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                  <text>AMERIKA DIENST
^7

C&amp;

29. November 1989

43
•

INHALT

DOKUMENTATION
Walters: Gorbatschow bleibt an der Macht
- Fersehtnterview mit dem amerikanischen Botschafter Bush strebt sowjetische Zusage zur Fortsetzung der Reformen an
- Ansprache des US-Präsidenten zum amerikanischen Erntedankfest
Bush; In Malta keine Überraschungen zu erwarten
- Gespräch mit Reportern im Weißen Haus -

HINTERGRUND
US-Delegation stellt sich in Polen den Herausforderungen der
Geschichte
- von Landwirtschaftsrainister Clayton Yeutter Der Schlüssel zum Handel mit Osteuropa
- von Robert A. Mosbacher Malta leitet neues Kapitel der Nachkriegsgeschichte ein
- Hintergrundartikel zum Treffen von Malta -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VON**

29. November 1989

43
WALTERS:

GORBATSCHOW BLEIBT AN DER MACHT

- Fernsehinterview mit dem amerikanischen Botschafter WASHINGTON - (AD) - In einem Fernsehinterview der Sendung "John McLaughlin's
One-on-One" erklärte der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik Deutschland, Vernon Walters, am 26. November 1989, der sowjetische Präsident Gorbatschow werde nicht gestürzt, denn "es gibt keine annehmbare Alternative für ihn". (...)
"Man hat es mit dem alten System versucht, und es funktioniert nicht, Er ist die einzige Hoffnung", erklärte Walters.
Zu dem für den 2. und 3. Dezember vorgesehenen Treffen der Präsidenten Bush
und Gorbatschow vor der Küste Maltas bemerkte Walters, Gorbatschow werde wahrscheinlich eine Reduzierung amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte in
Europa "auf etwa 200 000" vorschlagen.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview in Auszügen.
Frage:
Hat
die
Bundesrepublik
jetzt, da sich die Sowjets aus Osteuropa zurückziehen, in Frieden das
Ziel erreicht, das von Deutschland in
zwei Kriegen angestrebt wurde - die
Vorherrschaft in Europa? Bringt ein
wiedervereinigtes
ungeteiltes
Deutschland dem Land den Status einer
Supermacht?
Ist die Bundesrepublik
heute, zumindest in wirtschaftlicher
Hinsicht, bereits eine Supermacht?
Was sagt ein amerikanischer Botschafter dazu, der sich mit den Deutschland betreffenden Fragen auskennt?
Präsident Bush hat gerade in einer
Rede eine neue Partnerschaft mit der
Sowjetunion beschrieben.
Sie sind
relativ konservativ und haben viel
Geschichte miterlebt.
Denken Sie,
daß wir jetzt an dem Punkt sind, wo

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Embassy of the United States of America

der Präsident der Vereinigten Staaten
über eine Partnerschaft mit der Sowjetunion, nicht mehr nur als Alliierte - er geht eindeutig darüber
hinaus - sprechen sollte?
Antwort: Das hängt ganz davon ab,
wie Sie "Partnerschaft" definieren
und was der Präsident damit meint.
Für ihn bedeutet es Zusammenarbeit
mit den Sowjets in einer Reihe von
Bereichen. Zunächst den Truppenabzug
in den Nachbarstaaten. Die Wiederherstellung der Demokratie der Osteuropa. Unterstützung für einen Meinungsumschwung bei den Chinesen. Dabei haben wir viel zu gewinnen.
Partnerschaft bedeutet nicht, daß man
unbedingt gleiche Wertvorstellungen
hat. Partnerschaft bedeutet, daß man
in bestimmten Bereichen zusammenar-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�beitet. Zum Beispiel haben wir mit
den Sowjets zu meiner Zeit als Botschafter bei den Vereinten Nationen
im Bereich der Verbreitung von Kernwaffen eng zusammengearbeitet.
Es
geschehen viele Dinge.
Aber der
Punkt ist, daß eine Partnerschaft,
die es vorher nicht gab, ermöglicht
wird, weil unser System nicht in
Zweifel gezogen wird. Im Gegensatz
zum System in der Sowjetunion.
Frage:
Sie haben kürzlich - vor
vier Monaten - die Sowjetunion besucht.
In welchem Zustand befindet
sich das Land?
Antwort:

In Unordnung.

Frage: Sprechen Sie von einem zerbröckelnden Imperium?
Antwort: Ich spreche von Menschen,
die ehemals überzeugt waren, sie seien die tapfersten, die kühnsten, die
besten, stärksten, die klügsten, die
Zukunft gehöre unweigerlich ihnen und
die nunmehr zu der Erkenntnis gelangen, daß sie in großen Schwierigkeiten sind und Hilfe brauchen, wenn sie
sich daraus befreien wollen.
Frage: Denken Sie, daß die Vereinigten Staaten ihnen helfen werden?
Antwort:
In
einigen
Bereichen
schon, aber meiner Ansicht nach ist
das nicht unsere Aufgabe. Es kann
ihnen nur dadurch geholfen werden,
daß sie ihr System ändern.
Frage: Es ist die Rede davon, daß
wir ihnen Kohle und Nahrungsmitteln
liefern sollen. Halten Sie das für
eine gute Idee?
Antwort: Ich weiß nicht. Ich müßte die Umstände näher kennen, unter
denen wir diese Hilfe leisten.
Frage:
Was denken Sie über die
Wiedervereinigung
beider
Teile
Deutschlands? Ist sie wahrscheinlich
oder möglich?
Antwort:

darauf verwiesen - und ich habe im
Juni erklärt-, daß es den Vereinigten
Saaten entgegenkäme, wenn sie friedlich vollzogen würde und alle Menschen
dahinterstünden.
Friedlich
heißt mit Zustimmung der Sowjetunion. Sie haben 16 Divisionen in der
DDR stationiert, und man muß eine Einigung mit ihnen erzielen. Sind wir
auf dem Weg in die richtige Richtung? Ich denke schon. Was die Zustimmung des Volkes angeht, so bin
ich der Ansicht, daß jeder, der die
Szenen gesehen hat, die sich in den
letzten Wochen in Berlin abspielten,
erkennen konnte, in welchem Verhältnis die Deutschen zueinander stehen.

Der Präsident hat im Mai

Frage: Treibt uns die Wiedervereinigung Deutschlands in die Richtung
der Entmilitarisierung von NATO und
Warschauer Pakt? Mit anderen Worten,
wenn es ein ungeteiltes Deutschland
gibt, wie kann dann der Eckpfeiler
des Warschauer Pakts mit seinen taktischen Atomwaffen es auf eine Machtprobe mit seinem wiedervereinigten
Nachbarn, der Bundesrepublik als dem
Eckpfeiler der NATO, ankommen lassen? Sicherlich müssen diese beiden
Blöcke entmilitarisiert werden, bevor
es zu einer Wiedervereinigung kommen
kann. Ist das richtig?
Antwort: Nein. Ich denke, Sie haben das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Das müssen wir nicht. Entmilitarisierung steht am Ende und nicht
am Anfang des Prozesses. Die Bundesrepublik strebt die Europäische Gemeinschaft partnerschaftlich mit den
anderen Ländern Europas an. Die anderen Länder Europas wollen diese Gemeinschaft unter allen Umständen bilden. Für sie ist es ein Schutz vor
einem sehr mächtigen Deutschland.
Und alle, die nachdenken, verstehen,
daß sie uns brauchen, und daß die
einzige Möglichkeit, uns und die in
Europa beteiligten Kanadier zu behalten die NATO weder marode noch überholt ist.
Frage:
Finden Sie nicht, daß die
Deutschen im Hinblick auf ihre Wiedervereinigung
recht
schizophren

- 2 -

�sind? Sie streben sie an, aber nicht
jetzt.
Sie wollen sie nicht, bis
zwischen der DDR und der Bundesrepublik ein Zustand vernünftigen wirtschaftlichen Gleichgewichts besteht.
Sonst wird die Bundesrepublik aus der
DDR eine wirtschaftliche Kolonie machen. Die DDR wird der Sozialhilfeempfänger der Bundesrepublik werden.
Wie denken Sie darüber?
Antwort: Ich denke nicht, daß sich
daran etwas ändern wird. Ich denke
nicht, daß das richtig ist. Die DDR
kann mit ihrem gegenwärtigen System
keinen
Zustand
wirtschaftlichen
Gleichgewichts erreichen.
Frage:
Wann wird
Ihrer Ansicht
nach die Wiedervereinigung stattfinden?
Antwort:
Dazu
möchte
nicht endgültig äußern ...

ich

mich

Frage: Nun, Sie haben vor vier Monaten eine Vorhersage gewagt und sie
ist eingetroffen. Wann wird sie also
stattfinden?
Antwort:
Die mir gestellte Frage
lautete, ob sie in absehbarer Zukunft
stattfinden würde. Das habe ich bejaht und erklärt, meiner Ansicht nach
fände sie in absehbarer Zukunft unter
den vom Präsidenten näher erläuterten
Bedingungen statt. Sie kann friedlich und mit Zustimmung aller Menschen vollzogen werden. Nun muß die
Zustimmung aller eingeholt werden.
Es muß in der DDR eine freie Regierung geben, die freie Wahlen abhalten
wird.
Und wenn diese freien Wahlen abgehalten werden, werden in diesem Jahr
auch Wahlen in der Bundesrepublik
stattfinden. Es wird zwei neue Parlamente geben. Sie werden vielleicht
entscheiden, was sie tun wollen, aber
erkennen, daß sie nichts tun können,
wenn sie nichts zu den 16 sowjetischen Divisionen in der DDR unternehmen. Die Sowjets werden also einbezogen werden müssen, sonst gibt es
keine Möglichkeiten.
Und sie sind

bereit, dafür einen
Preis zu zahlen.

ziemlich

hohen

Frage:
Aber
die Sowjets wollen
keine Wiedervereinigung zwischen Ost
und West. Sie wollen keine Neufestsetzung der politischen Grenzen.
Antwort: Es gibt viele Dinge, die
die Sowjets in Osteuropa nicht zulassen wollen. Denken Sie, sie wollten
die Ereignisse in Polen zulassen?
Oder in der DDR?
Oder sie freuen
sich über das, was in der Tschechoslowakei geschieht? Oder mit Schiwkow in Bulgarien? Sicherlich nicht.
Frage:
Wie Sie sicherlich wissen,
gibt es in Washington Gerüchte, denen
zufolge die Sowjets die nicht reformorientierte Führung Jakes in der
Tschechoslowakei auf Reformkurs bringen wollen.
Antwort: Die Sowjets erkennen, daß
Reformen weitreichender sein müssen
als ihre normale Auffassung von der
systemimmanenten Reform.
Wenn in
Prag 500 000 Menschen auf die Straße
gehen, muß sich sehr viel ändern.
Aber das ist nicht mein Problem, denn
ich bin nicht der amerikanische Botschafter in der Tschechoslowakei.
Frage:
Wie
beurteilen Sie Genschers Äußerungen zur NATO? Er hat
erklärt, die Stationierung - oder Modernisierung - der Kurzstreckenraketen sei "lächerlich".
Wenn er es
nicht selbst gesagt hat, dann einer
seiner engsten Mitarbieter. Wie denken Sie darüber?
Antwort:
Meines Erachtens ist es
nicht richtig. Einer seiner Mitarbeiter hat das gesagt. Ich habe das
nicht aus seinem Mund gehört. Er hat
erklärt, wenn wir ein Abkommen darüber erzielen, soll es 1992 wieder
erörtert werden. Bis dahin bleiben
die Kurzstreckenraketen in der Bundesrepublik. Und das Thema wird 1992
wieder aufgenommen werden.
Frage:
Wenn in einer Woche der
Gipfel stattfindet, wird Gorbatschow

- 3 -

�Ihrer Ansicht nach einen konkreten
Vorschlag unterbreiten, den er ja immer auf Lager hat. Und wie wird dieser Vorschlag aussehen?
Antwort:
Ich weiß nicht genau,
aber ich würde vorschlagen, weit über
das hinauszugehen, was heute im Hinblick auf die Reduzierung konventioneller Streitkräfte im Gespräch ist,
weil er weiß, daß er sie nur über die
Weichsel bringen muß, während wir sie
über den Atlantischen Ozean transportieren müssen, was ein großer Unterschied ist.
Frage:
Präsident Bush fordert ein
Niveau von 275 000 Soldaten, was bei
den US-Streitkräften eine Reduzierung
von 30 000 Soldaten bedeuten würde.
Antwort: Bei den Sowjets wären es
hingehen mehrere hunderttausend. Die
Sowjets haben sehr viel mehr Soldaten
als wir.
Frage: Allein in der DDR haben sie
400 000. Denken Sie, daß Gorbatschow
dem zustimmen und auf einen Stand von
etwa 200 000 reduzieren wird?
Antwort:
Das
ist wohl richtig.
Sein Vorschlag könnte lauten, auf etwa 200 000 zu reduzieren, aber das
ist meinerseits reine Spekulation.
Darüber liegen mir keine Informationen vor, aber das sähe ihm ähnlich.
Frage:
Welche anderen Vorschläge
könnte er Ihrer Ansicht nach unterbreiten?
Antwort
Er
könnte
eine
engere
WirtSchaftszusammenarbeit
anstreben,
die er dringend benötigt. Wir haben
über viele Jahre hinweg das Bruttosozialprodukt der Sowjetunion maßlos
überschätzt.
Sie unterhält umfangreichere Streitkräfte als wir und erwirtschaftet ein Bruttosozialprodukt,
daß nicht einmal halb so groß ist wie
unseres. Da bleibt nur wenig für die
Zivilbevölkerung übrig, und er ist
darüber sehr besorgt und möchte etwas

dagegen unternehmen. Wenn er klug
ist, unternimmt er auch etwas dagegen.
Frage:
Ist es Ihrer Ansicht nach
nicht seine Strategie, die Länder des
Ostblocks abzukoppeln, so daß sie in
ihren Volkswirtschaften Marktmechanismen entwickeln, mit denen sie wieder auf den rechten Weg finden und
die Konsumgüter produzieren können,
die er zum überleben braucht?
Antwort:
Nein.
Meiner
Ansicht
nach geht es ihm vor allem um den Zugang zu westlicher Technologie, die
er nur in einem weniger spannungsgeladenen Umfeld erhalten kann.
Sie
haben, indem sie sie gestohlen oder
ausspioniert haben, herausgefunden,
daß sie westliche Technologie nicht
befriedigend kopieren können. Um das
zu tun, brauchen sie einen besseren
Zugang. Und den bekommen sie nur,
wenn es weniger Spannungen gibt.
Darüber hinaus herrscht bei ihnen
dieselbe Haltung vor wie im Britischen Weltreich nach Kriegsende: daß
das Imperium zu teuer wird. Und wenn
sie eine ausgedünnte Armee haben,
wird ihnen das mehr Mittel zur Entwicklung des Landes verschaffen. Zum
Beispiel verlangt ihr Fünf jahresplan,
daß noch etwa 112 000 Straßenkilometer gebaut werden, was bis jetzt noch
nicht geschehen ist. Es gibt mehr
ausgebaute Kilometer Autobahn in Belgien als in der Sowjetunion. Und wie
gelangen die Nahrungsmittel zur Bevölkerung, wenn keine Straßen gebaut
werden? Straßen kosten Geld.
Frage: Sind Sie zufrieden, daß der
kalte Krieg beendet ist?
Antwort:
Meiner Ansicht nach ist
er noch nicht beendet, aber der Vorteil liegt ganz klar bei uns. Ein
Deutscher hat es so formuliert, daß
der lange Konflikt zwischen Karl Marx
und Ludwig Erhardt zugunsten Ludwig
Erhardts entscheiden wurde, der in
Deutschland als Begründer der Marktwirtschaft gilt. Meiner Ansicht nach

- 4 -

�ist der Marxismus ein Phänomen dieses
Jahrhunderts, das mit dem Ende des
Jahrhunderts verschwinden wird.
Frage:
Freuen Sie sich über die
enge Beziehung zwischen George Bush
und Helmut Kohl?
Antwort: Enge Beziehung? Die Bundesrepublik ist - ebenso wie Frankreich und Großbritannien ein gleichberechtigter Bündnispartner.
Viele
verstehen nicht, daß die NATO nicht
nur ein militärisches Bündnis zum
Zweck der Abwehr eines Angriffs ist.
Es ist vielmehr ein Bündnis von Völkern mit gleichen Wertvorstellungen.
Frage:
Die Bundesrepublik Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste
Land in Europa. Ihr Bruttoinlandsprodukt beläuft sich auf 1,4 Billionen Dollar, die Hälfte des japanischen. Wenn wir uns mit Fragen der
Europäischen Gemeinschaft beschäftigen, so neigen wir eher dazu, uns der
Bundesrepublik anzunähern - weg von
Margaret Thatcher mit ihrer anti-europäischen Haltung. Erkennen Sie die
enorme Machtverlagerung
in dieser
Hinsicht?
Antwort:
Nun, das Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten ist höher als das der Bundesrepublik, Japans und der Sowjetunion zusammengenommen.
Wir
sind
keine
kleine
Macht.
Wir müssen uns über diese
Länder, deren BSP ein Viertel oder
ein Fünftel des unsrigen beträgt,
keine Sorgen machen. Im Hinblick auf
die wirtschaftliche Gefahr übertreiben Sie.
Frage: Ja, aber wir sind auch noch
mit 2,8 Billionen Dollar verschuldet. Beeindruckt Sie das überhaupt
nicht?
Antwort: Es beeindruckt mich schon
etwas, aber im Verhältnis zu unserem
Bruttosozialprodukt liegt diese Verschuldung niedriger als in den meisten anderen Ländern.

Frage:
Herr Botschafter, der Eckpfeiler der von Präsident Bush vorgeschlagenen neuen Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion ist Michail Gorbatschow.
Michail Gorbatschow war die treibende
Kraft hinter den Veränderungen in der
sowjetischen Innen- und Außenpolitik
und damit auch hinter dem Wiederaufleben der Freiheit in Osteuropa, aber
in diesem Winter hat er harte Zeiten
vor sich und könnte vielleicht sogar
an den Rand einer Katastrophe steuern. In der Sowjetunion besteht nahezu überall ein Mangel an Heizöl und
Nahrungsmitteln.
Ethnische und nationalistische Unruhen sowie Arbeitskämpfe greifen um sich. Die Perestrojka führt nicht schnell genug zu
Ergebnissen, was diesen Monat zu einer
Sonderkonferenz
sowjetischer
Wirtschaftsexperten geführt hat, um
die Wirtschaftsreformen wiederzubeleben.
Wird Gorby durchhalten?
Antwort: Ja.
Frage: Warum?
Antwort: Weil es für ihn keine annehmbare Alternative gibt.
Jedenfalls nicht für diejenigen, die in
der Sowjetunion Einfluß haben.
Es
gibt keine annehmbare Alternative.
Man hat es mit dem alten System versucht, und es funktioniert nicht. Er
ist die einzige Hoffnung.
Frage: Ligatschow.
Antwort:
Was hat er anzubieten?
Zu den alten Methoden zurückzukehren,
die sie dahin gebracht haben, wo sie
jetzt sind? Nein.
Frage:
Die
bremsen.
Antwort:
Frage:

- 5 -

Entwicklung

etwas

zu

Nein, nein.
Sie

sind

überzeugt

davon,

�daß er durchhalten wird?
Antwort:
Es gibt eine Wellenbewegung in der Geschichte.
Die Geschichte hat ein solches Tempo angenommen, daß sie nicht mehr aufzuhalten ist. Innerhalb von Wochen geschehen Dinge, die vormals Jahre oder
Monate in Anspruch nahmen. Und die
Veränderungen in der Sowjetunion werden tiefgreifend sein, weil Gorbatschow eine lebensfähige Wirtschaft
will. Er möchte ein Land schaffen,
das ein Bruttosozialprodukt in der
Höhe erwirtschaftet, wie wir es einmal fälschlicherweise angenommen haben.
Frage: Als Reagan Gorbatschow sah,
schätzte er diesen Mann ein. Und es
ist Ronald Reagans Verdienst, eine
Wende um 180 Grad gemacht zu haben.
Er erkannte damals, daß Gorbatschow
tun könnte, was Reagan von ihm wollte, und er hat darauf reagiert. Meines Erachtens ist noch nicht ausreichend gewürdigt worden, wie sehr er
Gorbatschow verstanden hat. Empfinden Sie es nicht als bemerkenswertes
Phänomen, wie sehr es Reagan gelungen
ist, sich in Gorbatschow hineinzuversetzen?
Antwort:
Nein.
Aber er hat sich
auf vor die Mauer gestellt und erklärt: "Herr Gorbatschow, reißen Sie
diese Mauer nieder." Meiner Meinung
nach ereignete sich in Reykjavik
nocht etwas wesentlich bedeutsameres. Gorbatschow versuchte, uns zu
übertölpeln, damit wir SDI aufgeben
würden, von dem viele in den Vereinigten Staaten annahmen, es werde
ohnehin nicht funktionieren. Das ist
nicht so wichtig. Was zählte, war
die Tatsache, daß Gorbatschow dachte,
es würde funktionieren. Und als er
nach Hause zurückkehrte und erklärte,
die Vereinigten Staaten würden es
nicht aufgeben, was werden wir tun was wird es uns kosten, mit ihnen
Schritt zu halten? Da entnahm er den
Antworten, daß ihm nicht so viel Geld
zur Verfügung stand. Und das ist einer der Gründe, warum wir heute an
dLesem Punkt stehen. Dies resultiert

aus unserer Standhaftigkeit, aus der
Geschlossenheit des Bündnisses, aus
40 Jahren der Einmütigkeit, daraus,
daß 16 Länder über 40 Jahre hinweg
alle wichtigen Entscheidungen einmütig gefällt haben. Und sie sind sich
darüber im klaren, daß sie es mit
starken Vereinigten Staaten von Amerika zu tun haben, die ihr Verteidigungspotential erneuert haben und
nicht unter Druck gesetzt werden können.
Frage:
Ja, aber leider hat
NATO jetzt ihren Nutzen verloren.

die

Antwort:
Das ist eine Illusion.
Das wird jetzt vielfach behauptet.
Ich gehörte zur ursprünglichen Gruppe, die mit Eisenhower nach Europa
ging. Das waren 11 Personen im Jahr
1951. Und seither haben Leute versucht, die Beerdigung der NATO zu
feiern.
Frage:
Der
einzige
unmittelbare
Vorteil der NATO besteht darin, daß
sie dem Warschauer Pakt seine Berechtigung liefert, was von Gorbatschow
derzeit benötigt wird, um seinen
rechten Flügel ruhigzustellen.
Er
kann auf Ungarn verweisen und sagen
"Ungarn ist ein Mitglied des Warschauer Pakts". Er kann auf Polen
mit seinem demokratischen Oberkomando
verweisen und sagen, daß Polen Mitglied des Warschauer Pakts ist. Er
wird auch sagen, daß die DDR im Warschauer Pakt ist. Und damit wird er
gegenüber seinem rechten Flügel Zeit
gewinnen.
Das ist gegenwärtig der
Vorteil der NATO - Gorbatschow zu erlauben, dies zu tun und den Prozeß zu
verlangsamen, um ihn in den Griff zu
bekommen. Was halten Sie davon?
Antwort: Meines Erachtens ist diese Ansicht unrealistisch. Jedermann
weiß, daß der Warschauer Pakt ein
künstliches Gebilde war, dem niemand
außer der Sowjetunion freiwillig beigetreten ist. Das gilt nicht für die
NATO.
Die Länder des Warschauer
Pakts teilen nicht die gleichen Werte. Die Länder der NATO tun dies.
Menschen mit den gleichen Werten nei-

- 6 -

�gen dazu, über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten. Engländer und
Portugiesen waren über 600 Jahre lang
verbündet, und die Briten haben dies
im Zweiten Weltkrieg geltend gemacht,
um Stützpunkte auf den Azoren zu bekommen. Wenn man ein solches Bündnis
hat, möchte man daran festhalten.
Die NATO ist ein unerläßliches Bindeglied, um nach Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts die Vereinigten Staaten und Kanada mit Europa zu
verbinden.
Frage:
Der europäische Binnenmarkt
im Jahr 1992 wird die NATO noch überflüssiger machen. Was sagen Sie dazu?

Frage:
Nehmen wir einmal an, Sie
hätten die Möglichkeit, George Bush
zu beraten, was sie ja auch zweifelsohne häufig tun, und George Bush würde fragen: "Was meinen Sie, Vernon?
Soll ich daraus ein Junktim machen?
Mit anderen Worten: Gorbatschow erklärt mir gegenüber, er benötige Nahrungsmittel und Kohle.
Sollte ich
ihm entgegnen, daß wir ihnen mit
Technologietransfer aus der Patsche
helfen, falls sie sich nicht länger
in Belange unserer nationalen Sicherheit einmischen, und der Preis dafür
wäre die Einstellung der Hilfe für
Ortega und Castro? Würden Sie mir
dazu raten?" Ist das die Art von Rat,
den sie ihm geben würden?

Antwort: Unsinn.
Frage: An der Spitze der kommunistischen Partei in der DDR steht Egon
Krenz. Wird er den 15. Dezember politisch überleben - oder wird er auch
noch in einem Jahr im Amt sein?
Antwort:
Er kann heilfroh
wenn er dann noch im Amt ist.

sein,

Frage:
Wird Ministerpräsident Hans
Modrow in einem Jahr noch im Amt sein?
Antwort:
Er kann heilfroh
wenn er dann noch im Amt ist.

sein,

Frage:
Schließen
Sie aus Ihren
Quellen, daß Gorbatschow Präsident
Bush versichern wird, daß er die Lieferungen von Waffen oder anderen Ressourcen an Daniel Ortega und Castro
einstellen wird?

Antwort:
Nun, zunächst einmal berate ich ihn nicht über Fragen in
dieser Region.
Mein Spezialgebiet
ist Deutschland. Wenn ich aber darüber (mit Gorbatschow) sprechen würde, so würde ich Ihm wahrscheinlich
sagen - natürlich weiß ich nicht, was
Präsident Bush ihm sagen wird -, aber
ich würde sagen: "Also, wenn Sie gute Beziehungen mit mir wünschen, dürfen Sie mir keine Schwierigkeiten in
Regionen bereiten, die für mich wichtig sind. Wenn Sie so etwas wie eine
neue Partnerschaft anstreben, müssen
Sie in diesem Bereich flexibel sein.
Und wenn Sie nicht flexibel sind, ist
es sehr schwierig für mich, flexibel
zu sein."

* * * * *

Antwort:
Gorbatschow ist ein sehr
gut informierter Mann. Meines Erachtens weiß er, daß ein Problem, das
diese Partnerschaft vergiften kann,
eine Fortführung der Schwierigkeiten
wäre, die in einer für uns lebenswichtigen - und für sie völlig unwichtigen - Region aus rein ideologischen Gründen zu einem Zeitpunkt geschaffen werden, an dem meiner Meinung nach ihre Ideologie zusammenbricht.
- 7 -

�AMERIKA DIENST
^7

^

£*

Dokumentation

43

29. November 1989
BUSH STREBT SOWJETISCHE ZUSAGE ZUR FORTSETZUNG DER REFORMEN AN
- Ansprache des US-Präsidenten zum amerikanischen Erntedankfest -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat am 22. November 1989, dem Vorabend des
amerikanischen Erntedankfestes, in einer landesweit von Rundfunk und Fernsehen
ausgestrahlten Rede erklärt, er strebe bei seinem Treffen mit dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Gorbatschow am 2. und 3. Dezember eine feste Zusage der
Sowjets für die Fortführung des Reformprozesses in Osteuropa an. Die Vereinigten Staaten stünden diesem historischen Prozeß wohlwollend gegenüber.
"Wir werden ihm zusichern, daß die Vereinigten Staaten die Reformen nicht als
Gegner begrüßen, der seinen Vorteil sucht, sondern als Volk, das Hilfe anbietet."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.
Wie viele von Ihnen werde ich den
morgigen Tag im Familienkreis verbringen. Wir werden ein Dankgebet
sprechen, den Truthahn teilen und
Gott für seine vielen Segnungen danken - und für unser großartiges Land.
An diesem Feiertag unterbricht auch
der Kongreß seine Sitzungen. Ich habe mit dem Kongreß zusammengearbeitet
- meine Hände über Parteigrenzen hinweg ausgestreckt und Gesetzentwürfe
vorangetrieben, die der auf unseren
Straßen herrschenden Furcht vor Verbrechen und Drogen ein Ende setzen
sollen. Wir haben Methoden zur Reinigung von Luft, Wasser und Boden
vorgeschlagen. Wir haben uns mit den
Gouverneuren zusammengeschlossen, um
einen historischen Vertrag zur Verbesserung unserer Schulen zu verab-

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schieden. Was mir jedoch besonders
zu Herzen geht, ist die Tatsache, daß
so viele Amerikaner dem Ruf zum
Dienst an der Gemeinschaft - den tausend Punkten des Lichts - gefolgt
sind, ihre Ärmel aufgekrempelt und
sich für diejenigen eingesetzt haben,
die alle Hoffnung verloren haben, für
die Hilflosen - jeder Freiwillige ist
ein Licht der Hoffnung für jemanden,
der den Halt verloren hat.
Dies wird ein ganz besonderes Erntedankfest sein.
Es bezeichnet ein
außergewöhnliches Jahr. Bevor jedoch
unsere Familien sich am morgigen Tag
zu Tisch begeben, werden wir noch aus
einem
anderen Grund Dank sagen:
überall auf der Welt werden morgen
neue Pilger auf einer Reise zur Freiheit sein, und für viele von ihnen

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�ist dies nicht eine Reise an irgendeinen weit entfernten Ort, sondern in
eine von ihnen selbst geschaffene
Welt.
An anderen Erntedankfesten lebte die
Welt im Schatten der Wachttürme,
Wachhunde und Maschinengewehre. Viele unter Ihnen waren noch nicht geboren, als im Jahr 1961 die Berliner
Mauer errichtet wurde. Heute aber
sehen wir ein neues Bild von der
Welt, das eine neue Realität widerspiegelt, das Bild von Deutschen aus
Ost und West, die einander auf die
Berliner Mauer helfen - eine menschliche
Brücke
zwischen
Nationen.
Ganze Völker gehen überall in Osteuropa mutig auf die Straße und fordern
Freiheit, reden von Demokratie. Dies
ist nicht das Ende des Buches der Geschichte, aber es ist das Ende eines
der traurigsten Kapitel seiner Geschichte.
Schon bald nach Öffnung der Mauer
rief mich Bundeskanzler Kohl an und
bat mich, Ihnen, dem amerikanischen
Volk, seinen Dank auszusprechen. Er
erklärte, daß dieser bemerkenswerte
Wandel in Osteuropa ohne die standhafte Unterstützung der Vereinigten
Staaten nicht stattgefunden hätte.
Dies ist ein passendes Lob von einem
guten Freund. 40 Jahre lang haben
wir in unserem Engagement für die
Freiheit nicht nachgelassen.
Wir
danken unseren Männern und Frauen in
Uniform. Ebenso sollten wir unseren
führenden Nachkriegspolitikern danken. Sie haben mit dem Marshall-Plan
zum Wiederaufbau
eines Kontinents
beigetragen, und wir haben einen
Schild - die NATO - geschaffen, hinter dem sich Europäer und Amerikaner
eine Zukunft in Freiheit aufbauen
konnten.
In vielen dieser 40 Jahren wurde die
Probe der Entschlossenheit des Westens, des Wettstreits zwischen Freien und Unfreien, von einer Insel der
Hoffnung hinter dem Eisernen Vorhang
symbolisiert: Berlin.
In den vierziger Jahren blieb West-

Berlin frei, weil Harry Truman erklärte: Hände weg. In den fünfziger
Jahren verlieh Eisenhower diesen Worten Nachdruck. In den sechziger Jahren schöpften die Berliner Mut, als
Präsident Kennedy erklärte: Ich bin
ein Berliner. In den siebziger Jahren unterstützten die Präsidenten
Nixon, Ford und Carter Berlin - indem
sie an der NATO festhielten. Und in
den achtziger Jahren besuchte Ronald
Reagan Berlin, um auszurufen: Reißt
diese Mauer nieder.
Heute stehen wir an der Schwelle der
neunziger Jahre. Zu Beginn dieses
neuen Jahrzehnts möchte ich Präsident
Gorbatschow die Hand reichen und ihn
auffordern, mit mir zusammenzuarbeiten, um die letzten Schranken gegen
eine neue Welt der Freiheit zu beseitigen. Laßt uns die Politik des Containment überwinden und den kalten
Krieg ein für allemal beenden.
Wir können ein solch kühnes Unternehmen in Angriff nehmen, weil die Vereinigten Staaten stark sind und 40
Jahre der Hartnäckigkeit und Geduld
sich endlich auszahlen. In jüngster
Zeit hat die stille Diplomatie, die
Arbeit hinter den Kulissen, zu Ergebnissen geführt. Wir können uns heute
eine neue Welt mit einem neuen Europa
vorzustellen wagen, die auf dem Fundament der Demokratie aufbaut.
Diese neue Welt nahm gerade Konturen
an, als meine Präsidentschaft mit
diesen Worten begann: "Die Tage der
Diktatoren sind gezählt." Im Laufe
des Frühjahrs und Sommers haben wir
den Völkern der Welt erklärt, an was
die Vereinigten Staaten glauben und
wie die Vereinigten Staaten sich die

Zukunft vorstellen. Die Vereinigten
Staaten glauben, daß "in Osteuropa
die Zeit für die Idee der Freiheit
reif ist". Die Vereinigten Staaten
wünschen den Erfolg von Präsident
Gorbatschows Reformen, die wir unter
dem Begriff der Perestrojka kennen.
Und die Vereinigten Staaten möchten,
daß die Sowjets sich uns auf dem Weg
"über die Politik des Containment
hinaus" zu einer neuen Partnerschaft

- 2 -

�anschließen. Einige haben sich gefragt, ob all dies realistisch sei.
Nun, obwohl wir uns noch immer auf
dem im vergangenen Frühjahr eingeschlagenen Kurs befinden, entwickeln
sich die Dinge schneller, als irgendjemand sich hätte vorstellen oder
vorhersagen können.

*

Schauen Sie sich in der Welt um - in
den Entwicklungsländern fordern die
Menschen Freiheit. Polen und Ungarn
sind heute Demokratien in den Kinderschuhen - Polen hat eine nichtkommunistische Regierung, und in Ungarn
werden bald freie Wahlen abgehalten.
In der Sowjetunion schaffen die Reformkräfte unter Michail Gorbatschow
beispiellose Offenheit und Veränderungen.
Aber nirgends auf der Welt von heute
- oder selbst in der Geschichte der
Menschheit - haben die Herzen der
Menschen so rasch - so sicher - über
kalten Stein triumphiert wie in Berlin, ja sogar in ganz Deutschland.
Um die Worte des großen Dichters Robert Frost zu umschreiben: Es gibt
sicherlich in uns etwas, das Mauern
verabscheut.
Als ich im vergangenen Mai in Mainz
zum deutschen Volk sprach, habe ich
den Abbau der Grenzen zwischen Ungarn
und Österreich begrüßt und erklärt:
"Berlin muß die nächste Station
sein." Und das Volk der Bundesrepublik Deutschland schloß sich uns bei
der Forderung nach einem ungeteilten,
freien Europa an.
Erst gestern überreichte mir der Bundesaußenminister ein Stück der Berliner Mauer - es liegt jetzt auf meinem
Schreibtisch als Erinnerung an die
Macht der Freiheit, Mauern zwischen
den Menschen niederzureißen.
Ich erinnerte mich wieder an die Zeit
vor sieben Jahren, als ich die kleine
deutsche Stadt Modlareuth besuchte,
die auch Klein-Berlin genannt wird.
Es ist eine geteilte Stadt, deren
kopfsteingepflasterte
Straßen
mit
Stacheldraht und Beton verbarrika-

diert sind - auf der einen Seite
Freiheit, auf der anderen Verzweiflung. Ich sprach nicht einmal 150
Meter von den bewaffneten Wachposten
auf ihren Türmen entfernt mit einigen
Einwohnern. Eines Tages möchte ich
nach Klein-Berlin zurückkehren, um zu
sehen, daß Familien wieder vereinigt
zu werden und sich einstmals getrennte Nachbarn wieder treffen.
Der Wandel vollzieht sich rasch. Und
mit diesem Wandel die dramatische Bestätigung der wirtschaftlichen und
politischen Institutionen des freien
Europa. Das jetzt neuentstehende Europa wird auf dem Fundament demokratischer Werte errichtet und muß darauf
errichtet
werden.
Aber je
schneller die Geschwindigkeit, umso
reibungsloser muß der Ablauf erfolgen. Dies ist schließlich eine ernste Angelegenheit.
Der von uns aufgebaute Frieden muß
sich von dem harten, freudlosen Frieden zwischen zwei bewaffneten Lagern
unterscheiden, mit dem wir soviel Erfahrung haben. Die Narben des Konflikts, der vor fünfzig Jahren begann, ziehen sich quer über den Kontinent. Die vor uns liegende historische Aufgabe besteht darin, diese
alte Wunde zu heilen.
Unser Besuch in Polen und Ungarn im
vergangenen Juli hat mich in der Auffassung bestärkt, daß wir auf dem
richtigen Weg sind - daß endlich die
Möglichkeit für grundlegende Veränderungen besteht. Ich konnte Akte der
Wiedergutmachung und Aussöhnung unmittelbar beobachten.
In Warschau
habe ich bei meinem Diner für General
Jaruselski und die Führer der Gewerkschaft Solidarität eine Frau getroffen, die unter großem Risiko für ihre
Person an der Freilassung inhaftierter Mitglieder der Solidarität gearbeitet hatte.
Sie wurde gefragt:
"Wie ist es möglich, sich nach so
kurzer Zeit mit den Männern an einen
Tisch zu setzen, die diese Verhaftungen angeordnet haben - ganz ohne Bitterkeit?"
Sie antwortete darauf:
"Unsere Freude über die Ereignisse

- 3 -

�heute ist stärker als die Erinnerung."
Ich wünsche mir, Sie hätten das erleben können, denn es war außerordentlich. Die alten Gegensätze schmolzen
dahin, als sich einstige Gegner oftmals mit Tränen in den Augen erhoben
und ihr Glas auf die Zukunft erhoben.
Unsere Gäste wußten, daß die Geschichte sie danach beurteilen würde,
wie gut sie zusammenarbeiten. Ganz
Europa steht nunmehr im Zeichen der
Kooperation, und das Ergebnis tritt
klar zutage: Polen und Ungarn wandeln sich.
Sie verdienen unsere Unterstützung,
und sie werden sie bekommen. Wir haben unseren Worten Taten folgen lassen. Mit neuen Krediten und Förderprogrammen sowie amerikanischen Expertengruppen wollen wir helfen, den
Übergang zu einer freien Marktwirtschaft zu vollziehen und amerikanischen Investitionen sowie dem Handel
mit Polen und Ungarn den Weg zu bereiten. Jetzt können die Menschen In
diesen Ländern erwarten, daß sie
durch harte Arbeit ein besseres Leben
erwirtschaften.
Dieselben Winde der Veränderung fegen
über unsere Hemisphäre hinweg, und
Demokratie verwandelt auch den amerikanischen Kontinent mit erstaunlicher
Geschwindigkeit.
Bedauerlicherweise
gibt es noch Ausnahmen - Panama, Nicaragua und Kuba.
Und die beiden
letztgenannten halten die Stellung
gegen ihr eigenes Volk nur aufgrund
der massiven Unterstützung mit Waffen
und Nachschub von ihren kommunistischen Verbündeten. Wenn ich Präsident Gorbatschow treffe, werde ich
ihn bitten, gemeinsam mit uns allen
Menschen Lateinamerikas Freiheit und
Demokratie zu bringen.
Wenn wir also die Ereignisse in Osteuropa feiern, sollten wir daran denken, daß es zwischen Ost und West immer noch Mauern gibt. Es sind die
unsichtbaren Mauern des Mißtrauens.
Die Mauern des Zweifels, der Mißverständnisse und Fehleinschätzungen.

Es war vergangenen Sommer in Osteuropa, als ich den Entschluß faßte, mich
persönlich dafür einzusetzen, daß
diese letzten Schranken fallen.
Im vergangenen Mai habe ich fünf
Punkte entworfen, die Präsident Gorbatschow erfüllen sollte, wenn wir
dieses neue Denken ernst nehmen sollen: Erstens die Reduzierung der sowjetischen Streitkräfte, zweitens Unterstützung der Selbstbestimmung in
Osteuropa,
drittens
Zusammenarbeit
mit uns an der Beendigung regionaler
Konflikte, viertens Erlangung eines
dauerhaften Pluralismus' und die Achtung der Menschenrechte und fünftens
die gemeinsame Lösung weltpolitischer
Probleme, einschließlich des internationalen Drogenhandels und der Gefahren für die Umwelt. Es gibt immer
noch ernstliche Probleme, insbesondere regionale Konflikte. Die Sowjetunion hat in diesen fünf Bereichen
Fortschritte erzielt. Das ist unbestreitbar.
Ich habe Präsident Gorbatschow eingeladen, mich in - von heute ab - zehn
Tagen zu treffen. Dies ist ein erstes Treffen - zur Sondierung. Es
ist kein Treffen für eingehende RUstungskontrollverhandlungen, die am
besten beim Gipfel im kommenden Jahr
erörtert werden.
Ich möchte, daß Präsident Gorbatschow
die Position der Vereinigten Staaten
genau kennt. Um es nochmals klarzustellen - Amerika steht zu Freiheit
und Demokratie.
Wir treffen nicht
zusammen, um die Zukunft Europas
festzulegen - schließlich bestimmen
die Völker Europas selbst über ihre
eigene Zukunft. Obwohl unseren Verbündeten kaum Überraschungen bereitet
werden dürften, werden wir keine Gelegenheit auslassen, um Frieden und
Freiheit zu fördern. Und diejenigen,
die unsere überlegte Vorgehensweise
In Zweifel ziehen, müssen verstehen,
daß eine Zeit historischer Veränderungen nicht die Zeit für Rücksichtslosigkeit ist.
Der Frieden, die
Freiheit und die Sicherheit unserer
Freunde in Europa sind uns viel zu

�wichtig.
Wir werden uns um Präsident Gorbatschows Zusicherung bemühen, daß dieser Reformprozeß in Osteuropa anhalten wird. Und wir werden ihm zusichern, daß die Vereinigten Staaten
Reformen nicht als Gegner begrüßen,
der seinen Vorteil sucht, sondern als
Volk, das Hilfe anbietet. Unser Ziel
besteht darin, daß sich dieser historische Vormarsch der Freiheit ausbreitet, vertieft und - dauerhaft
ist. Ihr friedlichea Vorrücken und
ihre Akzeptanz in der Sowjetunion ermutigen uns sehr. Wir dürfen nun
auch bei anderen Problemen hoffen unserer Umwelt, unserem gemeinsamen
Kampf gegen Drogen wie auch bei Menschenrechten und den noch bestehenden
regionalen Konflikten.
Unmittelbar nach meinem Treffen mit
Präsident Gorbatschow werde ich mich
zu Konsultationen mit unseren NATOPartnern nach Brüssel begeben - zu
dem Bündnis, das dem Westen 40 Jahre
Freiheit garantiert hat. Ich werde
ihnen versichern, daß ungeachtet der
Dramatik des Wandels in Osteuropa
oder in der Sowjetunion selbst die
Vereinigten Staaten weiterhin fest zu
ihren Freunden und Verbündeten stehen.
Denn in einem neuen Europa kann sich
die Rolle der Vereinigten Staaten
zwar der Form nach, nicht aber in ihren Grundsätzen ändern. Schließlich
stationiert die Sowjetunion weiterhin
Hunderttausende Soldaten in ganz Osteuropa. Sehen Sie sich nur Karten an
und betrachten Sie die Geschichte:
dann werden Sie sehen, daß diese Präsenz, mit dem natürlichen geographischen Vorteil der Sowjets, nicht ausser acht gelassen werden darf. Auch
wenn also auf beiden Seiten die
Streitkräfte erheblich reduziert werden - in der Tat ein nobles Ziel werden wir in Europa bleiben, so lange unsere Freunde dies wünschen und
brauchen.
Vor Malta werden Michail Gorbatschow
und ich die Arbeit von Jahren aufnehmen. Wir können den Völkern Osteuropas zu einem neuen Schicksal in einem
friedlichen, ungeteilten und freien

Europa verhelfen. Ich werde Präsident Gorbatschow, dem dynamischen sowjetischen Reformpolitiker gegenüber
den Wunsch der Vereinigten Staaten
zum Ausdruck bringen, daß das sowjetische Volk seine Bestimmung erfüllt.
Und ich werde ihm versichern, daß es
keinen größeren Befürworter der Perestrojka gibt als den Präsidenten der
Vereinigten Staaten.
Unser Treffen wird auf Schiffen
stattfinden, die in einer Meerenge
vor Anker liegen, die seit mehr als
zweitausend Jahren ein Schiffahrtsweg
für den Handel war und in der viele
Konflikte stattgefunden haben. Dieser Hafen wurde von Cäsaren und Sultanen, Kreuzrittern und Königen erobert. Seine Festungsanlagen und Aussichtstürme zeigen ein Meer, das zum
Grab der Schiffe verlorener Imperien
geworden ist - Sklavengaleeren, Galeonen, Schlachtschiffe und Zerstörer
liegen. Diese Schiffe sollten einstmals dauerhafte Imperien schützen.
Sie liegen jetzt auf dem Grund des
Meeres und wachen über die Korallenriffe.
Wenn die Jahrtausende uns also eine
Lektion erteilen, dann vielleicht
diese: Echte Sicherheit wird nicht
durch Imperien oder Dominanz erzielt.
Echte Sicherheit kann nur durch das
zunehmende Vertrauen freier Menschen
hervorgebracht werden.
Es ist gesagt worden, Frieden sei
nicht das Werk eines einzelnen Tages
oder das Ergebnis einer einzigen Tat.
Dennoch trägt jede konstruktive Maßnahme dazu bei, jede Unterlassung
verhindert ihn. Es wird am Ende so
sicher Frieden geben wie ein Kind
heranwächst - langsam, bis wir eines
Tages mit ungläubigem Staunen feststellen, daß das Kind nahezu erwachsen ist.
Wir hegen die Hoffnung, daß Malta eine solche konstruktive Maßnahme ist die Pilger auf ihrer Reise in eine
neue Welt der Freiheit führt.

- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
r

^?

^

Dokumentation

Jy

29. November 1989

43
BUSH:

IN MALTA KEINE ÜBERRASCHUNGEN ZU ERWARTEN

- Gespräch mit Reportern im Weißen Haus WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge wird das Treffen mit Präsident Gorbatschow vor Malta "die ganze Bandbreite von Themen" abdecken, aber keine für
die Verbündeten der Vereinigten Staaten überraschenden Ergebnisse bringen. In
einem kurzen Pressegespräch mit Journalisten im Weißen Haus versuchte Bush am
28. November 1989 Spekulationen zu zerstreuen, wonach seine Gespräche substantielle Verhandlungen über die Reduzierung der konventionellen Streitkräfte in
Europa und andere RUstungskontrollthemen werden könnten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Fragen und Antworten in leicht gekürzter
Fassung:
Frage: Wie steht es mit dem Gipfeitreffen, Herr Präsident?

und sein
möchten.

Antwort:
Ich bin froh, daß Sie
mich danach gefragt haben. Als ich
meine Absichten definiert habe, habe
ich erklärt, daß keine feste Tagesordnung besteht, daß ich bereit bin,
über die ganze Bandbreite von Themen
zu sprechen. Und genau das wird geschehen. Und nun gibt es alle Arten
von völlig aus der Luft gegriffenen
Spekulationen, wonach alles anders
sein soll. Ich bin also froh über
diese Frage, denn ich kann sagen, daß
wir ein gutes, solides Team versammelt haben, um mit Präsident Gorbatschow über alles zu sprechen, was er

Dabei wird jedoch kein Abkommen herauskommen, das unsere Verbündeten
überraschen würde. Wir sind Teil eines Bündnisses, und dieses Bündnis
ist sehr stark. Und es wird auch
nach dem Treffen stark sein, weil ich
unsere Partner nicht überraschen werde. Die Überraschung wird vielleicht
für manche darin bestehen, daß es
keine geben wird.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fähiges

Team

anschneiden

Frage:
Nein.
Die Frage lautet:
Sie haben die Einschränkung gemacht,
daß Sie die NATO informieren werden,
aber gehen Sie nicht dorthin mit ir-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gendetwas Konkretem in der Hand? Ich
meine, werden Sie sich nur dort hinsetzen und zuhören?
Antwort: Nein. Es gibt ein breites Spektrum von Bereichen, in denen
wir die Beziehungen verbessern können. Ich bin sehr besorgt über die
Vorgänge in Mittelamerika, und ich
werde Gorbatschow auffordern, zu tun,
was schon lange hätte getan werden
müssen - die Unterstützung für diejenigen einzustellen, die die Revolution schüren und sie in diese Hemisphäre exportieren.
Zufälligerweise erhielt ich heute einen Telefonanruf von Präsident Arias
aus Costa Rica, und ich werde auf
Wunsch von Arias gegenüber Gorbatschow zur Sprache bringen, daß die
Sowjetunion ihre Unterstützung für
Fidel Castro einstellt,* der Arias zufolge durch seine Unterstützung der
FMLN unmittelbar für den Export der
Revolution verantwortlich ist. Und
das war eine offene Bitte des Friedensnobelpreisträgers.
Wir werden also auf jeden Fall auch
unsererseits andere Themen aufwerfen. Ich werde mit meinen eigenen
Ideen dorthin reisen und dabei das
weiterführen, was der Außenminister
in sehr konstruktiver Weise bei seinen Gesprächen mit Schewardnadse getan hat.
Frage: Wird es angesichts des raschen Wandels zu Truppenreduzierungen
kommen?
Antwort:
Wir möchten unsere Verbündeten nicht übergehen. Verteidigungsminister Cheney überprüft gegenwärtig die Anforderungen für die Verteidigung - aber das ist ein gutes
Thema, denn ich werden kein Rüstungskontrollabkommen abschließen.
Wenn wir uns also im allgemeinen mit
den politisch Verantwortlichen der
Sowjetunion über unsere Bestrebungen
für ein Verteidigungssystem unterhalten wollen, wie es vielleicht in zehn
Jahren aussieht, so werden wir das

natürlich tun. Wir möchten, daß weit
weniger als 15 Prozent oder 17 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts für Verteidigung aufgewendet
werden.
Selbstverständlich
werden
wir darüber sprechen. Es ist sehr
wichtig, daß wir darüber sprechen.
Aber das meine ich gar nicht, wenn
ich von übersteigerten Erwartungen in
bezug auf irgendeine Vereinbarung
spreche. Es wird keine Vereinbarung
solcher Art geben. Zu einer Vereinbarung gehören zwei Partner.
Frage: Besteht eine der Ideen, die
sie zum Gipfel mitnehmen - Sie sprachen gerade von Ideen - darin, wesentlich einschneidendere Reduzierungen bei den konventionellen Streitkräften vorzunehmen als diejenigen,
die Sie in Brüssel vorgeschlagen haben?
Antwort: Wie ich schon sagte, gehören zu einer Vereinbarung zwei
Partner. Wir müssen dorthin reisen
und seine Pläne mit ihm besprechen
und dürfen das Bündnis nicht durch
einseitige Verpflichtungen festlegen.
Frage: Aber Sie sind bereit, über
einschneidendere Kürzungen zu sprechen als früher?
Antwort: Ich bin bereit, über alles zu reden. Darin liegt ja der
Sinn dieses Treffens. Deshalb habe
ich es ja als Treffen bezeichnet, bei
dem wir ohne feste Tagesordnung über
alles sprechen können.
Frage: Die Ereignisse in Osteuropa
scheinen sich weitgehend selbständig
zu entwickeln. Meinen Sie, daß Sie
als Präsident eine größere Rolle bei
der Gestaltung dieser Entwicklungen
spielen sollten, oder denken Sie, daß
Europa hier die Führungsrolle übernehmen sollte?
Antwort: Meines Erachtens wird die
Führungsrolle von den Völkern dieser
Länder übernommen. Und ich habe bereits mit allen Staats- oder Regierungschefs der NATO-Partner gespro-

- 2 -

�chen. Ohne mich hier selbst in den
Vordergrund schieben zu wollen, haben
mir nahezu alle versichert, daß sich
ihres Erachtens die Vereinigten Staaten in dieser Situation richtig verhalten. Wir wissen die Haltung der
Vereinigten Staaten gegenüber diesen
Veränderungen, den umsichtigen Ansatz, zu schätzen.
Und das wurde
wiederholt zum Ausdruck gebracht.
Ich habe mit jedem Staats- oder Regierungschef der NATO-Partner telefoniert. Ich bin also davon überzeugt,
daß sie unsere Haltung unterstützen.
Was gegenwärtig in der Tschechoslowakei geschieht, was in Polen geschehen
ist und weiterhin geschieht, die Ereignisse in der DDR und in Ungarn,
all das geht von der dortigen Bevölkerung aus. Es kommt nicht von irgend jemandem auf der anderen Seite
der Welt, der diktiert, wie schnell
der Wandel sein sollte oder was dazu
gehören sollte.
Wir haben in zahlreichen Reden eine
breite Perspektive davon entwickelt,
welche Entwicklung die Welt unserer
Meinung nach nehmen sollte. Wir haben schon vor Monaten darüber gesprochen, und es wurde kaum zur Kenntnis
genommen.
Aber unsere Verbündeten
haben es verstanden. Sie verstanden
sehr wohl, wenn wir von einem ungeteilten, freien Europa sprachen oder
als ich in einem Interview mit David
Frost erklärte, daß die Berliner Mauer noch während meiner Präsidentschaft fallen werde.
Ich denke also, daß unsere Haltung
gegenüber der gegenwärtigen Entwicklung korrekt ist. Und ich sage dies
aufgrund der Reaktionen unserer Verbündeten. Wir sind Teil eines Bündnisses, und dieses Bündnis wird weiterhin Bestand haben.
Und es ist
sehr wichtig, daß die Bündnispartner
wissen, daß ich mich dort nicht aus
dem Fenster lehnen und sie überrollen
werde, indem ich sie auf irgendetwas
verpflichte. Auf diese Weise bleibt
ein Bündnis nicht stark und kann ein
dauerhafter Wandel nicht bewirkt werden.

Frage:
Herr Präsident, Sie haben
gesagt, in Malta wird es keine Vereinbarung geben. Es hat aber Berichte gegeben, wonach Sie Präsident Gorbatschow eine Unterschreitung der
Obergrenze von 275 000 Mann für die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vorschlagen werden.
Antwort:
gesehen.
Frage:
heit?

Ich

habe

Entsprechen

solche

sie

Berichte

der

Wahr-

Antwort: Nein. Ich habe Ihnen erklärt, daß wir nicht mit spezifischen
Vorschlägen dorthin reisen. Wenn wir
irgend etwas derartiges besprechen
wollen, werden wir es tun. Aber das
möchte ich ja gerade klarstellen. Es
gibt keine Rüstungskontrollvorschläge. Ich habe Herrn Gorbatschow handschriftlich versichert - höchstpersönlich, damit er weiß, daß das von
mir kommt und nicht von der Bürokratie -, daß dies nicht der Gipfel für
ein Rüstungskontrollabkommen ist.
Wir haben ein Treffen vereinbart, einen Gipfel, auf dem wir nach Konsultationen
mit
unseren
Verbündeten
Fortschritte erzielen möchten.
Es
kann darüber also meines Erachtens
keine Mißverständnisse geben.
Ich habe etwas darüber
einer der sowjetischen
klärt hat, und daraus
daß wir ziemlich auf
Wellenlänge liegen.

gelesen, was
Sprecher erentnehme ich,
der gleichen

Frage:
Was ist Ihre Reaktion auf
den Kohl-Vorschlag zur Wiedervereinigung?
Antwort:
Ich werde bald mit ihm
sprechen und möchte doch gern bis dahin abwarten und von ihm genaueres
darüber erfahren.
Frage:
Sie haben Ihre Besorgnis
über die Vorgänge in Mittelamerika
erwähnt. Sie haben von den Sowjets
Zusicherungen erhalten, sie würden
den Waffennachschub abschneiden.

- 3 -

�Antwort:
Sie haben die Waffenlieferungen an Kuba nicht eingestellt.
Und wie Präsident Arias sagte, gibt
es einen bestimmten Hauptverantwortlichen für die Unterstützung der
FMLN, der versucht, die Demokratie in
Mittelamerika im Keim zu ersticken,
El Salvador die Demokratie vorzuenthalten - und das ist Fidel Castro.
Und der hat Ortega in diese Strategie
einbezogen.
Wir müssen diese Probleme also behandeln, und ich gehen davon aus, daß
die Sowjets dazu bereit sind. Wenn
Sie einen Gesprächspunkt wollen, wenn
sie eine Erklärung des Präsidenten
wollen, so bin ich nicht die Art von
Mann, der dorthin fährt und dies verweigern würde. Jetzt haben Sie eine
Schlagzeile.
Frage: Nun, sind Sie ein Mann, der
gegen die Angriffe auf Kirchen in El
Salvador protestieren wird?
Antwort: Ich bin ein Mann, der zunächst die Fakten anfordert.
Und
wenn dort in irgendeiner Weise die
Rechte von Amerikanern beeinträchtigt
werden, werde ich dagegen scharf protestieren. Und wenn Amerikaner sich
an Versuchen beteiligen sollten, eine
Regierung mit Waffengewalt zu stürzen, werde ich auch dies nicht mit
Wohlwollen betrachten. Ich werde also auf die Einhaltung der Menschenrechte und die Tatsache achten, daß
jeder Amerikaner von den Behörden
rechtlich
einwandfrei
behandelt
wird. Versuche, eine frei gewählte
Regierung zu stürzen, werde ich jedoch nicht unterstützen. In dieser
Hemisphäre findet eine Entwicklung
zur Demokratie statt, und dieser Anruf von Oscar Arias hat mich sehr
stark beeindruckt.

* * * * *

�AM
Hintergrundmaterial

29. November 1989

43

US-DELEGATION STELLT SICH IN POLEN DEN HERAUSFORDERUNGEN DER GESCHICHTE
- Von Landwirtschaftsminister Clayton Yeutter -

WASHINGTON - (AD) - Vor zwei Wochen
bereiteten der amerikanische Kongreß
- und mit ihm die amerikanische Öffentlichkeit - dem Führer der polnischen Gewerkschaft Solidarität, Lech
Walesa, einen "ruhmreichen Empfang".
Die Ovationen galten natürlich der
Persönlichkeit des Mannes und dem,
was er getan hat, um die Reformen
einzuleiten, die sich heute mit so
großer Geschwindigkeit in ganz Osteuropa vollziehen.
Aber in gewissem
Sinne wurde damit auch dem polnischen
Volk Beifall gezollt, das nicht zuließ, daß ihm durch Totalitarismus
das Rückgrat gebrochen wurde oder das
Feuer der Demokratie und Freiheit erlöschen konnte.
Die Vereinigten Staaten haben traditionell enge Beziehungen zu Polen -

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Embassy of the United States of America

Abstammung, Kultur und gemeinsame
Werte verbinden uns.
Aus diesem
Grund nehmen wir an den gegenwärtigen
Ereignissen in Polen großen Anteil und engagieren uns auf nationaler
Ebene, um die Hoffnungen des polnischen Volkes auf größere politische
Unabhängigkeit
und
wirtschaftliche
Freiheit erfüllen zu helfen.
Der Delegation, die morgen unter meiner Leitung nach Polen reist, gehören
auch die Minister Dole und Mosbacher
sowie der Vorsitzende des Rates der
Wirtschaftsberater, Boskin, an.
Es
handelt sich dabei im wesentlichen um
eine
Untersuchungskommission,
die
sich auf die Wirtschaftsreformen der
neuen Regierung konzentrieren wird und darauf, wie Programme und Investitionen der Regierung und des Pri-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�vatsektors der Vereinigten Staaten
die Reformen unterstützen können.
Alle Mitglieder der Delegation engagieren sich für den Übergang der polnischen Wirtschaft von einem von
Planwirtschaft gelähmten System zu
einer Volkswirtschaft, die dem freien
Unternehmertum und der Kreativität
des polnischen Volkes Spielraum verschafft. Zentrale Planung kann es,
selbst wenn sie sich größter und modernster Computer bedienen sollte,
niemals mit einem Markt aufnehmen, in
dem das Angebot den sich wandelnden
Bedürfnissen des Verbrauchers gerecht
wird. Unsere Delegation wird insbesondere Wirtschaftssektoren untersuchen,
auf
denen
amerikanisches
Know-how und amerikanische Erfahrungen viel bewirken können - die Landwirtschaft, Unternehmensführung, Industrie und Finanzwesen.
Ich möchte insbesondere auf den großen Anteil von Fachleuten aus der
Privatwirtschaft an dieser Delegation
hinweisen.
Mit uns reisen zwanzig
Vertreter aus Gewerkschaft und Industrie, Wirtschaftswissenschaftler und
andere FUhrungskräfte des Privatsektors, etwa von den Banken und aus der
Agrarwirtschaft.
Wir werden unmittelbar nach unserer Ankunft in Polen
Arbeitsgruppen bilden, um festzustellen, inwieweit die Reformen und Verbesserungen in verschiedenen Sektoren
einander beeinflussen und in welchem
Verhältnis sie zum strukturellen, makroökonomischen und Preisreformprogramm Polens insgesamt stehen.
Dieser ersten Reise werden weitere
Besuche amerikanischer Fachleute folgen, die einzelne Sektoren der polnischen Wirtschaft untersuchen sollen.
Darüber hinaus prüfen Ökonomen der
Regierung die strukturellen Herausforderungen in der Wirtschaft, denen
sich Polen jetzt und in den kommenden
Jahren stellen muß, damit die Vereinigten Staaten so effektiv wie möglich helfen können.
Die Delegation tritt ihre Reise an
einem wichtigen Punkt in der Ge-

schichte Osteuropas - und der Welt
schlechthin - an. Dessen sind sich
alle Delegationsmitglieder bewußt und nehmen diese Herausforderung an.
Wir wissen, wie Lech Walesa dem amerikanischen Kongreß vor zwei Wochen
mitteilte, daß "jetzt der Zeitpunkt
gekommen ist, an dem Osteuropa Investitionen erwartet", die in etwa die
Form des Marshallplans haben könnten,
mit dem die Volkswirtschaften Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden.
Der Marshallplan war tatsächlich etwas Besonderes und mehr als nur materielle Hilfe. Allein als solche wäre
er ein kolossaler Fehlschlag geworden.
Sein ungeheurer Erfolg kann
darauf zurückgeführt werden, daß er
Anreize geschaffen hat, Schranken in
Europa abzubauen, die wirtschaftliche
Aktivitäten und Wachstum hätten behindern können. Es war der Marshallplan, der den Regierungen Europas den
Antrieb gab, zusammenzuarbeiten, den
grenzüberschreitenden Fluß von Handelswaren und Ressourcen zuzulassen,
Verkehrssysteme und Stromnetze zu
verbinden und wirtschaftliche und politische Beziehungen zu entwickeln,
die dem Fortschritt Auftrieb verleihen würden.
Die von mir geleitete Polen-Delegation ist natürlich nicht mit einem
Marshallplan - nicht einmal mit dem
Bruchteil eines Marshallplans - zu
vergleichen. Wir sind eine Untersuchungskommission. Aber wir werden in
der polnischen Wirtschaft nach denselben Verbindungen suchen, mit denen
der Marshallplan seine Wirkung erzielt hat.
Was Polen leistet, hat im wahrsten
Sinne des Wortes historischen Charakter. Es birgt nicht nur die Hoffnung
auf einen friedlichen Übergang zu einer demokratischen Regierung in diesem einen Land, sondern auf den Anfang vom Ende der Teilung Europas hin
zu einem ungeteilten und freien Europa.
Das ist beispiellos.
Niemals
zuvor hat ein Land eine erfolgreiche
Umwandlung von einem staatlich kon-

�trollierten wirtschaftlichen und politischen System zu einem System des
politischen Pluralismus, der Demokratie und freien Marktwirtschaft vollzogen.
Unsere Delegation tritt morgen ihre
Reise nach Polen an, und wir fühlen
uns geehrt, die Möglichkeit zu haben,
bei dieser Umwandlung helfen zu können.

* * * * *

- 3 -

�hmisu&amp;xMtuMliSi
Hintergrundmaterial

43

29. November 1989

DER SCHLÜSSEL ZUM HANDEL MIT OSTEUROPA
von Robert A. Mosbacher -

Der Autor des nachstehenden Artikels, der am 27. November 1989 in der Washington Post erschien, ist Wirtschaftsminister der Vereinigten Staaten von
Amerika.
Erst kürzlich bin ich von Sondierungen in Osteuropa zurückgekehrt. Dabei habe ich die Überzeugung gewonnen, daß der Schlüssel zu einer Verbesserung der Ost-West-Handelsbeziehungen in sechs Grundvoraussetzungen
liegt:
- Das Wachstum des Ost-West-Handels
muß sich auf solide wirtschaftliche
Entscheidungen gründen. Wir können
amerikanische Unternehmen nicht zwingen, im Osten wirtschaftlich tätig zu
werden, und es ist Aufgabe der dortigen Regierungen, attraktive und profitable Rahmenbedingungen zu schaffen.
Nur aufgrund solcher Ermutigung
wird es zu realen Investitionen und
in deren Gefolge zur Schaffung von

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Embassy of the United States of America

Arbeitsplätzen, Bildung von Kapital
und Erhöhung des Lebensstandards kommen.
- Investitionen, darunter auch Gemeinschaftsunternehmen, müssen eine
Schlüsselrolle bei der Entwicklung
der
Wirtschaftsbeziehungen
einnehmen.
Die wirksamste langfristige
Hilfe, die von den Vereinigten Staaten angeboten werden kann, sind Direktinvestitionen amerikanischer Unternehmen.
Die Beteiligung des
Privatsektors bringt
schaftliches Know-how
rische Dynamik ein chen Elemente für den

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amerikanischen
Kapital, wirtund unternehmedie unerläßliÜbergang zu ei-

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ner Marktwirtschaft westlichen Stils.
Das kürzlich von General Electric angekündigte
Gemeinschaftsunternehmen
mit der ungarischen Tungsram Co. im
Volumen von 150 Millionen Dollar ist
ein herausragendes Beispiel für die
Chancen privatwirtschaftlicher Partnerschaften in Osteuropa.
- Um Investitionen zu fördern, müssen
Polen und andere osteuropäische Länder ihr Rechts-, Rechnungs- und Bankwesen dem heutigen Stand angleichen.
Zum Beispiel können Unternehmen in
Polen gegenwärtig keine Akkreditive
erhalten.
Girokonten, wie wir sie
kennen, existieren nicht, und das
Rechnungswesen ist mit dem internationalen Zahlungssystem, wie es von
allen
Industriestaaten
verwendet
wird, nicht vereinbar. Dies sind nur
einige Probleme, die wir mit einem
Wirtschafts- und Handelsabkommen zu
lösen hoffen.
- Für die Entwicklung von Märkten benötigen Käufer und Anbieter Zugang zu
korrekten Wirtschaftsdaten. Die Vereinigten Staaten können Hilfe anbieten, um Statistiken über Verbraucherpreise, Handel und Arbeitslosigkeit
korrekt und rasch zu erstellen.
- Unser Engagement für die Menschenrechte ist integraler Bestandteil unserer Handelspolitik. Politische und
wirtschaftliche Freiheit gehen Hand
in Hand, und grundlegende Verbesserungen im Ost-West-Handel werden solange anhalten, wie der Fortschritt
bei den Menschenrechten andauert.
- Während wir ein starkes Wachstum
des nichtstrategischen Handels begrüßen,
ermutigen
und
unterstützen,
bleiben
die
Sicherheitsbedürfnisse
des Westens jedoch von übergeordneter
Bedeutung.
Wir werden mit unseren
Verbündeten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, daß nur lebenswichtige
Technologien der Kontrolle unterliegen. Die Exportkontrollen für solche
Güter werden bestehen bleiben.

Innerhalb dieses Rahmens werden wir
Osteuropa dabei helfen, ein wettbewerbsfähiges ,
marktwirtschaftlich
orientiertes Wirtschaftsystem - den
Schlüssel zur Integration in die
Weltwirtschaft - zu entwickeln. Wir
werden ferner dazu beitragen, amerikanischen Unternehmen neue Investitions- und Exportchancen zu eröffnen.
Bei seinem Gespräch im amerikanischen
Wirtschaftsministerium vor einer Woche hat Lech Walesa die amerikanischen Unternehmer aufgefordert, Vorschläge für eine Zusammenarbeit zu
unterbreiten, die für beide Seiten
vorteilhaft ist. Dies ist eine Herausforderung, die bewältigt werden
kann und muß.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

'VON**

29. November 1989

43

MALTA LEITET NEUES KAPITEL DER NACHKRIEGSGESCHICHTE EIN

- Hintergrundartikel zum Treffen von Malta WASHINGTON - (AD) - Der Beginn eines
neuen Kapitels in der Geschichte der
Nachkriegszeit wird formell eingeleitet, wenn die Präsidenten Bush und
Gorbatschow am 2. und 3. Dezember
1989 in Malta zusammentreffen.
Die beiden Präsidenten werden sich
auf Kriegsschiffen vor Malta einfinden, um über Frieden zu sprechen und
neue Prioritäten ihrer jeweiligen außenpolitischen Konzepte zu erörtern,
um damit das Werk der unbeugsamen Polen, Ungarn, DDR-Bürger und der Menschen in der Tschechoslowakei, Litauen, Estland, Lettland, der Ukraine
und Rußland zu vollenenden. Sie werden über das Zeitalter des Wandels
sprechen, in dem Krieg zunehmend
schwerer vorstellbar und Demokratie
zum Kredo des ausgehenden 20. Jahr-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

hunderts wird. Weitere Themen werden
Rüstungskontrollverhandlungen
und
auch die Frage sein, ob die Verhandlungsspositionen insbesondere bei den
Gesprächen
über
konventionelle
Streitkräfte nicht von den Ereignissen überholt worden sind.
Das erste der insgesamt fünf Gespräche wird am 2. Dezember auf dem sowjetischen Kreuzer Slava stattfinden,
der mit Atomwaffen bestückt werden
kann, für weitere Gespräche steht der
amerikanische Lenkwaffenkreuzer USS
Belknap zur Verfügung. Beide Schiffe
liegen bei Marsaxlokk vor Anker. In
Anwesenheit
ihrer engsten Berater
werden beide Präsidenten ein zweistündiges Gespräch führen und sich
dann zu einer einstündigen privaten
Unterredung zurückziehen.
Vor dem

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Mittagessen in der Offiziersmesse ist
ein Spaziergang an Deck der Slava
vorgesehen. Programmgemäß soll Bush
daraufhin auf die Belknap zurückkehren, um sich zurückziehen zu können,
bevor er sich zu weiteren Gesprächen
wieder auf der Slava einfindet. Bush
wird Gorbatschow und seine Delegation
zu einem Arbeitsessen an Bord der
Belknap einladen.
Am 3. Dezember
wird Gorbatschow sich zur dritten Gesprächsrunde auf der Belknap einfinden. Vor dem Mittagessen ist eine
Besichtigung des Schiffes vorgesehen. Geplant ist eine zweite private
Unterredung, worauf eine gemeinsame
Presseerklärung folgen soll. Zum Abschluß der zweitägigen Gespräche wird
jeder der beiden Präsidenten eine
Pressekonferenz geben.
Als Ort der Gespräche wurde ein Land
ausgewählt, in dem stumme Zeugen von
der Sinnlosigkeit
der Zwangsherrschaft künden. Malta wurde bereits
in vorchristlicher Zeit von den Phöniziern erobert, später kamen dann
die Römer, die Araber, die Normannen,
Franzosen und die Briten. Türken und
Nazis unternahmen entsprechende Versuche, die Malta jedoch abwehren
konnte. Präsident Bush hat bereits
darauf verwiesen, daß beide Schiffe
über den Wracks von Sklavengaleeren
und Galeonen, Schlachtschiffen und
Zerstörer liegen, die "einstmals dauerhafte Imperien schützen" sollten,
jetzt aber nur noch " über die Korallenriffe wachen".
Das lehrt uns dem Präsidenten zufolge
eine einfache Lektion:
"Echte Sicherheit wird nicht durch Imperien
oder Dominanz erzielt. Echte Sicherheit kann nur durch das zunehmende
Vertrauen freier Menschen hervorgebracht werden."
Im Mittelpunkt der Gespräche wird der
Übergang von der so unsicher mit Armeen aus Panzern und Raketen durch
Pufferstaaten konstruierten Sicherheit zu der Sicherheit stehen, die
durch den frei fließenden Austausch
von Ideen, Kultur, Menschen und Waren
gekennzeichnet ist.
Bush wird si-

cherlich Gorbatschow gegenüber dessen
Toleranzspielraum zu den Veränderungen in Osteuropa und innerhalb der
Sowjetunion ansprechen.
Es heißt,
daß Gorbatschow Bush um Zusicherung
bitten wird, daß der Westen die Zeit
des Wandels nicht für seine eigene
Machterweiterung
ausnutzt und auf
Bushs Worte zurückkommen, daß die
Vereinigten Staaten
"die Reformen
nicht als Gegner begrüßen, der seinen
Vorteil sucht, sondern als Volk, das
Hilfe anbietet."
Der sowjetische
Präsident könnte ferner um Hilfe für
seine marode Wirtschaft bitten, aber
eher in Form von Know-how als Entwicklungshilfegeldern.
Bush hat seit dem letzten Frühjahr
vorsichtig - oder wie er sagt, wohlüberlegt - an Washingtons Umgang mit
den Veränderungen gearbeitet und auch
in einer Reihe von Reden zu den außenpolitischen Grundsätzen seiner Administration Stellung genommen. Zunächst erklärte er gegenüber polnischstämmigen
Amerikanern
im
Hamtramck (Michigan), die Vereinigten
Staaten würden mit moralischer Unterstützung und Direktinvestitionen Polen und Ungarn bei der Durchführung
ihrer Wirtschaftsreform helfen. Bush
bekräftigte beide Versprechen be*
seinen Reisen in beide Länder im Sommer dieses Jahres.
Der Präsident hat nicht nur Pakete
der Wirtschaftshilfe für jedes Land
geschnürt, sondern auch beim Pariser
Weltwirtschaftsgipfel die Zustimmmung
der westlichen Industriestaaten für
gemeinsame Maßnahmen der westlichen
Welt eingeholt, um Warschau und Budapest beim Übergang von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtshaft zu
helfen.
Zumindest in Polen riefen
Bushs Versprechen zur Hilfe eine Beschleunigung
der
politischen
und
wirtschaftlichen Reformen hervor, und
früher als erwartet übernahm die Gewerkschaft Solidarität Aufgaben in
der Regierung.
In mehreren der im Frühjahr gehaltenen Reden, unter anderem in der unvergeßlichen Rede in der Mainzer

- 2 -

�Rheingoldhalle verlieh Bush der amerikanischen Hoffnung Ausdruck, daß
Europa wieder ungeteilt sein, in einer freien Staatengemeinschaft leben
und die Narben des Krieges und der
Teilung beseitigt und Freizügigkeit
auf dem Kontinent wieder an der Tagesordnung sein mögen.
In Budapest erhielt Bush erste Beweise dafür, daß diese Hoffnung Wirklichkeit werden könnte - Teile des
Stacheldrahts, die einstmals Ungarn
und Österreich voneinander getrennt
hatten. Die Ungarn hatten als Beitrag zum Zeitalter der Veränderungen
ihren Teil des Eisernen Vorhangs aufgerollt, der sich von Stettin an der
Ostsee bis nach Triest an der Adria
erstreckt hatte. Und erst vor einigen Tagen übergab Bundesaußenminister
Genscher Bush ein Stück aus der Berliner
Mauer,
des
schrecklichsten
Teils des Eisernen Vorhangs.
Schließlich hat Bush auch bei der A
and M University von Texas und gerade
erst in seiner Rede an die Nation zum
Erntedankfest erneut Amerikas einhellige Unterstützung für die Reformbestrebungen Gorbatschows bekräftigt.
Wie Bush am 22. November erklärte,
gibt es keinen größeren Befürworter
der Perestrojka als den Präsidenten
der Vereinigten Staaten.
Das Zeitalter der Veränderungen ist
jetzt schon längere Zeit im Gange ob man von seinen Anfängen - beim
Gipfel in Reykjavik - oder von einem
späteren Zeitpunkt an - der Öffnung
der Berliner Mauer - rechnet. In
Reykjavik waren das Weiße Haus und
der Kreml der Vereinbarung über ein
Verbot aller ballistischen Atomwaffen
sehr nah. Die Öffnung der Berliner
Mauer signalisierte die Erkenntnis
eines der strengsten kommunistischen
Regime, daß es sich dem Willen des
Volkes, zumindest dieses Mal, nicht
widersetzen kann - weder mit Peitschen, noch mit Gummiknüppeln oder
Panzern.

Die Tatsache, daß ein neues Zeitalter
begonnen hat, liefert den Beweis dafür,
daß
diplomatische
Theorien
manchmal verwirklicht werden können.
Die. Theorie wurde vor mehr als 40
Jahren von einem früheren amerikanischen Botschafter in Moskau aufgestellt. Als George Kennan die Welt
der späten vierziger Jahre betrachtete, sah er eine stalinistische Sowjetunion, die den Geist und den
Buchstaben des Abkommens von Jalta
zerschlagen hatte. Stalin hatte die
in Osteuropa versprochenen freien
Wahlen durch Gewehre und Kugeln ersetzt und schien die Absicht zu haben, seinen Einfluß auf Griechenland
und die Türkei auszudehnen. Es wurde
sogar befürchtet, er habe Pläne mit
Westeuropa.
Aber Kennan konnte auch beobachten,
daß Stalin zwar über eine Planwirtschaft herrschte, die Waffen liefern
konnte, um Völker zu unterdrücken und
Nachbarn zu bedrohen, sein System
aber nicht imstande war, dem Volk
langfristig das Lebensnotwendigste zu
liefern.
Kennan riet im Westen zu Geduld. Er
war davon überzeugt, daß der Kommunismus scheitern und Opfer seiner eigenen innenpolitischen Widersprüche
werden würde. Seine Aggression sollte von westlichen Ländern im Zaum gehalten werden, die über Mittel zur
Kriegführung verfügten, auch wenn ihr
Bestreben der Frieden war, gestützt
vom Zusammenhalt der gemeinsamen politischen Ziele, die zu verteidigen
man bereit war und mit einem gemeinsamen Drang nach Freiheit ausgerüstet, das man als Recht und die Bestimmung der Menschheit ansah.
Auf der Grundlage dieser Politik des
Contaiment wurde der Nordatlantikvertrag geschlossen, und die Vereinigten
Staaten und ihre Freunde haben - zumeist erfolgreich - versucht, einen
Damm gegen die Flut der kommunistischen Bedrohung zu errichten.

- 3-

�Und genau wie Kennan vorhersagte,
wurde der Kommunismus von Praktikern
beurteilt und für mangelhaft befunden, erst in der Sowjetunion und China, jetzt in Ungarn und Polen.
Es ist die Aufgabe von Bush und Gorbatschow - und die Aufgabe aller Länder und Völker in Ost und West - die
jetzt mit der Berliner Mauer und dem
Eisernen Vorhang in Schutt und Asche
liegende alte Ordnung durch eine
"neue Partnerschaft" zu ersetzen, die
sich den wichtigen Problemen unserer
Zeit widmet: Umwelt, Erwärmung des
Erdklimas, Drogen, Hunger, Krankheit
und Menschenrechte.

* * * * *

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