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                  <text>AMERIKA DIENST
4

'VON

30. August 1989

33

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bushs Glückwünsche an den neuen polnischen Premierminister
- Erklärung des Präsidenten zu Polen -

HINTERGRUND
Zwe1 Weltkriege und ihre Lehren
- Von Paul H. Nitze -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Letzte Station; Neptun
- VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

**

33

30. August 1989

BUSHS GLÜCKWÜNSCHE AN DEN NEUEN POLNISCHEN PREMIERMINISTER
- Erklärung des Präsidenten zu Polen -

KENNEBUNKPORT -(AD) - Bei einer Ansprache im Jachthafen von Kennebunkport
am 24. August 1989 übermittelte Präsident Bush dem neuen polnischen Premierminister seine Glückwünsche und besten Wünsche für sein Amt. Dem Präsidenten
zufolge werden wir in Europa Zeuge "eines faszinierenden Wandels .. . der sich
so rasch vollzieht, daß er noch vor sieben Monaten nicht absehbar gewesen wäre, als ich Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Der Präsident brachte in
einem Glückwunschschreiben seine "uneingeschränkte Unterstützung" für Tadeusz
Mazowiecki als neuem Premierminister zum Ausdruck, "bei dem Versuch, sein Land
wirtschaftlicher Gesundung und demokratischem Wandel zuzuführen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Ich möchte Herrn Mazowiecki meine
Glückwünsche zu seiner Wahl zum Premierminister
von Polen
aussprechen
und ihn unserer uneingeschränkten Unterstützung versichern bei dem Versuch, sein Land wirtschaftlicher Gesundung und demokratischem Wandel zuzuführen.
Darüber hinaus möchte ich
Staatspräsident Jaruzelski zu seiner
politischen Weitsicht bei der Unterstützung einer Regierung beglückwünschen, die den echten Willen des polnischen Volkes widerspiegelt und die
Solidarität - unter der Führung von
Lech Walesa - zu ihrer konstruktiven
Rolle bei diesem neuen Anfang in Polen.
Seit der Vereinbarung am Runden
Tisch vom vergangenen April ist Polen
den Weg demoratischer Veränderungen

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gegangen. Die Wahl im Juni, die Einberufung des neuen polnischen Parlaments, die Wahl von General Jaruzelski zum Staatspräsidenten und jetzt
die Wahl von Tadeusz Mazowiecki zum
Premierminister sind weitere dramatische Signale eines historischen Prozesses.
Diese Entwicklungen bergen
nicht
nur
das
Versprechen
eines
friedlichen demokratischen Übergangs
in Polen sondern auch eines umfassenderen Prozesses europäischer Aussöhnung zu einem ungeteilten und freien
Europa.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Abkommens am Runden Tisch
zwischen der polnischen Regierung und
der Solidarität habe ich in meiner
Rede in Hamtramck die Unterstützung
der Vereinigten Staaten bei den wirt-

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�schaftlichen und politischen Reformen
in Polen zugesichert.
Bei Besuchen
in Warschau und Danzig im vergangenen
Monat haben wir diese Unterstützung
bekräftigt und Hilfsmaßnahmen angekündigt. Das polnische Volk und seine neue Regierung können bei der Bewältigung der vor ihnen liegenden
ernsten wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer kontinuierlichen
Unterstützung
gewiß
sein.

* * * * *

�«fc°s&gt;&lt;

VON

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

*

30. August 1989

33

ZWEI WELTKRIEGE UND IHRE LEHREN
- Von Paul H. Nltze -

WASHINGTON - (AD) - Der Autor hat von Anbeginn des Zweiten Weltkriegs nahezu fünfzig Jahre lang wichtige Posten in der amerikanischen Regierung innegehabt und der Reagan-Administration als ChefUnterhändler bei den START-Verhandlungen gedient.

Eine der Hauptaufgaben eines Kulturkreises besteht darin, auf die
Lehren der Geschichte sensibel und
aufgeschlossen zu reagieren, weil das
der Schlüssel zum Überleben dieses
KuLturkreises sein kann. Am 1. September jährt sich der Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs zum fünfzigsten
Mal - und der Erste Weltkrieg brach
vor etwa 75 Jahren aus. Welche Lehren hat die Welt aus ihren Erfahrungen mit diesen beiden großen Fehlschlägen staatsmänniscben Handels gezogen?
Ein großer Teil der Veröffentlichungen über den Ersten Weltkrieg
beschäftigt sich mit dem Schuldigen
an diesem Krieg.
Die weitaus interessantere Frage lautet jedoch, ob es
möglicherweise ein destabilisierendes

strukturelles Moment im militärischen
Gefüge der damaligen Mächte war, das
es seinen Politikern unmöglich machte, zu verhindern, daß eine ernste
politische Krise unkontrollierbar ihren Lauf nahm und in einen allgemeinen Krieg mündete.
Ein solches Moment - die Notwendigkeit für vergleichsweise schnelle
Mobilisierung von Streitkräften - war
tatsächlich
der Struktur militärischer Planungen und Streitkräfte der
wichtigsten
Teilnehmer
am
Ersten
Weltkrieg immanent.
Wenn eine der
führenden Mächte mobilisierte, würde
eine Kettenreaktion ausgelöst und eine rivalisierende und nicht aufzuhaltende Mobilisierung aller Streitkräfte nach sich ziehen. Als Folge ergab
sich eine militärisch instabile Si-

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�tuation, in der es nur noch der Entzündung eines Funkens bedurfte, um
einen
unkontrollierbaren
Großbrand
hervorzubringen.
Dieser Funken wurde am 28. Juni
1914 mit der Ermordung des österreichischen Großherzogs durch Serben
in Sarajewo entfacht.
Österreich
stellte an Serbien umfangreiche Forderungen, die das von den Russen unterstützte
Serbien nicht erfüllen
wollte. Daraufhin begann Österreich
seine Streitkräfte zu mobilisieren,
was bei den Russen zu einer Mobilisierung an der Nordgrenze führte.
Daraufhin verfügte Deutschland die
allgemeine Mobilmachung.
Frankreich
sah sich zu einer Reaktion veranlaßt
- und damit war das Feuer außer Kontrolle geraten.
Der Erste Weltkrieg hatte ungeheure Konsequenzen.
Frankreich und Großbritannien waren wirtschaftlich und politisch ausgebrannt, ihre Weltreiche bestanden
noch, erwiesen sich aber eher als Belastung denn als Stütze. Die Reiche
der Österreicher und Türken waren
zerstört. Deutschland war zu einem
kleineren, wirtschaftlich verkümmerten und politisch instabilen Staat
geworden.
Rußland wurde jetzt von
einer marxistisch-leninistischen Führung regiert.
Die unsachgemäße Handhabung des
Friedens nach dem Krieg führte zu ungerechten,
willkürlich
gezogenen
Grenzen und instabilen wirtschaftlichen und militärischen Vereinbarungen. Damit wurde ein Prozeß eingeleitet, der ebenso unweigerlich in
den Zweiten Welkrieg führte, wie dies
bereits vor dem Ersten Weltkrieg der
Fall gewesen war.
Die Vereinigten Staaten gingen
als stärkste Weltmacht aus dem Krieg
hervor.
Aber aufgrund der fehlgeschlagenen Friedensverhandlungen nahmen sie entscheidende zehn Jahre lang
von einer aktiven Rolle in der Weltpolitik Abstand.

Die von Präsident Woodrow Wilson
in seiner Rede im Kongreß am 8. Januar 1918 vorgestellten 14 Punkte versprachen eine Nachkriegzeit mit Einschränkungen und vernünftiger Gerechtigkeit für die überlebenden - Sieger
und Verlierer gleichermaßen - des Ersten Weltkriegs. Aber Wilson wurde
krank, vom Kongreß abgelehnt und von
den Siegermächten in Europa ausmanövriert. Die den Besiegten auferlegten Bedingungen waren so hart und ungerecht, daß sie unweigerlich in eine
wirtschaftliche
Katastrophe
münden
und den Ruf nach Rache laut werden
lassen mußten.
Darüber hinaus lenkte die zehn
Jahre nach dem Krieg ausgebrochene
Große Depression die Aufmerksamkeit
stärker auf Probleme in Wirtschaft
und Handel als auf militärische und
strategische Fragen.
Ein schwacher
Völkerbund kämpfte auf ineffektive
Weise mit gegenwärtigen Weltproblemen, eine langfristige weltpolitische
Strategie lag brach.
Mit dem Aufstieg Hitlers änderte
sich alles.
Nach dem Angriff Stalins auf
Finnland und dem darauf folgenden
Nichtangriffspakt mit Hitler wurde
die Lage schnell für diejenigen hoffnungslos, die sowohl den Zweiten
Weltkrieg
als
auch
ein
HitlerDeutschland mit einer unanfechtbaren
Vorherrschhaft über Westeuropa vermeiden wollten. Sie entchieden sich
für Krieg.
Als Hitlers erster Angriff von
den Russen zurückgeschlagen und eine
Niederlage für ihn und die Briten immer wahrscheinlicher wurde, machten
sich Washington und die anderen Verbündeten mehr Gedanken über den Frieden und die Bedürfnisse der Welt in
der Nachkriegszeit.
Bei der Konferenz von Bretton Woods erarbeiteten
Diplomaten und Wirschaftsexperten die
Grudlagen für eine Weltbank und einen
Internationalen Währungsfonds.
Später wurde ein Allgemeines Zoll- und
Handelsabkommen ausgearbeitet.

�Diese drei Institutionen sollten
Kredite für einen enormen weltweiten
Anstieg von Produktion und Handel gewähren, relative Stabilität schaffen,
damit die Währungen der verschiedenen
Handelsländer und Blöcke konvertierbar wurden und gegen Zölle und Vereinbarungen vorgehen, die mit Hilfe
des Handels einer Ländergruppe gegenüber einer anderen unfaire Vorteile
verschaffen könnten.
Intensive Arbeit wurde bei der
Konferenz von Dumbarton Oaks am Entwurf einer Organisation der Vereinten
Nationen geleistet, die größere Entscheidungsbefugnis
und
mehr
Handlungsspielraum haben sollte als der
Völkerbund.
Um den vom Krieg am meisten zerstörten Ländern beim Wiederaufbau ihrer Fabriken und ihrer Infrastruktur
zu
helfen,
schlug
Außenminister
George Marshall - mit Zustimmung des
Kongresses - ein umfangreiches gemeinsames Programm vor, das der unmittelbaren Notwendigkeit des europäischen
Wiederaufbaus
entgegenkam.
Der Marshallplan übertraf mit seinem
Erfolg alle Erwartungen.
Das schwierigste Problem bestand
darin, herauszufinden, was mit den
besiegten Deutschen, dem japanischen
Kaiser und dem japanischen Volk zu
geschehen hatte.
Es wurde die Meinung vertreten, sie sollten nicht nur
als frühere Feinde, sondern als potentielle künftige Gegner betrachtet
werden und deshalb nicht die Möglichkeit zum Wiederaufbau erhalten. Eine
andere Auffassung besagte, ein Anfang
sollte gemacht werden, um sie wieder
in die Staatengemeinschaft einzugliedern.
Die
unnachgiebigere
Gruppe
siegte in den politischen Kämpfen,
aber im Lauf der Durchfuhrungsphase
war die konstruktivere Gruppe erfolgreich.
Ein Frieden mit Strafmaßnahmen wurde vermieden.
Die amerikanische Nachkriegspolitik durchlief zwei Phasen.
Während
der bis Februar 1947 dauernden Phase

gründete sich diese Politik auf den
Versuch einer Fortsetzung des Kriegsbündnisses mit der Sowjetunion in
Friedenszeiten im Vertrauen darauf,
daß dieses Bündnis die Vereinten Nationen zu den ursprünglich für sie
bestimmten
Aufgaben
zurückzuführen
und dann im Vertrauen darauf, daß
Großbritannien sich wie vor dem Ersten Weltkrieg weiterhin mit den Einzelheiten
der Weltordnung
befassen
würde. Als sich beide Elemente dieses Ansatzes als nicht praktikabel
erwiesen, wurde die zweite Phase der
Nachkriegspolitik
eingeleitet.
Sie
forderte sehr viel mehr Initiative,
Verantwortungsbewußtsein
und
FUhrungskraft von den Vereinigten Staaten.
Im Rahmen dieser überarbeiteten
Politik wurde den Vereinigten Staaten
die Führungsrolle bei der Schaffung
einer neuen Weltordnung zugewiesen.
Diese Ordnung würde politische, wirtschaftliche und militärische Aspekte
umfassen.
Innerhalb dieser Ordnung
hätte jedes Volk und jede Nation einen angemessene Platz, einschließlich
der Sowjetunion und ihren Vasallen,
falls sie sich zur Zusammenarbeit
entschließen.
Sollten die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten jedoch
die Schaffung einer solchen Ordnung
bekämpfen, wäre es Aufgabe der Vereinigten Staaten, den von Aggression
bedrohten Staaten bei der Verteidigung dieser Ordnung Beistand zu leisten.
Bei der Schaffung des neuen Systems wurde der Versuch unternommen,
die entscheidenden Lektionen zu berücksichtigen, die zur Katastrophe
der beiden Weltkriege geführt hatten. Die besiegten ehemaligen Gegner
wurden erneut in die Staatengemeinschaft aufgenommen und erhielten die
Gelegenheit,
ihr
politisches
und
wirtschaftliches Potential voll und
ganz auszuschöpfen.
Die von dem amerikanischen Diplomaten George Kennan
vorgeschlagene
Containment-Politik wurde im Rahmen

- 3-

�eines allgemeinens Systems gemeinsamer Sicherheit auf der Grudlage der
Charta der Vereinten Nationen entwikkelt.
Und als offensichtlich wurde,
daß die Sowjetunion ihre Verpflichtungen gemäß der Charta weder einhalten noch durchführen würde, gründeten
die Vereinigten Staaten und die Mehrzahl der europäischen nichtkommunistischen
Nationen die Organisation
des Nordatlantikvertrags (NATO) zur
Bewahrung ihrer Sicherheit und zum
Aufbau einer militärischen Abschrekkung der sowjetischen Macht.
Dann wurde eine ernsthafte Rüstungskontrollpolitik entwickelt, die
darauf abzielte, mögliche Schwankungen im strukturellen Gefüge der Nuklearstreitkräfte auf der Welt zu beheben oder zu verhindern.
Gemeinsam mit den kontinuierlichen Bereitstellung und Modernisierung
der
Abschreckungsstreitkräfte
haben diese Maßnahmen zu dem beigetragen, was sehr leicht als radikale
Veränderung
des
sicherheitspolitischen Umfelds der Welt in die Geschichte eingehen könnte.
Noch sehr viele neue und schwierige Aufgaben sind zu bewältigen,
aber 50 Jahre später kann die Staatengemeinschaft stolz auf das Ausmaß
sein, in dem sie von den Fehlern und
Versäumnissen der beiden Weltkriege
gelernt hat und eine Wiederholung
wirksam verhindern.

* * * * *

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^TiaN ^

Wissenschaft und Technik

30. August 1989

17

LETZTE STATION: NEPTUN
- VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem
(AD) - "Die Sonde arbeitet bewundernswert. . .Sie tut genau das, was
wir ihr vorgegeben haben." Norman
Haynes,
Projektmanager
für
das
VOYAGER-Programm der NASA, fand sogar
am 24. August, dem Tag der größten
Annäherung und des Vorbeifluges der
amerikanischen
Forschungssonde
VOYAGER 2 am Planeten Neptun, Zeit
zum Gespräch mit Journalisten. Gespannt verfolgten alle Beobachter im
Jet Propulsion Laboratory (JPL - Pasadena, Kalifornien) den Ablauf der
Begegnung mit Neptun und, fünf Stunden später, mit dessen Mond Triton.
Das Doppel-Rendezvous war die letzte
Station und noch einma] ein Höhepunkt
der schon zwölf Jahre währenden Entdeckungsreise der Sonde zu den Großplaneten unseres Sonnensystems.
Am
20. August 1977 in Kap Canaveral ge-

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startet, hatte die Route zunächst zu
Jupiter (9.7.1979), weiter zu Saturn
(25.8.1981)
und
dann
zu
Uranus
(24.1.1986) geführt. Wie zuvor schon
VOYAGER 1, PIONEER 10 und PIONEER 11,
wird nun auch VOYAGER 2 das Sonnensystem verlassen.
Etwa sieben Milliarden Kilometer
hatte der Forschungsroboter seit seinem Start zurückgelegt, als er mit
nur 32 km Abweichung vom berechneten
Kurs in 4 860 km Abstand zur Wolkenobergrenze die Nordpolarregion des
Neptun passierte. Unter der vorausberechneten Einwirkung der Gravitationskraft
des
Planeten erfuhr er
gleichzeitig eine Kursänderung nach
Süden, die in den folgenden paar
Stunden die Beobachtung des Mondes
Triton aus ca. 39 800 km Entfernung

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�ermöglichte. Nie zuvor war die Sonde
einem Ziel ihrer Untersuchungen so
nahe gekommen. Verständlich, daß es
vor allem in der letzten Phase des
Anfluges für die Zeitplanung der
Funkbefehle auf Sekunden ankam - noch
dazu angesichts der Tatsache, daß die
Signale in einer Richtung vier Stunden und sechs Minuten benötigten und
somit bis zu einer Rückmeldung mehr
als acht Stunden vergingen.
Am frühen Morgen des 25. August
1989 verschwand VOYAGER 2 für über
eine Stunde hinter dem Neptun. Als
er aus dem Schatten des Planeten im
Süden wieder hervorkam, war die Erfassung seiner Funksignale während
ihres Durchgangs durch die Atmosphäre
samt den Veränderungen, die sie dabei
erfuhren, von besonderer Bedeutung.
Denn sie ergeben Hinweise auf die Zusammensetzung der Gashülle, in der
wegen der blaugrünen Färbung des im
Fernrohr nur undeutlich zu erkennenden Himmelskörpers u.a. Methan vermutet wird.
Nur wenige Funkmeßdaten wurden
sofort übermittelt. Die Masse ist,
ebenso wie die Daten zu den Programmpunkten "Ringsystem", "Tritonatmosphäre" sowie "Gravitationsfelder von
Neptun und Neptunmond Triton", auf
Band gespeichert, um erst in ein paar
Wochen abgerufen zu werden.
Wie
Prof. G. Leonard Tyler (Stanford-Universität), der Leiter dieser Teilprogramme im VOYAGER-Projekt, sagte,
werde die Ananlyse ohnehin Jahre in
Anspruch nehmen.
Daß auch Neptun ein Ringsystem
besitzt, brachten erst die zwei Tage
vor dem Rendezvous von VOYAGER 2 aufgenommenen Fotos an den Tag. Als erster wurde ein dünner, wohl aus
Staubteilchen bestehender geschlossener Ring in 27 300 km Abstand zur
Wolkenobergrenze entdeckt. Ein zweiter Ring könnte sich 10 000 km weiter
draußen befinden. Die Wissenschaftler sind sich noch nicht sicher, ob
auch er geschlossen ist, oder ob es
sich um mehrere Ringsegmente handelt.

Bisher war nämlich auf Grund ca.
10 Jahre zurückliegender Fernrohrbeobachtungen beim Durchgang des Neptun
vor einem Stern angenommen worden,
daß sich in seiner Umgebung Materieansammlungen nur in der Form von "Bögen", nicht aber in der Form vollständiger Ringe fänden. Einige solcher "Bögen von fünf bis acht Kilometern Breite sind auf Fotos aus den
letzten 12 Anflugtagen zu erkennen.
Die Segmente, die man möglicherweise
dem äußeren Ring zuordnen kann, finden sich in der Nachbarschaft des von
VOYAGER
2 entdeckten Neptunmondes
"1989 N 4" und enthalten neben Staub
und Eis Materiebrocken recht unterschiedlicher Größe. Der innere Ring
dagegen sei auffallen dunkel, erklärte Dr. Bradford A. Smith, Leiter des
Teams für die Bildauswertung. Er habe Ähnlichkeiten mit den dünnen,
schmalen Ringen, die VOYAGER 2 am
Uranus fand.
Insgesamt sechs neue Monde entdeckte man bisher auf den Nahfotos
vom Neptun. Der erste, "1989 N 1"
benannt, hat 420 km Durchmesser und
umkreist den Planeten 72 800 km von
seinem Zentrum entfernt. "1989 N 4"
zieht 21 000 km tiefer seine Bahn.
"1989 N 5" und "1989 N 6", die erst
auf Fotos der letzten Tage ausgemacht
wurden, sind mit 90 und 50 km Durchmesser recht kleine Körper ca 24 000
und 26 000 km außerhalb der Atmosphäre. Die Bahnen der neuen Trabanten
seien nahezu kreisförmig und ziemlich
regelmäßig, sagte ein Sprecher des
JPL. Da ihre Umlaufebene der Äquatorebene des Planeten entspricht,
dürften sie etwa zur gleichen Zeit
wie Neptun und in dessen Nähe entstanden sein.
Nicht so der Mond Triton.
Er
wurde 1846 entdeckt, also im gleichen
Jahr wie Neptun selbst. Die Wissenschaftler beschäftigt er schon seit
langem, weil er bei 355 000 km Abstand den Planeten rückläufig, d.h.
entgegen dessen Rotationsrichtung umkreist. Seine Bahn ist zum Neptunäquator um 20 Grad geneigt.
Mit
2 784 km Durchmesser ist der blau und

�rosa
schimmernde
Mond
kleiner,
gleichzeitig kälter und heller als
bislang vermutet. Er zeigt deutlich
jahreszeitliche Schwankungen und besitzt eine dünne Atmosphäre, die vermutlich aus Methan und Stickstoff besteht.
Dank VOYAGER 2 konnten die Wissenschaftler in Pasadena durch die
Atmosphäre auf die Oberfläche sehen.
Was sie dort ausmachten, ist geradezu
sensationell:
Gletscher, Felsformationen, Gebirgskämme, flache Krater
mit gefrorenen Rändern, Schnee - auf
der SUdhälfte vermutlich sogar Sumpfland. Aufgrund seiner ungewöhnlichen
Umlaufbahn wird seit langem vermutet,
daß Triton vor Jahrmilliarden in einer ganz anderen Region entstand.
Auf seiner kosmischen Wanderung könnte er mit einem Neptunmond kollidiert
und dann infolge der Massenanziehung
des Planeten von diesem "eingefangen"
worden sein. Sein Auftauchen im Trabantensystem des Neptun dürfte für
die Bahnen der anderen Monde erhebliche Störungen und Veränderungen bedeutet haben. So führen manche Wissenschaftler die stark elliptische
Bahn des Mondes Nereide (1949 entdeckt) mit Scheitelpunkten bei 1,4
Millionen und 9,65 Millionen Kilometern Abstand von Neptun auf dieses
Ereignis zurück. Nereide, ein Körper
von ca. 400 km Durchmesser, umkreist
Neptun in "normaler" Umlaufrichtung,
jedoch in einer Bahnebene mit 30 Grad
Neigung zu dessen Äquator.
Es wird angenommen, daß Triton
durch spätere Kollisionen mit Neptun-Trabanten deren Zahl innerhalb
eines bestimmten Höhenbereichs erheblich reduzierte.
Vermutlich haben
die Materieansammlungen in Neptunnähe
etwas damit zu tun. Die weitere Auswertung der Fotos - ca. 8 000 Aufnahmen wurden gemacht - dürfte noch manche neuen Erkenntnisse bringen.
Der vor fast drei Monaten entdeckte dunkle oder "Blaue Fleck" unterhalb des Neptun-Äquators ist eine
Turbulenzzone von der Ausdehnung des
Erddurchmessers.
Sie ist mit dem

"Roten Fleck" in der Jupiter-Atmosphäre vergleichbar.
Zum ersten Mal
waren jetzt Wissenschaftler auch in
der Lage, Wolkenschatten auf einem
anderen Planeten zu beobachten. Die
unerwarteten Schatten, so Dr. Bradford Smith, stammen von dünnen weißen
Wolken hoch in der Atmosphäre. Die
Region zwischen diesen und der tieferliegenden, ziemlich gleichmäßigen
Wolkendecke sei relativ klar. Eine
solche Struktur der Atmosphäre habe
man noch bei keinem Großplaneten gesehen. Im Auflicht der Sonne war in
der Südpolarregion sogar die Höhendifferenz zu bestimmen, die mit ca.
50 bis 75 km Zwischenraum zwischen
den dünnen cirrusähnlichen Wolken und
der tiefen Wolkenschicht ungewöhnlich
groß ist.
Wie Smith weiter berichtet, rasen
Windströmungen
mit
Überschallgeschwindigkeit um den Planeten. Sie
wurden vor allem nahe dem "Großen
dunklen Felck" beobachtet.
Dabei
scheinen die Scherkräfte so groß zu
sein, daß die Cirrus-Wolken, ähnlich
wie die Wolkenhaube eines Berges
"stillstehen", obgleich sie infolge
rascher Verdunstung fortlaufend durch
neue ersetzt werden. Der Wind blase
mit ca. 200 km pro Minute. Wegen
dieses Effekts sei es bislang nicht
möglich gewesen, die tatsächlichen
Strömungsund Rotationsgeschwindigkeiten am "Dunklen Fleck" in der Tiefe
der Atmosphäre zu ermitteln.
Die
strömungsaktive
Atmosphäre
überrascht die Forscher umso mehr,
als Neptun in 4,5 Milliarden Kilometern Entfernung von der Sonne nur ein
Tausendstel
der
Sonnenenergiemenge
der Erde erhält.
Offenbar besitzt
der Planet eine noch unbekannte innere Wärmequelle.
Auch registrierte
VOYAGER 2 intensive Emissionen von
Radiostrahlung des Neptun. Sie lassen die Existenz eines Magnetfeldes
ähnlich dem der Erde, vielleicht in
Verbindung mit dem Auftreten von Polarlichtern, vermuten. Solche Felder
entstehen durch die Bewegung flüssiger Massen im Planetenkern.
Auch
Merkur, Jupiter, Saturn und Uranus

- 3 -

�besitzen ein Magnetfeld, Venus und
Mars dagegen nicht. Da das Magnetfeld mit dem Planeten rotiert, dürfte
anhand der Maßdaten jetzt auch die z.
Zt. mit 17 bis 18 Stunden angenommene
Rotationsgeschwindigkeit des Neptun
genauer bestimmt werden können.

grammieren
bestimmter
Bordsysteme
auszuschalten bzw. zu kompensieren.
So haben nicht nur die Forscher, sondern auch die Raumfahrtingenieure aus
dieser "Großen Planetentour" viel gelernt.

Die Wissenschaftler nehmen an,
daß Neptun aus einer inneren Schicht
von Gestein und Eis und einer oberen
Schicht besteht, in der sich vor allem Wasserstoff und Helium finden.
Die Atmosphäre dürfte Wasserstoff und
Methan, vielleicht auch geringe Mengen Stickstoff enthalten. über ihre
Dichte sollen die Radiosignale von
VOYAGER 2 beim Austritt aus dem Neptunschatten Auskunft geben. übrigens
fand die Sonde kurz vor dem Rendezvous neben einer dunklen "Manschette"
um die Südpolregion ein weiteres, im
Vergleich zum "Großen Fleck" jedoch
kleineres Turbulenzzentrum auf der
SUdhalbkugel.
Der äußerste Planet, Pluto, blieb
für VOYAGER außer Sichtweite. Auf
seinem Weg um die Sonne, der für einen Umlauf 247 Jahre in Anspruch
nimmt (Neptun: 165 Jahre), befindet
er sich jetzt in einer weit entfernten Position innerhalb der Neptunbahn. VOYAGER 2 wird sicherlich noch
geraume Zeit Signale senden. Seine
drei thermoelektrischen Generatoren,
die Ihre Energie aus dem natürlichen
radioaktiven Zerfall von Plutonium
238 beziehen, könnten sogar noch 30
Jahre lang arbeiten. Jedoch wird die
Datenaufnahme nicht zuletzt aus Kostengründen reduziert werden.
Nach
Abschluß des Neptun-Projektes wird
das VOYAGER 2 Meßprogramm unter der
Bezeichnung
"VOYAGER
Interstellar
Mission" weitergeführt.
Zwar begannen die Kameras und
manche Sensoren nach zwölf Jahren im
Weltraum gewisse Alterserscheinungen
zu zeigen.
Dennoch blieben ihre
Funktionen erstaunlich gut, wie die
bisherige wissenschaftliche Ausbeute
zeigt. Im Laufe der Jahre aufgetretene
Schwierigkeiten
verschiedener
Ursache versuchte man durch Umpro- 4 -

* * * * *

�</text>
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              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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              <text>Amerikadienst 30.08.1989</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bushs Glückwünsche an den neuen polnischen Premierminister&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zu Polen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zwei Weltkriege und ihre Lehren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Paul H. Nitze&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Letzte Station: Neptun&lt;br /&gt;&lt;em&gt;VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem &lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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