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                  <text>AMERIKA DIENST
'"V

•"*"

Ä&lt;

26. Oktober 1988

39

INHALT
HINTERGRUNDMATERIAL
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Bush;

Sowjetische Reformen sind vielversprechend

Trotzdem ist Vorsicht angebracht
- Rede in Fulton (Missouri) -

Bush würde Weltumweltkonferenz einberufen
- Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf Die Kandidaten scheuen das Thema Steuererhöhungen
- Die wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis Mittelwesten ist Feuerprobe für Dukakis-Wahlkampagne
- Von C. David Kotok Die Wahlbeteiligung in Amerika: Warum sie so niedrig aussieht
- Von Raymond E. Wolfinger -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Schrott im Weltraum

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VON

H intergrundmaterial

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26. Oktober 1988

39
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
BUSH:

SOWJETISCHE REFORMEN SIND VIELVERSPRECHEND
TROTZDEM IST VORSICHT ANGEBRACHT
- Auszüge aus einer Rede in Fulton (Missouri) -

WASHINGTON (AD) - (Nachstehend bringen wir einen vom US-Informationsamt
(USIA) herausgegebenen Beitrag im Rahmen einer Reihe von Veröffentlichungen,
in denen die amerikanischen Präsidentschaftokandidaten des Jahres 1988 ihre
Positionen zur Außenpolitik und anderen Themen von internationalem Interesse
in ihren eigenen Worten darlegen. Die heutige Ausgabe enthält wesentliche
Auszüge aus einer am 18. Oktober 1988 von Vizepräsident George Bush am Westminster College in Fulton (Missouri) gehaltenen Rede, jenem Ort, an dem Winston Churchill seine berühmte "Eiserner-Vorhang-Rede" hielt. Bush erklärte
den Studenten von Westminster, daß der Eiserne Vorhang heute "Rost ansetzt"
und dahinter "neue Hoffnung auf einen Wandel" bestehe. Er mahnte jedoch auch
zur Vorsicht. Seinen Worten zufolge "bleibt abzuwarten, ob die Versprechen
der Sowjets im Hinblick auf Veränderungen wirklich umgesetzt werden". Trotz
guter Aussichten, so Bush, "sollten wir unser Engagement für Frieden durch
Stärke keinesfalls verringern".)
Ich bin hierher gekommen, um über
Frieden und Außenpolitik zu sprechen.
Vor zwei Jahren hatte ich
Privileg, zu Ihnen aus Anlaß des
Jahrestags von Winston Curchills
rühmter
Eiserner-Vorhang-Rede
sprechen. Heute fühle ich mich
tiefst geehrt, erneut an diesem
storischen Ort zu sein.

das
40.
bezu
zuhi-

Als Winston ChurchiLl im Jahr
1946 hierherkam, war es ein kalter
Märztag. Der Winter lag noch über
dem Land. Und Churchill hatte eine
kalte Botschaft zu übermitteln, so
kalt, wie die Wahrheit selbst.
Hier stand Winston Churchill, der
Mana, der durch seine Ablehnung des
Ausverkaufs von München seine politi-

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sche Karriere aufs Spiel gesetzt hatte und der aus der politischen Vergessenheit wiederaufgestiegen war, um
sein Land in der Stunde tödlicher Gefahr zu fuhren.
Nun, nach einem
siegreichen Krieg, sah Churchill sich
gezwungen, erneut eine Wahrheit zu
verkünden. Die Freiheit war wieder
in Gefahr. Der Friede war wieder in
Gefahr. Das mit dem Sieg über Hitler
auf die Welt herabstrahlende Sonnenlicht wurde von der dunklen Wolke
sowjetischer Ambitionen überschattet.
Churchill hat dies in einer seiner
berühmtesten Äußerungen
so formuliert:
"Von Stettin an der Ostsee
bis nach Triest an der Adria hat sich
ein eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt." Es war ein eiserner
Vorhang, der das Licht der Freiheit
und des Fortschritts aus den alten

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�Hauptstädten Ost- und Mitteleuropas Warschau, Berlin, Prag, Budapest,
Belgrad, Bukarest, Sofia - verbannt
hatte. Diese seit Jahrtausenden in
der westlichen Zivilisation verwurzelten und Hitler entrissenen Städte
standen jetzt unter der Herrschaft
Stalins. Und Churchill erkannte an
anderen Stellen Europas und auf anderen Kontinenten Anzeichen für sowjetische Aggression und Expansion.
"Die Sicherheit der Welt erfordert in Europa eine neue Einigkeit.
Zweimal mußten die Vereinigten Staaten MiLlionen ihrer Männer über den
Atlantik in den Krieg schicken."
Churchill zufolge konnte nur durch
die Kraft demokratischer Einheit ein
neuer Krieg verhindert und Hoffnungen
auf einen dauerhaften Frieden wiederbelebt werden. Als Grund dafür nannte er: "Aufgrund meiner Erfahrungen
mit unseren russischen Freunden und
Verbündeten während des Krieges bin
ich davon überzeugt, daß sie Stärke
über alles schätzen, und sie haben
vor Schwäche - insbesondere militärischer Schwäche - den geringsten Respekt."
Und ich möchte hinzufügen, daß
dies bis heute so geblieben ist.
Obwohl dies eine hoffnungsvolle
Botschaft
für
die
Zukunft
war,
schenkten
viele
Menschen
Winston
Churchill kein Gehör. Wir waren gerade dabei, zu demobilisieren. Wir
wollten lediglich wieder ein normales
Leben führen - ebenso wie Sie. Einen
neuen Kurs einschlagen.
Um dieses
Sonnenlicht zu genießen, für das wir
so hart gekämpft und viel geopfert
hatten. Churchill wurde in den Vereinigten Staaten und im Ausland kritisiert und seine Äußerungen in Zweifel gezogen.
Aber Churchill hatte
Recht.
Jetzt hat er nach vier Jahrzehnten Bestätigung
erfahren.
Unsere
Verbündeten und wir haben nicht verhindert, daß der Eiserne Vorhang das
Licht aus dem Osten verbannt hat.
Aber wir haben dem Westen Frieden und
- 2

Freiheit bewahrt. Und wir haben ihre
Basis erweitert und sie über Europa
hinaus nach Asien und in andere Region getragen. Das war nicht leicht.
Es v/urden Fehler gemacht und Rückschläge verzeichnet.
Aber da wir
Churchills Rat des Friedens durch
Stärke - die Stärke der demokratischen Einigkeit - befolgt haben, hatten wir Erfolg.
Meine Generation hat im Schatten
des Krieges gelebt - des Weltkrieges
und des Kalten Krieges. Wir haben
unser Leben teilweise auf der Sonnenseite, immer aber im Schatten von
Streitigkeiten und Rivalität mit der
Sowjetunion gelebt. Diese Streitigkeiten und diese Rivalität sind noch
nicht beigelegt. Aber ich weise Sie
darauf hin, daß Ihre Generation die
Möglichkeit hat, aus diesem Schatten
herauszutreten
und
schließlich
furchtlos auf der Sonnenseite zu stehen. Der Eiserne Vorhang erstreckt
sich immer noch von Stettin bis
Triest.
Aber er setzt Rost an.
Lichtstrahlen durchbrechen von unserer westlichen - der freien und wohlhabenden - Seite die Finsternis des
Versagens und der Verzweiflung der
anderen Seite. Der Kreml, der einstmals in die unheilvollen Fußstapfen
Stalins trat, wendet sich nunmehr vom
Stalinismus ab.
Es besteht neue
Hoffnung auf einen Wandel. Die Wahrheit ist begehrt wie nie zuvor. Die
Völker Osteuropas und selbst die Völker der Sowjetunion fordern mehr
Freiheit und ihren Platz an der Sonne.
Einige Beobachter dieser Situation ziehen den Schluß, Moskau sei zu
schwach, um Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Ich habe mit Herrn Gorbatschow gesprochen, und ich kenne
einige seiner Berater.
Sie sehen
sich einer sehr ernsten Lage gegenüber. Das von ihnen regierte Volk
möchte wissen, warum es ihm an Brot
mangelt und warum es nicht in Freiheit lebt, warum die Lebenserwartung
zurückgeht, warum öffentliche Dienstleistungen und Verbrauchsguter so
schlecht
und
außerdem
Mangelware
sind. Siebzig Jahre nach der Okto-

�berrevolution ist die Glanzzeit des
Marxismus vorbei.

Verständigung mit Moskau
Punkten" einzusetzen.

Es wäre jedoch zu einfach und sogar gefährlich, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, wirtschaftliche
Schwäche allein sei die Triebfeder
sowjetischer Außenpolitik.
Rußland
war vor der Revolution eine Großmacht, und die Sowjetunion ist heute
eine militärische Supermacht. In Europa und in anderen Teilen der Welt
bleibt abzuwarten, wie die hoffnungsvollen sowjetischen Versprechungen in
echte Veränderungen umgesetzt werden.
Wo wir Flexibilität beobachten, ist
sie herbeigeführt worden, weil der
Preis der Aggression zu hoch war weil wir die Mujahedin in Afghanistan
unterstützt haben.

Genau darauf konzentriert sich
unsere Tagesordnung. Wir - und unsere Verbündeten - setzen unsere Stärke
ein, um Fortschritte auf allen Ebenen
zu erzielen. Wir setzen den INF-Vertrag bereits in die Praxis um. Vor
wenigen Wochen konnte ich in Marshall
(Texas) einem historischen Augenblick
beiwohnen, als zwei dieser INF-Waffen
vernichtet wurden. Ich war stolz stolz auf die Einigkeit und Entschlußkraft der NATO - stolz auf unsere Stärke und unseren Mut bei der
Verwirklichung eines solchen Abkommens. Jetzt streben wir die weitere
Reduzierung strategischer Waffen an.
In Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten wollen wir ein Gleichgewicht
bei den konventionellen Waffen in Europa herstellen. Ein Gleichgewicht,
das sich auf asymmetrische Reduzierungen der Sowjetunion bei Panzern
und Artillerie gründet - Waffengattungen, die einen Angriff denkbar erscheinen lassen. Konventionelle Rüstungskontrolle nimmt bei mir einen
hohen Stellenwert ein und ist zur Erhaltung des Friedens unabdingbar. Es
ist an der Zeit, unsere Anstrengungen
gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen zu verdoppeln und das
endgültige Verbot chemischer und biologischer Waffen anzustreben.
Auch
die Menschenrechte - den höchsten Garant einer friedlichen Welt - wollen
wir verbessern.

Sie ist entstanden, weil die Einschüchterung gescheitert ist - weil
wir die Pershing-Raketen und Marschflugkörper in Europa stationiert haben. Heute zieht die sowjetische Armee aus Afghanistan ab. Wir haben
den INF-Vertrag ausgehandelt, der zum
ersten Mal in der Geschichte eine gesarate Kategorie nuklearfähiger Raketen beseitigt.
Die Beweise liegen auf der Hand.
Die Tatsachen sprechen für sich.
Auch heute müssen wir uns die Motivation der Sowjetunion stets vor Augen
führen. Ja - die Sowjets sind durch
ihre Probleme in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber sie werden auch durch unsere Stärke, unsere
Fähigkeit
zur
Abschreckung
von
Aggressionen und die Einheit der Demokratien in die Schranken verwiesen.
Diese Werte aufzugeben, von diesem
Kurs abzuweichen, hieße den Problemen
Tür und Tor öffnen.
Ein Verzicht auf die Politik des
Friedens durch Stärke in der Hoffnung
auf
selbstauferlegte
Zurückhaltung
seitens der Sowjets bedeutet gleichzeitig, eine entscheidende Chance zu
verpassen. Es ist die Chance, von
der Churchill sprach, als er einen
geeinten Westen aufforderte, seine
Stärke zur Erlangung "einer guten

in

allen

Die Hoffnung auf Fortschritte ist
also vorhanden. Die Achtung vor den
Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten steigt. Und mit Generalsekretär Gorbatschow und Außenminister
Schewardnadse - so unerbittlich sie
auch sein mögen - ist eine neue und
aufgeklärtere Generation sowjetischer
Politiker in den Kreml eingezogen,
die sehr viel besser in der Lage ist,
mit dem Westen zu kommunizieren und
sich größerer Offenheit und innenpolitischen Reformen verschrieben hat.
Dies berechtigt zu Hoffnungen,
sollte jedoch in keiner Weise unsere

- 3 -

�Verpflichtung zu Frieden durch Stärke
mindern.
An dieser Politik müssen
wir festhalten.
Dieses Ziel einer stabileren und
weniger spannungsgeladenen Beziehung
mit der Sowjetunion ist Teil der weiterreichenden Vision einer Welt in
Frieden und Freiheit - eine Vision,
die für Ihre Generation auf eine Art
und Weise in greifbare Nähe gerückt
ist, während sie für den weitblickenden Churchill nur ein Schimmer am Horizont sein konnte. Es ist die Herausforderung an uns Amerikaner, dies
zu verwirklichen.
Eine wachsende
Zahl von Nationen blickt auf unsere
Führungsrolle bei der Verwirklichung
dieses Ziels. Und ich bin fest davon
überzeugt - Amerika kann es schaffen'.

* * * * *

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26. Oktober 1988

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DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

BUSH WÜRDE WELTUMWELTKONFERENZ EINBERUFEN
Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf

WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Bush erklärte, bei seiner Wahl zu Präsidenten würde er eine internationale Konferenz führender Politiker einberufen,
um einen Aktionsplan zur Behandlung der Umweltprobleme auf der ganzen Welt zu
konzipieren.
Einer Stellungnahme seines Wahlkampfbüros zufolge würde sich eine
solche Konferenz vordringlich mit den
klimatischen Veränderungen auf der
Erde, der Zerstörung der Ozonschicht
und dem sauren Regen auseinandersetzen.

verhindert werden soll, indem man die
Emission von Chemikalien beschränkt.

Der Erklärung zufolge würde Bush
zu der vorgeschlagenen Konferenz führende Politiker aus der Sowjetunion,
China, Westeuropa und den Ländern der
westlichen Hemisphäre einladen.

Dieser von 31 Ländern getragene
und in Montreal unterzeichnete Vertrag soll am 1. Januar 1989 in Kraft
treten, wenn ihn genügend Signatarstaaten unterzeichet haben. Er fordert weltweit eine 50prozentige Verringerung bei der Herstellung und
beim Einsatz von Chemikalien wie
Fluorchlorkohlenwasserstoff und Halon
in den nächsten zehn Jahren.

Aus der Verlautbarung geht hervor, daß diese Konferenz ein internationales
Umweltschutzabkommen
nach
dem Vorbild der 1987 unterzeichneten
Vereinbarung
hervorbringen
könnte,
mit der eine Zerstörung der die Erde
in großer Höhe umgebenden Ozonschicht

Die im Rahmen des Wahlkampfes
herausgegebene Erklärung bezeichnet
die allgemeine Erwärmung der Erde
aufgrund des sogenannten Treibhauseffektes als "internationales Problem,
das auf internationaler Ebene gelöst
werden muß". Der Treibhauseffekt ist

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�darauf zurückzuführen, daß durch die
vermehrte Verbrennung von fossilen
Brennstoffen zunehmend Kohlenwasserstoff - der mehr Hitze freiwerden
läßt als andere Gase - in der Atmosphäre gespeichert wird.
Zum Problem des sauren Regens
wird erklärt, Bush unterstütze Bestrebungen zum Emissionsschutz bei
Schwefeldioxyd
und
Stickstoffoxyd,
die für Schäden mitverantwortlich
sind.
Die Verlautbarung weist darauf
hin, daß Bush "internationale Verhandlungen unter seiner Leitung führen will, um die Emission der Verbindungen einzuschränken, die zur Luftverschmutzung auf der Erde beitragen".

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"VON'^

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26. Oktober 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE KANDIDATEN SCHEUEN DAS THEMA STEUERERHÖHUNGEN
D e wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis

WASHING ON - CAD) - Steuererhöhungen? Absolut ausgeschlossen, erklärt der
re; 'lblikanisehe Präsidentschaftskandidat George Bush.
Nur als letztes Mittel, falls alle anderen Bemühungen zur Senkung des
en.-mei: DefLzits im Bundeshaushalt fehlscilagen, meint sein demokratischer Gege. spicler Micha 31 Dukakis.

Im Verlauf dieser gesamten Kampa le, die von Linken und rechten Beobachtern gleichermaßen als substanzlos verschrien wird, haben sowohl Vizepräsident Bush wie auch Gouverneur
Dukakis im allgemeinen detaillierte
Er Läuterungen dazu vermieden, wie sie
ihr.i Ziele zur Ausgleichung des HaushaLlsdef izit:
verwirklichen
wollen,
während
sii gleichzeitig für neue
Ausj'abenpro^ramme eintreten.
Ihre Haltung zum heiklen Thema
St -uererhöhungen wird weithin auf das
zur Vorsicht mahnende Beispiel Walter
Momlales zurückgeführt, der im Wahlkampf 1984 den amerikanischen Wählern
erklärt hatte,
ihre Steuern müßten,
unabhängig davon, wer in jenem Jahr
zum Präsidenten gewählt würde, erhöht
werden.
Mondale mußte danach eine

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vernichtende
Niederlage
einstecken
und verlor in 49 von 50 Staaten gegen
Reagan - ein Ergebnis, das von den
meisten Beobachtern unmittelbar auf
eine unverdauliche Uberdosis Offenheit zurückgeführt wurde.
Bush hat seine entschiedene Ablehnung von Steuererhöhungen am deutlichsten bekundet.
Einer von seiner
Wahlkampfleitung
herausgegebenen
Grundsatzerklärung
zufolge
ist er
strikt gegen jegliche Steuererhöhung.
"Als Präsident werde ich Ihre Steuern
nicht erhöhen, Punkt", wird er zitiert.
Überdies hat sich Bush die seit
langem von Präsident Reagan vertretene angebotsorientierte wirtschaftspolitische Philosophie zu eigen gemacht

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�und fordert im Einklang mit dieser
Position weitere Steuererleichterungen, darunter eine Senkung der Kapitalertragssteuer von 28 auf 15 Prozent.
Der höhere Steuersatz "schreckt
neue Investitionen ab und lähmt das
Wirtschaftswachstum",
argumentiert
Bush. Seiner Ansicht nach wird eine
Absenkung "unsere Wirtschaft erheblich stärken, da neue Investoren in
der Lage sein werden, unbesteuerte
Gewinne in die Wirtschaft zu investieren.
Langfristig bedeutet dies
mehr Investitionen und größere Steuereinnahmen aus anderen Steuerquellen. "
Abgesehen von dem Ankurbelungseffekt, den er sich von einer Senkung
der Kapitalertragssteuer verspricht,
erwartet Bush ein sinkendes Haushaltsdefizit durch Anwendung eines
von ihm so benannten "flexiblen Einfrierens" der Ausgaben.
Aus Bushs Sicht würde sich der
Ausgabenzuwachs in etwa mit der Inflationsrate aller Aufwendungen mit
Ausnahme der Sozialversicherungsleistungen und Zinszahlungen der Inlandsverschuldung decken. In einigen
Ausgabenbereichen könnten die Ausgabenzuwächse unterhalb der Inflationsrate gehalten werden, um den rascheren Anstieg von Ausgaben in anderen
Bereichen einschließlich der Krankenversicherungsleistungen im Rahmen der
Medicare- und Medicaid-Programroe aufzufangen.
Während Bush davon Abstand genommen hat, öffentlich Programmbereiche
zu benennen, in denen verstärkt Einsparungen vorgenommen werden, haben
die Wahlkampfberater die Ausgaben für
Autobahnen,
Militärstützpunkte
und
die Unterstützung der Städte als mögliche Bereiche angeführt.
Im Verlauf der Kampagne hat Bush
wiederholt eine Formulierung verwendet, die an Präsident Reagan erinnert: "Die amerikanischen Arbeitnehmer zahlen nicht zu wenig Steuern -

die Bundesregierung gibt nach wie vor
zu viel aus."
Dukakis wiederum erklärt, alles
in seinen Kräften Stehende tun zu
wollen, um eine Steuererhöhung zu
vermeiden. Er hat jedoch die Position wiederholt bekräftigt, die er
vor knapp einem Jahr in einer Rede an
der Harvard Law School bezogen hat,
die immer noch von seinem Wahlkampfbüro verteilt wird: "Kein verantwortungsbewußter Bewerber um die Präsidentschaft
kann
Steuererhöhungen
vollständig ausschließen, sofern sie
erforderlich sind."
Dukakis erklärt, er selbst habe
keine weiteren Steuererhöhungen versprochen, als er im Jahr 1974 zum
Gouverneur von Massachussets gewählt
wurde und "sein Lehrgeld dafür bezahlen müssen", daß dies keine sonderlich kluge Entscheidung gewesen sei.
Mit dem Vermächtnis eines enormen Defizits konfrontiert, stellt er fest,
"Ich mußte Programme kürzen, die ich
in meiner Zeit als Anwalt befürwortet
hatte. Ich mußte die Steuern erhöhen.
Ich habe politisch Blessuren
davongetragen, nicht nur, weil ich
schwierige Entscheidungen getroffen
habe, sondern auch weil ich im Wahlkampf den leichteren Weg gegangen
bin."
In der zweiten der beiden Fernsehdebatten mit Bush erklärte Dukakis
jedoch am 13. Oktober, ein kontinuierlicher, schrittweiser Abbau des
jährlichen
Haushaltsdefizits
könne
durch eine Kombination von "eindeutigen Entscheidungen bezüglich der Ausgaben" erzielt werden, indem das
Wirtschaftswachstum ermutigt und Maßnahmen in die Wege geleitet würden,
um bereits fällige Steuern einzuziehen.
"Meiner Ansicht nach ist es gewissenlos, daß wir davon sprechen
oder daran denken, dem Durchschnittsamerikaner neue Steuern aufzubürden,
wenn Milliarden verfügbar sind - über
100 Milliarden Dollar an ausstehenden
Steuern - die noch nicht entrichtet

- 2 -

�rargesetz von 1985 als "hervorragende
Gesetzesgrundlage".

sind", stellte er fest.
Was die schwerwiegenden Entscheidungen bezüglich der Ausgaben angeht,
schlägt Dukakis vor, viele davon müßten im Bereich der Verteidigung getroffen werden. Im Verlauf des Wahlkampfes hat er sich insbesondere auf
eine Kürzung der massiven Ausgabenpläne für die Strategische Verteidigungsinitiative (das von der ReaganAdministration energisch betriebene
und auch von Bush befürwortete weltraumgestützte System), die MidgetmanRakete sowie die mobile Version der
MX-Rakete eingeschossen.

Obwohl die Kandidaten versuchten,
sich gegenseitig als Bedrohung für
das Wohlergehen der Nation darzustellen - wobei Dukakis behauptete, Bush
würde Haushaltseinsparungen auf Kosten des Sozialversicherungssystems
erzielen wollen, während Bush Dukakis
als eingefleischten Gegner von Verteidigungsausgaben
bezichtigte
scheinen die Meinungsverschiedenheiten eher rhetorischen als realen Charakter zu haben.

So wichtig Verteidigung auch sein
ma;$, argumentierte er in der Debatte
vom 13. Oktober, "man kann unsere militärische Sicherheit nicht losgelöst
von unserer wirtschaftlichen Sicherheit betrachten".

So hat Dukakis versprochen, sich
für starke konventionelle und nukleare Defensivstreitkräfte einzusetzen,
während Bush im Rededuell am 13. Oktober versprach, "ein gesundes Sozialversicherungssystem"
aufrechtzuerhalten und weiterhin "Engagement für
die älteren Mitbürger zu zeigen.

"Wie können wir ein militärisch
starkes Amerika aufbauen, das auf
einem Berg von Schulden balanciert?",
fr igte er.
Dukakis erklärte in den beiden
Debatten, die er mit Bush im Wahlkampf führte, ein weiterer Bereich
möglicher
erheblicher
Einsparungen
sei die Landwirtschaft. "Wir sollten
für dieses Land eine Agrarpolitik
entwerfen können, die unseren Farmern
und ihren Familien faire Preise und
eine aussichtsreiche Zukunft gewährt,
ohne dafür jährlich 20 bis 25 Milliarden Dollar aufzuwenden, wie wir es
unter dieser Regierung getan haben,"
erklärte er am 25. September.
Dukakis favorisiert seinen Äußerungen zufolge eine Agrarpolitik, die
"eine Kontrolle des Angebots und vernünftige Stützung der Preise" vereinigt, wobei die Gewinne den "landwi rtschaftlichen
Familienbetrieben
zufließen sollen, die sie am dringlichsten benötigen".
Bush reagierte darauf im zweiten
Fernsehduell und erklärte, er sei gegen
Produktionskontrollen
und betrachte das gegenwärtig gültige Ag-

Beide Kandidaten haben innenpolitische Vorschläge unterbreitet, die
der Regierung zusätzliche Kosten verursachen würden.
In Dukakis Programm haben die
Ausweitung
der
Krankenversicherung
auf alle Arbeitnehmer und die Entwicklung eines neuen Förderprogramms
für
Collegestudenten
Vorrang, die
beide größtenteils mit privaten Mitteln finanziert werden sollen. Bush
hat erklärt, er wolle als "Präsident
des Bildungswesens" bekannt werden
und sich als engagierter Umweltschützer erweisen, wobei er in diesen Bereichen Mehrausgaben vorschlug.
Bei einem Wahlkampf, in dem "der
Wert der Familie" im Mittelpunkt
steht, wenden beide Kandidaten ihre
Aufmerksamkeit der Betreuung von Kindern berufstätiger Eltern zu. Dabei
steht Bushs Vorschlag im Einklang mit
seiner Theorie der Steuersenkung: er
würde
einkommensschwachen
Familien
Steuerfreibeträge gewähren, mit denen
die Einnahmen zunächst jährlich um
etwa 1,5 Milliarden Dollar verringert
würden.

- 3 -

�Obwohl
die
allgemeine
Wirtschaftslage ihr Schlaglicht auf den
gesamten Wahlkampf geworfen hat, bekundeten beide Kandidaten bestenfalls
vage Vorstellungen über einzelne Maßnahmen, die sie ergreifen würden, um
ein Haushaltsdefizit abzubauen, das
sich immer noch auf jährlich nahezu
150 Milliarden Dollar belauft.
Dukakis, dem zufolge das Defizit
das "vorrangigste Problem" der Regierung darstellt, hat über die zahlreichen im Rahmen seines Wahlkampfes erarbeiteten Informationsblätter hinaus
niemals eine definitive Stellungnahme
abgegeben.
Während Dukakis weite Bereiche
potentieller Einsparungen klar definierte, hat Bush es abgelehnt, dies
zu tun. Auf wiederholte Fragen bei
einer Pressekonferenz am 16. Oktober,
genaue Pläne zum Abbau des Defizits
vorzulegen, erklärt er: "Ich konzentriere mich auf den 8. November (den
Wahltag), und ich möchte nicht zu
voreiligen Schlüssen verleitet werden, weil sich die Dinge jetzt gut
entwickeln."

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Hintergrundmaterial

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DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

MITTELWESTEN IST FEUERPROBE FÜR DUKAKIS-WAHLKAMPAGNE
- Von C. David KGLok -

(Der nachfolgende Artikel ist der vierte in einer Reihe von Beobachtungen zum
Präsidentschaftwahlkampf von Autoren aus unterschiedlichen Regionen der Vereinigten Staaten. Mr. Kotok ist Chefredakteur des politischen Ressorts beim
Omaha World-Herald.)
OMAHA - (AD) - Die riesige, als
Mittelwesten bekannte Region der Vereinigten Staaten wird zur Feuerprobe
für Michael Duakakis bei seinen Bestrebungen, dem republikanischen Vizepräsidenten George Bush bei den
Wahlen am 8. November 1988 eine Niederlage beizubringen.
Sämtliche Prognosen über einen
Sieg von Dukakis beginnen damit, daß
er in seinem Geburtsstaat im Nordosten und in den an der Pazifikküste
gelegenen Staaten Kalifornien, Oregon
und Washington eindeutig vorne liegt.
Da sowohl die demokratischen als auch
die republikanischen Wahlkampfbeobachter nahezu den gesamten oder doch
den größten Teil des Südens Bush zugestehen, ist der Mittlere Westen zum
entscheidenen Schlachtfeld für beide

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Kandidaten geworden.
Dukakis konnte gleich zu Beginn
einen Vorteil in den 12 Staaten des
Mittelwestens verzeichnen, die sich
entlang der großen Seen zu den unendlichen Weizenfeldern und Farmen an
der westlichen
Grenze der Rocky
Mountain-Staaten erstrecken. Im Anschluß an seine Nominierung in New
Orleans hat Bush jedoch in vielen
dieser Staaten aufgeholt oder die
Führung übernommen.
Der Mittelwesten ist eine charakteristische Region, deren Wirtschaft
auf Landwirtschaft und die verarbeitende Industrie ausgerichtet ist.
Während Bush landesweit mit dem derzeitigen Wirtschaftsaufschwung wirbt,
war die Konjunktur im Mittelwesten

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�sehr viel schwächer als In zahlreichen anderen Landesteilen. Die beiden Wirtschaftszweige, von denen der
Mittelwesten abhängig ist - verarbeitende Industrie und Landwirtschaft haben in den achtziger Jahren im
großen und ganzen mäßig abgeschnitten.
Der Mittlere Westen hat ein Symbol - den Maiskolben. Von den Industriestaaten Ohio, Indiana, Michigan
und Illinois bis zu den Präriestaaten
Kansas, Nebraska, North und South
Dakota ist das eine konstante Element
der Maisanbauer.
In unterschiedlichem Umfang ist die Landwirtschaft
ein Schlüsselelement der Wirtschaft
in jedem dieser Staaten.
Da fünf bis zehn Prozent der Bauern ihr Land Mitte der achtziger Jahre verloren hatten und die Dürre des
Jahres 1988 der sich erholenden Landwirtschaft schwere Schäden zufügte,
sah man dies als eine günstige Region
für die Demokraten an. Der amerikanische Senator Charles Grassley, ein
Republikaner aus Iowa, und Senator
J.J. Exon, ein Demokrat aus Nebraska,
stimmen darin überein, daß es Dukakis
und den Demokraten nicht gelungen
ist, aus den Schwächen der Landwirtschaft Kapital zu schlagen. Dies ist
teilweise auf eine Bemerkung von
Dukakis zurückzuführen, die er vor
über einem Jahr bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa gemacht hat,
als er den Mais und Sojabohnen anbauenden Farmern erklärte, sie sollten
sich nach alternativen Getreidesorten
umsehen,
einschließlich
belgischer
Endivien, einer teuren Salatsorte.
Diese Bemerkung schien das mangelnde
Wissen des Gouverneurs von Massachusets über Landwirtschaft zu unterstreichen.
Wann immer Bush und sein Vizepräsidentschaftskandidat Dan Quayle In
den ländlichen Gebieten des Mittelwestens
Wahlkampfveranstaltungen
durchführen, erinnern sie die Wähler
an die Bemerkung über die belgischen
Endivien.
Quayle schreckte sogar
nicht davor zurück, eine belgische
Endivie
mitzubringen,
um
damit

Dukakis noch lächerlicher zu machen.
Ein weiteres Thema von Bush bei
den Bauern des Mittelwestens ist das
von Präsident Jimmy Carter als Reaktion auf die Invasion Afghanistans
beschlossene und im Jahr 1980 verhängte Embargo auf Getreideverkäufe
an die Sowjetunion. Bush erklärte,
das Embargo bilde den Kern der landwirtschaftlichen Probleme der achtziger Jahre.
Bei einem Angriff der
Konservativen gegen die Demokraten
stellte Bush fest, Dukakis strebe
staatliche Kontrollen über die jeweiligen Entscheidungen der Farmer an.
In der letzten Debatte versuchte
Dukakis diesen Angriffen mit der Erklärung zu begegnen, er wolle keine
staatlichen Interventionen
in der
Landwirtschaft, die über die im heutigen Landwirtschaftsgesetz vorgesehenen Produktionskontrollen hinausgehen. "Ich bin gegen Embargos", sagte
Dukakis in der letzten Debatte. "Ich
bin ferner gegen das Pipeline-Embargo, das Sie (die Republikaner) verhängen wollten; das war ein weiterer
Fehler, der Tausenden von amerikanischen Arbeitern im Mittelwesten ihren Arbeitsplatz gekostet hat."
Im Mittelwesten ist der Handel
das
beherrschende
außenpolitische
Thema.
Bei über der Hälfte ihrer
Mais-,
Soja- und
Weizenproduktion
hängen die amerikanischen Bauern vom
Export ab.
Die Landbevölkerung im
Mittelwesten neigt zur Verteidigung
des freien Handels, weil sie auf die
ausländischen Märkte angewiesen ist.
Hingegen machen sich die Arbeitnehmer
In städtischen Gebieten eher Sorgen
über ausländische Konkurrenz bei Industrieprodukten und tendieren deshalb
zu einer eher protektionistischen Haltung.
In einer Region
ohne Küstenstreifen ist Handel das
außenpolitische Thema.
Inmitten der Mais- und Sojabohnenfelder im Zentrum dieses flachen
Landes
erheben
sich
unvermittelt
große Städte wie Chicago, die heimliche Hauptstadt dieser Region. Vie-

�le Industriezweige, auf denen vormals
das Schwergewicht dieser Industriestädte lag, darunter die Stahlhütten
um Chicago, die Automobilfabriken in
Detroit und in ganz Ohio, die verarbeitende Industrie in Milwaukee und
St. Louis, wurden stillgelegt oder
mußten starke Einbußen hinnehmen, als
sie durch den überbewerteten Dollar
Mitte der achtziger Jahre an Konkurrenzfähigkeit verloren.
Als Dukakis in diesen Städten als
Wahlkämpfer auftrat, der von einer
"Wirtschaft wie ein Schweizer Käse"
sprach, die Teilen des Landes den
Wohlstand in den Bereichen Hochtechnologie und Dienstleistungen vorenthalte, wie er an der Ost- und Westküste offen zutage tritt, so brachte
dies den Demokraten zu Anfang Pluspunkte in der öffentlichen Meinung
ein.
Allerdings zeigten sich in den
Jahren 1987 und 1988 sowohl in der
Landwirtschaft als auch in den verarbeitenden Industrien der Region erste
Ansätze von Verbesserungen, wodurch
Bushs Kampagne unter dem Schlagwort
"Frieden und Wohlstand" an Glaubwürdigkeit gewann.
Da viele ehemalige Beschäftigte
in der Automobil- und Stahlindustrie
sowie in anderen Industriezweigen die
ausländische Konkurrenz für ihr Dilemma verantwortlich machen, haben
Dukakis und sein Kandidat für die Vizepräsidentschaft,
Lloyd
Bentsen,
versucht, härtere Maßnahmen beim Handel - oder "ökonomischen Nationalismus" - zu benutzen, um Unterstützung
in den Städten zu gewinnen. Während
einer Rede in einer Fabrik in St.
Louis erklärte der demokratische Kandidat: "Vielleicht möchten die republikanischen Kandidaten, daß unsere
Kinder für ausländische Besitzer arbeiten, ausländischen Besitzern Miete
zahlen und ihre Zukunft ausländischen
Besitzern verdanken."
Das Thema kam im Mittelwesten
durchaus an, aber Dukakis benutzte es
an der falschen Stelle und über-

raschte seine Zuhörerschaft von Fabrikarbeitern
damit.
Dukakis war
sich nicht bewußt, daß die Firma, bei
der er seine Rede hielt, seit längerem erfolgreich geführt wird und der
italienischen Familie gehört, die
Hauptanteilseigner bei Fiat ist. Die
Attacke gegen ausländischen Besitz
war ein weiterer auf einer ganzen
Liste von Dukakis-Fehlern; ein lokaler Vertreter der Republikaner erklärte, "jedesmal, wenn Dukakis in
unseren Staat kommt, gewinnen wir
Stimmen".
Jede Seite verläßt sich auf den
zweiten Mann auf der Wahlliste, um
die Botschaft der Partei in den Mittelwesten zu tragen. Quayle, ein Senator aus Indiana, führt seinen Wahlkampf als Sohn einer Kleinstadt des
Mittelwestens.
Obwohl Bentsen als
nüchterner Patrizier erscheinen kann,
findet der Senator aus Texas als
Ranch-Besitzer
und Verfechter der
Handelsgesetzgebung Anklang bei der
Bevölkerung dieser Region.
Es war deshalb offenkundig, daß
sich die beiden Kandidaten zu ihrer
einzigen Debatte in Omaha trafen.
Einem ehernen Gesetz der amerikanischen Politik zufolge fällt die
Auswahl des Kandidaten für das Amt
des Vizepräsidenten kaum ins Gewicht.
In dieser Wahl wurde den amerikanischen Wählern wiederholt ins Gedächtnis gerufen, daß der Vizepräsidentschaftskandidat sich sehr wohl
als wichtig erweisen kann. Drei Präsidenten der jüngeren Vergangenheit Harry Truman, Lyndon Johnson und
Gerald Ford, sahen sich unversehens
von der normalerweise unbedeutenden
Position des Vizepräsidenten in das
höchste Amt katapultiert.
Aufgrund dieser Erfahrung wurde
der Bentsen-Quayle-Debatte besondere
Bedeutung beigemessen, insbesondere
in Anbetracht der weiteren Fragen
über
Quayles
Qualifikationen.
Bentsen sprach mehrere wichtige gegen
die Republikaner gerichtete Themen
an, die er in seiner Kampagne in der
gesamten Region vertreten würde: daß

- 3 -

�sich die Illusion des Wohlstandes auf
öffentliche Verschuldung gründe, daß
Ausländer Unternehmen und Immobilien
aufkauften, daß er im Gegensatz zu
Quayle befähigt sei, das Amt des Präsidenten auszufüllen.
Der Republikaner Quayle sprach
die meiste Zeit über Bush und griff
Dukakis an - er ignorierte Bentsen
nahezu völlig. Ständig porträtierte
er Dukakis als jemanden, der die
Steuern erhöhen, die militärische
Einsatzbereitschaft
reduzieren
und
eine Reihe liberaler Maßnahmen durchführen würde.
Der
kritische
Augenblick
der
Fernsehdebatte kam, als Quayle zum
dritten Mal im Verlauf der 90 Minuten
währenden Debatte die Frage gestellt
wurde, wie er vorgehen würde, wenn er
plötzlich das Präsidentenamt übernehmen müßte. Quayle erwiderte, seine
Erfahrung in Senat und Repräsentantenhaus ließen sich mit denen Präsident John F. Kennedys bei seinem
Amtsantritt 1960 vergleichen. Damit
wurde einer der dramatischsten Wortwechsel
des
gesamten
Präsidentschaftswahlkampfes entfacht.
Bentsen: "Senator, ich habe mit
Jack Kennedy zusmamengearbeitet. Ich
habe Jack Kennedy gekannt.
Jack
Kennedy war mein Freund. Sie sind
kein Jack Kennedy, Senator."
Quayle:

"Das war unangebracht."

Bentsen:
"Sie sind derjenige,
der Vergleiche anstellt, und ich bin
derjenige, der ihn gut gekannt hat.
Und offen gesagt sind meiner Ansicht
nach ihre für ihr Land gewählten
Zielsetzungen so abwegig, daß ich den
Vergleich für nicht ganz angebracht
halte."
Die Republikaner reagierten auf
die sich vor allem auf Wirtschaftsfragen und Bushs Entscheidung für
Quayle konzentrierenden Angriffe der
Demokraten, indem sich sich auf Wertvorstellungen beriefen. Die Bewohner
des Mittelwestens betrachten die Wah-

rung traditioneller Werte als ihre
Pflicht. In dieser Region ist die
klassische amerikanische Kleinstadtfamilie im Holzhaus mit Lattenzaun
anzutreffen. Dies ist immer noch das
vorherrschende und wahrheitsgetreue
Bild im Herzen des Landes.
"Recht und Unrecht bilden immer
noch das Kernstück des Lebens im Mittelwesten, wo ich aufwuchs und wo Sie
leben", erklärte Quayle seinem Publikum in einer Kleinstadt in Ohio.
"Ich habe die Werte dieses Landesteils nicht vergessen."
Der demokratische
Senator von
Nebraska, Exon, gibt offen zu, daß
die Republikaner mit ihrer sich auf
WertVorstellungen
konzentrierenden
Kampagne
sehr
erfolgreich
waren.
Bush konnte bei den zu Beginn gegen
Bushs privilegierte Herkunft und Erziehung
voreingenommenen
Bewohnern
des Mittelwestens mit dem Problem des
Fahneneides Erfolge verzeichnen. Obwohl nationale Verteidigung - ebenso
wie Außenpolitik - im Mittelwesten
eine geringere Rolle spielt als im
Süden, wird die Fahne verehrt. Bushs
Kritik an Dukakis, weil dieser ein
Gesetz des Bundesstaates nicht unterzeichnete, das Lehrer auffordert, mit
ihren Schülern den Fahneneid zu sprechen, beeinflußte die Wähler im Mittelwesten, zumal diese wenig über den
Gouverneur von Massachusetts wußten.
Außer beim Problem des Fahneneides errang Bush positive Reaktionen
mit seiner Kritik an Dukakis, daß
dieser Verbrecher mit Samthandschuhen
anfasse, gegen die Todesstrafe sei
und die Kontrolle des Waffenbesitzes
befürworte.
"In diesen Staaten, in
denen die Familie eine hohe Priorität
einnimmt, kommt Werten große Bedeutung zu", erklärte Exon. "Recht oder
Unrecht - Dukakis hat im Hinblick auf
alle Werte Unrecht."
Beide Seiten sind ins Kreuzfeuer
der Kritik geraten, weil sie nebensächliche Fragen behandelt haben anstatt die speziellen Probleme der Bewohner des Mittelwestens anzuspre-

- 4 -

�chen.
Die Agrarpolitik des Landes
wird im nachten Jahr neu erarbeitet,
und kein Präsidentschaftskandidat hat
dazu in einer längeren Rede Stellung
genommen. In dieser vom Export betroffenen Region hat keine Seite dargelegt, wie sie mit Wechselkursschwankungen umgehen will.
Da keiner der Kandidaten aus dem
Mittelwesten stammt und beide offen
zugeben, nicht viel von Agrarpolitik
zu verstehen, muß der Präsidentschaftswahlkampf 1988 im Mittelwesten
noch Interesse wecken.
Bush wird
nicht auf dieselbe Art und Weise verehrt wie der aus Illinois stammende
Ronald Reagan in den Jahren 1980 und
1984. Dukakis gilt als reservierter
Intellektueller von der Ostküste und
hat es bisher versäumt, die Unzufriedenheit mit Bushs Kandidatur in einen
Vorteil für sich umzumünzen.
Dukakis konzentriert sich auf die
Industriestaaten, wenn es um die für
seine Wahl entscheidenden Stimmen
geht. Ein Sieg von Bush in den drei
Industriestaaten des Mittelwestens Ohio, Michigan und Illinois - würde
seine Wahl gewährleisten.
Quayles
Heimatstaat Indiana wird sicher zusammen mit den Hochburgen der Republikaner - Nebraska und Kansas - Bush
beistehen.
Das ländliche Iowa ist Dukakis
stärkster Staat, gefolgt von den liberalsten Staaten der Region, Minnesota und Wisconsin. Missouri, North
und South Dakota tendieren zu Bush.
Die Bewohner des Mittelwestens
haben in ihrem Wahlverhalten Unabhängigkeit bewiesen, und erwartungsgemäß wird Bush seiner Partei nicht
dabei helfen, in dieser Region Sitze
im Senat und Repräsentantenhaus zu
erlangen. In zahlreichen Staaten, in
denen Bush wahrscheinlich den Sieg
davontragen wird, liegen die demokratischen Kandidaten für den Senat erheblich vor ihren republikanischen Gegnern.

* * * * * *

- 5

�AMERIKA DIEN
Hintergrundmaterial

26. Oktober 1988

39

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE WAHLBETEILIGUNG IN AMERIKA:

WARUM SIE SO NIEDRIG SCHEINT

- Von Raymond E. Wolfinger WASHINGTON - (AD) - Der Autor, dessen Beitrag wir nachstehend "eröffentlichen, ist Professor für politische Wissenschaften und Direktor des State
Data Program an der University of California, Berkeley. Der Verfasser zahlreicher Bücher und Artikel über Wahlen und Wähler ist ehemaliger Vorsitzender
des Sachverständigenrats der National Election Studies.
Jeder weiß, daß Wahlen in Amerika
von einer geringen Wahlbeteiligung
geprägt sind.
1980 und 1984 haben
nur 53 Prozent der Personen im Wahlalter ihre Stimme für einen Präsidentschaf tskandidaten
abgegeben.
Dies steht im krassen Gegensatz zu
den zwischen 70 und 90 Prozent liegenden Wahlbeteiligungen in europäischen Demokratien.
Nur bei den
Schweizern liegt der Prozentsatz noch
unter dem in Amerika. Dies ist keine
nenere Entwicklung, sondern war während des gesamten 20. Jahrhunderts
ein amerikanisches Phänomen.
Die geringe Wahlbeteiligung ist
in den Vereinigten Staaten immer
schon ein bedeutendes Thema gewesen
und
von ausländischen Beobachtern
wird sie ganz allgemein registriert -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

und beklagt. Bedauerlicherweise wird
dieses Thema von den hiermit befaßten
Personen häufig fälschlicherweise mit
der Motivation einzelner Bürger verbunden. Im Vergleich zu Bürgern anderer Demokratien werden Amerikaner
als vermeintliche Gelegenheitswähler
betrachtet, die - von der Politik gelangweilt und von der Gesellschaft
entfremdet - Politikern mißtrauisch
und der Regierung argwöhnisch gegenüberstehen und das Ergebnis eines
möglichen eigenen politischen Engagements
pessimistisch
beurteilen.
Bei Europäern ist das angeblich nicht
der Fall, daher auch die 94prozentige
Wahlbeteiligung in Italien, eine 89prozentige in Österreich und Belgien,
und so weiter.
Die Tatsachen aber sehen anders

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�aus. Vor einigen Jahrzehnten führten
zwei politische Wissenschaftler von
der Princeton University erstmalig
eine vergleichende Untersuchung der
öffentlichen Meinung in verschiedenen
Ländern durch.
Sie wollten beispielsweise wissen, auf welche Merkmale ihrer Heimatländer die Befragten
besonders stolz sind. 85 Prozent der
Amerikaner gaben an, sie seien auf
ihr politisches System, auf die Verfassung
und
vergleichbare
Werte
stolz. In Italien, wo die Wahlbeteiligung bei 94 Prozent liegt, waren
nur drei Prozent der Bevölkerung auf
politische Einrichtungen und Abläufe
stolz.
In
aktuelleren
Untersuchungen
wurden die Ansichten gegenüber politischen Institutionen in den Vereinigten Staaten und einigen europäischen
Ländern
erforscht.
Die
Schweizer drückten die größte Zufriedenheit mit ihrer Regierung als Ganzes aus, Amerikaner waren nur geringfügig weniger zufrieden. Ganz am Ende der Skala rangierten die Italiener
als die unzufriedensten.
Die Vereinigten Staaten stehen im Hinblick
auf politisches Interesse unter fast
einem Dutzend Nationen beharrlich an
der Spitze. Die Frage, wie negativ
sie die Möglichkeit eigener Einflußnahme in der Politik beurteilen würden, wenn sie sich selbst politisch
engagierten, beantworteten Amerikaner
und
Bürger
der
Bundesrepublik
Deutschland am wenigsten pessimistisch, die Österreicher am meisten.
Auf die Frage nach der Beurteilung
ihres persönlichen Einflusses auf die
Politik äußerten Amerikaner und Griechen die stärkste Zuversicht, Belgier
die geringste. Die Ergebnisse solcher
vergleichender
Untersuchungen
sind stets die gleichen: wenn die
mögliche Höhe der Wahlbeteiligung in
jedem Land nur aufgrund der Motivation beurteilt würde, stünden die
Vereinigten Staaten an der Spitze
statt an vorletzter Stelle.
Würde bei der Ermittlung der
Wahlbeteiligung nicht danach gefragt,
wieviel Prozent der Personen im Wahl-

alter auch tatsächlich ihre Stimme
abgegeben haben, (die in den USA angewandte
Methode),
sondern
würde
vielmehr der Prozentsatz derjenigen
Wähler zugrundegelegt, die in den
Wählerlisten eingetragen
sind und
tatsächlich an der Wahl teilnehmen
(die in Europa übliche Methode), dann
stünden die Vereinigten Staaten gar
nicht so schlecht da. Nach dieser
Methode liegen die Vereinigten Staaten im internationalen Vergleich an
elfter Stelle - lediglich acht Prozentpunkte hinter dem Ranglistenersten und volle 38 Punkte vor dem
Schlußlicht.
Die Schlußfolgerung daraus lautet
natürlich folgendermaßen:
die wesentliche Erklärung für die niedrige
Wahlbeteiligung in den Vereinigten
Staaten besteht darin, daß hier die
Registrierung vergleichsweise schwierig ist.
Das bedeutet keineswegs,
die amerikanische Wahlbeteiligung sei
in
Wirklichkeit
höher
als
sie
scheint, aber es richtet die Aufmerksamkeit auf die wesentliche Ursache
des Problems.
In einigen wenigen demokratischen
Gesellschaften
besteht
angeblich
Wahlpflicht, wobei NichtWähler mit
einem Bußgeld belegt werden könnten.
Diese Strafe ist aber nicht sehr hoch
und der Katalog berechtigter Entschuldigungen lang. Das Ergebnis der
gesetzlichen
Verpflichtung
scheint
eher moralischer denn finanzieller
Natur zu sein.
Das mit Abstand verbreiteste System zur Durchführung einer Wahl ist
die mehr oder weniger automatische
Registrierung. In den meisten europäischen Ländern ist es dem gesetzestreuen Bürger eine Pflicht, seinen
Wohnsitz den örtlichen Behörden zu
melden. Und bei einem Umzug von einem Ort zum anderen muß man laut Gesetz seine Adressenänderung mitteilen. Das im Zuge dieser Praxis geführte
Personenstandsregister
ist
gleichzeitig ein Wahlregister.
Mit
anderen Worten: wenn man dem Gesetz
folgt, ist man automatisch für die

- 2 -

�sich vor der Stimmabgabe registrieren
zu lassen.

Wahl registriert.
In Italien gibt es zwar keine gesetzlich vorgeschriebene Wahlpflicht,
aber in der Verfassung heißt es, jeder Bürger der Republik habe die
Pflicht zu wählen. Es kann sein, daß
NichtWählern ein entsprechender Vermerk über ihr Fernbleiben von der
Wahl in ihren Personalausweis gestempelt wird.
Darüber hinaus gewährt
die italienische Regierung Personen,
die zur Wahl in ihre Heimatdörfer zurückkehren wollen, eine freie Zugfahrt. Es überrascht niemanden, daß
Wahlen eine Gelegenheit zum Besuch
der Familie in der Heimat bieten.
In Großbritannien gibt es zwar
keine automatische Registrierung, die
Regierung führt aber eine jährliche
Erhebung durch, in deren Verlauf jeder Haushalt zwecks Aktualisierung
des Wahlregisters aufgesucht wird.
Die Briten sagen, es sei ein "Verstoß", sich nicht an dieser Erhebung
zu beteiligen. In Kanada unterstützen alle regionalen Regierungen die
beiden wichtigsten politischen Parteien vor jeder Wahl bei der Durchführung einer Erhebung in allen Haushalten, um die Bürger zur Wahl zu registrieren. Ein Verzeichnis der so
erfaßten Personen wird auffällig für
jedermann sichtbar ausgehängt, so daß
Kanadier stets genau wissen, ob sie
wählen dürfen und, wenn nicht, ob sie
deshalb etwas unternehmen können.
Andererseits trägt jeder Bürger
in den Vereinigten Staaten die Verantwortung, sich als Wähler registrieren zu lassen. In einigen Bundesstaaten ist diese Registrierung
relativ unkompliziert, in anderen etwas schwieriger. Es ist gang und gäbe, daß politisch interessierte Neuankömmlinge in einer Stadt sich nicht
rechtzeitig mit dem Registrierungsverfahren vertraut machen konnten, um
bei einer bestimmten Wahl ihre Stimme
abzugeben. Man muß sich nicht für
jede Wahl neu registrieren lassen, es
sei denn, man hat über einen Zeitraum
von mehreren Jahren hinweg nicht gewählt.
Es ist jedoch unerläßlich,

Die Zahl der abgegebenen Stimmen
ist nicht nur bei den eingetragenen
Wählern allgemein sehr hoch, sondern
auch bei Gruppen eingetragener Wähler, die zumeist als Gelegenheitswähler eingeschätzt werden. Von denjenigen Amerikanern, die noch nie eine
High School von innen gesehen haben,
geben 51 Prozent ihre Stimme ab, verglichen mit 84 Prozent derjenigen,
die mindestens ein Jahr lang weiterführende Studien betrieben haben; die
Kluft zwischen diesen beiden Gruppen
beträgt 33 Prozentpunkte.
Andererseits beläuft sich die Wahlbeteiligung der als Wähler registrierten
Amerikaner ohne Hochschulausbildung
auf 79 Prozent verglichen mit 96 Prozent derjenigen, die weiterstudiert
haben.
Der Unterschied macht hier
nur 17 Prozentpunkte aus. (Aus technischen Gründen ist die in Statistiken genannte Zahl der abgegebenen
Stimmen - auf die sich meine Daten
für bestimmte Teile der Bevölkerung
stützen - stets beträchtlich höher
als die "offizielle", für die Gesamtbevölkerung maßgebliche Zahl. Diese
Disparität hat jedoch keinen Einfluß
auf Vergleiche zwischen den statistisch Erfaßten).
Es ist allseits bekannt, daß insbesondere junge Amerikaner nur gelegentlich wählen und die Wahlbeteiligung mit zunehmendem Alter steigt.
Unter den eingetragenen Wählern bestehen jedoch keine Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen und
dem Wahlverhalten. Personen unter 25
werden - wenn sie registriert sind ebenso häufig zur Wahl gehen wie diejenigen im Alter von 55 Jahren. Aus
dem gleichen Grund werden 74 Prozent
der angeblich nicht an Politik interessierten Personen - wenn sie eingetragen sind - dennoch wählen.
Bei einer Analyse dieser Erkenntnisse könnte man sich fragen, welche
Lebensumstände gegen eine Registrierung sprechen.
Ein Wohnsitzwechsel
zählt hier zu den wichtigsten Fakto-

- 3 -

�ren. Die jüngsten Studien des amerikanischen
Statistischen
Bundesamts
über geographische Mobilität belegen,
daß ganze 20 Prozent aller Amerikaner
nicht einmal ein Jahr lang unter derselben Adresse wohnhaft waren.
Im
Jahr 1980 hatten ein Drittel aller
erwachsenen Einwohner zwei Jahre lang
nicht an ihrem damaligen Wohnsitz gelebt. Von hier an werde ich mich auf
die Wahlen des Jahres 1980 beziehen,
da eine der besten Datenquellen zur
Wahlbeteiligung - die Wählerbeilage
der aktuellen Bevölkerungsumfrage des
amerikanischen Statistischen Bundesamts - nach 1980 bedauerlicherweise
keine Erhebungen mehr zur geographischen Mobiltät anstellte. In jenem
Jahr gingen 48 Prozent derjenigen,
die zwei Jahre lang nicht den gleichen Wohnsitz hatten, zur Wahl, verglichen mit 65 Prozent derjenigen,
die über einen längeren Zeitraum hinweg keinen Wohnsitzwechsel vorgenommen hatten. Mehrfache Analysen dieser Daten belegen, daß es hierfür offenkundige Ursachen gibt; jemand, der
gerade umgezogen ist, wird wahrscheinlich aus genau diesem Grund
nicht wählen:
er lebt noch nicht
sehr lange an seinem heutigen Wohnsitz.

Wenn jemand an einen anderen Wohnsitz
zieht, scheinen zahlreiche Dinge entschieden wichtiger als sich in die
Wahlliste eintragen zu lassen. Die
Hälfte der Umzüge findet im Sommer
statt. Wenn jemand im Sommer eines
Wahljahres umzieht, bleibt ihm im
allgemeinen ungefähr nur ein Monat
zur Registrierung vor Ablauf der Eintragungsfrist, die in den meisten
Fällen 30 Tage bis zum Wahltermin beträgt. Wenn er in einem Jahr umzieht, in dem keine Wahlen stattfinden, besteht kein großer Anreiz, sich
registrieren zu lassen.

Dies bringt uns zum zweiten Grund
mangelnder Motivation als Erklärung
für eine niedrige Wahlbeteiligung:
die "Wohnsitzwechsler", also diejenigen, die an ihrem heutigen Wohnsitz
weniger als zwei Jahre lang lebten,
waren ganz und gar nicht weniger interessiert,
informiert,
aufmerksam
oder im politischen Geschehen engagiert als die anderen zwei Drittel
der Bevölkerung, aber es war dennoch
entschieden unwahrscheinlicher, daß
sie zur Wahl gingen. Sie waren Gelegenheitswähler, da sie noch nicht dazu gekommen waren, sich als Wähler
registrieren zu lassen. Zwei Jahre
sind im Zusammenhang zwischen Mobilität und Registrierung kein maßgeblicher Faktor; je länger jemand an seinem heutigen Wohnsitz lebt, umso eher
geht er zur Wahl, wobei mindestens
sechs Jahre eine Obergrenze bilden.
Der Grund dafür liegt auf der Hand.

Da einige Amerikaner - vor allem
die jungen und ungebildeten - wahrscheinlich nicht zur Wahl gehen, sind
die tatsächlichen Wähler kein repräsentativer Querschnitt der Gesamtbevölkerung.
Sie sind eher älter,
wohlhabender und gebildeter.
Diese
soziologischen Erwägungen sind jedoch
politisch nicht von solcher Bedeutung
wie ideologische Richtungen, parteipolitische Präferenzen und Meinungen
zu bestimmten Themen. Wie repräsentativ sind die Wähler in diesen eindeutig
politischen
Denkkategorien?
Die Antwort darauf erhält man durch
den einfachen Vergleich zwischen den
tatsächlichen Wählern und der Gesamtbevölkerung
unter
Berücksichtigung
aller dieser politischen Faktoren.
Die Antwort ist überraschend.
Die
Demokraten sind in den beiden Gruppen
zu gleichen Teilen vertreten, die Republikaner liegen 3,7 Prozent höher

Wenn man an zunehmender Wahlbeteiligung interessiert ist, liegen
die Auswirkungen einiger der hier
vorliegenden
Erkenntnisse
auf der
Hand.
Einerseits wäre es sinnlos,
Zeit mit Patentrezepten zu vergeuden,
wie beispielsweise den Wahltag zum
Feiertag zu machen, Wahlen an einem
Sonntag abzuhalten oder die Wahllokale 24 Stunden geöffnet zu halten.
Mit anderen Worten - die Aktivisten,
die davon überzeugt sind, daß ein
Mittel zu höherer Wahlbeteiligung in
der Registrierung einer größeren Zahl
von Einwohnern liegt, sind auf dem
richtigen Weg.

- 4 -

�und diejenigen ohne Parteizugehörigkeit - die Unabhängigen - schlagen
unter den Wählern kaum zu Buche. Insofern als die Stimmen der Unabhängigen für den Wahlsieger im allgemeinen
unerheblich sind, liegt die Schlußfolgerung nahe, daß selbst eine 100prozentige Wahlbeteiligung höchtwahrscheinlich keine anderen Wahlergebnisse hervorbringen würde.
Alle anderen politischen Unterschiede zwischen den Wählern und der
Gesamtbevölkerung
sind
entschieden
unerheblicher als diese Kluft von weniger als vier Prozentpunkten. Darüber hinaus bilden diese anderen Unterschiede kein gleichmäßiges Muster.
Bei einigen Themen tendieren die Wähler eine Idee mehr nach links, zu anderen sind sie eher konservativ eingestellt; und am wenigsten repräsentiert sind gelegentlich diejenigen,
die zu einem bestimmten Thema überhaupt keine Position bezogen haben.
Diese Unterschiede sind so geringfügig, daß sie bei allen Statistiken
innerhalb der Fehlergrenze liegen.
Mit anderen Worten, es ist wissenschaftlich belegt, daß eine geringe Wahlbeteiligung in den Vereinigten
Staaten weder Hoffnungslosigkeit und
Verdrossenheit des Bürgers widerspiegelt noch ein Wahlverhalten produziert, das absolut nicht repräsentativ für die politischen Präferenzen
der gesamten amerikanischen Bevölkerung ist.

* * * * * *

- 5 -

�; eo

s&gt;

VoN^

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

26. Oktober 1983

39

SCHROTT IM WELTRAUM

WASHINGTON - (AD) - Mehr als 7 000 Objekte von 10 cm Größe aufwärts werden
routinemäßig von Radargeräten des "Kommandos Weltraum" der amerikanischen
Luftstreitkräfte überwacht. Diese Objekte, die in niedrigen Bahnen u= die Erde kreisen, sind zum allergrößten Teil Schrott von Raumflugunternehmen - ausgebrannte Raketen, Raketentrümmer, nicht mehr funktionsfähige Satelliten, Abfälle aller Art und Tausende Bruchstücke von im Laufe der Zeit aufgebrochenen
Satelliten.

Wie die Zeitschrift
"Aviation
Week &amp; Space Technology" kürzlich berichtete, handelt es sich bei nur
fünf Prozent der beobachtbaren Objekte
um
betriebsfähige
Satelliten.
Zwölf Prozent sind "Verpackungsabfall", zum Beispiel Instrumentenverkleidungen, Linsenkappen, etc., 14
Prozent Raketenschrott, 20 Prozent
inaktive Nutzlasten und die restlichen 49 Prozent Fragmente aller
Art. Da sie sich mit 8 - 1 0 km/sec
bzw. 28 800 - 36 000 km/st bewegen,
kommen sie infolge ihrer hohen Geschwindigkeit
geballten
Ladungen
gleich.
Wesentlich größer aber seien die
Gefahren, wie Joseph Mahon, Stellvertretender Direktor für Flugsysteme
der US-Behörde für Luft- und Raum-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fahrt (NASA) vor einem Kongreßausschuß erklärte, die von den vielen
Zehntausenden sehr kleiner Partikel
erwachsen könnten. Mit den heutigen
Mitteln der Technik seien sie von der
Erde aus nicht aufzuspüren, geschweige denn kontinuierlich zu beobachten.
Berechnungen des Europäischen Raumfahrtzentrums (ESOC) in Darmstadt zufolge dürften manche von ihnen Geschwindigkeiten von ca. 15 OOOm/sec
haben. Selbst ein Farbpartikel kann,
wie vermutlich bei einem Raumtransporter im Jahr 1983 geschehen, unter
solchen Umständen beachtliche Wirkungen erzielen: Nach der Landung wurde
ein regelrechter Krater im CockpitFenster festgestellt, der durch den
"Treffer" erzeugt worden war. Mahon
schätzt anhand der gegenwärtig vermuteten Partikeldichte in Flughöhe der

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�amerikanischen Raumtransporter (ca.
300 km), daß für diese Flugsysteme
die durchschnittliche Treffergefahr
mit Schadensauswirkung auf 1:30 pro
Flug anzusetzen sei. An Teilen des
Forschungssatelliten SOLAR MAX, die
im Jahr 1984 von Astronauten nach der
Reparatur des Satelliten im Weltraum
zur Erde zurückgebracht wurden, zählte man 3 000 winzige Einschlagkrater.
Die meisten waren durch Partikel oder
Fragmente verursacht, die infolge der
Raumfahrtaktivitäten in den Weltraum
gelangt waren.

größere Sicherheit gegen ein späteres
Aufbrechen in immer mehr Fragmente zu
schaffen.
Man ändere außerdem die
Konstruktion von Raketen, um Explosionen im Weltraum zu verhindern.
Ferner werde die Möglichkeit untersucht, Raumfahrtgeräte, die lange
Zeit einsatzfähig bleiben sollen oder
die künftige Raumstation aus Gefahrenbereichen zu manövrieren.
Spezielle Neuentwicklungen bei der Radartechnik könnten helfen, auch die
kleineren Schrottfragmente zu erfassen und zu beobachten.

Im Laufe der 31 Jahre seit Beginn
des "Zeitalters der Raumfahrt" hat
sich in dem Bereich bis ca. 2 000 km
Höhe, wo auch die meisten Wetter- und
Navigationssatelliten, Satelliten für
Forschungszwecke aller Art und für
Fernerkundung um die Erde kreisen,
eine regelrechte Wolke von Schrottpartikeln angesammelt.
NASA-Wissenschaftler vermuten, daß sich mindestens 35 000 Teile in der Größe von
Murmeln darunter befinden. Ein weiterer "Schrottgürtel" existiert und
wächst in 36 000 km Abstand von der
Erde. Dort sind die Nachrichtensatelliten stationiert. Allerdings ist
in dieser Zone das Abfallproblem noch
nicht so schwerwiegend. Alles in allem müsse aber künftig eher mit Treffern durch Objekte, die von Raumfahrtaktivitäten herrühren, als durch
Objekte natürlicher Herkunft - zum
Beispiel Mikrometeoriten - gerechnet
werden.
Dennoch dürfte gegenwärtig
das Risiko noch gering sein, denn
"unseres Wissens wurde noch kein
Raumfahrtgerät
durch
Objekttreffer
funktionsunfähig gemacht oder zerstört", sagte Mahon.

Angesichts der Tatsache, daß immer mehr Nationen eigene Raumfahrtprogramme aufbauen, entwickle sich
"Abfall im Weltraum" zu einem wachsenden internationalen Problem. Nach
Angaben von Philip Kunsberg vom amerikanisches
Verteidigungsministerium
nahm der Anteil der Sowjetunion als
Verursacher von Schrott im Weltraum
seit 1981 "drastisch zu". Europa und
China starten ebenfalls routinemäßig
Raumfahrtgeräte - Japan, Indien und
andere Nationen sowie private Organisationen werden bald folgen. Somit
wird auch die juristische Frage der
Haftung immer komplexer.

Allerdings sei es an der Zeit,
daß sich technische Experten wie auch
Politiker mit der Frage befassen, wie
dem Problem "Schrott im Weltraum"
beizukommen sei. Denn dieses könne
unter anderem die kommerzielle Nutzung der Raumfahrt erheblich beeinträchtigen. In den USA bemühe man
sich, so Mahon, derzeit darum, Raumfahrtgeräte besser gegen mögliche
Treffer abzuschirmen und so auch

In den Vereinigten Staaten wurde
eine interministerielle Arbeitsgruppe
eingerichtet, die sich nun mit den
einschlägigen technischen und politischen Fragen solcher Aktivitäten
befaßt.
Sie wird auch Vorschläge
ausarbeiten, wann und unter welchen
speziellen Aspekten sich die USA mit
den Regierungen anderer Länder in
Verbindung setzen sollten, wie mit
Hilfe der Technik wenigstens für die
Zukunft MUllmengen im Weltraum verringert und wie rechtliche Fragen geklärt und gelöst werden könnten.

- 2 -

* * * * * *

�</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen in Amerika 1988&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush: sowjetische Reformen sind vielversprechend trotzdem ist Vorsicht angebracht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede in Fulton (Missouri)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush würde Weltumweltkonferenz einberufen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Kandidaten scheuen das Thema Steuererhöhungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mittelwesten ist Feuerprobe für Dukakis-Wahlkampagne&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von C. David Kotok&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlbeteiligung in Amerika: Warum sie so niedrig aussieht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Raymond E. Wolfinger&amp;nbsp;&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schrott im Weltraum</text>
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