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                  <text>AMERIKA DIENST

14. September 1988

33

INHALT
DOKUMENTATION
Vernachlässigung der Lastenverteilung wäre schlechter Dienst am
Bündnis
- Rede von John Kornblum -

HINTERGRUNDMATERIAL
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist allgemeingültig
- Rede von Richard Schifter bei Mailand-Workshop -

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Die Haltung der Kandidaten zu Verteidigungsfragen
- Eine Übersicht von Erklärungen zu den jeweiligen Positionen

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Galaktosämie; Fehlerhaftes Gen kloniert
- Ein wichtiger Schritt auf dem weiten Weg zur Gentherapie -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

33

14. September 1988

VERNACHLÄSSIGUNG DER LASTENVERTEILUNG WÄRE SCHLECHTER DIENST AM BÜNDNIS
- Rede von John Kornblum in Den Haag -

DEN HAAG - (AD) - "Ein anhaltendes Gefühl der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten" im Bereich der Verteidigung "wird nicht zu der Art von gesundem Selbstvertrauen führen, die Europa zur Bewältigung der vor ihm liegenden Aufgaben benötigt," erklärte der Stellvertreter des amerikanischen Ständigen Vertreters bei der NATO, John Kornblum, während einer Rede in Den Haag am
2. September 1988. "Wenn unsere Verbündeten die europäischen Aspekte der Debatte über die Lastenverteilung außer acht lassen, erweisen sie unserem Bündnis und vor allem sich selbst einen schlechten Dienst," sagte er weiter.
Nachfolgend bringen wir Kornblums Rede im Wortlaut:

Wenn man bei einem Treffen von
Experten zu solch entscheidenden Problemen Stellung nimmt, ist man gezwungen, an einen berühmten Witz zu
erinnern, der schon in unzähligen
Versionen erzählt worden ist.
Er betrifft zumeist ein kompliziertes und bedrückendes Thema. Dem
Erzähler zufolge gibt es nur drei
Menschen auf der Welt, die das Problem verstehen. Einer von ihnen ist
tot, der andere ist verrückt geworden
und der Dritte hat es vergessen.
Die meisten unter Ihnen haben
schon viele Versionen gehört. Das
Thema ist im allgemeinen internationales Finanzwesen, der Goldmarkt, die
Schleswig-Holstein-Frage oder die Baseballmeisterschaft in der American
League.

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Embassy of the United States of America

Ich möchte schon im voraus klarstellen, daß ich zu keinem der Themen
unserer Tagesordnung
ein Fachmann
bin. Ich versuche, beide zu verstehen, aber beruflich befasse ich mich
mit anderen Dingen. Die US-Mission
bei der NATO ist Mitveranstalter dieser Konferenz. Wir haben uns mit dem
Thema befaßt, weil wir in unserer Tätigkeit zunehmend mit den ökonomischen Auswirkungen der Sicherheitspolitik konfrontiert werden.
Bei unserer Arbeit mit Freunden
in der Niederländischen Atlantikkommission haben wir versucht, die besten Köpfe für diese komplizierte Anhäufung von Problemen zusammenzuführen. Ich hoffe, Sie werden in der
Lage sein, uns einige Ideen zur Wechselbeziehung dieser beiden "trostlo-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�sen Wissenschaften" zu liefern. Im
Gegenzug werde ich heute abend versuchen, Ihnen einige Perspektiven aus
dem NATO-Hauptquartier vorzutragen.
Bismarck wird das Zitat zugeschrieben, daß jeder, der erfahren
würde, wie Gesetze und Wurst wirklich
gemacht werden, nie wieder friedlich
schlafen könnte.
Zugegebenermaßen
verlaufen
die
Prozesse innerhalb der NATO nicht
ganz so chaotisch , aber die Konsensfindung zwischen 16 souveränen Nationen fixiert unsere Tätigkeit eher auf
das Machbare als auf die bestmöglichen Lösungen.
Ich kann Ihnen heute abend keine
kühnen neuen Programme enthüllen.
Das Bündnis funktioniert nicht auf
diese Weise.
Ich kann jedoch ein
Bild unseres Bündnisses aus der Perspektive eines amerikanischen Regierungsvertreters geben, der mit der
Herstellung dieser Wurst, die wir als
NATO bezeichnen, beauftragt ist.

Kontinuität und Wandel
Dean Acheson pflegte jungen Attaches beim Verfassen von Telegrammen
für gewöhnlich zu sagen:
"Junger
Mann, das amerikanische Außenministerium MEINT nicht und es DENKT auch
niemals." Dieser einfache Rat gilt
auch für die NATO.

oft wie von selbst vor sich hin zu
tuckern scheint.
Nichts könnte der Wahrheit weniger entsprechen. Unser Konsens ist
hart umkämpft und steht häufig auf
schwachen Füßen. Die Diskussionen im
Atlantikrat in Brüssel sind meines
Erachtens eine atlantische Version,
die den in unseren nationalen Parlamenten geführten ziemlich nahe kommen. Würde jemand die Tagesordnung
der vergangenen zehn Jahre untersuchen, so würde er feststellen, daß
die NATO über nahezu jedes wichtige
Anliegen unserer Nationen debattiert
hat.
Der
Verantwortungsbereich
der
NATO erstreckt sich hauptsächlich auf
die Sicherheit und damit auf das
Überleben unserer Gesellschaften und
unseres Lebensstils. Nimmt es wunder, daß im Falle einer Bedrohung der
Gesellschaft - sei sie militärisch
oder nicht - unser Bündnis zu den ersten gehörte, die die Auswirkungen zu
spüren bekämen?
Und ist es nicht unerläßlich, daß
die Politik des Bündnisses auf diesem
hart erkämpften demokratischen Konsens beruht?
So langwierig dieser
Prozeß auch sein mag, es gibt keinen
besseren Weg, um sicherzustellen, daß
die Interessen aller Mitgliedstaaten
- großer und kleiner - geschützt werden.

Während wir uns einem neuen JahrDie NATO meint nicht, sie denkt •'•' hundert nähern, scheint der Westen
sich an der Schwelle zu einer Xra
nicht und kann deshalb auch nicht
noch größeren Wohlstandes zu befinverwirrt
sein.
Wenn
überhaupt
den. Der Weg bis hierhin ist jedoch
Schritte unternommen werden, dann
schwierig und häufig erschöpfend gekommen sie durch den Konsens zwischen
wesen.
Grundsätzliche
Fragen und
den von uns vertretenen Staaten und
Richtungen sind heftig umstritten.
Regierungen zustande.
Ich stelle diese einfache Tatsache klar, weil es häufig leichter
ist, die NATO als Organismus zu betrachten, der wirklich etwas entscheiden kann. In der Tat ist es uns
unter dem Dach der NATO gemeinsam gelungen, in den vergangenen 40 Jahren
so viel zu erreichen, daß das Bündnis

Was auch immer der Standpunkt
sein mag, es besteht auf beiden Seiten des Atlantiks ein Gefühl, daß wir
vor neuen Herausforderungen stehen.
Es liegt eine Erwartung von Veränderungen in der Luft.

- 2 -

Im Jahr 1969, als die NATO kurz

�vor ihrem 20. Jahrestag stand, bestand in unserem Bündnis das gleiche
Gefühl des Wandels. Nur waren damals
viele Kommentatoren der Meinung, daß
sich die Nützlichkeit der NATO überlebt habe. Heute wird dies praktisch
von niemandem behauptet.
Die Tatsache, daß sie auch weit nach ihrem
40. Geburtstag fortbestehen sollte,
scheint außer Frage zu stehen.
Ebenso dauerhaft ist das amerikanische Engagement in Europa. Wir
debattieren ständig über Bedeutung
und Richtung unseres Engagements. Im
Gegensatz zu den späten sechziger
Jahren gibt es jedoch gegenwärtig in
den Vereinigten Staaten keine verantwortliche Gruppe, die unseren Austritt aus der NATO oder den Abzug
amerikanischer Truppen aus Europa befürwortet.
Die Grundlage ist auf die Probe
gestellt worden und hat sich als für
die Interessen unserer Völker notwendig erwiesen. Zahlreiche bedeutende
Einflüsse auf unsere Zusammenarbeit
scheinen sich jedoch zu verändern.
Unter solchen Umständen erscheint es
mir besonders wichtig, zwei Extreme
zu vermeiden, und zwar den Widerstand
gegen Veränderungen unter dem Motto
"wenn etwas nicht kaputt ist, dann
sollte man nicht daran herumreparieren" oder das andere Extrem, das in
der Annahme besteht, unsere Strategie
bedürfe - gerade weil sie so lange
gut funktioniert hat - einer Überholung.
Im Hauptquartier der NATO schütteln wir oft die Köpfe über die Verfechter
beider
Lager.
Es
wäre
selbstzerstörerisch, die Folgen neuer
Probleme außer acht zu lassen. Andererseits fragen wir uns, warum einige
Leute der Meinung sind, unsere Strategie sei nicht mehr gültig, wenn sie
so gut zu funktionieren scheint.
Erfüllung unseres Auftrags bedeutet für uns, die Grundlage unseres
Erfolgs zu bewahren.
Wir können
nicht wissen, wohin die Dinge sich
entwickeln, aber wir können bestim-

men, wo wir stehen. Das sollte unsere erste wichtige Aufgabe sein.
Wenn man den Prozeß des Wandels
untersucht, sollte man sich vielleicht jener großen Neuerung im Denken der NATO zuwenden - dem HarmelBericht. Dieses Dokument entstand in
einer Epoche, die nicht weniger kompliziert als die unsrige war. Die
sechziger Jahre waren ein Zeitalter
tiefgreifender und häufig entzweiender Debatten im Westen. Der HarmelBericht stellte eine demokratische
Synthese dar, die nach - nicht vor dieser emotionalen Periode zustande
kam.
Meines Erachtens sollten wir die
heutige Debatte im selben Licht betrachten.
Zweifellos sollten wir
viele unserer Annahmen überdenken.
Schon bald wird sich ein Konsens ergeben, der die veränderten Haltungen
der neunziger Jahre widerspiegelt.
Und genau das ist der Punkt.
Dieser Konsens sollte das Ergebnis
einer demokratischen Debatte in allen
BUndnisstaaten sein. Bei allem gebotenem Respekt vor dem hier versammelten Fachwissen bezweifle ich, daß es
heute selbst den besten Köpfen im Westen möglich wäre, einfach eine Strategie zu entwerfen, die in allen
Bündnisstaaten politisch akzeptabel
wäre.
Hätte das Bündnis im Jahr 1962
eine Gruppe von Weisen berufen, was
wäre das Ergebnis gewesen? Wäre die
wunderbare Symmetrie des Harmel-Berichts im Jahr 1964 oder 1965 zu erzielen gewesen? Ich bezweifle es.
Dasselbe gilt für unsere gegenwärtige Diskussion.
Viele der im
Verlauf dieser Konferenz erörterten
Ereignisse sind Gegenstand tiefgreifender
Kontroversen
zwischen
den
BUndnisstaaten. Demokratisch gewählte Regierungen müssen sich mit diesen
Kontroversen befassen. Bis wir die
Auswirkungen von Rüstungskontrolle,
Gorbatschow, neuer wirtschaftlicher
Herausforderungen und zahlreicher an-

- 3 -

�derer vordringlicher Fragen durchdacht haben, ist die beste Grundlage
die auf der wir stehen.

Die Rolle der Wirtschaft
Sie leitet zu einem der hier erörterten Theraenkomplexe über.
Wenn
wir ehrlich mit uns selbst sind,
sollten wir zugestehen, daß die Wirtschaft in der gesamten Geschichte der
NATO praktisch nur eine zweirangige
Rolle in unseren politischen Diskussionen gespielt hat.
Verteidigungshaushalte waren natürlich stets von Bedeutung, ebenso
wie die Kosten der Streitkräfte, für
deren Stationierung wir uns entschieden hatten. In den ersten 30 Jahren
der Geschichte der NATO konnten wir
jedoch ein nahezu ungebremstes Wachstum beobachten. Der Wohlstand in allen Teilen Europas - einschließlich
des Ostblocks - erreichte ein nie zuvor gekanntes Niveau.
Wissenschaft
und Technologie wurden als Retter der
Menschheit angesehen.
Unser
Bündnis wurde auf der
Grundlage von Wachstum und wirtschaftlicher Dominanz der Vereinigten
Staaten geschaffen. Es handelte sich
nicht um eine gleich mächtige und
gleich wohlhabende Staatengruppe, die
sich zum gegenseitigen Nutzen zusammengefunden hatte. Ein Hauptziel bestand im Schutz der Vereinigten Staaten für ein Europa, das sich in einem
Prozeß des Wiederaufbaus und der
wirtschaftlichen
Gesundung
befand.
Auf der Grundlage dieser entscheidenden Divergenz der wirtschaftlichen
und politischen
Stärke entwickelt
sich ein bestimmtes Muster an Beziehungen.
Diese einfache Tatsache sollte
man sich bei der Erörterung der Tagesordnungspunkte vor Augen halten.
Sie bildet auch den Hintergrund der
immer wieder aufflammenden Debatte
über die Lastenverteilung, die erneut
unserer Aufmerksamkeit bedarf.

Ich beziehe mich nicht nur auf
die Frage der Verteidigungsausgaben.
Die Vereinigten Staaten haben Verständnis dafür, daß die Verteidigungsbeiträge der Europäer variieren
und von beträchtlicher Höhe sind.
Wie Staatssekretär Taft kürzlich ausführte, sind wir auch der Überzeugung, daß weiterhin ein Ungleichgewicht zwischen den Beiträgen der Vereinigten Staaten und denen unserer
Verbündeten besteht.
Von ebensolcher Bedeutung ist jedoch die Rolle, die der Debatte über
die Lastenverteilung als Spiegel des
psychologischen Zustands des Bündnisses zukommt. Hier sind wir wieder
bei der alten Frage angelangt: Wer
war zuerst - die Henne oder das Ei?
Nahezu 45 Jahre nach dem Zweiten
Weltkrieg sind die europäischen Nationen häufig zu Recht verärgert über
eine den Vereinigten Staaten untergeordnete Rolle in der NATO.
Die
jüngere Generation in vielen europäischen Ländern ist über ein Gefühl
der Ohnmacht aufgebracht, das sich
aus einer scheinbar nicht ebenbürtigen Partnerschaft ergibt.
Ebenso fragen sich viele Amerikaner, warum die europäischen Verbündeten uns in Handel und Wirtschaft herausfordern
können,
während
sie
gleichzeitig zögern, den vollen Anteil der Risiken und Verantwortung zu
übernehmen, die ihre wirtschaftliche
Stärke erst ermöglicht haben.
Was immer wir über die Höhe unserer Verteidigungshaushalte denken mögen - ich bin sicher, wir stimmen
auch dahingehend überein, daß dieses
Bild der Partnerschaft angesichts der
wirtschaftlichen und politischen Realitäten der heutigen Welt aus den Fugen geraten ist.
Als der Seniorpartner in diesem
Unternehmen müssen die Vereinigten
Staaten selbst intensiv über die Auswirkungen ihrer Rolle als führende
Weltmacht
nachdenken.
Auf
wirtschaftlichen Wettbewerb durch Kürzung

�unserer Ausgaben in der NATO zu realeren, deckt sich nicht mit den ReaItäten dieser Rolle.

f

Die Aufgabe innerhalb Europas ist
ebenso kompliziert.
Die Bewahrung
der amerikanischen Führungsrolle
selbst auf die intelligenteste und
weitsichtigste Art - wird nicht notwendigerweise das zunehmende Gefühl
der Frustration unter den jungen
Nachkriegsgenerationen
wettmachen,
die jetzt erwachsen werden.
Ein anhaltendes Gefühl der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten
wird nicht zu der Art von gesundem
Selbstbewußtsein führen, die Europa
zur Bewältigung der vor ihm liegenden
Aufgaben benötigt. Weder die westliche Einigung noch die Überwindung
der Teilung dieses Kontinents werden
ohne d ieses Gefühl des Vertrauens und
der Weitsicht möglich sein.
Die Entwicklung dieses neuen Bewußtseins ist nicht Aufgabe der Vereinigten Staaten. Es wird als Folge
eines schwierigen Prozesses innerhalb
Europas entstehen. Es ist nicht angebracht, daß ich hier Vorschriften
mache. Aber ich kann soviel sagen:
Wenn unsere Verbündeten die europäischen Aspekten der Debatte über die
Lastenverteilung außer acht lassen,
erweisen sie unserem Bündnis und vor
allen sich selbst einen schlechten
Dienst.

Eine Grundlage für den Wandel
Ich habe von Kontinuität und Wandel und der Rolle der neuen Herausforderungen - wie beispielsweise der
Wirtschaft - gesprochen, mit denen
wir uns in den kommenden Jahren konfrontiert sehen. Aber keine unserer
Nationen wird bereit sein, für die
Kosten dieser neuen Probleme ohne
eine Vision der Zukunft aufzukommen.
Trotz großer Fortschritte sind
die zugrundeliegenden Probleme nicht
behoben worden. Der Westen ist nach
wie vor durch die Projektion sowje-

tischer Militärmacht nach Mitteleuropa bedroht. Der Frieden ist weiterhin durch die wirtschaftliche und politische Instabilität im Ostblock* in
Gefahr.
Am schmerzlichsten jedoch
ist vielleicht die Begrenzung unseres
eigenen Bildes der Menschheit auf die
westliche Hälfte dieses Kontinents.
Die Unterdrückung der Freiheit in
einem Teil Europas hat auch Auswirkungen auf die Qualität der Freiheit
in unseren Ländern. Unsere Reaktion
auf die Hoffnungen der Völker im Ostblock werden viel über unser eigenes
Engagement für die Werte aussagen,
die wir so laut predigen.
Wir bemerken Zeichen des Wandels.
Und wir sollten uns darüber im Klaren
sein, daß das Modell, das zu Hoffnungen im Ostblock Anlaß gibt, sich auf
unsere Ideale gründet - Freiheit, Offenheit, Demokratie.
Die sowjetische Führung räumt öffentlich ein, daß ihre Wirtschaft
stagniert. Beobachtern in Moskau zufolge ist die Nahrungsmittelversorgung seit Jahren nicht so schlecht
gewesen.
Demographen stellen fest,
daß die Lebenserwartung in der Sowjetunion abnimmt.
Plötzlich sehen wir uns mit einer
neuen Herausforderung konfrontiert einem gefährlichen Gegner, dessen
wirtschaftliche Grundlage zerbricht.
Diese Entwicklung könnte zu einer
ebenso tiefgreifenden Diskussion über
die Ziele des Westens führen. Werden
wir genug Geduld für den Erhalt unserer Stärke aufbringen, während sich
die komplizierten Prozesse im Ostblock von selbst lösen?
Oder werden wir die Werte, von
denen wir so lange geleitet waren, in
dem Maße in Frage stellen, wie sie
von der anderen Seite übernommen werden? Niemand kann diese Frage beantworten, aber ich kann eine Folgerung
vorhersehen.
In meiner Vorstellung wäre die
schlimmste Entwicklung für die west-

- 5 -

�liehen Demokratien, in Generalsekretär Gorbatschow den Vorkämpfer des
demokratischen Wandels in Europa zu
sehen. Wir müssen uns vor Augen halten, wie das "Friedenskonzept" durch
sowjetische Rhetorik pervertiert wurde.
Wenn wir uns nicht vorsehen,
könnten unsere Grundwerte durch einen
Politiker gegen uns gerichtet werden,
der keinerlei Absicht hegt, sie zu
übernehmen.

einzige Art und Weise, den uns im
NATO-Hauptquartier
konfrontierenden
Problemen einen Sinn zu geben, darin
besteht, sich diese vornehmsten Ziele
vor Augen zu halten. Eine ähnliche
Sicht der Dinge kann meiner Ansicht
nach auch Ihnen behilflich sein.

* * * * * *

Für mich bedeutet dies, daß unsere erste Reaktion auf den Wandel im
Ostblock besseres Verständnis dafür
sein muß, wie wir den Wandel im Westen angehen wollen. Die Rolle von
Offenheit und Demokratie in unseren
Beziehungen zu kommunistischen Staaten muß eindeutiger definiert werden.
Letztlich bedeutet dies, unsere
Haltung gegenüber dem Ostblock auf
diese demokratischen Werte zu gründen. Dies ist nicht der Ruf nach einer neuen Politik des Rollback. Es
ist die Erkenntnis, daß die bloße
Aufrechterhaltung guter Beziehungen
mit kommunistischen Ländern nicht
notwendigerweise die Art des Wandels
unterstützt, die wir als vordringlich
erachten. Vor allem sollten wir uns
nicht von Anschuldigungen vom Kurs
abbringen lassen, das Streben nach
Verwirklichung westlicher Werte berge
das Risiko einer Unterminierung der
Reformen im Ostblock.
Ich gebe zu, daß diese Gedanken
nicht eine Vision als solche ergeben.
Ich bin jedoch der Überzeugung, daß
solche Erwägungen von besonderer Bedeutung sind, wenn man die Art von
komplexen Themen erörtert, mit denen
wir uns hier befassen.
Der Westen betreibt Rüstungskontrolle nicht vornehmlich zur Einsparung von Kosten. Und unsere wirtschaftliche Stärke ist nicht die einzige Determinante bei unserem Wettbewerb mit dem Ostblock. Sie alle stehen im Zusammenhang mit den bei der
Gründung der NATO festgelegten vornehmsten Zielen unserer Gesellschaften. Ich habe festgestellt, daß die

•

�AMERIKA DIENST
'VON**

33

Hintergrundmaterial

14. September 1988
ALLGEMEINE ERKLÄRUNG DER MENSCHENRECHTE IST ALLGEMEINGÜLTIG
- Rede von Richard Schifter bei Mailand-Workshop -

MAILAND - (AD) - Dem Leiter der Abteilung für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard Schifter, zufolge sind
die Ziele der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wahrhaft allgemeingültig und nicht nur auf die reichen Länder des Westens anwendbar. In einer Ansprache beim europäischen Workshop über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verabschiedeten Erklärung
stellte Schifter am 7. September 1988 ferner fest, daß "der menschlichen Erfahrung zufolge die Wechselwirkung zwischen Demokratie und Achtung der Rechte
des Einzelnen sowie zwischen Diktatur und Nichtachtung dieser Rechte ziemlich
ausgeprägt ist".
Nachfolgend bringen wir Schifters Ansprache im Wortlaut (es gilt das gesprochene Wort):
"...daß
zur
Sicherung
dieser
Rechte Regierungen unter den Menschen
eingesetzt werden, die ihre Macht aus
der Zustimmung der Regierten herleiten," ist in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten niedergelegt. Die Rechte, auf die Bezug
genommen wird, sind die Rechte auf
Leben, Freiheit und das Streben nach
Glück.
Die Erklärung hat damit der so
lange Zeit gültigen grundsätzlichen
Vorstellung vom Gottesgnadentum der
Könige eine Absage erteilt, derzufolge der Herrscher durch Geburt das
Recht zur Ausübung der Macht und die
Untertanen die Pflicht des Gehorchens
hatten. Sie kehrte dieses Verhältnis
um, indem sie das Recht des Bürgers
als Hauptgrund
für die Existenz

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staatlicher Autorität definierte.
Die Verfasser der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776
waren nicht die Schöpfer dieser Idee.
In die Erklärung sind Gedanken eingeflossen, über die schon über ein
Jahrhundert lang diskutiert und geschrieben wurde - die Gedanken der
Aufklärung.
Dreizehn Jahre später,
im Jahr 1789, spiegelte die französische Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers dieselben Gedanken wider. Und fast zur gleichen
Zeit vervollständigten die Vereinigten Staaten ihre Erklärung mit der
Bill of Rights.
Jeder, der diese Dokumente des
späten 18. Jahrhunderts mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

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�vergleicht, wird natürlich ihre starke Ähnlichkeit erkennen.
Die Leistung der Allgemeinen Erklärung besteht sicherlich darin, daß sie die
von den Schriftstellern und Denkern
des Zeitalters der Aufklärung formulierten Prinzipien des Staatswesens
auf eine internationale Ebene gestellt hat.
Unterstütze ich mit diesen Beobachtungen die Kritiker der Allgemeinen Erklärung, denen zufolge sie
einer bestimmten Kultur zugehörig ist
und nur Haltung und Denken dessen widerspiegelt, was gemeinhin als westliche Zivilisation bezeichnet wird
und das sich wirklich nicht auf Gesellschaften mit anderen kulturellen
Wurzeln anwenden läßt? Mit anderen
Worten: Habe ich die Behauptung unterstützt, die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte sei nicht wahrhaft
allgemeingültig?
Um das hier zutagetretende Problem zu behandeln, schlage ich vor,
daß wir uns daran erinnern, wie ein
britischer Beobachter der politischen
Entwicklungen im Frankreich des Jahres 1789 auf die Nachricht von der
Verkündung der Erklärung der Rechte
des Menschen und der Bürger reagiert
haben könnte. Der Zeitpunkt lag etwas über 100 Jahre nach der Glorious
Revolution und viele Jahrzehnte nachdem die Entwicklung einer konstitutionellen Monarchie in Großbritannien
begonnen hatte. Hätte es nicht nahegelegen, daß zahlreiche Beobachter in
London ausgerufen hätten:
"Rechte
des Bürgers in Frankreich?
Alles,
was diese Leute je gekannt haben, ist
die absolute Monarchie. Was versteht
der Durchschnittsfranzose von Bürgerrechten?"
Lassen Sie uns auch die amerikanische Erfahrung betrachten. Natürlich repräsentierten die Verfasser
der Unabhängigkeitserklärung und der
Bill of Rights ein aufstrebendes neues Land, in dem Regierung mit Zustimmung der Regierten und die Achtung
der Rechte des Einzelnen anerkannte
Vorstellungen waren. Hieß dies je-

doch Regierung mit Zustimmung aller
Regierten? Und wurden die Rechte jedes Einzelnen respektiert? Die Antwort auf beide Fragen lautete "Nein".
Die ungeheuerlichste Form der Unterdrückung, die Sklaverei, wurde in
vielen der Staaten praktiziert, aus
denen sich jenes neue Land zusammensetzte, das im Jahr 1776 durch die
Unabhängigkeitserklärung
entstanden
war. Die Sklaverei war eine Institution, die, nachdem die Gründer des
Landes stolz erklärt hatten, "alle
Menschen sind gleich geschaffen",
noch 87 Jahre Bestand hatte. Und es
mußte erst ein Bürgerkrieg geführt
werden - der schlimmste Krieg in der
amerikanischen Geschichte -, um die
Sklaverei aus dem Leben Amerikas zu
tilgen.
Ich will damit sagen, daß die in
Dokumenten wie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung oder der französischen Erklärung der Rechte des
Menschen und der Bürger niedergelegten Prinzipien nicht in der Praxis
dieser Länder verwurzelt waren. Es
waren Aussagen über ein Ideal, das
genügend Unterstützung besaß, um eine
nationale Bestrebung zu bilden, auf
deren
Verwirklichung
hinzuarbeiten
sich beide Länder und andere, von
diesem Ideal in ähnlicher Weise erfaßte, verpflichteten.
Die in den Dokumenten des 18.
Jahrhunderts enthaltenen und von mir
genannten Vorstellungen waren nicht
gänzlich neu.
Die Staatstheorien,
auf denen sie fußten, reichten über
2 000 Jahre bis zu Schriftstücken und
Praktiken in einigen Stadtstaaten des
antiken Griechenlands zurück.
Ich
möchte in diesem Zusammenhang darauf
verweisen, daß, wenn wir vom philosophischen Erbe des antiken Griechenlands sprechen, wir natürlich vom Erbe des antiken Athen und nicht vom
antiken Sparta reden. Die Schriftsteller und Denker des Zeitalters der
Aufklärung hatten einige ihrer bemerkenswerten Inspirationen vom Athen
vor zwei Jahrtausenden erhalten.
Man

könnte

sagen,

daß

dieses

�Band, das die Aufklärung mit dem antiken Athen verbindet, einen lebendigen Beweis für die Tatsache darstellt, daß wir es hier mit einem
kulturspezifischen Phänomen zu tun
haben. Aber ist dies wirklich so?
Welche kulturellen Bande haben die
alten Athener mit den Barbaren verknüpft, die im Zeitalter des Aristoteles die Wälder Nord- und Mitteleuropas bevölkerten? Warum sollten die
Nachfahren dieser Barbaren dem mehr
Aufmerksamkeit gewidmet haben, was
sie über die griechische Demokratie
gelernt hatten als anderen Lehren und
Traditionen, die ihnen überliefert
wurden? Könnte es sein, daß sie nach
reiflichem Nachdenken über die verschiedenen Modelle politischer Organisation zu dem Schluß gelangten, daß
das demokratische Modell am besten
taugt, um die Bedürfnisse und Bestrebungen der Menschen zu erfüllen? Und
ist das der Grund, warum es Wurzeln
schlug? Könnte es sein, um Winston
Churchill zu zitieren, daß die Demokratie wirklich die schlechteste Regierungsform ist, abgesehen von allen
anderen?
Dies - so scheint mir - sind die
Fragen, die wir uns stellen müssen,
wenn wir heute über die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte nachdenken.
In diesem Vortrag habe ich unter
dem Terminus "Menschenrechte" zwei
verschiedene Konzepte zusammengefaßt:
Erstens, das der Regierung mit Zustimmung der Regierten und - zweitens
- das der Achtung der Rechte, Integrität und Würde des Einzelnen. Es
ist denkbar, daß eine demokratisch
gewählte Regierung einige Menschen
ihrer individuellen Rechte beraubt.
Ebenso ist es vorstellbar, daß eine
Diktatur, die nicht frei vom Volk gewählt ist, die meisten Rechte des
Einzelnen
wohlwollend
respektiert,
natürlich außer dem Recht, seine Regierung zu wählen. Zu diesem Thema
läßt sich sagen, daß der menschlichen
Erfahrung zufolge die Wechselwirkung
zwischen Demokratie und Wahrung der
Rechte des Einzelnen einerseits sowie

zwischen Diktatur und Nichtachtung
dieser Rechte ziemlich stark ist.
Wir können es als Tatsache hinnehmen,
daß ein gutes Mittel, um die Wahrung
der Rechte des Einzelnen durch staatliche Institutionen sicherzustellen,
darin besteht, diese Institutionen
dem Volk gegenüber rechenschaftspflichtig zu machen.
Ein weiteres Problem verdient in
diesem Zusammenhang unsere Beachtung.
Es ist die Frage der Beziehung zwischen dem, was wir als Bürger- und
politische
Bürgerrechte
bezeichnen
einerseits und den ökonomischen und
sozialen Rechten andererseits. Analytiker der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte werden der Tatsache
Aufmerksamkeit schenken, daß, während
22 Artikel ausdrücklich eine Reihe
bürgerlicher und politischer Rechte
beschreiben, fünf weitere eine Reihe
von Rechten aufzählen, die wir als
ökonomische und soziale Rechte bezeichnen.
Meiner Ansicht nach haben wir im
Lauf der Jahrzehnte eine ziemlich
sterile Debatte darüber beobachtet,
was ein "Recht" ist und was nicht.
Wir können diese Debatte abkürzen,
indem wir den fraglichen Themen verschiedene Kennzeichen zuordnen. Wenn
wir uns auf die unter dem Begriff
"bürgerliche und politische Rechte"
zusammengefaßten
Fragen
beziehen,
können wir von den Grenzen staatlicher Gewalt sprechen.
"Ökonomische
und soziale Rechte" können hingegen
als Aufgaben des Staates gekennzeichnet werden.
Ein bedeutender Unterschied zwischen den beiden Kategorien besteht
darin, daß erstere relativ leicht zu
verwirklichen ist. Alles, was vom
Staat zur Erfüllung seiner Verpflichtungen in diesem Bereich getan werden
muß, ist, etwas zu unterlassen. Gute
Leistungen im zweiten Bereich zu erbringen erfordert Geschick, Überlegung und Ressourcen. Fortschritte in
diesem Bereich erfordert Entscheidungen über den grundsätzlichen Ansatz
in der Wirtschaftspolitik, was häufig

- 3-

�erst nach der Überwindung erheblicher
Meinungsverschiedenheiten über geeignete Analysen und Abhilfemaßnahmen
möglich ist.
Denn die Leistungen
eines Staates auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet werden letztlich
nicht aufgrund gemachter Versprechungen beurteilt, sondern aufgrund dessen, wieviele dieser Versprechungen
erfüllt werden.
Das umfassende Problem der wirtschaftlichen und sozialen Programme
des Staates ist ein bedeutendes - ein
Problem, das des Nachdenkens, der
Analyse und Diskussion bedarf.
Es
verdient eine solche Diskussion in
geeignetem Rahmen, die Diskussion unter Experten mit praktischer Erfahrung, die Diskussion durch Wirtschaftswissenschaftler, durch Experten in den Bereichen Gesundheitswesen,
Wohnungswirtschaft,
landwirtschaftliche
Produktion,
Vertrieb
u.s.w.
Diese Diskussionen unterscheiden sich jedoch von jenen, die
sich mit den Grenzen staatlicher Gewalt befassen, die am zweckmäßigsten
von Fachleuten zu staatlicher Struktur und Gesetzen zu führen sind.
Um zur Erklärung zurückzukehren:
Sie wurde vor dem Höhepunkt der Welle
der Dekolonialisierung verabschiedet.
Sie wurde verabschiedet, als die
Mehrheit der Stimmen in den Vereinten
Nationen von den Ländern Süd-, West-

und Nordeuropas sowie des amerikanischen Kontinents abgegeben wurde.
Und, wie ich schon festgestellt habe,
spiegelte der Text die Vorstellungen
vom Staat und von den Rechten des
Einzelnen wider, die sich schon zweihundert Jahre zuvor in Westeuropa und
Nordamerika
herauszukristallisieren
begonnen hatten.
Aber bedeutet die Tatsache, daß
Menschen französischer und englischer
Herkunft die führende Rolle bei der
Formulierung des Konzepts der Freiheit des Einzelnen - und des Staates
als Diener anstatt als Herr des Bürgers - spielten, daß sie nur für
Franzosen und Engländer und deren
Nachfahren in Nordamerika sprachen?

Könnte es nicht vielmehr so sein, daß
sie Prinzipien des Staatswesens von
universeller
Gültigkeit
erkannten,
daß sie eine Sprache sprachen, die an
die Logik und die innersten Sehnsüchte aller Männer und Frauen jeglicher
kultureller Strömung appellierte?
Wie ich schon feststellte, waren
zu jener Zeit, als die Schriftsteller
und Denker der Aufklärung ihre Gedanken zu Papier brachten, die Erfahrungen ihrer Gesellschaften mit den Konzepten, die diese zu erklären versuchten, entweder begrenzt oder nicht
vorhanden.
Ich behaupte, daß das,
was die Denker der Aufklärung taten
und was auch die Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
anstrebten darin bestand, eine Reihe
von Idealen zu formulieren, allgemeingültige
Ideale der Begrenzung
staatlicher Gewalt, eine Reihe erstrebenswerter Ziele und vor allem,
die Achtung vor dem Menschen als
einem von Gott geschaffenem Wesen und
ein Leben frei von Furcht zu garantieren.
Von manchen wird behauptet, daß
ein Festhalten an den Prinzipien der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein Luxus sei, den sich die
reichen Industriegesellschaften leisten können, der jedoch in Staaten,
die sich zunächst auf die grundlegenden Elemente der Aufrechterhaltung
eines minimalen Lebensstandards konzentrieren, nicht funktioniert. "Wir
können uns nicht den Kopf über Pressefreiheit zerbrechen, wenn Menschen
verhungern," lautet ein häufig vernommener Kommentar.
Dem läßt sich einiges entgegenhalten.
Erstens schlugen die Vorstellungen von der Freiheit des Einzelnen, über die wir heute sprechen,
in Ländern wie dem meinigen zu einer
Zeit Wurzeln, die vorwiegend von der
Landwirtschaft geprägt war und in der
die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nach heutigen Begriffen
"arm" war. Tatsächlich wurden diese
Vorstellungen am hartnäckigsten in
jenen Regionen des Landes vertreten,

�die fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt und fast ausschließlich "arm" waren.
Und was die Pressefreiheit und
den Bedarf an Nahrungsmitteln anbelangt: Wir sollten uns überlegen, ob
Länder, in denen Menschen hungern,
den verhängnisvollen politischen Maßnahmen im Agrarbereich gefolgt wären,
die zu einer drastischen Verringerung
der Nahrungsmittelproduktion führten,
wenn sie eine freie Presse gehabt
hätten, eine Presse, die höchstwahrscheinlich diese Maßnahmen kritisiert
und die unvermeidlichen Konsequenzen
solch tiefgreifender politischer Fehler aufgezeigt hätte.
Lassen Sie uns nun einige der
Einzelbestimmungen
der
Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte betrachten. Wir sollten uns fragen, ob diese wirklich das exklusive Eigentum
einer einzigen Zivilisation sind oder
als allgemein gültig angesehen werden
sollten.
Was sollen wir von dem
Prinzip halten, daß jeder "das Recht
auf Leben, Freiheit und Sicherheit
der Person hat?" Was sollen wir von
dem Verbot der Sklaverei, der Folter
sowie grausamer, unmenschlicher und
entwürdigender Behandlung oder Bestrafung halten?
Und was von der
Vorstellung, daß alle vor dem Gesetz
gleich sind und ohne Diskriminierung
Anspruch auf Gleichbehandlung vor dem
Gesetz haben? Und wie ist es mit der
Vorschrift gegen willkürliche Eingriffe in Privatleben, Familie, Wohnung oder Schriftverkehr eines Menschen?
Und wie mit dem Recht auf
Freizügigkeit innerhalb eines Landes
und über Staatsgrenzen hinweg? Und
wie mit der Gedanken-, Gewissens- und
Religionsfreiheit sowie mit der Redefreiheit? Und wie - als letztes mit dem Recht, die Regierung in freien Wahlen zu wählen?
Ist es nicht
eine wahrhaft verabscheuungswürdige
Art von Rassismus, die Auffassung zu
vertreten, dies sollten allein die
Ziele der westlichen Zivilisation
sein, ohne Einfluß oder Relevanz für
den Rest der Welt?

-5

Wir sollten uns deshalb wirklich
Gedanken machen, was wir alle als Angehörige der menschlichen Rasse gemeinsam haben; wie wir uns am besten
organisieren können, um zusammen zu
arbeiten und die Probleme zu lösen,
vor denen unsere Gemeinschaften und
unsere Gesellschaften stehen und wie
wir es am besten anstellen können,
uns selbst zu regieren. Wir sollten
uns vor Augen halten, daß wir bei der
Benutzung des Rades, beim Rechnen mit
arabischen Ziffern, beim Einschalten
einer Lampe, um uns Licht zu geben,
bei der Verabreichung von Penicillin
zur Heilung Kranker uns nicht damit
aufhalten, zu fragen, welche Kultur
den Erfinder oder Entdecker hervorgebracht hat. Das gleiche sollte auch
für die weltweite Anwendung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
gelten.

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

^

14. September 1988

33

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE HALTUNG DER KANDIDATEN ZU VERTEIDIGUNGSFRAGEN
Eine Übersicht von Erklärungen zu den jeweiligen Positionen -

WASHINGTON - (AD) - Was das Thema
Verteidigung angeht, so sind sich die
beiden Präsidentschaftskandidaten der
großen Parteien in einem Punkt einig
- daß eine starke Verteidigung für
die Sicherheit der Nation unerläßlich
ist.
Scharfe Unterschiede bestehen jedoch zur Strategie und zur Verwendung
von Mitteln für die Verteidigung.
Dem Gouverneur von Massachussetts, Michael Dukakis, zufolge möchte dessen republikanischer Gegenspieler jedes irgend denkbare Waffensystem weiterentwickeln und beschaffen.
Sein Kommentar: "Man kann nicht alles haben, weder, wenn man es ernst
mit der Bereitstellung der für unsere
konventionellen Streitkräfte erfor-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

derlichen Mittel meint, noch, wenn
man ernsthaft die Reduzierung des
Haushaltsdefizits anstrebt."
Vizepräsident George Bush nimmt
seinen demokratischen Opponenten mit
dessen Vorstellungen zu den Verteidigungsausgaben beim Wort: "Es ist naiv, zu denken, wenn man selbst kein
Geld für Verteidigung ausgibt, dann
würde der Gegner es auch nicht tun,"
erklärt er. Unter Hinweis auf die
anhaltende Modernisierung der sowjetischen Streitkräfte vertritt der Vizepräsident die Auffassung, die Unterschiede zwischen Bush und Dukakis
zu Fragen der nationalen Sicherheit
der Vereinigten Staaten seien "groß
und tiefgreifend".
Nachfolgend

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stellen

wir

einige

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Telex: 8-85432

�Positionen der Kandidaten zu Fragen
der Verteidigung gegenüber:
Ausgabenpolitik
Dukakis: "Wir müssen unsere Mittel für die Verteidigung dort
einsetzen, wo der Bedarf am größten ist, wir müssen diese Mittel
zur Beschaffung von Waffen verwenden, die funktionieren, und
wir müssen diese Mittel so verwalten, daß sie unsere Streitkräfte stärken, und nicht, um die
Taschen betrügerischer RUstungsunternehmen zu füllen."
Bush:
"Wir geben heute sechs
Prozent unseres Bruttosozialprodukts für die Verteidigung aus;
das sind 25 Prozent weniger als
zu Zeiten Eisenhowers und Kennedys. Wir müssen den Bewilligungsprozeß im Kongreß verbessern
und die Mittelvergabe auf eine
stabilere Grundlage stellen. Der
Kongreß muß bereit sein, unsere
strategischen Programme beständig
und langfristig zu unterstützen."
Chemische Waffen
Dukakis: "Wir müssen die Unterstützung möglichst vieler Staaten
für die Bemühungen zum Verbot von
Giftgas und die Verhängung harter
Sanktionen gegen jedes Land gewinnen, das so dumm und brutal
ist, diese Waffen gegen Menschen
einzusetzen."
Bush:
"Ich werde chemische und
biologische Waffen von dieser
Welt tilgen."

Reagan-Administration
begonnen
Ausbau der Marine auf 600 Schiffe
und tritt für die Beibehaltung
des gegenwärtigen Umfangs der
Flugzeugträgereinsatzverbände ein.
Strategische
(SDI)

Verteidigungsinitiative

Dukakis:
"Wir
brauchen
SDI
nicht; wir brauchen CDI.
Wir
sollten die von den führenden Politikern im Kongreß eingeleitete
Konventionelle
Verteidigungsinitiative weiterverfolgen, um mit
dem Einsatz moderner Technologien
die Herausforderung zu bewältigen, einen konventionellen Krieg
führen - und gewinnen - zu können." Er würde die Mittel für
das SDI-Forschungsprogramm einschneidend kürzen.
Bush: Ein energischer Befürworter des Programms der Reagan-Administration, der die Auffassung
vertritt, ein ausgefeiltes SDI
würde "Waffen anstatt Menschen
gefährden" und "die Gefahr eines
Angriffs aus Versehen reduzieren".
Er würde auf "intensive
Forschung" drängen, um herauszufinden, ob eine SDI-Verteidigung
funktioniert, und er würde SDI
stationieren, "wenn es funktioniert".
START-Verhandlungen
Beide Kandidaten treten für den
in den START-Verhandlungen angestrebten 50prozentigen Abbau der
strategischen Waffen ein.
Atomwaffensperrvertrag

Ausbau der Marine
Dukakis:
Befürwortet eine Verringerung der Marine und die Ausserdienststellung
zweier
Flugzeugträgergruppen.
Er
spricht
sich gegen die kurzfristige Ausweitung der US-Marinepräsenz im
Persischen Golf aus.

Dukakis:
"Wir müssen alles in
unserer Macht Stehende tun, um
der Verbreitung von Kernwaffen
Einhalt zu gebieten." Er hat zu
verstehen gegeben, daß es aufgrund dieses Themas zu einer Einschränkung amerikanischer Hilfen
für Pakistan kommen könnte.

Bush:

Bush:

Unterstützte den von der

"Die Ära der Verbreitung

�von Atomwaffen muß aufhören,"
sagt er und fügt hinzu, es sei
"unsere moralische Verpflichtung,
alles menschenmögliche zu tun, um
nukleare Erpressung durch Verrückte wie Gadhafi in Libyen oder
Chomeini im Iran auszuschließen.
Er würde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um "Islamabad und Neu
Delhi zu einem bilateralen Abkommen zu bewegen," das die weitere
Entwicklung von Atomwaffen in den
beiden Ländern "nachprüfbar einschränken" würde.
Landgestützte
ten (ICBM)

len, daß die Vereinigten Staaten
ihre Führungsposition im Weltraum
wiedererlangen.
Bush
zufolge
sind die Sowjets "seit Jahren aktiv bemüht, die militärische Vorherrschaft im Weltraum zu erringen," und es sei verhängnisvoll,
wenn Amerikaner "naive Ansichten
über diese Bedrohung hätten."
Truppen in Europa
Keiner der beiden Kandidaten würde amerikanische Truppen aus Europa abziehen.

InterkontinentalrakeDer Nahe Osten
Dukakis: Die Vereinigten Staaten
müssen ihre fortdauernde Verpflichtung zur "Stärke, Sicherheit und Verteidigung des Staates
Israel" erneuern.
Dukakis fügt
hinzu:
"Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, dem Nahen
Osten bleibenden Frieden zu bringen, der Israel sichere Grenzen
und genauso dem palestinensischen
Volk eine Zukunft garantiert."

Dukakis: Mit den Argumenten, die
Vereinigten Staaten sollten die
Zahl der Interkontinentalraketen
mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRV)
einzuschränken versuchen und weil
die kleineren Interkontinentalraketen zu teuer seien, befürwortet
er weder das MXnoch das Midgetman
ICBM-Programm. Er hat jedoch die
Möglichkeit einer neuen Interkontinentalrakete als Alternative zu
den beiden anderen Programmen
nicht ausgeschlossen.
Bush: Er ist der Auffassung, daß
der ' Peacekeeper' und die 'Midgetman'
unbedingt
erforderlich
sind, um eine glaubwürdige Abschreckung der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Wörtlich
fügt er hinzu: "Meines Erachtens
müssen wir sie beide am Leben
halten."

Bush:
"Israel bleibt das Bollwerk der Demokratie im Nahen
Osten, ein treuer Verbündeter,
ein Wirtschaftspartner und ein
Licht der Hoffnung. Wir werden
sein Volk niemals im Stich lassen."
Der Persische Golf

Der Weltraum

t

Dukakis:
Er
befürwortet
die
Gründung eines Weltraumrates und
würde
seinen
Vizepräsidentschaftskandidaten zu dessen Vorsitzenden ernennen. Er betrachtet die Entwicklung einer ständig
bemannten Raumstation als "eine
unserer wichtigsten Prioritäten."
Bush:
Er unterstützt das Programm einer amerikanischen Weltraumstation. Er will sicherstel- 3 -

Dukakis: Er trat nicht für die
amerikanische Politik der Umflaggung kuwaitischer
Öltanker im
Persischen Golf ein und wollte
keine
einseitig
durchgeführte
Verlegung der amerikanischen Marine in den Golf. Er war gegen
jede wahrnehmbare Parteinahme für
den Irak, und verwies dabei auf
das irakische Regime als Kriegsauslöser, auf dessen Angriffe gegen ausländische Öltanker und den
versehentlichen Angriff gegen die
•U.S.S. Stark' im Jahr 1987.
Bush:

Er unterstützt die ameri-

�kanische Golfpolitik der freien
Schiffahrt in internationalen Gewässern und die Resolution der
Vereinten Nationen zur Beendigung
des Krieges. Er unterstützte das
Programm zur Umflaggung der Tanker und wies darauf hin, daß die
Vereinigten Staaten Marineaktivitäten im Golf ergreifen mußten,
um multilateralen Verpflichtungen
für die Region den Weg zu ebnen.
"Da wir uns an die Spitze gestellt haben, unterstützen uns
derzeit fünf europäische Marineverbände beim Abbau der Bedrohung
für die Schiffahrt. Hätten wir
uns nicht an die Spitze gestellt,
wären Ohnmacht und Rückzug die
Folge gewesen," fügt er hinzu.
Lateinamerika und die Karibik
Dukakis:
Er hat Einheiten der
Nationalgarde in seinem Heimatstaat die Genehmigung verweigert,
an Übungen in Panama oder Honduras teilzunehmen, weil er unbeirrbar gegen eine Unterstützung
für die nicaraguanischen antisandinistischen
Widerstandskämpfer, die Contras, eintrat. Die
amerikanische
Entscheidung,
in
Grenada einzumarschieren, hat er
ebenfalls kritisiert.
Bush: Unterstützt Hilfe für die
Contras und andere Freiheitskämpfer in der ganzen Welt. Er war
für die Bemühungen, Versuche der
Kubaner zu unterbinden, "die winzige Insel Grenada zu zersetzen".

* * * * *

-4

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

14. September 1988

33

GALAKTOSÄMIE:

FEHLERHAFTES GEN KLONIERT

Ein wichtiger Schritt auf dem weiten Weg zur Gentherapie

(AD) - Seitdem Jürgen Reichardt,
ein Doktorand am Institut von Nobelpreisträger Dr. Paul Berg (Stanford
University, Kalifornien), in der amerikanischen Fachzeitschrift "Molecular Biology and Medicine" die Ergebnisse seiner dreijährigen Suche nach
jenem Gen veröffentlichte, das für
die
Stoffwechselstörung
"Galaktosämie" verantwortlich ist, steht das
Telefon nicht mehr still. Kollegen
aus dem Inund Ausland wollen mit ihm
sprechen.
Mit Briefen melden sich
viele Eltern von Kindern, die an der
Krankheit leiden, um ihm für seine
gründliche Ursachenforschung zu danken.
"Vielleicht ist doch noch zu
Lebzeiten unseres Sohnes - jetzt vier
Monate alt - auf eine Heilung zu hoffen", schrieb ein Ehepaar aus Texas.

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Reichardt ist es gelungen, das
Gen zu isolieren und zu klonieren
(d.h., auf gentechnischem Wege zu
vermehren), das normalerweise für die
Produktion des Enzyms Galaktose-1Phosphat-Uridyltransferase
zuständig
ist. Bei Galakosämie, einer rezessiv
vererbbaren
StoffWechselstörung,
fehlt das Enzym, so daß der Metabolit
Galaktose
nicht
umgesetzt
werden
kann. Zu große Mengen davon verbleiben im Blut und werden mit dem Urin
ausgeschieden. Man spricht auch von
"Galaktosediabetes".
Galaktose ist ein Bestandteil von
Laktose, die als Hydrat (Anlagerung
von Wassermolekülen) unter der Bezeichnung Milchzucker bekannt ist.
In Verbindung mit Glukose und einem
weiteren Molekül bildet dieses Disac-

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�charid ein spezifisches Produkt der
Milchdrüsen.
Zwar ist schon seit
vielen Jahren bekannt, daß der erwähnte Enzymmangel die Ursache für
die Unverträglichkeit von Muttermilch
oder Kuhmilch und deren Produkten bei
manchen Säuglingen und Kleinkindern
ist. Galaktit bzw. Galaktose-1-Phosphat kann nicht abgebaut werden und
staut sich vor allem in der Leber und
im Gehirn. Schon bald nach der Geburt verweigern diese Babies die herkömmliche Nahrung. Ständiges Erbrechen und Gelbsucht sind erste Anzeichen der Stoffwechselkrankheit.

netisch aufgepfropft wurde, um ihren
Verlauf im Detail zu erforschen. So
beabsichtigt Reichardt zunächst einen
Gen-Austausch bei ursprünglich gesunden Mäusen mit dem Enzymmangel-Gen,
um an diesen Tieren die Gewebeveränderungen bis hin zu molekularen Vorgängen zu studieren. "Meine Hoffnung
ist, daß wir dann endlich herausfinden, warum die Probleme infolge des
Anstauens der Stoffe auftreten, von
denen die Galaktosämie-Symptome verursacht werden," meint der Biochemiker. Dann erst könne man Strategien
entwickeln, um den Problemen von
Grund auf entgegenzuwirken.

Für Säuglinge wurde eine spezielle milchfreie Nahrung aus Sojamehl,
Olivenöl, Reismehl und Calciumphosphat entwickelt.
Denn eine sofort
einsetzende und während der ersten
Lebensjahre konsequent weitergeführte
Diät kann schwere gesundheitliche
Schädigungen verhindern.
Zu diesen
zählen in erster Linie chronische Erkrankungen
der
Leber,
Anämie,
Schwachsinn und Trübung der Augenlinsen.
In manchen Fällen wird beim
Kleinkind anhand dieses dem Grauen
Star ähnlichen Symptoms der Enzymmangel überhaupt erst erkannt. Unter
günstigen Umständen ist jedoch die
Linsentrübung durch Diät noch rückgängig zu machen, lassen sich weitere
Gesundheitsschäden abwenden oder zumindest mildern.

Die Isolierung des Gens gibt den
Biochemikern außerdem die Möglichkeit, seine verschiedenen Mutationsformen zu analysieren.
Denn der
Schweregrad der Erkrankung ist unterschiedlich, und das bedeutet, daß
auch in bezug auf die Genveränderungen, die zum Enzymmangel führten, Unterschiede vorhanden sind. Ein weiterer Grund für das Interesse der
Forscher an Galakosämie ist darin zu
sehen, daß mit dem Studium dieser
Krankheit vielleicht ein Weg zu einer
Gen-Therapie
erkennbar wird.
Von
Gen-Therapie wird zwar viel geredet,
aber es ist noch nicht gelungen, defekte Gene durch gesunde zu ersetzen.

Die Häufigkeit von Galaktosämie
ist regional unterschiedlich. In den
Vereinigten Staaten tritt ein Fall
unter ca. 50 000 Einwohnern auf.
Weshalb sich aber die Medizin bisher
mit der Behandlung von Galaktosämie
relativ schwer tat, ist darauf zurückzuführen, daß die Krankheit nicht
am Tiermodell studiert werden konnte
und man die Prozesse zum Teil nicht
verstand, die die verschiedenartigen
Schädigungen - bei Frauen beispielsweise Funktionsstörungen der Eierstöcke - verursachten.
Dank der Arbeitsergebnisse von
Jürgen Reichardt eröffnet sich jetzt
aber ein Weg, Versuche mit Tieren zu
unternehmen, denen die Krankheit ge- 2 -

* * * * *

\

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