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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Set^c

21. März 1990

11

KSZE

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER DEMOKRATIE
AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des
US-Delegationsleiters

DDR-WAHLEN

DAS DDR-WAHLERGEBNIS EIN SIEG DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

OSTEUROPA

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

ABRÜSTUNG

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL
SICH "REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN
WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar

WIRTSCHAFT

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN IN DEN VEREINIGTEN
STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-FlorioVerfügung

J

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2366
Telex: 8-85432

�KSZE
21. März 1990

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER
DEMOKRATIE AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des US-Delegationsleiters
BONN - (AD) - "Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte
in einem demokratischen Rechtsstaat bestehen klare Zusammenhänge", erklärte der amerikanische Delegationsleiter Holmer zur Eröffnung der internationalen Wirtschaftskonferenz unter der Schirmherrschaft der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Bonn am 19. März 1990.
"Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten gesichert, in dem politische Rechte
gesichert sind und vice versa", so Alan F. Holmer. "Aus unserer Sicht ist diese Verbindung zwischen
wirtschaftlichen und politischen Rechten zentrales Thema unserer Erörterungen." Holmer verwies darauf, daß
"die KSZE in den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer Arbeit
aufgestellt hat. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung dieses
ungenutzten Potentials."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Delegationsleiters im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren,
wir kommen nicht umhin, uns vor Augen zu führen, daß
um uns herum Geschichte geschrieben wird - nicht nur
hier im Land unserer verehrten Gastgeber, sondern in
ganz Europa und weltweit. Wir beobachten, wie die
grausame Teilung dieses Kontinents, die wiederum
dazu beitrug, die Welt in gegnerische Lager zu spalten,
allmählich überwunden wird. Diese Merkmale der
Vergangenheit - die Trennung von Familien und Verwandten, Barrieren, die dem ungehinderten Kommunikationsfluß über die Grenzen hinweg im Wege standen, die Unterdrückung der Menschenrechte und Freiheiten des einzelnen - all dies wird durch die Hoffnung
auf ein neues Zeitalter der Freiheit, Sicherheit, des
Wohlstands und echter Demokratie für die Völker
dieses Kontinents ersetzt.
Ungeachtet der historischen Rolle, die in den vergangenen Monaten von Menschenrechtsaktivisten und
Staatsmännern mit politschem Weitblick auf beiden
Seiten dieser rasch verschwindenden Trennungslinie

AMERIKA DIENST 11

in Europa gespielt wurde, stellen wir rückblickend fest,
daß der vor fünfzehn Jahren in Helsinki eingeleitete
Prozeß ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt hat.
Nicht zuletzt aufgrund der Schlußakte von Helsinki die als ein von staatsmännischem Geschick und politischem Weitblick geprägtes Dokument in die Geschichte eingehen wird - stehen wir heute an einem
historischen Wendepunkt, am Ende eines Kapitels der
Geschichte dieses Kontinents und am Beginn eines
neuen.
In solchen Augenblicken tragen wir große Verantwortung: auch die Chancen für einen Neuanfang sind gro ß
und es wäre tragisch, wenn wir diese Chancen hier in
Bonn nicht nutzen würden. Um Außenminister Baker
aus seiner Berliner Rede im Dezember zu zitieren:
"Jetzt ist es an der Zeit für weitere Fortschritte des
KSZE-Prozesses." Und er fuhr fort, "insbesondere
kann der relativ unterentwickelte Korb Wirtschaft mit
neuen Inhalten gefüllt werden".

Seite 1

�Als ich am vergangenen Freitag mit Außenminister
Baker zusammentraf, bekundete er erneut seine Unterstützung für die Bonner Konferenz und die Absicht,
Korb II neue Inhalte zu verleihen. Er wiederholte die
von ihm im Februar in Prag gemachte Aussage, daß
Verträge über den Abbau konventioneller Streitkräfte,
verbessertes Vertrauen und sicherheitsbildende
Maßnahmen und die Einführung freier Wahlen in ganz
Europa dazu beitragen werden, Frieden, Demokratie
und Fortschritt zu sichern und zu konsolidieren, wenn
jedoch "keine Schritte zur Förderung der Wirtschaftsaktivitäten unternommen werden, könnte die Stabilität
in Europa erneut auf dem Spiel stehen".
Wie sollen wir diesen Zeitpunkt bewerten, mit dem uns
die Geschichte konfrontiert? Die Vereinigten Staaten
gehen von einer Reihe von Grundvoraussetzungen
aus: Erstens haben wir alle bestimmte Zielsetzungen
gemein. Wir alle streben dauerhaftes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, effektive Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen und eine sauberere Umwelt
an. Wir haben unterschiedliche Traditionen und in
gewissem Maße unterschiedliche Werte. Aber heute
ist es offensichtlicher als jemals zuvor, daß wir zahlreiche gemeinsame Ziele haben.
Zweitens existieren Europa und Nordamerika nicht in
einem Vakuum. Weltweite Trends betreffen uns alle,
und wir alle sind mehr oder weniger Akteure in der
Weltwirtschaft. Kein Land kann eine gesunde Binnenwirtschaft aufbauen, wenn sie die Welt jenseits unserer Grenzen und Küsten ignoriert oder versucht, auszuschließen.
Drittens bestehen beiderseitig profitable Wirtschaftsbeziehungen nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einzelnen Produzenten, Unternehmen und
Konsumenten. Ob sie die größten Maschinen oderdie
originellste Idee produzieren, ob sie Zehntausende
von Angestellten beschäftigen oder nur aus einer
einzigen kreativen Person bestehen - diese Unternehmen stellen die Realität der Wirtschaftstätigkeit dar.
Aus diesem Grund ist es unseres Erachtens so wichtig, daß hier Wirtschaftsvertreter als Delegationsmitglieder anwesend sind und an unseren Gesprächen
teilnehmen.
Die wichtigste Rolle der Wirtschaftsvertreter bei dieser
Konferenz besteht wohl darin, uns vor Augen zu führen, daß sie und nicht wir es sind, die Produkte erfinden
und sie vermarkten, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand produzieren.
Wir alle hoffen auf einen erfolgreichen Abschlu ß dieser
Konferenz. Wie auch immer wir ihren Erfolg beurteilen
mögen, sollten wir uns stets vor Augen führen, daß
sich die Wirtschafts- und Handelstätigkeit auf dem
Weltmarkt vollzieht und letztlich allen Staaten zum
Vorteil gereicht. In diesem Zusammenhang begrüßen
wir den Vorschlag von Wirtschaftsminister Haussmann
zur Ernennung von Koordinatoren, die die Leitung der

Seite 2

vorgesehenen informellen Diskussionen übernehmen
sollen. Wir sehen den Beiträgen aus der Privatwirtschaft erwartungsvoll entgegen, die über einzelne
KSZE-Staaten wieder in unsere zwischenstaatlichen
Treffen eingebracht werden.
Wie sollte das Ergebnis dieser Konferenz im Idealfall
beschaffen sein? Die Vereinigten Staaten gehen
davon aus, daß die größte Leistung dieser Konferenz
in der Verabschiedung einer Reihe von Leitsätzen
bestehen könnte, die - wie wir hoffen - in Zukunft
einmal als "Bonner Prinzipien der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit" bezeichnet werden. Wir haben
allen Teilnehmerstaaten bereits einen Entwurf für diese
Prinzipien zukommen lassen. IhrTenorfindet nicht nur
in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt
breite Anerkennung. Wir werden der Konferenz diese
Prinzipien in Kürze vorlegen.
Wenn wir in den kommenden Tagen die Tagesordnung dieser Konferenz durcharbeiten, werden wir auf
diese Grundsätze marktorientierter Volkswirtschaften
und Volkswirtschaften im Übergang zurückgreifen. In
den offiziellen zwischenstaatlichen Gesprächen sowie
in den Diskussionen zwischen Wirtschaftsvertretern
werden wir sehen, daß allgemeine Grundsätze wie
diese allen speziellen Problemen der Zusammenarbeit
in Wirtschaft und Handel zugrundeliegen. Wir laden
Sie zu Stellungnahmen, Vorschlägen und zur- hoffentlich aktiven - Beteiligung ein.
Ich werde heute nicht ausführlich auf diese Prinzipien
eingehen. Meines Erachtens wäre es jedoch hilfreich,
einige Schlüsselelemente unseres Ansatzes zu nennen.
Wie bereits einige meiner Vorredner bemerkt haben,
sind wir erstens davon überzeugt, daß eine lebenswichtige Beziehung zwischen effektiven und gerechten Wirtschaftssystemen und offenen, demokratischen
und rechenschaftspflichtigen politischen Systemen
besteht. Wir mögen über die besondere Organisationsform nationaler Volkswirtschaften unterschiedlicher Meinung sein, aber wir stimmen darin überein,
daß der einzelne Arbeitnehmer, Unternehmer und
Verbraucher im Mittelpunkt einer jeden Volkswirtschaft
steht. Und dieses Individuum ist sowohl ein politisches
als auch ein ökonomisches Wesen. Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten
gesichert, in dem politische Rechte gesichert sind und
vice versa. Aus unserer Sicht ist diese Verbindung
zwischen wirtschaftlichen und politischen Rechten
zentrales Thema unserer Erörterungen.
Zweitens bedingt die effektive Beteiligung an der
Weltwirtschaft ein Zusammenwirken internationaler
und nationaler Maßnahmen. Internationale Maßnahmen können wenig erreichen, wenn ein bestimmtes
binnenwirtschaftliches System den Austausch von
Gütern und Dienstleistungen innerhalb seiner Grenzen und über sie hinweg behindert. Die an dieser

AMERIKA DIENST 11

�Konferenz teilnehmenden Wirtschaftsvertreter können uns helfen, die Elemente des binnenwirtschaftlichen Umfelds zu identifizieren, die für allseitig vorteilhafte Wirtschaftsbeziehungen erforderlich sind.
Wie bereits vom Leiter der ungarischen Delegation
festgestellt wurde, stellen uns drittens die Veränderungen, die sich gegenwärtig in den im Übergang von
einer Kommandowirtschaft zu einer gemischten oder
wirklich marktorientierten Volkswirtschaft befindlichen
Ländern vollziehen, vor Schwierigkeiten. Die Geschichte bietet wenig Anhaltspunkte dafür, wie dieser
Umbruch am besten verwirklicht werden soll, und
selbst die Experten sind sich nicht einig. Es besteht
jedoch seitens der Vereinigten Staaten eine enorme
Bereitschaft, mit ihren Mitteln zu helfen. Etwa jeder
achte Amerikaner stammt aus dem Teil des Kontinents, in dem heute eine rasche wirtschaftliche Umgestaltung stattfindet. Wir sind davon überzeugt, daß wir
Bereiche der Zusammenarbeit finden können, um
diesen schwierigen Übergang von einer Kommando zur
Marktwirtschaft zu unterstützen.

Wir fordern Sie auf, sich eine Reihe von klaren, unmi ßverständlichen Prinzipien zu eigen zu machen und
Leitlinien für die vor uns liegende grundlegende Arbeit
einzubringen. Unsere gemeinsame Arbeit an diesen
Prinzipien ist wichtig, denn wir betrachten diese Konferenz zusammen mit dem Kopenhagener Treffen
über die menschliche Dimension im Juni als Baustein
für einen möglichen KSZE-Gipfel zum Jahresende.
Wir sind dafür, Korb II neuen Inhalt und neue politische
Bedeutung zu verleihen und damit ein neues kooperatives Zeitalter der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu eröffnen. Nur dann haben wir die von der
Bonner Konferenz gebotene Gelegenheit wirklich
genutzt.

* * * *

*

Die unterschiedlichen Erfahrungen und das breitgefächerte Expertenwissen der 35 Teilnehmerstaaten bieten
die Gelegenheit einer umfassenden Zusammenarbeit.
Wir meinen hier nicht Zusammenarbeit um der Zusammenarbeit willen, so wünschenswert dies einigen auch
erscheinen mag. Stattdessen sollte eine klare Zielsetzung bestehen, die sich vielleicht so zusammenfassen
ließe, daß sich das Hauptaugenmerk der Volkswirtschaften im Übergang von der einfachen Produktion
zur Produktivität verlagert. In der heutigen Welt hängt
die Produktivität natürlich in einzigartigem Maß vom
einzelnen ab, vom freien Informationsfluß, der Einstellung des einzelnen zu seiner Umwelt und davon, ob er
ein persönliches Interesse am System hat. Kurz
gesagt: Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte in
einem demokratischen Rechtsstaat bestehen unseres
Erachtens klare Zusammenhänge.
Dies ist das erste Treffen über wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Geschichte der KSZE. In den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte hat die KSZE
bereits übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer
Arbeit etabliert. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung
dieses ungenutzten Potentials.
Nach den politischen und wirtschaftlichen Revolutionen von 1989 dürfen wir jetzt nicht ängstlich sein. Die
Vereinigten Staaten haben wenig Interesse an einer
substanzlosen Konferenz, die vor uns liegende Probleme nur marginal behandelt.
Die Delegation der Vereinigten Staaten ist bei dieser
Konferenz bereit, sich aktiv an ihrer umfassenden
Tagesordnung zu beteiligen und mit jeder Delegation
zusammenzuarbeiten, um das bestmögliche Resultat
zu erzielen.

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�DDR - W A H L E N
21. März 1990

DAS DDR-WAHLERGEBNIS - EIN SIEG
DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

WASHINGTON - (AD) - Ein Sprecher des Weißen
Hauses brachte am 19. März 1990 seine Befriedigung
darüber zum Ausdruck, daß die DDR "sich der steigenden Zahl der Länder angeschlossen hat, die freie und
faire Wahlen" abhalten. Er beschrieb den Wahlausgang als "einen Sieg nicht nur für die DDR-Bürger,
sondern für alle Deutschen" und alle Menschen mit
demokratischen Werten.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater, ging bei einer Pressekonferenz auf die Wahlen
vom 18. März ein und erklärte, die Vereinigten Staaten
"haben die Hoffnung der DDR-Bürger auf eigene Zukunftsentscheidungen seit jeher unterstützt". (...) "Wir
feiern dieses denkwürdige Ereignis gemeinsam mit
ihnen und den Bundesbürgern".
Bei den ersten demokratischen Wahlen seit 57 Jahren
haben die Wähler in der DDR mit ihrer Entscheidung
für eine Koalition konservativer Parteien - die mit der
CDU-Regierung in der Bundesrepublik in Verbindung
stehen - nachdrücklich für eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und für die
Hinwendung zur Marktwirtschaft gestimmt.
Der Pressesprecher erklärte, obwohl es "Hindernisse
im Sinne von noch zu lösenden Problemen gibt ...
scheint es, daß der Lauf der Dinge zu einer Wiedervereinigung unaufhaltsam ist. Das haben die Wahlen
eindeutig bewiesen."
Fitzwater zufolge deuten alle zwischen Präsident Bush
und Bundeskanzler Kohl geführten Gespräche darauf
hin. "Und jetzt hat ein Prozeß begonnen, der dieser
Wiedervereinigung hoffentlich gerecht wird und ihren
friedlichen Verlauf in geordneten Bahnen gewährleisten kann."

AMERIKA DIENST 11

Im US-Außenministerium nahm der Stellvertretende
Pressesprecher Richard Boucher Stellung: "Natürlich
begrüßen wir die Wahlen, wir gratulieren den Deutschen zu dem Vereinigungsprozeß und zu diesem
historischen Wahlergebnis."
Auf Fragen zu den nächsten Schritten antwortete
Boucher: "Dem Verfahren entsprechend werden die
Parteien der DDR Gespräche über die Regierungsbildung aufnehmen. Die CDU, die bei den Wahlen eine
Mehrheit auf sich vereinigen konnte, wird sofort in
Koalitionsverhandlungen eintreten. Wir können jedoch nicht genau sagen, wie lange dies dauern wird."
Zu den Auswirkungen der Wahlen auf Fortschritte bei
der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten erklärte der Stellvertretende Sprecher: "Im Programm
des Wahlsiegers wird eine rasche Wiedervereinigung
gefordert. "Die neue Regierung muß jedoch eine
Koalition bilden, und wir müssen die Ergebnisse dieser
Koalitionsbildung abwarten, bevor wir uns ein klares
Bild von der Politik der Wiedervereinigung machen
können."
"Wir gehen jedoch davon aus, daß die neue Regierung
unmittelbar nach ihrer Bildung an der Aufnahme von
Gesprächen mit der Bundesrepublik zu diesem Thema
interessiert sein wird", erklärte Boucher.
Auf die Frage, ob US-Regierungsgsbeamte vom überwältigenden Sieg der Christdemokraten überrascht
waren, antwortete er: "Wir haben keine Prognosen
abgegeben, und deshalb werde ich auch die Ergebnisse nicht kommentieren."
* * * * *

Seite 1

�OSTEUROPA
21. März 1990

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence Eagleburger erklärte bei einer
Konferenz - unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Export-Import Bank - über geschäftliche Möglichkeiten in Osteuropa, das Ziel der Vereinigten Staaten bestehe in der Unterstützung der Länder Osteuropas bei
ihrem Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft.
Eagleburger sprach sich jedoch dagegen aus, "einfach nur Geld in diese Region zu pumpen", womit ihm zufolge
"der Prozeß des Wandels nur verzögert und unsere Fördermaßnahmen verschwendet" würden. Deshalb
müssen die Vereinigten Staaten hauptsächlich "die Fähigkeiten zum Aufbau von Instititutionen und das
unternehmerische Know-how liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird".
Darüber hinaus forderte Eagleburger amerikanische Unternehmen auf, sich "aktiv" am politischen und
wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas zu beteiligen. "Mit dem Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg
müssen wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und
amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in Europa fortführen," erklärte Eagleburger.
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Ich habe entdeckt, daß eine meiner schwierigsten
Herausforderungen als Stellvertretender Außenminister darin besteht, täglich etwas Neues, Relevantes
oder Tiefsinniges zum Thema Osteuropa zu sagen.
Immer wenn ich gebeten werde, über dieses Thema zu
referieren - und das geschieht oft - stehe ich vor diesem
Dilemma, und die Konkurrenz von Lech Walesa oder
Vaclav Havel macht es nicht leichter.
Tatsache ist jedoch, daß sich die Probleme und Herausforderungen, denen sich Mittel- und Osteuropa
1990 stellen müssen, von denen des Jahres 1989
erheblich unterscheiden. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und Wahlkampf sind weniger ruhmreiche Unternehmungen als der Aufstand gegen eine Diktatur. Und
ich stelle jeden Tag fest, daß die Rolle, die eine
Koordination amerikanischer Hilfe in Osteuropa spielt,
noch weniger ruhmreich ist. Aber das ist ein trauriges
Thema, dem wir uns besser ein anderes Mal zuwenden.

AMERIKA DIENST 11

Heute möchte ich ein dringlicheres Problem erörtern:
Die amerikanische Politik in Mittel- und Osteuropa und
die sich dort für amerikanische Unternehmen ergebenden Möglichkeiten. Bevor ich das tue, ist es meines
Erachtens notwendig, uns vor Augen zu führen, welche Ziele wir beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas - für die Osteuropäer, den Weltfrieden und die
Stabilität und für die Interessen der Vereinigten Staaten - verfolgen. Wenn sich 1989 die kommunistischen
Regime des Ostblocks aus der Geschichte verabschiedeten, so ist doch deren Nachfolge noch nicht
gesichert.
Wir haben guten Grund, optimistisch über die Zukunft
Osteuropas zu sein. Aber Optimismus ist ein Punkt
und Selbstzufriedenheit ein anderer. Die Kommunisten entsagten zu einem bestimmten Zeitpunkt der
Macht, weil sie ihre Länder und Volkswirtschaften an
den Rand des Ruins getrieben hatten. Es ist eine

Seite 1

�zutiefst ungerechte, aber dennoch unausweichliche
Tatsache, daß die aufstrebenden Demokratien der
Region mit den von ihren Vorgängern hinterlassenen
Trümmern regieren müssen.
Das Vermächtnis von vier Jahrzehnten Unterdrückung
und Mißwirtschaft ist ungeheuerlich: große Schulden,
eine veraltete Industrie, Umweltschäden sowie politischer Dogmatismus und Intoleranz. Das möglicherweise schlimmste Vermächtnis ist psychologischer Art
- eine Abhängigkeit von Arbeitsplätzen, Waren und
Dienstleistungen, die der Staat bereitstellt und subventioniert sowie ein Fehlen unternehmerischer Fähigkeiten.
Ich betone diese Punkte ausdrücklich, damit wir alle
verstehen, was überwunden werden muß, um das
demokratische Experiment in Osteuropa zum Erfolg
zu führen. Die Erkenntis dieser Herausforderung geht
manchmal in der geschliffenen und sentimentalen
Rhetorik verloren, die wir als Reaktion auf die gegenwärtig stattfindenden historischen Veränderungen
vernehmen konnten. Dennoch ist es eine Herausforderung, der sich unsere Freunde in Mittel- und Osteuropa beherzt stellen. Die schnellen Ergebnisse der
wirtschaftlichen Umstrukturierung in Polen deuten darauf
hin, daß die Menschen in der Region sehr wohl bereit
sind, die Belastung zu tragen und den Preis der
Freiheit zu zahlen. Die am kommenden Sonntag in der
DDR stattfindenden Wahlen liefern hierfür ein weiteres
Beispiel: jüngste Meinungsumfragen zeigen eine
Veränderung an - die DDR-Bürger beschäftigen sich
weniger mit dem Erhalt der Privilegien eines Wohlfahrtsstaats und mehr mit dem Zusammenhang von
Risiko und Wohlstand in einer dynamischen freien
Marktwirtschaft.
Die wichtigste Botschaft, die ich Ihnen vermitteln möchte,
lautet, daß der Weg Osteuropas steinig, aber begehbar ist. Wir haben großes Interesse am Erfolg der
neuen Demokratien. Es ist vielfach die Auffassung
geäußert worden - die meiner Meinung nach stimmt der Niedergang des Kommunismus sei eine Bestätigung der amerikanischen Außenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber die Geschichte endet nicht an
diesem Punkt, weil unsere Rolle im sogenannten kalten Krieg für uns gleichbedeutend war mit der Eindämmung kommunistischer Machtexpansion und gleichzeitig der letzte der drei großen Kämpfe, die wir auf
dem europäischen Kontinent in diesem Jahrhundert
ausgefochten haben. Tatsächlich liegt die Stabilität
Europas seit 1917 im Interesse der Vereinigten Staaten - und das muß auch weiterhin der Fall sein. Unser
Interesse an einem erfolgreichen Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa hat zwei Ziele: erstens wollen wir sicherstellen,
daß die Abkehr vom Kommunismus unwiderruflich ist
und zweitens gewährleisten, daß die Region nicht
noch einmal ein zerrüttetes, instabiles Machtvakuum,
ein Ort von Spannungen und nationalen Rivalitäten
wird.
Seite 2

Damit ergibt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten
genug tun, um nationalen Interessen Vorschub zu
leisten. Um es deutlich zu sagen, "genug tun", heißt
für die meisten dasselbe wie: "Geben wir genug Geld
aus?" Natürlich heißt es häufig, wir täten es nicht, und
der Ruf nach einem neuen "Marshallplan" für Osteuropa wird laut.
Diese Argumente würde ich mit drei Punkten widerlegen. Erstens haben wir jetzt mächtige und wohlhabende europäische Verbündete, die mit uns die Last
tragen, die andere Hälfte ihres Kontinents wiederaufzubauen.
Zweitens stellen wir trotz gravierender Haushaltszwänge Osteuropa in großem Umfang Mittel zur Verfügung.
Wenn wir denselben Rechenmodus anwenden würden wie unsere Freunde und Verbündeten - das heißt,
auch Anleihen, Kredite, Garantien, Versicherung und
Umschuldung in unseren Haushalt aufnähmen - würde
sich herausstellen, daß unsere Hilfe unübertroffen
dasteht.
Aber drittens - und dies ist vielleicht der wichtigste
Punkt - unterscheiden sich die Bedürfnisse der Länder
Osteuropas heute grundlegend von denen im Westeuropa des Jahres 1947. Damals mußten wir eine
Region wiederaufbauen, die zwar vom Krieg zerstört
war, aber dennoch über das Know-how, die wirtschaftliche Infrastruktur, die demokratischen Institutionen
und Traditionen verfügte, die für einen schnellen
Wiederaufbau erforderlich sind. In Osteuropa fehlen
diese Fähigkeiten und Institutionen zu einem großen
Teil. Aus diesem Grunde müssen wir unmittelbar
technische Hilfe leisten, um die Infrastruktur zu schaffen, die westliche Investitionen und finanzielle Hilfe
erfolgreich aufnehmen kann. Wenn wir einfach nur
Geld - auch viel Geld - in diese Region pumpen, ohne
damit Fortschritte bei Strukturreformen zu verbinden,
wird - wie in den siebziger Jahren - der Prozeß des
Wandels nur verzögert, und unsere Fördermaßnahmen sind verschwendet.
Angesichts der Verfassung der Volkswirtschaften
Osteuropas und des von mir gerade angesprochenen
Vermächtnisses kann kein Wandel stattfinden, der
nicht schmerzvoll wäre - schmerzvoll im Sinne der
Geburt eines völlig neuen Wirtschaftssystems. Wir
wollen diesen Schmerz lindern, wo wir können, müssen aber hauptsächlich die Fähigkeiten zum Aufbau
von Institutionen und das unternehmerische Knowhow liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird.
Zusammenfassend lie ße sich unser Ansatz folgendermaßen charakterisieren: wo Engagement für politischen Pluralismus, einschneidende Witschaftsreformen und Achtung der Menschenrechte besteht, werden wir mit unseren Ressourcen, unserem Know-how
und unserer Erfahrung zur Seite stehen. Aber ich bin
fest davon überzeugt, daß die von uns bereitgestellten

AMERIKA DIENST 11

�Ressourcen wertlos sein werden, wenn die Osteuropäer unfähig sind, den Grundstein zu legen und die
Infrastruktur für eine freie Marktwirtschaft und freie
Gesellschaft zu schaffen. Aus diesem Grund betonen
wir so ausdrücklich, daß wir die Bestandteile dieser
Infrastruktur und damit die Erfolgsgrundlagen liefern:
Hilfe zur Bildung politischer Parteien, Durchführung
von Wahlen, Aufbau einer Legislative und unabhängiger Gerichte, Hilfe zum Aufbau einer freien Presse und
freier Gewerkschaften, Hilfe bei der Entwicklung eines
Bankensystems und finanzieller Dienstleistungen, Hilfe
bei der Führung von Privatuntemehmen und vieles
mehr.
Dazu hat die Bush-Administration ein umfassendes
Rahmenwerk entwickelt, in dem Osteuropa Hilfe geleistet werden soll. Dennoch verfügen wir nicht über
einen wohlabgestimmten Plan, um bestimmte Entwicklungen in einem Land vorwegzunehmen und können
das auch nicht. Das Zeitalter der Pläne und großartigen Planspiele ist vorbei - es wurde 1989 in Osteuropa
zu Grabe getragen. Jeder, der in den vergangenen
zwölf Monaten Pläne in dieser Region verfolgte, mu ßte
sie bis jetzt mindestens zwölfmal ändern. Wir brauchen eine klare Zielvorstellung und einen guten Rahmen, der uns die Richtung weist. Den haben wir
meiner Ansicht nach. Darüber hinaus müssen wir
flexibel - und geschickt genug - sein, um auf neue
Ereignisse zu reagieren.
Unser Ansatz ist dreigleisig. Erstens werden wir
kurzfristig auf den Notfall abgestimmte humanitäre
Hilfe leisten, um den großen Mangel am Notwendigsten, wie Nahrungs- und Arzneimittel, zu bekämpfen.
Mit anderen Worten: wir werden da sein, um das
Unheil aufzuhalten.
Zweitens können wir mittelfristig eine Reihe von
Maßnahmen ergreifen, um politischen Pluralismus
und marktorientierte Volkswirtschaften zu fördern. Wir
sind bereit, allen Ländern der Region technische Hilfe
zu leisten, die Hilfe beim Übergang zur Demokratie,
freien.Märkten und einer sauberen Umwelt benötigen.
Darüber hinaus wollen wir mit denjenigen Ländern, die
Bedingungen amerikanischer Gesetze erfüllen, die
Beziehungen im bilateralen Handel und bei den Investitionen wiederaufnehmen.
Und drittens sind wir langfristig bereit, während der
Übergangsphase die Wirtschaftshilfe für diejenigen
Länder zu verlängern, die bereit sind, den großen und
schmerzvollen Preis der Umwandlung in eine freie
Marktwittschaft zu zahlen. Dazu zählt die finanzielle
Unterstützung für glaubwürdige Stabilisierung und
strukturelle Anpassungsprogramme. Wir haben zum
Beispiel bereits umfangreiche Ressourcen für Unternehmensfonds in Polen und Ungarn wie auch dem
polnischen Stabilisierungsfonds zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus sind wir der Ansicht, daß internationale Finanzinstitutionen wie der IWF und die
Weltbank wichtige Hilfe bei der Integration der osteu-

AMERIKA DIENST 11

ropäischen Länder in das Weltwirtschftssystem leisten
können, und wir werden die Bestrebungen der reformorientierten Länder um eine Mitgliedschaft in diesen Institutionen unterstützen, sobald sie die Auflagen
für eine Mitgliedschaft erfüllen.
Über die Bestrebungen hinaus bin ich davon überzeugt, daß die Umwandlung und der Wiederaufbau der
Volkswirtschaften Osteuropas auch den Privatsektor
einbeziehen muß. Es ist schließlich der westliche
Privatsektor, der das Kapital zur Verfügung stellen
kann, mit dem Arbeitsplätze geschaffen und eine
unabhängige Wirtschaftstätigkeit in der ganzen Region gefördert werden kann. Wenn sie einmal Fuß
gefaßt haben, können westliche Unternehmer den
Osteuropäern bei der Schaffung eines Umfelds freien
Unternehmertums mit Risikobereitschaft und Unabhängigkeit helfen, das heute fehlt, für den langfristigen
Erfolg der Reformen aber unabdingbar ist.
Wenn steigende Investitionen im Privatsektor unser
Ziel sind, sollte klar sein, daß auch die Export-Import
Bank eine entscheidende Rolle bei der Strategie der
Administration in Osteuropa spielen muß. Ich möchte
hinzufügen, daß dieser Ansatz mehr in sich birgt als es
scheint. Wenn sich Osteuropa zum Beispiel letztlich
für freie Märkte entscheidet, amerikanische Unternehmen aber ausgeschlossen werden oder nur in geringem Maße auf dem Markt präsent sind, wäre damit den
amerikanischen Interessen nicht gedient. Ich möchte
auch behaupten, daß ein solches Resultat auch osteuropäischen Interessen wenig förderlich wäre. Nach
meiner jüngsten Reise in diese Region kann ich Ihnen
berichten, daß wir in diesen aufstrebenden Demokratien viele Freunde haben. Sie vergessen uns nicht,
weil wir in unserer Unterstützung für ihre Freiheit und
Unabhängigkeit nicht ins Wanken geraten sind und
keine Kompromisse gemacht haben, und deshalb
wollen sie, daß wir aktiv an der wirtschaftlichen und
politischen Wiederherstellung ihrer Länder teilnehmen. Kurzum: es wäre törcht, anzunehmen, die
westeuropäischen Nachbarn Osteuropas hätten den
Markt "fest in der Hand", und wir sollten uns deshalb
aus dem Wettbewerb zurückziehen.
Es ist daher im Sinne einer Interessengemeinschaft,
daß wir mit den Regierungen Osteuropas einen positiven gesetzlichen Rahmen für amerikanische Investitionen in der Region schaffen. In jedem Land, das wir
besucht haben, erklärten wir der Führung, wir respektierten ihr souveränes Recht auf eigene Gesetzgebung, verwiesen jedoch auch darauf, daß sie unweigerlich untereinander im Wettstreit um amerikanische
Investitionsdollar stehen würden. Wir hatten sicherlich
keine Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß amerikanische Firmen ihre Gesetze respektieren und positive Beiträge für ihre Wirtschaft leisten würden. Tatsache ist, daß die Osteuropäer keine Angst vor wirtschaftlicher Dominanz der Vereinigten Staaten haben.
In ihrem geschichtlichen Verständnis sind mit den

Seite 3

�Vereinigten Staaten keine negativen Assoziationen
verbunden. Tatsächlich lehrt sie ihr Geschichtsverständnis die Bedeutung des anhaltenden politischen
und wirtschaftlichen Engagements der Vereinigten
Staaten für Europa.
Wenn wir diesen Erwartungen gerecht werden und in
der Lage sein wollen, unsere wichtigen Interessen in
der Region wahrzunehmen, müssen wir auch in der
Wirtschaft Mittel- und Osteuropas präsent sein. Wir
dürfen nicht vergessen, daß der amerikanische Einfluß in Westeuropa seit dem Zweiten Weltkrieg ebenso
sehr auf unsere wirtschaftliche Stärke zurückzuführen
ist wie auf unsere unmittelbare Hilfe und unsere andauernden sicherheitspolitischen Beziehungen. Mit dem
Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg müssen
wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als
wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und
als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in
Europa fortführen - ein Engagement, das so entscheidend für Frieden und Stabilität in diesem Teil der Welt
war.

*

Seite 4

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich fordere Sie
nicht auf, aus rein patriotischen Gründen in Osteuropa
zu investieren. Sie werden damit zufrieden sein müssen, daß Risiko und Gewinn auch Möglichkeiten
anderswo bedeuten. Aber nach meiner Rückkehr
aus der Region bin ich zuversichtlich über die Chancen für wirtschaftliches Wachstum und Wiederaufbau und optimistisch im Hinblick auf die Aussichten
für amerikanische Unternehmen. Hier handelt es
sich um einen Markt mit gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem niedrigen Lohnniveau. Aufgrund
dieser Faktoren und auch aus geopolitischen Gründen wird Westeuropa bestrebt sein, jetzt dort Fuß zu
fassen, in der Hoffnung, in den nächsten Jahren dann
eine Vormachtstellung innezuhaben. Wir können es
uns deshalb weder leisten, zu warten, bis sich die
Situation verfestigt noch können Sie erwarten, dort
schnelle Gewinne zu machen. Sie werden sich kurzfristig niederlassen müssen, um langfristig Gewinne
zu machen. Aber Sie werden Gewinne erzielen - auch
Ihr Land und unsere guten Freunde in Mittel- und
Osteuropa.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�ABRÜSTUNG
21. März 1990

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL SICH
"REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar
WASHINGTON - (AD) - In der gegenwärtigen Sitzungsperiode der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) dringen
die Vereinigten Staaten darauf, Rüstungskontrollfragen in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Teilnehmerstaaten von gemeinsamem Interesse sind und bei denen "für alle Beteiligten nützliche Vereinbarungen erzielt"
werden könnten.
Der amerikanische Botschafter Stephen Ledogar erklärte am 13. März 1990 in einer Rede vor dem Plenum, die
CD habe sich zu lange mit Fragen beschäftigt, "die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit nicht dienlich waren,
sondern die stattdessen benutzt wurden, um politische Argumente vorzubringen".
Er schlug vor, Probleme wie Fragen der regionalen Sicherheit und regionalen Wettrüstens zu behandeln. Solche
"realen" Probleme könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung
sein".
Im folgenden veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, an dieser
Stelle über chemische Waffen zu sprechen. Chemische Waffen sind heute morgen nicht mein Hauptthema, aber ich möchte doch den Tenor der Erklärung
Minister Batsanows vom vergangenen Donnerstag (8.
März) unterstreichen. Meine Regierung ist über den
produktiven Charakter der gerade beendeten amerikanisch-sowjetischen Gesprächsrunde über chemische Waffen erfreut. Unsere gemeinsam erzielten
Fortschritte auf dem Weg zu einer bilateralen Vereinbarung über die Zerstörung der Lagerbestände an
chemischen Waffen können den Bemühungen dieses
Gremiums zur möglichst raschen Erarbeitung eines
Vertragsentwurfs für eine multilaterale Konvention über
chemische Waffen nur förderlich sein.
Herr Präsident, chemische Waffen stehen auf der
Tagesordnung der amerikanischen Regierung zur
Rüstungskontrolle weit oben. Ich möchte mich nun
den Atomwaffen zuwenden, einem weiteren Punkt auf
dieser Tagesordnung.
Beginnen wir mit der Tatsache, daß über 40 Jahre lang
ein starkes atomares Abschreckungspotential notwendig war, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu
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gewährleisten. Es hat dazu beigetragen, die Sicherheit und Freiheit unserer Verbündeten und Freunde zu
bewahren. Der lange europäische Frieden der vergangenen 45 Jahre hat meines Erachtens zur heute
bestehenden Situation geführt, in der Winde der Freiheit durch so viele Länder wehen. Die lange Periode
der Stabilität hat uns Zeit verschafft, in der wir unsere
Aufmerksamkeit weniger auf das Überleben als vielmehr auf Menschenrechte und politische Rechte richten konnten.
Die atomare Abschreckung bleibt ein entscheidender
Bestandteil der amerikanischen Sicherheitsstrategie.
Wie Außenminister Baker im vergangenen Monat vor
dem Obersten Sowjet erklärt hat, benötigen wir ein
sicheres, verläßliches und modernes Arsenal solange
wir uns auf Atomwaffen zur Sicherung des Friedens
durch Abschreckung stützen müssen. Das heißt, daß
wir in gewissem Umfang weiterhin unterirdische Kernwaffenversuche durchführen müssen.
Die Vereinigten Staaten halten nach wie vor an einem
stufenweisen Prozeß zur weiteren Begrenzung von
Kernwaffenversuchen fest. Wir bleiben einem umfassenden Testver'not (CTB) als langfristigem Ziel verSeite 1

�pflichtet. Wie Minister Karmilo aus Finnland jedoch
schon am 20. Februar vor diesem Forum treffend
feststellte, gibt es auf dem Weg zu einem solchen
Verbot keine Abkürzung. Es muß aufgebaut werden,
wie man eine Brücke über einen Abgrund bauen
würde, indem man Stück für Stück eine solide Grundlage legt, damit sie auf Generationen hinaus stark und
zuverlässig bleibt.
Die Vereinigten Staaten betrachten CTB im Zusammenhang mit einer Zeit, in der wir uns nicht auf die
atomare Abschreckung verlassen müssen, um internationale Sicherheit und Stabilität zu sichern und in der
wir breit angelegte, einschneidende und wirksam ver ifizierbare Rüstungsreduzierungen erzielt haben, mit
erheblich verbesserten Verifizierungsfähigkeiten und
einem stärkeren Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften.
Hier möchte ich kurz auf die Frage der Verifizierung
einzugehen. Ein CTB ohne angemessene Verifizierung ist kein Vertrag, sondern eine Versuchung. Entgegen der landläufigen Annahme, derzufolge die
Technologie dafür heute schon vorhanden ist, bleibt
bis zur Entwicklung eines glaubwürdigen Systems zur
Verifizierung der Einhaltung eines CTB zu verifizieren,
noch viel zu tun. Die Vereinigten Staaten werden
ihrerseits die Arbeit der Gruppe von Wissenschaftlern
weiterhin unterstützen und sich uneingeschränkt an
ihrem zweiten technischen Versuch beteiligen. Wir
sind tief enttäuscht darüber, daß so viele Staaten darunter auch einige, die regelmäßig ein CTB fordern
- es nicht für zweckmäßig hielten, sich an diesem
wichtigen Experiment zu beteiligen.
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten sind dankbar
für die Bemühungen von Botschafter Donawaki aus
Japan und seinem Vorgänger, Botschafter Yamada,
einen Konsens über ein Mandat für einen Ad-hocAusschu ß zu Punkt eins auf unserer Tagesordnung zu
finden.

Hinblick auf die Verhandlungen zur Reduzierung strategischer Warfen erzielt, und unsere Delegationen bei
den Verhandlungen über Kernwaffenversuche arbeiten tatkräftig daran, die Protokolle zum Schwellenvertrag und zum Vertrag über Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken bis zum Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif zu machen.
Die Zeiten ändern sich und sind vielleicht heute vielversprechender als je zuvor in der Geschichte. Aber
Veränderungen bedeuten unweigerlich sowohl eine
Zeit der Ungewißheit, des Aufruhrs und der Furcht als
auch eine Zeit der Hoffnung. Für uns alle besteht die
Herausforderung darin, uns dafür einzusetzen, daß
diese Veränderungen weiterhin friedlich und positiv
ablaufen. Dies ist nicht die Zeit, die Strukturen aufzugeben, die uns so weit gebracht haben.
Am 5. März hat der Präsident der Vereinigten Staaten
eine Erklärung zum 20. Jahrestag einer der wesentlichen Grundlagen der heutigen internationalen Sicherheit abgegeben - dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT). Im Laufe dieses Jahres
werden die Signatarstaaten des NPT die vierte Überprüfungskonferenz abhalten. In Zusammenhang mit
dieser Überprüfung bekräftigte Präsident Bush "die
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, ihre Vertragsverpflichtungen zu erfüllen und darauf hinzuarbeiten, seine Dauerhaftigkeit im Interesse des Weltfriedens und der Sicherheit zu gewährleisten". Ich
habe den Sekretär darum gebeten, die Erklärung des
Präsidenten als CD-Dokument in Umlauf zu bringen.
Unsere Konferenz hat femer einen Tagesordnungspunkt zur Frage der "negativen Sicherheitsgarantien"
- die Gewährung von Garantien seitens der Nuklearmächte für Staaten, die keine Kernwaffen besitzen, um
den Einsatz von Kernwaffen oder dessen Androhung
auszuschließen.
Die Vereinigten Staaten haben öffentlich erklärt:

Ich möchte folgendes klarstellen: Die Vereinigten
Staaten und die westliche Gruppe waren seit 1984
bereit und sind es immer noch, erneut einen Ad-hocAusschuß zu bilden. Zwei Jahre lang waren wir bereit,
unseren eigenen Vorschlag für den Mandatstext beiseite zu legen, um auf einen Konsens auf der Grundlage des Kompromißentwurfs von Botschafter Vejvoda hinzuarbeiten. Die Vereinigten Staaten sind immer
noch dazu bereit. Wir sind erstaunt, daß dies bei
anderen nicht der Fall ist.

"Die Vereinigten Staaten werden Kernwaffen nicht
gegen kernwaffenfreie Staaten - Unterzeichner des
NPT oder irgendeiner anderen international bindenden Verpflichtung, keine nuklearen Sprengsätze zu
erwerben - einsetzen, au ßer im Falle eines Angriffs auf
die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, Streitkräfte
oder ihre Verbündeten durch einen Staat, der mit einer
Nuklearmacht verbündet oder mit einer Nuklearmacht
bei der Durchführung oder Unterstützung des Angriffs
zusammenarbeitet."

Die Vereinigten Staaten haben sich jedenfalls in bilateralen Verhandlungen mit der Sowjetunion aktiv um die
Reduzierung von Atomwaffen bemüht. Ich bin der
Ansicht, ein objektiver Beobachter müßte über die von
uns erzielten Fortschritte entzückt - und ermutigt - sein.
Der INF-Vertrag ist seit über 20 Monaten in Kraft. Beim
Moskauer amerikanisch-sowjetischen Außenministertreffen im Februar wurden wichtige Fortschritte im

Wir halten an dieser Garantie als dauerhafter und
verläßlicher Erklärung der amerikanischen Politik fest.
Wir haben uns trotzdem freiwillig an den Bemühungen
der CD beteiligt, effektive Arrangements zu treffen
sowie insbesondere eine für alle annehmbare gemeinsame Formel zu suchen. Bis heute ist keine Einigung
über wirksame Vereinbarungen erzielt worden, da
besondere Sicherheftsanliegen jedes einzelnen Teil-

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AMERIKA DIENST 11

�nehmerstaats betroffen sind - sowohl für Nuklearmächte als auch für Staaten, die keine Kernwaffen
besitzen. Wir sind bereit und willens, dieses Jahr
erneut konstruktiv zu diesen Bemühungen beizutragen, und ich sage unserem verehrten Kollegen, Botschafter Negrotto-Cambiaso, dem Vorsitzenden des
Ad-hoc-Ausschusses, die Unterstützung und Kooperation meiner Delegation zu.
In regelmäßig abgehaltenen Ad-hoc-Ausschußsitzungen hat die Konferenz seit 1985 Fragen im Zusammenhang mit der "Verhinderung eines Wettrüstens im
All" erörtert. Die Vereinigten Staaten haben eine
Überprüfung möglicher praktikabler und wünschenswerter Maßnahmen vorgenommen, die als Grundlage
für eventuelle Verhandlungen über weitere multilaterale Rüstungskontrollabkommen für den Weltraum dienen könnten. Bis heute wartet meine Regierung noch
auf Vorschläge der anderen Seite, die unseres Erachtens praktikabel, wünschenswert und verifizierbar sind.
Wir selbst haben noch keine für einen Vorschlag
geeigneten Maßnahmen ausgemacht. Wir bieten
meinem verehrten kanadischen Kollegen, Botschafter
Shannon, beim Vorsitz des letzte Woche gegründeten
Ad-hoc-Ausschusses unsere Unterstützung und Mitarbeit an und sind bereit, jeden Vorschlag in Erwägung
zu ziehen, derin diesem Ausschuß erarbeitet wird. Wir
müssen Forderungen nach multilateralen Verhandlungen in diesem Bereich jedoch ablehnen.
Meine Delegation ist erfreut, daß der Ad-hoc-Ausschuß über radiologische Waffen zusammengetreten
ist. Bei den im Ausschuß erarbeiteten Fortschritten
haben wir Botschafter Varga aus Ungarn unserer
Zusammenarbeit versichert und hoffen, daß es uns
irgendwie gelingen wird, die Verhandlungen zumindest bei einem der "traditionellen" Themen voranzubringen. In der Frage der verbotenen Angriffe auf
Nuklearanlagen ist meine Delegation von der Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen in diesem Bereich
nicht überzeugt, und wir werden uns weiterhin jedem
Junktim zwischen dem Verbot von Angriffen auf Nuklearanlagen und einem Verbot radiologischer Waffen
widersetzen.
Herr Vorsitzender, ich möchte mich nun Fragen im
Zusammenhang mit den Tagesordnungspunkten
"Verhinderung eines Atomkriegs einschließlich aller
damit in Verbindung stehenden Angelegenheiten" sowie
der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und nuklearer Abrüstung zuwenden. Wir vertreten nach wie
vor die Ansicht, daß die Verhinderung eines Atomkriegs nur im Kontext der generellen Verhinderung
eines Kriegs zufriedenstellend abgehandelt werden
kann. Die entscheidende Frage lautet, wie Frieden
und internationale Sicherheit im Atomzeitalter gewahrt
werden können. In diesem Zusammenhang kann ein
Atomkrieg nicht vom Problem der Verhinderung aller
Krieoe isoliert werden. Aus diesem Grund können die

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Vereinigten Staaten der Gründung eines Ad-hocAuschusses zu diesem Thema nicht zustimmen.
Abschließend möchte ich einige persönliche Bemerkungen zu dieser Konferenz machen. Ich beziehe
mich auf die vor einigen Wochen von meinem verehrten brasilianischen Kollegen, Botschafterde Azambuja, abgegebene Erklärung mit dem Vorschlag, wir
sollten Mittel und Wege überprüfen, wie den Genfer
Abrüstungsverhandlungen ein größerer Realitätsbezug verliehen werden kann. Ich stimme diesem Vorschlag uneingeschränkt zu. Die in Europa stattfindenden epochalen Veränderungen und der daraus resultierende Abbau der Spannungen zwischen Ost und
West verlagert den Brennpunkt der Rüstungskontrolle
auf Problembereiche, denen bisher keine allzu große
Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Diese Probleme
werden aller Voraussicht nach in die Tagesordnung
dieser Konferenz aufgenommen werden.
Einige Mitglieder dieses Forums sehen darin bedauerlicherweise vornehmlich ein politisches Forum, in dem
den Atom- und vor allem den Supermächten über
Nuklearthemen gepredigt werden soll. Viel zu lange
haben wir schönfärberische Reden gehört, die an die
Gefühle appellierten statt den Realitäten Rechnung zu
tragen, beipielsweise beim Drängen darauf, daß die
Erfindung von Atomwaffen irgendwie rückgängig
gemacht werden sollte. Und viel zu lange wurde
nukleare Abschreckung von denen verhöhnt, die von
der Zeit des Friedens profitiert haben, die sie ermöglicht hat. Jahrelang haben wir mit unumstößlichen
Tagesordnungspunkten wie der Verhinderung eines
Atomkriegs, der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und dem umfassenden Abrüstungsprogramm
gelebt, die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit
nicht dienlich waren, sondern stattdessen benutzt
wurden, um politische Argumente vorzubringen. Darüber hinaus wurde dieser Prozeß durch das Instrument der Abstimmung über Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu Themen, die
für die Vereinigten Staaten und andere Länder entscheidend sind, verstärkt, die dann in diesem Forum
zitiert wurden, als seien sie die Heilige Schrift. Dies
hatte eine Aushöhlung des Mandats der Genfer Abrüstungskonferenz als echtes Forum für Rüstungskontrollverhandlungen zur Folge - dem einzigen umfassenden, internationalen Rüstungskontrollgremium, das
eine Chance hat, praktische Ergebnisse zu erzielen
und nicht nur einen politischen Schlagabtausch vorzunehmen, da es auf der Grundlage von Konsens arbeitet.
Die Vereinigten Staaten haben guten Glaubens daran
mitgearbeitet, die Genfer Abrüstungskonferenz zu einer
lebensfähigen Institution zu machen. Wir haben versucht, Rüstungskontrolle in die Praxis umzusetzen,
Prinzipien aufzustellen und Abkommen zu erzielen,
mit denen die Sicherheit aller verbessert würde. Wir

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�haben auch unsere Grenzen erfahren: Wir haben
gelernt, daß Beispiele zu geben, die zu befolgen uns
von anderen zugesichert wird, häufig zu Druck nach
weiteren Beispielen geführt hat und der Tatsache
wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ob irgendjemand dem ursprünglichen Beispiel wirklich gefolgt
war. Als wir einseitig unsere Bestände an chemischen
Waffen offengelegt haben, folgte nur die UdSSR unserem Beispiel. Wir warten noch immer auf die Erklärungen der anderen Länder. Eine solche Atmosphäre ist
den Zielsetzungen der Genfer Abrüstungskonferenz
abträglich und erschwert es meinem Land, der Arbeit
dieser Organisation volles Vertrauen entgegenzubringen.
Herr Präsident, die Bilanz zeigt, daß dieses Forum am
besten funktioniert, wenn seine Mitglieder gemeinsame Rüstungskontrollinteressen ausmachen und auf
der Grundlage von Konsens bei der Erarbeitung von
Abkommen vorgehen, die für alle Beteiligten nützlich
sind. Diese Zielsetzung sollten wir in der neuen, vor
uns liegenden Ära zu erweitern versuchen.

* *

Seite 4

Es bleibt noch viel zu tun. Wir könnten beispielsweise
die Möglichkeit sondieren, die Themen regionale Sicherheit und Wettrüsten in die Tagesordnung aufzunehmen, und wir könnten das Ungleichgewicht bei
konventionellen Waffen außerhalb Europas prüfen.
Wir könnten die Kosten erwägen, die schwachen Volkswirtschaften durch die Notwendigkeit der Beschaffung
hochtechnologischer, supermoderner Waffensysteme
aufgebürdet werden. Mir scheint, daß viele der von
Botschafter de Azambuja aufgezeigten Probleme der
"realen Welt" sich auf diese Bereiche beziehen. Sie
könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung sein.
Das sind einige der Gedanken, die mir in den Sinn
kamen, als ich über die von meinem brasilianischen
Kollegen vorgebrachten Fragen nachdachte. Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin den Abschluß von Rüstungskontrollabkommen vehement vorantreiben werden, mit
denen die Sicherheit aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft verbessert wird.

* *

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�WIRTSCHAFT
21. März 1990

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-Florio-Verfügung

WASHINGTON - (AD) - Die Bush-Administration
erwartet in den nächsten Monaten die Fertigstellung
der endgültigen Fassung der Regelungen für die
Abwicklung der Exon-Florio-Verfügung, die sich auf
die Übernahme amerikanischer Unternehmen durch
Ausländer bezieht.
Dieser Verfügung zufolge - sie stellt einen Zusatz zum
Rüstungsproduktionsgesetz (Defense Production Act)
von 1950 dar und wurde als Teil des Allgemeinen
Mandelsgesetzes von 1988 verabschiedet - hat der
Präsident das Recht, Auslandsübemahmen untersuchen zu lassen, um ihre Auswirkungen auf die nationale Sicherheit zu ermitteln und Übernahmen zu untersagen oder auszusetzen, falls er zu dem Schluß kommt,
daß Beweise für mögliche Maßnahmen des ausländischen Investors bestehen, die der nationalen Sicherheit abträglich sind und wenn die nationale Sicherheit
nicht durch andere bestehende Gesetze ausreichend
und angemessen geschützt werden kann.
Obwohl sie bereits seit 18 Monaten in Kraft ist, wurde
die Exon-Florio-Verfügung vorbehaltlich der endgültigen Fassung in ihrer vorläufigen Form angewendet.
Regierungsvertreter haben erklärt, sie seien mit diesen Richtlinien zufrieden.
Das vorläufige Verwaltungsverfahren zur Anwendung
der Exon-Florio-Verfügung verläuft folgendermaßen:
Nach Eingang einer schriftlichen Benachrichtigung über eine Transaktion durch eine der
beteiligten Parteien oder durch eine Mitgliedsbehörde leitet der Ausschuß für Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten (CFIUS)
eine Überprüfung der anstehenden ausländi-

AMERIKA DIENST 11

schen Übernahme ein. Die Benachrichtigung
erfolgt auf freiwilliger Basis; eine Benachrichtigung durch Dritte wird nicht akzeptiert. Trotz
des freiwilligen Charakters dieser Benachrichtigung könnte deren Unterlassung negative Konsequenzen haben. Den Vorsitz des CFIUS hat
der Finanzminister, weitere Mitglieder sind die
Minister für Äußeres, Verteidigung und Wirtschaft, der Justizminister, der Direktor des
Haushaltsbüros, der Vorsitzende des Rats der
Wirtschaftsberater und die US-Handelsbeauftragte. Andere Behörden, etwa das Energieministerium und die NASA können hinzugezogen
werden, wenn die Angelegenheit in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.
Das Finanzministerium entscheidet zunächst,
ob die Benachrichtigung vollständig ist, d.h. ob
sie eine Beschreibung der an der Transaktion
beteiligten Parteien und Einzelheiten der Übernahmevereinbarungen enthält, ob sie die ausländische Muttergesellschaft und den Besitzer
benennt, dem sie letztlich zugute kommt und ob
sie eine Liste der mit amerikanischen Regierungsbehörden bestehenden Verträge und die
Pläne der übernehmenden Gesellschaft für das
US-Unternehmen umfaßt.
Nach Erhalt einer vollständigen Benachrichtigung hat der CFIUS 30 Tage Zeit, um über eine
Überprüfung dieser Transaktion zu entscheiden. Er wird den an der Transaktion beteiligten
Parteien Fragen stellen und kann diese Parteien
zu einem Treffen laden, falls weitere Klarstellungen und Informationen benötigt weiden.

Seite 1

�Falls eine solche Untersuchung von keiner CFIUSBehörde beantragt wird, werden die an der
Transaktion beteiligten Parteien benachrichtigt,
daß der Übernahme keine weiteren Maßnahmen gemäß der Exon-Florio-Verfügung entgegenstehen.

Falls der CFIUS nicht zu einer einstimmigen
Empfehlung gelangt, unterbreitet der Finanzminister als Vorsitzender dem Präsidenten einen
Bericht, in dem die unterschiedlichen Meinungen aufgezeigt und die zur Entscheidung anstehenden Fragen dargestellt werden.

Falls die Behörden sich entschließen, eine
Untersuchung zu beantragen, hat der CFIUS 45
Tage Zeit, um diese abzuschließen und dem
Präsident einen Bericht mit einer Empfehlung
zu unterbreiten.

Der Präsident hat nach Eingang des Berichts 15
Tage Zeit, um eine Entscheidung zu fällen.

Seite 2

AMERIKA 0IEN3T 1-

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