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                  <text>AMERIKA DIENST
^7

et

38

1 8 . O k t o b e r 1989

I N H A L T

DOKUMENTATION
Die NATO und die deutsch-amerikanische Partnerschaft
- Rede des Gesandten George F. Ward Baker sieht Rute Aussichten für verbesserte amerikanisch-sow.jetische
BeziehunRen
- Rede vor der Foreign Policy Association -

HINTERGRUND
Programme für die Armen in Amerika
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
38

18. Oktober 1989

DIE NATO UND DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHE PARTNERSCHAFT
VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT
- Rede des Gesandten George F. Ward BONN - (AD) - Dem Gesandten der amerikanischen Botschaft in Bonn, George F.
Ward, zufolge ist die deutsch-amerikanische Partnerschaft ein "grundlegender
und unverzichtbarer Teil der Erfolgsgeschichte der NATO". Vor der Deutschen
Atlantischen Gesellschaft erklärte Ward am 17. Oktober 1989, gerade in der
heutigen Zeit mit ihren vielen Veränderungen sei es noch wichtiger, daß Deutsche und Amerikaner enger als je zuvor zusammenarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten im Wortlaut (es gilt
das gesprochene Wort).

Ich freue mich, heute abend als Vertreter von Botschafter Walters hier
anwesend sein zu dürfen. Botschafter
Walters bedauert sehr, nicht selbst
zu Ihnen sprechen zu können. Er wurde kurzfristig nach Washington gerufen. Ich weiß, wie sehr er sich darauf gefreut hatte, diesem besonderen
Zuhörerkreis seine Gedanken über die
Leistungen der NATO und die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
der NATO mitteilen zu können.
Ich sage ganz bewußt "dieser besondere Zuhörerkreis", weil die Deutsche
Atlantische Gesellschaft seit langem
die Bedeutung der NATO erkannt hat.
Gegründet in der frühen Nachkriegszeit von Männern mit Weitblick und
Überzeugung - wie Sie, Herr Dr. Jaeger - , hat diese Organisation eine

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lange,
verdienstvolle
Geschichte.
Die Deutsche Atlantische Gesellschaft
und andere derartige Organisationen
haben über die Jahre hinweg eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der
öffentlichen Unterstützung für die
NATO gespielt. Deutsche und Amerikaner, Bürger anderer westeuropäischer
Staaten - und selbst die Europäer in
Budapest, Warschau, Prag und Ostberlin
haben Grund, für Ihren Beitrag
zur Sache des Friedens und der Freiheit zutiefst dankbar zu sein. Ich
danke Ihnen für Ihre Bemühungen.

Die Leistungen der NATO
Wir alle haben Grund, auf die Geschichte der NATO stolz zu sein.
Bisweilen kommt es mir so vor, als

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�würden wir diesen Stolz nicht genug
zeigen, die Geschichte der NATO nicht
häufig genug erzählen. Besonders die
jüngere Generation sollte diese Geschichte jedoch kennen. Diejenigen,
die historische Entwicklungen der
Nachkriegszeit,
einschließlich
der
sich gegenwärtig in der Sowjetunion
und Osteuropa vollziehenden dramatischen Veränderungen, verstehen wollen, müssen sie kennen.
Es ist eine aufregende Geschichte,
voll menschlicher Tragik und heroischer Leistungen. Sie begann vor 40
Jahren inmitten des Chaos und der
Verwüstung, die der Zweite Weltkrieg
hinterlassen hatte. Ihre Hauptakteure waren Männer, die selbst in jenen
dunklen Stunden genügend Weitblick
besaßen, um eine neue Ordnung für Europa zu planen, die Friedet! und Wohlstand hervorbringen konnte.
Außer
diesem Weitblick bedurfte es auch des
Mutes. Niemand als die Begründer der
NATO wußte besser, welche Schwierigkeiten
noch
zu
meistern
waren.
Trotzdem taten sie den historischen
Schritt und unterzeichneten im Jahr
1949 den Nordatlantikvertrag.
Die Geschichte der NATO hat mehrere
Kapitel, von denen jedes für sich
schon bedeutend ist.
Die jüngsten
Ereignisse
ein außerordentlich erfolgreicher NATO-Gipfel 1989 sowie
die Vorlage unserer umfassenden Vorschläge zur konventionellen Rüstungskontrolle - sind vielversprechend.
Aber heute abend, in diesem Jubiläumsjahr, möchte ich zunächst die früheren Kapitel der Geschichte der NATO
und die Lehren daraus erörtern.
Das wichtigste dieser Anfangskapitel
war der Beitritt der Bundesrepublik
Deutschland zur NATO im Jahr 1955.
Auch in diesem Teil der Geschichte
waren die Helden Männer von Weitblick
und Mut, die diejenigen überzeugen
konnten, die noch allzusehr der Vergangenheit verhaftet waren, daß ein
neues Deutschland entstanden war, bereit, die Rechte und Pflichten der
Mitgliedschaft im Bündnis wahrzunehmen.

Ein weiteres bedeutendes Kapitel war
die Verabschiedung
des Harmel-Berichts im Jahr 1967. Harmels Konzeption eines zweigleisigen Ansatzes für
die Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt - eine starke Verteidigung, die mit der Bereitschaft zum
Dialog gekoppelt war - ist, wie alle
guten Ideen, erstaunlich einfach und
außerordentlich wirkungsvoll.
Tatsächlich hat sie mehr als jeder andere Einzelfaktor zur Entfaltung der
Ost-West-Beziehungen und zu den positiven Entwicklungen beigetragen, die
gegenwärtig in Osteuropa stattfinden.
Ich möchte es noch auf andere Weise
formulieren.
Die Verankerung der
Harme1-Doktrin in der NATO-Strategie
war Ausdruck des übergeordneten Rahmens und der Leitlinien für die Entwicklung eines konstruktiveren Verhältnisses zwischen Ost und West.
Die Harmel-Doktrin gestattete uns,
einen geraden Kurs zu steuern - nicht
nur in Zeiten der Entspannung, sondern auch in Zeiten verstärkter Spannungen.
Mit ihrer zuversichtlichen
und festen Haltung und beispielhaften
Entschlossenheit konnte die NATO diese übergeordneten ersten Schritte koordinieren, die im Jahr 19 75 in der
Schlußakte von Helsinki mündeten einem weiteren wichtigen Baustein in
der Architektur, an der sich die
Ost-West-Beziehungen orientiert haben.
Nach wie vor spielt die NATO im Prozeß der Sicherheits- und Vertrauensbildung, der in Helsinki seinen Ausgangspunkt hatte, eine führende Rolle. Das Bündnis hat bei der Formulierung der Politik des Westens sowie
bei der Harmonisierung der Positionen
der westlichen Staaten auf jedem der
KSZE- Folgetreffen sowie bei vielen
Expertentreffen im Rahmen des KSZEProzesses eine Schlüsselrolle gespielt - bei einem breiten Spektrum
von Themen, darunter Umweltfragen,
Wissenschaft, Menschenrechte, friedliche Beilegung von Streitigkeiten,
Kultur und Informationsfreiheit. Die
Rolle der NATO war sogar noch entscheidender bei all den KSZE-Treffen,

�auf denen Sicherheitsfragen behandelt
wurden, der KVAE in Stockholm sowie
den beiden Gesprächsrunden, die gegenwärtig in Wien stattfinden (die
KSE sowie die Fortsetzung der Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen) .
Diese Errungenschaften eines Bündnisses, das an der Harme 1-Doktrin festhielt, trugen in Gestalt des von Präsident Reagan und dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Gorbatschow im
Dezember 1987 unterzeichneten INFVertrags erneut Früchte. Obwobl dieser Vertrag nur eine Waffenkategorie
erfaßt, ist er ein Dokument von historischer Tragweite, weil mit ihm
ein Durchbruch erzielt wurde und weil
er die Grundlage weiterer Verhandlungen und Abkommen zwischen Ost und
West bildet. Er hat die Bedrohung
der von der Sowjetunion stationierten
SS 20-Raketen beseitigt, und als Ergebnis wurde die Sicherheit aller,
einschließlich der Sowjetunion, verbessert. Wir hoffen, dieses Abkommen
wird andere hervorbringen, die zu verifizierbaren Reduzierungen der strategischen Atomwaffen und konventionellen Streitkräfte in Europa führen.
All diese Meilensteine - Helsinki,
der KSZE- Prozeß und der INF-Vertrag sind Beweise für die aktive und lebendige Umsetzung der Harme1-Konzeption einer mit militärischer Stärke
gekoppelten Bereitschaft zum politischen Dialog seitens der NATO. Ich
möchte betonen, daß ein starkes,
glaubwürdiges militärisches Einsatzkonzept des Westens ein unverzichtbares Element dieses zweigleisigen Ansatzes war und ist. Unsere militärische Strategie ist defensiv und auf
die Abschreckung eines Krieges ausgerichtet. Gleichzeitig hat sich die
NATO jedoch auch umfassend und effektiv am politischen Dialog über Europa
und seine Zukunft beteiligt.
Die heute in der Sowjetunion und Osteuropa
stattfindenden
dramatischen
Veränderungen sind Teil dieses Dialogs und unmittelbar mit der Geschichte der NATO verbunden.
Nach

vierzig Jahren des "kalten Krieges"
und einer grausamen und widernatürlichen Teilung Europas hat sich die Sowjetunion mit ernsten Absichten an
den Verhandlungstisch gesetzt.
Zumindest einige Barrieren zwischen Ost
und West werden abgebaut. In Polen
wurde ein Nichtkommunist in ein hohes
Amt berufen. In Ungarn werden politische und wirtschaftliche Reformen
in erstaunlichem Tempo verwirklicht.
Der Druck auf die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zur
Einleitung
politischer
und
wirtschaftlicher
Reformen
verstärkt
sich.
Die Demonstrationen auf den
Straßen Leipzigs zeigen, daß auch
dort die Unzufriedenheit mit dem Regime ein noch vor wenigen Monaten unvorstellbares Ausmaß angenommen hat.
Tausende von DDR-Bürgern, darunter
viele Familien, haben sich entschlossen, alles zurückzulassen - Wohnung,
Arbeitsplatz, Freunde - in der Hoffnung, im Westen ein neues Leben zu
beginnen.
Durch diese Ereignisse wird bekräftigt, daß die Idee der Freiheit - und
die auf dieser Idee der Freiheit gegründeten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen des
Westens - eine starke, geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Menschen im Osten ausübt. Unsere gegenseitige Unterstützung und unser starkes Bündnis bilden die Grundlage für
ein freies Europa und für diesen
Druck auf Reformen im Osten.
Zur
Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nach dem Krieg gegründet, hat
die NATO den Frieden und den Wohlstand hervorgebracht, die sich ihre
Gründer erhofft hatten. Hinter dem
Schild der NATO hatte Westeuropa die
Freiheit, seine demokratischen Institutionen und seine freien Marktwirtschaften zu entwickeln. Sie unterstützt unsere blühenden freien Marktwirtschaften und den hohen Lebensstandard, den wir heute genießen.
Sie garantiert die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens,
die von den Vorteilen des westlichen
Lebensstils künden.

- 3-

�Wenn wir die vierzig Jahre vor der
Gründung der NATO mit den vierzig
Jahren danach vergleichen, dann können wir nur noch mehr über das staunen, was die NATO erreicht hat. Insbesondere die Bundesrepublik Deutschland hat diese Periode des Friedens
und der Stabilität genutzt, um ihre
Wirtschaft wiederaufzubauen und ihr
demokratisches
Regierungssystem
zu
schaffen, indem sie sich fest in der
westlichen Staatengemeinschaft verankert hat. Das Ansehen der NATO wird
durch die Tatsache noch erhöht, daß
sie alle diese Dinge als demokratisches Bündnis gleichgesinnter und
ebenbürtiger Partner erreicht hat.
Kurzum: Unser Bündnis ist ein historisch einzigartiges Phänomen.
Natürlich entwickelt sich die Geschichte der NATO weiter. Ihre Arbeit ist noch lange nicht beendet.
Ich bin mir vollkommen der Bedeutung
der gegenwärtig in der Sowjetunion
stattfindenden Veränderungen bewußt.
Wer wäre dies nicht? Selbstverständlich können wir Gorbatschows Maßnahmen nur von Herzen begrüßen, aber es
wäre töricht, davon auszugehen, daß
seine Veränderungen von Dauer sind
und deshalb in unserer Wachsamkeit
nachzulassen. Selbst die besten Absichten können sich über Nacht ändern, wie die Ereignisse in China unlängst so eindringlich bewiesen haben. Eine einseitig geschwächte Verteidigung läßt sich jedoch nicht an
einem Tag wiederherstellen.
Obwohl Moskau (aus gutem Grund) eine
neue Bereitschaft zu Verhandlungen
über Rüstungskontrollabkommen an den
Tag legt, stellen die sowjetischen
Streitkräfte nach wie vor eine Bedrohung dar. Tatsächlich nimmt die Qualität der sowjetischen Rüstung stetig
zu. Erst kürzlich haben die Sowjets
neue Panzer und Kampfflugzeuge mit
stark verbesserten Fähigkeiten in der
DDR eingeführt.
Wir alle wünschen
eine weitreichende Umgestaltung der
militärischen Lage in Europa. Aber
solange die Sowjets nicht auf ihre
massive Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften
verzichten

und der Wandel im Osten nicht unumkehrbar geworden ist, müssen wir unseren sicherheitspolitischen Konsens
und
eine moderne NATO-Streitmacht
aufrechterhalten.
Auch wenn kurzsichtige und oberflächlichen Denker
etwas anderes behaupten:
Es gibt
keinen Konflikt zwischen dem Streben
nach Rüstungskontrolle und der Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung.

Die
deutsch-amerikanische
schaft innerhalb der NATO

Partner-

Ich habe bisher über die NATO gesprochen und ihre Entstehung und Leistungen in allgemeiner Weise Revue passieren lassen.
Ich möchte jedoch
ebenfalls auf einen grundlegenden und
unverzichtbaren Teil der Erfolgsgeschichte der NATO eingehen - die
deutsch-amerikanische Partnerschaft.
Ebenso, wie sich das atlantischen
Bündnis entfaltete und an Stärke zunahm, galt dies auch für die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
dieses
Bündnisses.
Dies
geschah
teilweise aufgrund der erstaunlichen
Leistungen des deutschen Volkes nach
dem Krieg. Vor dem Hintergrund der
traumatischen Erfahrungen jener Zeit
entwickelte sich eine demokratische
und
wohlhabende
Bundesrepublik
Deutschland zu einem wichtigen Bestandteil der internationalen Szene.
Die Bundesrepublik spielt eine führende Rolle in den Entscheidungsgremien der NATO und der Europäischen
Gemeinschaft. Sie hat mit ihrer Beteiligung in den Vereinten Nationen
begonnen, mehr weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Sie ist eine
der bedeutendsten Wirtschaftsmächte.
Wer Augen hat, zu sehen, weiß, daß
die Bundesrepublik Deutschland in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist.
Auch die Vereinigten Staaten treten
in eine neue Phase ein. Aus historischer Sicht befürworten die Vereinigten Staaten nach einer Ära der Vorherrschaft in der frühen Nachkriegs-

�zeit einen Kurs der Normalisierung
und Rückkehr zu einer ausgewogeneren
MachtVerteilung mit Europa.
Solche
Anpassungen sind Teil des "neuen Realismus" der von Präsident Bush vertretenen Außenpolitik. Dieser "neue
Realismus" trägt der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Stärke
Westeuropas und den sich neu eröffnenden wertvollen Bereichen der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa Rechnung.
Aus
Präsident Bushs Sicht berücksichtigt
dieser "neue Realismus" auch die Tatsache, daß die NATO und ihre Erfolge
uns diese neuen Herausforderungen bewältigen lassen. Die in der NATO erprobte Art der Zusammenarbeit kann
und muß auf andere Gremien und andere
Probleme übertragen werden.
Im Zuge dieser Entwicklung werden die
Partner der Vereinigten Staaten naturgemäß mehr Verantwortung für die
Förderung demokratischer Werte und
den Schutz freier Märkte in Europa
und andernorts übernehmen. Wie die
Vereinigten Staaten Europa nach dem
Krieg beim Wiederaufbau zur Seite
standen, so ist es heute an Europa,
mehr Verantwortung für positive Veränderungen in Europa und weltweit zu
tragen. Unabhängig davon, ob man die
Betonung auf das Ende des kalten
Krieges oder den Anfang eines neuen
multipolaren Zeitalters in den internationalen Beziehungen legt - starke
Führung und intensive Arbeit sind
zweifelsohne erforderlich, um sicherzustellen, daß die aktuellen Entwicklungen mehr
att weniger Sicherheit
und Freiheit auf der Welt hervorbringen.
In einer solchen Zeit voller
Herausforderungen ist es unabdingbar,
daß Deutsche und Amerikaner enger als
je zuvor zusammenarbeiten, um diese
momentanen Veränderungen zu verstehen
und effektiv darauf zu reagieren.
Bedauerlicherweise gibt es hier wie
dort Auguren des Weltuntergangs, die
nur die negativen Aspekte der sich in
der NATO und den deutsch-amerikanischen Beziehungen vollziehenden Veränderungen sehen. Ohne Zweifel haben
wir Meinungsverschiedenheiten.
Das

ist nur natürlich. Wir sind zwei unabhängige und souveräne Nationen mit
spezifischen nationalen Interessen,
und wir sind Demokratien, die eine
freimütige und offene Erörterung dieser Interessen fördern. Unsere gemeinsamen demokratischen Werte und
Institutionen machen es uns in der
Tat leichter, Kompromisse zu erarbeiten und die Verantwortung den Erfordernissen gemäß zu verteilen. Natürlich müssen wir unsere Kommunikationswege offen und unseren Dialog
frei von Vereinfachungen und Klischees halten. Deutsche und Amerikaner müssen heute mehr denn je sorgfältig zuhören, was der andere zu sagen hat.
Ich möchte mich jetzt einzelnen Bereichen zuwenden, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es
Mißverständnisse bezüglich der amerikanischen Truppenpräsenz in der Bundesrepublik.
Die
amerikanischen
Truppen sind in der Bundesrepublik
stationiert, um ihren Teil zur friedensbewahrenden Rolle der NATO beizutragen. Es ist eine große Streitmacht mit 200 000 Soldaten und ihren
Familienangehörigen - die größte der
sechs hier stationierten militärischen Einheiten. Mit dieser enormen
Truppenpräsenz müssen wir sorgsam umgehen.
Während sich die Bedrohung
der sowjetischen Militärmacht nach
Meinung
der Öffentlichkeit offensichtlich verringert, scheint das Zusammenleben mit ausländischen Armeen
und Luftstreitkräften, die auf und
über deutschem Gebiet üben müssen,
mehr Spannungen zu verursachen.
Wir vernehmen daher vermehrt Beschwerden über die Aktivitäten amerikanischer Streitkräfte in der Bundesrepublik und Behauptungen, die alliierten Streitkräfte würden die deutsche Souveränität nicht respektieren. Infolgedessen führen Bürger Zivilprozesse und die immer genauere
Überwachung militärischer Bauvorhaben
und Stationierungen durch die Bundesregierung führt zu Verzögerungen bei
der Stationierung der Streitkräfte

- 5 -

�und verursacht zusätzliche Kosten.
Ist dieser Prozeß der Anpassung und
des Wandels rundweg zu verurteilen?
Nein - wenn wir gleichberechtigte
Partnerschaft ernst nehmen. Wir sind
uns der Notwendigkeit bewußt, die
komplexen Beziehungen zwischen zivilen und militärischen US-Einrichtungen hier in der Bundesrepublik sorgfältig im Auge zu behalten.
Verständlicherweise besteht die erste
Priorität in der Aufrechterhaltung
der Fähigkeiten unserer Streitkräfte,
ihre Rolle innerhalb der NATO zu erfüllen. Das bedeutet, daß sie weiterhin üben, fliegen - tief fliegen und ihre Systeme erproben müssen.
Wenn wir nicht effektiv üben können,
können wir nicht wirksam kämpfen oder
wirksam abschrecken. Diese Realitäten stehen in direktem Zusammenhang
mit dem Harme 1-Konzept, daß für politischen Dialog eine starke Verteidigung unabdingbar ist.
Andere Bereiche der Beziehungen zwischen
amerikanischen
Streitkräften
und Bundesbürgern betreffen nicht direkt die Bereitschaft der Streitkräfte. In diesen Bereichen sind wir natürlich bereit, Schritte zum vollständigen Abbau von Aktivitäten zu
unternehmen, die einer gleichberechtigten Partnerschaft als nicht angemessen
angesehen
werden
könnten.
Auch die Sorge der Deutschen um die
Umwelt nehmen wir ernst. Die US-Armee hat in den vergangenen fünf Jahren über 800 Millionen D-Mark für Umweltschutzprojekte ausgegeben.
Wie
Sie sicherlich wissen, haben wir die
Reforger-Übung im vergangenen Jahr
verschoben und künftige ReforgerÜbungen so modifiziert, daß jetzt die
Mannschaftsarbeit und weniger die
Fahrzeuge im Feld im Vordergrund stehen.
Zweifelsohne haben wir unterschiedliche Blickwinkel. Eine Familie, die
ihren Urlaub im Hunsrück verbringt,
hat eine andere Meinung zum Lärm der
Düsenjäger als der Luftwaffenkommandeur, der für die Kampffähigkeit sei-

nes Geschwaders verantwortlich ist.
Wir können jedoch dankbar sein, daß
40 Jahre enger Zusammenarbeit Vertrauen und Freundschaft hervorgebracht haben. In einer Zeit des Wandels und der Anpassungen können wir
unsere Meinungsverschiedenheiten in
diesem Sinne überwinden.
Mit anhaltender Bereitschaft zu Kompromissen in Bereichen, in denen wir
nicht voll und ganz einer Meinung
sind, werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen meines Erachtens
aus dieser Zeit der Herausforderung
enger und dauerhafter denn je hervorgehen. Von dieser Entwicklung hängt
in der Tat sehr viel ab. Die Zeiten
erfordern starke, gemeinsame Führung,
harte Arbeit und den politischen Willen beider Länder. Der kreative Einfluß der deutsch-amerikanischen Partnerschaft auf das Europa der Nachkriegszeit ist noch nicht erschöpft.
Die gemeinsame deutsch-amerikanische
Führung muß auch über Europa hinaus
eine Rolle bei der Förderung unserer
gemeinsamen demokratischen Werte und
der Verbesserung der Lebensqualität
aller Bürger der Welt spielen.

Gemeinsame Führungsrolle in Europa
Die deutsch-amerikanische Führungsrolle bei der Zusammenarbeit mit anderen Verbündeten muß auch bei der
Überwindung der Teilung Europas eine
entscheidende Rolle spielen.
Zwei
wichtige Prozesse sind bereits im
Gange: die wirtschaftliche Integration der westeuropäischen Länder zu
einem Binnenmarkt und die Hinwendung
zu eher westlichen Werten und freien
Märkten in Osteuropa. Die Vereinigten Staten begrüßen diese beiden Entwicklungen und arbeiten eng mit ihren
Verbündeten zusammen, um diese Entwicklung zu fördern.
Nirgendwo besteht heute wohl größerer
Bedarf an gemeinsamem Handeln des Westens und effektiver deutsch-amerikanische Partnerschaft als bei einer
Reaktion auf Reformen und Veränderungen in Osteuropa. Wir im Westen se-

�hen uns jetzt bei der Formulierung
unserer Antwort auf den Ruf nach Hilfe und Unterstützung aus Polen und
Ungarn mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert. Im Bereich der
Wirtschaft müssen wir den Reformpolitikern eine Atempause gönnen, damit
sie die Entwicklung und Verwirklichung von Reformen einleiten können,
während wir gleichzeitig in unserem
Drängen auf Reformen nicht nachlassen
dürfen.
Im politischen Bereich besteht die vor uns liegende Herausforderung darin, zum Aufbau demokratischer Institutionen beizutragen, ohne
Instabilität
und/oder
Intervention
auszulösen.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen haben die Vereinigten Staaten
in den vergangenen Monaten eine Reihe
bilateraler Maßnahmen zur Unterstützung Polens und Ungarns angekündigt,
die unter anderem folgendes vorsehen: die zollfreie Einfuhr der meisten polnischen und ungarischen Exporte in die Vereinigten Staaten; die
Schaffung besonderer "Unternehmensfonds" zur Förderung von Investitionen auf dem Privatsektor; über 100
Millionen Dollar Nahrungsmittelhilfe
für Polen sowie 20 Millionen Dollar
zur Finanzierung von Umweltschutzproj ekten.
Gleichzeitig hat Präsident Bush - wie
bereits beim Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli - eindeutig klargestellt, daß kein Land im Westen die
Last der Unterstützung alleine tragen
kann, und alle westlichen Länder sich
die Verantwortung zur Unterstützung
von Reformen in Osteuropa teilen
sollten. Dies gilt insbesondere für
Hilfe an Polen und Ungarn bei der Bewältigung ihrer Schuldenprobleme. Um
eine gemeinsame Reaktion auf das
Schuldenproblem Polens zu fördern,
hat Präsident Bush zu Beginn dieses
Monats die Bereitschaft der Vereinigten Staaten verkündet, 200 Millionen
Dollar zum Stabilisierungsfonds des
Westens für Polen in Höhe von einer
Milliarde Dollar beizutragen.
Wir
ermutigen die Bundesrepublik und unsere anderen westlichen Partner, die

Reformbestrebungen in Polen mit uns
gemeinsam zu unterstützen.
Natürlich bergen die in Osteuropa
wahrzunehmenden dramatischen Veränderungen gewisse Risiken - zum einen,
weil die Veränderungen sich nicht
einheitlich vollziehen und zum anderen, weil wir nicht wissen, welches
Ausmaß an Veränderungen die Sowjetunion tolerieren kann oder wird. In
dieser Phase der Unsicherheit müssen
wir fortsetzen, was sich bereits als
richtig erwiesen hat - eine glaubwürdige
Abschreckung
aufrechterhalten
und gleichzeitig weiterhin Rüstungskontrolle betreiben. Darüber hinaus
müssen wir zusammenarbeiten, um zu
gewährleisten, daß sich die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Osteuropa parallel vollziehen.
Alles andere hätte destabilisierende Wirkung.

Gemeinsame Führungsrolle bei regionalen und internationalen Fragen
Der Abbau von Spannungen zwischen Ost
und West sowie positive Entwicklungen
in der Rüstungskontrolle - die einen
Wert an sich darstellen - haben einen zusätzlichen Vorteil. Sie geben
der Gemeinschaft demokratischer und
friedliebender Staaten die Freiheit,
ihre Aufmerksamkeit anderen schwierigen Problemen zuzuwenden, die nicht
vor nationalen Grenzen haltmachen und
Sicherheit und Wohlergehen aller Menschen auf der Welt bedrohen.
Ich
spreche hier von Umweltschäden, Drogenhandel, Terrorismus und der Weiterverbreitung
nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Jedes
dieser Probleme hat allein für sich
betrachtet beträchtliche Auswirkungen, alle zusammen sind überwältigend . Aber wenn es uns - in Hamletscher Unentschlossenheit - nicht gelingt, "uns gegen eine See von Plagen
zu waffnen", werden nachfolgende Generationen mehr leiden müssen als wir.
Internationale Institutionen wie die
Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Vereinten Nationen

�verfügen über ein umfangreiches Potential zur Lösung dieser Probleme.
Und mit Genugtuung können wir - Sie
und ich - beobachten, wie sich dieses
Potential in jüngster Zeit entwickelt
hat. Die westlichen Demokratien mit
ihrem Reichtum an Ressourcen und ihren technologischen Fähigkeiten tragen jedoch eine besondere Verantwortung.
Die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten haben durch ihre
Zusammenarbeit bereits in all diesen
Bereichen
große
Fortschritte
erzielt. Zum Beispiel konnten sie internationale Kreditgeber davon überzeugen, bei ihren Entscheidungen über
Projektgebundene Kredite ökologische
Implikationen zu berücksichtigen.
Das ist nur ein Beispiel für die enge
Zusammenarbeit unserer beiden Länder
im Bereich des Umweltschutzes. Bevor
sich das übrige Europa auch nur im
entferntesten für Umweltschutz interessierte, waren die Bundesrepublik
und die Vereinigten Staaten Wortführer bei Verhandlungen über ein internationales Abkommen zur Beschränkung
der Nutzung und Herstellung von
Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW),
die das Ozon in der Atmosphäre zerstören. Das im September 1987 unterzeichnete Protokoll von Montreal gilt
inzwischen als wichtigstes internationales
Umweltschutzabkommen.
In
den oberen Schichten der Atmosphäre
zerstören FCKW nicht nur die Ozonschicht, die uns vor den krebserregenden
ultravioletten
Strahlen
schützt, sondern tragen auch zum
Treibhauseffekt bei.
Damit komme ich zu einer anderen,
vielleicht noch gefährlicheren Bedrohung: Erwärmung des Erdklimas durch
die fortschreitende Ansammlung von
Kohlendioxid, FCKW, Methan und anderen industriell erzeugten Gasen. Offensichtlich muß die Wissenschaft uns
helfen. Meine Regierung hat das Forschungsprogramm für Veränderungen auf
der Erde (Global Change Research Program) ins Leben gerufen, und Präsident Bush hat dafür in diesem Haushaltsjahr 200 Millionen Dollar vorgesehen. Wir werden in diesem Rahmen

andere Länder wie die Bundesrepublik
zur Zusammenarbeit auffordern.
Präsident Bush und Bundeskanzler Kohl
haben bei ihren privaten Unterredungen anläßlich des Weltwirtschaftsgipfels im vergangenen Juli in Paris die
Umweltschutzproblematik eingehend erörtert. Der Leiter des Umweltschutzamts, William Reilly, wird am 7. und
8. November nach Bonn kommen. Dabei
wird die Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik und insbesondere die Führungsrolle beider Staaten bei den internationalen Bestrebungen zum Umgang mit
den Klima Veränderungen auf der Erde
ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung sein.
Ein weiterer Bereich, in dem die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik eine gemeinsame Führungsrolle
übernehmen,
ist
Wissenschaft
und
Technologie, wobei sie sowohl den
Fortschritt fördern als auch der Verbreitung strategisch wichtiger destabilisierender
Technologien
Einhalt
gebieten wollen.
Den meisten Vergleichen zufolge nehmen die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik in
der Grundlagenforschung den ersten
und zweiten Platz ein. Es überrascht
daher nicht, daß bundesdeutsche Wissenschaftler in jedem der letzten
vier Jahre Nobelpreise gewonnen haben. Hiermit gratuliere ich dem Bonner Professor Wolfgang Paul als diesjährigem Nobelpreisträger für Physik.
Die Geschichte der - zumeist nicht
staatlich geförderten - Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern ist lang und
ruhmreich. Auf einigen Gebieten wie
Weltraum, Umwelt und Medizin findet
die Zusammenarbeit im Rahmen interministerieller Abkommen
statt.
Die
Bundesrepublik ist unser wichtigster
Partner im Weltraum.
Sie ist das
führende Land Europas bei der Internationalen Weltraumstation, des größten jemals durchgeführten gemeinsamen
Projekts der Spitzentechnologie. In
zwei Jahren wird ein Raumtransporter
der NASA eine deutsche Weltraumsta-

�tion in eine Umlaufbahn bringen. Auf
bilateraler Ebene arbeiten wir auch
in Bereichen, die Grundbedürfnisse
des Menschen betreffen, wie etwa das
Verständnis der Ursachen des Waldsterbens, die erfolgreiche Bekämpfung
von Krebs und AIDS. Auf dieser Kooperation sollten wir aufbauen uad
auch in der Forschung über weltweite
Veränderungen und Drogenmißbrauch zus ammena rbe i ten.
Die Technologie hat natürlich auch
Schattenseiten.
Mit Geräten, Substanzen und Know-how, die zur Herstellung von Kernkraft, Erforschung
des Weltraums und Düngemittelherstellung eingesetzt werden können,
kann man auch Kernwaffen, ballistische Raketen und Mittel zur chemischen Kriegführung herstellen. Ebenso wie die Vereinigten Staaten ist
die Bundesrepublik ein Mitglied des
Vertrags zur Nichtweiterverbreitung
von Nuklearwaffen und Gründungsmitglied des im April 1987 eingeführten
Systems zur Kontrolle von Raketentechnik, dem sich sieben Länder angeschlossen haben. Dennoch verfügt die
Bundesrepublik ebenso wie die Vereinigten Staaten in der Hochtechnologie
über eine moderne industrielle Basis
und wird damit zum Ziel potentieller
Weiterverbreiter. Das erfordert kontinuierliche
Aufmerksamkeit
in
freien, offenen Gesellschaften wie
unseren keine leichte Aufgabe. Dennoch begrüßen wir die von der Bundesrepublik im vergangenen Jahr unternommenen Bemühungen zur Stärkung der
Exportkontroile.
Was chemische Waffen betrifft, so
sind wir zuversichtlich, daß das
jüngste amerikanisch-sowjetische Abkommen, demzufolge konkrete Schritte
zur Beseitigung der Arsenale unternommen werden sollen, den Weg zu einem internationalen Vertrag über ein
Verbot dieser Waffen ebnen wird.
Gleichzeitig erwarten wir die kontinuierliche deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zur Kontrolle von Technologien, die zur Herstellung biologischer, chemischer und nuklearer

Waffen und ihrer Trägersysteme eingesetzt werden können.
Der Abbau der sich mit Terrorismus
und Drogenhandel für das Wohlergehen
der Weltbürger stellenden Bedrohungen
ist ein weiteres gemeinsames Ziel.
Unsere Länder arbeiten zusammen an
der Verhinderung der Waffenverkäufe
an bekannte terroristische Vereinigungen. In sehr enger Zusammenarbeit
zwischen unserer Polizei und unseren
Nachrichtendiensten haben wir den
Spren&amp;stoffanschlag von Lockerbie untersucht. Gemeinsam ist es uns auch
gelungen, dem Flugzeugentführer Mohammed Hammadi den Prozeß zu machen.
Das internationale Drogenproblem hat
ein Ausmaß angenommen, angesichts
dessen Präsident Bush den für den
Schmuggel großer Mengen todbringender
Drogen in die Vereinigten Staaten und
andere Länder, auch in Westeuropa,
verantwortlichen Drogenkartellen den
Krieg
erklärt hat.
Bundeskanzler
Kohls Einführung einer entsprechenden
Strategie auf EG-Ebene ist ein anschauliches Beispiel deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit in diesem Bereich, das die volle Zustimmung des
Präsidenten findet.

Gemeinsame
Wirtschaft

Führungsrolle

in

der

Die westlichen Demokratien müssen
darüber hinaus eine besondere Verantwortung für die Entwicklungsländer
übernehmen, ihnen beim Aufbau ihrer
Wirtschaft und Verbesserung des Lebensstandards helfen, ohne daß diese
gezwungen wären, sich totalitären Systemen zu unterwerfen. Die Menschen
der armen Länder haben ein Recht für
ausreichende Nahrung für ihre Familien, und sie haben ein Recht auf freie
Wahl,
Religions- und
Versammlungsfreiheit sowie darauf, abweichende
Meinungen äußern zu dürfen. Mit dem
Einsatz für Freiheit und Menschenrechte
können
die
Bundesrepublik
Deutschland und die Vereinigten Staaten gemeinsam viel leisten, um den
9 -

�ärmeren Ländern bei der Suche nach
Auswegen aus diesem Dilemma zu helfen.
Wir können ferner gemeinsam an der
humanitären Lösung des vordringlichen
Flüchtlingsproblems arbeiten. Gegenwärtig sind weltweit etwa 14 Millionen Menschen auf der Flucht vor politischer Verfolgung oder den verheerenden Auswirkungen von Kriegen. Es
obliegt uns als mächtigen und wohlhabenden Demokratien, friedliche Lösungen für regionale Konflikte zu fördern und dauerhafte Lösungen für Probleme wie Armut und Unterentwicklung
zu finden, durch die ganze Volksgruppen gezwungen werden, ihre Heimat
aufzugeben, um für sich und ihre Kinder ein menschenwürdiges Leben zu
finden.
Eine Möglichkeit, die sich der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten bietet, um den Entwicklungsländern zu einem besseren Lebensstandard
zu verhelfen, ist die Zusammenarbeit
unter Gewährleistung freier und offener Weltmärkte. Wir dürfen nicht
übersehen, daß die Länder, die am
meisten unter Protektionismus leiden,
nicht zu den westlichen Handelspartnern, sondern zu den Entwicklungsländern zählen. Mit der neugewonnenen
Erkenntnis, daß sozialistische Systeme nicht in der Lage waren, den versprochenen Wohlstand hervorzubringen,
muß der Westen Wirtschaftsreformen in
den Entwicklungsländern unterstützen
und sicherstellen, daß diese Länder
nicht durch westliche Wirtschaftsoder
Strukturpolitik
benachteiligt
werden.
Darüber hinaus müssen wir
der starken protektionistischen Tendenz in unseren Ländern tatkräftig
Widerstand leisten. Es ist insbesondere Aufgabe der Bundesrepublik, hier
ihre Führungsrolle unter Beweis zu
stellen. Nach dem Krieg haben offene
Märkte Ihrem Land beim wirtschaftlichen Wiederaufbau geholfen.
Heute
ist die Bundesrepublik das führende
Exportland der Welt.

Zusammenfassung
Die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten haben allen Grund, mit
Stolz auf vierzig Jahre enger Zusammenarbeit und Freundschaft zurückzublicken.
Gemeinsam haben wir die
wichtige Aufgabe übernommen, nach dem
Chaos und der Massenvernichtung des
Zweiten Weltkriegs ein demokratisches
und wohlhabendes Europa zu gestalten. Wir haben dem sowjetischen Expansionismus und Militarismus eine
eindeutige Absage erteilt und die Sowjetunion wieder an den Verhandlungstisch zurückgeführt. Wir haben denen, die unter totalitärer Herrschaft
leben, das Versprechen eines neuen demokratischen und freien - Europas
gegeben. Unser Erfolg steht für dieses neue Kapitel des Europas der
Nachkriegszeit, das wir nunmehr zu
schreiben beginnen.
Es bleibt uns jedoch keine Zeit, uns
auf den Lorbeeren auszuruhen. In den
Bereichen Rüstungskontrolle, europäische
Integration, Menschenrechte,
Nord-Süd-Dialog
und
Umweltschutz
bleibt für uns - als Partner in einer
Führungsrolle - noch viel zu tun.
Wir haben viel zu bieten - die Kreativität und Dynamik zweier Völker.
Seite an Seite, im stolzen Bewußtsein
ihrer bisherigen Leistungen und geleitet von demokratischen Werten können sich die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten ihren gemeinsamen
Aufgaben voller Hoffnung und Entschlossenheit stellen.

* * * * *

10 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

18. Oktober 1989

38

BAKER SIEHT GUTE AUSSICHTEN FÜR VERBESSERTE
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
- Rede vor der Foreign Policy Association -

NEW YORK - (AD) - Außenminister Baker zufolge sind die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser als
je zuvor. In einer Rede vor der Foreign Policy Association erklärte Baker am
16. Oktober 1989 in New York, die beiden Supermächte hätten jetzt die Möglichkeit "die Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden" und ein Verhältnis anzustreben, das "sicherer und beständiger" ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut (es
gilt das gesprochene Wort).
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
befanden sich die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion in einem permanenten Kampf, einem Kräftemessen von
Supermächten, aber auch einem Wettstreit von Werten und Visionen. Kein
Verhältnis war jemals schwieriger,
aber letzten Endes auch vielversprechender. Schwierig, weil die traditionelle sowjetische Ideologie die
gleichen Begriffe verwendete wie wir
Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit -, in
der Praxis jedoch die damit verbundenen Werte verweigerte. Vielversprechend, weil wir beide im Atomzeitalter durch die zwingende Notwendigkeit
der Verhinderung einer Katastrophe
nicht umhin können, nach gemeinsamen
Interessen zu suchen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Wir befinden uns in einer vielversprechenden Zeit.
Die Beziehungen
zur Sowjetunion haben sich seit 1985
erheblich verbessert, als Michail
Gorbatschow seine Politik der Perestrojka initiierte - einer durchgreifenden Umgestaltung der sowjetischen
Gesellschaft, einschließlich der sowjetischen Außen- und Verteidigungspolitik. Die jetzige Administration
hat auf dem in der Ära Reagan erreichten aufgebaut, um den verbesserten amerikanisch-sowjetischen Beziehungen Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Präsident Bush hat erklärt:
"Wir
werden uns gemeinsam darum bemühen,
die Politik des Containment gegenüber
der Sowjetunion zu überwinden..."
Heute haben wir im Verhältnis zur So-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wjetunion eine historische Gelegenheit.
Wir haben die Chance, die
Nachkriegszeit mit den Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden. Wir können die Politik des Containment überwinden, um den Wandel zu
besseren Beziehungen zwischen den Supermächten sicherer und beständiger
zu gestalten. Unsere Aufgabe besteht
darin, dauerhafte Elemente von beiderseitigem Vorteil zu finden, die
den Interessen der Vereinigten Staaten wie auch der Sowjetunion dienen.
Es gibt zwei Gründe für unsere Meinung, daß die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser
als je zuvor sind. Erstens haben wir
im Westen durch unsere Stärke, Einigkeit und Treue zu unseren Werten bewiesen, daß Demokratie und freie
Marktwirtschaften funktionieren und
einander vorteilhaft ergänzen. Zweitens ist die diametral entgegengesetzte Sichtweise der Sowjetunion bei
dem Versuch gescheitert, Wohlstand
oder eine attraktive Gesellschaftsordnung zu schaffen. Auf eine einfache Formel gebracht:
Die Freiheit
funktioniert, der Kommunismus nicht.
Infolge des Scheiterns ihres Systems
haben die Sowjets unter der Führung
von Michail Gorbatschow einen als Perestrojka bezeichneten Prozeß der Reform und des Neuaufbaus eingeleitet.
Und es ist dieser Prozeß, der - im
Verein mit unseren eigenen Leistungen
gute Aussichten für die Zukunft
bietet.
Der Präsident und auch ich haben erklärt, daß wir der Politik der Perestrojka - einschließlich der Umgestaltung
der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen - Erfolg wünschen.
Wir sind zu diesem Schluß nicht etwa
deshalb gekommen, weil wir es als unsere Aufgabe betrachten, die sowjetische Gesellschaft zu reformieren oder
einen bestimmten sowjetischen Politiker an der Macht zu halten - beides
ist uns unmöglich -, sondern weil Perestrojka eine sowjetische Handlungsweise verspricht, die eher in unserem

Interesse liegt. Es ist unsere Aufgabe, kreativ nach möglichen Elementen beiderseitigen Vorteils zu suchen
- und da könnte es dank Perestrojka
viele Möglichkeiten geben. Letztlich
müssen wir jedoch trotz der Sondierung des "neuen Denkens" in der Sowjetunion bereit sein, unsere vitalen
Interessen zu schützen, komme was da
wolle.
Wir müssen einen Verteidigungshaushalt aufrechterhalten, der
mit unseren Sicherheitsbedürfnissen
im Einklang steht, und wir müssen
wachsam sein und Moskau zu einem kooperativen Verhalten über die gesamte
Bandbreite unserer Beziehungen drängen.
Ich möchte im folgenden etwas detaillierter auf unsere Politik eingehen insbesondere darauf, wie wir Perestrojka einschätzen, warum wir ihren
Erfolg wünschen und was wir tun, um
diese Elemente von beiderseitigem
Vorteil zu finden, die sowohl den
amerikanischen Interessen als auch
der Perestrojka selbst dienlich sein
werden.

Perestrojka und
nenpolitik

die sowjetische In-

Meines Erachtens ist es wichtig, zunächst auf die Ursprünge der Perestrojka einzugehen. Zuallererst ist
sie eine sowjetische Reaktion auf eine sich rasch verändernde Welt, in
der sich die Sowjets selbst wirtschaftlich, technologisch, politisch
und militärisch zunehmendem Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen. Die Verfechter der Perestrojka betrachten
ihr Land als reich an natürlichen
Rohstoffen und menschlichem Talent,
aber erdrückt von einem Vermächtnis
der Stagnation - einem System, das
unfähig zur Erzeugung des wirtschaftlichem Fortschritts und der politischen Legitimation ist, auf die der
sowjetische Bürger ein Anrecht hat.
Wie Staats- und Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse
mir gegenüber erklärt haben, geht die
Ursache dieses Problems weit über die
Frage materieller Werte hinaus. Sie

�ist tief in der Psychologie der sowjetischen
Gesellschaft
verwurzelt
und wird durch gleichermaßen stagnierende politische und rechtliche
Systeme noch verstärkt.

den Widerstand gestoßen sind.
Bis
heute sind Gorbatschow und seine Mitstreiter willens gewesen, auf Reformen zu setzen und ihre Einsätze gegebenenfalls noch zu verdoppeln.

Aus diesem Grund erfordert es die Logik der Perestrojka, daß die Sowjets
ihre Probleme selbst in einer umfassenden,
organischen
Weise
lösen.
Nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern auch das politische und rechtliche System muß reformiert werden.
Perestrojka unterscheidet sich deshalb von früheren, gescheiterten Versuchen einer Reformierung des von Lenin gegründeten und von Stalin erbauten Staats. Wachstumsfördernde Produktionsfaktoren wie die Verlagerung
von der Landwirtschaft zur Industrie
oder billige Rohstoffquellen sind
nicht mehr vorhanden, um die Wirtschaft aus dem Stand hochzufahren.

Die Perestrojka könnte einen Wendepunkt erreicht haben, an dem die Einsätze nochmals verdoppelt werden müssen. Wahrscheinlich lassen sich weder die Knappheit an Konsumgütern
noch die Produktivität ohne den Anreiz einer stabilen Währung, freier
und konkurrenzfähiger Märkte, Privateigentum und realistischer Preise erhöhen.
Verschiedene
Elemente der
marxistisch-leninistischen
Ideologie
wie die dominierende, exklusive Rolle
der Kommunistischen Partei scheinen
mit dem für die Lösung von Moskaus
Problemen notwendigen dezentralisierten politischen und wirtschaftlichen
System nicht vereinbar zu sein. Neue
politische Arrangements werden erforderlich sein, um den Anliegen und
Forderungen der ethnischen Minderheiten und Republiken innerhalb der Sowjetunion gerecht zu werden.

Auch können die sowjetischen Probleme
nicht von außen, etwa durch großzügige westliche Kredite gelöst werden eine Politik, die sich in der "Ära
der Stagnation" unter Breschnew als
Fehlschlag erwiesen hat.
Präsident
Gorbatschow hat diesen Punkt in seiner Neujahrsansprache 1988 klar zum
Ausdruck gebracht, als er erklärte:
"Genossen, wir dürfen nicht denken,
daß jemand anderes unsere Probleme
für uns lösen wird, daß sich alles um
uns herum wie von Zauberhand verändern wird, wenn am Neujahrsabend die
Uhr Mitternacht schlägt. Nein. Wir
müssen die Zukunft selbst schaffen,
zur Umstrukturierung mit unseren eigenen Taten beitragen..." Ed Hewett,
ein westlicher Experte zur sowjetischen
Wirtschaft, meint:
"...so
stark westliche Gefühle im Hinblick
auf das mögliche Ergebnis dieser Reformbemühungen auch sein mögen, die
politisch Verantwortlichen im Westen
müssen erkennen, daß ihr 'Einfluß'
auf diesen Prozeß nur bescheiden sein
kann."
Der selbstbewußte und radikale Charakter der Perestrojka in der Innenpolitik ist noch entscheidender geworden, da die Reformen auf wachsen-

Schließlich sprengt der organische
Charakter der Perestrojka den Rahmen
einer ausschließlich innenpolitischen
Reform.
Gorbatschow hat wiederholt
auf die Verbindung zwischen innenpolitischen Reformen und dem neuen Denken in der Außenpolitik verwiesen.
Noch vor wenigen Monaten erklärte er,
es bestehe "eine untrennbare Verbindung zwischen der neuen Außenpolitik
und der Perestrojka im Inland".
Und da treten wir auf den Plan. So
faszinierend der innenpolitische Wandel in der Sowjetunion sein mag, so
sind wir doch hauptsächlich davon betroffen, wie sich die Sowjetunion ge
genüber dem Rest der Welt verhält.
Auch hier verspricht die Perestrojka
radikale Reformen.

Die Perestrojka in der sowjetischen
Außen- und Verteidigungspolitik
Vergleichen

Sie die sowjetische Au-

�ßenpoiitik, mit der wir es in der
Vergangenheit zu tun hatten, mit der
heutigen. Unter Breschnew erstreckte
sich der hauptsächlich durch bewaffnete Vasallen ausgeübte sowjetische
Einfluß über die ganze Welt. Hand in
Hand mit diesen Abenteuern rüsteten
die Sowjets umfassend militärisch
auf, was von dem ehemaligen Verteidigungsminister Harold Brown treffend
beschrieben wurde, als er erklärte:
"Wenn wir rüsten, rüsten sie auch;
wenn wir aufhören, rüsten sie weiter."
Doch trotz des Ausbaus ihrer Streitkräfte und ihrer Anstrengungen zur
Schaffung von Brückenköpfen auf der
ganzen Welt haben die Sowjets weder
größere Sicherheit noch dauerhaften
Erfolg errungen.
Gerade die von der heutigen Führung
gelernten Lektionen der siebziger
Jahre scheinen dem rosarot gefärbten
Bild der Breschnew-Ära grundsätzlich
zu widersprechen.
Gorbatschow und
seine "neuen Denker" sprechen von den
folgenden Lektionen:
Die Aufrüstung unter Breschnew
schuf mehr Unsicherheit als Sicherheit.
Sowjetische Maßnahmen
wie etwa die Stationierung der
SS 20 provozierten Reaktionen des
Westens, die zu einem für Moskau
ungünstigeren Kräftegleichgewicht
führten.
Die
Aufrüstung
ruinierte
die
Wirtschaft. Die den Militärs in
allen Bereichen eingeräumte Vorrangstellung mußte abgebaut werden.
Sicherheit ließ sich nicht einseitig erzielen, sondern nur auf
multilateraler Ebene.
Militärische und politische Gewinne in der dritten Welt waren
kostspielig und die oberflächlichen Erfolge zumeist flüchtiger
Natur.
Regionale Konflikte könnten eskalieren und zu unerwünschten Kon-

frontationen
führen.
Mögliche
Vorteile waren die solchen Situationen
innewohnenden
Risiken
nicht wert.
Dies sind die Lektionen, die die Sowjets ihren eigenen Angaben zufolge
aus Breschnews Fehlschlägen gelernt
haben, theoretische Lektionen, die
das neue Denken und die Perestrojka
geformt haben.
Obwohl sie ihre Lektionen in der
Theorie gelernt haben, wurden sie bis
heute bei weitem nicht alle in die
Praxis umgesetzt.
In der Verteidigungspolitik und Rüstungskontrolle haben die Sowjets
mehr Verständnis für die Notwendigkeit gezeigt, die beiderseitige Sicherheit zu fördern. Sowohl bei den
Gesprächen über konventionelle als
auch nukleare Rüstungskontrolle haben
die Sowjets ihre Haltung geändert, um
der traditionellen westlichen Position zur Verhinderung eines Kriegs
und zur Verbesserung der Sicherheit
entgegenzukommen.
Präsident Gorbatschow hat Kürzungen im sowjetischen
Verteidigungshaushalt
versprochen.
Er hat versprochen, Schwerter zu
Pflugscharen zu machen, indem er Panzer zu Traktoren umrüsten läßt. In
diesem Bereich warten wir noch auf
konkrete Ergebnisse.
Im Hinblick auf die regionalen Konflikte ist das Bild sehr uneinheitlich. Die Sowjets sind aus Afghanistan abgezogen. Sie haben eine Lösung in Angola gefördert. Insgesamt
jedoch scheint Moskau bei den regionalen Konflikten weniger als in der
Rüstungskontrolle bereit zu sein,
schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir haben einen starken Anstieg
sowjetischer Waffenlieferungen an Afghanistan
und
Äthiopien
festge
stellt. In Kambodscha sind die sowjetischen Lieferungen in diesem Jahr
nach dem heutigen Stand schon doppelt
so hoch wie im gesamten Jahr 1988.
Weiterhin werden Ostblockwaffen nach
Nicaragua geliefert. Diese störenden
Handlungen, diese scheinbare Präfe4 -

�renz für militärische Lösungen, mögen
kurzfristig ja geeignet sein, um einen Najibulla, einen Hun Sen oder einen Mengistu an der Macht zu halten.
Langfristig können diese Konflikte
nur durch politische Lösungen auf der
Grundlage der nationalen Aussöhnung
beigelegt werden. Das ist die wahre
Lehre der siebziger Jahre.

neuem Denken und alten Gewohnheiten
auseinandersetzen müssen. In der Rüstungskontrolle hat der Kreml einige
schwierige politische Entscheidungen
getroffen und in manchen Bereichen
den Weg gemeinsamen Fortschritts gewählt. Jetzt müssen wir auch das sowjetische Konzept mitgestalten, damit
Moskau den Weg für Fortschritte in
regionalen Konflikten wählt.

Perestrojka
Politik

Im Zuge unserer Suche nach Übereinstimmung dürfen wir nicht einem falschen Optimismus nachgeben, daß Perestrojka in der sowjetischen Außenpolitik ausreichend berücksichtigt worden ist und wir uns darauf verlassen
können, daß das neue Denken unsere
Interessen berücksichtigt.

und

die

amerikanische

Wie erklärt sich dieses uneinheitliche Bild? Einige Analytiker argumentieren mit dem Hinweis auf Enttäuschungen in der Vergangenheit, daß
die Sowjets sich lediglich in einer
"peredysha" befinden - einer Atempause, bis der Leninismus stark genug
ist, um erneut dem Kapitalismus den
Kampf anzusagen.
Andere verweisen
mit Blick auf die Zukunft darauf, daß
Anhänger des neuen Denkens so in ihren innenpolitischen Überlegungen gefangen sind, daß das alte Denken in
manchen Bereichen der Außenpolitik
immer noch die Oberhand hat.
Für mich deutet das aber noch auf etwas anderes hin.
Ich sehe eine Parallele zwischen dem
Kurs der Perestrojka in der Sowjetunion und dem neuen Denken in der sowjetischen Außenpolitik.
Innenpolitisch versuchte Gorbatschow die Umsetzung von Theorie in Praxis, und
sein Programm hat sich verändert und
an Kontur gewonnen. Und ebenso wie
die Sowjets sich jetzt innenpolitischen Dilemmas aussetzen, die um des
Friedens willen gelöst werden müssen,
sollten sie jetzt ihre Außenpolitik
verändern.
Innenpolitisch können wir nur wenig
Einfluß darauf nehmen, wie die Sowjets ihr Dilemma lösen. Aber in der
Außen- und Verteidigungspolitik können wir mit Hilfe einer vorsichtigen
Suche nach beiderseits vorteilhaften
Elementen das Konzept mitgestalten
und verändern, so daß sich die Sowjets mit der Diskrepanz zwischen

Es wäre ein ebenso gravierender Fehler, die Möglichkeit außer acht zu
lassen, daß Perestrojka viel weiter
gehen könnte und sich stattdessen auf
eine verdächtige Position des Disengagements zurückziehen mit dem Ergebnis, daß die Perestojka mit ihren
Versprechungen nie auf die Probe gestellt würde.
Jeder dieser beiden Ansätze würde die
vor uns liegenden enormen Möglichkeiten opfern.
Unsere Aufgabe liegt darin, dem Stre
ben nach Vorteilen für beide Seiten
Vorschub zu leisten. Wenn wir auf
Zustimmung der Sowjets stoßen, ist
dies umso besser für uns beide. Wenn
wir auf Widerstand stoßen, sollten
wir erkennen, daß wir unsere Anstrengungen verdoppeln müssen, so daß Moskau das neue Denken nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Wenn
wir realistisch handeln und Moskau am
Streben nach beiderseitigem Vorteil
beteiligen, können wir die Gelegenheit ergreifen, die sich mit Gorbatschow Revolution bietet. Durch Unbe
weglichkeitnwürden wir nichts gewinnen und diese Möglichkeit zur Revolutionierung der Ost-West-Beziehungen
verspielen.
Tatsächlich hat sich unsere Suche
nach dem Vorteil für beide Seiten auf
5 -

�die Lösung politischer Konflikte sowohl in Europa als auch in der Dritten Welt konzentriert, ferner auf eine Minderung des Kriegsrisikos mit
Hilfe der Rüstungskontrolle und auf
die Förderung innenpolitischer Veränderungen in der Sowjetunion. Fortschritte in diesen Bereichen werden
sowohl sowjetischen als auch amerikanischen Interessen im weitesten Sinne
dienen, weil Spannungen abgebaut und
Ressourcen für die Arbeit am Frieden
freigesetzt werden.

Ein ungeteiltes und freies Europa
Unser erstes Streben nach beiderseitigem Vorteil muß den wichtigsten und
entscheidensten Kernpunkt des kalten
Krieges berücksichtigen - die 'Teilung
Europas.
Präsident Bush hat unser
Ziel eines ungeteilten freien Europas
formuliert, und unsere NATO-Verbündeten haben sich auf ein umfassendes
Programm geeinigt, um dieses Ziel zu
erreichen. Ein Teil dieses Programms
besteht in einem beschleunigten Zeitplan für ein Abkommen über die Reduzierung konventioneller Streitkräfte
in Europa, mit dem bestehende Asymmetrien abgebaut und das Risiko eines
Übrrasehungsangriffs vermindert werden würde. Ein solches Abkommen würde nicht nur eine sicherere Abschrekkung bedeuten, sondern auch eine größere militärische Offenheit hervorbringen, die zu Vertrauen auf beiden
Seiten führt und die Möglichkeiten
für Mißverständnisse und Fehleinschätzungen verringert.
Noch größere Bedeutung kommt der Tatsache zu, daß ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) die sicherheitspolitische Landkarte Europas neu gestalten und der
sowjetischen militärischen Einschüchterung nicht nur Westeuropas sondern
auch
Osteuropas
Einhalt
gebieten
könnte. Die sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Osteuropa müßten auf
weniger als die Hälfte der Niveaus
reduzieren, über das sie noch zu Beginn des Jahres verfügten.

KSE würde auch der Perestrojka in der
Sowjetunion Vorschub leisten. Moskau
kann bei den konventionellen Streitkräften Milliarden einsparen, wenn es
einem KSE-Abkommen zustimmt.
Wenn Gorbatschow wirklich für Butter
statt Kanonen ist, dann sind die
KSE-Verhandlungen der sicherste Weg
zu umfangreichen Einsparungen.
Darüber hinaus würde ein Abkommen der
Welt eindeutig beweisen, daß Ost und
West das politische und militärische
Vermächtnis des kalten Krieges überwinden können.
Ein ungeteiltes und freies Europa bedeutet jedoch mehr als Rüstungskontrolle oder Abrüstung. Das Abkommen
von Helsinki sieht gemeinsame Maßnahmen zur Bewahrung der Menschenrechte
in Europa vor.
Die Sowjetunion und wir stehen vor
der Herausforderung, die Veränderungen in den Ländern hinter dem rostenden Eisernen Vorhang in den Griff zu
bekommen. Da sie alle den gleichen
unangemessenen stalinistischen Vorbildern folgten, waren sie in unterschiedlichem Maße von den gleichen
Krankheiten betroffen, die in der Sowjetunion Perestrojka erzwungen haben.
Diese Länder können jedoch
nicht alle gleich behandelt werden.
Einige - vor allem Ungarn und Polen haben eine mutige Abkehr vom traditionellen wirtschaftlichen und sogar
vom politischen System vollzogen.
In der DDR unternehmen die Bürger
selbst mutige Schritte. Wie ich bereits letzte Woche gesagt habe, ist
es für Glasnost und Perestrojka in
der DDR an der Zeit. Der Status quo
ist für die Bürger dieses Landes
ebenso inakzeptabel wie für die Völker Polens und Ungarns. Den Bürgern
der DDR kann in ihrem Land nicht immer und ewig das bessere Leben vorenthalten werden, das sie jetzt mit
ihrer Flucht in den Westen suchen.
Natürlich haben die Vereinigten Staaten und unsere NATO-Partner die deut6 -

�sehe Aussöhnung seit langem unterstützt. Das legitime Recht der Deutschen muß ihnen irgendwann zugestanden werden. Aber ich möchte eindeutig feststellen - Aussöhnung durch
Selbstbestimmung kann nur in Frieden
und Freiheit erzielt werden.
Die
Normalisierung muß auf der Grundlage
westlicher Werte mit dem Endergebnis
erfolgen, ein in die Gemeinschaft demokratischer
europäischer
Nationen
integriertes Volk zu sein.
Wir haben unsere Ansicht klar und
deutlich zum Ausdruck gebracht, daß
Europa niemals ungeteilt und frei
sein
kann,
wenn
die
sogenannte
Breschnew-Doktrin, die militärische
Intervention der Sowjetunion in die
verbündeten Länder des Warschauer
Pakts rechtfertigt, weiterhin ein
Prinzip der sowjetischen Außenpolitik
ist. Ohne ausdrückliche Abkehr von
dieser
Doktrin
haben
Staats- und
Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse erklärt, daß der
Einsatz von Macht zur Bestimmung des
politischen Systems anderer Länder
unzulässig ist. Ihnen zufolge soll
jeder Staat seinen eigenen Kurs wählen können. Ich würde diese Formulierung nur dahingehend modifizieren,
daß das Volk eines jeden Staates in
der Lage sein sollte, seinen eigenen
Kurs zu wählen.
In Polen konnten wir die Wahl eines
nichtkommunistischen
Ministerpräsidenten zum Vorsitzenden einer Koalition mit der kommunistischen Partei
beobachten, während dieses Land einen
Weg aus den Folgen des verheerenden
wirtschaftlichen
Mismanagements
sucht. Es ist eine beachtliche Entwicklung, die zu Hoffnungen berechtigt. Dem Volk voll verantwortliche
politische
Institutionen
sind die
einzige Garantie
für langfristige
Stabilität. Wir hoffen, andere Länder der Region folgen diesem Modell
des Wandels.
Wir versuchen, Reformen zu ermutigen,
damit diese Länder erneut ihren angestammten Platz als unabhängige Nationen erhalten und an der Erlangung ge-

sellschaftlicher und wirtschaftlicher
Fortschritte in einem europäischen
Kontext arbeiten können. Ebenso wie
bei Perestrojka in der Sowjetunion
müssen die grundlegenden Entscheidungen von diesen Ländern selbst getroffen werden. Von diesen Entscheidungen ausgehend können wir und unsere
Verbündeten in Westeuropa in drei
Phasen Hilfe anbieten.
Kurzfristig
können wir vor allem Nahrungsmittelhilfe bieten, mit der die unmittelbare Krise gemildert werden kann.
Durch den IWF und andere multilaterale Finanzinstitutionen können wir
mittelfristig eine Kombination von
Stabilisierung der Währung, Strukturreformen und wirksamer Schuldentilgung anbieten.
Langfristig können
wir die Schaffung eines Privatsektors
und Konditionen ermutigen und anregen, die einen Anreiz für Privatkapitalinvestitionen
zum
Wiederaufbau
dieser Volkswirtschaften bieten.
All dies wird nicht leicht sein.
Nach Jahren wiederholter Fehler ist
unser Vorrat erschöpft. Daher dürfen
wir die Fehler der siebziger Jahre
nicht erneut begehen. Unsere Hilfe
muß Hand in Hand mit wirksamen Reformen der Länder selbst und unterstützt
von der internationalen Staatengemeinschaft gezielt erfolgen.
Aus
diesem Grund hat der Präsident nach
seinem Besuch in Polen und Ungarn in
diesem Sommer um die Zusammenarbeit
mit unseren europäischen Verbündeten
bei der Erarbeitung eines solchen
Programms gebeten und eine entsprechende Zusage erhalten. Dieses Programm nimmt jetzt in Zusammenarbeit
mit unseren Partnern im Westen Gestalt an.
Die Vereinigten Staaten
müssen weiterhin der Katalysator bei
seiner Verwirklichung sein.
Eine letzte Bemerkung zum politischen
Wandel in Osteuropa. Wie ich bereits
festgestellt habe, befürworten wir
Fortschritte, die diesen Ländern ihr
Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit zugestehen. Präsident Bush hat
eindeutig klargestellt, daß wir die
Hinwendung zu Freiheit nicht ausnutzen werden, um die Sicherheit der So-

- 7-

�wjetunion zu beeinträchtigen.
Niemand - ich wiederhole - niemand profitiert davon, wenn der gesamte Trend
zu nützlichen wirtschaftlichen und
politischen Veränderungen in Gewalt
erstickt.
Aber alle werden profitieren, wenn
die Reformen in Osteuropa Erfolg haben.
Die Völker Osteuropas werden
profitieren, wenn die Fesseln des
Stalinismus gelockert werden.
Die
Westeuropäer profitieren, wenn ihr
Kontinent
erneut
ungeteilt
sein
wird. Gorbatschow und die Reformpolitiker werden profitieren, wenn das
Beispiel der Macht von Reformen in
Osteuropa Schule macht. Und wir werden profitieren, wenn wir den kalten
Krieg hinter uns lassen.

Beilegung regionaler Konflikte
Ein zweiter wichtiger Bereich beiderseitiger Vorteile betrifft regionale
Konflikte.
Jeder dieser Konflikte
birgt in gewissem Maße das Potential,
zum Schauplatz von Rivalitäten und
Spannungen zwischen den Supermächten
zu werden. Mit der Verbreitung von
Raketen und chemischen Waffen in diesen instabilen Regionen werden Konflikte in der Dritten Welt gefährlicher.
Regionale Konflikte werden
voraussichtlich schwieriger zu begrenzen sein, sich wahrscheinlich auf
mehr Länder ausweiten und anfälliger
für Eskalation sein.
Weder die Vereinigten Staaten noch
die Sowjetunion inmitten von Perestrojka haben ein Interesse daran, in
solche Konflikte hineingezogen zu
werden.
Wie Staats- und Parteichef
Gorbatschow vor kurzem sagte: "Vielleicht mehr denn je brauchen wir heute günstige Bedingungen im Ausland,
damit wir die revolutionäre und umfassende Aufgabe der Erneuerung der
sowjetischen Gesellschaft bewältigen
können." Die Beilegung von Konflikten in Mittelamerika, Afghanistan,
Kambodscha und Afrika würde den Sowjets sicherlich die Milliarden sparen, die sie jedes Jahr zur Unter-

stützung der Vasallenstaaten ausgeben. Dies ist ein Bereich, in dem
sich die Sowjets selbst helfen können. Und wir haben eindeutig klargestellt, daß wir bereitwillige Partner
sind - Partner, die der Tatsache
Rechnung tragen, daß die Beilegung
und Entschärfung regionaler Spannungen die Gefahren verringern kann, denen wir uns alle ausgesetzt sehen.
Reduzierung des Kriegsrisikos
Rüstungskontrolle ist der dritte Bereich, in dem wir gemeinsam mit Moskau Übereinstimmung anstreben.
Bei
unseren Bemühungen können wir mit den
Sowjets
zusammenarbeiten,
um
das
Kriegsrisiko zu mindern und die Kosten der Kriegsverhinderung zu senken.
Unsere Rüstungskontrollbestrebungen konzentrieren sich auf eine
Risikominderung, indem sie die Anreize für einen Überraschungsangriff
senken, nicht jedoch auf die Rüstungsreduzierungen selbst.
Deshalb
haben wir uns bei KSE auf Waffen wie
Panzer, Artillerie und Schützenpanzer
konzentriert, die für den Beginn und
die Durchführung einer Invasion am
besten geeignet sind.
Bei START
richten wir unser besonderes Augenmerk auf die Reduzierung der für einen Erstschlag am besten geeigneten
Waffen - wie die sowjetische SS-18 und fördern diejenigen, die stabilisierender und für einen Erstschlag
weniger geeignet sind, wie zum Beispiel Bomber. Wir sind von unserer
Forderung des Verbots mobiler Raketen
abgerückt, weil mobile Raketen bei
wirksamer Verifizierung die Überlebensfähigkeit verbessern und die Stabilität erhöhen.
Darüber hinaus versuchen wir, größere
Offenheit zwischen Ost und West zu
fördern, um Klarheit über Absichten
und Fähigkeiten zu gewinnen und Fehleinschätzungen abzubauen. In diesem
Sinne hat der Präsident seine Initiative der Offenen Himmel verkündet,
die von den Sowjets positiv aufgenommen wurde.

�Bei der Verfolgung dieser Rüstungskontrollziele hat diese Administration von ihren Vorgängern zu lernen
versucht. Wir sind am Ball geblieben
und arbeiten an Verträgen, die unser
Senat ratifizieren kann und die die
neuen amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in der Sicherheitspolitik
verifizierbar festklopfen. Diese Betonung auf realistischen verifizierbaren Abkommen lag unseren im Rahmen
von START vorgeschlagenen Maßnahmen
für
Verifizierung
und
Stabilität
ebenso zugrunde wie unserem Datenaustausch über chemische Waffen mit den
Sowjets - beiden Punkten haben die
Sowjets in Wyoming zugestimmt.
Wir haben ferner realistische Maßnahmen zur Aufnahme der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit getroffen,
um wachsenden Bedrohungen nicht nur
für die Ost-West-Beziehungen, sondern
auch für die internationale Sicherheit zu begegnen. Die vom Präsidenten bei den Vereinten Nationen verkündete
Initiative über chemische
Waffen wird zu schnelleren und drastischen Reduzierungen sowjetischer
und amerikanischer Arsenale führen.
Die Förderung von Perestrojka in der
Innenpolitik
Obwohl unser Schwerpunkt auf Elementen der Übereinstimmung in den drei
Bereichen Europa, regionale Konflikte
und Rüstungskontrolle liegt, richten
wir unser Augenmerk auch auf einen
vierten Bereich: Stärkung von Glasnost und Demokratisierung. Mit unseren Gesprächen stimulieren wir aktiv
den Aufbau pluralistischer Institutionen und Praktiken in der Sowjetunion. Unserer Ansicht nach ist die
Betonung der Rechtsstaatlichkeit in
den Schriften der Reformer ein positiver Schritt. Wir ermutigen die Sowjets, den Schutz des Individuums in
ihre Rechtsprechung und deren Anwendung aufzunehmen, wie sie es in der
Schlußakte von Helsinki zugesagt haben. Wir hoffen, mit unserem länderübergreifenden Dialog auch, die Sowjets an der Lösung internationaler

Probleme - insbesondere Umwelt - zu
beteiligen, wo sowjetisches Verhalten
nicht internationalen Maßstäben entspricht. Außenminister Schewardnadse
hat in Wyoming großes Interesse an
diesen länderübergreifenden Problemen
wie etwa der Erwärmung des Erdklimas
bekundet, und meiner Ansicht nach
kann amerikanisch-sowjetische Kooperation wirkungsvolleren internationalen Maßnahmen den Weg ebnen.
Schließlich haben wir einen fünften
Bereich der Übereinstimmung ausgemacht. Dieser letzte Bereich bezieht
sich auf die innenpolitischen Aspekte
der Perestrojka. Wir sind bereit, in
bestimmten
Bereichen
sowjetischer
Wirtschaftsreformen technische Hilfestellung zu leisten. Die Sowjets bewegen sich in unsicheren Gewässern,
experimentieren mit Märkten, wettbewerbsfähigen Unternehmen und realistischer Preisgestaltung, was wir
als
selbstverständlich
betrachten.
In Wyoming haben Außenminister Schewardnadse und ich intensive Gespräche
über den Charakter von Maßnahmen ge
führt, die eine Preisreform und damit
die Konvertierbarkeit des Rubels ermöglichen würden.
Die sowjetische
Führungsspitze zeigt eindeutig Interesse an unseren Ideen über ihre
Wirtschaftsreformen, und wir werden
unsere Gespräche über diese Themen
fortsetzen.
Diese Bereiche schaffen eine fruchtbare Grundlage, auf der sich Bereiche
der Übereinstimmung erschließen. Perestrojka bedeutet schließlich für
die Sowjetunion neue Möglichkeiten in
Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung - neue Normen, wenn Sie so wollen.
Wir tun keiner Seite etwas Gutes,
wenn wir unsere eigenen Maßstäbe lokkern und dabei glauben, der Reform
Vorschub zu leisten.
Aus diesem
Grund haben wir den Sowjets geraten,
ihre Veränderungen beim Ausreiseverfahren zu kodifizieren, so daß wir
Jackson-Vanik wie versprochen aufheben können.
Deshalb betrachen wir
Diskussionen über eine sowjetische

- 9-

�Mitgliedschaft im GATT oder anderen
Finanzinstitutionen
als
verfrüht.
Unser Ansatz zum Handel, der seine
Grundlage in unseren Erfahrungen mit
der Sowjetunion und anderen Ländern
hat, muß eine privatwirtschaftliche
Basis nahen. Ein für beide Seiten
vorteilhafter Warenhandel mit nichtstrategischen Gütern ist der beste
Weg zur Förderung der sowjetischen
Beteiligung an der Weltwirtschaft.
Zusammenfassung
Ich möchte an dieser Stelle zusammenfassen. Wir wünschen Perestrojka den
innen- und außenpolitischen Erfolg,
weil wir die Auffassung vertreten,
daß sie eine weniger aggressive Sowjetunion hervorbringen wird, die
keine Gewalt mehr anwendet und der
Demokratie weniger feindlich gegenübersteht. Eine Perestrojka, die nur
einen effizienteren und fähigeren Sowjetstaat hervorbringt, wäre in der
Tat ein ungemein starker und gefährlicher Konkurrent.
Aber ich denke nicht, daß Perestrojka
erfolgreich sein kann, ohne daß sie
Maßnahmen wie freie Marktwirtschaft,
Redefreiheit
sowie
Institutionen
fördert, die dem Bürger gegenüber rechenschaftspflichtig sind.
Und das
bedeutet eine demokratischere Gesellschaft, die Menschenrechte und Gesetze respektiert und Grundlage eines
konstruktiveren, weniger gefährlichen
sowjetischen Verhaltens im Ausland
sein könnte; eine Gesellschaft, die
keine Untertanen produziert, sondern
Bürger, die am politischen Prozeß
teilnehmen und eine Gesellschaft, in
der Bürger die Handlungsweise ibrer
Regierung in Innen- und Außenpolitik
mitbestimmen können. In solch einer
Sowjetunion werden die Menschen und
die Regierung den Äußerungen von Außenminister Schewardnadse zustimmen,
"eine Außenpolitik, die nicht offen
und erklärbar ist und nicht die Zustimmung des Volkes findet, ist unmöglich". Eine solche Regierung wird
innenpol. i tische Fortschritte als Er-

folge verbuchen können, nicht jedoch
eine Erweiterung ihrer Außenpolitik.
Aus diesem Grund verdient eine vorsichtige Politik der Suche nach gemeinsamen Vorteilen für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion unsere ernsthaften und eingehenden Bemühungen. Das ist der beste Weg, um
herauszufinden, ob das Versprechen
der Perestrojka in der Außenpolitik
erfüllt werden kann.
Ich möchte diese Betrachtungen über
Perestrojka und amerikanische Außenpolitik mit der Bekräftigung meiner
Überzeugung schließen, daß wir eine
in der Geschichte einmalige Gelegenheit haben, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen dauerhaft zu verbessern.
Diese Gelegenheit wurde
durch Aktivitäten beider Seiten hervorgebracht. Und wie Präsident Bush
erklärte: "Unsere Hoffnung zielt auf
echten Frieden ab, einen Frieden mit
Optimismus auf beiden Seiten, keinen
Frieden der bewaffneten Lager."
Worin besteht diese Hoffnung, dieser
gemeinsame Optimismus wirklich? In
einer Schließung gefährlichen Kluft
zwischen Ost und West, von der die
Weltpolitik nach dem Krieg entstellt
war. Es könnte neue amerikanisch-sowjetische Beziehungen geben, die Konkurrenzkampf wenn möglich durch einen
kreativen und kooperativen Ansatz bei
internationalen Problemen ersetzen.
Neue Beziehungen werden nicht durch
Rhetorik oder fromme Wünsche hervorgebracht, sondern durch die Realität
eines Europas, das ungeteilt und frei
ist und seinen inneren Frieden gefunden hat. Neue Beziehungen, im Rahmen
derer die Realität regionaler Konflikte schließlich gelöst wird, so
daß das Versprechen der Entwicklungen
einglöst werden kann. Neue Beziehungen, die einen dauerhaften Rüstungskontrollprozeß
hervorbringen,
der
mehr Sicherheit durch höhere Stabilität und größere Offenheit zu einem
geringeren Preis schafft. Und neue
Beziehungen, die vor allem zur Verwirklichung der Menschenrechte füh-

�ren, die Geburtsrecht
Menschheit sind.

der

gesamten

Eine solche Welt streben wir an.

* * * * *

- 11 i

*

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

VON

18. Oktober 1989

38

PROGRAMME FÜR DIE ARMEN IN AMERIKA
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

WASHINGTON
(AD) - Mit Hilfe der
als Teil des Sozialversicherungsgesetzes von 1935 eingeführten Sozialprogramme soll verhindert werden, daß
Amerikaner

unter

die

Armutsgrenze

fallen, indem sie für einen Teil des
durch Ruhestanr , Berufsunfähigkeit,
Tod oder Arbeitslosigkeit entfallenden Einkommens aufkommen.
Dennoch basieren diese Programme in
der Regel auf der Dauer der Berufstätigkeit und decken diejenigen Amerikaner, deren Jahreseinkommen unter
der staatlich festgelegten Armutsgrenze liegt, nicht angemessen ab.
Für deren Bedürfnisse sorgen eine
Reihe anderer Programme. Sie werden
von den Regierungen des Bundes, der
Staaten und Gemeinden und vielfach

United States Information Service
Embassy of the United States of America

auch mit privaten Spenden gefördert.
In den Vereinigten Staaten wird die
Armutsgrenze in der Regel definiert,
indem der Preis errechnet wird, zu
dem die tägliche Versorgung von Alleinstehenden und Familien mit den
preiswertesten und dabei ernährungsphysiologisch
besten
Lebensmitteln
sichergestellt werden kann.
Diese
Kosten werden mit drei multipliziert
- angesichts der Tatsache, daß Amerikaner durchschnittlich ein Drittel
ihres Einkommens
für Lebensmittel
ausgeben - und zu Beginn jedes Kalenderjahres inflationsbereinigt.
Im Jahr 1989 liegt die Armutsgrenze
für Alleinstehende bei 5 980 Dollar,
für eine zweiköpfige Familie bei
8 020 Dollar, für einen Dreipersonen-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�haushält bei 10 060 Dollar und für
eine Familie mit zwei Kindern bei
12 100 Dollar.

Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern
Die Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern (Aid to Families with Dependent Children
AFDC) - allgemein als "Weifare" bezeichnet - ist das umfangreichste und
kostenträchtigste zum Teil aus Mitteln der Bundesregierung finanzierten
Programme. Es handelt sich hierbei
um ein Vermögensabhängiges Programm,
das bedürftigen Familien helfen soll,
in denen ein Elternteil verstorben
ist, die Familie verlassen hat, behindert ist oder - in rund der Hälfte
aller Staaten - seinen Arbeitsplatz
verloren hat.
Die Staaten führen die Programme nach
den
Maßgaben
der
Bundesregierung
durch.
Die Kosten werden anteilig
von der Bundesregierung, den Staaten
und Gemeinden aufgebracht. Dabei beträgt der Anteil der Bundesregierung
an den Gesamtkosten für AFDC mindestens 50 Prozent. Er kann sich jedoch auf bis zu 83 Prozent belaufen,
da die weniger vermögenden Staaten
einen höheren Prozentsatz an Mitteln
der Bundesregierung erhalten.
Der Anspruch auf nach diesem Programm
vergebenen Mitteln ist in den einzelnen Staaten ebenso unterschiedlich
wie der Umfang der Leistungen. Nach
den Gesetzen der Bundesregierung muß
jeder Staat auf der Grundlage des
Mindestbedarfs
an
Lebensmitteln,
Kleidung und Unterkunft den "Grundbedarf" einer Familie ermitteln. Dieser Bedarf weicht aufgrund der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten der
einzelnen Staaten (die zum Beispiel
in Alaska besonders hoch sind) stark
voneinander ab.
Tatsächlich reicht
der von den Staaten sehr niedrig berechnete Bedarf nicht aus, um alle
Grundbedürfnisse zu decken, und deshalb kann eine Familie Leistungen aus
dem AFDC in Anspruch nehmen, wenn ihr

Bruttoeinkommen niedriger ist als 185
Prozent des Grundbedarfs. Damit kann
ein Teil des Familieneinkommens aufgefangen und etwa die für Fahrtkosten
und Kinderbetreuung anfallende Ausgaben berücksichtigt werden. Der Anspruch auf Mittel der Bundesregierung
endet für gewöhnlich mit dem 18. Lebensjahr des jüngsten Kindes.
Den Gesetzen der Bundesregierung zufolge müssen bestimmte arbeitsfähige
Empfänger von Familienhilfe - etwa
minderjährige Mütter mit Kindern über
3 Jahren - sich um einen Arbeitsplatz, Teilnahme am Schulunterricht
oder einen Ausbildungsplatz im Rahmen
einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bemühen .
Die monatlich unter AFDC gewährten
Leistungen betragen 1989 für eine
dreiköpfige Familie zwischen 118 Dollar in Alabama und 809 Dollar in
Alaska; der Landesdurchschnitt liegt
bei 306 Dollar. Dennoch können die
Empfänger zusätzliche Sozialleistungen ihrer Bundesstaaten in Anspruch
nehmen. Über 80 Prozent aller betroffenen Familien erhalten darüber
hinaus Lebensmittelmarken, mit denen
sie
Nahrungsmittel
zu
ermäßigten
Preisen kaufen können. Bei den Lebensmittelmarken liegt der Höchstbetrag zwischen 354 Dollar in Alabama
und 1 009 Dollar in Alaska, was einen
nationalen Durchschnitt von 570 Dollar ergibt.
Ferner erhalten die Empfänger dieser
AFDC-Leistungen automatisch kostenlose medizinische Versorgung unter dem
MEDICAID-Programm und unter Umständen
Wohnungsbeihilfe von der Bundesregierung oder dem jeweiligen Staat.
Im Jahr 1988 erhielten 11 Millionen
Empfänger AFDC Leistungen in Höhe von
17 Milliarden Dollar, Lebensmittelmarken, medizinische Versorgung und
Wohnungsbeihilfe nicht eingerechnet.
Von dieser Gesamtsumme stellte die
Bundesregierung 9,3 Milliarden Dollar
zur Verfügung, Staaten und Gemeinden
übernahmen den Rest.

�Zuschüsse für Einkommensschwache
Zuschüsse für Einkommensschwache
(Supplemental Security Income - SSI)
ist ein vermögensabhängiges Programm,
das mit dem Sozialversicherungsgesetz
von 1935 eingeführt wurde. Im Rahmen
des Programms werden Kindern und älteren
Menschen,
Behinderten
oder
Blinden, die über sehr begrenzte finanzielle Mittel oder ein geringes
Einkommen verfügen, festgesetzte monatliche Beträge gezahlt.
Die bar
ausgezahlten Leistungen werden aus
den Einnahmen der Bundesregierung,
nicht aus einem besonderen Treuhandfonds finanziert.
Für das Jahr 1989 beträgt die inflationsbereinigte
monatliche
Durchschnittsleistung 368 Dollar für einen
Anspruchsberechtigten, der über kein
anderes Einkommen verfügt und 553
Dollar für einen Zweipersonenhaushalt
ohne weiteres Einkommen.
Die medizinischen Voraussetzungen, um
SSI-Leistungen für Berufsunfähigkeit
zu erhalten, sind die gleichen wie
für Leistungen aus der Berufsunfähigkeitskasse
der
Sozialversicherung.
Im Rahmen von SSI werden keine Nachweise über Beru jtätigkeit verlangt,
aber es gibt Grenzen für Vermögenswerte - sie betragen 2 000 für einen
Alleinstehenden und 3 000 Dollar für
eine zweiköpfiee Familie, wenn der
Wert des bewol.iten eigenen Hauses unberücksichtigt bleibt. Wenn das Monatseinkommen des Betroffenen über
dem durchschnittlich gezahlten Betrag
liegt, kann er keine Leistungen in
Anspruch nehmen, wenn sein Monatseinkommen unter dem Durchschnittsbetrag
liegt, fallen die SSI-Leistungen entsprechend aus. Wenn zum Beispiel der
durchschnittlich gezahlte Betrag monatlich 368 Dollar beträgt, würde der
Empfänger eines Einkommens von monatlich 200 Dollar Leistungen im Umfang
von 168 Dollar erhalten.
Jeder, der aufgrund von Behinderung
oder Blindheit SSI beantragt, kann
darüber hinaus von dem Bundesstaat,
in dem er wohnt, zusätzliche Zuschüs-

se oder soziale Dienstleistungen in
Anspruch nehmen, einschließlich Beratung, Gesundheitsfürsorge, Lebensmittelmarken,
Facharbeiterausbildung,
Beschaffung von Arbeitsplätzen und
anderen Programmen - wie Haushaltshilfe oder Essen auf Rädern und Begleitdienste - mit denen er sich ein
Stück Unabhängikeit bewahren soll.
Im Jahr 1988 erhielten ca. 4,5 Millionen Personen SSI-Leistungen des
Bundes in Höhe von 11,4 Milliarden
Dollar und die Staaten stellten zusätzliche Dienstleistungen und Bargeldzulagen im Wert von rund 3,3 Milliarden Dollar bereit.

Nahrungsmittelhilfe
Das von der Bundesregierung finanzierte und von den staatlichen und
kommunalen Wohlfahrtsbehörden verwaltete Programm für Lebensmittelmarken
ist bei weitem das größte amerikanische Programm, mit dem den Einkommensschwachen Nahrungsmittelhilfe ge
währt wird. Lebensmittelmarken sind
dafür gedacht, die Kaufkraft für Nahrungsmittel berechtigter einkommensschwacher Haushalte aufzustocken, damit die ausgewogene, preisgünstige
tägliche
Ernährung
gewährleistet
ist. Die an diesem Programm Beteiligten müssen mindestens 30 Prozent
ihres monatlichen Einkommens für Lebensmitte Ikäufe aufwenden.
Die von den staatlichen und kommunalen Wohlfahrtsbehörden an die Einkommensschwachen verteilten Lebensmittelmarken werden von Gemüsehändlern
und Lebensmittelläden angenommen und
später bar von der amerikanischen
Bundesbank zurückerstattet.
Die Leistungen aus dem Programm stehen nahezu allen Haushalten zur Verfügung, denen der Staat ein begrenztes Monatseinkommen oder sonstigen
Finanzmangel bescheinigt, solange die
arbeitslosen Erwachsenen zwischen 18
und 60 Jahren zustimmen, sich als arbeitssuchend eintragen zu lassen und
an Beschäftigungs- und Ausbildungs3 -

�Programmen teilzunehmen, die darauf
abzielen, ihre Grundausbildung zu
verbessern.
Familienmitglieder, die
für kleine Kinder sorgen müssen, sind
von dieser Bedingung ausgenommen.
Um für die maximalen Leistungen des
Nahrungsmittelhilfsprogramms in Frage
zu kommen, dürfen Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Mitglied
nicht über anrechenbare Ressourcen
(wie Girokonten oder Aktien und Wertpapiere) verfügen, die über 2 000
Dollar (ausgenommen den Wert ihres
Hauses) liegen und ihr monatliches
Bruttogehalt darf 130 Prozent (im
Jahr 1989 inflationsbereinigt rund
1 310 Dollar pro Monat für eine vierköpfige Familie) oder alternativ ihr
Nettoeinkommen 100 Prozent der vom
Staat festgelegten Armutsgrenze nicht
überschreiten (im Jahr 1989 1 010
Dollar monatlich für eine vierköpfige
Familie).
Für Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Familienmitglied gilt nur die Bestimmung bezüglich des Nettoeinkommens und sie dürfen Guthaben von bis zu 3 000 Dollar
haben. Bei Personen, deren monatliches Hinkommen über diesen Höchstgrenzen liegt, werden die Leistungen
jeweils um 30 Cents pro Dollar des
anrechenbaren Einkommens gekürzt.
Empfänger der beiden größten finanziellen Sozilahilfeprogramme des Bundes und der Einzelstaaten - AFDC und
SSI - kommen ohne Berücksichtigung
ihrer Einnahmen oder Guthaben automatisch für Lebensmittelmarken in Frage.
Jüngsten Studien zufolge sind 50,8
Prozent aller Empfänger von Lebensmittelmarken Kinder und 8,4 Prozent
ältere Menschen über 60. Rund 4 Prozent der Empfänger sind ganztags beschäftigt und 21 Prozent der Haushalte verfügen über ein Einkommen aus
Erwerbstätigkeit.
Im Jahr 1988 betrugen die maximalen
Zuwendungen bei Lebensmittelmarken in
den meisten amerikanischen Einzelstaaten für eine vierköpfige Familie
300 Dollar und in Hawaii bis zu 457
Dollar monatlich.

Im Mai 1989 erhielten rund 18,8 Millionen Personen Lebensmittelmarken im
Wert von 1,065 Milliarden Dollar,
einschließlich Verwaltungs- und Verteilungskosten.
Auf das Jahr umgerechnet sind das über 20 Milliarden
Dollar.
Im Jahr 1988 betrugen die
Zuschüsse im Monatsdurchschnitt 50
Dollar pro Person und 130 Dollar pro
Haushalt.
Zwei weitere Nahrungsmittelprogramme
- die nationalen Schulspeisungsprogramme, die jeweils Frühstück oder
Mittagessen bereitstellen - bieten
den beteiligten
öffentlichten und
privaten Schulen sowie gemeinnützigen
Institutionen in Wohngebieten, die
Kinder verpflegen, Unterstützung in
Form von Geld und Nahrungsmitteln.
Jedes dieser Programme verfügt über
ein dreigliedriges Vergütungssystem,
das Kinder aus Haushalten mit Einkommen, die bei oder unter 130 Prozent
der Armutsgrenze liegen (im Jahr 1989
15 730 Dollar pro Jahr für eine vierköpfige Familie), zu freien Mahlzeiten berechtigt, Kindern aus Haushalten mit Einkommen zwischen 130 und
185 Prozent der Armutsgrenze (22 385
Dollar pro Jahr für eine vierköpfige
Familie) Mahlzeiten zu einem ermäßigten Preis anbietet und Kindern aus
Haushalten über 185 Prozent der Arrautgrenze einen kleinen Zuschuß zu
den Mahlzeiten gewährt.
Kinder aus Familien, die für AFDC in
Frage kommen, sind automatisch zu
kostenloser Schulspeisung berechtigt
und ca. 49,2 Prozent aller AFDC-Haushalte erhielten im Jahr 1988 Mahlzeiten kostenlos oder zu einem ermäßigten Preis.
Im Mai 1989 stellten 91 500 beteiligte Schulen kostenlose oder ermäßigte
Mittagessen im Wert von 372,5 Millionen Dollar für 23,5 Millionen Kinder
bereit.
Im gleichen Monat boten
40 800 Schulen 3,8 Millionen Kindern
kostenloses oder ermäßigtes Frühstück
im Wert von 60,2 Millionen Dollar an.
Andere,

von

der

Bundesregierung

im

�Mai 1989 unterstützte zusätzliche
Nahrungsmittelprogramme umfassen:
-

nahrhafte Mahlzeiten und "Imbisse" in Höhe von 63,1 Millionen
Dollar im Rahmen des Kinderfürsorge-Lebensmittelprogramms , einschließlich 43,5 Millionen Mahlzeiten, die
in gemeinnützigen
Kindertagesstätten außerhalb der
Wohngebiete und Unterkünften serviert wurden und 37,4 Millionen
in einkommensschwachen Familien;
angereichertes Essen im Wert von
124,6 Millionen Dollar an 4,2
Millionen Menschen im Rahmen des
besonderen
Nahrungsmittelprogramms für Frauen, Säuglinge und
Kinder;
Zuschüsse an die Bundesstaaten in
Höhe von 162,6 Millionen Dollar
im Rahmen des Nahrungsmittelüberschußprogramms
für
Säuglinge,
Kinder, Wöchnerinnen und stillende Mütter sowie ältere Menschen
in einkommensschwachen Familien;
Lebensmittelpakete im Wert von
4,8 Millionen Dollar an rund
140 100 Amerikaner indianischer
Herkunft, die in oder in der Nähe
von Reservaten leben;

-

25,5 Millionen Dollar an Lebensmitteln für andere bedürftige,
einschließlich armer und arbeitsloser Amerikaner.

Wohnung s we s en
Der Großteil der Wohnungsprogramme
des Bundes zielt heute auf Menschen
der untersten Einkommensschichten ab,
denen weniger als 50 Prozent des
mittleren Einkommens in ihrem geographischen Gebiet zur Verfügung stehen
sowie auf Personen, deren verfügbares
Haushaltseinkommen zwischen 50 und 80
Prozent des mittleren Einkoromens in
ihrem Gebiet beträgt.
Einkommensschwache Haushalte sind jedoch nicht
automatisch zum Bezug Bundeshilfen

berechtigt. Die Zahl der in Frage
kommenden Haushalte ist durch den Umfang der jährlich vom Kongreß für
diese Programme bewilligten Mittel
begrenzt.
Die beiden wichtigsten Bundesprogramme sind heute Wohngeld und Zuschüsse
zu Hypothekenzinsen, die vom Wohnungsbauministerium sowie der Wohnungsverwaltung
für Landwirte des
Landwirtschaftsministeriums
vergeben
werden.
Mit diesen Programmen können Wohnungsbauvorhaben unterstützt werden,
bei denen der private Hauseigentümer
Steuervergünstigungen erhält, wenn er
im Gegenzug eine bestimmte Anzahl von
Wohnungen für einkommensschwache Mieter reserviert.
Eine weitere Möglichkeit ist die Ausgabe von Berechtigungsscheinen, mit denen sich einkommensschwache Mieter auf dem freien
Wohnungsmarkt eine geeignete Wohnung
suchen können.
Mit den Wohngeldprogrammen wird die
vom Mieter zu zahlende Miete im allgemeinen auf einen bestimmten Prozentsatz - gegenwärtig 30 Prozent seines
Gesamteinkommens
begrenzt.
Dabei zahlt die Bundesregierung die
Differenz zwischen dieser Summe und
einer bestimmten Vergleichsmiete auf
dem freien Wohnungsmarkt. Durch diese Programme kann jedoch auch die
Höchstmiete begrenzt werden, die ein
Vermieter
verlangen kann.
Ferner
können die Zahlungen mit einer Formel
berechnet werden, die sich an den dem
Hausbesitzer gewährten Zinssubventionen orientiert.
Bei projektbezogenen Programmen können durch Bundessubventionen die Ka
pitalbaukosten abgedeckt, zinsgünstige Finanzierungen für den Bauherrn
bereitgestellt werden oder beides zusammen. Einige Programme subventionieren ferner die nach Fertigstellung
des Objekts anfallenden Betriebskosten.
Im

- 5 -

Jahr

1988

wurden

4,3

Millionen

�Wohnungen im Rahmen von Programmen
des Wohnungsbauministeriums sowie 1,2
Millionen weitere im Rahmen von Wohnungsbauprogrammen für den ländlichen
Raum subventioniert.
Insgesamt beliefen sich diese Subventionen auf 15
Milliarden Dollar.
Der Bevölkerungsstatistik des Jahres
1987 zufolge erhielten 29 Prozent der
einkommensschwachen Mieter - und 18
Prozent
aller
einkommensschwachen
Haushalte - in diesem Jahr Hilfe
durch Wohnungsprogramme. Dagegen erhielten 71 Prozent aller einkommensschwachen Haushalte mit schulpflichtigen Kindern kostenlose oder teilweise subventionierte Schulspeisung,
42 Prozent erhielten Leistungen aus
dem Medicaid-Programm und 40 Prozent
Lebensmittelmarken.

Hilfen für Obdachlose
Besondere Aufmerksamkeit wird denjenigen Amerikanern gewidmet, die zeitweilig
ohne ausreichende Nahrung,
Kleidung und Unterkunft sind.
So
ernst deren Lage jedoch sein mag:
Die Zahl der Obdachlosen macht weniger als zwei Prozent der 35 Millionen
Armen in den Vereinigten Staaten aus,
deren Gesamteinkommen unter der von
der Bundesregierung festgesetzten Armutsgrenze liegt.
Aufgrund einer im Jahr 1987 durchgeführten Studie über 1 700 Obdachlose
in
20
amerikanischen
Großstädten
schätzt das überparteiliche Urban Institute die Zahl der Obdachlosen auf
560 000 bis 680 000 Personen.
Ein im Jahr 1988 von der Beratergruppe für interministerielle Beziehungen
(Advisory Commission on Intergovernmental Relations) erstellter Bericht
geht davon aus, daß etwa ein Drittel
der Obdachlosen Familien mit Kindern,
ein Drittel geistig behindert und ein
Drittel alkohol- oder drogenabhängig
sind. Innerhalb dieser Hauptkategorien gibt es Personen, die arbeitslos
oder unterbeschäftigt sind (die Arbeitsplätze mit eingeschränkten Ver-

dienstmöglichkeiten
haben),
Haushaltsvorstände, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten benötigen, Militärveteranen, auf Bewährung freigelassene
Strafgefangene, Wanderarbeiter, Opfer
häuslicher Gewalt, jugendliche Ausreißer sowie Nichtseßhafte, um nur
einige zu nennen.
Die Bedürfnisse einiger dieser Personen können durch die Bereitstellung
von preisgünstigem Wohnraum befriedigt werden. Für andere jedoch ist
eine Wohnung allein nicht ausreichend.
Eine Kombination aus Unterkünften auf Zeit, richtiger Ernährung, sozialen Diensten, ärztlicher
Versorgung, psychologischer Beratung,
kommunaler Selbsthilfe und Institutionalisierung sind häufig nötig, um
den vielen Facetten des Problems der
Obdachlosigkeit gerecht zu werden.
Die meisten Bundeshilfen für die Unterbringung
Obdachloser werden im
Rahmen des Gesetzes aus dem Jahr 198 7
bereitgestellt, das Ubergangsbeihilfen auf Zeit durch Bereitstellung von
angekauften oder sanierten Wohnungen
auf Dauer für Behinderte, Wohngeld
für Ein-Zimmer-Einheiten wie "Fürsorge"-Hotels und Motels sowie den Bundesstaaten für Bau oder Anmietung von
Notunterkünften
gewährte
Zuschüsse
vorsieht.
Im Jahr 1988 bewilligte
der Kongreß 350 Millionen Dollar für
diese Programme.
Andere Hilfen für Obdachlose werden
hauptsächlich in Form von Geldzuwendungen oder öffentlichen Dienstleistungen vergeben - darunter Notunterkünfte, die Verpflegung, Betten und
Kleidung bereitstellen sowie Suppenküchen, die warmes Essen anbieten.
Selbstverständlich stehen den Obdachlosen all diese Dienstleistungen kostenlos zur Verfügung.
Ferner stellen die Regierungen von
Bund und Einzelstaaten den Obdachlosen über eine Reihe weiterer Programme erhebliche finanzielle Unterstützung bereit, darunter etwa Hilfe für
Familien mit unterhaltsberechtigten
Kindern, Lebensmittelmarken, Bereit-

�Stellung
von
landwirtschaftlichen
Überschüssen sowie durch an die Staaten zur freien Verfügung vergebene
Bundeszuschüsse für allgemeine Unterstützung im Rahmen der Sozialhilfe.
Jedoch erhalten nur 26 Prozent der
Träger von Dienstleistungen für Obdachlose staatliche Hilfen. Die meisten sind karitative Organisationen,
die ihre Tätigkeit aus Spenden von
Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen und kirchlichen Gruppen bestreiten.
Von den geschätzten 104,34 7 Milliarden Dollar, die im Jahr 1988 in den
Vereinigten Staaten für mildtätige
Zwecke gespendet wurden, wurden etwa
20 Milliarden Dollar für Gesundheits- und Pflegedienste verwendet ein Großteil davon für Eitikommensschwache und Obdachlose.

* * * * *
- 7-

�</text>
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