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                  <text>AMERIKA DIENST
*

'VON

28. J u n i 1989

25

INHALT
DOKUMENTATION
Baker verurteilt Gorbatschows "Zurückhaltung" zu China
- Rede des Außenministers vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats USA benötigen zur Abschreckung zwei mobile ICBM-Systeme
- Rede des Staatssekretärs für Verteidigungspolitik im Senat -

HINTERGRUNDMATERIAL
Stand der Rüstungskontrollverhandlungen
- Wöchentliche Übersicht -

WIRTSCHAFT
Weltwirtschaftsgipfel in Paris; Polen und Umwelt als Hauptthemen
- Kommentare der amerikanischen Regierung -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
«

Mebr Drogenabhängigkeit durch neue Rauschgifte

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
28. Juni 1989

25

BAKER VERURTEILT GORBATSCHOWS "ZURÜCKHALTUNG" ZU CHINA
- Rede des Außenministers vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats -

WASHINGTON - (AD) - In einer Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des
Senats erklärte Außenminister Baker am 20. Juni 1989, die Vereinigten Staaten
seien von Gorbatschows "zurückhaltenden Äußerungen" zu den tragischen Ereignissen der vergangenen Wochen in China enttäuscht.
Baker nahm darüber hinaus zu den Ergebnissen des jüngsten NATO-Gipfeis,
den Ost-West-Beziehugen allgemein und den in der europäischen Sicherheitspolitik erzielten Fortschritten Stellung.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut:

Ich freue mich, heute nachmittag
zu Ihnen über die Ost-West-Beziehungen und die von uns in der europäischen
Sicherheitspolitik
erzielten
Fortschritte sprechen zu dürfen.
Der Einsatz der NATO für den
Schutz unserer Sicherheit und die
Förderung demokratischer Werte hat zu
einem großen Teil die positiven Entwicklungen bewirkt, die wir heute auf
internationaler
Ebene
wahrnehmen.
Beim NATO-Gipfel sind alle westlichen
Spitzenpolitiker übereingekommen, daß
wir uns in den Ost-West-Beziehungen
in einer bemerkenswerten Übergangsphase befinden. Durch das Zusammenspiel von westlicher Entschlossenheit
und wirtschaftlichen Problemen innerhalb der Sowjetunion scheint die sowjetische Führungsspitze zu der Über-

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Embassy of the United States of America

zeugung gelangt zu sein, daß sie eine
große Bandbreite innen- und außenpolitischer Themen neu überdenken muß.
Die Aufgabe des Westens besteht
nunmehr darin, die durch das neue
"Zusammenspiel der Kräfte" - um eine
Moskauer Formulierung zu verwenden hervorgebrachte Gelegenheit zu ergreifen.
In dieser Ubergangsphase
müssen wir zusammenarbeiten, um die
im
Nordatlantikvertrag
und
der
Schlußakte von Helsinki verankerten
demokratischen Grundsätze des Westens
zu fördern.
Der Präsident hat die Vereinigten
Staaten und den Westen aufgefordert,
"über Containment hinaus" auf ein
neues Ziel zuzusteuern: die Teilung
Europas zu überwinden, indem wir die

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Teilung Europas aufheben und Freiheit
nach Europa bringen. Wir wollen eine
neue Einigkeit nach Europa bringen eine Einigkeit, die auf westlichen
Werten basiert.
Der Präsident hat seine Strategie
erläutert, wie er dieses Ziel erreichen will. Er hat erklärt, wie Amerika beim "Umgang mit den Veränderungen" eine FUhrungsrolle übernehmen
und neue Aufgaben für das Bündnis und
den Westen festlegen muß.

Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
Wir leben in einem Zeitalter des
Übergangs.
Das System der Nachkriegszeit wandelt sich, und es entsteht ein neues Umfeld.
Um diese
Veränderungen in eine Perspektive zu
rücken, ist es nützlich, sich vor Augen zu führen, welche Veränderungen
in der Sowjetunion stattfinden.
Der Kurs, den wir in der sowjetischen Politik wahrnehmen, birgt das
Potential für eine Revolution, von
der wir hoffen, daß sie Erfolg hat.
"Neues Denken" ist in Wahrheit ein
Überdenken fehlgeschlagener Ideologie.
Aber niemand - nicht einmal
Gorbatschow - weiß, wie eine Sowjetunion aussehen wird, in der diese
Veränderungen stattgefunden haben.
In dieser Übergangsphase haben
uns unsere Werte und Interessen dazu
bewogen, den Osten aktiv einzubeziehen. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen. Wir sind entschlossen vorgegangen, als es darum ging, den Dialog
mit der Sowjetunion auszubauen und
waren betrebt, zum Schlagwort vom
"neuen Denken" in der Sowjetunion Inhalte beizutragen.
Die Sowjets haben in einer Reihe
von wichtigen Bereichen konkrete und
ermutigende
Schritte
unternommen.
Die Zahl der Auswanderer ist drastisch gestiegen. Es hat ernsthafte
Reaktionen auf unsere RUstungskontrollvorschlage - etwa bei den Mit-

telstreckenraketen und den Reduzierungen im konventionellen Bereich gegeben. Die Sowjets haben wie versprochen ihre Truppen aus Afghanistan
abgezogen. Sie haben aktiver Zusammenarbeit bei grenzüberschreitenden
Fragen von internationalem Interesse
zugestimmt. Aber bevor das Versprechen der Perestrojka Wirklichkeit und
der Fortschritt
institutionalisiert
wird, ist noch ein langer Weg zurückzulegen.
Wir müssen realistisch und geduldig sein, wenn wir die Sowjets auf
das Ausmaß ihrer Kooperationsbereitschaft testen. Wir werden hart arbeiten, um Ergebnisse in jedem Bereich zu erzielen. Einzelne Schritte
mögen von geringer Bedeutung sein,
aber zusammengenommen könnten sie zu
einem sehr viel konstruktiveren amerikanisch-sowjetischen
Verhältnis
führen.
Ergebnisse sind nicht leicht zu
erzielen, und viele der uns beide betreffenden wirklich wichtigen Probleme lassen sich nicht so leicht und
schnell lösen.
Aber der Präsident und ich sind
optimistisch, daß Fortschritte möglich sind, wenn wir die Unterstützung
heider Parteien im Kongreß haben, gemeinsam mit unseren Verbündeten zu
unseren Überzeugungen stehen, aktiv
bleiben und uns vor allem einig sind.
Die Bush-Administration hat mit
den Sowjets die gesamte Bandbreite
unserer Anliegen erörtert. Wie immer
haben wir mit den Menschenrechten angefangen. Bei meinen Ministertreffen
im Mai in Moskau habe ich einzelne
Fälle von Menschenrechtsverletzungen
vorgebracht und Außenminister Schewardnadse erklärt, daß wir nicht ruhen werden, ehe die mehreren hundert
akuter Fällen gelöst sind.
Ich habe ihn darüber hinaus darauf hingewiesen, daß wir uns wünschen, die Sowjets würden aus dem
"Zeitalter der Listen" herauskommen.
Wir möchten, daß sie Menschenrechte

�garantieren, indem sie die dort erzielten Veränderungen institutionalisieren. Wir wünschen uns eine offenes politisches System in der Sowjetunion und eine Rechtsprechung, mit
der die jüngsten Verbesserungen nur
noch schwer umkehrbar sind.
Auch in der Rüstungskontrolle
gibt es Fortschritte. Wir haben Bewegung bei der Reduzierung konventioneller Waffen versprochen. (Im folgenden werde ich auf den ehrgeizigen
Vorschlag des Präsidenten im konventionellen Bereich und die Situation
der KSE-Verhandlungen näher eingehen.) Der Präsident hat einen Vorschlag über "Offene Himmel" unterbreitet, mit dem Vertrauen durch mehr
Transparenz geschaffen werden kann.
Wir gehen auf multilateraler Ebene
mit den im Rahmen der KSZE geführten
Gesprächen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen in Wien
vor. Wir haben soeben ein bilaterales Abkommen mit der Sowjetunion unterzeichnet, mit dem militärische Aktivitäten verhindert werden sollen,
die zu unbeabsichtigten Konflikten
führen könnten.
Gestern wurden in
Genf die Rüstungskontrollverhandlungen über strategische Waffen wieder
aufgenommen.
Und wir haben ferner gegenüber
den Sowjets unser Interesse an der
Erweiterunug des RUstungskontrollprogratnms bekundet, das die Verbreitung
ballistischer Raketen, chemischer und
atomarer Waffen umfassen soll. Diese
Waffen werden von verantwortungslosen
Regierungen in instabilen Regionen
erworben und steigern die Gefahr einer Eskalation.
Obwohl wir mit Hilfe von Rüstungsreduzierungen und -kontrolle an
der Überwachung von Technologie im
Wettbewerb der Supermächte arbeiten,
haben wir Moskau gegenüber deutlich
klargemacht, daß regionale Konflikte
aufgrund der gefährlichen Bedrohung
einer Eskalation, die sie beinhalten,
zentraler Punkt der Zusammenarbeit
zwischen den Supermächten werden sollen.

In Moskau haben Generalsekretär
Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse meinen Ausführungen zu Nicaragua und dem Friedensprozeß im Nahen Osten aufmerksam zugehört. Sie
verstehen, daß wir in Mittelamerika
der Diplomatie eine Chance geben und
daß unsere Politik die Unterstützung
beider Parteien hat. Sie kennen die
Bedeutung, die wir der Einhaltung der
von den Sandinisten in Esquipulas II
eingegangenen Verpflichtungen beimessen.
Im Nahen Osten verstehen sie
unsere Unterstützung für Wahlen in
den besetzten Gebieten, und sie verstehen ebenfalls, warum eine vorzeitige internationale Konferenz nur von
den Veränderungen ablenken wird, die
wir dort sehen wollen. Wir beteiligen uns gegenwärtig an einer Reihe
von Expertengesprächen mit den Sowjets in allen Bereichen, in denen regionale Konflikte herrschen.
Indem
die
Sowjets
positive
Schritte zur Lösung regionaler Konflikte unternehmen, können sie uns
dokumentieren, daß ihr "neues Denken"
weltweit gilt. Insbesondere in Mittelamerika und im Nahen Osten, aber
auch im Südlichen Afrika, am Hörn von
Afrika und in Asien, ist es an der
Zeit, daß die Sowjets ihre Vasallen
zu neuem Denken bewegen.
Beim Ministertreffen hatten wir
ebenfalls
fruchtbare
Diskussionen
über länderübergreifende und bilaterale Fragen. Die länderübergreifenden Probleme wurden auf unser Betreiben hin in die Tagesordnung aufgenommen. Wir haben darauf hingewiesen,
daß die Ölkatastrophe in Alaska, das
Erdbeben in Armenien, Tschernobyl,
die Erwärmung der Erde - daß all diese Probleme über die traditionelle
geopolitische Sorge hinausgehen, Souveränität und Sicherheit könnten das
internationale
Wohlbefinden
beeinträchtigen.
Außenminister Schewardnase und ich haben darüber hinaus ein
Abkommen zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung in der Beringstraße und
der Tschukschensee unterzeichnet
ein kleiner Schritt auf einem, wie
ich hoffe, langen Weg zur Lösung der

�internationalen Umweltprobleme, von
denen die gesamte Menschheit bedroht
ist.
Beim Terrorismus wollen wir Kontakte zwischen Regierungsstellen knüpfen und Informationen über terroristische Vereinigungen austauschen.
Zu bilateralen Fragen haben wir
einen vollen Arbeitsplan mit 23 so
unterschiedlichen Punkten wie Ozeanographie, zivile Luftfahrt, Atomenergie und Grenzen auf See aufgestellt.
Ich möchte diesen kurzen Überblick über die amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
folgendermaßen
zusammenfassen: niemand kann die Ergebnisse der in Moskau und in den anderen kommunistischen Ländern stattfindenden Veränderungen vorhersagen.
Letztlich wissen wir, daß der Erfolg
der Reformen vor allem von Entscheidungen abhängen wird, die in Moskau,
Peking oder Ost-Berlin und nicht In
Washington, Brüssel oder Bonn getroffen werden. Wir wissen jedoch, daß
der Osten nur durch politische und
wirtschaftliche Reformen Fortschritte
erzielen kann. Sich solchen notwendigen historischen Veränderungen In
den Weg zu stellen - wie wir dies zu
unserer Empörung und mit Betroffenheit in China beobachten - heißt,
sich der Zukunft in den Weg zu stellen. Und deshalb sind Generalsekretär Gorbatschows zurückhaltende Äußerungen zu diesen tragischen Ereignissen enttäuschend.
Wir sind der festen Überzeugung,
daß Reformen in der kommunistischen
Welt - in Asien oder in Europa - voll
und ganz in unserem Interesse liegen. Aus diesem Grunde bauen wir auf
Bestrebungen der Vergangenheit auf
und erzielen in unserem Programm mit
der Sowjetunion Fortschritte.
Wir
erforschen und finden neue Mittel,
die systematische Zusammenarbeit unterstützen.
Und wir werden unsere
umfassenden Diskussion bei den Ministertreffen im September fortführen.
Wir beteiligen Moskau aktiv, hal-

ten dabei die Augen offen und konzentrieren uns weiterhin auf unsere traditionellen
Ziele und Interessen:
den Schutz der Sicherheit des Westens
und die Förderung der demokratischen
Werte, Ziele und Interessen, die wir
beim NATO-Gipfel bekräftigt haben.

Ein Schritt nach vorn - der NATO-Gipfel
Beim Gipfeltreffen zum 40. Jahrestag der NATO haben wir die nachsten 40 - nicht die vergangenen 40 Jahre als Leitlinie genommen.
Wir
haben einen kühnen Schritt gewagt,
damit ein Krieg in Europa undenkbar
und unmöglich wird, mit dem Ziel vor
Augen, daß Europa ungeteilt und frei
und die Welt für alle ein besserer
Platz zum Leben wird.

*

In Brüssel hat der Präsident drei
bedeutsame Schritte unternommen, um
im Bündnis die Führungsrolle zu übernehmen, wenn es sich der vor uns liegenden veränderten Welt stellt. Zu- ,
nächst hat diese Administration die
Gelegenheit ergriffen, um eine mögliche
historische
Veränderung
im
Gleichgewicht der Streitkräfte in Europa zu begünstigen und zu beschleunigen. Zweitens haben wir eine Vereinbarung zum Gesamtkonzept der NATO
erzielt.
Drittens haben wir neue
Aufgaben für die NATO festgelegt.

Der Vorschlag des Präsidenten
konventionellen Abrüstung

zur

Ich möchte den Vorschlag des Präsidenten zur konventionellen Abrüstung erläutern, indem ich den hier
Anwesenden einen kurzen Abriß der
bisherigen Verhandlungen gebe.
Im März dieses Jahres haben die
NATO und der Warschauer Pakt in Wien
Verhandlungen
über
Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) aufgenommen, mit dem Ziel, die durch die
Überlegenheit des Warschauer Pakts
bei den wichtigsten konventionellen
Fähigkeiten entstandene Bedrohung ab-

- 4 -

*
*

�zubauen.
Bei der Eröffnung der
KSE-Verhandlungen haben wir gemeinsam
mit unseren westlichen Verbündeten
detaillierte und umfassende Vorschläge unterbreitet, mit denen Sicherheit
und Stabilität in Europa auf erheblich
verringerten
konventionellen
Streitkräfteniveaus
herbeigeführt
werden soll.
Der Vorschlag des Westens, der
die Grundlage der Verhandlungen bildet, fordert gleiche Obergrenzen für
NATO und Warschauer Pakt bei den
wichtigsten Waffenkategorien, mit denen Territorium erobert und gehalten
werden kann. Neben dem Abbau der
entscheidenen militärischen Vorteile
des Warschauer Pakts zielt der Vorschlag des Westens bei den KSE-Verhandlungen darauf ab, die Fähigkeit
des Warschauer
Pakts zu Überraschungsangriffen und raurogreifenden
Offensiven zu verringern oder seine
Streitkräfte
zur politischen Einschüchterung
einzusetzen.
Darüber
hinaus wollen wir die Gesamtstärke
der sowjetischen Streitkräfte, den
Umfang ihrer Stationierung in Osteuropa sowie die relative Geschwindigkeit, mit der sie im Falle eines Konflikts mobilisiert werden können, abbauen oder begrenzen.
Schließlich beinhaltet unser Vorschlag vier Obergrenzen für Unterzonen, mit denen die Streitkräftekonzentratton in allen Teilen Europas
begrenzt weren könnte. So versuchen
wir die Abschreckung zu erweitern,
indem ein Gleichgewicht zwischen Ost
und West bei den Fähigkeiten zur
Durchführung und Fortsetzung militärischer Aktionen geschaffen wird.
Eine entscheidende Möglichkeit zu
Fortschritten bei den Wiener Verhandlungen ergab sich aus meinem Treffen
mit Generalsekretär Gorbatschow in
Moskau am 11. Mai 1989. Generalsekretär Gorbatschow legte mir bestimmte zahlenmäßige Obergrenzen und einen
detaillierteren Zeitplan für den Vorschlag vor, den der Osten zuvor in
Wien unterbreitet hatte. Diese Zahlen wurden offiziell kurz vor dem

NATO-Gipfel veröffentlicht.
Der Präsident gelangte zu der
Schlußfolgerung, daß die spezifischen
Vorschläge des Warschauer Pakts einer
stillschweigenden Billigung des westlichen Konzepts und des Rahmens für
die KSE-Verhandlungen gleichkämen und
die Zeit reif sei, die Verhandlungen
einen entscheidenden Schritt voranzubringen.
Der Präsident entschied,
unseren ursprünglichen Vorschlag in
vier Bereichen zu erweitern.
Beim
Gipfeltreffen wurde der Plan einmütig
von unseren Verbündeten begrüßt. Unser Vorschlag umfaßt folgenden Forderungen:
Erstens, Einbeziehung der Zustimmung des Ostens zu den vom Westen
vorgeschlagenen Obergrenzen für die
wichtigsten Teile der Landstreitkräfte. Dies würde bedeuten, eine gemeinsame Obergrenze für Panzer bei
20 000, für Schützenpanzer bei 28 000
und bei Artilleriegeschützen zwischen
16 500 und 24 000 festzusetzen, je
nach der Lösung der Definitionsfragen. Das abgebaute Gerät würde verschrottet.
Zweitens, Erweiterung
des ursprünglichen Vorschlags des Westens
unter Einbeziehung der Begrenzungen
für alle ständig an Land stationiei—
ten Flugzeuge oder für Hubschrauber
vom Atlantik bis zum Ural bei 15 Prozent unter der derzeitigen Gesamtzahl
der NATO. Alles abgebaute Gerät würde zerstört.
Drittens, ein Abkommen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, mit dem die in Europa stationierten Einsatztruppen außerhalb
des nationalen Territoriums auf einen
Gleichstand 20 Prozent unter dem derzeitigen NATO-Niveau reduziert würden. Die entsprechenden Obergrenzen
für amerikanische und sowjetische in
Europa stationierte Landstreitkräfte
würden dann bei etwa 275 000 Soldaten
liegen. Die abgezogenen Streitkräfte
würden auf beiden Seiten demobilisiert.
Bei diesen Obergrenzen für
Personal müßten die Sowjets ungefähr

- 5 -

�325 000 Soldaten aus Osteuropa abziehen und damit den im ursprünglichen
Vorschlag des Westens enthaltenen
Obergrenzen bei stationierten Streitkräften entsprechen.
Viertens, ein Abkommen über die
Beschleunigung der Zeitpläne von Ost
und West, damit ein KSE-Abkommen entsprechend der von mir gerade umrissenen Vorstellungen und zur Verwirklichung der erforderlichen Verringerungen erzielt werden kann. Der sowjetische Vorschlag forderte die vollständige Verwirklichung einer Übereinkunft bis zum Jahr 1997. Der Präsident hat als Frist für ein Abkommen
sechs Monate oder ein Jahr festgesetzt, wobei die notwendigen Verringerungen bis 1992 oder 1993 durchgeführt sein sollen.
Diese Bestimmungen würden beide
Seiten verpflichten, eine beträchtliche Anzahl an Gerät zu zerstören.
Entscheidend wäre jedoch, daß die
Überlegenheit des Warschauer Pakts
bei den wichtigsten Komponenten seiner militärischen Stärke beseitigt
würden.
Diese Bestrebungen laufen den Modernisierungsplänen der NATO nicht
zuwider. Sie sollten als Teil eines
umfassenden Ansatzes zur Verbesserung
unserer Sicherheit durch Streitkräftemodernisierung einerseits und Rüstungskontrolle und Abrüstung andererseits verstanden werden.
Die westlichen Regierungen sind
jetzt damit befaßt, die Erweiterung
unseres
ursprünglichen
Vorschlags
vorzubereiten, die bei der Eröffnung
der dritten Verhandlungsrunde in Wien
am 7. September 1989 unterbreitet
werden soll. Darüber hinaus ist der
Westen immer noch mit der Entwicklung
bestimmter Bestandteile der Verifizierungsmaßnahmen und einem Paket von
"Stabillsierungsmaßnahmen"
befaßt,
die darauf ausgerichtet sind, die
Vorteile von Obergrenzen für Gerät zu
untermauern.
Gleichzeitig wird die
Arbeit für Verhandlungen mit dem
Osten über die Entwicklung gemeinsa-

mer Definitionen und Zählvorschriften
fortgesetzt.
Beide Seiten haben grundsätzlich
Einigung darüber erzielt, daß Untergrenzen für Streitkräfte auf ausländischem Gebiet in Europa, Begrenzungen für die Streitkräfte der jeweiligen Länder sowie Unterzonen eingeführt werden sollten.
Es bestehen
jedoch entscheidende Unterschiede in
der Art und Weise, in der Ost und
West diese Grundsätze anwenden. Der
Osten muß seine Verifizierungsmaßnahmen noch verbessern, aber wir erwarten zügige Fortschritte.

Die umfassenderen Auswirkungen des
vom Präsidenten unterbreiteten Vorschlags
Ich möchte mich hier nicht in
Zahlen verlieren. Abrüstung und Rüstungskontrolle sind sehr viel mehr
als eine schlichte Subtraktion. Und
die Initiative des Präsidenten ist
mehr als nur ein militärisches Konzept.
Unser Vorschlag hat weitreichende
politische
Auswirkungen
auf
die
Schaffung des von uns angestrebten
ungeteilten und freien Europas. Wir
ergreifen diese Gelegenheit, um den
Schatten zu verringern, den die sowjetische
Militärmacht
auf
Europa
wirft. Wir versuchen, Westeuropa von
der Bedrohung der Aggression oder
politischen Einschüchterung durch die
überlegenen
Streitkräfte
des Warschauer Pakts zu befreien. Und nicht
zuletzt wollen wir dazu beitragen,
den politischen Reformprozeß in Osteuropa von der schweren Last der
übermäßigen sowjetischen Militärpräsenz zu befreien. Während wir dahin
tendieren, die sowjetischen Streitkräfte als potentielle Invasionsstreitmacht zu sehen, sind die Sowjets für Millionen Menschen im Osten
immer noch eine Besatzungsmacht.
Insgesamt wollen wir Europa zu
einem Zentrum der Kooperation und
nicht
der
Konfrontation
machen.

�Die Rolle von
NATO-Strategie

Atomwaffen

in

der

Beim Gipfeltreffen veranlaßte der
Präsident das Bündnis, einen zweiten
wichtigen Schritt in Richtung auf die
Zukunft zu unternehmen: Die Zustimmung des Westens zu den Bestandteilen
eines "Gesamtkonzepts für Rüstungskontrolle und Abrüstung". Diese Leistung ist Beweis für die Fähigkeit
der NATO, sich an Veränderungen anzupassen und gleichzeitig zu unserer
Grundüberzeugung zu stehen, daß Atomwaffen eine entscheidende Rolle dabei
spielen, die Wirksamkeit unserer Abschreckungsstrategie
zu gewährleisten. Im Lichte des bestehenden Ungleichgewichts bei den konventionellen Streitkräften gab das Bündnis
seine Zustimmung, daß Verhandlungen
über Kurzstreckenraketen erst dann
aufgenommen werden sollten, wenn die
Durchführung eines KSE-Abkommens in
die Wege geleitet worden ist. Darüber hinaus wird der vereinbarte Abbau
von SNF nicht vorgenommen, bevor das
KSE-Abkommen tatsächlich verwirklicht
ist.
Das
Gipfel-Kommunique
unterstreicht - im wahrsten Sinne des Wortes - unser Ziel, teilweise Reduzierungen dieser Streitkräfte bei den
SNF-Verhandlungen
herbeizuführen.
Das Bündnis hat sich verpflichtet, in
absehbarer Zukunft ein angemessenes
Niveau von land-, see- und luftgestützten Nuklearsystemen aufrechtzuerhalten, einschließlich landgestützter SNF-Raketen.
Damit hat das Bündnis unsere seit
langem geteilte Überzeugung bekräftigt, daß Atomwaffen einen unersetzlichen Beitrag zur Glaubwürdigkeit
der Abschreckungsstrategie der NATO
leisten. Wir hoffen, daß das katastrophale Potential einer nuklearen
Eskalation in einem Konflikt weiterhin abschreckend auf einen möglichen
Aggressor wirken wird.
Selbst bei
einem konventionellen Gleichgewicht
sind Atomwaffen immer noch von einzigartiger Bedeutung in unserer Strategie.

Neue Aufgaben für die NATO
Der dritte, vom Präsidenten beim
Gipeltreffen unternommene Schritt in
die Zukunft war seine Aufforderung an
das Bündnis, neue Probleme in Angriff
zu nehmen. Er ermutigte unsere Bündnispartner, neue Aufgaben für das
Bündnis in Betracht zu ziehen. Da es
uns gelingt, die militärische Konfrontation in Europa zu verringern,
müssen wir das Bündnis neuen Herausforderungen zuführen. Die Hauptaufgabe der NATO wird stets in der Aufrechterhaltung der kollektiven Sicherheit des Westens bestehen. Der
Schwerpunkt der Aktivitäten des Bündnisses wird in einem günstigeren europäischen Sicherheitsumfeld
jedoch
offensichtlich ein anderer sein als
in den vergangenen 40 Jahren.
Erstens sprach der Präsident über
unser Interesse an der weiteren Dezentralisierung
politischer, wirtschaftlicher und sozialer Macht in
Osteuropa.
Während wir den Westen
schützen,
müssen
wir
dem
Osten
gleichzeitig entgegenkommen, um unserer Verpflichtung zur Überwindung
der Teilung Europas Substanz zu verleihen.
In dieser Hinsicht könnten die
Rolle der NATO als politisches Konsultativforum und unsere Verpflichtung zum KSZE-Prozeß wirksamer genutzt werden, um die Haltung des Westens gegenüber dem Osten abzustimmen.
Gemeinsam mit Aktivitäten in
der Europäischen Gemeinschaft und anderen westlichen Institutionen sollten die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten eine einheitliche Strategie zur Bewältigung der Veränderungen
in Osteuropa entwickeln.
Zweitens unterstrich der Präsident die neuerkannte Gefahr für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen
durch die Bedrohung der Umwelt. Er
schlug neue Maßnahmen vor, die der
Westen ergreifen könnte, um dem Osten
bei der Behebung seiner massiven Umweltprobleme behilflich zu sein. Darüber hinaus haben sich die Bündnis-

- 7 -

�partner dazu verpflichtet, mehr Mittel für bestimmte nichtmilitärische
Projekte bereitzustellen, die Aufgaben der Europäischen Gemeinschaft und
anderer europäischer Gemeinschaftsinstitutionen ergänzen, beispielsweise bei Umweltproblemen und im Bereich
der wissenschaftlichen Zusammenarbeit.
Drittens lenkte der Präsident das
Augenmerk auf die Notwendigkeit zur
Zusammenarbeit bei der Behandlung der
gesamten Bandbreite von Sicherheitsbedrohungen, insbesondere diejenigen,
die durch regionale Konflikte und die
Weiterverbreitung chemischer und nuklearer Waffen und ihrer Trägersysteme entstehen. Die NATO muß weder augenfällige einheitliche Antworten auf
all diese neuen Sicherheitsbedrohungen entwickeln noch sollten diese Bestrebungen auf die Zusammenarbeit
zwischen den Ländern des Westens begrenzt sein. Diese neuen Bedrohungen
sind eine Gefahr für Verbündete,
Freunde und Gegner gleichermaßen.
Wir haben unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen betroffenen
Nationen bei ihrer Bewältigung signalisiert.

Schlußfolgerung
Der Erfolg des Gipfeltreffens und nicht zuletzt für das Bündnis
selbst - ist Beweis für die Dauerhaftigkeit der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bande, die
Amerika seit 40 Jahren mit seinen europäischen Verbündeten einen.
Wie
der Präsident betont hat, sind und
bleiben die Vereinigten Staaten eine
europäische Macht.
In Brüssel haben wir mit unseren
Bündnispartnern ehrgeizige Zukunftspläne entwickelt.
Wir haben entscheidende Fortschritte im Bereich
der Sicherheit erzielt und erfolgreich die Richtlinien für die Entwicklung unseres nuklearen und konventionellen Einsatzkonzepts und für
die Rüstungskontrollpolitik festgelegt. Darüber hinaus haben wir das
Augenmerk auf die Notwendigkeit für
- 8

die Bündnispartner und die anderen
westlichen Nationen gelenkt, das sehr
viel umfassendere Programm in Angriff
zu nehmen, mit dem wir uns in Europa
und weltweit in den neunziger Jahren
konfrontiert sehen.
Am wichtigsten ist jedoch, daß
wir und unsere Bündnispartner beim
40. Jahrestag der Unterzeichnung des
Nordatlantikvertrags
und
in einer
Zeit tiefgreifender Veränderungen in
den Ost-West-Beziehungen eine neue
Grundlage für Einheit geschaffen haben.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

*

Dokumentation

25

28. Juni 1989

USA BENÖTIGEN ZUR ABSCHRECKUNG ZWEI MOBILE ICBM-SYSTEME
- Rede des Staatssekretärs für Verteidigungspolitik im Senat -

WASHINGTON - (AD) - Dem Staatsekretär für Verteidigungspolitik im Senat,
Paul Wolfowitz, zufolge benötigen die Vereinigten Staaten zwei Systeme mobiler
Interkontinentalraketen (ICBM) zur Abschreckung einer potentiellen sowjetischen Aggression. Wolfowitz forderte am 21. Juni den Streitkräfteausschuß des
Senats auf, im Hinblick auf die gerade in Genf aufgenommenen amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über Strategische Rüstungen (START) diesem Vorschlag
des Präsidenten zuzustimmen, der ein zweifaches System vorsieht, bei dem
MX-Raketen des Typs Peacekeeper mit 10 Gefechtsköpfen auf Schienenfahrzeugen
disloziert werden und kleinere Raketen mit nur einem Gefechtskopf auf LKWs
stationiert würden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Wolfowitz' Ansprache im Wortlaut:

Herr Vorsitzender, verehrte Mitglieder des Streitkräftesausschusses,
Es ist mir eine Ehre, heute hier
gemeinsam mit General Welch über das
Programm
der
Administration
zur
ICBM-Modernisierung
referieren
zu
können.
Wie Sie wissen, hat die Administration eine umfangreiche Überprüfung unserer nationalen Sicherheitspolitik durchgeführt. Bei der Untersuchung aller Aspekte strategischer
Fragen sind wir zu einer Reihe von
Schlußfolgerungen
gelangt, die ich
Ihnen heute darlegen möchte, bevor
ich mich der Frage der ICBM-Modernisierung im einzelnen zuwende.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die strategische Triade
Unsere Bilanz hat die Notwendigkeit einer Triade strategischer Offensivstreitkräfte
bestätigt.
Die
drei Säulen unserer Abschreckung leisten zusammengenommen weit mehr als
die Summe der einzelnen dies vermuten
ließe.
Jede Säule hat einzigartige
Stärken und Fähigkeiten, die insgesamt den Präsidenten mit einer effektiven und flexiblen Abschreckung mit
der Fähigkeit ausstattet, sich einer
großen Bandbreite potentieller Bedrohungen zu stellen - und sie damit abzuschrecken.
Das
von
Präsident
Reagan
im
Herbst 1981 eingeleitete strategische
Modernisierungsprogramm war in höchstem Maße erfolgreich: Es hat viele

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�strategische Mängel beseitigt, mit
denen wir die achtziger Jahre begonnen haben, unsere Abschreckung gestärkt, indem es bisher existierende
einseitige Vorteile der Sowjets wie
etwa das Treffen gehärteter Ziele außer Kraft gesetzt und damit die
Grundlage für bedeutende Fortschritte
bei den RUstungsreduzierungen geschaffen hat.
Da das strategische
Verhältnis jedoch dynamisch ist und
das Reagan-Programm darauf abzielte,
alle drei Säulen der Triade in einem
Zeitrahmen von 15 bis 20 Jahren zu
modernisieren, bleibt noch viel zu
tun. Wir müssen weiterhin U-Boote,
Bomber und ICBM wie auch die sie unterstützenden Führungs- und Kommunikat ionseinrichtungen modernisi eren.

reiten Bombern und den bereits auf
See befindlichen SSBN die größtmögliche Abschreckung gegen einen sowjetischen Präventivschlag gewährleistet.
Nach Erwägung all dieser Punkte
haben wir die verschiedenen Situationen
analysiert, in denen unsere
ICBM-Silos angegriffen werden könnten. Dabei ergeben sich zwei potentielle Szenarien.
Ein sowjetischer Schlag als Reaktion auf einen Konflikt, der so
groß ist, daß er bereits zu einem
konventionellen
Krieg
zwischen
den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion geführt haben könnte
oder,
-

Die ICBM-Streitkräfte
Mit der Stationierung von 50 ICBM
des Typs Peacekeeper und der Modernisierung
der
Minuteman-Raketen
wurde eine in höchstem Maße fähige
Abschreckung geschaffen, die ein Risiko für nahezu alle Arten sowjetischer
Ziele
bedeutet.
Die
ICBM-Streitkräfte können heute jedoch
den Sowjets nicht die Fähigkeit bestreiten, einen Teil der Streitkräfte
in einem Präventivschlag zu treffen.
Der Ausschuß ist sich bewußt, daß
dieses Problem den zwanzig Jahren der
Debatte
und
Kontroverse
um
die
ICBM-Modernisierung
zugrundegelegen
hat.
Vor diesem wichtigen Hintergrund fand unsere Überprüfung statt.
Wir sind zu dem Schluß gekommen,
daß es vom Standpunkt der Abschrekkung her in der Tat wünschenswert
ist, wenn zumindest ein Teil jeder
SMule der Triade überlebensfähig wäre. Unsere alarmbereiten Bomber und
unsere nukleargetriebenen Raketenunterseeboote (SSBN) auf See werden
diesen Anforderungen heute gerecht.
Wenn einige unserer ICBM heute Uberlebensfähig wären, würde damit unter
anderem eine Vorbeugemaßnahme getroffen, wenn bei den Bombern oder den
U-Booten
Schwachstellen
auftreten,
und damit zusammen mit den alarmbe-

ein Angriff
der zuweilen als
"Blitz aus heiterem Himmel" bezeichnet wird und in Ermangelung
akuter internationaler Konflikte
oder
Feindseligkeiten
durchgeführt wird.

Wir haben große Fortschritte beim
Wiederaufbau unserer Triade gemacht
und glauben nicht, daß die Abschrekkung versagen wird. Ein Versagen der
Abschreckung und ein Angriff auf unsere ICBM-Silos ist sehr unwahrscheinlich, aber eben deshalb haben
wir viel investiert, um unsere Abschreckung effektiv zu machen, und
das müssen wir angesichts wiederkehrender Bedrohungen weiterhin tun. Da
es unabdingbar ist, daß wir gegen
beide der oben beschriebenen Szenarien eine angemesse Abschreckung haben, führen wir beide Raketenprogramme aufgrund ihrer unterschiedlichen
Entwicklungsstadien konsequent durch
und auch, weil wir damit sowohl auf
die Bedrohung als auch auf haushaltsmäßige Gegebenheiten reagieren.

Das Programm des Präsidenten
Das Mittel zur Vorbeugung gegen
die erste Art der Bedrohung steht zur
Verfügung
kann kurzfristig stationiert werden und ist darüber hinaus
voll finanzierbar. Wenn wir die exi-

�stierenden
50
Peacekeeper-Raketen
aus ihren Silos entnehmen und sie auf
Schienenfahrzeugen stationieren - womit sich die Gesamtkosten des Programms auf etwa 6 Milliarden Dollar
beliefen - hätten wir damit 50 in
drei
Jahren
Peacekeeper-Gefechtsköpfe, die voll überlebensfähig werden können, und in fünf Jahren werden
die insgesamt 500 Gefechtsköpfe umfassenden
Peacekeeper-Streitkräfte
dazu in der Lage sein.
Die Lösung für das zweite Szenarium, bei dem wir nur taktische Warnung vor einem Angriff hätten, besteht in der Entwicklung einer neuen
kleinen ICBM (Small ICBM - SICBM).
Wir könnten mit der Stationierung der
SICBM auf ihren gehärteten mobilen
Abschußvorrichtungen erst Ende der
neunziger Jahre beginnen, also lange
nach der Zeit, in der wir die 50
Peacekeeper-Raketen
in Eisenbahndepots neu stationieren könnten. Aufgrund der unmittelbaren Bedrohung,
der technologischen Reife und der
Haushaltslage hat der Präsident sich
zur Fortführung dieses Programms entschieden, will aber die 50 Peacekeeper-Raketen zuerst stationieren.
In den nächsten Jahren werden wir untersuchen, wie und wo die SICBMs zu
stationieren sind, wie viele erforderlich sein werden, wie hoch ihre
Sprengladung sein könnte und welche
Maßnahmen wir ergreifen müssen, um
die Kosten des Gesamtprogramms zu
senken.

sere befinden sich noch in der Planung.
Bevor mobile ICBM im Rahmen eines
START-Abkommens
zugelassen
werden,
müssen wir sichersteilen, daß jegliche Begrenzungen bei diesen Systemen
wirksam verifizierbar sind. Andernfalls sind die Vorteile der Stationierung mobiler ICBM zur Sicherheit
der Vereinigten Staaten das Risiko
sowjetischer Täuschungsmanöver nicht
wert. Damit die Sowjets einem befriedigenden Ergebnis bei START zustimmen, ist es von entscheidender
Bedeutung, daß die Vereinigten Staaten ihre Bereitschaft und Fähigkeit
zur Stationierung eines mobilen Systems demonstrieren.
In dieser Wochen wurden in Genf
die START-Verhandlungen wiederaufgenommen. Zusäztlich zur Verifizierung
bleiben für uns und die Sowjets noch
wichtige Fragen offen. Deshalb können wir wirklich nicht vorhersagen,
wann ein Vertrag unterschriftsreif
sein wird. Darüber hinaus wäre es
unvorsichtig, wenn wir unsere strategischen Streitkräfte so konzipierten,
daß sie einem noch unvollständigen
und nicht vereinbarten Dokument entsprächen.
Zusätzlich zu den Abschreckungsvorteilen
steilen
die
Fortführung
der Stationierung der
Peacekeeper in Eisenbahndepots und
die Konstruktion der SICBM vorsichtige Schritte und eine Vorbeugemaßnahme
dar, wenn kein Vertrag erzielt wird,
der amerikanische Interessen berücksichtigt.

Erwägungen zur Rüstungskontrolle
In Ermangelung eines START-Abkommens möchten die Vereinigten Staaten
in der Lage sein, mobile ICBM-Streitkräfte zu stationieren, die denen der
Sowjets vergleichbar sind. Die Vereinigten Staaten dürfen sich nicht in
eine Situation bringen, in der die
Sowjets überlebensfähige ICBM haben
und sie nicht. Die Sowjets haben uns
gegenüber in diesem Bereich einen
Vorsprung
da
sie
zwei
mobile
ICBM-Systeme stationiert haben. Un-

Schlußfolgerung
Herr Vorsitzender, das Programm
des Präsidenten steht für eine gesunde Abschreckungspolitik wie auch eine
gesunde Haushaltspolitik.
Und es
steht auch für eine gesunde Rüstungskontrollpolitik. Es wägt die Risiken
und Möglichkeiten vorsichtig ab, denen wir uns in den kommenden Jahren
gegenübersehen. Meiner Ansicht nach
haben wir heute die Gelegenheit, die

- 3 -

�Debatten der Vergangenheit hinter uns
zu lassen. Wenn wir uns weiter auf
dem Weg bewegen, wie er im neuen
Haushalt vorgezeichnet ist, können
wir auf angemessene Weise sowohl die
strategischen als auch die haushaltspolitischen Schwierigkeiten angehen,
die bisher so schwer zu lösen waren.
Die Kehrseite all dessen lautet
natürlich, daß drastische Veränderungen zugunsten des Programms der zwei
Raketensysteme zusäztliche Probleme
mit sich bringen werden. Die Verzögerung
des
Peacekeeper-Programms
wird seine Kosten steigern und unsere
Fähigkeit
behindern, schnell eine
verwundbare Stelle in unserem strategischen Einsatzkonzept zu heilen, das
sich auf die wahrscheinlichere von
uns abzuschreckende Bedrohung bezieht.
Wenn wir schnelle Entscheidungen
über die SICBM erzwingen, könnte das
dazu führen, daß wir voreilig eine
Rakete stationieren, die teurer als
notwendig und nicht auf eine Weise
stationiert ist, die dem Abschrekkungspotential
am
besten
gerecht
wird. Darüber hinaus könnte mangelnder Konsens zur ICBM-Modernisierung
die Position unserer Unterhändler in
Genf schwächen und auf selten der Sowjets zu der Auffassung führen, daß
wir niemals mobile ICBM stationieren
werden und sie deshalb diese Aussicht
bei ihrer Position in den START-Verhandlungen nicht in Betracht ziehen
müssen.
Wir haben genug Zeit mit der Erörterung dieser Frage verbracht. Das
Programm des Präsidenten ist eine
überlegte, logische Antwort auf ein
Problem, das aus oftmals sehr schwer
lösbaren Fragen bestand. Unser Programm verdient die Unterstützung des
Senats und des gesamten Kongresses,
und ich möchte den Ausschuß auffordern, das Programm wie auch die anderen Teilbereiche des strategischen
Modernisierungsprogramms
zu unterstützen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
^7

"W"

Hintergrundmaterial

Ä&lt;

25

28. Juni 1989

STAND DER RÜSTÜNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN
- Wöchentliche Übersicht -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 22. Juni 1989
vom US-Informationsamt (USIA) herausgegebene Übersicht über den Stand der
START-Verhandlungen, SDI, gemeinsame amerikanisch-sowjetische Experimente sowie die MX- und Midgetman-Raketenprogramme.

Betonung der Verifizierung
START-Verhandlungen

bei den

Die elfte Runde der Verhandlungen
Über

Kern- und

Weltraumwaffen

beider Länder herbeizuführen, um die
strategische Stabilität zu erhöhen
und die Möglichkeit eines Atomkrieges
zu verringern.

wurde

am 19. Juni 1989 mit einem Treffen
zwischen den beiden Chefunterhändlern
der amerikanischen und sowjetischen
Seite, Richard Burt und Juri Nasarkin, aufgenommen. Die Verhandlungen
beinhalten auch die ersten unter der
Bush-Administration geführten Gespräche über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) und die ersten Gespräche über die Verteidigung
im Weltraum.
Das amerikanische Ziel bei den
START-Verhandlungen
besteht
darin,
verifizierbare Reduzierungen bei den
strategischen
NuklearStreitkräften

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Noch ungelöste Hauptprobleme betreffen
see- und
luftgestützte
Marschflugkörper, mobile Interkontinentalraketen
(ICBM),
Untergrenzen
für ICBM-Gefechtsköpfe sowie die sowjetischen Bestrebungen, START an den
ABM-Vertrag aus dem Jahr 1972 zu koppeln.
In der laufenden Verhandlungsrunde, die voraussichtlich sechs bis
sieben Wochen dauern wird, werden
sich die Unterhändler vornehmlich auf
Fragen der Verifizierung konzentrieren. Die Vereinigten Staaten werden
bestimmte
Verifizierungsmaßnahmen

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Telex: 8-85432

�vorschlagen, die Botschafter Burt zufolge "vor dem Abschluß eines Rüstungskontrollabkommens" durchgeführt
werden sollen.
Präsident Bush erläuterte am 19.
Juni 1989 den Vorschlag der Vereinigten Staaten, beide Seiten sollten
"besondere Anstrengungen unternehmen,
um Einigung bei auf den Vorschlägen
basierenden Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilität zu erzielen, die
beide Seiten bereits im Rahmen der
START- und anderer Verhandlungen unterbreitet haben".
Die
vorgeschlagenen
Verifizierungsmaßnahmen
sollen
angeblich
Vor-Ort-Inspektionen,
24stündige
Überwachung der Raketenproduktionsstätten, ein Verbot der bei Raketentests vorgenommenen Kodierung elektronischer Signale sowie einen Plan
zum Austausch von Daten über strategische Nuklearstreitkräfte enthalten.
Präsident Bush erklärte, ein baldiges Abkommen und die Durchführung
von Verifizierungsmaßnahmen "werden
die Lösung noch zu behandelnder Themen beschleunigen und den Bestrebungen unserer beiden Länder zum raschen
Abschluß eines START-Abkommens zusätzlichen Auftrieb verleihen".
Der stellvertretende Pressesprecher des Weißen Hauses, Roman Popadiuk, führte ein hypothetisches Beispiel dafür an, wie die Verifizierung
funktionieren könnte, indem er erklärte, mit der Gründung von amerikanischen und sowjetischen technischen
Expertengruppen könnten die Meinungsverschiedenheiten bei der Verifizierung gelöst und Entscheidungen über
die Art des Geräts herbeigeführt werden, das bei den Inspektionen zum
Einsatz kommen könnte.
Ein amerikanischer Verteidigungsexperte erklärte am 16. Juni, man
verfolge das Ziel, die Verifizierungsmaßnahmen
voranzubringen
und
"Mechanismen zur Art und Weise der
Verifizierung zu prüfen, so daß wir
in Genf nicht nur zusammensitzen und

darüber sprechen, sondern tatsächlich
etwas tun".
Die Sowjets halten nach wie vor
an
der
Position
fest, daß ein
START-Vertrag nur vorbehaltlich der
Zustimmung der Vereinigten Staaten
geschlossen werden kann, Begrenzungen
bei der Entwicklung der strategischen
Verteidigung gegen ballistische Raketen einzuführen.
Die Vereinigten
Staaten behaupten, START und die
Strategische
Verteidigungsinitiative
(SDI) seien getrennte Themenbereiche
und Begrenzungen bei SDI inakzeptabel.
Botschafter Burt erklärte am
20. Juni 1989, Präsident Bush vertrete die Auffassung, "es sei unverantwortlich, diese Option (SDI) zum jetzigen Zeitpunkt aufzugeben".
Burt fuhr fort: "Offen gesagt,
unserer Ansicht
nach
sollte ein
START-Abkommen nicht zum Pfand für
ein Abkommen über Verteidigung im
Weltraum oder andere Restriktionen
bei unserem Recht zur Entwicklung und
Erprobung im Bereich der strategischen Verteidigung gemacht werden."

Kongreßkoalition
strebt
der Mittel für SDI an

Kürzungen

Obwohl
die
Bush-Adminsitration
das SDI-Programm
weiterhin unterstützt, plant eine überparteiliche
Koalition von 33 Kongreßabgeordneten
eine Kürzung der Mittel für SDI in
Höhe von 1,8 Milliarden Dollar als
Zusatz zum bewilligten Verteidigungshaushalt für 1990.
Bei einer Pressekonferenz in Genf
erklärte Burt jedoch, die Bush-Administration werde das SDI-Programm "in
völligem Einklang mit" dem ABM-Vertrag von 1972 fortführen.
In der vergangenen Woche wurde
ein neuer Termin für ein wichtiges
SDI-Experiment für Mitte Juli festgesetzt: der Abschuß des ersten neutralen Teilchenstrahls in den Weltraum von New Mexico aus wurde nach
Schwierigkeiten bei der Zündung der

�Aries-Rakete abgebrochen.
Mit dem
Teilchenstrahlexperiment
in Raketen
(Beam Experiment Aboard Rockets
BEAR) soll herausgefunden werden, wie
Explosionen von Teilchenstrahlen im
Weltraum reagieren.

Amerikanische und sowjetische Wissenschaftler versuchen seegestützte
Waffen zu verfizieren
Eine Gruppe von Wissenschaftlern
vom amerikanischen Natural Resources
Defense Council (NRDC) und der sowjetischen Akademie der Wissenschaften werden vom 5. bis 8. Juli 1989
ein gemeinsames Experiment durchführen, um sowjetische Nukleargefechtsköpfe auf See aufzuspüren und zu veri fizieren.
Amerikanische Wissenschaftler der
Stanford University, dem Massachusetts Institute of Technology und dem
Brookhaven National Laboratory werden
am 1. Juli die Reise nach Moskau antreten.
John Spratt, Mitglied des
Streitkräfteausschusses des Repräsentantenhauses wird das Experiment beobachten, das im Schwarzen Meer an
Bord eines sowjetischen Kreuzers der
Slava-Klasse durchgeführt wird, der
mit Marschflugkörpern bestückt ist.
Einem Sprecher des NRDC zufolge
besteht der Zweck des Experiments darin, "die Fähigkeit passiver Strahlungsmonitore zum Aufspüren von Nukleargefechtsköpfen auf See zu bewerten."
Präzise Methoden zur Verifizierung der Präsenz von nuklearbestückten unterseebootgestutzten Marschflugkörpern sind noch nicht entwickelt worden.

Bush versucht, die Unterstützung des
Kongresses für mobile Rakten zu gewinnen
Präsident Bush kam am 20. Juni
mit Vertretern des Kongresses zusammen, um ihre Unterstützung für seinen
Plan zur Entwicklung von zwei getrennten amerikanischen mobilen Rake-

tensystemen zu gewinnen, der MX mit
Mehrfachgefechtsköpfen und der mobilen Interkontinentalrakete Midgetman
mit einem Gefechtskopf.
Dem Sprecher des Weißen Hauses,
Marlin Fitzwater, zufolge benötigt
die Administration die Zusicherung
des Kongresses zur Finanzierung der
beiden Systeme, bevor die Genfer Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen weitere Fortschritte machen.
"Bei den Verhandlungen brauchen wir
größtmögliche Flexibilität, damit wir
unseren sowjetischen Kollegen über
den Tisch hinweg sagen können: 'Zu
diesen Systemen hat der Kongreß seine
Zustimmung erteilt, und jetzt können
wir darüber verhandeln, wie wir mit
ihnen verfahren sollen'", stellte er
fest.
Die
Reagan-Administration
hat
aufgrund der Schwierigkeiten mit der
Verifizierung beim Abbau ein Verbot
mobiler Raketen vorgeschlagen.
Die
Sowjetunion, die bereits zwei mobile
Systeme besitzt, hat sich jedoch geweigert, ein solches Verbot in Erwägung zu ziehen.
Einige Kongreßmitglieder bestehen
darauf, daß die Vereinigten Staaten
es sich nicht leisten können, zwei
mobile Systeme anzuschaffen. Die Senatoren Carl Levin und John McCain
erklärten
beispielsweise
kürzlich,
der "Zwei-Raketen-Ansatz" würde etwa
47 Milliarden Dollar kosten, "zu einer Zeit, in der wir uns mit einem
enormen Haushaltsdefizit konfrontiert
sehen und das Pentagon viele Jahre
eines stagnierenden oder gekürzten
Budgets vor sich hat".
Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses des Senats, Sam Nunn, erklärte jedoch, er sehe die Zukunft
für die beiden Raketensysteme positiv. "Es ist eindeutig klar, daß der
Präsident, der Außen- und der Verteidigungsminister ihre Bereitschaft angedeutet haben, die Genfer Position
zum Verbot mobiler Raketen zu überprüfen, wenn der Kongreß seine Zustimmung sowohl zur Finanzierung der

- 3 -

�schienenmobilen MX-Rakete als auch
der (LKW-gestützten) Midgetman gibt",
sagte er im Anschluß an ein Treffen
mit dem Präsidenten.
Verteidigungsminister Cheney hat
den Kongreß davon in Kenntnis gesetzt, daß das Pentagon für die Haushaltsjahre 1992-94 zusätzlich 1 Milliarde Dollar für das Midgetman-Raketenprogramm benötigen wird.

Berater Rowny bleibt im Amt; Hadley
wird Nachfolger von Lehman
Das Weiße Haus gab bekannt, daß
Botschafter Edward Rowny weiterhin
das Amt als Sonderberater des Präsidenten und des Außenministers für RUstungskontrollangelegenheiten
innehat. In dieser Position war er vier
Jahre lang für die Reagan-Administration tätig.
Präsident Bush nominierte außerdem Stephen Hadley zum Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium für
internationale
Sicherheitspolitik.
Vorbehaltlich
seiner
Bestätigung
durch den Senat wird Hadley dann
Nachfolger von Ronald Lehman, der
diese Position innehatte, bevor er
sein neues Amt als Leiter der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde
antrat.
Hadley, ein Sozius der Washingtoner Rechtsanwaltskanzlei
Shea and
Gardner, war Anfang der siebziger
Jahre für das Verteidigungsministerium und von 1974 bis 1977 für den Nationalen Sicherheitsrat tätig.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
%

Wirtschaft

"*" c&amp;

28. Juni 1989

25

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL IN PARIS:

POLEN UND UMWELT ALS HAUPTTHEMEN

- Kommentare der amerikanischen Regierung -

WASHINGTON
(AD)
Die
Staats- und Regierungschefs der führenden Industrieländer bereiten sich
auf den 15. jährlich stattfindenden
Weltwirtschaftsgipfel vor, und amerikanische Regierungsvertreter erwarten, daß Probleme wie das Ungleichgewicht im Handel, der Dollar, die
Umwelt sowie die Unterstützung wirtschaftlicher Fortschritte in Osteuropa die Diskussionen vom 14. bis 16.
Juli bestimmen werden.
Das in diesem Jahr in Paris
stattfindende Gipfeltreffen ist das
erste, an dem Präsident Bush teilnehmen wird, der unmittelbar vor seiner
Ankunft in Frankreich am 13. Juli Ungarn und Polen besucht.
In einer

Pressekonferenz am 27.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Juni 1989 erklärte Bush, die Vereinigten Staaten seien bereit, Polen
und Ungarn zusätzliche Hilfe zu leisten. "Wir haben ein Paket, das ich
jetzt nicht im einzelnen erörtern
möchte, von dem ich aber überzeugt
bin, daß es hilft. Ich weiß, daß die
polnische Wirtschaft nach meinem Besuch in Polen bei unserem Gipfeltreffen eine große Rolle spielen wird."
Bush verwies darauf, daß ein Teil des
Pakets noch der Zustimmung des Kongresses bedürfe. Er betonte jedoch,
sichergehen zu wollen, daß die notwendigen Wirtschaftsreformen in Polen
durchgeführt worden seien, um zu gewährleisten, daß die amerikanischen
"Gelder vernünftig ausgegeben werden". "Wir werden diejenigen unterstützen, die sich wirtschaftlich, politisch und im Hinblick auf die Men-

Postfach 20 03 00
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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�schenrechte unserem
erklärte Bush.

Kurs

annähern",

In einem Informationsgespräch mit
ausländischen Journalisten über den
bevorstehenden Wirtschaftsgipfel erklärte ein hochrangiger Regierungsvertreter am 26. Juni 1989, die im
vergangenen Jahr in Osteuropa beobachteten Ereignisse seien "mit die
ermutigendsten" der letzten 25 Jahre.
"Es besteht nun wahrhaft Aussicht
auf grundlegende politische und wirtschaftliche Verbesserungen in diesem
Teil der Welt. Nicht nur wir, sondern jeder ist nur allzu bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun,
um diese Entwicklung im Rahmen der
verfügbaren Mittel zu unterstützen",
erklärte er.
Der Regierungsvertreter erwartet,
daß die Gipfelteilnehmer positiv auf
die Situation in Osteuropa reagieren
werden - in welcher Form, konnte er
noch nicht sagen, da dieses Thema
noch erörtert wird.
Am Pariser Weltwirtschaftsgipfel
werden die Staats- und Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland,
Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Kanadas und der Vereinigten
Staaten sowie ein Vertreter der Europäischen Gemeinschaft teilnehmen.
Das Gipfeltreffen fällt in diesem
Jahr mit dem 200. Jahrestag der Französischen Revolution von 1789 zusammen. Obwohl diese Feierlichkeiten am
13. und 14. Juli unabhängig von den
Diskussionen des Wirtschaftsgipfels
stattfinden, nehmen daran Staats- und
Regierungschefs aus 30 verschiedenen
Ländern teil.
Außer der besonderen Hilfe für
Polen sind dem Regierungsvertreter
zufolge die auf dem diesjähirgen Gipfel erörterten Themen die Lage der
Weltwirtschaft, weltweite Umweltprobleme, "der Schutz und die Ausweitung
der Gemeinschaft freier Nationen insbesondere in Osteuropa", internationaler
Terrorismus, Drogenhandel

und die Verbreitung chemischer Waffen.
Der Regierungsvertreter warnte,
diese Probleme seien zwar bei den
vorbereitenden Treffen erörtert worden, es bestehe jedoch keine Möglichkeit, vorherzusagen, welchen Verlauf
die Diskussion beim Zusammentreffen
der Staats- und Regierungschefs nehmen werden. Ihm zufolge gibt es verschiedene Probleme, auf die die Vereinigten Staaten beim Gipfel "besonderen Wert legen möchten".
"Wir möchten unbedingt sicherstellen, daß die Umweltproblematik
eingehend erörtert wird, wir wollen
gewährleisten, daß die Brady-Initiative (der von Finanzminister Nicholas
Brady unterbreitete Vorschlag zur Bewältigung der Schuldenprobleme der
Dritten Welt) die Zustimmung und Unterstützung erhält, die sie verdient,
und wir wollen garantieren, daß eine
inhaltsreiche
Diskussion
über die
Frage geführt wird, wie sich die
Volkswirtschaften auf der ganzen Welt
gegenseitig unterstützen können, um
einen Ausgleich zu erzielen", erklärte der Regierungsvertreter.
Zum letzten Punkt erläuterte er,
daß die Verbesserungen im Handel und
Leistungsbilanzdefizit im vergangenen
Jahr stagniert oder sich zumindest
verlangsamt haben, und die Vereinigten Staaten die Auffassung vertreten,
daß in Paris Diskussion
darüber
stattfinden müssen, wie das Ungleichgewicht abgebaut werden kann.
"Alle sollten darüber nachdenken,
warum das Ungleichgewicht besteht,
was dagegen getan werden kann, welche
Maßnahmen unserer Ansicht nach die
anderen dabei ergreifen sollen und
welche Schritte wir unternehmen wolI en .
tt

Nach dem Abbau des Ungleichgewichts im Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Japan in Höhe von
nur 5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr sei diese Verbesserung rückläufig und das amerikanische Handelsdefizit gegenüber Japan könne sich in

- 2-

�diesem Jahr in einer Größenordnung
von 50 Milliarden Dollar bewegen.
Dem amerikanischen Regierungsvertreter zufolge bereitet der Höhenflug
des Dollars der vergangenen Monate
gegenüber den wichtigsten Währungen
den Teilnehmerstaaten des Gipfeltreffens Schwierigkeiten beim weiteren
Abbau der Ungleichgewichte im Handel
und "dieses Thema wird ebenfalls erörtert werden".
r

»

In dieser Hinsicht biete das Gipfeltreffen den Teilnehmern eine gute
Gelegenheit zur gemeinsamen Beratung,
wie größere Koordination und Kooperation ihrer jeweiligen Volkswirtschaften herbeigeführt werden kann.
Während der letzten beiden Gipfeltreffen hatten die Vertreter Japans und der Bundesrepublik Deutschland auf eine Stimulierung der Binnennachfrage gedrängt und die Vereinigten Staaten zum Ausgleich ihres
Haushaltsdefizits aufgefordert.
Dem
Regierungsvertreter
zufolge
werden
Fortschritte bei diesen Bestrebungen
überprüft.
Die Gipfelteilnehmer würden die
Erörterungen des vergangenen Jahres
über strukturelle Wirtschaftsreformen
fortsetzen - "was die einzelnen Länder unternehmen sollten, um ihre
Volkswirtschaften effizienter zu gestalten".
Ein Ansatz zur Behebung des Ungleichgewichts im Handel zwischen den
Vereinigten Staaten und Japan läge in
der Beseitigung der japanischen Behinderung amerikanischer Exporte.

i

Der
Regierungsvertreter
fuhr
fort, Fragen der Umwelt kämen bei allen Gipfelteilnehmern zentrale Bedeutung zu, einschließlich der eingehender Erörterung solcher Probleme wie
der weltweiten KlimaVeränderung, Rodung der Wälder, Verschmutzung der
Meere, Giftmüll, saurer Regen sowie
Schwund der Ozonschicht. Die Gipfelteilnehmer werden
ein gemeinsames
Vorgehen zur Verbesserung der For-

schung und Datenerfassung in diesen
Bereichen in Betracht ziehen, fügte
er hinzu.
Im Zusammenhang mit dem BradyPlan, in dem die Handelsbanken und
Schuldnerländer aufgefordert werden,
mit Unterstützung der Weltbank und
Mitteln des Internationalen Währungsfonds einen Abbau sowohl der Schuldenlast als auch des Schuldendienstes
auszuhandeln, erklärte der Regierungsvertreter, er erwarte die Unterstützung dieser Initiative durch
die Gipfelteilnehmer.
"Wir alle wissen, daß die jeweiligen Verhandlungen
(zwischen den
Banken und den Schuldnerländern) diesem Konzept zufolge langwierig sein
werden, insbesondere die ersten Verhandlungsrunden", fuhr er fort. "Wir
haben das Gefühl, daß sie einen
Schritt in die richtige Richtung machen. Und ich glaube, daß die Gipfelteilnehmer dieses Gefühl teilen
werden."
Der amerikanische Regierungsvertreter räumte ein, daß von den Gipfelteilnehmern andere Vorschläge bezüglich der Schuldenstrategie unterbreitet worden sind, fügte jedoch
hinzu, "der Konsens konzentriert sich
im Augenblick auf den Brady-Plan".
Dem hochrangigen amerikanischen
Regierungsvertreter
zufolge
werden
auch Fortschritte bei der laufenden
Uruguay-Runde multilateraler Verhandlungen erörtert und die Vereinigten
Staaten würden auch in Zukunft kein
Hehl aus ihrer Ansicht machen, daß
Fortschritte bei solchen Themenbereichen wie Landwirtschaft und geistigem
Eigentum unabdingbar sind.
"Wir sind sehr bestrebt, dieser
Runde in der zur Verfügung stehenden
Zeit auf den Kurs zu verhelfen", erklärte er, "damit sie sich nicht allzusehr in die Länge zieht und ihren
Terminplan einhält", der auf Ende des
Jahres 1990 festgesetzt ist.
Dem

Regierungsvertreter

zufolge

�erwarten
die
Vereinigten
Staaten
nicht, daß unfaire Handelspraktiken
gemäß dem neuen Abschnitt "Super 301"
des Handelsgesetzes ein Streitpunkt
beim Gipfeltreffen sein werden.
Zu politischen Themen erklärte
er, die Ereignisse in China sowie die
kollektive oder individuelle Reaktion
der Gipfelteilnehmer werden bei dem
Pariser Treffen eine Schlüsselrolle
einnehmen.
"Meiner Ansicht nach hat sich ein
enormes Gefühl der Enttäuschung darüber verbreitet, daß die im vergangenen Jahr noch so vielversprechenden
Ansätze in China eine solch unglückliche Wendung genommen haben ... Zu
recht sei man besorgt, hier könne ein
Präzedenzfall für Ereignisse in anderen Regionen der Welt geschaffen werden, wo die Planwirtschaften eine gewisse Liberalisierung erfahren", erklärte er.
"Man hat das Gefühl, zu den Ereignissen in China eindeutig Position
beziehen zu müssen, und sei es nur,
um ähnliche Zwischenfälle in Osteuropa in der Zukunft zu verhindern",
fuhr er fort.
Der Regierungsvertreter gab keinen Kommentar dazu ab, wie diese Besorgnis von den Gipfelteilnehmern zum
Ausdruck gebracht werden könnte.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
'VON

4

Wissenschaft und Technik

28. Juni 1989

25

MEHR DROGENABHÄNGIGKEIT DURCH NEUE RAUSCHGIFTE

(AD) - Heroin und das Aufputschmittel Metamphetamin werden neuerdings in Formen angeboten, bei denen
der Stoff nicht gespritzt oder als
Tablette
eingenommen, sondern geraucht wird. Noch sind die neuen Zubereitungen in der Drogenszene wenig
verbreitet, erklärte kürzlich Dr.
Nicholas J. Kozel, Epidemiologe am
"Nationalen Institut für NarkotikaMißbrauch (NIDA - National Institute
on Drug Abuse).
Jedoch ist man in
den Vereinigten Staaten darauf vorbereitet, daß diese in wachsenden Mengen auf den Markt gebracht werden.
Sie könnten ähnliche verheerende Auswirkungen haben wie das Kokainderivat
Crack. Eine weitere Form von Rauschgift, die neue synthetische Droge
"Ecstacy", ist schon leicht erhältlich und wird vor allem von jungen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Leuten konsumiert. Sie verändere die
Stimmungslage, gelte aber als harmlos, "weil sie einen nicht schon beim
ersten oder zweiten Mal umwirft", bemerkte Kozel.
Auf ähnliche Weise kam in den
siebziger Jahren Kokain in Mode. Es
führte zu der jetzt von niemandem
mehr geleugneten Epidemie - nicht zuletzt deshalb, weil zunächst eindeutige wissenschaftliche Beweise für
das Risiko der Droge fehlten. "Heute
wissen wir, daß Kokain, insbesondere
das rauchbare Kokain-Crack, schon
beim ersten Mal zum Tode führen
kann", sagte Dr. Kozel. "Wir haben
inzwischen auch unwiderlegbare Beweise, daß Marihuana wichtige Regionen
des Gehirns zerstört". Die Besorgnisse der NIDA-Mitarbeiter hinsieht-

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�lieh der neuen Rauschgiftpräparate
werden von Vertretern der DEA (Drug
Enforcement Administration - Bundesbehörde zur Strafverfolgung von Drogendelikten) geteilt. Als Warnsignal
gilt die Tatsache, daß mehr denn je
versucht wird, Opium ins Land zu
schmuggeln. So wurde etwa im Februar
Heroin in bisher nie dagewesener Menge
beschlagnahmt.
Herkunftsländer
sind Burma und Laos, aber auch Iran,
Pakistan, Mexiko und Afghanistan.
In einer Reihe von Studien versucht man am NIDA-Institut derzeit
die
zerstörerischen
Nebenwirkungen
der rauchbaren Formen von Heroin, Metamphetamin und Ecstacy zu erforschen. Auf keinen Fall sollte die
Öffentlichkeit noch einmal - wie bei
Kokain-Crack - den Fehler begehen,
neue Rauschgifte für harmlos zu halten, solange ihre Risiken nicht mit
wissenschaftlichen Daten belegt sind.
Außerdem ist Dr. Kozel zufolge keine
klare Unterscheidung mehr zwischen
Ländern möglich, in denen Drogen produziert oder konsumiert werden. Beispielsweise sind die rauchbaren Metaraphetamine von den Philippinen über
Hawaii in die Vereinigten Staaten gekommen. Und hier wurde kürzlich von
Beamten der DEA ein Metamphetaminlabor auf dem Lande ausgehoben, das Abnehmer in England mit seinen gefährlichen Produkten
beliefert hatte.
Kokain findet gegenwärtig in Westund
Osteuropa weite Verbreitung - Grund
genug für Regierungen, Behörden und
Öffentlichkeit, wachsam zu sein.
Nach Meinung von Melvyn Levitsky,
der als Nachfolger von Abteilungsleiterin Ann Wrobleski für internationale Narkotika-Angelegenheiten im USAußenministerium
nominiert
wurde,
müßte dem illegalen Drogenhandel in
der Außenpolitik generell mehr Bedeutung beigemessen werden. Der Karrierediplomat setzte sich vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats dafür
ein, Drogenprobleme als Teil der bilateralen Beziehungen mit anderen
Ländern zu betrachten.
Als einige
seiner Prioritäten nannte er

Verhinderung
der
Abzweigung
legaler Grundstoffe für die
Herstellung illegaler Drogen;
Erleichterung
zur
Aufhebung
des
Bankgeheimnisses
und
anderer
Maßnahmen,
um
die
Geldwäsche illegaler Drogenprofite zu verhindern;
-

Weltweite
Unterstützung
des
moralischen Grundsatzes, daß
Drogenkonsum "ein Übel ist,
das Regierungen und Demokratie
bedroht";
Unterstützung der Vernichtung
von
Koka-Anpflanzungen
mit
Herbiziden, die von Flugzeugen
aus versprüht werden und unschädlich für Mensch und Umwelt sind, und Verbreitung von
Informationen über die Schäden, die durch den Kokastrauch-Anbau angerichtet werden;
Verringerung
der
weltweiten
Nachfrage nach Rauschgiften;

-

Bemühungen um mehr internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit den Industrieländern.

Wenn Melvyn Levitsky bestätigt
wird, steht er an der Spitze einer
Behörde mit einem Jahresbudget von
115 Millionen Dollar, die für die Unterstützung von Projekten zur Zerstörung von Drogenpflanzen-Kulturen und
zur Strafverfolgung von Drogendelikten in 13 Ländern zuständig ist. Ihr
Jahresbericht entscheidet darüber, ob
andere Länder als kooperationsbereit
zu betrachten sind und somit auch
weiterhin US-Auslandshilfe bekommen
können.
Eine wichtige Ergänzung zum Programm Levitskys stellt der Vorschlag
des Premierministers
von Jamaika,
Michael Manley, dar, ähnlich der
Friedenstruppe der Vereinten Nationen
eine internationale Anti-RauschgiftTruppe aufzustellen.
Sie soll Spezialisten ausbilden und Unterstützung

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�bei der Fahndung und Festsetzung von
Drogenhändlern geben, ebenso bei der
Vernichtung von Anpflanzungen. Ausserden soll sie Ländern als "paramilitärische Truppe" im Kampf gegen
Drogen auf Anforderung zur Verfügung
stehen. Bekämpfungsmaßnahmen im nationalen oder bilateralen Rahmen reichen einfach nicht mehr aus, weil die
Drogenländer weltweit
operieren
gleichgültig, ob es sich um Produktion, Transport, Verteilung oder Absatz handelt.

* * * * *

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