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                  <text>13. Dezember 1989

45

INHALT

DOKUMENTATION
Ein neues Europa, ein neuer Atlantlzlsmus; Architektur für ein neues
Zeitalter
- Rede von Außenminister James A. Baker vor dem Berliner Presseclub HINTERGRUND
Nationale Sicherheitsstrategie der USA für die neunziger Jahre
- Von Paul D. Wolfowitz -

Menschenrechte im Jahr 1989
- Von Richard Schifter -

Bessere Einhaltung der Schlußakte von Helsinki in Osteuropa
- Auszüge aus dem 27. HalbJahresbericht der KSZE -

Neueste Entwicklungen im Kampf gegen Drogen
- Bericht des US-Außenministeriums -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�«fc°s&gt;&lt;

'VON

AMERIKA DIENST

4

Dokumentation

13. Dezember 1989

45

EIN NEUES EUROPA, EIN NEUER ATLANTIZISMUS:
ARCHITEKTUR FÜR EIN NEUES ZEITALTER
- Rede von Außenminister Baker vor dem Berliner Presseclub BERLIN - (AD) In einer Rede vor dem Berliner Presseclub hat der amerikanische
Außenminister, James A. Baker, am 12. Dezember 1989 "eine neue Architektur"
für ein neues Zeitalter erläutert. Diese neue Architektur müsse "einen Rahmen
schaffen ... in dem die Teilung Europas überwunden und der Atlantik überbrückt
werden kann.
Baker unterstrich erneut die Unterstützung der Vereinigten Staaten und der
NATO für die deutsche Einheit. Dabei müßten jedoch Vorkehrungen getroffen
werden, "die den Bestrebungen des deutschen Volkes und den legitimen Sorgen
der Nachbarländer Deutschlands Rechnung tragen".
Bakers Rede vor dem Berliner Presseclub hat folgenden Wortlaut (es gilt das
gesprochene Wort):

Es ist eine große Ehre für einen Amerikaner, zum jetzigen Zeitpunkt in
dieser Stadt eine Rede zu halten.
Für mich und Millionen meiner Mitbürger steht Berlin seit einem halben
Jahrhundert im Brennpunkt der Geschichte.
Hier hat sich klar manifestiert,
was sich andernorts im Dunkeln
verbarg.
Hier hat Vieldeutiges seinen wahren Charakter enthüllt.
Hier haben wir Entscheidungen getroffen und die Positionen bezogen, mit denen die Welt von heute
gestaltet wurde.
Im Jahr 1945 wurde uns durch Bilder

United States Information Service
Embassy of the United States of America

des zerbombten Berlins der furchtbare
Preis des Krieges verdeutlicht.
Im Jahr 1948 verließen die Sowjets
den Alliierten Kontrollrat und verhängten die Blockade über Berlin die eindeutige Erklärung des kalten
Kriegs.
Im Jahr 1953 ging von Berlinern die
erste Volkserhebung gegen die sowjetische Tyrannei in Osteuropa aus.
Im Jahr 1961 wurde mit dem Bau der
Berliner Mauer das letzte Schlupfloch
aus dem Gefangenenlager der Nationen
verschlossen, zu dem der Ostblock
verkommen war.
Im Jahr 1971 kristallisierte sich im
Viermächteabkommen über Berlin das

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�}

schreckliche Dilemma der Entspannungspolitik - die Behauptung, daß
Zusammenarbeit zwischen Ost und West
auf der ständigen Teilung dieses Kontinents beruhe.
Dann geschah im Jahr 1989 ebenfalls
hier in Berlin das bedeutendste - und
gewiß dramatischste - Ereignis der
Nachkriegszeit.
Am 9. November wurde die Mauer zu einem Tor. Die Berliner feierten das
größte und glücklichste Wiedersehensfest der Geschichte. Und alle, die
wir diese Szenen mitverfolgten, fühlten erneut: Wir sind alle Berliner.
Erneut gingen Bilder von Berlin um
die Welt, Bilder, die von einer neuen
Realität kündeten. Die Wurzeln dieser neuen Realität lassen sich bis zu
jenen früheren Szenen zurückverfolgen
- den Szenen des dramatischen Wiederaufbaus West-Berlins nach dem Krieg,
den Szenen der alliierten Luftbrücke
in die blockierte Stadt, den Szenen
von amerikanischen und sowjetischen
Panzern, die einander am Checkpoint
Charlie gegenüberstanden.
Durch ihr Zusammenstehen in Berlin
und andernorts haben die westlichen
Staaten die grundlegenden Voraussetzungen für die Überwindung der Teilung Berlins, dieser Nation und dieses Kontinents geschaffen.
Im Zuge der jüngsten Entwicklungen
hat die Sowjetunion ein bemerkenswertes Maß an Realismus gezeigt. Präsident Gorbatschow gebürt das Verdienst
dafür,
als
erster
sowjetischer
Staatschef den Mut und die Weitsicht
besessen zu haben, die Unterdrückung
in Osteuropa zu beenden.
Der wahre Impuls für den Wandel kommt
jedoch aus einer völlig anderen Quelle: den Völkern Polens, Ungarns, der
Tschechoslowakei, Bulgariens und der
DDR.
Sie haben sich selbst befreit.
Von der Ostsee bis zur Adria hat eine

unwiderstehliche Bewegung an Kraft
gewonnen - eine Bewegung vom, durch
und für das Volk. In ihrer friedlichen, überwältigenden Mehrheit haben
die Völker Osteuropas dem Westen einen Spiegel entgegengehalten, in dem
sich die bleibende Macht unserer erhabensten Werte wiederspiegelt.
Um
Thomas Jefferson, den ersten Außenminister der Vereinigten Staaten zu zitieren: "Nichts ist im Buch der Geschichte eindeutiger festgeschrieben,
als daß diese Menschen frei sein sollen."
Diese Veränderungen bedeuten nichts
weniger als eine friedliche Revolution.
Wie Präsident Bush in der vergangenen
Woche erklärt hat, "besteht die vor
uns liegende Aufgabe darin, die
Früchte dieser friedlichen Revolution
zu konsolidieren und die Architektur
für einen kontinuierlichen, friedlichen Wandel bereitzustellen".
Als erster Schritt müssen freie Männer und Frauen freie Regierungen einsetzen. Der Weg dorthin mag schwierig oder sogar verwirrend erscheinen,
aber wir müssen ihn mit Verständnis
beschreiten.
Denn wahre Stabilität
erfordert Regierungen mit Legitimation, Regierungen, die auf die Zustimmung der Regierten gegründet sind.
Die Völker Osteuropas versuchen, solche Regierungen aufzubauen.
Unsere
Ansicht - wie sie Präsident Gorbatschow von Präsident Bush übermittelt
wurde - ist, daß die politischen und
wirtschaftlichen Reformen im Ostblock
sowohl die langfristige Stabilität in
Europa als auch die Aussichten der
Perestrojka verbessern können. Eine
legitime und stabile europäische Ordnung wird die legitimen sowjetischen
Interessen fördern und nicht bedrohen. Eine unrechtmäßige Ordnung wird
überhaupt keine Ordnung schaffen können.
Freie Menschen und freie Regierungen
sind die Bausteine eines ungeteilten,
freien Europas. In die Hoffnung auf

�ein ungeteiltes, freies Europa mischt
sich jedoch die Besorgnis einiger,
daß ein ungeteiltes Europa nicht
zwangsläufig
ein
friedliches
und
wohlhabendes
Europa
sein könnte.
Viele der Orientierungshilfen, die
uns sicher durch vierzig bisweilen
spannungsgeladene
und
bedrohliche
Jahre geleitet haben, sind nun überholt. Einige der entzweienden Fragen, die einst in Europa zu Konflikten führten, tauchen wieder auf.
Die Instrumente der westlichen Zusammenarbeit müssen sich dem Wandel in
Europa anpassen.
Gemeinsam müssen
wir eine neue Architektur für ein
neues
Zeitalter
entwerfen
und
schrittweise verwirklichen.
Diese neue Architektur muß den alten
Fundamenten und Strukturen Platz bieten, die - wie die NATO - ihre Gültigkeit behalten.
Gleichzeitig muß
sie der Tatsache Rechnung tragen, daß
diese auch neuen, gemeinsamen Zielen
dienen können. Die neue Architektur
muß den Bau von Institutionen weiterführen, die - wie die EG - dazu beitragen können, den Westen noch enger
zu verflechten und gleichzeitig als
offene Tür zum Osten zu dienen. Und
die neue Architektur muß einen Rahmen
schaffen - wie den KSZE-Prozeß -, in
dem die Teilung Europas überwunden
und der Atlantik überbrückt werden
kann.
Diese neue Struktur muß ferner zwei
spezielle Zwecke erfüllen.
Erstens
muß es als Teil der Überwindung der
Teilung Europas eine Chance geben,
die Teilung Berlins und Deutschlands
durch Frieden und Freiheit zu überwinden. Seit vierzig Jahren stehen
die Vereinigten Staaten und die NATO
für die deutsche Einheit, und wir
werden von diesem Ziel nicht abrücken.
Zweitens sollte diese Architektur
der Tatsache Rechnung tragen, daß die
Sicherheit der Vereinigten Staaten politisch, militärisch
und
wirtschaftlich - an die Sicherheit Europas gekoppelt bleibt. Die Vereinigten Staaten und Kanada teilen die

Nachbarschaft Europas.
Präsident Bush erklärte im vergangenen Mai:
"Die Vereinigten Staaten
sind und bleiben eine europäische
Macht." Dem fügte er letzte Woche
hinzu: "Die Vereinigten Staaten werden erhebliche Streitkräfte in Europa
unterhalten, solange unsere Verbündeten unsere Präsenz als Teil gemeinsamer
Sicherheitsanstrengungen
wünschen." Dies ist unsere Verpflichtung für eine gemeinsame Zukunft, eine Anerkennung der Notwendigkeit einer aktiven Rolle der Vereinigten
Staaten in Europa, einer Notwendigkeit, die sogar von Präsident Gorbatschow zugestanden wird.
Unser aller Aufgabe besteht also darin, gemeinsam auf ein neues Europa
und den neuen Atlantizismus hinzuarbeiten.
Neue Aufgaben für die NATO
Im Mai dieses Jahres schlug Präsident
Bush seinen NATO-Partnern vor, es sei
an der Zeit, sich über neue Aufgaben
für die NATO Gedanken zu machen.
Seit über vierzig Jahren hat das
Nordatlantische Bündnis den Frieden
in Europa sowohl durch Abschreckung
als auch durch den Dialog mit dem
Osten bewahrt. Heute bemüht sich die
NATO in Wien, eine neue Sicherheitsstruktur für Europa aufzubauen, in
der die militärische Komponente verringert und die politische aufgewertet ist. Dies ist die erste neue
Aufgabe der NATO.
Ein Abkommen über die konventionellen
Streitkräfte ist der Eckpfeiler dieser neuen Sicherheitsstruktur.
Im
Mai stimmte die NATO dem Plan Präsident Bushs zu, ein solches Abkommen
in einem zügigeren Zeitrahmen anzustreben.
Präsident Gorbatschow reagierte positiv auf diese Chance.
Wir sind einem Abkommen über die Begrenzung der konventionellen Streitkräfte vom Atlantik bis zum Ural inzwischen erheblich nähergekommen. In

- 3 -

�Malta schlug Präsident Bush ein Gipfeltreffen zur Unterzeichnung eines
solchen Abkommens im Jahr 1990 vor.
Heute möchte ich dem hinzufügen, daß
die Außenminister der 23 Staaten von
NATO und Warschauer Pakt ihr für Februar in Ottawa geplantes Treffen,
auf dem die Offene-Himmel-Verhandlungen eröffnet werden sollen, nutzen,
um den Stand der KSE-Verhandlungen in
Wien zu überprüfen und ihnen neue Impulse zu verleihen.
Im Zuge des Aufbaus einer neuen Sicherheitsstruktur zur Aufrechterhaltung der gemeinsamen Verteidigung
wird die Bedeutung der nichtmilitärischen Komponente der europäischen Sicherheit zunehmen. Rüstungskontrollabkommen, vertrauensbildende Maßnahmen und andere politische Konsultatiwereinbarungen werden an Bedeutung
gewinnen. In einer solchen Welt wird
sich die Rolle der NATO weiter fortentwickeln. Die NATO wird zu einem
Forum werden, in dem die westlichen
Staaten zusammenarbeiten, um Abkommen
zwischen Ost und West auszuhandeln,
durchzuführen, zu verifizieren und
auszubauen.

spektionen koordiniert.
Sie könnte
eine zentrale Anlaufstelle für von
den nationalen Regierungen bereitgestellte Informationen bilden, möglicherweise in Verbindung mit gemeinsamen europäischen Bemühungen im Rahmen
der Westeuropäischen Union.
Mit der Abschwächung der Ost-WestKonfrontation und Fortschritten bei
der
Ost-West-Zusammenarbeit
werden
weitere Herausforderungen für die europäische und atlantische Sicherheit
zutage treten. Diese weisen auf die
zweite neue Aufgabe der NATO hin.
Regionale Konflikte sind - zusammen
mit der Verbreitung von Raketen und
nuklearen, chemischen und biologischen Waffen - eine wachsende Gefahr.
Verstärkte Konsultationen der NATO zu
diesen Fragen können eine wichtige
Rolle bei der Formulierung gemeinsamer Haltungen des Westens gegenüber
diesen unterschiedlichen Bedrohungen
spielen.

In diesem Zusammenhang werden Durchführung und Verifizierung eines Abkommens
über
die
konventionellen
Streitkräfte eine große Herausforderung für das Fortbestehen der Sicherheit bedeuten. Die NATO muß hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Drittens sollte die NATO damit beginnen, weitere Initiativen zu erörtern, die der Westen - etwa im Rahmen
des KSZE-Prozesses - einleiten könnte, um wirtschaftliche und politische
Verbindungen zum Osten aufzubauen,
die Wahrung der Menschenrechte zu
fördern, zum Aufbau demokratischer
Institutionen beizutragen und im Einklang mit den westlichen Sicherheitsinteressen ein offeneres Umfeld für
Ost-West-Handel und Investitionen zu
gestalten.

Ich lade deshalb die Regierungen der
NATO-Partner dazu ein, die Schaffung
eines NATO-Stabs zur Verifizierung
von Rüstungskontrollabkommen in Erwägung zu ziehen.
Die Verifizierung
wird in nationaler Verantwortung verbleiben. Ein solcher neuer Stab wäre
jedoch in der Lage, den Regierungen
der Mitgliedstaaten bei der Überwachung der Einhaltung von RUstungskontrollabkommen und vertrauensbildenden
Maßnahmen in Europa zur Seite zu stehen.
Eine NATO-Organisation dieser
Art könnte wertvolle Dienste leisten,
indem sie die NATO-Partner unterstützt und die Durchführung von In-

Schließlich könnte die NATO ihren
größten und dauerhaftesten Einfluß
auf die Struktur des Wandels dadurch
zum Tragen bringen, daß sie den Staaten des Ostens einen fundamental anderen Ansatz in der Sicherheitspolitik vor Augen führt. Die NATO hat in
den vierzig Jahren ihres Bestehens
eine Vision der Zusammenarbeit, nicht
des Zwangs, offener Grenzen, nicht
eiserner Vorhänge aufgezeigt.
Die
Aussöhnung ehemaliger
Feinde, die
sich unter dem Schirm der kollektiven
Sicherheit der NATO vollzogen hat,
bietet den Staaten Osteuropas ein attraktives Modell internationaler Be-

�r

Ziehungen.

auf ein geeintes Europa.

Wie immer die von den Regierungen
Osteuropas gewählten Sicherheitsbeziehungen auch beschaffen sein werden, die NATO wird den westlichen Regierungen weiterhin ein optimales Instrument an die Hand geben, um ihre
Bemühungen für Verteidigung und Rüstungskontrolle zu koordinieren und
eine dauerhafte europäische Friedensordnung aufzubauen. Die Aufrechterhaltung eines vitalen Nordatlantischen Bündnisses wird den Interessen
Osteuropas und ganz besonders auch
den Interessen der Sowjetunion dienlich sein.

Dies war das Ziel von Monet und Schumann. Dies war das von den Vereinigten Staaten Marshalls und Achesons
unterstützte Ziel. Dies war das in
den Römischen Verträgen und in neuerer Zeit in der Einheitlichen Europäischen Akte niedergelegte Ziel. Die
Vereinigten Staaten unterstützen heute dieses Ziel ebenso energisch wie
vor vierzig Jahren.

Die Rolle
schaft

der

Europäischen

Gemein-

Die künftige Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft wird eine zentrale Rolle bei der Gestaltung des neuen
Europas spielen.
Das Beispiel der westlichen Zusammenarbeit im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft hat bereits drastische
Auswirkungen auf die Haltung des
Ostens zu wirtschaftlicher Freiheit
gehabt. Der Erfolg dieses großartigen europäischen Experiments hat
vielleicht mehr als jeder andere Faktor - die Osteuropäer zu der Erkenntnis veranlaßt, daß Menschen ebenso
wie Staaten effektiver miteinander
kooperieren, wenn sie die Freiheit
der Wahl haben. Die Wahlurne und der
freie Markt sind die grundlegenden
Instrumente der Wahlfreiheit.
Das europäische Experiment ist jedoch
nicht nur deshalb gelungen, weil es
dem aufgeklärten Eigeninteresse der
europäischen Erzeuger und Verbraucher
entgegenkam.
Dieses Experiment gelang, weil die Visionen seiner Begründer das rein materielle Element
einschlössen und
zugleich darüber
hinausgingen. Dieses Experiment war
erfolgreich, weil es auch die Aussicht auf das höhere Ziel einer Überwindung der politischen und wirtschaftlichen Grenzen in sich barg -

Selbstverständlich streben die Vereinigten Staaten eine Europäische Gemeinschaft an, die für die Zusammenarbeit mit anderen offen ist. Wir
gehen davon aus, daß die Amerikaner
vom Zugang zu einem europäischen Binnenmarkt ebenso profitieren werden,
wie die Europäer seit langem vom Zugang zu einem einzigen amerikanischen
Markt profitiert haben. Es ist für
uns alle lebensnotwendig, daß beide
Märkte offen bleiben - und daß beide
sich sogar weiter öffnen.
Während Europa seinem Ziel eines gemeinsamen Binnenmarkts näherkommt und
sich seine Institutionen für die Zusammenarbeit in Politik und Verteidigung herausbilden, werden die Bindungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Gemeinschaft
noch an Bedeutung gewinnen.
Wir
möchten, daß unsere transatlantische
Zusammenarbeit mit der europäischen
Integration und den institutionellen
Reformen Schritt hält.
Von diesem Ziel soll die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Gemeinschaft geleitet sein, um - entweder vertraglich oder in anderer Form geregelte entschieden verbesserte institutionelle und konsultative Verbindungen
zu schaffen. Ausgehend von gemeinsamen Idealen und Werten sehen wir uns
mit einer Reihe beide Seiten betreffende Herausforderungen konfrontiert
- in den Bereichen Wirtschaft, Außenpolitik, Umweltschutz, Wissenschaft
sowie auf zahlreichen anderen Gebieten. Es wäre daher sinnvoll, für die
gemeinsame Sache unsere Antworten ge-

- 5 -

�meinsam zu erarbeiten.
Wir schlagen vor, diese Idee im Einklang mit den europäischen Bestrebungen zu Schaffung eines europäischen
Binnenmarktes bis 1992 zu erörtern,
so daß die geplante Interaktion zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen
Gemeinschaft
entsprechend den Veränderungen innerhalb der
Gemeinschaft erfolgt.
Darüber hinaus ermutigen die Vereinigten Staaten die Europäische Gemeinschaft, die Zusammenarbeit mit
den Ländern Osteuropas fortzusetzen
und zu erweitern. Die Förderung politischer und wirtschaftlicher Reformen im Ostblock ist eine gegebene Berufung für die Europäische Gemeinschaft. Aus diesem Grund waren wir
über die beim Weltwirtschaftsgipfel
von Paris getroffene Vereinbarung
außerordentlich erfreut, daß die Europäische Kommission eine besondere
Rolle innerhalb der Gruppe der 24
übernehmen sollte, um Reformen in Polen und Ungarn zu unterstützen.
Die Vereinigten Staaten haben bei der
Gewährung wirtschaftlicher und finanzieller Unterstützung für Ungarn und
Polen eng mit der Europäischen Gemeinschaft zusammengearbeitet.
Die
Vereinigten Staaten haben nahezu 1
Milliarde Dollar an Hilfsleistungen
für diese beiden Länder aufgebracht.
In dieser Woche erwarten wir von dem
Treffen der Gruppe der 24, dem Stabilisierungsfonds in Höhe von 1 Milliarde Dollar so nahe wie möglich zu
kommen, den Polen als Hilfe bei der
Einführung einer konvertierbaren Währung und makroökomischen Reformen erbeten hat.
Dies sollte nur der Anfang unserer
gemeinsamen Arbeit sein. Polen und
Ungarn müssen vierzig Jahre wirtschaftlicher Stagnation überwinden und das wird Zeit und unsere kontinuierliche
Unterstützung
erfordern.
Während die Tschechoslowakei, Bulgarien und die Deutsche Demokratische
Republik politische und wirtschaftliche Reformen durchführen, die den be-

reits in Polen und Ungarn stattfindenden vergleichbar sind, sollten die
Maßnahmen der sich um die EG konzentrierenden Gruppe der 24 unserer Ansicht nach
erweitert werden, um
friedlichen Wandel auch in diesen
Ländern zu fördern.
Wenn die Nationen Osteuropas offenere
politische und wirtschaftliche Systeme erhalten, werden sie voraussichtlich neue Beziehungen mit der Europäischen Gemeinschaft, dem Europarat
und anderen Institutionen anstreben,
die sowohl Europa als auch der internationalen Staatengemeinschaft insgesamt dienen. Solche Bindungen sollten in der Tat das Fundament unserer
Strategie zum Wiederaufbau der Volkswirtschaften in Osteuropa durch Privatkapital und Eigeninitiative bilden: Private Investoren in Osteuropa
wollen sicherlich die Gewißheit, daß
sie ihre Produkte auf westlichen
Märkten verkaufen können.
Ich bin zuversichtlich, daß kreative
neue Vereinbarungen getroffen werden
können, um den Prozeß politischer und
wirtschaftlicher Reformen in den Ländern des Ostblocks zu ermutigen und
voranzutreiben, während gleichzeitig
die Integrität und Lebensfähigkeit
bestehender
Institutionen
erhalten
wird. Wir müssen den Ländern Osteuropas Hoffnung und Chancen bieten,
die sie auf ihrem Weg zu Demokratie
und wirtschaftlicher Freiheit ergreifen können. Die jüngste Arbeit an
einem Abkommen zwischen der EG und
den sechs Nationen der Europäischen
Freihandelsassoziation hat Vorbildcharakter für verbesserte Bindungen
mit anderen Ländern.
Zwischen dem Prozeß der europäischen
Integration und erweiterter Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Gemeinschaft und ihren Nachbarländern
in Ost und West sehen wir keinen Interessenskonflikt. Unseres Erachtens
hängt die Attraktivität der Europäischen Gemeinschaft für die Länder des
Ostblocks vor allem von ihrer kontinuierlichen Lebensfähigkeit ab. Und
die Lebensfähigkeit der Europäischen

- 6 -

�Gemeinschaft hängt wiederum von ihrem
anhaltenden Engagement für das Ziel
eines geeinten Europas ab, wie es
seine Gründerväter vorgesehen hatten
- frei, demokratisch und seinen nordamerikanischen Partnern eng verbunden.

Neue Aufgaben für die KSZE
Die Institution, die alle Nationen
des Westens und Ostens in Europa unter einem Dach vereinigt - die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - ist im Grunde ein
anhaltender Prozeß, der vor über 14
Jahren in Helsinki ins Leben gerufen
wurde. Es gab unterschiedliche Auffassungen über die Aufgaben dieses
KSZE-Prozesses. Einige sahen in der
Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr
1975 die Ratifizierung des Status
quo, das Äquivalent eines Friedensvertrages, der den Zweiten Weltkrieg
beendete und damit die Legimitation
der ständigen Teilung Europas darstellte. Andere sahen diesen Prozeß
jedoch als Mittel zur Überwindung
dieser Teilung.
Die Dynamik des KSZE-Prozesses hält
nach wie vor an. Im Jahr 1975 haben
die Regierungen Osteuropas - im Gegensatz zu ihren Bürgern - ihre Verpflichtung zur Wahrung der ganzen
Bandbreite
grundlegender
Menschenrechte vielleicht noch nicht ernst
genommen. Die in der Schlußakte von
Helsinki
festgeschriebenen
Verhaltensnormen werden aufgrund von internationalem Druck und Unruhen im Inland zunehmend eingehalten. Im vergangenen Monat konnten wir hier in
Berlin Zeuge einer der stolzesten Errungenschaften
des
KSZE-Prozesses
werden, als die DDR ihre Verpflichtung erfüllte, ihrem Volk freie Ausreise zu gewähren.
Jetzt ist es an der Zeit für weitere
Fortschritte des KSZE-Prozesses. Jeder der drei Körbe kann mit neuer
Substanz gefüllt werden.
Erstens kann der Korb Sicherheit
durch die zur Zeit in Wien stattfin-

denden Verhandlungen der 35 Nationen
über vertrauensbildende Maßnahmen an
Bedeutung gewinnen.
Die erörterten
Abkommen sollen dazu beitragen, Gewalt oder die Androhung von Gewalt
als Mittel zur Einschüchterung einer
europäischen Nation zu verhindern.
Abgesehen davon, daß sie das Risiko
eines Krieges weiter abbauen, können
vertrauensbildende Maßnahmen ein berechenbares Schema militärischer Interaktion institutionell verankern ein Schema, das praktisch nicht umkehrbar ist und eine neue Grundlage
für Vertrauen bildet.
Zweitens kann der relativ unterentwickelte Korb Wirtschaft mit neuen
Inhalten gefüllt werden.
In Malta
hat Präsident Bush Gorbatschow den
Vorschlag unterbreitet, daß wir dieses KSZE-Forum neu beleben könnten,
indem wir uns auf die konzeptionellen
und praktischen Fragen im Zusammenhang mit dem Übergang von einer stagnierenden Planwirtschaft zu freien,
konkurrierenden Märkten konzentrieren. Werm wir uns im nächsten Mai in
Bonn zur Erörterung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit treffen, schlage
ich vor, dieses Thema in den Mittelpunkt zu stellen.
Drittens hat der KSZE-Prozeß im Bereich der Menschrechte die größten
Fortschritte erzielt. Ein Grundrecht
ist jedoch noch nicht vollständig institutionell festgeschrieben - das
Recht der Menschen, durch regelmäßige, freie und geheime Wahlen mit mehreren Parteien diejenigen zu wählen,
die sie regieren sollen.
Dies ist das vornehmste Menschenrecht
- das Recht, das alle anderen sicherstellt. Ohne freie Wahlen kann kein
Recht langfristig garantiert werden.
Mit freien Wahlen kann kein Recht
lange verweigert werden.
Am 31. Mai 1989 hat Präsident Bush in
Mainz eine neue Initiative im Rahmen
des KSZE-Prozesses angekündigt, die
zur Überwindung der Teilung Europas
beitragen soll.
Er forderte freie
Wahlen und politischen Pluralismus in

- 7 -

�allen Ländern Europas.
jetzt Wirklichkeit.

Dies

wird

Im Juni haben die Vereinigten Staaten
und Großbritannien bei der KSZE-Konferenz über Menschenrechte gemeinsam
die Initiaive für freie Wahlen unterstützt. Mit diesem Vorschlag wurden
alle 35 KSZE-Teilnehmerstaaten aufgefordert, regelmäßige und richtige
Wahlen mit mehreren Kandidaten auf
der Grundlage des universellen und
gleichberechtigten Wahlrechts in geheimer Abstimmung und unter der Aufsicht internationaler Beobachter zu
gestatten.
Jeder Bürger soll das
Recht haben, eine Partei zu gründen
oder ihr anzugehören, um ein wirklich
demokratisches
Verfahren
sicherzustellen.
Freien Wahlen sollte jetzt im KSZEProzeß höchste Priorität zukommen.
Im Jahr 1945 versprach Josef Stalin
freie Wahlen und Selbstbestimmung für
die Völker Osteuropas. Die Tatsache,
daß diese Wahlen nicht frei waren und
diesen Völkern nicht gestattet wurde,
ihr Schicksal selbst zu bestimmen,
war eine der Hauptursachen für den
kalten Krieg.
Jetzt wird dieses stalinistische Vermächtnis durch Menschen abgebaut, die
entschlossen sind, ihr Geburtsrecht
auf Freiheit
zurückzufordern.
Es
soll und wird ihnen nicht verwehrt
werden.
Nun da sich praktisch alle KSZE-Mitgliedstaaten auf dem Weg zu wirklich
funktionsfähigen repräsentativen Regierungen befinden, schlage ich die
Erwägung eines weiteren Schrittes
vor: Wir könnten die Parlamentarier
enger in den KSZE-Prozeß einbeziehen,
so daß sie nicht nur wie bisher als
Beobachter fungieren, sondern vielleicht eigene Treffen abhalten. Um
die Hinwendung zur Demokratie zu fördern, müssen wir die Institutionen
der Demokratie stärken.

Deutschland
neuen Europa

und

Berlin

in

einem

Ein neues - ungeteiltes und freies Europa muß Vorkehrungen treffen, die
den Bestrebungen des deutschen Volkes
und den legitimen Sorgen der Nachbarländer Deutschlands Rechnung tragen.
Am 28. November 1989 hat Bundeskanzler Kohl vor dem Bundestag einen Ansatz entwickelt, der die Verwirklichung der deutschen Bestrebungen in
Frieden und Freiheit zum Ziel hat.
Beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der NATO in der vergangenen Woche hat Präsident Bush die seit
jeher bestehende Unterstützung der
Vereinigten Staaten für das Ziel der
deutschen Einheit erneut bekräftigt.
Er formulierte vier Prinzipien, von
denen unsere Politik geleitet ist und
ich konnte erfreut feststellen, daß
diese Gedanken in einer von den
Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft letzte Woche in
Straßburg veröffentlichen Erklärung
ihren Niederschlag gefunden haben.
Erstens muß die Selbstbestimmung ungeachtet des Ergebnisses
erfolgen.
Zu diesem Zeitpunkt
sollten wir eine bestimmte Vorstellung von Einheit weder befürworten noch ausschließen.
Zweitens
stellung

sollte die
der Einheit

Wiederherim Rahmen

der anhaltenden Verpflichtung der

Bundesrepublik Deutschland gegenüber der NATO und einer zunehmend
integrierten Europäischen Gemeinschaft und unter Berücksichtung
der Rechte und Pflichten der alliierten Mächte erfolgen.
Drittens muß die Wiederherstellung der Einheit im Interesse der
allgemeinen europäischen Stabilität friedlich und schrittweise
erfolgen.
Viertens
sollten wir in der
Frage der Grenzen unsere Unterstützung für die in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten
Grundsätze bekräftigen.
Abschließend bemerkte Präsident Bush,
"die Überwindung der unnatürlichen

�Teilung Europas und Deutschlands muß
im Einklang mit und auf der Grundlage
von Werten erfolgen, die zu universellen Idealen werden, wenn alle Länder Europas Teil eines Commonwealth
freier Nationen werden".
Als Amerikaner bin ich stolz auf die
Rolle, die mein Land als Ihr Beistand
gespielt hat und weiterhin spielen
wird. Dieser so positive Weg wird
jedoch nicht leicht sein. Wir dürfen
nicht drängen. Er muß friedlich und
demokratisch gegangen werden.
Und
die legitimen Sorgen aller Mitgliedstaaten in dem neuen Europa müssen
berücksichtigt werden.
So wie Berlin im Herzen eines geteilten Europas stand, soll es im Herzen
eines ungeteilten und freien Europas
stehen - nicht länger als umkämpfte
Bastion der Freiheit, sondern als
Symbol der Hoffnung auf ein besseres
Leben.

Ein neues Europa, ein neuer Atlantizismus
Der sich heute in Osteuropa vollziehende Wandel berechtigt zu großen
Hoffnungen.
Ein
neues
Zeitalter
bringt jedoch unterschiedliche Sorgen
für uns alle mit sich. Einige dieser
Sorgen sind so alt wie Europa selbst,
andere wiederum ein neues Produkt des
Wandels.
Wenn der Westen das Gefüge der Zusammenarbeit aufgeben würde, das wir in
vierzig Jahren aufgebaut haben, würden diese Sorgen zu Problemen. Aber
die von uns geschaffenen Institutionen - die NATO, die Europäische Gemeinschaft und der KSZE-Prozeß - sind
lebensfähig. Auf demokratische Werte
gestützt, werden sie der Macht des
Volkes gerecht, die den neuen Kurs
der Geschichte bestimmt.
Noch wichtiger ist, daß diese Institutionen auch flexibel sind und sich
rasch verändernden Gegebenheiten anpassen können. Wenn wir uns anpassen
und unsere Zusammenarbeit untereinan-

der und mit den Nationen des Ostblocks erneuern und erweitern, werden
wir ein neues Europa auf der Grundlage eines neuen Atlantizismus schaffen.
Die NATO wird weiterhin das wichtigste Bindeglied zwischen Nordamerika
und Europa sein. Während RUstungskontrollabkommen und politische Vereinbarungen die immer noch lebenswichtige militärische Komponente der
europäischen Sicherheit zunehmend ergänzen, wird die NATO neue Aufgaben
übernehmen.
Die Europäische Gemeinschaft ist bereits
jetzt
der
wirtschaftliche
Stützpfeiler
im
transatlantischen
Verhältnis. Darüber hinaus wird sie
- vielleicht gemeinsam mit anderen
europäischen Institutionen - politische Aufgaben von zunehmender Bedeutung übernehmen. Sie hat es sogar
bereits getan, wie die Koordinierung
der westlichen Bestrebungen zur Unterstützung der Reformen in Osteuropa
durch die Gemeinschaft belegt.
Im
Verlauf dieses Prozesses sollten die
Bindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Gemeinschaft stärker werden, die von uns
erörterten Themen vielfältiger und
unsere gemeinsamen Bestrebungen grössere Bedeutung erlangen.
Gleichzeitig werden die Überschneidungen zwischen der NATO und den europäischen
Institutionen
zunehmen.
Diese Überschneidungen müssen zu einer Synergie, nicht zu Spannungen
führen.
Bessere Kommunikation zwischen europäischen und transatlantischen Institutionen wird vordringlich.
Der KSZE-Prozeß sollte zum wichtigsten Forum der Zusammenarbeit zwischen Ost und West werden. Sein Mandat wird mit zunehmender Festigung
dieser Zusammenarbeit an Bedeutung
gewinnen.
So wie sich die Veränderungen vollziehen und die Teilung Europas überwinden, so wird auch die Teilung
Deutschlands und Berlins in Frieden
und Freiheit überwunden werden.

- 9 -

�In diesem Herbst haben wir bei den
großen Demonstrationen in Leipzig,
Dresden und Berlin einen lauten Ruf
vernommen.
"Wir sind das Volk!",
rief die Menschenmenge der Partei zu,
die in ihrem Namen regierte. Auf der
anderen Seite der Erdkugel sprach
Lech Walesa vor dem amerikanischen
Kongreß und dankte den Vereinigten
Staaten für die Unterstützung der
Freiheit in Polen.
Er begann mit
Worten, die vor zweihundert Jahren
geschrieben wurden - Worten, die über
der amerikanischen Verfassung stehen:
"Wir, das Volk.
"Wir, das Volk..." und "Wir sind das
Volk" zieht sich wie ein roter Faden
durch die Geschichte von 1789 zu
1989. Was die Gründerväter Amerikas
wußten, wissen heute auch die Menschen in der DDR und Osteuropa - daß
Freiheit eine Segnung, aber kein Geschenk ist.
Daß das Tagewerk der
Freiheit niemals beendet ist und niemals
alleine
verrichtet
wird.
Zwischen dem Amerika des "Wir, das
Volk..." und dem Europa des "Wir sind
das Volk" kann es keine Teilung geben. Auf dieser Grundlage wir ein
neuer Atlantizimus gedeihen und ein
neues Europa entstehen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

"V,oN^

13. Dezember 1989

45

NATIONALE SICHERHEITSSTRATEGIE DER USA FÜR DIE NEUNZIGER JAHRE
Von Paul D. Wolfowitz

(Der Autor ist Unterstaatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Verteidigungsministerium. Der nachfolgende Artikel stützt sich im wesentlichen
auf eine kürzlich in der National Defense University gehaltenen Red*.)

Bevor wir ernsthaft über eine zukünftige Strategie nachdenken, müssen wir
das Umfeld verstehen, in dem das Verteidigungsministerium in den nachten
fünf Jahren operieren wird.
Ich
möchte es aus meiner Sicht kurz umreißen und mit der Lage im Inland beginnen.
Es besteht kein Zweifel daran, daß
der Verteidigungshaushalt in diesem
Jahr gekürzt wird und ich vermute, es
handelt sich hierbei nicht um die
letzten Kürzungen, obwohl der Anteil
der Verteidigungsausgaben am Bruttoso zialprodukt seit mehreren Jahren
rückläufig war.
Der ausschließlich
aus haushaltspolitischen Erwägungen
ausgeübte Druck auf den Verteidigungsetat wird jedoch anhalten - aufgrund des kontinuierlichen Defizits
und der wachsenden Belastung durch

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Embassy of the United States of America

andere Anforderungen, mit denen wir
uns konfrontiert sehen (der Kampf gegen Drogen oder die Erweiterung der
Gesundheitsfürsorge, um nur einige
Beispiele zu nennen). Die daraus resultierenden Kürzungen des Verteidigungshaushalts
können
beträchtlich
sein.
Das Verteidigungsministerium sieht in
diesen Einschnitten nicht schlicht
und einfach ein Übung, den Schmerz zu
verlagern oder eine Reihe kurzfristiger Notbehelfe, um vorübergehende
Zeiten der Not zu überbrücken. Wenn
in der Vergangenheit eine solche
Sicht der Dinge vorherrschte, unterminierten die infolgedessen vorgenommenen Kürzungen die Bereitschaft und
Qualität unserer Streitkräfte.
Die
unzulängliche Besoldung, die haus-

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�haltspolitisch praktischen, aber operativ ruinösen Kürzungen der Mittel
für Wartung, Übungen usw. überließen
uns, um einen Stabsschef zu zitieren,
"eine ausgehöhlte Armee" - und das
galt nicht nur für die Armee. Wir
werden unsere Truppenstruktur erneuern und nicht nur an ihr herumschustern.
Dabei müssen wir natürlich den haushaltspolitischen Realitäten Rechnung
tragen, aber vor allem eine Anpassung
an neue strategische Gegebenheiten
vornehmen.
Hierbei
spielen
vier
grundlegende Aspekte des äußeren Umfelds eine Rolle.
Erstens sind wir alle außerordentlich
beeindruckt von der Liberalisierung
der Regime in Osteuropa und der unleugbar zunehmenden Offenheit in der
Sowjetunion. Die wichtigsten bisherigen Veränderungen waren vowiegend
politischer - spektakulärer - Natur,
aber wir haben guten Grund zu der Annahme, daß sich auch das Sicherheitsumfeld entscheidend verbessert. Der
Prozeß ist noch in vollem Gange. Wir
wünschen dem Reformpro zeß in der Sowjetunion Erfolg; aber wir müssen uns
auch für ein Scheitern wappnen.
Selbst wenn die Reformen in der Sowjetunion - wie wir hoffen - von Dauer sind, stehen wir dennoch auf lange
Sicht in Konkurrenz zur Sowjetunion,
wenn auch in unterschiedlicher Weise
und
anderem
Ausmaß
als
bisher.
Selbst wenn die Sowjets einschneidende Kürzungen ihrer militärischen Aufwendungen vornehmen, die für einen
Abbau der erdrückenden Last auf ihre
Volkswirtschaft unerläßlich sind, beabsichtigen
sie
zweifellos, eine
Weltmacht mit globalen Interessen zu
bleiben.
Und trotz Anzeichen, daß
die sowjetischen Militärausgaben ihren Höhepunkt überschritten haben,
müssen wir uns vor Augen führen, daß
unwiderlegbare Informationen über einen Abbau der sowjetischen Streitkräfte und ein Zurückschrauben der
militärischen Bestrebungen noch immer
nur vereinzelt und nicht schlüssig
sind und die Reduzierungen von einem

außerordentlich hohen Niveau aus vorgenommen werden.
Eine zweite elementare Tatsache ist,
daß wir uns mit einer Welt konfrontiert sehen, in der immer mehr Staaten militärische Macht haben, die alle das Recht für sich beanspruchen,
sie einzusetzen, wie es ihnen angebracht erscheint.
Ihnen allen ist
unsere Besorgnis über die Verbreitung
ballistischer
Raketen,
chemischer
Waffen und der Technologie zur Herstellung von Atomwaffen bekannt. Von
ebensolcher Bedeutung ist, daß zahlreiche Staaten der sogenannten Dritten Welt über modernste konventionelle Waffen wie Marschflugkörper verfügen, und zwar in großer Zahl. Die
Panzerflotte der irakischen Armee ist
beispielsweise in ihrer Größe derjenigen der Bundeswehr vergleichbar.
Potentielle Gegner in der Dritten
Welt sind kein triviales militärisches Problem mehr - wenn sie das je
waren: Grenada ist nicht die Art von
Krisenherd, wie wir ihn voraussichtlich allzu häufig erleben werden,
noch ist es die Herausfordrung, an
der wir unsere Erfordernisse messen
sollten.
Drittens ist die erste Realität zeitgenössischer Weltpolitik der Wandel in vielen Bereichen und unterschiedlichsten Dimensionen.
Selbst wenn
die sowjetische Bedrohung auf Dauer
verschwinden würde - und das Ist bei
weitem noch nicht der Fall - wird
amerikanische Macht dem Wunsch zahlreicher Länder entsprechend als Stabilisator erforderlich sein.
Trotz
all unserer Fehler sind wir als mächtiges aber saturiertes Land bekannt,
offen und toleranter als die meisten
anderen. Ein Abbau unserer Präsenz
in Übersee würde weltpolitisch gesehen logischerweise dazu führen, daß
die lokalen Mächte mehr Ressourcen
und Anstrengungen darauf verwenden,
selbst Sicherheit und Stabilität zu
erlangen. In einigen Teilen der Welt
hätte dies keine negativen Auswirkungen. In anderen würde es nicht nur
zu Verschwendung führen, sondern zu
wachsenden Spannungen, verschärften

- 2 -

�Rivalitäten
Krieg.

und

vielleicht sogar zu

Viertens stehen wir an der Schwelle
zu einer Phase revolutionären Wandels
in der Wehrtechnik. Die Sowjets, die
gewiefte Kenner dieser Materie sind,
bezeichnen sie sogar als "Revolution
militärischer Angelegenheiten".
Ihrer Ansicht nach ist sie den Veränderungen vergleichbar, die durch die
Erfindung der Atomwaffe oder - zu einem früheren Zeitpunkt der Geschichte
- durch die Verbindung von Flug zeug
und Panzer zur Strategie des Blitzkriegs, herbeigeführt wurden.
Die
heute in unseren Arsenalen gelagerten
Waffen und vor allem diejenigen, die
sich im nächsten Jahrzehnt dort befinden werden, verfügen über größere
Reichweite und Zielgenauigkeit und
sind in einem in der Geschichte der
Kriegführung ungekannten Maße todbringend.
Die Erfindung von "unsichtbaren" Plattformen wird die Art
des Luftkampfes verändern und der
allgegenwärtige Computerchip hat das
Führungswesen in einem Maße revolutioniert, das wir erst allmählich
verstehen lernen. Der Weltraum ist
zu einem zunehmend wichtigen Schauplatz militärischen Wettbewerbs geworden.
In der zweiten Hälfte der
neunziger Jahre kündigen sich noch
tiefgreifendere
Veränderungen
an,
wenn Waffen auftauchen werden, die
auf von den Sowjets gerne so be zeichneten "neuen physikalischen Prinzipien" basieren - Laser, leistungsstarke
Mikrowellen, elektromagnetische Kanonen usw.
Als ersten Schritt der anhaltenden
Bemühungen zur Verbesserung der Planung im Verteidigungsministerium haben wir ein neues, langfristiges Planungsdokument - die Richtlinie zur
Verceidigungsplanung
entwickelt,
die Teil der Bestrebungen zur Bewältigung dieser Situation ist und die
beste Anwendung knapperer Verteidigungsressourcen auf lange Sicht gewährleisten soll. Im einzelnen enthält sie Kernstücke der Innenpolitik
und Militärstrategie und formuliert
ein Junktim
zwischen Politik und

Strategie einerseits und die zu ihrer
Unterstützung erforderlichen Fähigkeiten andererseits. Verglichen mit
dem bisherigen stellt das neue Planungssystem einen Fortschritt dar.
Es ist unerläßlich, sich vor Augen zu
führen, was unsere neue Strategie auf
lange Sicht beinhaltet. Gelegentlich
machen wir den Fehler, unter einer
Strategie eine Art Blaupause eines
Gesamtplans zu verstehen. Historisch
gesehen war dies niemals der Fall,
wie gute Kenner der Geschichte des
Zweiten Weltkriegs oder der frühen
fünfziger Jahre wissen. Die Strategiefindung ist vielmehr ein stetiger
Prozeß, der jedoch aus einem umfassenderen Denkgebäude gespeist werden
muß.
Ich möchte hier einige der
wichtigsten Elemente dieser weitreichenden Vision nennen.
Geht man davon aus, daß die Sowjets
ihre Versprechungen erfüllen und ihre
Streitkräfte in Europa und andernorts
abbauen und vorausgesetzt, die Liberalisierung in der UdSSR hält an und
wird in Osteuropa mehr und mehr verankert, könnten wir die heute für die
Verteidigung
Europas
gebundenen
Streitkräfte reduzieren. Wir werden
jedoch für die absehbare Zukunft eine
bedeutende - und in der Tat lebenswichtige - Rolle in Europa beibehalten, darunter beträchtliche aktive
Streitkräfte und die Fähigkeit, sie
zu verstärken.
Insgesamt sind in
diesem Bereich erhebliche Verringerungen möglich.
Gleichzeitig müssen wir unsere Mobilisierungsfähigkeit verbessern. Nach
einer Reduzierung unserer aktiven
Streitkräfte werden wir die Fähigkeit
benötigen, unsere Militärmacht je
nach Bedarf aufzufüllen. Das bedeutet, daß wir der rüstungsbezogenen
industriellen Basis sowie der für eine Mobilisierung erforderlichen organisatorischen Infrastruktur mehr Aufmerksamkeit widmen müssen als bisher.
Es bedeutet ferner, daß wir uns zwingen, den Gedanken aufzugeben, nur mit
dem zu kämpfen, was wir haben - eine
kurzfristige Perspektive, die nicht

- 3 -

�mehr angemessen sein wird. Wir benötigen langfristig eine Skala von Mobilisierungsoptionen
als Versicherungspolice in diesem Zeitalter des
rapiden und in manchen Fällen revolutionären Wandels.
Darüber hinaus müssen wir uns auf das
konzentrieren, was man als "Stabilitätsmission" bezeichnen könnte. Zusät zlich zu der weiterbestehenden sowjetischen Herausforderung, die auch
in Zukunft beträchtlich sein wird,
und verschiedenen Bedrohungen in der
Dritten Welt, werden wir eindeutig
eine Weltmacht mit globalen Interessen bleiben. Wir werden in vielen
Teilen der Welt nach wie vor oberster
Garant der Ordnung sein. Wir werden
diesen Pflichten jedoch auf verschiedene Art und Weise gerecht werden,
möglicherweise mit weniger im Ausland
stationierten Streitkräften.
Wir sollten die zur Erforschung neuer, vielversprechender militärischer
Technologien erforderlichen Investitionen tätigen, darunter auch die mit
der Strategischen Verteidigungsinitiative verbundenen, aber nicht diese
allein. Der militärische Pessimismus
der Sowjets im Hinblick auf ihre Fähigkeit, mit uns bei der Entwicklung
militärischer Technologien gleichzuziehen, war ein wichtiger Faktor, der
zu ihrer Unterstützung der Perestrojka beigetragen hat. Mit zunehmendem
Umfang der Herausforderungen in der
Dritten Welt möchten wir ferner sicherstellen, daß wir potentiellen
Gegnern gegenüber im Vorteil sind.
Insbesondere werden wir in denjenigen
Bereichen auf Fortschritte drängen,
die es uns gestatten werden, Gewalt
anzuwenden, ohne mehr amerikanische
Soldaten zu gefährden als unbedingt
notwendig.
Ich habe nur einen Teil unseres neuen
strategischen Denkens angesprochen:
Wie ich bereits sagte, ist es ein dynamischer Prozeß, der sich einem sich
verändernden Umfeld im In- und Ausland anpassen wird.

* * * * *

�AMERIKA DIEN
VON

Hintergrundmaterial

&amp;

13. De zember 1989

45

MENSCHENRECHTE IM JAHR 1989
Von Richard Schifter

(Der Autor ist Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium. Der nachstehende Beitrag wurde einer Rede entnommen, die im Rahmen einer Konferenz des US-Außenministeriums zum
Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 1989 gehalten wurde.)

John Reed gab seinem Bericht über die
russische Oktoberrevolution den Titel
"Zehn Tage, die die Welt erschütterten". Vielen erschien dieser Titel
zu gewagt. Sie nahmen an, die dort
beschriebenen Ereignisse hätten nicht
die Bedeutung, die ihnen von John
Reed beigemessen wurde. Von der Warte des Jahres 1989 aus können wir jedoch sagen, daß Reed Recht hatte.
Die Ereignisse des Herbstes 1917 in
Petrograd waren dazu bestimmt, im
Lauf der Zeit die Entwicklung der
Welt für den Großteil des zwanzigsten
Jahrhunderts grundlegend
zu beeinflussen.

sche Störung andauerte. Meines Erachtens waren es rund 1 000 Tage, begannen diese wahrhaft welterschütternden Ereignisse kaum wahrnehmbar
vor etwa drei Jahren - im Dezember
1986 -, als in Gorki an eine Wohnungstür geklopft wurde. Als die Bewohner öffneten, erblickten sie vor
sich einige Arbeiter, die erklärten,
sie hätten Anweisung erhalten, ein
Telefon zu installieren. Wenige Tage
danach erfolgte der berühmte Telefonanruf von Michail Gorbatschow, der
Andrej Sacharow einlud, nach Moskau
zurückzukehren.

Und heute, am Tag der Menschenrechte
1989 können wir zweifellos feststellen, daß die Welt erneut erschüttert
wurde, und wir können dann darüber
diskutieren, wie lange diese seismi-

Kurz darauf kehrten abgemagerte, aber
dennoch hochgestimmte politische Gefangene aus dem GULAG zurück, und es
begann eine schrittweise, anfänglich
nahezu unmerkliche Lockerung der Un-

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�terdrückungsmechanismen in der Sowjetunion. Mit der Zeit wurden wir
Zeugen, wie die Dynamik der Kräfte
des Wandels sich so sehr beschleunigte, daß uns in den letzten Monaten
schier der Atem wegblieb.
Da nur
noch Rumänien und Albanien als Diktaturen alten Stils in Osteuropa übrig
sind, können wir mit Fug und Recht
behaupten, daß der europäische Kontinent niemals zuvor in der Geschichte
der Nationalstaaten der Verwirklichung echter Freiheit so nahe war.
Es wurde die Frage gestellt, wie wir
auf das Drama reagieren sollten, das
sich heute vor unseren Augen abspielt. Ich meine, zunächst mit Respekt und Bescheidenheit.
Uns hat
entweder der Zufall der Geburt oder
das Glück, einwandern zu dürfen, dazu
verholfen, in diesem gesegneten Land
zu leben, in einem Land, das jedem
von uns die Chance gegeben hat, unser
Schicksal selbst in die Hand zu nehmen anstatt Spielball der Geschichte
zu sein. Den Gründern dieses Landes,
den Vätern unserer Verfassung gebührt
unser Dank für die Schaffung eines
Regierungssystems und einer Gesellschaftsordnung, die uns so gut gedient hat.
Anstatt uns also zu ideologischen
Siegern zu erklären, sollten wir denjenigen in Osteuropa die Hand reichen, die die Gültigkeit der Grundsätze erkannt haben, auf denen dieses
Land gegründet wurde und die wir in
die Wiege gelegt bekamen. Wir sollten erkennen, daß wir heute die einmalige Gelegenheit haben, die Sache
der Demokratie und der Menschenrechte
auf internationaler Ebene zu forden
und damit am Ende dieses gepeinigten
Jahrhunderts der Welt eine Chance zu
Frieden und Ruhe zu bieten.
Dafür gibt es jedoch nur eine Chance,
keine Gewißheit. In der letzten Zeit
haben so viele gänzlich unerwartete
Ereignisse stattgefunden, die wirklich Anlaß zu Euphorie geben und uns
in die Gefahr bringen können, die Zukunft zu optimistisch einzuschätzen.
Es wäre gleichzeitig jedoch ein ern-

ster Fehler, wenn wir nicht erkennen
würden, daß wir heute Chancen zur
Förderung der Menschenrechte haben,
die vor drei Jahren einfach nicht
existierten.
Wir alle waren dieses Jahr von den
Ereignissen in Budapest und Warschau,
in Berlin, in Sofia und schließlich,
nach 21 Jahren der Finsternis, durch
die Rückkehr des Prager Frühlings
tief bewegt. Wir müssen uns jedoch
verdeutlichen, daß die von der Bevölkerung in diesen fünf Hauptstädten
zum Ausdruck gebrachte Stimmung schon
immer bestanden hat. Der Grund, warum diese Empfindungen heute den Charakter von Regierung und Staat prägen
könnten, liegt in den Veränderungen,
die in Moskau stattgefunden haben.
Die Entwicklungen in Moskau werden
weiterhin die entscheidende Rolle in
der unmittelbaren Zukunft spielen.
Der Leiter der RUstungskontroll- und
Abrüstungsbehörde, Botschafter Lehmann, hat bei mehreren Gelegenheiten
darauf verwiesen, daß Fortschritte im
Bereich der Menschenrechte in der Sowjetunion sehr viel mehr als jede Rüstungskontroll- und
Inspektionsmaßnahme zur Gewährleistung unserer Sicherheit beitragen werden. Es gibt
guten Grund, dieser Beobachtung zuzustimmen. Unser seit 1945 bestehender
Konflikt mit der Sowjetunion wurde
nicht von solch herkömmlichen Gründen
für internationale Auseinanderset Zungen wie Konkurrenzkampf um Märkte und
Einflußbereiche geschürt. Er war von
einer Ideologie geleitet, die vorgab,
alle Antworten auf die so zlalen und
wirtschaftlichen Probleme der Menschheit zu haben und deren Anhänger alle
zur Verfügung stehenden Mittel einschließlich Gewalt und Subversion
nutzten, um denen das Paradies auf
Erden zu bringen, die davon noch
nicht überzeugt waren. Das war die
Ideologie der Macht, der wir widerstanden haben.
Die Begründung für den Einsat z von
Gewalt auf internationaler Ebene war
gleich2eitig der Grund für Gewaltanwendung im Inland. Diejenigen, die

- 2 -

�glaubten, sie hätten den Weg zu einer
besseren Welt gefunden, stürzten sich
in einen Kampf gegen alle, die im Wege standen - sei es im In- oder Ausland. Im Inland fand dieser Kampf in
der brutalen Unterdrückung von Menschenrechten
seinen Ausdruck.
Im
Ausland in massiver Aufrüstung und
Pressionen, Expansionismus und Subversion.
In der Tat ist das Thema Menschenrechte der Lackmustest
für alle
Aspekte der politischen und sozialen
Entwicklungen eines Landes und seinem
Verhalten auf der internationalen
Bühne. Eine Bewertung der Menschenrechtstendenzen in der Sowjetunion
hat daher große Bedeutung für unsere
Beurteilung der internationalen Szene.
Seit über 2 5 Jahren wissen wir um die
Existenz einer Menschenrechtsbewegung
in der Sowjetunion. Wir kennen die
Namen der mutigen Männer und Frauen,
die ihre Karriere, Stellung in der
Gesellschaft und häufig ihre Freiheit
geopfert haben, um ihren Glauben an
ein demokratisches Leben zu verteidigen. Was wir nicht wußten und für
viele von uns eine Überraschung war,
ist, daß die Überzeugung dieser Dissidenten von vielen sowjetischen Bürgern geteilt wurde, die nicht wagten,
den Mund aufzumachen. Noch erstaunlicher war, daß unter den Verfechtern
eines demokratischeren Systems Menschen waren, die Führungspositionen
innehatten und Verantwortung im System selbst trugen.
Als Präsident
Gorbatschow begann, die Unterdrückung
zu lockern, die so lange auf der sowjetischen Bevölkerung gelastet hatte, kamen auch diese heimlichen Demokraten im Establishment zum Vorschein.
Anstelle des politischen Monolithen
der vergangenen Jahre sehen wir in
der Sowjetunion heute ein breites
Meinungsspektrum, das von den radikalsten Befürwortern
von Reformen
über Verfechter schrittweiser Reformen an seinem äußersten Ende bis zu
denjenigen reicht, die eine Rückkehr
zur Autokratie herbeisehnen. Letztere Gruppe ist ein befremdliches Kon-

glomerat von Stalinisten und anderen,
die im Geiste noch Monarchisten sind.
Ferner gibt es die große Gruppe von
Sowjetbürgern, die sich verständlicherweise eher mit dem Alltag und ihrem persönlichen Lebensstandard beschäftigen als mit der politischen
Struktur des Landes.
Heute ist es offensichtlich, daß der
Erfolg der Reformer nicht nur im Interesse der Menschen in der Sowjetunion, nicht nur im Interesse der
osteuropäischen Nationen, sondern im
Interesse der ganzen Welt liegt.
Letztlich wird ihr Erfolg von ihren
eigenen Aktionen und den Reaktionen
ihrer Völker und sonst niemand abhängen. In dem Maße, in dem die Zusammenarbeit mit ihnen ihre Aussicht auf
Erfolg verbessert, müssen wir es zumindest versuchen. Es steht so viel
auf dem Spiel.
Das ist die Botschaft, die unser Präsident immer
wieder hervorgehoben hat.
Osteuropa ist nicht der einzige Ort,
an dem im vergangenen Jahr Fortschritte bei den Menschenrechten verzeichnet wurden. Ein weiteres Land,
das zielstrebig den Weg zur Demokratie verfolgt, ist Chile. In Namibia
sind freie Wahlen abgehalten worden.
Es besteht sogar Grund zu Hoffnung
auf Fortschritte bei der Wahrung der
Menschenrechte in Südafrika.
Eine allzu optimistische Schilderung
der Ereignisse des vergangenen Jahres
wird jedoch bedauerlicherweise den
Tatsachen nicht ganz gerecht. Osteuropa hat zwar dem Leninismus entsagt,
dieser hat jedoch in Lateinamerika
und Asien neue Opfer gefunden. Die
Tyrannen mit der längsten Amtszeit,
Kim II Sung und Fidel Castro, haben
ihre Länder immer noch im festen
Griff der Diktatur. Darüber hinaus
werden auch täglich aus allen Teilen
der Welt Menschenrechtsverlet zungen
gemeldet,
die
keiner
totalitären
Ideologie folgen - die Zeit ist also
eindeutig noch nicht reif, als daß
sich die Verfechter der Menschenrechte anderen Problemen zuwenden könnten.

- 3 -

�In China konnten wir nicht nur die
tragischen Ereignisse des 4. Juni und
die darauffolgende Unterdrückung beobachten. Auch in Fachzeitschriften
und anderen Publikationen wurde in
Angriffen auf unser Land erneut die
Behauptung vorgebracht, wir in den
Vereinigten Staaten wollten China unsere Maßstäbe bei den Menschenrechten
aufoktroyieren und würden uns damit
in die inneren Angelegenheiten des
Landes einmischen.
Die sogenannten
amerikanischen Maßstäbe werden dann
in klassischer kommunistischer Terminologie als bürgerliche Vorstellungen
abqualifiziert - die dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der chinesischen Gesellschaft nicht gerecht würden.
Ich möchte diese Gelegenheit ergreifen, um nochmals auf Fakten hinzuweisen. Die gegenwärtig an China und
andere Länder angelegten Maßstäbe
sind keine amerikanischen Vorgaben.
Es sind allgemeingültige Maßstäbe,
die weltweit Anerkennung finden. Und
Kommentare über die mangelnde Einhaltung dieser Maßstäbe seitens einer
Regierung wird in der internationalen
Staatengemeinschaft nicht mehr als
Einmischung gewertet. Sie gelten als
angemessene Reaktion auf Fälle, bei
denen eine Regierung die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
festgelegten
Maßstäbe
ignoriert.
Chinas Stimmabgaben bei den Resolutionen der Vereinten Nationen zu Südafrika lassen keinen Zweifel an der
Meinung der Regierung der Volksrepublik China, Kommentare zu Menschenrechtsverlet zungen in anderen Ländern
seien angemessen und keineswegs eine
unrechtmäßige Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes.

te des einzelnen zu gewährleisten und
daß diese Regierungen ihre Macht nur
aus der Zustimmung der Regierten ableiten können. Diese Worte dokumentieren meines Erachtens nicht nur die
Auffassung der Vereinigten Staaten,
sondern aller demokratischen Volksvertretungen im KSZE-Prozeß. Sie dokumentieren sicherlich auch die Meinung einer großen Zahl und vielleicht
einer Mehrheit der Bürger in Ländern,
deren Regierungen diesen Grundsät zen
nicht gerecht werden.
Insbesondere
diesen Menschen - den KSZE-Beobachtern, den Mitgliedern der Charta 77,
der Solidarität und all denen, die
sich für die Sache der Freiheit einsetzen - müssen wir die Botschaft
übermitteln, daß sie nicht verzweifeln dürfen und sie an die letzte
Strophe des Liedes von den Moorsoldaten aus den dreißiger Jahren erinnern:
"Doch für uns gibt es kein
Klagen, ewig wird's nicht Winter
sein. Einmal werden froh wir sagen:
'Heimat, Du bist wieder mein.'"
Wenige von uns hätten je gedacht, daß
das Ende des Winters in Osteuropa so
unmittelbar bevorstand.
Wir hegen
die Hoffnung, daß diejenigen in Osteuropa, die der Demokratie und den
Menschenrechten verpflichtet sind, in
den kommenden Monaten ihre Gewinne
konsolidieren.
Wenn ihnen das gelingt, haben wir Grund zu der Annahme, daß die in den vergangenen Jahren
beobachtete Tendenz sich weltweit
fortset zen und die Allgmeine Erklärung der Menschenrechte wirklich allgemein anerkannt wird.
Für dieses
Ziel müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun.

Um auf die von mir eingangs erwähnten
positiven Entwicklungen zurückzukommen, möchte ich aus der Schlußbemerkung einer von mir am 28. Januar 1987
in Wien gehaltenen Rede zitieren.
Ich habe damals erklärt, wir in den
Vereinigten Staaten vertrauten auf
das Prinzip, daß Regierungen von Menschen eingesetzt wurden, um die Rech-

- 4-

* * * * *

.

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Hintergrundmaterial
13. Dezember 1989

45

BESSERE EINHALTUNG DER SCHLUSSAKTE VON HELSINKI IN OSTEUROPA
- Auszüge aus dem 27. HalbJahresbericht der KSZE WASHINGTON - (AD) - Dem 27. Halb Jahresbericht der KSZE über die "Durchführung
der Schlußakte von Helsinki und die Schlußdokumente von Madrid und Wien" zufolge konnte eine erhebliche Verbesserung bei der Einhaltung der KSZE-Ziele
beobachtet werden, auch wenn einige Ostblockstaaten noch immer ihre Verpflichtungen brechen. Der Bericht deckt den Zeitraum vom 1. April - 30. September
1989 ab und wurde dem Kongreßausschuß über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa von Außenminister Baker im Namen von Präsident Bush vorgelegt. Die
zahlreichen Ereignisse von ungeheurer Tragweite, die seit dem 30. September
1989 stattgefunden haben, wie die Öffnung der Berliner Mauer und die neue Führung in Bulgarien, der Tschechoslowakei und der DDR, werden im nächsten Halbjahresbericht der KSZE behandelt.
Nachfolgend veröffentlichen wir Kapitel 1 des Berichts in wesentlichen Auszügen.
UdSSR
Im Berichtszeitraum konnte ein im
großen und ganzen positiver Kurs der
Sowjetunion bei der Durchführung der
Schlußakte
von Helsinki und der
Schlußdokumente von Madrid und Wien
beobachtet werden.
Darüber hinaus
waren einige beachtliche, wenn auch
nicht unumkehrbare Fortschritte zu
verzeichnen.
Zu den Fortschritten zählen die anhaltende Zahl der Auswanderer und die
Reformierung des Obersten Sowjets.
Das sowjetische Vorgehen während der
Unruhen in Tiflis Anfang April, bei
denen am 9. April mindestens 19 Demonstranten von sowjetischen Sicherheitskräften getötet wurden, belegt
in drastischer Weise, daß die Fort-

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schritte nicht unumkehrbar sind und
institutionell verankert werden müssen.
Bemerkenswerterweise wurden auch die
in den vergangenen zwei Jahren erzielten entscheidenden Verbesserungen
bei der Wahrung der Menschenrechte
nicht beeinträchtigt, trotz größerer
Herausforderungen an das sowjetische
System während des Berichtszeitraums
wie der Bergarbeiterstreik und Massendemonstrationen ethnischer Minderheiten.
Das Streben der sowjetischen Führung
nach Glasnost und "Demokratisierung"
führte zu einer weiteren Öffnung der
sowjetischen Gesellschaft. Hier wurden die größten Fortschritte verzeichnet.
Der neue Kongreß der

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�Volksdeputierten und der Oberste Sowjet nahmen eine gewisse Einschränkung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei. Mit der Gründung
einer regionenübergreifenden parlamentarischen Gruppe wurde ein hochrangiges Forum für alternative Ansichten geschaffen.
Nach wie vor ist die Durchführung der
Schlußakte von Helsinki durch die Sowjets letztlich jedoch aufgrund von
bürokratischem Widerstand und fehlenden Institutionen unzulänglich, dank
derer der Bürger diese Widerstände
überwinden
könnte.
Menschenrechte
sind in der UdSSR weiterhin eher ein
politisches
Instrument
und
keine
rechtlich verankerte Gegebenheit.
Auf internationaler Ebene hat die Sowjetunion
ihre Verpflichtungen im
Rahmen der umfassenden vertrauensund sicherheitbildenden Maßnahmen des
Stockholmer Dokuments verwirklicht.
Die UdSSR wird mehr und mehr ein
lautstarker Verfechter multilateraler
Zusammenarbeit
zur Bekämpfung von
Terrorismus und zeigt darüber hinaus
auch wachsendes Interesse an bilateralen Ansätzen. Dagegen war die Sowjetunion praktisch nicht bereit,
wirksame, konkrete Schritte gegen
Staaten zu unternehmen, die Terrorismus fördern und auf die Moskau Einfluß hat.
Im Bereich menschlicher Kontakte kann
in der Sowjetunion eine beachtliche
Lockerung bei Reisen und Kontakten
mit dem Ausland beobachtet werden.
Im Verlauf des 27. HalbJahresberichts
der KSZE wurden die amerikanisch-sowjetischen
kulturellen
Beziehungen
und Austauschprogramme sehr stark erweitert. Die Zusammenarbeit mit der
Sowjetunion in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie
sowie beim Umweltschutz hat sich im
großen und ganzen verbessert.
Die Veröffentlichung und Verbreitung
von Informationen über Rundfunk und

Fernsehen in der Sowjetunion obliegt
nach wie vor ausschließlich der Regierung, der Kommunistischen Partei
und zur Unterstützung dieser Institutionen geschaffenen Organisationen.

Rumänien
Im Berichtszeitraum wies Rumänien eine amerikanische Demarche als unbefugte Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes zurück, in
der die Vereinigten Staaten gegen die
Verletzung des im Wiener Schlußdokuments
besonders
hervorgehobenen
Rechts auf freie Religionsausübung
protestierten.
Darüber hinaus verwahrte sich Rumänien gegen mehrere
Versuche der Vereinigten Staaten und
anderer Regierungen, das in Wien vereinbarte Instrumentarium der menschlichen Dimension zu aktivieren, mit
dem einzelne Regierungen auf von
KSZE-Mitgliedstaaten vorgebrachte Anfragen zu Menschenrechtsverletzungen
reagieren sollen.
Im Berichtszeitraum hat die rumänische Regierung die Vertrauens- und
sicherheitsbildenden Aspekte der KSZE
aktiv unterstützt und die ersten
sechs Grundsätze von Helsinki zu
Kernstücken ihrer Innen- und Außenpolitik erhoben. In den meisten anderen Bereichen ließ das Verhalten gegenüber den KSZE-Verpflichtungen zu
wüuschen übrig.
Obwohl die freie Religionsausübung in
der Verfassung verankert ist, wird
dieses Recht nach wie vor durch die
Regierung eingeschränkt und kontrolliert.
In einigen Regionen bestand auch weiterhin Besorgnis über die von der Regierung angekündigte Maßnahme, ländliche Gebiete zu "systematisieren"
oder zu modernisieren. Im Berichtszeitraum brachten die ungarischen
Minderheiten in Rumänien ihre anhaltende Besorgnis darüber zum Ausdruck,
daß die Maßnahmen der Regierung zur

- 2 -

�ländlichen Systematisierung die Bewahrung der ethnischen Identität dieser Minderheit untergraben.
In scharfem Gegensatz zu den Reformbestrebungen seiner sozialistischen
Nachbarn ist Rumänien auch heute noch
ein Paradebeispiel für eine bis ins
Letzte durchgeführte Planwirtschaft.
Bei rumänischen Exporten in und Importen aus den Vereinigten Staaten
war in den ersten sechs Monaten des
Jahres 1989 verglichen mit demselben
Zeitraum 1988 und 1987 ein drastischer
Rückgang
zu
verzeichnen. ..
Amerikanische Geschäftsleute konnten
keine Erleichterung der Geschäftstätigkeit wie leichteren Zugang zu Betrieben und Fabriken oder eine Verminderung der hohen Kosten für Eröffnung und Unterhaltung eines Büros in
Rumänien feststellen.
Obwohl beachtliche und in der Tat ermutigende Fortschritte bei der Zahl
von zum Zwecke der Familienzusammenführung in Rumänien ausgegebenen Pässe verzeichnet werden konnten, bleibt
noch sehr viel zu tun, bis die Einhaltung der Schlußakte von Helsinki
durch Rumänien als zufriedenstellend
bezeichnet werden könnte.

sche Partei Einschränkungen
Machtmonopols hingenommen.

ihres

Diese beeindruckenden Entwicklungen
sind die Folge der am runden Tisch
getroffen Vereinbarungen.
Das im
April nach langwierigen und mühsamen
Verhandlungen erzielte Abkommen führte zu einem beachtlichen Maß an Pluralismus und Demokratie in Polens politischem und wirtschaftlichem System.
Mit der Abkehr von 40 Jahren Einparteienherrschaft scheint Polen jetzt
auf dem Weg zu einer verbesserten
KSZE-Bilanz...
Bedauerlicherweise
stellen eine Vielzahl einzelner Faktoren - vor allem der Zustand der
krisengeschüttelten polnischen Wirtschaft - ein Potential dar, das ein
Hemmschuh für die vollständige Verwirklichung von Demokratisierung und
Pluralismus in Polen sein oder sie
sogar zum Scheitern bringen könnte.
Durch seine gewählten Vertreter hat
das polnische Volk jedoch größere
Kortrolle über seine Zukunft sowie
die Möglichkeit erhalten, eine aktive
und wirksame Rolle bei der Formulierung praktisch aller Maßnahmen der
Regierung
bis hin zur politischen
und wirtschaftlichen Verwaltung des
Landes zu spielen.

Polen
Ungarn
Seit der Machtübernahme durch die
Kommunisten Im Jahr 1948 hat Polen
die weitreichendsten und tiefgreifendsten Veränderungen seiner politischen Strukturen vorgenommen.
Zum
ersten Mal im Leben praktisch aller
Polen hatten sie Gelegenheit, an
wirklich demokratischen Wahlen teilzunehmen und ihre Wahl frei unter
Kandidaten höchst unterschiedlicher
Couleur zu treffen.
Erstmals seit
dem Ersten Weltkrieg hat das polnische Volk eine vorwiegend nichtkommunistische Regierung eingeführt - eine
einzigartige Errungenschaft im Warschauer Pakt. Und zum ersten Mal in
der Geschichte hat eine kommunisti-

In den vergangenen sechs Monaten haben die politisch Verantwortlichen
Ungarns entschiedene Schritte unternommen, um die vollständige Einhaltung der in der Schlußakte von Helsinki und den Schlußdokumenten von
Madrid und Wien formulierten Grundsätze institutionell zu verankern.
Einige der in den vergangenen zwei
Jahren erzielten Fortschritte könnten
umkehrbar sein, aber sie werden zunehmend institutionell festgeschrieben. Die im Berichtszeitraum von der
Regierung
unternommenen,
politisch
schwierigen Schritte wie die Öffnung
der Grenzen für DDR-Bürger auf ihrer

- 3 -

�Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, belegen das entschiedene Engagement für dauerhafte Veränderungen.
Die
Regimekritiker
beschleunigten
gleichzeitig den Übergang zu einem
pluralistischen
Mehrparteiensystem
und lenkten das Land auf den Kurs zu
einer
Demokratie
westlichen
Stils...
Im Berichtszeitraum führte
das Regime offizielle Verhandlungen
und unterzeichnete ein historisches,
wenn auch einseitiges Abkommen mit
der Opposition, mit dem der Weg zu
freien Wahlen mit mehreren Parteien
geebnet wurde.
Ungarn ist das erste osteuropäische
Land, das offiziell der Genfer Konvention von 1951 und dem New Yorker
Flüchtlingsprotokoll beigetreten ist
und sich der internationalen Menschenrechtskonvention der Vereinten
Nationen verschrieben hat.
Die ungarische Regierung hat die Beilegung der Differenzen mit dem Nachbarland Rumänien durch die Aktivierung des KSZE-Instrumentariums angestrebt, offiziell ihr Mißfallen über
die chinesischen Militäraktionen gegen die Studenten auf den TiananmenPlatz zum Ausdruck gebracht und bekräftigt, daß Menschenrechte nicht
die innenpolitische Angelegenheit eines einzelnen Landes sind.
Negativ schlägt zu Buche, daß einige
der im Berichtszeitraum beobachteten
Errungenschaften zwar zunehmend institutionell festgeschrieben wurden,
aber dennoch möglicherweise umkehrbar
sein könnten, obwohl dies im In- und
Ausland einen beträchtlichen politischen Preis fordern würde.

Deutsche Demokratische Republik
Bis zu den dramatischen Ereignissen
nach den Feiern zum vierzigjährigen
Bestehen der DDR Anfang Oktober - die
im nächsten Bericht behandelt werden
- weigerte sich die DDR-Führung beharrlich, solche Reformen in Betracht
zu ziehen, die - wie in der Sowjet-

union und einigen anderen osteuropäischen Ländern - bedeutende Fortschritte
bei
der Einhaltung der
KSZE-Bestimmungen zur Folge hätten
haben können. Wo im Berichtszeitraum
positive Veränderungen zutage traten,
stellten sie zumeist den Versuch dar,
den im Wiener Schlußdokument enthaltenen Verpflichtungen nachzukommen.
Insgesamt blieb die Lage jedoch unbefriedigend, insbesondere im Hinblick
auf Menschenrechte und Grundfreiheiten (Prinzip VII) und humanitäre Zusammenarbeit (Korb III). Sie verschlechterte sich teilweise sogar im
Zuge von Bemühungen des Staates, gegenüber einer zunehmend freimütigen
Bevölkerung das Heft in der Hand zu
behalten.
Bis zu den jüngsten Ereignissen waren
Auswanderung und Reisen in den Westen
eher ein Privileg als ein Anrecht.
In diesem Sommer stellte sich die vom
Honecker-Regime
betriebene
Politik
der kontrollierten Zunahme von Reise- und
Auswanderungsmöglichkeiten
als Fehlschlag heraus, da sich zahlreiche, zumeist junge, DDR-Bürger bemühten, die DDR "illegal" zu verlassen.
An der schwer bewachten DDR-Grenze
wurde im Berichtszeitraum kein Nachlassen der Wachsamkeit festgestellt.

Tschechoslowakei
Die Einhaltung der KSZE-Bestimmungen
durch die Tschechoslowakei blieb in
der vergangenen sechs Monaten erheblich eingeschränkt, da beträchtliche
Defizite bei der Anwendung von Prinzip VII zu den grundlegenden Menschenrechten bestehen blieben.
Obwohl auch einige positive Entwicklungen stattfanden, wurde im Berichtszeitraum eine merkliche Zunahme von
Fällen beobachtet, in denen die Behörden Gewalt und verschiedene juristische und nichtjuristische Maßnahmen anwendeten, ... um unabhängige
politische Aktivitäten zu ersticken.
Die

tschechoslowakische

Bilanz

bei

�der Familienzusammenführung verbesserte sich im Berichtszeitraum erheblich, was teilweise auf den KSZE-Prozeß zurückzuführen ist. Aufgrund der
durchgeführten Reformen war die amerikanische Botschaft in Prag in der
Lage, alle anhängigen Fälle von Familienzusammenführung zu lösen.
Auch in anderen Bereichen der Freizügigkeit nahm die Tschechoslowakei eine positivere Haltung ein. Durch Reformen wurden die Möglichkeiten von
Auslandsreisen für CSSR-Bürger verbessert.
Trotzdem erhielten immer
noch nicht alle Bürger die Möglichkeit, ihre in der KSZE-Schlußakte
verbrieften Rechte auszuüben.
Das
Land hielt an seinen strengen Grenzkontrollen fest.
Bei
der Verbreitung
von Druck-,
Film- und
Tonerzeugnissen
ergaben
sich in der CSSR nahezu keine sichtbaren Verbesserungen. Generell wurde
in den bilateralen Beziehungen mit
den Vereinigten Staaten in den Bereichen Kultur und Bildung im Berichtszeitraum ein relativ hohes Niveau an
Aktivitäten aufrechterhalten.
Dies

und gestattete die Auswanderung von
über 300 000 anderen. Die Behörden
behaupteten, damit ihre KSZE-Verpflichtung zur Freizügigkeit zu erfüllen. In Wirklichkeit wurden viele
der Auswanderer gezwungen, binnen weniger Stunden das Land ohne Familienangehörige und ohne Hab und Gut oder
irgendeine echte Entschädigung für
den erzwungenen Verlust von zurückgelassenem Besitz zu verlassen.
Die Regierung beschränkte auch weiterhin den Informationsfluß, verweigerte der beträchtlichen türkischen
Minderheit ihre Rechte, behinderte
die Versammlungsfreiheit und setzte
Mitglieder verschiedener unabhängiger
Menschenrechtsgruppen
unter
Druck.
Im Berichtszeitraum gingen diese Maßnahmen zum ersten Mal über kurzfristige Festnahmen, Verbannung und die
faktische Ausweisung hinaus.
Glasnost blieb in Bulgarien zum größten
Teil ein nicht verwirklichtes Ziel.
Die allgemein kooperative Haltung des
Landes
zur
Familienzusammenführung
setzte sJch jedoch fort.
W'rtschaftsreformen

fanden,

wenn

ist teilweise auf ein im April 1986

überhaupt,

abgeschlossenes und 1988 verlängertes
bilaterales
Austauschabkommen
für
Kultur, Bildung und Wissenschaft zurückzuführen.

vom Parteiapparat kontrollierte zentrale Planung blieb Hauptmerkmal der
bulgarischen Volkswirtschaft.

Bulgarien
Die bulgarische Haltung zu Geist und
Buchstaben
zahlreicher
KSZE-Verpflichtungen, insbesondere im Hinblick auf Menschenrechte und Grundfreiheiten, wies weiterhin erhebliche
Defizite auf. Dies schlug sich im
Berichtszeitraum besonders augenfällig im Massenexodus von Hunderttausenden
türkischstämmigen
Bulgaren
nieder.
Infolge
verbreiteter
Hungerstreiks
und friedlicher Demonstrationen türkischstämmiger Bulgaren im Mai, die
eine Wiederherstellung
ihrer Menschenrechte verlangten, verwies die
Regierung einige von ihnen des Landes

nur

zögernd

statt.

Die

Ein möglicherweise positiver Schritt
war die Verabschiedung des seit langem erwarteten Paßgesetzes im Mai,
das am 1. September in Kraft trat.
Das Regime benutzte jedoch weiterhin
bürokratische Hindernisse und administrative
Maßnahmen,
um
Menschenrechtsaktivisten Pässe zu verweigern.

Das Londoner Informationsforum
Das bei der Wiener KSZE Folgekonferenz vereinbarte Londoner Informationsforum fand vom 18. April bis zum
12. Mai 1989 statt. Diese Konferenz
sollte den KSZE-Staaten eine Gelegenheit verschaffen, "über die Verbesserung der Verbreitung, des Zugangs zu
und des Austauschs von Informationen,
die Zusammenarbeit im Informationswe-

- 5 -

�sen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Journalisten zu sprechen".
Die Vereinigten Staaten erwarteten
von diesem Treffen eine offene Überprüfung der Einhaltung von Verpflichtungen im Informationsbereich durch
alle KSZE-Staaten, eine Gelegenheit
für Berater aus dem Privatsektor,
vollständig an der Arbeit des Forums
teilzunehmen und sie betreffende Fragen offen und ohne Einschränkung zur
Sprache zu bringen sowie größtmöglichen Zugang von Öffentlichkeit und
Medien zu diesem Forum. Die Vereinigten Staaten erhofften sich ferner,
daß die Konferenz einen weiteren Impuls für kooperative Bemühungen zur
Verbesserung des freien Informationsflusses und der Arbeit von Medienvertretern im Ausland geben würde. All
diese Ziele wurden erfüllt.
Das Londoner Informationsforum hat
keinen der eingebrachten 69 Vorschläge oder ein Schlußdokument verabschiedet. In Einklang mit den Bestimmungen des Wiener Schlußdokuments
müssen Vorschläge durch das Gastgeberland, also Großbritannien, zu der
für 1992 geplanten KSZE-Folgekonferenz in Helsinki vorgelegt werden.

bestimmten Fällen und Fragen im Bereich Menschenrechte zu antworten.
Vorschläge waren den französischen
Gastgebern zur weiteren Berücksichtigung beim nächsten für 1990 in Kopenhagen vorgesehenen Treffen der Konferenz über die menschliche Dimension
und letztlich der KSZE-Folgekonferenz
im Jahr 1992 vorzulegen. Das Pariser
Treffen endete ohne Schlußdokument.

Verhandlungen
über
Vertrauens- und
sicherheitsMldende Maßnahmen
Zu den 10 im Wiener Schlußdokument
festgelegten Aktivitäten zwischen den
Konferenzen gehörten auch Verhandlungen über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen.
Im Mandat für
diese Gespräche wurde deren Zweck
folgendermaßen erläutert:
"Auf den
bei der Stockholmer Konferenz bereits
erzielten Ergebnissen aufzubauen und
diese zu erweitern mit dem Ziel, eine
Reihe neuer, sich gegenseitig ergänzender Vertrauens- und sicherheitsbildender Maßnahmen auszuarbeiten und
zu verabschieden, die der Reduzierung
des Risikos einer militärischen Konfrontation in Europa dienen."
Die Verhandlungen wurden am 7. März
1989 eröffnet.

Pariser Treffen zur Konferenz über
die menschliche Dimension der KSZE
Das Treffen fand wie vereinbart vom
30. Mai bis zum 23. Juni 1989 statt.
Die Vereinigten Staaten verfolgten
bei dieser Veranstaltung zwei Ziele,
die beide im Verlauf des Treffens erfüllt wurden. Es wurde eine gründliche Überprüfung der Bilanz aller
Teilnehmerstaaten bei der Einhaltung
der
KSZE-Verpflichtungen
vorgenommen. Das Treffen bot ferner eine Gelegenheit zu untersuchen, wie das Instrumentarium für die menschliche Dimension bis zu diesem Treffen angewendet wurde. Dieser bei der Wiener
KSZE-Folgekonferenz vereinbarte Mechanismus verpflichtet die KSZE-Staaten, auf Bitten um Information und
Vorstellungen anderer KSZE-Staaten zu

Der Westen brachte zu Beginn der Gespräche ein umfassendes Vorschlagspaket ein. Schwerpunkt der westlichen
Vorschläge war größere Offenheit und
Berechenbarkeit im Hinblick auf die
Streitkräfte und ihre Aktivitäten in
Europa. überdies erfüllte das Paket
die Bedingung des Mandats, auf den
Errungenschaften der Stockholmer KVAE
aufzubauen.
Die westlichen Vorschläge gruppierten
sich um drei Themenbereiche: Transparenz der militärischen Organisation, Transparenz militärischer Aktivitäten sowie Kommunikation und Kontakt«0. Ferner ... schlug der Westen
vor, eine Diskussion über Militärdoktrinen in Form eines Seminars abzuhalten.

�Auch der Osten erläuterte seine Vorstellungen zu Beginn der Verhandlungen. Diese waren jedoch ihrem Charakter nach wesentlich allgemeiner
gehalten als das westliche Verhandlungspaket. Gegen Ende des überprüfungszeitraums hatte der Osten im Gegensatz zum Westen noch immer keine
detaillierte Sprachregelung vorgelegt.
Ende September war die dritte Runde
voll im Gange. Beide Seiten hatten
sich einer Vereinbarung über einen
neutralen Text für das Seminar über
Militärdoktrinen angenähert, und es
schien wahrscheinlich, daß dieses Seminar im Januar 1990 stattfinden würde.

* * * * *

- 7 -

�WJH:

/Vif

iH4

Hintergrundmaterial

13. Dezember 1989

45

NEUESTE ENTWICKLUNGEN IM KAMPF GEGEN DROG'N
- Bericht des US-Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Den nachfolgend veröffentlichten Bericht über neueste
Entwicklungen im internationalen Kampf gegen Drogen veröffentlichte das amerikanische Außenministerium im November 1989.
Drogenkonsum und Handel mit gesetzlich verbotenen Drogen stellen ebenso
sehr eine Bedrohung für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten
wie für die Gesundheit und das Wohl
des Drogenabhängigen dar. Mit der
Drogenabhängigkeit der Beschäftigten
sinkt die Produktivität der Industrie, die militärische Einsatzbereitschaft ist bedroht, wenn Angehörige der US-Streitkräfte Drogen nehmen, das Image der Vereinigten Staaten wird durch Berichte über Drogenkonsum in Amerika geschädigt und das
vom Bürger für Drogen ausgegebene
Geld füllt die Taschen der Drogenbarone, deren Taktik der Gewalt die Sicherheit einiger unserer wichtigsten
Freunde und Verbündeten unterminieren.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Herstellung und Konsum
Gesetzlich verbotene Drogen werden
vorwiegend in den Entwicklungsländern
produziert und vor allem von Konsumenten in den reichen Industrieländern erworben. In zunehmendem Maße
sehen sich jedoch die Länder, in denen diese Drogen hergestellt und gehandelt werden, selbst mit Problemen
des Drogenkonsums konfrontiert.
In
der Vergangenheit haben die Regierungen sich gegenseitig die Schuld zugeschoben - die Konsumenten verurteilten die Hersteller, während die Herstellerländer behaupteten, die Drogenkonsumenten
«1or
Industrieländer
seien das Problem.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Das
Drogenproblem
hat
inzwischen
weltweite Dimensionen angenommen, denen sich kein Land mehr entziehen
kann. Spitzenpolitiker der Länder zu
beiden Seiten des Äquators und aller
ideologischen
Schattierungen
haben
Drogen den totalen Krieg erklärt.
Große Worte und Schuldzuweisungen
werden durch gemeinsame Bestrebungen
ersetzt, mit denen der Teufelskreis
von Drogenherstellung
und -konsum
durchbrochen werden soll.

Das US-Außenministerium ist die für
Amerikas Bestrebungen zur internationalen
Drogenbekämpfung
zuständige
Bundesbehörde und führt als solche
die wichtigsten Bestandteile der nationalen
Drogenbekämpfungsstrategie
von 1989 durch, im Rahmen derer die
Bush-Administration eine Liste internationaler
Prioritäten
aufgestellt
hat, die folgende Punkte umfaßt:

Die Sowjetunion, die lange Zeit die
Existenz von Drogenproblemen in ihrem
Land abgestritten hatte, beteiligt
sich nunmehr an wichtigen staatlichen
und privaten Programmen zur Eindämmung des Drogenkonsums. Die Regierung Kolumbiens - wo der größte Teil
des Kokains auf der Welt verarbeitet
wird - hat den Drogenhändlern den
Krieg erklärt. Bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen hat der
kolumbianische
Präsident
Virgilio
Barco die kolumbianischen Drogenbarone als "staatenlos" bezeichnet. "Sie
haben keine Heimat", erklärte Präsident Barco. "Kolumbien ist nicht ihr
Heimatland."

Eindämmung der Kokainlieferungen
durch Unterstützung der Polizei,
des Militärs und der Wirtschaft
in Peru, Bolivien und Kolumbien,
um die wichtigsten kokaverarbeitenden Regionen zu isolieren, die
Lieferung der zur Kokain-Herstellung
eingesetzten
chemischen
Stoffe zu blockieren, Kokain-Labors zur zerstören und die Ringe
der Drogenhändler zu zerschlagen. Diese Bestrebungen betreffen auch die Drogentransportwege
in dei Karibik.

Präsident Bush hat Maßnahmen angekündigt, die für Drogenabhängige, Hersteller und Händler gleichermaßen
gelten sollen. Bei einer Zusammenkunft von Vertretern des amerikanischen Drogenbekämpfungsamts erklärte
er im April 1989: "Wir sollten der
Tatsache ins Auge sehen: Die Amerikaner können den Andenstaaten nicht
die Schuld für unseren unersättlichen
Appetit auf Drogen geben."
Statt
Schuldzuweisungen an andere Länder
vorzunehmen, wollen die Vereinigten
Staaten mit. ihnen zusammenarbeiten,
um sowohl Angebot als auch Nachfrage
nach Drogen weltweit abzuschaffen,
denn - um den kolumbianischen Präsidenten Barco zu zitieren -: "das einzige Gesetz, gegen das Drogenhändler
nicht verstoßen, ist das Gesetz von
Angebot und Nachfrage".

-

Zerschlagung der Drogenkartelle,

Eindämmung der Heroinlieferungen
durch Einwirken auf andere Länder, um ihren Einfluß bei Opiumbauern geltend zu machen und damit die Herstellung und den Vertrieb von Heroin zu unterbinden.
-

Reduzierung der Marihuana-Lieferungen durch
strengere strafrechtliche Verfolgung im Ausland,
Vernichtung des Marihuanas und
Anstrengungen, mit denen verhindert werden soll, daß aus kleinen
Herstellern Großproduzenten werden.

-

Die Vereinigten Staaten wollen
die Europäische Gemeinschaft und
andere multilaterale
Foren zu
Maßnahmen ermutigen, um die Herstellung im Ursprungsland, Vertrieb in den Transitstaaten und
den Drogenkonsum in Europa zu bekämpfen.
Wir rechnen fest mit

- 2 -

�der europäischen Unterstützung im
Kampf gegen internationale und
regionale Drogenkartelle.
Andere internationale Zielsetzungen:
Bestrebungen zur Drogenbekämpfung
sollen in den bilateralen Beziehungen der Vereinigten Staaten
mit fast allen Ländern hohe Priorität haben.
Die Vereinigten Staaten wollen
die Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen
Stoffen ratifizieren und auch andere Länder zur Ratifizierung
auffordern.
Rechtskräftige amerikanische Gesetze, denen
zufolge Entwicklungshilfe davon abhängig ist,
daß die Empfänger Drogenbekämpfungsstratgien unterstützen, sollen streng eingehalten werden.
Auf nationaler und internationaler Ebene sollen die Maßnahmen
gegen "Geldwäsche" der Gewinne
aus dem Drogenhandel verstärkt
werden.

Durchführung internationaler Drogenbekämpfungsmaßnahmen der Vereinigten
Staaten
Die wirkungsvolle Durchführung internationaler Drogenbekämpfungsprogramme
umfaßt Verbot, strafrechtliche Verfolgung von Drogenhändlern und Drogenvernichtung. Während das amerikanische Gesundheits- und Bildungsministerium den Drogenkonsum auf nationaler Ebene einzudämmen sucht, besteht
eine der wichtigsten Aufgaben des Außenministeriums darin, durch Kooperation mit anderen Ländern Druck auf
Drogenschmuggler und -händler auszuüben.
Im August 1988 schlössen sich 30 Länder im Rahmen der Internationalen
Drogenbekämpfungskonferenz zu einem
einmonatigen Kokainbekämpfungspro jekt

zusammen.
Die dreißig Länder (aus
Europa, Nord- , Mittel- und Südamerika) vereinbarten
eine gemeinsame,
konzertierte und multilaterale Drogenbekämpfungsstrategie, mit der die
Fähigkeit zur Beschlagnahmung von Kokain und Bargeld und die Verfolgung
Flüchtiger verbessert und scharf gegen Geldwäsche oder Verschleierung
der Herkunft von Drogengeldern vorgegangen werden soll. Die Vereinigten
Staaten haben vier Ländern Einheiten
der Nationalgarde zur Verfügung gestellt, die zusammen mit der amerikanischen Zollbehörde Frachtgut untersuchen sollen.
Gegenwärtig führen das US-Außenministerium und das Amt zur Drogenbekämpfung gemeinsam die Operation Snowcap durch, die verbotene Labors,
Drogenküchen und geheime Flugplätze
aufspürt, um sie zu zerstören. Die
meisten
Snowcap-Aktivitäten
werden
in Bolivien und Peru durchgeführt.
Seit Beginn der Operation im Jahr
1987 sind
zahlreiche Kokainlabors
zerstört und Tausende von Kilo Kokain
beschlagnahmt wor^n.

Internationale Zusammenarbeit
Die Vereinigten Staaten können weder
die gesamte Verantwortung für die
Drogenbekämpfung
tragen
noch
den
Kampf ohne Unterstützung anderer Länder gewinnen.
Ein wichtiger Punkt
der amerikanischen Politik besteht
darin, ?ndere Länder zur Bekämpfung
des Drogenhandels zu ermutigen und
sich gleichzeitig für die Lösung großer Probleme des Drogenkonsums im eigenen Land einzusetzen.
Präsident
George Bush wird Anfang 1990 zusammen
mit den Staats- und Regierungschefs
aus Bolivien, Kolumbien und Peru an
einem Gipfeltreffen zur Drogenbekämpfung teilnehmen.
Da der größte Teil des Kokains über
das Karibische Becken, Mittelamerika
und Mexiko in die Vereinigten Staaten
gelangt, fördert die US-Regierung
insbesondere in den Transitstaaten
Drogenbekämpfungsprogramme.
In der

- 3-

�Karibik sind zentrale Fahndungszentren geschaffen worden, die Informationen sammeln und verbreiten, um
mehr Verhaftungen zu ermöglichen. 26
Länder des Karibischen Beckens haben
durch INTERPOL ihre Fähigkeit zur
Kommunikation untereinander und mit
den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden ausgebaut. In Lateinamerika
unterstützt
die
US-Regierung
die
Strafverfolgung, in dem sie Ausbildungsprogramme fördert und technische
Hilfestellung leistet. Neun der elf
Länder, mit denen die Vereinigten
Staaten gemeinsame Drogenbekämpfungsprogramme durchführen, befinden sich
im Karibischen Becken und in Lateinamerika.
(Die Vereinigten Staaten
führen wichtige Drogenbekämpfungsprogramme mit den Bahamas, Bolivien,
Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Jamaica, Mexiko, Pakistan, Peru, Thailand
und Venezuela durch.)
Vertreter der US-Regierung streben
bei der Drogenbekämpfung nach einem
internationalen Konsens. Beim Weltwirtschaftsgipfel der Industrieländer
im Juli 1989 forderte Außenminister
Baker die Bundesrepublik Deutschland,
Großbritannien, Frankreich, Italien,
Japan und Kanada auf, schärfer gegen
die Geldwäsche aus dem Drogengeschäft
vorzugehen. Die sieben Gipfelländer
riefen dazu eine Sonderkommission
über Wirtschaftskriminalität ins Leben, die im Herbst 1989 zusammentrat
und bis April 1990 Empfehlungen erarbeiten soll.
Ein neues amerikanisches Zentrum für Wirtschaftskriminalität wird den Vollstreckungsbehörden
Informationen zur Verfügung stellen,
mit denen die Geldwäsche bekämpft
werden kann.

wie etwa der pakistanischen Premierministerin Benasir Bhutto, hat Außenminister Baker bei der Eindämmung der
Herstellung und des Handels mit Drogen amerikanische Unterstützung zugesichert.
Ein wichtiger Meilenstein wurde am
19. Dezember 1988 bei einer internationalen Konferenz in Wien mit der
Verabschiedung
der Konvention der
Vereinten Nationen über den illegalen
Handel mit Drogen und psychotropen
Stoffen erzielt.
Die Unterzeichner
verpflichten sich untereinander zur
Hilfe bei strafrechtlicher Verfolgung. Die Intern«tlonale Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung wird
obligatorisch und 67 Länder, einschließlich der Vereinigten Staatn,
haben die Konvention unterzeichnet.
Amerikanische Regierungsvertreter arbeiten darüber hinaus im Hinblick auf
Drogenprobleme mit Behörden der Vereinten Nationen und anderen internationalen
Organisationen
zusammen.
Der In Wien ansässige Fonds der Vereinten Nationen zur Bekämpfung des
Drogenmißbrauchs ist die wichtigste
multilaterale Organisation im weltweiten
Kampf gegen Drogen.
Die
Vollversammlung der Vereinten Nationen plant für 1990 die Durchführung
einer Sondersitzung, bei der die Verbesserung Internationaler Zusammenarbeit im Kampf gegen Drogen im Vordergrund stehen soll.

Beim seinem Treffen mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse im
September 1989 in Wyoming hat Außenminister Baker die Durchführung eines
amerikanisch-sowjetischen
Abkommens
erörtert,
das
seit
Januar
1989
rechtskräftig
ist.
Das
Abkommen
sieht amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung
vor. Bei seinen Zusammenkünften mit
anderen Spitzenpolitikern der Welt,

- 4-

* * * * *

�</text>
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