abschreckung und Stabilität erforderliche Minimum an nuklearen Streitkräften zu
unterhalten. Die NATO hat bereits erhebliche einseitige Reduzierungen ihrer kriegsschauplatzgebundenen Kernwaffen vorgenommen. Sollten sich die gegenwärtigen günstigen Tendenzen fortsetzen, wird die
NATO im Konfliktfall weniger schnell auf den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen angewiesen sein. Sie
wird dann ihren Kernwaffenbestand weiter reduzieren
können. Aber unsere kriegsschauplatzgebundenen
Kernwaffen werden weiterhin von entscheidender
Bedeutung sein, um jede Form der Aggression, ob
konventionell oder nuklear, abzuschrecken. Um erneut den Präsidenten zu zitieren: "Die Vereinigten
Staaten werden nicht zulassen, daß Europa eher zum
Schauplatz eines konventionellen Krieges wird."
Im Hinblick auf die atomaren Kurzstreckenwaffen wird
deren Rolle durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen konventionellen Verteidigung durch
die NATO deutlich reduziert. Unter den neuen Bedingungen von heute wäre ein stärkerer Rückgriff auf
Mehrzweckflugzeuge und seegestützte Systeme zusammen mit Maßnahmen zur Erhöhung ihrer Überlebensfähigkeit und Effektivität angemessen.
Ich möchte femer anmerken, daß die dramatischen
Veränderungen in Osteuropa, der faktische Zerfall des
Warschauer Pakts und Reduzierungen der sowjetischen Streitkräfte in Zusammenhang mit KSE und
START voraussichtlich auch andere militärische Erfordernisse herunterschrauben werden. So haben bei
der kürzlich abgeschlossenen Überprüfung unserer
Luftstreitkräfte die grundlegenden Umwälzungen in
Osteuropa den Entschluß des Verteidigungsministers
beeinflußt, die geplante Beschaffung von B-2-Bombern zu reduzieren. Die Veränderungen bei der Vorwarnzeit haben femer zu den einschneidenden Kürzungen in unserem C-17-Programm beigetragen.
Allerdings ist es bei niedrigeren Streitkräfteniveaus
umso wichtiger, daß die verbleibenden Systeme effektiv und überlebensfähig sind, was deren kontinuierliche Modernisierung voraussetzt. Überdies könnten
strategische Verteidigungssysteme erforderlich sein,
um die Stabilität auf niedrigeren Niveaus der Offensivstreitkräfte sicherzustellen und eine Rückversicherung gegen Vertragsbrüche zu gewährleisten.
Unsere langfristige Vision für die NATO
Die größte Herausforderung für die NATO ist vielleicht
die Frage, wo wir einmal stehen wollen, wenn die
gegenwärtig stattfindenden fundamentalen Veränderungen in Osteuropa vollendet sind. Selbstverständlich müssen wir sicherstellen, daß die Veränderungen
im Bündnis nicht dem Wandel in Osteuropa und der
Sowjetunion vorauseilen. Auch hier bemühen wir uns
sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der
NATO, dieser Herausforderung gerecht zu werden.
Unsere Bemühungen werden durch die Initiative des
Präsidenten gestärkt und systematisiert. Notwendi-

AMERIKA DIENST 19

�gerweise haben unsere Überlegungen im gegenwärtigen Stadium nur vorläufigen Charakter. Im folgenden
möchte ich zum Einstieg einige persönliche Bemerkungen machen, erstens zur militärischen Strategie
der NATO und zweitens zu den operativen Konzepten
und Fähigkeiten, mit denen diese Strategie umgesetzt
werden soll.
Der Präsident hat angeregt, daß im Rahmen eines
NATO-Gipfels im Frühsommer eine umfassende
Überprüfung der NATO-Strategie eingeleitet werden
sollte. Diese wichtige Initiative hat zum Ziel, die Rolle
des Bündnisses in den neunziger Jahren und danach
zu definieren. Sie wird die bereits in Washington und
den anderen NATO-Hauptstädten angestellten Überlegungen zusammenfassen. Wir müssen jedoch bei
Veränderungen der Strategie umsichtig vorgehen, bis
die von uns in Europa angestrebten Veränderungen
verwirklicht sind. Selbst dann werden sich bestimmte
Schlüsselprinzipien der militärischen NATO-Strategie
als äußerst zeitgemäß erweisen. Zu diesen Prinzipien
zählen:
Verteidigung so weit vorne wie möglich, um die
territoriale Integrität der NATO zu bewahren.
Beantwortung jeden Angriffs mit einem geeigneten Mix und Niveau konventioneller und, falls
erforderlich, nuklearer Streitkräfte.
Eine wesentliche Präsenz amerikanischer Streitkräfte in Europa.
Im Hinblick auf die Frage der operativen Konzepte und
Fähigkeiten habe ich bereits auf einige Möglichkeiten
für Veränderungen bei unseren atomaren Streitkräften
hingewiesen. Ich möchte mich nun unseren vorläufigen Überlegungen über die zu erwartenden Erfordernisse im konventionellen Bereich zuwenden.
Die operativen Konzepte nach einem KSE-Abkommen
werden von den geringeren Streitkräfteniveaus beider
Seiten und der Abwesenheit sowjetischer Truppen in
Osteuropa beeinflußt werden. Diese Niveaus und
Stationierungsgebiete werden im allgemeinen bedeuten, da ß die Vorwarnzeit erheblich verlängert wird. Ein
kurzfristiger Angriff, wenn er überhaupt eine sowjetische Option bleibt, könnte nur an einem oder wenigen
Abschnitten stattfinden. Damit würde die Bedeutung
effektiver Überwachungsfähigkeiten sowie der Führungs- und Kommunikationsmittel erhöht. Darüber
hinaus würde eine verstärkte Betonung von Mobilität
und Manövrierfähigkeit erforderlich, einschließlich
größerer Konzentration auf operative Reserven und
flexible logistische Unterstützung.
Gleichzeitig sollten wir unsere Planung nicht nur auf
einen kurzfristigen Angriff mit notwendigerweise begrenzten Zielen einstellen. Wir müssen ferner darauf
vorbereitet sein, über eine längere Vorwarnzeit hinweg
auf alle künftigen Versuche der Sowjets zu reagieren,

AMERIKA DIENST 19

ihre strategischen kriegsschauplatzgebundenen Fähigkeiten wiederherzustellen. Unter Berücksichtigung
dieser Tatsache werden die Fähigkeiten zum Krisenmanagement und zur stufenweisen Mobilisierung - um
die Erhaltung der Abschreckung zu gewährleisten - im
Vergleich zu heute an Bedeutung zunehmen. Verstärkungsfähigkeiten, darunter Luft- und Seetransport sowie
Aufnahmefähigkeiten werden wichtig bleiben, obwohl
es dabei weniger auf Geschwindigkeit ankommen
wird. Eine damit einhergehende Notwendigkeit ist die
Aufrechterhaltung der Überlegenheit zur See, um den
kontinuierlichen Zugang zu lebenswichtigen Seewegen zu gewährleisten.
Insgesamt werden die NATO-Streitkräfte kleiner sein,
aber sie werden gleichzeitig mobil, flexibel, überlebensfähig und technisch überlegen sein müssen. Wir
untersuchen gegenwärtig Möglichkeiten einer stärkeren Betonung multinationaler Streitkräfte - zum Beispiel multinationaler Korps -, um die Geschlossenheit
des Bündnisses zu demonstrieren und jede Form
eines Angriffs, einschließlich eines begrenzten Angriffs auf die Flanken der NATO abzuschrecken. Bei
solchen Streitkräften wird das Schwergewicht auf Interoperabilität und Standardisierung liegen. Wir erwarten darüber hinaus, daß unsere Verbündeten mehr
Verantwortung bei der routinemäßigen Abschreckung
und im Anfangsstadium der Verteidigung übernehmen. Es wird weniger ständig vorne stationierte
amerikanische Truppen und mehr vorübergehende
Stationierungen von Land-, Luft- und Seestreitkräften
unterschiedlicher Dauer geben. Ich möchte die weiterbestehende Notwendigkeit für das Bündnis betonen,
seinen technologischen Vorsprung zu bewahren. Im
Zuge unserer reduzierten Rüstungsproduktion werden
besondere Bemühungen nötig sein, um unsere industrielle Basis zu schützen und ein hohes Niveau in
Forschung und Entwicklung beizubehalten.
Zusammenfassung
Kurz gesagt: Die NATO blickt nach vorn und schreitet
voran. Das Bündnis paßt sich mit kurzfristigen Maßnahmen und umfassenden Überprüfungen ihrer Ziele,
getragen von den Initiativen des Präsidenten, der
neuen Lage an. Im Verteidigungsbereich planen wir
und unsere Verbündeten eine Überprüfung der militärischen Strategie der NATO und sind bereits im Begriff,
neue operative Konzepte und Fähigkeiten zu entwickeln.
Insgesamt besteht unsere Aufgabe darin, den Erfordernissen eines veränderten sicherheitspolitischen
Umfelds auf eine Art und Weise gerecht zu werden, die
von der Öffentlichkeit und den Parlamenten der NATOMitgliedstaaten unterstützt wird und gleichzeitig die
anhaltenden Realitäten und sicherheitspolitischen Herausforderungen für die NATO nicht zu vergessen. Am
wichtigsten ist die enge Zusammenarbeit mit unseren
Verbündeten und die Herstellung eines sorgfältig

Seite 5

�abgestimmten Gleichgewichts - Anpassung an den
Wandel und Vorbereitetsein auf noch größere Veränderungen in der Zukunft, ohne über das hinauszugehen, was die militärische Klugheit gebietet. Die NATO
steht heute an einem historischen Wendepunkt und
hat eine einzigartige Chance, ihr traditionelles Ziel, die

Überwindung der Teilung Europas, zu erlangen. Obwohl
dies eine enorme Aufgabe ist, haben wir es meines
Erachtens in der Hand. Wenn wir und unsere Verbündeten weiterhin eine ausgewogene Haltung einnehmen, so bin ich zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
können.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
16. MaM 990

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK
IM VERÄNDERTEN OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

FRANKFURT - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland,
Vernon A. Walters, hat am 25. April 1990 in einer Ansprache vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie
und Wissenschaft erklärt, die Vereinigten Staaten unterstützten die Staaten Osteuropas in ihrem Bemühen, "ihre
Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln. Unsere neue Politik der 'demokratischen Differenzierung' hat zum
Ziel, den Entwicklungsprozessen in den einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu
tragen und diese zu würdigen." Dabei hänge der Umfang der Unterstützung "von dem Grad der politischen und
wirtschaftlichen Reformen ebenso ab wie von der Menschenrechtspolitik..."
Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten bereits Maßnahmen getroffen, um die Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern zu verbessern und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach amerikanischer Überzeugung würden insbesondere "private Investitionen und höherer Außenhandel die
Voraussetzung für mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im Osten sein". Ferner kündigte der
Botschafter für die im Juni anstehende COCOM-Konferenz einen "umfassenden und weitreichenden" amerikanischen Vorschlag für eine Neugestaltung der multilateralen Exportkontrollen an.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Ich freue mich sehr, heute abend vor den Mitgliedern
und Gästen der Frankfurter Gesellschaft für Handel,
Industrie und Wissenschaft sprechen zu können. Mir
wurde gesagt, daß fast alle amerikanischen Botschafter in Bonn vor diesem hochangesehenen Forum
gesprochen haben. Es ist mir daher eine besondere
Ehre, diese Tradition fortzusetzen. Ich habe auch
erfahren, daß in diesem Club so herausragende Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Gustav Stresemann,
Theodor Heuss und Ludwig Erhard eine Rede hielten.
Ich danke Ihnen, daß Sie auch mirdiese Auszeichnung
zukommen lassen.
Es ist wirklich ein Erlebnis, in einer so bewegten und
faszinierenden Zeit in Europa zu sein. Insbesondere
1989 war ein aufregendes und außergewöhnliches
Jahr. Noch vor einem Jahr regierten in Osteuropa
kommunistische Regime, die im wesentlichen sowjetischen Machtinteressen gehorchten. Vor ungefähr

AMERIKA DIENST 19

einem Jahr begann Lech Walesa den Dialog mit den
regierenden Kommunisten in Polen; im Sommer letzten Jahres fanden freie und geheime Wahlen in jenem
Land statt. Solidarnosz wurde praktisch über Nacht
von einer verfolgten Oppositionsgewerkschaft zur
staatstragenden Macht in Polen.
Noch vor einem Jahr war Vaclav Havel ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei; heute ist dieser
bewundernswerte Mann Staatspräsident seines Landes. Vor einem Jahr sprach Erich Honecker davon, die
Mauer würde noch in hundert Jahren stehen; heute
sind die Mauer und Erich Honecker Geschichte. In der
DDR haben wir seit kurzem ein frei gewähltes Parlament und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist nur noch eine Frage der Zeit. Und vor einigen
Wochen schließlich mündete in Ungarn der bereits seit
einiger Zeit voranschreitende Reformprozeß in freien
Wahlen.

Seite 1

�In diesen und anderen Staaten Mittel- und Osteuropas
haben die Kommunisten ihr Machtmonopol aufgegeben. Mehrparteiensysteme haben sich bereits etabliert oder sind im Aufbau begriffen. Sogar die Sowjetunion ist sich der offensichtlichen Nachteile der Herrschaft einer Partei bewußt. Die Sowjets haben nun
damit begonnen, den Weg zu mehr politischer und
gesellschaftlicher Selbstbestimmung einzuschlagen
und marktwirtschaftliche Prinzipien einzuführen.
Präsident Bush hat angesichts dieser Entwicklungen
treffend festgestellt, daß 1989 das Jahr 1945 als
historischen Bezugspunkt für Europa abgelöst hat.
Diese Feststellung trifft auch für die Rolle der Vereinigten Staaten auf diesem Kontinent zu.
Ich persönlich bin wirklich sehr dankbar zu sehen, wie
sich der Kreis der Geschichte schließt. Ich habe immer
gehofft, daß die Entwicklungen, die ich seit jungen
Jahren mitverfolgt habe, ein positives Ende finden.
Aber ehrlich gesagt, ich hatte es nicht erwartet. Ich
schätze mich wirklich glücklich, Zeuge einer erstaunlichen Zeit zu sein. Und ich wünschte mir, daß alle
Männer und Frauen, die nach dem. Kriege zu dieser
Entwicklung beigetragen haben, den Erfolg ihres Wirkens miterleben könnten.
Die historischen Ereignisse des Jahres 1989 sind nach
unserer Überzeugung eine Bestätigung für die Nachkriegspolitik des Westens. Ein starkes Verteidigungsbündnis, pluralistische Gesellschaftsordnungen und
Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung
der Menschen- und Bürgerrechte haben uns innere
Stabilität und äußere Sicherheit gegeben. Diese Elemente waren gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung
und ein Vorbild für die Völker Mittel- und Osteuropas.
Wir waren stets überzeugt, daß die Nationen jenseits
des Eisernen Vorhangs - wenn sie die Gelegenheit
haben - ihre Freiheit wieder erkämpfen und ihre historischen Bindungen zum Westen wiederherstellen
würden. Unsere Hoffnungen haben sich nun erfüllt.
Natürlich war Gorbatschow derjenige, der den osteuropäischen Ländern die Möglichkeit zu Veränderungen gab. Er hob die Breschnew-Doktrin auf und
verzichtete auf die Stützung der abgewirtschafteten
kommunistischen Regime in Osteuropa durch die
sowjetische Militärmacht. In diesem Zusammenhang
muß aber auch deutlich gesagt werden, daß die entschlossene und beharrliche Politik der Vereinigten
Staaten und der NATO dem sowjetischen Präsidenten
keine andere Wahl ließ.
Wir sollten uns im klaren sein, daß die Demokratisierungswelle in Osteuropa ein großer Erfolg für den
Westen ist. Wir haben den kalten Krieg sozusagen
gewonnen. Aber es gibt noch viel zu tun. Wie 1945
stehen wir auch heute vor der enormen Aufgabe, die
politische und wirtschaftliche Architektur Europas neu
zu bestimmen. Die Herausforderung heute ist nicht
weniger groß als damals, aber ich freue mich, daß mit

Seite 2

größerer Einigkeit und Solidarität an diese Aufgabe
herangegangen wird.
Alle demokratischen Nationen haben ein enormes
Interesse am Erfolg der Reformen in Mittel- und Osteuropa. Die Vereinigten Staaten standen diesen Völkern
in der Vergangenheit zur Seite. Sie haben natürlich
auch unsere Unterstützung sozusagen auf dem letzten Stück ihres Weges.
Wir wissen, daß Veränderungen nicht nur auf einer
Seite stattfinden können. Auch wir müssen unsere
gewohnten Denkweisen in Frage stellen. Auch wir
müssen die Art, wie wir die Welt in den letzten vierzig
Jahren gesehen haben, verändern. Um es kurz zu
sagen, auch für uns muß das Jahr 1989 zum neuen
Bezugspunkt werden.
Unsere Aufgabe ist es nun, eine neue Politik zu entwerfen, um die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit meistern zu können. Wir müssen
die Nachkriegsordnung durch neue Formen des Zusammenlebens der Völker ersetzen. Im folgenden
möchte ich ein paar Überlegungen zur künftigen Politik
meiner Regierung darlegen. Dabei werde ich zunächst
kurz auf die politische Situation und auf Sicherheitsfragen eingehen. Anschließend möchte ich mich etwas
ausführlicher mit Fragen zur wirtschaftlichen Lage in
den Ländern Mittel- und Osteuropas befassen. In
diesem Zusammenhang geht es auch um die Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten zur Unterstützung
des Reformprozesses ergreifen.
Diejenigen, die die Nachkriegsordnung gestaltet haben, waren stets der Ansicht, daß mit dem Ende der
Teilung Europas auch die Teilung Deutschlands beendet ist. Dieser Zusammenhang fand wiederholt in
NATO-Kommuniques seinen Ausdruck. Ja, bei allen
großen Anlässen im Rahmen der transatlantischen
und westeuropäischen Zusammenarbeit wurde diese
Verbindung betont. Die Deutschen in der DDR haben
in den Wahlen am 18. März ihren Willen zur Vereinigung deutlich bekundet.
Mein Land setzt sich heute wie in der Vergangenheit
für die Einheit Deutschlands ein. Wir sehen in der
Erlangung der Einheit Ihres Landes einen großen

Erfolg unserer gemeinsamen Nachkriegspolitik. Wie
Sie wissen, spielen wir eine zentrale Rolle in den Zweiplus-Vier-Verhandlungen. Unser Ziel ist dabei ganz
einfach: Wir wollen, daß ein falscher Zustand endlich
aufgehoben und zurechtgerückt wird.
Auch in einem neuen Europa werden Sicherheitsfragen eine wichtige, wenn auch andersartige Rolle spielen. Wir werden uns möglicherweise weniger um die
gegenseitige nukleare Bedrohung der Supermächte
sorgen müssen. Dafür geben aber neue Nuklearstaaten Anlaß zu Sorge. Wir werden uns weniger Gedanken um einen Angriff des Warschauer Pakts in Europa
machen müssen. Aber es besteht die Gefahr, daß

AMERIKA DIENST 19

�Minderheitenprobleme und regionale Spannungen zu
offenen Auseinandersetzungen führen.
Es stellt sich nun die Frage, haben wir die richtigen
Einrichtungen und Mittel, um solchen Problemen zu
begegnen? Ich glaube ja. Ich denke, die Atlantische
Allianz und ihre Institutionen haben sich in der Vergangenheit bewährt und werden auch die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft meistern. In
diesem Zusammenhang bietet sich das Beispiel einer
Fußballmannschaft an, die zur Halbzeit 10:0 führt.
Wer möchte bei einem solchen Ergebnis die Spieler
auswechseln?
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Zukunft der NATO gesprochen. Manche meinen, die
NATO solle eine politische Organisation werden. Ich
sage, die NATO ist stets eine politische Organisation
gewesen. Und sie hat den Frieden sowohl durch
Abschreckung als auch durch den Dialog gesichert.
Die Vereinigten Staaten sehen verschiedene Möglichkeiten, wie die NATO ihre traditionelle Rolle weiterhin
einnehmen und neue Aufgaben übernehmen könnte.
Lassen Sie mich hierzu einige Beispiele anführen:
Erstens: Außenminister Baker hat den verbündeten
Regierungen vorgeschlagen, einen NATO-Stab zur
Verifikation von Rüstungskontrollmaßnahmen einzurichten. Zwar sollte die Verifikation in nationaler Verantwortung bleiben, aber ein solcher Stab könnte die
Verbündeten bei der Überwachung von Rüstungskontrollvereinbarungen unterstützen.
Zweitens: Regionale Konflikte sowohl innerhalb als
auch außerhalb Europas könnten zu einer ernsten
Herausforderung für europäische und atlantische Sicherheitsinteressen werden. Der Terrorismus ist eine
Bedrohung für uns alle, und ihm muß mit gemeinsamen Kräften begegnet werden. Die Weiterverbreitung
von atomaren, chemischen und biologischen Waffen
und von Raketentechnologie stellt eine neue und sehr
ernsthafte Gefahr dar. In all diesen Bereichen könnte
die NATO eine wichtige Rolle spielen.
Drittens: Die NATO sollte auch Überlegungen anstellen im Hinblick auf weitere Initiativen des Westens
gegenüber Mittel- und Osteuropa. Dazu gehören der
Aufbau und die Verbesserung politischer und wirtschaftlicher Bindungen ebenso wie die Propagierung
der Menschenrechte. Dazu gehören ferner die Schaffung eines offeneren Ost-West-Handels und eines
besseren Investitionsklimas bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen des Westens.
Ich möchte nun aber zum Hauptthema dieses Abends
kommen: Es geht darum, wie die Vereinigten Staaten
die wirtschaftliche Lage und Entwicklung in Mittel- und
Osteuropa einschätzen und welche Politik wir in diesem Zusammenhang verfolgen.
Wir alle sind glücklich und erleichtert über die politischen Veränderungen in diesen Ländern. Aber gleichAMERIKA DIENST 19

zeitig wissen wir, daß diese Staaten noch enorme
Herausforderungen auf wirtschaftlichem Gebiet zu
bestehen haben. In der Geschichte gibt es bisher kein
Beispiel für den Umbau einer Planwirtschaft zu einem
marktwirtschaftlichen System. Dabei dürfen wir nicht
außer acht lassen, daß die Sowjetunion und die anderen COMECON-Staaten gegenwärtig sozusagen aus
einer Zeitkapsel heraustreten. Diese Länder müssen
gegenüber dem Westen über vierzig Jahre, im Falle
der Sowjetunion über siebzig Jahre, an Erfahrung mit
der Marktwirtschaft aufholen.
Wie Sie wissen, hängt der Erfolg von umfassenden
Wirtschaftsreformen ab. Bis Wirtschaftswachstum
und Lebensstandard zunehmen, muß eine schwierige
Übergangsphase bewältigt werden. Selbst ein erfolgreiches Wirtschaftsprogramm kann die Auswirkungen
von vier Jahrzehnten Planwirtschaft nicht über Nacht
beseitigen. Viele Reformmaßnahmen werden erst in
einigen Jahren greifen.
Die Unzulänglichkeit der Planwirtschaft ist bekannt,
und ich glaube, auch ein sogenannter dritter Weg
würde nicht zum Erfolg führen. Über die zentral
gelenkte Wirtschaft erzählt man sich folgenden Witz,
der mir nicht weit von der Realität entfernt zu sein
scheint: Der Direktor einer Nagelfabrik ließ einen
einzigen großen Nagel herstellen. Er erfüllte das
Plansoll der Produktion gemessen an Tonnen und
damit war die Sache erledigt.
Eine Realität aber ist, daß es ganze Lagerhäuser mit
Schuhen gibt, die keiner kaufen will, weil entweder die
Qualität so schlecht ist oder es für die Fabrik leichter
war, nur Schuhe einer bestimmten Größe herzustellen. Man konnte lesen, daß in der Sowjetunion Getreide in Lagerhäusern verdirbt, weil keine Waggons für
den Transport verfügbar sind. Sie alle kennen Beispiele dieser Art.
Nun freue ich mich zu sehen, daß in all diesen Ländern
eine Auflösung der unwirtschaftlichen und verkrusteten Bürokratien im Gange ist. In einigen Ländern
schreitet dieser Prozeß schneller voran als in anderen,
aber überall wird es in der Zukunft ein marktwirtschaftliches System in irgendeiner Form geben. Ich weiß,
dies wird nicht von heute auf morgen geschehen. Aber
die Völker Osteuropas wissen, daß sie keine andere
Wahl haben und nur dieser Weg nach vorne führt.
Polen verfolgt eine sehr mutige Wirtschaftspolitik. Mit
einer Währungs- und Preisreform, mit Maßnahmen
zur Privatisierung und mit einem Ende der Subventionen für unwirtschaftliche Staatsbetriebe hat dieses
Land entscheidende Schritte unternommen. Obwohl
diese Maßnahmen die Preise in die Höhe trieben und
die Reallöhne sinken ließen, genießt die polnische
Regierung weiterhin das Vertrauen der Bevölkerung.
Die Polen wissen, daß vom Erfolg dieser Reformen
ihre Zukunft abhängt.

Seite 3

�Noch vor den Wahlen vor einigen Wochen hat die
ungarische Regierung Wirtschaftsreformen eingeleitet und das Investitionsklima beträchtlich verbessert.
Reformen im Steuer- und Bankwesen sowie im Investitions- und Außenhandelsbereich haben im letzten
Jahr zu einer Steigerung der amerikanischen Investitionen um das Fünffache beigetragen. Kein anderes
osteuropäisches Land kann so viele Joint Ventures mit
westlichen Partnern aufweisen wie Ungarn.
Wegen ihrer enormen Größe wird sich der Reformprozeß in der Sowjetunion wohl am schwierigsten gestalten. Dieses Land hat bisher im Vergleich zu anderen
Comecon-Staaten nur relativ geringfügige Wirtschaftsreformen unternommen. Es gibt aber ermutigende
Anzeichen, daß auch die Sowjetunion ernsthaft Marktprinzipien einführt.
Die Vereinigten Staaten sind sich der Schwierigkeiten
der mittel- und osteuropäischen Staaten auf wirtschaftlichem Gebiet bewußt. Der bisherige Fortschritt verdient jedoch unsere volle Anerkennung. Und ich
möchte ausdrücklich hervorheben, meine Regierung
sieht sich verpflichtet, diesen Staaten beim Übergang
von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zu helfen.
Wie Außenminister Baker im Dezember in Berlin sagte,
müssen wir diesen Staaten Hoffnung geben und ihnen
Chancen einräumen, die sie auf dem Weg zu Demokratie und Freiheit ergreifen können.
Mein Land unterstützt diese Staaten in ihrem Bemühen, ihre Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln.
Unsere neue Politik der "demokratischen Differenzierung" hat zum Ziel, den Entwicklungsprozessen in den
einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu tragen und diese zu würdigen.
Gemäß dieser Politik hängt der Umfang unserer UnterStützung von dem Grad der politischen und wirtschaftlichen Reformen ebenso ab, wie von der Menschenrechtspolitik in diesen Ländern und deren Haltung
gegenüber den Vereinigten Staaten. Natürlich wird
humanitäre Hilfe von diesen Faktoren unabhängig
bleiben.
Wie ich bereits sagte, ist unser neuer Bezugspunkt das
Jahr 1989. Den Problemen heute kann deshalb nicht
mit den Lösungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begegnet werden. Was Osteuropa heute braucht,
unterscheidet sich von den Erfordernissen der Nachkriegsjahre im Westen. Damals bestand unsere Aufgabe darin, die wirtschaftliche Infrastruktur und die
demokratischen Institutionen wiederherzustellen, die
für eine relativ kurze Zeit zerschlagen waren. Im
heutigen Mittel- und Osteuropa stehen wir vor dem
Problem, daß diese Institutionen schon seit Jahrzehnten nicht mehr bestehen und darüber hinaus ganze
Generationen ohne demokratische Tradition und
marktwirtschaftliches Denken herangewachsen sind.
Unsere erste Aufgabe muß es sein, einen Rahmen zu
schaffen, in dem unsere Wirtschaftshilfe den größten

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Nutzen bringt. Wir wollen keinen neuen Wein in alten
Schläuchen, denn für den neuen Wein brauchen wir
erst die neuen Schläuche. Vor diesem Hintergrund hat
meine Regierung auf unterschiedlichen Ebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern ergriffen.
Als erstes haben wir uns bemüht, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach unserer Überzeugung werden private Investitionen und höherer Außenhandel die Voraussetzung für
mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im
Osten sein. Um keine Zeit zu verlieren, wollten wir
sicherstellen, daß amerikanische Investoren bald die
entsprechenden Rahmenbedingungen und den erforderlichen Schutz in diesen Ländern vorfinden. Wir
haben mit einer Reihe von osteuropäischen Staaten
bereits Handels- und Wirtschaftsabkommen abgeschlossen, oder es sind Verhandlungen darüber im
Gange. Gleiches gilt für Investitionsschutzabkommen
oder die Gewährung des Status der Meistbegünstigung. Ich möchte nicht im einzelnen den Stand der
Verhandlungen aufführen, aber doch erwähnen, daß
wir mit großem Engagement dabei sind.
Lassen Sie mich nun auf ein Thema eingehen, das
sicherlich für Sie von großem Interesse ist. Ich spreche von der Exportkontrolle im Rahmen von COCOM,
und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir
auch auf diesem Gebiet in ein neues Zeitalter eintreten. Wir wissen, daß viel von dem technischen Knowhow, das dem Osten bisher vorenthalten wurde, der
Schlüssel zum Aufbau jener Volkswirtschaften ist.
Dies trifft insbesondere für die Bereiche Telekommunikation, Werkzeugmaschinen und Computer zu.
Im Juni wird bei einer COCOM-Konferenz auf hoher

Ebene jedes Mitgliedsland Vorschläge zur Reform der
COCOM-Liste unterbreiten. Ich versichere Ihnen, der
amerikanische Vorschlag wird umfassend und weitreichend sein. Als Ausgleich fordern wir allerdings entsprechende Sicherheiten hinsichtlich einer illegalen
Weitergabe militärisch nutzbarer Technologien. Diese
Sicherheiten und natürlich die positiven Entwicklungen
in Osteuropa geben uns einen gewissen Spielraum,
innerhalb dessen sich der Export von potentiell strategischer Technologie rechtfertigen läßt.
Unsere Finanzhilfe für Mittel- und Osteuropa steht im
Einklang mit unserem Gesamtkonzept für diese Region. Wir möchten uns auf ein paar Schlüsselgebiete
konzentrieren, in denen unsere Wirtschaftshilfe größtmöglichen Nutzen bringt. Mit Geld allein kann man die
Wirtschaftsprobleme im Osten nicht lösen. Die Milliardenkredite in den siebziger Jahren haben uns dies klar
vor Augen geführt.
Das heißt allerdings nicht, daß wir den osteuropäischen Staaten nicht beträchtliche Summen an Finanzhilfe zur Verfügung stellen. Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger hat kürzlich auf fol-

AMERIKA DIENST 19

�gende TaHache hingewiesen: Würden wir die gleichen Rechenmethoden wie andere anwenden, also
beispielsweise Darlehen und Umschuldungsmaßnahmen einbeziehen, so stünden wir an erster Stelle der
Geberländer für Wirtschaftshilfe für Osteuropa.
Unser Erfolg wird schließlich daran gemessen, ob wir
einen Beitrag zur Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für private Investoren und Unternehmer
leisten. Denn der private Sektor wird in erster Linie
zukunftsträchtige Arbeitsplätze schaffen und zur Erhöhung des Lebensstandards beitragen. Wir sind der
Meinung, daß nur die Privatwirtschaft diesen Ländern
das für eine erfolgreiche Zukunft erforderliche Kapital
und Know-how zur Verfügung stellen kann.
Das wirtschaftliche Interesse an Osteuropa ist überwältigend. Die Aussicht auf neue Märkte, die seit
vielen Jahren mit Waren und Dienstleistungen unterversorgt waren, ist für viele Unternehmer sehr verlokkend. Manche bezeichnen diese Region als die
"Wachstumsindustrie" der nächsten Dekade und darüber hinaus. Das amerikanische Handelsministerium
hat seit Januar über 5000 Anfragen von amerikanischen Geschäftsleuten zu Osteuropa erhalten. Wir
sind also zuversichtlich, daß die Kräfte des Marktes
bald ihre Wirkung zeigen und Osteuropa in die Weltwirtschaft einbezogen wird.
Auf internationaler Ebene sind eine Vielzahl multilateraler Organisationen tätig, die auch in den Reformländern des Ostens eine bedeutende Rolle spielen könnten. Ich denke hierbei an den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die OECD und schließlich
die Europäische Gemeinschaft und die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Jede dieser
Einrichtungen kann auf ihre Art wirtschaftliche Unterstützung leisten. Meine Regierung befürwortet grundsätzlich die Mitgliedschaft der osteuropäischen Länder
in diesen Organisationen, vorausgesetzt sie erfüllen
die Beitrittsbedingungen.
Auf dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli letzten
Jahres vereinbarten die Staats- und Regierungschefs
der Teilnehmerstaaten, die Wirtschaftshilfe für Osteuropa zu koordinieren. Insgesamt 24 Industrieländer
haben sich zu dieser sogenannten G-24-lnitiative zusammengefunden, und die Europäische Gemeinschaft
erfüllt mit Erfolg die ihr aufgetragene Koordinierungsaufgabe.

*

AMERIKA DIENST 19

Wir gehen davon aus, daß die Europäische Gemeinschaft eine Schlüsselrolle bei der Schaffung einer
neuen europäischen Architektur einnehmen wird. Die
EG steht gegenwärtig vor zwei wichtigen Herausforderungen: Erstens, die Vollendung des Binnenmarktes
bis Ende 1992; und zweitens, die Einbeziehung der
anderen europäischen Staaten in seine politischen
und wirtschaftlichen Strukturen. Die Vereinigten Staaten haben stets eine gewichtigere Rolle der Europäischen Gemeinschaft befürwortet. In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, daß wir größten
Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der EG in
allen Bereichen legen.
Die vor kurzem in Bonn zu Ende gegangene Konferenz
über wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa hat
der ökonomischen Seite des KSZE-Prozesses neue
Impulse gegeben. Auf dieser Konferenz haben die 35
Mitgliedstaaten sich mit den praktischen Problemen
befaßt, die sich bei der Umwandlung einer Planwirtschaft in ein marktwirtschaftliches System ergeben.
Die Teilnehmer fanden einen breiten Konsens und
vereinbarten eine enge Zusammenarbeit. Das Ergebnis ging weit über unsere Erwartungen von vor sechs
Monaten hinaus.
Lassen Sie mich mit ein paar Gedanken über die Welt
von morgen schließen. Ich stelle mir eine Staatengemeinschaft vor, in der alle gemeinsam für eine bessere
Zukunft arbeiten. Wir stehen heute vor Aufgaben, die
die ganze Menschheit angehen und die eine Nation
allein nicht lösen kann. Ich denke dabei an Umweltprobleme wie den Treibhauseffekt oder den internationalen Terrorismus und Drogenhandel. Wir wissen, die
internationale Zusammenarbeit gestaltet sich in vieler
Hinsicht als schwierig. Konkrete Ergebnisse lassen
sich kaum über Nacht erzielen. Aber im letzten Jahr
haben wir gesehen, wie atemberaubende Ereignisse
uns in wenigen Tagen in eine neue Zeit versetzen
können. Ich glaube, noch nie in diesem Jahrhundert
bestand eine so günstige Gelegenheit, gemeinsam
eine bessere Welt zu schaffen. Wir sollten diese
Chance nutzen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

Seite 5

�WELTBANK
16. Mai 1990

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT DER
WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Staatssekretär Mulford vor Entwicklungsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Die Weltbank sollte bei all ihren Maßnahmen der Entwicklung des Privatsektors höhere
Priorität einräumen. Dies erklärte der Staatssekretär im US-Finanzministerium, David Mulford, vor dem
Entwicklungsausschuß der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds am 8.Mai 1990 im Rahmen der
Frühjahrstagung der beiden Institutionen in Washington.
In der Erklärung, die Mulford stellvertretend für den amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady vortrug,
wurde darüber hinaus kritisiert, daß sich ein für dieses Treffen erstellter Umweltbericht primär auf den Vorschlag
zur Einrichtung eines neuen Umweltfonds konzentriert und eine Reihe wichtiger Fragen in bezug auf die
bestehenden Umweltprogramme der Bank außer acht läßt. Der zuerst von Frankreich angeregte Fonds würde
zinsgünstige Kredite für Umweltschutzprojekte mit weltweiten Auswirkungen anbieten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die amerikanische Erklärung im Wortlaut.

Heute morgen möchte ich auf drei Themen eingehen:
1.

Die Fortschritte aufgrund der verbesserte Schuldenstrategie, einschließlich der Bedeutung ausländischer Investitionen und der Rückkehr von
Fluchtkapital.

2.

Die Rolle des Privatsektors bei der Entwicklung.

3.

Die Behandlung von Umweltfragen in der Weltbank.

Die verbesserte Schuldenstrategie
Ich begrüße die im Rahmen der verbesserten Schuldenstrategie erzielten Fortschritte. Sechs hochverschuldete Länder haben Vereinbarungen mit den
Geschäftsbanken abgeschlossen. Die internationalen
Institutionen, die Regierungen der Gläubigerstaaten
und die Geschäftsbanken haben alle dazu beigetragen, die Reformbemühungen der Schuldner auf der
Grundlage des neuen Ansatzes zu unterstützen.

tisierung öffentlicher Unternehmen und die Entwicklung konkurrenzfähiger Volkswirtschaften sind ein
unerläßlicher Teil dieser Reformen.
Die Schuldner müssen die Investitionsbestimmungen
liberalisieren und funktionierende Kapitalmärkte im
Inland schaffen, um konkurrenzfähige Volkswirtschaften zu entwickeln und ausländisches Kapital anzuziehen. Die internationalen Finanzinstitutionen sollten
diese Bestrebungen ergänzen und eine aktivere Rolle
bei der Reform der Investitionsbestimmungen übernehmen. Sie sollten beispielsweise sektorgebundene
Anleihen für den Investitionsbereich entwickeln und
Maßnahmen zur Liberalisierung direkter Investitionsmaßnahmen bei kurzfristigen strukturellen und sektoralen Krediten einbeziehen. Die Programme zur
Umwandlung von Schuldtiteln in Beteiligungskapital
können ebenfalls ein wichtiges Element der Anpassungsprogramme darstellen und zum generellen
Schuldenabbau beitragen.
Die Rolle des Privatsektors

Die Schuldnerländer profitieren bereits davon. Die
Schuldenlast wurde reduziert, Fluchtkapital kehrt zurück und das Vertrauen der Investoren wächst. Um
jedoch sicherzustellen, daß diese Vorteile von Dauer
sind, müssen die Reformbemühungen weitergeführt
werden. Maßnahmen zur Förderung ausländischer
Investitionen und Rückführung von Kapital, die PrivaAMERIKA DIENST 19

Ein damit in Zusammenhang stehendes umfassenderes Thema ist die Bedeutung, die dem erweiterten
Beitrag des Privatsektors zur Entwicklung zukommt.
Die Entwicklungsländer haben allmählich erkannt, daß
ein dynamischer Privatsektor der Schlüssel zu kontinuierlicher Entwicklung und wirtschaftlichem WohlSeite 1

�stand ist. Die Vereinigten Staaten begrüßen diese
Veränderung und unterstützen und ermutigen sie auf
vielfältige Weise.
Die Weltbankgruppe kann das Wachstum des Privatsektors in den Schuldnerländern sehr gut fördern. Die
Weltbank sollte der Rolle des Privatsektors im Entwicklungsprozeß größere Bedeutung beimessen.
Da die Weltbank die Hauptquelle für die Vergabe von
kurzfristigen Krediten ist, kann sie den Entwicklungsländern bei der Einführung der erforderlichen makroökonomischen strukturellen und institutionellen Veränderungen behilflich sein. Die Bank sollte der Entwicklung des Privatsektors höhere Priorität beimessen
und sie über das gesamte Spektrum der Banktransaktionen hinweg institutionell verankern. Mangelnde Anreize für das Wachstum des Privatsektors und die Mobilisierung von Privatkapital könnten dauerhaftes Wachstum unterminieren.
Dieses Thema wird heute nachmittag erörtert. Angesichts der entscheidenden Bedeutung dieses Themas
und der Vielzahl anderer Tagesordnungspunkte fürdie
Nachmittagssitzung schlage ich jedoch vor, daß der
Ausschuß die Entwicklung des Privatsektors einschließlich der Mobilisierung von Privatkapital als erstes Diskussionsthema bei der nächsten Sitzung im September wiederaufgreift.
Die Umwelt
Abschließend möchte ich einige Bemerkungen zur
Umwelt machen. Die Vereinigten Staaten messen
diesem Problem große Bedeutung bei. Beim letzten
Jahrestreffen der Weltbank im September hat Präsident Bush eine größere Betonung der Umweltproblematik im nationalen Entscheidungsfindungsprozeß
gefordert, und zwar vor allem im Hinblick auf die

*

Seite 2

*

bessere Nutzung von Energie, Energiesparmaßnahmen und umfassenderen Schutz der tropischen Regenwälder. Die Vereinigten Staaten sind bestrebt, daß
die Weltbank ökologische Erwägungen in ihre Kredite
einbezieht und fördern den Einsatz von Mitteln mit
positiven Auswirkungen auf die Umwelt und entsprechende Aktionspläne.
Die Vereinigten Staaten haben die Methode des Schuldenerlasses im Austausch gegen Maßnahmen für die
Umwelt unterstützt, um Wälder und Feuchtgebiete zu
erhalten. Erst vor kurzem sind in einer Reihe von
Ländern entsprechende Verträge unterzeichnet worden. Obwohl es hier um vergleichsweise geringe
Beträge ging, ist ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen worden. Unserer Ansicht nach kann dieser Mecha
nismus noch innovativer verwendet werden und wir
ermutigen die Weltbank, eine noch aktivere Rolle bei
seiner Durchführung zu spielen. Zum Beispiel könnten
projektgebundene oder sektorale Kredite von der Bank
teilweise benutzt werden, um Schuldenerlaß gegen
Umweltmaßnahmen finanzieren zu helfen.
Die Bank hat für unser heutiges Treffen einen Umweltbericht vorbereitet. Dieser beschäftigt sich jedoch
vordringlich mit dem Green Fund und geht nicht auf
eine Reihe wichtiger Fragen im Zusammenhang mit
den bestehenden Umweltprogrammen der Weltbank
ein, wie es beim Treffen dieses Ausschusses im
September vergangenen Jahres gefordert worden war.
Die Weltbank hat im Bereich Umwelt große Fortschritte erzielt, es bleibt jedoch noch viel zu tun. Wir
schlagen vor, daß die im Herbst letzten Jahres angeforderten Informationen dem Ausschuß für sein nächstes Treffen im September zur Verfügung gestellt
werden, so daß eine Bilanz der Fortschritte der Weltbank gezogen wird und weitere Fortschritte auf den
Weg gebracht werden können.

*

*

AMERIKA DIENST 19

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