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                  <text>AMERIKA DIENST
VON

4

20. September 1989

35

I N H A L T

DOKUMENTATION
Die amerikanische Außenpolitik In einer Zelt des Umbruchs
- Von Lawrence S. Eagleburger US-Handelspolitik setzt große Hoffnungen in Uruguay-Runde
- Rede der US-Handelsbeauftragten in London Baker; Neue US-Position zu mobilen Raketen
- Erklärung d:»s amerikanischen Außenministers -

HINTERGRUND
Die Verhandlungen über chemische Waffen
- Übersicht über die Bestrebungen zum Verbot chemischer Waffen Industrie und Regierung bekämpfen chemische Waffen gemeinsam
- Von Richard Clarke und Will Carpenter Die Vernichtung chemischer Waffen
- Ijbersicht über das Programm der Vereinigten Staaten Das amerikanische Forschungsprogramm zur biologischen Verteidigung
- Eine Übersicht des US-Informationsamtes -

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VoN

Dokumentation

^

35

20. September 1989

DIE AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK IN EINER ZEIT DES UMBRUCHS
- Von Lawrence S. Eagleburger -

Der Autor ist Stellvertretender Außenminister. Der folgende Artikel stützt
sich auf die am 13.September 1989 anläßlich der Gedenkfeier für Samuel D.
Berger in der Georgetown University in Washington gehaltene Rede.
Uns allen ist das Klischee bekannt, daß die Früchte des Sieges in
der Niederlage gesät werden.
Ein
Ausdruck dieser altbekannten Wahrheit
ist, daß Menschen ebenso wie ganze
Nationen fähig sind, aus ihren Fehlern zu lernen und die Lektion der
Niederlage auf ihr nächstes Rendezvous mit dem Schicksal anzuwenden.
Wir Amerikaner sind uns der dem
Erfolg immanenten Gefahren jedoch
meist sehr viel weniger bewußt. Wir
sind ein selbstbewußtes und optimistisches Volk und in unserer Einstellung zu internationalen Angelegenheiten tendieren wir dazu, uns auf die
Herausforderungen des Augenblicks zu
konzentrieren und den langfristigen
Aspekten
sowie der Notwendigkeit,
Vorsorge für eine im permanenten Um-

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bruch begriffene Welt zu treffen, wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts haben wir
zwei große Siege über die Mächte der
Aggression und des Totalitarismus davongetragen. Aber bei beiden Gelegenheiten haben wir es im Verlauf des
Konflikts versäumt, weit über das aktuelle Geschehen und die Aussicht auf
Sieg hinauszublicken und der Tatsache
Rechnung zu tragen, daß unsere Siege
an sich schon die Welt verändern und
uns mit einer Reihe neuer Probleme,
Herausforderungen und Verantwortlichkeiten konfrontieren würden.
Fairerweise muß jedoch gesagt
werden, daß die Vereinigten Staaten
tatsächlich eine wichtige Lehre aus
den bitteren Erfahrungen der Zeit
zwischen den beiden Weltkriegen gezo-

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�gen haben, und zwar die Erkenntnis
der Notwendigkeit einer aktiven Rolle
der Vereinigten Staaten und die Übernahme von Verantwortung bei der Bewahrung des internationalen Friedens
und der Stabilität. Zum dritten Mal
in diesem Jahrhundert riskieren wir
heute jedoch, Opfer unseres eigenen
Erfolges zu werden. Wir vernehmen
von allen Seiten, daß der als kalter
Krieg bekannte gnadenlose ideologische und militärische Machtkampf zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion jetzt zu Ende geht. Und
wir hören, daß dieser Krieg im großen
und ganzen zu unseren Bedingungen zu
Ende geht.
Obwohl ein Großteil der Diskussionen über dieses Thema meines Erachtens verfrüht ist, besteht kein
Zeifel daran, daß wir in eine neue
Ära internationaler Beziehungen eintreten, die größtenteils das Produkt
unserer erfolgreichen Nachkriegspolitik ist. Es ist jedoch jetzt nicht
an der Zeit, uns selbst auf die
Schulter zu klopfen.
Zufriedenheit
über unseren Erfolg macht sachliches
Nachdenken über die neuen außenpolitischen Herausforderungen nicht überflüssig, die uns in den kommenden
Jahren erwarten. Wir betreten Neuland und wir werden einen anderen
Kompaß als den benötigen, der uns bis
heute sicher durch die zweite Hälfte
des 20. Jahrhunderts geleitet hat.
Zunächst möchte ich mich jedoch
in einigen selbstgefälligen Betrachtungen ergehen. Die Geschichte wird
lehren, daß die Vereinigten Staaten
sich - obwohl sie den kalten Krieg
nicht vorhergesehen hatten - den Herausforderungen und Verantwortlichkeiten einer Weltmacht voll und ganz gestellt haben, die er uns aufgezwungen
hat. Was haben wir erreicht? Erstens haben wir dazu beigetragen,
Westeuropa vor wirtschaftlichem Ruin
und vielleicht permanentem Abstieg zu
bewahren, indem wir den Grundstein
für die beeindruckende Stärke und den
heutigen Wohlstand dieses Kontinents
gelegt haben. Zweitens haben wir die
Führungsrolle bei der Gründung eini-

ger
multilateraler
Institutionen
übernommen, die erstmals in der Geschichte die rationelle Verwaltung
einer unabhängigen, internationalen
freien Marktwirtschaft gestatteten.
Drittens haben wir unsere ehemaligen
Gegner - die Bundesrepublik Deutsch] and und Japan - in der Reihe demokratischer Nationen des Westens willkommen geheißen, die Feindseligkeiten
der Vergangenheit begraben und einen
Krieg zwischen uns für immer undenkbar gemacht. Und viertens haben wir
gemeinsam mit unseren NATO-Partnern
ein Bollwerk gegen sowjetische Expansion in Europa und weltweit gebildet.
Das sind keine geringen Errungenschaften. Es ist für eine Demokratie
nicht leicht, die Entschlußkraft und
den für eine erfolgreiche und in sich
geschlossene Außenpolitik erforderlichen öffentlichen Konsens zu bewahren. Unsere Aufgabe wurde durch die
Tatsache noch zusätzlich erschwert,
daß wir nur ein Land in einer Koalition von Demokratien waren und uns
mit einem mächtigen Gegner konfrontiert sahen, dessen Missionseifer nur
noch durch seine scheinbar grenzenlose Fähigkeit, die Bedürfnisse seines
Volkes zu ignorieren und enorme Ressourcen der Beschaffung des Instrumentariums für Einschüchterung und
Aggression zu opfern, in den Schatten
gestellt wurde. Wir hatten Erfolg,
weil wir und unsere Verbündeten einig
waren, daß die Bedrohung, der wir uns
gemeinsam gegenübersahen, unmittelbar
und real war und weil die Völker des
Westens bereit waren, die zur Bewältigung dieser Bedrohung erforderlichen Opfer zu bringen.
Unser Erfolg spricht für sich
selbst.
Kollektiv ist der Westen
heute stärker als jemals zuvor seit
dem Zweiten Weltkrieg.
Wir haben
Wohlstand und Sicherheit. Wir haben
Vertrauen in unsere Aufgabe und in
die Gültigkeit - und Allgemeingültigkeit - unserer demokratischen Ideale.
Andererseits ist der Kommunismus als
Staatsphilosophie und Wirtschaftsform
in Auflösung begriffen.
Heute ist
Kommunismus das Refugium von Despoten

�und Oligarchen, die sich verzweifelt
an die Macht klammern aber wissen,
daß sie von der Geschichte verurteilt
sind.
Von Osteuropa bis Nicaragua
und von Äthiopien bis Kuba sind kommunistische Volkswirtschaften anerkannte Fehlschläge.
Die Geschichte
des vergangenen Jahrzehnts ist weltweit eine nahezu fehlerlose Bilanz
marktorientierter Reformen und des
Sieges demokratischer Kräfte über
Diktaturen des linken und rechten politischen Spektrums.
Aber die Bilanz unserer Leistungen ist nicht das Thema meiner heutigen Ansprache.
Stattdessen möchte
ich absichtlich Nachdenken über die
diametral entgegengesetzten Herausforderungen provozieren, mit denen
sich die Vereinigten Staaten bei ihrem Weg ins nächste Jahrhundert auf
der internationalen Bühne konfrontiert sehen. Wir müssen uns vor Augen führen, daß die bipolare Welt der
Nachkriegszeit, in der die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion das
Weltgeschehen beherrschten und die
Tagesordnung für ihre jeweiligen Verbündeten bestimmten, zu Ende ist.
Wir bewegen uns jetzt in Richtung auf
- oder sollte ich sagen zurück in denn seit Menschengedenken liegt dies
in der Natur internationaler Beziehungen - eine Welt, in der Macht und
Einfluß unter einer Vielzahl von
Staaten aufgeteilt wird.
Natürlich wurde diese Entwicklung
vom Westen insofern begrüßt, als sie
eine Abnahme der sowjetischen Wirtschaftsmacht und den Prozeß politischen Zerfalls widerspiegelt, der
heute für Osteuropa symptomatisch zu
sein scheint. Aber machen wir uns
nichts vor. Wenn es stimmt, daß wir
als Sieger aus dem kalten Krieg hervorgegangen sind, dann sind wir ebenso wie die Sowjets hinter uns ziemlich außer Atem durchs Ziel gekommen. Sowohl die Sowjets als auch
wir sehen uns mit einer offensichtlich geringeren Fähigkeit konfrontiert, Ereignisse zu beeinflussen und
unsere jeweiligen Interessen weltweit
in dem bisher gewohnten Maße zu för- 3

dern.
Das soll nicht heißen, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion aufhören werden, die einzigen
wirklichen Supermächte der Welt zu
sein oder daß die Sowjets auch in absehbarer Zukunft nicht die Hauptbedrohung für die Sicherheitsinteressen
des Westens darstellen.
Noch wird
die multipolare Welt, auf die wir uns
zwangsläufig zubewegen angesichts der
Existenz und der tatsächlichen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
ein sichererer Ort sein als das Zeitalter des kalten Krieges, das wir
jetzt hinter uns lassen.
Bei all
seinen Risiken und Unsicherheiten war
der kalte Krieg durch ein bemerkenswert stabiles und berechenbares Beziehungsgeflecht zwischen den Großmächten gekennzeichnet.
Ein kurzer
Blick in die Geschichtsbücher wird
uns lehren, daß wir das über den
Zeitraum von der Geburtsstunde der
europäischen Nationalstaaten bis zum
Ausbruch
des
Zwweiten
Weltkriegs
nicht sagen können.
Daher leben wir in einer Zeit des
Umbruchs, einer Zeit der Risiken und
Chancen.
Es besteht Aussicht, daß
die Ostblockländer letztlich der demokratischen Staatengemeinschaft beitreten und die Entwicklungsländer von
den Segnungen des Fortschritts profitieren können, indem sie marktorientierte Reformen durchführen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, daß ein
Wandel im Ostblock sich als zu destabilisierend erweisen könnte, um fortgeführt werden zu können und die Länder der Dritten Welt unter der Last
der Verschuldung und des Zerfalls zusammenbrechen, was wiederum zu gravierenden Instabilitäten führen könnte.
Wenn es eine Botschaft gibt, die
ich heute abend übermitteln möchte,
so lautet sie folgendermaßen: Unsere
Fähigkeit, den Herausforderungen in
den Ost-West- und den Nord-Süd-Beziehungen zu begegnen, wird maßgeblich
davon abhängen, wie gut die führenden
westlichen
Industrienationen
den

�Übergang zu einem neuen Beziehungsgeflecht und zu einer Neuverteilung der
Verantwortlichkeiten
untereinander
bewältigen.
Zweifelsohne hat sich
das Kräftegleichgewicht zwischen den
Vereinigten Staaten, Westeuropa und
Japan im vergangenen Jahrzehnt verlagert. Wir können etwas gegen unsere
Handels- und Haushaltsdefizite tun,
aber wir stehen der unumstößlichen
Tatsache machtlos gegenüber, daß wir
in
internationalen
Angelegenheiten
nicht länger wie gewohnt unseren Willen bekommen werden.
Wie wir mit
dieser Tatsache fertigwerden und wie
sich unsere westlichen Partner an ihre neugewonnene Unabhängigkeit und
Verantwortung gewöhnen, wird darüber
entscheiden, ob der stabile internationale Rahmen, für dessen Stützung
die Vereinigten Staaten in der Nachkriegszeit soviel getan haben, weiterhin zum Nutzen aller funktionieren
wird oder ob wir zu den dunklen Tagen
der Autarkie, des Unilateralismus und
Protektionismus
zurückkehren,
die
sich in den zwanziger und dreißiger
Jahren als höchst schädlich für den
Westen erwiesen haben.
Die Verlagerung des Kräftegleichgewichts zwischen den führenden westlichen
Industrienationen
bedeutet
nicht, daß die Vereinigten Staaten
ihre Führungsrolle aufgeben müssen.
Im Gegenteil, die Vereinigten Staaten
werden noch bis weit ins nächste
Jahrhundert hinein die einzige Großmacht sein, die in der Lage - oder
zumindest bereit - ist, global zu
denken und Maßnahmen zu erarbeiten,
die im allgemeinen politischen, wirtschaftlichen
und
sicherheitspolitischen Interesse des Westens liegen.
Dies ist uns nicht immer gelungen,
noch haben wir es notwendigerweise
aus reinem Altruismus getan, aber es
ist und bleibt eine Tatsache, daß
keiner unserer westlichen Partner
über die globale Einflußsphäre verfügt oder in der Lage ist, bei der
Bewahrung und Erweiterung der institutionellen Mechanismen die Führungsrolle zu übernehmen, die für die Erhaltung
der internationalen wirtschaftlichen und politischen Stabili-

tät unabdingbar ist. Unsere Fähigkeit zur Übernahme dieser Rolle mag
abgenommen haben, aber nicht die Notwendigkeit, es zu tun.
Damit die Vereinigten Staaten
diese Rolle weiterhin spielen können,
ist jedoch die Erkenntnis unserer demokratischen Partner im Westen erforderlich, daß zunehmender Wohlstand
und Einfluß mit wachsender Verantwortung einhergeht. Westeuropa muß auf
seinem Weg zur Schaffung eines europäischen Binnenmarktes bis Januar
1993 beispielsweise kontinuierliche,
offene Handelsbeziehungen
mit den
Vereinigten
Staaten
sicherstellen,
wenn wir die Spirale des Protektionismus und damit die zwangsläufige
Verschlechterung
der
transatlantischen Beziehungen vermeiden wollen.
Gleichermaßen werden die Japaner die
Tatsache akzeptieren müssen, daß sie
es sich nicht länger leisten können,
nur ihren eigenen Vorteil auf Kosten
der Stabililtät des internationalen
Systems insgesamt im Auge zu behalten. In dieser Hinsicht müssen sowohl die Vereinigten Staaten als auch
Westeuropa die institutionellen Mittel und Wege finden, um die Japaner
in engere Konsultationen zu einem
breiten
Spektrum
politischer
und
wirtschaftlicher Themen einzubeziehen, so daß sie die kreative und positive internationale Rolle spielen
können, die ihnen rechtmäßig und
zwangsläufig zukommt.
Die Anpassungsprobleme, mit denen
wir uns im Westen konfrontiert sehen,
sind verschwindend gering, verglichen
mit denen der Sowjets heute. Die Sowjetunion durchläuft eine Phase, die
nur als Krise massiven Ausmaßes beschrieben werden kann. Michail Gorbatschow hat die Klugheit und Einsicht besessen, daß radikale Veränderungen erforderlich sind, um sein
Land vor permanentem Abstieg zu bewahren.
Dies ist jedoch nicht das
erste Mal, daß der Kreml einen ideologischen Rückzug angetreten hat, um
nationale Gesundung zu stimulieren.
In den zwanziger Jahren hat Lenin ihn
zum ersten Mal mit seinem marktorien-

- 4 -

�tierten neuen Wirtschaftsplan vollzogen und Stalin opferte während des
großen patriotischen Krieges gegen
Nazi-Deutschland die Ideologie zugunsten des russischen Nationalismus.
Wir müssen uns dieses Kapitel der Geschichte ebenso wie die Tatsache vor
Augen führen, daß Gorbatschow kein
Antikommunist ist und beabsichtigt,
die Sowjetunion so stark wie irgend
möglich zu machen.
Dennoch trifft es zu, daß die von
Gorbatschow eingeleiteten Veränderungen zu ersten realistischen Hoffnungen auf eine Umgestaltung des sowjetischen Systems und auf eine qualitative Verbesserung der Ost-West-Beziehungen Anlaß geben. Wie Präsident
Bush erklärt hat, bietet sich heute
die Gelegenheit zur Überwindung der
seit dem Ende des Krieges bestehenden
Teilung Europas zu Bedingungen, in
denen unsere demokratischen Prinzipien ihren Niederschlag finden. Offensichtlich hat Gorbatschow begriffen,
daß sein Land wirtschaftlich nicht
konkurrieren kann, solange die Ressourcen nicht aus dem militärischen
Bereich abgezogen werden und die Sowjetunion nicht ins nachindustrielle
Zeitalter eintreten kann, wenn sie
ihre Gesellschaft nicht der Welt
draußen öffnet und die Beziehungen
mit dem Westen auf eine normale
Grundlage stellt. Aus diesen Gründen
hat er hoffnungsträchtige Erklärungen
zur Abrüstung abgegeben und die abenteuerlichen Eskapaden in Übersee mehr
oder weniger aufgegeben, die so ausserordentlich zur Festigung der Solidarität im Westen Anfang der achtziger Jahre beigetragen haben.
Und darin liegt eine Gefahr für
die westlichen Interessen: Mit der
wachsendenen Erkenntnis in der westlichen Öffentlichkeit, daß die sowjetische Bedrohung abgenommen hat, wird
sich unter den NATO-Mitgliedstaaten
eine Tendenz abzeichnen, beim Ausbau
ihrer Beziehungen mit dem Ostblock zu
wetteifern.
Bereits
jetzt werden
Stimmen laut, die fordern, wir müßten
Maßnahmen ergreifen, um den Erfolg
von Gorbatschows Reformen sicherzu-

stellen. Das ist jedoch weder Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik
noch die unserer westlichen Verbündeten. Unsere Aufgabe besteht letztlich darin, politische Maßnahmen zu
erarbeiten, die unseren Interessen
dienen - gleichgültig, ob Gorbatschow
Erfolg hat oder nicht. Und unser gemeinsames Ziel sollte die Aufrechterhaltung des Konsenses im Sicherheitsbereich sein, der dem Westen in den
vergangenen vierzig Jahren so gut gedient hat, bis der Prozeß demokratischer Reformen im Ostblock wirklich
unumkehrbar geworden ist.
Das ist leichter gesagt als getan. Wenn die westliche Tendenz zu
Unilateralismus bei Handelsangelegenheiten auch auf die Beziehungen mit
dem Ostblock im Sicherheitsbereich
zutrifft, könnte die Sowjetunion die
NATO-Mitgli edstaaten
gegeneinander
ausspielen und Konzessionen bei Handel und Rüstungskontrolle erhalten,
ohne ihr System auf eine Art und Weise zu reformieren, die einzig und allein zu einer stabilen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Ost und
West führen können.
Zweifelsohne liegt es ebensosehr,
wenn nicht noch mehr im europäischen
als in unserem Interesse, die finanzielle
Unterstützung
rein
kosmetischer Reformen in der Sowjetunion
zu vermeiden oder RUstungskontrollabkommen zu erzielen, mit denen die Fähigkeit der NATO zur Abschreckung von
Aggression unterhöhlt wird.
Letztlich sind die Europäer von der Geographie her verdammt, im Schatten der
sowjetischen Militärmacht zu leben,
unabhängig davon, ob die Sowjetunion
langfristig
soviele
Veränderungen
vornimmt wie wir alle hoffen. Und
während das Engagement der Vereinigten Staaten für die NATO unerschütterlich bestehen bleibt, müssen unsere europäischen Verbündeten - insbesondere in Anbetracht der Schaffung
eines europäischen
Binnenmarkts
größere Verantwortung für ihre Verteidigung übernehmen und eine gerechtere Arbeitsteilung im Bündnis einführen, die der relativen Stärke un-

- 5 -

�serer Volkswirtschaften Rechnung trägt.
Es gibt noch einen weiteren
Grund, warum die Europäer bei der
Verwaltung ihrer Interessen mehr Verantwortung übernehmen müssen.
Wir
entdecken jetzt, daß der Reformprozeß
im Ostblock und die Lockerung der sowjetischen Kontrolle über Osteuropa
lang unterdrückte ethnische Auseinandersetzungen und Nationalitätenkonflikte an die Oberfläche bringt und
die deutsche Frage wieder auf die internationale Tagesordnung setzt. Obwohl die amerikanische Politik einen
stabilisierenden Einfluß auf die Behandlung dieser Fragen haben kann,
sind
es
letztlich
die
Europäer
selbst, die das politische Hauptinteresse daran haben, den Übergang zu
einem neuen und ungeteilten Europa
friedlich und reibungslos zu gestalten. Darüber hinaus ist der kooperative und multilaterale Ansatz, der in
der Nachkriegszeit ein wohlhabendes
und sicheres Westeuropa geschaffen
hat, der Schlüssel zur Überwindung
der Instabilität und Unberechenbarkeit, die der multipolaren Ära innewohnt, in die ganz Europa heute eintritt.
Die Vereinigten
Staaten sehen
sich im nächsten Jahrzehnt auch in
ihren Beziehungen zu den Entwicklungsländern neuen Herausforderungen
gegenüber.
Auch hier scheint sich
der Nachkriegskampf zwischen liberaler Demokratie und kommunistischen
oder dirigistischen
Ideologien um
Seele und Geist der Völker in der
Dritten Welt in eine für den Westen
günstige Richtung zu entwickeln. Wir
sollten die unterschwellige Bedeutung
des Trends zu Demokratie und freien
Marktreformen, dessen Zeuge wir heute
in einem Großteil der Entwicklungsländer werden, jedoch realistisch beurteilen. Tatsache ist, daß dieser
Trend gegen die amtierenden Regierungen überall auf der Welt und aller
politischen Schattierungen gerichtet
ist - Regierungen, die mit Problemen
wie Bevölkerungsexplosion, Arbeitslosigkeit
und
stagnierendem
Wirtschaftswachstum überfordert sind.

Zweifelsohne sind viele der Probleme in den Entwicklungsländern ihnen selbst zuzuschreiben. Wenn sie
jedoch zu den notwendigen Reformen
bereit sind, müssen wir im Westen mit
kreativen Ansätzen zur Bewältigung
des Schuldenproblems und mit dem Maß
an Investitionen reagieren, das viele
Länder zunächst gescheut haben, jetzt
aber dringend empfehlen. Wenn es uns
nicht gelingt, angemessen auf die
Schuldenkrise zu reagieren, könnte
sich der Trend zu Demokratie in den
Entwicklugnsländern als kurzlebig erweisen. Darüber hinaus könnten einige der noch im Entstehen begriffenen
Nationalstaaten der Dritten Welt in
ihre ethnischen oder regionalen Bestandteile zerfallen, während die gut
bewaffneten die Lösung ihrer Probleme
im Inland durch Aktionen im Ausland
anstreben könnten. Und es könnte geschehen, daß die Instabilität in den
Entwicklungsländern bis vor unsere
Türschwelle in Europa und den Vereinigten Staaten exportiert wird.
Schließlich gibt es noch eine
weitere Reihe von Problemen, mit denen wir uns auf unserem Weg ins nächste Jahrhundert konfrontiert sehen,
deren Lösung die Fähigkeiten der Vereinigten Staaten oder jedes anderen
Staates übersteigt und die daher einen kollektiven Ansatz erfordern. Es
handelt sich hierbei um Probleme wie
die Verbreitung von Waffen, internationalen Drogenschmuggel, Terrorismus
und die Gefährdung der Umwelt. Diese
Probleme machen nicht an Grenzen halt
und es gibt keine nationalen oder
rein unilateralen Lösungen für sie.
Wenn Michail Gorbatschow seine
Aussage ernst meint, daß wir unsere
ideologischen Differenzen und den militärischen Wettstreit beilegen müssen, um uns der fundamentalen Bedrohung des Überlebens auf unserem Planeten zuwenden zu können, so hat er
in den Vereinigten Staaten einen bereitwilligen Partner. Aber die Mehrzahl der von mir genannten Probleme die in den kommenden Jahren voraussichtlich die internationale Tagesordnung beherrschen werden - können

- 6 -

�nicht allein im Rahmen der Ost-WestBeziehungen gelöst werden.
Nehmen
wir zum Beispiel Probleme wie Umweltverschmutzung und die Verbreitung von
Waffen. Wir in den Industrienationen
befinden uns heute in der peinlichen
Lage, die Entwicklungsländer bitten
zu müssen, auf Methoden der Wirtschaf tsentwicklung zu verzichten, die
wir selbst vor nicht allzu langer
Zeit praktiziert haben und die zum
Teil für unseren heutigen Wohlstand
verantwortlich sind.
Ebenso bitten
wir viele dieser Nationen, auf die
Produktion von Waffen zu verzichten,
die wir selbst besitzen und die in
einer gefährlichen und unberechenbaren Welt zu unserer Sicherheit beitragen.

tionären Veränderungen, die heute die
Welt erfassen, sind umkehrbar und
können nicht allein durch die Bemühungen der Vereinigten Staaten weitergeführt werden. Sie können jedoch
fortgeführt und die bestehenden Gefahren zu Chancen gemacht werden,
wenn die westlichen Demokratien ihre
Verpflichtung zu einem kollektiven
und kooperativen Ansatz bei der Bewältigung der Hauptprobleme erneuern,
mit denen wir uns konfrontiert sehen.
Und dafür ist an erster Stelle die
amerikanische FUhrungsrolle erforderlich.

Zweifelsohne ist die Zusammenarbeit zwischen Ost und West zur Behebung vieler unterschwelliger politischer und regionaler Spannungen unabdingbar, die die Wurzel grenzüberschreitender Probleme wie Terrorismus
und Verbreitung von Waffen sind. Die
Herausforderung, die Drogenkartelle
zu zerschlagen und insbesondere die
Gefährdung der Umwelt zu beseitigen,
hat jedoch eine internationale Dimension und macht gemeinsame Bemühungen
der Nationen erforderlich, die zur
Mobilisierung der zu ihrer Lösung
notwendigen Ressourcen wohlhabend genug sind.
Ich hatte nicht die Absicht, ein
düsteres Bild des internationalen Umfelds zu zeichnen, das uns im nächsten Jahrzehnt und im kommenden Jahrhundert erwartet. Die Zeit des Umbruchs, in der wir uns heute befinden, kann erfolgreich gemeistert werden, wenn wir der Tatsache Rechnung
tragen, daß wir uns anderen Herausforderungen als in den vergangenen 40
Jahren gegenübersehen.
Militärisch
gesehen sind wir heute stark. Wirtschaftlich gesehen sind wir heute
stark. Und es ist nur eine Frage der
Zeit, bis wir den Triumph demokratischer Werte in Ländern beobachten
können, in denen dies noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Aber die positiven und sogar revolu- 7-

* * * * *

�AMERIKA DIENST
"VON

Dokumentation

**

20. September 1989

35

US-HANDELSPOLITIK SETZT GROSSE HOFFNUNGEN IN URUGUAY-RUNDE
- Rede der US-Handelsbeauftragten In London LONDON - (AD) - Der US-Handelsbeauftragten Carla Hills zufolge ist eine
tiefgreifende Reform des Welthandelssystems erforderlich, um zu verhindern,
daß regionale Handelsblöcke gebildet werden und die verschiedenen Staaten sich
in zerstörerische Handelskriege drängen lassen. Diese Reform sollte in der
derzeitigen Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche errreicht werden,
erklärte Frau Hills am 14. September 1989 in London. Aus diesem Grund bilde
die Runde "für die Vereinigten Staaten die höchste Priorität im Bereich des
Handels".
Nachfolgend
Wortlaut.

veröffentlichen wir die Rede der US-Handelsbeauftragten im

Der Handel ist mit London untrennbar verbunden. Seit Jahrhunderten gehören sie zusammen wie eine
steife Brise und die Segel eines
Schoners.
Ein offener Handel ist
Eckpfeiler Ihres Wohlstands.

Ich bin heute hierher gekommen,
um Ihnen zu versichern, daß die Handelspolitik der Bush-Administration
vom Geist Humes, Smiths und Ricardos
geleitet und dem Ausbau des offenen
Handels verpflichtet ist.

Drei berühmte Briten - David
Hume, Adam Smith und David Ricardo sind die geistigen Helden derjenigen
unter uns, die heute das freie Handelssystem verteidigen und ausbauen
möchten. Dieses System besteht noch,
aber es unterliegt schweren Belastungen - es wird von Regierungen auf die
Probe gestellt, die das freie Spiel
der Marktkräfte behindern, den Handel
verzerren und den Wettbewerb hemmen.

Zu Beginn dieses Jahres hat Präsident Bush eine umfassende Überprüfung des Welthandelssystems und unserer Handelspolitik vorgenommen. Ich
möchte Ihnen kurz die Ergebnisse unserer Erörterungen schildern und Ihnen insbesondere die Ziele der amerikanischen
Handelspolitik,
unsere
Strategie zu deren Verwirklichung und
die zentrale Bedeutung der UruguayRunde für diese Politik erläutern.

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�Die amerikanische Handelspolitik für
die neunziger Jahre

schlossenen Maßnahmen zugrunde, darunter:

Ich versichere Ihnen, daß wir eine klare Vision der von uns angestrebten Welt haben: Eine Welt, in
der die Unternehmer und nicht Regierungsbürokraten bestimmen, wie industrielle und landwirtschaftliche Unternehmen
miteinander
konkurrieren
und die Staaten Handel treiben.

Unsere Verhandlungen im Stahlund Schiffbaubereich, die auf
den Abbau staatlicher Subventionen und die Öffnung der Märkte
zielen.

Die Politik der Bush-Administration ist auf die Öffnung der Märkte
nicht auf deren Abschottung gerichtet, auf die Schaffung eines kontinuierlich
wachsenden
Welthandelssystems, das auf klaren und durchsetzbaren Regeln beruht.
Der Präsident hat zur Umsetzung
dieser Vision eine dreifache Strategie entwickelt, die von uns mit aller
Energie durchgeführt wird:
Erstens, wir verpflichten uns und wir fordern unsere Handelspartner zu einer ebensolchen Verpflichtung auf - zum erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde
multilateraler
Handelsgespräche
in der für Dezember 1990 gesetzten Frist.
-

Zweitens, wir werden - auf eine
Art und Weise, die vollständig
mit
unseren
Zielen
in
der
Uruguay-Runde übereinstimmt - bilaterale und regionale Initiativen zur Marktöffnung weiterverfolgen.
Schließlich werden wir die Stärke
unseres Binnenmarkts zur Förderung
unserer
Ziele
in
der
Uruguay-Runde einsetzen.

Unsere eindeutige und dauerhafte
Unterstützung der Schaffung eines
Binnenmarkts durch die Europäische Gemeinschaft (EG) und unsere
Forderung
an
diese, die
Schranken nicht nur innerhalb Europas sondern auch zwischen Europa und seinen Handelspartnern abzubauen.
Unsere Durchführung des Handelsgesetzes von 1988 in einer Weise,
die den Welthandel von staatlicher Einmischung befreit.
Unser Besuch in Mexiko im vergangenen Monat, in dessen Verlauf
wir die Kreativität der Regierung
Salinas begrüßt haben, mit der
Zölle und Handelsschranken abgebaut werden und eine Umstrukturierung der mexikanischen Volkswirtschaft vorgenommen wird.
Unser für den nächsten Monat vorgesehener Besuch in der Pazifikregion, um die Entwicklung zu
marktwirtschaftlichen
Handelsund
Investitionsregelungen
in
dieser Region zu stärken.
Unser anhaltender Widerstand gegen protektionistischen Druck in
unserem eigenen Land, darunter
Versuche, ausländische Investitionen zu begrenzen.

Manchmal müssen wir die Regierung
auch drängen, wettbewerbsfeindliche
Praktiken zu beseitigen, die ebenfalls den Handel einschränken können.
Unsere gemeinsame Initiative
mit Japan gegen strukturelle Hemmnisse zum Beispiel zielt darauf ab,
sichtbare und "unsichtbare" Hemmnisse, die den Wettbewerb in beiden Ländern stark einschränken, zu beseitigen.
- 2-

Das grundsätzliche Ziel unserer
Strategie besteht darin, den Staat
aus der Wirtschaft zu verdrängen:
aus der Stahlproduktion, aus dem Verkauf von Getreide, aus der Viehmast,
dem Schiffbau und den vielen anderen
Bereichen, in denen der Staat den
Handel verzerrt. Dieses Ziel liegt
allen unseren in jüngster Zeit be-

�Die Uruguay-Runde
Jede dieser Maßnahmen zur Marktöffnung betrifft bestimmte Probleme.
Sie allein werden jedoch die so dringend benötigte durchgreifende Reform
des Welthandelssystems nicht bewirken
können.

ternationalen Regeln für fairen Wettbewerb nicht zufriedenstellend abgedeckt. Und wenn Regeln unzureichend
sind oder gar nicht existieren, werden aus Handelsstreitigkeiten Handelskriege, werden Exporteure behindert und bedienen sich ineffiziente
Industrien aus staatlichen Quellen.
Die Kosten sind schwindelerregend:

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat
das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) - die wichtigste Plattform für internationale Handelsgespräche - sieben erfolgreiche Runden
zur Senkung von Zöllen zwischen den
bedeutenden Handelsnationen der Welt
gefördert.
Diese Runden haben zum
Abbau von Hemmnissen und Ausbau des
Handels geführt. Als Ergebnis sind
unsere Volkswirtschaften in den vergangenen vier Jahrzehnten schneller
gewachsen als in jedem vergleichbaren
Zeitraum der Weltgeschichte.

Die Europäer gaben letztes Jahr
nahezu 120 Milliarden Dollar zur
Stützung der Landwirtschaft aus,
die Vereinigten Staaten fast 75
Milliarden.
Das sind pro Kopf
300 bis 400 Dollar jährlich.
In der EG wurden zusätzlich 50
Milliarden Dollar für Subventionen an europäische Stahlunternehmen,
Schiffbau
und
andere
Branchen verschwendet. Das sind
weitere 150 Dollar pro Jahr, die
jedem Verbraucher aus der Tasche
gezogen werden.

Das GATT fördert auch weiterhin
den Ausbau des Handels, und es hat
eine wachsende Mitgliederzahl unterschiedlicher Volkswirtschaften aufgenommen. Am schwersten wiegt jedoch
die Tatsache, daß es eine verbreitete
Akzeptanz, wenn auch nicht immer die
Einhaltung, gewisser Grundprinzipien
hervorgebracht hat - etwa die nationale Behandlung -, die den offenen
Handel unterstützen.
Das Problem besteht jedoch darin,
daß das Handelssystem den GATT-Rahmen
sprengt. Während die Zölle gesenkt
wurden, haben die nichttarifären Handelshemmnisse zugenommen.
Überdies
sind vom GATT kaum oder garnicht abgedeckte Bereiche wie etwa Landwirtschaft
oder
geistiges
Eigentum,
Dienstleistungen und Investitionen,
heute von erheblich größerer Bedeutung als früher.
Um es griffig zu formulieren:
Das GATT gleicht einem Zwei-ZimmerBungalow
auf
einem
unbezahlbaren
Grundstück: Die Vorteile einer Renovierung überwiegen deren Kosten bei
weitem. Insgesamt werden über 1 Milliarde Dollar aus dem Handel mit Gütern und Dienstleistungen von den in-

Der unzureichende Schutz geistigen Eigentums kostet amerikanische Software-Entwickler, Arzneimittelfirmen und andere Exporteure jährlich über 40 Milliarden
Dollar.
Ihre europäischen Konkurrenten verlieren nochmals etliche Milliarden. Diese Piraterie blutet die Produktivität des
Ruhrgebiets ebenso aus wie die
des Silicon Valley.
Dies kann nicht so weitergehen.
Die Runde ist unsere beste Chance zu
kontrollieren, was sonst bald außer
Kontrolle geraten könnte.
Aus diesem Grund hat Präsident
Bush die - im Jahr 1986 in Punta del
Este in Uruguay eröffnete - UruguayRunde zur höchsten Priorität der Vereinigten Staaten im Bereich des Handels erklärt.
Gegenwärtig arbeiten
100 Staaten in Genf am Ausbau des
GATT, an seiner Stärkung als Institution, der Ausdehnung seines Geltungsbereichs auf die Landwirtschaft und
seiner Ausweitung auf neue Problembereiche wie etwa Dienstleistungen,
geistiges Eigentum und Investitionen.

- 3 -

�Meine Botschaft an Europa ist
einfach - und dringend. Wir müssen
nach ehrgeizigen Ergebnissen streben. Wenn wir uns nur mit Randsymptomen beschäftigen, werden wir uns
auf eine risikoreiche Politik und
Handelsblöcke einstellen müssen. Zu
lange schon haben wir auf Veränderungen im Welthandel nur reagiert. Die
Runde ist für dieses Jahrhundert die
letzte Chance zum Handeln:
Zum Handeln in der Landwirtschaft.
Das Ziel der Vereinigten
Staaten ist die vollständige Beseitigung aller den Handel verzerrenden
Maßnahmen, wobei den Landwirten eine
Frist zur Anpassung an die Marktkräfte eingeräumt wird. Im vergangenen
Monat haben wir vorgeschlagen, alle
nichttarifären Handelshemmnisse - wie
Quoten und variable Abgaben - in Zölle umzuwandeln, die offen sichtbar
sind und damit leichter reduziert
werden können.
Noch diesen Monat
werden wir in Genf einen umfassenden
Vorschlag
präsentieren,
demzufolge
die Landwirte anbauen können, was sie
möchten und wann sie möchten und womit sie ein angemessenes Einkommen
ohne staatliche Einmischung erzielen
können. Unseres Erachtens wird die
Runde ohne eine grundlegende Reform
im Agrarbereich scheitern. Von einer
solchen Reform werden wir alle profitieren: Eine Reform könnte drei Millionen neue Arbeitsplätze in Europa
schaffen, das amerikanische Haushaltsdefizit um 37 Milliarden Dollar
senken und die Reallöhne in Japan um
2,5 Prozent erhöhen.
Zum Handeln, um den Marktzugang
für Industrieprodukte sicherzustellen. Die Vereinigten Staaten fordern
ihre Handelspartner auf, eine künftige Welt ohne Zölle ins Auge zu fassen. Wir sind heute dazu bereit, mit
anderen zusammenzuarbeiten, um dies
in Schlüsselberelchen schon in der
jetzigen Runde zu erreichen.
Zum Handeln, um die Rechte an
geistigem Eigentum zu schützen. Wir
haben im vergangenen Jahr einen weitreichenden Vorschlag unterbreitet.
- 4

Die Unterhändler erarbeiten zur Zeit
ein Abkommen, daß in der Praxis folgende Regelungen enthalten soll:
a)

Patentschutz für pharmazeutische,
chemische und andere Produkte,

b) Urheberrechtsschutz für Tonträger
und Computersoftware,
c) Schutz von Betriebsgeheimnissen
für Herstellungsverfahren und Daten sowie
d) wirksame Strafverfolgung, um die
Fälschung von Warenzeichen und
das Raubkopieren urheberrechtlich
geschützter Materialien wie Bücher, Filme und Tonaufzeichnungen
zu beenden.
Zum Handeln, um sicherzustellen,
daß internationale Regeln für fairen
Wettbewerb auf Dienstleistungen Anwendung finden. Britische und französische Versicherungsgesellschaften,
amerikanische Reiseveranstalter und
andere Dienstleistungsfirmen müssen
im Ausland Filialen eröffnen können
und wie ortsansässige Firmen behandelt werden. Wir werden unsere Vorstellungen zu einem umfassenden Abkommen im Oktober auf den Tisch legen.
Zum Handeln, um Beschränkungen
von Auslandsinvestitionen abzubauen.
Amerikanische und japanische Automobilhersteller, deutsche Investitionsgüterproduzenten und andere Unternehmen müssen in Übersee investieren
können ohne dazu gezwungen zu werden,
einen inländischen Partner zu beteiligen, einen bestimmten Prozentsatz
ihrer Produktion zu exportieren, im
Inland hergestellte Teile zu verwenden oder irgendeine von einem Dutzend
anderer
Investitionsbedingungen
zu
erfüllen. Ich war gerade in Genf, wo
unsere Berater aus dem Privatsektor
und ich zwei Tage damit verbracht haben, den von uns im Juli unterbreiteten Vorschlag zu den Investitionen zu
erörtern.
Zum Handeln, um den Handel verzerrende Subventionen abzubauen. Ich

�Zum Handeln, um den Handel verzerrende Subventionen abzubauen. Ich
habe die amerikanische Initiative zu
Stahl und Schiffbau erwähnt, aber das
Problem geht über diese beiden Bereiche hinaus.
Subventionen zerstören
die Wirtschaft und runieren die öffentlichen Haushalte. Wir können Arbeitnehmern und Regionen effektiver
helfen ohne auf wettbewerbsfeindliche
Subventionen
zurückzugreifen.
Die
Vereinigten Staaten werden zum Jahresende einen ehrgeizigen Plan zur
Begrenzung von Subventionen vorlegen.
Und zum Handeln, um Streitigkeiten zu beenden. Wir benötigen neue
Mechanismen, um unsere Differenzen
beizulegen bevor der unvermeidliche
Streit zu einem bedauerlichen Krieg
eskaliert. Wenn wir Handelspartnern
neue Vorstellungen
zur Erörterung
vorlegen, so durchlaufen diese sämtliche Instanzen von der Schlichtung
zur "Berufungsüberprüfung" bis zu einem
richtigen
"GATT-Gerichtshof".
Was auch immer das Endergebnis sein
mag, wir benötigen ein System, das
schnell, fair und effektiv ist.
Die Zeit ist kurz, die Aufgabe
gewaltig. Bis zum Ende dieses Jahres
müssen die Staaten alle verbleibenden
Vorschläge in jeder der 15 Verhandlungsgruppen auf den Tisch legen.
Die Vereinigten Staaten haben zahlreiche Vorschläge unterbreitet. Wir
werden die noch ausstehenden bis zum
Jahresende vorlegen. Bis Mitte des
Jahres 1990 werden sich die Staaten
darum bemühen, in jedem Bereich Vereinbarungen zu erzielen. Danach müssen wir diese Vereinbarungen bis zum
Treffen der GATT-Minister in Brüssel
im November 1990 in einem Paket verankern.

Schlußbemerkungen
Europa und die Vereinigten Staaten haben bei der Förderung der Freiheit in der ganzen Welt Hand in Hand
zusammengearbeitet.
Ob bei Rede-,
Religions- oder politischer Freiheit

- wir haben für das Recht der Menschen überall gekämpft, ihre eigene
Wahl zu treffen.
Die Wahlfreiheit ist das unauslöschliche Bindeglied zwischen unserem politischen und unserem ökomischen System.
Politische Freiheit
und wirtschaftliche Freiheit sind interdependent. Jeder sollte das Recht
haben, zu entscheiden, wie, wann und
wo er Güter und Dienstleistungen frei
auf einem fairen Markt kaufen oder
verkaufen möchte.
Das ist Wettbewerb: die grundlegende Stärke unserer beiden Nationen. David Ricardo
bezeichnete dies im Jahr 1817 als die
Freiheit zu tun, was jeder von uns am
besten kann.
Darum geht es in der UruguayRunde - Wettbewerb. Deshalb ist sie
der Mittelpunkt unserer Handelspolitik und der Schlüssel zur Zukunft des
Welthandels. Wenn die Runde erfolgreich sein soll, so müssen unseres
Erachtens
bestimmte
Vereinbarungen
erzielt werden:
Eine
grundlegende
Agrarhandels,

Reform

des

die Ausdehnung der GATT-Regeln
auf die "neuen Bereiche" Dienstleistungen,
Investitionen
und
geistiges Eigentum,
erweiterter Marktzugang
Warenhandel,
-

für

den

Beseitigung
handelsverzerrender
Subventionen und
ein faires und wirksames Schlichtungsverfahren bei Streitfällen.

Die Vereinigten Staaten streben
keinen unfairen Vorteil an, aber wir
werden nicht einseitig abrüsten. Wir
streben offene Märkte nicht zum alleinigen Vorteil amerikanischer Unternehmer an.
Wir engagieren uns
vielmehr voll und ganz dafür, unsere
Stärke zur Öffnung der Märkte für alle, die auf diesen Märkten konkurrie-

- 5 -

�ren möchten, einzusetzen.
Wir waren zum Beispiel erfolgreich bei der Öffnung des japanischen
Rindfleischmarkts, von der die australischen
Viehzüchter
mindestens
ebenso profitiert haben wie unsere.
Insbesondere für die weniger entwickelten Länder muß die von uns angestrebte Offenheit gelten, damit sie
ebenfalls zu Märkten für unsere Produkte werden können und an der dem
Welthandelssystem innewohnenden Verantwortung teilhaben.
Wir streben
also an, was wir schon immer angestrebt haben - Freiheit und Fairneß,
für Landwirte und Industriearbeiter
in der ganzen Welt.
Jeder Zyklus diplomatischer Bemühungen fügt der Geschichte ein eigenes Kapitel hinzu.
Unseres sollte
unseren Wagemut und nicht unsere Ängste widerspiegeln, unser Vertrauen
und nicht unsere Unsicherheit. Das
Handelssystem, das diese Qualitäten
am besten verkörpert, ist dasjenige,
das am meisten zu ihrer Entwicklung
beiträgt. Wenn die Uruguay-Runde Erfolg hat, werden wir ein Kapitel angefügt haben, das der vor 40 Jahren
geleisteten Arbeit würdig ist - ein
Kapitel, das von Hoffnung und Wohlstand für die nächste Generation erfüllt ist.

* * * * *

- 6

�;eos&gt;

VON

AMERIKA DIENST
Dokumentation

4

35

20. September 1989

BAKER:

NEUE US-POSITION ZU MOBILEN RAKETEN

- Erklärung des amerikanischen Außenministers -

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge werden die Vereinigten
Staaten nicht länger darauf bestehen, daß ein Vertrag über die Verringerung
strategischer Rüstungen (START) ein Verbot mobiler Interkontinentalraketen
(ICBMs) enthält. In der am 19. September 1989 bei einer Pressekonferenz abgegebenen Erklärung unterstrich der Außenminister, die neue Position der Vereinigten Staaten ziele darauf ab, bis zu seinem vorgesehenen Treffen mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse "den Ball ins Rollen zu bringen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Außenministers im Wortlaut ,

Die
START-Verhandlungen
finden
vor dem Hintergrund
tiefgreifender
Veränderungen
in
der
Sowjetunion
statt.
Wir können Fortschritte erkennen, aber wir sind uns auch der
Herausforderungen und des Drucks bewußt, denen sich die Sowjets ausgesetzt sehen.
Dafür gibt es keine Patentlösungen. Keiner von uns kann ihre Probleme für sie lösen. Da sie die Lektion der - wie Generalsekretär Gorbatschow es bezeichnete - "Ära der Stagnation" gelernt haben, wissen die
Sowjets, daß es an ihnen ist, die erforderlichen grundlegenden Strukturreformen durchzuführen.
Gorbatschow
hat es als "Revolution" bezeichnet
und wir stimmen mit dieser Charakterisierung Uberein.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die Frage lautet also: Was können und sollten wir tun? Die Antwort
darauf ist, daß wir Punkte von beiderseitigem
Nutzen
finden sollten,
Vorteile,
die
ihnen
helfen
und
gleichzeitig unseren Interessen dienen. Dieser Ansatz erfordert sicherlich von beiden Seiten eine gewisse
Kreativität.
Meines Erachtens wird das Ministertreffen dieser Strategie Rechnung
tragen.
Wir befassen uns jetzt mit
einer erwetterten Tagesordnung - die,
wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten, auf unseren Vorschlag hin bei
früheren Treffen zwischen uns erweitert wurde.
Ich möchte kurz unser
Vorgehen erläutern, das unserer Ansicht nach zu unserem beiderseitigen
Vorteil dient.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Zunächst muß fairerweise gesagt
werden, daß die Sowjets sich am besten auf Reformen im Inland konzentrieren können, wenn das internationale Umfeld stabil und positiv gestaltet ist. Und das ist einer der
Gründe, warum wir sie gedrängt haben,
regionale Konflikte mit uns gemeinsam
zu lösen.
Sie könnten dadurch Milliarden Dollar sparen, die sie immer
noch
zur
Unterstützung
derjenigen
aufwenden, die den Konflikt schüren in Mittelamerika, Kambodscha, Afghanistan, Kuba, Äthiopien und anderen
Regtonen der Welt -, was unseres Erachtens eine unhaltbare Situation ist.
Zweitens könnte Rüstungskontrolle
den
Sowjets
reale
wirtschaftliche
Vorteile verschaffen, wenn sie positiv auf unsere Initiative zu den konventionellen Streitkräften reagieren.
Meiner Ansicht nach liegt es an Ihnen, jetzt t^inen Schritt zu tun - und
wir hoffen, daß sie ihn tun werden.
Darüber hinaus können meiner Ansicht nach beim bevorstehenden Ministertreffen Fortschritte im gesamten
Spektrum
der
Rüstungskontrolltheraen
erzielt werden.
Wir werden Vorschläge unterbreiten, die darauf abzielen, den nun 15
Jahre währenden Stillstand bei Atomtests zu durchbrachen und damit den
Weg für die Ratifizierung von zwei
Verträgen im nächsten Jahr zu ebnen.
Im Bereich der chemischen Waffen
können wir uns meiner Ansicht nach
berechtige Hoffnungen auf ein Abkommen über den Austausch von Daten über
den Bestand an chemischen Waffen machen, das einen ersten praktischen
Schritt
zu
echter
Kontrolle
und
letztlich einem vollständigen Verbot
dieser Waffen bedeuten könnte.
Bei den START-Verhandlungen erwarten wir eine positive Reaktion der
Sowjets auf unsere Initiativen zur
Verifizierung
und
Stabilisierung.
Wie Präsident Bush bereits bei der
Ankündigung dieser Initiativen andeutete, würde ein Abkommen in diesem

Bereich natürlich eine spätere Ratifizierung erleichtern.
Ich vermute,
daß das Thema START auch in dem angekündigten Schreiben zu den Rüstungskontrollverhandlungen
breiten
Raum
einnehmen
wird,
das
Außenminister
Schewardnadse eigenen Aussagen zufolge mitbrigen wird.
Obwohl w" r gehofft hatten, dieses Schreiben noch
vor dem Ministertreffen zu erhalten,
damit wir an den in dieser Woche angesprochenen Themen arbeiten können,
wissen wir eine Antwort zu schätzen,
wann immer sie uns erreicht.
Um den Ball jedoch jetzt ins Rollen zu bringen, gebe ich hiermit bekannt, daß wir vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses zur Finanzierung unserer mobilen ICBMs unsere
Forderung eines Verbots mobiler ICBMs
im Rahmen des START-Vertrags aufgehoben haben. Wir werden unsere STARTUnterhändler in Genf anweisen, die
entsprechenden Details für die auf
mobile ICBMs angewandten Obergrenzen
sowie wirksame Verifizierugsmaßnahmen
auszuarbeiten.
Drittens können wir einen konstruktiven
Beitrag
zu
Perestrojka
leisten, wenn wir die sich abzeichnenden Reformprozesse in Polen und
Ungarn unterstützen. In dieser Woche
werde ich Außenminister Schewardnadse
unsere Absicht bekanntgeben, uns maßgeblich an den Bestrebungen dieser
beiden Länder zur Selbsthilfe zu beteiligen.
Und schließlich können unsere Bemühungen
zur
Institutionalisierung
des Dialogs mit der Sowjetunion über
das Thema Menschenrechte und Erweiterung unserer gemeinsamen
Maßnahmen
zur Bewältigung grenzüberschreitender
Probleme wie Umweltfragen
Glasnost
unterstützen, indem sie eine pluralistische Gesellschaft in der Sowjetunion fördern.
Ich werde Außenminister Schewardnadse eine Liste möglicher
Umweltinitiativen
überreichen
und hoffe, daß wir eine Vereinbarung
über eine Erklärung zu den Menschenrechten, der Rechtsstaatlichkeit und
anderen Themen erzielen.

- 2 -

�Wir versuchen den Geist der Offenheit zwischen der Sowjetunion und
den Vereinigten Staaten zu ermutigen
und hoffen, daß unser Treffen in Wyoming von diesem Geist getragen sein
wird.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

35

20. September 1989

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER CHEMISCHE WAFFEN
Übersicht über die Bestrebungen zum Verbot chemischer Waffen -

(Die nachfolgende Übersicht mit dem Titel "Die Verhandlungen über chemische
Waffen im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz" wurde im September 1989 von
der amerikanischen Delegation bei der Internationalen Konferenz von Regierungen und Industrieunternehmen j*egen chemische Waffen veröffentlicht, die vom
18. bis 22. September 1989 stattfindet.)

Das Kernstück
der Politik der
Vereinigten
Staaten
zu
chemischen
Waffen besteht in dem Ziel, einen
Vertrag über das vollständige Verbot
chemischer Waffen abzuschließen. Ein
Verbot wäre die beste Antwort auf die
durch den illegalen Einsatz und die
Verbreitung
chemischer Waffen
entstandene Bedrohung.
Um wirksam sein
zu können, müßte der Vertrag weltweite Gültigkeit besitzen und wirksam
verifizierbar
sein.
Solange
die
weltweite Ächtung chemischer Waffen
nicht verwirklicht ist, behalten die
Vereinigten Staaten sich die Option
zur Aufrechterhaltung eines wirksamen
Abschreckungspotentials und das Recht
auf einen Vergeltungsschlag mit diesen Waffen für den Fall vor, daß ein
anderes Land gegen uns oder unsere
Verbündeten chemische Waffen einsetzt.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Hintergrund
Seit 1981 haben die Vereinigten
Staaten aktiv an den Verhandlungen
über chemische Waffen bei der 40 Nationen umfassenden Genfer Abrüstungskonferenz
teilgenommen.
Im April
1984 unterbreitete der damalige Vizepräsident Bush der Genfer Abrüstungskonferenz einen umfassenden Vertragseatwurf, der ein Verbot der Entwicklung, Beschaffung, Produktion, Lagerung, des Transports und Einsatzes
chemischer
Waffen
vorsieht.
(Das
Genfer Protokoll aus dem Jahr 1925
verbietet nur den Ersteinsatz chemischer Waffen in einem Krieg.)
Seit
dieser Zelt dient der amerikanische
Vertragsentwurf als Grundlage für die
Verhandlungen über chemische Waffen.
Alle 40 bei der Genfer Abrüstungskon-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ferenz verhandelnden Nationen haben
ein Dokument erarbeitet, das mehrere
Elemente des amerikanischen Vertragsentwurfs einschließlich dem Prinzip
der Offenheit enthält.

Hindernisse
Das
wirksame,
verifizierbare,
weltweite Verbot chemischer Waffen
stellt eine einzigartige Herausforderung für die Rüstungskontrolle dar.
Zahlreiche Länder haben Zugang zu
Technologie und Chemikalien (sogenannten chemischen Grundstoffen), die
für die Herstellung chemischer Waffen
erforderlich sind. Viele Länder besitzen darüber hinaus eine hochentwickelte
kommerzielle
Chemieindustrie, die problemlos für die Herstellung chemischer Waffen umgewandelt werden könnte.
Obwohl bei den Genfer Verhandlungen Einigung zu einer Reihe kontroverser Punkte erzielt wurde, sind
weite Teile des Vorschlags noch ungelöst. Diese umfassen die Gewährleistung der wirksamen Verifizierung,
Überwachung der kommerziellen Chemieindustrie, um sicherzustellen, daß
sie keine chemischen Waffen herstellt, Entwurf des Organisationsrahmens, in dem die Bedingungen des Abkommens ausgeführt würden, Erarbeitung von Einzelheiten, wie die Vernichtung der Lager und Produktionsstätten chemischer Waffen vorgenommen
werden könnte sowie Schutz der im
Verlauf von Inspektionen gewonnenen
Daten.

Offenheit und Verifizierung
Die Vereinigten Staaten haben der
Förderung der für ein wirksames Verbot erforderlichen Offenheit den Weg
geebnet, indem sie umfassende Informationen über die Zusammensetzung und
den Standort der amerikanischen Lager
und
Produktionsstätten
chemischer
Waffen zur Verfügung gestellt haben.
Als Teil der Verifizierungsmaßnahmen
haben die Vereinigten Staaten seit

langem auf kurzfristig anberaumten,
obligatorischen
Ad-hoc-Inspektionen
vor Ort als einem Mittel zur Verifizierung der Einhaltung eines Abkommens über chemische Waffen bestanden.
Einschließlich der Sowjetunion akzeptieren jetzt die meisten Länder dieses Prinzip.
Einzelheiten wie die
Inspektionsverfahren und der Schutz
sicherheitsempfindlicher Anlagen, die
keine chemischen Waffen herstellen,
müssen noch abgesprochen werden.
Darüber hinaus muß das Problem
erörtert werden, wie angegebene Lager
und
Produktionsstätten
aufgespürt
werden können.
Routineinspektionen
militärischer und ziviler Anlagen,
die im Rahmen eines Abkommens über
chemische Waffen angegeben worden
sind, werden die Inspektionsmaßnahmen
ergänzen. Da die Vereinigten Staaten
ein weltweites Verbot chemischer Waffen anstreben, müßte ein internationales Gremium zur Durchführung und
Überwachung des Verbots geschaffen
werden.
Die Teilnehmer der Genfer Abrüstungskonferenz haben sich auf Bestimmungen zur Überwachung und Verifizierung solcher Anlagen von der Bekanntgabe bis zur letztlichen Vernichtung geeinigt. Diese Bestimmungen beinhalten
systematische VorOrt-Inspektionen, die an die kontinuierliche Überwachung mit von den internationalen Inspektoren vor Ort angebrachten Geräten gekoppelt sind.
Einzelne Kriterien und die zur Durchführung dieser Bestimmungen erforderlichen Verfahren müssen noch ausgearbeitet werden.
Einmal vollständig,
stellen sie einen wirksamen Mechanismus zur Vertrauensbildung und Verifizierung dar.

Vernichtung
Waffen

der

Lager

chemischer

Im Rahmen des Abkommens würden
die Lager chemischer Waffen mit Ablauf einer zehnjährigen Übergangsperiode ab dem Datum des Inkrafttretens
eines Abkommens über chemische Waffen

- 2 -

�vernichtet sein. Die Reihenfolge und
das Verhältnis, in dem die Lager chemischer Waffen zerstört würden, müssen noch endgültig ausgearbeitet werden. Ferner werden Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der jeweiligen Nation während der Übergangsperiode bei der Genfer Abrüstungskonferenz angesprochen.

renz vorgelegt, die über die Einbeziehung des Vorschlags in einen Vertragsentwurf über chemische Waffen
befindet. Darüber hinaus haben die
Vereinigten Staaten einen bilateralen
Datenaustausch über chemische Waffen
mit der Sowjetunion erörtert, der aus
amerikanischer Sicht eine vertrauensbildende Maßnahme zur Unterstützung
eines möglichen weltweiten Verbots
dieser Waffen darstellen würde.

Zerstörung
der
Produktionsstätten
für chemische Waffen
Schlußfolgerung
Der Entwurf des Abkommens fordert
die Zerstörung der Produktionsstätten
für chemische Waffen in einer Art und
Weise, mit der sichergestellt wird,
daß weder das Gerät noch die Gebäude
jemals wieder verwendet oder aufgebaut werden können. Einzelheiten der
angewandten Zerstörungsmethoden und
-techniken werden ausgehandelt und
variieren je nach Aufbau der Anlage,
Art der produzierten chemischen Waffen und ihrer Trägersysteme.

Die amerikanisch-sowjetischen bilateralen Konsultationen über chemische
Waffen
Zur Erleichterung multilateraler
Verhandlungen über chemische Waffen
haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion in Genf 12 DJskussionsrunden auf Expertenebene zur Erörterung der technischen Details und Einzelheitpn eines Vertrags über chemische Waffen abgehalten.
Diese Gespräche haben Fortschritte beim Verbot chemischer Waffen zum Ziel. Am
1. August 1989 haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion sich auf
Verfahren und Modalitäten zur Durchführung kurzfristig anberaumter Adhoc-Inspektionen geeinigt.
Die Arbeit an anderen gemeinsamen Papieren
einschließlich der Reihenfolge, in
der chemische Waffen nach Inkrafttreten eines Vertrags über chemische
Waffen vernichtet werden sollen, wird
fortgesetzt. Wenn beide Seiten ihre
Zustimmung gegeben haben, wird die
vorgeschlagene Reihenfolge der Vernichtung der Genfer Abrüstungskonfe-

Ein Ende der Verhandlungen ist
unmöglich vorherzusagen. Die Vereinigten Staaten werden darauf bestehen, einen guten Vertrag auszuhandeln
- gleichgültig, wie lange es dauern
wird. Sie werden jedoch ihre Sicherheit oder die ihrer Verbündeten nicht
aufs Spiel setzen, indem sich übereilt ein Verbot beschließen, das die
nationale Sicherheit aller Vertragsparteien nicht verbessert.

Teilnehmerstaaten
stungskonferenz

der

Genfer

Ägypten
Äthiopien
Algerien
Argentinien
Australien
Belgien
Brasilien
Bulgarien
Bundesrepublik Deutschland
Burma
Deutsche Demokratische Republik
Frankreich
Großbritannien
Indien
Indonesien
Iran
Italien
Japan
Jugoslawien
Kanada
Kenia
Kuba
Marokko
Mexiko
Mongolei

- 3 -

Abrü-

�Niederlande
Nigeria
Pakistan
Peru
Polen
Rumänien
Schweden
Sri Lanka
Tschechoslowakei
Ungarn
UdSSR
Venezuela
Vereinigten Staaten von Amerika
Volksrepublik China
Zai're

Beobachterstaaten bei der Genfer
rtistungskonferenz
Bangladesch
Chile
Dänemark
Finnland
Griechenland
Heiliger Stuhl (Vatikan)
Irak
Irland
Jordanien
Katar
Li byen
Malaysia
Neuseeland
Nordkorea
Norwegen
Oman
Österreich
Portugal
Schweiz
Senegal
Simbabwe
Spanien
Südkorea
Syrien
Türkei
Tunesien
Vietnam

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

'%r,oN **

35

20. September 1989

INDUSTRIE UND REGIERUNG BEKÄMPFEN CHEMISCHE WAFFEN GEMEINSAM
- Von Richard Clarke und Will Carpenter -

(Richard Clarke ist der Leiter der amerikanischen Delegation bei der Internationalen Konferenz von Regierungen und Industrieunternehmen gegen chemische
Waffen, die vom 18. bis 22. September 1989 in Canberra stattfindet und Will
Carpenter Vertreter der Industrie in der amerikanischen Delegation und Vizepräsident der Monsanto Agricultural Company.)

Die in dieser Woche in Canberra
(Australien) veranstaltete Konferenz
gegen chemische Waffen bietet eine
weitere Gelegenheit, die ausgesprochen enge Zusammenarbeit zwischen Regierung und Chemieindustrie der Vereinigten Staaten bei der Eindämmung
der Verbreitung dieser heimtückischen
Waffen und letzlich ihrer vollständigen Verbannung unter Beweis zu stellen.
In keinem anderen Bereich von
Rüstungskontrolle und Sicherheitspolitik arbeiten Regierung und Industrieunternehmen so effektiv zusammen.
Im vergangenen Jahrzehnt haben
wir einen beschleunigten Prozeß der
Mißachtung internationaler Normen gegen den Einsatz chemischer Waffen beobachtet.
Wer kann jemals die ihm
letzten Jahr im Fernsehen gezeigten

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schrecklichen
Bilder
unschuldiger
Frauen
und
Kinder
vergessen, die
durch
den weitverbreiteten
Einsatz
chemischer Waffen im Krieg zwischen
Iran und Irak vom plötzlichen Tod ereilt wurden?
Der Bestand an chemischen Waffen
nimmt rasch zu. Unseren Schätzungen
zufolge sind heute rund 20 Nationen
im Besitz dieser Waffen.
Die Welt
befindet sich in einem Wettlauf um
den Besitz chemischer Waffen.
Dies
muß ein Ende haben. Die Länder und
Völker der Dritten Welt sind von der
gefährlichen
Verbreitung
chemischer
Waffen am meisten betroffen.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
gemeinsam mit zahlreichen anderen Nationen an der Erstellung eines umfas-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�senden, wirksam verifizierbaren und
wirklich weltweiten Vertrags über das
Verbot von Entwicklung, Produktion,
Transport, Lagerung und Einsatz chemischer Waffen. Darüber hinaus sehen
die Vereinigten Staaten in der Durchführung eines Vertrags über das Verbot chemischer Waffen die beste Lösung des gefährlichen Problems ihrer
Verbreitung. Im Jahr 1984 hat der
damalige Vizepräsident Bush einen
Vertragsentwurf bei der Genfer Abrüstungskonferenz eingebracht, und die
Verhandlungen stützen sich auf diesen
Text. Es ist eine schwierige Aufgabe, da die Verifizierung eines solchen Vertrags - sicherzustellen, daß
andere ihn nicht umgehen - absolut
notwendig und äußerst schwierig ist.

Verstärkte Exportkontrollen
Zur Kontrolle des Exports von
Grundstoffen für chemische Waffen
(solche Chemikalien, die zur Produktion todbringender chemischer Wirkstoffe verwendet werden) hat die amerikanische Regierung mit uneingeschränkter Unterstützung der Industrieunternehmen
weitreichende
Exportrestriktionen verhängt. Für amerikanische Industrieunternehmen sind
diese Bestimmungen aufgrund ihres lobenswerten Ziels mehr als gerechtfertigt: doppelt verwendbare Chemikalien dürfen nur für legitime Zwecke exportiert werden. Die Regierung arbeitet mit den Industrieunternehmen
zusammen, um sicherzustellen, daß
diese Kontrollen effektiv durchgeführt werden und konsultiert die Industrieunternehmen
regelmäßig,
um
festzustellen, ob zusätzliche Kontrollen erforderlich sind.
Bedauerlicherweise haben die Kontrollen die Beschaffung von Chemikalien durch solch problematische Länder wie Syrien, Libyen, Iran und Irak
nicht verhindert.
Die Länder, die
auf ihren Besitz besonders erpicht
sind, werden immer geschickter im Umgehen der Kontrollen. Um die Aussage
von Reginald Bartholomew, dem Unterstaatssekretär
im
Außenministerium

vor dem amerikanischen Senat im vergangenen Juni zu zitieren: "Wir haben es den potentiellen Verbreitern
und anderen erschwert, in den Besitz
von Grundstoffen für chemische Waffen
zu gelangen. Aber", warnte er, "Länder, die beabsichtigen, solche Chemikalien zu beschaffen, können dies immer noch tun."

Verschärfte Inspektionsverfahren
Die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Industrieunternehmen ist
für das erfolgreiche Verbot chemischer Waffen unabdingbar. Unsere Zusammenarbeit erstreckt sich auf die
Gewährleistung, daß mit Inkrafttreten
eines Vertrags über das Verbot chemischer Waffen durch Inspektionen der
Chemieindustrie festgestellt wird, ob
illegale Aktivitäten stattfinden
ohne die lebenswichtigen Unternehmensinteressen zu gefährenden.
Im vergangenen Februar haben die
amerikanische Regierung
und Industrieexperten beispielsweise gemeinsam im Rahmen eines 14 Nationen umfassenden Versuchs zur Erprobung von
Inspektionsverfahren für Chemieunternehmen eine Inspektion der AKZO-Chemieanlage in West Virginia durchgeführt. Dieses Experiment dient als
Grundlage für eine realistische Datenbank für zukünftige multilaterale
Verifizierungsexperimente und für einen Vertrag über das Verbot chemischer Waffen.
Die Chemieindustrie der Vereinigten Staaten sammelt derzeit Daten
über mehrfach verwendbare Chemikalien, die potentiell als chemische Waffe eingesetzt werden können. Diese
Bestrebungen werden den amerikanischen Behörden dabei behilflich sein,
die illegale Umwandlung dieser Chemikalien aufzudecken.
Darüber hinaus
könnten sie dazu beitragen, die Wirkung von Exportkontrollen und eines
Verbots chemischer Waffen an sich abschließend zu beurteilen.
Die Unterstützung seitens der In-

�dustrie hat positive Auswirkungen auf
die Genfer Verhandlungen gehabt und
zu Fortschritten in mehreren Problembereichen wie Handhabung vertraulicher Daten, Durchführung von Betriebsinspektionen sowie die Bestimmung der Materialien, die in Kontrollmaßnahmen einbezogen werden sollen, geführt.

Weitergabe von Daten
Die amerikanische Regierung und
die Industrieunternehmen stellen sich
gegenseitig Informationen über Chemikalien zu Verfügung, die unseres Erachtens nicht in den freien Handel
mit Ländern gelangen sollten, die
Terrorismus offen unterstützen oder
gutheißen. Bisher haben wir gemeinsam an der Überwachung des Exports
von 40 Chemikalien gearbeitet, die
wir und eine Reihe der Handelspartner
auf eine Liste gesetzt haben.

eines Verbots chemischer Waffen erfordert eingehende Inspektionen einiger Chemieanlagen und bedarf daher
beispielloser Zusammenarbeit zwischen
Regierung und Industrieunternehmen.
Ein Teil unserer Bemühungen besteht
in der Erarbeitung wirksamer Verifizierungsmaßnahmen, um sicherzustellen, daß alle Vertragsparteien darauf
vertrauen können, daß dieser Vertrag
eingehalten wird.
Wir erarbeiten
neue Wege, um die Einhaltung zu gewährleisten, die voraussetzen, daß
die Industrieunternehmen sich in noch
höherem Maße selbst überwachen.
Die Chemieindustrie wird zum Beispiel weiterhin ihre Kunden überprüfen, um sich zu vergewissern, daß die
Käufer mit Einsatz, Handhabung und
Lagerung dieser Chemikalien vertraut
und sie für legitime Zwecke bestimmt
sind. Ebenso wie andere Industrieprogramme werden diese Bestrebungen
die Arbeit an einem internationalen
Vertrag erleichtern.

Die amerikanische Regierung ist
damit befaßt, andere Länder davon zu
überzeugen, ihre Chemieexporte so
sorgfältig zu überwachen wie wir.
Amerikanische Chemieproduzenten stellen amerikanischen Regierungsbehörden
freiwillig Informationen über verdächtige Aufträge für sensitive Materialien und Technologien zu Verfügung. Der amerikanische Verband der
Chemieproduzenten
arbeitet an der
Formalisierung dieses Verfahrens, indem er ein Informations- und Referenzsystem aufbaut, anhand dessen Unternehmen die Regierungsbehörden zu
bestimmten
Aufträgen
konsultieren
können und das diesen Behörden gestattet, die Chemieproduzenten bezüglich bestimmter "unerwünschter Käufer" zu warnen.

Chemieunternehmen mit Betrieben
in mehreren Ländern haben das größte
Interesse an einem wirksamen weltweiten Verbot chemischer Waffen. Eine
Welt ohne chemische Waffen würde
freie Märkte für den Handel mit Chemikalien ohne Einschränkungen fördern
und erweitern.
In gleicher Weise
wollen die Industrieunternehmen gewährleisten, daß ihre Betriebe über
jeden Verdacht erhaben sind und auch
ihre Kunden die internationalen Normen einhalten. Die führenden Organisationen der Chemieindustrie unterstützen unsere Unterhändler in Genf
in jeder Hinsicht einmütig bei ihrer
Arbeit an einem umfassenden, wirksam
verifizierbaren und wirklich weltweiten Verbot chemischer Waffen.

Ergänzung der Verifizierungsmaßnahmen des Vertrags

* * * * *

RUstungskontrollmaßnahmen sollten
nur dann ratifiziert werden, wenn sie
verifizierbar
sind.
Alles andere
würde den gesamten Rüstungskontrollprozeß gefährden. Die Verifizierung
- 3 -

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

V,oN &amp;

35

20. September ]989

DIE VERNICHTUNG CHEMISCHER WAFFEN
- Übersicht über das Programm der Vereinigten Staater -

(Die folgende Übersicht über das Programm der Vereinigten Staaten zur Vernichtung chemischer Waffen wurde im September von der amerikanischen Delegation
bp' der Internatioalen Konferenz von Regierungen und Industrieunternehmen geveröffentlicht, die vom 18. bis 22. September 1989 in
;&gt;/n chemische Waffen
Canberra stattfindet.)

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das einzige Land, das sich
öffentlich
zur
Vernichtung
eines
Großteils ihres Bestands an chemischen Waffen bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt verpflichtet haben. In dem
am 8. November 1985 in Kraft getretenen öffentlichen Gesetz 99-145 ist
verankert, daß der Verteidigungsminister die Vernichtung des gesamten
amerikanischen Bestands an unitären
todbringenden chemischen Wirkstoffen
und Munition vornehmen wird. Dem Gesetz zufolge muß der Bestand an unitären Wirkstoffen bis 30. April 1997
vernichtet sein.
Das Gesetz findet
darüber hinaus auch auf in Europa gelagerte unitäre chemische Waffen der
Vereinigten Staaten Anwendung.
Wir
beabsichtigen, die in Europa gelagerten chemischen Waffen vor 1992 zum

Johnston Atoll
zu verlagern,
termingemäß ab.

im Pazifischen
Das Programm

Ozean
läuft

Die Vereinigten Staaten haben im
Jahr 1970 mit der systematischen Vernichtung ihrer unitären Senfgaswirkstoffe
durch
Verbrennen
begonnen.
1973 wurde das Programm auf die Vernichtung von Nervengas durch Neutralisation erweitert.
Millionen Pfund
beider Wirkstoffe wurden im Rocky
Mountain Arsenal in Colorado vernichtet. Zu diesem Zeitpunkt waren diese
größtenteils
veralteten
Waffen
26
Jahre alt. Seit 1979 ist eine kleine
Pilotanlage zur Vernichtung unitärer
chemischer Waffen im Tooele Army Depot in der Nähe von Salt Lake City
(Utah) in Betrieb (diese Anlage wurde
im Jahr 1983 von den Teilnehmerstaa-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ten der Genfer Abrüstungskonferenz
und 1987 von sowjetischen Experten
besichtigt).
In der Anlage in Tooele können
Vernichtungstests an allen Arten von
todbringenden Wirkstoffen und Munition vorgenommen werden. Die dort verwendete Technologie ist erfolgreich
in anderen Vernichtungsanlagen angewandt worden. Anhand der in den Anlagen in den Rocky Montains und in
Tooele gemachten Erfahrungen haben
die Vereinigten Staaten eine Vernichtungsanlage in Pine Bluff (Arkansas)
entworfen, die im Mai 1988 in Betrieb
genommen wurde. In Pine Bluff wird
heute BZ vernichtet, ein bewußtseinsverändernder
halluzinogener
Wirkstoff.
Bis Oktober dieses Jahres
wird der gesamte Bestand der Vereinigten Staaten an diesem Wirkstoff
vernichtet sein. In der Zwischenzeit
ist die erste, in jeder Hinsicht mit
modernster
Technologie
ausgestatte
Vernichtungsanlage für chemische Waffen der Welt auf dem Johnston Atoll
gebaut worden, die bis Ende des Jahres in Betrieb genommen wird.

Vereinigten Staaten ca. 15 Millionen
Pfund an chemischen Waffen vernichtet
haben.
Umweltverträgliche Methoden
zur Vernichtung von Nervengas sind
teuer und zeitaufwendig.
Auch bei
Senfgas ergeben sich Schwierigkeiten.
Die jährlichen Lagerungskosten für
den Bestand an unitären chemischen
Waffen belaufen sich auf rund 63,8
Millionen Dollar, wovon ein Großteil
für Sicherheitsmaßnahmen aufgewendet
wird.
Schätzungen der US-Army zufoge
wird dieses Programm ungefähr 3 Milliarden Dollar kosten. Es wird im
Einklang mit strengsten Umweltvorschriften und unter Einhaltung der
Sicherheitserfordernisse
durchgeführt.
Als Folge dieses Programms
werden die Vereinigten Staaten einen
sehr viel geringeren Bestand an chemischen Waffen haben, der nur noch
aus binären chemischen Waffen besteht, die entschieden sicherer zu
handhaben und zu lagern sind.

* * * * *

Am 23. Februar 1988 hat die USArmy ein Entscheidungsprotokoll veröffentlicht, in dem die Vernichtung
des Bestands an unitMren chemischen
Waffen der Vereinigten Staaten in den
acht Lagern in den Vereinigten Staaten und in der Vernichtungsanlage für
chemische Waffen auf dem Johnston
Atoll im Pazifischen Ozean gefordert
wird. Die Standorte in den Vereinigten Staaten sind: Aberdeen Proving
Ground in der Nähe von Edgewood (Maryland), Anniston Army Depot bei Anniston
(Alabama),
Lexington
Blue
Grass Army Depot bei Richmond (Kentucky), Newport Army Ammunition Plant
bei Newport (Indiana), Pine Bluff Army Ammuniton Plant, Pueblo Army Depot
Activity in der Nähe von Pueblo (Colorado) , das Tooele Army Depot und
die Umatilla Army Depot Activity bei
Hermiston (Oregon).
Am 4. April 1989 hat Botschafter
Friedersdorf die Genfer Abrüstungskonferenz darüber informiert, daß die
- 2 -

�v^°S^&lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

20. September 1989

35

DAS AMERIKANISCHE FORSCHUNGSPROGRAMM ZUR BIOLOGISCHEN VERTEIDIGUNG
- Eine Übersicht des US-Informationsamts -

Hintergrund
Im Jahr 1969 haben die Vereinigten Staaten einseitig und bedingungslos auf Programme zur Entwicklung und
Herstellung biologischer Waffen und
Wirkstoffe verzichtet. Die Vernichtung aller derartigen Bestände wurde
angeordnet. Im Jahr 1970 wurde dieses einseitige Verbot auf Toxine (von
lebenden Organismen produzierte giftige Chemikalien) ausgeweitet.
Im Jahr 1972 unterzeichneten die
Vereinigten Staaten die Konvention
über biologische Waffen (BWC). Dieser von 111 Staaten unterzeichnete
Vertrag untersagt Entwicklung, Produktion, Lagerung, Besitz sowie die
Lieferung von biologischen Wirkstoffen oder Toxinen an andere Staaten.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die Vereinigten Staaten standen im
Kampf für ein weltweites Verbot biologischer Waffen, der zur Konvention
über biologische Waffen führte, an
vorderster Front. Die BWC trat im
Jahr 1975 in Kraft.
Das schon während des Zweiten
Weltkriegs ins Leben gerufene amerikanische Forschungsprogramm zur biologischen Verteidigung (BDRP) wurde
nach dem im Jahr 1969 erklärten Verzicht auf biologische Waffen fortgeführt - jedoch als rein auf Verteidigung ausgerichtetes Programm und nach
der Unterzeichnung der BWC im Jahr
1972 im Einklang mit Artikel I der
BWC, der den Besitz geringfügiger
Mengen biologischer Wirkstoffe und
Toxine zu "prophylaktischen, schützenden oder anderen friedlichen Zwek-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ken" gestattet.
Zum Zeitpunkt der Umsetzung der
Konventton über biologische Waffen
waren alle von der BWC verbotenen militärischen
Bestände
biologischer
Wirkstoffe und Toxine, Waffen, Ausrüstung oder Trägersysteme der Vereinigten Staaten bereits einseitig zerstört worden. Die zuvor für biologische Waffen oder Toxine benutzten
amerikanischen Einrichtungen wurden
für andere Zwecke umgerüstet.
So
sind beispielsweise die militärischen
Einrichtungen von Fort Detrick (Maryland) und Pine Bluff Arsenal (Arkansas), die in der Vergangenheit biologische Zwecken dienten, heute dem
US-Gesundheitsmini sterium unterstellt.
Seit dem Inkrafttreten der BWC im
Jahr 1975 hat kein Land die Vereinigten Staaten jemals beschuldigt, Programme zur Entwicklung offensiver
biologischer Waffen durchzuführen.

Die gegenwärtige Situation
Das Forschungsprogramm zur biologischen
Verteidigung
konzentriert
sich heute wie in den vergangenen 20
Jahren ausschließlich auf defensive
Systeme. Seine Ziele sind die Entwicklung
medizinischer
Schutz- und
Behandlungsmöglichkeiten (Impfstoffe,
Medikamente), von Schutzkleidung, Dekontamlnierungsverfahren und verbesserten Aufspürfähigkeiten auf dem Gefechtsfeld.
In den Jahren 1980 und 1986 gab
es zwei Konferenzen zur Überprüfung
der BWC, die nächste ist für 1991
vorgesehen.
Bei beiden Konferenzen
haben die Vereinigten Staaten bekräftigt, daß sie alle Bestimmungen der
Konvention
vollständig
einhalten.
Insbesondere bei der zweiten Konferenz forderten die Vereinigten Staaten einen jährlichen Informationsaustausch über die Forschungsmaßnahmen
aller Parteien, der so offen wie möglich sein sollte.
Darunter sollte
auch das BDRP fallen. Die Vereinigten Staaten betonen seit jeher ihren

Wunsch, Programme weiterzuführen, in
deren Rahmen Forscher aus verschiedenen Ländern in den Laboratorien anderer Staaten arbeiten können.

Die Verbreitung biologischer Waffen
Trotz amerikanischer Bemühungen
enthält die Konvention über biologische Waffen keine Verifikationsregelung. Bei der Unterzeichnung der BWC
im Jahr 1972 wurde vier Staaten der
Besitz biologischer Waffen unterstellt. Amerikanische Regierungsvertreter gehen davon aus, daß heute
mindestens zehn Staaten nachweislich
oder vermutlich biologische Waffenprogramme unterhalten.
Noch im Jahr 1988 hatte die Administration dem Kongreß berichtet, sie
sei zu der Überzeugung gelangt, daß
die Sowjetunion ein Programm zur offensiven
biologischen
Kriegführung
unterhält.
In diesem Zusammenhang
warten die Vereinigten Staaten immer
noch auf eine zufriedenstellende amtliche Erklärung zu dem beispiellosen
Ausbruch von Milzbrand im Jahr 1979,
von dem Hunderte von Menschen in
Swerdlowsk betroffen waren. Die Sowjetunion behauptet, der Ausbruch
dieser Krankheit habe auf dem Verzehr
von verseuchtem Fleisch beruht. Dies
Angelegenheit falle daher in den Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens, und es bestehe keinerlei weitergehende Verpflichtung zu Konsultationen gemäß der BWC. Die Vereinigten Staaten verweisen darauf, daß die
Mehrheit der Infizierten über die
Atemwege und nicht über den Darmbereich von Milzbrand befallen wurden.
Die Vereinigten Staaten nehmen an,
daß die Sowjets außer Milzbrand Tularämie, Pest und Cholera für Zwecke
der biologischen Kriegführung entwikkelt haben.

Programmumfang
Die Vereinigten Staaten wurden
sich nur langsam der Tatsache bewußt,
daß sich eine wachsende Zahl von Län-

- 2 -

�dem mit offensiv ausgerichteten Programmen zur biologischen Kriegführung
beschäftigen.
Nachdem die Beweise
für die zunehmende Zahl von Ländern,
die offensive biologische Waffen entwickeln, unübersehbar geworden waren,
beschlossen die Vereinigten Staaten
eine erhebliche Aufstockung der Mittel für das BDRP, um dieser wachsenden Bedrohung gerecht zu werden. Wie
in jedem Fall, wenn man praktisch bei
Null beginnt und die für ein Projekt
zur Verfügung stehenden Mittel rasch
erhöht, erscheint der prozentuale Zuwachs als sehr hoch.
Der für Verhandlungspolitik zuständige
Unterabteilungsleiter
im
US-Verteidigungsministerium,
Jim
Hinds, hat am 17. Mai 1989 vor dem
Ausschuß des Senats für Regierungsangelegenheiten eindeutig festgestellt,
daß "es die anhaltende Entwicklung
dieser Waffen durch andere erforderlich macht, daß die Vereinigten Staaten defensive Fähigkeiten beibehalten, um den Einsatz biologischer Waffen gegen unsere Streitkräfte zu verhindern. ... Dies zwingt uns dazu,
wirksame Forschungsprogramme zu Verteidigungszwecken weiterzuführen, mit
denen wir unsere Streitkräfte immunisieren, behandeln und defensiv ausrüsten können, falls sie auf einem biologisch verseuchten Gefechtsfeld operieren müssen."

Defensive Forschung
Viele Wissenschaftler beteiligen
sich an der medizinischen Forschung
im Rahmen des BDRP. Ihre Erkenntnisse werden häufig in Fachzeitschriften
veröffentlicht. Das BDRP unterliegt
keinerlei Geheimhaltung.
Der Kongreß, die Vereinten Nationen, Aufsichtsbehörden, Wissenschaftler aus
der ganzen Welt, Bürgerinitiativen
und die Medien haben jederzeit Zugang
zu Informationen über das BDRP.
Das einzige mit dem BDRP in Verbindung stehende und der Geheimhaltung unterliegende Element sind die
Mittel und Quellen, mit deren Hilfe

die Vereinigten Staaten Informationen
darüber sammeln, welche Länder biologische Waffen entwickeln und wie ausgefeilt diese Waffen sind.
In diesem Jahrhundert wurden fast
unweigerlich
tödlich
verlaufende
Krankheiten wie Pocken erfolgreich
ausgemerzt. Andere, nur gelegentlich
tödlich verlaufende Krankheiten wie
Polio und Röteln werden zunehmend unter Kontrolle gebracht. Das Bindeglied bei der Ausrottung und/oder
Kontrolle dieser Krankheiten ist die
Verwendung kleiner Mengen des die
Krankheit auslösenden Stoffs - unter
streng kontrollierten Bedingungen -,
um Gegenmittel, Impfstoffe oder ein
anderes Schutzsystem zu entwickeln
und erproben.
Diese wissenschaftlich-medizinische Methode liegt auch
dem Teil des BDRP zugrunde, der sich
mit Giften und Toxinen beschäftigt.
Ein kritischer Einwand zum BDRP
lautet, es gäbe keine eigentliche Unterscheidung zwischen offensiver oder
defensiver Forschung zu biologischen
Waffen. Diese Behauptung läßt einige
Realitäten außer acht. Abgesehen von
der Grundlagenforschung ist die gesamte Methodologie bei der Art von
Arbeiten, wie sie für offensive im
Vergleich zu defensiven biologischen
Waffen durchgeführt würden, grundsätzlich verschieden und für jeden
qualifizierten Wissenschaftler offensichtlich. Von Anbeginn basiert defensive Forschung auf anderen Postulaten und Hypothesen als Forschung
mit offensiven Zielsetzungen. Diese
grundverschiedenen Ansätze sind unter
Wissenschaftlern,
insbesondere
bei
den zahlreichen Wissenschaftlern aus
aller Welt, die regelmäßig BDRP-Einrichtungen
besuchen,
wohlbekannt.
Wenn das Ziel des amerikanischen BDRP
tatsächlich darin bestünde, offensive
Systeme zu entwickeln, wäre dies jedermann aufgrund der offenkundigen
Bemühungen ersichtlich, die zur Verstärkung von Virulenz oder toxischer
Wirkung sowie zur Herstellung der
enormen Mengen notwendig sind, die
weit über den zur Produktion von
Impfstoffen benötigten liegen.

- 3 -

�Neue Entwicklungen
Die jüngsten Entwicklungen in der
Gentechnik haben Einhaltung und Verifizierung der BWC erheblich kompliziert. Das Aufspüren von genetisch
veränderten
Substanzen
ist
sehr
schwierig.
Aufgrund der wachsenden
Bedeutung der Gentechnologie in der
Weltwirtschaft ist es leider für viele Staaten auch leichter geworden,
von der Konvention verbotene tödliche
Substanzen herzustellen.
Diese neue und erschreckende Realität der Gentechnik stellt das Forschungsprogramm zur biologischen Verteidigung vor große Herausforderungen. Es müssen jetzt noch energischere Bemühungen unternommen werden,
um die amerikanischen Streitkräfte
vor dem Einsatz und möglichen Mißbrauch dieser Technik zu schützen.

* * * * *

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