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                  <text>amcrika
dienet

JJ.S. Information Service
Embassy of t#\Jnited States of America

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24. J a n u a r

1990

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

Wiedervereinigung muß Anliegen Osteuropas berücksichtigen
Rede von Botschafter Walters vor der Friedrich-Ebert-Stiftung

SICHERHEITSPOLITIK

Powell: US-Truppenobergrenzen in Europa kein Tabu
Rede von General Powell beim Seminar über Militärdoktrinen
Umstrukturierung der Streitkräfte erforderlich
Rede von Les Aspin beim Nationalen Strategieforum

MENSCHENRECHTE

USA kritisch gegenüber Menschenrechtsverletzungen
Botschafter Abram entwirft Strategie für UN-Menschenrechtskommission

U m Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�O S T - W E S T

B E Z I E H U N G E N

Amerika Dienst 3

24. Januar 1989

WIEDERVEREINIGUNG MUSS ANLIEGEN OSTEUROPAS BERÜCKSICHTIGEN
Rede von Botschafter Walters vor der Friedrich-Ebert-Stiftung

BONN - (AD) - Die Überwindung der Teilung Deutschlands ist dem amerikanischen
Botschafter in der Bundesrepublik, Vernon Walters, zufolge nach wie vor Ziel
der Vereinigten Staaten und aller NATO-Partner. In einer Rede bei der Friedrich-Ebert-Stiftung erklärte Walters am 18. Januar 1990, der Prozeß der Wiedervereinigung müsse "die Anliegen aller Länder in Ost und West berücksichtigen". Wie Botschafter Walters ausführte, ist das Ziel der deutschen Einheit
"heute in greifbarere Nähe gerückt als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten
vierzig Jahren".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Zunächst möchte ich Ihnen für die
Einladung danken, hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über ein Thema zu
sprechen, das nicht nur für die Deutschen, sondern auch für alle Europäer
und Amerikaner von größter Bedeutung
ist. Dieses Thema war in den Schlagzeilen zahlreicher Zeitungsberichte
und Kommentare, ist jedoch auch Gesprächsthema in Familien und unter
Freunden, wenn sie beim Essen zusammensitzen oder ihren Sonntagsspaziergang machen und das Thema Politik zur
Sprache kommt.
Einer meiner Freunde, ein renommierter Arzt, erzählte mir einmal eine
Geschichte aus seiner Zeit als Medizinstudent. Während einer Vorlesung
über Nierenheilkunde verwies der Professor auf die Gefahren unbedachter

Wiederholungen.
Er zitierte einen
Chirurgen, der sich bei der Visite
nach dem Befinden einer Frau erkundigte, der er gerade eine Niere entfernt hatte. Die Patientin erwiderte:
Herr Doktor, viel besser als
beim letzten Mal, als sie meine andere Niere entfernt haben!"
Botschafter Mallaby und Botschafter
Boidevaix haben vor mir bereits an
diesem Podium gestanden, um Ihnen den
britischen und französischen Standpunkt zu dem oben genannten Thema zu
erläutern. Ich möchte Wiederholungen
vermeiden - sollte es dennoch gewisse
Überschneidungen, geben, so nur aus
Gründen der Verdeutlichung.
Ich werde mich in meinen Ausführungen
des öfteren auf das Kommunique der

�Ministertagung des Nordatlantikrats
vom Dezember letzten Jahres beziehen,
und zwar aus zwei Gründen. Erstens
ist das Kommunique das jüngste Dokument über die Ansichten der NATO zu
einem breiten Spektrum von Fragenkomplexen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen und damit ein wichtiges Dokument, das unsere ungeteilte
Aufmerksamkeit
verdient.
Zweitens
möchte ich die bisherige und zukünftige Bedeutung der NATO für historische, politische Entwicklungen hervorheben, die sich derzeit in Europa
vollziehen. Die NATO war und ist eine militärische und politische Institution von entscheidender Bedeutung.
Seit vierzig Jahren steht die NATO im
Brennpunkt
der westlichen Sicherheitspolitik. Die von den Grundsätzen
des Harmel-Berichts geleitete
klar formulierte Aufgabe und die Entschlossenheit der NATO haben den Ereignissen, die heute die Schlagzeilen
beherrschen, den Weg bereitet.
Angesichts der Herausforderungen und
Möglichkeiten
der neunziger Jahre
müssen wir eine Atempause einlegen
und uns noch einmal die tiefgreifenden Veränderungen vor Augen führen,
die 1989 in Osteuropa stattgefunden
haben. Heute vor einem Jahr hätte
sich keiner von uns träumen lassen,
in welchem Ausmaß sich die Länder des
Warschauer
Pakts innerhalb dieser
kurzen Zeitspanne von nur einem Jahr
verändern würden.
Das Kommunique
stellt dazu fest:
"Wir stehen an der Schwelle eines
neuen Zeitalters, in dem die demokratischen Werte, die das Herzstück unseres Bündnisses bilden
und Teil des europäischen Erbes
sind, auf dem ganzen Kontinent
zunehmend Geltung erlangen."
Die heutige Erörterung der deutschen
Frage wäre undenkbar ohne eine Bilanz
der Veränderungen, die sich innerhalb
von nur vier Jahren in der Sowjetunion und Osteuropa vollzogen haben.
Seit der Amtseinführung Gorbatschows
im Jahr 1985 hat die Sowjetunion den
Kurs ihrer Innenpolitik und nicht zu-

letzt die Zukunft Osteuropas mit einem Konzept verändert, das in einem
Wort zusammmengefaßt
werden kann:
"Glasnost".
Glasnost bedeutet nichts anderes als
die Einführung politischer Freiheiten
in eine Gesellschaft, die jahrzehntelang unbeugsamer stalinistischer Unterdrückung unterworfen war. Es ist
ein fundamentaler Grundsatz unserer westlichen - demokratischen Gesellschaften, daß ein Volk über seine Zukunft bestimmen kann.
Perestrojka
war ein Eingeständnis, daß Planwirtschaft nicht funktioniert. Was funktioniert, liegt auf der Hand - das
Prinzip der freien Marktwirtschaft.
Glasnost und Perestrojka und ihre
Auswirkungen verbreiteten sich wie
ein Lauffeuer in den anderen Ländern
Osteuropas.
Innerhalb kurzer Zeit
wurden die einstmals verhafteten und
zu Gefängnisstrafen verurteilten polnischen Gewerkschaftsführer Vertreter
der ersten nichtkommunistischen Regierung in Osteuropa.
Während Europäer in Ost und West und
nicht zuletzt Menschen in der ganzen
Welt von der Niederschlagung der
Freiheitsbewegung in China schockiert
waren, begannen die Menschen in der
DDR "mit Ihren Füssen abzustimmen",
um ihre Abkehr von der SED-Regierung
in der DDR zu demonstrieren.
Zunächst strömten sie in Scharen nach
Ungarn und Polen, um einen Ausweg aus
der Unterdrückung in Honeckers DDR zu
suchen. Diejenigen, die in der DDR
zurückblieben, gingen auf die Straße
- in Leipzig, Berlin und bald auch in
den anderen Städten der DDR.
Praktisch zur gleichen Zeit wurde
Schiwkow in Sofia gestürzt.
Vielleicht kann Bulgarien bald eine "fähige" freie Regierungsform finden.
Die Tschechoslowakei folgte als nächstes. Innerhalb weniger Wochen konnte das tschechische und slowakische
Volk Alexander Dubcek als Parlamentspräsidenten feiern, und das Ausmaß
des tiefgreifenden Wandels wird durch
die Tatsache symbolisiert, daß Vaclav

- 2 -

�Havel - früher Zielscheibe kommunistischer Repressionen - heute Präsident der Tschechoslowakei ist.

die erreichten Fortschritte der
Konsolidierung bedürfen.
Viele
Probleme sind noch zu lösen."

Rumänien schließlich mußte große Verluste an Menschenleben hinnehmen, ehe
Diktator Ceaucescu abgesezt war.

In jüngster Zeit wurde häufig darüber
diskutiert, ob der Wandel in Osteuropa unumkehrbar ist. Vor nicht allzu
langer Zeit sprachen die führenden
kommunistischen Ideologen Osteuropas
noch über den unvermeidlichen Sieg
von Sozialismus und Kommunismus weltweit.
Die Völker Osteuropas haben
noch einen langen und beschwerlichen
Weg vor sich. Sie werden Zeit und
Hilfe benötigen.

An dieser Stelle möchte ich die Außenminister der NATO zu den Ereignissen zitieren:
"Wir sind uns bewußt, daß jedes
Land in Europa seine eigene Individualität hat und daß diese
Vielfalt geachtet und ihr Gelegenheit zur Entfaltung gegeben
werden muß. Es ist Angelegenheit
eines jeden Landes in Osteuropa,
seine eigenen Probleme durch innere Reformen zu lösen."
In dieser Phase des insgesamt friedlichen Wandels hallte ein Satz durch
die Straßen Osteuropas:
"Wir sind
das Volk". Dieser Satz war unmißverständlicher Ausdruck
des Strebens
nach Freiheit und erwies sich als unaufhaltsame Triebfeder für Veränderungen. Innerhalb weniger Wochen haben Demokratie und Freiheit einen im
großen und ganzen friedlichen Kampf
gegen den Kommunismus und Stalinismus
der Nachkriegszeit gewonnen.

Wir befinden uns in einer Phase der
Veränderungen in den Ost-WestBeziehungen, in der alte Ansätze neu überdacht und neue Formen der Zusammenarbeit gefunden werden müssen. Wir im
Westen brauchen diese Veränderungen
nicht zu fürchten, da sie in unserem
Interesse liegen. Es wird uns eine
neue Chance geboten, ein früher konfliktreiches Verhältnis in Kooperation umzuwandeln. Wir sind uns einig, daß unser Ziel in der Erhaltung
eines friedlichen und stabilen Europas besteht.

Wie in dem Kommunique niedergelegt,
müssen wir jedoch Vorsicht walten
lassen. Ich zitiere:

Ein Schlüsselelement in diesem Prozeß
des Wandels ist die Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten.
Der Prozeß der Annäherung, der engeren Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten hat bereits begonnen.
Aber ebenso wie die Veränderungen in
Osteuropa alle Europäer und nicht zuletzt die Welt insgesamt betreffen,
so geht der Prozeß des Wandels zwischen den beiden deutschen Staaten
alle Europäer an und ist für sie von
Interesse. Dieser Prozeß hat seinen
Ursprung in der Nachkriegszeit und
bildet das Kernstück der politischen
Herausforderungen, mit denen Europa
sich seit 1945 konfrontiert sah:
Kann es tiefgreifende Veränderungen
geben?
Kann die Teilung Europas
friedlich überwunden werden?

"Wir sind uns bewußt, daß sich
die derzeit
... vollziehenden
Prozesse des Wandels noch in einem frühen Stadium befinden und

In Zeiten der Veränderungen in den
Ost-West-Beziehungen ist die deutsche
Frage immer wieder in der einen oder
anderen Form aufgetaucht. Es ist da-

Der kalte Krieg der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ist praktisch vorüber. Der Westen ist als
Sieger daraus hervorgegangen.
Wir
sollten auf diesen Sieg stolz sein.
Nicht Gewalt trug den Sieg davon,
sondern die Ideen. Die sich nach dem
Krieg in Westeuropa als so erfolgreich erwiesenen westlichen Grundsätze erhalten jetzt ihre Chance in Osteuropa:
Freiheit, Demokratie und
freie Marktwirtschaften.

- 3 -

�her nicht verwunderlich, daß sie während der dramatischen Veränderungen
der späten achtziger Jahre erneut erörtert wird. Das war auch von Mitte
der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre der Fall.
Die Zielsetzungen
der Vereinigten
Staaten bei Beendigung des Zweiten
Weltkriegs unterschieden sich grundsätzlich von denen der Sowjetunion.
Die Vereinigten Staaten strebten ein
friedliches und stabiles Europa an,
das sich bei seinem Wiederaufbau auf
die Stärke demokratischer Institutionen und den Gedanken nationaler Unabhängigkeit stützte. Nach einigen innenpolitischen Debatten wurde das
Konzept der Bestrafung der Besiegten
verworfen, wie es im "Morgenthauplan"
vorgesehen
war.
Die
Vereinigten
Staaten ließen sich vielmehr auf das
historische Experiment ein, Freiheit,
Offenheit und Wohlstand ihrer früheren Gegner zu fördern, um einer stabilen Zukunft Gestalt zu geben.
Bereits zur Zeit der Potsdamer Konferenz im Jahr 1945 ebneten die Vereinigten Staaten den Weg zur möglichst
baldigen
Wiederherstellung
lokaler
Selbstverwaltung mit dem Ziel der
allmählichen Wiedereinführung einer
Regierung in Deutschland.
Die Vereinigten Staaten strebten den
Wiederaufbau
der
Volkswirtschaften
Europas und die Gründung eines offenen Welthandelssytems an. Sie schlugen einen Kurs des massiven wirtschaftlichen Wiederaufbaus für die
westlichen Besatzungszonen Deutschlands und für Europa insgesamt ein.
Zwischen 1946 und 1949 wurden pro
Jahr über 5 Milliarden Dollar an
Wirtschaftshilfe für Europa geleistet, größtenteils im Rahmen des Marshallplans.
Der Marshallplan war
nicht
auf Westeuropa allein beschränkt, sondern wurde auch der Sowjetunion und Osteuropa angeboten.
Die Sowjetunion wies dieses Angebot
jedoch zurück und zwang die Staaten
Osteuropas und die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands, sich entsprechend zu verhalten.

Diese von den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion getroffenen Entscheidungen hatten unmittelbare und drastische Auswirkungen. Die Produktivität und Wirtschaftsleistung des Westens
erlebten
einen
Aufschwung.
I!! Mit der Währungsreform fing alles an. lll
Während die Vereinigten
Staaten das Banner des Wiederaufbaus
und freier Marktwirtschaften hochhielten, verlangten die Sowjets Reparationszahlungen und schrieben zentral gelenkte Wirtschaftssysteme vor,
wodurch der Ostblock nicht vom Wirtschaftsaufschwung des Westens profitieren konnte. Die enorme Kluft zwischen Ost- und Westeuropa hat sich
seitdem immer mehr vergrößert. Diese
Kluft wird zwischen der Bundesrepublik und der DDR besonders deutlich,
wo die Deutschen auf beiden Seiten im
Jahr 1945 mit den gleichen Voraussetzungen begannen.
Die Vision des Westens bestand aus
einem demokratischen Deutschland mit
einer dynamischen freien Wirtschaft.
Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes nach Kriegsende sind die Vereinigten Staaten und ihre westlichen
Verbündeten allmählich dem Ziel nähergerückt, die westlichen Besatzungszonen Deutschlands aufzuheben.
Im Jahr 1949 wurde die Bundesrepublik
Deutschland gegründet, gefolgt von
einer Reihe von Schritten mit dem
Endziel, der Bundesrepublik die volle
Souveränität
zurückzugeben.
Diese
Schritte wurden von zahlreichen Vereinbarungen und Übereinkünften begleitet, insbesondere dem Deutschlandvertrag und den Pariser Verträgen
von 1955.
In Artikel 7, Absatz 2 des Deutschlandvertrags wird die Grundlage für
gemeinsame Schritte zur Verwirklichung des Ziels der Einheit des deutschen Volkes dargelegt. Hier heißt
es: "Bis zum Abschluß der friedensvertraglichen Regelung werden die Unterzeichnerstaaten zusammenwirken, um
mit friedlichen Mitteln ihr gemeinsames Ziel zu verwirklichen: ein wiedervereinigtes Deutschland, das eine

- 4 -

�freiheitlich demokratische Verfassung
ähnlich wie die Bundesrepublik besitzt, und das in die europäische Gemeinschaft integriert ist."
Obwohl damals niemand in der Lage gewesen wäre, einen genauen Plan für
die Einheit Deutschlands zu entwerfen, haben die Westmächte und die
Bundesrepublik ihre Ziele klar umrissen und Prinzipien definiert, nach
denen der Prozeß ablaufen sollte.
Diese Ziele und Prinzipien waren
Grundlage für die Deutschlandpolitik
Adenauers und nachfolgender Bundesregierungen.
Die Vereinigten Staaten
stehen zu diesen Zielen und Prinzipien. Dem möchte ich nur hinzufügen,
daß unbeirrtes Festhalten an diesen
Zielen und Prinzipien - der Verankerung der Bundesrepublik im Westen das Ziel deutscher Einheit heute in
greifbarere Nähe gerückt hat als zu
irgendeinem anderen Zeitpunkt in den
letzten vierzig Jahren.

Beständigkeit westlicher Staaten zu
gewährleisten.
In eingehenden und
intensiven Konsultationen, wie sie
für eine multilaterale Organisation
beispiellos sind, konnte sich die
NATO der Herausforderung für ihre Sicherheit aus dem Osten stellen. In
gleicher Weise kann die NATO den Herausforderungen des Wandels in der
heutigen Zeit gerecht werden, indem
sie an ihrem obersten Gebot festhält,
den Frieden in Europa zu bewahren.
In dem Kommunique der Ministertagung
des Nordatlantikrates hieß es dazu:
"Das Atlantische Bündnis bildet
die wesentliche Grundlage für die
Sicherheit unserer Länder. Durch
die Erhaltung des Friedes während
der letzten vier Jahrzehnte hat
das Bündnis unseren Ländern Wohlergehen in Freiheit ermöglicht
und erlaubt, daß die demokratischen Werte andere Gesellschaften
inspirieren.
Inmitten von Wandel und Ungewißheit bleibt das Bündnis ein verläßlicher Garant des Friedens und
wird eine unverzichtbare Grundlage für Stabilität, Sicherheit und
Zusammenarbeit für das Europa der
Zukunft bilden."

Erlauben Sie mir, die drei Kriterien
dieses Ansatzes noch einmal zu wiederholen: erstens ein Prozeß friedlichen Wandels, zweitens eine verfassungsmäßige Struktur mit verbriefter
Selbstbestimmung des deutschen Volkes
und drittens Integration in die europäische Staatengemeinschaft.
Die Stärke der Staatengemeinschaft
Westeuropas läßt sich nicht nur auf
dynamische
und
anpassungsfähige
Volkswirtschaften und die politische
Legitimation
eines
jeden
Staates
durch frei gewählte, demokratische
Regierungen zurückführen, sondern wie ich bereits eingangs erwähnte die Entschlossenheit und Willenskraft
im NATOBündnis. Die NATO bietet aus
der Notwendigkeit der Abwehr einer
massiven Bedrohung ein Forum, in dem
sich politischer Konsens bilden kann,
um dieser Bedrohung der Sicherheit
entgegenzutreten und westliche Grundsätze zu verteidigen.
Es sollte kein Zweifel darüber aufkommen, daß die NATO unerläßlich ist,
wenn es darum geht, die Stärke und

Die Bundesrepublik ist ein wichtiger
Bündnispartner.
Die NATO hat als
Bündnis von den Beiträgen der Bundesrepublik sowohl im sicherheitspolitischen Bereich als auch im Hinblick
auf die von ihr übernommene politische Führungsrolle profitiert. Ebenso wie jedem anderen NATO-Mitglied
kommt die Stärke der NATO auch der
Bundesrepublik
zugute.
Jahrelang
enthielt jedes NATO-Kommunique einen
Passus zur Überwindung der Teilung
Europas und der Teilung Deutschlands. Dies ist ein Ziel aller Bündnispartner.
Die Wiedervereinigung beider Teile
Deutschlands ist ebenso ein Ziel wie
ein Prozeß. Als Prozeß muß sie die
Anliegen aller Länder in Ost und West
berücksichtigen. Der Westen befindet

- 5 -

�sich in der günstigen Situation, diesen Prozeß mit Hilfe der in der Nachkriegszeit geschaffenen Institutionen
lenken zu können.
Die
Europäische
Gemeinschaft
hat
nicht nur eine entscheidende Rolle
beim Aufbau
einer
starken Wirtschaftsgemeinschaft gespielt, sondern
den politischen Grundstein für den
Prozeß der europäischen Integration
gelegt.
1992 wird die Europäischen
Gemeinschaft an einem Scheideweg stehen.
Angesichts
der gravierenden
wirtschaftlichen Probleme Osteuropas
hat die Europäische Gemeinschaft jedoch nunmehr Gelegenheit, einen Integrationsprozeß mit wahrhaft europäischem Charakter zu fördern, der
sowohl West- als auch Osteuropa miteinbezieht. Die Europäische Gemeinschaft hat die ungeteilte Unterstützung der Vereinigten Staaten, die zusammen mit ihr die Herausforderungen
der Zukunft bewältigen wollen.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf
die neue Bedeutung hinweisen, die dem
KSZE-Prozeß in dieser Zeit des Wandels zukommt. Seit der Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki im
Jahr 1975 bietet der Rahmen der KSZE
eine Struktur, die nicht nur zur Respektierung der Menschenrechte in Osteuropa beigetragen hat, sondern auch
die Möglichkeit für eine stärkere
Ost-West-Kooperation in Handel, Wissenschaft, Technologie und Kultur
bietet. Im Bereich der Sicherheitspolitik verzeichnen wir bei der Erarbeitung wirksamer vertrauensbildender
Maßnahmen große Fortschritte.
Friedlicher Wandel erfordert auch einen spürbaren Abbau der Bedrohung.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion führen seit geraumer Zeit
ernsthafte und schwierige Verhandlungen über die Reduzierung nuklearer
Langstreckenwaffen.
Darüber hinaus
haben die beiden Militärbündnisse im
letzten Jahr Verhandlungen über Konventionelle Streitkäfte
in Europa
aufgenommen, mit dem Ziel einer Reduzierung dieser Streitkräfte in absehbarer Zukunft.
Präsident Bush hat

kurz vor seinem Besuch in der Bundesrepublik im Mai vergangenen Jahres
eine Reduzierung amerikanischer und
sowjetischer Truppen in Europa auf
jeweils 275 000 Mann vorgeschlagen.
Wir treiben diese Gespräche und Vorschläge energisch voran. Allerdings
sollten wir aus den INF-Verhandlungen
eine Lehre ziehen. Der Westen erreichte sein Ziel der vollständigen
Beseitigung einer ganzen Kategorie
von Nuklearwaffen durch Festhalten an
seiner Position und die Beibehaltung
einer starken Verteidigung.
Diese
Position muß auch in Zukunft gelten,
wenn wir unser Ziel ausgewogener
Truppenreduzierungen erreichen wollen.
Sie werden bemerkt haben, daß ich
noch nicht auf Berlin eingegangen
bin, aber Berlin nahm und nimmt sowohl in der deutschen Frage als auch
in den Ost-West Beziehungen eine
Schlüsselstellung ein.
Berlin erhielt im Vergleich zu den deutschen
Besatzungszonen am Ende des Zweiten
Weltkrieges einen Sonderstatus. Die
westliche Position ist über vier
Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben. Berlin steht bis zu dem Tag unter der Verwaltung der vier Siegermächte, an dem es Hauptstadt eines
wiedervereinigten Deutschlands wird.
Berlins Bedeutung als Symbol für die
Teilung Deutschlands wurde in jüngster Zeit besonders deutlich, als am
9. November 1989 die Reisebeschränkungen aufgehoben und am 22. Dezember
1989 das Brandenburger Tor geöffnet
wurde.
In der Nachkriegszeit mußte der Sonderstatus von Berlin unbedingt aufrechterhalten werden, um die deutsche
Frage offen zu lassen. Sowohl die
Sowjetunion als auch die DDR versuchten immer wieder, die Berliner Westsektoren zu isolieren und die Stadt
wirtschaftlich zu ruinieren. Wiederum siegte westliche Beharrlichkeit.
Als die Russen im Jahr 1948 die Berlin-Blockade verhängten, antworteten

- 6 -

�die Amerikaner mit der Luftbrücke.
Als 1961 russische Panzer an der neu
erbauten Mauer auffuhren, erklärte
Präsident Kennedy: "Eines ist unmißverständlich klar. Wir werden für
Berlin
kämpfen."
Siebenundzwanzig
Jahre später stand Präsident Reagan
am Brandenburger Tor und forderte:
"Herr Gorbatschow, reißen Sie diese
Mauer nieder."
In dieser Zeit des Wandels bietet
auch Berlin Möglichkeiten zur Überwindung
der Teilung Deutschlands.
Der Westen hat darauf bestanden, daß
Berlin nicht zur geteilten Stadt wurde, da dies eine weitere Teilung
Deutschlands
bedeutet
hätte.
In
gleichem Maße hat der Westen darauf
bestanden, daß die Sowjetunion für
die Stadt insgesamt verantwortlich
bleibt, um sie direkt in den Prozeß
der Überwindung der Teilung Mitteleuropas einzubeziehen. Sie werden wohl
mit mir übereinstimmen, daß dieser
Prozeß ohne Mitwirkung der Sowjets
keinen Erfolg haben kann. In Berlin
bekennen sich die Alliierten zur Bundesrepublik, um die Überwindung dieser Teilung zu erzielen.
Es bleibt noch viel zu tun.
Das
Viermächteabkommen hat gezeigt, daß
Fortschritte für die Stadt sogar bei
diametral
entgegengesetzten
Standpunkten über ihren Status erzielt
werden konnten,. Im Jahr 1987 schlugen die Westmächte praktische Maßnahmen zur Verwirklichung weiterer Verbesserungen für Berlin und die Berliner vor. Erst letzten Monat stimmte
die Sowjetunion der Aufnahme solcher
Gespräche zu. Wir in den Vereinigten
Staaten stehen zu unseren Verpflichtungen gegenüber Berlin.

dervereinigung sei eine Frage der
Selbstbestimmung - eine Angelegenheit, über die die Deutschen selbst
zu entscheiden hätten. Im Dezember
1989 umriß der Präsident nach einem
Treffen mit NATO-Generalsekretär Wörner in Brüssel die amerikanische Haltung zur Wiedervereinigung in vier
Punkten.
1.

Selbstbestimung
muß
ungeachtet
des Ergebnisses erfolgen.
Zu
diesem Zeitpunkt sollten wir eine
bestimmte Vorstellung weder befürworten noch ausschließen.

2.

Die Wiederherstellung der Einheit
sollte im Rahmen der anhaltenden
Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der
NATO und einer zunehmend integrierten
Europäischen
Gemeinschaft und unter Berücksichtigung
der Rechte und Pflichten der alliierten Mächte erfolgen.

3.

Die Wiederherstellung der Einheit
muß im Interesse der allgemeinen
europäischen Stabilität friedlich
und schrittweise erfolgen.

4.

In der Frage der Grenzen sollten
wir unsere Unterstützung für die
in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Grundsätze bekräftigen.

Bei seiner Berlin-Reise im letzten
Monat erläuterte Außenminister Baker
das Konzept für ein neues Europa.

In den vergangenen vierzig Jahre hat
sich zwischen den Vereinigten Staaten
und der Bundesrepublik eine enge
Freundschaft entwickelt. Uns verbinden ähnliche Ziele, gleiche Werte und
eine starke gemeinsame Interessenlage.
Die Zukunft Deutschlands liegt
in unserem beiderseitigen Interesse.
Im September letzten Jahres erklärte
Präsident Bush, eine eventuelle Wie- 7 -

"Der sich heute in Osteuropa
vollziehende Wandel berechtigt zu
großen Hoffnungen.
Ein neues
Zeitalter bringt jedoch unterschiedliche Sorgen für uns alle
mit sich. Einige dieser Sorgen
sind so alt wie Europa selbst,
andere wiederum ein neues Produkt
des Wandels.
Wenn der Westen das Gefüge der
Zusammenarbeit
aufgeben
würde,
das wir in vierzig Jahren aufgebaut haben, würden diese Sorgen
zu Problemen. Aber die von uns

�geschaffenen Institutionen - die
NATO, die Europäische Gemeinschaft und der KSZE-Prozeß - sind
lebensfähig.
Auf demokratische
Werte gestützt, werden sie der
Macht der Volkes gerecht, die den
neuen Kurs der Geschichte bestimmt.

guts als vielversprechend anzusehen.
Wir können vertrauensvoll in diese
Zukunft blicken.

Ich danke Ihnen.

Noch wichtiger ist, daß diese Institutionen auch flexibel sind
und sich rasch verändernden Gegebenheiten anpassen können. Wenn
wir uns anpassen und unsere Zusammenarbeit
untereinander
und
mit den Nationen des Ostblocks
erneuern und erweitern, werden
wir ein neues Europa auf der
Grundlage eines neuen Atlantizismus schaffen."
Abschließend möchte ich noch einen
Passus aus dem Kommunique der Ministertagung des Nordatlantikrats zitieren, der in derselben Formulierung
In der - eine Woche zuvor veröffentlichten - EG-Gipfelerklärung enthalten ist.
"Wir streben die Festigung des
Zustandes des Friedens in Europa
an, in dem das deutsche Volk in
freier
Selbstbestimmung
seine
Einheit
wiedererlangt.
Dieser
Prozeß muß sich auf friedliche
und demokratische Weise, unter
Wahrung der einschlägigen Abkommen und Verträge sowie sämtlicher
in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien im Kontext des Dialogs und der OstWest-Zusammenarbeit
vollziehen.
Er muß auch in die Perspektive
der europäischen Integration eingebettet sein."
Die Vereinigten Staaten unterstützen
diesen Gedanken vorbehaltlos in allen
Punkten. Er basiert auf einer Reihe
politischer Grundwerte, die wir alle
teilen und die zunehmend auch dort zu
wurzeln beginnen, wo sie viele Jahre
lang unterdrückt waren. Obgleich wir
die vor uns liegenden Probleme nicht
unterbewerten dürfen, ist die Zukunft
des Westens und westlichen Gedanken-

- 8-

* * * * *

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
Amerika Dienst 3

POWELL:

24. Januar 1990

US-TRUPPENOBERGRENZEN IN EUROPA KEIN TABU

Rede von General Powell beim Seminar über Militärdoktrinen

WIEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Colin L. Powell, bei der Eröffnung des Seminars
über Militärdoktrinen in Wien am 16. Januar 1990 gehaltene Rede. Es gilt das
gesprochene Wort.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte
ich zunächst auf die historischen Ereignisse verweisen, die diese in der
Geschichte
einmalige
Zusammenkunft
ermöglicht haben.
Heute vor sechs
Jahren versammmelten sich Vertreter
der 35 KSZE-Mitgliedstaaten in Stockholm zur Konferenz über Vertrauensund Sicherheitsbildende Maßnahmen und
Abrüstung in Furopa (KVAE).
Diese
Konferenz fand zu einer Zeit statt,
in der die Kluft zwischen Ost und
West noch besonders tief war. In der
Sowjetunion gab es weder Glasnost
noch Perestrojka.
Die Rüstungskontrollverhandlungen waren an einem
Tiefpunkt angelangt.
Die Welt war
von Spannungen beherrscht, und es bestand wenig Anlaß zu Hoffnungen.

Was haben wir in der Zwischenzeit erreicht?
Ein KVAE-Abkommen, ein historischer
INF-Vertrag,
umfassende
Abrüstungsverhandlungen wurden in die
Wege geleitet, zwischen Ost und West
fanden Gipfeltreffen statt, und in
Osteuropa und der Sowjetunion vollzieht sich ein epochaler Wandel. Die
Welt stellt sich uns zu Beginn der
letzten 10 Jahre eines turbulenten
Jahrhunderts hoffnungsvoll und vielversprechend dar.
Auch von dem Veranstaltungsort dieses
Seminars bin ich beeindruckt. In die
Annalen der Geschichte ist dieser Palast im Zusammenhang mit einer der
bedeutendsten Konferenzen eingegangen: dem Wiener Kongreß. Die Teil-

�nehmer an dieser Konferenz vor nahezu
200 Jahren trugen sich mit der Absicht, ein stabiles Europa zu schaffen. Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet anders: Dazu beizutragen, eine neue Ordnung in Europa zu
gestalten, die dem Wunsch unserer
Bürger nach einem Leben in Frieden,
Sicherheit
und
Freiheit
gerecht
wird.
Diese Konferenz darf also
nicht
routinemäßig
ablaufen.
Wir
müssen uns Erkenntnisse vermitteln.
Wir müssen Mauern einreißen und Brükken bauen. Wir müssen uns offen und
ehrlich äußern. Auf diesem Seminar
darf nicht nur geredet, sondern es
muß gearbeitet werden. Als hochrangige Offiziere unserer jeweiligen
Länder sind wir verpflichttet, zu dem
historischen Prozeß beizutragen, der
sich heute auf diesem Kontinent vollzieht.

Die Verfassung
Ich möchte in diesem Zusammenhang an
ein Ereignis erinnern, das mir seit
der Zeit meiner Rekrutierung als
Leutnant des amerikanischen Heeres im
Gedächtnis haften blieb.
Zu jener
Zeit mußte ich einen Eid auf die Verfassung
der
Vereinigten
Staaten
schwören. Die amerikanische Verfassung ist ein bemerkenswertes Dokument
- und stellt höchste Anforderungen an
diejenigen von uns, die sich für eine
militärische
Laufbahn
entscheiden.
Wir müssen ein Gelübde auf ein Dokument ablegen, das im Militär und insbesondere meiner Teilstreitkraft
dem Heer - ein notwendiges Übel
sieht, das in Zeiten der Krise von
Nutzen sein kann, aber ansonsten
sorgfältig im Auge behalten werden
muß.
Die Verfasser dieses Dokuments verlangten diesen Eid von mir, damit mir
und allen Soldaten eines unmißverständlich klar wird: unsere Aufgabe
besteht nicht nur darin, Land, Rohstoffe, einen Staat oder eine Regierung, sondern vielmehr eine Idee zu
verteidigen. Einer im Zeitalter der
Aufklärung geborenen Idee. Was wir

zu verteidigen gelobt hatten, waren
die Rechte des einzelnen in einem
Rechtsstaat. Bei einer Mobilmachung
mußte unsere "Bürgerwehr" diesem Eid
selbst in schwersten Krisen treu
bleiben.
Während der Debatten über die Verfassung definierte einer der Gründerväter, James Madison, die Stärke der
Vereinigten Staaten als vom Volke
ausgehend, das vereint hinter seiner
Regierung steht. Er schrieb: "Auch
mit einer Handvoll Truppen oder mit
nur einem einzigen Soldaten ist ein
geeintes Amerika als Objekt ausländischer Begierde abschreckender als ein
entzweites Amerika mit Hunderttausenden, zum Kampf bereiten Veteranen.""
In der Tat waren die Vorbehalte gegen
die Aufrechterhaltung eines "stehenden Heeres" so groß, daß einer der
Gründungsväter der Verfassung eine
Obergrenze von 2 000 Soldaten vorschlug. George Washington antwortete
darauf: "Eine glänzende Idee - wenn
wir auch all unsere Gegner davon
überzeugen können, keinen größeren
Militärapparat zu unterhalten."
Mit der Verfassung erhielt der Kongreß das Recht, den Krieg zu erklären
und
"Landstreitkräfte
aufzustellen
und zu unterhalten", begrenzte jedoch
die Mittelzuweisung vom Kongreß an
das Heer auf jeweils zwei Jahre. In
Anbetracht der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten ein vom Meer umgebenes Land sind und aus Gründen der Sicherheit und um Handel zu treiben von
Wasserstraßen abhängig sind, räumte
die Verfassung dem Kongreß das Recht
ein, Seestreitkräfte zu unterhalten,
ein Heer jedoch nur im Bedarfsfall
aufzustellen.
Aufgrund der Verfassung ist der Präsident Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Seine Machtbefugnisse sind jedoch denen seiner
Amtskollegen im Ausland nicht vergleichbar.
Vor allem fand in der Verfassung jedoch der Willen des Volkes seinen
Niederschlag. Er wird in den ersten
drei Worten der Verfassung auf einen

- 2 -

�Nenner gebracht, die lauten: "Wir,
das Volk..."
Der Regierung wurde
durch die Verfassung ihr Amt verliehen, aber die Machtbefugnis - die
Verantwortlichkeit - wurde dem Volk
übertragen.
Maßnahmen können rückgängig gemacht werden, gewählte Regierungsvertreter können kommen und
gehen, aber die Verfassung - das Gesetz des Landes, der Willen des Volkes - ist von Dauer.

so schnell von den Wirren des Krieges
freigemacht hat." Nach dem totalen
Krieg sehnten sich die Amerikaner
nach totalem Frieden.
Der Andrang
auf Entlassung aus dem Militärdienst
nach dem Zweiten Weltkrieg war so
groß, daß sechs Monate nach dem Endsieg bereits die Hälfte unserer 12
Millionen Soldaten ins bürgerliche
Leben zurückgekehrt war und binnen
Jahresfrist nur 3 Millionen im Dienst
blieben.

Die Vereinigten
sten Jahrhundert

Der Wunsch nach totalem Frieden findet auch in der Art und Weise seinen
Niederschlag, wie Amerikaner ihre militärisch
Verantwortlichen
sehen.
Dwight Eisenhower - einst Oberbefehlshaber in Europa, dann Dekan ist wegen seiner zwei Amtszeiten als
Präsident der Vereinigten Staaten,
wegen seiner Bereitschaft, der Sowjetunion mit Gedanken wie den "Offenen Himmeln" entgegenzukommen - ein
Gedanke, der jetzt Früchte trägt und seiner Warnung an das amerikanische Volk, sich vor den Gefahren der
"Rüstungsindustrie" zu hüten, in die
Geschichte eingegangen.
An Douglas
Macarther, Oberbefehlshaber Pazifik,
erinnert man sich als Urheber der Demokratie in Japan. Und George Marshall, Verteidigungsplaner im Krieg,
wird als Architekt des Friedens gewürdigt. Im Krieg unterstützen die
Amerikaner ihre Generäle, aber sie
gedenken ihrer nicht für das in
Kriegszeiten Zerstörte, sondern das
in Friedenszeiten Geschaffene.

Staaten im zwanzig-

Ich zeige diesen scheinbaren Widerspruch in unserer Verfassung im Hinblick auf Sinn und Zweck der Streitkräfte auf, um zwei wesentliche Kriterien der Militärdoktrin der Vereinigten Staaten hervorzuheben.
Erstens hatten wir von der Geburtsstunde unserer Republik an nationale Vorbehalte gegenüber großen stehenden
Heeren. In der Tat werden sie als
Abweichung von der Norm angesehen,
und entsprechen nicht dem Wesen einer
demokratischen Regierung.
Zweitens hat das amerikanische Volk
darauf bestanden, wenn die Aufstellung eines Heeres erforderlich werden
sollte, müßte sein Einsatzkonzept defensiven Charakter haben und die Begründung
für
seine
Größenordnung
schonungslos überprüft werden, so daß
seine Reihen bei der ersten besten
Gelegenheit gelichtet werden könnten. Während ich hier sitze, können
Sie sicher sein, daß der Kongreß in
Washington über Mittel und Wege nachdenkt, wie unser Heer bei nächster
Gelegenheit abgebaut werden kann.
Das Unbehagen, das wir Amerikaner gegenüber der Aufrechterhaltung eines
Militärapparates haben, wurde nach
dem Zweiten Weltkrieg besonders deutlich. Um Präsident Truman zu zitieren:
"Sobald die Feindseligkeiten
eingestellt sind, kehren die Amerikaner .. . unverdrossen und . . . unverzüglich in ihr bürgerliches Leben zurück.
Niemals hat es in der Geschichte ein Volk gegeben, das sich

Das Einsatzkonzept der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit
Dieser historische Exkurs ist für das
Verständnis der amerikanischen Militärdoktrin in der Nachkriegszeit unabdingbar.
Angesichts der bitteren
Erkenntnis vor 40 Jahren, daß Frieden
nicht möglich, Europa Opfer anhaltender Unterdrückung und im Fernen Osten
erneut Krieg ausgebrochen war, mußten
die Vereinigten Staaten eine schwere
Entscheidung treffen - sich wieder in
ihre historische Isolation zurückzuziehen oder weltweit eine Rolle als

- 3 -

�Garant der Sicherheit zu übernehmen,
die ihrer demokratischen Tradition
zuwiderlief.
Nachdem wir im 20.
Jahrhundert
mehrfach
einen
hohen
Preis dafür bezahlen mußten, daß wir
die Bedrohungen unserer Sicherheit
nicht erkannt haben, lösten wir das
Problem, indem wir uns für die Übernahme internationaler Verantwortung
und den Aufbau der für ihre Ausübung
erforderlichen Streitkräfte entschieden.
Dabei haben wir jedoch vier
eindeutige Grundsätze zur Bewältigung
der Bedrohung unserer Sicherheit in
der Nachkriegszeit entwickelt.
Erstens haben wir unser Einsatzkonzept nicht für Krieg sondern zur Abschreckung von Aggression ausgelegt.
Abschreckung - der Stützpfeiler unserer Militärstrategie - zielt darauf
ab, einen Angriff auf die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten zu verhindern.
Zweitens werden wir auf eine Herausforderung reagieren - wenn es sein
muß, mit Gewalt - um unsere Bürger,
unsere Verbündeten, unsere Interessen
und unsere Werte zu verteidigen. Die
"Bürgerwehr" wird sich im Zorn erheben und ihre Pflicht tun, wenn sie
gerufen wird. Aber ihre Pflicht wird
darin bestehen, worin sie immer bestanden hat: Reaktion proportional
zur Bedrohung. Wie Sie kürzlich beobachten konnten, scheuen wir uns also
nicht, unsere Bürger zu schützen, indem wir Tyrannen wie Mr. Noriega entmachten und Panama seinem Volk zurückgeben.
Drittens werden wir unserer Verpflichtung zu kollektiver Sicherheit
und Partnerschaft mit Nationen nachkommen, die unsere Grundwerte teilen. Gleichzeitig können wir von unseren Verbündeten nicht erwarten, ihre Sicherheit unseren Absichtserklärungen anzuvertrauen.
Aus diesem
Grund stellen wir an uns die gleichen
Anforderungen wie an sie: Streitkräfte aufrechtzuerhalten, die zur
Verteidigung
der Sicherheit aller
Bündnispartner fähig und verpflichtet
sind.

Und viertens werden wir uns nach wie
vor an die in der Verfassung niedergelegte Unterscheidung zwischen der
Aufstellung von Land- und Beibehaltung von Seestreitkräften halten.
Wir sind wie eine Insel inmitten
zweier großer Ozeane. Ostwärts liegen unsere Sicherheitsverpflichtungen
und unser wirtschaftliches Wohlergehen jenseits des Atlantiks. Westwärts liegen unsere Sicherheitsverpflichtungen und unser wirtschaftliches Wohlergehen im Pazifik. Sie alle sind Offiziere - was ich Ihnen erzähle, ist also nichts Neues: Seestreitkräfte können Sicherheit für
uns und unsere Verbündeten gewährleisten. Es gibt jedoch zwei Dinge, die
Seestreitkräfte nicht können:
sie
können kein Gebiet erobern und auf
sich alleine gestellt keine Kriege
gewinnen.
Ich möchte mich nunmehr der Rolle der
Vereinigten Staaten in der NATO zuwenden.
Der Gedanke kollektiver Sicherheit
ist zwar international, seine Wurzeln
hat er jedoch in Europa. Die ersten
Schritte auf dem Weg zur kollektiven
Sicherheit sind uns nicht leichtgefallen.
Die
Truman-Administration
war nicht um die Gründung des NATOBündnisses bestrebt. Wir wurden Mitglied in der NATO, weil wir uns darüber im klaren waren, daß sich Länder
aus zwei Gründen zusammenschließen:
entweder aufgrund gemeinsamer Werte
oder aufgrund einer Bedrohung für alle. Ende der vierziger Jahre hatten
unsere westlichen Verbündeten und wir
beide Gründe.
Im Mai 1945 schwiegen die Waffen in
Europa.
Aber die Instrumente des
Kriegs waren nur durch Instrumente
der Zwangsherrschaft ersetzt worden.
In ganz Osteuropa wurden befreite zu
besetzten Ländern. In diesen düstersten aller Zeiten - des politischen
Umsturzes in Prag und des militärischen Drucks auf Berlin - traten die
führenden Politiker Europas auf den
Plan. Sie hatten einen sehr unterschiedlichen Hintergrund: der engli-

- 4 -

�sehe Gewerkschafter Ernest Bevin, der
französische Wirtschaftspolitiker Robert Schuman, der belgische Jurist
Henri Spaak und der norwegische Geschieht slehrer Halvard Lange.
Ihre
Vision war jedoch dieselbe: kollektive Sicherheit, ein vom Krieg verwüstetes Europa von der Angst zu befreien, daß zwei Kriege nur der Auftakt für eine weitere Bedrohung seien
- eine Bedrohung, die ihre Freiheiten, ihr gemeinsames Erbe und ihr Leben zunichte machen.
Wie konnten wir dem Kontinent den
Rücken kehren, der Geburtsstätte der
Aufklärung und ihrer Ideale war, die
unsere Verfassung - und unsere Doktrin - beeinflußt haben. Wir haben
also reagiert. Wir haben Westeuropa
nicht als Schutzschild benutzt, sondern ein Schutzschild über Europa gebreitet. Die Sicherheit des Westens
ist damals wie heute unantastbar.

Die militärische Kräfteverteilung in
der NATO
Gemeinsame Werte bilden das Herzstück
kollektiver Sicherheit und das Rückgrat sind gemeinsame Risiken und
Pflichten.
Ich möchte an dieser
Stelle darauf eingehen, wie die Vereinigten Staaten, ihre Prinzipien und
ihre Militärdoktrin zur kollektiven
Sicherheit in Europa beitragen. Die
amerikanische Rolle in der NATO wird
von sechs Grundsätzen geleitet. Einige davon lassen sich unter dem
Oberbegriff
"Doktrin" zusammenfassen. Andere gehen über rein militärische Konzepte hinaus und sprechen
die Quintessenz kollektiver Sicherheit an.

Die sechs Grundsätze
Erstens stehen wir in Konsultationen. Wir drängen dem Bündnis unsere
Auffassungen oder unsere militärischen Strategien nicht auf. Konsultationen sind für das Bestehen der
NATO unabdingbar.
Demokratien sind
von Natur aus streitbar. Wir argu-

mentieren und debattieren, und unsere
Meinungsverschiedenheiten werden unter dem wachsamen Auge der Öffentlichkeit ausgetragen. Am Ende gehen
wir aus diesem freimütigen Prozeß jedoch gestärkt und nicht etwa geschwächt hervor. Darüber hinaus gewährleistet dieser Austausch den defensiven Charakter unserer gemeinsamen Sache. Es ist unvorstellbar, daß
ein Bündnis, dessen Einsatzkonzepte
und Ziele von der Öffentlichkeit in
16 demokratischen Ländern derart aufmerksam verfolgt werden, jemals einen
Angriff starten könnte.
Zweitens unterstützen die Vereinigten
Staaten das Konzept kollektiver Verteidigung, das heißt der gemeinsamen
Verteidigung gegen eine Bedrohung,
die so groß ist, daß sie die Verteidigung eines einzigen Landes außerkraftsetzen könnte. Aus diesem Grund
akzeptieren Amerikaner die ständige
Stationierung von US-Streitkräften im
Ausland trotz der damit verbundenen
Kosten.
Der erste Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Omar
Bradley, unterstützte die Rückkehr
von US-Streitkräften nach Europa, so
daß "kein Zweifel über Amerikas Interesse an der Verteidigung - nicht Befreiung - Europas aufkommen kann".
Bis auf den heutigen Tag besteht die
größte Sorge unseres Bündnisses in
der wahnwitzigen Vorstellung, stark
überlegenen und für Großoffensiven
ausgerüsteten
Streitkräften
gegenüberzustehen. Ich möchte dem hinzufügen, daß wir von den Erklärungen
und ersten Beweisen einer historischen Neudefinition und Umstrukturierung der Doktrin und der Streitkräfte
des Warschauer Pakts im Sinne eines
defensiven Einsatzkonzpets sehr ermutigt sind.
Die Perspektiven, die
sich dadurch für schnelle Fortschritte bei der Abrüstung und nicht zuletzt für eine Neufassung aller Sicherheit svorkehrungen in Europa bieten, berechtigen zu neuer Hoffnung
auf endgültige Abkehr vom entzweienden Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs.

- 5 -

�Drittens stützt sich die amerikanische Verpflichtung zur NATO auf Vorneverteidigung.
Diese Verpflichtung
zur Erhaltung territorialer Integrität an jedem potentiellen Angriffspunkt ist für die Verteilung der Lasten und Pflichten unabdingbar. Darüber hinaus erklärt es die NATO-Strategie, Druck auf die nachrückenden
Staffeln der Angreifer auszuüben,
weil der Nachteil der NATO bei wichtigen Truppenteilen keine erfolgreiche Verteidigung gegen aufreibende
Angriffe
schwerbewaffneter
Streitkräfte erlaubt.
Dennoch spiegelt
dies unter keinen Umständen die Absicht des Bündnisses wider, Territorium zu besetzen und zu annektieren.
Einem Bündnis, das sich unter den besten Voraussetzungen immer noch in
einer Position militärischer Unterlegenheit befindet, steht nicht die Option offensiver
Strategien offen.
Offensivstrategien
sind
mit
den
Grundsätzen des NATO-Bündnisses unvereinbar.
Viertens bleibt Amerika der Strategie
der flexiblen Reaktion verpflichtet.
Flexible Reaktion bedeutet glaubwürdige Abschreckung, und falls diese
versagt,
müssen
Feindseligkeiten
schnell beendet und der Status quo
wiederhergestellt werden.
Dazu ist
eine große Bandbreite von - konventionellen und nuklearen - Fähigkeiten
erforderlich.
Vor über 20 Jahren entschied sich die
NATO für die Eingliederung von Nuklearwaffen
in
ihre
Verteidigung.
Gleichzeitig haben alle NATO-Mitglieder daran gearbeitet, zu gewährleisten, daß ihre Anzahl mit den konventionellen Fähigkeiten des Bündnisses
und dem Klima allseitiger Sicherheit
vereinbar ist. Dadurch haben wir erfreulicherweise in den vergangenen
Jahren die Zahl der Nuklearwaffen in
den NATO-Arsenalen - sowohl einseitig
als auch auf den Verhandlungswege erheblich
reduziert.
Schließlich
sind wir - wie von den Staats- und
Regierungschefs im Mai vergangenen
Jahres vereinbart - zur Aufnahme wei-

terer Verhandlungen über die Reduzierung von Nuklearwaffen bereit, sobald
die in die KSE-Verhandlungen gesetzten Hoffnungen Wirklichkeit geworden
sind.
Fünftens handelt es sich bei den
US-Truppen nicht um eine Besatzungsstreitmacht. Präsident Bush zufolge
werden amerikanische Streitkräfte so
lange in Europa bleiben, wie die Regierungen
und
die
Öffentlichkeit
Westeuropas dies wünschen und das
Bündnis gemeinsam zu der Entscheidung
gelangt, daß sie weiterhin erforderlich sind.
Sechstens
schreiben
amerikanische
Streitkräfte und Interessen nicht die
militärischen Vorkehrungen des Bündnisses vor. Wir handeln als Bündnis. Unsere Soldaten werden in der
NATO ausgebildet. Bei meinem ersten
Kommando vor 32 Jahren war ich NATOLeutnant, dem 40 Soldaten in der Fulda Gap unterstellt waren. Heute werden vier der acht gemeinsamen Kommandobehörden im NATO-Bündnis von europäischen Offizieren geführt.
Die
Verbindung demokratischer politischer
Verfahrensweisen
und
militärischer
Entscheidungsfindung
ist
uns
auf
höchster Ebene gelungen. Unsere Stäbe denken zunehmend in globalen Dimensionen und entwickeln gemeinsame
Lösungen für militärische Probleme.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß
unsere Ausbildung und unsere Übungen
vom Oberbefehlshaber bis zum jüngsten
Soldaten im Bewußtsein gemeinsamer
Werte und hehrer Ziele stattfinden.
Wir halten an diesen sechs Grundsätzen fest, weil unsere Verbündeten daran glauben und sie im amerikanischen
Volk Unterstützung finden. Die amerikanische Verteidigungspolitik ist
tief verwurzelt. Seit über 200 Jahren hat das amerikanische Volk sein
Militär unterstützt, wenn es einen
Konflikt gab, der eine Reaktion der
Vereinigten Staaten erforderte. Ich
betone dabei das Wort "Reaktion".
Militärische Macht auf der Basis einer Offensive, eines begonnenen Kon-

- 6 -

�flikts oder der Besetzung von Territorium widerspricht
den Gesetzen,
Vorstellungen und der Tradition Amerikas.

Stadt über Reduzierungen im konventionellen Bereich.
Deshalb setzen
wir den Trend zu geringeren Verteidigungsausgaben und niedrigerer Streitkräfteniveaus fort und versuchen ihn
noch zu forcieren.

Perspektiven
Ich habe bereits über westliche Werte
gesprochen.
In Malta hat Präsident
Gorbatschow die Allgemeingültigkeit
dieser Werte betont. Er hat recht.
Wir haben sie niemals nur für uns beansprucht.
Heute werden wir Zeuge tiefgreifender
Veränderungen in der Sowjetunion und
Osteuropa - Veränderungen, mit denen
die Sicherheit aller KSZE-Staaten
verbessert werden kann. Die erfolgten Reduzierungen und der Abzug von
Streitkräften des Warschauer Pakts
ermutigen uns ebenso wie Erklärungen
der Sowjets, eine Politik der Zwänge
- wie die Breschnew-Doktrin - seien
Relikte der Vergangenheit.
Aber in Europa gibt es mehr zu tun
als militärische Reduzierungen. Präsident Gorbatschow hat von Demokratisierung gesprochen. Die in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen sind beispiellos. In allen Ländern Osteuropas beobachten wir eine
starke Hinwendung
zum politischen
Pluralismus.
Für
die Vereinigten
Staaten ist wie für jede andere Demokratie Glasnost - öffentliche Diskussionen und Debatten über militärische
Strategien und Programme - ebenso
wichtig wie Perestrojka. Denn durch
echte Glasnost werden nicht mehr nur
einige wenige für nationale Sicherheit und Militärpolitik zuständig
sein, sondern alle werden Verantwortung tragen.
Die Amerikaner haben in den vergangenen vierzig Jahren - und im Laufe ihrer Geschichte - dokumentiert, daß
sie sich Herausforderungen stellen.
Ebensosehr sind Amerikaner bereit,
Chancen zu nutzen.
Präsident Bush
setzt sich für die amerikanische
Überwindung
des
Containment
ein.
Deshalb verhandeln wir in dieser

Die Zahl der in Europa stationierten
US-Streitkräfte ist kein Tabu.
Es
ist keine unumstößliche Tatsache, daß
die militärische Machtverteilung in
einem geteilten Europa so bleiben
soll wie in den vergangenen vierzig
Jahren. Die Vereinigten Staaten begrüßen die um uns herum vollziehenden
Veränderungen. Wir hoffen, daß der
Prozeß, in dem wir uns alle befinden,
zu dem Tag führen werden, an dem die
militärischen Anforderungen an beide
europäischen Bündnisse erheblich sinken. Darüber hinaus hoffen wir, daß
der in Ost und West gehegte Traum von
einer friedlichen Gemeinschaft demokratischer Staaten mit gemeinsamen
Werten Wirklichkeit wird.
Innerhalb und außerhalb des KSZE-Prozesses richten wir unsere Bestrebungen auf den Abbau von Spannungen und
Schranken,
Streitkräftereduzierungen
und Wiederherstellung von Vertrauen
zwischen einzelnen Ländern. Ich weiß
heute um unser aller Bewußtsein, daß
Ost und West das Ende des Zeitalters
der Konfrontation in Europa herbeiführen wollen. Der Geist der Demokratie durchdringt diesen Kontinent.
Mit diesem gemeinsamen Ziel vor Augen
können wir alle zusammenarbeiten, um
in ein neues Zeitalter des Friedens,
der Sicherheit und Freiheit in Europa
einzutreten.

Schlußbemerkung
Im Laufe dieses Seminars werden Sie
noch eingehender von anderen Amerikanern über unsere Politik und Doktrin
informiert werden. Generalmajor Robinson wird im einzelnen erläutern,
wie unsere Politik und Streitkräftestruktur ausgerichtet ist, um die
Ziele im Bereich der nationalen Sicherheit zu verwirklichen, die uns
das amerikanische Volk zuweist. Der

- 7 -

�Stellvertretende
Verteidigungsminister Chu wird erklären, wie wir Mittel für unsere Verteidigung von einem
sachkundigen, fordernden und mißtrauischen Kongreß erhalten, der seiner verfassungsmäßigen Rolle gerecht
wird. General Leland wird darlegen,
wie die Ausbildung der US-Streitkräfte in Europa erfolgt, damit sie ihre
Pflicht für unsere kollektive Sicherheit erfüllen können.
Nach Beendigung unserer Vorträge werden wir Sie hoffentlich vom defensiven Charakter unserer Doktrin überzeugt haben.
Sie werden erkennen,
daß wir eine Supermacht mir weltweiten Pflichten sind. Sie werden erkennen, daß unsere Streitkräfte bestehen, um unsere Werte zu schützen,
nicht, um sie aufzuzwingen. Sie werden erkennen, daß wir entschlossen
sind, alles in unserer Macht Stehende
zu tun, um unsere Freiheit und die
unserer Freunde zu bewahren.
Sie
werden erkennen, daß kein Land, das
sich den Zielen dieser Konferenz verpflichtet
fühlt,
die
Vereinigten
Staaten fürchten muß.
Dies ist eine historische Zusammenkunft, von der wir viel erwarten.
Ich freue mich auf die Vorträge meiner Kollegen.

* * * * *

-8

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K

Amerika Dienst 3

VEREINIGTE STAATEN:

24. Januar 1990

UMSTRUKTURIERUNG DER STREITKRÄFTE ERFORDERLICH

Rede von Les Aspin beim Nationalen Strategieforum

WASHINGTON - (AD) - Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im amerikanischen Repräsentantenhaus, Les Aspin, erklärte am 19. Januar 1990 in einer Rede
beim Nationalen Strategieforum in Chicago, die Vereinigten Staaten müßten über
eine Umstrukturierung und Reduzierung ihrer Streitkräfte in einer Weüt nachdenken, in der die Sowjetunion nicht mehr die wichtigste militärische Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt.
Aspin zufolge ist eine solche Welt "vielleicht nur fünf bis zehn Jahre entfernt", die Vereinigten Staaten "benötigten dann zwar immer noch Streitkräfte,
aber mit ganz anderer Struktur als heute. Das Militär müßte umstrukturiert
und reduziert werden."
Aspin schlug dem Kongreß eine neue Strategie für Kürzungen des Verteidigungshaushalts angesichts der verminderten sowjetischen Bedrohung und der politischen Unwägbarkeiten in Osteuropa vor.
Nachfolgend veröffentlichen wir Aspins Rede im Wortlaut.
Im letzten Frühjahr hat Präsident
Bush seinen ersten Verteidigungshaushalt - verspätet - vorgelegt. Er war
von den Zeichen der Zeit gesetzt.
Dynamische Ereignisse fanden statt,
deren Ergebnis jedoch unsicher war.
Heute, nur einige Monate später, leben wir in einer neuen Welt. Ereignisse, die noch vor einigen Monaten
undenkbar gewesen wären, sind jetzt
Aufmacher in den Abendnachrichten.
In Osteuropa bröckelt das kommunistische Weltreich. Man kann sich den
Warschauer Pakt nicht mehr als geschlossenes Militärbündnis vorstellen, das Moskaus Anweisungen blinden
Gehorsam leistet. Zum ersten Mal in
einer Reihe von Generationen können
wir jetzt in Ansätzen - und ich betone: in Ansätzen - an eine Welt den-

ken, in der die Sowjetunion für die
Vereinigten Staaten nicht mehr die
wichtigste
militärische
Bedrohung
darstellt.
Wenn wir Glück haben, ist eine solche
Welt vielleicht nur fünf bis zehn
Jahre entfernt. Wie könnte sie aussehen?
Wir benötigten dann immer
noch Streitkräfte, aber mit ganz anderer Struktur als heute. Unser Militär müßte umstrukturiert und reduziert werden.
Die größten Veränderungen würden im
Heer stattfinden. Seit dem Zweiten
Weltkrieg ist das Heer mit der sowjetischen Bedrohung - vor allem den Sowjets in Europa - vor Augen aufgestellt und konzipiert worden.
Vor
dem Hintergrund
dieses Szenariums

�wurden vom Heer Waffen beschafft,
Taktiken
entwickelt
und
Übungen
durchgeführt. Wenn das Heer andere
Aufgaben - etwa einen Dschungelkrieg
in Vietnam oder eine Invasion in Grenada - zu erfüllen hatte, waren Veränderungen vorzunehmen. Wir nutzten,
was wir hatten, bei Neuerwerbungen
nahmen wir aber auf andere Situationen keine Rücksicht.
Die Frage, die sich jetzt stellt,
lautet: Wie würde das Heer aussehen,
wenn es nicht mehr gegen die Sowjetunion kämpfen, sondern Operationen in
Panama durchführen müßte? Es ist an
der Zeit, über diese Frae nachzudenken.
Aber die mögliche neue Welt hätte
nicht nur Auswirkungen auf das Heer.
Nehmen Sie zum Beispiel die Marine.
Heute hat sie vier Hauptaufgaben:
sie trägt mit U-Boot-gestützten Atomwaffen
zur nuklearen Abschreckung
bei, sie ist bereit, bei einem Konflikt zwischen den Supermächten für
die Kontrolle auf See zu kämpfen, sie
ist vorbereitet, um Streitkräfte ans
andere Fnde der Welt zu befördern was wir als Kräfteentsendung bezeichnen - und sie demonstriert überall
auf der Welt amerikanische Präsenz.
Zwei dieser Aufgaben dienen vordringlich
der
Bekämpfung
sowjetischer
Macht - nukleare Abschreckung mit
strategischen
Raketen
bestückten
U-Booten und Kontrolle auf See, um im
Fall eines Kriegs in Europa Nachschub
dorthin zu transportieren. Bei diesen Aufgaben spielen U-Boote und
Technologie
zur U-Boot-Abwehr die
wichtigste Rolle.

könnte sich die Marine in Zukunft
tatsächlich in geringerem Maße der
Kontrolle auf See und stärker der
Kräfteentsendung zuwenden, weil sich
in diesem Bereich wahrscheinlich ein
erhöhter Bedarf an Streitkräften ergeben wird.
Kurzum - die Zukunft
könnte für die Marine mehr Flugzeugträger und weniger U-Boote bedeuten.
Die Marine könnte sogar ihre Aufmerksamkeit verstärkt der sogenannten amphibischen Komponente zuwenden. Denken Sie nur an unsere Patrouillen im
Persischen Golf während des Konflikts
im Iran. Denken Sie nur an den beklagenswerten Zustand des Minenräumgeräts. Ich hoffe, daß die Marine in
den kommenden Jahren ihr Augenmerk
auch darauf richtet.
Am
militärischen
Erscheinungsbild
dieser neuen Welt muß noch viel getan
werden. Diese Welt gibt es jedoch
noch nicht. Auch wenn wir konkretere
Vorstellungen von ihren Strukturen
hätten, können wir heute nicht so
rechnen, als ob es sie bereits gäbe,
weil wir uns dessen nicht sicher sein
können. Was sollen wir in der Zwischenzeit tun?
Es haben bereits dynamische Ereignisse stattgefunden. Unsere Bürger weisen darauf hin, daß wir sie unter allen Umständen berücksichtigen müssen. Sie haben völlig recht.
Der Kunstgriff in diesem und vielleicht auch in den nächsten, Jahren
liegt darin, wie wir in einer Zeit
historischer Veränderungen und Unsicherheiten in der Sowjetunion unsere
Mittel verteilen.

Die beiden "anderen Aufgaben der Marine - Kräfteentsendung und militärische Präsenz - sind in Situationen
angemessen, die nichts mit der sowjetischen
Bedrohung
zu tun haben.
Kräfteentsendung und Präsenz wird von
Flugzeugträgern, den Marineinfantristen und Schlachtschiffen geleistet.

Heute möchte ich eine Reihe von
Grundsätzen - eine Strategie, wenn
Sie so wollen - aufzählen, die es uns
gestattet, beides zu tun, wenn der
Präsident uns in zehn Tagen seinen
Verteidigungshaushalt
vorlegt.
Es
gibt zwei Grundsätze, die wir hier
befolgen müssen.

Falls es in Zukunft tatsächlich keine
sowjetische
Bedrohung
mehr
gibt,

Der erste Grundsatz ist einfach. Wir
sollten unsere Anstrengungen verrin-

- 2

�daß sich die Produktionsquote
taktischer
Waffen
verringert
hat.
1989 betrug die Zahl der
hergestellten Panzer etwa 1 700.
Das ist etwa die Hälfte der normalen Produktion.
Erwartungsgemäß werden es 1990 etwa 900 Panzer - wiederum die Hälfte - sein.

gern oder unsere Ausgaben in den Bereichen kürzen, in denen die militärische Bedrohung tatsächlich abgenommen hat.
Das ist leichter gesagt als getan.
Der Kunstgriff besteht darin, die
richtigen Kategorien zu treffen. Um
das zu tun, müssen wir unseren alten
Gegner objektiv betrachten. Im folgenden einige unserer Einschätzungen.

Politische
Veränderungen.
Die
Ereignisse, wie wir sie in Osteuropa beobachten, werfen die berechtigte Frage über die Lebensfähigkeit des Warschauer Pakts
als Militärbündnis auf. Tatsächlich ist die Frage der weiteren
Präsenz sowjetischer Truppen in
Osteuropa noch offen.

Die Bereitschaft des Warschauer
Pakts zum Krieg.
Unsere Nachrichtendienste haben wiederholt
erklärt, der Warschauer Pakt benötige lediglich zwei Wochen zur
Vorbereitung einer Großoffensive
gegen die NATO. Jetzt sind ihren
Aussagen zufolge 34 bis 44 Tage
erforderlich.
Und das war vor
den jüngsten Ereignissen in Osteuropa.

Kräfteentsendung in andere Gebiete. Wie steht es mit sowjetischen Aktivitäten in anderen Teilen der Welt?
Die Aktivitäten
auf See sind drastisch - um etwa
25 Prozent - zurückgegangen. Sowjetische Streitkräfte im Fernen
Osten sind reduziert worden. Die
sowjetische Militärhilfe an andere Länder ist - wenn auch geringfügig - zurückgegangen. Die Fähigkeit der Sowjets zur Kräfteentsendung hat sich jedoch kaum
verringert.

Sowjetischer
Truppenabzug
aus
Osteuropa. Im Dezember 1988 hat
Gorbatschow die vollständige Beendigung des einseitigen Abzugs
bis 1990 verkündet. Und seinem
Versprechen sind Taten gefolgt.
Die Sowjets haben einseitig Panzer und andere Streitkräfte aus
Osteuropa abgezogen und reduzieren somit ihre Kampffähigkeit gegenüber der NATO um 10 bis 20
Prozent.

Die strategische Bedrohung. Hier
gibt es die geringfügigsten Veränderungen.
Die Sowjets haben
zwei neue ICBMs, die straßenmobile SS-25 und die schienenmobile
SS-24. Und sie modernisieren ihre riesigen SS-18, obwohl sie im
Sinne der Einschränkungen von
START umgerüstet sein könnten.
Sie verfügen über zwei strategische Bomber, den alten BEAR H und
den neuen BLACKJACK.
Darüber
hinaus stationieren sie gegenwärtig zwei moderne mit Raketen bestückte U-Boote, DELTA IV und
TYPHOON.

KSE-Verhandlungen.
Mit den im
Rahmen dieser Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte ausgehandelten Reduzierungen sollen
die Streitkräfte des Warschauer
Pakts halbiert werden. Allem Anschein nach wird das tatsächlich
der Fall sein - wenn das Abkommen
noch in diesem Jahr unterzeichnet
wird.
Modernisierung
konventioneller
Waffen.
Unsere eigenen Waffen
waren für die Sowjets in den vergangenen Jahren Gegenstand des
Neids - wenn man den Umfang betrachtet, in dem sie neues Gerät
einführen.
Unsere Nachrichtendienste informieren uns darüber,

Dieser kurze Überblick sowjetischer
Aktivitäten deutet darauf hin, daß
die Bedrohung - und damit unser militärischer Bedarf - vor allem in Europa abgenommen hat. Was könnten wir

- 3 -

�tun? Die Antworten liegen hauptsächlich in den Bereichen Personal und
Einsatzbereitschaft.
Im
folgenden
einige Einzelheiten.
Die NATO - und ihre amerikanische
Komponente - könnte die Bereitschaft ihrer vorne stationierten
Streitkräfte herabsetzen. Gegenwärtig besteht kaum noch die Bedrohung
eines
Überraschungsangriffs.
Mit dem Wort Bereitschaft beziehe ich mich etwa auf
die Intensität von Einsätzen und
Ausbildung
vorne
stationierter
Streitkräfte, die Anzahl und Dauer der Stationierungen von Marineeinheiten in Übersee und den
Umfang des Nachschubs an Bord.
Dann könnte die Mischung aktiver
und
Reserveeinheiten
verändert
werden. Wenn es Monate dauert,
bis sie kampfbereit sind, haben
auch wir einige Monat Zeit. Mehr
Streitkräfte können der Reserve
überstellt werden.
Wir könnten das Problem des Truppentransports
neu
überdenken.
Wenn uns mehr Zeit zur Verfügung
steht, benötigen wir vielleicht
nicht den kostspieligen Lufttransport.
Wir
könnten
den
Transport langsamer und kostengünstiger auf See durchführen.
Damit ergibt sich auch eine Frage
im Hinblick auf das Gerät. Wenn
wir bei den KSE-Verhandlungen einen zahlenmäßige Gleichstand erreichen, verringert sich die Bedrohung durch massierte Nachfolgestreitkräfte
des
Warschauer
Pakts - seit Jahren ein Problempunkt für die NATO. Es könnte
sein, daß wir keine teuren, risikoreichen und hochtechnologischen
Angriffswaffen mehr benötigen, um
die wir bisher bestrebt waren.
Dies sind nur einige Möglichkeiten,
wie wir mit den Veränderungen der
sich uns heute tatsächlich stellenden
Bedrohung fertig werden können. Aber
ich habe bereits darauf hingewiesen,

daß wir auch bei großen Unwägbarkeiten haushalten müssen.
Wie können
wir das tun? Durch Befolgung unseres
zweiten Grundsatzes, der darin besteht, einer Umkehr der von uns wahrgenommenen Tendenzen vorzubeugen.
Das erste Prinzip bezog sich vor allem auf Personal und Bereitschaft.
Dieses dagegen betrifft die Konstruktion neuer Waffensysteme.
Im Grunde könnten wir, um Unsicherheiten vozubeugen, weiterhin neue
Waffensysteme entwickeln, ohne sie
herzustellen, bis wir beobachten, ob
die sowjetische Bedrohung auf einen
potentiellen Einsatz hindeutet. Wir
könnten statt eines Systems, bei dem
wir Entwicklungen erwerben, ein echtes System der Forschung und Entwicklung
erarbeiten.
Es sollte ein
durchstrukturiertes System sein, im
Rahmen dessen zwischen Technologien
ausgewählt wird, Prototypen hergestellt, vorgeführt und bewertet und
dann bis zum Tag ihres potentiellen
Einsatzes gelagert werden.
In der Zwischenzeit könnten wir weiterhin die uns zur Verfügung stehenden Plattformen für Waffen herstellen. Diese Plattfomen - Flugzeuge,
Panzer und Schiffe - könnten im Hinblick auf ihre Feuerkraft und andere
Fähigkeiten weiter verbessert werden.
Die nächste Generation von
Plattformen würde jedoch nicht hergestellt, bis die Bedrohung den Schluß
zuläßt, daß wir sie benötigen.
Als Ergebnis dessen dürfen wir nicht
mehr die "Katze im Sack" kaufen. Das
Problem stellte sich mit der Dauer
der Entwicklung. Die sowjetische Bedrohung bedeutete schnellen Erwerb
neuer Waffen, wobei man sich auf Modelle und Entwürfe verlassen mußte
und keine Prototypen zur Verfügung
standen.
Bei der neuen Strategie
hätte man mehr Zeit, weil eine Kaufentscheidung hinausgezögert würde, um
zu beobachten, wie sich die Bedrohung
entwickelt.
Zu dieser Politik müßten noch andere

_ 4_

�Kriterien hinzukommen. Der Sammlung
und Auswertung nachrichtendienstlichen Materials muß große Bedeutung
zukommen. Wir müssen sicherstellen,
daß wir wissen, was der andere tut.
Dabei spielt auch die Rüstungsindustrie eine Rolle. Wenn wir uns darauf verlassen wollen, daß wir nach
Bedarf neue Waffen herstellen können,
müssen wir die entsprechende Fähigkeit der Industrie gewährleisten.
Dieser Ansatz würde nicht immer funktionieren. Wir können nicht gleichzeitig die Entscheidung zur Produktion aller Systeme zurückstellen.
Einige neue Waffen werden erforderlich sein, wenn auch in geringerer
Anzahl als bisher. Ich möchte Ihnen
dazu einige Leitlinien für die Entscheidung über neue Waffen darlegen.
Wir sollten ein neues System nur herstellen, wenn die folgenden drei Bedingungen erfüllt sind.
Erstens sollte kein neues Waffensystem in Produktion gehen, wenn
die wahrgenommene Bedrohung dies
nicht
ernsthaft
rechtfertigt.
Das heißt, entweder werden die
Sowjets besser oder wir müssen
ganz klar schlechter werden.
Zweitens muß die neu entwickelte
Technologie etwas leisten.
Das
mögen Sie für offensichtlich halten, es war jedoch bisher nicht
der Fall.
Drittens müssen die Konstrukteure
auch angesichts einer echten Bedrohung
und
funktionierender
Technologie beweisen, daß das bestehende Gerät für die betreffende Bedrohung nicht mehr weiter zu
entwickeln und zu verbessern ist,
bevor sie neues entwickeln.
Ich möchte einige Beispiele anführen,
wie dies funktionieren könnte. Die
Luftwaffe arbeitet derzeit an ihrem
Advanced Tactical Fighter (ATF), dem
taktischen
Kampfflugzeug
der
Zukunft. Mit der Produktion des ATF
werden wir abwarten, bis sich heraus-

stellt, ob die sowjetische Bedrohung
seine Produktion tatsächlich erforderlich macht. Wir arbeiten an einer
neuen Luft-Luft-Rakete, die unseren
derzeitigen Kampfflugzeugen ein enormes Potential verschafft.
Für das
Haushaltsjahr 1991 könnte der Streitkräfteausschuß die Produktion des ATF
zurückstellen und die heutige Generation von Kampfflugzeugen anschaffen F-15 und F-18.
Andererseits kann man berechtigterweise das Argument vorbringen, unsere
jüngste Klasse von Angriffs-U-Booten
biete praktisch keinen Raum für Verbesserungen mehr - und das meine ich
wörtlich. Konkret können die notwendigen Veränderungen nicht vorgenommen
werden. In der Zwischenzeit hat die
Bedrohung jedoch qualitativ zugenommen. Die sowjetischen U-Boote werden
besser und geräuschloser, obwohl es
vielleicht nicht mehr ganz so viele
gibt. Das führt zur Notwendikeit einer neuen SSN-21-Klasse von U-Booten
des Typs SEAWOLF.
Dies sind die Bestandteile der Strategie, die wir bei der Erörterung des
Haushalts für 1991 anwenden werden.
Bedauerlicherweise hat die Bush-Administration eine vernünftige Haushaltsdebatte bereits erschwert. Wie
ich schon im vergangenen Jahr ausgeführt habe, hat sie sich in zweifacher Weise geirrt.
Erstens hat sie keine ausreichenden
Informationen über die Veränderung
der sowjetischen Bedrohung zur Verfügung gestellt.
Die Administration
hat dem Kongreß beispielweise nicht
mitgeteilt, daß der Nachrichtendienst
seine Bemessung der Vorwarnzeit für
einen Angriff des Warschauer Pakts
von zwei Wochen auf sage und schreibe
44 Tage erhöht hat. Der Kongreß erfuhr davon durch Indiskretionen in
der Presse.
Zweitens begann sie von Kürzungen zu
reden, bevor überhaupt von einer
Strategie die Rede war. Verteidigungsminister Cheney gab bekannt, er
wolle die Wunschliste der Teilstreit-

- 5 -

�kräfte von 1992 bis 1998 um 180 Milliarden Dollar kürzen. Ohne irgendeine Begründung für diese Streichungen im Verteidigungshaushalt, die
mehr oder weniger willkürlich vorgenommen wurden.
Der Haushalt, der uns in 10 Tagen
vorgelegt wird, muß zweifelsohne gekürzt werden. Die Frage ist nur, wie
klug. Mit der von mir hier dargelegten Strategie hoffen wir, unseren
Kollegen neue Hilfsmittel für die
Haushaltsdebatte an die Hand geben zu
können. Diese Strategie ist die entscheidende Richtschnur.
Ich danke Ihnen.

* * * * *
- 6

�MENSCHENRECHTE
Amerika Dienst 3

24. Januar 1990

USA KRITISCH GEGENÜBER MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Botschafter Abram entwirft Strategie für UN-Menschenrechtskommission

GENF - (AD) - Einem führenden Vertreter der amerikanischen Delegation zufolge beabsichtigen die Vereinigten
Staaten, im gesamten Verlauf der bevorstehenden
Jahresversammlung
der
Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen Menschenrechtsverletzungen "äußerst kritisch" zu beurteilen.
Botschafter Morris B. Abram, Ständiger Vertreter der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen in Genf
und seit langem im Bereich der Menschen- und
Bürgerrechte tätig, erklärte bei einer Pressekonferenz am
19. Januar 1990, der amerikanische
Ansatz sei international, unparteiisch und umfassend und werde permanente Menschenrechtsverletzungen wie
beispielsweise in Kuba nicht hinnehmen.

Die 46. Sitzung der Menschenrechtskommission, dem wichtigstem Überwachung sau sschuß der Vereinten Nationen
zur Wahrung der Menschenrechte weltweit, wird vom 29. Januar bis 9. März
1990 in Genf tagen.
Die amerikanische Delegation wird von Botschafter
Armando
Valladares
angeführt,
der
selbst einmal politischer Gefangener
in Kuba war.
"Wir planen eine Tour d'horizon, um
Bilanz der Fort- und Rückschritte im
Bereich der Menschenrechte im vergangenen Jahr zu ziehen", so Abram.
Er verwies darauf, daß die Sitzung
vor dem Hintergrund der "erfreulichen
und vielversprechenden Veränderungen"
in Osteuropa und Südamerika stattfindet.
"Wir erwarten die Anerkennung

�der Kommission für die Länder - Paraguay, Chile, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn, um nur einige zu
nennen - die echte Fortschritte bei
der Verwirklichung der repräsentativen Demokratie gemacht haben", erklärte Abram.
Er fügte hinzu, "wir erwarten jedoch
die Kritik der Kommission an den Ländern, die ihrer bekundeten Absicht
zur Wahrung der internationalen Menschenrechtskonventionen nicht gerecht
geworden sind", wie der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte, in der
die Normen für diesen Bereich niedergelegt sind.
Abram führte als Beispiel Kuba an, wo
Verletzungen
der
Grundrechte
und
-freiheiten des einzelnen von der
Kommission mit anderen Maßstäben gemessen wurden als in den übrigen lateinamerikanischen Ländern.

Ausschußmitgliedern aus allen Regionen der Welt gebildete Arbeitsgruppe
Kuba im Jahr 1988 besucht und der
Sitzung im vergangenen Jahr von zahlreichen
Menschenrechtsverletzungen
berichtet hatte. Er erinnerte auch
daran, daß viele Kubaner "grausam behandelt" und verhaftet wurden, weil
sie vor der Gruppe als Zeugen ausgesagt und anderen Stellen über Kubas
Menschenrechtspraktiken
berichtet
hatten - ein Bruch des vor den Vereinten Nationen abgelegten Versprechens, daß in Kuba niemand wegen solcher Informationen bestraft würde.
Americas
Watch,
eine
unabhängige
Gruppe zur Überwachung der Menschenrechte, brachte vor, das kubanische
Regime habe im November drei weitere
Berichterstatter von Menschenrechtsverletzungen zu zweijährigen Gefängnisstrafen verurteilt, womit sich der
Anzahl der inhaftierten Beobachter
auf insgesamt 27 erhöht habe.

"Unparteiisches
Vorgehen
verlangt,
daß den sehr genau dokumentierten
Menschenrechtsverletzungen
in
Kuba
dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wird
wie beispielweise denen in Guatemala,
Chile und El Salvador", fuhr der Botschafter fort. Er stellte fest, Sonderberichterstatter
der
Kommission
wären in diese Länder entsandt worden. Im Falle von Chile mußte "trotz
zweier freier und fairer Wahlen" ein
gesonderter
Tagesordnungspunkt
bei
der
Jahresversammlung
aufgestellt
werden.

Im vergangenen Jahr wurde bei der
AusschußSitzung eine Resolution mit
der Verpflichtung für die kubanische
Regierung
verabschiedet,
"direkte
Kontakte" mit dem UN-Generalsekretär
über Menschenrechtsverletzungen und
in dem Bericht der Arbeitsgruppe aufgeworfene
Fragen
zu
unterhalten.
Amerikanische Regierungsvertreter erwarten die Berichterstattung des Generalsekretärs über diese Kontakte
vor der Kommission.

"Wenn diese Länder solchen Inspektionen unterzogen werden . .. wie um alles in der Welt kann dann Kuba ignoriert werden?", fragte Abram.

Abram betonte, die von den Vereinigten Staaten zu Kuba erwogene Resolution werde "fair, ausgewogen und unparteiisch" sein und damit eines der
vorrangigen Ziele der amerikanischen
Delegation erfüllen.

Er erklärte, die Vereinigten Staaten
würden im Verlauf der Sitzung eine
Resolution vorlegen, in der das
Castro-Regime wegen seiner "Mißachtung der Vereinten Nationen" kritisiert wird und Bestrebungen dieses
internationalen Gremiums zur Verbesserung der Menschenrechtssituation in
diesem Land enthalten sind.

Menschenrechte sind ein weiteres Thema, dem die Vereinigten Staaten Abram
zufolge besondere Bedeutung beimessen
und eine Angelegenheit "internationaler Beurteilung und Besorgnis", die
nicht als ausschließliche Domäne "innenpolitischer
Gesetze"
angesehen
werden darf.

Abram erinnerte daran, daß eine von

Die Vereinigten Staaten

- 2 -

sind ferner

�der Überzeugung, daß der Schutz der
Menschenrechte "die einzige Garantie
für einen dauerhaften Frieden" ist,
fügte
Abram
hinzu.
Die
"einzige
ethische und moralische Basis" der
Regierungen bestehe in freien und
fairen, regelmäßigen Wahlen und die
Institutionen der repräsentativen Demokratie "legen den Grundstein für
kontinuierliche Fortschritte im Bereich der Menschenrechte" und des internationalen Friedens.
Schließlich
wird
die amerikanische
Delegation die "Vorrangigkeit" bürgerlicher und politischer Rechte wie
Rede- und Meinungsfreiheit, das Recht
der freien Religionsausübung und das
Wahlrecht
vor wirtschaftlichen und
sozialen Rechten wie dem Recht auf
Befriedigung
der
Grundbedürfnisse
(Wohnung, Nahrung und medizinische
Versorgung)
hervorheben,
erklärte
Abram.
Wirtschaftliche und soziale Rechte,
stellte er fest, "kann man sogar im
Gefängnis
wahrnehmen.
Aber
warum
will niemand ins Gefängnis? Weil es
dort keine bürgerlichen und politischen Rechte gibt..."
Der Botschafter betonte, die Wahrung
der
bürgerlichen
und
politischen
Rechte "setze in jeder Gesellschaft
kreative
Kräfte
frei und
fördere
wirtschaftliche und soziale Entwicklungen am besten".

bessert habe.
Abram fuhr fort, voraussichtlich würden einige Länder Fragen zur Lage in
Panama vorbringen, obwohl sich seiner
Meinung nach die Situation für das
panamaische Volk infolge der jüngsten
amerikanischen
Operation in diesem
Land verbessert hat.
"Ich habe niemanden gehört ... der
gesagt hat, wir hätten keine Fortschritte für das Selbstbestimmungsrecht des Volkes in Panama erzielt",
so Abram, und in dieser Hinsicht war
die Panama-Operation "eine Verbesserung der Menschenrechte".
Abram erklärte ferner, die Kommission
sollte versuchen, die wachsenden Probleme ethnischer Minderheiten in der
Welt zu bewältigen. Ihm zufolge werden die Vereinigten Staaten die Kommission auffordern, ihrem Unterausschuß zur Verhinderung von Diskriminierung und zum Schutz von Minderheiten das Mandat zur Prüfung der Gegebenheiten zu erteilen, unter denen
harmonische ethnische Beziehungen am
besten gefördert werden können.
Im Verlauf der sechswöchigen Sitzung
beabsichtigt
die
Kommission,
Vorschläge zur Erweiterung der derzeit
43
Nationen
umfassenden
Mitgliedschaft auf möglicherweise 53 sowie
zur effektiveren Gestaltung ihrer Arbeit zu erörtern.

Andere
Themen, die voraussichtlich
bei der diesjährigen Sitzung erörtert
werden, sind Abram zufolge die Menschenrechtssituation in China - wo
die Vereinigten Staaten die Gewaltakte des vergangenen Sommers und darauffolgenden
Inhaftierungen
"bedauern", jedoch die kürzliche Aufhebung
des Kriegsrechts
"begrüßen" - und
Irak, von wo verheerende Nachrichten
kommen.
Er erklärte, auch das Thema Rumänien
werde in der Sitzung angeschnitten,
obwohl der Sturz der Ceaucescu-Diktatur die Menschenrechtssituation seit
der letzten Kommissionssitzung ver- 3 -

* * * * *

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