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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

12

United Statca Information Service
Embassy oi the United Status o; America
Library Services
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

28. März 1990

NATIONALE SICHERHEIT

BERICHT ZUR NATIONALEN
SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in
Auszügen

KSE

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE
IN EUROPA
Übersicht und Chronologie
des ACDA

POLEN

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident
Mazowiecki im Weißen Haus

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell
gesichert werden
UMWELTPOLITIK

KONGRESS

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung
weiterhin gefährdet

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa
und Geiselproblematik

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�NATIONALE

SICHERHEIT
28. März 1990

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in Auszügen
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem am 20. März 1990 von Präsident Bush
freigegebenen Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie.

Vorwort
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahmen
die Vereinigten Staaten eine ungewohnte Bürde - die
Verantwortung, die freien Nationen der Welt zu führen
und ihnen bei ihrer Verteidigung beizustehen. Dieses
Land unternahm kühne und einzigartige Maßnahmen,
um sowohl seinen Verbündeten als auch seinen besiegten Gegnern beim Wiederaufbau zu helfen, um
ihnen einen Schild zur Verfügung zu stellen, hinter dem
die Demokratie gedeihen konnte und seine Hand zur
Unterstützung weltweiten wirtschaftlichen Fortschritts
auszustrecken. Die Herausforderung durch eine
aggressive, repressive Sowjetunion wurde durch ein
System von Bündnissen gebändigt, zu dessen Bildung
wir beitrugen und das wir führten.
Die Vereinigten Staaten gingen mit einzigartigem Erfolg aus diesem historischen Unterfangen hervor. Aber
es war unvermeidlich, daß die neuen durch diesen
Erfolg geschaffenen Bedingungen schließlich eine
neuartige amerikanischen Führungsrolle erfordern
würden. Unsere überwältigende wirtschaftliche Vorherrschaft nach dem Krieg mußte unweigerlich in dem
Maß reduziert werden, in dem unsere Freunde - mit
unserer Hilfe - an Stärke gewannen.
Wahrscheinlich war es ebenso unvermeidlich, daß
sich die Sowjetunion angesichts einer starken Koalition freier Staaten, die entschlossen waren, sich ihren
Übergriffen zu widersetzen, nach innen kehren mußte,
um sich den inneren Widersprüchen ihres eigenen,
äußerst fehlerhaften Systems zu stellen - was stets
das Ziel unserer Politik des Containment gewesen
war.

AMERIKA DIENST 12

Heute, nahezu vier Jahrzehnte danach, wird die internationale Landschaft von Veränderungen geprägt, die
in Charakter, Dimension und Tempo atemberaubend
sind. Die traditionellen Eckwerte der Sicherheitspolitik
in der Nachkriegszeit werden durch Entwicklungen in
Frage gestellt, die noch vor Jahren, ja Monaten, kaum
vorstellbar waren. Und doch sind unsere Ziele und
Interessen konstant geblieben. Und wenn wir unseren
Blick - und unsere Hoffnungen - auf ein besseres
Morgen richten, müssen wir ebenso auf die Elemente
unserer früheren Politik blicken, die eine wichtige Rolle
auf dem Weg dorthin gespielt haben, wo wir heute
stehen.
Es ist unsere über vier Jahrzehnte bewiesene Standhaftigkeit, die uns diesen Augenblick historischer
Chancen beschert hat.
Wir werden diese Chance weder ungenutzt verstreichen lassen noch vor den durch die neuen Bedingungen geschaffenen Herausforderungen zurückweichen.
Unsere Antwort wird eine strategische Vision erfordern
- eine klare Vorstellung unserer Ziele, unserer Interessen und der Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um
sie zu erreichen und zu schützen. Die Quintessenz
dieser Strategie liegt in der Festsetzung von Prioritäten. Wir werden schwierige Entscheidungen treffen.
Der vorliegende Bericht steckt den Rahmen für den
Weg ab, den wir nehmen werden, um das Vermächtnis
der Nachkriegszeit zu bewahren und gleichzeitig die
Vereinigten Staaten in die Lage zu versetzen, bei der
Gestaltung einer neuen Ära mitzuwirken, die über
Containment hinausgeht und uns in das nächste Jahrhundert führen wird. Ich lade das Volk der Vereinigten
Staaten und den Kongreß dazu ein, mit uns einen
Seite 1

�Dialog zu führen, der uns bei den in den kommenden
Monaten und Jahren zu treffenden Entscheidungen zu
neuen Einsichten verhilft.

II. Tendenzen In der Welt von heute: Chancen und
Ungewißheiten
Die Krise des Kommunismus

I. Die Grundlagen der nationalen Strategie: Ziele
und Interessen
Dauerhafte Elemente unserer nationalen Strategie
Im Verlauf unserer gesamten Geschichte hat unsere
nationale Sicherheitsstrategie weitgespannte und
beständige Ziele verfolgt. Wir haben stets danach
getrachtet, die Sicherheit unserer Nation, ihrer Bürger
und ihrer Lebensweise zu gewährleisten. Wir haben
uns ferner bemüht, das Wohlergehen unseres Volkes
zu fördern, indem wir zu einem internationalen Umfeld
des Friedens, der Freiheit und des Fortschritts beigetragen haben, in dem unsere Demokratie - und andere
freie Nationen - gedeihen können.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts war es für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse, keiner gegnerischen Macht oder Gruppe von Mächten
die Herrschaft über die eurasische Landmasse zu
überlassen. Dieses Interesse bleibt bestehen. Es hat
ein Engagement für Vomeverteidigung und Vornestationierung von Streitkräften erfordert, eine Strategie,
die als Eindämmung des sowjetischen Expansionismus bezeichnet wird. Hinter diesem Schild haben
unsere Freude an Stärke gewonnen und Institutionen
der Einheit geschaffen. Es ist der Erfolg dieser Politik
des Containment gewesen, der neue Bedingungen
und neue Chancen für eine neue Generation von
Amerikanern hervorgebracht hat. Wir begrüßen diesen Wandel. Und doch bleiben unsere Grundwerte und unsere grundlegenden geopolitischen Erfordernisse - bestehen.
Unsere Interessen und Ziele in den neunziger
Jahren
Unsere breitgefächerten nationalen Interessen und
Ziele sind unverändert. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.
Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.
Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.
Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Seite 2

Wir sehen uns mit einem strategischen Umbruch
konfrontiert, der das Ergebnis des Erfolgs unserer
Nachkriegspolitik ist. Ein solch grundlegender politischer Wandel wird jedoch wahrscheinlich mit Turbulenzen einhergehen. Es wird möglicherweise Rückschläge und neue Quellen der Instabilität geben. Ein
Happy End kann nie garantiert werden. Wir müssen
uns stets die bleibenden Ungewißheiten vor Augen
führen, während die Sowjetunion und die Staaten
Osteuropas - jeder auf seine Weise - in historisch
unbekannte Bereiche vorstoßen.
Die demokratischen Industriestaaten
Die demokratischen Industriestaaten stehen ebenfalls
vor teilweise ernsten strategischen Herausforderungen, aber diese sind im großen und ganzen Produkte
unseres Erfolgs. Dazu gehören das sich verlagernde
Gleichgewicht der wirtschaftlichen Macht und die Gefahr,
daß Handelskonflikte in einem Zeitalter wirtschaftlicher Veränderungen und Anpassung die politischen
und militärischen Bindungen belasten könnten. Die
wachsende Stärke und Selbstsicherheit unserer Verbündeten in Westeuropa und Ostasien haben bereits
eine größere Beteiligung an der Führungsverantwortung zur Folge gehabt.
Die Weltwirtschaft
In einem neuen Zeitalter technologischer Innovation
und globaler Märkte wird die Weltwirtschaft mehr als je
zuvor dem Wettbewerb unterliegen. Die Ausbreitung
wirtschaftlicher Macht wird mit nahezu absoluter Sicherheit anhalten und ist zumindest teilweise das
Ergebnis einer klugen und erfolgreichen amerikanischen Politik mit dem Ziel, das Wirtschaftswachstum
weltweit zu fördern. Eine gesunde amerikanische
Wirtschaft ist für die Unterstützung weltweiter wirtschaftlicher Entwicklung und damit für den Abbau
gefährlicher Bestrebungen nach Unilateralismus,
Regionalismus und Protektionismus unerläßlich.
Konflikte in der dritten Welt
In einem neuen Zeitalter könnten einige der Konflikte
in der dritten Welt nicht mehr im Kontext der Rivalität
zwischen den Supermächten stattfinden. Und doch
werden viele aus unterschiedlichen Gründen auch
weiterhin amerikanische Interessen bedrohen. Äußerst zerstörerische regionale Kriege werden eine
Gefahr bleiben, die durch die Expansion der Streitkräfte regionaler Mächte und die Verbreitung modernster
Waffentechnik noch verstärkt wird. Überdies wird es
immer schwieriger, die Ausbreitung chemischer, biologischer und atomarer Waffen - und damit die Ausbreitung weitreichender Trägersysteme - zu bremsen.

AMERIKA DIENST 12

�Tendenzen in der Rüstung
Das moderne Gefechtsfeld wird von einem bisher
unerreichten Zerstörungspotential gekennzeichnet. Mit
der weiteren Ausbreitung der weltweiten Rüstungsproduktion können moderne Waffen zunehmend auch
von kleineren Mächten erworben werden. Dadurch
verringert sich der militärische Abstand zwischen uns
und regionalen Mächten, und Gefechtsfelder in der
dritten Welt werden in einigen Fällen ebenso anspruchsvoll wie man dies von einem Gefechtsfeld in
Mitteleuropa erwarten würde.
Drogen
Der Drogenhandel ist für die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten mit ungeheuren Kosten verbunden, er untergräbt unsere nationalen Werte und Institutionen und ist
unmittelbar für die Zerstörung und den Verlust vieler
Menschenleben in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Der internationale Drogenhandel stellt eine
große Bedrohung unserer nationalen Sicherheit und
der Sicherheit anderer Länder dar.
Flüchtlinge
Die Erschütterungen in einer turbulenten Welt haben
zum Anschwellen des weltweiten Flüchtlingsstroms
bis zu einer heutigen Gesamtzahl von 14 Millionen
geführt.
Fragen der Zukunft
Das Sicherheitsumfeld der neunziger Jahre bietet uns
mehr Hoffnungen aber vielfach auch mehr Unsicherheiten als je zuvor in der jüngeren Vergangenheit.
Einige der vor uns liegenden Fragen lauten:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität zunehmend in den Hintergrund tritt? Wie wird sich die
andauernde Führungsrolle der Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden die von unseren
Verbündeten übernommenen neuen Führungsrollen beschaffen sein?

stand unerläßlich ist, wenn die empfundene
Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?
Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?
Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?
III. Regionale Herausforderungen und Reaktionen
Unserem Verhältnis zur Sowjetunion kommt weiterhin
strategische Priorität zu, weil dieses Land die einzige
andere militärische Supermacht bleiben wird. Selbst
wenn Spannungen abgebaut und die Streitkräfte beider Seiten verringert werden, ist die Aufrechterhaltung
des globalen strategischen Gleichgewichts ein unausweichliches Anliegen der Vereinigten Staaten. Für
unsere Bemühungen in diesem Bereich gibt es keinen
Ersatz. Und doch werden es uns die gegenwärtig
stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen falls sie den Erwartungen gerecht werden - gestatten,
bedeutende Veränderungen in unserem militärischen
Einsatzkonzept vorzunehmen - und sie werden eine
größere Möglichkeit bieten, die anderen Regionen für
sich zu betrachten, unabhängig vom Ost-West-Konflikt.
Die Sowjetunion
Unser Ziel besteht darin, über die Politik des Containment hinauszugehen und die Sowjetunion als konstruktiven Partner in das internationale Staatensystem
einzubinden. Moskau wird in uns einen bereitwilligen
Partner finden, wenn es darum geht, die Bedingungen
zu schaffen, die es der Sowjetunion erlauben werden,
einer friedlichen, freien und wohlhabenden internationalen Staatengemeinschaft beizutreten und dort willkommen zu sein.

Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?

Der heute stattfindende dramatische Prozeß politischer und wirtschaftlicher Reformen hat unsere volle
Unterstützung. An seinem Erfolg haben wir ein erhebliches Interesse. Trotzdem können und werden die
Vereinigten Staaten sich nicht auf einen bestimmten
führenden Politiker oder eine bestimmte Führungsgruppe in der Sowjetunion verlassen. Wir halten nach
grundlegenden Veränderungen in sowjetischen Institutionen und Praktiken Ausschau, die nur mit hohen
wirtschaftlichen und politischen Kosten rückgängig
gemacht werden können.

Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohl-

Welchen Kurs die Sowjets im nächsten Jahrzehnt
auch einschlagen mögen, die Sowjetunion wird eine
gewaltige Militärmacht bleiben. Die Vereinigten Staa-

Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�ten werden auch weiterhin ein modernes Verteidigungspotential unterhalten, das die Abschreckung stärkt
und die Sicherheit verbessert. Unsere Reaktion ist von
kluger Vorsicht gekennzeichnet, aber die sowjetische
Führung und das sowjetische Volk sollten erkennen,
daß diese Vorsicht auf Ungewißheit, nicht auf Feindschaft gegründet ist.
Westeuropa
Unser Bündnis hat seine Wurzeln in einer gemeinsamen Geschichte und einem gemeinsamen Erbe. Selbst
wenn die militärische Konfrontation in Europa radikal
abgebaut wird - wie dies unserer Zielsetzung entspricht -, wird die auf moralischen und politischen
Werten gegründete natürliche Partnerschaft demokratischer Verbündeter fortdauern.
Die anhaltende Stärke des Bündnisses und unsere
Führungsrolle darin bleiben für den Frieden unerläßlich. In dem sich in Europa entwickelnden neuen
politischen Umfeld wird das Atlantische Bündnis auch
weiterhin ein natürlicher Zusammenschluß freier Nationen und der natürliche Rahmen für die Harmonisierung westlicher Politik im Hinblick auf Sicherheit und
Diplomatie bleiben. Innerhalb dieses Rahmens wird
die "europäische Säule" der atlantischen Welt gegenwärtig sichtlich gestärkt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen eine stärkere wirtschaftliche und politische Integration Westeuropas voll und ganz.
Die Vereinigung Deutschlands nimmt Gestalt an - auf
friedlichem Weg, auf der Grundlage von Demokratie
und im Rahmen der westlichen Beziehungen, die seit
vier Jahrzehnten Frieden und Freiheit gefördert haben. Dies ist ein Triumph des Westens. Wir erwarten,
daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied sowohl
des Atlantischen Bündnisses als auch der Europäischen Gemeinschaft bleiben wird, während wir alle
danach streben, die Bedingungen für eine umfassendere Aussöhnung in Europa zu verbessern.
Osteuropa
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben
sich der Überwindung der Teilung Europas verpflichtet. Alle Länder Osteuropas haben das Recht, Teil des
internationalen Staatenbundes freier Nationen zu
werden, während sie ihren Anspruch auf die kulturelle
und politische Tradition Europas erneut geltend machen, die ihr Erbe ist. Ein freies und wohlhabendes
Osteuropa stellt keine Bedrohung der legitimen sowjetischen Sicherheitsinteressen dar. Der kalte Krieg hat
mit der Teilung Europas begonnen. Er kann nur dann
endgültig beendet werden, wenn Europa wieder ungeteilt ist.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, bei der Förderung der Wirtschaftsentwicklung Osteuropas, Unterstützung seiner demokratischen Institutionen und der
Gewährleistung der gesamten Stabilitätsstruktur eine
aktive Rolle zu spielen. Es ist auf dramatische Weise
Seite 4

offensichtlich geworden, daß die Rolle der Vereinigten
Staaten von den Völkern Osteuropas begrü ßt wird, die
unsere Präsenz - in dem entstehenden neuen Europa
- als Beruhigung ansehen.
Wir erwarten von der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Übernahme
einer größeren Rolle, da die KSZE für die Freiheit der
Völkersteht, über ihre Zukunft in einem Rechtsstaat zu
bestimmen, in dem die demokratisch Regierenden
rechenschaftspflichtig sind.
Die westliche Hemisphäre
Für die westliche Hemisphäre ist das Ziel, die erste
vollständig demokratische Hemisphäre der Geschichte zu werden, in greifbare Nähe gerückt. Der dramatische Sieg der Opposition bei den Wahlen in Nicaragua am 25. Februar 1990 hat dem latenten Trend zu
Demokratie enormen Auftrieb verliehen, der sich in der
Region in den vergangenen Jahren abzeichnete.
Wir müssen jedoch nach wie vor Bedrohungen unserer
Sicherheit abwehren. Die Verbesserung unserer
Beziehungen zu Kuba hängt von der politischen Liberalisierung in diesem Land sowie der Beendigung der
subversiven Tätigkeit gegen andere Regierungen und
der Aushöhlung des Friedensprozesses in der Region
ab. In Nicaragua lautet unser Ziel, der neuen Regierung von Violetta Chamorro bei ihren Bemühungen um
die Gründung demokratischer Institutionen, den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Reduzierung des
nicaraguanischen Militärs behilflich zu sein. Wir unterstützen die militärischen und politischen Bestrebungen der salvadorianischen Regierung bei der Bekämpfung der kommunistischen Unterwanderung.
Ostasien und der Pazifik
Unser Bündnisgeflecht und unsere in der Region stationierten Streitkräfte haben die Stabilität gewährleistet, mit der die erstaunlichen Fortschritte in diesem
Gebiet ermöglicht wurden. Seit den siebziger Jahren
gründete sich die Sicherheit dieser Region auf ein Netz
harmonischer Beziehungen unter den wichtigsten
Staaten der Region, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Unser Bündnis mit Japan ist nach wie vor
das Kernstück unserer Sicherheitspolitik und ein unerläßlicher Eckpfeiler der Stabilität. Darüber hinaus hat
auch das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten
und China entscheidend zur regionalen Stabilität und
dem internationalen Kräftegleichgewicht beigetragen.
Die Vereinigten Staaten haben die Unterdrückung in
China im vergangenen Juni aufs schärfste mißbilligt
und Sanktionen verhängt, um ihrem Mißfallen Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig haben sie versucht,
einen vollständigen Bruch Chinas mit der übrigen Welt
zu vermeiden. Das Sicherheitsengagement der Vereinigten Staaten gegenüber der Republik Korea besteht
unvermindert weiter. Unsere starken und soliden
Beziehungen zu unserem Verbündeten Australien tragen

AMERIKA DIENST 12

�direkt zur regionalen und internationalen Stabilität bei.
Der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN)
spielt nach wie vor eine entscheidende Rolle für Sicherheit und Wohlstand der Region. Wie wir mehrfach
unter Beweis gestellt haben, unterstützen wir die
demokratischen Institutionen der Philippinen und ihre
Bestrebungen, Wohlstand, sozialen Fortschritt und
Sicherheit im Innern herzustellen.
Der Nahe Osten und Südasien
Die Abhängigkeit der freien Welt von den Energievorräten dieser entscheidenden Region und unsere starken Beziehungen zu zahlreichen Ländern der Region
stellen weiterhin eine wichtiges Interesse der Vereinigten Staaten dar. Der Nahe Osten ist ein anschauliches
Beispiel für eine Region, in der - selbst angesichts des
Abbaus der Spannungen zwischen Ost und West - die
Vereinigten Staaten immer noch strategische Belange
haben. Wir werden destabilisierende Waffenverkäufe
entmutigen. Insbesondere haben wir uns dazu verpflichtet, die Verbreitung atomarer, chemischer und
anderer Massenvernichtungsmittel einzudämmen. Wir
werden internationalen Druck gegen die Staaten ausüben, die Terrorismus und Subversion fördern. Wir
werden einen Friedensprozeß unterstützen, der darauf abzielt, die legitimen politischen Rechte der Palästinenser auf eine Art und Weise zu erfüllen, die im
Einklang mit unserem anhaltenden Engagement für
die Sicherheit Israels steht.
In Südasien versuchen wir, unsere besondere Beziehung mit unserem traditionellen Bündnispartner Pakistan aufrechtzuerhalten, unsere Beziehungen zu Indien kontinuierlich zu verbessern, die indisch-pakistanische Annäherung zu ermutigen und der Verbreitung
von Nuklearwaffen Einhalt zu gebieten. In Afghanistan
sind wir einer umfassenden politischen Schlichtung als
bestem Mittel zur Verwirklichung von Selbstbestimmung und regionaler Sicherheit für Afghanistan unerschütterlich verpflichtet.
Afrika
Die Gründung von Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung und regionaler Frieden sind die Ziele unserer
Politik in Afrika. Die Vereinigten Staaten haben im
gesamten Verlauf der achtziger Jahre nachdrücklich
auf die Beendigung aller in den siebziger Jahren begonnenen sowjetisch-kubanischen militärischen Interventionen gedrängt. Am Hom von Afrika haben wir
eine ausgehandelte Lösung der Konflike der Region
ermutigt. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Reformen befürworten, mit denen verschwenderische
und unproduktive staatliche Unternehmen abgeschafft
und der produktive Privatsektor und Eigeninitiative
freigesetzt werden sollen.
Nach wie vor drängen wir auf eine unverzügliche und
vollständige Abschaffung des Apartheid-Systems in
Südafrika. Wir unterstützen Verhandlungen, die zu

AMERIKA DIENST 12

einem demokratischen, nicht rassistischen Südafrika
führen könnten, das die Stabilität im Land und der
Region auf lange Sicht verbessern würde.
IV. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
politisches Programm
Die diplomatischen und politischen, wirtschaftlichen
und militärischen Elemente unserer nationalen Vormachtstellung sind nach wie vor ausgezeichnet. Die
relative Bedeutung dieser jeweiligen politischen Instrumente ändert sich jedoch unter unterschiedlichen
Bedingungen. Unsere schwierigsten Entscheidungen
werden nicht nur im Hinblick darauf getroffen, welche
Streitkräfte oder Programme angepaßt, aufgestockt,
gekürzt oder abgebaut werden müssen, sondern auch
unter dem Aspekt, welche Risiken mit anderen Mitteln
als militärischen Fähigkeiten gemindert werden können - Mitteln wie Verhandlungen, Lastenverteilung,
Wirtschafts- und Militärhilfe, wirtschaftlichem Einfluß
und politischer Führung.
Für ein neues Zeitalter prognostizieren wir, daß unsere
militärische Macht weiterhin unabdingbarer Stützpfeiler des internationalen Kräftegleichgewichts ist, jedoch
weniger offenkundig und in unterschiedlicher Form.
Wir gehen davon aus, daß unsere Streitkräfte weniger
gegen die Sowjetunion sondern eher in der dritten Welt
zum Einsatz kommen könnten, wo neue Fähigkeiten
und Ansätze erforderlich sein könnten. Wir haben
erkannt, daß wir unser wirtschaftliches Wohlergehen
als Grundlage unserer langfristigen Stärke im Auge

behalten müssen. Und wir können sehen, daß politischer Wille und wirksame Diplomatie insbesondere in
einem neuen internationalen Umfeld die Mittel sein
können, mit denen nationale Macht in die Verwirklichung nationaler Ziele umgesetzt werden.
Bündnisbeziehungen
In der Außenpolitik kommt der Solidarität mit unseren
Verbündeten und Freunden erste Priorität zu. Das
Aufkeimen anderer Machtzentren in der freien Welt ist
begrüßenswert, steht im Einklang mit den Werten der
Vereinigten Staaten und unterstützt unsere nationalen
Interessen. Wir sind bereit, die Verantwortung internationaler Führung mit unseren Verbündeten und Freunden umfassender zu teilen.
Rüstungskontrolle
Rüstungskontrolle ist ein Mittel, kein Zweck. Sie ist
wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Politik
zur Verbesserung der nationalen Sicherheit. Wir werden
Rüstungskontrollabkommen anhand folgender entscheidender Kriterien beurteilen:
Erstens müssen Abkommen unsere Sicherheit
verbessern. Unser Ziel besteht darin, selbst in
Krisenzeiten den Anreiz abzubauen, einen Angriff
in die Wege zu leiten. Wir streben also nicht
Reduzierungen um jeden Preis an, sondern

Seite 5

�Abkommen, die Stabilität fördern. Unsere Arbeit ist darauf ausgerichtet, die für Offensivmaßnahmen oder einen Präventivschlag am
besten geeigneten Fähigkeiten abzubauen.
Zweitens bevorzugen wir für verbesserte Stabilität Abkommen, die zu größerer Berechenbarkeit von Umfang, Zusammensetzung und Entwicklung der Streitkräfte führen. Berechenbarkeit durch Offenheit erweitert den traditionellen
Schwerpunkt der Rüstungskontrolle über rein
militärische Fähigkeiten hinaus und spricht die
Angst vor aggressiven Absichten an.
Drittens sind Abkommen nur dann wirksam,
wenn wir ihre Einhaltung verifizieren können.
Mit der Einbeziehung von Problemen wie der
Verbreitung chemischer Waffen und Raketen
wird die Verifikation zu einer zunehmend schwierigen Herausforderung, aber wirksame Verifizierung wird immer noch erforderlich sein. Wir
streben dauerhafte Abkommen an.
Da die Sicherheit der Vereinigten Staaten untrennbar mit der ihrer Freunde und Verbündeten
verbunden ist, werden wirdarauf bestehen, daß
mit keinem der Rüstungskontrollabkommen die
Sicherheit der Bündnispartner aufs Spiel gesetzt wird.

Wirtschafts- und Militärhilfe
Während die Spannungen zwischen Ost und West
abnehmen, kommt diesen politischen und wirtschaftlichen Instrumenten in einem Zeitalter neuer Herausforderungen zentrale Bedeutung zu. In einer neuen Ära
sind Wahrung von Demokratie und Stabilität weiterhin
ein Hauptziel, das aber jetzt nicht mehr mit dem
traditionellen Kontext des kalten Kriegs befrachtet ist.
Auch wirtschaftliche und humanitäre Ziele nehmen
heute einen breiteren Raum ein als zuvor. Mit der
Beilegung regionaler Konflikte wird die friedensbewahrende Funktion der Vereinten Nationen um zusätzliche
Aufgaben erweitert - und kann auf unsere Unterstützung zählen. Im Hinblick auf die weiterhin schwelenden Konflikte kann Militärhilfe den Umfang oder die
Wahrscheinlichkeit direkter amerikanischer Einflußnahme bei der Stärkung der regionalen Sicherheit
abbauen. Bei Problembereichen wie Drogen, Umwelt,
Terrorismus und der Verbreitung hochtechnologischer
Waffen ist amerikanische Hilfe weiterhin ein wertvolles
politisches Instrument.
V. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Wirtschaftsprogramm
Die Macht der Vereinigten Staaten beruht nach wie vor
auf der Stärke und Flexibilität unserer Volkswirtschaft.
Internationale Ungleichgewichte

Die Errungenschaften der vergangenen zwölf Monate
im Bereich der Rüstungskontrolle sind beeindruckend,
aber sie sind erst ein Anfang. Unser Rüstungskontrollprogramm ist heute umfassender als je zuvor und geht
über die traditionelle Konzentration auf Atomwaffen
hinaus. Wir befassen uns mit drängenden multilateralen Fragen der Rüstungskontrolle. Wir verhandeln
ferner über größere Transparenz und Begrenzung der
konventionellen Rüstungen. Wir werden in gutem
Glauben, geduldig und ernsthaft verhandeln, aber wir
streben weder ein Abkommen um jeden Preis an, noch
setzen wir die oben genannten Grundsätze aufs Spiel.
Ideenwettstreit und Wahrung der Demokratie
Die amerikanische Botschaft von Demokratie, Achtung der Menschenrechte und freiem Gedankenaustausch ist heute noch ebenso entscheidend und anregend wie vor 45 Jahren. Die von uns vermittelte
Wahrheit ist nach wie vor ein Stimulans für Offenheit.
Wir müssen bei Themen von zunehmender weltweiter
Bedeutung wie der Bekämpfung des Drogenhandels
und der Suche nach Bewältigung der internationalen
Umweltprobleme amerikanische Werte weitervermitteln und die amerikanischen Interessen schützen.
Während sich auf der Welt der Wandel zur Demokratie
vollzieht - die vielerorts noch verweigert wird -, müssen
wir sicherstellen, daß die von uns ausgesendete Botschaft und die benutzten Übertragungsmittel Schritt
halten.

Seite 6

Bei den jüngsten Wirtschaftsgipfeln und Treffen der
Finanzminister der G-7 wurde der Behebung dieser
Ungleichgewichte hohe Priorität eingeräumt. Für Länder
mit hohen Defiziten wie die Vereinigten Staaten sind
Maßnahmen erforderlich, mit denen das Haushaltsdefizit abgebaut und die private Spartätigkeit ermutigt
wird. Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan sollten ihrerseits makroökonomische
Maßnahmen und Strukturreformen zur Ankurbelung
nichtinflationären Wachstums ergreifen. Wir werden
die Koordinierung verbessern und die Durchführung
geeigneter Maßnahmen für nichtinflationäres Wachstum und erweiterten Handel sicherstellen.
Verschuldung
Die Verschuldung der dritten Welt beläuft sich insgesamt auf über 1 Billion Dollar, und die Schuldnerländer
benötigen rund 70 Milliarden Dollar nur zur Tilgung der
Jahreszinsen. Im Brady-Plan haben wir Vorschläge
zur Wiederbelebung der internationalen Schuldenstrategie durch Abbau der Verschuldung bei Handelsbanken und des Schuldendienstes als flankierende Maßnahmen der Neuverschuldung unterbreitet. Als unabdingbaren ersten Schritt, um diese Unterstützung zu
erhalten, drängen wir die Schuldner, Maßnahmen zur
Stärkung der inländischen Spartätigkeit zu ergreifen,
Anreize für ausländische Investitionen zu schaffen und

AMERIKA DIENST 12

�Schritte zu unternehmen, um die Kapitalflucht zu unterbinden.
Handel

militärische Komponente dieser Strategie paßt sich
den verändernden Bedrohungen und der verfügbaren
militärischen Technologie an, aber auch hier gibt es
eine gewisse Kontinuität:

Infolge des anhaltend hohen Handelsdefizits hat sich
die Unterstützung des freien Handels in den Vereinigten Staaten abgeschwächt. Leistungsbilanz- und
Handelsdefizite sind makroökonomische Phänomene, die vor allem die Spar- und Investitionstätigkeit im
Inland widerspiegeln. Wenn wir uns den inländischen
Ursachen für das Handelsdefizit zuwenden, müssen
wir auch sicherstellen, daß das freie Spiel der Marktkräfte im In- und Ausland gewährleistet ist und der
Handel expandiert - anstatt unsere Märkte abzuschotten.

Abschreckung: Wir haben Agression und Gewalt
abgeschreckt, indem wir potentielle Gegner davon
überzeugt haben, daß der Preis einer Aggression
jeden möglichen Vorteil übersteigen würde. "Flexible
Reaktion" erfordert die Beibehaltung von Optionen für
eine direkte Verteidigung, drohende Eskalation und
Vergeltungsschläge.

Angesichts der anhaltenden strategischen Bedeutung
eines Konsenses unter den demokratischen Industrienationen ist es unabdingbar, daß Handelsstreitigkeiten gerecht geschlichtet werden, ohne das Geflecht
lebenswichtiger sicherheitspolitischer Partnerschaften
zu zerstören.

Vorneverteidigung: Die Verteidigung dieser
gemeinsamen Werte und Interessen erfordert
die Präsenz eines großen Teils der US-Streitkräfte in Europa, Asien, dem Pazifik und auf
See.

Technologie
Unsere wirtschaftliche und militärische Stärke gründet
sich auf unsere technologische Überlegenheit - nicht
nur auf unsere Fertigungskapazität. Die Dynamik der
technologischen Revolution ist grenzüberschreitend.
Der Technologietransfer zwischen Verbündeten und
Freunden ist den Vereinigten Staaten sowohl im Bereich der nationalen Sicherheit als auch in wirtschaftlicher Hinsicht zugute gekommen.
Aber die Offenheit einer freien Marktwirtschaft darf
nicht zur Bedrohung unserer Sicherheit ausgebeutet
werden. Gemeinsam mit unseren Partnern im Koordinationsausschuß für ost-westliche Handelspolitik
(COCOM) müssen wir sicherstellen, daß sicherheitsempfindliche Technologie potentiellen Gegnern nicht
in die Hände fällt. Gleichzeitig müssen wir die COCOM-Verfahren und Listen für bestimmte Handelsgüterüberarbeiten, um schnelle politische und wirtschaftliche Veränderungen in Osteuropa zu fördern.
Energie
Gesicherte Energievorräte sind für unseren Wohlstand und unsere Sicherheit unabdingbar. Wir müssen weiterhin einen sicheren Zugang zu preiswertem
Öl gewährleisten und größere Ölkrisen bewältigen
können. Wir werden Energieerhaltung und neue
Energien fördern und unsere Energieversorgung ausbauen, um den Bedarf einer wachsenden Wirtschaft
zu decken.
VI: Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Verteidigungsprogramm
Ein Grund für den Erfolg der amerikanischen Strategie
des Containment liegt in deren Konsequenz. Die

AMERIKA DIENST 12

Starke Bündnisse: Gemeinsame Werte und
Sicherheitsinteressen bilden die Grundlage
unseres Systems kollektiver Sicherheit.

Verlegung von Streitkräften: Die Vereinigten
Staaten verfügen über einsatzbereite Streitkräfte und die Mittel zu ihrer Verlagerung, um die
vornestationierten Einheiten zu verstärken oder
in Gebiete zu entsenden, in denen sie nicht
permanent präsent sind.
Der Wiederaufbau der militärischen Stärke Amerikas
in den vergangenen zehn Jahren war eine wichtige
Grundlage für die positiven Veränderungen, die wir
jetzt international beobachten können. Unsere Herausforderung besteht jetzt darin, diese Stärke in eine
übergreifende Strategie einfließen zu lassen, die über
Containment hinausgeht, und sicherzustellen, daß
unsere militärische Macht den neuen und komplexeren Möglichkeiten und Herausforderungen Rechnung
trägt.
Prioritäten
Von den verfügbaren Waffen, Streitkräften und Technologien werden wir diejenigen auswählen müssen,
die unseren Bedürfnissen in einem neuen Zeitalter am
ehesten gerecht werden. Unser Ansatz wird folgende
Punkte enthalten:
Die Abschreckung eines Nuklearangriffs ist,
angesichts der Fähigkeiten der Sowjets zum
Beginn eines strategischen Atomkriegs gegen
die Vereinigten Staaten, nach wie vor Eckpfeiler
der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Bei der Neuorganisation der Kräfteverteilung
unter den Verbündeten sollte jeder weiterhin
seinen Schwerpunkt auf die Aufgaben legen,
die er am besten erfüllen kann.
Wir werden sicherstellen, daß wir über die erfor-

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�derlichen Streitkräfte verfügen, um im Fall eines Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
Konfliktes oder Krieges wichtige Luft- und wir in absehbarer Zukunft, auch in einem Umfeld
reduzierter konventioneller Streitkräfte und VerändeSeewege kontrollieren zu können.
rungen in Osteuropa moderne nukleare Streitkräfte für
Wir werden als Vorbeugungsmaßnahme gegen den Kriegschauplatz benötigen.
eine unsichere Zukunft weiterhin in Forschung
und Entwicklung investieren.
Abschreckung eines konventionellen Krieges
Wir verfolgen auch weiterhin die Doktrin konkur- Im Hinblick auf die Zukunft gehen wir von kleineren
rierender Strategien.
aktiven Streitkräften mit globalerer Orientierung aus,
deren Beweglichkeit, Einsatzbereitschaft und DurchZahlreiche Verteidigungsprogramme passen sich haltefähigkeit den potentiellen Konflikten angemessen
unterschiedlichen Bedingungen an, wir werden ist.
jedoch gegebenenfalls Waffen und eine Streitkräftestruktur entwickeln, die insbesondere den Vorneverteidigung durch vorgeschobene Präsenz
Bedürfnissen der dritten Welt gerecht werden.
Die amerikanische Führungsrolle in der NachkriegsBei grundlegenden Veränderungen unserer zeit und unser Engagement für die Verteidigung unseStreitkräfte erhalten wir auch im Fall von Rück- rer Interessen und der unserer Verbündeten wurde
schlägen unsere Fähigkeit aufrecht. Das ist ein von der vorgeschobenen Präsenz der US-Streitkräfte
unterstützt. Wir sind präsent, indem wir ständig Streitkluger Schutz vor einer unsicheren Zukunft.
kräfte im Ausland stationiert haben, durch ein Netz von
Abschreckung eines Atomkriegs
Stützpunkten, Einrichtungen und logistische Vereinbarungen, und wir sind präsent durch regelmäßige
Strategische Offensivwaffen
Partrouillen, Übungen und Besuche amerikanischer
Die Sowjetunion modernisiert weiterhin die gesamte Militäreinheiten. Dabei werden sich die Schwerpunkte
Bandbreite ihrer strategischen Streitkräfte. Auch wenn verändern, aber unsere vorgeschobene Präsenz bleibt
START eine erhebliche zahlenmäßige Reduzierung wichtiger Bestandteil unseres Einsatzkonzepts.
verspricht, ist der qualitative Wettstreit noch nicht
Wir werden weiterhin - zu Land, zur See und in der Luft
beendet.
konventionelle und nukleare - Streitkräfte in Europa
Von mir bereits getroffene Entscheidungen über eine stationieren, solange sie erforderlich und erwünscht
strategische Modernisierung berücksichtigen die Vor- sind. Darauf habe ich bereits verwiesen. Unsere
teile der vielversprechendsten Technologien für jede Streitkräfte in Europa sind nicht ausschließlich vom
Umfang sowjetischer Präsenz in Osteuropa, sondern
Säule unserer Triade, womit Stabilität erhöht wird.
von der Reaktion des Bündnisses auf den Bedarf an
Strategische Verteidigung
Sicherheit abhängig. Unserer Ansicht nach ist in
absehbarer Zukunft ein Niveau von 195 000 amerikaDie Strategische Verteidigungsinitiative ist eine Mög- nischen Soldaten in Mitteleuropa zur Aufrechterhallichkeit, Abschreckung auf eine sicherere und stabilere tung der Stabilität nach KSE-Reduzierungen angeGrundlage zu stellen, indem man den Schwerpunkt auf messen.
strategische Verteidigungssysteme legt. In einem
neuen internationalen Umfeld mit zunehmenden Fä- Au ßerhalb Europas werden wir die Fähigkeit beibehalhigkeiten zur Herstellung ballistischer Raketen ge- ten, auf regionale Konflikte zu reagieren, unseren
winnt die Verteidigung gegen Bedrohungen aus Dritt- Verpflichtungen nachzukommen und unsere Sicherländern ebenfalls an Bedeutung.
heitsinteressen zu wahren. Im Rahmen dieser Politik
Kriegschauplatzgebundene Streitkräfte
Das Atlantische Bündnis verfolgt konsequent das Prinzip der Beibehaltung überlebensfähiger und glaubwürdiger kriegschauplatzgebundener Streitkräfte, um eine
widerstandsfähige Abschreckung zu gewährleisten,
seine vereinbarte Strategie der flexiblen Reaktion zu
verwirklichen - und die Verteidigung Europas an die
strategische nukleare Garantie der Vereinigten Staaten zu "koppeln". Wir unterhalten Nuklearstreitkräfte,
deren Umfang so gering ist, wie es sich gerade mit
ihren Aufgaben und Zielsetzungen vereinbaren läßt.

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werden Anpassungen bei unserer Präsenz in Übersee

erfolgen. Bei den Verhandlungen über die Nutzung
unserer Stützpunkte in Übersee werden wir von der
realistischen Annahme ausgehen, daß Stützpunkte
nicht unersetzlich sind. Jeder leistet einen bestimmten
Beitrag für unsere Sicherheit.
Gemeinsame Verantwortung für kollektive Verteidigung
Unsere Überlegungen betreffen weniger die unterschiedliche Art und Weise der Berechnung von Verteidigungslasten, sondern eher die Steigerung der Fähigkeiten insgesamt. Ein vielversprechender Ansatz ist

AMERIKA DIENST 12

�ein größeres Engagement für nationale Spezialisierung, eine verbesserte Arbeitsteilung im Bündnis auf
der Basis des vergleichbaren Vorteils einzelner Verbündeter bei unterschiedlichen Verteidigungsaktivitäten.
Streitkräfte für die dritte Welt
Die steigende Technisierung der Konflikte in der dritten
Welt wird hohe Anforderungen an unsere Streitkräfte
stellen. Sie müssen in der Lage sein, schnell zu
reagieren, weil die Demonstration auch geringer Macht
im Frühstadium eines Konflikts sich zumeist auszahlt.
Es wird wahrscheinlich Situationen geben, in denen
amerikanische Streitkräfte schnelle Erfolge mit den
geringstmöglichen Verlusten erzielen müssen. Die
Streitkräfte werden sich auf eine rauhe Umgebung,
unausgebaute Stützpunkte und die in der dritten Welt
häufig großen Entfernungen einstellen müssen.
Prinzipien der Mobilisierung
Verschiedene Elemente unserer Politik für die Gesamtstreitkräfte - das Gleichgewicht zwischen aktiven
und Reservestreitkräften, die Zusammensetzung von
Einheiten beider Komponenten, die Art der Einsätze
mit Reservestreitkräften - müssen Anpassungen erfahren, wenn wir Veränderungen im Bereich der Sicherheit gerecht werden wollen. Darüber hinaus muß
sich in den Plänen zur Mobilisierung der Industrie
unser gewandeltes Verständnis von der Warnung vor
einem Weltkrieg widerspiegeln, und es müssen stufenweise Reaktionen entwickelt werden, die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten demonstrieren und
somit zur Abschreckung beitragen.
Chemische Kampfführung
Unser vordringliches Ziel besteht darin, so schnell wie
möglich ein wirksames und tatsächlich weltweites Verbot
chemischer Waffen herbeizuführen. Bis dahin werden
die Vereinigten Staaten ein kleines, aber effektives
Arsenal chemischer Waffen unterhalten, um deren
Einsatz gegen uns und unsere Verbündeten abzuschrecken. Darüber hinaus werden wir unsere Initiativen fortführen, um unsere Streitkräfte vor chemischen Kampfstoffen, die gegen sie zum Einsatz kommen könnten, zu schützen und die Auswirkungen
eines gezwungenermaßen erfolgten Einsatzes zu
minimieren, bei dem es zur Berührung mit chemischen
Kampfstoffen kommt.
Weltraum
Die Vereinigten Staaten engagieren sich auch weiterhin für die Erforschung und Nutzung des Weltraums zu
friedlichen Zwecken und zum Nutzen der gesamten
Menschheit, aber das Völkerrecht und dieses Engagement gestatten Aktivitäten zum Schutz unserer nationalen Sicherheit. Unsere Zielsetzungen im Weltraum
sind ein Abbild derjenigen Ziele, die wir auch zur See
verfolgen - allen freien Zugang in Friedenszeiten zu

AMERIKA DIENST 12

gewähren, aber in Kriegszeiten unseren Feinden den
Zugang zu verwehren.
Darüber hinaus werden wir die wissenschaftliche,
technologische und wirtschaftliche Nutzung vorantreiben und auch Privatinvestitionen fördern. Wir werden
die internationale Kooperation unterstützen und gemeinsam an der Aufrechterhaltung des Friedens im
Weltraum arbeiten.
Konflikte geringer Intensität
Bedrohungen wie Terrorismus, Subversion, Aufstände und Drogenhandel gefährden die Vereinigten Staaten, ihre Bürger und Interessen in ungeahnter Art und
Weise. Armut und der Mangel an politischen Freiheiten tragen zur Instabilität bei, die Konflikte geringer
Intensität (low-intensity conf lict) mit sich bringt. Unsere Reaktion muß diesen Grundbedingungen gerecht
werden - aber wir können keine Verletzung unserer
Interessen und noch weniger Gewalt gegen unschuldige Bürger hinnehmen. Außerdem können die Ideale
Demokratie, Freiheit oder wirtschaftlicher Fortschritt
nur in einem Umfeld der Sicherheit gedeihen.
Drogenhandel
Das Verteidigungsministerim spielt eine wichtige Rolle
bei unserer Nationalen Drogenbekämpfungsstrategie.
Die erste Linie der Verteidigung gegen den illegalen
Drogenhandel muß in denjenigen Ländern gezogen
werden, wo Drogen hergestellt und verarbeitet werden. Unsere Politik zielt darauf ab, den politischen
Willen und den institutionellen Rahmen der Militär-,
Justiz- und Polizeibehörden in den Herstellerländern
zu stärken. Eine zweite Verteidigungslinie kann mit
der Stationierung von Teilen der US-Streitkräfte gezogen werden, die den Drogentransport an die amerikanische Grenze aufdecken und überwachen. Gegenwärtige Betrebungen zeigen bereits erste Erfolge.
Unsere Hilfe hat die kolumbianischen Regierung bei
ihrer mutigen Kampagne unterstützt, gegen die Drogenbarone vorzugehen und nationale Souveränität
und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.
Programme für die Nachrichtendienste
Die weltweit stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen stellen eine nie dagewesene Herausforderung für unsere Nachrichtendienste dar. Die Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen deuten auf
eine friedlichere Zukunft hin. Aber ein Umfeld beiderseitigen Vertrauens wird - nach vierzig Jahren Konfrontation - eine schwierige Aufgabe der Vertrauensbildung und Verifizierung sein.
Und überall gibt es Anzeichen für Gefahren. Die
Weiterverbreitung nuklearer, chemischer und anderer
militärisch verwendbarer Technologien steigert das
Risiko für Konflikte und Krisen. Schwelende regionale
Konflikte sind die Folge. Der amerikanische Nachrichtendienst muß solche Entwicklungen beobachten und

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�Politikern die zum Schutz amerikanischer Interessen
notwendigen Informationen liefern. Die beiden Geißeln internationaler Terrorismus und Drogenhandel
stellen sehr hohe Anforderungen an die Nachrichtendienste, denen sich sich bisher kaum stellen mußten.
Wir werden uns also auf eine Verlagerung zu weltweiten Wirtschafts- und Handelsproblemen einstellen
müssen.
VII. Vertrauen In den Staat
Gemäß unserer Verfassung teilen sich Exekutive und
Legislative die Verantwortung der nationalen Verteidigung. Dieses System der Gewaltenteilung soll vor
Machtmißbrauch schützen, funktioniert aber am besten in einem dynamischen sicherheitspolitischen
Umfeld, in dem beide Bereiche zusammenarbeiten
und ein starkes Maß an Konsens über politische
Grundsätze auf nationaler Ebene und zwischen beiden Parteien besteht.
Die erfolgreichen Beispiele der überparteilichen Kooperation des letzten Jahres - Mittelamerika, Hilfe für
Osteuropa, Panama, um nur einige zu nennen - erfüllen mich mit Stolz. Dennoch gibt es noch einige

Kontroversen über die verschiedenen Versuche zur
Beschränkung der Befugnisse und Autorität des Präsidenten in vielen Bereichen, von verdeckten Operationen bis zur Zweckbindung von Hilfsgeldern. Wenn
wir einen erfolgreichen Übergang zu einem neuen
Zeitalter erreichen wollen, müssen wir zusammenarbeiten.
Wir befinden uns jetzt in einem Zeitalter sich schnell
verändernder strategischer Bedingungen, neuer Hinwendung zum Frieden, vieler Unsicherheiten und neuen
Gefahren. Wir haben also neue Möglichkeiten und
neue Probleme, die uns neue Führungsqualitäten
abverlangen - Mut, Weitblick und Konsequenz. Meine
Pflicht ist es, mich dieser Herausforderung zu stellen,
und dazu bin ich - in enger Zusammenarbeit und engen
Konsultationen mit dem Kongreß - bereit. Meiner
Ansicht nach gibt es einen nationalen Konsens bei der
Unterstützung einer starken Außen- udn Verteidigungspolitik - einen vielleicht stärkeren Konsens als jemals
zuvor in den vergangenen 25 Jahren. Der Kongreß
und der Präsident müssen diesen Konsens durch ihre
Kooperation mehr denn je demonstrieren. Das schulden wir dem amerikanischen Volk.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 12

�KSE
28. M a n 1990

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE IN EUROPA
Übersicht und Chronologie des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht und Chronologie "Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa" wurde am 23. März 1990 vom Amerikanischen Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) herausgegeben.

Am 9. März 1989 kamen Vertreter aller 23 Mitglieder
von NATO und Warschauer Pakt in der Wiener Hofburg zusammen, um Verhandlungen zu einem Abkommen über konventionelle Rüstungskontrolle in
Europa vom Atlantik bis zum Ural aufzunehmen. Diese
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE) sprengen den Rahmen der bisherigen
Rüstungskontrollverhandlungen auf diesem Gebiet,
an denen nur einige NATO- und Warschauer PaktStaaten teilnahmen und die ausschließlich Mitteleuropa zum Thema hatten.
Die Verhandlungen zielen darauf ab, Stabilität und
Sicherheit in Europa zu stärken, indem sie ein sichereres Gleichgewicht konventioneller Streitkräfte auf niedrigeren Niveaus herbeiführen, etwa bei konventionellen Rüstungen und konventionellem Gerät und in
Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen
Land- und Luftstreitkräften, sowie durch Beseitigung
von Ungleichgewichten, die Stabilität und Sicherheit
abträglich sind. Vor allem aber soll die Fähigkeit zur
Durchführung eines Überraschungsangriffs und einer
Großoffensive beseitigt werden.
Das von der NATO angestrebte KSE-Abkommen bildet unter anderem die Grundlage für eine neue politische und militärische Ordnung in Europa. Ein KSEVertrag wird die Verpflichtung enthalten, daß abtransportiertes Gerät vernichtet und abgezogene amerikanische und sowjetische Einheiten aufgelöst werden
müssen. Die Verifizierungsbestimmungen eines KSEVertrags werden wichtige abschreckende und vertrauensbildende Auswirkungen haben und natürlich die
Einhaltung verifizieren. Schließlich wird nur ein KSEVertrag sowjetische Truppen auf die Sowjetunion beschränken und gleichzeitig das Vertrauen der Sowjetunion auf Berücksichtigung ihrer berechtigten Sicherheitsinteressen erhöhen.

AMERIKA DIENST 12

Die KSE-Verhandlungen machen gute Fortschritte,
und erwartungsgemäß werden wir vor Ende des Jahres 1990 einen Vertrag schließen können.
Elemente eines KSE-Vertrags
Panzer und Artillerie
Ein wichtiger Bestandteil eines KSE-Vertrags wird die
Reduzierung und Begrenzung der beiden Hauptkategorien bei den Panzerstreitkräften - Panzer und gepanzerte Kampffahrzeuge und Artillerie sein, die zusammen die wichtigsten Elemente eines Überraschungsangriffs oder anderer Offensivoperationen in Europa
darstellen.
Panzer sind wichtigstes Instrument einer Offensive
und haben als solche bei den Verhandlungen hohe
Priorität. Gegenwärtig verfügen die Warschauer PaktStaaten über nahezu drei Viertel aller Panzer in Europa. Ost und West haben sich auf strenge gleiche
Obergrenzen für Panzer - 20 000 auf jeder Seite geeinigt. Das würde die Zerstörung Zehntausender
sowjetischer Panzer erfordern und damit die Stabilität
in der Region vom Atlantik bis zum Ural (ATTU)
erheblich steigern.
Gepanzerte Kampffahrzeuge (Im Laufe der Verhandlungen wurde offenkundig, daß die Bandbreite
und der Umfang der Definition von gepanzerten Truppenfahrzeugen nicht ausreichte, um den Zielen der
Verhandlungen gerecht zu werden. Der Westen schlug
Veränderungen vor, um den allgemeinen Warschauer
Pakt-Vorschlag zur Erweiterung der Kategorie zu
konkretisieren, damit eine größere Bandbreite von
gepanzerten Truppenfahrzeugen erfaßt werden kann.
Das hat zu einer Umbenennung der Kategorie in
"gepanzerte Kampffahrzeuge" und zur Anpassung an
die vom Westen vorgeschlagene Obergrenze geführt.)

Seite 1

�Gepanzerte Kampffahrzeuge wie gepanzerte Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ermöglichen
Mobilität und Unterstützung während der Kampfhandlungen und können bei einer Offensive eine wichtige
Rolle spielen. Ihre Reduzierung ist damit eng an die
erforderliche Reduzierung von Panzern geknüpft. Das
Ziel des Westens besteht in der Beseitigung der großen Asymmetrie gegenüber dem Osten in dieser
Kategorie, die der Sicherheit in der Region Vorschub
leisten wird.
Die Artillerie liefert bei einer Offensive den erforderlichen Feuerschutz. Ost und West haben sich auf eine
Definition in dieser wichtigen Kategorie der Rüstungen
geeinigt, unter anderem darauf, welche Systeme beseitigt
werden sollen. Die Wiener Verhandlungen konzentrieren sich gegenwärtig auf die Höchstzahl von Artilleriegeschützen, die beiden Seiten zugestanden werden
soll.

gegenwärtig die vom Vertrag einzuschränkenden
Hubschraubertypen. Die Gespräche konzentrierten
sich auf eine vom Westen im Februar 1990 eingebrachte Definition.
Andere Vertragselemente
Verifizierung und Einhaltung: Die Fähigkeit
zur wirksamen Verifizierung des Abbaus von
Truppen und Rüstungen ist ein wesentlicher
Vorteil eines KSE-Vertrags. Das westliche
Verteidigungsbündnis hat Bestimmungen für
detaillierten Datenaustausch, Inspektionen vor
Ort und Überwachung der Zerstörung unterbreitet. Obwohl der Ansatz des Ostens in einigen
Bereichen differiert, war seine Reaktion auf die
Verifizierungsvorschläge des Westens im großen und ganzen positiv.

Im Mai 1989 hat Präsident Bush eine Initiative vorgestellt, im Rahmen derer drei weitere Kategorien in KSE
einbezogen werden sollen:
Mannschaftsstärke,
Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Politiker
aus dem Westen und dem Warschauer Pakt haben
sich auf die Ausweitung der Verhandlungen geeinigt,
und diese Bestandteile sind nunmehr wichtiger Aspekt
der Verhandlungen geworden. Der Warschauer Pakt
hat gegenwärtig eine destabilisierende zahlenmäßige
Überlegenheit in all diesen Bereichen.

Demobilisierung/Zerstörung: Der Westen
vertritt die Ansicht, daß ein wesentliches Element bei der Gewährleistung unserer Fähigkeit
zur Überwachung der Einhaltung und zur Verhinderung der Verlegung von vertraglich begrenztem Gerät aus der Vertragszone heraus in
der Zerstörung von Gerät besteht, um auf diese
Weise die Obergrenzen anzugleichen. Der
Westen hat darüber hinaus die Demobilisierung
der abgezogenen amerikanischen und sowjetischen Truppen vorgeschlagen. Der Osten hat
diesen Grundgedanken noch nicht vollständig
akzeptiert.

Mannschaftsstärke. Im Februar 1990 haben die 23
KSE-Teilnehmerstaaten eine Begrenzung der Zahl
sowjetischer und amerikanischer Soldaten der Landund Luftstreitkräfte, die außerhalb ihres nationalen
Territoriums in Mittel- und Osteuropa stationiert sind,
auf eine Obergrenze von 195 000 vereinbart, wobei
den Vereinigten Staaten zusätzlich 30 000 Soldaten
außerhalb dieses Gebiets zugestanden werden.

Stabilisierungsmaßnahmen: Der Vertragstext
des Westens enthält eine Reihe anderer Maßnahmen, die zu regionalem Vertrauen und Stabilität beitragen könnten. Dazu gehören häufiger Informationsaustausch, Verfügung bezüglich der Lagerung von Gerät, Benachrichtigung
von Bewegungen und die Begrenzung des
Umfangs militärischer Aktivitäten.

Kampfflugzeuge: Angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und der Mobilität von Flugzeugen
vertritt der Westen die Auffassung, daß alle Kampfflugzeugen ungeachtet ihrer gegenwärtigen Aufgabe
in die Verhandlungen einbezogen werden sollten. Der
Westen hat im Februar 1990 einen neuen Vorschlag
unterbreitet, der die Zahl der in der ATTU-Region
zulässigen landgestützen Kampfflugzeuge erheblich
einschränken und das gegenwärtige Ungleichgewicht
zugunsten des Warschauer Pakts beseitigen würde,
dessen Stellungnahme zu diesem Vorschlag noch
aussteht.

Regionale Differenzierung und ausreichendes Niveau: Zusätzlich zu Begrenzungen bei
der Zahl der Rüstungen jeder Kategorie, die in
der Region vom Atlantik bis zum Ural insgesamt
von jeder Seite aufrechterhalten werden können, sind die Teilnehmer sich auch bezüglich
der regionalen zahlenmäßigen Begrenzungen
einig, die zur Verhinderung destabilisierender
Konzentrationen von zu Lande stationiertem
Gerät in jeder Region erforderlich sind. Beide
Seiten stimmen ferner überein, daß auch beim
Prozentsatz der von jedem Land unterhaltenen
Rüstungen Obergrenzen eingeführt werden
müssen ("ausreichendes Niveau"). Die regionalen Verteilungsschemata beider Seiten unterscheiden sich jedoch ebenso wie die für das
ausreichende Niveau festgelegten Quoten.
Obwohl der Osten einem Land die Beibehaltung
von 35 bis 40 Prozent des gesamten in der

Mannschaftsstärke, Flugzeuge und Hubschrauber

Kampfhubschrauber gewähren Feuerschutz, Flexibilität und schnelle Mobilität und können in einer Offensive eine wichtige Rolle spielen. Der Westen hat
Bestrebungen eingeleitet, um die Zahl der in der ATTURegion zugelassenen Kampfhubschrauber erheblich
einzuschränken. In Wien erörtern Ost und West

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten
Geräts gestatten würde, vertritt der Westen die
Ansicht, daß die von ihm vorgeschlagenen 30
Prozent angemessen sind.
KSE-Chronologie
10. Januar 1989: Die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts formulieren in Wien ein
Mandat über Umfang und Form der Verhandlungen
über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE).
9. März 1989: Offizielle Eröffnung der KSE-Gespräche in Wien durch die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts. Der ursprünglich von der
NATO unterbreitete Vorschlag fordert den Abbau und
die Begrenzung von Hauptkampfpanzern, gepanzerten Truppenfahrzeugen und Artilleriesystemen.
23. März 1989: Beendigung von Runde I der KSE.
5. Mal 1989: Eröffnung von Runde II der KSE.
29. - 30. Mai 1989: Beim NATO-Gipfeltreffen unterstützen die Staats- und Regierungschefs der NATO
einstimmig Präsident Bushs Vorschlag zur Einbeziehung von Begrenzungen für Mannschaftsstärken,
Kampfflugzeuge und Hubschrauber und zum Abschluß
der Verhandlungen binnen 6 bis 12 Monaten.
13. Juli 1989: Die NATO unterbreitet in Wien einen
umfassenden Vorschlag, der die bei NATO-Gipfeltreffen im Mai vereinbarten Initiativen einbezieht.
13. Juli 1989: Beendigung von Runde II der KSE.
7. September 1989: Eröffnung von Runde III der KSE.
22. September 1989: Der Westen unterbreitet Vorschläge bezüglich Informationsaustausch, Stabilisierungsmaßnahmen, Nichtumgehung und Verifizierung.
19. Oktober 1989: Die Staaten des Warschauer
Pakts legen ihre Version zu Verizifierung, Informa-

*

AMERIKA DIENST 12

tionsaustausch und Stabilisierungsmaßnahmen vor,
die bei zahlreichen Formulierungen die Sprachregelung der zuvor von der NATO eingebrachten Vorschläge enthält.
19. Oktober 1989: Beendigung von Runde III der
KSE.
9. November 1989: Eröffnung von Runde IV der KSE.
14. Dezember 1989: NATO und Warschauer Pakt
unterbreiten Vertragsentwürfe.
21. Dezember 1989: Beendigung von Runde IV der
KSE.
12. Januar 1990: Eröffnung von Runde V der KSE.
8. Februar 1990: Der Westen unterbreitet neue
Vorschläge zu Flugzeugen und Mannschaftsstärken.
13. Februar 1990: In Ottawa einigen sich die Außenminister der 23 Teilnehmerstaaten der KSE-Verhandlungen auf eine Obergrenze für au ßerhalb der nationalen Territorien in Mittel- und Osteuropa stationierte
amerikanische und sowjetische Land- und Luftstreitkräfte von 195 000 für jede Seite. Darüber hinaus
dürfen die Vereinigten Staaten 30 000 Mann dieser
Streitkräfte außerhalb dieser Region stationieren.
22. Februar 1990: Die NATO unterbreitet ein detailliertes Inspektionsprotokoll.
22. Februar 1990: Beendigung von Runde V der KSE.
15. März 1990: Eröffnung von Runde VI der KSE. Die
NATO legt einen Protokollentwurf zur Zerstörung und
einen Vertragsartikel über Reduzierungen vor. Darüber hinaus kündigt die NATO Pläne zur Einbringung
eines Protokollentwurfs über Inspektionen und damit
in Verbindung stehende Vertragsartikel auf Arbeitsebene an. Der Westen hat jetzt alle wesentlichen
Elemente eines KSE-Vertrags vorgelegt.

* * *

*

Seite 3

�POLEN
28. März 1990

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki im Weißen Haus
WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Begrüßung des polnischen Ministerpräsidenten im Weißen Haus erklärte Präsident Bush am 21. März 1990, Polen müsse ein Mitspracherecht an "allen seine Zukunft betreffenden
Entscheidungen" eingeräumt werden.
Im folgenden veröffentlichen wir zunächst einige Hintergrundinformationen zu diesem Besuch und anschließend

Auszüge aus der Begrüßungsansprache des Präsidenten.

Bei der Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki
im Weißen Haus erklärte Präsident Bush, die Vereinigten Staaten wünschten, daß "Polen vollständige
Demokratie und Unabhängigkeit erlangt. An allen die
Zukunft Polens betrteffenden Entscheidungen muß
Polen eine Mitspracherecht eingeräumt werden."

"Es gibt viele Wege", so Seitz, auf denen Polen ein
"Mitspracherecht" eingeräumt werden könnte, einschließlich dem Gespräch, "das gerade im Oval Office
stattgefunden hat... Polen kann seiner Meinung auf
vielfältige Weise zu einer Vielzahl von Anliegen Ausdruck verleihen...".

Dem Abteilungsleiter im Außenministerium für europäische und kanadische Angelegenheiten, Raymond
Seitz, zufolge wurde die Grenzfrage zusammen mit
dem Vereinigungsprozeß der beiden deutschen Staaten in einem Gespräch unter vier Augen erörtert. Zu
diesem Prozeß gehören die Zwei plus Vier-Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der DDR einerseits und den Siegernnächten des Zweiten
Weltkriegs - den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien - andererseits.
Seitz beschrieb die Gespräche unter vier Augen als
"generellen Überblick", aus dem sich "nichts Überraschendes oder Neues" ergeben habe.

Seitz dementierte, daß Warschau und Washington
hierzu unterschiedlicher Auffassung sind, da "unsere
Meinung zu dieser Frage eindeutig ist - das heißt, wir
kennen den (heutigen) Grenzverlauf, wir sehen diese
Grenze als dauerhaft an und werden von dieser Meinung nicht abrücken ... Wie dies alles verwirklicht wird
und welche rechtliche Grundlage geschaffen wird,
muß noch erörtert werden."

Der Presse gegenüber erklärte Seitz, das von Präsident Bush in seiner Begrüßungsansprache erwähnte
"Mitspracherecht" für Polen bedeute keine Einbeziehung Warschaus in die Zwei plus Vier-Runde über die
bereits vorgesehene Teilnahme bei den Gesprächen
über die Grenzfrage hinaus. Nachrichtenmeldungen
zufolge möchte Warschau an allen Polen betreffenden
Verhandlungen teilnehmen insbesondere wenn Sicherheitsfragen erörtert werden.

AMERIKA DIENST 12

Seitz zufolge sieht Bush die Formulierung "Mitspracherecht" als Versicherung gegenüber Mazowiecki,
daß "wir die polnischen Bedenken verstehen und
zuhören werden und auf diese Bedenken in vielfältiger
Weise und bei unterschiedlichen Gelegenheiten eingehen werden."
Seitz beschrieb die Grenzfrage als "ein in vieler Hinsicht rechtliches Problem. Kann man eine endgültige,
rechtlich bindende Erklärung zur Grenzfrage tatsächlich in dem Augenblick abgeben, wenn ein neuer
deutscher Staat entstanden ist?"
Die Verantwortung der vier Mächte besteht Seitz zufolge darin, "die Grenzen eines neuen deutschen Staates
Seite 1

�zu bestätigen, sobald dieser gegründet ist. Ein Teil
dieser Verantwortung ist der Ablauf, wie die ganze
Sache angegangen wird. Ein Teil ist der Prozeß
selbst. Es gibt vielfältige Vorgehensweisen."
Persönlich sei erder Ansicht, fügte er hinzu, daß Polen
und der neue deutsche Staat diese Angelegenheit auf
bilateraler Ebene entscheiden.
Er wisse nicht, erklärte Seitz, ob Präsident Bush
gegenüber Mazowiecki Versicherungen zur Grenzfrage abgegeben habe, da er an dem Gespräch nicht
teilgenommen habe. Seitz fügte hinzu, "Ich bin sicher,
der Präsident hat unserer festen Ansicht darüber
Ausdruck verliehen, wie diese Frage gelöst wird", das
heißt, unter Beibehaltung der heutigen Grenzen.
Seitz erklärte, die Zwei plus Vier-Runde habe ein
"eingeschränktes Manadat", das darin bestehe, "den
vier Mächten" als Siegermächten des Zweiten Weltkriegs "beim Prozeß der deutschen Einigung die Entbindung von ihren Rechten und Pflichten" zu gestatten. "Es gibt zahlreiche andere Foren, in denen
Sicherheitsfragen erörtert werden", einschließlich den
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, lügte er hinzu.
Seitz zufolge bestehen Meinungsverschiedenheiten
zwischen der Administration und polnischen Regierungsvertretern, die auf dem Verbleib sowjetischer
Truppen in Polen beharren, bis alle Sicherheitsfragen
gelöst sind. "Unserer Ansicht nach besteht keine
Notwendigkeit für eine dauerhafte sowjetische Präsenz", erklärte er, abgesehen von dem logistischen
Gebot, daß der Nachschub für die Streitkräfte in der
DDR über Polen erfolgen muß. "Wir sind uns bewußt,
daß es dort für eine gewisse Zeit ein gewisses Maß an
sowjetischer Präsenz geben wird", bis die sowjetischen Streitkräfte vom heute als DDR bezeichneten
Gebiet abgezogen werden. "Wir vertreten die Auffassung, daß dies (die sowjetische Präsenz in Polen)
definitiv überflüssig sein wird, wenn dieser Prozeß (der
Vereinigung) beendet ist."
Auf die Frage, ob Polen "gerechtfertigte" Bedenken
über den möglichen Umfang der deutschen Streitkräfte habe, versicherte Seitz, die Bundeswehr "ist praktisch ausschließlich eine NATO-Streitmacht", ein Faktor,
der die Bedeutung der NATO und die permanente
Mitgliedschaft der Bundesrepublik im Bündnis, durch
die die Bundeswehr Teil der integrierten militärischen
Struktur ist, noch unterstreiche. Er erklärte, "die
Bundesrepublik ist dank der NATO ein sehr enger
Verbündeter der Vereinigten Staaten. Dies ist sicherlich eine Rückversicherung für Polen."
In seiner Begrüßungsansprache erinnerte Bush an
Warschaus "erste Schritte auf dem Weg zur demokratischen Wiedergeburt" nach Jahrzehnten erzwungener kommunistischer Herrschaft. Er betonte Mazo-

Seite 2

wieckis "großen persönlichen Mut" bei der Ergreifung
der notwendigen Maßnahmen "um den wirtschaftlichen Trümmerhaufens eines Systems aus dem Weg
zu räumen, das längere Warteschlangen und mehr
leere Regale produziert hat als alles andere".
Bush versicherte Mazowiecki, daß die Vereinigten
Staaten "eine europäische Macht bleiben" und auch
über "diese Zeit tiefgreifender und turbulenter Veränderungen" hinweg weiterhin "für Freiheit, Stabilität und
Sicherheit" eintreten werden.
Als jüngste Maßnahme bei den Bemühungen Washingtons, Polen beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen, unterzeichnete der Präsident ein
Wirtschafts- und Investitionsabkommen, mit dem privates Unternehmertum in Polen gefördert werden soll.
Bush betonte dabei die Tatsache, daß dieser Vertrag
das erste Abkommen dieser Art ist, das zwischen
Washington und "den neuen Demokratien in Osteuropa" unterzeichnet wird und erklärte, es werde dazu
beitragen, "die polnische Wirtschaft auf das westliche
Wirtschaftssystem und die Weltmärkte zu orientieren". Es gründe sich auf die von seiner Administration
getroffenen Maßnahmen, um die amerikanischen Märkte
für polnische Exporte zu öffnen und werde amerikanischen Unternehmern einen Anreiz für Investitionen in
Polen bieten.
Der Vertrag über Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen enthält international anerkannte Schutzvorschriften für amerikanische Investitionen in Polen,
darunter den Transfer von Exportgewinnen und Kapital sowie einen teilweisen Schutz vor Enteignung. Er
übernimmt internationale Normen für die Schlichtung
von Streitfällen. Darüber hinaus legt der Vertrag die
Rechte amerikanischer Investoren fest, darunter Zugang
zu polnischen Versorgungseinrichtungen sowie die
umgehende Bearbeitung von Lizenz- und Genehmigungsanträgen.
Bush teilte Mazowiecki mit, er werde die noch aus den
Tagen der kommunistischen Herrschaft in Warschau
stammenden Reisebeschränkungen für offizielle polnische Vertreter in den Vereinigten Staaten unverzüglich aufheben. Er stimmte einem polnischen Gesuch
zur Eröffnung eines Konsulats in Los Angeles zu.
Im US-Außenministerium erklärte der Stellvertretende
Außenminister, Lawrence Eagleburger, als Gastgeber
eines Arbeitsessens für Mazowiecki, der Besuch des
Ministerpräsidenten in Washington habe "deutlich
gezeigt, daß zwischen Polen und den Vereinigten
Staaten eine Partnerschaft besteht". Der im Weißen
Haus unterzeichnete Wirtschaftsvertrag sei "das jüngste Beispiel" für diese Zusammenarbeit.
"Unseres Erachtens steht fest, daß die Unterzeichnung dieses Vertrags erhebliche amerikanische Investitionen in Polen ermutigen wird, deren Ziel die Unter-

AMERIKA DIENST 12

�Stützung der polnischen Wirtschaft ist", erklärte der
Stellvertretende Außenminister. Er betonte, daß "die
Vereinigten Staaten und Polen gut zusammenarbeiten
.... und es wäre falsch, nach Meinungsverschiedenheiten zu suchen. Es gibt keine."

Nachfolgend veröffentlichen wir die Begrüßungsansprache Präsident Bushs in wesentlichen Auszügen.
Herr Ministerpräsident, es ist mir eine große Ehre und
ein Vergnügen, Sie hier in Washington begrüßen zu
können. Seit Ihrem Amtsantritt vor sechs Monaten
hatten wir mehrmals die Gelegenheit, einander zu
konsultieren, und ich habe Ihren Rat schätzen gelernt
und betrachte Sie als einen Freund. Heute treffen wir
das erste Mal persönlich zusammen, und ich freue
mich, mit Ihnen über die vielen Veränderungen und
Herausforderungen sprechen zu können, die unsere
beiden Länder betreffen.
Und natürlich begrüßen meine Frau Barbara und ich
auch diese Gelegenheit, uns ein wenig für die warmherzige Aufnahme revanchieren zu können, die uns im
vergangenen Sommer bei unserem Besuch in Polen
zuteil wurde. Überall, von den Straßen und Plätzen
Warschaus bis zu der heute historischen Werft von
Gdansk war die Wärme, die ich in Ihrem Land gespürt
habe, ein Zeichen der Freundschaft zwischen unseren
beiden Völkern, der unverbrüchlichen Bande, die das
Volk Polens mit dem Volk der Vereinigten Staaten
verbinden - nicht nur die Millionen Amerikaner polnischer Abstammung, sondern uns alle, die wir eine
gemeinsame Liebe zur Freiheit teilen.
Und es ist diese Liebe zur Freiheit, die heute unseren
Weg erleuchtet, die die im vergangenen Jahr erlebten
Veränderungen hervorgebracht hat- bemerkenswerte
Veränderungen. Heute vor einem Jahr befanden sich
die Führungen der Solidarität und die kommunistischen Machthaber noch inmitten der Gespräche am
Runden Tisch. Herr Ministerpräsident, Sie saßen in
jenen Winterwochen im Februar und März am Runden
Tisch. Das Schicksal Polens stand auf dem Spiel.
Ganz Polen wartete auf das Ergebnis, und am 5. April
1989 machte Polen den ersten Schritt auf dem Weg
zur Erfüllung seines demokratischen Schicksals. Zum
ersten Mal seit über 40 Jahren sollte in Osteuropa die
Stimme des Volkes in freien Wahlen sprechen.
In unserem Land gedenken wir der Revolution von
1776, feiern aber den 19. April 1775 als Tag, an dem
die Revolution begann, als "der auf der ganzen Welt
vernehmbare Schuß" in Lexington, Massachusetts
abgegeben wurde. In Ihrem Land wird man sich immer
an den 5. April als Beginn der Revolution von 1989
erinnern, der Revolution, die in Polen ihren Lauf nahm
und eine Kettenreaktion in Gang setze, die Europa und
die Welt veränderte.

AMERIKA DIENST 12

Herr Ministerpräsident, beide Revolutionen verfolgen
ein gemeinsames Ziel, das unsere Länder in der Sache
der Freiheit vereint. In Hamtramck, Michigan habe ich
vor fast einem Jahr den wirtschaftlichen Reformen in
Polen und seinem Übergang zur Demokratie starke
amerikanische Unterstützung zugesichert. Damals
habe ich erklärt: "Freiheit ist eine Idee, deren Zeit in
Osteuropa gekommen ist." Die ungeheuren Veränderungen des vergangenen Jahres haben diese Idee der
Freiheit tatsächlich in alle Länder Osteuropas getragen.
Heute heißen wir im Weißen Haus den großen polnischen Patrioten und Freiheitskämpfer Tadeusz Mazowiecki, einen der Gründerväter der Solidarität, willkommen. Er überlebte die schwere Zeit im Dezember
1981 und das Kriegsrecht, verbrachte ein Jahr im
Gefängnis, lebte im Untergrund, war Mitherausgeber
einer verbotenen Zeitung und Mitbegründer einer
verbotenen Gewerkschaft.
Herr Ministerpräsident, Sie haben überlebt. Die Solidarität hat überlebt und triumphiert. Heute haben Sie
gemeinsam mit Ihrer mutigen Gewerkschaft in Ihrem
Land die Führung übernommen und geleiten das polnische Volk von der Revolution zur Wiedergeburt.
Im vergangenen Jahr hat Polen erste Schritte auf dem
Weg zu einer demokratischen Wiedergeburt vollzogen. In den letzten sechs Monaten zählte die Lenkung
des schwierigen Übergangs zur Demokratie zu unseren täglichen Aufgaben. Sie haben großen persönlichen Mut bewiesen und mutig die notwendigen Schritte unternommen, um den wirtschaftlichen Trümmerhaufen eines Systems aus dem Weg zu räumen, das
längere Warteschlangen und mehr leere Regale produziert hat als alles andere. Ihnen gebührt großes Lob
für die Einführung eines radikalen Wirtschaftsreformprogramms, das sich den Aufbau einer freien Marktwirtschaft auf den Trümmern der Planwirtschaft zum
Ziel gesetzt hat.
Wir sind uns alle bewußt, daß dieser Weg zur Reform
nicht unbeschwerlich ist. Die Geschichte hat uns
gezeigt, wie viel Erfahrung das polnische Volk mit
Leiden und Qualen hat. Aber die Geschichte lehrt uns
auch eine Lektion überdie polnische Mentalität- immer
hoffnungsvoll, immer stark.
Heute, in dieser Zeit der Prüfungen gibt es einen
Unterschied: Das Opfer Polens hat den Segen der
Freiheit - den Segen eines Landes, das entschlossen
ist, seine Zukunft in der Demokratie zu suchen.
Herr Ministerpräsident, ich möchte dem polnischen
Volk eine Botschaft übermitteln: Amerika möchte
Polen zum Erfolg verhelfen. Wir möchten Polen als
Partner in der Gemeinschaft freier Nationen begrüßen.
Wir wünschen uns für Polen Wohlstand und die Vor-

Seite 3

�Sicherheit. Wir stellen uns ein neues Europa vor, in
dem die Sicherheit aller europäischen Staaten und ihr
grundlegendes Recht auf Sicherheit innerhalb der
gegenwärtig gültigen Grenzen gewährleistet ist. Und
in diesem neuen Europa wird die NATO als Verteidigungsbündnis die Vereinigten Staaten an Europa binIch möchte Ihnen in dieser Zeit tiefgreifender und den und stark und einig bleiben. Und wir wünschen
turbulenter Veränderungen versichern, daß die Verei- uns, daß Polen und seine Nachbarn gemeinsam mit
nigten Staaten eine europäische Macht bleiben wer- uns ein ungeteiltes und freies Europa aufbauen.
den, eine treibende Kraft für Freiheit, Stabilität und
teile des freien Unternehmertums. Wir möchten, daß
Polen Demokratie und Unabhängigkeit in vollem Maße
genießen kann. Polen muß ein Mitspracherecht an
allen seine Zukunft betreffenden Entscheidungen eingeräumt werden.

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�POLEN
28. März 1990

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell gesichert werden

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush erklärte am
22. März 1990, das "Mißtrauen" zwischen Warschau
und Bonn trete immer mehr in den Hintergrund und die
beiden Länder sollten unter sich aushandeln, wie ihre
heutigen Grenzen formell gesichert werden sollen.
Zum Abschluß der zweitägigen Gespräche mit dem
polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki erklärte
Bush auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, es "könnte Nuancen eines Unterschieds" in der
Haltung Washingtons und Warschaus zu Fragen in
Zusammenhang mit der deutschen Einheit geben,

aber das Mißtrauen zwischen den beiden europäischen Nachbarn "ist gesunken", und es sei ihre Sache,
darüber zu sprechen, wie sie einen Vertrag abschließen.
Die Möglichkeit, daß ein vereinigtes Deutschland danach
trachten könnte, Gebiete zurückzufordern, die Polen
nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausgleich für polnische territoriale Verluste an die Sowjetunion übertragen wurden, hat die Diskussionen über die Einheit
Deutschlands überschattet. Die polnischen Bedenken
verstärkten sich im vergangenen Monat, nachdem
Bundeskanzler Kohl erklärt hatte, die polnische Grenze könne nur nach einer Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR endgültig garantiert
werden. Der Bundestag hat seither im Einklang mit der
in der Schlußakte von Helsinki festgelegten Unverletzlichkeit der Grenzen die Dauerhaftigkeit der heutigen
Grenzen bekräftigt.
Pressemeldungen zufolge war Mazowiecki nach
Washington gekommen, um Unterstützung für einen
Grenzvertrag - der von beiden deutschen Staaten vor
einer Vereinigung paraphiert werden soll - und eine
stärkere Rolle Polens in den Zwei-plus-Vier-Gesprächen über Fragen der deutschen Einheit anzustreben.

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Bush erklärte bei der Pressekonferenz im Weißen
Haus ferner, er habe mit Mazowiecki "über Polens
Platz in einem neuen Europa gesprochen. Ich habe
dem Ministerpräsidenten erklärt, daß wir in Zukunft
eine wichtige Rolle für ein freies, demokratisches und
unabhängiges Polen als Faktorder Stabilität in Europa
sehen."
Er habe Washingtons Verpflichtung zur Unterstützung
der wirtschaftlichen und politischen Reformen bekräftigt. "Wir sehen der Beteiligung Polens am Aufbau
eines ungeteilten und freien Europas hoffnungsvoll
entgegen - eines Europas, in dem die Sicherheit aller
Staaten innerhalb ihrer heutigen Grenzen garantiert
und in dem die NATO weiterhin stark und einig ist",
fügte der Präsident hinzu.
Auf die Frage, ob er Mazowiecki Zusicherungen bezüglich eines Grenzvertrags vor der Vereinigung der
beiden deutschen Staaten gemacht habe, erklärte
Bush, seine Sicht eines "Polen in einem demokratischen Europa, das in Zukunft unabhängig und sehr
einflußreich dasteht", sei "mit voller Absicht in meiner
Erklärung enthalten".
"Im Hinblick auf einen Vertrag zwischen Deutschland
und Polen", fuhr er fort, "könnten unsere Meinungen
um eine Spur divergieren ... Dies ist eine Angelegenheit, die zwischen dem polnischen Ministerpräsidenten und den deutschen Politikern erörtert werden muß."
Bush zufolge haben die Vertragsparteien "einen langen Weg zurückgelegt. Sie haben sich extrem angenähert - sehr viel mehr, als viele von uns aufgrund der
vor rund einem Monat abgegebenen Erklärungen
angenommen hätten. Daher sollten sie die Angelegenheit unter sich ausmachen."

Seite 1

�Er erklärte, das "Mißtrauen", von dem in Nachrichtenmeldungen die Rede sei, "ist ausgeräumt. Meiner
Ansicht nach hat bei Bundeskanzler Kohl ein Sinneswandel staatgefunden. Und sein Führungsstil ist
beeindruckend und außerordentlich wichtig. Das ist
alles, was ich dazu sagen möchte."
An den Zwei-plus-Vier-Gesprächen, so Bush, sollte
Polen "bei Polen betreffende Entscheidungen anwesend sein. Polen sollte eindeutig beteiligt werden,
insbesondere wenn in der Zwei-plus-Vier-Runde über
die polnischen Grenzen gesprochen wird."
Aus seiner Sicht sind die Gespräche ein Mittel für die
Siegermächte des Zweiten Weltkriegs "zur Wahrnehmung bestimmter Rechte und Pflichten" bezüglich
Deutschlands, "die den vier Mächten unmittelbar nach
dem Krieg eingeräumt wurden. Wir sehen sie nicht als
Gruppe an, die das Schicksal Gesamteuropas bestimmen wird. Ihr kommt eine ganz besondere Aufgabe
zu."
Auf eine diesbezügliche Frage antwortete Bush,
Mazowiecki habe ihm gegenüber nicht eingeräumt,
daß er den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen
wünsche. Einige polnische Regierungsvertreter ha-

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Seite 2

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ben Erklärungen abgegeben, in denen ein Junktim
zwischen dem Abzug der sowjetischen Truppen und
dem Ausräumen von Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem Einigungsprozeß hergestellt wird.
"Es besteht keinerlei Notwendigkeit für die Präsenz
sowjetischer Truppen in Osteuropa", stellte Bush fest,
"und je eher sie abgezogen werden, desto besser." Er
verstehe die Sicherheitsbedenken, fuhr der Präsident
fort und erklärte, die amerikanischen Truppen würden
"als stabilisierende Streitmacht" solange stationiert
bleiben, wie sie erwünscht seien. Er wiederholte, daß
ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO sein
sollte.
Bush fügte hinzu, ein friedlicher Entwicklungsprozeß
"würde gefördert, wenn die sowjetischen Truppen
abgezogen würden". Er betonte ferner nochmals, daß
er ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte mit
Moskau vor dem Gipfeltreffen mit Präsident Gorbatschow im Juni wünsche.
Bush zufolge ist der genaue Zeitpunkt eines Treffens
noch nicht festgelegt worden und "die Hauptarbeit des
Gipfeltreffens wird in Washington stattfinden".

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AMERIKA DIENST 12

�UMWELTPOLITIK
28. März 1990

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung weiterhin gefährdet
WASHINGTON - (AD) - Der US-Senat hat einen
brüchigen Kompromiß mit der Bush-Administration
zum ausstehenden Luftreinhaltungsgesetz bewahrt,
indem er mit knapper Mehrheit einen Änderungszusatz ablehnte, der die Bestimmungen über Automobilabgase verschärft hätte.

zum Abbau des sauren Regens ihren Arbeitsplatz
verlieren. Dieser Zusatz wurde von Senator Robert
Byrd eingebracht, dem einflußreichen Vorsitzenden
des Bewilligungsausschusses, dessen Heimatstaat
West Virginia ein bedeutender Produzent umweltpolitisch bedenklicher stark schwefelhaltiger Kohle ist.

Mit 52 zu 46 Stimmen verwarf der Senat am 20. März
1990 einen entsprechenden Vorschlag, der schärfere
Normen für Autoabgase und reinere Kraftstoffe vorsah
als von der über die möglichen Kosten einer solchen
Maßnahme besorgten Administration gewünscht wird.

Die Bush-Administration hat bereits starken Widerstand gegen diese Hilfe für Bergarbeiter signalisiert, da
sie diese für zu teuer hält.

Die Abstimmung im Senat fand kurz nach Wiederaufnahme der Gespräche über das epochale Luftreinhaltungsgesetz nach einer 10tägigen Sitzungspause statt.
Sie erfolgte nach einem Appell des Vorsitzenden der
demokratischen Mehrheitsfraktion, George Mitchell,
einen seiner Meinung nach "soliden, effektiven" Kompromiß nicht durch das Streben nach "irgendeinem
abstrakten Niveau der Perfektion, das geradewegs in
eine Sackgasse führt", aufs Spiel zu setzen.
Er stellte fest, der Kompromiß, an dessen Erarbeitung
er zusammen mit der Administration an führender
Stelle mitgewirkt hat, könne eine seit 13 Jahren bei der
Luftreinhaltungsgesetzgebung bestehende Pattsituation beenden und warnte gleichzeitig davor, daß im
Falle eines Scheiterns "in diesem Jahrhundert kein
Luftreinhaltungsgesetz mehr zustandekommt".

Der am 20. März abgelehnte Zusatz war gemeinsam
von den Senatoren Timothy Wirth, einem Demokraten, und dem Republikener Pete Wilson eingebracht
worden. Wilsons Heimatstaat Kalifornien leidet am
stärksten unter dem von Automobilen verursachten
Smog.
Ihr Vorschlag hätte weitere Kontrollen der Kfz-Auspuffgase ab dem Jahr 2002 erforderlich gemacht und
damit die stufenweise zwischen 1993 und 1995 einzuführenden Normen noch weiter verschärft.
Der von Mitchell mit dem Weißen Haus ausgehandelten Vereinbarung zufolge würde die zweite Runde von
Emissionssenkungen nur dann in Kraft gesetzt, wenn
11 oder mehr der 27 amerikanischen Städte, deren
Luftverschmutzung heute für besonders bedenklich
gehalten wird, nicht bis Ende des Jahres 2001 bestimmte Gesundheitskriterien erfüllen.

Obwohl Mitchell und der Vorsitzende der republikanischen Minderheitsfraktion, Robert Dole, diese Kraftprobe erfolgreich bestehen konnten, müssen vor der
Schlußabstimmung über diese Maßnahme im Senat
noch eine Reihe von Fragen gelöst werden.

Sowohl der Kompromiß als auch der Wirth-WilsonZusatz sehen in Stufe 1 eine 22prozentige Reduzierung der Kohlenwasserstoffemissionen sowie eine
60prozentige Senkung bei den Stickoxiden vor und in
Stufe 2 eine weitere Verringerung um noch einmal die
Hälfte dieser Werte.

Ein in Kürze zu erörternder Vorschlag fordert die
Bereitstellung von 700 Millionen Dollar staatlicher
Unterstützung für Bergarbeiter, die als Folge der im
Gesetz vorgeschriebenen schärferen Emissionswerte

Wirth und Wilson forderten überdies die Anwendung
dieser Normen auf ältere Fahrzeuge als im Kompromißentwurf vorgesehen - für alle Fahrzeuge mit einer

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�Laufleistung bis zu 160 000 Kilometern gegenüber die Administration die Verhandlungen eher wieder
Fahrzeugen bis zu 80 000 Kilometern - sowie strenge- eröffnen als das Luftreinhaltungsgesetz aufgeben.
re Maßstäbe für den Einsatz von Kraftstoffen, die
weniger smogverursachende Bestandteile enthalten. Wilson forderte seine Kollegen auf, keinen Kompromiß
einzugehen, der seines Erachtens die Interessen der
Wirth zufolge sollte der Senat sich danach richten, Automobil- und ölwirtschaft über die öffentliche Ge"welche dierichtigeöffentliche Politik ist". Er progno- sundheit stellt.
stizierte, im Falle der Annahme seines Zusatzes werde

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AMERIKA DIENST 12

�KONGRESS
28. März 1990

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa und Geiselproblematik

Kongreß spricht scharfe Warnung zu Litauen aus
In einer einstimmig verabschiedeten Resolution erklärte der Senat am 22. März 1990 seine Unterstützung für das litauische Volk auf seinem Weg zur
Demokratie. Erforderte Präsident Bush auf, Litauens
Bitte um Anerkennung als souveräner Staat "ernsthaft
zu prüfen".
Ein Befürworter der Maßnahme, der Republikaner Bill
Armstrong, erklärte, daß "die Vereinigten Staaten als
Führungsmacht der freien Welt diesen kühnen Schritt
zur Freiheit uneingeschränkt anerkennen und Wort
halten sollten".
Als Antwort auf den Druck Moskaus gegen litauische
Bestrebungen zu größerer Unabhängigkeit fordert die
Senatsresolution die Einstellung der "sowjetischen
Einschüchterung" des litauischen Volkes und Parlaments. Sie stellt fest, daß die Anwendung von Gewalt
in Litauen "ernste Folgen" für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen haben würde.
Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner, Bob Dole,
erklärte, er und seine Kollegen wollten Präsident
Gorbatschow gegenüber "eines klarstellen: Wir betrachten die jüngsten Einschüchterungsversuche der
Sowjets gegen das litauische Volk als rücksichtslos
und unverantwortlich."
Falls die Sowjets Gewalt anwenden, "um dem litauischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu verwehren", könnte dies die Verweigerung amerikanischer technischer Hilfe sowie der Ausweitung der
Investitions- und Handelstätigkeit "und grundsätzlich
eine neue Art von politischer Beziehung" zur Folge
haben.
Im Repräsentantenhaus brachten William Broomfield,
ein führendes republikanisches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und der Vorsitzende des Republikanischen Politischen Ausschusses, Mickey Edwards,

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ebenfalls am 22. März 1990 eine ähnliche Resolution
ein. Darin wird die unverzügliche Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der neuen Regierung Litauens gefordert und Moskau gewarnt, daß der Einsatz
von Gewalt Maßnahmen des Kongresses nach sich
ziehen würde, um amerikanische Hilfe und Handelserleichterungen für die Sowjetunion zu untersagen.
Broomfield zufolge sollten die Vereinigten Staaten
"Gorbatschow verdeutlichen, daß eine stalinistische
Außenpolitik dem Tauwetter in den amerikanischsowjetischen Beziehungen ein Ende setzen würde".
Dole und Kasten unterbreiten Unterstützungsplan
für Osteuropa
Die republikanischen Senatoren Bob Dole und Bob
Kasten brachten am 22. März 1990 einen Gesetzentwurf zur Einrichtung einer besonderen Abteilung innerhalb der Weltbank ein, die Kredite, Wirtschaftsberatung und technische Unterstützung für Osteuropa
bereitstellen soll.
Die "Gesetz zum Wiederaufbau der Wirtschaft Osteuropas" genannte Maßnahme "zielt darauf ab, den
reibungslosen Übergang von sozialistischen zu marktorientierten Volkswirtschaften zu gewährleisten", erklärte Kasten.
Der Gesetzentwurf nennt keine Einzelheiten bezüglich
des erforderlichen Kapitals, Kasten zufolge hat die
Weltbank jedoch einen Kreditrahmen für Osteuropa in
Höhe von 5 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von 3
Jahren vorgeschlagen.
Der Vorsitzende der republikanischen Fraktion, Dole,
stellte fest, eine solche Einrichtung wäre eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem von der französischen Regierung unterbreiteten Vorschlag zur Gründung einer Europäischen Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung (EBRD).

Seite 1

�Obwohl beide Vorschläge der Entwicklung freier Unternehmen in Osteuropa förderlich wären, würde dies,
so Dole, mit der im Kasten-Dole-Gesetzentwurf vorgesehenen Einrichtung "wirksamer und kostengünstiger
verwirklicht, da man auf die bewährten Mechanismen
der Weltbank zurückgreifen kann - und die Gründung
einer völlig neuen und unerprobten Bürokratie nicht
erforderlich wird."

(auch Iran und Syrien) mit direktem oder indirektem
Einfluß auf die Kidnapper und deren Helfershelfer auf,
sich nachdrücklich für die unmittelbare, sichere und
bedingungslose Freilassung der Geiseln einzusetzen".
Die Resolution ergänzt eine frühere, von der Abgeordneten Louise Slaughter vorgeschlagene Version, derzufolge der Präsident einen Sonderbevollmächtigten
ernennt, der die Freilassung der Geiseln aushandelt.

Ein weiterer Vorteil der Einrichtung innerhalb der
Weltbank bestünde darin, daß "zumindest dieses Mal" Hamilton erklärte, "der Kompromiß ist das Ergebnis
die Kreditvergabe an die Sowjetunion untersagt wür- von Gesprächen zwischen dem Mitarbeiterstab, Ausschußmitgliedern und dem Außenministerium". Er
de, erklärte Dole.
wies darauf hin, daß die Administration keine EinwänKasten bekräftigte, daß die Vereinigten Staaten "die de gegen die neue Version habe, die ursprüngliche
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung Gesetzgebung aber nicht ohne Änderungen akzeptieboykottieren sollten, wenn die Satzung der Bank Anlei- ren wird.
hen der Sowjetunion in irgendeiner Form gestatten
"Meiner Ansicht nach muß Präsident Bush nicht von
würde."
diesem Ausschuß daran erinnert werden, daß er seine
Ein weiterer "Anlaß zur Sorge" bezüglich der EBRD Anstrengungen intensivieren muß, um die Freilassung
bestünde Kasten zufolge darin, daß "die Vereinigten der Geiseln zu bewirken," erklärte der republikanische
Staaten... gemäß der vorgeschlagenen Satzung auf- Angeordnete Henry Hyde dem Ausschuß. Obwohl er
gefordert wurden, mit den größten Anteil des Bankka- die ergänzte Gesetzgebung für "weniger anfechtbar"
pitals bereitzustellen - während die Kontrolle über die hält als die ursprüngliche, ist seiner Meinung nach
Vergabepraktiken bei den Europäern liegt".
doch "stille Diplomatie" vorzuziehen.
Mit der Feststellung, "zahlreiche" europäische Politiker seien "immer noch davon überzeugt, daß der
Sozialismus reformierbar ist", untermauerte Kasten
seine "Besorgnis darüber, daß die Politik der EBRD
mit einer solchen Geisteshaltung formuliert wird".
Dem Senator zufolge haben die Vereinigten Staaten
zahlreiche andere Pläne zum Wiederaufbau Osteuropas, einschließlich einer "Reform der amerikanischen
Steuergesetze und Vorschriften gegenüber dem Ausland, Überarbeitung des amerikanischen Verfahrens
zur Vergabe von Exportlizenzen und Exportbeschränkungen für Osteuropa sowie die Ermutigung von
.Austauschprogrammen zur Ausbildung in Unternehmensführung und Verwaltung".
Ausschuß des Repräsentantenhauses bestätigt
amerikanische Politik zur Frage der Geisein
Der Auswärtige Ausschuß des Repräsentenhauses
hat die amerikanische Politik bestätigt, keine Verhandlungen zur Freilassung amerikanischer Geiseln im
Libanon zu führen und die Wiederaufnahme internationaler Anstrengungen gefordert, um ihre Befreiung zu
erreichen.

Gilman erklärte, er und Hamilton hätten die Ergänzung
vorgeschlagen, weil sie die Bestimmung, mit der die
Entsendung eines Sonderbevollmächtigten gefordert
wurde, "nicht angemessen" gefunden hätten.
"Damit würde suggeriert, daß unsere Regierung nicht
genug für die Freilassung der Geiseln getan hat und
daß das Problem in Washington liegt", erklärte Gilman. "Das Problem liegt nicht in Washington."
Der Vorsitzende des Ausschusses, Dante Fascell,
erklärte zu der revidierten Maßnahme: "Obwohl wir
unsere Besorgnis ausdrücken, möchten wir doch folgendes deutlich sagen: auch wenn wir für die Freilassung der Geiseln keine Anstrengung scheuen, werden
wir keiner Art von Erpressung nachgeben und keinen
Preis in irgendeiner Form zahlen."

* * * * *

Der Ausschuß forderte Präsident Bush am 22. März
einstimmig auf, der Freilassung der Geiseln eine "hohe
Priorität" einzuräumen". Dennoch bekräftigte er erneut seine Unterstützung für die traditoonelle Politik
der Vereinigten Staaten, Verhandlungen mit den Geiselnehmern zu verweigern.
Die von den Abgeordneten Lee Hamilton und Benjamin Gilman eingebrachte Resolution fordert "alle Länder

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AME-RIKA DIENST 12

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