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                  <text>AMERIKA DIENST
VON**

26. A p r i l 1989

17
INHALT

DOKUMENTATION
Die deutsch-amerikanische Freundschaft auf dem Prüfstand;
Herausforderung der neunziger Jahre
- Rede von Botschafter Vernon A. Walters bei der Atlantik-Brücke
Sperrfrist: 27. April 1989, 19:00 Uhr (MESZ)
Cheney: Abkommen über konventionelle Streitkräfte von grösserer
Tragweite
- Pressekonferenz der Nuklearen Planungsgruppe (Auszüge) Howe: USA dürfen sich nicht von Europa abkoppeln
- Interview mit dem britischen Außenminister -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Modernisierung der Nuklearwaffen:
- von General John R~. Galvin -

i

Einige Diskussionspunkte

Hat sich die Sowjetunion wirklich verändert
- von William E. Odom -

WJSSENSCHAFT UND TECHNIK
Gemeinsam gegen die Drogengefahr
- 12. PRIDE-Kongreß in Atlanta mit Delegierten aus 81 Ländern -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
"VON

4

Dokumentation

26. April 1989

17

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT AUF DEM PRÜFSTAND
HERAUSFORDERUNG DER NEUNZIGER JAHRE
- Rede von Botschafter Vernon A. Walters bei der Atlantik-Brücke (SPERRFRIST: 27. APRIL 1989, 19:00 UHR (MESZ))
HANNOVER - (AD) - Bei seinem ersten Auftritt als Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland erklärte Vernon A.
Walters am 27. April 1989 in Hannover, die entscheidende Herausforderung für
die Welt bestehe in der Neugestaltung der Ost-West-Beziehungen und eines sichereren Europas. Darüber hinaus würdigte Walters die herausragende Rolle,
die die NATO bei der Bewahrung eines historischen Friedens gespielt hat und
auch in Zukunft spielen wird. Um seiner Aufgabe gerecht zu werden, benötige
das Bündnis "weiterhin effektive und glaubwürdige konventionelle und nukleare
Streitkräfte".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, heute hier
In Hannover über die Herausforderungen
an
die
deutsch-amerikanische
Partnerschaft
sprechen
zu
können.
Ich freue mich insbesondere darüber,
meine erste Rede in Europa hier halten zu dürfen.
Eine Ansprache vor
der Atlantik-Brücke scheint mir deshalb besonders sinnvoll zu sein, weil
diese Organisation in der bemerkenswerten Geschichte des Aufbaus fester
und dauerhafter Beziehungen zwischen
der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten eine außergewöhnlich ehrenvolle Rolle gespielt hat.
Die
Atlantik-Brücke
verkörpert
den Wunschtraum von Menschen wie dem
verstorbenen John Jay McCloy, der in
den Jahren nach 1945 die Auffassung
vertrat, daß Frieden und Stabilität

United States Information Service
Embassy of the United States of America

in Europa Freundschaft, Zusammenarbeit und Verständnis zwischen Ihrem
und unserem Land erfordere.
Ihre
Hoffnungen haben sich erfüllt, und
ich möchte an dieser Stelle die großartige Arbeit würdigen, die sowohl
die Begründer als auch die heutigen
Mitglieder der Atlantik-Brücke geleistet haben und noch immer leisten.
Es bleibt uns jedoch noch weitere gemeinsame Arbeit zu tun, und ich möchte heute einige noch vor uns liegende
Aufgaben umreißen.
Bevor ich damit beginne, möchte
ich den hier anwesenden Ministerpräsidenten Ernst Albrecht als einen
herausragenden Politiker und Förderer
der deutsch-amerikanischen Beziehungen begrüßen.
Ihre Anwesenheit ist
mir eine Ehre.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Meine Damen und Herren, wir ehren
heute abend das Andenken eines Mannes, der ein langjähriges Vorstandsmitglied der Atlantik-Brücke gewesen
ist und der einen sehr bedeutenden
Beitrag zur Verbesserung der deutschamerikanischen Verständigung und Zusammenarbeit geleistet hat.
KarlHeinz Beckurts, einer der führenden
Atomphysiker der Bundesrepublik und
auf der internationalen Ebene ein
Verfechter der friedlichen Nutzung
der Kernenergie, wurde vor drei Jahren von Terroristen der Rote Armee
Fraktion brutal ermordet. Durch seinen frühen und so tragischen Tod haben wir nicht nur einen guten Kollegen und hervorragenden Wissenschaftler, sondern auch einen Menschen verloren, der sich weitreichende und
tiefgehende Gedanken um die Zukunft
der Menschheit gemacht und aktiv daran gearbeitet hat, die Lebensbedingungen für die Menschen auf dieser
Erde zu verbessern. Ich fühle mich
persönlich geehrt, an diesem Abend,
der
dem Andenken von Karl-Heinz
Beckurts gewidmet ist, zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Eine
meiner
Grundüberzeugungen
lautet, daß die Erhaltung des Weltfriedens aktive internationale Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis erfordert. In meiner Eigenschaft
als amerikanischer Botschafter bei
den Vereinten Nationen von 1985 bis
1989 habe ich dazu mit multilateraler
Diplomatie und Bemühungen zur Erhaltung des Friedens einen Beitrag geleistet.
In dieser Zeit haben die Vereinten Nationen erneut ihre Funktion als
starke Kraft weltweiter Versöhnung
und als Instrument zur Konfliktlösung
übernommen.
Die Vereinten Nationen
bieten ein Forum, in dem kein einzelner Staat die Vorherrschaft hat und
fördern ein Umfeld der Flexibilität,
in dem einzelne Länder eher als in
anderen Gremien bereit sind, ihre destabtlisierende Politik abzuwandeln
oder aufzugeben. Mit dieser erweiterten Rolle der Vereinten Nationen
konnten Fortschritte für einen Frie-

den in Afghanistan, im südlichen
Afrika und im Krieg zwischen Iran und
Irak erzielt werden. Auf diese Bilanz können alle Mitglieder der Vereinten Nationen ^colz sein. Ich hoffe inständig, daß die internationale
Zusammenarbeit in den Vereinten Nationen anderen von Konflikten heimgesuchten Ländern der Welt zum Frieden
verhelfen kann.
Die Vereinten Nationen waren jedoch nicht meine erste Station auf
dem Wege internationaler Zusammenarbeit für den Frieden. Nach der Gründung der NATO, die ich als junger Offizier bei der Unterzeichnung des
Nordatlantikvertrages miterlebte, war
ich Mitglied des Stabs von General
Eisenhower, als sich das Oberste
Hauptquartier der Alliierten Mächte
in Europa (SHAPE) etablierte.
Ich
hatte das Glück, in dieser Zeit eng
mit General Eisenhower zusammenarbeiten zu dürfen. So erhielt ich die
einmalige Gelegenheit, ihn bei ganz
unterschiedlichen Ereignissen kennenzulernen und im Umgang mit ausländischen Spitzenpolitikern zu beobachten.
Nach einzelnen Treffen mit
Staats- und Regierungschefs sprach er
bei der Rückfahrt häufig über seine
Gesprächspartner und seine Reaktion
auf die behandelten Themen. Sein auf
einem ungeheuren Erfahrungsschatz basierendes Urteil war mir später von
großem Nutzen.
Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und besaß
die untrügliche Fähigkeit, Menschen
richtig einzuschätzen.
Eisenhower war der Ansicht, die
Völker des Bündnisses müßten für den
Gedanken der gemeinsamen Verteidigung
und insbesondere für die Notwendigkeit des NATO-Militärbündnisses gewonnen werden. Vor dem Hintergrund
der kommunistischen Machtübernahme in
Prag, des militärischen Druckes auf
Griechenland durch von Moskau unterstützte Guerillas, der Berlin-Blockade und anderer bedrohlicher Schritte
der Sowjetunion wuchs die Überzeugung
unter den Ländern Westeuropas und
Nordamerikas, daß sie sich zur Verteidigung ihrer Freiheit zusammen-

�schließen müßten. Angesichts dieser
Gefahr formierte sich die Solidarität
unseres Bündnisses.

Systems erkannt und experimentieren
nun mit vom Westen entlehnten Mechanismen.

Seitdem hat sich die Welt erheblich verändert. Dennoch stehen wir
vor neuen Möglichkeiten und Herausforderungen, die unsere Kreativität
und unseren Mut auf vielfältige Weise
auf die Probe stellen werden. Einige
dieser Herausforderungen werden sich
in den entscheidenden Bereichen der
Verteidigungspolitik und Rüstungskontrollstrategie ergeben.
Wir werden
uns mit weiteren Herausforderungen in
der Wirtschaft konfrontiert sehen und
uns grenzüberschreitenden Problemen
wie etwa dem Umweltschutz stellen
müssen. Am grundlegendsten ist jedoch die Herausforderung zur Neugestaltung
der
Ost-West-Beziehungen,
mit denen wir ein sichereres Europa
schaffen können, ein Europa, in dem
die in den Nachkriegsjahren erfolgte
Teilung überwunden werden kann.

Der Wind der politischen Reform
weht also auch in der Sowjetunion und
in Osteuropa, insbesondere in Polen
und Ungarn. Diese Tendenzen bestätigen auf eindrucksvolle Weise zwei
Grundwahrheiten. Eine ist die ungeheure
kreative
Antriebskraft
der
Freiheit des Menschen in der heutigen
Welt. Letzten Monat hat Außenminister Baker in seiner Rede in Wien von
der Schaffung eines neuen Europas gesprochen, das auf den folgenden Freiheiten basiere. Er sprach von:
Der Freiheit aller Europäer, ein
Mitspracherecht an Entscheidungen
zu haben, die ihr Leben betreffen.
Der Freiheit aller Europäer, ihre
unterschiedlichen
politischen
Meinungen zum Ausdruck zu bringen, wenn alle Ideen dankbar aufgenommen werden und Menschenrechte wahrhaft unverletzlich sind.

LEISTUNGEN UND PERSPEKTIVEN
In den Jahren seit den Herausforderungen der frühen Nachkriegszeit
haben wir viel erreicht. Durch Zusammenarbeit haben wir eine wohlhabende
und
dynamische
atlantische
Staatengemeinschaft geschaffen. Unsere demokratischen Werte und unser
Engagement für die Marktwirtschaft
eröffnen uns nie dagewesene neue Möglichkeiten zur besseren Selbstverwirklichung des Menschen.
Als der
Marshall-Plan ins Leben gerufen wurde, betrug das Bruttosozialprodukt
der Länder, die heute die Europäische
Gemeinschaft bilden, sechs Prozent
unseres BSP. Heute hat es denselben,
wenn nicht einen größeren Umfang.
Diese Erfahrungen, die sozusagen
in einem "Atlantischen Versuchslabor"
entstanden sind, finden Nachahmer auf
der ganzen Welt. Der einstmals moderne Glaube an eine zentralistische
Planung als dem kürzesten Weg zur
wirtschaftlichen Entwicklung ist ins
Wanken geraten.
Sogar die Sowjetunion und andere Planwirtschaften haben das Versagen des stalinistischen

Der Freiheit aller Europäer, Ideen und Informationen auszutauschen und ihr Recht auf Freizügigkeit wahrzunehmen.
Und schließlich sprach er von der
Freiheit und dem Recht aller Europäer, vor militärischer Einschüchterung oder einem Angriff
sicher zu sein.
Die zweite der von mir erwähnten
Grundwahrheiten lautet, daß sich echte Hoffnungen auf mehr Freiheit und
einen anhaltenden Frieden in Europa
nicht zufällig ergeben haben.
Sie
sind möglich, weil der Westen Einigkeit und
Zielstrebigkeit
bewiesen
hat. Diese Behauptung kann kaum besser verdeutlicht werden als durch die
bei den jüngsten KSZE-Verhandlungen
erzielten Erfolge des Westens bei der
Förderung der Aussichten auf mehr
Freiheit in den Warschauer-Pakt-Staaten. Dank enger Zusammenarbeit der
NATO-Verbündeten und der begrüßenswerten Unterstützung der neutralen

- 3 -

�europäischen Länder haben wir vor
kurzem in Wien ein KSZE-Dokument erarbeitet, in dem sich die Sowjets und
die Osteuropäer zur besseren Einhaltung der Menschenrechte verpflichten.
Wenn diese Maßnahmen verwirklicht
werden, wird ein wesentlich größeres
Maß an Freiheit im Osten Europas Eilzug halten.
Wir haben noch weitere Gründe zuversichtlich zu sein, daß die Entschlossenheit des Westens zu günstigen Ergebnissen führt. Mit dem NATODoppelbeschluß und der danach erfolgten Stationierung von Pershing II und
Marschflugkörpern würden - so wurde
behauptet - weitere Rüstungskontrollabkommen unmöglich gemacht. Tatsächlich spielten sie eine entscheidende
Rolle, als es darum ging, die Sowjets
zum Abschluß des INF-Vertrags zu bewegen. Die Vereinigten Staaten und
die Bundesrepublik Deutschland haben
jeder für sich einen einzigartigen
und entscheidenden Beitrag geleistet,
um die erste jemals auf dem Verhandlungsweg erzielte Reduzierung von Nuklearwaffen zu verwirklichen.
Aufgrund unseres Realitätssinns
und
unserer
Entschlossenheit
zu
Schritten wie diesen bin ich zuversichtlich, daß wir gemeinsam mit unseren Verbündeten die erforderliche
militärische Stärke aufrechterhalten
können, um bei den RüstungskontrollverhandLungen mit den Sowjets weitreichende und nutzbringende Ergebnisse zu erzielen.
Die gegenwärtig
stattfindenden Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa beinhalten - wenn wir bei diesem Ansatz
bleiben - die Möglichkeit für mehr
Sicherheit in Europa. Die Absichtserklärung des Generalsekretärs Gorbatschow sein Land werde 50 000 Soldaten, 5,000 Panzer und anderes Gerät
aus Osteuropa abziehen, hat uns im
vergangen Dezember ermutigt. Darüber
hinaus begrüßen wir ähnliche Schritte
anderer Warschauer-Pakt-Staaten.
Obwohl diese Schritte für uns alle einen hoffnungsvollen Anfang bedeuten, werden sie doch das militäri-

sche Ungleichgewicht, das Unsicherheit in Europa zur Folge hat, nicht
aus der Welt schaffen. Wenn diese
Reduzierungen
vollständig
durchgeführt werden, haben die WarschauerPakt-Staaten
gegenüber
den
NATOStreitkräften bei Panzern und Artillerie immer noch einen Vorteil von
zwei zu eins. Schließlich ist eine
Uberquerung der Weichsel immer noch
einfacher als eine Uberquerung des
Atlantiks. Genau diese Vorteile sind
es, die die Möglichkeiten für einen
erfolgreichen konventionellen Angriff
beinhalten und die wir bei den Verhandlungen in Wien ausschalten müssen. Wir sollten bei den Verhandlungen Geduld und Realitätssinn walten
lassen, um ein solches Ziel zu erreichen.

DIE HERAUSFORDERUNG DER SICHERHEIT
Diese
günstigen
Entwicklungen,
die zeitlich in eine Periode innenpolitischer Reformen in der Sowjetunion
fallen, haben in unseren beiden Ländern Hoffnungen geweckt auf entscheidende Veränderungen der Ost-West-Beziehungen. Ich teile diese Hoffnungen, aber der Prozeß des Wandels hat
gerade erst begonnen, der Weg, den
wir noch vor uns sehen, ist noch lang
und viele unbeantwortete Fragen warten auf ihre Lösung.
Es scheint jedoch vielfach die
Auffassung vorzuherrschen, daß die
von uns angestrebten grundlegenden
Veränderungen bereits stattgefunden
hätten oder kurz vor ihrer Verwirklichung stünden.
Es wird behauptet,
unsere Politik der Beibehaltung starker und glaubwürdiger Streitkräfte
bei gleichzeitiger Bereitschaft zu
Rüstungskontrollverhandlungen mit der
Sowjetunion sei nicht mehr zeitgemäß
oder seiin der heutigen Zeit zu gefährlich.
Darauf möchte ich folgende Antwort geben: Die NATO wird auch weiterhin effektive
und glaubwürdige
konventionelle und nukleare Streitkräfte benötigen. Das bedeutet, daß

�wir die für diesen Bereich bestimmten
Ressourcen besser nutzen sollten. Es
bedeutet auch, daß der Umfang unserer
Verteidungsausgaben dem Stand der militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion entsprechen muß. Auch die besten Absichten können sich über Nacht
wandeln, aber - was noch wichtiger
ist - eine einseitig geschwächte Verteidigung kann nicht an einem Tag
wiederaufgebaut werden.
Es ist Ihnen sicherlich bekannt,
daß in meinem Land vielfach die Frage
laut wird, ob die Europäer wohl ihren
gerechten Anteil an der gemeinsamen
Verteidigung übernehmen. Diese Frage
ist meiner Meinung nach falsch gestellt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Halten wir, Europäer
und Amerikaner, die Streitkräfte aufrecht, die wir für unsere Verteidigung benötigen, für den Fall, daß die
Sowjets sich wieder auf ihre früheren
bedrohlicheren Verhaltensweisen besinnen, oder entscheiden sich die
Sowjets dahingehend, daß sie ihre
Streitkräfte doch nicht auf rein defensive Zwecke umstrukturieren.
Meiner Ansicht nach ist eine intensivierte Zusammenarbeit zur Verteidigung Europas entscheidend wichtig. Eine solche Zusammenarbeit kann
nicht automatisch oder über Nacht erfolgen. Wir müssen sie wirklich wollen, und wir müssen den Prozeß echter
Konsultationen innerhalb der NATO als
Fundament unserer gemeinsamen Arbeit
aufrechterhalten.
Die
deutschamerikanische Partnerschaft im westlichen Bündnis ist der Schlüssel zum
Erfolg der NATO.
Ich weiß, daß die Präsenz der etwa 1 Million - deutscher und verbündeter - Soldaten auf dem Territorium
der Bundesrepublik eine besondere Belastung darstellt, die von den Bundesbürgern getragen werden muß. gegenwärtig erarbeiten wir gemeinsam
mit Ihrer Regierung Möglichkeiten,
mit denen die Störungen im Alltag der
Bundesbürger auf ein Mindestmaß beschränkt werden können. Dies werden
wir fortführen.
Als alter Soldat

verstehe ich die Probleme nur zu gut,
die Ausbildung und Manöver für die
Bevölkerung bedeuten, auf deren Territorium sie stattfinden müssen.
Unsere - deutschen und verbündeten - Streitkräfte müssen Übungen abhalten, wenn sie ihre Effektivität
erhalten und unsere gemeinsame Sicherheit sowie die in unserer Strategie vorgesehene Vorneverteidigung gewährleisten sollen.
Unsere Streitkräfte müssen unter realistischen Bedingungen üben, so daß sie im Falle
des Aufrufs zu unserer Verteidigung den Gott verhüten möge - dazu in der
Lage sein würden.
Die Erhaltung der Stärke und Fähigkeiten bedeutet auch den Besitz
der notwendigen modernen - konventionellen und nuklearen - Waffen. In
dieser Hinsicht treten wir in eine
besonders schwierige Phase ein. Viele Menschen in unseren beiden Ländern
vertreten die Auffassung, die militärische Gefahr aus dem Ostblock habe
sich vermindert. Wir sehen aber keine Anzeichen dafür, daß die sowjetische Fähigkeit zur Durchführung eines Angriffs auf den Westen erheblich
geschwächt worden wäre.
Trotz der
von Gorbatschow angekündigten Maßnahmen hält die Rüstungsproduktion im
Osten unvermindert an.
In einer Zeit der Haushaltsdefizite werden die Regierungen unserer
Länder vor eine ausgesprochen schwierige Wahl gestellt. Meiner Ansicht
nach werden jedoch die Westeuropäer
und die Nordamerikaner, wie sie es
schon in der Vergangenheit bewiesen
haben, auch weiterhin die Stärke und
Klugheit besitzen, um die notwendigen
Opfer zur Erhaltung der Effektivität
und Glaubwürdigkeit unserer konventionellen Streitkräfte zu bringen.
Eine
angespannte
Haushaltslage
und die immer ausgefeiltere Technologie machen es mehr denn je erforderlich, verteidigungsrelevante Technologien zu schützen, mit denen wir die
zahlenmäßige
Überlegenheit
unserer
potentiellen Gegner ausgleichen kön-

- 5 -

�nen.
Die COCOM-Mitglieder stärken
ihre Systeme, mit denen sie den Handel mit strategisch wichtigen Gütern
kontrollieren, während sie gleichzeitig die Liste der von uns kontrollierten Güter überarbeiten und auf
ein Mindestmaß beschränken. Die Vereinigten Staaten unterstützen ein^u
Ausbau des Handels mit Osteuropa und
der Sowjetunion, solange er nicht unsere Sicherheit gefährdet. Aber amerikanische Unternehmen haben mehr potentielle Aufträge verloren als irgendein anderes Land, indem sie sich
an ihre COCOM-Verpflichtungen gehalten haben, und unsere Öffentlichkeit
muß die Gewißheit erhalten, daß auch
unsere Verbündeten diesen entscheidenden Bestandteil unserer gemeinsamen Verteidigung weiterhin unterstützen.

den Vereinigten Staaten und ihren
Verbündeten für die kollektive Verteidigung geschlossen wurde.
Wenn
einzelne Verbündete die historische
transatlantische
Verpflichtung
zur
gegenseitigen Verteidigung durch Teilung der Risiken zu unterlaufen suchen, werden damit aller Voraussicht
nach zentrifugale Kräfte im Bündnis
freigesetzt, die für uns alle katastrophale Auswirkungen haben könnten.
Damit hätten wir die wichtigste Lektion der zwei Weltkriege in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ignoriert, die da lautet, daß Sicherheit
nur in einem Kollektiv erreicht werden kann, das gemeinsame Interessen
und Werte über kurzfristige Einzelvorteile stellt.

DIE HERAUSFORDERUNG DES WANDELS
Der Glaube an eine geringere militärische Gefahr aus dem Ostblock
und die Sorge über mögliche Konsequenzen eines Nuklearkrieges haben
Fragen darüber aufgeworfen, ob das
Bündnis wirklich weiterhin auf Nuklearwaffen zurückgreifen sollte.
Auch in diesem Zusammenhang dürfen wir nicht nur auf ein weniger gefährliches
militärisches
Gleichgewicht zwischen Ost und West hoffen.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß
diese Waffen seit mehr als vierzig
Jahren zu einem großen Teil den Ausbruch eines Krieges verhindert haben.
Dies ist die längste Friedenszeit in
der neueren Geschichte Europas, wenn
man die Zeit zwischen dem deutschfranzösischen Krieg und dem Ausbruch
des Ersten Weltkrieges ausklammert.
Ob wir nun Kernwaffen befürworten
oder nicht, sie sind in jedem Fall
unerläßlich für die Erhaltung unserer
Fähigkeit, einen Angriff durch die
überlegenen konventionellen Streitkräfte des Warschauer Pakts abzuschrecken. Das bedeutet, wir müssen
unsere Nuklearwaffen gegenüber jeder
Art von militärischer Bedrohung modern und effektiv erhalten.
Dieses Prinzip berührt den Lebensnerv des Bündnisses, das zwischen

Sowohl in Ostais auch in Westeuropa können wir das Potential für
weitreichende Veränderungen erkennen.
Dabei ist es von entscheidender Bedeutung daß wir die Kraft und den
Kurs dieser Veränderungen nicht unter- oder überbewerten.
Veränderungen dieser Art werden
nicht über Nach und auch nicht automatisch erfolgen.
Die grundsätzlichen Entscheidungen für einen solchen
Prozeß werden in Moskau und in den
Hauptstädten
Osteuropas
getroffen.
In Polen können wir zum Beispiel die
vielversprechenden Ansätze und die
Schwierigkeiten beobachten, die mit
einem
solchen Wandel einhergehen.
Dieser hoffnungsvolle Prozeß steht
meiner Ansicht nach noch nicht unwiderruflich fest.
Unvergessen sind
die tragischen Ereignisse vom November 1956 und vom August 1968. Sie
erinnern uns daran, was geschehen
kann.
Der Westen kann eine konstruktive
und wichtige Rolle für die Verbreitung der Freiheit im Osten spielen.
Wir sollten uns aber auch vergegenwärtigen, daß unsere Rolle ihre Grenzen hat, die ihr durch begrenzte Mittel und die gegenwärtigen politischen

�Bedingungen gesteckt sind. Aufgrund
dieser Einschränkungen und der im
Ostblock
zu treffenden Grundsatzentscheidungen müssen wir in unseren
Erwartungen geduldig und realistisch
bleiben.
Dennoch glaube ich, daß sowohl
die Zeit als auch der unstillbare
Durst unserer Zeitgenossen nach Freiheit schließlich in ganz Europa die
demokratischen
Ideale
triumphieren
lassen werden, die bisher nur den Westen verbinden.
Darüber
hinaus
kündigen
sich
große Veränderungen in Westeuropa an.
Ich befürworte seit langem den Gedanken eines Europas ohne Grenzen und
freue mich über die Hinwendung zum
Binnenmarkt. Angesichts der jetzt in
der Europäischen Gemeinschaft wahrgenommenen Impulse hoffe ich, daß viele
Träume von Politikern wie Monnet, De
Gasperi und Adenauer Wirklichkeit
werden.
Als ich im Mai 1948 mit
Avereil Harriman nach Europa kam, um
den Marshall-Plan zu verwirklichen,
zielte unsere Hilfe bereits auf eine
europäische Einheit ab.
Als
ich
vor
einigen
Tagen
Washington verließ, schlugen die Wogen des Interesse an dem Geschehen in
Europa immer noch hoch. Genau wie
ich, sehen viele darin die echte Möglichkeit zur Verwirklichung von John
F. Kennedy's Traum einer atlantischen
Gemeinschaft, die von gleich starken
amerikanischen und europäischen Säulen getragen wird.
Sie sehen auch
die möglichen Vorteile eines europäischen Marktes, in dem künstliche innere Schranken abgebaut und damit in
Europa Energien und verstärkter Wettbewerb zum allseitigen Vorteil freigesetzt werden.
Andererseits muß ich offen zugeben, daß es in den Vereinigten Staaten auch Stimmen gibt, die in der
Schaffung des Binnenmarktes Grund zur
Sorge sehen. Vertreter dieses Standpunktes sind besorgt darüber, daß der
schwierige Entscheidungsprozeß, mit
dem sich die EG konfrontiert sieht,

Kompromisse hervorbringt, die dem
amerikanischen Zugang zu und der Präsenz auf dem europäischen Markt abträgligh sind. Sie sind ferner besorgt darüber, daß sich protektionistische Tendenzen wie sie etwa in der
europäischen Landwirtschaft bestehen,
verstärken könnten.
Wir Amerikaner stehen hier vor
einer
Herausforderung.
Präsident
Bush und vor ihm Präsident Reagan sahen sich wiederholt protektionistischem Druck in unserem eigenen Land
ausgesetzt.
Wenn wir diesen Druck
erfolgreich bekämpfen wollen, müssen
wir beweisen können, daß sich auch
die EG für den freien Handel einsetzt
und die ihm im Weg stehenden Schranken niederreißen kann.
Ich weiß, daß die Regierung der
Bundesrepublik ein offenes Welthandelsystem befürwortet.
Wir müssen
weiterhin intensiv zusammenarbeiten,
um zu gewährleisten, daß wir in diesem Bereich unser Ziel erreichen können.
Ich möchte noch weitere Aufgabengebiete ansprechen, die meines Wissens für Präsident Bush von großer
Bedeutung sind.
Es sind Probleme,
die über Landesgrenzen hinausgehen
und die nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden können.
Schon bald wurde mir klar, daß diese
Probleme auch für die Bundesbürger
ein ernstes Anliegen darstellen.
Das erste dieser Aufgabengebiete
besteht in dem gemeinsamen Schutz unserer Umwelt. Dabei kann ich nicht
ohne Stolz feststellen, daß die Vereinigten Staaten schon seit einiger
Zeit auf diesem Gebiet eine Pionierrolle übernommen haben, indem sie
dieses Problem erkannt und Schritte
zu dessen Bewältigung in die Wege geleitet haben. Obwohl wir schon gewisse
Erfolge
verbuchen
können,
bleibt noch viel zu tun. Wir müssen
das Problem des Umweltschutzes auf
internationaler Ebene angehen, und
dabei nimmt die Zusammenarbeit zwischen Ost und West in unserem gemein-

- 7 -

�samen Kampf einen zentralen Stellenwert ein.
Das Krebsgeschwür des internationalen Terrorismus ist eine weitere
Aufgabe, die unseren ganzen Erfindungsreichtum und unsere Energie herausfordert.
Durch ihre Zusammenarbeit auf diesem Gebiet haben die
westlichen
Industrienationen
ihre
Verteidigung gegen diese Geißel der
Menschheit schon verbessert.
Dabei
weiß ich die hohe Qualität der Zusammenarbeit zwischen dem Nachrichtendienst und der Justiz in der Bundesrepublik Deutschland mit den amerikanischen Behörden außerordentlich
zu schätzen.
Die jüngsten Schlagzeilen haben
erneut die Aufmerksamkeit auf die
Herausforderung gelenkt, die im Verbot der Verbreitung chemischer Waffen
und den Mitteln zu ihrer Herstellung
liegt. Meiner Ansicht nach haben wir
jetzt eine solide Grundlage für bilaterale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet geschaffen. Darüber hinaus versuchen wir, die mit der Bewältigung
dieses Problems befaßten internationalen Institutionen zu verstärken.
Die von Außenminister Baker im vergangenen Monat in Wien erhobene Forderung einer Konferenz mit Vertretern
von Regierung und chemischer Industrie ist ein erster Schritt in diese
Richtung.
Die Regierung
der Vereinigten
Staaten hat sich ferner der Arbeit an
einem
internationalen Vertrag zur
Ächtung aller chemischen Waffen verpflichtet.
Dies ist eine außerordentlich schwierige Aufgabe, da die
Probleme der Verifizierung so vielschichtig sind.
Dennoch sind wir
entschlossen, mit unseren europäischen Verbündeten - einschließlich
der Bundesrepublik Deutschland - zusammenzuarbeiten, um so bald wie möglich
einen wirksamen Vertrag zu
schließen.
Der Kampf zur Eindämmung des illegalen internationalen Drogenhandels
wird von unseren Regierungen mit al-

len verfügbaren Mitteln geführt. Im
Bereich der Wirtschaft ist die Schuldenkrise der Entwicklungsländer - wie
durch die jüngsten Ereignisse in Venezuela dramatisch belegt wird - ein
weiteres Beispiel für ein Problem,
das wirksamer multilateraler Maßnahmen bedarf.
Ich habe hier nur einen Teil der
wachsenden Anzahl von Problemen angeschnitten, die von der internationalen Völkergemeinschaft bewältigt werden müssen. Uns ist die Dringlichkeit von Lösungsvorschlägen wohl bewußt, und wir werden gemeinsam mit
unserer Regierung daran arbeiten.

RETROSPEKTIVE UND PERSPEKTIVEN
Unsere Erfahrungen der vergangenen vierzig Jahre sowie die Errungenschaften der letzten Jahre haben mich
gelehrt, daß ein uneingeschränktes
Engagement unserer beiden Kontinente
bei der Gestaltung eines stabilen Umfeldes für friedlichen Wandel weiterhin unerläßlich ist. Schließlich leben wir alle auf einem Planeten, der
von Jahr zu Jahr kleiner wird.
Ich bin voll und ganz davon überzeugt, daß die von Deutschen und
Amerikanern hervorgebrachte einzigartige Partnerschaft auch in den kommenden Jahrzehnten ein zentrales Element unserer Welt bilden wird. Es
handelt sich hierbei nicht nur um ein
Frage der Wechselwirkung auf den Gebieten
Politik,
Verteidigung
und
Wirtschaft. Diese Beziehungen waren
und werden von starken Grundfesten
persönlicher Freundschaften, geistiger Verbundenheit
und gemeinsamer
Werte getragen.
Es bedarf besonderer Bemühungen,
dieses Netzwerk unserer gegenseitigen
Beziehungen zu erweitern. Der Generation, deren freundschaftliche Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
in
der
Nachkriegszeit
entstanden
sind, folgt nun eine jüngere Generation, die den Wiederaufbau nach dem
Krieg nicht selbst erlebt hat und die

�nicht Zeuge des unglaublichen Wunders
war, das von Ihren Landsleuten beim
Wiederaufbau des verwüsteten Deutschlands der Nachkriegszeit vollbracht
wurde - und dieses Wunder konnte
vollbracht werden, ohne daß Sie Ihre
Freiheit dafür opfern mußten.

müssen.
Ich darf Ihnen versichern,
daß Präsident Bush und Außenminister
Baker keinerlei Zweifel an der Loyalität unserer deutschen Freunde bezüglich
gemeinsamer
Vorstellungen
oder der Prinzipien des Atlantischen
Bündnisses hegen.

Bundeskanzler Kohl, von der Bedeutung
der
deutsch-amerikanischen
Beziehungen tief überzeugt, ist sich
dieser Herausforderung voll und ganz
bewußt. Im Hinblick auf die Zukunft
der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten bin ich voller Zuversicht. Wir Amerikaner sind fest entschlossen, diese Aufgabe in enger Zusammenarbeit mit unseren deutschen
Freunden in Angriff zu nehmen.

Allerdings bestehen Gelegentlich
ernsthafte
Meinungsverschiedenheiten
im Hinblick auf den Wesensgehalt bestimmter politischer Maßnahmen. Wenn
dem so ist, sollten wir objektiv an
den Kern der Sache herangehen.

Als ein Leitmotiv meiner Gedanken
heute betrachte ich die Notwendigkeit, in den vor uns liegenden Jahren
das richtige Gleichgewicht zwischen
Kontinuität und Wandel herzustellen.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß
die weltweit stattfindenden positiven
Veränderungen
nur deshalb möglich
sind, weil wir unsere Politik stark
und konsequent durchsetzen und uns
über Grundsätzliches einig sind. Angesichts der neuen Herausforderungen
sollten wir das was wir aus der Geschichte gelernt haben, hier auf's
Neue anwenden.
Innerhalb der atlantischen Staatengemeinschaft ist die deutsch-amerikanische Beziehung gesund und dynamisch. Wir blicken auf eine Tradition enger Konsultationen und Kooperation zurück, eine Tradition, die
heute fortbesteht und auch in Zukunft
fortbestehen muß.
Wir sehen uns jedoch mit Gefahren
konfrontiert, die vermieden werden
müssen, wenn unsere Partnerschaft
weiterhin gedeihen soll. Auf deutscher Seite nehme ich eine Tendenz zu
der Auffassung wahr, die Bundesrepublik werde ungerechterweise zur Zielscheibe amerikanischer Kritik.
Das
gibt mir das Gefühl, ständig ihre
Loyalität unter Beweis stellen zu

In den Vereinigten Staaten müssen
wir die Tendenz bekämpfen, daß einzelne Streitpunkte manchmal die bilaterale
Tagesordnung
überschatten.
Dies zu tun erfordert unsererseits
Selbstdisziplin und ein gesundes Gefühl für Prioritäten.
In der Verwirklichung dieses Ziels sehe ich
meine Aufgaben.
Im Grunde meines Wesens bin ich
Optimist. Darunter verstehe ich, daß
ich Vertrauen in unsere Fähigkeit
setze, unsere Zukunft mit Vernunft
und gemeinsamen Vorgehen zu gestalten. Ein rationaler Ansatz in den
vor uns liegenden wichtigen Zeiten
erfordert von uns, Lehren aus unseren
bisherigen Erfolgen oder Fehlschläge
zu ziehen.
Die vor uns liegenden Aufgaben
können nur dann bewältigt werden,
wenn wir nach diesen historischen
Lehren vorgehen. Was die Zukunft der
deutsch-amerikanischen
Beziehungen
betrifft, bin ich zuversichtlich, daß
wir Amerikaner unseren Beitrag leisten werden.
Gleichzeitig besitze
ich bezüglich unserer gemeinsamen
Ziele ein unbegrenztes Vertrauen in
das deutsche Volk.

- 9 -

�AMERIKA DIENST
%roN^

Dokumentation
26. April 1989

17

CHENEY: ABKOMMEN ÜBER KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE VON GRÖSSERER TRAGWEITE
- Pressekonferenz der Nuklearen Planungsgruppe (Auszüge) -

BRÜSSEL - (AD) - Im Rahmen einer Pressekonferenz zum Abschluß der Frühjahrstagung der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) der NATO erklärte der amerikanische Verteidigungsminister Cheney am 20. April 1989 in Brüssel, die Frage
von Verhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt über die nuklearen Kurzstreckensysteme sollte "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" nußer acht gelassen werden, da die gerade stattfindenden Verhandlungen über die konventionellen
Streitkräfte "von größerer Tragweite und von größerer Bedeutung sind". Die
Sowjets waren "stets um ein entnuklearisiertes Europa bestrebt", weil sie dadurch in der Lage sein würden, ihre "überwältigende Überlegenheit im konventionellen Bereich" ins Spiel zu bringen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Pressekonferenz der Nuklearen Planungsgruppe im Wortlaut:
Wörner: Meine Damen und Herren,
bei unserem Treffen der NPG haben wir
die in den vergangenen Monaten geleistete Arbeit überprüft.
Wir haben
Orientierungspunkte
geliefert, mit
deren Hilfe die Arbeit im Einklang
mit unserem stufenweisen Ansatz weitergeführt werden kann. Wir haben
ein breites Spektrum von Fragen diskutiert. Wie Ihnen bekannt ist, waren bei diesem Treffen keinerlei Entscheidungen zu fällen.
Der amerikanische Verteidigungsminister hat uns über die Modernisierung der sowjetischen Atomstreitkräfte informiert. Dabei wurde uns deutlich vor Augen geführt, daß die Sowjets ihre Streitkräfte modernisiert
haben und dies auch in Zukunft tun
werden.
Ferner
trug der SACEUR
(Oberster Alliierter Befehlshaber in

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Europa) seine Analyse der künftigen
Erfordernisse im Nuklearbereich vor.
Wie Sie dem Kommunique entnehmen können, herrscht Übereinstimmung über
die Grundlage unserer künftigen Arbeit.
Cheney:
Dies war meine erste
Teilnahme an einem Treffen der NPG
seit meiner Berufung zum Verteidigungsminister, und von diesem Standpunkt aus war es ein interessantes
und informatives Erlebnis. Ich teile
die Ansicht des Generalsekretärs, daß
dies eine produktive Sitzung war, in
der wir viel geleistet haben. Ich
bin befriedigt, daß das veröffentlichte Kommunique die Tatsache widerspiegelt, daß wir zur Fortsetzung unseres stufenweisen Ansatzes in der
Lage sind, um ein wirksames und
glaubwürdiges
Abschreckungspotential

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Telex: 8-85432

�aufrechtzuerhalten, dem in der Strategie des Bündnisses eine Schlüsselfunktion zukommt.
Wie Manfred schon sagte, haben
wir einige definitive Informationen
zu dem Vortrag, der über die Modernisierung sbe mühungen der Sowjets J.a
Hinblick auf ihre Kurzstreckeudysteme
gehalten wurde. Es gibt dazu eine
Übersicht, die wir am Ende dieser
Pressekonferenz verteilt werden wird.
Cheney:
Das werde ich gern
tun. Eine der Entwicklungen, die ich
im Verlauf unserer Gespräche und Beratungen begrüßt habe, war der von
mir gewonnene Eindruck - und hierzu
hat sicher jeder Minister seine eigene Meinung -, eines Konsenses im
Bündnis, daß wir die Neigung zu einer
dritten Null-Lösung um jeden Preis
vermeiden müssen.
Das Kommunique bezieht sich insbesondere darauf, daß unsere Strategie der Abschreckung auch in absehbarer Zukunft sowohl konventionelle
als auch nukleare Streitkräfte erfordert. Bei dieser Konferenz haben wir
erneut unsere Entschlossenheit bekundet, zu gewährleisten, daß die NATO
in ihrem gesamten Spektrum eine Vielfalt Uberlebensfähiger und im Einsatz
flexibler
Nuklearstreitkräfte
besitzt. Meines Erachtens muß man von
der Annahme ausgehen, daß Kernwaffen
im Hinblick auf unsere Verteidigungshaltung weiterhin wichtiger Bestandteil einer effektiven Abschreckung
sind.
Das Problem
von Verhandlungen
über
nukleare
Kurzstreckensysteme
sollte meiner Ansicht nach zum gegenwärtigen Zeitpunkt außer acht gelassen werden, da den gegenwärtigen Bemühungen zur Aushandlung eines Abkommens über konventionelle Streitkräfte
von größerer Tragweite und größerer
Bedeutung zukommt.
Die Sowjets waren stets um ein
entnuklearisiertes Europa bestrebt.
Das war immer schon eines ihrer strategischen Ziele und ein Kurs, den sie
in Verhandlungen zur Beseitigung der

Atomwaffen aus Europa verfolgten, damit dann ihre überwältigende Überlegenheit im konventionellen Bereich zu
Tragen käme. Ihr käme dann größere
Bedeutung zu als heute. Es wäre ein
Fehler, sich unsererseits zu einer
Zeit auf Verhandlungen über nukleare
Kurzstreckensysteme einzulassen, da
die Sowjets weiterhin solch einen
überwältigenden
Vorsprung
bei den
konventionellen Fähigkeiten haben.
Frage: Ich möchte Herrn Cheney
noch eine Frage stellen. Natürlich
bestehen im Bündnis erhebliche Meinungsunterschiede zur Modernisierung
oder zum Ersatz der Lance-Rakete.
Ich möchte Herrn Cheney fragen, ob
überhaupt Fortschritte im Hinblick
auf eine Entscheidung über Lance erzielten wurden, und wenn ja, welche?
Cheney:
Ich möchte dazu nochmals unterstreichen, was Manfred zu
Beginn der Konferenz betonte:
bei
dieser Zusammenkunft sollten keine
"Entscheidungen
getroffen"
werden.
Das Treffen diente einer ersten Information über die von SACEUR durchgeführte Untersuchung zu den Erfordernissen für Atomwaffensysteme. Genau das erfolgte, und wir erhielten
die von der High Level Group erarbeitete Studie.
Jetzt ist dies ein kontinuierlicher Prozeß.
Seit einiger Zeit
gibt es Bestrebungen zum schrittweisen Vorgehen bei der Erhaltung unserer glaubwürdigen Fähigkeit zur Abschreckung. Meiner Ansicht nach nahm
die Konferenz ihren erwarteten Verlauf. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden, daß zu diesem Zeitpunkt keine Notwendigkeit für eine Entscheidung zur Stationierung eines bestimmten Systems bestand. Im vorliegenden
Kommunique werden unsere Interessen
ausreichend berücksichtigt, so daß
ich dem Kongreß diesen Fall vorlegen
kann, damit die zur Finanzierung von
Forschung und Entwicklung dieser Systeme notwendigen Mittel bewilligt
werden können.
Frage:
Werden Sie die in Absatz 6 angesprochenen Punkte voran-

- 2 -

�treiben?
Überschreitet
dies ihre
Kompetenzen, wie
es im Pentagon
heißt?
Wird dies eine politische
Entscheidung sein?
Es heißt, daß
diese Entscheidungen in einem umfassenderen politischen Kontext getroffen werden - heißt das, diese Entscheidung wird nicht von Ihnen allen
getroffen?
Cheney:
Dazu sollte angemerkt
werden, daß Entscheidungen von dieser
Tragweite im Bündnis auch eine technische und eine militärische Dimension haben, die Entscheidungen darüber aber von den Politikern der beteiligten Länder getroffen werden.
Das ist ein Bündnis souveräner Staaten, und in allen beteiligten Ländern
wie auch unter uns gibt es gesunde
politische Debatten. Ich erwarte also, daß endgültige Entscheidungen
über
die
Beibehaltung
effektiver
Streitkräfte auf dem neuesten Stand
in diesem Rahmen getroffen werden.
Frage:
Absatz 5 des Kommuniques beginnt mit dem Satz: "Im Einklang mit unserem schrittweisen Ansatz, demzufolge Entscheidungen getroffen werden, wenn dies erforderlich ist." Meine Frage lautet, welche Art von Entscheidung wird bis
1991-92 notwendig sein?
Nur eine
Entscheidung über das wann und wo der
Modernisierung, oder auch über die
Frage der Modernisierung an sich?
Cheney:
Meiner
Ansicht
nach
ist die Frage des "ob" der Modernisierung
bereits grundsätzlich Bestandteil des Kommuniques in dem Sinne, daß wir über die Bedeutung der
Aufrechterhaltung der Nuklearfähigkeit sprechen -, daß die NATO tatsächlich ein Vielfalt von überlebensfähigen, operativ flexiblen Nuklearstreitkräften über das gesamte Spektrum besitzt.
Diese Streitkräfte
müssen auf dem neuesten Stand gehalten werden, wo dies erforderlich ist.
Der Generalsekretär hat bereits
das Datum angesprochen, zu dem die
Lance voraussichtlich veraltet sein
wird - Mitte der neunziger Jahre.
Ich glaube, man kann davon abweichen

und sagen, daß wir hoffentlich bis
1991 oder 92 bestimmte Entscheidungen
im Hinblick darauf getroffen haben
werden, welche Systeme stationiert
werden. Aber an diesem Punkt sind
wir eindeutig noch nicht angelangt.
Im Moment besteht kein Bedarf für
solche klaren Entscheidungen.
Und
aus diesem Grund finde ich akzeptabel, was in das Kommunique aufgenommen worden ist.
Frage:
Herr
Verteidigungsminister, kürzlich sagten Sie, ich zitiere:
"Meiner Ansicht nach müssen
wir im Hinblick auf Nuklearraketen
kürzerer
Reichweite
Verhandlungen
aufnehmen."
Zumindest ein anderes
Land vertritt den Unterlagen zufolge
die Meinung, daß dies letztlich vielleicht doch gar keine so schlechte
Idee ist.
Könnten Sie dazu vielleicht einige Ausführungen machen,
und eventuell auch Generalsekretär
Wörner?
Cheney: Natürlich kann ein anderes Land diese Ansicht vertreten.
Wir teilen sie zu diesem Zeitpunkt
jedoch nicht. Ich glaube, wir haben
die Position der amerikanischen Regierung hinreichend klargestellt, daß
Verhandlungen über Nuklearstreitkräfte kürzerer Reichweite heute nicht
angebracht
sind.
Herr
Minister
Younger hat sehr offen eine Meinung
vorgebracht, die ich teile - nämlich,
daß die Betonung im Hinblick auf das
europäische
militärische
Gleichgewicht heute primär auf konventionelle
Waffen gelegt werden sollte, und
nicht auf Nuklearstreitkräfte kürrzerer Reichweite.
Wörner:
Ich möchte nur hinzufügen, daß diese Frage zweifelsohne
im Rahmen des Gesamtkonzepts erörtert
werden wird. Und zweitens unterhält
die Sowjetunion heute noch immer
vierzehnmal soviele Waffensysteme wie
wir. Um ihren guten Willen unter Beweis zu stellen, fordern wir sie zu
Reduzierungen auf.
Ich wiederhole,
was ich in Washington gesagt habe warum nicht reduzieren. Wir haben in
den vergangengen fünf Jahren einseitig 2 400 nukleare Gefechtsköpfe ab-

- 3 -

�gebaut - das entspricht einem Drittel
unseres Nuklearpotentials - und die
Sowjets haben um keinen einzigen reduziert. Sie haben den Abbau von 24
Systemen angekündigt - verglichen mit
2 400 - es bleibt also genug Raum für
weitere Schritte ihrerseits.
Frage:
Herr
Generalsekretär,
in Brüssel vernimmt man Gerüchte, die
Bundesrepublik Deutschland würde zu
einem NATO-Partner geringerer Qualität, nachdem es ihr bis heute nicht
gelungen ist, eine Entscheidung über
die Modernisierung zu treffen und sie
die Verlängerung des Wehrdienstes auf
18 Monate zurückgenommen hat. Wie
denken Sie darüber?
Wörner: Es steht mir nicht zu,
nationale Entscheidungen zu kommentieren, aber ich möchte zwei Bemerkungen machen. Erstens hege ich keinerlei Zweifel, daß die Bundesrepublik weiterhin ein verläßliches Mitglied
des Bündnisses sein wird.
Zweitens gehe ich davon aus, daß die
Bundesrepublik Deutschland ihrer Verpflichtung nachkommen und die für die
NATO notwendigen Streitkräfte aufrechterhalten wird.

Frage:
Herr
Verteidigungsminister Cheney, unabhängig davon, ob
Entscheidungen getroffen worden sind
oder nicht, wurden bei dieser Sitzung
irgendwelche
alternativen
erwähnt,
auf die man im Notfall zurückgreifen
kann, wenn die Lance oder andere Systeme nicht modernisiert werden, zum
Beispiel Gespräche über größeres Vertrauen in die in Großbritannien stationierten Bomber? Wurde eine solche
Alternativlösung zur Modernisierung
erwähnt?
Cheney:
Zumindest
in
keinem
der Gespräche, an denen ich teilgenommen habe.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
26. April 1989

17

HOWE:

USA DÜRFEN SICH NICHT VON EUROPA ABKOPPELN

- Interview mit dem britischen Außenminister -

WASHINGTON - (AD) - Die Sicherheit Westeuropas und Nordamerikas hängt in
erster Linie von der Geschlossenheit der NATO ab, erklärte der britische
Außenminister Sir Geoffrey Howe im amerikanischen Fernsehen am 18. April 1989.
Da die Sowjetunion versuche, die Vereinigten Staaten von Europa abzukoppeln,
müsse der Westen sicher sein, daß Gorbatschows Vorschlag für "ein gemeinsames
Haus Europa" die Vereinigten Staaten nicht ausschließe.
Nachfolgend veröffentlichen wir das in der Sendung MacNeil/Lehrer News
Hour am 18. April 1989 geführte Interview mit dem britischen Außenminister.
Koproduzent der Sendung war WNET-TV und MACNEIL/LEHRER GANNET PRODUCTIONS.
Copyright (c) 1989 Educational Broadcasting Corporation and GWETA.
Rechte vorbehalten).
Frage: Welches Thema stand bei
Ihrem Besuch bei Präsident Bush im
Weißen Haus an erster Stelle?
Antwort:
Das Hauptthema war
natürlich der gesamte Komplex der
Ost-West-Beziehungen, da wir erst
kürzlich mit Staats- und Parteichef
Gorbatschow
und
Außenminister
Schewardnadse in London zusammengetroffen sind und das NATO-Gipfeltreffen in Kürze stattfindet. Weitere
Gesprächsthemen waren das südliche
Afrika und der Nahe Osten.
Frage: Gibt es aus Ihrer Sicht
irgendwelche größeren Probleme mit
den bevorstehenden Rüstungskontrollgesprächen?
Antwort!

Nicht

im

mindesten.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

(Alle

Meiner Ansicht nach müssen wir die
sich uns im Bereich der Rüstungskontrolle bietenden Chancen so gut
wie möglich nutzen, um die RUstungskontrollgespräche in die Wege zu leiten und zu einem fruchtbaren Ende zu
bringen. Gleichzeitig müssen wir jedoch auch die Bereitschaft der Bevölkerung
aufrechterhalten,
effektive
Verteidigungs- und
Sicherheitskräfte
zu unterhalten. Beides gleichzeitig
ist ziemlich schwierig.
Frage: Warum?
Antwort;
Die Menschen
geben
sich gerne dem Glauben hin, daß sowieso alles abgeschafft wird und die
Zukunft rosig aussieht. Wenn wir also Truppenreduzierungen vornehmmen,
warum nicht gleich die ganze Vertei-

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�digung abschaffen?
Ich übertreibe
natürlich, aber die Tatsache bleibt
bestehen, daß wir unsere atomaren Fähigkeiten
aufrechterhalten
müssen;
wir müssen sie auf dem gebotenen
Stand halten, aber gleichzeitig das
generelle Klima der Beziehungen verbessern.
Frage:
Hat das etwas mit der
anscheindend anhaltenden Skepsis zu
tun, die zumindest in Großbritannien
über Gorbatschow und seine Absichten
vorherrscht?
Antwort:
Ich glaube nicht nur
in Großbritannien.
Meiner Ansicht
nach haben wir hier in Großbritannien
mehr als alle anderen Gorbatschow ein
gutes Gelingen gewünscht und hoffen
auf Erfolg für seine bewundernswerte
Aufgabe, die sowjetische Wirtschaft
von Grund auf umzugestalten.
Wir
wünschen ihm, daß sich auch in der
Außenpolitik ein positiveres Denken
breit macht - das befürworten wir uneingeschränkt.
Aber wer weiß, ob er Erfolg haben
wird? In der Sowjetunion sind noch
immer sehr mächtige Kräfte am Werk,
die das starke militärische Einsatzkonzept aufrechterhalten wollen. Was
geschieht, wenn er keinen Erfolg hat?
Wir müssen die Ereignisse im historischen Kontext betrachten und uns
auf das Schlimmste gefaßt machen,
während wir auf das Beste hoffen.
Frage:
Besteht
denn
Skepsis
bezüglich Gorbatschow selbst und seinen Absichten?
Antwort:
Das glaube ich eigentlich nicht. Wenn man seine Reden
liest, hat er meiner Ansicht nach erkannt, daß man mit Zwangsarbeit im
Hinblick auf Wirtschaft und Politik
schlechte Karten hat - er muß ganz
von vorne anfangen. Wenn ihm das gelingt, muß er einige der abschreckenden
außenpolitischen
Verwicklungen
überdenken, in die sich die Sowjetunion
hineinmanövriert
hat.
Die
Truppen werden aus Afghanistan abgezogen. Bei Kuba wartet er noch immer

auf eine Gegenleistung für all das
Geld, das in dieses Land geflossen
ist - um nur einige Beispiele zu nennen.
Andererseits unterhält er noch
immer einen mächtigen, enormen Bestand an chemischen Waffen. Er hat
noch immer eine riesige Armee und
Auswahl an Streitkräften - zwei- oder
dreimal größer als die der NATO ;n
Europa. Man muß also alle Aspekte
der Person Gorbatschow und seiner Politik berücksichtigen.
Frage:
Es wurde Kritik laut,
daß der Westen die Antwort auf den
von Moskau unterbreiteten Vorschlag
über einen umfassenden Abbau der konventionellen Rüstungen verzögert hat.
Können Sie dazu etwas sagen?
Antwort:
Das ist nicht richtig. Man muß sich vor Augen führen,
daß der Westen seit Jahren auf Fortschritte bei der Rüstungskontrolle
gedrangt hat - bei chemischen, nuklearen und in Europa vor allem bei konventionellen Waffen - da die Sowjets
bei Panzern, Artillerie usw. weit
überlegen sind.
In diesem Bereich
wollen wir Fortschritte sehen.
Vor erst sechs Wochen habe ich in
Wien die Vorschläge des Westens zu
einem sehr umfassenden Abbau dieser
Waffenkategorien unterbreitet und die
Sowjetunion hat jetzt im Versuch,
diese zu überbieten, noch drastischere Vorschläge gemacht. Nachdem wir
zehn Jahre lang versucht haben, sie
überhaupt zu einem Schritt zu bewegen, würden wir eine Antwort auf die
jetzt von uns unterbreiteten Angebote
und Forschritte in diesem Bereich begrüßen.
Frage: Abgesehen von Ihrem Gespräch mit dem Präsidenten waren Sie
heute auch auf dem Capitol Hill. Ein
Kongressabgeordneter, der Vorsitzende
des Streitkräfteausschusses des Repräsentantenhauses, Les Aspin, hat
vor kurzem erklärt, die Position der
NATO sei zu vorsichtig und würde dem
Wunsch des Westens nach Kürzung der

- 2 -

�Verteidigungausgaben nicht gerecht.
Wurde dieses Thema heute erneut angesprochen?
Antwort:
Natürlcih haben wir
darüber gesprochen. Wir kommen jedoch auf den gleichen Punkt zurück.
Jahrelang haben wir versucht, bei der
Rüstungskontrolle
Fortschritte
mit
der Sowjetunion zu erzielen. Schließlich ist es uns gelungen, ihre Zustimmung zur Aufnahme neuer Gespräche
zu gewinnen, nachdem die gescheiterten
Verhandlungen
beendet
worden
sind. Wir haben drastische Vorschläge unterbreitet, damit sie ihre Überlegenheit abbauen und gleichzeitig
unsere eigene Gesamtzahl verringert.
Wir wollen, daß sie ernsthaft darüber
verhandeln.
Die Vorschläge kommen
gerade frisch aus der Druckerpresse,
also steht es uns nicht an, sie schon
wieder beiseite zu legen und neue zu
produzieren. Man muß erst einmal gehen lernen, bevor man laufen kann.
Hier müssen Fortschritte erzielt werden.
Frage:
gesagt?

Haben Sie das Les Aspin

Antwort:
Das habe ich allen
gesagt, die heute im Verlauf des Tages getroffen habe.
Frage:
reagiert?

Und

wie

hat

er darauf

Antwort:
Nun, sicherlich hat
die Medaille auch eine Kehrseite, die
ich aber nicht akzeptiere. Ich bin
nicht gegen eine erfolgreiche Rüstungskontrolle
eingestellt.
Wir
möchten Fortschritte erzielen, und
wir in Großbritannien haben eine bedeutende Rolle bei deren Förderung
gespielt. Wir sollten jedoch Schritt
für Schritt in einer realistischen
Art und Weise vorgehen.
Frage: Wie steht es dann mit
dem anscheinend ziemlich weit verbreiteten
und
teilweise
von
Gorbatschows charismatischen Besuchen
in der ganzen Welt hervorgerufenen Eindruck, demzufolge er mehr an der

Verringerung von Waffen interessiert
ist als die NATO. Stellt dieser Eindruck für Sie ein Problem dar und
stimmen Sie zu, daß es ihn wirklich
gibt?
Antwort:
Meines
Erachtens
stellt er aus zwei Gründen ein Problem dar. Erstens, weil die Menschen
schon so lange daran gewöhnt sind,
mit einer unbeweglichen sowjetischen
Führung zu leben, so daß der Wechsel
zu Gorbatschow, einem handfesten Politiker, der über reale Probleme mit
einem menschlichen Ansatz spricht,
den Menschen ein großes Gefühl der
Erleichterung
vermittelt.
Danach
sollten sie sich anschauen, was wirklich geschieht. Bedenken Sie, daß er
diese riesige Überzahl an Waffen aller Art besitzt.
Und wie ich gestern schon erklärt
habe, kann er aus einem gut ausgestatteten Hut noch lange Zeit gut bewaffnete Hasen herausziehen. Er hat
eine Menge Waffen mehr abzubauen als
wir. Die Menschen müssen also gewarnt werden, ohne daß man ihnen nun
sagt, Herr Gorbatschow sei kein guter
Kerl, ohne ihnen zu sagen, wir sollen
ihm nicht stets vertrauen, aber indem
wir ihnen einfach sagen: "Wir müssen
sorgfältig beobachten, was wirklich
vorgeschlagen wurde, weil sie immer
noch ein großes Waffenarsenal besitzen, weil sie immer noch mehr chemische Waffen haben als der Rest der
Welt zusammen und weil sie immer noch
mehr Panzer als die NATO und der Warschauer Pakt zusammen besitzen." Es
ist also noch ein langer Weg zurückzulegen. Wir sind bereit, mit ihm
diesen Weg zu gehen, aber wir sollten
dabei Vorsicht walten lassen.
Frage:
Was sagen sie denjenigen, die der Meinung sind, die NATO
sollte noch über die von Gorbatschow
vorgeschlagenen
Streitkräftereduzierungen hinausgehen und bis auf die
Hälfte heruntergehen, wenn der Warschauer Pakt ebenfalls bis auf dieses
Niveau reduziert? Ist das ein gänzlich unrealistischer Vorschlag?

- 3 -

�Antwort:
Nun, es wäre meines
Erachtens ein Versuch, zu laufen bevor man in der Lage ist zu gehen.
Wenn man die Situation des Warschauer
Pakts betrachtet, mit etwa dreimal so
vielen der wichtigsten Waffensysteme
wie Panzern und Artillerie wie wir,
und wenn wir dann sagen, "in Ordnung,
laßt uns beginnen, laßt uns erhebliche Reduzierungen auf unserer Seite
vornehmen und laßt uns auf Eurer Seite Reduzierungen vornehmen, um dasselbe Niveau wie bei uns zu erzielen", dann müssen sie erheblich mehr
Waffen beseitigen als wir, weil sie
ohnehin schon dreimal soviel haben
wie wir. Wir sollten sehen, ob sie
es damit ernst meinen.
Wenn sie
wirklich darauf eingehen, wenn sie
wirklich ihre enorme Panzerproduktion
einstellen, die heute noch stattfindet - sie stellen weiterhin neue Panzer her, neue U-Boote. Es gibt also
noch genug Zeit, um noch dramatischere Pläne zu schmieden, wenn wir diesen hier unter Dach und Fach haben.
Frage:
Betrachten
wir
Gorbatschows Vorschläge und seine
Auftritte in der ganzen Welt sowie
sein Reden von einem "gemeinsamen
europäischen Haus", das meines Erachtens die UdSSR, nicht jedoch die Vereinigten Staaten einbezieht - was beabsichtigt er Ihrer Meinung nach damit?
Antwort:
Nun, meines Erachtens
ist das "gemeinsame europäische Haus"
ein attraktives Schlagwort. Er hat
von einem "gemeinsamen pazifischen
Haus" gesprochen. Er hat sogar schon
von einem "gemeinsamen arktischen
Haus" gesprochen. Er hat eine ganze
Menge Häuser in seinen Plan eingearbeitet. Die Wahrheit ist aber, daß
das europäische Haus, in dem die europäische Zivilisation - Menschenrechte, Demokratie, Selbstbestimmung,
Freiheit - wirklich gedeiht, ein Haus
ist, das nicht von der Sowjetunion
entworfen wurde. Dieses Haus wurde
in Westeuropa und bei Ihnen auf der
anderen Seite des Atlantiks entworfen. Es ist ein Haus, dessen Fundamente von uns gelegt wurden. Und

wenn er bereit ist, die Bewohner der
Warschauer-Pakt-Staaten in unsere Art
von sozialen, politischen und liberalen Strukturen einziehen zu lassen,
wenn er bereit ist, die Sowjetunion
darin einziehen zu lassen, dann werden wir sie freudig begrüßen. Wir
sind jedoch besser qualifiziert, als
die Architekten des "gemeinsamen europäischen Hauses" aufzutreten. Für
ihn ist es eine nette Phrase. Demgegenüber haben wir schon lange daran
gearbeitet.
Frage: Aber Ihrer Meinung nach
bemüht er sich nicht darum, Westeuropa von den Vereinigten Staaten wegzusteuern.
Antwort:
Ich denke, daß dies
weiterhin ein langfristiges Ziel der
sowjetischen Außenpolitik ist.
Frage:
Hat
etwas verändert?

sich

daran

irgend

Antwort:
Nein, das hat sich
nicht geändert. Deshalb ist der Zusammenhalt der NATO so wichtig, weil
die Sicherheit Europas und Amerikas
von unserem Zusammenhalten in der
NATO abhängt.
Die Sowjetunion würde uns sehr
gerne voneinander abkoppeln. Deshalb
wollen wir ja auch dafür sorgen, daß
das gemeinsame europäische Haus die
Vereinigten Staaten nicht ausschließt.
Betrachten Sie die 35 Länder, die
an den Verhandlungen im Rahmen des
KSZE-Prozesses teilgenommen haben also die Staaten des Warschauer Pakts
und der NATO einschließlich der Vereinigten Staaten und Kanadas sowie
die neutralen Staaten in Europa -,
daß ist in gewisser Weise der Rahmen
für die
Schaffung
einer breiten
Grundlage der Menschenrechte in ganz
Europa und Nordamerika.
Frage:
Nachdem
seit
Ihrem
letzten Besuch hier soviele Veränderungen stattgefunden haben, insbesondere zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion, was man viel-

- 4 -

�leicht
als
Annäherung
bezeichnen
könnte, möchte ich Sie zum Schluß
fragen: Betrachten Sie dies als Beginn einer definierbaren neuen Ära in
den internationalen Beziehungen - als
das Ende des kalten Krieges und eine
neue Phase?
Antwort:
Ich glaube, die ist
eine wirklich aufregende Zeit für
meine Tätigkeit als Außenminister,
weil es eine Menge positiver Veränderungen gibt - die Art, wie wir heute mit der sowjetischen Führung sprechen können, verglichen mit der
schroffen Zurückweisung, wie wir sie
von Gromyko gewohnt waren.
Wenn man mit Gromyko über Menschenrechte sprach, entgegnete er
einfach: "Sie werden nach diesem Gespräch Bescheid wissen."
Das hat
sich geändert. Wir haben große Möglichkeiten, Fortschritte zu erzielen,
sei es im südlichen Afrika, in
Kambodscha oder in Mittelamerika.
Wir dürfen jedoch nicht annehmen,
daß, nur weil die Dinge an einigen
Fronten heute so gut stehen, dies mit
allen Dingen auf immer und ewig der
Fall sein wird. Wir müssen ständig
daran arbeiten. Die Demokratie muß
besonders wachsam bleiben, weil es
nur allzu leicht heißen kann: "Wie
gewonnen, so zerronnen." Wir haben
bis jetzt nur gewonnen, weil wir unsere Einheit und unsere Bereitschaft
aufrechterhalten haben, uns zu verteidigen.

- 5 -

�AMERIKA DIENST
4-,

Hintergrundmaterial

&lt;

26. April 1989

17

DIE MODERNISIERUNG DER NUKLEARWAFFEN:

EINIGE DISKUSSIONSPUNKTE

- Von General John R. Galvln -

Der folgende Beitrag des Obersten Alliierten Befehlshabers in Europa wurde
erstmals am 18. April 1989 in der International Herald Tribüne veröffentlicht.
(c) International Herald Tribüne (Alle Rechte vorbehalten).

MONS - Atomwaffen bilden weder
die Ursache von Spannungen in Europa,
noch erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit eines Krieges.
Im Gegenteil,
ihre Präsenz hat seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs den Frieden in Europa aufrechterhalten - der längsten
kriegsfreien Periode auf diesem Kontinent seit mindestens 500 Jahren.
Konventionelle Waffen waren niemals ein erfolgreiches Mittel zur Abschreckung
eines Krieges.
Ironischerweise ist es gerade die schreckliche Macht der Atomwaffe gewesen,
die den Frieden erhalten hat. Nukleare Gefechtsfeldsysteme sind für die
Abschreckung und für die NATO-Strategie der flexiblen Reaktion und Vorneverteidigung lebenswichtig. Ihr Vorhandensein stellt sicher, daß wir

United States Information Service
Embassy of the United States of America

mehrere Optionen
zur Beantwortung
einer Aggression haben und gleichzeitig den Angreifer darüber im Ungewissen lassen, ob sein Angriff erfolgreich sein wird.
Obwohl wir sie vielleicht niemals
einsetzen werden, wird durch wirksame
nukleare Gefechtsfeldwaffen eine atomare Reaktion
auf einen Angriff
glaubwürdiger, da diese eingesetzt
werden können, ohne automatisch zu
einem regelrechten Atomkrieg zu führen.
Gleichzeitig bilden sie ein
sichtbares Bindeglied zu den strategischen Streitkräften und zeigen damit, daß die möglichen Folgen einer
Aggression deren voraussichtlich Vorteile bei weitem überwiegen.
Zwischen den Mitgliedstaaten der

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�NATO finden gegenwärtig Diskussionen
- in Form von weitreichenden, offenen
Gesprächen, die Kennzeichen eines
einzigartigen Bündnisses souveräner,
demokratischer Nationen sind - über
die Modernisierung ihrer nuklearen
Gefechtsfeldwaffen statt. Wie in jeder fruchtbaren Diskussion werden
viele Aspekte des Problems erörtert
und viele Tatsachen vorgetragen.
Selbst die Sowjets haben sich in
den öffentlichen Dialog des Westens
eingeschaltet.
Der stellvertretende
Außenminister Viktor Karpow hat erklärt, er könne "nicht garantieren,
daß keine Gegenmaßnahmen zur Modernisierung unserer eigenen Kurzstreckensysteme ergriffen werden", falls die
NATO die Erneuerung ihrer nuklearen
Kurzstreckenwaffen beschließt.
Dies
ist die gleiche bedrohliche, säbelrasselnde Haltung
wie sie von den
Sowjets eingenommen wurde, als wir
die Pershing II und landgestützten
Marschflugkörper stationierten.
Im
gegenwärtigen Fall ist es schwer einzusehen, wie sie damit drohen können,
mit etwas (der Modernisierung) zu
beginnen,
was
sie
schon
vollbracht haben.
Was in der derzeitigen öffentlichen Diskussion fehlt, ist eine genaue Analyse der vom Warschauer Pakt
zur Modernisierung
seiner eigenen
atomaren Kurzstreckensysteme vorgenommenen Maßnahmen.
Der Warschauer Pakt hat in den
achtziger Jahren ein umfassendes Modernisierungsprogramm
für
diese
Streitkräfte durchgeführt.
- Die Sowjets ersetzen das System
FROG durch den weiterreichenden
und zielgenaueren Flugkörper vom
Typ SS-21 und setzen diesen in
Brigaden auf Front- und Armeebene
ein.
Zu Beginn des Jahrzehnts
hatte der Warschauer Pakt nur
eine
Handvoll
SS-21-Flugkörper
stationiert.
Unter Staats- und
Parteichef
Michail
Gorbatschow
hat sich die Zahl der SS-21-Abschußrampen mehr als verdoppelt.

Der Warschauer Pakt besitzt gegenwärtig über 150 Abschußvorrichtungen in Einheiten, während
er gleichzeitig eine große Zahl
von FROG-Sv^i-emen beibehält.
- Das
Systeme
SCUD mit seiner
Reichweite von 300 km wurde durch
die SS-23 ersetzt, bis letztere
durch den INF-Vertrag verboten
wurde.
Das ältere System SCUD
wird nun beibehalten und verbessert.
550 dieser Systeme verbleiben im Arsenal der Fronten
und Armeen.
- Die Sowjets haben die Zahl der in
vorgeschobenen Gebieten gelagerten Nachladeflugkörper für alle
ihre Kurzstreckensysteme erheblich erhöht.
- Ihren eigenen Berechnungen zufolge geben die Sowjets für den Warschauer Pakt bei den Abschußvorrichtungen für nukleare Kurzstreckenraketen eine Überlegenheit von 12 zu 1 gegenüber der
NATO zu. Durch die Einbeziehung
von Verbesserungen bei Zielgenauigkeit
und
Reaktionsvermögen
stellen ihre neuen und modernisierten Systeme eine wachsende
Bedrohung für zeitkritische Ziele, wie etwa nukleare Raketeneinheiten, Luftwaffenstutzpunkte und
Luftverteidigungseinrichtungen
der NATO dar.
- Die Sowjets und ihre Verbündeten
im Warschauer Pakt modernisieren
nicht nur ihre nuklearfähige Artillerie, um deren Leistungs- und
Uberlebensfähigkeit zu verbessern
(indem sie gezogene durch Systeme
auf Selbstfahrlafetten ersetzen),
sondern sie haben auch die Zahl
dieser Systeme erheblich vergrössert. Im Jahr 1980 herrschte bei
der nuklearfähigen Artillerie ein
ungefährer Gleichstand, heute dagegen besitzt der Warschauer Pakt
bei diesen Systemen eine bedeutende zahlenmäßige Überlegenheit
gegenüber der NATO.

�Während die Staaten des Warschauer Pakts damit beschäftigt waren, ihre atomaren Kurzstreckensysteme aufzustocken - was tat das
Bündnis? Es reduzierte einseitig nukleare Gefechtsköpfe auf dem Kontinent. Zwischen 1979 und 1988 baute
die NATO rund 2 400 atomare Gefechtsköpfe ab - insgesamt ein Drittel unseres Bestands - was die niedrigste
Zahl an Gefechtsköpfen in Europa seit
20 Jahren zur Folge hatte. Auch weiterhin versucht die NATO, die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten auf dem
niedrigsten Streitkräfteniveau zu gewährleisten. Wir könnten weitere Reduzierungen unseres Bestands vornehmen ohne unsere Sicherheit aufs Spiel
zu setzen, wenn wir durch modernere
Systme verbesserte Überlebensfähigkeit,
Zuverlässigkeit,
Genauigkeit
und Reichweite erhalten.
Die derzeitige Diskussion in der
NATO konzentriert sich auf den Ersatz
für die 88 Lance-Abschußvorrichtungen
des Bündnisses.
Diese Waffe wurde
mit der Technologie der sechziger
Jahre entwickelt und Anfang der siebziger Jahre stationiert.
Aufgrund
des Alters hat sie verschiedene technische Mängel und Konstruktionsprobleme, die sie irgendwann unzuverlässig machen werden. Es werden Änderungen vorgenommen, so daß sie noch
bis Mitte der neunziger Jahre einsatzbereit sein wird. Der Versuch,
ihre Lebensdauer über diese Zeit hinauszudehnen, wäre unzulässig teuer
und technologisch unmöglich.
Landgestützte Raketen haben gegenüber den nuklearen Gefechtsfeldwaffen entschiedene Vorteile. Verglichen mit der Artillerie erlaubt
ihre größere Reichweite der NATO zunächst, die nachfolgenden Streitkräfte einem Risiko auszusetzen, um sie
aufzuhalten und eine Massierung der
Streitkräfte zu verhindern, die unsere Vorneverteidigung überfordern würde. Gleichzeitig können die Systeme
aufgrund der Reichweite weit genug
hinter unserer Linien aufgestellt
werden, so daß sie im Falle eines
Konflikts nicht der Gefahr rascher
- 3

Eroberung oder Zerstörung ausgesetzt
sind, wodurch der Druck auf das Bündnis, sie frühzeitig einzusetzen, vermindert wird.
Darüber hinaus sind sie überlebensfähiger als luftgestützte Waffen.
Raketensysteme können an beliebig
vielen Orten versteckt werden; Flugzeuge müssen von einer begrenzten Anzahl von Flugplätzen aus operieren,
die bekannt sind und vom Feind unter
Druck gesetzt werden können. Selbst
wenn die Flugzeuge erfolgreich starten, müssen sie die engmaschige Luftverteidigung des Warschauer Pakts die tödlichste der Welt - unterfliegen. Ferner werden diese Flugzeuge
auch für die Luftverteidigung und zum
Angriff auf die nachfolgenden Streitkräfte benötigt.
Seegestützte Systeme sind nicht
so reaktionsfähig wie landgestützte,
aber ihr gravierendster Mangel besteht darin, daß ihnen ein wesentliches Kriterium für unser Abschrekkungskonzept fehlt: Diese Waffensysteme kommen von See und demonstrieren der anderen Seite nicht mit absoluter Gewißheit, daß es sich bei
jeder nuklearen Reaktion um die Antwort "aller NATO-Partner" handelt.
Nicht zuletzt ist es die Geschlossenheit des Bündnisses, die der Abschreckung Nachdruck verleiht.
Die Sowjets haben in jüngster
Zeit mehrere positive Schritte unternommen, die zur Vermiderung des Konfrontationsniveaus in Europa beitragen könnten, bis hin zum Eingeständnis der Notwendigkeit asymmetrischer
Reduzierungen ihrer Streitkräfte, der
Veröffentlichung von Daten über ihre
Streitkräfte und - in gewissem Maße der Verpflichtung zum Abbau ihrer unnötig großen konventionellen Stärke.
Die Androhung von Vergeltungsmaßnahmen gegen die Moderniserung der NATO
und mangelnde "Glasnost" im Hinblick
auf ihre eigene Modernisierung sind
jedoch Schritte in die falsche Richtung.
Die

NATO

wird

eine

gemeinsame

�Entscheidung über die Modernisierung
fällen - eine Entscheidung, die weder
von eine» Land aufgezwungen noch vqn
Drohungen von außen beeinflußt ist.
Wie immer das Ergebnis auch aussehen
mag, es wird ?tets das Produkt umfassender Erörterungen der Regierungen
vou Völkern sein, die frei sind, das
F^r und Wider von Alterna,t,4Y£n §bzuwägen.
Die Verpflichtung zur Aufrechterhaltung dieser Freiheit ist
die Rechtfertigung für das Bündnis,
die Quelle unserer Starke und das
Wesen unserer Partnerschaft.

* * * | * *

�AMERIKA DIENST
^7

Hintergrundmaterial

&lt;&amp;

26. April 1989

17

HAT SICH DIE SOWJETUNION WIRKLICH VERÄNDERT
- Von William E. Odom -

Der folgende Artikel wurde erstmals in der in der in Washington D.C. erscheinenden Zeitschrift U.S. News &amp; World Report vom 3. April 1989 veröffentlicht.
Der Autor ist Direktor für nationale Sicherheitsstudien beim
Hudson Institute.
(c) U.S. News &amp; World Report, Inc. (Alle Rechte vorbehalten).
- (AD) - Fast täglich erscheinen
in der westlichen Presse verblüffende
Berichte über Veränderungen in der
Sowjetunion.
Die Begriffe Glasnost
und Perestrojka wurden in viele Sprachen übernommen. Darin spiegelt sich
die Annahme wider, daß tiefgreifende
Reformen stattfinden. Wir lesen von
"Demokratisierung",
dem
"Gewinnmotiv", "privater Landwirtschaft" und
"Wahlen mit mehreren Kandidaten".
Bisweilen gehen sowjetische Schriftsteller über die Verurteilung von
Breschnew und Stalin hinaus und stellen sogar Lenin und Marx in Frage.
Viele Amerikaner fühlen sich durch
all diese Nachrichten in dem Glauben
bestärkt, die sowjetische Diktatur
gebe den Weg für grundlegende Veränderungen frei.
Entspricht dieses
Bild der Wirklichkeit?
Bricht für
die UdSSR ein neuer Tag an?

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Dies mag zutreffen oder auch
nicht. Fragmente ergeben kein einheitliches Bild. Was wir benötigen
sind Meßwerte und Maßstäbe, um die
Medieneuphorie über sich scheinbar
vollziehende Veränderungen zu durchbrechen und die wirklichen Veränderungen zu bewerten.
Nachfolgend einige Orientierungspunkte:
Erstens beruht die sowjetische
Wirtschaft auf dem staatlichen Besitz
an Produktionsmitteln und Kapital,
und nahezu die gesamte Wirtschaftstätigkeit wird nach wie vor von einem
zentralen Planungssystem sowie fast
100 Ministerien und staatlichen Ausschüssen kontrolliert.
Die Preise
spiegeln nicht Angebot und Nachfrage
wider, sie sind weiterhin zentral

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Telex: 8-85432

�vorgeschrieben. Durch den Mangel an
Wettbewerb und freiem Handel wird den
staatlichen Planern kein Mittel an
die Hand gegeben, um zwischen effektivem und ineffektivem Einsatz von
Land, Arbeit und Kapital zu unterscheiden.
Zweitens kontrolliert ein umfassendes System der Zensur den Fluß von
Informationen und bestimmt deren Inhalt. Ein freier Austausch von Wirtschaftsinformationen, der im Westen
für Werbung, Verhandlungen, Management, An- und Verkauf unabdingbar
ist, existiert praktisch überhaupt
nicht. Der Staat monopolisiert die
Medien und benutzt sie, um die Bevölkerung für die Zwecke der Partei zu
kontrollieren und mobilisieren.
Drittens werden die ersten beiden
Erscheinungen durch eine einzige politische Partei am Leben gehalten,
die über dem Gesetz steht und dieses
überwiegend als Mittel zur Kontrolle
der Gesellschaft einsetzt. Die Partei hat über große Zeiträume hinweg
nur wenig organisierte Opposition geduldet. Sie hat ferner stets verlangt, daß sich ihre Mitglieder fast
wie Offiziere verhalten, indem sie
Befehle entgegennehmen und diese ohne
Fragen ausführen.

Wie lassen sich Veränderungen
messen?
Trotz Glasnost und Perestrojka
haben sich diese strukturellen Bedingungen kaum verändert. Sie wurden in
mehrfacher Hinsicht abgeschwächt, da
Gruppen außerhalb und einige Einzelkämpfer innerhalb der Partei versucht
haben, diese Lockerung auszunutzen.
Ein Teil der sowjetischen Geschichte
wurde neu geschrieben und die Presse
wird eingesetzt, um alles vom großrussischen Nationalismus und neostalinistischen Stimmungen bis hin
zur Autonomie nichtrussischer Minderheiten und liberalen demokratischen
Ideen zu fördern.
Nach sieben Jahrzehnten einer repressiven Partei- und Polizeikontrol-

le sind diese Entwicklungen in westlichen Augen in der Tat erstaunlich.
Sind sie jedoch Beweis für die Tatsache, daß ein grundlegender Wandel
stattgefunden hat, stattfindet oder
bald stattfinden wird? Um diese Fragen zu beantworten, benötigen wir
Maßstäbe, die wir an unsere Orientierungspunkte anlegen können. Drei davon sind:
Erstens, wieviel marktwirtschaftliche Handlungsfreiheit ist zugelassen worden? Bis zumindest die Hälfte
der Wirtschaft, einschließlich Industrie und Landwirtschaft, von zentralen Kontrollen befreit und in irgendeiner Weise auf Privatbesitz und
Marktpreise gegründet wurde, wird
sich kein Wandel des Systems vollzogen haben. Die zentrale Planungsbürokratie muß abgebaut und die Führung
der Wirtschaft durch administrative
Vorschriften beseitigt werden.
Welche Bilanz hat Gorbatschow bis
heute vorzuweisen? Erstens sind bis
heute trotz aller Reden über Dezentralisierung, Marktpreise und lokale
Kontrolle des Eigentums wirkliche
Fortschritte nur Randerscheinungen.
Einige wenige "Kooperativen" wurden
gegründet, aber sie machen lediglich
einen Bruchteil des Bruttosozialprodukts aus. Der in einem Gesetz aus
dem Jahr 1987 versprochene Spielraum
für Unternehmenstätigkeit ist nicht
Wirklichkeit geworden.
Das jüngste
Parteiplenum über die Landwirtschaft
deutet auf einen Schritt zu privatem
Unternehmertum in der Landwirtschaft
hin, der im Falle seiner Verwirklichung ein bedeutender Schritt nach
vorn sein wird.
Zweitens muß die Zensur abgeschafft werden. Landesweite Werbung,
Verhandlungen und Austausch von wirtschaftlichen Informationen müssen gestattet werden. Ohne sie hat eine
Marktwirtschaft keine Chance auf Erfolg
Wie steht es mit Gorbatschows Reformbilanz, wenn man diesen Maßstab
anlegt? Schlecht, milde gesagt. Obwohl Glasnost öffentliche Kritik und

�mehr Freiheit für Literatur, Geschichtsschreibung, politische Wissenschaften und Kunst zugelassen hat,
hat sie nicht den freien Informationsfluß gestattet, der Zeichen für
einen Wandel des Systems wäre.
Drittens muß sich die Kommunistische Partei dem Gesetz unterordnen,
Bürgerrechte und Privateigentum müssen durch das Gesetz geschützt werden.
Ohne diese Umgestaltung läßt
sich voraussichtlich keines der ersten beiden Kriterien verwirklichen.
Eine Marktwirtschaft verlangt nach
einem
unabhängigen
Rechtssystem.
Dasselbe gilt für eine freie Presse
und für die politische Demokratisierung.
Gorbatschow und seine Verbündeten
in der Intelligenz! ja haben die Reform des Rechtswesens Reformen auf
ihre Tagesordnung geschrieben und es
zeichnet sich einige Bewegung ab.
Die Sowjetbürger wurden ermutigt, das
Gesetz zur Verteidigung ihrer Rechte
in Anspruch zu nehmen. Die Presse
hat ernsthaften Mißbrauch des Rechtssystems aufgedeckt. Die wichtigsten
Maßnahmen, mit denen die Partei der
Rechtsstaatlichkeit unterworfen und
willkürliche Parteikontrolle über die
Wirtschaftstätigkeit verboten sowie
neue Gesetze zum Schutz von Privateigentum geschaffen werden sollten,
wurden jedoch noch nicht einmal in
Angriff genommen.

diese Veränderungen durchgeführt werden, ohne den nationalen Minderheiten
die Ausübung ihres in der sowjetischen
Verfassung
garantierten
Rechts auf Unabhängigkeit zu gewähren? Kann Reform die tief verwurzelten Gewohnheiten der Parteibürokratie
und der Legislative überwinden? Können die Konsumenten die unvermeidbare
Inflation und Arbeitslosigkeit
in
Kauf nehmen, die ein Marktsystem, das
der sowjetischen Industrie Effizienz
aufzwingt, mit sich bringen würde?
Perestrojka anhand dieser Maßstäbe zu messen, legt die Vermutung nahe, daß wenig tiefgreifende Veränderungen
stattgefunden
haben
und
Gorbatschows Reformen umkehrbar sein
können. Solche Prüfsteine sind auch
Anzeichen für die Größenordnung seiner Aufgabe - wenn es tatsächlich ein
Systemwandel sein sollte, den er anstrebt.
Ein Herunterschrauben der westlichen
Erwartungshaltung
an
Gorbatschow könnte sich längerfristig
für die Ost-West-Beziehungen als angebracht erweisen. Wenn wir weniger
von ihm erwarten, ist unsere Geduld
wahrscheinlich
größer, sollte die
Perestrojka an Schwung verlieren und
unsere
Desillusionierung
weniger
schockierend, sollte sie vollständig
scheitern.

Diese Prüfsteine tragen nicht nur
dazu bei, den Wust an Schlagzeilen
und Schablonen über Glasnost und
Perestojka zu durchforsten - sie dekken auch die Gefahren auf, mit denen
sich jeder sowjetische Verfechter von
Reformen konfrontiert sieht. Können

- 3 -

******

�AMERIKA DIENST
^VoN^

Wissenschaft und Technik
26. April 1989

17

GEMEINSAM GEGEN DIE DROGENGEFAHR
- 12. PRIDE-Kongreß in Atlanta mit Delegierten aus 81 Ländern -

ATLANTA - (AD) - Die Interessen und Probleme der 81 Staaten, aus denen
fast 7000 Teilnehmer zur 12. Jahreskonferenz der privaten amerikanischen AntiDrogen-Organisation PRIDE (Parents' Resources Institute for Drug Education)
nach Atlanta (Georgia) gekommen waren, sind vielfach recht unterschiedlicher
oder sogar gegensätzlicher Natur. Alle Delegierten waren jedoch aufgerufen,
ihre Differenzen beiseite zu lassen und zusammenzuarbeiten, damit der Kampf
gegen Sucht und Drogen gewonnen werden könne.

Eindringlich
appellierte
Dr.
Thomas Gleaton, Präsident und Gründer
von PRIDE, in seiner Eröffnungsansprache zu der sechstägigen Konferenz
(10. - 16. April 1989) an die Verständigungsbereitschaft aller.
Die
Teilnehmer kamen nicht nur aus Ländern, in denen Drogen konsumiert werden, sondern auch aus Ländern, in denen Drogen hergestellt werden. Auf
beiden Seiten fehlt es häufig an der
Kenntnis der komplexen Situationshintergründe beim anderen. Es kommt zu
Schuldzuweisungen, ohne sich ausreichend mit den Problemen auf der anderen Seite auseinandergesetzt zu haben. Miteinander reden schafft jedoch eine Basis, um die gemeinsame
Aufgabe mit Erfolg anpacken zu können.
Während der ersten drei Tage befaßten sich Experten verschiedener

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Fachgebiete mit allen nur erdenklichen Sachfragen, zu denen auch nationale und internationale politische
Themen gehörten. Erst am 13. April
begannen die der Öffentlichkeit zugänglichen
Veranstaltungen.
Die
zahlreichen Arbeitskreise für Erwachsene und Jugendliche waren sorgfältig
vorbereitet worden.
Die Organisation PRIDE, der mittlerweile eine ganze Anzahl internationaler Sektionen angehören, ging
1978 aus einer Elterninitiative gegen
die Gefährdung der Jugend durch Drogen hervor. Man wollte allgemein Eltern und junge Menschen über wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Konsequenzen von Rauschgiftkonsum exakt, ohne Pathos und nach dem
neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu den Auswirkungen infor-

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Telex: 8-85432

�mieren.
Erziehungsberechtigte
und
Lehrerschaft sollten veranlaßt werden, Kindern und Jugendlichen mehr
Zeit zu widmen und sie zu überzeugen,
daß ein drogenfreies Leben ein besseres und lohnenderes Dasein garantiere. Die Organisation unterhält heute
eine der größten Datenbanken der Welt
über Drogengebrauch unter Jugendlichen. Von überall her erhofft man
sich von PRIDE Rat und Hilfe - 1988
bearbeitete die Organisation über
150 000 Anfragen und Bitten um Informationsmaterial.

Vorbeugen und Verhüten
Vielen jungen Menschen in aller
Welt seien heutzutage Fernsehen, Kino, heiße Musik, T-Shirts und Aufkleber wichtiger als herkömmliche Bildungswerte, sagte Dr. Gleaton. Moderne Technik vermittle "eine neue
Art von Kultur", die den Konsum von
Alkohol und Drogen glorifiziere. Dagegen seien die Eltern das wichtigste
Bollwerk. Und es sei dringend nötig,
"sie dabei ein bißchen mehr zu ermutigen und sie weniger zu kritisieren".
Auf der anderen Seite wiesen die
erfolgreichen
Vorbeugungsprogramme,
die PRIDE durchführt und schon durchgeführt hat, einen Weg, um das Problem wirksam anzupacken. Sie seien,
so Gleaton, "auf Eltern, Schulen, Religionsgemeinschaften und auf die Gemeinden ausgerichtet, die sich um die
Jugend Sorgen machen und Drogenkonsum
verhindern wollen".
Im größeren Rahmen sollten die
gegenwärtigen Anstrengungen der amerikanischen Regierung zur Bekämpfung
von Drogenhandel und Sucht ebenfalls
auf Vorbeugung konzentriert werden,
insbesondere "auf die Verantwortlichkeit dessen, der Drogen nimmt". Damit meine er, ihn von der Gesellschaft her zu beeinflussen - und dazu
können und sollten die Medien, bis
hin zum T-Shirt- und Aufkleber-Motto,
vieles beitragen.
Nur in der Jugend selbst liege
die Lösung für das Rauschgiftproblem,

erklärte Dr. Gleaton. Organisationen
und Regierungen sollten sie unter
diesem Aspekt unterstützen anstatt zu
versuchen, sie zu reglementieren.
Für junge Leute, die die Einsicht besitzen, bedeute
der Kampf gegen
Rauschgift eine neue soziale Bewegung, die mit der Bürgerrechtsbewegung oder der Anti-Kriegs-Bewegung
der sechziger Jahre zu vergleichen
sei. Sie seien durchaus in der Lage,
sich für die Sache zu engagieren "und darin sollten wir sie unterstützen. Aber die Wege, die aus der Misere führen, müssen sie selbst finden". Eine ganz wichtige Aufgabe von
PRIDE besteht jetzt darin, neue Programme zu entwickeln, die junge Menschen motivieren, Drogen zu meiden,
sich gegen eine Flucht oder gegen ein
Abgleiten in Drogen gewissermaßen zu
immunisieren.
Wenn die Sucht einmal da ist, sei
sie nicht zu heilen.
Dr. Gleaton
verwies in diesem Zusammenhang auf
die Statistik.
Sie besagt, daß 75
Prozent der Drogenabhängigen nach
einer Therapie wieder rückfällig werden. Man müsse eng mit anderen Ländern zusammenarbeiten, um "Vorbeugung" in der wahren Bedeutung des
Wortes praktizieren zu können. Der
Definition von PRIDE zufolge wolle
man damit jemanden von vornherein motivieren, Drogen gar nicht erst zu
probieren, oder ihn sehr früh, lange
ehe die Abhängigkeit einsetzt, von
Drogen abbringen.
"Mehr Gefängniszellen und mehr Krankenhausbetten für
Süchtige einzurichten, wäre dem Sinne
nach nichts anderes, als würde man
mehr Gräber für AIDS-Patienten ausheben. Die einzige Antwort auf eine
unheilbare Krankheit lautet: Vorbeugen und Verhüten."
Die Eltern sollten sich auch darum kümmern, was ihre Kinder lesen.
Keith Schuchard, Mitbegründerin von
PRIDE, sieht die Vereinigten Staaten
an einem zweiten Wendepunkt:
Seit
1980 sei der Drogenkonsum unter Jugendlichen zurückgegangen, berichtete
sie. Aber die heute gebräuchlichen
Rauschmittel seien viel gefährlicher
als jene, die damals genommen wurden.

- 2 -

�An Zeitungskiosken und in Buchläden
sollten sich die Eltern sehr gründlich nach Jugendheften umsehen, die
Drogengebrauch propagieren, und dagegen Front machen.
Mark Gold, der unter anderem
einen landesweiten Telefondienst zur
Beratung Kokain-Abhängiger eingerichtet hat, machte die inzwischen von
Studien belegte Erfahrung, daß Crack
ganz besonders gewalttätig mache.
Das geben Kokainsuchtige auch selbst
zu.
Zwei Drittel der gewalttätigen
Drogenabhängigen berichteten, Verbrechen dann begangen zu haben, "wenn
sie 'high' waren - nicht während des
Entzuges". Crack ist ein Derivat von
Kokain, das besonders stark süchtig
macht.
Gold beklagte, daß man so
lange Zeit gebraucht habe, um sich
von seiner Gefährlichkeit zu überzeugen.

Staaten gelangen, von den Hindernissen, die gegen sie errichtet sind,
nicht zurückgehalten werden.
Umso
wichtiger sei die persönliche Abwehr
und Nicht-Anfälligkeit gegen Drogen
bei jedem einzelnen, die durch Erziehung und Leitbilder auch innerhalb
der Jugend geprägt wird.
Die Nationen müßten zusammenstehen und gemeinsam ihre Nöte, ihre
Fehlschläge und ihre Erfolge im Kampf
gegen Drogen analysieren und bewältigen, forderte Kay Bondurant. Sie ist
für die internationalen Koordinierungsprogramme von PRIDE verantwortlich, die unter anderem Australien,
Ägypten, Belize, Bermuda, Honduras,
Kanada, Nigeria, Panama und die
Cayman-Inseln mit der amerikanischen
Organisation verbinden. "Jedes Kind
hat das Recht, erwachsen zu werden,
ohne daß es den Schmerz des Drogenmißbrauchs erleidet", sagte sie.

Strafverfolgung allein könne gegen Drogen nicht viel ausrichten.
Das zeigt Gleaton zufolge schon die
Tatsache, daß 90 Prozent der illegalen Drogen, die in die Vereinigten

- 3 -

* * * * * *

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