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                  <text>;e° s&gt;.

AMERIKA DIENST

8. Februar 1989

INHALT

DOKUMENTATION
Tower: Enormes Ungleichgewicht zwischen NATO und Sowjets
- Rede des designierten Verteidigungsministers bei der
Wehrkundetagung Asymmetrien zwischen NATO und Warschauer Pakt weiterhin problematisch
- Interview mit James Blackwell vom CSIS -

HINTERGRUNDMATERIAL
Strategiepolitik erfordert überparteilichen Konsens
- Auszüge aus dem Bericht über nukleare Abschreckung Die Verhandlungen über konventionelle Streitkräfte in Europa - VKSE
- Eine Übersicht der ACDA -

WIRTSCHAFT
Yeutter fordert harte Gangart bei hormonbehandeltem Fleisch
- Der Streit zwischen den Vereinigten Staaten und der EG Regierungen benutzen Gesundheitsvorschriften zur Einfuhrbegrenzung
- Hintergrundartikel zu Handelsgesprächen im Rahmen der Uruguay-Runde

* * * * * *

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'VON

Dokumentation

^

8. Februar 1989

TOWER:

ENORMES UNGLEICHGEWICHT ZWISCHEN NATO UND SOWJETS

- Rede des designierten Verteidigungsministers bei der Wehrkundetagung MÜNCHEN - (AD) - Den Ausführungen des designierten Verteidigungsministers
John Tower zufolge "wird ein enormes Ungleichgewicht zwischen den Fähigkeiten
der Sowjets und denen des westlichen Bündnisses bestehenbleiben", selbst wenn
die Sowjetunion ihr Versprechen zur Reduzierung der konventionellen Streitkräfte einlöst.
In meiner Rede bei der jährlich stattfindenden Wehrkundetagung in München
am 29. Januar 1989 bekräftigte Tower ferner das Engagement der Bush-Administration für die NATO und ihre "Entschlossenheit, gemeinsam mit dem Bündnis an
der Stärkung des Wesens und der Qualität der Verteidigung des Westens zu arbeiten."
Sachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des künftigen Verteldigungsinintsters. Es gilt das gesprochene Wort.

Ms
designierter
Verteidigungsminister
der
Bush-Administration
möchte ich zunächst das Engagement
der Vereinigten Staaten für die NATO
unter
Präsident
Bush
bekräftigen.
Seit; dem Zweiten Weltkrieg war jede
Ilegi ^rungszei t eines
Präsidenten
sei pr Republikaner oder Demokrat von Kontinuität geprägt, die das Konzept gegenseitiger Sicherheit beinhaltet und der sich die Bush-Administration
verschrieben
hat:
Unsere
Entschlossenheit, gemeinsam mit dem
Bündnis an der Stärkung des Wesens
und der Qualität der Verteidigung des
Westens zu arbeiten...
Viele von Ihnen haben meine Ausführungen bei der jüngsten Anhörung
vor dem Streitkräfteausschuß des Senat«; der Vereinigten Staaten gelesen,

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in dessen Hand mein Schicksal im Hinblick auf meine Bestätigung liegt.
Sollten meine ehemaligen Kollegen zu
der Überzeugung gelangen, daß ich für
das Amt des Verteidigungsministers
nicht geeignet bin, werde ich mich
wieder ins Privatleben zurückziehen
und über sehr viel mehr Freiheit und
Wohlstand verfügen. Aber trotz mancher sicherlich sehr schwierigen Zeiten begrüße ich diese Herausforderung.
Alles, was andere Vertreter der
Bush-Administration und ich in den
vergangenen Tagen gesagt haben, muß
im Zusammenhang mit der Tatsache gesehen werden, daß die Vereinigten
Staaten
sich
mit einem
beträchtlichen, vielleicht sogar Schwindelei—
regenden Ungleichgewicht
im Handel
und
einem enormen
Haushaltsdefizit

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�konfrontiert sehen, das - wenn es
nicht ausgeglichen wird - nicht nur
das wirtschaftliche Wohlergehen der
Vereinigten Staaten, sondern auch aller anderen Nationen bedroht, die
Mitglieder der NATO sind...
Diese
Budgetzwänge und alle größeren Ausgaben der Vereinigten Staaten müssen
sorgfältig überprüft werden, und dies
beinhaltet
auch
nationale
Sicherheitsinteressen.
In den Anhörungen
habe
ich
öffentlich
erklärt, daß
nichts in der Militärorganisation unanatastbar ist und wir alles eingehend prüfen werden, jedes einzelne
Programm, jedes Forschungs- und Entwicklungsvorhaben.
Wir werden uns
die Streitkräftestruktur, die Operationsgeschwindigkeit, Militäreinrichtungen sowie jeden einzelnen Aspekt
der Verteidigungsausgaben vornehmen.
Dies betrifft auch unsere umfangreichen Stationierungen weltweit und
den Umfang dieser Stationierungen.
Ich hoffe jedoch, daß Sie meine Ausführungen nicht dahingehend interpretieren, unser Engagement gegenüber
der NATO würde erheblich verringert.
Ich bin mir nicht nur des militärischen Wertes, sondern auch der
politischen Notwendigkeit der amerikanischen Präsenz bewußt.
7arner bin ich mir darüber im
Viaren, daß wir nicht aus reinem
Altruismus in Westeuropa sind, sondern weil es in unserem nationalen
Interesse
liegt.
Die Bush-Administration wird daher alles in ihrer
Macht stehende tun, um unsere nationalen Ziele klar zu umreißen und eine
Strategie zu entwerfen, die auf die
Verwirklichung
dieser Ziele ausgerichtet ist. Und dann wird es meine
Aufgabe
sein, unsere Streitkräftestruktur
und unsere
operationeilen
Verpflichtungen im Hinblick auf ihre
Rolle und Ziele zu überprüfen... Unsere Verteidigungsausgaben stehen an
erster Stelle der Prioritätenliste,
aber wir müssen rational vorgehen und
uns eindeutig klar machen, was erforderlich ist, um der Bedrohung für
Frieden und Sicherheit des Westens zu
begegnen, die sich uns durch die Fähigkeiten
eines
mächtigen
Gegners

Ferner stellen wir fest, daß eine
Modernisierung
unerläßlich
ist.
Vielleicht müssen wir in anderen Bereichen um der Modernisierung willen
Opfer bringen.
Wir können es uns
nicht leisten, anders zu handeln, wir
können die Zukunft nicht verpfänden.
Eines sollte klar verstanden werden:
Selbst wenn wir Abkommen erlangen wie im Fall der nuklearen Mittelstreckenwaffen -, die eine erhebliche
Reduzierung der strategischen Fähigkeiten zur Folge haben, selbst wenn
wir das vielleicht am schwierigsten
zu Erreichende, ein Abkommen über die
asymmetrische Reduzierung der konventionellen Streitkräfte, zuwege bringen und selbst wenn wir uns auf wirksame Maßnahme zur Beendigung des Einsatzes chemischer und
biologischer
Waffen verständigen, müssen wir auch
nach all diesen Abkommen eine militärische
Streitmacht
aufrechterhalten, die so modern... und so schlagkräftig wie möglich ist. Die auf unserer Seite verbleibenden Streitkräfte müssen die besten sein, die aufzustellen wir in der Lage sind, denn
Sie können versichert sein, daß die
Sowjets bei der Auswahl ihrer nach
solchen Vereinbarungen verbleibenden
Systeme die besten nehmen werden, die
sie herstellen können und daß ihr
Vorgehen bei der Beschaffung und Stationierung dieser Systeme nicht darauf beruhen wird, was sie sich finanziell leisten können. Es wird vielmehr von dem Gedanken geleitet sein,
der
Sowjetunion
die
bestmögliche
Kampffähigkeit
in
einem
möglichen
Xriegseinsatz bereitzustellen.
Der einzige bedeutende Bereich,
in dem wir den Sowjets zahlenmäßig
überlegen
sind,
sind
die
großen
Schiffe. Und das ist für uns natürlich eine Frage geostrategischer Notwendigkeit,
die
von
den
geographischen Gegebenheiten der Vereinigten Staaten, des westlichen Bündnisses, der anderen Verbündeten der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt
und der Sowjetunion geprägt wird und
stark von der Sicherung der Verbindungswege abhängt.

�Ferner muß ich feststellen, daß
die Sowjets nichts für uns tun werden, was wir nicht selbst für uns
tun. Mit anderen Worten: Wir dürfen
nicht erwarten, daß sie durch ihre
einseitigen Handlungen unsere Sicherheit verbessern.
Wir müssen alles
erforderliche unternehmen, um unsere
eigene Sicherheit zu verbessern. Es
wurde in den vergangenen eineinhalb
Tagen hier vieles für mich Ermutigende gesagt, was meiner Meinung nach
eine gesunde Skepsis gegenüber den
Initiativen Gorbatschows widerspiegelt.
Tatsache ist:
Selbst wenn
Herr Gorbatschow aufrichtig ist und
selbst wenn er in gewissem Maß Erfolg
hat, können wir nicht außer acht lassen, daß eine enorme Bedrohung der
Sicherheit der Vereinigten Staaten
und
ihrer
Verbündeten
bestehenbleibt. ..
In den 14 Monaten meiner Tätigkeit als Unterhändler bei den Verhandlungen mit den Sowjets über strategische Waffen habe ich gelernt, daß
sie wirklich keine Zugeständnisse ohne Gegenleistung machen. Vielleicht
können wir alle etwas Hoffnung und
Ermutigung aus Gorbatschows öffentlich bekundeter Absicht ziehen, seine
konventionellen Streitkräfte um 10
Prozent zu verringern.
Aber selbst wenn er dies in gutem
Glauben tun sollte, wird immer noch
ein enormes Ungleichgewicht zwischen
den Fähigkeiten der Sowjets und denen
des westlichen Bündnisses bestehenbleiben.
Wir sollten die Lehren der Geschichte beherzigen. Ein weiser Man
hat einmal gesagt: Ich denke, die
einzige Lehre, die wir aus der Geschichte ziehen, besteht darin, daß
wir keine Lehren aus der Geschichte
ziehen.
Ich hoffe, wir sind nicht
dazu verdammt, unsere Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Wenn wir
vielleicht die Lehren der Zeit vor
hundert Jahren oder selbst die Lehren
aus der Zeit vor 50 Jahren vergessen,
währe es unverzeihlich, wenn wir die
Lehren der vergangenen zwei Jahr- 3

zehnte nicht beherzigen, die uns alle
noch lebhaft vor Augen stehen. Wir
sollten uns in Erinnerung rufen, daß
es in den siebziger Jahren - im Zeitalter der Entspannung - geschah, daß
wir Amerikaner - vielleicht aus Naivität und Torheit - unsere Militärausgaben real reduzierten, während
die Sowjetunion
ihre militärische
Aufrüstung unerbittlich fortsetzte.
Ich hoffe, wir können uns dieser Lehre erinnern. Es gibt wirklich Tauwetter im Kalten Krieg. Wir freuen
uns über diese beabsichtigten Reduzierungen, aber ich wiederhole nochmals: Die Bedrohung hat sich nicht
verringert.
Und lassen Sie mich nun auf eines
unserer Lieblingsthemen, die Lastenverteilung, eingehen.
Ich erinnere
mich an meine erste Wehrkundetagung
vor 22 Jahren, und damals sprachen
wir auch über die Lastenverteilung.
Und heute, 22 Jahre danach, reden wir
immer noch über die Lastenverteilung.
Diese Frage wird von den Amerikanern
sehr ernst genommen.
Der Durchschnittsbürger
in den Vereinigten
Staaten fragt, ob wir für die Verteidigung Europas und darüber hinaus für
die Verteidigung europäischer Interessen außerhalb des definierten NATOGebiets Mittel in diesem Ausmaß bereitstellen sollten, wenn der Eindruck besteht, daß unsere Verbündeten
nicht so viel für sich selbst tun,
wie sie sollten.
Ich denke, wir alle können uns
noch an den Mansfield-Verfassungszusatz in der Mitte der siebziger Jahre
erinnern, mit dem erhebliche Truppenreduzierungen in Europa vorgeschrieben werden sollten. Wie wir uns erinnern, wurde dieses Vorhaben im Senat der Vereinigten Staaten mit knapper Mehrheit abgewiesen. In der jüngeren Vergangenheit können wir uns an
eine Initiative von Senator Nunn einem großen Freund des Bündnisses erinnern, der in anderen gesetzgeberischen Angelegenheiten so viel getan
hat, um die Zweibahnstraße zu fördern. Er stellte im Senat einen Verfassungszusatz zur Diskussion, mit

�dem gewisse Kriterien aufgestellt
worden wären, die im Falle der Nichterfüllung durch das Bündnis stufenweise
Reduzierungen
vorgeschrieben
und (die Vereinigten Staaten) verpflichtet hätte, die amerikanischen
Truppen in Westeuropa zu verringern.
Auch dieser Zusatz wurde mit knapper
Mehrheit abgewiesen.
Aber im Nachhinein denke ich, wir
können über den Zusatz von Senator
Nunn froh sein, da dieser eine heilsame Wirkung hatte und zusammen mit
der Initiative Lord Carringtons erhebliche höhere Beiträge der Verbündeten zur Verbesserung des militärischen Einsatzkonzepts in Westeuropa
hervorbrachte.
Aber wir dürfen nicht nur im Zusammenhang mit Westeuropa an Lastenverteilung
denken, sondern müssen
über den von der NATO abgesteckten
Rahmen hinausblicken.
Und was die
bündnisfremden Gebiete betrifft, so
hat mich Senator Glenn gestern abend
an den Umfang der amerikanischen Verpflichtungen auf der ganzen Welt erinnert.
Die US-Marlne bildet den
wesentlichen Punkt für die Fähigkeiten der Vereinigten Staaten, militärische Macht zu projizieren.
Wir
alle sind auf die Seeverbindungen angewiesen.
Die Vereinigten Staaten,
die den Verbündeten während des Zweiten Weltkrieges soviel Unterstützung
geleistet haben, sind jetzt wirtschaftlich gesehen eine Insel und
ebenso wie Sie bei Rohstoffen, Energie, neuen Märkten abhängig von ausländischen Quellen.
Darüber hinaus
hängen von unserer geostrategischen
Position die Verteidigung unserer Interessen und die Erhaltung der Fähigkeit zur Verteidigung jener ausländischen Quellen und Seewege ab, die
einen wichtigen Bestandteil der Verteidigung des Westens bilden, die
wiederum größtenteils von den Vereinigten Staaten übernommen wird...
Unser Aktionsradius ist enorm groß:
unsere Präsenz im Persischen Golf und
die rechtzeitige und schwer aufzuwiegende
Unterstützung
durch
unsere
westlichen Verbündeten bringen meiner

Ansicht nach eine Lösung des Krieges
zwischen Iran und Irak hervor, der
eine Bedrohung für eine lebenswichtige Energiequelle darstellt, eine Bedrohung für die sehr notwendige Stabilität im Nahen Osten, eine Bedrohung für ihre strategische Position
in der Region.
Ein Flugzeugträger gilt manchmal
als Präzisionsinstrument der Diplomatie.
Ich muß Ihnen sagen, meine
Freunde, daß er auch ein teures Instrument der Diplomatie ist, ein sehr
notwendige Instrument nicht nur der
Diplomatie, sondern auch ebenso zur
schnellen Reaktion auf Situationen,
die militärische Aktion erfordern,
insbesondere, wenn Sie die Tatsache
berücksichtigen,
daß
stationäre
Stützpunkte auf der Welt nicht immer
in sehr sicheren Gebieten liegen, wir
die Fähigkeit zum Einsatz der Luftstreitkräfte haben und unsere Überlegenheit in vielen Teilen der Welt dokumentieren müssen.
Ich bin mir bewußt, daß unsere
Verbündeten weltweit nur einen begrenzten militärischen Beitrag leisten. Ich bin mir bewußt, daß unsere
Verbündeten nicht die Fähigkeiten zur
Machtprojektion haben wie die Vereinigten Staaten.
Aber andere Bestandteile der Machtprojektion sind
vielleicht
genauso
(unverständlich)... die Verbündeten sehr wohl in
der Lage sind, die Lasten zu teilen.
Ich denke dabei an Wirtschaftshilfe
an für uns wichtige Länder und Regionen. Das ist eine Teillast, die von
unseren sehr wohlhabenden europäischen Verbündeten übernommen werden
kann.
Zur Militärhilfe: Es gibt viele
kleine Länder, die dem Westen friedlich gegenüberstehen, aber schwierige
Nachbarn haben und sich Bedrohungen
ausgesetzt sehen, wie zum Beispiel
Tunesien und Ägypten, die von Oberst
Gadhafi,
seinen
expansionistischen
Absichten und seinen erheblichen militärischen Fähigkeiten bedroht werden. Meiner Ansicht nach könnten unsere Verbündenten mehr Unterstützung

�im Bereich der Militärhilfe leisten.
Und dann gibt es noch das Schuldenproblem der Dritten Welt: Diese
Last wird vor allem von den Vereinigten Staaten getragen, und sie könnte
meiner Ansicht
nach von unseren
Freunden im Westen und insbesondere
von den Japanern mitgetragen werden.
Und deshalb müssen wir erkennen,
daß wir ungeachtet der Definitionen
über die Grenzen der NATO und den
Vertrag selbst keine Inselmentalität
entwickeln dürfen und zusammenarbeiten müssen, um mit diesen Krisen und
Bedrohungen fertigzuwerden, denen wir
uns ohne diesen abgesteckten Rahmen
ausgesetzt sind.
Und wenn man sich an eine kluge
Äußerung erinnert, die vor 15 Jahren
auf der Wehrkundetagung von einem
klugen Mann namens Gerd SchmUckle der hier unter uns weilt und dessen
Haar in all den Jahren kaum grauer
geworden ist - vorgebracht wurde, der
etwas Kluges gesagt hat, das heute
noch mehr Gültigkeit hat als nach der
Krise im Nahen Osten vor 15 Jahren:
"Wenn wir nicht als Bündnis handeln
können, müssen wir lernen, uns wie
Verbündete zu benehmen."

- 5

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AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

8. Februar 1989

ASYMMETRIEN ZWISCHEN NATO UND WARSCHAUER PAKT WEITERHIN PROBLEMATISCH
- Interview mit James Blackwell vom CSIS -

WASHINGTON - (AD) - Die Ungleichgewichte zwischen der NATO und dem
Warschauer Pakt bei den konventionellen Streitkräften in Mitteleuropa werden
dem Washingtoner Rüstungsexperten James Blackwell Jr. zufolge wahrscheinlich
auch nach dem vom sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow angekündigten Truppenabbau fortbestehen. Blackwell, ein erfahrener Verteidigungsexperte des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS),
erklärte in einem Interview mit einem Vertreter des US-Informationsamts am 1.
Februar 1989, daß selbst nach dem von Gorbatschow versprochenen Abbau um
500 000 Soldaten und 10 000 Panzer (5 000 aus Osteuropa) Asymmetrien zwischen
NATO und Warschauer Pakt bestehen blieben. "Die größte Bedrohung für die Sicherheit des Westens besteht seit 1945 in der Anwesenheit von über 50 000 Panzern von Warschauer Pakt/Sowjetunion westlich des Urals."

"Wenn Gorbatschow es ernst meint
und 5 000 der modernsten russischen
Panzer verschrottet, dann wird dies
sicherlich ihre Angriffsfähigkeit in
gewisser Weise einschränken. Es bedeutet jedoch keine erhebliche Reduzierung der Bedrohung für die NATO,
fall sie nicht wesentlich mehr als
5 000 Panzer abbauen."
Wenige Tage
zuvor hatte der
Warschauer Pakt einen Streitkräftevergleich veröffentlicht, der bei
Panzern eine Überlegenheit von 2:1
gegenüber der NATO ausweist. Ein
amerikanischer Sprecher bei der NATO
nahm das Eingeständnis der Überlegenheit bei Kampfpanzern seitens des
Warschauer Pakts zur Kenntnis und betonte die Fähigkeit dieses Waffensystems zu "Überraschungsangriffen und

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großangelegten Offensivoperationen".
Blackwell geht davon aus, daß
Gorbatschow keine weiteren einseitigen Zugeständnisse bei Panzern machen
wird. "Ich denke, er hat mit seinen
Militärs verhandelt, und dies ist das
Maximum, was er bei ihnen erreichen
konnte."
Obwohl
Gorbatschow
versprochen
habe, in den kommenden Jahren die Militärausgaben zu verringern, "sollten
wir in unserer Wachsamkeit nicht
nachlassen". "Nach vier Monaten der
Rhetorik können wir Gorbatschow kein
Verdienst für einen Wandel des von
den Sowjets in den vergangenen 40
Jahren
gezeigten Verhaltens zugestehen."

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�Dem Verteidigungsexperten zufolge
besteht das vorrangige Ziel der Sowjetunion in Europa nach wie vor darin, Zwietracht unter den NATO-Verbündeten zu säen.
Laut Blackwell
entspricht die von Gorbatschow im Dezember 1988 und von den anderen osteuropäischen Politikern im vergangenen Monat angekündigte Reduzierung
der Streitkräfte "höchstens einem 10prozentigen Abbau
ihres Verteidigungshaushaltes. Dies entspricht den
Kürzungen, die von den Vereinigten
Staaten bereits bei der Neufestsetzung des Etats für das Haushaltsjahr
1989 vorgenommen wurden".
"Wenn man auf beiden Seiten Kürzungen vornimmt, aber von einem enormen Ungleichgewicht ausgeht, dann ist
mit ausgewogenen Kürzungen nichts gewonnen", fügte Blackwell hinzu.
Die militärische Situation könnte
seiner Ansicht nach noch sehr viel
gefährlicher sein.
"Wenn wir die
Streitkräfte durch einseitige Kürzungen im Verteidigungshaushalt auf beiden Seiten oder durch beiderseitig
vereinbarte ausgewogene Reduzierungen
ausdünnen, hätten wir am Ende dieselbe Asymmetrie bei den Streitkräften. Als Ergebnis würden wir in Europa eine lange Front mit weniger
Streitkräften
verteidigen und den
Verteidiger damit in eine schwierigere Position manövrieren", erklärte er.
In einer Studie mit dem Titel
The Military Impact of the Gorbachev
Reductions (Die militärischen Auswirkungen
der
Truppenreduzierungen
unter Gorbatschow) stellt Phillip
Karber,
Vizepräsident
der
VerteidIgungs-Forschungsinstitution
BDM
mit
Sitz
in
Washington,
fest,
Gorbatschows Unilateralismus habe wiewohl nicht ohne Reiz - seine Grenzen.

rungsmaßnahmen oder eine beiderseitig
vereinbarte "Form oder Definition der
Erwartungen".
Zweitens ist die Glaubwürdigkeit
der Sowjets der Schwachpunkt: In der
Vergangenheit haben sie den Abzug von
Truppen aus Osteuropa vorgetäuscht,
so Karber. Als Beispiel zitiert er
den mit erheblichem Propagandaaufwand
durchgeführten einseitigen Abzug sowjetischer Truppen aus der DDR unter
Breschnew im Jahr 1979. Es stellte
sich heraus, daß man die Flagge der
Einheit zwar in die Sowjetunion zurückgebracht hatte, Soldaten und Gerät jedoch in ganz Osteuropa umverteilt wurden.
Drittens wäre Karber zufolge eine
Verifizierung der sowjetischen Reduzierungen außerordentlich schwierig,
da über die Streitkräfteniveaus kein
Datenaustausch erfolgen würde, wie es
beim INF-Vertrag der Fall war. "Eine
Verifizierung der über einen Zeitraum
von mehreren Jahren erfolgten Neustationierugen
vorzunehmen,
gestaltet
sich als äußerst schwierig, wenn diese Stationierungen noch nicht abgeschlossen sind", so Karber.
Im Hinblick auf die militärische
Offensivstratgie befürwortet Karber
eine abwartende Haltung gegenüber den
Behauptungen der Sowjets, ihre der
NATO an der zentralen Front gegenüberstehenden Streitkräfte würden zu
solchen mit rein defensivem Charakter
umstrukturiert.
"Wenn die Sowjets tatsächlich eine neue, große, defensive Struktur
der Art einer 'Division' im Sinn haben", erklärte Karber, "so existiert
kein bekanntes Modell ihrer Organisations- und GeräteaufStellungen - weder in Osteuropa noch in der Sowjetunion."

Karber zufolge kann erstens "alles, was unilateral vorgenommen wird
auch unilateral wieder rückgängig gemacht werden". Da es sich hierbei
nicht um ein unterzeichnetes Abkommen
handelt, gibt es keine Verifizie- 2 -

* * * * * *

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'^7

""" &lt;Ä

Hintergrundmaterial

6

8. Februar 1989
STRATEGIEPOLITIK ERFORDERT ÜBERPARTEILICHEN KONSENS
- Auszüge aus dem Bericht über nukleare Abschreckung -

WASHINGTON - (AD) - Der am 3. Februar 1989 veröffentlichte Bericht
Deterring through the T u m of the Century (Abschreckung bis zum Ende des
Jahrhunderts) fordert einen Konsens bei der atomaren Strategiepolitik und unterstreicht die Modernisierung der landgestützten Atomstreitkräfte. Dem ehemaligen Verteidigungsminister Harold Brown zufolge sind landgestützte Raketen
"das unsicherste Element" der strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten und die Wiederherstellung der Uberlebensfähigkeit dieser Raketen gegen
einen Erstschlag der Sowjetunion sei unabdingbar. Der Bericht stellte ferner
fest, die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) solle weiterhin im bisherigen Umfang unterstützt werden. Der Bericht wurde vom Zentrum für strategische und internationale Studien und dem Johns Hopkins Institut für auswärtige Politik in Washington in Auftrag gegeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht in wesentlichen Auszügen.

Die Bedrohung
Die zur Zeit vordringlichste Frage im Bereich der Abschreckung lautet, ob eine ausreichende Anzahl amerikanischer Streitkräfte einen sowjetischen Angriff überleben wird, um
wirksam Vergeltung zu üben. Heute
vertrauen wir darauf, daß der Großteil amerikanischer Bomber (mit ca.
1 300 Waffen bestückt) und U-Boote
auf See (mit ca. 3 000 Waffen) selbst
in ihrer Aufstellung in Friedenszeiten einen möglichen Angriff der Sowjetunion überleben wird.
Dieses Vertrauen erstreckt sich
jedoch nicht auf unsere landgestützten Raketen in Silos. Einem Überraschungsangriff sowjetischer Streitkräfte, bei dem nur ungefähr ein

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Drittel ihrer derzeit verfügbaren Gefechtsköpfe auf Interkontinentalraketen (ICBMs) zum Einsatz kommt, würden
nur ca. 5 Prozent der amerikanischen
ICBMs standhalten. Selbst wenn die
Begrenzungen des Vertrages über nuklear-strategische Waffen (START) in
Kraft getreten sind, wird sich diese
Situation in Zukunft nicht verbessern
und könnte sich sogar verschlechtern,
es sei denn, wir nehmen Veränderungen
bei der Stationierung unserer Interkontinenatalraketen
und
vielleicht
bei den Raketen selbst vor.
Die Sowjetunion hat derzeit ca.
11 000 strategische Waffen stationiert, von denen mindestens 3 000
(wahrscheinlich mehr) unsere Interkontinentalraketen-Silos wirksam angreifen könnten. Das START-Abkommen

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�würde diese Anzahl auf 9 000 (oder
vielleicht weniger) Waffen verringern, aber diese Streitkräfte hätten
immer noch ungefähr 3 000 ICBMs zur
Verfügung, die alle durch Verbesserung ihrer Zielgenauigkeit wirksam
gegen unsere Silos eingesetzt werden
können.
Ein beunruhigender Unsicherheitsfaktor betrifft die technologischen
Fortschritte der Sowjets, mit denen
die Wirksamkeit ihrer Streitkräfte
erhöht werden könnte. Verbesserungen
der Zielgenauigkeit ihrer U-Bootgestützten
ballistischen
Raketen
(SLBMs) sowie der Sprengkraft ihrer
Gefechtsköpfe könnte die Uberlebensfähigkeit der ICBMs in Silos weiter
unterminieren und - was noch wichtiger ist - einige Optionen zur Verbesserung der Überlebensfähigkeit dieser
Raketen zunichte machen.
Anlaß zu noch größerer Besorgnis
böten neue sowjetische Waffen - seegestützte ballistische Raketen mit
niedrigerer Flugbahn und getarnte
seegestützte Marschflugkörper (SLCMs)
- deren Angriff mit geringer Vorwarnzeit erfolgen würde. Solche Waffen
könnten ein wesentliches Merkmal unserer Streitkräftestruktur unterminieren. Logik und Verbesserungen des
heutigen Standes der Technik legen
die Vermutung nahe, daß sie bis zum
Ende des Jahrhunderts in den sowjetischen Arsenalen verfügbar sein werden.
Derzeit ist das Zusammenwirken
von amerikanischen Bombern und silogestützten Raketenstreitkräften entscheidend. Diese beiden StreitkrMfteelemente komplizieren die zeitliche
Berechnung
eines sowjetischen Angriffs, da ein Angriff auf beide genügend Vorwarnzeit für zumindest eines der beiden Elemente läßt, um zu
einem
wirksamen
Vergeltungsschlag
auszuholen.
Diese neuen sowjetischen Waffen
(seegestützte
ballistische
Raketen
mit niedrigerer Flugbahn und größerer
Zielgenauigkeit sowie getarnte seege-

stützte ballistische Raketen) könnten
dieses Zusammenwirken jedoch unterminieren und damit die gleichzeitige
Zerstörung unserer ICBMs in Silos und
alarmbereiten
Bomber
ermöglichen.
Sollte dies der Fall sein, könnten
die Vereinigten Staaten in eine potentiell gefährliche Situation geraten. Die Erhaltung unserer Strategie
der Abschreckung würde dann einzig
und allein auf einem Streitkräfteelement ruhen - den seegestützten Raketen. Die Sicherheit - und nicht zuletzt die Freiheit und tfberlebensfähigkeit - unserer Nation einzig und
allein auf der Lebensfähigkeit eines
bestimmten Waffensystems
ruhen zu
wissen, wäre zweifelsohne ein unannehmbares Risiko.
Die heute bestehende und sich in
der Zukunft möglicherweise ergebende
Bedrohung ist eine Bestätigung der
Grundstruktur
der
strategischen
Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Diese Struktur besteht aus einer Triade land- und seegestützter ballistischer Raketen und aus teilweise mit
Marschflugkörpern bestückten Bombern.
Die Entwicklung und Stationierung
moderner
sowjetischer
Streitkräfte
und Technologien, die wir heute beobachten und unschwer in die Zukunft
projizieren können, kann den Verlust
eines oder vielleicht zweier Säulen
der Triade zur Folge haben. Wenn den
Vereinigten Staaten Zeit zur Verfügung steht, können sie darauf reagieren. Sie können das neue Wesen der
Bedrohung verstehen lernen, ihre eigenen Technologien zu deren Bewältigung anwenden und die Abschreckung
kontinuierlich aufrechterhalten.
Um
diese Strategie lebensfähig zu machen, müssen wir jedoch stets eine
zweite und dritte Reserve haben. Die
Sicherheit der Vereinigten Staaten
kann sich zu keinem Zeitpunkt eine
vorübergehende Lücke leisten, die sowjetische Politiker zu der Annahme
verleiten könnte, in einer Krisensituation sei ein Atomkrieg zu gewinnen
oder sie verfügten über das entscheidende Kriterium, das sie in die Lage
versetzen würde, durch Einschüchte-

�rung der Vereinigten Staaten oder deren Verbündete politischen Druck auszuüben.
Über
diese
"Uberbrückungsfunktion" hinaus trägt jede Säule der
Triade dazu bei, die sowjetischen Bestrebungen zur Unterhöhlung der anderen Säulen abzuwehren. Gemeinschaftlich zwingen sie die Sowjets, ihre
Ressourcen zur Neutralisierung dreier
absolut unterschiedlicher Technologien auszudehnen. Um dies aufzuheben, sind unterschiedliche sowjetische Technologien und Streitkräfte
erforderlich.
Ballistische Raketen
unterstützen Bomber beim Angriff auf
die
sowjetsiche
Luftverteidigung.
Bomber und ICBMs arbeiten ebenfalls
zusammen, da ein Angriff auf einen
von beiden den Grund zum Abschuß des
anderen liefert.
Schließlich hat jedes Element der
Triade einzigartige Fähigkeiten, unterschiedliche
Typen
sowjetischer
Ziele zu bedrohen; beispielsweise
verfügen ICBMs über eine große Zielgenauigkeit, gute Führungs- und Kommunikattonselnrichtungen sowie unverzügliche Ankunft am Ziel.
Gemeinschaftlich bietet die Triade dem Präsidenten ein breites Spektrum von Optionen, angemessen auf die vielfältigen Formen einer sowjetischen Aggression zu reagieren. So gesehen stärkt
die Triade die Abschreckung, indem
sie die politisch Verantwortlichen in
der Sowjetunion von dem Irrtum befreit, sie könnten einen Angriff so
gestalten, daß es dem Präsidenten
entweder an Willen oder der Fähigkeit
zur Reaktion mangeln würde.
Wenn wir den Gedanken einer festen Triade akzeptieren, sollten wir
den Stand und die Aussichten jeder
einzelnen Säule überprüfen, um Prioritäten bezüglich dessen zu entwikkeln, was getan werden muß, damit unsere Strategie in den kommenden Jahren weiterhin funktioniert.

Seegestützte Raketen
Diese Raketen bilden das zuverlässigste Element
unserer Triade.
Gegenwärtig oder in unmittelbarer Zukunft gibt es keine bekannte sowjetische Technologie, die ihr überleben
angesichts
eines
Präventivschlages
bedroht.
Wir müssen jedoch nach wie vor
wachsam sein, falls sich die derzeitige Situation verändert. Eine beunruhigende Tendenz ist beispielweise
die Absicht der Vereinigten Staaten,
weniger U-Boote mit mehr Raketen zu
bestücken.

Mit Waffen bestückte Bomber
Heute scheinen unsere Bomber gegen einen Erstschlag der Sowjetunion
in hohem Maße überlebensfähig zu
sein, gleichgültig, ob der Schlag von
einer durch START begrenzten oder einer sehr viel größeren Streitmacht
ausgeführt wird. Die zukünftigen sowjetischen Dislozierungen (zum Beispiel seegestützte ballistische Raketen mit niedrigerer Flugbahn) könnten
diese Situation jedoch drastisch verändern.
Die großen Investitionen der Sowjetunion in massive Luftverteidigung
sind ebenfalls eine Quelle möglicher
Besorgnis.
Heute scheinen unsere
Bomber und Marschflugkörper fähig,
diese Verteidigung mit akzeptablen
Verlusten
zu durchdringen, obwohl
Probleme mit der Verteidigungsaviontk
des B-l beuruhigend sind. Wenn die
Sowjets in Zukunft die Fähigkeit unserer ballistischen Raketen zur Unterdrückung
der
Luftverteidigung
(durch Präventivschläge
oder eine
Verteidigung mit ballistischen Raketen) unterhöhlen, könnte die Wirksamkeit der Bomber und Marschflugkörper
abnehmen.
Getarnte
Bomber
und
Marschflugkörper könnten diese Situation verbessern, werden jedoch einen
Kampf zur Folge haben, bei dem Maßnahmen mit Gegenmaßnahmen vergolten
-werden.

�Landgestützte Raketen
Die Fähigkeit dieses Elements der
Triade zur vollständigen Wahrnehmung
seiner Abschreckungsfunktion - Vergeltung nach einem sowjetischen Erstschlag - unterliegt heute sicherlich
Zweifeln.
Die sowjetischen ICBMs,
insbesondere die SS-18, sind zahlenmäßig und technisch in der Lage, einen erheblichen Teil unserer in Silos
stationierten landgestützten Raketen
zu vernichten.
In der Zukunft werden die für sowjetische Raketen im Rahmen von START
auferlegten Reduzierungen die Verwundbarkeit
unserer
silogestützten
Raketen nicht unbedingt vermindern,
wenn wir keine Maßnahmen treffen, um
ihre Uberlebensfähigkeit durch mobile
oder versteckte Stationierung zu erhöhen. START wird die Zahl der sowjetischen SS-18 - gegenwärtig die
wirksamste Waffe der Sowjets gegen
Silos - halbieren.
Wahrscheinlich
werden die Sowjets aber insgesamt ca.
3 000 ICBMs zurückbehalten. Aufgrund
möglicher Verbesserungen bei Zielgenauigkeit und Sprengkraft wäre diese
Streitmacht ausreichend, um die Mehrzahl unserer Silos zu zerstören. Mit
den uns zur Verfügung stehenden Varianten, einschließlich versteckter
oder mobiler Stationierung, könnte
sie jedoch nicht fertig werden.
Während der zehn Jahre oder mehr,
in denen dieses Problem offen zutage
trat, wurden zahlreiche Optionen zu
dessen Lösung entwickelt. Keine davon hat jedoch die grundlegenden Kriterien der militärischen Wirksamkeit,
Finanzierbarkeit und politischen Akzeptanz erfüllt. Es wäre nicht nützlich, erneut Optionen in Erwägung zu
ziehen, die schon in der Vergangenheit diesen Voraussetzungen nicht gerecht werden konnten.
Heute werden drei Optionen in Betracht gezogen. Keine von diesen hat
die Grundlage für einen Konsens geschaffen, aber es ist auch keine entschieden zurückgewiesen worden. Diese Optionen sind:

Schienengestutzte MX. Diese Option fordert die Stationierung von
MX-Raketen auf Eisenbahnwaggons. Im
Frieden würden diese in einigen wenigen
Garnisonen
auf
militärischen
Stützpunkten gelagert.
Bei einer
strategischen Warnung (eine Frage von
Stunden) würden die Raketen über das
öffentliche
Schienennetz
verteilt,
und ein Angreifer müßte deshalb große
Teile des Schienennetzes unter Feuer
nehmen, um die Zerstörung der Raketen
sicherzustellen.
Straßenmobile Midgetman.
Diese
Option verlangt die Stationierung
kleiner, mit Einzelgefechtskopf ausgerüsteter Midgetman ICBMs auf gehärteten Fahrzeugen, die entweder schon
in Friedenszeiten oder im Falle einer
taktischen Warnung (eine Frage von
wenigen Minuten) aufgelockert stationiert würden. Dies würde einen Angreifer zwingen, weite Landstriche
unter Feuer zu nehmen, um die Zerstörung der Raketen zu gewährleisten.
Carry-Hard.
Bei dieser Option
würde eine Rakete
(beispielsweise
eine MX, Midgetman oder Minuteman
III) in einer gehärteten Kapsel untergebracht, die in irreführender
Weise in einem von mehreren tausend
preisgünstig zu errichtenden Silos
stationiert würde.
Ein Angreifer
müßte einen Schlag gegen Tausende von
Silos durchführen, um die Vernichtung
einer weit geringeren Zahl von Raketen sicherzustellen.
Bei Option 1, die schienengestützte MX, wären die Kosten relativ
gering (12 Milliarden Dollar für den
gesamten Lebenszyklus). In Situationen, in denen wohlüberlegte Entscheidungen zur Verteilung der MX über das
öffentliche Schienennetz viele Stunden vor einem Angriff getroffen werden können, wäre ihre Uberlebensfähigkeit sehr hoch. Eine entscheidende Frage ist jedoch, ob Situationen
wahrscheinlich sind, in denen diese
Zeit für die Verteilung der MX auf
Schiene nicht zur Verfügung stünde,
zum Beispie] vor einem Angriff. So
könnten die Sowjets etwa ihre Vorbe-

�reitungen beschränken oder verbergen,
um ihre Absichten zu vernebeln. Sie
könnten versuchen, die strategischen
Streitkräfte bis unmittelbar vor einem Angriff nicht in einen höheren
Bereitschaftsgrad zu versetzen als in
Friedenszeiten.
Eine weitere Möglichkeit bestünde
darin, daß der Präsident Anzeichen
erhielte, die auf einen Angriff hindeuten, er aber die Entscheidung
treffen würde, die MX-Züge nicht zu
verteilen. Der Präsident könnte etwa
besorgt sein, daß die MX-Stationierung über das öffentliche Schienennetz von der amerikanischen Öffentlichkeit, unseren Verbündeten oder
den Sowjets als unmittelbarer Vorläufer eines offensiven Atomschlages der
Vereinigten
Staaten
mißverstanden
werden könnte, obwohl die Absicht
rein defensiv ist. Schließlich ist
noch festzustellen, daß wir im Falle
ausreichender Zeit für die Stationierung der MX-Züge mit weit geringerem
Aufwand eine gleiche oder größere
Zahl von Alarmgefechtsköpfen auf andere Art und Weise, wie untenstehend
besprochen, stationieren könnten.
Option
2,
die
straßenmobile
Midgetman, hat zwei Varianten. Bei
der ersten Variante würden im Frieden
mobile Midgetman-Abschußvorrichtungen
auf den bestehenden Midgetman-Stützpunkten im Norden der Vereinigten
Staaten stationiert. Bei einer taktischen Angriffswarnung würden sie in
der Umgebung verteilt.
Die andere
Variante beinhaltet die Verteilung
von Midgetman-Raketen über große Teile weitläufiger Militärstützpunkte im
Südwesten. Bei einer taktischen Angriff swarnung würden diese über noch
weiträumige Gebiete sowohl innerhalb
als auch außerhalb der Stützpunkte
verlegt.
Mobile Midgetman im Südwesten wären die teuerste Lösung (39 Milliarden Dollar während des gesamten Lebenszyklus).
Eine Stationierung im
Norden würde die bestehende Minuteman-Infrastruktur der Air Force ausnutzen und etwas weniger kostspielig

sein (36 Milliarden Dollar im Lebenszyklus) .
Diese Kosten sind hoch und bilden
das Hauptargument gegen die Midgetman. Sie könnten jedoch um ca. ein
Drittel verringert werden, wenn jede
Midgetman doppelt bewaffnet würde.
Damit würde die Zahl der Abschußvorrichtungen und zu stationierenden Raketen halbiert.
Diese Zunahme der
Nutzlast würde jedoch den Aktionsradius derart einschränken, daß eine
Stationierung
im Südwesten ausgeschlossen wäre.
Bei einer taktischen Warnung würden alle Varianten der Midgetman-Lösung im Falle eines Angriffs durch
eine von START begrenzte sowjetischen
Streitmacht ein sehr Uberlebensfähiges Element darstellen, obwohl bei im
Norden stationierten, weniger weiträumig verteilten Midgetman weniger
Raketen überleben würden. Alle Varianten würden die Sowjets von einem
Bruch des START-Vertrags abschrecken
und die Sowjets im Falle eines solchen Bruchs zwingen, für jede Midgetman, die sie vernichten wollen, viele
zusätzliche Raketen einzusetzen.
Die
Uberlebensfähigkeit
der
Midgetman kann durch technische Verbesserungen bei den Sowjets teilweise
verringert werden (zum Beispiel durch
erhöhte Sprengkraft oder Angriffe mit
SLBMs
mit
niedrigen
Flugbahnen).
Trotzdem würde die Midgetman auch
diesen Verbesserungen begegnen können
(im Falle einer Stationierung im Südwesten mehr als im Norden).
Falls
notwendig könnte eine noch weiträumigere Verteilung die Uberlebensfähigkeit weiter erhöhen.
Option 3, Carry-Hard, kann für
die Stationierung verschiedener Raketentypen verwendet
werden
- MX,
Midgetman oder Minuteman III. Die
Kosten würden je nach gewähltem System variieren (Kosten pro Lebenszyklus wären ca. 24 Milliarden Dollar
für die MX, 40 Milliarden oder mehr
für Midgetman - reduzierbar auf vielleicht 27 Milliarden bei der Version

- 5 -

�mit zwei Gefechtsköpfen - und 19 Milliarden für die Minuteman III).
Der Carry-Hard-Option liegt dasselbe Prinzip zugrunde wie dem vom
ehemaligen Präsidenten Carter für die
MX
vorgeschlagenen
Stationierungsmodus in Silos - eine kleine Anzahl
von Raketen (etwa 50 MX, 500 Midgetman oder 167 Minuteman III) in einer
Vielzahl von Silos (zum Beispiel
2 300).

Die Rolle der Rüstungskontrolle
Die Bewahrung der Abschreckung
hängt zuallererst von der Bereitschaft des Präsidenten und des Kongresses ab, die harten Entscheidungen
zu treffen, die für Entwicklung und
Stationierung effektiver, überlebensfähiger
strategischer
Streitkräfte
erforderlich sind. Rüstungskontrollvereinbarungen mit den Sowjets sollten weiterhin in dem Maße angestrebt
werden, in dem sie eine stabile Abschreckung
bewahren
und
stärken.
Dennoch möchten wir betonen, daß das
Hauptaugenmerk der Vereinigten Staaten darauf liegen sollte, zu bestimmen, welche Streitkräftestruktur eine
stabile Abschreckung am besten gewährleistet und die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs verringert und
dann erst damit in Einklang stehende
Rüstungskontrollabkommen anzustreben,
nicht umgekehrt.
Das bevorstehende START-Abkommen
ist in diesem Zusammenhang von vorrangigem Interesse. Obwohl noch eine
Vielzahl von Einzelheiten der Klärung
bedürfen, scheint eine Übereinkunft
zu Bestimmungen in greifbare Nähe gerückt zu sein, mit denen die heutigen
Streitkräfteniveaus auf beiden Seiten
reduziert werden. Ob diese Reduzierungen vorteilhaft für die Vereinigten Staaten sein werden hängt davon
ab, wie wir unsere Systeme im Umfeld
nach START stationieren. Den in Betracht gezogenen Vertragsbedingungen
zufolge könnten die amerikanischen
Streitkräfte von heute 12 300 Waffen
auf 10 600 begrenzt werden und die

sowjetischen Streitkräfte von 10 600
auf 9 000. In der Kategorie der Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
werden die Zahlen von ca. 9 400 sowjetischen und 7 500 amerikanischen
Gefechtsköpfen auf je 4 900 begrenzt
werden.
Insgesamt wird die Verteilung auf die einzelnen Elemente der
Triade eine verstärkte Stützung auf
Bomber bedingen als heute der Fall
ist.
Wenn man eine Bewertung unserer
Fähigkeit zur Erfassung der möglichen
sowjetischen Ziele vornimmt, wird die
Situation nach START zufriedenstellend
bleiben.
Die heutigen USStreitkräfte besitzen die Fähigkeit,
einen erheblichen Teil der sowjetischen Streitkräfte und politischmilitärischen Infrastruktur zu bedrohen, obwohl diese Fähigkeit abnehmen
wird, wenn die Sowjets ihre Mobilität
und Auflockerung in Krisenfällen ausbauen. Unter START können die Vereinigten Staaten die erforderliche
Fähigkeit nur dann aufrechterhalten,
wenn sie ihre Streitkräfte effektiv
modernisieren.
Eine relevantere Frage ist jedoch, ob die Streitkräfte der Vereinigten Staaten einem sowjetischen
Angriff so flexibel entgegentreten
können wie heute (oder, vorzugsweise,
noch flexibler). Im Zuge unserer Modernisierungs- und
Verhandlungsbemühungen muß unser Ziel darin bestehen,
das Verhältnis zwischen zielgenauen
sowjetischen Gefechtsköpfen und den
von diesen zu zerstörenden amerikanischen Zielen auf dem gleichen oder
- vorzugsweise - einem niedrigeren
Niveau zu halten wie heute, um den
Sowjets den Anreiz zu einem solchen
Angriff zu nehmen. Insgesamt würden
Reduzierungen keinen Gewinn bedeuten,
wenn die Sowjets von ihren verbleibenden Waffen eine größere Zahl auf
Uberproportional
weniger
amerikanische Ziele richten könnten.
Mit diesem Umstand vor Augen haben sich die für die Modernisierung
der ICBMs verantwortlichen amerikanischen Militärplaner darauf konzen-

- 6 -

�triert, wie man den Umfang der in den
Vereinigten Staaten vorhandenen Ziele
vergrößern kann.
Die verschiedenen
real in Betracht gezogenen Vorschläge
beruhen alle auf Täuschung - das
heißt, ICBMs werden auf Bahnlinien,
an Straßen oder in zahlreichen Silos
versteckt - so daß die Anzahl der von
den Sowjets anzugreifenden Punkte
größer würde als heute. Es ist vorstellbar, daß die Sowjets ohne eine
Obergrenze bei Gefechtsköpfen genug
Waffen für einen Angriff bauen könnten, um die Täuschung wettzumachen,
indem sie Waffen auf jeden Ort richten, an dem sich unsere ICBMs befinden könnten - zugegebenermaßen eine
große Zahl, aber im Prinzip wäre dies
angesichts eines fehlenden Abwehrkonzepts oder zahlenmäßiger Beschränkungen möglich.
Die niedrigeren Obergrenzen für
Gefechtsköpfe bei START bedeuten somit - trotz des Spielraums für Täuschungen und Vertragsbrüche - eine
Bedrohung für unsere ICBMs, machen es
jedoch zwingend erforderlich, daß unsere
Modernisierungspläne
soviele
Ziele wie möglich auf unserer Seite und möglichst noch mehr als heute vorsehen.
Die Vereinigten Staaten schlagen
gegenwärtig ein Verbot aller mobilen
ICBMs als eine Möglichkeit vor, um
die amerikanische Besorgnis über die
Schwierigkeiten bei der Gewährleistung einer genauen Verifizierung der
Anzahl dieser Systeme zu betonen. Im
Prinzip sind mobile ICBMs so konzipiert, daß sie zur Sicherstellung ihrer Überlebensfähigkeit leicht verborgen werden können; daraus folgt
jedoch, daß leicht zu verbergende Systeme auch leichter illegal zu dislozieren sind. Aus diesem Grund sind
die amerikanischen Unterhändler zu
Recht besorgt.
Wenn sich die Sowjets jedoch zur
Täuschung entschließen, wäre es Ihnen
praktisch unmöglich, genügend Streitkräfte illegal zu stationieren, um
ihre Fähigkeit zum erfolgreichen Angriff auf mobile amerikanische Syste-

me erheblich zu verbessern. Wenn Sie
jedoch diesen Versuch unternehmen
würden, wäre für uns die Ausweitung
unseres
Stationierungsgebietes
wesentlich einfacher zu bewerkstelligen
als für sie die Bereitstellung der zu
einem Angriff benötigten Gefechtsköpfe.
Zum Gleichgewicht vertreten wir
die Auffassung, daß die Gewinne bei
der Stabilität und die der versteckten Stationierung immanenten mangelnden Anreize zu Täuschungsmanövern die
Risiken einer tatsächlichen Täuschung
mehr als aufwiegen. Wir kommen daher
zu dem Schluß, daß die Position der
Vereinigten Staaten so verändert werden sollte, daß sie die Stationierung
mobiler Systeme auf beiden Seiten gestattet. Dieses Urteil setzt natürlich voraus, daß die Vereinigten
Staaten sich tatsächlich einem Plan
der versteckten Stationierung zuwenden.
(Die Sowjets besitzen bereits
eine große Zahl - wahrscheinlich mehr
als 100 - mobile ICBMs, die mit einem
Gefechtskopf ausgerüstete, auf Strassen bewegliche SS-25.) Es wäre unverzeihlich, den Sowjets mehr Möglichkeiten zum Rückzug aus START zu
gestatten, während wir selbst darauf
verzichten, ein wirklich angemessenes
Gegenmittel zu stationieren.
Einschneidendere
Reduzierungen
über START hinaus erfordern die sorgfältige Lösung einer Reihe von Problemen. Das erste ist die Uberlebensfähigkeit der Streitkräfte und
damit die bereits erörterte Frage des
Verhältnisses von Gefechtsköpfen und
Zielen. Das zweite betrifft die amerikanische Fähigkeit, wichtige Einrichtungen auf sowjetischer Seite zu
treffen.
Wie bereits ausgeführt,
stellen die von START begrenzten
Streitkräfte genug Waffen bereit, um
die meisten der jetzt zur militärischen Planung verwendeten Ziele abzudecken, ohne daß viele nicht abgesteckte
Ziele
übrigblieben.
Mit
niedrigeren Niveaus würden wir hinter
den Stand zurückfallen, der jetzt von
Militärplanern als vernünftig erachtet wird. Wir müssen erneut UberprU-

- 7 -

�fen, ob diese Reduzierungen einen
wünschenswerten Eeffekt auf die Abschreckung haben.
Das dritte Problem betrifft die
Auswirkung auf eine erweiterte Abschreckung. Einige Verbündete haben
Vorbehalte im Hinblick auf die Unterschreitung der von START festgesetzten Niveaus geäußert, wenn nicht zunächst das konventionelle Ungleichgewicht der Streitkräfte in Europa ausgeglichen würde. Wir benötigen eine
klare Vereinbarung, daß wir unsere
Verpflichtungen für eine über amerikanisches Territorium hinausgehende
Abschreckung einhalten können, und
diese Botschaft müssen wir in engen
Konsultationen mit unseren Verbündenten vermitteln.

Zusammenfassung
Die Sicherheit der Vereinigten
Staaten muß in absehbarer Zukunft auf
Abschreckung und Offensivstreitkräften basieren; kurzfristig gibt es
keine Alternative.
Zur Gewährleistung der Abschreckung müssen die
Vereinigten Staaten weiterhin Streitkräfte stationieren, die einen Gegner
unbedingt davon überzeugen, daß jede
Aggression
gegen
die
Vereinigten
Staaten oder ihre Verbündeten eine
Reaktion hervorruft, die ihm untragbare Kosten aufbürden würde. Praktisch bedeutet das die Beibehaltung
einer Triade von Streitkräften, die
insgesamt die Fähigkeit besitzt, einen Präventivschlag zu überleben und
die
sowjetische
Verteidigungslinie
mit
einem
Vergeltungsschlag
von
nichtakzeptablem Ausmaß zu durchbrechen. Die Vereinigten Staaten müssen
die zur Erfüllung dieser Maßgabe erforderliche Modernisierung
in den
nächsten Jahren im Rahmen ihres niedrigeren Verteidigungshaushalts durchführen.
Wir sprechen folgende Empfehlungen aus:
- Die Modernisierung der ICBM sollte erste Priorität sein.
Die
Midgetman (mit einem Gefechtskopf) in einer straßenbeweglichen

Konfiguration im Südwesten stationiert oder eine Midgetman (mit
zwei Gefechtsköpfen) in zahlreichen "carry-hard" Silos sind
die zwei vielversprechenden Ansätze
mit
der
erforderlichen
tfberlebensfähigkeit.
Die
Entwicklung und Stationierung einer
dieser Möglichkeiten sollte vorrangig finanziert werden.
Die
Entscheidung für eine von ihnen
sollte davon abhängig sein, welche Möglichkeit die besten Aussichten auf Erlangung eines politischen Konsenses hat, der für
die Bewilligung und Durchführung
erforderlich ist. Bis diese Entscheidung getroffen wird, sollten
wir weiterhin umfangreiche silogestützte Streitkräfte unterhalten.
Diese Streitkräfte werden
eine wirksame Fähigkeit für bestimmte Anwendungsbereiche, insbesondere die Unterstützung der
erweiterten Abschreckung haben.
Die MX-Rakete sollte, wenn sie
nicht
"carry-hard"
stationiert
wird, in ihren gegenwärtig 50 Silos beibehalten werden. Wenn in
den neunziger Jahren mehr Mittel
zur Verfügung stehen, sollte die
Stationierung aus den Silos auf
die Schiene verlegt werden.
- Pläne für die Stationierung der
Trident U-Bootflotte einschließlich der D-5 Rakete sollten ebenfalls vollendet werden.
Einige
kleinere Verzögerungen sind jedoch bei diesem Programm akzeptabel.
Die seegestützte Modernisierung sollte Möglichkeiten für
die Bereitstellung einer größeren
Zahl von Schiffen, insbesondere,
wenn Begrenzungen
durch START
vorgenommen
werden,
vorsehen.
Kurzfristig würde dies die Stationierung einer größeren Zahl
von
Trident-U-Booten
bedeuten,
von denen jedes mit weniger als
dem Maximum von 24 Abschußvorrichtungen
ausgerüstet
ist.
Langfristig würde das heißen, eine neue Generation kleinerer UBoote zu entwickeln.

�der MX gegen die SS-24 bedarf
eingehender Prüfung
Die Zustimmung zu mobilen Systemen setzt
natürlich voraus, daß die Vereinigten Staaten ihr Recht auf
Entwicklung einer der hier erörterten
Konfigurationen
erhält
(auf
Straßen
beweglich
oder
"carry-hard").
Als letztes Detail
sollten
die
Vereinigten
Staaten
die
gegenwärtige
Beschränkung von Abschußvorrichtungen (1 600) weiter lockern oder
abschaffen.
Solch
eine
Einschränkung steht dem Wunsch zur
Verbesserung
des
Verhältnisses
von Gefechtsköpfen zu Zielen entgegen.

- Gegenwärtige Pläne zur Modernisierung von Bombern und deren Bewaffnung
sollten
verwirklicht
werden. Das vollständige B-l Geschwader sollte weiter stationiert werden.
Die Entwicklung
des B-2 sollte sorgfältig und
gründlich vollendet werden. Wenn
das
Entwicklungsprogramm
abgeschlossen ist, sollte der B-2
stationiert werden.
- Eine Untersuchung sollte durchgeführt werden, um zu bestimmen, ob
die nuklear bestückten SLCMs in
unserem Interesse zu liegen versprechen und ob die nuklearen und
nichtnuklearen SLCMs verifizierbar sind.
- Das Programm der Strategischen
Verteidigungsinitiative
sollte
wie bisher finanziert werden, mit
bescheidenen jährlichen Erhöhungen, und es sollte weiterhin auf
das bereits erörterte Ziel hin
ausgerichtet sein.
- Im Hinblick auf Rüstungskontrolle
sind die vorgeschlagenen zahlenmäßigen Beschränkungen im bevorstehenden START-Abkommen vernünftig und werden vorsehen, daß ausreichende amerikanische Streitkräfte die Abschreckung unterstützen.
Die möglichen Bestimmungen dieses Abkommens können
nützliche Verbesserungen für die
Sicherheit der Vereinigten Staaten hervorbringen, insbesondere
in Zusammenhang mit der Stationierung moderner, überlebensfähiger, landgestützter Raketen. Die
Vereinigten Staaten haben bereits
begonnen, Ansätze zur Verifizierung mobiler Systeme zu erörtern
und werden wahrscheinlich ihren
Vorschlag eines Verbots fallenlassen, wenn geeignete Vereinbarungen getroffen werden.
Wir
sollten dennoch erwägen, weiterhin ein Verbot von Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVs) auf mobilen
Systemen
auszusprechen,
angesichts ihrer besseren Wirkung bei
Täuschungsmanövern.
Ein Tausch

Wie zu Beginn erklärt, waren die
vergangenen 15 Jahre im Hinblick auf
die Erhaltung einer stabilen Abschreckung für die Vereinigten Staaten eine Zeit enormer Herausforderungen. Zu Beginn der achtziger Jahren
hat das Land kurzzeitig den regelmäßig
wiederkehrenden
Enthusiasmus
seiner Bevölkerung für eine selbstbewußtere Rolle der Vereinigten Staaten
in der Welt genossen. Einige, aber
nicht alle Aspekte dieses Enthusiasmus haben Eingang in vernünftige Programme zur nationalen Sicherheit gefunden. Die Verluste waren das Ergebnis einer konzeptionellen Unsicherheit darüber, was zu tun sei.
Andere waren auf politische Parteilichkeit zurückzuführen. Gegenwärtig
treten die Vereinigten Staaten in eine Phase begrenzter Mittel ein. Anhaltende Streitigkeiten und ambivalente Konzepte werden reale Kosten
verursachen, die sich in zunehmender
Anfälligkeit für Zwang und Einschüchterung äußern werden. Diese Publikation ist eine überparteiliche Bemühung, diese Kosten zu verhindern.
Die nächsten zehn Jahre versprechen so turbulent zu werden wie die
vergangenen - aufgrund finanziellen
Drucks, technologischer Entwicklungen
und dem normalen Ausschlag des politischen Pendels im Westen.
Es ist
der letzte nicht vorhersagbare Trend,
der beunruhigt. Im Gegensatz zu den

- 9-

�vergangenen Zeiten» als ihre Stärke
den Vereinigten Staaten einön bestimmten Fehlerquotienten beim Experimentieren
mit
unterschiedlichen
Konzepten zur Wahrung unserer Interessen zugestand, wenn diese Umschwünge stattfanden, kann sich das Land
diesen Luxus nicht mehr leisten. Es
ist viel wichtiger geworden, daß die
Vereinigten Staaten ihre strategische
Politik klar Und einstimmig darlegen
und das Land von einem konkreten Verständnis der anstehenden Bedrohung
und dem Umgang mit ihr geleitet wird.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

4

8. Februar 1989

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KONVENTIONELLE STREITKTÄFTE IN EUROPA - VKSE
- Eine Übersicht der ACDA -

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Behörde für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (ACDA) hat eine Übersicht zu den Zielen der Verhandlungen über konventionelle Streitkräfte in Europa (VKSE) veröffentlicht, an denen 16 Mitgliedstaaten der NATO und sieben Warschauer Pakt Staaten teilnehmen.
Diese Übersicht wurde bei Ankunft von Außenminister Shultz in Wien veröffentlicht, wo er sich zur Abschlußerklärung der 35 Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) einfand.
Nachfolgend der Text der Übersicht:
Die Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte in Europa
(VKSE)
-

Die Beseitigung des militärischen
Ungleichgewichts zwischen Ost und
West im konventionellen Bereich
durch Rüstungskontrolle und Verbesserung der Verteidigung hat
seit Jahren Priorität in der NATO.

- Auch nach Durchführung der von
Gorbatschow angekündigten einseitigen Reduzierungen
hätte der
Warschauer Pakt bei Panzern und
Artillerie einen Vorteil von mehr
als 2:1.
- Die Landstreitkräfte
des Ostblocks sind in der Lage, eine
Großoffensive einzuleiten.
Die

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Reduzierung
von Streitkräften,
die eine Offensive denkbar erscheinen lassen, Territorium besetzen und halten können, ist
vordringliches Ziel der RUstungskontrollstrategie
der NATO im
konventionellen Bereich.
Die NATO ist um die Beseitigung
von Asymmetrien bei den Streitkräften und die Erlangung eines
höheren Maßes an Stabilität und
Sicherheit auf einem niedrigeren
Streitkräfteniveau bestrebt.
Die NATO wird dieses Ziel einer
Verbesserung der Sicherheit durch
die Wiener Verhandlungen über
konventionelle
Streitkräfte
in
Europa (VKSE) verfolgen.
Teilnehmer der VKSE sind die 16 Mit-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gliedsstaaten der NATO und sieben
Warschauer Pakt-Staaten.
- Weiterhin wird sich eine besondere Verhandlungsreihe Fragen der
Sicherheit durch Vertrauens- und
sicherheitsbildende
Maßnahmen
(VSM) zuwenden. An diesen Verhandlungen werden alle 35 europäischen und nordamerikanischen
Mitglieder der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) teilnehmen.

e NATO schlägt für die VKSE unter
derem folgende Punkte vor:
- Eine generelle Begrenzung des Gesamtbestandes
konventioneller
Waffen in Europa auf ein erheblich niedrigeres als das gegenwärtige Niveau, bei Panzern etwa
eine Anzahl von 40 000 und damit
die Hälfte des gegenwärtigen Bestandes.
- Eine Bestimmung, daß kein Staat
mehr als 30 Prozent des Gesamtbestandes in Europa besitzen darf
und damit kein Land den Kontinent
mit
Waffengewalt
beherrschen
kann. Zum Beispiel könnte kein
Land mehr als 12 000 Panzer besitzen - die Sowjetunion hat im
Augenblick etwa 37 000.

- Besondere
Einschränkungen
für
Streitkräfte, die auf dem Territorium anderer Länder stationiert
sind, um sowjetische Streitkräfte
in Osteuropa zu beschränken.
- Zusätzlich zur Streitkräftereduzierung wird sich die NATO um
stabilisierende
Maßnahmen
zur
Verbesserung von Offenheit und
Stabilität bemühen. Darüber hinaus wird die NATO ein strenges
System der Verifizierung vorschlagen.
- Die VKSE und die VSM sollen nicht
später als sieben Wochen nach Abschluß
der
KSZE-Folgekonferenz
aufgenommen werden.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
r

1,

^

ck

Wirtschaft

8. Februar 1989

YEUTTER FORDERT HARTE GANGART BEI HORMONBEHANDELTEM FLEISCH
- Der Streit zwischen den Vereinigten Staaten und der EG -

WASHINGTON - (AD) - Der designierte amerikanische Landwirtschaftsminister
Clayton Yeutter erklärte, die Vereinigten Staaten sollten in ihrem Streit mit
der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Rindfleisch nicht nachgeben.
"Wenn die EG zu weiteren Vergeltungsmaßnahmen greift, würde ich vorschlagen, daß wir dagegen wiederum
mit Vergeltungsmaßnahmen vorgehen",
erklärte Yeutter bei der Anhörung zu
seiner Bestätigung vor dem Landwirtschaftsausschuß des Senats.

Strafzöllen ausgenommen bleiben.

Am 1. Januar 1989 hat die Europäische Gemeinschaft alle Importe von
mit
Wachstumshormonen
behandeltem
Fleisch verboten, worauf die Vereinigten Staaten als Vergeltungsmaßnahme auf eine Reihe von Exportgütern
der EG Zölle von 100 Prozent erhoben
haben.

Ein anderer Vertreter der amerikanischen Regierung erklärte, solch
eine Bitte würde möglicherweise die
Zustimmung der Vereinigten Staaten
finden.

Beide Seiten vereinbarten eine
Frist von 30 Tagen, in der alle
strittigen Waren, die sich bereits
auf dem Exportweg befanden, von den

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die Frist endete am 1. Februar,
und ein Mitarbeiter aus dem Büro des
amerikanischen
Handelsbeauftragten
erklärte, den Vereinigten Staaten läge keine Bitte um Verlängerung vor.

Wenn jedoch keine Fristverlängerung vereinbart wird, so hat die Europäische Gemeinschaft erklärt, sie
werde wiederum Vergeltungsmaßnahmen
gegen die erhöhten amerikanischen
Zölle ergreifen, obwohl sie noch keinen Termin für das Inkrafttreten ih-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�rer Vergeltungsmaßnahmen
hat.

festgesetzt

Der Staat Texas hat angeboten,
der Europäischen Gemeinschaft Fleisch
zu verkaufen, das nicht mit Hormonen
behandelt wurde.
Aber das amerikanische
Landwirtschaftsministerium
hat sowohl der EG als auch dem Staat
Texas Schreiben zukommen lassen, denen zufolge es nicht - wie von der EG
gefordert - garantieren kann, daß das
texanische Rindfleisch den EG-Normen
für hormonfreies Fleisch entspricht.

* * * * *

�^°^&gt;
'V,oN

AMERIKA DIENST
Wirtschaft

4

8. Februar 1989

REGIERUNGEN BENUTZEN GESUNDHEITSVORSCHRIFTEN ZUR EINFUHRBEGRENZUNG
Hintergrundartikel zu Handelsgesprächen im Rahmen der Uruguay-Runde -

WASHINGTON - (AD) - Eine der einfachsten Möglichkeiten für ein Land Einfuhrverbote für bestimmte Produkte zu rechtfertigen, besteht darin, zu behaupten, diese Produkte verletzten dessen nationale Gesundheits- und Hygienebestimmungen.

Dies ist deshalb so einfach, weil
es die internationalen Regelungen
nach dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) jedem Staat gestatten, solche Beschränkungen zu
verhängen. Innenpolitisch ist dabei
kaum Widerspruch zu erwarten, wenn
der Schutz der Gesundheit und Verbesserung der Sicherheit auf dem Spiel
stehen.
Wenn jedoch Anbieter in anderen
Ländern den Verdacht schöpfen, daß
solche Regelungen mehr auf wirtschaftlichen Motiven als auf stichhaltingen
gesundheitspolitischen
Gründen beruhen, kann diese Art der
Einfuhrbeschränkung
weltweit
verstärkt zu einer Quelle des Unmuts
werden.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Dieses Problem
tritt nirgends
deutlicher zutage als beim gegenwärtigen Streit zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Gemeinschaft (EG) über die Verwendung von
Hormonen bei der Tiermast. Mit Wirkung vom 1. Januar 1989 verhä'ngte die
EG ein Einfuhrverbot für Fleisch von
Tieren, denen Wachstumshormone zugeführt wurden. Die Vereinigten Staaten reagierten darauf unmittelbar,
indem sie für eine Reihe europäischer
Exporte in die Vereinigten Staaten
einen lOOprozentigen Einfuhrzoll verhängten.
Der EG zufolge stellen die Hormone für den Menschen eine Gesundheitsgefährdung dar. Unter Berufung auf
die GATT-Bestimmungen erklärt die EG,
sie besitze das Recht, ein weltweit

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gültiges Verbot solcher Importe zu
verhängen. Die Vereinigten Staaten,
die sich ebenfalls auf die GATT-Regeln berufen, erklären, das Einfuhrverbot koste amerikanische Fleischproduzenten jährlich 100 Millionen
Dollar, für die ihnen eine Entschädigung zustehe.
"Es kann sehr häufig vorkommen,
daß gesundheitspolitische Anliegen zu
einer unfairen Handelspraxis führen
können, die unter dem Deckmantel einer Gesundheitsgefä'irdung besteht",
erklärte der stellvertretende amerikanische
Handelsbeauftragte
Alan
Holmer am 5. Januar 1989 vor Journalisten. "Und wenn dieses Hormonverbot
einer
wissenschaftlichen
Grundlage entbehrt, werden sich die
Vereinigten Staaten mit einem solchen
Vorgehen nicht abfinden können. Das
war der Grund, warum wir der Meinung
waren, die von uns eingeleiteten Maßnahmen ergreifen zu müssen."
Obwohl über die wissenschaftliche
Dimension dieses Falles weiterhin
Meinungsunterschiede bestehen, sind
sich die meisten Länder darin einig,
daß ein Ausufern des gegenwärtigen
Fleischstreits zwischen den Vereinigten Staaten und der EG - der fast
schon das Ausmaß eines Handelskrieges
erreicht - hätte vermieden werden
können, wenn die gültigen GATT-VerfUgungen zu Gesundheits- und Hygienefragen eindeutiger gefaßt wären und
wenn es besondere, verläßliche internationale Regelungen zur Schlichtung
von Streitfällen gegeben hätte.
Als Teil der Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche haben sich
in den vergangenen zwei Jahren Unterhändler aus den 96 Mitgliedstaaten
des GATT in Genf getroffen, um Bestimmungen zu verbessern, die Auswirkungen von Meinungsverschiedenheiten
über nationale Gesundheits- und Hygienevorschriften auf den Handel betreffen.
In einer Zusammenfassung der bis
heute geleisteten Arbeit erklärte ein
führender
Vertreter
des
amerika-

nischen
Landwirtschaftsministeriums
gegenüber dem US-Informationsamt, daß
heute "eine recht gute Grundlage für
eine Übereinkunft besteht".
Amerikanischen Vertretern zufolge
herrscht allgemein Einigkeit darüber,
daß Artikel 20 des GATT die Grundlage
für eine Reform der GATT-Bestimmungen
über Gesundheit und Sicherheit enthält«
Dieser Artikel gestattet gegenwärtig
die
Verabschiedung
und
Durchführung von Maßnahmen, die zum
Schutz menschlichen, tierischen oder
pflanzlichen Lebens oder der Gesundheit erforderlich sind. Darin wird
jedoch ebenfalls festgestellt, daß
solche Maßnahmen weder als Deckmantel
für Beschränkungen des internationalen Handels benutzt noch in willkürlicher oder in einer anderen Art und
Weise angewendet werden sollten, die
zwischen Ländern, in denen gleiche
Bedingungen herrschen, ungerechtfertigt Diskriminierung schaffenDie
Aufgabe
der
Unterhändler
bestehe
jetzt darin, zur Klärung von Artikel
20 im Hinblick darauf beizutragen,
welche Handlungen als willkürlich
oder ungerechtfertigt zu betrachten
sind.
Einem
amerikanischen
Vertreter
zufolge könnte sich die EG dabei als
Haupthindernis erweisen. Obwohl sich
die EG den Forderungen anderer Länder
nach Vereinheitlichung - in der Handelsterminologie als "Harmonisierung"
bezeichnet - nationaler Gesundheitsbestimmungen
angeschlossen
hat,
scheint sie weniger als andere GATTMitglieder bereit zu sein, der Notwendigkeit eines wirksamen Schlichtungsverfahrens für den Fall zuzustimmen, daß ein Land sich dieser
Harmonisierung widersetzt.

Die Ziele der Vereinigten Staaten
Von
offizieller
amerikanischer
Seite werden die folgenden fünf Ziele
der Vereinigten Staaten als entscheidend für dieses Element der UruguayRunde genannt:

- 2 -

�- Alle Gesundhelts- und Hygienebestimmungen müssen auf solidem und
Überprüfbarem
wissenschaftlichem
Beweismaterial beruhen.

nalen Gremien die Festlegung der spezifischen Normen vornehmen sollten,
auf die sich alle nationalen Bestimmungen gründen:

- Harmonisierung der nationalen Gesundheits- und
Hygienevorschriften in dem Maß, in dem die Harmonisierung Gesundheit und Sicherheit nicht gefährdet, um so die
Einhaltung international vereinbarter Normen zu gewährleisten.

Die
Kodex
Alimentarius-Kommission. Als Unterorganisation der
Ernährungs- und
Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation wurde der Kodex Alimentarlus im Jahr 1963 geschaffen,
um die Gesundheit der Konsumenten
zu schützen, faire Praktiken im
Welthandel
mit
Nahrungsmitteln
sicherzustellen und die Koordinierung aller von internationalen
Regierungs- und
zwischenstaatlichen Organsationen entwickelten
Nahrungsmittelnormen zu fördern.
Der Kodex Alimentarius enthält
Normen für alle Grundnahrungsmittel - nicht verarbeitet, halb
verarbeitet oder verarbeitet
die zum Verzehr geeignet sind.
Die Kommission besteht aus einen
Exekutivausschuß und 25 Unterorganisationen.
Die
Ausschüsse
sind ein Forum für Wissenschaftler, die technische Daten im Zusammenhang mit der Entwicklung
von
Produktnormen
überprüfen.
Nach Genehmigung durch die jeweiligen Regierungen werden die Normen im Kodex Alimentarius veröffentlicht. Zusätzlich zur Aufgabe der Normierung ist die Kommission gleichzeitig ein informelles
Forum für Diskussionen zwischen
internationalen
Vertretern
von
Regierung und Industrie.

- Anerkennung des Konzepts "gleichwertiger Garantien". Dies bedeutet, daß jedes Land seinen eigenen Ansatz zur Erreichung eines
bestimmten Sicherheitsniveaus eines Produkts wählen kann und daß
Einfuhren dieses Produkts nicht
lediglich deshalb beschränkt werden können, weil eine bestimmte
von dem exportierenden Land angewandte Methode zur Gewährleistung
der Sicherheit nicht mit der vom
importierenden Land angewandten
identisch ist.
- Entwicklung angemessener Schlichtungsmechanismen,
die
speziell
auf Gesundhelts- und Hygienefragen eingehen.
- Rechtzeitige Benachrichtigung und
Konsultationen vor der Einführung
von Gesundhelts- und Hygienevorschriften.
Einige der Maßnahmen, bei denen
amerikanische
Regierungsvertreter
eine Harmonisierung begrüßen würden,
betreffen die Unbedenklichkeit von
Nahrungsmitteln (z.B. Nahrungsmittelzusätze, maximale Rückstände an Pestiziden, veterinärmedizinische Arzneimittel), Gesundheit von Tieren und
Pflanzen und diesbezügliche Quarantänevorschriften sowie Analysemethoden
und Stichprobenerhebung.

Harmonisierung der nationalen Normen
Die Vereinigten Staaten haben den
Vorschlag
unterbreitet,
daß
ausschließlich folgende drei internatio- 3 -

Das Internationale Tierseuchenamt. Hierbei handelt es sich um
die älteste internationale veterinärmedizinische
Organisation,
die auf das Jahr 1924 zurückgeht
und sich primär mit Tiergesundheit und Hygienevorschriften für
den Import und Export von Tieren
und Tierprodukten befaßt.
Sie
hat ein weltweites Informationssystem ins Leben gerufen, das zur
Beschleunigung des internationalen Handels ohne ein Krankheitsrisiko bei Nutzvieh gedacht ist.

�Die Hauptbüros befinden sich in
Paris, wo die jährlichen Generalversammlungen einberufen werden,
das Amt hat jedoch über 100 Länder als Mitglieder. Das Internationale Tierseuchenamt unterhält
regionale Kommissionen für Afrika, Lateinamerika, Europa, Asien
und Ozeanien. über die wissenschaftliche Arbeit hinaus stellt
es ein Netz von Regierungsvertretern zur Verfügung, die für die
Gewährleistung der Tiergesundheit
in ihren jeweiligen Ländern verantwortlich sind.
Die
Internationale
Pflanzenschutzkonvention
(IPPC).
Im
Jahr 1950 gegründet und der Verwaltung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorgansation
unterstellt, hat die IPPC derzeit 88
UnterzeJchnerstaaten.
Ihre Arbeit ist darauf ausgerichtet, die
internationale
Verbreitung
von
Pflanzenseuchen
und
sonstigen
Krankheiten
durch
Pflanzenseuchenüberwachung in den Mitgliedstaaten,
die
Entwicklung
von
PflanzenquarantänebeStimmungen,
Kontrolle der Pflanzenseuchen und
Ausgabe von Zertifikaten mit der
Bescheinigung zu verhindern, daß
Pflanzenladungen oder Pflanzenprodukte inspiziert und als frei
von schädlichen Seuchen befunden
worden sind.
Die Vereinigten Staaten vertreten
die Auffassung, daß keine anderen
Gremien über die Kapazität oder den
internationalen
wissenschaftlichen
Ruf und die Glaubwürdigkeit dieser
drei Organisationen verfügen.
Die EG beruft sich jedoch auf
eine Reihe regionaler Gruppen, von
denen einige in den Vereinten Nationen konzentriert sind, die ebenfalls
Arbeit im Bereich der Gesundheit und
Sicherheit von Tieren und Pflanzen
leisten. Während die Europäische Gemeinschaft
der Ansicht
ist, die
Standpunkte
dieser
Organisatioen
so!lten in den Prozeß der Normierung
einbezogen werden, glauben die Ver-

einigten Staaten nicht, daß regionale
Organisationen über die erforderliche
Objektivität und Weitläufigkeit verfügen, die in diesem heiklen Bereich
vonnöten sind.

Schlichtungsverfahren
Ein Hauptproblem wird die Gestaltung des GATT-Verfahrens bei der
Schlichtung von Kontroversen über Gesundheits- und
Hygienevorschriften
sein, einschließlich der Verbingung
zwischen GATT und einem internationalen Gremium wie dem Kodex Alimentarius.
Einigen Quellen zufolge könnte
der Ansatz grundsätzlich ähnlich dem
derzeitigen GATT-Verfahren zur Beilegung von Konflikten gestaltet sein.
Mit anderen Worten: ein Land, das
eine Beschwerde über die Gesundheitsund Hygienevorschriften eines anderen
Landes vorbringt, würde diese Beschwerde im Rahmen des normalen GATTVerfahrens zur Beilegung von Konflikten führen. Zu Beginn macht dies bilaterale Konsultationen erforderlich.
Wenn diese Konsultationen scheitern,
könnte das beschwerdeführende Land
den GATT-Beschwerdeausschuß bitten,
seinen Fall zu prüfen, und daraufhin
würde ein Ausschuß gebildet.
In diesem Bereich kann das hygienische
und
pflanzenhygienische
Verfahren vom GATT-Ansatz zu herkömmlichen
Handelsproblemen
abweichen.
Man geht davon aus, daß der Ausschuß
zur Behandlung des Problems auf geltende
internationale
wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen müßte, und dies würde bedeuten, Anleitungen von Gremien wie der Kodex Alimentarius-Kommission in Angelegenheiten der Nahrungsmittelsicherheit zu
Hilfe zu nehmen. Der Ausschuß würde
dann auf der Grundlage der GATT-Vorschriften
und
relevanter
wissenschaftlicher Informationen eine Entscheidung treffen.

von

Die Aufgabe der Harmonisierung
Gesundheits- und
Hygienevor-

�Schriften ist Teil der umfassenderen
Arbeit, die von der Verhandlungsgruppe für Landwirtschaft der UruguayRunde geleistet wird.
Das nächste
Treffen dieser Gruppe findet vom 13.
- 14. Februar 1989 in Genf statt und
Regierungsvertreter hoffen, unmittelbar im Anschluß daran ein kleineres
Treffen über Gesundheits- und Hygienevorschriften abhalten zu können.
Auf der Grundlage der bisher unter den Mitgliedstaaten des GATT geführten Diskussionen besteht amerikanischen RegierungsvertretPrn zufolge
Grund zu Optimismus im Hinblick auf
das Verfahren zur Harmonisierung der
Gesundheits- und
Hygienevorschriften
in der Uruguay-Runde.

* * * * * *

- 5 -

�</text>
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