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                  <text>AMERIKA DIENST

Rede von Präsident George Bush
anläßlich seines Besuchs in der Bundesrepublik Deutschland
am30./31.Mail989
in der Rheingoldhalle in Mainz

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Für ein ungeteiltes freies Europa

Vielen Dank Herr Bundeskanzler. Herr Oberbürgermeister, verehrte Gastgeber.
Ich möchte ebenfalls den beiden amerikanischen
und deutschen Orchestern und dem Chor für ihre mitreißenden Darbietungen danken.
Ihnen. Herr Bundeskanzler, gebührt mein besonderer Dank, daß Sie mich bei meinem ersten Staatsbesuch in der
Bundesrepublik Deutschland in diese schöne alte Stadt eingeladen
haben. Soeben haben Herr Kohl und ich beim NATO-Gipfel in Brüssel
unsere Beratungen beendet, und damit sind ausgezeichnete Arbeitsbeziehungen zwischen uns in unserer Eigenschaft als Bundeskanzler
und Präsident aufgenommen worden.
Es heißt, hier in Mainz an den Ufern des Rheins und im Herzen der Weinberge und Dörfer sei die deutsche Seele zuhause.
Mainz ist also der geeignete Ort für die Ansprache eines amerikanischen Präsidenten an die Bundesbürger.
Heute möchte ich nicht nur über unsere gemeinsame Verteidigung, sondern über unsere gemeinsamen Werte sprechen.

Ich möchte

nicht nur Fragen anschneiden, die den Verstand betreffen, sondern
an die im Innersten gehegten Hoffnungen appellieren.

Die erste Aufgabe der NATO
Erst
deutschen

heute morgen waren Barbara und
Studentengruppe

beeindruckt

die einen Teil ihrer Studienzeit
bracht hatten.

-

ich von einer

klugen

kleinen

jungen Menschen,

in den Vereinigten Staaten ver-

Ihr Wissen über mein Land und die Welt war. gelin-

de gesagt, eindrucksvoll.

Leider

scheinen

jedoch viele Menschen

im Westen - Amerikaner und Europäer gleichermaßen - die Lektionen
- 1 -

�unseres gemeinsamen Erbes und dessen, wie die Welt in ihrer heutigen Gestalt zustandegekommen ist. vergessen zu haben. Das kann
und darf nicht sein. Wir müssen uns vor Augen führen, daß die
jetzt in Amerika und Europa heranwachsende Generation ein größeres
Erbe antritt, als es jeder Generation vor ihr hinterlassen wurde Frieden. Freiheit und Wohlstand.
Dieses Erbe ist möglich, weil sich vor vierzig Jahren die
Länder der westlichen Welt in einer großen gemeinsamen Sache - der
NATO - zusammengeschlossen haben.
Zuerst gab es die Vision und
damit ein Konzept von freien Völkern, die in Europa und Nordamerika zum Schutz ihrer Werte zusammenarbeiten. Dann wurden die Risiken und Lasten aufgeteilt und der sowjetische Expansionismus realistisch eingeschätzt. Schließlich war man entschlossen, über alte Feindschaften hinwegzusehen. Das NATO-Bündnis leistete nichts
Geringeres als Westeuropa den Weg zu bereiten, um jahrhundertelange Rivalitäten zu begraben und ein Zeitalter der Versöhnung und
des Wiederaufbaus einzuleiten. Dies war eine zweite Renaissance
Europas.
Wie Sie wissen, ist dies nicht nur der 40. Jahrestag des
Bündnisses. Es ist auch der 40. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland - einer Republik, die aus der Hoffnung geboren wurde, aber auch Herausforderungen bestehen mußte. Auf dem
Höhepunkt der Berlinkrise forderte Ernst Reuter die Deutschen auf.
Standhaftigkeit und Vertrauen zu zeigen, und das haben sie getan mutig und großartig.
Die im Verlauf der Geschichte oftmals unter Beweis gestellten Gaben des deutschen Volkes kommen in diesem Zeitalter des
Friedens zum Tragen. Die Bundesrepublik nimmt in der Technologie
eine Spitzenstellung ein und ist viertgrößte Wirtschaftsmacht der
Welt. Aber noch wichtiger ist die Tatsache, daß Sie der Welt ein
Zeichen gesetzt haben, indem Sie sich wirkungsvoll für Grundwerte
wie Menschenrechte, Demokratie und Freiheit einsetzen. Die Amerikaner und die Bundesrepublik waren immer enge Freunde und Verbündete.
Heute übernehmen wir darüber hinaus noch eine
Aufgabe - als Partner in einer Führungsrolle.
- 2 -

gemeinsame

�Und natürlich ist diese Führungsrolle fest mit einem weiteren Element verbunden - Verantwortung.
Und unsere Verantwortung
besteht darin, daß wir vorausschauen und die Verheißungen der Zukunft verwirklichen können.

Die zweite Aufgabe der NATO:

Ein ungeteiltes und freies Europa

Ich habe in jüngster Zeit darauf verwiesen, daß wir an der
Schwelle

zu einem

neue Politik

neuen

gegenüber

Zeitalter

der

stehen.

Sowjetunion

Und

ich habe unsere

als Überwindung

des Con-

tainment bezeichnet.
Seit vierzig Jahren liegt die Saat der Demokratie in Osteuropa brach, begraben unter der im Kalten Krieg gefrorenen Erde der
Tundra.
Seit vierzig Jahren wartet die Welt auf ein Ende des Kalten
Krieges.
Jahrzehntelang und immer wieder wurde der schöpferische
Geist des Menschen Opfer von Krisen und Unterdrückung.
Und die Welt hat lange gewartet.
Aber
ewig

der

verwehrt

Zeit ist reif.

leidenschaftliche
werden.

Die Welt

Wunsch
hat

nach Frieden

kann nicht

lange genug gewartet.

Die

Europa muß frei und ungeteilt sein.

Für die Gründerväter des Bündnisses war diese Hoffnung ein
ferner Traum. Jetzt ist diese Hoffnung die neue Aufgabe der NATO.
Wenn sich alte Gegner wie Großbritannien und Frankreich oder
Frankreich und Deutschland versöhnen können - warum können es dann
nicht die Länder in Ost und West? In Osteuropa weisen uns tapfere
Zeitgenossen den Weg. Nehmen wir Polen, wo die Gewerkschaft Solidarität und die Katholische Kirche zugelassen worden sind.
Die
Kräfte der Freiheit treiben den sowjetischen Status quo in die Defensive.
- 3 -

�Im Westen hatten wir Erfolg, weil wir unseren Werten und unserer Vision treu geblieben sind. Aber auf der anderen Seite des
rostigen Eisernen Vorhangs konnte die Vision nicht verwirklicht
werden.
Der

Kalte Krieg

begann

mit

der

Teilung Europas.

Er

kann

nur beendet werden, wenn die Teilung Europas aufgehoben ist.
Diese Politik eines geteilten Europas steht heute auf dem
Prüfstand.
Und unsere Hoffnungen sind besonders hochfliegend,
weil die Teilung Europas nicht von Armeen in Frage gestellt wird,
sondern von der Verbreitung von Ideen, die genau hier ihren Ursprung hatte. Ein Sohn der Stadt Mainz. Johannes Gutenberg, hat
durch die Macht des gedruckten Wortes den Verstand der Menschen
beflügelt.
Dieselbe befreiende Macht tritt heute auf hundert verschiedene Arten zutage. Mit Hilfe der "Stimme Amerikas" und der "Deutschen Welle" sind wir in der Lage. Millionen von Menschen in Osteuropa und auf der ganzen Welt aufzuklären. Durch Fernsehsatelliten können wir Zeuge von Ereignissen in den Danziger Werften und
auf dem Platz des Himmlischen Friedens werden. Aber die Impulse
für Freiheit gehen nicht nur vom gedruckten Wort, dem Radio oder
dem Fernsehschirm aus. Sie entstehen aus der Macht einer einzigen Idee - der Demokratie.
Diese eine Idee fegt über Eurasien hinweg.
Diese eine
Idee bewirkt einen Umbruch in der kommunistischen Welt von Budapest bis Peking. Für die führenden Politiker Osteuropas gibt es
keine Freiheit um der Freiheit willen. Aber was ihre Beweggründe
auch sein mögen - sie setzen eine Kraft frei, die sie nur sehr
schwer kanalisieren oder kontrollieren können - den Hunger der
unterdrückten Völker nach Freiheit, von der sie einen Vorgeschmack
bekommen haben.
Nirgendwo tritt dies deutlicher zutage als in Osteuropa, der
Wiege des Kalten Krieges.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat die

sowjetische Armee in Polen die freien Wahlen verhindert, die
- 4 -

�Stalin in Jalta versprochen hatte. Heute unternehmen die Polen
ihre ersten Schritte in Richtung auf die so lang versprochenen und
so lang verschobenen freien Wahlen. Und in Ungarn können wir endlich die Chance eines Wettbewerbs mehrerer Parteien an der Wahlurne feststellen.
In meiner Eigenschaft als Präsident werde ich alles in meiner Macht Stehende
europas

zu

Deutschland

tun. um die geschlossenen Gesellschaften Ost-

öffnen.
und

alle

Wir

streben

Länder

die

Selbstbestimmung

Osteuropas

ruhen und uns nicht beirren lassen.

an.

Wir

für

werden

ganz
nicht

Die Welt hat lange genug ge-

wartet.
Aber die Reise der Demokratie nach Osteuropa ist nicht einfach. Intellektuelle wie der tschechische Dramatiker Vaclav Havel
arbeiten immer noch im Schatten der Unterdrückung. Unfreiheit beherrscht immer noch das Leben zu vieler Völker Osteuropas. Barrieren und Stacheldraht schließen immer noch viele Länder ein.
Wenn ich in diesem Sommer nach Polen und Ungarn reise, werde ich
diese Botschaft übermitteln:
Es kann kein gemeinsames europäisches Haus geben, wenn sich nicht all seine Bewohner von Raum zu
Raum frei bewegen können.
Und ich werde noch eine Botschaft mit dorthin nehmen: der
Weg der Freiheit führt in ein größeres Haus - ein Haus, in dem
West und Ost zusammentreffen, ein demokratisches Haus - den Staatenbund freier Nationen.
Ich habe angekündigt, daß wir mit den positiven Schritten
der Sowjetunion gleichziehen würden. Aus diesem Grunde habe ich
am 12. Mai die Bereitschaft bekundet, den Sowjets gegenüber vorläufig die Aussetzung der Jackson-Vanik Handelsbeschränkungen in
Betracht zu ziehen, wenn sie im Gegenzug ihr Ausreiseverfahren
lockern. Deshalb habe ich auch am Montag verkündet, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, die Regel "ohne Ausnahme" fallenzulassen, die unser Konzept zur Kontrolle von Technologieexporten in
die Sowjetunion geleitet hat - das heißt, ich habe Sanktionen aufgehoben, die als Reaktion auf den Einmarsch in Afghanistan verhängt worden waren.
- 5 -

�In demselben Geist habe ich vier Vorschläge unterbreitet, um
die tragische Teilung Europas zu beseitigen und dazu beizutragen,
daß Europa frei und ungeteilt sein wird.

Pluralismus
Erstens schlage ich vor. daß wir den KSZE-Prozeß stärken und
ausbauen, um in Osteuropa freie Wahlen und politischen Pluralismus
zu fördern.

Unsere Erwartungen sollten in dem Maße steigen wie

die Kräfte von Freiheit und Demokratie in Osteuropa zunehmen.
Die Verbindung der vereinzelten Freiheitsbestrebungen in
Osteuropa ist eine große Aufgabe für die westlichen Demokratien.
Dabei müssen insbesondere die großen politischen Parteien im
Westen eine historische Verantwortung übernehmen - den tapferen
Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen, die erstmals repräsentative politische Parteien in Osteuropa gründen und mit der Förderung von Freiheit und Demokratie den Eisernen Vorhang öffnen
wollen.

Glasnost für Berlin
Diese Öffnung hat bereits begonnen. Die Grenze aus Stacheldraht und Minenfeldern zwischen Ungarn und Österreich wird Fuß um
Fuß. Meile um Meile beseitigt. Ebenso wie in Ungarn müssen diese
Schranken in ganz Osteuropa fallen. Berlin muß die nächste Station sein.
An keinem andern Ort wird die Teilung zwischen Ost und West
deutlicher sichtbar als in Berlin. Dort trennt eine brutale Mauer
Nachbarn und Brüder.
Diese Mauer steht als Monument für das
Scheitern des Kommunismus. Sie muß fallen.
Glasnost mag

ja ein russisches Wort sein. Offenheit

ist ein westliches Konzept.
einer freien Stadt besessen.

jedoch

West-Berlin hat immer die Offenheit
Unser Vorschlag würde ganz Berlin zu
- 6-

�einem Zentrum des Handels zwischen Ost und West machen - einem Ort
der Zusammenarbeit, nicht der Konfrontation. Wir bekräftigen erneut unsere Verpflichtung zu der im Jahr 1987 von den Westmächten
verkündeten Initiative zur Stärkung von Freiheit und Sicherheit in
dieser geteilten Stadt. Dies ist also mein zweiter Vorschlag bringt Glasnost nach Ost-Berlin.

Die Rettung der Umwelt in Europa
Meine Generation kann sich noch an ein vom Krieg zerstörtes
Europa erinnern. Natürlich hat Europa schon vor langer Zeit seine
stolzen Städte wiederaufgebaut und seine majestätischen Kathedralen restauriert. Welch eine Tragödie wäre jedoch eine neuerliche
Verwüstung Ihres Kontinents, dieses Mal durch eine subtilere und
heimtückischere Gefahr - durch vergiftete Flüsse und sauren Regen.
Die Vereinigten Staaten sind in Alaska mit einer Umwelttragödie konfrontiert worden. Die Länder von Frankreich bis Finnland
haben unter Tschernobyl gelitten. Die Bundesrepublik Deutschland
unternimmt heute Anstrengungen zur Rettung des Schwarzwalds. Und
durch all diese Ereignisse haben wir eine schreckliche Lektion gelernt: Die Zerstörung der Umwelt macht nicht vor Grenzen halt.
Mein dritter Vorschlag zielt also auf die Zusammenarbeit
bei Umweltproblemen ab. wobei die Vereinigten Staaten und Westeuropa dem Osten entgegenkommen sollten. Da in Ost und West noch
viel getan werden muß. fordern wir Osteuropa auf. sich mit uns in
diesem gemeinsamen Kampf zusammenzuschließen. Wir können technische Ausbildung. Hilfe bei der Ausarbeitung von Gesetzen und Vorschriften sowie neue Technologien zur Bewältigung dieser Probleme
anbieten. Ich lade die Umweltexperten und Ingenieure aus Osteuropa zu Besuchen im Westen ein, um unser gemeinsames Wissen zum Erfolg dieser wichtigen Sache zu nutzen.
Mein vierter Vorschlag, eigentlich ein Paket von Vorschlägen, betrifft ein weniger militarisisertes Europa - den am stärksten bewaffneten Kontinent der Welt. Nirgendwo tritt dies deutli- 7 -

�eher zutage als in den beiden Teilen Deutschlands. Aus diesem
Grunde hat unser Bestreben um einen Rüstungsabbau, der unsere Sicherheit nicht gefährdet, eine besondere Bedeutung für die Bundesbürger .
Denjenigen, die über unser maßvolles Tempo in der Rüstungskontrolle ungeduldig sind, möchte ich mit allem Respekt vorschlagen, sich auf eine Lehre der Geschichte zu besinnen:
und

Stärke

sind.

Katalysator

und

Voraussetzung

für

daß Einheit

Rüstungskontrolle

Wir waren stets der Überzeugung, daß eine starke Verteidi-

gung des Westens der beste Weg zum Frieden ist.

Die Erfahrung von

vierzig Jahren hat gezeigt, daß wir recht hatten.
Aber wir haben mehr getan als lediglich den Frieden zu bewahren.

Durch unsere Einigkeit haben wir die Sowjets davon über-

zeugt, daß

ihre Aufrüstung

teuer

und

sinnlos war.

Wir

sollten

ihnen keinerlei Anreize geben, sich erneut der Politik der Vergangenheit zuzuwenden.

Wir sollten ihnen allen Grund geben, um der

Menschheit willen das Wettrüsten einzustellen.
Die Vereinigten Staaten sind sich in dieser Ära der Verhandlungen und bewaffneter Lager der Tatsache bewußt, daß die Bundesrepublik Deutschland eine besondere Last trägt.
Zwar befindet
sich im Atomzeitalter jedes Land an der Frontlinie. Aber nicht
alle freien Nationen müssen die Spannungen routinemäßiger militärischer Aktivitäten oder die dauernde Präsenz ausländischer
Streitkräfte ertragen. Wir wissen um diese besonderen, von dieser
notwendigen Präsenz hervorgerufenen Bedingungen.
Um die von den bewaffneten Lagern in Europa hervorgerufenen
Belastungen einschneidend
für

zu reduzieren, müssen wir uns energisch

solide, verifizierbare

Vereinbarungen

zwischen

der

NATO und

dem Warschauer Pakt einsetzen.
Am Montag habe ich meinen Kollegen in Brüssel erklärt, daß
ich große Hoffnungen für die Zukunft der Verhandlungen über konventionelle Waffen in Europa hege.

Ich habe Ihnen einen Vorschlag

zur Erzielung drastischer Reduzierungen in naher Zukunft vorgelegt.
- 8 -

�Wie Sie wissen, hat der Warschauer Pakt nun wichtige Elemente unseres westlichen Ansatzes bei den neuen Verhandlungen über
konventionelle Waffen in Wien akzeptiert. Der Ostblock räumt ein.
daß bei den konventionellen Streitkräften der beiden Bündnisse ein
substantielles Ungleichgewicht besteht. Er hat sich der Position
der NATO weiter angenähert, indem er unsere ersten Vorschläge zu
den konventionellen Streitkräften größtenteils angenommen hat.
Diese ermutigenden Schritte haben eine Gelegenheit zu kreativem
und entschlossenem Handeln eröffnet. Wir werden diese Gelegenheit
nicht ungenutzt verstreichen lassen. .
Unser Vorschlag enthält mehrere bedeutsame Initiativen:
Ich schlage vor. daß wir den Osten auf seine Zustimmung zu
den vom Westen vorgeschlagenen Obergrenzen bei Panzern und
Schützenpanzern "festnageln". Wir sollten ferner Übereinstimmung über eine gemeinsame zahlenmäßige Obergrenze für
die Artillerie anstreben, die zwischen den Beständen der
NATO und des Warschauer Pakts liegt, vorausgesetzt, daß die
Definitionsprobleme gelöst werden können. Und die abgebauten Waffen müssen vernichtet werden.
Wie sollten unser gegenwärtiges Angebot auf sämtliche landgestützten Kampfflugzeuge und Hubschrauber erweitern, indem
wir vorschlagen, daß beide Seiten in diesen Kategorien auf
ein Niveau reduzieren, das 15 Prozent unter den gegenwärtigen Gesamtstärken der NATO liegt. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit des Warschauer Pakts würde dieser weit
umfangreichere Reduzierungen vornehmen müssen als die NATO,
um ein Gleichgewicht auf diesen niedrigeren Niveaus herzustellen. Auch in diesem Fall müssen die abgebauten Waffen
vernichtet werden.
Ich schlage eine 20prozentige Reduzierung bei den Kampftruppen der US-Stationierungsstreitkräfte und eine sich daraus
ergebende Obergrenze der von den Vereinigten Staaten und den
Sowjets außerhalb ihres nationalen Hoheitsgebiets in der Zone vom Atlantik bis zum Ural stationierten Land- und Luft- 9-

�Streitkräfte von etwa 275 000 Mann vor. Mit dieser Reduzierung auf ein Gleichgewicht und ein faires, ausgewogenes Niveau der Stärke würden die Sowjets dazu gezwungen, die Zahl
der in Osteuropa stationierten Soldaten der Roten Armee von
600 000 um 325 000 zu verringern.
Diese abgezogenen
Streitkräfte müssen demobilisiert werden.
Schließlich appelliere ich an Präsident Gorbatschow, das
Tempo zur Erzielung dieser Vereinbarungen zu beschleunigen. Es gibt keinen Grund für den von Moskau vorgeschlagenen Zeitrahmen von fünf bis sechs Jahren. Ich schlage
einen wesentlich ehrgeizigeren Zeitplan vor. Wir sollten
ein Abkommen innerhalb von sechs Monaten bis zu einem Jahr
und die Verwirklichung der Reduzierungen bis spätestens 1992
oder 1993 anstreben.
Zusätzlich zu meinen Vorschlägen im Hinblick auf die konventionellen Waffen müssen wir und die Sowjets uns meines Erachtens
um mehr Offenheit in unseren militärischen Aktivitäten bemühen.
Ich möchte deshalb meinen Vorschlag wiederholen, daß die Sowjetunion und ihre Verbündeten ihren Himmel für gegenseitige, unbewaffnete Aufklärungsflüge mit kurzer Vorwarnung öffnen, um militärische Aktivitäten zu beobachten.
Satelliten sind ein sehr
wichtiges Mittel zur Verifizierung von Rüstungskontrollvereinbarungen. Sie bieten uns jedoch keine kontinuierliche Erfassung der
Sowjetunion. Eine Politik des offenen Himmels würde beide Seiten
einer totalen kontinuierlichen Erfassung näherbringen und gleichzeitig ein Symbol für größere Offenheit zwischen Ost und West darstellen.
Dies sind meine Vorschläge zur Schaffung eines weniger militarisierten Europas. Noch vor kurzer Zeit wären sie zu revolutionär gewesen, um in Betracht gezogen zu werden. Doch heute könnten
wir uns in der Tat an der Schwelle zu einem noch ehrgeizigeren Abkommen in Europa befinden, als irgend jemand für möglich gehalten
hätte.
Wir müssen uns jedoch auch Herausforderungen außerhalb des
- 10 -

�traditionellen Bereichs der NATO stellen. Jedes Land des Westens
ist mit der weltweiten Verbreitung todbringender Technologien konfrontiert, darunter ballistische Raketen und chemische Waffen.
Wir müssen die Verbreitung dieser wachsenden Bedrohungen gemeinsam
eindämmen. Wir sollten so bald wie möglich mit einer weltweiten
Ächtung chemischer Waffen beginnen.

Schlußbemerkunqen
Mehr politische Freiheit im Osten, ein Berlin ohne Mauer,
eine sauberere Umwelt, ein weniger militarisiertes Europa - dies
sind jedes für sich schon ehrenwerte Ziele. Zusammengenommen sind
sie Merkmale einer umfassenderen Vision - eines Europas, das frei
und im Frieden mit sich selbst lebt. Die Sowjets sollten wissen,
daß unser Ziel nicht darin besteht, ihre legitimen Sicherheitsinteressen zu untergraben. Unser Ziel ist es. sie schrittweise davon zu überzeugen, daß ihre Definition von Sicherheit überholt ist
und ihre innersten Ängste unbegründet sind.
Westeuropa wird im Jahr 1992 mit einem großen Schritt institutionalisieren, was faktisch bereits seit Jahren vollzogen wurde
- Grenzen, die Menschen. Waren und

Ideen offenstehen.

Zwischen

Ihnen gibt es keinen Schatten eines Verdachts, keine tiefsitzenden
Ängste.

Die Möglichkeit eines Krieges innerhalb des Westens ist

für unsere Bürger schlicht undenkbar.
tegration

von Nationen

Eine solche friedliche In-

in eine Weltgemeinschaft

bedeutet

jedoch

nicht, daß irgendein Land seine Kultur, geschweige denn seine Souveränität aufgeben müßte.
Dieser Prozeß der Integration, eine subtile Verflechtung gemeinsamer Interessen, der in Westeuropa so kurz vor seiner Vollendung steht, hat nun endlich auch im Osten begonnen. Wir möchten
den Staaten Osteuropas zu einer Erkenntnis verhelfen, die sich in
Westeuropa schon vor langer Zeit durchgesetzt hat. Die Grundlage
dauerhafter Sicherheit erwächst nicht von Panzern. Truppen oder
Stacheldraht.
Sie wird auf gemeinsame Werte und Vereinbarungen
gegründet, die freie Völker verbinden.

- 11 -

�Die Nationen Osteuropas entdecken aufs Neue ihr glanzvolles
nationales Erbe. Mögen die grauen Gesellschaften des Ostens erneut in den Farben nationaler Kultur erstrahlen. Möge Europa von
einem Frieden der Spannungen zu einem Frieden des Vertrauens finden, einem Frieden, in dem die Völker des Ostens und des Westens
frohlocken können, auf einem Kontinent, der vielfältig ist und
doch eine Einheit bildet.
Vierzig Jahre des Kalten Kriegs waren ein Prüfstein für unsere Entschlossenheit und die Stärke unserer Werte.
erste

Aufgabe

der NATO

nahezu

vollendet.

Nun ist die

Aber wenn wir

unsere

europäische Vision verwirklichen wollen, wird uns die Herausforderung der

nächsten vierzig Jahre

meinsam werden wir

diesem Ruf

nicht weniger

folgen. Die Welt

abverlangen.
hat

lange

Gegenug

gewartet.
Vielen Dank für

Ihre Einladung nach Mainz, Gott segne Sie

alle.

- 12 -

�</text>
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