<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2135" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2135?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T02:44:50+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2146">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/90165c30c3a8c7d3d73b6afc61d8f47a.pdf</src>
      <authentication>dc8dc68f7cdfc1aa5b0ff35d01670de6</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="10789">
                  <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

.«**&gt;
14. März 1990

10

*TO

^

SP&amp; ^

«*»..^

^«Ä
&lt;ö*&lt; »

^Sjfr»'
ABRÜSTUNG

VEREINIGTE STAATEN:
CHANCEN IN DER RÜSTUNGSKONTROLLE: "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA -Direktor Lehman
im Senat

NATO

GALVIN BEKRÄFTIGT NATO-STRATEGIE,
HÄLT JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß
des Senats

UMWELT

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN
ERWÄRMUNG BREMSEN
Die Forschung nach alternativen
Betriebsstoffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
14. März 1990

VEREINIGTE STAATEN: CHANCEN IN DER
RÜSTUNGSKONTROLLE "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA-Direktor Lehman Im Senat
WASHINGTON - (AD) - Die Ereignisse der vergangenen Monate in Osteuropa "eröffnen der amerikanischen
Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft beispiellose Chancen", erklärte Ronald F. Lehman II am 7. März
1990 im auswärtigen Ausschuß des Senats.
Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die Rüstungskontrollverhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (ACDA) zufolge darüber hinaus die Tagesordnung erweitert.
Die Rüstungskontrollbestrebungen der Vereinigten Staaten sind "entscheidend, um in einem Zeitalter großer
Veränderungen und damit einhergehender großer Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze der
Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern", erklärte Lehman.
Nachfolgend veröffentlichen wir Lehmans Rede im Wortlaut.

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir Abstand
gewonnen haben und die Tragweite der Ereignisse
überblicken können, die in den vergangenen Monaten
die Welt in Atem gehalten haben, vom Fall der Berliner
Mauer bis zum Sturz kommunistischen Machthaber in
Osteuropa und jetzt auch in Mittelamerika. Wir können
jedoch hoffen, daß - wie Präsident Bush in seiner Rede
zum Amtsantritt erklärte -"... das Zeitalter der Diktaturen zu Ende geht und die alten Ideen wie Blätter von
einem toten Baum abfallen".

cherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und ihrer
Verbündeten dienen und einen dauerhaften und stabilen Frieden hervorbringen wird.

Diese Ereignisse bedeuten für die heutige Zeit eine
politische Revolution. Sie eröffnen der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft
beispiellose Chancen. Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die
Rüstungskontroll verhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat darüber
hinaus die Tagesordnung erweitert.

Der Gang der Ereignisse hat die Welt - im übertragenen Sinne - "auf den Kopf gestellt". Wer hätte vor
einem Jahr damit gerechnet, daß der Außenminister
im Internationalen Ausschuß des Obersten Sowjets,
der wichtigsten Institution der Legislative in der Sowjetunion, auftreten würde - innerhalb der Kremlmauern?
Am 10. Februar 1990 hat Außenminister Baker genau
das getan und "Zeugnis abgelegt" von den amerikanischen Ansichten zu Veränderungen in der Sowjetunion. Solche dramatischen und beispiellosen Ereignisse
stärken unsere Hoffnungen, daß wir die Chancen der
Revolution nutzen müssen. Aber wir dürfen nicht die
Orientierung verlieren. Diesen Ereignissen sind Jahrzehnte geduldiger Anwendung wichtiger strategischer
und politischer Grundsätze vorausgegangen.

Die Chancen geben zu vorsichtigem Optimismus Anlaß. Wir sind optimistisch, daß größere Meinungsverschiedenheiten bei Verträgen oder Abkommen in einigen miteinander verknüpften Bereichen gelöst werden
können. Gleichzeitig erkennen wir, daß nur ein gesunder politischer und strategischer Realismus den Si-

Die Stärke des Westens hat den Frieden gesichert.
Die Fähigkeiten und die Geschlossenheit in der NATO
haben in Europa seit mehr als vierzig Jahren - und
damit dem längsten Zeitraum in seiner Geschichte den Frieden erhalten. Diese Entschlossenheit müssen wir beibehalten. Welchen Weg die Veränderun-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�gen in der Welt auch nehmen mögen, die nuklearen
und konventionellen Streitkräfte der Sowjetunion bleiben eine beträchtliche Bedrohung für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten. Diese Streitkräfte
bleiben auch nach Durchführung der vorgesehenen
Rüstungskontrollabkommen eine ernstzunehmende
Bedrohung.
Geographie ist an keine Zeit gebunden. Die Sowjetunion ist und bleibt die größte Macht auf der eurasischen
Halbkugel, auch wenn sie ihre konventionellen Streitkräfte erheblich reduziert. Im Gegensatz dazu sind die
Vereinigten Staaten durch einen Ozean von ihren
Verbündeten in Europa und Asien getrennt. Und die
aus Europa abgezogenen amerikanischen Streitkräfte
fallen deshalb als Teil des militärischen Gleichgewichts Eurasiens kaum ins Gewicht. Darum muß die
Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa aufrechterhalten werden.
Moralisch sind amerikanische und sowjetische Streitkräfte in Europa nicht miteinander vergleichbar. Bei
den in Osteuropa stationierten sowjetischen Streitkräften handelt es sich um Besatzungstruppen. Im Gegensatz dazu wurden die konventionellen und nuklearen Streitkräfte der Vereinigten Staaten als Bestandteil
der NATO in Westeuropa stationiert, im Rahmen eines
Bündnisses freier Nationen und um der offensiven
Bedrohung aus dem Osten mit einem Schild entgegenzutreten, hinter dem die Demokratien in Westeuropa
gedeihen konnten. Präsident Bush hat am 4. Dezember 1989 in Brüssel nach dem Gipfel mit Präsident
Gorbatschow in Malta erklärt: "Ich verspreche heute,
daß die Vereinigten Staaten weiterhin umfangreiche
Streitkräfte in Europa stationieren werden, solange die
Verbündeten unsere Präsenz als Teil gemeinsamer

Verteidungsbestrebungen wünschen."
Wenn wir mit unseren Verbündeten in ein Zeitalter
eintreten, in dem wir Containment überwinden und ein
kooperativeres Verhältnis zur Sowjetunion herstellen
können, gewinnt der Bereich Rüstungskontrolle zunehmend an Bedeutung. Die neue Phase der internationalen Beziehungen, insbesondere der politischen
Veränderungen in Osteuropa bringt sowohl beträchtliche Unsicherheit und Risiken als auch die Verheißung
von Freiheit und Demokratie mit sich. Die potentiellen
Vorteile von Rüstungskontrollabkommen, mit denen
Offenheit bei militärischen Aktivitäten und Berechenbarkeit bei militärischer Planung gefördert und damit
Risiken falscher Einschätzungen oder Fehlplanungen
verringert werden, können größere Bedeutung erlangen als das im Zeitalter der bekannten politischen
Parameter der Fall war. Unsere Rüstungskontrollbestrebungen sind entscheidend, um in einem Zeitalter
großer Veränderungen und damit einhergehender großer
Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze
der Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern.

Seite 2

Wichtige Ziele und Kriterien für Rüstungskontrole
Die im ersten Jahr der Bush-Administration zu beobachtenden intensivierten Rüstungskontrollbestrebungen entstanden aus dem Blickwinkel heraus, daß
Rüstungskontrolle nicht in einem politischen Vakuum
stattfindet und daß sie zwar einen wichtigen Beitrag
zur nationalen Sicherheit leistet, aber kein Ziel an sich
ist.
Waffen und Wettrüsten sind Symptome und nicht
Ursachen der zugrundeliegenden politischen Meinungsverschiedenheiten. Wir hoffen, daß "Glasnost", wie es
jetzt in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik zutage tritt, die politischen Voraussetzungen für dauerhafte und strategisch bedeutungsvolle Rüstungskontrollabkommen, ein Ende militärischer Bedrohungen, aggressiver Absichten und totalitärer Praktiken schaffen
kann. Wir konnten in dieser Hinsicht einige positive
Anzeichen entdecken und suchen diese sehr vorsichtig zu fördern.
Die amerikanische Verteidigungspolitik der Abschrekkung dient zusammen mit Rüstungskontrollabkommen dem gemeinsamen Ziel, das Risiko eines Kriegsausbruchs - nuklear oder konventionell - zu verringern,
Aggression abzuschrecken und die Stabilität auf niedrigeren Streitkräfteniveaus zu erhöhen. Wir werden
jedes Rüstungskontrollabkommen und alle Bestimmungen eines potentiellen Abkommens nicht nur nach
der Zahl der reduzierten Waffen beurteilen, sondern an
diesen Maßstäben messen, bei denen uns drei Kriterien als Leitlinie dienen:
Wird Abschreckung beibehalten oder gestärkt?
Wird Stabilität bei den regionalen und strategischen Gleichgewichten verbessert?
Ist das Abkommen wirksam verifizierbar?
Der Erfolg der Rüstungskontrollstrategie der Administration
Unser ehrgeiziger Zeitplan spiegelt die bereits erzielten Fortschritte wider. Wir engagieren uns für einen
strikten Zeitplan von Verhandlungen, werden aber
zugunsten der Einhaltung von Terminen weder unsere
Maßstäbe herunterschrauben noch von unserem
Hauptziel abrücken. Angesichts rascher Veränderungen und gro ßer Unsicherheiten müssen wir manchmal
Vorsicht watten lassen. Bei anderer Gelegenheit müssen
wir schnell reagieren und die Führung übernehmen.
Wir haben das richtige Maß gefunden. Unsere Strategie war erfolgreich.
Unser Rüstungskontrollprogramm ist umfangreich und
unser Zeitplan ehrgeizig, weil der Erfolg unserer Strategie beispiellose Chancen eröffnet. Zum Beispiel hat
unser Beharren auf gleichzeitigen Fortschritten bei

AMERIKA DIENST 10

�Menschenrechten und Rüstungskontrollverhandlungen sowohl im Kontext der KSZE als auch in anderen
Foren Fortschritte in beiden Bereichen hervorgebracht.
Rüstungskontrolle schafft bei Symptomen von Spannungen Abhilfe während politische Reformen ihre
Ursachen beseitigen.
Verhandlungen über Sicherheitspolitik und politische
Reformen in Europa gehen Hand in Hand und bauen
aufeinander auf. Rüstungskontrollverträge, vertrauensbildende Vorschläge wie "Offene Himmel" fördern,
begleitet von strikten Verifizierungsmaßnahmen und
detailliertem Datenaustausch, Glasnost im militärischen Bereich, wodurch wiederum Glasnost im politischen Bereich Vorschub geleistet wird.
Im Januar dieses Jahres besuchte der Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, in Wien
die erste historische Zusammenkunft von Offizieren
und Verteidigungsexperten aus 35 europäischen
Ländern und NATO-Mitgliedstaaten. In Gesprächen
über Militärdoktrin und Verteidigungshaushalte erklärte General Powell unseren Prozeß offener Debatten,
der den Verteidigungscharakter unserer Politik garantiert.
General Powell stellte heraus, daß die Vereinigten
Staaten nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben als
unbedingt erforderlich, aber dennoch die Verteidigung
im erforderlichen Maße aufrechterhalten. Wir werden
weder unsere Sicherheit aufs Spiel setzen noch unsere Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten vernachlässigen. Unsere Streitkräfte in Europa werden
so lange dort bleiben wie sie benötigt werden und
erwünscht sind - aber auch wirklich nur solange. General
Powell erinnerte die Welt daran, daß unsere Streitkräfte an eine demokratische Verfassung gebunden und
dem Rechtsstaat verpflichtet sind. Sie dienen der
Verteidigung der Freiheit, nicht deren Unterdrückung.
Nirgendwo auf der Welt sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Besatzungstruppen.
Beim Prozeß des Gebens und Nehmens in den Rüstungskontrollverhandlungen haben wir Flexiblität
bewiesen, wo immer dies erforderlich war, um den
berechtigten Sicherheitsinteressen aller Parteien entgegenzukommen, sind aber unseren Prinzipien treu
geblieben und haben unsere Interessen und die unserer Verbündeten hartnäckig verteidigt. Wir bestehen
auch weiterhin auf tragfähigen militärischen Abkommen, die wirksam verifizierbar sind, militärische Stabilität fördern und das Klima für echte politische Reformen in Osteuropa und auch in der Sowjetunion verbessern.
Leistungen Im ersten Jahr der Bush-Administration
Im ersten Jahr hat unsere Administration in der Rüstungskontrolle bereits beachtliche Leistungen erzielt.
Wir konnten eine Reihe neuer Abkommen mit der

AMERIKA DIENST 10

Sowjetunion schließen, etwa über:
die Verhinderung gefährlicher militärischer Aktivitäten,
vorherige Benachrichtigung über strategische
Übungen,
Klärung des Rechts der Durchquerung von
Territorialgewässern,
eine Regierungsvereinbarung über einen Datenaustausch zu chemischen Waffen und ein
Verifizierungsexperiment,
eine Vereinbarung über die Durchführung von
Verifizierungsbestimmungen des INF-Vertrags,
ein Rahmenabkommen über versuchsweise
Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen für die
Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START).
ein Abkommen zur Durchführung gegenseitiger
Demonstrationen der vorgeschlagenen Verfahren jeder Seite zur Verifizierung von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
ein Abkommen zur gegenseitigen Vorführung
strategischer Bomber zur Erleichterung der
Verifizierung und
ein Abkommen zur Demonstration vorgeschlagener "einzigartiger Identifikationsmerkmale"
("tags") für die Verifizierung ballistischer Raketen.
Wir denken, daß dies erst der Anfang ist.
Offene Himmel
Der Vorschlag über Offene Himmmel ist das Ergebnis
einer Initiative, die Präsident Bush am 12. Mai 1989 in
einer Rede bei der Texas A and M University erläutert
hat. Sein vordringliches Ziel besteht darin, unbewaffneten Flugzeugen von NATO und Warschauer Pakt
den Überflug des jeweils anderen Gebiets zu gestatten. Die Idee wurde erstmals 1955 von Präsident
Eisenhower vorgetragen, von der Sowjetunion aber
abgelehnt. Doch haben sich die Zeiten seit dem Ende
der Stalin-Ära drastisch verändert. Heute, da die
Revolution in Osteuropa in vollem Gange ist, ist die
Zeit reif für diese Idee.
Es ist zwingend erforderlich, daß wir heute bestrebt
sind, ein neues und dauerhaftes Sicherheitssystem für
Europa aufzubauen - die militärische Seite dieser
Gleichung - um die dramatischen Veränderungen bei
den Regierungen zu vervollständigen - die politische
Seite der Gleichung. Solche Chancen werden sich
vielleicht so bald nicht mehr ergeben. Wenn wir
Abkommen zur Stabilisierung militärischer Beziehungen aushandeln, legen wir damit im Zeitalter der

Seite 3

�Revolutionen strategische Veränderungen fest, die
sich in einem nachrevolutionären Zeitalter nur schwer
rückgängig machen lassen. In dieser Hinsicht gehen
Rüstungskontroll- und politische Veränderungen Hand
in Hand und ergänzen sich gegenseitig.

Das Abkommen wird Bestimmungen über das
Recht auf Durchführung von Beobachtungsflügen mit unbewaffneten Flugzeugen und Geräten enthalten, die dem Ziel der Vereinbarung
nicht entgegenstehen.

Im neuen Europa sind "Offenheit", "Transparenz" und
"Berechenbarkeit" für die gemeinsame Sicherheit
unabdingbar. Wir müssen militärische Aktivitäten für
Inspektionen zugänglich machen, um Zwischenfälle,
Fehleinschätzungen und sogar vorsätzliche Überraschungsangriffe zu verhindern. Geheimhaltung muß
durch Treu und Glauben, Mißtrauen durch Vertrauen
und Unwissenheit durch Informationen ersetzt werden.

Die bloße Idee, daß 23 unabhängige Staaten darüber
verhandeln, ob sie ihren Luftraum zur Beobachtung
freigeben, ist ein bemerkenswerter politischer und in
der Geschichte beispielloser Akt, aber dies sind bemerkenswerte Zeiten.

Wir machen in diesem Bereich bei unseren Wiener
KSE- und den KSZE-Verhandlungen große Fortschritte. Diese bleiben wichtigste Bestandteile unserer
Mittel zur Stabilisierung der zentralen Front im neuen
Europa. Offene Himmel ergänzt und vervollständigt
diese Verhandlungen.
Im Gegensatz zu KSE handelt es sich bei Offene
Himmel um eine vertrauensbildende Maßnahme. Im
Rahmen unseres Vorschlags über Offene Himmel
werden die Teilnehmerstaaten militärische Aktivitäten
anderer Länder unabhängig von Tageszeit oder Witterungsbedinungen beobachten können. Offene Himmel erstreckt sich darüber hinaus auf die Territorien
aller 23 Teilnehmerstaaten - einschließlich Nordamerikas, Europas und Asiens. Offene Himmel entspricht
unserer Zeit und ist sicherlich die revolutionärste und
ehrgeizigste vertrauensbildende Maßnahme, die jemals vorgeschlagen wurde.
Auf Einladung der kanadischen Regierung sind die
Außenminister und Regierungsvertreter von 23 Ländern vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa zusammengetreten, um Verhandlungen über diesen Vorschlag aufzunehmen. Das Konzept stieß auf positive
Resonanz, die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten müssen im Frühjahr in Budapest ausgeräumt werden.
Im frühen Stadium dieser Verhandlungen möchte ich
die Ergebnisse hervorheben, die bei dieser bahnbrechenden Initiative erzielt wurden. Erstens wurde
Übereinstimmung erzielt, daß wir 1990 und vorzugsweise bei den Verhandlungen in Budapest versuchen
sollten, einen Konsens zu einer Initiative Offene Himmel zu erzielen.
Es wurde vereinbart, daß Offene Himmel auf
der Basis von Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit die Interessen eines jeden Teilnehmerstaates schützen soll.
Jeder Teilnehmerstaat wird auf der Basis jährlich festgesetzter Quoten das Recht haben, Beobachtungsflüge durchzuführen und die Pflicht,
diese zuzulassen.
Seite 4

Bevor wir zu euphorisch werden, möchte ich darauf
verweisen, daß wir uns noch im Verhandlungsstadium
befinden und Ost und West immer noch wichtige
Meinungsverschiedenheiten überwinden müssen. Die
wichtigsten sind die Differenzen zwischen dem vorgeschlagenen NATO-Konzept einer nationalen Durchführung von Überflügen und dem Ansatz des Warschauer Pakts, einen "Pool" von Flugzeugen einzurichten, der von allen Teilnehmerstaaten verwaltet
wird. Darüber hinaus sind wir uns noch nicht über die
Arten der Sensoren einig, die erlaubt oder verboten
sein sollen.
Trotz dieser Probleme ist die Bedeutung von Offene
Himmel als vertrauensbildendem Vorschlag von revolutionärer Dimension nicht zu unterschätzen. Die Idee
birgt ein gewaltiges Potential zur Gestaltung positiverer Ost-West-Beziehungen.
KSE
Die Fortschritte bei den Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erhielten Auftrieb
durch die gemeinsamen Bestrebungen des Präsidenten und anderer NATO-Politiker im Mai vergangenen
Jahres und durch den Bericht des Präsidenten zur
Lage der Nation. Diese Fortschritte sollten Ende
dieses Jahres den Abschluß eines Abkommens mit
einschneidenden Reduzierungen auf gleiche Niveaus
in wichtigen Bereichen der umfangreichen Streitkräfte
in Europa möglich machen. In Ottawa konnten wir uns
auf eine Obergrenze von 195 000 amerikanischen und
sowjetischen Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte
im Bereich Europa Mitte einigen, wobei die Zahl der
andernorts stationierten US-Streitkräfte lediglich 30 000
betragen soll. Obwohl ein KSE-Abkommen insbesondere im Hinblick auf die Definition von Panzern, gepanzerten Kampffahrzeugen, Flugzeugen und Hubschraubern noch Hindemisse zu überwinden haben wird,
könnte der Abschluß eines Vertrages, wie er uns in
nahezu zwei Jahrzehnten der Verhandlungen vorschwebte, in greifbare Nähe gerückt sein.
Der KSE-Prozeß ist zentraler Bestandteil der amerikanischen Strategie, insbesondere angesichts der bahnbrechenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa.
Er repräsentiert ferner die komplexesten Verhandlungen, die jemals in der Geschichte der Diplomatie
stattgefunden haben. Dennoch wird in allen Lagern -

AMERIKA DIENST 10

�in Ost und West, öffentlich wie privat - die Auffassung
vertreten, daß 1990 der Abschluß der Verhandlungen
und die Unterzeichung eines umfassenden und verifizierbaren Vertrags zur Reduzierung von Waffen und
Truppen in Europa erfolgen soll.
Ein KSE-Vertrag ist genau jetzt entscheidend, weil wir
Zeugen des Zusammenbruchs eines politischen Systems in Osteuropa werden, das, solange wir denken
können, einen großen Teil Europas beherrscht hat.
Dies ist ein Zeitalter großer Hoffnungen und ebenso
großer Unsicherheit. In diesem Kontext müssen wir
uns vor Augen führen, daß die Sowjetunion ungeachtet ihrer Führung eine militärische Supermacht bleiben
wird. Die westliche Grenze der Sowjetunion ist lediglich 960 Kilometer von der Grenze der Bundesrepublik
entfernt. Auch mit den geplanten Truppenreduzierungen wird die Sowjetunion die im konventionellen Bereich überragendste Militärmacht auf dem Kontinent
sein. Angesichts einer Zeit anhaltender Instabilität, die
noch eine Weile bestehen kann, ist ein dauerhafter
Rahmen im militärischen Bereich eine Voraussetzung
für den politischen Prozeß der Demokratisierung.
Ein KSE-Vertrag ist für diesen Prozeß unabdingbar.
Er wird ein Eckpfeiler einer neuen politischen Ordnung
in einem stabilen und sicheren Europa mit niedrigeren
Streitkräfteniveaus sein.
Wir brauchen ein Vertragswerk für die international bindenden Verpflichtungen für eine neue
militärische Ordnung.
Wir brauchen ein Vertragswerk, um sicherzustellen, daß Reduzierungen und Beschränkungen, insbesondere wo sie das Territorium der
Sowjetunon betreffen, verifizierbar sind.
Wir brauchen ein Vertragswerk, das Zerstörung
und Demobilisierung von abgezogenen oder reduzierten Streitkräften zur Pflicht erhebt.
Schließlich kann nur ein vertragliches Regime
die Stabilität formalisieren und der in einem
wahrhaft demokratischen politischen Staatswesen in Osteuropa unerläßlichen militärischen
Offenheit und Transparenz einen institutionellen Rahmen geben.
Ich bleibe in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch.
Die KSE-Verhandlungen haben in der konventionellen
Rüstungskontrolle bereits zu revolutionären Veränderungen geführt und in weniger als einem Jahr geleistet,
was ihr Vorläufer (die Gespräche über beiderseitige
und ausgewogene Truppenreduzierungen - MBFR) in
nahezu 16 Jahren (1973 - 1989) nicht annähernd
zustande bringen konnten. Noch vor einem Jahr wäre
der jüngste amerikanische Vorschlag von 195 000
Mann auf beiden Seiten undenkbar gewesen. Im Falle
seiner Verwirklichung würde er bei den Sowjets eine
Verringerung um über 370 000 Mann in Ostmitteleuro-

AMERIKA DIENST 10

pa bewirken, während die Vereinigten Staaten in der
gleichen Region etwa 80 000 Mann abziehen würden.
In anderen Bereichen hat die KSE ebenfalls große
Veränderungen bewirkt. Dies gilt für den Informationsaustausch und Vor-Ort-Inspektionen, für die Kategorien zu reduzierender Streitkräftekomponenten (fünf
Waffenkategorien sowie amerikanische und sowjetische Soldaten) und die Arten der einzuführenden
Begrenzungen (Stationierungen im gesamten jeweiligen Bündnis, in einzelnen Ländern und im Ausland).
Wir haben die KSE jedoch noch nicht zum Abschluß
gebracht. In Ottawa stellten die Minister auch fest, daß
"noch viel zu tun bleibt, insbesondere zur Entwicklung
eines effektiven Verifizierungsregimes". Wir arbeiten
in der Regierung, mit unseren Verbündeten und mit
dem Osten schon sehr lange an diesem Problem. Um
die Verhandlungen voranzubringen, hat der Westen in
der vergangenen Woche den Entwurf eines Inspektionsprotokolls und zweier Vertragsartikel vorgelegt.
Wir hoffen, zu Beginn der nächsten Runde in drei
Wochen eine Antwort darauf zu bekommen.
Der Prozeß wird andauern - nicht nur bei den Wiener
KSE- und VSBM-Gesprächen, sondern auch in den
umfassenderen KSZE-Gesprächen. Diese Gespräche behandeln die Menschenrechte und damit zusammenhängende Fragen sowie Sicherheitspolitik.
START
Im vergangenen Jahr wurden erhebliche Fortschritte
bei START erzielt. Wir nähern uns dem erfolgreichen
Abschluß von Verhandlungen, die im Jahr 1982 begannen. Es stehen noch wichtige Probleme an, aber
die bei mehreren noch zu lösenden Fragen erzielten
Fortschritte prädestinieren START für einen baldigen
Verhandlungsabschluß. Eine Vereinbarung über die
wichtigsten Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni 1990
ist wahrscheinlich.
An einer breiten, beide Seiten betreffenden Front
schreiten wir kontinuierlich voran, um die Fragen zu
lösen, die uns noch von einer START-Vereinbarung
trennen. Diese Verhandlungen werden die strategische Stabilität für beide Seiten verbessern. Wir bewegen uns auf ein neues Zeitalter beiderseitiger Sicherheit auf der strategischen Ebene zu. Gleichzeitig
machen wir historische Schritte zu strengen Verifizierungsmaßnahmen vor Abschlu ß eines Vertrags. Dies
wurde durch den Vorschlag des Präsidenten zur Entwicklung von Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen noch vor Beendigung der START-Verhandlungen
ermöglicht.
Dazu gehören insbesondere:
- Inspektionen der schweren Bomber: Die Vereinigten
Staaten und die UdSSR haben sich verständigt, gegenseitig Vorführungen bestimmter strategischer (i.e.
"schwere") Bomber durchzuführen. Bei diesen Vor-

Seite 5

�führungen werden diejenigen Merkmale gezeigt, die
als Träger atomar bestückter, luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) ausgerüstete Bomber von anderen Bombern unterscheiden.
Dieser am 29. Januar 1990 erzielten Vereinbarung
zufolge wird jede Seite die Gelegenheit erhalten, ihren
Ansatz zur Unterscheidung schwerer Bomber vorzuführen. Gruppen von bis zu 10 Beobachtern werden
die operativen Luftwaffenstützpunkte der jeweils anderen Seite besuchen können, um die Fähigkeiten von
Bombern tatsächlich festzustellen und sich auf diesen
Luftwaffenstützpunkten umzusehen.
Die erste Vorführung wird von der Sowjetunion zur
Demonstration der TU-95 (BEAR) durchgeführt. Im
Gegenzug werden die Vereinigten Staaten sowjetischen Inspektoren verschiedene Varianten des B-1B
vorführen.
Danach werden beide Seiten die gewonnenen Erfahrungen anwenden, um das Inspektionsprotokoll für
den abzuschließenden START-Vertrag fertigzustellen.
- Demonstrationen zur Identifizierung: Um Präsident
Bushs Vorschlag vom Juni 1989 zu verwirklichen, sind
die Vereinigten Staaten und die UdSSR übereingekommen, einzigartige Identifikationsmerkmale für ballistische Raketen einzusetzen (das sogenannte "tagging), ein Verfahren, bei dem die Rakete selbst einer
besonderen Identifizierungsmethode unterworfen wird,
um ihren Typ zu bestimmen. Der Vereinbarung zufolge müssen diese "Abzeichen" strengen Verifizierungsnormen entsprechen - Lesbarkeit, Haltbarkeit, NichtÜbertragbarkeit und so weiter. Das sowjetische

SLBM vom Typ Trident II beginnen, die Sowjets mit
ihrer ICBM vom Typ SS-18 und der SLBM vom Typ
SS-N-23.
Dies sind herausragende Beispiele für die bei den
Maßnahmen zur nuklearen Rüstungskontrolle in jüngster Vergangenheit erzielten Erfolge. Vergleicht man
dies mit der länger zurückliegenden Vergangenheit, so
sind die heute erzielten Fortschritte wahrhaft bemerkenswert.
Die Verhandlungen über strategische Waffen sind in
ein neues Stadium eingetreten und schreiten mit neuem
Tempo voran. Als Ergebnis von drei hochrangigen
Treffen, die im September 1989 in Wyoming, im Dezember 1989 vor Malta und im Februar 1990 in Moskau
stattfanden, liegt ein START-Abkommen heute in
greifbarer Nähe. In Malta kamen Präsident Bush und
Präsident Gorbatschow überein, bei den START-Verhandlungen die Suche nach Lösungen der wichtigen
noch ausstehenden Fragen bis zum Juni 1990 zu
beschleunigen. Außenminister Baker hat erklärt, es
könnte noch sechs Monate dauern, bis alle Einzelheiten geklärt seien, aber die Hoffnung auf einen Vertrag
in diesem Jahr sei realistisch.
Bei dem unlängst in Moskau erfolgten Außenministertreffen wurden in der Tat wichtige Fortschritte auf dem
Weg zu diesem Ziel gemacht.
- Bei den luftgestützten Marschflugkörpern wurde ein
Gesamtansatz im Hinblick auf Zählweise, Umrüstung
und Definitionen schwerer Bomber vereinbart. Ähnliche Vereinbarungen zur Zahl von Gefechtsköpfen auf
nuklear bestückten Marschflugkörpern, Behandlung
von nur mit konventionellen Bomben bestückten

"Abzeichen" ist dem amerikanischen Prototyp sehr

Bombern sowie Unterscheidung zwischen nuklearund

ähnlich - ein eindeutiges Plastikmaterial, in das reflektierende Kristalle eingearbeitet sind, um eine Unterscheidung von anderen Objekten oder anderen Raketen zu ermöglichen.

konventionell bestückten ALCMs wurden ebenfalls
abgeschlossen. Über die Reichweite der ALCMs muß
jedoch noch verhandelt werden.

- RV-lnspektionen: Die Vereinigten Staaten und die
UdSSR haben ferner am 22. Januar 1990 eine Vereinbarung zur gegenseitigen Vorführung unserer jeweiligen Verfahren unterzeichnet, um zu bestimmen, daß
die zulässige Zahl der Wiedereintrittskörper ("RVs")
auf einer ballistischen Rakete nicht überschritten wird.
Mit diesen Versuchsinspektionen gestatten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zum ersten Mal in
der Geschichte gegenseitige Vor-Ort- Inspektionen unter
Einbeziehung der nuklearen Gefechtsköpfe auf den
jeweiligen ballistischen Raketen. Solche Inspektionen
sind auch in den Vorschlägen Präsident Bushs vom
Juni 1989 enthalten, vor der Vertragsunterzeichnung
beiden Seiten das Sammeln praktischer Erfahrungen
bei Verifikation und Stabilitätsmaßnahmen zu gestatten. Der Vereinbarung zufolge wird jede Seite die
Verfahrensweise bei zwei ihrer Raketen vorführen,
einer ICBM und einer SLBM. Die Vereinigten Staaten
werden mit der ICBM vom Typ Peacekeeper und der

Seite 6

- Bei den seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs)
ergab das Moskauer Treffen die Entwicklung einer
parallelen, bindenden Erklärung, die außerhalb eines
formellen Vertrags von beiden Seiten abgegeben werden
soll.
- Zu nichtstationierten ballistischen Raketen (NDMs)
verständigten sich beide Seiten auf zahlenmäßige
Obergrenzen und nahmen eine Zuordnung von Gefechtskopfgrenzen für ICBMs vor, die von mobilen
Abschuß Vorrichtungen aus im Flug erprobt werden.
Die anderen Kategorien nichtstationierter Marschflugkörper und schwerer Bomber würden davon nicht
erfaßt. Darüber hinaus wurde eine Regelung zur
Definition von Standort und Verlegung nichtstationierter ballistischer Raketen getroffen.
- Zur Verweigerung von Daten (DD) erzielten wir bei
wichtigen Elementen Übereinstimmung, um die Übermittlung telemetrischer Daten bei der Flugerprobung
von ballistischen Raketen, die unter den STARTAMERIKA DIENST 10

�Vertrag fallen, zu gewährleisten. Diese Punkte werden
in den START-Vertrag einbezogen werden. Ihre
Anwendung wird jedoch durch einen Schriftwechsel
schon früher beginnen.
Fortschritte dieser Art werden immer mehr zu einem
Charakterzug unserer Zeit. Wir haben bei START
große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu
tun. In Moskau haben die Vereinigten Staaten zum
Beispiel neue Vorschläge im Hinblick auf Verifizierung
mobiler ICBMs, Vertragsdauer, zeitliche Abfolge der
Reduzierungen und Zuordnung von Gefechtsköpfen
gemacht. Die Sowjets legten ihrerseits neue Vorschläge auf den Tisch, die eine Umgehung der Vereinbarungen verhindern sollen.
Über diese und andere ausstehende Fragen muß in
Genf noch verhandelt werden. Ernste Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber ich bin davon
überzeugt, daß der Weg zu einem Vertrag weiterhin
offen ist.
Wir sollten uns daran erinnern, daß ein START-Vertrag nur ein Element in der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten ist. Er wird weder
traditionelle geopolitische, wirtschaftliche oder ideologische Gegensätze ausräumen noch den "Geist" des
Atomzeitalters wieder in die Flasche zwingen können.
Atomwaffen, Luft- und Seestreitkräfte werden bestehen bleiben, und sowohl die Sowjetunion als auch die
Vereinigten Staaten werden als militärische Großmächte weiterhin in ihren Beziehungen zueinander mit
Schwierigkeiten konfrontiert sein. Der Krieg ist immer
noch nicht aus unserem Gedächtnis verschwunden,
aber wenn wir Erfolg haben, sollte er in Zukunft weit in
den Hintergrund treten. Das ist unser Hauptziel bei
unseren strategischen Verhandlungen mit der Sowjetunion - die Sicherheit beider Staaten zu verbessern
und im Zuge dessen einer Welt, die bereits viel zu stark
durch Waffen und Spannungen belastet ist, ein gewisses Maß an Ordnung und Stabilität zu verleihen.
Weltraumverteidigung
Wir haben die Absage der Sowjetunion an ein Junktim
zwischen einem START-Vertrag und einem ebenfalls
zur Verhandlung stehenden Vertrag über Weltraumverteidigung begrüßt. Wir haben in Genf einen neuen
Entwurf für einen Vertrag über Weltraumverteidigung
vorgelegt, der dieser Tatsache Rechnung trägt, und
wir werden unsere Bemühungen fortsetzen.
Ein Hauptziel der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Weltraumverteidigung besteht darin, die
Verhandlungen über vertrauensbildende Maßnahmen
im Hinblick auf eine Verteidigung gegen ballistische
Raketen zu erleichtern und damit ein notwendiges
Element gegenseitiger Berechenbarkeit und Stabilität
bereitzustellen. Auf Einladung Außenminister Bakers
besuchte eine Gruppe von 10 sowjetischen Experten
die ALPHA-Lasereinrichtung der Firma TRW in Kali-

AMERIKA DIENST 10

fornien und die mit neutralen Teilchenstrahlen operierende Einrichtung für das raketengestütze Strahlenexperimet (Beam ExperimentAboardRocket-BEAR)
des Los Alamos National Laboratory (14. -19. Dezember). Mit diesen Besuchen erhielt die Sowjetunion eine
Gelegenheit, zu untersuchen, wie die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen vertrauensbildenden
Maßnahmen funktionieren würden. Der sowjetischen
Gruppe wurde also ein einzigartiger Einblick in die
amerikanischen Forschungsmaßnahmen zu künftigen
Waffen gestattet, und zwar Jahre vorderen möglichem
Auftreten als stationierte Systeme.
In den Gesprächen über Weltraumverteidigung (DST)
mit der Sowjetunion in Genf streben die Vereinigten
Staaten weiterhin nach einer Vereinbarung über einen
kooperativen Übergang zu einem stabileren nuklearen
Gleichgewicht, das sich zunehmend auf strategische
Verteidigungssysteme stützen würde, falls diese sich
als machbar erweisen sollten, und gleichzeitig danach,
die Optionen der Vereinigten Staaten zur Stationierung solcher strategischer Verteidigungssysteme zu
bewahren, wenn diese einsatzbereit sind. Zu diesem
Zweck haben die Vereinigten Staaten im Dezember
1989 einen überarbeiteten Entwurf für einen Vertrag
über Weltraumverteidigung vorgelegt. Dieser Entwurf
bewahrt die zentralen Elemente der beim Washingtoner Gipfel im Dezember 1987 erzielten Übereinkunft
und spiegelt die Ergebnisse des Ministertreffens in
Wyoming im September 1989 wider. Der neue amerikanische Vorschlag beinhaltet femer den Entwurf für
ein Protokoll über Maßnahmen zur Verbesserung der
Berechenbarkeit, den amerikanischen Vorschlag über
weltraumgestützte Sensoren und die amerikanische
Initiative über Weltraumerprobung.
Weiterhin bestehen jedoch zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Weltraumverteidigung. Die Sowjets möchten der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) Beschränkungen auferlegen.
Sie favorisieren überdies ein Protokoll zum ABMVertrag anstelle eines neuen Vertrags über Weltraumverteidigung als Mittel zur Lösung von Fragen der
Weltraumverteidigung. Beim Ministertreffen in Wyoming erklärten die Sowjets, sie ließen ihr Junktim
zwischen dem Abschluß eines START-Abkommens
und einem Vertrag über Weltraumverteidigung fallen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen dies und sind der
Ansicht, daß die Verträge über START und Weltraumverteidigung unabhängig voneinander betrachtet werden müssen.
TTBT und PNET
Beim äußerst erfolgreichen Treffen zwischen den
Außenministern Schewardnadse und Baker in Wyoming wurde ein Durchbruch bei den Verhandlungen
über Verifizierungsprotokolle zum Schwellenvertrag
(TTBT) und zum Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) erzielt. Die Minister verSeite 7

�einbarten, daß hydrodynamische und seismische
Messungen sowie Vor-Ort- Inspektionen als Verifizierungsinstrumente bei den unterirdischen Atomtests
beider Länder Anwendung finden sollen. Beim Ministertreffen in Moskau wurden Vereinbarungen über die
Standorte der drei in jedem Land zu schaffenden
Meßstationen getroffen. Eine solche Vor-Ort-Messung von Atomtests ist einmalig in der Geschichte der
Rüstungskontrolle.

Administration auch in bilateralen Verhandlungen mit
der Sowjetunion aktiv. Beim Moskauer Ministertreffen
haben beide Seiten bekräftigt, daß chemische Waffen
weltweit beseitigt werden müssen. Sie verständigten
sich auf einen Rahmen, um dieses Ziel zu erreichen,
darunter Verhandlungen über ein bilaterales Abkommen zur Vernichtung chemischer Waffen, das beim
Gipfeltreffen im Juni unterzeichnet werden soll.
Nichteinhaltung

In Malta bekräftigten die Präsidenten Bush und Gorbatschow ihren Wunsch nach Unterschriftsreife der
Protokolle zu TTBT und PNET bis zum Gipfeltreffen im
Juni 1990. Dieser Punkt wurde von den Außenministem Baker und Schewardnadse bei ihrem Moskauer
Treffen erneut bestätigt.
Dies sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zur
Verbesserung der beiderseitigen Stabilität auf der
strategischen Ebene. Dies bedeutet jedoch nicht das
Ende der Atomtests. Die Vereinigten Staaten müssen
in der Tat Atomtests durchführen, solange sie eine
entscheidende Rolle für die nationale Sicherheit spielen.

Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich dem Ausschuß ins Gedächtnis rufen, daß der Präsident am 23.
Februar 1990 dem Kongreß die geheime und die
freigegebene Fassung des siebten Berichts über die
sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollvereinbarungen zugeleitet hat. Dies bleibt ein wichtiges
Element unseres Gesamtansatzes zur Rüstungskontrolle. Nicht nur ist dies eine andauernde Erinnerung
an die zentrale Bedeutung der Einhaltung als conditio
sine qua non jedes bedeutenden Vertrags, sondern es
unterstreicht ferner der Sowjetunion wie auch der
Öffentlichkeit im Westen gegenüber die entscheidende Bedeutung, die diese Administration der Einhaltung
beimißt.

Chemische Waffen
Im Jahr 1984 legte der damalige Vizepräsident Bush in
Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf vor, der
Entwicklung, Produktion, Lagerung, Weitergabe und
Einsatz chemischer Waffen weltweit untersagt. Dieses Jahr verfolgte der Präsident sein persönliches
Engagement für ein solches Verbot weiter, indem er
der UNO-Generalversammlung Vorschläge präsentierte, um ein solches Abkommen zu beschleunigen,
darunter die Vernichtung sämtlicher C-Waffenbestände nach Beitritt aller C-waffenfähigen Staaten zu diesem Vertrag.
Der Vertragsentwurf ist zur Zeit Verhandlungsgegenstand bei der Genfer Abrüstungskonferenz, an der 40
Staaten teilnehmen. Nach fast sechsjährigen Verhandlungen gibt es immer noch Bereiche, in denen
große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Eine
wirksame Verifizierung ist entscheidend und bildet
zugleich das schwierigste zu lösende Problem.
Da chemische Waffen relativ preiswert, leicht herzustellen und zu verbergen sind, kommen sie besonders
für Machenschaften von Lieferanten und Herstellern in
Frage, die - häufig auf verschlungenen Pfaden über
Mittelsmänner und Schmuggler - versuchen, den
Charakter ihrer Transaktionen zu verschleiern. Die
Umgehung von Exportkontrollen ist deshalb relativ
einfach und schwer zu verhindern. Trotzdem bleiben
die Vereinigten Staaten das führende Land bei den
Bemühungen zur Beendigung dieser gefährlichen
Aktivitäten. Unsere Bemühungen werden noch intensiviert.
Neben unseren multilateralen Anstrengungen war die

Seite 8

Ich kann diesem Ausschuß versichern, daß die Administration weiterhin auf die peinlich genaue Einhaltung
aller Abkommen seitens der Sowjets drängen wird und
daß mit dem Näherrücken mehrerer neuer und entscheidender Verträge die Vertragseinhaltung weiterhin unser zentrales Anliegen sein wird. Dies gilt sowohl
für die neuen als auch für die bereits bestehenden
vertraglichen Regelungen.
Ein Regime sich ergänzender Verträge
Wir befinden uns inmitten einer umfassenden Entwicklung in Richtung auf ein Regime von Rüstungskontrollabkommen, die sich auf einer Reihe verschiedener
militärischer Ebenen gegenseitig ergänzen: START,
KSE, Offene Himmel, Offene Länder, Maßnahmen zur
Berechenbarkeit, bilaterale Reduzierungen und ein
multilaterales Verbot chemischer Waffen, neue Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen in Europa, effektive Verifizierung zweier Verträge über
Atomtests. Wenn diese Verträge letztlich abgeschlossen sind und wiederum neue sich bereits abzeichnen,
werden sie - in Zusammenhang mit früheren wie dem
INF-Vertrag, dem Zentrum zur Verringerung des nuklearen Risikos, dem Stockholmer Abkommen über
die Inspektion militärischer Übungen in Europa und
anderen - ein sich wechselseitig ergänzendes Geflecht
von Vereinbarungen bilden, das auf die Verbesserung
der Sicherheit in Europa, den Vereinigten Staaten und
Kanada gerichtet ist. Wenn dieses immer dichtere
Geflecht von Rüstungsbeschränkungen auf mehr
Freiheit und Offenheit in den Staaten Osteuropas und
der Sowjetunion trifft, können wir wahrlich sagen, daß
wir in ein neues Zeitalter der internationalen Beziehun-

AMERIKA DIENST 10

�gen nach dem kalten Krieg eingetreten sind. Wir
versprechen keine Utopien, noch werden wir den
Charakter des Menschen oder das internationale
Staatensystem ändern. Aber wir bewegen uns ständig
und umsichtig auf realistische Ziele strategischer
Stabilität auf erheblich reduzierten Streitkräfteniveaus
zu.
Sorgen über Weiterverbreitung dürfen nicht vernachlässigt werden
Im Hinblick auf Freiheit und Sicherheit in anderen,
krisengeschüttelten Regionen der Welt haben wir noch
einen weiten Weg zurückzulegen. In vielen Regionen
beobachten wir die fortschreitende Verbreitung chemischer Waffen und ballistischer Raketen, zusammen
mit echter Besorgnis über die zusätzliche Weiterverbreitung nuklearer Waffen. Während wir in derzweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts den Frieden in Europa
bewahrt haben, beobachteten wir im gleichen Zeitraum einen Rüstungswettlauf in anderen Bereichen
und über einhundert bewaffnete Konflikte mit Millionen
Toten und Verwundeten.
Wir bemühen uns darum, dieser gefährlichen Form der
Verbreitung von Waffen Einhalt zu gebieten. Wir
erkennen an, daß ein erfolgreicher Abschluß dieser
Bemühungen einen langen Prozeß erfordert und daß
viele dieser Konflikte ihre Wurzeln in traditionellen
religiösen und ethnischen Faktoren haben. In diesem
Zusammenhang macht der schockierende Einsatz
chemischer Waffen im Mittleren Osten in einem einzigen Augenblick jegliches Erfolgsgefühl beim Versuch

*

AMERIKA DIENST 10

* *

zunichte, den Einsatz chemischer Waffen zu verbieten
und ihre Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig führen uns diese Beispiele des andauernden Einsatzes
chemischer Waffen vor Augen, warum wir bei dieser
schwierigen, mühsamen Aufgabe nicht nachlassen
dürfen. Die Staaten Europas, einschließlich der Mitglieder von NATO und Warschauer Pakt, haben bedeutende Fortschritte dabei erzielt, die Fragen der
gegenseitigen Sicherheit in den Griff zu bekommen.
Die Zeit ist nun reif für andere Staaten in der ganzen
Welt, ein vergleichbares Engagement und ähnliche
Leistungen unter Beweis zu stellen.
Wir streben eine sicherere Welt für die nächste Generation an. In vielen Bereichen haben wir Fortschritte
erzielt, aber unsere Arbeit dauert an. Der Kampf für
eine vollständig freie und sichere Welt wird niemals
aufhören. Wir haben eine Strategie für Frieden und
Freiheit, sie funktioniert, und das wird auch weiterhin
so sein.
Als Direktor des ACDA bin ich stolz, sagen zu können,
daß wir unsere Anstrengungen bei der Rüstungskontrolle verdoppeln. Wir konzentrieren unsere Bemühungen noch stärker auf die in allen Bereichen vor uns
liegenden Aufgaben. Wir nutzen unsere spärlichen
Mittel auf das Beste. Die Moral ist hervorragend,
insbesondere seit wir uns der Tatsache bewußt sind,
daß unsere Behörde wahrscheinlich nie zuvor solch
wertvolle Beiträge erbringen konnte wie dies heute der
Fall ist.

*

*

Seite 9

�NATO
14. März 1990

GALVIN BEKRÄFTIGT NATOMSTRATEGIE, HÄLT
JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung vor einem Senatsunterausschuß für auswärtige Angelegenheiten
bekräftigte der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa, General John Galvin, am 7. März 1990 seine Unterstützung für die Strategie der flexiblen Reaktion und der Vorneverteidigung, schloß jedoch die Möglichkeit
"bahnbrechender Veränderungen in der Zukunft" nicht aus.
Galvin erklärte, die künftige NATO-Strategie sei stark von den noch bevorstehenden Entwicklungen in Europa,
insbesondere der Wiedervereinigung Deutschlands, abhängig. Aufgrund der Unsicherheit und potentiellen
Instabilität in Europa "müssen wir unsere gegenwärtige Strategie aufrechterhalten und weiter unterstützen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung General Galvins im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
danke Ihnen für die Möglichkeit, hier eine Erklärung
abgeben und die Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa sowie den künftigen Weg der NATO
aus einer militärischen Perspektive beleuchten zu
können.
Die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr in
Europa ergeben haben, entziehen sich nahezu unserer Vorstellungskraft. Nie zuvor haben sich Regierungen und politische Systeme so rasch verändert. Seit
letzten Oktober gab es in Rumänien und der Tschechoslowakei je zwei Regierungen, in Bulgarien drei
und in der DDR vier. Dies ist jedoch möglicherweise
nur ein Vorgeschmack kommender Ereignisse. Bis
Juni sind Wahlen in den baltischen Republiken, in
Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der
Tschechoslowakei angesetzt. Wahlen sind jedoch
nicht das einzige Anzeichen des sich in Europa vollziehenden Übergangs. In der Sowjetunion kam es zu
ernsten politischen Unruhen, die in einigen Fällen mit
Gewalt und Blutvergießen einhergingen. Es gab große Streiks von Arbeitern in der Ukraine und Sibirien,
Proteste in der Moldau-Republik, Gewalt in Georgien,
Forderungen nach Autonomie und sogar Unabhängigkeit der baltischen Republiken, Unruhen in Kasachstan, das Wiederaufleben ultrakonservativer Kräfte in
Rußland und praktisch Bürgerkrieg in Aserbaidschan
und Armenien. Diese tiefgreifenden Veränderungen
haben eine Reihe von Fragen im Hinblick auf die
AMERIKA DIENST 10

Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa
und des Atlantischen Bündnisses aufgeworfen.
An diesem Wendepunkt ist es wichtiger denn je, daß
wir uns über unser Ziel und den Weg dorthin klar sind.
Meines Erachtens haben wir bereits eine Vision des
Friedens in Europa- eines beschützten Friedens -, der
auf einem Geflecht unterzeichneter, verifizierter und
unumkehrbarer Verträge aufbaut. Diese Vision ist
nicht neu, sie ähnelt dem Traum Woodrow Wilsons
vom Völkerbund und den Hoffnungen Franklin Roosevelts im Hinblick auf die Vereinten Nationen. Der
grundsätzliche Unterschied besteht heute darin, daß
wir ein besseres Verständnis dessen besitzen, was für
die Verwirklichung dieser Vision nötig ist.
Im Jahr 1947, als die Hoffnungen auf eine Nachkriegsordnung im Schwinden begriffen waren, entwickelten
westliche Staatsmänner ein Konzept für die Zukunft,
das auf politischen und wirtschaftlichen Realitäten
basierte - auf der Kunst des Möglichen. Sie bauten
Europa mit Hilfe des Marshall-Plans wieder auf, sie
unterstützten mit den Vorläufern der Europäischen
Gemeinschaft die politische Integration, und mit der
Gründung der NATO trugen sie dazu bei, militärischen
Schutz zu gewährleisten. Aufgrund der Weitsicht
dieser Staatsmänner sind wir der Verwirklichung unserer Vision einen Schritt nähergekommen. Sie haben
jedoch mehr getan, als uns voranzubringen, sie haben
uns eine Lehre erteilt. Sie lehrten uns, daß zum
Seite 1

�Erreichen unseres Ziels Geduld, Ausdauer und Opferbereitschaft erforderlich sind.
Die in Osteuropa und derSowjetunion erfolgten Veränderungen haben unleugbar die vom Warschauer Pakt
ausgehende militärische Bedrohung verringert. Aber
Instabilität ist ein zweischneidiges Schwert. Während
sie die vom Osten ausgehende Gefahr verringerte, hat
sie die Zukunft unberechenbar gemacht. Vor fünf
Jahren wäre es nahezu unmöglich gewesen, die Ereignisse von 1989 vorauszusagen. Heute ist es nahezu
ebenso schwierig, die Ereignisse des nächsten Jahres
zu prognostizieren. Ob die kommenden Jahre zu
Konflikten oder Konfrontationen führen, hängt großenteils von den Entscheidungen ab, die wir heute fällen.
Indem wir im Bereich der Rüstungskontrolle energische Anstrengungen unternehmen, sind wir dabei, ein
Fundament für die Zukunft zu legen. Gegenwärtig
verwirklichen wir mehrere Abkommen. Im Jahr 1988
begannen wir mit der Durchführung der Bestimmungen des INF-Vertrags. Heute haben wir nahezu 50
Prozent des Wegs bis zum Abzug einer gesamten
Kategorie nuklearer Waffen aus Europa zurückgelegt.
Gleichzeitig halten wir uns an die im Jahr 1986 unter
dem Schirm der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa abgeschlossenen Vereinbarungen. Bis heute haben die NATO-Länder 39 Inspektionen und Beobachtungsreisen zu östlichen Manövern
durchgeführt, während der Osten 42 Manöver bei uns
inspiziert und beobachtet hat. Diese Vereinbarungen
sind nicht nur um ihrer selbst willen bedeutungsvoll,
sondern auch deshalb, weil sie unser Vertrauen in die
Bereitschaft des Ostens gestärkt haben, Rüstungskontrollvereinbarungen einzuhalten und umgekehrt
wahrscheinlich auch das Vertrauen des Ostens in uns.
Die wichtigsten der laufenden Verhandlungen sind die
derzeit in Wien stattfindenden Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa. Mit der Zustimmung, Millionen Tonnen von Kampfgerät zu zerstören,
stellen die Sowjets ihre zukünftige Sicherheitspolitik
und ihre Bereitschaft unter Beweis, ein Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu werden. In
diesem Tenor verspricht das Ergebnis dieser Verhandlungen zum entscheidendsten Abkommen im
Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle zu
werden, das je erzielt wurde. Gleichzeitig hoffen wir
auf Fortschritte bei der 50prozentigen Reduzierung
der strategischen Nuklearstreitkräfte, Gesprächen in
bilateralen und multilateralen Foren über die Verringerung chemischer Waffen, verstärktem Vertrauen in die
andere Seite durch "Offene Himel" und die VSBMVerhandlungen sowie bei den Vorbereitungen für einen zukünftigen Sicherheitsrahmen durch kontinuierliche Teilnahme am KSZE-Prozeß.
Sobald ein KSE-Abkommen ausgehandelt, unterzeichnet und verwirklicht worden ist, können wir einen
Vertrag über Kurzstreckensysteme (SNF) in Erwägung ziehen. Eine landgestützte kriegsschauplatzge-

Seite 2

«•

bundene Abschreckung wird weiterhin erforderlich und
nach wie vor integraler Bestandteil unserer Strategie
sein. Dennoch könnten wir unsere Bestände auf
niedrigere Niveaus reduzieren.
Insgesamt gesehen, bieten diese Rüstungskontrollinitiativen größere Aussicht auf ein sicheres Europa als
irgendeine andere Initiative im zwanzigsten Jahrhundert. Ausgehandelte Verträge sind sehr viel wünschenswerter als einseitige Reduzierungen. Ohne
einen bindenden Vertrag und die damit einhergehenden Verifizierungsmaßnahmen können einseitige
Reduzierungen rückgängig gemacht werden. Wir
könnten in die unangenehme Lage geraten, unsere
Streitkräfte abzuziehen, ohne daß die von der anderen
Seite vorgenommenen Reduzierungen von Dauer sind.
Eine Reihe von Sicherheitsexperten hat das Argument
vorgebracht, die politische Situation in Europa habe
sich bereits grundlegend gewandelt und damit auch
unsere Verteidigungserfordernisse. Zusätzlich zu dem
offensichtlichen Umschwung in Ost- und Mitteleuropa
verweisen sie auch auf die ihrer Ansicht nach neue
militärische Situation, die durch den einseitigen Abzug
von sechs sowjetischen Divisionen aus Osteuropa und
Moskaus Zustimmung, die Streitkräfte aus Ungarn
und der Tschechoslowakei abzuziehen, entstanden
ist. Sie stellen ferner die beachtlichen Auswirkungen
der asymmetrischen Reduzierungen fest, die als Ergebnis des KSE-Abkommens erfolgen werden. Es
besteht kein Zweifel daran, daß sich die Situation in
Europa grundlegend gewandelt haben wird, wenn alle
diese politischen und militärischen Maßnahmen verwirklicht worden sind.
Diese Veränderungen haben jedoch noch nicht stattgefunden. Bis heute hat die Perestrojka die Sowjetunion noch nicht erfaßt; Demokratie und freies Unternehmertum müssen in Osteuropa noch institutionell verankert werden, und die Bedingungen einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind noch nicht
ganz klar. Bis dahin bleibt die Sowjetunion die stärkste
Land- und Luftstreitmacht der Welt und produziert
weiterhin mehr militärisches Gerät als irgendeine andere
Nation. Die UdSSR hat über 185 aktive Divisionen,
von denen rund 125 auf Europa ausgerichtet sind.
Ungefähr 75 dieser Divisionen verfügen über 50 Prozent ihrer vollen Schlagkraft und 40 über 75 Prozent
und mehr.
Während die Sowjets die angekündigten einseitigen
Reduzierungen in einem vernünftigen Zeitrahmen
vorgenommen haben, ist ihre Kampffähigkeit durch
Modernisierung, Umstrukturierung und Stationierung
der verbleibenden Streitkräfte in keiner Weise eingeschränkt worden. Obwohl beispielsweise im vergangenen Jahr drei Panzerdivisionen aus der DDR und
der Tschechoslowakei abgezogen wurden, sind dort
immer noch entscheidende Elemente dieser Einheiten
stationiert. Die Panzer wurden abgezogen, aber die
Anzahl moderner Artilleriesysteme auf Selbstfahrlafet-

AMERIKA DIENST 10

�te, gepanzerter Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ist gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen
noch erhöht. Darüber hinaus wurde die Qualität dieser
Systeme zusammen mit der Luftverteidigung und den
Führungsfähigkeiten verbessert und modernisiert.
Kurzum: Die Sowjets strukturieren ihre Streitkräfte in
einer solchen Weise, daß sich das Kampfpotential pro
Einheit seit 1988 nur geringfügig verringert hat.
Eine große Gefahr beim Nachdenken über die zukünftige Planung besteht darin, anzunehmen, wir seien
bereits am Ziel angekommen. Das ist nicht der Fall.
Die Instabilität in Osteuropa und die militärische Situation auf dem Kontinent stellen immer noch eine große
Herausforderung für den Westen dar. Abschreckung
eines Krieges und gegebenenfalls die Verteidigung
des Bündnisgebiets muß in Europa unser Hauptziel
bleiben. Die NATO-Strategien der Vorneverteidigung
und flexiblen Reaktion könnten in der Zukunft einige
bahnbrechende Veränderungen erfahren, aber sie sind
nach wie vor der beste Weg, sicherzustellen, daß
unsere Zielsetzungen erfüllt werden. Eine herausragende Qualität dieser Strategie besteht in der Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen. Sie
gestattet uns, den Frieden zu bewahren und jede Krise
mit dem geeigneten Maß an Reaktion zu bewältigen,
das zu unserer Verteidigung erforderlich ist. Im wesentlichen stützt sie sich auf eine mobile Verteidigung
mit Unterstützung von Nuklearwaffen, die uns nicht nur
unter den heutigen Bedigungen dient, sondern sich
auch beim Übergang zu einer Zeit nach KSE als angemessen erweisen wird.
Wir müssen unsere derzeitige Strategie aufrechterhalten und weiterhin unterstützen. Als Supermacht und
einzige Nation, die zu einem Ausgleich der sowjetischen Militärmacht fähig ist, haben die Vereinigten
Staaten in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung. An erster Stelle steht hierbei die Anforderung,
eine glaubwürdige Abschreckung auf dem europäischen Kontinent aufrechtzuerhalten.
Wie viele Truppen benötigen wir zur Aufrechterhaltung
dieser Abschreckung? Bis heute bildet das Korps den
Grundstein derStreitkräftestrukturdes Bündnisses. In
der Region Europa Mitte hat jeder NATO-Mitgliedstaat
(mit Ausnahme von Kanada) einschließlich kleiner
Länder wie Belgien und der Niederlande mindestens
ein Korps stationiert. Solange flexible Reaktion und
Vorneverteidigung Bestandteil unserer Strategie sind,
müssen die Vereinigen Staaten das Minimum eines
Heereskorps mit einer ausreichenden Anzahl von
Luftwaffen-Geschwadern in Europa aufrechterhalten,
um sowohl die Sowjetunion als auch unsere europäischen Verbündeten daran zu erinnern, daß wir unsere
Interessen auf dem Kontinent verteidigen werden.
Wenn man die speziellen nachrichtendienstlichen
Einheiten, die Führungsfähigkeiten und das für die
Logistik zuständige Personal hinzuzählt, die im Falle
einer Krise zur Verstärkung erforderlich wären, beliefe

AMERIKA DIENST 10

sich die Anzahl der von uns in Europa benötigten
Truppen auf rund 195 000 Mann in der Region Europa
Mitte und weitere 30 000 an den Flanken.
Wird die Anzahl der erforderlichen Soldaten, Seeleute,
Piloten und Marineinfantristen durch eine längere
Vorwarnzeit beeinflußt? Jüngste nachrichtendienstliche Analysen kommen zu dem Schluß, daß die bei
einem größeren sowjetischen Angriff auf Westeruopa
zu erwartende Vorwarnzeit länger geworden ist. Es ist
einleuchtend, daß Mobilisierung und Stationierung eher
entdeckt und länger dauern würden, wenn die Sowjets
ihre Streitkräftestruktur abbauen und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt weniger zuverlässig werden.
Aber bei einer Rückschau in die Geschichte stellen wir
fest, daß die Vereinigten Staaten die Zukunft nicht
immer richtig vorhergesagt haben. Es traf uns überraschend in Pearl Harbor 1941, bei der Ardennenschlacht
1944, beim Angriff Nordkoreas im Juni des Jahres
1950 und im November desselben Jahres bei der
Intervention der Chinesen. Es traf uns überraschend
1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und
1979 in Afghanistan. Wir wurden ebenfalls vom Bau
der Berliner Mauer 1961 und ihrem Abriß 1989 überrascht. Zwar trifft es zu, daß wir heute über bessere
nachrichtendienstliche Methoden verfügen als je zuvor, aber die sowjetischen Streitkräfte werden immer
geschickter, wenn es um die Verschleierung ihrer
Absichten geht. Die Behauptung, unsere Techniken
der Entdeckung seien besser als ihre Täuschungsmanöver, sei dahingestellt.
Aber auch wenn uns die Nachrichtendienste warnen
würden, hätte das kaum Bedeutung, wenn wir nicht
zeitig reagieren könnten. Wir sollten deshalb vermeiden, in Anbetracht einer eventuell längeren Vorwarnzeit die Streitkräfte oder ihre Einsatzbereitschaft zu
reduzieren. Die Nachrichtendienste können uns vielleicht die Situation darlegen, in der sie den Präsidenten
möglicherweise vor dem Ausbruch eines Krieges warnen
würden, aber sie können uns nicht sagen, wieviele
Beweise er fordern wird, bis er die Entscheidung zur
Mobilisierung trifft. Wenn wir unsere schnelle Stationierungsfähigkeit aufgeben, geben wir damit auch die
gewonnene längere Vorwarnzeit auf.
Die Reaktionszeit der Vereinigten Staaten - die für uns
erforderliche Zeit zur Mobilisierung oder Entsendung
von Verstärkungstruppen nach Europa - wird nach
KSE eine wichtige Rolle spielen. Antizipierte Veränderungen in der militärischen Situation werden unseren
Bedarf an glaubwürdiger Reaktionsfähigkeit nicht
verringern. Wenn wir Abschreckung und bessere
Stabilität (vor uns nach KSE) aufrechterhalten wollen,
dürfen wir den Sowjets keine Gelegenheit zu der
Annahme geben, daß sie den Mobilisierungswettlauf
gewinnen können.
Wenn Einheiten aufgelöst, Fähigkeiten für Luft- und
Seebrücken abnehmen und die Einsatzbereitschaft

Seite 3

�nicht aufrechterhalten wird, benötigen wir zusätzliche
Reaktionszeit zur Aktivierung der Streitkräfte. Die
Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, ihre gegenwärtigen Verpflichtungen zur Verstärkung in der NATO
zu erfüllen. In einem Umfeld nach KSE besteht die
Möglichkeit, daß wir etwas mehr Zeit zur erneuten
Stationierung von Streitkräften in Europa haben, damit
aber kaum dem natürlichen Vorteil der Sowjets, Verstärkungen nach Europa zu entsenden, entgegenwirken können. Die sowjetischen Verstärkungstruppen
sind 600 Kilometer von Westeuropa entfernt, unsere
dagegen 6 000 Kilometer. Wir benötigen eine schnelle
Verstärkungsfähigkeit, um die kürzeren Informationswege des Feindes wettzumachen. Wenn wir - bei einer
Befürwortung dieser Politik - Streitkräfte mit einer
geringeren Einsatzbereitschaft mobilisieren müssen,
dann wäre diese Aufgabe noch schwieriger.
Wie sollten unsere Truppen ausgerüstet sein? In den
vergangenen zehn Jahren haben die Sowjets 28 500
Panzer produziert. Wenn sie im Gebiet zwischen
Atlantik und Ural ihr modernstes Gerät dislozieren,
wäre der älteste auf Europa gerichtete Panzer zwischen fünf und zehn Jahre alt. Der älteste Panzer im
NATO-Arsenal wäre dagegen fast zwanzig Jahre alt.
Dasselbe gilt für das meiste andere wichtige Gerät.
Um diesen Nachteil auszugleichen, müssen wir uns
auf andere Bereiche konzentrieren. Unsere Soldaten
müssen hochmotiviert und gut ausgebildet sein. Wir
müssen unsere Abriegelungsfähigkeit mit FOFA-Technologien verbessern. Generell müssen wir unsere
Einheiten mit modernstem Gerät ausrüsten.
Darüber hinaus müssen wir eine landgestützte nukleare Abschreckung auf dem Kontinent aufrechterhalten.
Die NATO will eine Aggression mit fähigen konventionellen Streitkräften abschrecken, die von überlebensfähigen glaubwürdigen Nuklearfähigkeiten unterstützt
werden. Wichtige Verbindung zu den strategischen

*

Seite 4

Streitkräften der Vereinigten Staaten sind die kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte. Wenn die konventionellen Streitkräfte in Europa einen Angriff nicht
abwehren können, wäre es kaum glaubwürdig, daß die
Eskalation zu strategischen Streitkräften der nächste
Schritt wäre - und ohne diese Glaubwürdigkeit ist die
Abschreckung geschwächt.
Die Sowjets haben ihre kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte ständig modernisiert. Die Rakete des Typs
FROG ist durch die SS-21 ersetzt worden. DieSS-N21 wurde eingeführt. Bei nuklearfähiger Artillerie werden
die Sowjets gegenüber der NATO einen Vorteil von 4
zu 1 haben, bei Raketenabschußeinrichtungen von 16
zu 1. Zur Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen
nuklearen Abschreckung ist daher die Modernisierung
unserer eigenen kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte unerläßlich.
Solange die sowjetische Militärmacht so groß und
gefährlich ist wie jetzt, müssen flexible Reaktion und
Vorneverteidigung weiterhin Grundlage unserer Strategie sein. Diese Strategie müssen wir mit in Europa
stationierten Truppen unterstützen. Diese Soldaten
müssen mit modernstem Gerät ausgerüstet sein.
Mittelfristig sollten wir eine Basis unterzeichneter,
verifizierbarer und unwiderruflicher Verträge anstreben, um Stabilität und Sicherheit zu fördern. Auf diese
Weise werden wir unser Endziel - einen geschützten
Frieden - erreichen können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, in diesem Ausschu ß meine Ansichten darlegen zu
können. Ich wollte vor allem darauf hinweisen, daß wir
in diesen Zeiten der Veränderungen, die zugleich
Chancen und Risiken bergen, Stabilität und Augenmaß in den Vordergrund stellen müssen. Ich hoffe in
diesem Sinne auf eine gute Zusammenarbeit.

*

AMERIKA DIENST 10

�UMWELT
14. März 1990

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN ERDERWÄRMUNG
BREMSEN
Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen

WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
werden alternative Energien zur Stromversorgung und
zum Betrieb von Kraftfahrzeugen schon bald eine
größere Rolle spielen. Ferner können sie einen großen Beitrag zu einer Reduzierung des Risikos einer
unkontrollierten Erwärmung der Erde leisten.
"Erneuerbare Energien werden dazu beitragen, die
Vermehrung von Treibhausgasen zu vermindern", erklärt
der leitende Direktor des amerikanischen Solar Energy
Research Institute, Harold Hubbard. "Viele dieser
Technolgien, darunter Photovoltaik, Windenergie, mit
Wasserkraft und Sonnenenergie betriebene Kraftwerke produzieren überhaupt keine Treibhausgase. Andere,
wie etwa aus Biomasse gewonnenes Äthanol produzieren zwar Treibhausgase, tragen aber nicht zu deren
Akkumulierung bei.
"Darüber hinaus werden Forschung und Entwicklung
in diesem Bereich Auswirkungen auf pharmazeutische
Produkte, Kunststoffe, Kleidung, Nahrungsmittel,
Computer, Laser, Kältetechnik und viele andere Bereiche haben. Ein neues technologisches Zeitalter wird
uns eröffnet werden."
Wissenschaftler sind der Ansicht, daß die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen bei der Verbrennung
fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle entstehenden
Gasen zu einer kontinuierlichen Erwärmung der Atmosphäre führen, indem sie die Sonnenstrahlung in einem Prozeß, der den Vorgängen in einem Treibhaus
ähnelt, abfangen.
Von Forschet n wird jedoch betont, daß die erneuerbaren Ressourcen Sonnenstrahlung, Wind, fließendes
Wasser und Biomasse in ihrem Ausmaß ein immenses
Potential für eine Reduzierung der weiteren Ansammlung von Treibhausgasen darstellen. Einer neuen
Studie des amerikanischen Energieministeriums zufolge sind allein in den Vereinigten Staaten die in den

AMERIKA DIENST 10

nächsten 30 Jahren nutzbaren Energien größer als
eine Menge von 105 Trillionen Faß ö l . Der größte
Anteil davon entfällt auf Sonnenenergie und Biomasse.
Die neuen Energietechnologien machen sich diese
Ressourcen unmittelbar zunutze. Bei PhotovoltaikSystemen werden Halbleiter eingesetzt, um Sonnenstrahlung in Strom zu verwandeln, bei Sonnenheizkraftwerken werden Spiegel verwendet, um die Sonnenstrahlen zu bündeln und Hitze zu produzieren, bei
Windanlagen werden Propeller auf hohen Türmen
installiert, um Strom zu erzeugen und Biomasse besteht aus Holz, Agrarprodukten und anderen Naturprodukten, die zur Treibstofferzeugung genutzt werden.
Einem Bericht des Worldwatch Institute, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, zufolge vermindert
der in den vergangenen 15 Jahren beobachtete verstärkte Einsatz emeuerbarer Energien den jährlichen
Ausstoß von Kohlendioxidemissionen weltweit um 580
Millionen Tonnen. Das Oak Ridge National Laboratory
berichtet, daß weltweit durch die Verbrennung fossiler
Treibstoffe im Jahr 1988 etwa 19 Milliarden Tonnen
Kohlendioxid produziert wurde.
In seinem Vortrag bei einer Zusammenkunft der
amerikanischen Gesellschaft für die Förderung der
Wissenschaft erklärte Hubbard vor kurzem, einige der
heute eingesetzten Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien hätten noch Mitte der siebziger Jahre, als die Bundesregierung nationale Forschungsund Entwicklungsprogramme zu erneuerbaren Energien ins Leben rief, in den Kinderschuhen gesteckt.
Die Photovoltaik zum Beispiel war in den frühen siebziger Jahren eine exotische und teure Technologie,
deren Anwendungsbereich sich auf die Raumfahrt
beschränkte. Seit Beginn des Bundesprogramms hat
sich jedoch eine Revolution ereignet.

Seite 1

�"Die Kosten haben sich bis um das 20fache verringert
... und in naher Zukunft werden die Kosten allein durch
wirtschaftlichere Produktion noch einmal halbiert werden", meint Hubbard. "Wir haben Dutzende neuer
photovoltaischer Materialien entdeckt und entwickelt,
von denen einige sehr vielversprechend sind. Heute
werden schon Zehntausende von Systemen für verschiedenste Zwecke von der Wasserförderung über
die Elektrifizierung von Dörfern bis zur zentralen Elektrizitätsgewinnung eingesetzt."
Photovoltaik-Systeme bestehen aus Sonnenkollektoren, die auf Dächern montiert oder in großer Zahl als
Kraftwerke in Wüstengebieten installiert werden können. Der jährliche Weltmarkt für Photovoltaik hat sich
von nahe Null in den siebziger Jahren zu einer Größenordnung von über 400 Millionen Dollar und 40 Megawatt im Jahr 1988 entwickelt, wobei die Kosten bei
etwa 25 Cent pro Kilowattstunde liegen. Im Vergleich
dazu kostet die Energiegewinnung aus Kohle, Erdöl
oder Erdgas zwischen zwei und fünf Cent pro Kilowattstunde. Der Einsatz in der Dritten Welt steigt rapide an,
und aus Indien wird berichtet, daß bereits 6 000 Systeme in Dörfern installiert wurden.
Das Solar Energy Research Institute schätzt, daß
neue Technologien zur Entwicklung von PhotovoltaikSystemen führen könnten, die gegen Ende der neunziger Jahre gegenüber herkömmlichen Energien konkurrenzfähig sind. Dies könnte allein in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine
Leistung von 1 000 Megawatt erbringen. Im Vergleich
dazu beträgt die aus Kohle gewonnene Energie in den
Vereinigten Staaten heute über 294 000 Megawatt.
Hubbard zufolge ist der Markt für Sonnenheizenergie,
der zu Beginn des Bundesforschungsprogramms noch
nicht existierte, heute größer als der Markt für Photovoltaik, und er wächst weiter. Seit 1984 wurden allein
in Kalifornien Anlagen mit einer Gesamtleistung von
etwa 200 Megawatt installiert. Diese bestehen aus mit
Spiegeln ausgekleideten Mulden, die das Sonnenlicht
auf mit ö l gefüllte Rohre bündeln. Damit wird das ö l
erhitzt, das sich ausdehnt und entweder durch eine
Turbine fließt, die einen stromerzeugenden Generator
antreibt. Oder es wird weitergepumpt, um Wohnungen
zu heizen.
Der Hersteller dieses Systems, die Firma Luz International, will in der Wüste Kaliforniens weitere 300 bis
500 Megawatt installieren und sondiert die Möglichkeit
größerer Projekte im Staat Nevada und in Brasilien.
Das Unternehmen erwartet einen Preis für Sonnenenergie von etwa 8 Cents pro Kilowattstunde.
Hubbard zufolge ist die Windenergie, bei der die
mechanische Energie des Windes Strom erzeugt, auf
dem Vormarsch und macht den Solarzellen ihren Rang
streitig. Heute sind weltweit mehr als 20 000 Windanlagen mit einer Kapazität von etwa 1 600 Megawatt im
Einsatz. Die meisten davon befinden sich in Kalifor-

Seite 2

nien und Dänemark, obwohl es inzwischen auch
Windkraftwerke in Indien, der Bundesrepublik und
anderen Ländern gibt. Windenergie ist beim Preis von
6 bis 8 Cents pro Kilowattstunde wettbewerbsfähig
geworden.
Experten prognostizieren, daß Windenergie bis zum
Jahr 2030 mehr als 10 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken und entsprechende Kraftwerke im
Westen der Vereinigten Staaten, in Nordeuropa, Nordafrika, Indien und der Sowjetunion gebaut werden
könnten.
"Die Technologie macht in allen Bereichen große
Fortschritte, vom Design der Flügel und Turbinen über
das bessere Verständnis vom Wind als Energiequelle
bis zur Kostruktion besserer Türme," erklärt Hubbard.
"Infolgedessen haben Windanlagen eine längere
Lebensdauer, produzieren mehr Elektrizität und sind
zuverlässiger. Diese Fortschritte haben dazu beigetragen, daß winderzeugte Elektrizität relativ preiswert
ist."
Eine der bekannesten Quellen erneuerbarer Energie
ist die Wasserkraft, die bereits ein Fünftel des Weltenergiebedarfs deckt und der in Zukunft eine noch
größere Verbreitung vorhergesagt wird. China hat
zum Beispiel erst etwa ein Zehntel und Afrika ein
Zwanzigstel seiner Potentiale ausgschöpft.
Darüber hinaus gibt es Energie aus Erdwärme, bei der
die Hitze des Erdinneren zur Energiegewinnung freigesetzt wird. Dem Worldwatch Institute zufolge könnte die Nutzung der Erdwärme in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts zwischen 4 200
Megawatt (das doppelte des gegenwärtigen Niveaus)
und 18 700 Megawatt betragen, wobei die Kilowattstunde etwa 4 bis 8 Cents kosten würde. Andere
Regionen, in denen diese Energie Verbreitung finden
könnte, sind Mittelamerika, Neuseeland, die Philippinen und die Sowjetunion, weil jedes dieser Länder über
viele Heißwasserreservoirs unter der Erde verfügt, in
denen natürlicher Druck vorhanden ist.
Die Technologien für erneuerbare Energien, mit denen
sich höchstwahrscheinlich die Emission der Treibhausgase am ehesten eindämmen lassen, sind Techniken zur Herstellung von Treibstoffen wie etwa Äthanol. Jedes Jahr stoßen die etwa 400 Millionen Autos
auf der Erde ungefähr 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus. Das entspricht 10 Prozent
der Menge, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird. Prognosen zeigen, daß diese
Emissionen zusammen mit der Zahl der Kraftfahrzeuge bis zum Jahr 2010 um 75 Prozent steigen werden.
Experten des Energieministeriums vertreten die Ansicht, daß Äthanol am besten aus Holz und Rückständen gewonnen wird, die in Einfachzucker umgewandelt und dann zu Äthanol fermentiert werden. In den
vergangenen Jahren konnnte die Holz-in-Äthanol-

AMERIKA DIENST 10

�c

&gt;

Umwandlung von weniger als 40 Prozent auf mehr als
70 Prozent gesteigert werden. Damit sind die Kosten
von über einem Dollar pro Liter auf etwa 36 Cents pro
Liter gesunken. Schätzungen zufolge könnten die
Vereinigten Staaten 912 Milliarden Liter Äthanol pro
Jahr aus Holz gewinnen.

Grenzen hat.

Gegenwärtig hat Brasilien das größte Programm zur
Herstellung von Alkoholtreibstoffen, wobei das aus
Zuckerrohr gewonnene Äthanol 62 Prozent des Treibstoffbedarfs für Kraftfahrzeuge deckt. Die Vereinigten
Staaten sind mit 20 Millionen Barrel pro Jahr zweitgrößter Hersteller von Alkoholtreibstoff, der hier vor
allem aus Mais gewonnen wird. Aber einem Bericht
der Forschungsabteilung des Kongresses zufolge führt
die Äthanol-Gewinnung in den Vereinigten Staaten nur
zu einer 63prozentigen Verringerung der Kohlendio xidemissionen, weil bei der Herstellung fossile Brennstoffe verwendet werden. Bei den Berechnungen
werden Energieeinheiten zugrundegelegt.

Der Direktor des Center for Building Science beim
Lawrence Berkeley Laboratory in Berkeley (Kalifornien) - das dem amerikanischen Energieministerium
angeschlossen ist -, Arthur Rosenfeld, berichtet, daß
trotz einer Steigerung des Bruttosozialprodukts um 35
Prozent in den Jahren 1973 bis 1986 keine Steigerung
des Energieverbrauchs und eine jährliche Senkung
um 1,2 Prozent beim Verbrauch von ö l und Gas
festgestellt wurde. Wenn die Vereinigten Staaten sich
noch auf dem Stand von 1973 befänden, hätten sie
1986 50 Prozent mehr Kohlendioxid, Schwefeldioxid
und Stickoxid in die Atmosphäre eingeleitet.

Wissenschaftler berichten, da ß zunehmende Energieeinsparungen und effizientere Verwendung fossiler
Brennstoffe die Entstehung von Kohlendioxid und
anderen Treibhausgasen verringern wird.

Rosenfeld führte als Beispiel für die Tendenz zur
besseren Nutzung von Energie an, daß der durchschnittliche Treibstoff verbrauch neuer Autos von 16,8
Liter pro 100 Kilometer im Jahr 1976 auf 8,4 Liter pro
100 Kilometer im Jahr 1989 gesenkt werden konnte.

Hubbard berichtet, daß der zunehmende Einsatz von
Atomkraft jährlich die Kohlendioxidemissionen weltweit um etwa 5 Prozent verringert. Er fügte jedoch
hinzu, daß der Einsatz von Atomkraft im Hinblick auf
Verfügbarkeit, Entsorgung, Image und Kosten seine

* *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 3

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="10784">
              <text>14.03.1990</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="10785">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="10786">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="10787">
              <text>Amerikadienst 14.03.1990</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="10788">
              <text>&lt;strong&gt;1. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten: Chance in der Rüstungskontrolle: "beispiellos"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman im Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Galvin bekräftigt NATO-Strategie, hält jedoch Änderungen für möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor Unterausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erneuerbare Energien sollen Erwärmung bremsen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
