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U.S. Information Service
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4. April 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB
VON 12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte
NATO-Mitglied bleiben

DEMOKRATISIERUNG

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN
INSTRUMENT DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council

OFFENER HIMMEL

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes

WIRTSCHAFT

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des
Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
4. April 1990

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB VON
12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben
WASHINGTON - (AD) - Dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, James Dobbins, zufolge, könnte die Einheit Deutschlands juristisch innerhalb
von 12 bis 18 Monaten erreicht werden. In einer Anhörung vor dem Kongreßausschuß für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, die den Beziehungen zwischen dem KSZE-Prozeß und der Vereinigung Deutschlands gewidmet war, erklärte Dobbins am 3. April 1990 jedoch auch, es könne "fünf Jahre oder länger" dauern,
bis die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollständig verwirklicht werden kann. Darüber hinaus betonte
er auf Fragen von Ausschußmitgliedern, daß nach einmütiger Auffassung der Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO bleiben sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von James Dobbins im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, an der Erörterung von Fragen der
Vereinigung Deutschlands und der Bedeutung der
KSZE für diesen Prozeß in diesem Ausschuß teilnehmen zu können. Ich möchte zunächst eine Bilanz des
Zwei-plus-Vier-Prozesses ziehenund dann zur Grenzfrage und den Auswirkungen auf die NATO Stellung
nehmen. Zum Schluß möchte ich noch darüber sprechen, wie der KSZE-Prozeß aus unserer Sicht einen
positiven Beitrag zu einem neuen Europa leisten kann.
Zwei plus Vier
Die amerikanische Unterstützung der Einheit Deutschlands war eine der wichtigsten Konstanten der amerikanischen Außenpolitik seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder Präsident seit Truman hat Unterstützung
für dieses Ziel bekundet. Darüber hinaus war die
Vereinigung Deutschlands ein vordringliches Ziel der
NATO. So definierte zum Beispiel der Harmel-Bericht
von 1967 über "Die künftigen Aufgaben des Bündnisses" die Vereinigung Deutschlands als Ziel des Bündnisses und Schlüssel für eine "endgültige und stabile
Regelung in Europa". In der jüngeren Vergangenheit
wurde diese Verpflichtung des Bündnisses in der
Gipfelerklärung der NATO von 1989 mit den Worten
bekräftigt: "Wir streben einen Friedenszustand in
Europa an, in dem das deutsche Volk seine Einheit
wiedergewinnt." In all diesen Jahren haben wir das
Ziel eines in Frieden und Freiheit innerhalb einer
AMERIKA DIENST 13

demokratischen europäischen Staatengemeinschaft
vereinigten Deutschlands verfolgt. Dies ist genau das,
was wir heute verwirklichen.
Als dieses Ziel in den letzten Monaten in greifbare
Nähe rückte, ließen wir uns von zwei Grundsätzen
leiten: Daß die Vereinigung auf der Grundlage der
Selbstbestimmung der Deutschen verwirklicht und die
legitimen Interessen anderer Staaten berücksichtigen
sollte. Das heißt, daß die Vereinigung im Rahmen
eines umfassenderen Konsultationsprozesses stattfinden muß, wobei ein Schlüsselelement die Einbeziehung der vier Mächte mit ihren fortbestehenden Rechten und Pflichten für Berlin und Deutschland als Ganzes sein muß. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
umfassenderen Konsultationsprozesses haben sich
die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
und der Deutschen Demokratischen Republik sowie
die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens, der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Februar in
Ottawa darauf verständigt, eine Einrichtung ins Leben
zu rufen, die als Zwei-plus-Vier-Forum bezeichnet
wird.
Das erste Zwei-plus-Vier-Treffen am 14. März in Bonn
verlief positiv. Alle Parteien, einschließlich der Sowjetunion, nahmen eine konstruktive Haltung ein. Wie Sie
wissen, wurde dieses Treffen auf "Beamtenebene"

Seite 1

�abgehalten und war Verfahrensfragen gewidmet. Eine
Einigung wurde darüber erzielt, daß Polen bei die
Grenzen dieses Landes betreffenden Fragen beteiligt
würde. Ferner fand ein erster Gedankenaustausch
über die Tagesordnung statt.
Substantielle Gespräche wurden bis nach den DDRWahlen vom 18. März und der Bildung einer neuen,
demokratisch legitimierten Regierung in der DDR vertagt.
Obwohl die DDR noch mit der Bildung einer Regierungskoalition beschäftigt ist, schreitet der Prozeß fort.
Die nächsten Zwei-plus-Vier-Gespräche auf Beamtenebene könnten Ende April stattfinden. Treffen auf
Beamtenebene werden einem Treffen der Minister zu
diesem Thema vorausgehen.
Schon die Übereinkunft zur Schaffung des Zwei-plusVier-Mechanismus an sich war ein positiver Schritt auf
dem Weg zu einer Lösung des deutschen Problems,
mit der die Stabilität und Sicherheit Europas langfristig
verbessert wird. Zwei plus Vier ist ein Forum für
Gespräche überdie Fragen, die sich aus den besonderen Nachkriegsrechten und -pflichten der vier Mächte
für Berlin und Deutschland als Ganzes ergeben. Zur
Einheit Deutschlands gehören Fragen, die die legitimen Interessen der Nachbarn Deutschlands und anderer
europäischer Staaten berühren. Wir sind uns dieser
Tatsache bewußt und gehen davon aus, daß unsere
Partner beim Zwei-plus-Vier-Prozeß unsere Ansicht
teilen. Zwei plus Vier wird eine Aufgabe wahrnehmen,
die nur dieser Mechanismus lösen kann - die Erfüllung
der den vier Mächten vorbehaltenen Rechte und Pflichten und damit gleichzeitig deren Beendigung. Aber
Zwei plus Vier wird keine Beschlüsse für oder über
andere Nationen treffen.
Die Grenzen
Die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze ist
ein gutes Beispiel.
Wie der Präsident klarstellte, erkennen die Vereinigten
Staaten die heutige deutsch-polnische Grenze formell
an und achten die Verfügungen der Schlußakte von
Helsinki über die Unverletzbarkeit der bestehenden
Grenzen in Europa. Als Ergebnis dessen haben die
Zwei-plus-Vier-Teilnehmer vereinbart, Polen zur Teilnahme einzuladen, wenn speziell die Grenzen dieses
Landes betreffende Fragen diskutiert werden. Wir
gehen davon aus, daß diese Regelung sich als befriedigend erweisen wird. Um diesen Prozeß zu fördern,
hat Bundeskanzler Kohl ein Verfahren skizziert, demgemäß das neugewählte Parlament der DDR und der
Bundestag Erklärungen über die Anerkennung der
Grenze abgeben und ein vereinigtes Deutschland einen
neuen Vertrag mit Polen abschließen würde, der die
Anerkennung der bestehenden Grenze bekräftigt. Wir
sind davon überzeugt, daß die beiden deutschen Staaten
diesen Prozeß schon sehr bald in Gang bringen werden.

Seite 2

Auswirkungen auf die NATO
Aufgrund der augenscheinlichen Auflösung des Warschauer Pakts und der sich anbahnenden Einheit
Deutschlands stellt manch einer die Frage, was dies
für die Zukunft der NATO bedeutet. Wir benötigen die
NATO heute aus den gleichen Gründen, aus denen sie
geschaffen wurde. Die NATO bleibt für das Gleichgewicht in Europa unverzichtbar. Trotz der Reduzierungen bleiben die sowjetischen militärischen Fähigkeiten
bei weitem die umfangreichsten in Europa, und diese
Fähigkeiten lassen sich nur durch eine transatlantische Verteidigung ausgleichen. Andererseits erwarten wir, daß aufgrund des nachlassenden Konfliktrisikos die politische Arbeit der NATO an Bedeutung
gewinnt. Die NATO ist grundsätzlich ein politisches
Bündnis, in dem die Risiken und Pflichten für die
Verteidigung gemeinsamer Werte und demokratischer
Institutionen geteilt werden. Viele der positiven Veränderungen in Osteuropa, deren Zeugen wir heute werden, sind bis jetzt weder gesetzlich noch praktisch
verankert. Der Stabilität Europas ist weiterhin durch
die Aufrechterhaltung einer multinationalen Verteidigungsstruktur und ein solides in den westlichen Institutionen verwurzeltes Deutschland am besten gedient
- insbesondere durch seine Vollmitgliedschaft in der
NATO. Die NATO bleibt die wichtigste Komponente
des amerikanischen Engagements in Europa. Ohne
die NATO ließe sich die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und des Kongresses für dieses
Engagement nur schwer aufrechterhalten.
Zunehmend wird uns die Frage gestellt, "Worin besteht die Bedrohung"? Die Antwort darauf lautet, daß
wir mit drei Bedrohungen konfrontiert sind, die wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft Bestand haben
werden: Ungewißheit, Instabilität und Zersplitterung.
Es besteht Ungewißheit, weil die Sowjetunion eine
nukleare Supermacht und Europas stärkste Militärmacht ist und bleibt. Als solche ist sie weiterhin zu
willkürlichen und unberechenbaren Aktionen fähig. Es
herrscht Instabilität aufgrund des Machtvakuums in
Osteuropa, der wiederaufflammenden ethnischen und
nationalen Rivalitäten und einer drohenden Balkanisierung. Und es besteht die Gefahr der Zersplitterung,
weil es ohne die NATO keinen Weg gibt, miteinander
konkurrierende und verschwenderische nationale
Verteidigungspotentiale, das Fehlen eines amerikanischen Gegengewichts und das Risiko wechselnder
Allianzen, die sich in der Vergangenheit als so gefährlich erwiesen haben, auszuschließen.
Aus diesen Gründen sind wir fest davon überzeugt,
daß
ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der
NATO sein sollte,
ein vereinigtes Deutschland vollständig in die
integrierte militärische Struktur der NATO einbezogen sein sollte, und

AMERIKA DIENST 13

�das gesamte Territorium eines vereinigten
Deutschlands von der Sicherheitsgarantie der
NATO abgedeckt sein sollte.
Die Rolle der KSZE
Der KSZE-Prozeß hat bereits einen wesentlichen Beitrag
zu den in Mittel- und Osteuropa stattfindenden Veränderungen, insbesondere zur Demokratisierung der
DDR, geleistet. Der Prozeß der Vereinigung durch
friedlichen und demokratischen Wandel ist vielleicht
die dramatischste Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Prinzipien.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den richtigen Ansatz zu einer Bereicherung der KSZE zu finden
und den Beitrag zu erweitern, den sie leisten kann. Wir
haben Vorschläge für alle drei "Körbe" der KSZE
unterbreitet. Bei der Bonner Wirtschaftskonferenz
haben wir eine Reihe von Prinzipien zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit als Richtlinien für allseitig vorteilhafte Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den KSZE-Staaten vorgelegt. Bei der bevorstehenden Konferenz über die menschliche Dimension in
Kopenhagen werden die Vereinigten Staaten eine
wichtige Wahlinitiative unterbreiten, die das Recht zur
Bestimmung einer Regierung durch freie und faire
Wahlen kodifizieren und die von den osteuropäischen

* *

AMERIKA DIENST 13

Nationen im Verlauf dieses wichtigen Wahljahres erzielten Fortschritte festschreiben soll. Bis zum Gipfeltreffen Ende 1990 möchten wir eine historische Vereinbarung über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa unterschriftsreif haben. Die Unterzeichnung des KSE-Vertrags bildet den krönenden
Abschluß eines Jahres beachtlicher Fortschritte in
Europa in allen drei Schlüsselbereichen der KSZE:
Sicherheit, Wirtschaft und die menschliche Dimension.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir ein
KSZE-Gipfeltreffen im Jahr 1990 zur Unterzeichnung
eines KSE-Abkommens gefordert, um der Arbeit an
allen Körben des KSZE-Prozesses neuen Auftrieb zu
verleihen und die Aussichten für die Folgekonferenz im
Jahr 1992 weiter zu verbessern. Wir sind der Überzeugung, daß ein kraftvoller und gestärkter KSZE-Prozeß
einen maßgeblichen Beitrag zu einem internationalen
Umfeld leisten kann, in dem die demokratischen Experimente in Mittel- und Osteuropa gedeihen können, in
dem ein vereinigtes Deutschland sich kooperativer
Beziehungen mit seinen Nachbarländern in Ost und
West erfreuen und in dem die Sowjetunion ihre Streitkräfte aus Mittel- und Osteuropa ohne Nachteil für ihre
Sicherheit abziehen kann.

* *

*

Seite 3

�DEMOKRATISIERUNG
4. April 1990

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN INSTRUMENT
DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Baker erklärte am 30. März 1990, "Demokratie ist ein praktisches
Instrument der Diplomatie", das die Vereinigten Staaten zur Förderung friedlicher Veränderungen auf der Welt
einsetzen, um eine zunehmend demokratische internationale Gesellschaft zu schaffen.
In seiner Rede beim World Affairs Council in Dallas (Texas) erklärte Baker, es gäbe in einer Zeit, in der die
Diktaturen von rechts und links hinweggefegt und neue Demokratien geboren werden, keine Alternative zur
amerikanischen Führungsrolle.
"Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens",
betonte Baker. "Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und freie Wahlen - die 'Fahrkarte' für die Reise zur
Demokratie - immer wieder bestätigt".
"Merkmale einer demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der
Andersartigkeit - eine Toleranz, die dem Mi ßbrauch der Rechte des einzelnen durch selbsternannte Minderheiten
oder tyrannische Mehrheiten vorbeugt," erklärte Baker und verwies auf die diesbezügliche Äußerung Präsident
Bushs, "unsere neue Mission lautet Förderung und Konsolidierung der Demokratie".
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, hier in Dallas zum World
Äff airs Council sprechen zu dürfen. Diese Vereinigung
ist an zahlreichen Orten vertreten und hat sich überall
in den Vereinigten Staaten ein hehres Ziel gesetzt: die
Information und die Debatte. In unserer sich schnell
verändernden Welt kann dies einen hohen Stellenwert
haben. Denn die Demokratie hier und anderswo hängt
von informierten Bürgern ab, die in der Lage sind, sich
eine Meinung zu bilden und dann den Kurs der internationalen Politik mitzubestimmen.
Heute möchte ich über unsere Welt und wie wir sie
verstehen, sprechen und erörtern, was wir für unsere
Ideale und unsere Interessen tun.
Nach dem Containment - Demokratie
Als der Präsident vor etwas über einem Jahr sein Amt
antrat, sprach er von einem neuen Wind der Freiheit.
Dieser Wind hat sich in einen Sturm von gro ßer Stärke
verwandelt. Auf der ganzen Welt sind die Diktaturen
von rechts und links hinweggefegt und die Menschen
erhört worden. Ihre Wünsche sind grundlegender
Natur: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, freie Wahl des Arbeitsplatzes. Und all ihre Frei-

AMERIKA DIENST 13

heiten äußern sich in der Forderung nach Demokratie,
der Freiheit zur Wahl einer eigenen Regierung.
Wir waren alle überrascht, wie schnell das langgehegte demokratische Ideal in die Realität freier und fairer
Wahlen umgesetzt wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg
sind demokratische Werte von der Bedrohung totalitärer Aggression überschattet worden. Angesichts der
Tatsache, daß die Bedrohung abnimmt und sich der
Schatten lichtet, kommen diese Werte jetzt ans Tageslicht.
Gegenwärtig findet bereits eine große neue - tatsächlich eine große alte - Debatte statt, mit Argumenten, die
so alt sind wie unsere Republik. Jetzt, da die Gegner
der Demokratie geschwächt sind, heißt es, wir sollten
den Rückzug antreten, unsere Mission als beendet
betrachten und uns den Problemen im Inland zuwenden. Das ist nicht meine Meinung. In der neuen Welt,
die jetzt in den Wehen liegt, gibt es - wie auch in der
untergehenden alten Welt - keine Alternative für die
amerikanische Führungsrolle.
Ich möchte es folgendermaßen verdeutlichen: Nach
dem Containment kommt die Demokratie. Die Zeit, in

Seite 1

�der die alten Diktatoren hinweggefegt werden, geht
schnell vorbei, die Zeit des Aufbaus neuer Demokratien bricht an. Deshalb hat Präsident Bush unsere
neue Mission als Förderung und Konsolidierung der
Demokratie betrachtet. Das ist eine Aufgabe, die
amerikanischen Idealen und Interessen dient.

Mehrheit muß die Rechte der Minderheiten berücksichtigen.

Ich möchte fünf Beobachtungen über Demokratie und
demokratische Außenpolitik machen.

Wir wissen, daß nur allzuoft das Ideal der Demokratie
nicht im Alltag verwirklicht wird. In der Geschichte
unseres eigenen Landes hat das tägliche Leben oftmals nicht den eigenen Maßstäben standgehalten.
Dennoch ist es Realität, daß in einer Demokratie der
Weg zum Fortschritt niemals verschlossen ist. Im
demokratischen Prozeß ist immer die Selbsterneuerung, ein Element zur Korrektur eigener Fehler präsent, das es uns gestattet, Schnitzer wettzumachen
und den Kurs zu korrigieren.

Die Bedeutung der Demokratie heute - die Aufgabe
des einzelnen
Demokratie bedeutet zunächst Rechte und Pflichten
des einzelnen. Bei allem Reden über sich verändernde Systeme, Strukturen und Prozesse wäre es einfach, den einzelnen zu übersehen. Aber der Grundgedanke der Demokratie besagt, daß die Rechte und
Pflichten des einzelnen als zwei Seiten derselben
Münze betrachtet werden müssen. Ebenso wie der
einzelne Ideale und Hoffnungen hegt, hat er auch
seine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Dertschechoslowakische Präsident Havel hatinjüngster Zeit darauf
verwiesen, daß Demokratie eine lange Reise zu unseren Idealen ist - eine Reise, bei der wir von der Realität
eingeholt werden, daß das Leben nicht immer so
gerecht ist wie wir es gern hätten.
Vor langer Zeit suchte bereits der Philosoph Plato nach
einer perfekten Ordnung und strebte die Herrschaft
einer Elite - der Wächter - an, die als Weise ausgebildet
werden sollten. Sie sollten nach strengen Grundsätzen öffentliche Angelegenheiten entscheiden und über
die Moral wachen. Die Demokratie bietet Platz für
Weisheit und Ideale, aber dieser Platz ist in den Herzen
und Köpfen und im Charakter der Menschen. Wir alle
sind die Wächter der Demokratie. "Vertraue dem
Volk" ist der Leitspruch der Demokratie und "wir, das
Volk" leben danach. Demokratie ist die Aristokratie
der Vortrefflichkeit des einzelnen, und die Rechte des
einzelnen bleiben die Grundlage für unsere Haltung
gegenüber aufstrebenden Demokratien.
Demokratie und politische Legitimation
Meine zweite Beobachtung über Demokratie gilt ihrer
einzigartigen Legitimation. Das Vertrauen der Demokratie auf den einzelnen wird von der Zustimmung des
einzelnen zur demokratischen Regierung erwidert.
Eine solche Regierung ist deshalb im politischen Sinne
legitim - rechtmäßig und gerechtfertigt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen
basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens. Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und
freie Wahlen - die "Fahrkarte" für die Reise zur Demokratie - immer wieder bestätigt. Merkmale einer
demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit eine Toleranz, die dem Mißbrauch der Rechte des
einzelnen durch selbsternannte Minderheiten oder
tyrannische Mehrheiten vorbeugt. Die Herrschaft der
Seite 2

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Demokratie,
den wir uns vor Augen führen sollten - die Fähigkeit zur
Verbesserung eigener Fehler.

Da Demokratie ihre Legitimität immer wieder unter
Beweis stellen kann, wird sie nicht nur nationale Fortschritte gewährleisten, sondern auch internationale
Harmonie schaffen. Freie Völker mit demokratischen
Werten werden kaum einen Krieg gegeneinander führen.
Demokratie allein genügt nicht
Meine dritte Beobachtung lautet, daß Demokratie allein nicht ausreicht. In der Geometrie lernen wir, daß
ein Dreieck am stabilsten ist. Die politische Geometrie
einer erfolgreichen Demokratie sollte uns lehren, daß
eine freie Gesellschaft auch von wirtschaftlichen Fortschritten und grundlegender Sicherheit getragen werden muß. Krieg und Armut sind die größten Gegner
demokratischer Gesetze, demokratischer Toleranz und
der Rechte des einzelnen.
Viele der jüngsten demokratische Revolutionen in Europa
nahmen ihren Anfang, als die Menschen schließlich
erkannten, daß wirtschaftliche Fortschritte von Freiheit am Arbeitsplatz und Recht auf Privateigentum
abhingen - und daß diese Freiheiten wiederum nur von
einer Regierung gewährleistet werden konnten, die
Verständnis für die Menschen aufbringt. Ideologien,
die freies Unternehmertum abschaffen und die Produktion von Wohlstand lenken wollten, haben weder
Brot noch Freiheit gebracht.
Wir müssen deshalb die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekte der neuen Demokratien bereits fördern, wenn sich die politische Basis formiert.
Ein Volk mit Hoffnung auf ein besseres Leben, das im
Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn lebt, ist
ein Volk, für das Demokratie nicht nur ein Experiment
auf Zeit, sondern ein ständiger Kurs ist. Eine Strategie,
die sich in Beifall für Wahlen und Hoffnung auf das
Beste erschöpft, ignoriert die schmerzlichen Lektionen
der Vergangenheit. Nur eine Strategie, die Demokratie mit wirtschaftlichen Reformen und größerer internationaler Sicherheit untermauert, kann uns die Kraft für
die großen Umstellungen geben, mit denen die Revolutionen von 1989 in die Demokratien der neunziger
Jahren verwandelt werden können.

AMERIKA DIENST 13

�Außenpolitik und demokratische Werte
Meine vierte Beobachtung lautet, daß amerikanische
Außenpolitik demokratische Werte widerspiegeln muß.
Das scheint offensichtlich. Dennoch wollen manche
Amerika im Namen seiner Ideale von einer Welt abkoppeln, die der Demokratie oftmals feindlich gegenübersteht. Und es gibt andere, die sich für eine
Realpolitik aussprechen, bei der nur wirtschaftliche
oder militärische oder politische Interessen und nicht
unsere Werte zählen.

»

Wir können uns in beiden Meinungen wiedererkennen.
Wie oft streben wir nach Idealen, die wir nicht erreichen? Wie oft kommen wir nach der Durchführung
eigennütziger Maßnahmen zu dem Schluß, daß wir
vielleicht nicht ganz richtig gehandelt haben?
Als Individuen haben wir Erfolg, wenn wir uns mit Hilfe
all unserer Eigenschaften für andere einsetzen, wenn
wir auf dieser Welt Dinge nicht nur aus Eigennutz oder
Zufriedenheit mit dem Status quo tun, sondern im
Hinblick auf unsere Ideale etwas verändern.
Meiner Ansicht nach müssen wir in unserer Außenpolitik denselben Ansatz verfolgen. Amerikas Ideale sind
das Gewissen für unser Tun. Unsere Macht ist das
Instrument zur Verwirklichung dieser Ideale. Unsere
Außenpolitik und unser Verständnis gegenüber anderen Ländern sind der Plan für diese Arbeit.

,

&gt;.

Wenn wir in ein neues Zeitalter der Demokratie eintreten, müssen die alten Argumente von Idealismus
gegen Realismus durch Idealismus plus Realismus
ersetzt werden. Wenn wir das nicht erkennen, werden
wir den Verlust der permanenten öffentlichen Unterstützung für unsere Politik riskieren. Meiner Ansicht
nach zeigt die Geschichte, daß das amerikanische
Volk nicht lange eine Politik unterstützen wird, die
seiner Auffassung von humanen Werten widerspricht,
so sehr sie auch als nationales Interesse gerechtfertigt
wird. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, daß die
Amerikaner auch eine Politik abweisen werden, die
primär auf dem moralischen Zeigefinger basiert und
unseren Handlungsspielraum außer acht läßt. Wenn
wir den neuen Demokratisierungstendenzen Beifall
spenden, haben wir ein gutes Gefühl. Aber diese
Tendenzen sind Möglichkeiten und Herausforderungen, keine dauerhaften Tatsachen. Wir dürfen uns
nicht nur gut fühlen, sondern wir müssen Gutes tun.
Demokratie als Instrument der Diplomatie
Meine fünfte Beobachtung ist, daß eine Politik der
Demokratie Kettenreaktionen auslöst und ein mächtiges Instrument zur Mobilisierung internationaler Aktivitäten ist. Eine Politik, die auf unsere nationalen Werte
zurückgreift und sich der Unterstützung des amerikanischen Volkes erfreut, macht unseren Einfluß automatisch effektiver. Eine auf Demokratie konzentrierte
Politik ist jedoch auch in dem Sinne Auslöser einer
Kettenreaktion, weil wir sie einsetzen können, um
AMERIKA DIENST 13

unsere Freunde und Verbündeten für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und sie berechtigt zu Hoffnungen der Völker, die immer noch von Diktaturen unterdrückt werden.
Den Vereinigten Staaten schiene es vernünftig, wenn
sie eine Führungsrolle unter den Bündnissen marktwirtschaftlich orientierter Demokratien in Asien, Europa, Nord- und Südamerika bei der Unterstützung von
Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit übernehmen
würden. Wir können unsere gemeinsamen Werte zur
Kombinierung unserer Stärke und Förderung der Interessen aller in einer freien und friedlichen Welt einsetzen. Dies haben wir bei der Organisierung von Hilfe für
die Länder Mittel- und Osteuropas getan. Dies gilt
auch für Mittelamerika, wo wir unsere Freunde und
Verbündeten gedrängt haben, ihre Aktivitäten demokratischen Normen anzupassen und nicht nur ihre
unmittelbaren geopolitiscnen Interessen im Auge zu
behalten. Wir haben so gehandelt, weil wir der Überzeugung sind, daß Demokratie und nationale Interessen der Demokratien sich gegenseitig verstärken.
Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht alle
unsere Ansicht teilen. Einige trauern der Zeit hinterher, als die Vereinigten Staaten alles im Alleingang
machen mußten. Andere scheinen die Auffassung zu
vertreten, wenn wir nicht die größten Beiträge leisten,
wenn wir nicht jedes Hilfsprogramm in allen Eiznelheiten verwalten, dann hätten wir nicht länger Anspruch
auf eine Führungsrolle.
Zweifelsohne ist dies nicht unsere Meinung, und ich
möchte Ihnen erläutern warum.
In den vierziger Jahren war die amerikanische Führungsrolle unbestritten. Wir verfügten über unerschöpfliche Ressourcen, sahen uns mit einer Welt in Trümmern konfrontiert und haben uns der Herausforderung
gestellt. Wir konnten unseren Verbündeten wieder auf
die Beine helfen und unsere ehemaligen Gegner als
Freunde gewinnen. Dank dieser von beiden Parteien
getragenen erfolgreichen Politik erhalten wir bei der
Bewältigung der weltweiten Probleme Hilfe von allen
Seiten. Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten ist
kein Zeichen amerikanischer Schwäche, sondern Beweis
für unsere Stärke. Und diese Stärke sollte von zeitgemäßer Klugheit geleitet sein, ebenso wie die Amerikaner vor 45 Jahren psychische und physische Kraft bei
der Bewältigung völlig anderer Situationen eingesetzt
haben. Heute können wir unserer Führungsrolle noch
sehr viel besser gerecht werden als damals, weil die
Demokratie auf dem Vormarsch ist.
FalM: Mittelamerika
Diese Betrachtungen über Demokratie und unsere
Außenpolitik sind nicht spekulativer Art. Sie sind
vielmehr ein Leitfaden für die Praxis und haben sowohl
bei unserer Denkweise als auch bei einigen unserer
jüngsten außenpolitischen Leistungen eine entscheidende Rolle gespielt.
Seite 3

�Als erstes Beispiel möchte ich die jüngsten Entwicklungen in Mittelamerika anführen. Bei Amtsantritt des
Präsidenten befand sich die amerikanische Politik
gegenüber dieser wichtigen Region - unserer unmittelbaren Nachbarschaft - in Schwierigkeiten. Es war das
kontroverseste Thema, mit dem wir uns konfrontiert
sahen. Dem Kongreß und der Exekutive war es nicht
gelungen, einen Konsens bezüglich der Bewältigung
des Problems zu erzielen oder, abgesehen davon, es
zunächst einmal überhaupt zu definieren. Auch das
amerikanische Volk war gespalten - was praktisch
unweigerlich zum Scheitern führt.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma war die Rückkehr zu amerikanischen Prinzipien. Anfang letzten
Jahres beschloß der Präsident, Demokratie als regionale Zielsetzung und Wahlen als Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels zu definieren. Damit wurde der
Schwerpunkt wieder dorthin verlagert, wo er hingehörte. In Nicaragua - einem Au ßenposten der Unterdrükkung in einer Region von Demokratien - wurde das
Verhalten der Sandinisten gegenüber der nicaraguanischen Gesellschaft, nicht der nicaraguanische Widerstand zum Hauptthema. In Panama beraubte General
Noriegas brutale Mißachtung des Votums freier Wahlen ihn seines Anspruchs auf rechtmäßige Herrschaft
und ebnete den schwierigen Weg zur panamaischen
Demokratie. Bei einer weiteren, trotz gewalttätiger
Aktionen in El Salvador durchgeführten freien Wahl
erhielt Präsident Christiani das Mandat, Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zu führen und eine
Chance, die ernsthaften Absichten im Bereich der
Menschenrechte unter Beweis zu stellen.
Dank Demokratie gelang es uns, den gordischen Knoten
zu zerschlagen, dereine von beiden Parteien getragenen Politik verhinderte. Am 24. März 1989 wurde im
Weißen Haus eine Vereinbarung zwischen beiden
Parteien unterzeichnet, mit der Republikaner und
Demokraten für ein gemeinsames Anliegen eintreten
können. Auch außerhalb Washingtons konnte die
Unterstützung des amerikanischen Volkes dafür gewonnen werden. Endlich sprachen die Vereingten
Staaten mit einer Stimme. Als unmittelbares Ergebnis
stimmte der Kongre ß für eine Verlängerung humanitärer Hilfe für den Widerstand bis Ende Februar 1990.
Auf der Grundlage dieser überparteilichen Betonung
auf Demokratie wandten wir uns an die mittelamerikanischen Länder. Im Abkommen von Esquipulas fand
ihr Wunsch nach Frieden, Demokratie und dem Ende
der Unterstützung für blutige Revolutionen in anderen
Ländern seinen Niederschlag. Was fehlte, war ein
wirksamer Mechanismus, um diesen Wunsch Realität
werden zu lassen. Als die mittelamerikanischen Präsidenten in Tesoro Beach einen binnen 90 Tagen
festzulegenden gemeinsamen Plan zur Demobilisierung des Widerstands vereinbarten, wurde er damals
weithin als Niederlage für die Vereinigten Staaten
interpretiert. Die Kehrseite des gemeinsamen Plans

Seite 4

war jedoch die Forderung, daß die Sandinistische
Regierung ein Jahr früher als geplant international
überwachte Wahlen durchführen mußte - am 25. Februar
1990.
Dank dieser Verfügung konnten wir unsere europäischen Verbündeten davon überzeugen, ihre Wirtschaftshilfe an Nicaragua von der Durchführung freier und
fairer Wahlen abhängig zu machen - was sie taten. Im
April 1989 wurde eine von Schweden finanzierte
Konferenz der Geberländer für Nicaragua veranstaltet. Präsident Ortega räumte später ein, er habe nur
einen Bruchteil dessen erhalten, was er sich vor den
Wahlen erhofft hatte.
Schließlich trugen all diese Entwicklungen zu einem
wirksameren Ansatz gegenüber der Sowjetunion bei.
Dank der fortschreitenden Demokratisierung konnten
wir die Sowjets mit einem zunehmenden internationalen Konsens zu Wahlen konfrontieren. Wir brachten
das Argument vor, wenn mit Moskaus Hilfe rechtmäßige Regierungen sabotiert würden - sei es eine frei
gewählte Demokratie in El Salvador oder der Wahlprozeß in Nicaragua - würde dies starke Auswirkungen
auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen insgesamt haben. Und wir konnten den Widerspruch
zwischen dem Schüren von Konflikten durch die Sowjets
und ihrem offensichtlichen Wunsch nach kooperativeren Beziehungen bei der Bewältigung regionaler Probleme aufdecken. Infolgedessen stimmte Moskau
noch vor den Wahlen öffentlich zu, sowohl den Wahlprozeß als auch sein Ergebnis zu respektieren.
Wir waren zu der Garantie bereit, daß die Wahlen so
sauber - so frei und fair - wie möglich abgehalten
wurden. Der Kongreß befürwortete den Antrag des
Präsidenten auf finanzielle Unterstützung der Wahlaktivitäten, dank der wir internationale Beobachter nach
Nicaragua entsenden konnten. Zusammen mit den
nicaraguanischen Parteien stellte die National Endowment for Democracy finanzielle Mittel bereit. Wir
maßen dieser Tatsache große Bedeutung bei, weil
damit die demokratische Opposition UNO zumindest
in minimalem Umfang gegen die Sandinistische Partei
antreten konnte, die Ressourcen des gesamten Staates einsetzte.
Schließlich haben wir energisch protestiert und jeden
Fall unfairen und willkürlichen Vorgehens zur Sprache
gebracht. Wir waren uns sicher, daß die Demokratie
rasch zur Blüte gelangen würde, wenn im Scheinwerferlicht der Publizität diejenigen bloßgestellt würden,
die sie im Keim zu ersticken versuchten. Auf die
Sandinisten wurde Druck ausgeübt, damit sie ein
ehrliches Spiel spielten.
Ich zähle all diese Fakten hier auf, weil sie meines
Erachtens ein Umfeld, ein Klima schufen, das der
Demokratie in Nicaragua höchst förderlich war, wie es
in den Wahlen dann zum Ausdruck kam. Der einzelne
Nicaraguaner - jeder einzelne, auf dem die demokra-

AMERIKA DIENST 13

�tischen Hoffnungen ruhten - wußte, daß er nicht allein
war. Die Abstimmung in einer freien und fairen Wahl
war kein einsamer, verzweifelter Akt, sondern ein
Schritt in eine bessere Zukunft.
Nun, da eine demokratische Regierung in Nicaragua
gewählt worden ist, wissen wir, daß Nicaraguas Genesung von den Jahren des Bürgerkriegs und marxistischer Mißwirtschaft teuer und schmerzhaft sein wird.
Dort und in Panama müssen wir Hilfe leisten, um die
neuen Hoffnungen in reale Fortschritte umzusetzen.
Aus diesem Grund hat der Präsident einen neuen 800Millionen-Dollar-Fonds für die Demokratie vorgeschlagen - als unseren Beitrag zu multilateralen Bemühungen , unseren Nachbarn wieder auf die Beine zu helfen.
Das sind keine Almosen. Es ist eine Investition in die
demokratischen Werte, die wir mit unseren Nachbarn
teilen. Denn von Guatemala bis Panama bietet sich
uns eine breite Perspektive neuer Möglichkeiten der
Demokratisierung, Demilitarisierung und Entwicklung,
die allen Menschen der Region eine vielversprechende Zukunft bietet. Mit unserer Hilfe und der Hilfe
anderer demokratischer Länder kann und wird dies
verwirklicht werden.
Fall 2: Mittel- und Osteuropa
Mein zweites Beispiel für das Funktionieren einer
demokratischen Außenpolitik betrifft Mittel- und Osteuropa. Befreit von Furcht und fest entschlossen, ihre
Würde und Hoffnung wiederzugewinnen, haben die
leidgeprüften Völker hinter dem Eisernen Vorhang
diesen schließlich niedergerissen.
Kurz nachdem eine Bresche in die Berliner Mauer
geschlagen worden war, habe ich diese geteilte Stadt
im vergangenen Dezember besucht. Ich schaute
lange durch eines der in jene häßliche Mauer gebrochenen Löcher, und was ich sah war eine großartige
Stadt, die nach Wiedergeburt strebte. Und darüber
hinaus waren alte Nationen mit neuer Hoffnung belebt
worden. All dies ließ sich in einem einfachen Wort
ausdrücken: Demokratie.
Bei meinem Besuch in Prag vor einem Monat sprach
ich von der Konsolidierung der Demokratie in der
gesamten Region. Es war für die Völker Mittel- und
Osteuropas wichtig zu wissen, daß die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, nicht sie
allein betreffen. Auch wir stehen vor einer Herausforderung. Wir werden wegen unserer demokratischen
Werte und des Erfolgs unseres Wirtschaftssystems
bewundert. Die Menschen bitten uns um Hilfe - keine
Almosen -, aber eine Art von Hilfe, die Selbsthilfe
hervorbringt. Ausbildung, Rat und Erfahrungsaustausch zählen mehr als Geld. Wir müssen bereit sein,
dies zu gewähren.
Unser Programm für Kooperation und Hilfe hat drei
Schwerpunkte, die nicht alle wirtschaftlicher Natur
sind. Erstens werden wir uns für das Konzept freier

AMERIKA DIENST 13

und regelmäßiger Wahlen einsetzen. Der Präsident
hat vorgeschlagen, daß dies als Programm der aus 35
Teilnehmerländern bestehenden Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verabschiedet werden sollte. Wir entsenden ferner Wahlbeobachter in alle Länder Mittel- und Osteuropas, die
ihre ersten Schritte zur Demokratie unternehmen. Das
Ziel dieser Maßnahmen besteht darin, die Demokratie
zum legitimen Prinzip in ganz Europa zu machen.
Zweitens bemühen wir uns mit unseren Verbündeten
und der Sowjetunion darum, Rüstungen und Streitkräfte, die einander in Europa gegenüberstehen, zu reduzieren.
Drittens bieten wir wirtschaftliche Unterstützung für
den schmerzhaften Übergang zu marktwirtschaftlichen Systemen an. In Gesellschaften, die gerade erst
beginnen, die marxistisch-leninistischen Wirtschaftssysteme zu überwinden und häufig die Grundlagen
eines freien Marktes vermissen lassen, ist dies eine
äußerst schwierige Aufgabe. Wir sind jedoch der
Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten, unsere
Verbündeten in Europa und Japan sowie die internationalen Wirtschaftsinstitutionen erfolgreich dabei zusammenarbeiten können, diesen Ländern zu helfen,
den ihnen so lange verwehrten Fortschritt zu erlangen.
Zweck all dieser Anstrengungen sollte die Schaffung
eines gesunden Umfelds für die wirklich treibende
Kraft lang anhaltenden Wachstums sein - umfangreiche Investitionen und Entwicklung des Privatsektors.
Wir verbinden unsere Hilfe mit unseren Werten und
zeigen, wie unsere Werte hilfreich sein können. Unsere Hilfe muß sich an einem einzigen Maßstab messen
lassen: Ob sie Demokratie und wirtschaftliche Freiheit
fördert.
Ich möchte hier kurz auf unsere Politik der Demokratisierung und ihre Auswirkungen auf die Sowjetunion
eingehen. Wir haben ein Interesse an der Perestrojka,
das über die Geopolitik hinausgeht. Wenn die Perestrojka eine demokratischere und offenere sowjetische Gesellschaft mit Rechten für den einzelnen und
wirtschaftlichem Fortschritt zur Folge hat, dann wird
sich dies langfristig sehr vorteilhaft auf die sowjetische
Außenpolitik auswirken. Demokratie in der Sowjetunion ist meines Erachtens die beste Garantie für einen
konstruktiven sowjetischen Ansatz bei internationalen
Problemen.
Fall 3: Die Erschließung neuer Bereiche
Den dritten und letzten Fall praktischer Demokratie
würde ich als "Erschließung neuer Bereiche" bezeichnen. Im Verlauf dieser Rede habe ich stets argumentiert, daß die Demokratie sowohl amerikanischen Idealen als auch amerikanischen Interessen dient. Ferner
ist die Demokratie ein praktisches Instrument der
Diplomatie, nicht das einzige, aber ein besonders
wertvolles, mit dem im In- und Ausland Unterstützung

Seite 5

�für unsere Außenpolitik mobilisiert werden kann.

Schlußbemerkung

Die Demokratie spricht universelle Bestrebungen an um jene berühmten amerikanischen Worten zu zitieren "ohne Ansehen von Rasse, Glauben oder Hautfarbe". Ich lehne die Ansicht ab - und hoffe, daß auch die
Vereinigten Staaten dies stets tun werden -, daß die
Demokratie nur für bestimmte Gesellschaften gilt und
in Afrika, Asien oder Südamerika, ja selbst im Nahen
Osten fehl am Platz ist. Ich setze dem entgegen:
Denkt an das Motto "Vertraut dem Volk".

Ich möchte meine Ausführungen mit folgendem Gedanken beenden. Als ich auf dem College die Klassiker studierte, machte ich die erstaunliche Entdeckung,
daß die meisten antiken Philosophen die Demokratie
fürchteten. Diejenigen, die sich mit den Auseinandersetzungen über unsere Verfassungen im 18. Jahrhundert beschäftigen, werden ebenfalls diese Furcht antreffen. Es bestand ein unterschwelliger Verdacht, der
einzelne werde korrumpiert, einfache Männer und
Frauen wären einer Selbstregierung einfach nicht
gewachsen.

Weil wir nicht nur hier oder in Europa oder Mittelamerika dem Volk vertrauen, sondern überall auf der Welt,
setzen wir Demokratie und Wahlen als wertvolle Instrumente ein, um regionale Konflikte zu beenden und
nationale Aussöhnung zu bewirken. Dazu möchte ich
kurz einige Beispiele nennen:

Unsere Gründerväter überwanden diese Furcht und
hinterließen uns ein Vermächtnis des Vertrauens in
den Bürger, das unsere größte politische und moralische Stärke ausmacht. Unsere Au ßenpolitik war stets
dann am besten, wenn sie aus dieser Stärke schöpfte
und unser Land zu einer treibenden Kraft für das Gute
in der Welt machte. Heute, nach schweren Jahren der
Verteidigung demokratischer Werte, ist unser ursprüngliches Vertrauen erneuert worden.

In Namibia, an dessen Feiern zur Unabhängigkeit ich
kürzlich teilnahm, waren freie und faire Wahlen ein
Schlüsselelement der Regelung, mit der die letzte
Kolonie Afrikas befreit, ein Bürgerkrieg beendet und
eine neue Regierung mit einer demokratischen Verfassung eingesetzt wurden. Wir sind davon überzeugt,
daß freie und faire Wahlen eine ähnliche Rolle bei der
Förderung nationaler Versöhnung in Angola und Südafrika spielen können.

Einfache Menschen sind wahrhaft die Helden unserer
Zeit. Einfache Menschen haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Einfache Menschen haben die Diktatoren abgesetzt. Einfache Menschen haben in Mittelamerika für die Demokratie gestimmt.

Im arabisch-israelischen Konflikt betrachten wir Wahlen in den besetzten Gebieten als Katalysator für die
Herbeiführung eines konstruktiven israelisch-palästinensischen Dialogs, der beiden Völkern den so dringend benötigten Frieden bringen könnte.

Wie einst unsere Gründerväter aufgrund ihres Vertrauens in die Bürger eine neue demokratische Gesellschaft aufbauten, so muß sich unsere Außenpolitik
heute auf dasselbe Vertrauen gründen, um eine neue
demokratische Völkergemeinschaft aufzubauen. Das
In Kambodscha betrachten die fünf Ständigen Mitglie- ist unsere Chance und unsere Herausforderung. Ich
der des UN-Sicherheitsrats eine freie und faire Wahl bin sicher, daß wir es mit der Hilfe jedes Amerikaners
als besten Weg, um den Streit über die legitime Regie- schaffen werden.
rung dieses gepeinigten Landes endlich zu beenden,
indem das kambodschanische Volk die langersehnte
Chance erhält, seine politische Führung selbst zu
wählen.

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 13

�OFFENER

HIMMEL
4. April 1990

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT
BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß Vorschläge in Zusammenhang mit dem Regime
des Offenen Himmels beim Washingtoner Treffen der Außenminister Baker und Schewardnadse vom 4.-6. April
1990 auf der Tagesordnung stehen werden.
Wie der Leiter der amerikanischen Delegation bei der Konferenz über den Offenen Himmel, Botschafter John
Hawes, am 29. März 1990 vor Mitgliedern des Kongresses erklärte, wollen die Vereinigten Staaten das
Programm zur Durchführung unbewaffneter, multilateraler Aufklärungsflüge von Kalifornien im Westen bis
Wladiwostok im Osten "energisch" weiterverfolgen. Ein Regime des Offenen Himmels könne zu den sich
gegenwärtig entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa beitragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Hawes im Wortlaut.
Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit, über Ziele
und Stand der Verhandlungen über den Offenen Himmel
sprechen zu können. Diese im Februar in Ottawa
eröffneten Gespräche sind das Ergebnis des Vorschlags, den Präsident Bush im Mai des vergangenen
Jahres in einer Rede bei der Texas A and M University
vorgebracht hat. Sie sollen am 23. April in Budapest
mit dem Ziel wiederaufgenommen werden, bis zum 12.
Mai, dem Jahrestag der Rede des Präsidenten, eine
Einigung über einen Vertragstext zustande zu bringen.
Zur Zeit ist es noch ungewiß, wann ein Abkommen
über den Offenen Himmel abgeschlossen werden
kann. Als der Gedanke im Jahr 1955 zum ersten Mal
von Präsident Eisenhower ins Spiel gebracht wurde,
war die Aufnahme äußerst frostig. Der radikale Wandel im internationalen Klima läßt uns jedoch heute auf
ein positiveres Ergebnis hoffen. Das Konzept der
Offenheit ist zu einem zentralen Grundsatz der internationalen Beziehungen geworden. Und der Vorschlag des Offenen Himmels selbst wurde von seiner
ursprünglichen bilateralen amerikanisch-sowjetischen
zu einer multilateralen Konzeption erweitert, die dazu
beitragen kann, die sich entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa zu unterstützen.
Offener Himmel heute
Ein Abkommen über den Offenen Himmel in diesem
Frühjahr käme zur rechten Zeit. Ein Regime mit dem
Ziel umfassenderer und systematischerer Offenheit
könnte im Kontext der dramatischen Beschleunigung

AMERIKA DIENST 13

der Vorgänge in Europa beruhigend und stabilisierend
wirken. Der Offene Himmel ist zunächst eine wichtige
vertrauensbildende Maßnahme, die allen europäischen
Staaten, groß und klein, in Ost und West zugute
kommen würde. Unseren Vorstellungen zufolge wäre
ein Regime des Offenen Himmels nicht an Bündnisstrukturen gebunden. Es würde vielmehr die Souveränität und Unabhängigkeit jedes Teilnehmerstaats
widerspiegeln.
Auf diese Weise würde es ein Maximum an Flexibilität
gewährleisten, insbesondere für die Staaten Osteuropas. Wir gehen davon aus, daß das Konzept des
Offenen Himmels langfristig auch auf andere Länder
und Regionen angewendet werden könnte, obwohl der
ursprüngliche Schwerpunkt notwendigerweise und zu
Recht auf Europa lag.
Neben ihrem vertrauensbildenden Charakter können
die im Rahmen des Offenen Himmels gesammelten
Informationen eine äußerst nützliche Ergänzung zur
Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen sein, auch
wenn der Offene Himmel an sich kein Rüstungskontrollabkommen und keine Verifikationsmaßnahme per
se darstellt. Angesichts der immer umfangreicheren
Tagesordnung in der Rüstungskontrolle wird dieser
ergänzende Beitrag wahrscheinlich für alle Teilnehmer
dauerhafte Bedeutung haben.
Bei der Konzipierung des Regimes des Offenen Himmels hatten wir bereits an dieses Ziel der Ergänzung
anderer Informationsquellen für die Verifizierung von

Seite 1

�Rüstungskontrollvereinbarungen gedacht, darunter
Nationale Technische Mittel und die speziellen Verifizierungsvorschriften bestimmter Rüstungskontrollabkommen. Daher sollten zum Beispiel die im Rahmen eines
Regimes des Offenen Himmels vorgeschlagenen Sensoren die Zählung von militärischem Großgerät ermöglichen. Ebenso sollten die Quoten hoch genug angesetzt sein, um eine effektive Überwachung der größten
Teilnehmerstaaten zu gestatten.
Jede bestehende oder potentielle Informationsquelle,
einschließlich des Offenen Himmels, unterliegt gewissen Merkmalen, die bestimmen, wie sie am effektivsten
genutzt werden kann. Im allgemeinen sollte das Regime
des Offenen Himmels unseres Erachtens bei Einsatz
relativ empfindlicher Sensoren die Erfassung großer
Gebiete sicherstellen. Aufgrund dieser Erfassungsmethode gewonnene Informationen könnten mit bei der genaueren Überprüfung bestimmter Standorte gesammelten Informationen - etwa im Rahmen des für ein KSEAbkommen vorgesehenen Verifikationsregimes - zusammengefaßt werden. Aufgrund seiner umfassenden
geographischen Ausdehnung könnte der Offene Himmel überdies eine wichtige Rolle bei der Aufspürung
möglicher Vertragsverletzungen spielen.
Die Tagesordnung nach Ottawa
Die Konferenz von Ottawa erbrachte keine Ergebnisse.
Die Gespräche waren jedoch in dem Sinn produktiv, daß
es möglich war, Positionen detailliert zu ergründen und
die Fragen zu definieren, bei denen noch Uneinigkeit
herrscht. Das Arbeitsdokument der Konferenz entspricht im Grunde dem von der NATO vorgelegten
Textentwurf. Einige Änderungen wurden in den Sitzungen der multilateralen Arbeitsgruppen vorgeschlagen,
und die Sowjetunion brachte eine Reihe unilateraler
Änderungsvorschläge ein. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht außer acht gelassen werden, daß die
osteuropäischen Staaten in Ottawa eine sehr unabhängige und konstruktive Rolle spielten und häufig kreative
Gedanken einbrachten, um die Gespräche voranzubringen.
Gegenwärtig überprüfen wir die in Budapest zu leistende Arbeit und die Wahrscheinlichkeit, daß ein Vertrag
innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit abgeschlossen werden kann. Die Diskussionen in Ottawa enthüllten erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen
der Sowjetunion und den anderen 22 Teilnehmerstaaten
in vier Hauptverhandlungspunkten:
Die meisten Teilnehmer waren sich darin einig,
daß ein effektives Regime des Offenen Himmels
ein breites Spektrum hochmoderner Sensoren
erfordert, darunter solche, die bei jedem Wetter,
bei Tag und bei Nacht einsatzfähig sind. Die
Sowjets setzten sich dagegen für eine Begrenzung der Sensoren auf optische und elektrooptische Kameras ein, die nur bei Tageslicht und
gutem Wetter funktionsfähig sind.

Seite 2

Die meisten Teilnehmer stimmten überein,
daß das gesamte Territorium der Teilnehmerstaaten für Überflüge offen sein muß und
Beschränkungen nur aus Gründen der Flugsicherheit auferlegt werden dürfen. Die Sowjets
befürworteten aus ungenannten Sicherheitsgründen zusätzliche territoriale Beschränkungen.
Die meisten Staaten stimmten in der Zahl der
Flüge über ihrem Staatsgebiet überein, die
eine effektive Erfassung erlauben würde. Die
Sowjets setzten sich für eine niedrige, im
wesentlichen symbolische Zahl ein.
Die meisten Staaten waren darin einig, daß die
Kontrolle der Beobachtungsflugzeuge in den
Händen der beobachtenden Partei oder einer
freiwilligen Gruppe von Parteien liegen sollte.
Die Sowjets schlössen dies nicht aus, gaben
jedoch einem System den Vorzug, bei dem der
beobachtete Staat das Flugzeug zur Verfügung stellen und die Sensoren kontrollieren
würde oder das Recht hätte, das einzusetzende Flugzeug auszuwählen.
Aus unserer Sicht und der Sicht der großen Mehrheit
der Teilnehmerstaaten sind die von uns bei Sensoren, territorialem Zugang, Flugquoten und Flugzeugbetrieb angestrebten Bestimmungen der logische
Weg zur Verwirklichung des Konzepts des Offenen
Himmels. Sie bilden keinerlei Bedrohung der Sicherheit irgendeiner Partei, einschließlich der Sowjetunion. Wir hoffen deshalb, daß es der Sowjetunion nach
reiflicher Überlegung möglich sein wird, sich bei
diesen Fragen der Mehrheit anzuschließen.
Im Verlauf der Diskussionen von Ottawa betonten die
Osteuropäer die Bedeutung, die sie einem gleichen
Zugang aller Teilnehmerstaaten zur Sensortechnologie beimessen. Sie erklärten, während die führenden Mächte hochmoderne Beobachtungssensoren
entwickelt hätten, sei das Niveau der gegenwärtig in
Osteuropa zur Verfügung stehenden Sensoren damit
nicht vergleichbar. Dies, so behaupteten sie, würde
bei einem möglichen Regime des Offenen Himmels
zu Ungleichheit führen.
Wir untersuchen zur Zeit das Spektrum an Sensortechnologie, das für den Offenen Himmel eingesetzt
werden könnte, um zu entscheiden, ob die zum Ausdruck gebrachten Anliegen der Osteuropäer berücksichtigt werden können. Letztlich muß diese Frage
im COCOM behandelt werden, da das Gros der für
den Offenen Himmel in Frage kommenden Technologie den multilateralen Exportkontrollen des COCOM unterliegt.
Zusammenfassung
Die Wiederbelebung des Gedankens des Offenen
Himmels fällt in eine Zeit außerordentlicher internaAMERIKA DIENST 13

�tionaler Herausforderungen und Chancen. Das Tempo des Wandels an sich führt zur Forderung nach
einem besseren Verständnis militärischer Streitkräfte
und Handlungen. Daneben könnten es die entstehenden neuen politischen Realitäten und Haltungen erforderlich machen, einen weitreichenden Ansatz für den

*

AMERIKA DIENST 13

Offenen Himmel zu verwirklichen, um dieser Forderung gerecht zu werden. In den kommenden Wochen
werden wir mit den anderen Teilnehmerstaaten, einschließlich der Sowjets, daran arbeiten, um zu sehen,
ob ein Vertrag über den Offenen Himmel in Budapest
abgeschlossen werden kann.

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
4. April 1990

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen
Wirtschaftsausschusses
WASHINGTON - (AD) - Der Gemeinsame Wirtschaftsausschuß des Kongresses (JEC) hat am 3. April 1990
seinen Jahreswirtschaftsbericht veröffentlicht. Diesem überparteilichen Papier zufolge könnten die politisch
Verantwortlichen zwar versucht sein, Handelsschranken zu errichten, um inländische Hersteller vor den Kräften
des Wettbewerbs zu schützen, aber solche Maßnahmen würden den in einer dynamischen Volkswirtschaft
notwendigen Anpassungen nicht förderlich sein. Stattdessen fordert der JEC Vertrauen in die Kräfte des Marktes
sowie in die multilateralen Handelsgespräche, um Handelsprobleme zu lösen, erklärt jedoch auch, daß bilaterale
und regionale Handelsvereinbarungen einer offenen internationalen Handelsordnung nicht unbedingt zuwiderlaufen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht, insbesondere zu internationalen Wirtschaftsfragen,
Umwelt und der aus den Reformen in Osteuropa resultierenden "Friedensdividende".

Die Stärkung unserer Stellung in der Weltwirtschaft
Obwohl die Vereinigten Staaten weiterhin die führende
Weltwirtschaftsmacht sind, haben die Ereignisse der
letzten zehn Jahre manche Fragen im Hinblick auf
unsere Fähigkeit aufgeworfen, diese Führungsposition zu bewahren. Darauf gibt es vielerlei Antworten,
die meist vom Blickwinkel des Betrachters abhängen.
Wir haben die reichste Volkswirtschaft der Welt, aber
die großen amerikanischen Handelsdefizite, eine steigende internationale Verschuldung und harter Wettbewerb mit Japan, Westeuropa und den industriellen
Schwellenländem Asiens sind Herausforderungen für
die Wirtschaftspolitik. Wenn wir jedoch den Willen
haben, so finden wir sicherlich auch den Weg, unsere
Führungsrolle zu bewahren.
Tendenzen im amerikanischen Handel und bei der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit
Es gibt sicherlich guten Grund zur Besorgnis über die
amerikanische Stellung in der Weltwirtschaft, aber die
Tatsachen sollten in das rechte Verhältnis gesetzt
werden. In vieler Hinsicht schnitt die amerikanische
Wirtschaftsleistung in den achtziger Jahren im Vergleich mit anderen Industriestaaten vorteilhaft ab.
Trotzdem ist das amerikanische Handelsdefizit hoch,
und ausländischer Besitz an amerikanischen Vermö-

AMERIKA DIENST 13

genswerten stieg zwischen 1979 und 1989 wesentlich
schneller als amerikanische Ansprüche auf Vermögenswerte im Ausland. Natürlich hatte sich die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft statistisch gesehen schon seit längerer Zeit
abgeschwächt. Dies ging zwangsläufig mit der Erholung der anderen Industrieländer von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs einher. Unmittelbar nach
dem Krieg zum Beispiel erwirtschafteten die Vereinigten Staaten die Hälfte des Bruttosozialprodukts aller
Marktwirtschaften. Im Jahr 1980 erwirtschafteten sie
weniger als ein Drittel. Auch wenn man die Bedeutung
der amerikanischen Exporte im Welthandel nach anderen
Kriterien bewertet, zeigt sich eine ähnliche Tendenz.
Bei der Industrieproduktion nach OECD-Maßstab haben
die Vereinigten Staaten jedoch immer noch den gleichen Anteil wie im Jahr 1973, und unser Anteil am
Weltexport ist größer als der jedes anderen Landes.
Internationale wirtschaftliche Herausforderungen
Ein Großteil der Veränderungen in der relativen wirtschaftlichen Stellung der Vereinigten Staaten in den
vergangenen Jahrzehnten war die Folge des guten
wirtschaftlichen Abschneidens unserer Handelspartner und nicht schlechter wirtschaftlicher Leistungen
unsererseits. Betrachtet man die Kluft, die am Ende
des Zweiten Weltkriegs zwischen ihnen und uns be-

Seite 1

�stand, so war es unvermeidlich - und sogar wünschenswert -, daß sie diese Kluft verringerten. Und
zum größten Teil haben wir vom wirtschaftlichen Erfolg
unserer Handelspartner profitiert. Als Folge des starken Produktivitätszuwachses im Ausland sind von uns
importierte Waren preiswerter geworden, und unsere
Exportmärkte sind aufgrund des gro ßen Einkommenszuwachses unserer Handelspartner gewachsen.
Natürlich kann amerikanischen Arbeitnehmern, Unternehmen und Gemeinden durch massive, unkontrollierte Importschwemmen und durch ausländische Handelsschranken gegen amerikanische Exporte Schaden zugefügt werden. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten jedoch weiterhin ein Interesse an der
Förderung starken Wachstums in der übrigen Welt,
das mit der Öffnung der Weltmärkte für freieren Handel
und Wettbewerb einhergeht.
Wir haben ebenfalls von den internationalen Kapitalflüssen profitiert. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs
bis in die achtziger Jahre waren die Vereinigten Staaten in der Welt ein Nettoinvestor, da unser im Inland
erwirtschaftetes Kapital unsere Inlandsinvestitionen
übertraf. Die Nettogewinne aus unseren Auslandsinvestitionen trugen zu unserem Nationaleinkommen
bei. In den von hohen Haushaltsdefiziten und unzureichender privater Spartätigkeit gekennzeichneten letzten Jahren waren wir in der Lage, einen gleichzeitigen
Rückgang der Investitionstätigkeit zu verhindern, indem wir ausländisches Sparkapital anzogen. Wir
profitieren von der zusätzlichen Kapitalbildung aus
ausländischen Investitionen, aber einige der Gewinne
aus auslandsfinanzierten Investitionen in den Vereinigten Staaten werden ins Ausland abfließen. Einige
Wirtschaftswissenschaftler sind über unsere Stützung
auf ausländisches Sparkapital besorgt, während andere die durch Zuflüsse ausländischen Sparkapitals
erbrachten Investitionen begrüßen, die über die aus
amerikanischem Sparkapital getätigten Investitionen
hinausgehen. Einige Experten äußern sich besorgt
über Konzentrationen von Produktionskapazitäten für
bestimmte Erzeugnisse, die für unsere wirtschaftliche
oder nationale Sicherheit ins Gewicht fallen könnten.
Wenn jedoch amerikanische Tochterfirmen ausländischer Unternehmen die auf amerikanischen Märkten
gültigen Spielregeln einhalten, sind sie kaum von
amerikanischen Firmen zu unterscheiden . Überdies
profitieren wir in den Vereinigten Staaten in dem Maß,
in dem ausländische Firmen neue Produkte oder innovative Produktionsmethoden bei uns einführen.
Trotz der Vorteile des internationalen Handels und
ausländischer Investitionen für die Vereinigten Staaten haben die Entwicklungen in der Weltwirtschaft im
vergangenen Jahrzehnt mehrere Herausforderungen
hervorgebracht. Erstens beruht ein Großteil des
Konkurrenzdrucks, dem amerikanische Firmen ausgesetzt sind, nicht auf unfairen Geschäftspraktiken
oder staatlichen Subventionen im Ausland. Stattdessen erscheinen traditionelle Geschäftsmethoden vieler amerikanischer Unternehmen, die vielleicht angeSeite 2

messen waren, als die Konkurrenten vorwiegend andere
US-Firmen mit ähnlichen Geschäftspraktiken waren,
heute nicht besonders passend für den Umgang mit
aggressiven internationalen Rivalen. So ist zum Beispiel eine MIT-Studie zu dem Schluß gekommen, daß
die traditionelle Geschäftspolitik vieler amerikanischer
Unternehmen wesentlich schlechter war als die besten
Geschäftsmethoden erfolgreicher ausländischer oder
amerikanischer Firmen. Aus diesem Grund steht die
amerikanische Wirtschaft vor der Herausforderung,
sich auf den internationalen Wettbewerb einzustellen,
indem sie sich die heute erfolgreichen Geschäftsmethoden zu eigen macht und neue entwickelt.
Die politisch Verantwortlichen stehen vor der Herausforderung, Alternativen zu Handelsschranken zu finden, um wirtschaftliche Anpassungsprozesse gegen
Erschütterungen abzufedern, die bei verstärktem internationalem Wettbewerb wahrscheinlich unvermeidbar sind. Die Errichtung von Barrieren gegen ausländische Konkurrenz für Industriezweige, die mit einer
Importschwemme konfrontiert sind, kann kurzfristig
Erleichterung verschaffen. Studien haben jedoch
gezeigt, daß Protektionismus mit enormen Kosten
verbunden ist und bei der Förderung der in einer
dynamischen Volkswirtschaft erforderlichen Anpassungen zumeist versagt. In vielen Fällen kann der
Anpassungsprozeß als Teil der normalen Funktionsweise der Märkte ohne größere Störungen stattfinden.
In anderen Fällen können zielgerichtete staatliche
Programme zur Umschulung von Arbeitskräften und
Anpassungshilfe erforderlich sein, um Arbeitnehmern
beim Wechsel zu neuen Arbeitsplätzen zu helfen.
Indem wir unser eigenes Vertrauen auf Handelsschranken zur Bewältigung von Anpassungsproblemen begrenzen, werden wir eher in der Lage sein, andere
Länder zu ermutigen, dasselbe zu tun. Die Vereinigten
Staaten haben ihr Programm zur Öffnung der Weltmärkte traditionell im Rahmen der multilateralen Handelsgespräche des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) verfolgt. Wir sind weiterhin an
einem Abbau der Handelsschranken durch das GATT
interessiert, wobei wir in der gegenwärtigen Runde
besondere Anliegen im Bereich der Landwirtschaft
und des Rechts auf geistiges Eigentum haben. Daneben haben wir ein bilaterales Abkommen mit Kanada
abgeschlossen, und Europa ist auf dem Weg zur
Einrichtung eines Binnenmarkts im Jahr 1992. Die
Entwicklung von Handelsgruppen und Handelsabkommen außerhalb des GATT-Rahmens läuft einer offenen internationalen Handelsordnung, die in unserem
besten Interesse liegt (mit wenigen Ausnahmen vermeidet der für 1992 geplante europäische Binnenmarkt Protektionismus), nicht zwangsläufig zuwider.
Wir müssen jedoch darüber wachen, daß bilaterale
Handelsabkommen und die Organisierung von Handelsgruppen primär auf die Öffnung des Handels und
nicht auf die Errichtung geschützter Enklaven ausgerichtet sind.

AMERIKA DIENST 13

�Die Reformen in Osteuropa und die Schuldenprobleme Lateinamerikas bilden weitere Herausforderungen. Es liegt eindeutig in unserem Interesse, Wirtschaftsreformen zu unterstützen, die Osteuropa auf
dem Weg durch ein sicherlich äußerst schwieriges
Übergangsstadium helfen. Es liegt ebenso in unserem
Interesse, die drückenden wirtschaftlichen und politischen Lasten für die Schuldnerländer in der dritten
Welt zu erleichtern. Gesunde Märkte in Osteuropa
und Lateinamerika bieten den Vereinigten Staaten
ebenso wichtige Handels- und Investitionsmöglichkeiten wie in Westeuropa zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als umfangreiche wirtschaftliche Ressourcen in
den Wiederaufbau flössen. Ressourcen allein sind für
Osteuropa und Lateinamerika nicht unbedingt die
Lösung. Dennoch sollten wir uns nicht von den Engpässen unseres Haushalts zu der Auffassung verleiten
lassen, wir könnten es uns nicht leisten, lohnende
Gelegenheiten zu ergreifen, obwohl eine Änderung
der Prioritäten im Haushalt erforderlich sein könnte.
Darüber hinaus sollte für kreditwürdige Aktivitäten
immer privates Kapital zur Verfügung stehen. Aus dem
Vorsprung, den andere Länder bei ihren Überschüssen haben, dürfen wir auch nicht schließen, daß wir
ihnen die Führungsrolle abtreten sollten.
Maßnahmen für den Dollar und das Handelsdefizit
Die auf den Devisenmärkten festgesetzte Bewertung
des Dollars basiert auf der Attraktivität amerikanischer
Waren sowie Sachwerten und Kapital. Wenn amerikanische Unternehmen im Vergleich zu ihren internationalen Konkurrenten bei der Steigerung der Produktivität erfolgreich sind und wenn Anlagen in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu Anlagen im Ausland
attraktiv sind, steigt der Dollar - wenn nicht, fällt er.
Keinesfalls können direkte Eingriffe in den Devisenmarkt die Bewertung des Dollars verändern. Interventionen zur Behebung von Wechselkursschwankungen
können gerechtfertigt sein. Aber es ist ein gefährliches
und potentiell kostenträchtiges Spiel, wenn man versucht, den Markt im Hinblick auf die Bewertung des
Dollars beeinflussen zu wollen.
Auch das Handelsdefizit ist in vieler Hinsicht ein künstliches Produkt aus politischen Maßnahmen und wirtschaftlichen Bedingungen und nicht direkt von Politikern beeinflußbar. Zum Beispiel werden Bestrebungen zum Abbau des Handelsdefizits, wie direkte Importbeschränkungen oder Exportsubventionen, durch
Aufwertung des Dollars zunichte gemacht, wenn die
Vereinigten Staaten nicht mehr sparen (oder weniger
investieren). Es gibt jedoch mehrere Möglichkeiten,
wie eine andere Politik oder veränderte wirtschaftliche
Bedingungen zu einem Abbau des Handelsdefizits
führen können. Am wenigsten wünschenswert wäre
ein Vertrauensverlust gegenüber der amerikanischen
Wirtschaftspolitik, der zu einem Versiegen ausländischer Spareinlagen in den Vereinigten Staaten führen
würde. Dabei würden die Zinsen steigen und die
Investitionen sinken. Es wäre ebenso wenig wün-

AMERIKA DIENST 13

schenswert, wenn wir eine starke Rezession hinnehmen mü ßten, auch wenn sich damit das Handelsdefizit
wahrscheinlich abbauen lassen würde. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Spartätigkeit im
Inland anzukurbeln, damit wir mehr investieren können
und in geringerem Maße von ausländischen Spareinlagen abhängig sind, so daß sich das Handelsdefizit im
Einklang mit einer gesunden Politik ordnungsgemäß
verbessern kann.
Schlußfolgerungen
Wenn wir uns den in diesem Bericht beschriebenen
Herausforderungen für das Wirtschaftswachstum stellen, und wenn wir den hier angesprochenen Herausforderungen zur Wiederherstellung unserer internationalen wirtschaftlichen Stärke gerecht werden wollen,
sollten wir unsere Position in der Weltwirtschaft stärken. Wenn wir diesen Herausforderungen nicht begegnen, könnten wir wirtschaftliche Einbußen erleiden, und damit würde auch unser Einfluß weltweit
schwinden.
Die Umwelt In den neunziger Jahren
Eine florierende Wirtschaft sollte uns eine saubere
Umwelt bieten können. Dennoch scheinen die Bedürfnisse von Wirtschaft und Umwelt oftmals auseinanderzuklaffen. Eine gesunde Umweltpolitik sollte Bestandteil einer gesunden Wirtschaftspolitik sein und nicht
damit konkurrieren. Die Vorteile des Umweltschutzes
müssen gegen seine Kosten abgewogen werden.
Die Verbraucher messen einer sauberen Umwelt einen hohen Stellenwert bei, aber es ist schwierig, dafür
einen Preis festzulegen. Wir verfügen über wenig
Informationen, was Arbeitnehmer und Verbraucher
dafür zu zahlen bereit sind, weil es natürlich keinen
Markt gibt, auf dem man so etwas kaufen kann. Es gibt
ihn nicht, weil es schwierig ist, die nicht so leicht
faßbaren Vorteile einer sauberen Umwelt zu berechnen.
Wir wissen nicht genau, was Menschen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung zu zahlen bereit sind,
können aber abschätzen, welchen Preis sie bereits zur
Bekämpfung ihrer Auswirkungen zahlen. Im Falle der
Luftverschmutzung belaufen sich zum Beispiel die
Kosten für Gesundheitsfürsoge und Schäden an Ernten, Vieh und Gebäuden auf mehrere Milliarden Dollar
jährlich. Kosten wie diese müssen gegen die Kosten
für den Abbau der Umweltverschmutzung abgewogen
werden.
Im Hinblick auf die Prinzipien besteht ein Konsens
unter Wirtschaftswissenschaftlern, eine Einigung
scheitert jedoch oftmals an einzelnen Problemen und
Ansätzen beim Umweltschutz. Umweltprobleme haben
alle ihre ureigenen Merkmale. Was in einem Bereich
funktioniert, kann in einem anderen völlig unangemessen sein.
Darüber hinaus können staatliche Maßnahmen und
Privatmärkte oftmals die sozialen Kosten und Nutzen
Seite 3

�von Umweltproblemen nicht in Einklang bringen. Die
starke Interdependenz von Umwelt und Wirtschaftssystemen kann leicht zu unbeabsichtigen politischen
Konsequenzen führen. Zum Beispiel wird eine Politik,
die unberechtigterweise die durch neue Autos oder
Kraftwerke verursachte Umweltverschmutzung bekämpft, deren Preis erhöhen und den Einsatz älterer
Technologie mit stärkerem Verschmutzungsgrad fördern. Es gibt fünf allgemeine Ansätze zum Abbau der
Umweltverschmutzung.
Marktabhängige Anreize
Wenn Ursachen für Umweltverschmutzung erkennbar
und die Schadstoffe meßbar sind, sollten Regierungen
versuchen, wirtschaftliche Anreize zu bieten. Wenn
zum Beispiel pro Einheit eines Schadstoffes Geldstrafen erhoben werden, haben die für die höchsten Emissionen Verantwortlichen den größten fianziellen Anreiz zu deren Reduzierung. Darüber hinaus können
diese Geldstrafen die Verursacher veranlassen, ihre
Emissionen so abzubauen, wie es ihnen am besten
nützt. Die Erlaubnis zur Emission einer begrenzten
Schadstoffmenge könnte in derselben Weise erfolgen.
Vorgeschriebene Verhaltensmaßregeln
In einigen Fällen ist es sinnvoll, Verhaltensmaßregeln
für zulässige Umweltverschmutzung aufzustellen.
Solche Regeln können den Verursachern ebenso wie
marktorientierte Anreize erhebliche Flexibilität bei der
Wahl der besten Technologie einräumen.
Strenge Verbote
Einige Schadstoffe sind so gefährlich oder so schwer
meßbar, daß ein strenges Verbot sinnvoll ist. Plutonium ist zum Beispiel so gefährlich, daß wir seine
Freisetzung nicht verantworten können, so hoch die
Summe, die ein potentieller Verwender zu zahlen
bereit wäre, auch sein mag.
Notwendige Technologien und Leistungen der
öffentlichen Hand
Wenn einzigartige Ressourcen, Rohstoffmonopole oder
hohe soziale Risiken auf dem Spiel stehen, kann ein
direkteres Eingreifen der Regierung erforderlich werden. Die meisten Gemeinden vertrauen zum Beispiel
der Regierung oder bestimmten Privatfirmen ihre
Abwasserentsorgung an.
Informationen
Manchmal können Regierungen private Körperschaften zur Lösung ihrer Umweltprobleme ermutigen, indem sie bessere Informationen über das anstehende
Problem bereitstellen.
Unserer Ansicht nach sollte sich die Umweltpolitik
gegebenenfalls finanzielle Eigeninteressen zunutze
machen. Grundsätzlich betont eine solche Politik
flexible Reaktionen und Abstufungen statt Verboten Zuckerbrot statt Peitsche - um angemessene Anreize
zu schaffen. In der Vergangenheit ist es der Umwelt-

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politik oftmals nicht gelungen, die Macht wirtschaftlicher Anreize zu nutzen. Dennoch gebietet die Vielfalt
der Umweltprobleme, daß wir uns nicht eines einzigen
Ansatzes für alle Situationen bedienen.
Die Friedensdividende
Politische Liberalisierung im Ostblock und die nachlassenden Spannungen des kalten Krieges lassen die
Möglichkeit eines erheblichen Abbaus der Verteidigungsausgaben zu. Wir stimmen zu, daß die "Friedensdividende" kurzfristig kleiner ausfallen wird, aber
steigerungsfähig ist und wahrscheinlich keine Rezession nach sich ziehen wird. Es besteht kein Konsens
darüber, wie die Ersparnisse bei den Verteidigungsausgaben genutzt werden sollen.
Die realen Verteidigungsausgaben werden im Haushaltsjahr 1990 um rund 2 Prozent sinken, liegen aber
immer noch nahezu 44 Prozent über dem Niveau von
1980. Wenn die realen Ausgaben weiterhin um 2
Prozent sinken, läge der Verteidigungshaushalt für
1995 13 Prozent unter dem Höchststand vor zwei
Jahren.
Solche Kürzungen erscheinen bescheiden, besonders
verglichen mit den in einigen frühen Pressemeldungen
geschätzten Kürzungen in Höhe von 100 bis 200
Milliarden Dollar. Tatsächlich sind diese hohen geplanten Einsparungen keine Kürzungen der Verteidigungsausgaben zum gegenwärtigen Dollarwert. Sie
sind vielmehr der kumulative Unterschied zwischen
einer relativ flachen Ausgabenkurve zum derzeitigen
Dollarwert und früheren Regierungsprognosen, die
Aufstockungen des Verteidigungsetats zu einem weit
über der Inflationsrate liegenden Prozentsatz forderten.
Das Tempo der internationalen politischen Veränderungen war atemberaubend. Selbst noch vor einem
Jahr sagten nur wenige etwas dem politischen Umbruch von 1989 vergleichbares voraus, und das sollte
als Warnung für jeden dienen, der heute behauptet, die
Zukunft zu kennen. Obwohl einige der jüngsten Entwicklungen (einschließlich der Spannungen in den
baltischen Sowjetrepubliken) Anlaß zu ernsthafter
Besorgnis geben, legen die meisten (einschließlich der
kontinuierlichen Demokratisierung Osteuropas) den
Schluß nahe, daß die jüngsten Veränderungen unumkehrbar sind. In dem Maße, in dem die sich wandelnden Verhältnisse in Osteuropa zu konkreten Reduzierungen in der militärischen Infrastruktur des Warschauer Pakts und einer Erhöhung der Vorwarnzeit
geführt haben, sollten die politischen Veränderungen
zu einem Abbau der Bedrohung und Verteidigungserfordernisse führen.
Kurzfristig werden die Einsparungen bei den Verteidigungsausgaben bescheiden sein, weil die Ausmusterung von Soldaten, Einmottung von Waffen und Schließung von Stützpunkten ebenfalls Geld kosten; weil die
in der Vergangenheit bestellte Hardware heute Vertragskosten nach sich zieht und Kürzungen bei neuen

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�Hardwarebestellungen kurzfristig wenig einsparen, wenn
auch später sehr viel. Die der modernen Verteidigung
zugrundeliegende langfristige Planung macht einen
abrupten Kurswechsel schwierig und teuer. Der außerordentliche Spannungsabbau könnte jedoch umfassende Kürzungen bei langfristigen Verpflichtungen
zulassen, die in einigen Jahren zu einem einschneidenden Kostenrückgang führen werden.
Die Senkung der Verteidigungsausgaben wird wahrscheinlich nicht zu einer Rezession führen, wie es nach
den Kriegen in Vietnam, Korea und dem Zweiten
Weltkrieg der Fall war. Verteidigung nimmt in der
Wirtschaft wesentlich geringeren Raum ein als in früheren Zeiten und beläuft sich auf rund 6 Prozent des
BSP verglichen mit ca. 9 Prozent während des Vietnamkriegs, 13 Prozent während des Koreakriegs und
ungefähr 40 Prozent während des Zweiten Weltkriegs.
Darüber hinaus hat die Finanzpolitik in jedem Fall
einen beträchtlichen Defizitabbau zum Ziel.
Die binnenwirtschaftlichen Konsequenzen werden daher
voraussichtlich unerheblich sein. Einige besonders
betroffene Arbeitnehmer, Industrien und Gemeinden
werden jedoch Auswirkungen spüren, wenn Stützpunkte geschlossen und Produktionsstätten stillgelegt

werden. Wenn die Einsparungen im Verteidigungsbereich in einigen Jahren so groß sind wie das Tempo der
politischen Veränderungen vermuten läßt, könnte dies
schwierige Anpassungen auf lokaler Ebene zur Folge
haben, und es müssen kreative Mittel und Wege
gefunden werden, um die Umstellung auf zivile Arbeitsplätze und Produkte zu beschleunigen.
Trotz dieser Bedenken vertreten zahlreiche Ökonomen die Auffassung, daß geringere Verteidigungsausgaben letztlich der Wirtschaft zugute kommen. Für die
Verteidigung bestimmte Ressourcen könnten für Investitionen verwendet werden, die unmittelbarer zu einer
Erhöhung unseres Lebensstandards beitragen. Die
Wirtsschaftswissenschaftler sind sich jedoch über den
besten Weg, wie dies verwirklicht werden sollte, uneinig. Einige möchten die Friedensdividende zum Abbau des Haushaltsdefizits verwenden und damit die
staatlichen Anleihen reduzieren und Privatinvestitionen ermutigen. Andere möchten das Geld für die
erforderlichen öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und Humankapital aufwenden. Und wieder andere
schlagen vor, die Einsparungen im Verteidigungsbereich für Steuersenkungen zu verwenden.

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