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'VON**

4. Oktober 1989
v

t

DIE SOWJETISCHE MILILTÄRMACHT 1989

- Achte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsminister!ums -

P
-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministeriuli) hat am 26.
Septemher 1989 eine 53seitige Zusammenfassung der achten Dokumentation über
die sowjetische Militärmacht veröffentlicht.

Im folgenden bringen wir wesentliche Auszüge aus der Zusammenfassung.

Die
sowjetische
Militärmacht
1989
analysiert die Gegebenheiten,
unter denen sich der Wandel in der
Sowjetunion vollzieht sowie die Auswirkungen
dieser Veränderungen auf
die militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion
und
das
militärische
Gleichgewicht zwischen Ost und West.
Generalsekretär Gorbatschow hat weitreichende Initiativen im Bereich der
Innen-, Außen- und Militärpolitik ergriffen, die einen entscheidenden Umschwung in der Strategie und Taktik
zur
Verwirklichung
der
nationalen
Ziele bedeuten.
Obwohl die Vereinigten
Staaten
die Evolution der Sowjetunion zu einer offeneren Gesellschaft und einer
Sowjetunion, die sich offenkundig de-

mokratischen Prinzipien verschreibt,
ermutigen, können sie nicht einseitig
auf sowjetische Initiativen reagieren, die noch in die Tat umgesetzt
werden müssen oder auf Vorschläge,
die - falls realisiert - leicht revidiert werden können.
Trotz Gorbatschows erklärter Verpflichtung zu einer defensiven Militärdoktrin fährt die Sowjetunion beispielsweise mit der Modernisierung
ihrer Streitkräfte und der Verbesserung ihrer Fähigkeiten fort.
Obwohl
einige Einheiten und Gerät aus Osteuropa abgezogen wurden, ist die Sowjetunion tatsächlich nach wie vor
die größte Militärmacht der Welt,
selbst wenn die von Generalsekretär
Gorbatschow versprochenen einseitigen

�Reduzierungen durchgeführt werden.
Generalsekretär Gorbatschow hat
darüber hinaus bekanntgegeben, daß
die Sowjets ihren Verteidigungshaushalt in den nächsten zwei Jahren um
14,2 Prozent kürzen werden.
Seit
1985 wurden die sowjetischen Verteidigungsausgaben jedoch in realen Zahlen um durchschnittlich 3 Prozent pro
Jahr aufgestockt, dagegen nahm der
amerikanische
Verteidigungshaushalt
im gleichen Zeitraum in realen Zahlen
um über 11 Prozent ab. Infolgedessen
sehen sich die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten nach wie vor mit
sehr umfangreichen, modernen konventionellen Land-, See- und Luftstreitkräften
sowie
mit
hervorragenden
strategischen und kriegsschauplatzgebundenen Nuklearstreitkräften der Sowjetunion konfrontiert.
Das herausragendste Merkmal der
sowjetischen Militärmacht heute ist
das außerordentliche Tempo, mit dem
sie ihre offensiven Nuklearstreitkräfte modernisiert.
Die Sowjets
stationieren die neuen silogestützten
schweren ICBMs des Typs SS-18 Mod 5.
Diese SS-18 sind jeweils mit mindestens zehn nuklearen Gefechtsköpfen
bestückt, sie verfügen über größere
Zielgenauigkeit und Nutzlast als frühere Versionen und verbessern die Fähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte zur Zerstörung gehärteter Ziele wie amerikanische ICBM-Silos.
Während die Vereinigten Staaten
noch mit der Entscheidung für eine
mobile Raketenstreitmacht und ihre
Finanzierung kämpfen, setzen die Sowjets die Stationierung der fünften
Generation mobiler ICBMs fort - rund
170 straßenmobile SS-25-Raketen und
etwa 18 schienenmobile SS-24, die mit
zehn Nukleargefechtsköpfen bestückt
sind. Die Stationierung dieser Systeme in großer Zahl hat die Überlebensfähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte der Sowjetunion beträchtlich erhöht.
Im vergangenen Jahr haben die Sowjets ferner die Zahl ihrer atomge-

triebenen BFK-U-boote (SSBN) erhöht,
indem sie die jeweils sechste Einheit
von U-Booten der TYPHOON- und DELTA
IV-Klasse vom Stapel gelassen haben.
Die bemannte
strategische Bomberstreitmacht der Sowjetunion disloziert weiterhin neue operative Einheiten der tfberschallbomber BEAR H
und BLACKJACK als Abschußplattformen
für ihre luftgestützten Marschflugkörper mit 3 000 Kilometern Reichweite.
Obwohl die Sowjets einseitig einige der NATO gegenüberstehende Landstreitkräfte abziehen, setzen sie die
Reorganisation und Modernisierung ihrer
Mehrzweck-Einsatzgruppe
fort,
verbessern die Führungs- und Fernmeldeeinrichtungen für diese Streitkräfte und betreiben Forschung und Entwicklung zukünftiger Generationen von
Waffensystemen.
Die Modernisierung der sowjetischen Landstreitkräfte wird im gleichen Tempo fortgesetzt, wobei die
Panzerproduktion weiterhin an erster
Stile steht.
Moderne sowjetische
Panzer wie der T-64, T-72 und T-80
werden den Streitkräften in solchen
Mengen zur Verfügung gestellt, daß
sie in weniger als zwei Jahren die
von den Sowjets angekündigten Panzerreduzierungen in Osteuropa mehr als
ausgleichen werden. Auch die sowjetischen Luftstreitkräfte werden weiterhin modernisiert, obwohl der Austausch älterer Systeme durch neuere,
leistungsfähigere Flugzeuge wie die
Su-27 FLANKER und Mig-31 FOXHOUND generell im Verhältnis von unter 1 zu 1
stattfindet.
Trotz der Verschrottung einiger
veralteter
Unterseeboote
hat
die
UdSSR eine zweite Fertigungsstraße
für die Produktion des atomgetriebenen und mit Marschflugkörpern bestückten Unterseeboots der AKULAKlasse eingerichtet.
Während das
Tempo
sowjetischer
Stationierungen
außerhalb des BUndnisgebiets abgenommen hat, wurde die sowjetische Flotte
um neue, größere Uberwasserkriegsschiffe - wie die Lenkwaffenzerstörer
der UDALOY- und SOVREMENNYY-Klasse,

- 2 -

�einen nukleargetriebenen Kreuzer der
KIROV-Klasse und einen Flugzeugträger
der KIEV-Klasse - erweitert. Bei den
sowjetischen Initiativen zur Reduzierung der Seestreitkräfte bleiben die
beiden neuen, gegenwärtig in der Ausrüstungsphase befindlichen Flugzeugträger der TBILISI-Klasse mit einer
Wasserverdrängung von 65 000 Tonnen
ebenso unerwähnt wie die Tatsache,
daß in Nikolajew bereits ein weiterer
Flugzeugträger auf Kiel gelegt worden
ist.
Es liegt daher auf der Hand, daß
trotz der dramatischen Veränderungen,
die sich in der Sowjetunion vollziehen und wohlmeinender Absichtserklärungen der sowjetischen Führungsspitze gegenüber den westlichen Demokratien die sowjetischen militärischen
Fähigkeiten nach wie vor eine große
Bedrohung unserer Sicherheit darstellen. Wir sollten Moskau ermutigen,
weiterhin eine Politik zu verfolgen,
die Pluralismus im In- und internationale Stabilität im Ausland fördert. Noch wichtiger sind jedoch unsere
kontinuierliche
Unterstützung
der erfolgreichen Strategie des Bündnisses und unsere gemeinsamen Sicherheitsbestrebungen, die sich auf eine
starke
militärische
Abschreckung
gründen, bis die Sowjets ihre Streitkräfte auf erheblich niedrigere Niveaus reduziert haben. Um die Erklärung der Staats- und Regierungschefs
der NATO beim Gipfeltreffen im Mai
1989 in Brüssel zu zitieren: "Friede
muß geschaffen werden; er ist nicht
selbstverständlich.
Das
erheblich
verbesserte politische Klima zwischen
West und Ost eröffnet Aussichten auf
einen stabilen und dauerhaften Frieden, aber die Erfahrung lehrt uns,
daß wir wachsam bleiben müssen."

Die sowjetische Verteidigungspolitik
- Strategie und Struktur
Militärpolitik
Die
politisch
Verantwortlichen
haben ein neues "vernünftiges und
ausreichendes Niveau" oder "ausrei-

chende Verteidigung" zur Bewertung
der sowjetischen Streitkräfte sowie
die neue Doktrin der "defensiven Verteidigung" für militärische Operationen vorgeschlagen. Die Interpretation dieser Prinzipien bleibt jedoch
umstritten und bietet breiten Raum
für Spekulationen bezüglich der zukünftigen Zusammensetzung der sowjetischen Streitkräfte.
Im Generalstab wird häufig der
Begriff der "ausreichenden Verteidigung" verwendet, um damit die Aufrechterhaltung einer offensiv ausgerichteten Verteidigungsfähigkeit zum
Ausdruck zu bringen, die durch offensive Gegenoperationen in der Tiefe
des gegnerischen Territoriums zu dessen Niederlage führen würden. Im Gegensatz dazu befürworten Gorbatschows
zivile Berater das Prinzip eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", das ihrer Ansicht nach die
Strukturierung der Streitkräfte für
eine defensiv ausgerichtete Verteidigung im strategischen und operativen
Bereich
beinhalten
würde.
Damit
könnten ein Aggressor zurückgeschlagen, aber Offensivoperationen auf
gegnerischem
Gebiet
ausgeschlossen
werden.
Die Debatte wird in Gorbatschows
Einbeziehung des "Konzepts zur Verhinderung eines Krieges" in die sowjetische
Militärdoktrin
ersichtlich. Obwohl die Sowjets erklärt haben, daß sie die Verhinderung eines
Krieges als vorrangig erachten, muß
das Konzept noch im Hinblick auf
Strategie
und
Streitkräftestruktur
definiert werden.
Der Generalstab
hofft, diesen Prozeß mit dem Ziel zu
beeinflussen, die Fähigkeiten für eine offensiv ausgerichtete Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Ein weiterer Streitpunkt ist der
Vorschlag, eine parlamentarische Aufsicht über Entscheidungen im militärischen und außenpolitischen Bereich
einzuführen. Bis heute war die Formulierung der nationalen Sicherheitspolitik in höchstem Maße zentralisiert, wobei den Militärexperten Vor-

- 3 -

�schlage zur Mannschaftsstärke und Optionen vorbehalten waren. Der sowjetische
Außenminister
Schewardnadse
hat öffentlich ein Verfahren befürwortet, mit dem die wichtigsten Entscheidungen im Bereich der Sicherheit
(darunter der Einsatz sowjetischer
Kampftruppen im Ausland, die Verteidigungspläne und der Verteidigungshaushalt) vorbehaltlich der Zustimmung durch die Kommissionen des Obersten Sowjets getroffen werden sollen.
Obwohl das Ergebnis von Diskussionen über Militärdoktrin und politische
Verfahrensweisen
letztlich
entscheidende Auswirkungen auf die
sowjetische Militärmacht haben könnte, werden diese Auswirkungen nur
dann ersichtlich, wenn sie Umfang und
Charakter der stationierten sowjetischen Streitkräfte verändern.

Kürzung der Militärausgaben und Verhandlungen
Im vergangenen Jahr kündigten die
sowjetischen Machthaber Kürzungen der
Militärausgaben und bei den stationierten Streitkräften der Sowjetunion
an. Damit sind die Auswirkungen von
Gorbatschows Initiative zur sowjetischen Miitärmacht nicht länger Spekulation, sondern erklärte Politik. Es
handelt sich jedoch noch nicht um eine vollendete Tatsache, und bezüglich
des Art der versprochenen Reduzierungen bleiben etliche Unsicherheitsfaktoren bestehen.
In seiner Rede vor den Vereinten
Nationen im Dezember 1988 gab Gorbatschow bekannt, daß in den kommenden
zwei Jahren Reduzierungen bei mehreren sowjetischen Gerätkategorien und
bei der Gesamtzahl der sowjetischen
Streitkräfte vorgenommen werden, einschließlich des Abzugs von sechs Panzerdivisionen und 5 000 Panzern aus
Osteuropa.
Anfang des Jahres 1989
verkündete Gorbatschow, die sowjetischen
Verteidigungsausgaben
würden
bis 1991 um 14,2 Prozent gekürzt.
Darüber hinaus haben die Sowjets ausgehandelte Reduzierungen bei den kon-

ventionellen Streitkräften in Europa
vorgeschlagen und damit im Prinzip
dem Gedanken eines Gleichstands zwischen den Streitkräften der NATO und
des Warschauer Pakts zugestimmt.

Neues Denken in der Außenpolitik
Auch die sowjetischen Diskussionen über die allgemeinen Ziele und
den bei ihrer Außenpolitik verfolgten
Ansatz waren in den vergangenen Jahren von Innovationen gekennzeichnet.
Die im Westen größte Hoffnungen wekkenden Erklärungen gingen so weit,
den Verzicht auf "jegliche Bedrohung
oder den Einsatz von Macht und Einmischung in die inneren Angelegenheiten
anderer Staaten unter jedem möglichen
Vorwand" anzukündigen. In seiner Rede vor den Vereinten Nationen sprach
Gorbatschow über die "vielfältigen
Optionen gesellschaftlicher Entwicklungen in den einzelnen Ländern" und
erklärte, "der Einsatz von Bedrohung
oder Macht kann und darf nicht länger
ein Instrument der Außenpolitik sein".
Eine Befolgung dieser Prinzipien
würde eine radikale Abkehr von der
bisherigen Politik der Sowjetunion
gegenüber Osteuropa und den anderen
Ländern erforderlich machen. Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan,
die Unterzeichnung des INF-Vertrags
sowie die Bereitschaft zu Verhandlungen
über
einen
konventionellen
Gleichstand in Europa berechtigen zu
Hoffnungen, daß die Sowjets tatsächlich ihre Sicherheitspolitik überdacht haben.
Eine Veränderung im Denken an
sich ist nicht zuverlässig nachprüfbar und kann durch noch neueres Denken überholt werden. Darüber hinaus
erfordert es Zeit, bis greifbare Auswirkungen des "neuen Denkens" bei den
sowjetischen
Streitkräften
spürbar
werden. Sollten die Sowjets eine Politik verfolgen, die tatsächlich auf
den Einsatz von Macht außer zur
Selbstverteidigung verzichtet, müßten
sie sehr viel umfangreichere Reduzierungen des sowjetischen Militärs vor-

�nehmen als bisher versprochen.
Die sowjetische Außenpolitik
Unter Gorbatschow hat die UdSSR
eine Außenpolitik verfolgt, die offensichtlich auf eine Erweiterung sowjetischer Kontakte und Einflußnahme
auf eine Vielzahl von Ländern abzielt
und gleichzeitig ihre regionalen Vasallenstaaten von einem Konfrontationskurs entmutigt.
Im Jahr 1989
gaben China und die UdSSR beispielsweise die Normalisierung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen sowie
den Abzug des Großteils der sowjetischen Truppen aus der Mongolei bekannt.
Bei demselben Gipfeltreffen
erörterten Funktionäre beider Parteien die beschleunigte Beendigung der
chinesisch-sowjetischen
Grenzstreitigkeiten und der Besetzung Vietnams. In Afrika spielten die Sowjets
eine hilfreiche Rolle bei der erfolgreichen, von den Vereinigten Staaten
vermittelten Schlichtung, die zum Abzug ausländischer Truppen aus Angola
und der Unabhängigkeit von Namibia
führte. In dem Maße, in dem diese
Initiativen eine Umkehr der sowjetischen Außenpolitik in Richtung auf
stille Diplomatie, verbesserte politische Beziehungen und den Abbau regionaler
Spannungen
widerspiegeln,
stehen sie im Einklang mit dem kürzlich von sowjetischen Regierungsvertretern verkündeten "neuen Denken" in
auswärtigen Angelegenheiten.
Obwohl das sowjetische Verhalten
in gewisser Weise eine gemäßigtere
Außenpolitik belegt, müssen Versprechungen eines radikalen Umbruchs in
den Ost-West-Beziehungen mit Vorsicht
genossen werden. Erstens kommen die
neuen sowjetischen Initiativen nicht
der Abkehr vom langfristigen Ziel der
Sowjetunion gleich, "das Streitkräftegleichgewicht" zu ihren Gunsten zu
verlagern.
Die UdSSR wird voraussichtlich weiterhin eine Ausweitung
ihrer Macht und ihres Einflusses auf
Kosten des Westens durch Diplomatie,
Wirtschafts- und Militärhilfe sowie

Unterstützung von den westlichen Interessen feindlich gesonnenen Bewegungen und Regime anstreben.
Beispielsweise hat die UdSSR einheimischen "nationalen Befreiungsbewegungen" ihre Unterstützung nicht versagt, obwohl die Unterstützung linksgerichteter Rebellen weltweit jetzt
indirekter und verdeckter erfolgen
könnte, wobei ein Großteil der Hilfe
über die sowjetischen Vasallenstaaten
geleistet wird. Ferner hat das "neue
Denken" Gorbatschow nicht davon abgehalten, die Militärhilfe an Nicaragua
von 280 Millionen Dollar im Jahr 1985
auf über 500 Millionen im Jahr 1988
aufzustocken. Darüber hinaus werden
Militärhilfe und Waffenverkäufe mit
Blick auf harte Devisen und regionalen politischen Einfluß weiterhin die
sowjetischen Beziehungen zu vielen
Entwicklungsländern beherrschen.
Zweitens zielen die sowjetischen
RUstungskontrollinitiativen zumindest
zum Teil auf eine Schwächung der
NATO, Verschärfung amerikanisch-europäischer Spannungen sowie die Unterhöhlung westlicher Militärprogramme
ab, während sie gleichzeitig die geplante Modernisierung und Entwicklung
der sowjetischen Streitkräfte schützen sollen.
Drittens
hat
der
sowjetische
Wunsch nach Abbau der Handelshemmnisse und größerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Westen teilweise
zum Ziel, den Zugang zu westlicher
Technologie und Finanzkrediten zu sichern, die ihnen bis heute verweigert
wurden.
Viertens sind die von Generalsekretär Gorbatschow angekündigten außenpolitischen Veränderungen Teil eines umfassenderen Programms politischer und wirtschaftlicher Reformen,
deren Erfolg in keiner Weise sichergestellt ist. Praktisch alle politischen Veränderungen könnten rückgängig werden, insbesondere wenn ein
Scheitern
von
Gorbatschows
Wirtschaftspolitik zu einer innenpolitischen Krise für das derzeitige Regime
führen könnte.

�Schließlich
ist es ungeachtet
wohlmeinender sowjetischer Erklärungen praktisch unmöglich, die sowjetischen Absichten auf lange Sicht genau
zu beurteilen. Noch gilt als sicher,
ob und in welchem Umfang die von Gorbatschow eingeleiteten jüngsten außenpolitischen Initiativen von seinen
möglichen Nachfolgern weitergeführt
werden.

Sowjetische Verbündete und Vasallen
Die sowjetische Politik des "neuen Denkens" und der Perestrojka hat
bei einigen osteuropäischen Machthabern und linksgerichteten Vasallenstaaten der Sowjets ein gewisses Unbehagen hervorgerufen, die für sie
ein Hindernis bei der Verwirklichung
ihrer eigenen innenpolitischen und
regionalen Ziele bedeutet.
Einige
osteuropäische
Politiker
sehen in
Gorbatschows Politik eine gefährliche
Freisetzung
latenter
nationalistischer Gefühle und Forderungen nach
größerer Freiheit und Konsumgütern,
während diese Politik für die sowjetischen Verbündeten und Vasallen in
der dritten Welt einer Bedrohung einheimischer Revolutionen, nationalistischer Interpretationen des Marxismus-Leninismus sowie der anhaltenden
politischen und militärischen Unterstützung
durch
die
Sowjetunion
gleichkommt.

Osteuropa
Während einige Formulierungen des
sowjetischen "neuen Denkens" über internationale Beziehungen die bisherige Politik gegenüber Osteuropa offensichtlich in Frage stellen, scheinen
die Sowjets entschlossen, ihre politische Vormachtstellung gegenüber den
Warschauer Pakt-Staaten aufrechtzuerhalten.
Moskau verfolgt im Hinblick auf
Osteuropa mehrere Ziele:
größeren Zusammenhalt und
lebensfähigkeit des Blocks;

Über-

verbesserte wirtschaftliche Integration;
ein akzeptables Niveau der Verteidigungsausgaben
sowie
die
Stärkung des politischen Apparats
des Pakts;
Bewahrung der Machtbefugnis der
kommunistischen Partei in allen
Ländern und
kontinuierliche Unterstützung der
sowjetischen Außenpolitik.
Die UdSSR strebt als Weg zu verbesserten Wirtschaftsleistungen Osteuropas langfristig die Erhöhung der
Sicherheit an. Ungeachtet von Moskaus Wunsch nach Gemeinschaftsunternehmen mit dem Westen und der dringenden Notwendigkeit zur Beschaffung
westlicher Technologie wird Osteuropa
weiterhin der Hauptlieferant für Industrieteile und Konsumgüter bleiben. Tatsächlich versuchen die Sowjets, größere Integration unter den
Mitgliedern des Rats für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe zu fördern. Dennoch
machen sich die gleichen in der UdSSR
zu
beobachtenden
Anzeichen
wirtschaftlichen Versagens in nahezu allen Ländern Osteuropas bemerkbar:
lange Schlangen von Verbrauchern stehen an, um schäbige Ausschußware zu
kaufen, die Umweltverschmutzung nimmt
überhand, Fabriken und Fertigungsprozesse sind veraltet, die Grundnahrungsmittel knapp, und all dies wird
noch durch die massive Auslandsverschuldung Polens und Ungarns und die
nur unwesentlich geringere Verschuldung anderer Länder verschärft. Einige Osteuropäer haben seit 40 Jahren
immer wieder versucht, Wirtschaftsreformen durchzuführen - zum Beispiel
Gomulka in Polen im Jahr 1956, Gierek
im Jahr 1970 und Kania im Jahr 1980 mit geringem Erfolg, vor allem da
wirtschaftlicher Wandel für gewöhnlich den sowohl für Moskau als auch
die anderen kommunistischen Machthaber inakzeptablen Versuch zu politischen Veränderungen beinhaltete oder
dazu führte. Dennoch lockern die politisch Verantwortlichen in Polen,

�Ungarn und der Tschechoslowakei die
Wirtschaftskontrollen erneut und gewähren größere politische Freiheit,
obwohl sie bei jedem Schritt Moskaus
Reaktion im Auge behalten. Die Sowjets haben den Osteuropäern jedoch
keinen definitiven Anhaltspunkt gegeben, wie weit sie gehen können.
Die
größtenteils
konservative
Führung in anderen osteuropäischen
Ländern, insbesondere der DDR und Rumänien, wollen wenig oder keine Veränderungen aus Angst, sie würden ihren Sturz bewirken. Die sowjetische
Herausforderung hier wird darin bestehen, wirtschaftliche und politische Reformen ohne eine Gefährdung
der kommunistischen Herrschaft zu ermutigen.
Trotz einiger beachtlicher Veränderungen in den Beziehungen zwischen
der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Verbündeten war die durch den
Prager Frühling ausgelöste Invasion
der Tschechoslowakei im Jahr 1968 eine Handlung Breschnews, die Gorbatschow nicht verurteilt hat. Obwohl
die Sowjets versprochen haben, die
"ungeschriebenen Seiten" in der sowjetisch-osteuropäischen
Geschichte
anzusprechen - und sogar indirekt zugegeben haben, daß die sowjetiche Geheimpolizei
für das Massaker an
10 000 polnischen Offizieren in Katyn
verantwortlich war - ist noch keine
Bestandsaufnahme des Prager Frühlings
oder seiner Folgen vorgenommen worden.
Im August 1988 wurden Demonstrationen zum Gedenken an den Prager
Frühling in Moskau und Prag gewaltsam
durch die sowjetische und tschechoslowakische Polizei aufgelöst und die
offizielle Haltung in beiden Ländern
lautet immer noch, der Prager Frühling sei eine durch westliche Provokation angestiftete, außer Kontrolle
geratenene Situation gewesen, die eine Invasion der Pakt-Staaten rechtfertigte. In seiner Rede vor dem Europarat im Juli 1988 erklärte Gorbatschow: "Jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten . .. , jeder Versuch die Souveränität von Staaten zu
- 7

begrenzen ..., ist unzulässig." Er
stellte jedoch auch fest, daß "die
Überwindung
der
Teilung
Europas"
nicht als ein Mittel "zur Überwindung
des Sozialismus" verstanden werden
sollte, was "einen Konfrontationskurs, wenn nicht noch Schlimmeres"
bedeuten würde.

Die sowjetische Regionalpolitik
Die Atlantische Gemeinschaft
Für Moskau bestand seit jeher ein
fundamentales strategisches Ziel in
der Abkoppelung der Vereinigten Staaten von ihren westlichen Verbündeten. Trotz der hohen Priorität, die
Gorbatschow den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen beimißt, ist Westeuropa nach wie vor ein Hauptschwerpunkt der sowjetischen Außenpolitik.
Eines der bevorzugten Themen des
Kremls ist die Notwendigkeit, ein
"gemeinsames Haus Europa" zu bauen,
das die Sowjetunion einbezieht. Verweise auf dieses Thema - ein Manöver,
das unter anderem dazu dient, die
Bindungen
innerhalb
der NATO zu
schwächen - zielen darauf ab, die Befürchtungen des Westens bezüglich sowjetischer Aggression zu zerstreuen
und die westeuropäische Unterstützung
für die NATO und für Verteidigungsausgaben zu lähmen.
Wirtschaftlich
hat Gorbatschow das Thema Gemeinsamkeit für Appelle zu erweiterter Zusammenarbeit benutzt und den Wunsch
der UdSSR nach verstärktem Ost-WestHandel, ungebundenen westlichen Krediten sowie der Lockerung von Restriktionen beim Technologietransfer
in den Ostblock unterstrichen.
Die Sowjets nutzen die durch den
INF-Vertrag in Bewegung geratene Situation, um auf weitere Rüstungskontrollmaßnahmen in Westeuropa zu drängen. Während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau im Oktober 1988 brachte Gorbatschow seine
Ablehnung gegenüber dem NATO-Plan zur
Modernisierung ihrer in der Bundesrepublik
Deutschland
stationierten

�Kurzstreckensysteme zum Ausruck. Die
sowjetische Ankündigung, 500 taktische Nukleargefechtsköpfe abzuziehen,
wurde zweifelsohne in der Absicht abgegeben, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO auszunutzen.
Darüber hinaus befürworten die Sowjets die Errichtung eines 300 Kilometer breiten Korridors in Mitteleuropa, der frei von nuklearen oder
chemischen Waffen sein soll und sowohl die Bundesrepublik als auch die
DDR einbezieht.
Während seines Besuchs in Dänemark im September 1988 führte Außenminister Schewardnadse Gorbatschows
Rede in Murmansk vom Oktober 1987
weiter aus, die eine Reihe von Vorschlägen zur nordeuropäischen Sicherheit und wirtschaftlichen Zusammenarbeit enthielt. Er schlug den Austauschbesuch von Kriegschiffen vor,
würdigte die in Dänemark und im übrigen Europa zur "nichtoffensiven Verteidigung" betriebene Forschung und
unterstützte Gorbatschows Konzept eines
"gemeinsamen
Hauses
Europa".
Schewardnadse
forderte
umfassende
wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den nordeuropäischen Staaten, mit allem, was solche
Zusammenarbeit für sowjetischen Zugang zu moderner Technologie bedeutet.
Bei einer Pressekonferenz in
Kopenhagen
stellte
Schewardnadse
fest, die vom Koordinierungsausschuß
für
ost-westliche
Handelspolitik
(COCOM) herausgebene Liste vom Export
in den Ostblock ausgeschlossener Produkte solle gekürzt werden, um den
Geist der Zusammenarbeit zwischen Ost
und West zu fördern.

Zusammenfassung
Die neue öffentliche Betonung von
Zusammenarbeit und Verhandlungen in
der sowjetischen Außenpolitik dient
einer Reihe von Zielen. Die Sowjets
hoffen wahrscheinlich, ihre Interessen und ihren Einfluß zu erweitern
und Unterstützung für Initiativen wie
Rüstungskontrolle und regionale Entnuklearisierung, besseren Zugang zu

modernen Technologien und zusätzliche
Wirtschaftschancen
zu
erhalten.
Schewardnadse hat eingeräumt, daß die
Aktivitäten der Sowjetunion in der
dritten Welt die Ost-West-Beziehungen
beeinflussen (zuvor hatte Moskau dieses "Junktim" zurückgewiesen). Die
wirtschaftlichen Kosten des sowjetischen Engagements in der dritten Welt
könnten auch zugunsten von Verhandlungen oder Zurückhaltung sprechen.
Darüber hinaus könnte eine weniger
provokative sowjetische Politik eine
Atmosphäre schaffen, in der die amerikanischen Verbündeten den Nutzen
der amerikanischen Militärpräsenz in
den jeweiligen Regionen in Frage
stellen.
Trotz des sowjetischen Anliegens,
nicht länger als Bedrohung sondern
als zur Zusammenarbeit bereit angesehen zu werden, hängt die von der Sowjetunion verfolgte Politik in hohem
Maße von den Umständen, Chancen und
der Politik anderer Länder ab.

Mittelvergabe für militärische Zwekke
Die sowjetischen Militärausgaben
Die Fortsetzung der traditionellen Mittelvergabe für militärische
Zwecke spiegelt sich in westlichen
Schätzungen der Militärausgaben unter
Gorbatschow wider, die belegen, daß
der gesamten militärische Kostenapparat seit 1985 in realen Zahlen um etwa 3 Prozent pro Jahr gestiegen ist.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung
sowie
RUstungsbeschaffung
haben in erster Linie zu der Kostenexplosion beigetragen.
Diese Zuwachsrate ist etwas höher als Anfang
der achtziger Jahre, obwohl sie offensichtlich keine Veränderung bei
den Verteidigungsausgaben unter Gorbatschow bedeutet. Der Zuwachs ist
vielmehr größtenteils auf die Einführung oder beschleunigte Produktion
einiger neuer Waffensysteme zurückzuführen, die sich bereits im Entwicklungsstadium
befanden, als Gorbatschow sein Amt antrat.
8 -

�Alle wichtigen Waffensysteme erhalten weiterhin umfangreiche Finanzierung.
Historisch gesehen haben
die Sowjets den größten Teil ihres
Beschaffungsetats für die Landstreitkräfte aufgewendet. Die Ausgaben für
diese Rüstungskategorie hielten sich
unter Gorbatschow auf einem relativ
stabilen, wenn auch hohen Niveau und
gestatteten es dem Militär, die umfassende Modernisierung seiner Landstreitkräfte fortzusetzen.
In der
Zwischenzeit sind die Beschaffungskosten der Seestreitkräfte drastisch
gestiegen, insbesondere bei Mehrzweck-U-Booten und größeren Überwasserkampfschiffen.
Die
steigenden
Kosten für neue Kampfflugzeuge spiegeln ihre technische Vervollkommnung
und Fähigkeiten wider, die ein niedrigeres Produktionsniveau gestatteten. Die Beschaffung taktischer und
strategischer Raketen hat zugenommen,
vor allem aufgrund der erhöhten Produktion von Boden-Luft- und ICBM-Raketen nach dem Tiefstand der Jahre
1984 bis 1986.
Die Sowjets haben in den vergangenen Jahren versucht, einige Militärausgaben zu kürzen. Die sowjetische Marine hat beispielsweise
wahrscheinlich als Reaktion auf sowohl wirtschaftliche als auch operative Erfordernisse - Operationen in
entfernt gelegenen Gebieten reduziert
und
die
Verschrottung
veralteter
U-Boote und Uberwasserschiffe beschleunigt. Berichten in der sowjetischen Militärpresse zufolge erhielten einige Landeinheiten konkrete Anweisung, den Verbrauch von Öl und anderen Ressourcen zu senken. Offensichtlich haben die Sowjets ferner
ihre Bemühungen verstärkt, die Lebensdauer einzelner Waffen zu verlängern. Dennoch werden diese Versuche
zu Einsparungen im militärischen Bereich durch die steigenden Kosten der
sowjetischen Waffenprogramme mehr als
wettgemacht.
Infolgedessen stiegen
die Militärausgaben schneller als das
Wirtschaftswachstum
insgesamt, was
einen Anstieg der Verteidigungslast
bedeutet.

Für
die
Zukunft besteht das
Schlüsselproblem des Westens in der
Frage, inwieweit die jüngsten sowjetischen Erklärungen über Kürzungen
der Militärausgaben zu einer echten
Verlagerung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe für militärische
Zwecke
führen
werden.
Oberflächlich betrachtet sind die sowjetischen Erklärungen Anzeichen einer neuen Bereitschaft, bisher als
geheim eingestufte Daten über militärische Aufwendungen freizugeben und
deuten die Aussicht auf drastische
Veränderungen bei den Militärausgaben
an.
Trotz dieser neuen, zur Schau
gestellten Offenheit sind die sowjetischen Erklärungen weit davon entfernt, auf ihre wirklichen Absichten
schließen zu lassen.
Die Eröffnungssitzung des sowjetischen Kongresses der Volksdeputierten Ende Mai, Anfang Juni 1989 erwies
sich als weitere Gelegenheit für Enthüllungen über Militärausgaben. Zum
ersten Mal legte Generalsekretär Gorbatschow den Gesamtumfang des Militäretats offen, der sich seinen Worten zufolge im Jahr 1989 auf 77,3
Milliarden Rubel belaufen wird. Er
behauptete, die Militärausgaben seien
1987-88 "eingefroren" worden, was zu
einer Einsparung von 10 Milliarden
Rubel geführt habe und schlug "bereits für 1990-91" eine Kürzung des
Militäretats um 14 Prozent vor, was
weiteren 10 Milliarden Rubel entsprechen würde. Ministerpräsident Ryschkow legte den Verteidigungshaushalt
vor, der zum ersten Mal nach solchen
Kategorien
wie
Waffenbeschaffung,
Forschung
und
Entwicklung, Mannschaftsstärke, Operationen und Instandhaltung sowie militärisches Bauwesen aufgeschlüsselt war. Ryschkow
zufolge strebt die UdSSR "bis 1995
eine Kürzung von einem Drittel bis
zur Hälfte des Anteils der Verteidigungsausgaben am nationalen Einkommen
an".
Obwohl die Sowjets betonten, sie
hätten den Verteidigungshaushalt "genauestens und im gesamten Umfang" be-

- 9 -

�rechnet, enthalten ihre Erklärungen
beachtliche Unstimmigkeiten und Diskrepanzen. Obwohl entschieden höher
als jeder zuvor verabschiedete Verteidigungshaushalt, erscheint Gorbatschows Zahl von 77,3 Milliarden Rubel unrealistisch niedrig in Anbetracht der zur Ausrüstung, Instandhaltung und Operation erforderlichen
Ressourcen für eine Streitmacht von
der Größe der sowjetischen.
Diese
Zahl entspricht in etwa der Hälfte
der westlichen Schätzungen Ober die
aktuellen sowjetischen Militärausgaben. Sie beläuft sich auf 9 Prozent
des sowjetischen Bruttosozialprodukts
(BSP), im Gegensatz zu den 15 - 17
Prozent des BSP, das der Westen für
die
sowjetische
Verteidigungslast
schätzt.
Für diesen enormen Unterschied
zwischen den von Gorbatschow für den
Verteidigungshaushalt
angegebenen
Zahlen und den westlichen Schätzungen
könnte es mehrere Gründe geben. Die
Schätzungen
des
Westens
könnten
schlicht und einfach zu hoch liegen.
Alle von westlichen Regierungsbehörden, Statistikern und privaten Forschungsinstituten unabhängig voneinander abgegebenen Schätzungen sind
jedoch entschieden höher als 77,3
Milliarden Rubel.
Darüber hinaus
wurde in einem Presseartikel eines
sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers vom Februar 1989 eingeräumt, es
sei "offensichtlich", daß die Verteidigungsausgaben "weit über 100 Milliarden Rubel pro Jahr betragen".
Ministerpräsident
Ryschkow
verwies
auf eine mögliche Quelle der Unstimmigkeiten, als er nach der detaillierten Aufstellung der Aktivitäten,
aus denen sich ihm zufolge der Verteidigungshaushalt zusammensetzt, zusätzliche Ausgaben in Höhe von 3,9
Milliarden Rubel für Weltraumprogramme für militärische Zwecke getrennt
aufführte. Dies könnte als repräsentativ für mehrere Ausgabenkategorien
gelten, die die Sowjets aus einem eng
ausgelegten
Verteidigungshaushalt
ausgenommen haben könnten.
- 10

Die Rüstungsindustrie
Die im Januar 1989 von Gorbatschow abgegebene Erklärung, die Waffenproduktion würde um 19,5 Prozent
gekürzt, ist ein Anzeichen dafür, daß
die sowjetische Führung zu einer Modifizierung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe kommen
könnte und mehr Ressourcen der Verteidigungsindustrie in die Modernisierung der gesamten Wirtschaftsbasis
leitet. Obwohl der Prozeß eines Abbaus der Waffenproduktion sich voraussichtlich bis weit in die neunziger Jahre erstrecken wird, werden die
Sowjets einen tatsächlichen Produktionsrückgang wahrscheinlich relativ
bald publik machen, um dem Westen gegenüber die Ernsthaftigkeit von Gorbatchows Absichten zu beweisen. Im
März 1989 wurde westlichen Journalisten beispielsweise die Besichtigung
einer Flugzeugfabrik in Moskau erlaubt, die Berichten zufolge zumindest teilweise
stillgelegt werden
soll.
Die Auswirkungen der Umrüstung
von militärischer in zivile Produktion bleiben jedoch noch abzuwarten.

Die sowjetische Mannschaftsstärke
Auch menschliche Ressourcen, die
zur Aufrechterhaltung der sowjetischen Macht ebenso wichtig sind wie
industrielle und technologische Ressourcen, bereiten der sowjetischen
Führung zunehmend Sorgen. Die Ankündigung einer Reduzierung der Mannschaftsstärke um 500 000 Mann wird
den Rückgriff auf nichtslawische insbesondere zentralasiatische - Minoritäten einschränken.
Mit diesem
Abbau wird die sowjetische Führung
Zeit gewinnen, um die Rolle anderer
Nationalitäten in den Streitkräften
neu zu bewerten und Methoden zu verbessern, die Moslems in das Militär
zu integrieren. Dies ist jedoch nur
ein zeitweiliger Aufschub. Das Bevölkerungswachstum und die sich ver-

�ändernde
ethnische
Zusammensetzung
stellen in absehbarer Zukunft Herausforderungen für die sowjetische Führung dar.

Perspektiven
Bis über das Jahr 1995 hinaus
werden die längerfristigen sowjetischen Entscheidungen bezüglich der
Mittelvergabe für militärische Zwecke
voraussichtlich
vom
Zusammenwirken
mehrerer Faktoren abhängen:
Fortschritte beim wirtschaftlichen Modernisierungsprogramm während des 13.
Fünfjahresplans, den Prognosen der
Führung bezüglich dem Stand der Modernisierung
ihrer
Streitkräfte,
technologischen Erfordernissen sowie
den militärischen Fähigkeiten des Westens. Wenn bis Mitte der neunziger
Jahre entscheidende Produktivitätsverbesserungen erzielt werden, könnten die Sowjets mit dem militärischen
Modernisierungsprogramm
fortfahren
und es vielleicht sogar beschleunigen, ohne Kompromisse bei der Modernisierung der Wirtschaft machen zu
müssen.
Falls sich die Wirtschaft
jedoch noch immer in einer Übergangsphase befindet - was wahrscheinlicher
ist - werden die Sowjets zwischen
zwei Optionen entscheiden müssen:
Aufschub umfangreicher militärischer
Modernisierungsprogramme durch Konzentration auf Projekte, die mehr
technologische Entwicklung und längere Vorlaufzeit erfordern oder Beschleunigung der militärischen Modernisierungsprogramme trotz der Auswirkungen, die dies auf langfristige
wirtschaftliche
und
militärische
Fortschritte haben würde. Die Antwort der sowjetischen Führung auf
dieses Dilemma wird über den zukünftigen Kurs der sowjetischen Bedrohung
entscheiden.

den kann und die strategischen Waffenarsenale abgebaut werden müssen,
stationieren die Sowjets weiterhin
neue Generationen von Interkontinentalraketen,
unterseebootgestützten
ballistishen Raketen und bemannten
strategischen
Bombern.
Zu diesen
neuen, entschieden fähigeren strategischen Nuklearsystemen gehören:
Die
außerordentlich
zielgenaue
SS-18 Mod 5 ICBM, die straßenmobile SS-25 ICBM und die schienenmobile und silogestützte SS-24
ICBM;
die
strategischen
BFK-U-Boote
(SSBN) der TYPHOON-Klasse mit
SS-N-20 U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern (SLBMs) und
SSBN der DELTA IV-Klasse mit
SS-N-23 SLBMs;
die mit luftgestützten Marschflugkörpern von 3 000 Kilometern
Reichweite bestückten bemannten
strategischen
Bomber
BLACKJACK
und BEAR H sowie
umgerüstete U-Boote der YANKEEKlasse und andere U-Boote, die
als Plattform für den Angriff von
Landzielen mit U-Boot-gestützten
Marschflugkörpern (SLCMs) dienen.

Verteidigungs- und

Darüber hinaus haben sich die sowjetischen Pläne für den Einsatz
strategischer Nuklearwaffen anscheinend trotz ihrer Behauptung bisher
wenig geändert, eine defensive Doktrin verabschiedet zu haben. Diese
Pläne stützen sich nach wie vor auf
zwei entscheidende Einschätzungen der
Sowjetunion: Erstens, daß sich der
Einsatz strategischer Nuklearwaffen
am ehesten aus einer Eskalation des
Einsatzes von nuklearen Gefechtsfeldwaffen in Europa ergibt und zweitens,
daß der beste Weg zur Schadensbegrenzung in einem Nuklearkrieg darin besteht, selbst zuerst anzugreifen.

Trotz öffentlicher Bekundungen,
daß ein Atomkrieg nicht gewonnen wer-

Im Rahmen der angekündigten defensiven Doktrin scheinen die Sowjets
die NATO betreffend weiterhin ein europäisches kriegsschauplatzgebundenes
Einsatzkonzept anzustreben, das davon

Strategische
Weltraumprogramme
Doktrin

- 11 -

�ausgeht, daß die NATO voraussichtlich
keine
strategischen
Nuklearwaffen
einsetzen wird, wie es in ihrer strategischen Doktrin der flexiblen Reaktion vorgesehen ist.
Eines ihrer
Ziele bei der Unterzeichnung des
INF-Vertrags scheint daher im Abbau
einiger Nuklearwaffen bestanden zu
haben, die - obwohl für den Einsatz
auf dem europäischen Gefechtsfeld bestimmt - ein Ausufern des nuklearen
Schlagabtauschs auf sowjetisches Territorium nicht unbedingt verhindert
hätten. Aus demselben Grund streben
sie weiterhin den Abbau aller nuklearen Kurzstreckensysteme in Europa
an, wie aus Gorbatschows jüngstem
Vorschlag ersichtlich wird, im Gegenzug zur Zustimmung der Vereinigten
Staaten zu Gesprächen über SNF-Kürzungen nukleare Kurzstreckensysteme
einseitig abzubauen.
In dem Versuch, Bedingungen zu
schaffen, unter denen ein Krieg zwischen den Bündnissen auf Europa beschränkt bleibt, betonen die Sowjets
zunehmend den abschreckenden Aspekt
ihrer strategischen Offensiv- und Defensivprogramme.
Diese Verlagerung
der Perspektive hat jedoch lediglich
zu Reduzierungen bei ihren Nuklearwaffenprogrammen geführt wie sie auch
der INF-Vertrag vorsieht. Obwohl die
Sowjets jedoch auf den abschreckenden
Aspekt ihrer Nuklearstreitkräfte verweisen, besteht das Grundkonzept ihrer Doktrin über strategische Nuklearwaffen in einer Fähigkeit zur strategischen Kriegführung, mit der dem
Gegner unter allen Umständen ein verheerender nuklearer Schlag zugefügt
werden kann. Trotz der angekündigten
defensiven Doktrin bleibt unter Bedingungen, bei denen der Einsatz von
Nuklearwaffen durch den Gegner sehr
wahrscheinlich ist, ein Präventivschlag die von den Sowjets bevorzugte
Option beim Einsatz nuklearer Waffen. Diese Angriffsoption bedeutet,
daß die Sowjets Nuklearwaffen in
Stellung bringen, wenn überzeugende
Beweise dafür vorliegen, daß ein Gegner einen nuklearen Angriff gegen die
Sowjetunion vorbereitet. Obwohl die
Sowjets argumentieren, daß ein Prä- 12

ventivschlag lediglich der Selbstverteidigung gegen einen drohenden Angriff dient, sollen damit doch Ziele
strategischer Kriegführung verwirklicht werden, und das heißt auch, daß
die Sowjetunion ihre strategischen
Raketen zuerst abfeuert.
Die Sowjets entwickeln und stationieren auch weiterhin strategische
Offensivstreitkräfte auf der Grundlage von vor zehn bis zwanzig Jahren
getroffenen Entscheidungen über die
Streitkräfteerfordernisse,
und
das
allgemeine Tempo dieser Modernisierung wurde nicht von den gegenwärtig
unter Gorbatschow geführten Diskussionen über nationale Sicherheitspolitik beeinträchtigt. Inwieweit diese Diskussionen
die Streitkräftestruktur der Zukunft beeinflussen,
bleibt abzuwarten. Die heute stationierten Systeme sind zunehmend präziser und überlebensfähiger. Die verbesserte
Uberlebensfähigkeit
zeigt
sich besonders deutlich in der Stationierung der schienenmobilen SS-24
und der straßenmobilen SS-25 ICBMs.
Die mobilen Systeme verbessern die
Fähigkeit zu Abschreckung und Kriegführung der strategischen Offensivstreitkräfte der Sowjets, indem sie
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß
sowjetische strategische Nuklearwaffen nach einem ersten Schlagabtausch
für Nachfolgeangriffe zur Verfügung
stehen.
Die Sowjets haben bei den STARTVerhandlungen Vorschläge unterbreitet, um die Anzahl der sowohl der Sowjetunion als auch den Vereinigten
Staaten zur Verfügung stehenden strategischen Nuklearsysteme zu reduzieren. Diese Vorschläge bestätigen jedoch nicht zwangsläufig eine Veränderung im sowjetischen Einsatzkonzept
noch beeinflussen sie die Fähigkeit
der Sowjets zur Verwirklichung ihrer
Ziele bei der nuklearen Kriegführung.

Implikationen
Das gesamte Spektrum von Themenkomplexen, die Rüstungskontrollen^

�Wicklungen, die mögliche Stationierung eines amerikanischen Systems zur
strategischen Verteidigung und das
Potential für Vorstöße in neue strategische Waffentechnologien betreffen
- sich aber nicht auf sie beschränken
- wird Einfluß auf Entscheidungen der
sowjetischen Führung zur Gestaltung
des künftigen strategischen Nuklearwaffenarsenals der Sowjets ausüben.
Hierfür lassen sich folgende Beispiele anführen:
START:
Es läge gegenwärtigen
Beurteilungen zufolge im Rahmen
des Möglichen, daß die Sowjets
einen START-Vertrag unterzeichnen
und im wesentlichen die Fähigkeit
aufrechterhalten, Schläge gegen
wichtige nukleare, andere militärische sowie politisch und wirtschaftlich relevante Ziele auszuführen.
Diese Fähigkeit ließe
sich aus verschiedenen Faktoren
herleiten, etwa aus einer möglichen Reduzierung der von den Sowjets anzugreifenden Anzahl amerikanischer gehärteter Ziele, der
verbesserten Fähigkeit neuer sowjetischer Nuklearsysteme wie etwa der SS-18 Mod 5 (auf der die
Anzahl der für jedes Ziel bestimmten Gefechtsköpfe reduziert
wird) und der verbesserten Uberlebensfähigkeit neuer strategischer Systeme der Sowjets.
SDI:
Da die Stationierung eines amerikanischen strategischen
Verteidigungssystems
sogar
mit
begrenzter Effektivität sowjetische Planungen zu einem Einsatz
strategischer Waffen komplizieren
würde, könnte eine solche Entscheidung der Vereinigten Staaten
dazu führen, daß die Sowjets die
Wirksamkeit ihrer Pläne zur strategischen Kriegführung einer Neubewertung unterziehen und möglicherweise
ihre
RUstungskontrollvorschläge
modifizieren.
Sowjetischen Erklärungen zufolge
würde ihre Reaktion sowohl quantitative als auch qualitative
Maßnahmen vorsehen.
Im Extremfall könnten die Sowjets zum Bei-

spiel eine größere Anzahl nuklearer Gefechtsköpfe stationieren,
um mit amerikanischen Verteidigungssystemen gleichzuziehen und
sie zu übertreffen. Darüber hinaus könnten die sogenannten "aktiven Instrumente" der Sowjets
wie Satellitenabwehrwaffen (ASAT)
und die "passiven Instrumente"
wie Köder und andere Mittel zum
Eindringen in der Absicht stationiert werden, die Uberlebensfähigkeit der sowjetischen strategischen
Streitkräfte
sicherzustellen,
die
Nuklearschlage
durchführen.

Kriegsschauplatzgebundene
streitkräfte

Nuklear-

Zielsetzung
Die sowjetischen Nuklearsysteme
mittlerer Reichweite - die straßenmobile SS-4 SANDAL und die SS-20 SABER
- bilden den integralen Bestandteil
der strategischen Nuklearstreitkräfte. Mit diesen Systemen können alle
weichen Ziele und Flächenziele in Europa angegriffen werden.
Entwicklungen bei den Streitkräften
Die SS-20 und die SS-4 zählen zu
den Raketensystemen, die nach den Bestimmungen des INF-Vertrages beseitigt werden. Der im Juni 1988 in
Kraft getretene Vertrag fordert, daß
beide Länder in einem Zeitraum von
drei Jahren alle landgestützten Nuklearraketen (Marschflugkörper eingeschlossen) mit einer Reichweite von
500 bis 5 000 Kilometer abbauen. Der
Vertrag betrifft darüber hinaus zwei
Raketensysteme kürzerer Reichweite,
die SS-12 und die SS-23.
Die Sowjets haben mit der Beseitigung der vom INF-Vertrag erfaßten
Raketen und Abschußvorrichtungen im
Juli 1988 begonnen. Vor den INF-Reduzierungen
umfaßten
die
SS-20
Streitkräfte 48 Stützpunkte, in denen
regulär 405 Raketen und Abschußvor-

- 13 -

�richtungen stationiert waren.
Die
SS-4 Streitkräfte setzten sich aus 96
vorbereiteten Abschußstellungen zur
Unterstützung von 60 stationierten
Raketen zusammen.

Implikationen
Bevor die Sowjets über die Vorschrottung ihrer SS-20 Streitkräfte
und damit über ein System verhandelten, das sie zu Beginn der siebziger
Jahre entwickelt hatten und 1977 zu
stationieren begannen, wogen sie seinen Wert gegen die Fähigkeiten von
Mittelstreckensystemen der Vereinigten Staaten und der NATO ab und
stellten Überlegungen darüber an,
welche Systeme unmittelbar verfügbar
waren, um die Verluste jeder Seite
auszugleichen. Auf der Grundlage ihrer Zielvorgaben und Einsätze der Nuklearstreitkräfte in Eurasien ist es
wahrscheinlich, daß die Sowjets zu
dem Schluß gelangten, die Beseitigung
ihrer
Mittelstreckenraketen
durch
Neuausrichtung anderer strategischer
und taktischer nuklearer Trägersysteme auszugleichen.
Zahlreiche Ziele
der SS-20 können auch von ICBMs und
SLBMs mit Unterstützung anderer Luftwaffenkomponenten getroffen werden.
Die ICBMs der Typen SS-11 und SS-19
werden zusammen mit allen in sowjetischen Bastionen stationierten SLBMs
bis Mitte der neunziger Jahre alle
Ziele abdecken können, wobei dafür
auch potentiell Raketen der Typen
SS-24 und SS-25 zur Verfügung stehen. Auch nach den Reduzierungen im
Rahmen des INF- und START-Vertrags
werden die Sowjets aufgrund der kontinuierlichen
Modernisierung
ihrer
strategischen
Streitkräfte
höchstwahrscheinlich in der Lage sein, ihre
wichtigsten mit taktischen, kriegsschauplatzgebundenen und interkontinentalen Waffen erreichbaren Zielvorgaben ebenso effektiv zu verwirklichen wie mit ihrem gegenwärtigen Arsenal strategischer Waffen. Darüber
hinaus sind sich die Sowjets auch der
Tatsache bewußt, daß der INF-Vertrag
zu Unstimmigkeiten im NATO-Bündnis
geführt hat.

Nuklearstreitkräfte
te

kurzer

Reichwei-

Zielsetzung
Das sowjetische Militär stationiert ein breites Spektrum nuklearer
Trägersysteme mit einer Reichweite
unter 1 000 Kilometern. Dazu zählen
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite (SRINF), die vom INF-Vertrag
abgedeckt werden. Gegenwärtig werden
insbesondere die SS-12 und SS-23 beseitigt. Der INF-Vertrag erfaßt weder Kurzstreckenraketen
mit einer
Reichweite von unter 500 Kilometern
noch Mehrzweckkampfflugzeuge oder Artilleriegeschütze. Trotz der Tatsache, daß der INF-Vertrag die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearsysteme
beseitigt, behalten die Sowjets eine
mehr als angemessene Fähigkeit, ihre
Landstreitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen zu unterstützen.
Obwohl sich die Streitkräftemodernisierungen der NATO voll und ganz
im Einklang mit dem INF-Abkommen befinden, hat Generalsekretär Gorbatschow diese Streitkräfteverbesserungen als Unterminierung des Vertrags
bezeichnet. Die Sowjets geben solche
Erklärungen ab, während sie die nach
dem INF-Vertrag abzuziehenden SS-23
durch Raketen des Typs SS-1 SCUD ersetzen, für die keine Beschränkungen
gelten.

Entwicklungen bei den Streitkräften
Das sowjetische Militär hat die
Reichweite und Zielgenauigkeit seiner
Kurzstreckenraketen
kontinuierlich
verbessert. Darüber hinaus hat es in
einigen Fällen SNF-Einheiten neu organisiert, um eine stärker zentralisierte Kontrolle und größere Flexibilität bei ihrem Einsatz zu gewährleisten. Das Militär hat zum Beispiel
Bataillone
von
Kurzstreckenraketen
auf Divisionsebene in dem Heer unterstehende Brigaden umorganisiert.
Darüber hinaus haben die Sowjets
ihre Absicht bekundet, fünf nach dem

- 14 -

�INF-Vertrag frei werdende Raketenstützpunkte in Basen umzuwandeln, auf
denen nach dem INF-Vertrag gestattene
SRBMs disloziert sind. Seitdem wurden BauaktivitMten und die Ausbildung
neuer Raketeneinheiten
auf diesen
Stützpunkten oder in ihrer Umgebung
beobachtet, auch in der DDR. Solche
Aktionen deuten möglicherweise auf
sowjetische Absichten hin, den Verlust ihrer SS-12 und SS-23 auszugleichen, die bis Dezember 1989 vollständig beseitigt sein sollten.

Implikationen
Trotz der von Gorbatschow angekündigten
Streitkräftereduzierungen
wird der Warschauer Pakt gegenüber
der NATO bei den Trägersystemen für
SRBMs einen erheblichen zahlenmäßigen
Vorteil (von 16:1) haben. Das trifft
auch für nukleare Artillerie (4:1) in
der Region vom Atlantik bis zum Ural
zu.
Verbesserungen bei Reichweite
und Zielgenauigkeit dieser Systeme
haben die Qualität sowjetischer Kurzstreckenraketen geteigert.

Technologie für traditionelle und modernste Verteidigung gegen ballistische Raketen fort. Das umfangreiche
sowjetische Programm passiver Verteidigungsmaßnahmen - einschließlich ziviler Verteidigung, Mobilität, Härtung und Redundanz - zielt darauf ab,
die Auswirkungen gegnerischer Nuklearschläge auf sowjetischem Territorium zu begrenzen. Obwohl nicht bei
all diesen Programmen schnelle Fortschritte zu verzeichnen sind, wurden
sie doch in den vergangenen zwanzig
Jahren
kontinuierlich
unterstützt,
was auf ein langfristiges Engagement
für die strategische Verteidigung
schließen läßt.

Luftverteidigungsstreitkräfte
Die Sowjets haben ihre Streitkräfte für die Luftverteidigung erheblich modernisiert und erweitert.
Zusätzlich zur Integration neuer Waffensysteme in diese Streitkräfte war
- nach jüngsten Verletzungen sowjetischen Luftraums - eine stärkere Betonung der Einsatzbereitschaft zu beobachten.

Strategische Verteidigung
Boden-Luft-Raketen
Zielsetzung
Nach Ansicht der Sowjets sind sowohl aktive als auch passive strategische Verteidigung entscheidende Bestandteile einer Militärdoktrin, die
darauf abzielt, im Falle eines Krieges den Schaden für die Sowjetunion
zu begrenzen. Das anhaltend starke
sowjetische Engagement für strategische Verteidigungsprogramme läßt sich
durch die Vielfalt der stationierten
oder im Stadium der Entwicklung befindlichen Defensivwaffen und den Umfang anderer aktiver und passiver
Verteidigungsfähigkeiten
ermessen.
Die Sowjets haben ein umfassendes
Luftverteidigungssystem
in Stellung
gebracht und eine ABM-Verteidigung um
Moskau stationiert.
Darüber hinaus
setzen sie in beeindruckendem Umfang
ihre Forschung und Entwicklung der

Die strategischen Boden-Luft-Raketen (SAMs) der Sowjets - die SA-2,
SA-3, SA-5 und SA-10 leisten die
Sperrpunkt-, Raum- und Objektverteidigung des Gebiets der Sowjetunion.
Seit 1985 ist der Zahl strategischer
SAM-Stellungen und ihrer Trägersysteme vergleichsweise konstant geblieben, dennoch hat ihre Einsatzfähigkeit mit der Stationierung der SA-10
erheblich zugenommen. Mit der Fähigkeit der SA-10, mehrere Ziele gleichzeitig anzufliegen und ihrer verbesserten Feuerkraft (vier Raketen pro
Trägerabschußfahrzeug)
wurde
die
Luftverteidigungsfähigkeit
der
Sowjetunion verbessert. Darüber hinaus
könnte sie eine begrenzte Fähigkeit
zum Abfangen einiger Wiedereintrittsflugkörper und Marschflugkörper besitzen. Gegenwärtig stellt das SA-10

- 15 -

�System etwa 15 Prozent aller strategischen SAM-Abschußvorrichtungen der
Sowjets.

Flugzeuge
Als Ergebnis der Mitte der achtziger Jahre erfolgten Reorganisation
sowjetischer
Luftstreitkräfte
und
Luftverteidigung
wurden
zahlreiche
Abfangjäger erneut den Luftverteidigungsstreitkräften unterstellt und in
sie eingegliedert. Die Sowjets stationieren ihre neueste und ausgereifteste Luftaufklärung und statten
ihre Abfangjäger damit aus. Zum Beispiel wurde im letzten Jahr die Zahl
von Flugzeugen der vierten Generation
mit Lookdown/Shootdown-Radar, wie etwa die MiG-31 FOXHOUND und Su-27
FLANKER durch FOXHOUND- und FLANKERFlugzeuge bei den Luftverteidigungsstreitkräften ergänzt, wobei die Zahl
der Flugzeuge aus der vierten Generation im Vergleich zu den über 2 000
Abfangjägern relativ gering ist. Bis
1994 wird die Hälfte des Luftverteidigungsinventars aus Flugzeugen der
vierten Generation bestehen, bis 1999
werden alle Flugzeuge der vierten
oder einer späteren Generation angehören. Die sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte stationieren auch
weiterhin ihr MAINSTAY AWACS, um die
Auffindungs- und Verfolgungsfähigkeiten zu verbessern. Die Sowjets verfügen gegenwärtig über mindestens 10
einsatzbereite Flugzeuge.

Passive Verteidigung
Das passive Verteidigungsprogramm
der Sowjets bildet einen wichtigen
Bestandteil eines integrierten Systems strategischer Verteidigung, mit
dem die Auswirkungen eines nuklearen
Angriffs gemindert werden sollen.
Die grundlegenden Ziele der passiven
Verteidigungsbestrebungen lauten: im
Krieg Kontinuität der Führung sicherstellen, die Wirtschaft schnell und
effektiv mobilisieren, die Industrieanlagen und die Arbeitskräfte schützen und eine glaubwürdige Wiederaufbaufähigkeit entwickeln.
Eine umfangreiche, redundante Reihe gehärteter Kommandoposten und Fernmeldeeinrichtungen und Ausweichquartiere für
alle wichtigen Kommandoeinheiten des
Militärs und des Partei- und Regierungsapparates
bilden die Grundlage
des passiven Verteidigungsprogramms
der Sowjets.

Implikationen
Nach sowjetischer Auffassung über
den Charakter eines Krieges sind Operationen zur strategischen Verteidigung eine der grundlegendsten Formen
militärischer Aktion, um einen feindlichen Luftangriff abzuwehren und
seinen Schaden zu begrenzen. Obwohl
ein einzelnes Element einer gestaffelten Verteidigung nicht unbedingt
in höchstem Maße effektiv sein muß,
streben die Sowjets durch Staffelung
eine insgesamt
sehr wirkungsvolle
Verteidigung an.

Verteidigung durch Raketenabwehr (ABM)
Seit Beginn der achtziger Jahre
haben die Sowjets das einzige einsatzfähige
Raketenabwehrsystem
der
Welt um Moskau herum stationiert.
Das modernisierte System wird in diesem Jahr teilweise einsatzfä'hig sein
und die Sowjets zum ersten Mal mit
einer doppelt gestaffelten Verteidigung außerordentlich wichtiger Ziele
im Gebiet um Moskau ausstatten.

Obwohl die Sowjets jetzt betonen,
daß ihre Militärdoktrin defensiven
Charakter hat, haben sie keine Erklärungen darüber abgegeben, wie sich
dies mit ihren strategischen Verteidigungsprogrammen vereinbaren läßt.
Der Umfang und Charakter ihrer Programme lassen darauf schließen, daß
die Fähigkeit der sowjetischen strategischen Verteidigung insgesamt weiterhin erheblich zunimmt.

�Weltraumstreitkräfte
Glasnost hat zu einer Vielzahl
neuer Berichte über das sowjetische
Weltraumprogramm geführt. Diese Berichte waren jedoch sehr selektiv und
spielen die vorwiegend militärische
Ausrichtung sowjetischer Weltraumsysteme und Operationen herunter. Der
größte Teil der in der Sowjetunion in
den letzten Jahren veröffentlichten
Informationen stellt das sowjetische
Weltraumprogramm als nichtmilitärisch
dar, rühmt aber gleichzeitig technologische Fortschritte und fördert sowjetische Bestrebungen, in den Markt
für die kommerzielle Nutzung des
Weltraums vorzudringen. Die Sowjets
haben offensichtlich keine Anstrengungen unternommen, um ihre militärischen Ziele im Weltraum zu verändern,
wie sie es bei einigen ihrer anderen
Streitkräfte zu tun vorgeben.
Die
Sowjets streben einerseits eine hinreichende Vormachtstellung an, um im
Weltraum optimale Unterstützung für
die Streitkräfte auf der Erde zu leisten und andererseits die Fähigkeit,
anderen Staaten die Nutzung des Weltraums zu verweigern.

Implikationen
Die Fähigkeit der Sowjets, ihren
Streitkräften auf der Erde militärische Unterstützung aus dem Weltraum
zu leisten, verbessert und erweitert
sich, ebenso wie die Fähigkeit zur
Stationierung von Nutzlasten in der
Erdumlaufbahn stetig. Die Fähigkeit
der Sowjets zur Durchführung von
ASAT- und ABM-Operationen ist nach
wie vor konkurrenzlos, und gleichzeitig werden in sowjetischen Einrichtungen Forschung und Entwicklung noch
fähigerer
Systeme
durchgeführt.
Glasnost muß jedoch noch auf die vielen wichtigen militärischen Aspekte
des
sowjetischen
Weltraumprogramms
eingehen. Sowjetische Dementis, daß
sie
Kosmonauten
für
militärische
Zwecke einsetzen und Systeme zur
Kriegführung im All besitzen, kommen
der Behauptung - vor Gorbatschows
Eingeständnis im November 1987

gleich, die Sowjetunion habe keine
SDI-ähnliche Forschung durchgeführt.
Solche widersprüchlichen Äußerungen
zu militärischen Weltraumprogrammen
und Zielsetzungen lassen Mißtrauen
über Behauptungen einer verteidigungsorientierten Militärdoktrin und
ein vernünftiges und ausreichendes
Niveau aufkommen.

Perspektiven
In der sowjetischen Doktrin wird
die Forderung nach einem strategischen Einsatzkonzept, das einen strategischen Nuklearangriff auf die Sowjetunion abschreckt und gleichzeitig
die
Fähigkeit
zur
strategischen
Kriegführung aufrechterhält, höchstwahrscheinlich
bestehen
bleiben.
Dennoch könnten die Entwicklungen bei
den verschiedenen strategischen Programmen langsamer vorangehen als in
den letzten zehn Jahren. Zum Beispiel werden die Sowjets weiterhin
die Effektivität ihrer strategischen
Waffen steigern und eine große Zahl
landmobiler
Systeme
stationieren,
aber sie scheinen es mit der Reduzierung des Umfangs der Gesamtstreitkräfte durch gemeinsame Abkommen mit
dem Westen ernst zu meinen. Die Reduzierungen stehen erwartungsgemäß im
Einklang mit den reduzierten Zielvorgaben, die mit den ausgehandelten
Veränderungen bei den Streitkräften
des Westens erreicht wurden. Die Sowjets haben eine ähnliche Bereitschaft bekundet, weitere Reduzierungen bei den kriegsschauplatzgebundenen Nukelarwaffen kürzerer Reichweite
vorzunehmen. Im Gegensatz dazu werden künftige Entwicklungen bei den
sowjetischen Streitkräften zur Verteidigung im Weltraum und bei den
Programmen zur passiven Verteidigung
im Einklang mit der bisherigen Praxis
stehen.

Mehrzweckstreitkräfte
Im Dezember 1988 hat die Sowjetunion die einseitige Reduzierung ihrer Soldaten und konventionellen Waf-

- 17 -

�fen im Laufe der nächsten zwei Jahre
angekündigt. Das bedeutet:
Eine Reduzierung der sowjetischen
Mannschaftsstärke um 500 000 Soldaten.
Eine
Reduzierung
sowjetischer
Streitkräfte in Osteuropa und im
europäischen Teil der Sowjetunion
(westlich des Urals) im Umfang
von 10 000 Panzern, 8 500 Artilleriegeschützen und 800 Kampfflugzeugen.
Im Rahmen dessen
werden zusätzlich 50 000 Soldaten
und 5 000 Panzer aus Osteuropa
abgezogen. Dies läßt sich teilweise durch den Abzug und die
Auflösung von sechs gegenwärtig
in der DDR stationierten Panzerdivisionen verwirklichen.
Erhebliche
Reduzierungen
der
Streitkräfte im asiatischen Teil
der Sowjetunion und Abzug sowjetischer Truppen aus der Mongolei.
Am 25. April 1989 haben die Sowjets mit einem Zeremoniell für die
Öffentlichkeit in Ungarn mit dem Abzug einer sowjetichen Panzerdivision
aus diesem Land offiziell ihren Rückzug angetreten.
Gleichzeitig haben
die Sowjets jedoch ihre Mehrzweckstreitkräfte neuorganisiert und modernisiert und treiben die Forschung
und Entwicklung neuer Waffengenerationen für diese Streitkräfte vehement voran. Trotz der von der sowjetischen Führung angekündigten einseitigen Reduzierungen müssen die Auswirkungen solcher Reduzierungen im
Hinblick auf künftige Fähigkeiten der
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte noch eingehend ausgewertet
werden.
Mit dem Beginn des Truppenabbaus
hat der Warschauer Pakt ein Zeitalter
potentiell weitreichender Veränderungen bei den Mehrzweckstreitkräften
eingeleitet - Veränderungen, die tatsächlich Auswirkungen auf Umfang,
Struktur und grundlegende Einsatzkonzepte
dieser
Streitkräfte
haben.
Traditionell haben die Sowjets ihre

Mehrzweckstreitkräfte
zusammen
mit
denen ihrer Verbündeten im Warschauer
Pakt an den sowjetischen Grenzen auf
Schauplätzen
von
Kriegshandlungen
(TVDs) stationiert und sie so strukturiert, daß sie schnelle Offensivoperationen durchführen können, um in
einem
konventionellen,
chemischen
oder nuklearen Umfeld Ziele in der
Tiefe des Kriegsschauplatzes erobern
zu können.
Seit Mitte des Jahres 1987 haben
die Sowjets jedoch öffentlich erklärt, ihre Streitkräfte seien "defensiv ausgerichtet" und ihre Militärdoktrin basiere auf einem "ausreichenden" und "vernünftigen Niveau
der Verteidigung". Die Sowjets verweisen darauf, daß die jetzt begonnenen Streitkräftreduzierungen den defensiven Chrakter ihrer Militärdoktrin besonders herausstellen.
Seit Ende der sechziger Jahre hat
sich die Struktur der sowjetischen
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte auf die Schaffung einer Fähigkeit zur Durchführung einer strategischen Operation auf dem Kriegsschauplatz konzentriert - eine massive Offensive mit verbundenen Waffen unter
nuklearen und nichtnuklearen Bedingungen bis in eine Tiefe von 1 500
oder mehr Kilometern. Dieser Schwerpunkt hat zu einer dramatischen Erhöhung des Umfangs der Streitkräfte und
ihrer Kampffähigkeit geführt. Dennoch zwingen bedeutende neue - und
auch die noch anstehenden alten Herausforderungen
die
sowjetische
Führung
zur
Neubewertung
dieser
Struktur im Hinblick auf ihre Pläne
für die neunziger Jahre.
Die traditionellen Probleme mit
der Führung auf mittlerer Ebene, Ausbildung, Disziplin und Moral im allgemeinen bestehen nach wie vor. Im
Feld demonstrieren die sowjetischen
Landstreitkräfte oftmals nur mittelmäßige taktische Leistungen, und bei
den Manövern handelt es sich häufig
um stereotype und schablonenhafte
Übungen.
Der sowjetische Generalleutnant und stellvertretende Leiter

�des Direktorats für die Kampfausbildung der Landstreitkräfte, V.N. Kasikow, beklagte kürzlich, die Leistung
kleiner taktischer Einheiten lasse zu
wünschen übrig. Er stellte darüber
hinaus fest, die Durchführung stereotyper Manöver habe die Ausbildung der
unteren Ränge wertlos gemacht, und
Beschränkungen für den Einsatz von
Gerät verhinderteten den richtigen
Umgang damit.
Ein erhebliches oft
von den Sowjets angeführtes disziplinarisches Problem ergibt sich vor allem durch die nach wie vor "fehlende
Regelung des Umgangs miteinander" ein Euphemismus für ein brutales System der Schikanierung neuer Rekruten
durch ältere Soldaten. Darüber hinaus werden oftmals die Fähigkeiten
und die Routine vieler Offiziere,
insbesondere die mangelnde Initiative
vieler
junger Offiziere, beklagt.
Obwohl diese Probleme zum großen Teil
schon seit langem bestehen, vertreten
die Sowjets im gegenwärtigen Zeitalter zurückgehender Personal- und Materialkapazitäten die Auffassung, daß
diese Umstände korrigiert werden müssen, um die kompetente und modernisierte Armee zu schaffen, die erforderlich ist, um sich den Herausforderungen der neunziger Jahre zu stellen.
Unter der Ägide eines als "militärische
Perestrojka"
bezeichneten
Programms leiten die Sowjets weitreichende Veränderungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Streitkräfte ein.
Die Sowjets erwarten, daß die von ihnen durchgeführten Veränderungen eine
modernisierte, kompetente und professionelle Armee hervorbringt, auch
wenn deren zahlenmäßige Stärke abnimmt.
Der General der Armee und
neue sowjetische Generalstabschef Michail Moisejew hat kürzlich bemerkt,
daß die "nächsten zwei Jahre für die
Streitkräfte und den Generalstab besonders wichtig und spannungsreich
sein werden". In der Zeit wird eine
grundlegende
Umstrukturierung
der
Streitkräfte, eine Umstrukturierung
militärischer
Ausbildungsprogramme
sowie wichtige organisatorische und
technische Veränderungen im Zusammen-

hang mit den angekündigten Streitkräftereduzierungen
stattfinden.
Moisejew wies ferner darauf hin, das
gesamte System der Kampfbereitschaft
müsse analysiert werden. Damit bezog
er sich auf die Auswirkungen, die eine Umstrukturierung auf die Mannschaftsstärke in Friedenszeiten, Mobilisierungsplanung,
Reservistenausbildung und den Umfang und Charakter
der Manöver haben wird. Er erklärte
ferner, das Führungssystem würde neuorganisiert und "auf eine neu automatisierte technische Grundlage" gestellt.
Darüber hinaus werden bei
Strategie, Einsatzführung und Taktik
drastische
Veränderungen
erfolgen.
Moisejew zufolge "wird eine neue
Theorie der Militärkunst ins Leben
gerufen".

Konzepte
zur
Kriegführung
kriegsschauplatzgebundenen Waffen

mit

Die von Gorbatschow und den
nichtsowjetischen
Warschauer
PaktStaaten
angekündigten
einseitigen
Truppenreduzierungen und die Reorganisation der Streitkräfte werden im
Falle ihrer Durchführung zum Teil eine Streitkräftestruktur und Veränderungen bei der Stationierung hervorbringen, die auf eine stärker defensiv ausgerichtete Strategie schließen
lassen. Sie bedeuten eine Reduzierung der militärichen Fähigkeit der
Sowjets, insbesondere im Hinblick auf
ihre nichtverstärkte Angriffsfähigkeit gegen die Region NATO-Mitte.
Dennoch zielen die Erklärungen auch
darauf ab, eines der wichtigsten traditionellen Ziele sowjetischer Außenpolitik zu untermauern: die mögliche
Auflösung der NATO und Beseitigung
von Einfluß und militärischer Macht
der Vereinigten Staaten auf dem Europäischen Kontinent. Moskau hofft daher, daß die Truppenreduzierungen
folgendes bewirken werden:

- 19 -

Im Westen - insbesondere in der
Bundesrepublik Deutschland - öffentlichen Druck für die Verpflichtung zu einem ebensolchen

�Streitkräfteabbau der NATO insgesamt oder einzelner Mitglieder
des Bündnisses in naher Zukunft
hervorzurufen.
Ihre Verhandlungsposition bei den
Gesprächen
über
konventionelle
Waffen zu stärken.
Die öffentliche Unterstützung für
die Entwicklung und Stationierung
technologisch hochwertiger Waffen, die Schläge in die Tiefe des
gegnerischen
Aufmarschgebiets
durchführen können, auszuhöhlen
und die geplante Modernisierung
der atomaren Kurzstreckenraketen
der NATO zu vereiteln.
Nach ihrer Verwirklichung werden
diese Kürzungen die Fähigkeiten der
sowjetischen Streitkräfte zur Durchführung eines Überraschungsangriffs
verringern und die vom Warschauer
Pakt zur Durchführung offensiver Operationen gegen die NATO benötigte
Vorbereitungszeit verlängern. Im Zuge einer erweiterten Aufrüstung wird
den Sowjets jedoch genügend Zeit zur
Verfügung stehen, um die Streitkräftemobilisierung, Vorbereitungen und
Vornestationierung zu einer verstärkten Kräfteverteilung vorzunehmen, von
der aus sie eine andauernde Offensive
durchführen können. Die heute schon
in vorgeschobenen Bereichen existierenden Lagerbestände werden den aus
der UdSSR zur Verstärkung herangeführten Einheiten zur Verfügung stehen.
Gorbatschow hat ferner eine einseitige
Reduzierung
der
atomaren
Kurzstreckensysteme
(SNF) angekündigt. Diese Kürzungen würden jedoch
lediglich zu einer 5prozentigen Verringerung des Gesamtbestandes sowjetischer SNF-Gefechtsköpfe führen und
nicht an die von der NATO seit den
siebziger Jahren vorgenommenen Reduzierungen heranreichen. Das Verhältnis sowjetischer zu amerikanischen
Gefechtsköpfen in Europa würde immer
noch 12 zu 1 betragen. Die von den
Sowjets bisher angekündigten SNF-Verringerungen würden lediglich den Be-

ginn einer Auseinandersetzung mit
denheute bei SNF bestehenden amerikanisch-sowjetischen Asymmetrien bedeuten und sowjetische SNF-Fähigkeiten
nur unwesentlich beeinträchtigen.
Gorbatschow hat außerdem einschneidende Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte an der chinesisch-sowjetischen Grenze und in der
Mongolei angekündigt. Diese Reduzierungen haben den Forderungen Pekings
nach einer sowjetischen Truppenreduzierung an der chinesisch-sowjetischen Grenze weitestgehend entsprochen und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern
beim chinesisch-sowjetischen Gipfel
im Mai 1989 - dem ersten seit drei
Jahrzehnten - beigetragen.

Chemische
rung

und

biologische

Kriegfüh-

Die UdSSR besitzt die umfassendsten
Fähigkeiten
zur
chemischen
Kriegführung in der Welt. Als Träger
kann sie nahezu alle konventionellen
Waffensyst eme von Morsern über taktische Langstreckenflugkörper bis zu
den
leistungsfähigsten
Flugzeugen
einsetzen.
Im Jahr 1987 gaben die
Sowjets zum ersten Mal den Besitz eines Arsenals chemischer Waffen zu.
Sie räumten einen Bestand von 50 000
Tonnen Kampfstoffen ein, bei weitem
der größte in der ganzen Welt. Es
wird jedoch angenommen, daß diese
Zahl noch erheblich unter dem Gesamtvorrat der UdSSR an offensiven chemischen Waffen liegt.
Die sowjetischen Fähigkeiten zum
Einsatz chemischer Kampfmittel werden
noch verstärkt durch ihre umfassende
Fähigkeit, sich in einem verseuchten
Umfeld zu schützen.
Dazu benutzen
sie besonders ausgebildete und ausgerüstete Einheiten. Die Sowjets verfügen über mehr als 60 000 Mann, die
auf Unterstützungsoperationen in verseuchten Gebieten spezialisiert sind
sowie über 30 000 Sonderfahrzeuge für
Operationen mit chemischen oder biologischen Waffen. Die Einsatzbereit-

�schaft dieser Truppen wurde durch eine Reorganisation verbessert, mit deren Hilfe offensive Operationen besser unterstützt werden sollen. Weitere Verbesserungen wurden durch ein
verstärktes Augenmerk auf Ausbildung
für Operationen in verseuchten Gebieten erzielt. Der Umfang dieser Fähigkeiten ist weit höher als aufgrund
der begrenzten Fähigkeiten jedes potentiellen Gegners der Sowjetunion im
Bereich der chemischen Kriegführung
notwendig wäre.
Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer chemischer Waffensysteme
wurden mit finanzieller und politischer Rückendeckung höchster sowjetischer Stellen weitergeführt. Die Sowjets haben Tausende chemischer Verbindungen zur Nutzung als Wirkstoffe
für chemische Kriegführung ausgewertet und parallel dazu neue Methoden
für ihre Verbreitung und mögliche
Waffen-Konfigurationen
untersucht.
Dieses Forschungsprogramm ist auf die
Überwindung von Schutzmaßnahmen seitens der NATO gerichtet.
Die Sowjets haben versucht, die
Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
von ihrem enormen Potential zur chemischen Kriegführung abzulenken, indem sie in öffentlichen Erklärungen
besonders auf den Bau ihrer Pilotanlage zur Vernichtung von Chemiewaffen
in Tschapajewsk verwiesen haben. Eine sowjetische Vernichtungsanlage wäre in jedem Fall zur Zerstörung lekker und überflüssiger Munition notwendig geworden, unabhängig von den
Bestimmungen eines Vertrags über Chemiewaffen. Viele von den Sowjets im
Jahr 1987 in Schikany als Teil ihrer
gegenwärtigen Bestände angemeldeten
Munitionsbestände
waren
eindeutig
veraltet und zur Zerstörung vorgesehen.

Bestandes
an
biologischen
nutzbar gemacht.

Waffen

Die Sowjets streiten weiterhin
ab, daß sie ein offensives Programm
zur biologischen Kriegführung unterhalten, aber es wurden Beweise erbracht, die nicht nur die Existenz
von Forschung und Entwicklung sondern
auch von biologischen Waffen untermauern. Der Unfall von Swerdlowsk im
Jahr 1979, der durch die Freisetzung
von Anthrax aus einem Institut für
biologische
Kriegführung
ausgelöst
wurde, lieferte solch einen Beweis
und einen eindeutigen Hinweis darauf,
daß die Sowjets die Konvention über
biologische Waffen aus dem Jahr 1972
verletzt haben.

Die konventionellen Luftstreitkräfte
Die sowjetische Luftwaffe besteht
aus drei Hauptelementen - den Luftarmeen des Obersten Befehlskommandos
(VGK), den Luftstreitkräften der Militärbezirke und Gruppen von Streitkräften
sowie
den
militärischen
Transportfliegern. Die Sowjets verbessern diese konventionellen Luftkomponenten durch Einführung neuester
Flugzeuge und Waffen zur Unterstützung offensiver Operationen. Während
der Ersatz alter Typen durch neue im
allgemeinen nicht im Verhältnis von
eins zu eins durchgeführt wurde und
sich damit der Nettozuwachs in Grenzen hielt, wurde die Qualität erheblich
verbessert.
Nachteile
bei
Reichweite, Waffenlasten und Avionik
werden bei den neuesten Flugzeugtypen
zunehmend wettgemacht.
Ferner verbessern die Sowjets ihre Führung der
Luftstreitkräfte,
insbesondere
auf
Gefechtsfeldebene.

Perspektiven
Die Sowjets verbessern weiterhin
ihre Fähigkeit zum Einsatz biologischer Wirkstoffe.
Neue biologische
Technologien, darunter die Gentechnik, werden zur Erhöhung von toxischer Wirkung, Stabilität und militärischem Potential des sowjetischen

Im Falle seiner Verwirklichung
bedeutet das unlängst von Generalsekretär Gorbatschow abgegebene Versprechen,
die
sowjetischen
Luftstreitkräfte westlich des Urals um
800 Flugzeuge zu verringern und die

- 21 -

�in der Mongolei stationierten sowjetischen Luftstreitkräfte zu "liquidieren", eine bedeutende potentielle
Reduzierung der Kampfkraft. Das Ausmaß der Veränderungen und die Kampfkraft der Luftstreitkräfte nach einer
solchen Reduzierung wird davon abhängen, welche Flugzeuge abgebaut werden
und was mit ihnen geschieht. Wenn
lediglich überschüssige oder ältere
Flugzeuge beseitigt werden, wird dies
nur
minimale
Auswirkungen
haben.
Falls andererseits eine große Zahl
von Langstreckenflugzeugen wie FENCER
und BACKFIRE wirklich aus dem Bestand
genommen, zerstört oder flugunfähig
in Depots gelagert (und nicht nur
verlegt) werden, wird die sowjetische
Fähigkeit zur Durchführung offensiver
Operationen
erheblich
verringert.
Kürzlich abgegebenen Erklärungen hoher sowjetischer Offiziere zufolge
werden einige moderne Flugzeuge beseitigt werden, darunter ein Großteil
Flugzeuge für den Bodenkampf.
Bis
heute wartet der Westen jedoch vergebens auf bedeutende Veränderungen in
Struktur oder operativer Stationierung der sowjetischen Luftstreitkräfte sowie auf bedeutende Veränderungen
bei den Beschaffungstrends.
Es gibt bis heute keinerlei Hinweise auf eine Reduzierung vorgelagerten Nachschubs für die Luftstreitkräfte wie etwa Flugzeugtreibstoff,
Munition und Ersatzteile.
Tatsächlich wurden in den letzten zehn Jahren die Bestände an Flugzeugtreibstoff erheblich aufgestockt. Landebahnen auf den Flugplätzen der Westlichen Gruppe von Truppen wurden verlängert. Die Munitionsbestände wurden ebenfalls, wenn auch nicht in
demselben Umfang, vergrößert. Diese
logistischen
Verbesserungen
werden
das Durchhaltevermögen der sowjetischen Luftstreitkräfte in vorgeschobenen Bereichen auch mit reduziertem
Fluggerät erhöhen.
Die Seestreitkräfte
Zielsetzung
Die mit zahlreichen sowohl kon- 22

ventionell als auch nuklear einsetzbaren Waffensystemen ausgerüstete sowjetische Marine ist ein wichtiges
Element der sowjetischen Streitkräfte.
Eine der höchsten Prioritäten
der sowjetischen Marine im Kriegsfall
besteht darin, die Verfügbarkeit ihrer mit ballistischen Raketen ausgerüsteten U-Boote (SSBNs) für strategische Schläge gegen interkontinentale und Gefechtsfeldziele sicherzustellen. Dies erfordert den Schutz
der SSBNs vor Angriffen durch die
westliche U-Boot-Abwehr. Die moderneren SSBNs der Klassen DELTA und
TYPHOON sind mit weitreichenderen und
zielgenaueren ballistischen Raketen
(SLBMs) bewaffnet und mit einer größeren Zahl von Raketen/Wiedereintrittsflugkörpern
ausgerüstet,
die
von sowjetischen Häfen und Küstengewässern aus Nordamerika erreichen
können. Dies bietet den Sowjets die
Option, solche Plattformen in Seegebieten nahe der sowjetischen Heimat
einzusetzen, in denen Mehrzweckschiffe, U-Boote und Flugzeuge mehr Schutz
bieten können. Für den Fall eines
größeren Konflikts erwartet Moskau
den umfassenden Einsatz der westlichen U-Boot-Abwehr gegen sowjetische
SSBNs. Als Ergebnis dieser Einschätzung werden sowjetische Plattformen
zur Abwehr von U-Booten und Uberwasserschiffen als lebenswichtig für den
Schutz der SSBNs während eines konventionellen oder atomaren Konflikts
betrachtet.
Die sowjetische Marine hat ferner
den Auftrag, die gegnerischen Marinestreitkräfte, die eine Bedrohung der
Sowjetunion, ihrer Verbündeten oder
ihrer
SSBN-Streitmacht
darstellen
können, zu neutralisieren. Um dieser
Aufgabe gerecht zu werden, stützt sie
sich auf einen Mix von Flugzeugen,
Uberwasser-Einheiten
und
U-BootPlattformen. Die Sowjets betrachten
die gegnerischen Flugzeugträgerverbände, amphibischen Streitkräfte und
mit seegestützten Marschflugkörpern
(SLCMs) ausgerüstete Uberwasserschiffe als Hauptbedrohung über Wasser,
während ihr Hauptaugenmerk bei der
U-Boot-Abwehr den westlichen SSBNs,

�mit SLCMs ausgerüsteten SSNs und den
zur U-Boot-Abwehr ausgelegten SSNs
gilt.
Ein weiterer wichtiger Auftrag
ist die Unterstützung der Landstreitkräfte der UdSSR und des Warschauer
Pakts. Dazu gehört die Bereitstellung von Flankenschutz für die Landstreitkräfte gegen einen Angriff gegnerischer Marine- und Amphibienkräfte
sowie Feuer-, logistische und amphibische Unterstützung von Landoperationen.
Die Entwicklung der sowjetischen Seestreitkräfte in der Ära Gorbatschow
In den vergangenen vier Jahren
unterlag die sowjetische Marine Veränderungen in Führung und Struktur.
Obwohl ältere Einheiten nicht im Verhältnis von eins zu eins durch moderne ersetzt werden, haben die qualitativen Verbesserungen bei diesen neuen
Einheiten jedoch eine noch schlagkräftigere Streitmacht zur Folge gehabt, überdies könnte es sich die
sowjetische Marine leisten, selbst
eine größere Anzahl veralteter Plattformen außer Dienst zu stellen ohne
die Kampfkraft erheblich zu beeinträchtigen.
Zusammenfassung
Die sowjetische Marine hat sich
zu einer zunehmend modernen Streitmacht entwickelt, die befähigt ist,
die Erfordernisse eines konventionellen oder nuklearen Krieges auf jedem
Niveau zu erfüllen. Es ist richtig,
daß eine geringere Anzahl von großen
Uberwasserschiffen und U-Booten der
neuesten Generation gebaut wird als
in den vergangenen Jahrzehnten, was
für die neunziger Jahre einen rückläufigen Trend in der Streitkräftestruktur bedeutet. Die verbesserten
Einzelfähigkeiten der neuen Schiffe
werden jedoch die zahlenmäßigen Reduzierungen bei einigen - jedoch nicht
bei allen - Aufträgen mehr als wettmachen.
Diese Reduzierungen beim

Produktionsausstoß
wurden
jedoch
schon vor den von Präsident Gorbatschow verkündeten Initiativen vorgenommen, und die künftigen Produktionszahlen sind ungewiß.

Die Streitkräfte für den
feldeinsatz: Perspektiven

Gefechts-

Die Sowjets besitzen umfangreiche, beeindruckende Streitkräfte zur
allgemeinen Verwendung, die zur Zeit
vornehmlich auf offensive Operationen
ausgerichtet sind. Die Sowjets haben
jedoch ihre Absicht bekundet, weitreichende Veränderungen vorzunehmen,
die
eine
Umstrukturierung
ihrer
Streitkräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept vorsehen. Die Einleitung
einseitiger
Truppenreduzierungen
könnte ein erster Schritt in diesem
Prozeß sein.
Gleichzeitig fordern die Sowjets
beiderseitige Reduzierungen des Warschauer Pakts und der NATO durch den
Rüstungskontrollprozeß als Mittel zur
vollständigen
Verwirklichung
ihrer
defensiven Doktrin. Sie haben in der
Öffentlichkeit
einen
schrittweisen
Ansatz vorgeschlagen, der letztlich
zu einer einschneidenden Reduzierung
der Streitkräfte von Warschauer Pakt
und NATO und zu einer Streitkräftestruktur führen wird, die den Sowjets
zufolge keiner Seite die Möglichkeit
läßt, für die Gegenseite eine offensive Bedrohung darzustellen.
Die Sowjets sind der Überzeugung
daß ihre einseitigen Reduzierungen
als Katalysator für die Verringerung
der militärischen Anstrengungen seitens der NATO und die Erlangung des
in ihren Rüstungskontrollvorschlägen
geforderten einschneidenden Streitkräfteabbaus dienen werden. Ob die
Sowjets im Rahmen der KSE-Gespräche
bereit sein werden, stark asymmetrische Reduzierungen zu akzeptieren und
das Ungleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa zu
behandeln, wird ein wichtiger Indikator dafür sein, wie ernst sie es mit
der Umstrukturierung ihrer Streit-

- 23 -

�die meisten um ein Mehrfaches
härter sind als die amerikanischen sowie ihr über die ganze
Sowjetunion
verteiltes
System
tief unter der Erde gelegener
Bunker für das Führungspersonal
und deren Unterstützungskader.

kräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept meinen.
Gegenwärtig leiten die Sowjets
Veränderungen ein, die auf eine dem
Umfang nach erheblich reduzierte sowjetische Streitmacht hinauslaufen,
die ihre Kampfkraft jedoch aufrechterhält oder sogar noch verbessert.
Man hofft, dies durch eine fortlaufende Modernisierung der Ausrüstung,
qualitative Verbesserungen bei Ausbildung, Führung, Moral und Disziplin
sowie durch eine Verbesserung der
Führung zu erreichen.

Besteht eine erhebliche Asymmetrie bei der Zahl abzudeckender
Ziele. Die Zahl der Ziele in der
UdSSR liegt etwa doppelt so hoch
wie die Zahl von Zielen in den
Vereinigten Staaten, die von den
sowjetischen
Planern
abgedeckt
werden müssen.
Dies bedeutet,
daß die Sowjetunion mit ungefähr
der gleichen Zahl von Gefechtsköpfen wie die Vereinigten Staaten in ihren Planungen davon ausgehen kann, daß sie nach einem
nuklearen Schlagabtausch mehr Gefechtsköpfe besitzt.

Das militärische Gleichgewicht
Durch statische Berechnungen
erfaßte Asymmetrien

nicht

Der Vergleich von Raketen mit Raketen und Bombern mit Bombern ist für
die
Bewertung
des
strategischen
Gleichgewichts nicht ausreichend. So
werden Bomber nicht gegen andere Bomber eingesetzt sondern gegen die
Luftabwehr, und strategische Streitkräfte bedrohen Ziele und Einrichtungen (zu denen unter anderem auch andere strategische Streitkräfte gehören). Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bestehen erhebliche Unterschiede bei strategischem Verteidigungspotential und den
Zielen. Zum Beispiel:
Unterhält die Sowjetunion das umfassendste
Luftverteidigungssystem und das einzige Abwehrsystem
gegen ballistische Raketen der
Welt.
Die Luftverteidigung der
Vereinigten Staaten ist dagegen
vergleichsweise
bescheiden
und
hauptsächlich auf Vorwarnung und
Einschätzung eines Angriffs ausgerichtet.
Legt die UdSSR ein Hauptaugenmerk
auf passive Verteidigungssysteme
zum Schutz einer Vielzahl wichtiger Einrichtungen vor amerikanischen Vergeltungsschlägen. Wichtige Beispiele dafür sind die gehärteten Raketensilos, von denen

Schließlich bestehen bei der Doktrin grundsätzliche Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion, und es wäre in diesem
Zusammenhang
gefährlich,
lediglich
spiegelbildliche Vergleiche anzustellen. Während beide Seiten ein militärisches Potential zur Abschreckung
einer
Aggression
aufrechterhalten,
liegt das Hauptaugenmerk der sowjetischen Doktrin und der Streitkräfteplanung seit jeher in der Erlangung
einer möglichst glaubwürdigen Fähigkeit zum Führen eines Atomkriegs im
Falle eines Versagens der Abschrekkung.
Die sowjetische strategische
Nukleardoktrin geht weiterhin davon
aus, daß präventive Schläge durchgeführt werden sollen, wenn dies als
notwendig erachtet wird. Obwohl die
Sowjets behaupten, sie hätten eine
neue defensive Doktrin eingeführt,
wird eine Umstrukturiereung der sowjetischen strategischen Streitkräfte
- unter Einbeziehung bedeutender programmatischer Veränderungen und einer
umfassenden Neuverteilung von Mitteln, die aus strategischen Programmen abgezogen werden - wahrscheinlich
mehrere Jahre in Anspruch nehmen,
wenn
sie
überhaupt
verwirklicht
wird.
Obwohl die Zukunft ungewiß

- 24 -

�ist, scheint es so, als ob die sowjetische Militärführung an ihrer Überzeugung festhält, daß ein "ausreichendes strategisches Niveau" auf der
Ebene der strategischen Atomstreitkräfte auf ihrer Fähigkeit beruht,
einen militärischen Vorteil gegenüber
ihren potentiellen Gegnern aufrechtzuerhalten.
Zusammenfassend lassen sich drei
das Gleichgewicht und die Stabilität
der Abschreckung beeinflussende Faktoren nennen: Erstens die erheblichen Unterschiede innerhalb der von
jeder Seite stationierten Streitkräfte. Zweitens die Verteidigungssysteme und Ziele, gegen die diese eingesetzt würden. Drittens die Militärdoktrinen und Grundsätze, die ihrer
Existenz zugrundeliegen und über ihren Einsatz entscheiden.
Letztlich beruht die Aufrechterhaltung der strategischen Abschrekkung auf der Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die Sowjets davon zu
überzeugen, daß sie sowohl die Mittel
als auch den Willen haben, auf jeden
sowjetischen Angriff gegen die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten
wirksam zu reagieren. Wie die Geschichte der vergangenen beiden Jahrzehnte jedoch beweist, ist Abschrekkung ein dynamisches Konzept. Unter
dem Blickwinkel der langfristigen und
dauerhaften Modernisierung der strategischen Streitkräfte durch Moskau
ist es vernünftig, anzunehmen, daß
die Sowjets weiterhin versuchen werden, das amerikanische nukleare Abschreckungspotential
zu
schwächen.
Deshalb müssen die Vereinigten Staaten bereit sein, mit angemessenen
Programmen zu reagieren und die notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln,
um ihr strategisches Abschreckungspotential aufrechtzuerhalten.

terstützung von Weltraumvorhaben unterhält.
Die von den Vereinigten
Staaten in Umlaufbahnen gebrachten
Systeme bieten im Frieden überlegene
Fähigkeiten. Um jedoch ihre Funktion
während eines Konflikts zu sichern,
müssen sich die Vereinigten Staaten
weiterhin um die Schaffung einer operativen ASAT-Fähigkeit, einer reaktionsfähigeren Fähigkeit zur Wiederherstellung von Weltraumsystemen sowie einer überlebensfähigeren Infrastruktur zur Unterstützung von Weltraumvorhaben bemühen.

Perspektiven
Heute ist die Wahrscheinlichkeit
eines Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
vielleicht geringer als jemals in der
Nachkriegszeit. Es steht ferner außer Frage, daß in der UdSSR bedeutende und in einigen Fällen dramatische
Veränderungen stattfinden. Zum Beispiel :

Das Gleichgewicht im Weltall
Die Sowjetunion ist gegenüber den
Vereinigten Staaten im Vorteil, weil
sie eine einzigartige ASAT-Fähigkeit
und eine solide Infrastruktur zur Un- 25 -

Wirtschaftlich hat die sowjetische Führung mit der Perestrojka
ein Programm in Angriff genommen,
mit dem sie ihre Wirtschaft in
einer Art und Weise umgestalten
möchte, die sich von den Lehren
des Marxismus-Leninismus scharf
abhebt.
Politisch experimentieren die Sowjets durch Glasnost mit bestimmten Elementen einer offenen Gesellschaft, darunter einem gewissen Maß an Redefreiheit und - zum
ersten Mal in 70 Jahren - Wahlen,
die den sowjetischen Bürgern eine
begrenzte Kandidatenauswahl gestatten.
Militärisch hat Generalsekretär
Gorbatschow bedeutende einseitige
Verringerungen bei den sowjetischen konventionellen Streitkräften angekündigt und weitere Kürzungen vorgeschlagen, die ernsthaft berücksichtigt werden sollten.
Er hat ferner erhebliche
Reduzierungen
im
sowjetischen

�Verteidigungshaushalt und bei der
Waffenbeschaffung
angekündigt.
Schließlich behaupten die Sowjets, sie rückten von einer offensiv ausgerichteten Militärdoktrin ab und wendeten sich einem
neuen Konzept zu, das sich auf
das "ausreichende Niveau" gründet.
Gesellschaftlich scheint die sowjetische
Führung
willens
zu
sein, ein größeres Maß an Toleranz gegenüber den zahlreichen
nichtrussischen
Nationalitäten
und Volksgruppen sowie gegenüber
der Religion walten zu lassen.
Diplomatisch
geht
Gorbatschows
Forderung nach einem "neuen Denken" mit einer Abkehr der Sowjets
von der Konfrontation mit dem Westen und der Hinwendung zu einer
Betonung von Verhandlungen als
Mittel
zur
Schlichtung
von
Streitfällen einher. Insbesondere sind der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan und die Bereitschaft Moskaus, den Staaten Osteuropas mehr
Freiheit bei der Lösung ihrer
Probleme
einzuräumen,
positive
Schritte zur Schaffung eines stabileren internationalen Umfelds.
So eindrucksvoll diese Veränderungen auch sein mögen, so ist es
doch nur natürlich, daß wir im Westen
uns fragen, warum sie gerade jetzt,
nach über 40 Jahren der Ost-WestSpannungen und über 70 Jahren kommunistischer Herrschaft in der Sowjetunion stattfinden.
Wir sind der
Überzeugung, daß die sowjetische Führung diese Maßnahmen durchführt, weil
sie mit zwei Grundbedingungen konfrontiert ist, durch die sie sich zu
Veränderungen veranlaßt sieht.
Die erste Bedingung betrifft den
inneren Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus. Dies gilt besonders für die sowjetische Wirtschaft,
in der die Sowjetunion eine Generation nach dem in der Nachkriegszeit
in Westeuropa und Japan vollendeten
Wiederaufbau immer noch unfähig ist,

in einem schnell wachsenden Weltwirtschaftssystem zu konkurrieren, die
Ernährung ihrer Bevölkerung sicherzustellen ohne auf die Einfuhr großer
Mengen von Nahrungsmitteln zurückgreifen zu müssen und aufgrund einer
unzulänglichen technologischen Basis
vollständig an der Revolution des Militärwesens zu partizipieren. Dieses
wirtschaftliche Versagen hat dazu geführt, daß die sowjetische Bevölkerung die ihrem politischen System zugrundeliegenden
Voraussetzungen
in
Frage stellt. Unter Gorbatschow kamen diese Zweifel in der Bereitschaft
der Führung zum Ausdruck, die Situation realistisch einzuschätzen und in
ihrer Entschlossenheit, sich mit der
Unfähigkeit des Kommunismus zur Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen politischen, militärischen
und wirtschaftlichen Ziele der Sowjetunion auseinanderzusetzen.
Ein zweiter wesentlicher Anreiz
für Veränderungen in der Sowjetunion
ist die über mehr als 40 Jahre hinweg
unter Beweis gestellte Entschlossenheit der westlichen Demokratien, allen sowjetischen Versuchen der Einschüchterung und Subversion zu widerstehen und die sowjetische Führung
davon zu überzeugen, daß jegliche
durch Gewalt möglicherweise errungene
Vorteile den damit einhergehenden
Preis nicht wert wären. Diese Festigkeit gründet sich auf unsere Entschlossenheit,
unsere
gemeinsamen
Werte der Demokratie, der Freiheit
des einzelnen und der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu bewahren und
kommt in einem robusten System der
kollektiven Sicherheit, einem starken
militärischen
Abschreckungspotential
sowie der Dynamik eines leistungsfähigen, innovativen Wirtschaftssystems
zum Ausdruck. Die Zeit hat die universelle Macht dieser Werte bewiesen. Heute bringen die Menschen in
den kommunistischen Staaten offen ihren Wunsch zum Ausdruck, an den Vorzügen der Demokratie, der Freiheit
und den wirtschatlichen Möglichkeiten
teilzuhaben.

- 26 -

Insgesamt beruht die gegenwärtige

�Entschlossenheit
der
sowjetischen
Führung, ihre wirtschaftliche Leistungskraft zu stärken, ihre Fähigkeit zu verbessern, in einem raschen
Veränderungen unterworfenen weltwirtschaftlichen Umfeld zu konkurrieren
und die Revolution in der Militärtechnik für ihre eigenen Zwecke auszunutzen, auf dem sowjetischen Eigeninteresse und der Entschlossenheit
westlicher Demokratien, ihre eigenen
Interessen vor sowjetischer Einflußnahme zu schützen.
Einige Fakten zu den jüngsten
wjetischen Maßnahmen sollten uns
Gedächtnis zurückrufen, daß die
wjetische militärische Bedrohung
weiterhin sehr real betrifft:

soins
souns

Selbst wenn die Sowjets die in
der Gorbatschow-Rede vor den Vereinten Nationen am 7. Dezember
1988 erwähnten Streitkräfte vollständig
abbauten,
wären
die
Streitkräfte des Warschauer Pakts
bei Panzern, Artillerie und Divisionen denen der NATO immer noch
2 zu 1 überlegen.
-

Trotz öffentlicher Hinweise auf
reduzierte Militärhaushalte gibt
Moskau immer noch geschätzte 15
bis 17 Prozent seines BSP für die
Verteidigung
aus, während die
Vereinigten Staaten hierfür weniger als 6 Prozent aufwenden.
Trotz
Gorbatschows
Vorschlägen
einer Kürzung des sowjetischen
Verteidigungshaushalts um 14, 2
Prozent sind die Verteidigungsausgaben seit 1985 jährlich real
um durchschnittlich 3 Prozent gestiegen. Im Vergleich dazu sind
die
Verteidigungsausgaben
der
Vereinigten Staaten seit 1985 real um 11,2 Prozent gesunken. Die
Sowjetunion wird also, selbst
wenn Gorbatschow seine Vorschläge
in die Tat umsetzt, nur mit unseren
eigenen
Ausgabenkürzungen
gleichziehen.
Obwohl wir uns darüber im klaren
sind, daß Veränderungen bei der
- 27 -

Herstellung
von
Rüstungsgütern
nur schrittweise erfolgen können,
bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion unter Gorbatschow
insgesamt im selben Umfang produziert wie unter seinen unmittelbaren Vorgängern.
Dabei fällt
besonders die anhaltende Modernisierung strategischer Systeme ins
Auge.
Die Sowjets stationieren
zum Beispiel weiterhin mobile
ICBMs der Typen SS-24 und SS-25,
zu denen uns die Entsprechung
fehlt.
Seit mehr als zehn Jahren modernisieren die Sowjets ihre Kurzstreckensysteme.
Sie haben zum
Beispiel die alten und nicht
zielgenauen
FROG-Systeme
durch
die moderne SS-21 ersetzt. Tatsächlich hat sich die Zahl der
Trägersysteme
für SS-21 unter
Gorbatschow mehr als verdoppelt.
Darüber hinaus ersetzt Moskau
seine SS-23 - die bei Einhaltung
des INF-Vertrages eigentlich zerstört werden müßte - durch SCUDRaketen. Als Folge dieser Modernisierung hat der Warschauer Pakt
bei den Kurzstreckenraketen gegenüber der NATO nunmehr einen
Vorteil von 16:1.
Die Sowjets erhielten kürzlich
viel Beifall, als Moskau seine
Absicht bekundete, 500 Nuklearwaffen ersatzlos aus Osteuropa
abzuziehen. Weniger bekannt ist,
daß die NATO in den letzten zehn
Jahren ihren erheblich geringeren
Bestand in Europa einseitig um
2 400
Nuklearwaffen
reduziert
hat. Das heißt, daß die Reduzierungen der Sowjets trotz wortgewaltiger Reden geringer sind und
ihr Restbestand erheblich umfangreicher ist als bei der NATO.
Trotz der Beteuerungen einer neuen Offenheit muß die Sowjetunion
im Hinblick auf Informationen
über Militärausgaben, Waffenbeschaffung,
Streitkräftestruktur
und Stationierung ihrer Streit-

�kräfte noch den westlichen Maßstäben gerecht werden.
Aufgrund
der
kontinuierlichen
Stationierung
enormer
Streitkräfte
und der unsicheren Ergebnisse der Reformpolitik müssen wir in dieser
Ubergangsphase gegenüber der Sowjetunion einen zweiteiligen Ansatz verfolgen. Dabei berücksichtigt der eine Teil die Bedeutung der kontinuierlichen Unterstützung unserer erfolgreichen Bündnisstrategie und kollektiven, auf einer starken militärischen Abschreckung basierenden Sicherheitsbestrebungen, bis wir einen
Abbau sowjetischer Militärmacht auf
ein erheblich niedrigeres Niveau beobachten. Der zweite Teil sieht vor,
daß wir Moskau bei politischen Maßnahmen unterstützen, die den demokratischen Pluralismus in der Sowjetunion und ein stabiles internationales
Umfeld fördern.
Die Vorsicht gemahnt, daß wir in
der Zwischenzeit unsere Verteidigung
beibehalten und abwarten, ob die sowjetischen Fähigkeiten zur Bedrohung
unserer Sicherheit sich mit den von
ihren bekundeten wohlmeinenden Absichten zur Deckung bringen lassen.
Unsere in diesem Jahrhundert insbesondere mit totalitären Staaten gewonnenen Erfahrungen haben immer wieder gezeigt, daß scheinbar freundschaftliche Beziehungen sich aufgrund
von Entscheidungen weniger mächtiger
Politiker blitzschnell ändern können. Dagegen verändern sich militärische Fähigkeiten sehr viel langsamer. Bis wir Klarheit darüber erlangen, in welches Sicherheitsstadium
wir eintreten, ist die Beibehaltung
unserer militärischen Stärke und politischen Entschlossenheit ein vergleichsweise niedriger Preis für die
Aufrechterhaltung unserer Sicherheit
und unserer Freiheiten.

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