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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Ä
+ **%
7. März 1990

HANDEL

OFFENE MARKTE UND FAIRER
WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters
vor dem Übersee-Club
ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN
HAUPTZIEL IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der
US-Handelsbeauftragten

WIRTSCHAFT

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT
IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim
Initiativkreis Ruhrgebiet

OSTEUROPA

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor
Kongreßausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�HANDEL
7. März 1990

OFFENE MÄRKTE UND FAIRER WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters vor dem Übersee-Club
HAMBURG - (AD) - In einer Rede vor dem Übersee-Club in Hamburg am 8. März 1990 betonte Botschafter
Walters erneut die Ziele der amerikanischen Handelspolitik, "faire Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte
weltweit", zu denen auch der erfolgreiche Abschluß der gegenwärtigen GATT-Runde Ende dieses Jahres
gehört. Es gehe darum, das Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen anzupassen und auf eine solide
Grundlage zu stellen.
Der Botschafter verwies darüber hinaus auf die Bedeutung der Uruguay-Runde und erklärte, "das Welthandelssystem steht vor einem Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt offener Märkte, zunehmenden Handels
und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt des Protektionismus, der Handelsblöcke
und der Wirtschaftskrisen." Es liege auf der Hand, welchen Weg wir alle verfolgen - "und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute abend vor den
Mitgliedern und Gästen des Übersee-Clubs sprechen
zu können. Ihr ehrwürdiger Club mit seinem regen
Interesse an internationalen Wirtschaftsfragen und
weltweiter Zusammenarbeit ist geradezu bezeichnend
für die außergewöhnliche Weltoffenheit Hamburgs
und seiner Bürger. Ich freue mich aber auch, wieder in
Ihrer schönen Stadt zu sein, deren Eleganz und Wirtschaftskraft mir immer von neuem imponiert.
Hamburg unterhält seit Jahrhunderten in alle Himmelsrichtungen rege politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Ich habe erfahren, mit Ausnahme von
New York soll es in keiner anderen Stadt der Welt mehr
Konsulate geben als in Hamburg. Auch wir waren uns
stets der Bedeutung dieses Wirtschafts- und Handelszentrums bewußt. Von Anfang an sind die offiziellen
Beziehungen zwischen Ihrer Stadt und meinem Land
eng und intensiv gewesen. Bereits im Jahre 1790 also relativ kurze Zeit nach Gründung der Vereinigten
Staaten - ließ Thomas Jefferson, unser damaliger
Außenminister, hierein Konsulat errichten. In diesem
Jahr feiert folglich das amerikanische Generalkonsulat
AMERIKA DIENST 9

sein 200jähriges Bestehen. Das Hamburger Amerika
Haus begeht ebenfalls ein Jubiläum dieses Jahr: es
wurde vor 40 Jahren zur Pflege der deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen gegründet.
Die Hansestadt Hamburg verbindet aber auch eine
lange Tradition mit dem Osten Europas und dem
Gebiet der heutigen DDR. Jahrhundertelang trieben
Hamburger Kaufleute Handel mit Rostock, Riga und
anderen Städten an der Ostsee. Auf der Elbe kamen
Lastkähne aus Sachsen und Brandenburg. Die Teilung Deutschlands und Europas war für die Hamburger Bürger, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Freiheit
und Weltoffenheit, besonders schmerzhaft. Es ist
deshalb bezeichnend für diese Stadt, daß sie - als das
Eis des kalten Krieges zu schmelzen begann - bald
eine Partnerschaft mit Dresden einging und ständig
bemüht ist, diese weiter auszubauen. Sie haben auf
kommunaler Ebene bereits ein Klima der Partnerschaft und des Miteinanders geschaffen, was für das
Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten
sicherlich von großer Bedeutung sein wird.
Ich glaube, mit dem Jahr 1989 hat eine neue Epoche
für Europa begonnen. Die Einheit Deutschlands ist in
Seite 1

�greifbare Nähe gerückt; die ideologische Teilung dieses Kontinents aufgehoben. Und alles ging unglaublich schnell. Hatte nicht Erich Honecker noch vor
einem Jahr davon gesprochen, daß die Mauer noch in
hundert Jahren stehen würde? Heute ist die Mauer und Erich Honecker - bereits Geschichte. War nicht
Vaclav Havel vor einem Jahr noch ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei, dem es nicht
erlaubt war, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegenzunehmen? Vor wenigen Monaten
ging er als Staatspräsident seines Landes durch das
Brandenburger Tor. Und kürzlich plädierte er vor dem
amerikanischen Kongreß dafür, Gorbatschows Perestrojka zu unterstützen, also jenem Land zu helfen,
dessen Truppen den Prager Frühling so brutal beendet
haben. Oder, um ein alltägliches Beispiel zu nehmen,
wer hätte sich vor einem Jahr die vielen Besucher aus
der DDR in Hamburg vorstellen können?
Die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa ist unglaublich rasant verlaufen. Die politische Umgestaltung
verlief rasch; die wirtschaftliche Erneuerung wird allerdings mehr Zeit in Anspruch nehmen. In den letzten
Wochen und Monaten wurde viel davon gesprochen,
wie der Westen zur wirtschaftlichen Entwicklung in
Mittel- und Osteuropa beitragen kann. Ich möchte im
folgenden die Ansicht meiner Regierung zu dieser
Frage vortragen.
Mit unseren westlichen Partnern und mit den östlichen
Reformern sind wir uns einig, daß die zentral gelenkte
Planwirtschaft auf ökonomischem wie auf ökologischem Gebiet versagt hat. Andererseits hat die Geschichte gezeigt, daß gerade die Marktwirtschaft die
Menschen am besten und effektivsten mit Waren und
Dienstleistungen versorgt. Deshalb ist die Einführung
einer in die Weltwirtschaft integrierten marktwirtschaftlichen Ordnung die beste Voraussetzung für Wohlstand und soziale Sicherheit. In diesem Jahrhundert
haben wir die Auseinandersetzung zweier Deutscher
um die beste Wirtschaftsordnung miterlebt. Dabei hat
Ludwig Erhard klar über Karl Marx gesiegt.
Es gibt begründete Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in Mittel- und Osteuropa. Aber es
wird damit gerechnet, daß kurz- und mittelfristig die
wirtschaftliche Neugestaltung in diesen Staaten mit
beträchtlichen Lasten für die Menschen verbunden
sein wird. Der Umstellungsprozeß wird Preissteigerungen und Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zur
Folge haben. Die Bürger wissen, daß sie zur Gesundung ihrer Wirtschaft Opfer bringen müssen. Aber
dennoch ist nicht auszuschließen, daß wirtschaftliche
Probleme den Reformprozeß insgesamt bremsen und
die politische Stabilität in einigen Ländern gefährden.
Dies liegt nicht in unserem Interesse. Deshalb hat die
amerikanische Regierung in enger Zusammenarbeit
mit ihren Partnern und Verbündeten eine Reihe von
Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erneuerung Osteuropas ergriffen. Einige davon möchte ich im folgenden
kurz anführen:
Seite 2

I n enger Zusammenarbeit mit der E uropäischen
Gemeinschaft haben wir ein Wirtschafts- und
Finanzhilfeprogramm für Ungarn und Polen
ersteilt. Die amerikanische Regierung hat für
diesen Zweck fast eine Milliarde Dollar bereitgestellt. Außerdem haben wir einen Beitrag von
200 Millionen Dollar in den sogenannten Stabilisierungsfonds für Polen eingebracht.
Am 28. November unterzeichnete Präsident
Bush ein Gesetz zur Unterstützung der Demokratien in Osteuropa. Dieses Gesetz sieht öffentliche und private Hilfsprogramme für jene
Länder vor, die entscheidende Schritte zum
politischen Pluralismus und zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung unternommen haben. Mit
Darlehen, Bürgschaften, technischer Hilfe und
Managementtraining wollen wir zur Entwicklung
eines gesunden Privatsektors beitragen.
Die amerikanische Regierung wird demnächst
neben Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei auch den anderen Reformländern in Osteuropa, einschließlich der Sowjetunion, den Status der Meistbegünstigung gewähren. Außerdem sind zur Zeit Verhandlungen über Handelsund Investitionsschutzabkommen mit diesen
Ländern im Gange.
Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger
bekräftigte am 16. Februar vor der Amerikanischen
Handelskammer unsere Bereitschaft, beträchtliche Mittel
für die wirtschaftliche Gesundung Osteuropas bereitzustellen. Aber Eagleburger betonte auch, daß wir die
heutige Situation in Osteuropa nicht mit der Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen können.
Zwar war damals die wirtschaftliche Situation aufgrund
der zerstörten Produktionsanlagen und Verkehrswege
katastrophal, aber unsere Wiederaufbauhilfe wurde
Völkern gewährt, die fast alle bereits Erfahrung mit
einem freien Wirtschaftssystem hatten. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen für eine Marktwirtschaft waren entweder schon vorhanden oder konnten
relativ rasch wiedereingeführt werden. Die Finanzhilfe
im Rahmen des Marshallplans floß nicht in ein Faß
ohne Boden, sondern ermöglichte Investitionen und
die Wiederaufnahme der Produktion.
In den COMECON-Staaten hingegen müssen die
grundlegenden Strukturen der Marktwirtschaft erst
eingerichtet werden. Mit einer massiven Finanzhilfe
können wir die Probleme im Osten nicht lösen. Sie
erinnern sich, wie wenig die Milliardenkredite an diese
Länder in den siebziger Jahren bewirkten. Wir unterstützen deshalb die entsprechenden Regierungen bei
der Errichtung der Marktwirtschaft. Wir ermutigen sie,
günstige Bedingungen sowohl für einheimische Unternehmer und Firmengründer als auch für ausländische
Investoren zu schaffen.

AMERIKA DIENST 9

�Nach Ansicht von Experten könnte Osteuropa bei
erfolgreichen Wirtschaftsreformen zum Wachstumsmarkt der neunziger Jahre und darüber hinaus werden. Im Jahre 1988 betrugen die Importe aus den
COMECON-Staaten jedoch nur 0,5 Prozent unserer
Gesamteinfuhren. Der Anteil der amerikanischen
Ausfuhren in diese Länder lag im gleichen Jahr bei 1,1
Prozent. Der Außenhandelsanteil der Bundesrepublik
mit dem Comecon war 1988 mit 3,5 Prozent bei den
Exporten und mit 3,7 Prozent bei den Importen ebenfalls sehr gering. Mit einer Steigerung des Ost-WestHandels wird zwar in den kommenden Jahren gerechnet, aber es wird lange dauern, bis unsere Wirtschaftsbeziehungen auf dem zwischen Industriestaaten üblichen Stand sind.
Wir sollten deshalb nicht übersehen, daß auf absehbare Zeit der weitaus größte Teil des Welthandels weiterhin zwischen den Industrienationen stattfinden wird.
Die Bundesrepublik Deutschland beispielsweise wikkelt über 80 Prozent und die Vereinigten Staaten über
60 Prozent ihres Außenhandels mit Mitgliedstaaten
der OECD, den 24 wichtigsten Industrieländern, ab.
Bei aller Begeisterung für die Veränderungen und
Chancen in Europa dürfen wir deshalb globalen Herausforderungen nicht weniger Bedeutung beimessen.
Und bei allem Engagement für die Reformen in Osteuropa müssen wir auch darauf achten, daß die Weltwirtschaft und der Welthandel insgesamt intakt bleiben.
Ich glaube, wir müssen uns vorsehen, daß in diesem
Jahrzehnt Handelskonflikte nicht an die Stelle des
kalten Krieges treten. Mit dem Abriß politischer und
ideologischer Mauern sollten auch weltweit die zahlreichen und vielfältigen Handelsbarrieren abgebaut werden. Meine Regierung ist der Ansicht, daß offene
Märkte und faire Wettbewerbsbedingungen die Voraussetzung für eine florierende Weltwirtschaft sind.
Diese Meinung teilen Wirtschaftswissenschaftler unterschiedlicher Schulen wie der konservative Milton
Friedman und der liberale Paul Samuelson. Samuelson beispielsweise schreibt: "Der freie Handel fördert
eine für alle Beteiligten nutzbringende regionale Arbeitsteilung ... und ermöglicht einen höheren Lebensstandard weltweit." Aber auch die wirtschaftliche
Entwicklung in den letzten Jahrzehnten bestätigt die
Richtigkeit dieser Auffassung. Das deutsche Wirtschaftswunder wäre niemals möglich gewesen, wenn
die Bundesrepublik nicht mit dem Rest der Welt hätte
Handel treiben können. Und ohne ein liberales Welthandelssystem wäre die Bundesrepublik Deutschland
auch nicht in der Lage, etwa ein Drittel ihres Bruttosozialprodukts zu exportieren. Ohne den umfangreichen
weltweiten Warenaustausch und die internationale
Arbeitsteilung hätten wir weder in Europa noch in
Amerika diesen hohen Lebensstandard.

AMERIKA DIENST 9

Es besteht große Übereinstimmung darin, daß das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen die Grundlage für die beispiellose Zunahme des Welthandels in
den letzten vier Jahrzehnten war. Seit seinem Inkrafttreten am 1. Januar 1948 wurden in sieben Verhandlungsrunden der Abbau oder die Reduzierung von
Zöllen vereinbart. Das GATT-System erleichterte den
Handel zwischen den Staaten, förderte Vielfalt und
Arbeitsteilung und bot der Weltwirtschaft den Freiraum
zu expandieren.
Ich weiß, ein liberaler Welthandel bedeutet für die
Staaten der Welt, seine Unternehmen dem freien
Wettbewerb auszusetzen. Es kommt dann natürlich
vor, daß die internationale Konkurrenz so manchem
Wirtschaftszweig schwer zu schaffen macht. Aber der
Wettbewerb sorgt für effizientes Wirtschaften, Innovation und optimalen Umgang mit den Resourcen. Nur
Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, achten darauf,
daß der Kunde König ist.
Eingriffe der Regierungen in den Wettbewerb zum
Schutz der heimischen Wirtschaft führen in der Regel
langfristig nicht zum gewünschten Ergebnis. Subventionen werden zu Dauerbelastungen, weil sich die
betreffenden Wirtschaftszweige darauf einrichten. Es
erfordert dann viel politischen Mut, diesen Gewöhnungseffekt zu unterbrechen. Die Landwirtschaft ist
ein Beleg hierfür. Wir dürfen auch nicht außer acht
lassen, daß einzelne protektionistische Maßnahmen
das ganze System in Gefahr bringen. Staatlicher
Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig
in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in
anderen. Folglich muß der Welthandel auf mulitlateral
vereinbarten Regeln beruhen. Die amerikanische
Regierung tritt deshalb mit Nachdruck für eine Stärkung und eine Erweiterung des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens ein.
Präsident Bush hat den erfolgreichen Abschluß der
gegenwärtigen GATT-Runde zum Hauptziel seiner
Handelspolitik erklärt. Diese sogenannte UruguayRunde, benannt nach dem Land, in dem diese Verhandlungsrunde vereinbart worden ist, soll Ende dieses Jahres zu Ende gebracht werden. Von der Öffentlichkeit leider zu wenig beachtet, sind zur Zeit intensive
Verhandlungen in Genf im Gange. Es geht darum, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.
Unsere Handelsbeauftragte, Carla Hills, unterstrich
die Bedeutung der Uruguay-Runde mit folgenden
Worten: "Das Welthandelssystem steht vor einem
Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt
offener Märkte, zunehmenden Handels und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt
des Protektionismus, der Handelsblöcke und der Wirtschaftskrisen." Es ist offensichtlich, welchen Weg wir

Seite 3

�alle einschlagen wollen - und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen. Ein Scheitern
dieser Konferenz, so befürchten wir, würde zum Entstehen von Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen führen und dem Protektionismus Tür und Tor
öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens die Erweiterung des GATT-Systems
auf Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens einen verbesserten Zugang zu den
Märkten;
viertens die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im gro ßen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem

Seite 4

machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG
hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Ich gebe zu, daß auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung hat ihre Bereitschaft hierzu
erklärt. Aber, um unsere Handelsbeauftragte, Carla
Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten.
Wir möchten, daß alle bei der Reform des Welthandels
mitmachen. Unsere Politik der Marktöffnung und der
Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen richtet sich
nicht nur nach amerikanischen Unternehmensinteressen. Wir wollen prinzipiell gleiche Chancen für alle
Beteiligten in der Weltwirtschaft. Unsere Bemühungen um die Öffnung des japanischen Rindfleischmarktes sind beispielsweise für die australischen Viehzüchter mindestens ebenso ein Gewinn wie für unsere
Fleischexporteure.
In den Verhandlungen in Genf geht es auch darum,
den Dienstleistungsbereich weltweit zu liberalisieren.
Der tertiäre Sektor verzeichnet gegenwärtig die höchsten Wachstumsraten, und seine Bedeutung wird in
der Zukunft in allen Ländern weiter zunehmen. In
meinem Land beispielsweise werden heute ungefähr
68 Prozent des Bruttosozialprodukts im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. Etwa neunzig Prozent aller
neugeschaffenen Arbeitsplätze entfallen auf diesen
Sektor.
Trotz seiner zunehmenden Bedeutung ist der Wettbewerb bei den Dienstleistungen noch sehr stark national
reguliert. Banken, Versicherungen und andere Dienstleistungsunternehmen sind heute mit einer Fülle von
Wettbewerbsbarrieren konfrontiert. Wir haben den
wachstumfördernden Effekt der Zollsenkungen im
Warenhandel gesehen. Wir sind deshalb überzeugt,
daß ein Abbau nationaler Barrieren auch im Dienstleistungsbereich einen beträchtlichen Wachstumsschub
weltweit auslösen würde.
Unsere Handelspolitik steht natürlich in einem engen
Zusammenhang mit der Politik und der wirtschaftlichen Situation unserer Handelspartner. Unser besonderes Interesse gilt dabei der Europäischen Gemein-

AMERIKA DIENST 9

�schaft, mit der wir über ein Fünftel unseres Au ßenhandels abwickeln.
Mit der Schaffung des EG-Binnenmarktes entsteht ein
Wirtschaftsraum vergleichbar mit dem der Vereinigten
Staaten von Amerika. Das Bruttosozialprodukt der EG
entspricht in etwa dem unseren; auch das Außenhandelsvolumen ist gegenwärtig ungefähr gleich. Die
Europäische Gemeinschaft ist wirtschaftlich den Vereinigten Staaten ebenbürtig geworden. Wir begrüßen
diese Entwicklung. Ein politisch und wirtschaftlich
stabiles und starkes Europa war Ziel unserer Nachkriegspolitik und ist es immer noch.
Mit dem Marshallplan schufen wir die Grundlagen für
die europäische Einigung. Wir legten größten Wert
darauf, daß die Europäer mit unserer Hilfe gemeinsam
stabile wirtschaftliche und politische Strukturen errichten konnten. Die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung unserer Wiederaufbauhilfe trug beispielsweise zu einer Annäherung zwischen Deutschen und
Franzosen bei. Die amerikanische Regierung ermutigte und unterstützte die beteiligten Länder 1951 bei der
Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sechs Jahre
später.
Wir sehen auch in der Errichtung des EG-Binnenmarkts große Chancen sowohl für Europa als auch für
die gesamte Weltwirtschaft. Ein dynamisches, von
nationalen Regulierungen und Barrieren befreites Europa
kann einen wichtigen Beitrag zu weltweitem Wirtschaftswachstum leisten. Wie Sie wissen, sind wir in
den letzten Jahren Tendenzen in der EG entgegengetreten, gewisse Teilbereiche des Binnenmarktes mit
protektionistischen Barrieren nach außen abzuschirmen. Ich verstehe, daß es politischen Mut erfordert,
bisher national regulierte Branchen nicht nur dem
Wettbewerb innerhalb der EG, sondern weltweit zu
überlassen. Aber wenn ein Wirtschaftsraum Barrieren
errichtet, wird ein anderer folgen. Und eine solche
protektionistische Eskalation wollen wir unter allen
Umständen verhindern.

es uns beispielsweise, den Streit um die Zweite Bankenrichtlinie auszuräumen, die Banken aus Ländern
außerhalb der EG diskriminiert hätte. Nun können
amerikanische Banken in der EG wie europäische
Geldinstitute ihren Service anbieten. Und in meinem
Land finden Amerikaner wie Europäer im Bankengeschäft die gleichen Bedingungen vor.
Es ist noch unser Ziel, am Wettbewerb bei den öffentlichen Aufträgen besser teilhaben zu können. Wir
werden unsere Position dazu demnächst der EG mitteilen. Die EG-Kommission hat ihrerseits versichert,
daß sie zusammen mit der Industrie - auch mit amerikanischen Unternehmen in Europa - eine Kompromißlösung finden will. Die amerikanische Regierung und
die EG suchen auch nach Wegen, Testverfahren und
Sicherheitsbestimmungen gegenseitig anzuerkennen,
um den Handel zwischen beiden Kontinenten zu erleichtern und Diskriminierung zu verhindern. Neben
bilateralen Gesprächen spielen natürlich das GATTSystem und die Uruguay-Runde auch bei europäischamerikanischen Handelsfragen eine wichtige Rolle.
Die Kontroverse im Agrarbereich habe ich bereits
erwähnt.
Wir sind erfreut, daß bei der Vorbereitung des EGBinnenmarktes die Konsultationen zwischen amerikanischen Behörden und der EG-Kommission intensiviert und erweitert werden konnten. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, werden die Bindungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EG in
Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Mit der schrittweisen Übertragung von souveränen Rechten der
Mitgliedstaaten an die Institutionen der Europäischen
Gemeinschaft werden diese mehr und mehr auch eine
politische Rolle spielen. Die Entscheidung der Staatsund Regierungschefs auf dem Pariser Gipfel, die EG
mit der Koordination der Wirtschaftshilfe für Osteuropa
zu beauftragen, unterstreicht diese Rolle.

Wir sind nun froh, daß unsere Bedenken im großen
und ganzen durch intensive Gespräche auf beiden
Seiten des Atlantiks ausgeräumt wurden. Die Europäische Gemeinschaft hat in der Tat wichtige Schritte in
Richtung größerer Marktoffenheit und mehr Wettbewerb unternommen. Es wäre absurd, wenn wir gegenüber den osteuropäischen Volkswirtschaften die Segnungen einer freien Marktwirtschaft preisen, während
wir gleichzeitig immer größere Teilbereiche aus dem
Wettbewerb ausklammern.

Wenn wir vom Welthandel reden, schließt dies natürlich nicht nur die großen Industrienationen ein. Vor
allem der Dritten Welt muß in diesem Jahrzehnt die
Möglichkeit eingeräumt werden, ihre Volkswirtschaften zu entwickeln und am wachsenden Wohlstand in
der Welt teilzuhaben. Entwicklungshilfe der Industriestaaten ist ein wichtiger Beitrag für eine gerechtere
Welt. Aber ich glaube, daß es noch viel wichtiger ist,
daß die Menschen in der Dritten Welt ihr Brot selber
verdienen können. Das erfordert allerdings, daß wir
den Entwicklungsländern die Möglichkeit einräumen,
ihre Waren bei uns zu verkaufen, um Devisen zu
erwirtschaften. In dieser Hinsicht kann mein Land mit
Stolz vergleichsweise beachtliche Ergebnisse vorweisen.

Wir legen gro ßen Wert auf den Dialog mit der EG, denn
Differenzen können frühzeitig erörtert und ausgeräumt
werden. Wir wollen durch enge Konsultationen Handelskonflikte vermeiden, die die transatlantischen
Beziehungen insgesamt belasten könnten. So gelang

Im Jahre 1987 betrugen beispielsweise unsere Fertigwarenimporte aus der gesamten Dritten Welt mehr als
das Doppelte von dem, was die EG aus diesen Staaten
einführte. Aus den hochverschuldeten Ländern importierten wir im gleichen Jahr mehr als dreimal soviel

AMERIKA DIENST 9

Seite 5

�Fertigerzeugnisse wie die EG. Genauso bemerkenswert sind die unterschiedlichen Wachstumsraten an
Einfuhren aus diesen Staaten zwischen 1980 und
1987: sie nahmen im Bereich der Fertigwaren bei uns
um über 200 Prozent und in der EG nur um 73 Prozent
zu. Ich glaube, die wirtschaftliche Zukunft der Dritten
Welt würde um einiges besser aussehen, wenn auch
andere Industrienationen ihre Importe aus den Entwicklungsländern in etwa auf unser Niveau brächten.
Sie sehen, unser Engagement ist sowohl im Westen
als auch im Osten gefordert. Die Verschuldungskrise
der Dritten Welt verlangt unsere Aufmerksamkeit
genauso wie die wirtschaftlichen Reformen in Mittelund Osteuropa. Probleme im internationalen Handel
müssen gelöst, globalen Herausforderungen wie
Umweltproblemen, Drogenhandel und Terrorismus muß
gemeinsam begegnet werden. Auch ein vereintes

*

Seite 6

Deutschland braucht eine stabile Weltwirtschaftsordnung. Mit dem Abbau der Spannungen im Ost-WestVerhältnis und dem Niedergang des Kommunismus
sollten wir nicht nachlassen in unserem gemeinsamen
Bemühen um eine bessere Welt in Ost und West, in
Nord und Süd.
Meine Damen und Herren, wenn die Prognosen zutreffen und die Bedingungen sich nicht unerwartet verschlechtern, so stehen wir am Beginn eines vielversprechenden Jahrzehnts. Wie wohl selten zuvor in der
Geschichte haben wir in den vor uns liegenden Jahren
die große Chance, gemeinsam eine Welt des Friedens
und des Wohlstands für alle zu schaffen. Ich glaube,
wir sollten sie nutzen.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 9

�HANDELSPOLITIK
7. März 1990

ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN HAUPTZIEL
IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten hat am 28. Februar 1990 den jüngsten
"Jahresbericht des Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Programm über Handelsvereinbarungen" herausgegeben. Aus dem 91 Seiten umfassenden Bericht veröffentlichen wir nachfolgend das Kapitel mit dem Titel
"Die Tagesordnung für 1990" im Wortlaut.

Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts steht das Welthandelssystem an einem Scheideweg zwischen weiterer Liberalisierung und Expansion einerseits und Protektionismus und Rückgang
andererseits. Im Jahr 1990 wird die Bush-Administration die Kräfte des freien Handels in der ganzen Welt
durch den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde im Dezember unterstützen und stärken.

Um dieses Ziel zu erreichen, legt die handelspolitische
Tagesordnung der Administration im Jahr 1990 besondere Betonung auf folgende drei Ziele:

Die Administration wird überdies besonders engagiert eine Reihe von bilateralen und regionalen Maßnahmen verfolgen, die ihre multilateralen Ziele ergänzen.

Die Administration strebt an, bis Dezember 1990 in der
Uruguay-Runde Vereinbarungen mit folgenden Komponenten abzuschließen:

Ausgehend von dem festen Glauben an den Wettbewerb haben die Vereinigten Staaten eine führende
Rolle dabei übernommen, die Handelsschranken weltweit abzubauen. Mit dem Einsturz von Zollschranken
erhöhte sich der Welthandel von 61 Milliarden Dollar
im Jahr 1950 drastisch auf etwa 3 Billionen Dollar im
Jahr 1989.
Die Bush-Administration ist fest entschlossen, auf
diesem Erfolg aufzubauen. Die Administration hat
eine klare Vorstellung der von ihr angestrebten Welt:
Eine Welt, in der Unternehmer und nicht Regierungen
darüber entscheiden, wie Industriefirmen und landwirtschaftliche Betriebe miteinander konkurrieren und
Staaten Handel treiben. Die Administration ist der
Entwicklung eines Welthandelssystems verpflichtet,
das auf offenen Märkten und eindeutigen, zwingenden Regeln des Fairplays in allen Bereichen des
Handels gegründet ist.

AMERIKA DIENST 9

1. Stärkung und Ausweitung des internationalen Handelssystems durch erfolgreiche Verhandlungen über
ein ehrgeiziges Paket von Maßnahmen in der UruguayRunde.

Eine grundlegende Reform des internationalen
Agrarhandels, indem Exportsubventionen stufenweise abgebaut, sämtliche den Handel verzerrenden Subventionen und Zugangsschranken reduziert sowie die sanitären und phytosanitären Vorschriften harmonisiert werden, damit
die Landwirte ihrem Bedarf entsprechend anbauen können und ein angemessenes Einkommen
ohne staatliche Einmischung erzielen.
Verbesserung des Marktzugangs für Produkte
durch einen erheblichen Abbau der tarif ären und
nichttarifären Handelshemmnisse.
Erstellung von Regeln für den Handel in den
"neuen Bereichen" Dienstleistungen, geistiges
Eigentum und handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen.
Begrenzung von handelsverzerrenden staatlichen Subventionen.

Seite 1

�Verstärkte Integration der Entwicklungsländer
und deren Verantwortung innerhalb des GATTSystems sowie Begrenzung von Handelsbeschränkungen, die mit Zahlungsbilanzproblemen gerechtfertigt werden.
2. Ergänzung der Ziele der Uruguay-Runde durch
bilaterale und regionale Initiativen zur Marktöffnung
und -erweiterung.
Im Jahr 1990 wird die Administration weiterhin für die
Öffnung ausländischer Märkte und den Abbau von
Handelsschranken eintreten und ein breites Spektrum
bilateraler und regionaler Handelsinitiativen verfolgen.
Mit diesen Initiativen sollen der Trend zu marktorientierten Maßnahmen gefestigt und unfaire Handelspraktiken und Hemmnisse abgebaut werden, mit denen
die Chancen amerikanischer Exporteure eingeschränkt
werden. Sie sollen die Ziele der Uruguay-Runde zur
Marktöffnung ergänzen.

dem (im Jahr 1989 in Australien begonnenen) APECProzeß beteiligen, insbesondere um die Übereinstimmung unter den 12 APEC-Staaten zu fördern, sich
aktiv für ein ehrgeiziges Ergebnis der Uruguay-Runde
einzusetzen.
Nordamerika
Die Verwirklichung des amerikanisch-kanadischen
Freihandelsabkommens (FI"A): In enger Zusammenarbeit mit Kanada wird die Administration weiterhin
daran arbeiten, die handeis- und wachstumsfördernden Auswirkungen des FTA zu verstärken.

Zu diesen Maßnahmen gehören Initiativen in folgenden Bereichen:

Mexiko: Die Administration wird weiterhin eng mit
Mexiko zusammenarbeiten, um die Handels- und
Investitionstätigkeit zu intensivieren und die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos im Rahmen der im Oktober
1989 von den Präsidenten Bush und Salinas initiierten
Gespräche über Erleichterungen bei Handel und Investitionen sowie gemäß der Rahmenvereinbarung von
1987 (in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie,
Dienstleistungen, Zölle und Investitionen) zu fördern.

Pazifisches Becken:

Europa und Mittelmeer

Japan: Die Vereinigten Staaten führen zur Zeit ein
breites Spektrum von Initiativen in bezug auf Japan
durch, die sicherstellen sollen, daß der japanische
Markt offen ist und dem Wettbewerb unterliegt. Zu
diesen Initiativen gehören sektorale Gespräche und
Verhandlungen über Satelliten, forstwirtschaftliche
Produkte, Halbleiter, Telekommunikation, Dienstleistungen im Baugewerbe und andere Bereiche.

EG 1992: Die Administration beobachtet aktiv die
Schaffung eines gemeinsamen EG-Binnenmarkts bis
zum Jahr 1992, um sicherzustellen, daß dies nicht zu
neuen Handelsschranken an den Grenzen der EG
führt, während die inneren Grenzen abgebaut werden.
Zu diesen Bemühungen werden weitere bilaterale
Konsultationen gehören sowie gegebenenfalls Maßnahmen in internationalen Foren.

Ferner wird im Juli 1990 ein Abschlußbericht über die
Gespräche der Initiative über strukturelle Hindemisse
erstellt werden, die sich mit systemimmanenten Wettbewerbs- und Handelsschranken in Japan beschäftigen. Die Vereinigten Staaten erwarten für das Frühjahr 1990 einen Zwischenbericht sowie einen Plan für
konkrete strukturelle Veränderungen und eine "Anzahlung" in Form von substantiellen ersten Schritten
bis Juli.

Osteuropa und die Sowjetunion: Die Bush-Administration unternimmt verschiedene wichtige Schritte,

Ostasien: Die Vereinigten Staaten führen intensive
bilaterale Konsultationen und Verhandlungen mit den
neuen Industriestaaten Ostasiens, insbesondere Korea und Taiwan. Ziel dieser Gespräche ist der Abbau
von Handelsschranken in diesen Ländern, die Sicherstellung eines offenen und dem Wettbewerb unterliegenden Umfelds im Zuge der Entwicklung dieser Staaten sowie eine Ausweitung ihrer Verantwortung im
Welthandelssystem.

Das amerikanisch-israelische Freihandelsabkommen
(FTA): Die Vereinigten Staaten arbeiten bei der Durchführung des FTA eng mit Israel zusammen.

Initiative USA - ASEAN: Die Administration arbeitet
eng mit den ASEAN-Staaten zusammen, um im Rahmen der Initiative USA - ASEAN Märkte zu öffnen und
geistiges Eigentum zu schützen.
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftszusammenarbeit
(APEC): Die Vereinigten Staaten werden sich aktiv an

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um die Hinwendung der osteuropäishcen Länder und

der Sowjetunion zu freien Marktwirtschaften und offenen Handelssystemen zu unterstützen. Solche Bestrebungen zielen darauf ab, gegebenenfalls Handels und Investitionsabkommen auszuhandeln und diese
Länder in Abstimmung mit anderen US-Handelspartnern in das Welthandelssystem zu integrieren.

Lateinamerika und die Karibik
Die Administration unterstützt verschiedene Initiativen
zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in
Lateinamerika und der Karibik zugunsten der Marktwirtschaft und niedrigerer Handels- und Investionshemmnisse. Zu diesen Maßnahmen zählen:
Die Initiative für das Karibische Becken (Caribbean
Basin Initiative - CBI). Die Administration arbeitet am
Ausbau und der verbesserten CBI-Durchführung, insbesondere indem sie gemeinsam mit dem Kongreß die
Verabschiedung von Gesetzen zur Förderung der CBI
gewährleistet.
AMERIKA DIENST 9

�Handelsinitiative für die Anden. Die Administration
arbeitet mit den Andenstaaten zusammen, um den
Handel auszubauen, die wirtschafltiche Entwicklung
anzukurbeln und den Schwerpunkt der Volkswirtschaften vom Drogenhandel auf andere Bereiche zu verlagern. Präsident Bush hat zur Verwirklichung dieser
Ziele am 1. November 1989 ein erstes Paket von
Programmen vorgestellt.
Sektorale Bestrebungen
Programm zur Liberalisierung im Stahlsektor. 1990
wird die Administration die 1989 nach dem Liberalisierungsprogramm im Stahlsektor erzielten Abkommen
durchführen, in denen die Länder übereingekommen
sind, Subventionen und andere handelsverzerrende
Praktiken im Stahlsektor abzuschaffen.
initiative für die Werftindustrie. Die Administration wird
auf bilateraler Ebene und in der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
auf multilateraler Ebene ein Abkommen zur Abschaffung von Subventionen und anderen Formen der
Unterstützung für die Werftindustrie aushandeln. Die
Vereinigten Staaten haben den 31. März 1990 als
Termin gesetzt, bis zu dem greifbare Fortschritte erzielt werden sollen. Bis Mitte des Jahres 1990 soll ein
Abkommen erzielt sein.

*

AMERIKA DIENST 9

3.
Amerikanische Handelsgesetze sollen auf eine
Weise durchgesetzt und durchgeführt werden, in der
freie Marktwirtschaft und fairer Handel gefördert werden.
Die Administration wird sich amerikanischer Handelsgesetze bedienen, um ihre multilateralen und bilateralen Ziele - freie Märkte und fairen Handel - abzurunden.
Dazu zählt die Durchführung der Handelsgesetze von
1988, insbesondere der Abschnitte "Super 301" und
"Special 301", der Kapitel über Telekommunikation
und "Buy American" auf eine Weise, die den multilateralen Zielen der Vereinigten Staaten Rechnung trägt.
Darüberhinaus setzt sich die Administration für Handelsgesetze ein, die den Lebensstandard steigern und
die Rechte der Arbeitnehmer in allen Ländern verbessern. Die Administration wird weiterhin gemäß Abschnitt 301 gegebenenfalls ihren Einfluß geltend machen,
um offene Märkte zu gewährleisten.
Schlie ßlich werden die Kartellgesetze und die Gesetze
über Ausgleichszölle, das Allgemeine Präferenzsystem und die Bestimmungen des Handelsgesetzes zur
Gewährleistung der Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten gewissenhaft durchgeführt.

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
7. März 1990

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim Initiatiatlvkreis Ruhrgebiet
BOCHUM - (AD) - In einer Rede vor dem Initiativkreis Ruhrgebiet der deutschen Wirtschaft in Bochum erklärte Botschafter Walters am 2. März 1990, es wäre fatal, wenn die europäischen Staaten aufgrund der
Entwicklungen in Europa weltweiten Problemen weniger Aufmerksamkeit schenken würden als bisher. "Die
Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten,
insbesondere der großen Industrieländer. Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame Antworten auf
Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise
ebenso wie der Schutz unserer Umwelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute zu Ihnen im Ruhrgebiet
sprechen zu können. Ich bin gern hierher gekommen,
und es ist für mich ein Vergnügen und eine Bereicherung zugleich, Gast in einer der modernsten Industrieregionen der Welt zu sein.
Einige von Ihnen wissen vielleicht, daß ich bereits im
Jahre 1948 in dieser Gegend war. Ich kam hierher als
Mitarbeiter von Averell Harriman, dem damaligen
Sonderbeauftragten unserer Regierung für den Wiederaufbau Europas. Manche von Ihnen werden sich
erinnern, wie es in jenen Tagen hier aussah. Die
Städte waren verwüstet, es herrschte große Not, viele
Menschen lebten auf engstem Raum in heute unvorstellbaren Unterkünften.
Angesichts der Zerstörung und der Not konnte ich mir
damals einen Wiederaufbau noch zu meinen Lebzeiten nicht vorstellen. Ich war beeindruckt, mit welcher
Tatkraft und Entschlossenheit die Menschen den Schutt
wegräumten und Straßen und Gebäude wieder errichteten. Ich erinnere mich auch noch gut, wie Frauen und
Männer, alte Menschen und Kinder jeden Ziegel aus
den Trümmern einzeln zurechtklopften, um damit
beschädigte Häuser zu reparieren oder neue zu errich-

AMERIKA DIENST 9

ten. Ich spürte den Willen der Menschen, ihre Stadt
und ihr Land wieder aufzubauen. Aber dennoch war in
jenen Tagen ein "deutsches Wirtschaftswunder" unvorstellbar.
Nach den Jahren des Booms mußte sich auch das
Ruhrgebiet - wie andere Kohle- und Stahlregionen dem Strukturwandel stellen. Mir wurde berichtet, daß
dieser Prozess erfolgreich verläuft und man hier inzwischen mehr von der Hochtechnologie als vom Hochofen und mehr vom Computer als von der Kohle
spricht. Ich habe mich gefreut, zu hören, daß im
Rahmen der wirtschaftlichen Erneuerung ein fruchtbarer Gedankenaustausch zwischen dem Ruhrgebiet
und Industrieregionen Amerikas stattfand. Wie ich
erfuhr, fanden vor allem unsere Technologieparks und
die enge Zusammenarbeit zwischen amerikanischen
Universitäten und Unternehmen Ihr Interesse.
Lassen Sie mich an dieser Stelle besonders die
Bemühungen der Ruhrstädte würdigen, deutschamerikanische Freundschaft zu pflegen und zu intensivieren. Als Beispiele nenne ich nur das Charles Ives
Festival in Duisburg und die Auslandskulturtage 1986
in Dortmund. Ich brauche nicht zu erwähnen, wie
wichtig es für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ist, daß sich Menschen aus unseren Ländern
Seite 1

�begegnen und kennenlernen. Sie haben Hervorragendes in dieser Hinsicht geleistet. Dafür danke ich Ihnen.

offenen Märkten und fairen Wettbewerbsbedingungen
für die gesamte Weltwirtschaft.

Das Ruhrgebiet wird als das industrielle Herz Deutschlands bezeichnet. Aber heute schlägt dieses Herz
nicht für Deutschland allein. Es schlägt für ein Europa,
das sich in einer Zeit gewaltiger Veränderungen befindet. Die Länder der Europäischen Gemeinschaft
errichten einen Binnenmarkt und intensivieren ihre
Zusammenarbeit auch im politischen Bereich. Die
Bürger der DDR und die Völker Osteuropas haben den
Eisernen Vorhang weggerissen und nach jahrzehntelanger Unterdrückung die Freiheit errungen. Ein
Kontinent, der so viele Kriege wie wohl kein anderer
durchlitten hat, den Religionen und Ideologien gespalten haben, wächst zusammen.

Ohne das Thema weiter auszuführen, möchte ich doch
noch das Atlantische Bündnis als zentralen Faktor für
die Nachkriegsentwicklung in Europa hervorheben.
Unsere gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen
haben dem kommunistischen Expansionsstreben Einhalt
geboten und Westeuropa ein Leben in Freiheit ermöglicht. Unser Verteidigungsbündnis beruht auf Werten
wie Demokratie und der Achtung der Menschen- und
Bürgerrechte. Die Reformer im Osten wußten deshalb, daß von uns keine Gefahr ausgeht und wir sie
willkommen heißen in der Gemeinschaft freier Völker.

Wir sind alle sehr glücklich über diese Entwicklung.
Mein Land hat zweimal in diesem Jahrhundert Soldaten nach Europa geschickt, um Krieg und Gewaltherrschaft zu beenden. Aufgrund dieser Erfahrung waren
wir entschlossen, nach Kriegsende alles zu tun, um
Frieden und Freiheit in Europa zu wahren. In den
nachfolgenden Jahren schufen wir gemeinsam mit den
Völkern Westeuropas die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, um einen erneuten "Bürgerkrieg der Europäer", wie Churchill einmal sagte, zu
verhindern.
Ein entscheidendes Instrument für den Aufbau der
Demokratie und für die Sicherung der Freiheit in Europa war sicherlich das Wiederaufbauprogramm Präsident Trumans. Zwischen 1948 und 1952 betrug die
amerikanische Wirtschaftshilfe für Europa rund 13
Milliarden Dollar. Jährlich entsprach dies damals
zwischen fünf und zehn Prozent des amerikanischen
Bundeshaushalts oder zwei Prozent unseres Sozialprodukts. Umgerechnet auf den heutigen Dollarwert
hat damals jeder Amerikaner rund 1200 Dollar für der
Wiederaufbau Europas ausgegeben.
Der Marshallplan bot ein Startkapital, das die Europäer
klug einsetzten und das materiellen wie ideellen Erfolg
brachte. Die eintretende positive Wirtschaftsentwicklung erhöhte die Akzeptanz sowohl der marktwirtschaftlichen Ordnung als auch der demokratischen
politischen Systeme in Westeuropa.
Der Marshallplan hatte aber eine weitere bedeutende
Funktion: er brachte ehemalige Kriegsgegner, wie
Deutsche und Franzosen, zusammen und legte den
Grundstein für den Integrationsprozess in Westeuropa. Wir Amerikaner befürworteten stets die europäische Einigung. Die USA ermutigten und unterstützten
die beteiligten Länder bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl am 18. April
1951. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durch die Römischen Verträge sechs Jahre später. In der Errichtung
des Europäischen Binnenmarktes bis Ende 1992 sehen
wir eine Chance nicht nur für Europa, sondern bei

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Mit Blick auf die historischen Ereignisse in den letzten
Jahren und Monaten empfinde ich große Hochachtung
vor den Deutschen in der DDR und den Völkern Mittelund Osteuropas. Es erfordert unglaublichen Mut und
Willen, ein totalitäres System mit seinem umfangreichen Unterdrückungsapparat zu stürzen. Aber schließlich war die Idee der Freiheit und der Demokratie
stärker als Mauer und Stacheldraht. Thomas Jefferson sagte einmal: "Nichts ist im Buch der Geschichte
eindeutiger festgeschrieben, als daß die Menschen
frei sein sollen." Dieser Satz hat sich wieder einmal
bewahrheitet.
Nun sieht Präsident Bush unsere Aufgabe darin, "die
Früchte dieser friedlichen Revolutionen zu konsolidieren und die Architektur für einen kontinuierlichen und
friedlichen Wandel zu schaffen." Außenminister Baker
unterstrich vor dem Berliner Presseclub am 12. Dezember 1989 unser Interesse, gemeinsam mit den
europäischen Völkern auf ein neues Europa und einen
neuen Atlantizismus hinzuarbeiten. Er bekräftigte die
Aussage Präsident Bushs, daß "die Vereinigten Staaten eine europäische Macht sind und bleiben." Eine
aktive Rolle meines Landes in Europa wird von unseren Verbündeten ausdrücklich gewünscht. Beispielsweise hat Bundeskanzler Kohl wiederholt davon gesprochen, daß auch die Vereinigten Staaten und Kanada
eine Wohnung im gemeinsamen europäischen Haus
haben müßten.
Zur deutschen Frage hatte ich bereits Gelegenheit, vor
der Versammlung des Kommunalverbandes zu sprechen. Deshalb möchte ich hier nur kurz erwähnen, daß
wir immer mit Nachdruck für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen eingetreten sind. Präsident Bush
hat am letzten Wochenende gegenüber dem Bundeskanzler die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die deutsche Einheit wiederum bekräftigt. Der amerikanische Präsident und der Bundeskanzler sind sich
einig, daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied der
NATO bleibt.
Ich weiß, die deutsche Frage und die Demokratisierung Osteuropas sind nach der jahrzehntelangen ideologischen Spaltung dieses Kontinents außerordentlich
faszinierend. Seit einem halben Jahrhundert habe ich

AMERIKA DIENST 9

�die Ereignisse in Europa sowohl als Soldat als auch in
Regierungsämtern verfolgt. Und ich kann nur staunen:
Entwicklungen, die früher Jahre brauchten, laufen
heute in Tagen ab.
Aber bei aller Begeisterung über die historischen Entwicklungen in Europa dürfen wir nicht vergessen, daß
wir auch noch andere wichtige Aufgaben und Herausforderungen in diesen Jahren zu bewältigen haben.
Die Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten, insbesondere der großen Industrieländer.
Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame
Antworten auf Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise ebenso wie der Schutz unserer Umwelt.
Es gibt aber viele, die ein nachlassendes Interesse der
Europäer an globalen Fragen befürchten. Der deutsche Einigungsprozess, der europäische Binnenmarkt
und die Reformen in Osteuropa erfordern sicherlich
eine Bündelung vieler Kräfte. Jedoch wäre es fatal,
wenn deswegen die europäischen Staaten weltweiten
Problemen weniger Bedeutung als bisher beimessen
würden.
Wie Sie wissen, hat der Gang der Weltwirtschaft auf
die politischen und wirtschaftlichen Prozesse und auf
die Stabilität in Europa entscheidenden Einfluß. Die
gegenwärtig günstige Konjunktur erlaubt es beispielsweise der Bundesregierung, Milliarden für die DDR zur
Verfügung zu stellen, ohne daß die Bundesbürger den
Gürtel spürbar enger schnallen müssen. Stellen Sie
sich vor, welche zusätzlichen Probleme der Zuzug von

Aus- und Übersiedlern in einer Rezession der Bundesrepublik bereiten würde? Eine Wirtschaftskrise würde
den Westen in Bedrängnis bringen und möglicherweise in den jungen Demokratien im Osten zu chaotischen Zuständen führen.
Die Weltwirtschaft jedoch ist anfällig für Störungen
verschiedenster Art. Eine enge internationale Kooperation und Koordination im Bereich der Wirtschaftsund Finanzpolitik ist deshalb unerläßlich. In den nächsten Jahren geht es darum, die Ungleichgewichte im
internationalen Handel zu beseitigen, um vor allem der
Gefahr des Protektionismus zu begegnen. Staaten mit
einem Leistungsbilanzdefizit wie die USA müssen
einen Beitrag hierzu leisten, aber auch Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan.
Noch in diesem Jahr wollen wir in der sogenannten
GATT Uruguay-Runde verläßliche und effiziente
Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen.
Weitreichende Zollsenkungen seit dem Inkrafttreten
des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens am 1.
Januar 1948 haben maßgeblich zur Ausweitung des
Welthandels und der internationalen Arbeitsteilung in
den letzten Jahrzehnten beigetragen. Nun gilt es, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.

AMERIKA DIENST 9

Für meine Regierung ist ein erfolgreicher Abschlu ß der
GATT-Runde im Dezember dieses Jahres von außerordentlicher Wichtigkeit. Ein Scheitern dieser Konferenz, so befürchten wir, würde das Entstehen von
Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen fördern und dem Protektionismus Tür und Tor öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens, eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens, die Erweiterung des GATT-Systems auf
Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens, einen verbesserten Zugang zu den Märkten;
viertens, die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens, eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im großen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig, und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem
machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG

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�hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Es ist doch so, daß protektionistische Maßnahmen
hier und da das ganze System in Gefahr bringen.
Staatlicher Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in anderen Ländern. Ich gebe zu, daß
auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz
ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung
hat ihre Bereitschaft hierzu erklärt. Aber, um unsere
Handelsbeauftragte, Carla Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten. Wir möchten, daß alle bei
der Reform des Welthandels mitmachen. Die Uruguay-Runde könnte nach den Worten von Carla Hills
"die letzte gute Chance in diesem Jahrhundert sein,
ein wahrlich freies Handelssystem, das auf Wettbewerb beruht, zu schaffen." Nutzen wir gemeinsam
diese Chance.
Lassen Sie mich abschließend noch ein paar Worte
über die größte Herausforderung unserer Zeit sagen,
mit der sich nicht nur unsere beiden Länder, sondern
die gesamte internationale Staatengemeinschaft konfrontiert sieht. Diese Herausforderung hat nichts mit
Panzern und Kanonen, nichts mit Gewinnen und Verlusten, nichts mit Leistungsbilanzüberschüssen und
defiziten zu tun. Nein, aus meiner Sicht besteht heute
für uns alle die größte und wichtigste Aufgabe darin,
den kommenden Generationen weltweit eine gesunde, intakte Umwelt zu hinterlassen.
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland nehmen im Umweltschutz eine führende Rolle in
der Welt ein. Unsere Regierungen sind sich ihrer
Verantwortung bewußt und entwickeln vernünftige
politische Konzepte zum Schutz unserer natürlichen
Lebensverhältnisse auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir haben die Mittel für
Umweltforschung in den letzten Jahren beträchtlich
erhöht. In diesem Haushaltsjahr geben die Vereinigten Staaten beispielsweise etwa 500 Millionen Dollar
für interdisziplinäre Forschungsprogramme über globale Umweltprobleme aus. Ich kann heute mit Stolz
sagen, daß ein sehr großer Teil der derzeitigen Erkenntnisse über die Erwärmung der Erdatmosphäre
auf amerikanischen Forschungsarbeiten basieren, die
von unserer Regierung finanziert wurden.

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Schon Mitte der siebziger Jahre wiesen Forschungslabors kalifornischer Universitäten den Ozonverlust in
der Troposphäre nach. Sie entdeckten, daß bestimmte chemische Substanzen zur Schädigung der lebenswichtigen Ozonschicht beitragen könnten. Die amerikanische Regierung nahm die Gefahr sehr ernst und
handelte schnell. Noch vor Ablauf des Jahrzehnts
hatte sie die Verwendung von gefährlichen Treibgasen
in Sprays verboten. Gleichzeitig bemühten wir uns um
einen internationalen Rahmen zum Schutz der Ozonschicht. Aus dieser Zusammenarbeit mit anderen
Staaten ergab sich 1987 das Protokoll von Montreal.
Es sieht vor, die Emission von Stoffen, die die Ozonschicht gefährden, zunächst auf dem gegenwärtigen
Stand einzufrieren, zu verringern und schließlich ganz
zu verbieten.
Eine zweite große Gefahr für das Leben auf der Erde
ist weit komplexer. Es ist die weltweite Klimaerwärmung durch den sogenannten Treibhauseffekt. Klimatologen sind zunehmend davon überzeugt, daß die
vom Menschen verursachten Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Gasen eine treibhausähnliche Erwärmung der Erdatmosphäre bewirken. Mathematische Modellrechnungen hierzu haben ergeben, daß bis Mitte des nächsten Jahrhunderts eine
weltweite Erwärmung in der Größenordnung von 1,5
bis 4,5 Grad Celsius eintreten könnte. Wenn diese
Prognosen sich bewahrheiten, hätte dies möglicherweise ein gefährliches Ansteigen des Meeresspiegels,
veränderte Niederschlagsverhältnisse und geographische Verschiebungen im Bereich der Land- und Forstwirtschaft zur Folge.
Wir sollten deshalb schnell vernünftige Maßnahmen
einleiten, selbst wenn noch keine vollkommenen Erkenntnisse zur Erwärmung der Erdatmosphäre vorliegen. Eine Reduzierung der FCKW-Emissionen zum
Schutz der Ozonschicht hätte auch positive Auswirkungen auf den Treibhauseffekt, denn diese chemische Verbindung soll zu fast einem Fünftel auch dafür
verantwortlich sein. Ebenfalls ist es wichtig, daß wir
zur Verringerung des Kohlendioxids in der Atmosphäre unsere Wälder bewahren und neue Bäume pflanzen.
Schließlich wird das von der amerikanischen Regierung vorgelegte Gesetz zur Reinhaltung der Luft nicht
nur eine Verbesserung der Lebensqualität in unseren
Städten bewirken, sondern auch auch eine beträchtliche Verringerung der Kohlendioxidemissionen mit sich
bringen. Ich weiß, daß auch die Bundesrepublik und
insbesondere das Ruhrgebiet, in den letzten Jahren
große Anstrengungen zur Luftreinhaltung unternommen und bemerkenswerte Erfolge auf diesem Gebiet
vorzuweisen haben.
Präsident Bush legt größten Wert auf eine weltweite
Kooperation in Umweltfragen. Er hat deshalb kürzlich
die Einberufung einer internationalen Umweltkonferenz nach Washington vorgeschlagen. Das Ziel dieser
AMERIKA DIENST 9

�Konferenz soll sein, ein Rahmenabkommen über
Maßnahmen gegen eine weitere Erwärmung der Erdatmosphäre zu treffen.

Kommunikation und eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen europäischen und amerikanischen
Institutionen unerläßlich.

Die Bereitschaft so vieler Länder in Ost und West, in
Umweltfragen zusammenzuarbeiten, erfüllt mich mit
Zuversicht. Auch die guten Beziehungen zwischen
den westlichen Industrieländern stimmt mich in dieser
Hinsicht optimistisch. Wir haben die erfolgreichste
Verteidigungsallianz der Geschichte und ein florierendes Weltwirtschaftssystem geschaffen. Ich glaube,
wir können durch enge wissenschaftlich-technische
Zusammenarbeit und durch politische Koordination
auch die globalen Umweltprobleme in den Griff bekommen.

Meine Damen und Herren, seit über vierzig Jahren sind
die Vereinigten Staaten und Westeuropa auf politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten eng
verbunden. Auf diese Erfahrung können neue und
erweiterte Formen der transatlantischen Kooperation
aufbauen. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, wird die NATO weiterhin das wichtigste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa sein. Sie wird
möglicherweise neue Aufgaben übernehmen. Der
KSZE-Prozeß wird zu einem wichtigen Forum der Zusammenarbeit zwischen Ost und West werden. Und
schließlich entwickelt sich die EG mehr und mehr zu
einem Stützpfeiler im transatlantischen Verhältnis.

Meine Damen und Herren, für uns Amerikaner sind die
Europäer Verbündete und die idealen Partner in internationalen politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Uns verbinden gemeinsame Werte, gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Institutionen. Der europäische Einigungsprozess und die
Entwicklungen in Osteuropa sollten jedoch nicht zu
einer Lockerung der transatlantischen Beziehungen
führen. Im Gegenteil, angesichts der Fülle der Aufgaben und Herausforderungen ist eine Verbesserung der

*

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*

Gemeinsam haben wir über vier Jahrzehnte lang
Verantwortung für Sicherheit, Frieden und Stabilität in
Westeuropa getragen. Gemeinsam sollten wir nun
Verantwortung für eine Welt im Wandel tragen. Das
Zusammenwachsen Europas sollte auch die Alte und
die Neue Welt noch näher zusammenführen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

*

Seite 5

�OSTEUROPA
7. März 1990

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem CIA-Direktor William Webster zufolge ist der sich in der Sowjetunion und dem
ehemaligen sowjetischen Imperium vollziehende Wandel faktisch unumkehrbar. Selbst wenn sowjetische
Betonköpfe wieder die Regierung übernehmen würden, wäre eine Reaktivierung des Warschauer Pakts durch
die Sowjetunion unwahrscheinlich, erklärte Webster am 1. März 1990 vor dem Streitkräfteausschuß des
Repräsentantenhauses.
"Aufstände" in der kommunistischen Welt, so Webster, "werden zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein.
In folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:

Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.
Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich als ernsthafte Alternative zu demokratischem Pluralismus
und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht mit
Ausnahme einiger rückständiger, isolierter Nationen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des CIA-Direktors im Wortlaut.

Ein revolutionärer Wandel vollzieht sich in dem ehedem als Ostblock bezeichneten Gebiet. Kommunistische Parteien und marxistische Doktrinen sind gescheitert. Lange unterdrückte Völker kommen allmählich in den Genuß politischer und persönlicher Freiheiten, beginnen mit der Planung von Marktwirtschaften
und der Gestaltung neuer, von in Traditionen des
Humanismus und der Aufklärung verwurzelter Gesellschaften.
Während diese Aufstände an Dynamik gewinnen, werden
sie zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein. In
folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:
Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.

AMERIKA DIENST 9

Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich
als ernsthafte Alternative zu demokratischem
Pluralismus und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht
mit Ausnahme einiger rückständiger, isolierter
Nationen.
Ich möchte damit jedoch nicht behaupten, daß Ereignisse wie im letzten Juni auf dem Tiananmen-Platz in
Peking sich nicht andernorts wiederholen könnten.
Zweifelsohne könnte der sowjetische und osteuropäische Reformprozeß zusammenbrechen oder von
reaktionären Kräften unterdrückt werden. In der Mehrzahl
dieser Länder wäre eine Umkehr der Reformen durch
die Betonköpfe jedoch sehr viel schwieriger und teurer
als es in China bisher der Fall war. In der Sowjetunion

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�könnte eine Umkehr der Politik Gorbatschows nur
durch seinen Sturz vollzogen werden. Dies scheint im
Augenblick wenig wahrscheinlich. Tatsächlich hat das
Zentralkomitee im vergangenen Monat Gorbatschows
Position noch verstärkt und gleichzeitig angekündigt,
den Reformprozeß voranzubringen und das Machtmonopol der Kommunistischen Partei zu beenden.
Dennoch sind die Perspektiven für die derzeitige Führung
und die Sowjetunion selbst auf lange Sicht unsicher.
Ethnische und andere Spannungen werden weiterbestehen, während die Reformwilligen und eine zunehmend mobilisierte Bevölkerung sich mit Problemen
ungekannten Ausmaßes auseinandersetzen. Die
Instabilität wird durch ernsthafte und sich noch verschärfende Wirtschaftsprobleme geschürt.
Wie ich bereits ausgeführt habe, Herr Vorsitzender,
haben diese Ereignisse tiefgreifende Auswirkungen.
Wir können die gegenwärtige Situation und alternative
Zukunftsszenarien in der Sowjetunion mit einem
gewissen Maß an Vertrauen einschätzen. Aber wir
können nicht mit mehr Sicherheit als die sowjetische
Führung selbst vorhersagen, wie sich die derzeitigen
Unruhen in der UdSSR langfristig entwickeln werden.
Obwohl zahlreiche positive Entwicklungen Grund zu
Optimismus sind, müssen wir dennoch realistisch und
wachsam bleiben.
Wie ich im Januar erklärt habe, verfolgen die Sowjets
ein umfassendes strategisches Modernisierungsprogramm. Die Fähigkeiten ihrer strategischen Streitkräfte werden insgesamt geschützt und in gewisser Weise
verbessert. Ich möchte mich hier zu diesem Thema
nicht wiederholen, es sei denn, um nochmals zu betonen, wie wichtig die Aufrechterhaltung eines fähigen
Nachrichtendienstes ist, damit wir weiterhin das gesamte Spektrum sich verändernder sowjetischer Programme, Maßnahmen und Prioritäten überwachen
und einschätzen können.
Osteuropa
Ich möchte mich jetzt den Reformprozessen in Osteuropa und der Möglichkeit ihrer Umkehrung zuwenden.
Auf den Punkt gebracht: Die reaktionären Kräfte sind
wahrscheinlich zu schwach und diskreditiert, um in der
Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen wieder an die Macht zu gelangen. Die Aussichten für
Demokratie und Martkwirtschaften in diesen Ländern
scheinen relativ gut. Die Aussichten für Rumänien und
Bulgarien sind jeoch etwas unsicherer.
Lange Zeit unterdrückte demokratische Werte und
Traditionen sind in den vier am weitesten entwickelten
Ländern Osteuropas zu neuem Leben erwacht und
werden mit den zunehmenden Forderungen der Bevölkerung nach mehr Freiheit stärker. In der Tschechoslowakei wurden zum Beispiel bereits über40 neue
politische Parteien gegründet, und weitere formieren
sich im Zuge der Vorbereitungen auf die im Juni

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stattfindenden Parlamentswahlen. Das Spektrum der
neuen demokratischen Kräfte ist in Ungarn ebenso
breit, wo über ein Dutzend Parteien und eine Vielzahl
von Interessengruppen auf den Plan getreten sind.
Gleichzeitig hält der Verfall der kommunistischen
Parteien und anderer Relikte der alten Regime an.
Streitkräfte und Geheimpolizei sind in der Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen als Werkzeuge
der Unterdrückung unzuverlässig geworden.
Trotzdem wird es für alle osteuropäischen Nationen
schwierig sein, den von ihnen gewünschten Übergang
zu bewerkstelligen. Sie werden erhebliche Zuflüsse
westlichen Kapitals benötigen, obwohl drei von ihnen
- Polen, die DDR und Ungarn - bereits hohe Schulden
in harter Währung aufweisen. Polen hat am meisten
zur Öffnung seiner Volkswirtschaft getan, aber es
werden weiterhin Probleme - darunter auch größere
Spannungen innerhalb der Solidarität - auftreten.
In Bulgarien und Rumänien gibt es vielfältige und
ernste Schwierigkeiten. Die Reformbewegungen sind
nicht so stark, die Demokratie hat wenig Tradition,
wirtschaftliche und ethnische Spannungen sind ausgeprägt, und potentiell repressive Überreste der alten
Regime sind weiterhin vorhanden. Aber selbst auf
dem Balkan hat die Liberalisierung beim Volk breite
Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten
hervorgerufen.
Die militärische Bedrohung der NATO
Als Ergebnis der Veränderungen in Osteuropa und
sowjetischer Maßnahmen seit der Rede Präsident
Gorbatschows bei den Vereinten Nationen im Dezember 1988 wurde die Bedrohung der Vereinigten Staaten und der NATO durch den Warschauer Pakt erheblich abgebaut.
In einem Konflikt mit der NATO könnten sich die
sowjetischen Militärplaner nicht mehr auf die
osteuropäischen Streitkräfte verlassen.
Moskau hat sich prinzipiell bereiterklärt, das
Gros seinerTruppen aus Polen, Ungarn und der
Tschechoslowakei abzuziehen. Erhebliche Reduzierungen werden dieses Jahr stattfinden.
Der bereits vorgenommen Abbau hatte eine
Verlängerung des Zeitraums zur Folge, den die
Sowjets zur Mobilisierung für einen Großangriff
in Europa benötigen würden. Trotzdem muß
jedoch festgestellt werden, daß die verbleibenden sowjetischen Streitkräfte umfangreich und
leistungsfähig sind.
Der Abzug sowjetischer Streitkräfte aus Osteuropa
scheint planmäßig zu verlaufen. Drei Panzerdivisionen und zusätzliche Panzer - insgesamt 2 700 - wurden abgezogen, und eine ebensogroße Zahl sollte bis
zum Jahresende abgebaut werden, wenn Moskau

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�seinen Absichtserklärungen gerecht wird. Sowjetische Sturmlandeformationen und -einheiten sowie
Einheiten für Sturmangriffe über Gewässer wurden
ebenfalls aus Osteuropa abgezogen.
Präsident Gorbatschow ist überdies fest entschlossen, 800 Kampfflugzeuge aus Osteuropa und der
westlichen UdSSR zurückzuziehen und den Gesamtumfang der sowjetischen Streitkräfte bis zum Jahresende um 500 000 Mann zu verringern.
Eine Umkehrung der geplanten oder bereits vollzogenen dramatischen Veränderungen wird immer schwieriger. Um dies zu tun, müßte eine neue orthodoxe
Führung in Moskau die traditionelle Militärdoktrin sowie
althergebrachte Beschaffungsprioritäten wiedereinführen oder sich neue zu eigen machen. Beides wäre mit
Unruhe und hohen Kosten verbunden und würde
zumindest kurzfristig zu einem erheblich geringeren
Bereitschaftsgrad führen.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die Wiederherstellung der Streitkräfte in ihrem früheren Umfang bei
einer des Mangels und der Opfer ohnehin überdrüssigen Bevölkerung unpopulär wäre. Eine Umkehrung
der von Gorbatschow bei den Militärausgaben gesetzten Prioritäten würde die Umleitung knapper Ressourcen und industrieller Kapazitäten von ziviler zu militärischer Produktion erfordern. Dies würde unweigerlich
zu einer weiteren Zerrüttung der Volkswirtschaft führen und könnte einen Volksaufstand provozieren.
Die Dauerhaftigkeit der sowjetischen Reformen
ich wende mich nun den komplexen und zwangsläufig
spekulativen Fragen zu, die sich auf die Dauerhaftigkeit des sowjetischen Reformprozesses beziehen. Am
wichtigsten ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß ein
Mittelweg in der UdSSR heute nicht mehr gangbar ist.
Der innenpolitische Prozeß tendiert zu einer Polarisierung zwischen denjenigen, die den Reformprozeß
anhalten wollen und denen, die nach noch radikaleren
Reformen streben. Unter ersteren sind viele, die sich
nach der Ordnung, Disziplin und zentralen Autorität
der stalinistischen Vergangenheit sehnen und deren
Ängste sich mit zunehmender Unruhe und Unsicherheit verstärkt haben. Diese Ansichten sind bei einigen
Vertretern von Militär, Partei und Staatsapparat verbreitet. Unterschwellig gehört dazu auch ein Element
des russischen Nationalismus.
Diejenigen, die eine Beschleunigung der Reformen
verlangen, haben jedoch immer noch die Oberhand,
und viele Sowjetbürger drängen auf radikale Veränderungen. Seit dem letzten Juli, als Präsident Gorbatschow direkte Verhandlungen mit den gewählten
Vertretern streikender Bergleute anordnete, hat sich
sogar eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung
entwickelt.
Die Unzufriedenheit der Arbeiter trat ebenfalls bei den

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großen Demonstrationen in Moskau vor dem Parteikongreß Anfang letzten Monats zutage, als sich zumindest einige Arbeiter traditionelle marxistische Leitsätze zu eigen machten. Ein Transparent trug zum
Beispiel die Aufschrift: "Der sowjetische Arbeiter hat
nichts zu verlieren außer seiner Armut".
Die Empörung über Korruption, Mißwirtschaft und
Arroganz staatlicher Stellen hat die Forderung der
Basis nach mehr Demokratie heraufbeschworen. In
verschiedenen Städten und Außenbezirken haben die
Proteste im Volk bereits Rücktritte von Parteikadern
zur Folge gehabt. Einige dieser Konfrontationen mit
der Führung sind in der staatlichen Sowjetpresse auf
positive Resonanz gestoßen.
Die in den nächsten Monaten in 15 Republiken stattfindenden Wahlen werden wahrscheinlich den Reformprozeß stärken und den Institutionen der Legislative
auf Kosten der Partei mehr Autorität zugestehen.
Darüber hinaus werden diese Entwicklungen den Druck
auf Moskau erhöhen, das Tempo der Reformen zu beschleunigen.
Schließlich entwickeln sich mit der größeren Dynamik
der Reformen neue Beziehungen zwischen Moskau
und den Minderheitsrepubliken. Es besteht nunmehr
die reelle Chance, daß die baltischen Staaten in den
kommenden Jahren eine friedliche Abspaltung von der
Sowjetunion zuwege bringen. Im Kaukasus und Zentralasien wird es weiterhin ethnische und religiöse
Probleme geben, die Moskau zum Einsatz militärischer Macht zwingen könnten, um Ordnung und
Machtmonopol aufrechtzuerhalten, wie dies in Aserbaidschan geschehen ist.
Die Möglichkeit einer reaktionären Gegenbewegung
Obwohl die von Lenin, Stalin und Breschnew ins Leben
gerufenen Institutionen abgeschafft wurden, sind die
neuen noch nicht in der Lage, mit den überwältigenden
Problemen des Landes fertigzuwerden. Unter den
sowjetischen Bürgern wächst die Unzufriedenheit mit
dem niedrigen Lebensstandard, Engpässen, steigender Kriminalität, Aufständen von Volksgruppen und
anderen Problemen. Arbeiteraufstände könnten in
diesem Jahr zunehmen, zu einer ernsthaften neuen
Herausforderung für die zentrale Führung werden und
die Wirtschaft weiter schwächen.
Unter diesen Umständen ist es möglich, daß reaktionäre Gegner von Präsident Gorbatschows Reformen
zu seinem Sturz ausholen. Zweifellos müßten sie
beträchtliche Gewalt anwenden, um ein orthodoxes
Regime zu etablieren. Sie würde viele der gegenwärtigen Reformen abschaffen und eine strengere zentrale Kontrolle anstreben.
Solch ein neues System wäre Zielscheibe für internationale Kritik und Sanktionen und müßte sich gegenüber einer Bevölkerung behaupten, die ein stärkeres
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�politisches Bewu ßtsein hat als jemals zuvor seit 1917.
In Moskau und in anderen Städten würden die Reformwilligen auf die Straße gehen, und mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit würde es zu Gewaltakten kommen.

größere Konfrontation mit den Vereinigten Staaten.
Eine neue Führung müßte sich vor allem mit den
dringlichen nationalen Problemen auseinandersetzen
und würde sich höchstwahrscheinlich nicht die militärische Aufrüstung im großen Stil vornehmen.

Die Volksaufstände würden höchstwahrscheinlich in
einigen Minderheitsrepubliken größere Ausmaße
annehmen. Eine orthodoxe Führung würde unter
Umständen massive militärische Macht einsetzen, um
die Abspaltung der baltischen Republiken zu verhindern. Andere Republiken könnten ebenfalls Unabhängigkeit anstreben.

Das heißt, daß sich jedes Nachfolgeregime denselben
wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen
wie Präsident Gorbatschow gegen übersehen und
sicherlich auch Rüstungskontrollabkommen mit dem
Westen weiterverfolgen würde. Darüber hinaus würde
es wahrscheinlich keinen Kurswechsel der in Osteuropa erfolgten Veränderungen oder etwa eine Reaktivierung des Warschauer Pakts anstreben.

Eine derart kompromißlose Führung könnte sich jedoch nur solange halten wie sie über die Unterstützung
eines starken und einigen Militärs verfügt. Die sowjetischen Streitkräfte sind aber nicht ausgebildet oder
ausgerüstet, um die Aufgaben einer Polizeitruppe
wahrzunehmen. Große und um sich greifende Aufstände würden sie auf eine harte Probe stellen. Dabei
kann man die Reaktion von Befehlshabern und Truppen nicht vorhersagen, wenn sie den Befehl erhalten,
auf Zivilisten zu schießen.
Eine orthodoxe politische Führung müßte sich vor
Augen führen, daß die rumänischen Streitkräfte sich
letztlich geweigert haben, Ceausescus Regime vor
dem Volkszorn zu retten. Sie haben sich vielmehr dem
Volk angeschlossen und ihn gestürzt. Herr Vorsitzender, ich kann nicht vorhersehen, welche Entscheidungen die gegenwärtige oder künftige Führung der
Sowjetunion treffen wird.
Aber auch wenn ein orthodoxes Regime in Moskau an
die Macht käme, bestünden wenig Anreize für eine
*

Seite 4

Schlußbemerkung
Herr Vorsitzender, zum Schluß möchte ich darauf
hinweisen, daß auch ein Führungswechsel und ein
anderer politischer Kurs in Moskau wahrscheinlich
keine internationale Ordnung mehr herstellen würde,
wie sie noch vor einigen Jahren existierte.
Grö ßere Umwälzungen zugunsten einer Herrschaft im
stalinistischen Stil werden in Osteuropa immer unwahrscheinlicher, obwohl politische Krisen und Rückschläge bei den Reformen sehr wohl stattfinden können.
Ich versichere Ihnen jedoch, daß die Nachrichtendienste alle Möglichkeiten aufmerksam beobachten werden. Wir werden weiterhin den täglichen Ablauf der sowjetischen und osteuropäischen Reformprozesse und
seine Auswirkungen auf amerikanische Interessen beobachten und auswerten.

* * *

*

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