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                  <text>AMERIKA DIENST
'VoN

4

13. J u l i 1988

27

INHALT
DOKUMENTATION
Burt; Vereinigte Staaten unterstützen europäischen Binnenmarkt
- Ansprache bei Grundsteinlegung für Frankfurter Messeturm -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die amerikanische Präsenz im Persischen Golf
- Chronologie der Ereignisse in den letzten zwei Jahren DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Dukaki8 Entscheidung für Bentsen schafft Ausgewogenheit
- Kurzbiographie des Vizepräsidentschaftskandidaten Lloyd Bentsen
Dukakis wählt Bentsen als Kandidat für die Vizepräsidentschaft
- Senator aus Texas -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Warnzeichen; Ökologische Krisen
- Rücksichtsloser Technikgebrauch kommt uns teuer zu stehen

Hinweis: Wir bitten unsere Leser um Verständnis, wenn der
AMERIKA DIENST während der Urlaubszeit nicht immer mit der
gewohnten Regelmäßigkeit erscheinen wird.
Ihre Redaktion

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�AMERIKA DIENST
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e

Dokumentation

13. Juli 1988

27

BURT:

VEREINIGTE STAATEN UNTERSTÜTZEN EUROPÄISCHEN BINNENMARKT

- Ansprache bei Grundsteinlegung für Frankfurter Messeturm FRANKFURT AM MAIN - (AD) - Botschafter Burt zufolge genießt das Streben
Europas nach Schaffung eines europäischen Binnenmarkts die energische Unterstützung der Vereinigten Staaten. "Die Europäische Gemeinschaft ist in unserem transatlantischen Beziehungsgeflecht ein wichtiger Partner," erklärte der
Botschafter, "und die Vereinigten Staaten unterstützen die europäischen Bemühungen zur Schaffung eines Binnenmarkts." In einer Ansprache anläßlich der
Grundsteinlegung für den neuen Messeturm in Frankfurt warnte Burt am 13. Juli
jedoch gleichzeitig vor Gefahren, die sich aus dem Bau einer "Festung Europa"
ergeben würden.
Die Rede des Botschafters hat folgenden Wortlaut (es gilt das gesprochene
Wort):

Es ist mir eine große Ehre und
ein Vergnügen, heute abend bei diesem
historischen Anlaß anwesend sein zu
können.
Ich sage historisch, weil
Handelsmessen in Deutschland eine
lange und reiche Tradition besitzen.
Am Schnittpunkt vieler bedeutender
europäischer Handelsrouten gelegen,
ist Deutschland seit langem ein beliebter Messeort.
In diesem Jahr
werden 92 internationale Messen hier
stattfinden.
Dies ist eine eindrucksvolle Bilanz.

Die durch die Aussicht auf einen
wirklich
ganz
Europa
umfassenden
Markt von Gütern und Dienstleistungen
geweckte Begeisterung hat sich in den
letzten Monaten dramatisch verstärkt.
Wie nie zuvor werden meine Gespräche
von "1992" beherrscht.

über die Bewahrung eines hervorragenden Rufes hinaus symbolisiert
dieser neue Messeturm die vielversprechende Zukunft des Handels in
Europa. Wenn ich dies sage, denke
ich an den europäischen Binnenmarkt
des Jahres 1992.

- Erstens, die amerikanische Sichtweise zum gemeinsamen Binnenmarkt;

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Heute abend möchte ich Ihnen meine Perspektiven zum europäischen Binnenmarkt des Jahres 1992 erläutern.
Sie konzentrieren sich auf vier wesentliche Punkte:

- zweitens, unsere Sorgen über möglicherweise verstärkten Protektionismus, der daraus erwachsen
könnte;

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�- drittens, die Notwendigkeit der
Beibehaltung eines multilateralen
Ansatzes zur Lösung wirtschaftlicher Probleme; und
- viertens und letztens, einige besondere politische Probleme, die
sich aus jüngsten Vorschlägen der
Europäischen Gemeinschaft ergeben.
Zunächst möchte ich mich der amerikanischen Haltung zum gemeinsamen
Binnenmarkt zuwenden. Das Europa des
Jahres 1992 wirft für die Vereinigten
Staaten und für das bilaterale Verständnis zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa wichtige Fragen
auf. Lassen Sie mich eines jedoch
klar zum Ausdruck bringen: Die Vereinigten Staaten unterstützen die europäischen Bemühungen zur Schaffung
eines Binnenmarkts.
Die Europäische Gemeinschaft ist
in unserem transatlantischen Beziehungsgeflecht ein wichtiger Partner ein Partner, den wir traditionell unterstützen. Diese Unterstützung besteht unverändert seit der Gründung
der Montanunion im Jahr 1951 über die
Unterzeichnung der Römischen Verträge
im Jahr 1957 bis zum kürzlichen Beitritt von Spanien und Portugal fort.
Der Binnenmarkt des Jahres 1992 ist
ein logischer nächster Schritt.
Die von den europäischen Staatsmännern der fünfziger Jahre bei der
Gründung der Europäischen Gemeinschaft verfolgten Ziele behalten auch
heute ihre Gültigkeit: für das wirtschaftliche Wohlergehen der Region zu
sorgen, die äußere Sicherheit zu garantieren und politische Stabilität
im Innern sicherzustellen. Trotz der
geringfügigen
Auseinandersetzungen,
die wir in der Vergangenheit zu bestimmten Themen hatten - und die wir
auch in Zukunft haben werden - sollte
man diese Gesamtperspektive im Gedächtnis behalten.
Ein stärkeres Europa dient unseren gemeinsamen Interessen, und die
Entwicklung des Binnenmarkts im Jahr
1992 wird erheblich dazu beitragen.

Der Gegensatz zu der noch vor einigen
Jahren
vorherrschenden
Einstellung
könnte schon jetzt nicht schärfer
sein. Vorbei ist das selbstzerstörerische Gerede von Europessimismus
und Eurosklerose. Statt dessen diskutieren Unternehmen und Regierungen
intensiv ihre Strategien zur Arbeit
auf dem größeren und dynamischeren
Markt der Zukunft.
Der Gedanke eines neuen Europas
im Jahr 1992 hat sich nicht nur bereits verfestigt, sondern es wurden
auch
schon
bedeutende
praktische
Fortschritte erzielt - insbesondere
in den vergangenen sechs Monaten.
Beim jüngsten Treffen des Europäischen Rats in Hannover wurde berichtet, daß über ein Drittel des Weißbuchs der EG-Kommission - der Fahrplan für 1992 - verabschiedet werden
konnte. Dazu gehören die vollständige Liberalisierung des Kapitalverkehrs, die gegenseitige Anerkennung
von Hochschuldiplomen, die Öffnung
des Versicherungsmarkts
sowie des
Markts im Straßen- und Lufttransportwesen.
Schon werden die nächsten
Prioritäten ins Auge gefaßt: die Deregulierung des öffentlichen Beschaffungswesens,
Unternehmensgesetzgebung, Steuerharmonisierung, Bankwesen
und andere Finanzdienstleistungen sowie Patente und Markenzeichen.
Schwierige Fragen und Probleme
sind noch zu lösen. Jedoch zeigen
die bis heute erzielten Fortschritte,
daß 1992 mehr als nur ein Traum ist es ist ein Ziel, das zu erreichen die
Europäer entschlossen sind. Und täuschen Sie sich nicht: wir unterstützen dieses Ziel.
Es gibt einige vordringliche Fragen bezüglich 1992, die von Amerikanern wie Europäern gleichermaßen erörtert werden müssen. Die Amerikaner
sind bestrebt, mehr über die Ziele
des Jahres 1992 und den Weg dorthin
in Erfahrung zu bringen. Im vergangenen Monat fand ein von der KonradAdenauer-Stiftung
veranstaltetes
Treffen zwischen deutschen und amerikanischen Regierungsvertretern statt.

- 2 -

�Die amerikanischen Teilnehmer brachten ihre Bedenken und auch Mißverständnisse über den Binnenmarkt zum
Ausdruck. Sie sprachen sogar von einer "Festung Europa".
Damit komme
ich zu meinem zweiten Punkt.
Die Entfaltung des europäischen
Binnenmarktes im Jahr 1992 bringt eine dynamischere Marktsituation mit
sich. Schwächere Unternehmen könnten
sich neuem und stärkerem Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen. Um den noch
stärkeren Konkurrenzdruck durch Unternehmen in Drittländern - insbesondere aus den Vereinigten Staaten und
Japan - abzuwenden, werden sie voraussichtlich um Schutz ersuchen.
Jedes neue Abenteuer birgt Risiken. Die Gefahr des Protektionismus
ist nicht neu. Aber Präsident Reagan
hat beispielhaft bewiesen, daß man
sich den Rufen nach Protektionismus
widersetzen kann. Und dies muß der
Fall sein - sowohl in den Vereinigten
Staaten als auch in Europa.
Was würde die "Festung Europa"
für die Europäer bedeuten? Ein isoliertes, schwächeres Europa, das gegenläufige Auswirkungen auf die politische und militärische Zusammenarbeit im Bündnis hätte. Wie ich bereits erwähnte, liegt ein stärkeres
Europa in unserem vorrangigen Interesse.
Eine "Festung Europa" würde vorwiegend den Europäern selbst schaden.
Sie würde ihren Bürgern die uneingeschränkte Nutzung der Vorteile versagen, die ihnen dank der zahlreichen
Opfer zustehen, die sie für die Verwirklichung eines tatsächlich ganz
Europa umfassenden Marktes erbringen.
Wachsende Kosten und Ineffizienz würden die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Firmen untergraben. Dies ist keine neue Lektion und sicherlich keine, die wiederholt
werden muß.
Um Verhaltensweisen nach dem Muster "Festung Europa" - oder Regionalismus jeglicher Art - zu vermeiden,

dürfen wir unseren traditionellen
multilateralen Ansatz bei der Lösung
von Wirtschaftsproblemen nicht bagatellisieren. Damit komme ich zu meinem dritten Punkt. Europas Weg ins
Jahr 1992 sollte unsere gemeinsamen
Bemühungen bei der gegenwärtig in
Genf
tagenden Uruguay-Runde nicht
überschatten. Diese Runde von Handelsgesprächen ist ein gigantisches
Unterfangen, um Disziplin in den Handel mit Agrarprodukten und Dienstleistungen, geistigem Eigentum und Investitionen zu bringen.
Tatsächlich
können die äußerst schwierigen Probleme im Agrarsektor nur im multilateralen
Kontext
gelöst
werden.
Dies ist ein Problem, für das wir alle gleichermaßen die Schuld tragen.
Daher müssen wir gemeinsam an seiner
Lösung arbeiten.
Während
multilaterale
Ansätze
nicht außer acht gelassen werden
sollten, können bilaterale und regionale Lösungen ein Mittel zur Stärkung
des weltweiten Handelssystems darstellen.
Das Schlußkommunique des
jüngsten Wirtschaftsgipfels in Toronto hätte in diesem Punkt nicht
präziser formuliert sein können:
"Wir begrüßen das Freihandelsabkommen zwischen Kanada und den
Vereinigten Staaten sowie die
stetigen Fortschritte in Richtung
auf das Ziel der Europäischen Gemeinschaft, den Binnenmarkt bis
1992 zu verwirklichen.
Unser
Grundsatz ist, daß diese Entwicklungen
gemeinsam
mit
anderen
Schritten zur Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern das offene,
multilaterale Handelssystem unterstützen und den von der Uruguay-Runde eingeleiteten Liberalisierungsprozeß
beschleunigen
sollten."
Das amerikanisch-kanadische Freihandelsabkommen ist hierfür ein einschlägiges Beispiel: wir bauen die
Handelsschranken
zwischen
unseren
beiden Ländern ab und errichten keine
neuen gegen andere Länder. Von ebensolcher Bedeutung ist, daß das ameri-

- 3 -

�kanisch-kanadische Abkommen das Allgemeine
Zoll- und
Handelsabkommen
(GATT) respektiert und darauf achtet,
die Erfolge des multilateralen Ansatzes nicht zu unterlaufen. Dank dieser
Bestrebungen
der
Vereinigten
Staaten und Kanadas werden neue Märkte eröffnet und ein Gegengewicht gegen Protektionismus und Investitionshemmnisse gebildet.

hat es vielleicht niemanden so sehr
überrascht - obwohl es schon enttäuschend war -, daß die von der EG-Kommission neu vorgelegten Richtlinien
für das Bankwesen eine Gegenseitigkeitsklausel für die Gründung von
Tochtergesellschaften einer Bank enthielten.
Entwicklungen auf diesem
Gebiet werden wir mit Interesse verfolgen.

Ich möchte mich jetzt zwei besonderen Themenkomplexen zuwenden, die
sich im Zusammenhang mit dem Jahr
1992 herausgebildet haben: der erste
ist die Politik der Gegenseitigkeit
und der zweite betrifft Fusionen und
Firmenübernahmen.

Gegenseitigkeit ist tatsächlich
ein Instrument des Bilateralerismus.
Wenn wir wirklich am Multilateralismus interessiert sind, ist eine nationale Behandlung - wobei Firmen und
Produkte aller Länder gleich behandelt werden - die einzig billige und
gerechte Politik, die das multilaterale System stärkt.
Die nationale
Behandlung ist der Kern des GATT-Systems, das dem Handelssystem in der
Nachkriegszeit so gute Dienste erwiesen hat.

Gegenseitigkeit bedeutete einmal,
Zugeständnisse gegen Vorteile aufzuwiegen - der Schlußstrich am Ende von
Verhandlungen. In den Handelsbeziehungen jedoch wurde Gegenseitigkeit
zur Regel. In seiner ausgeprägtesten
Form bedeutet dies: "Ich werde Dir
auf meinem Markt nur das erlauben,
was Du mir auf Deinem Markt gestattest."
Dies mag recht und billig klingen, ist es aber nicht.
Zwischen
zwei Ländern angewandt führt Gegenseitigkeit zu mehr - und nicht zu weniger - Protektionismus.
Kanada,
Norwegen und Schweden zum Beispiel
gestatten ausländischen Banken die
Niederlassung in ihren Ländern nur
als Tochtergesellschaft, nicht aber
als Filiale. Wenn andere Länder die
Politik der Gegenseitigkeit nun ebenfalls anwenden würden, wären die Filialen kanadischer, norwegischer und
schwedischer Banken gezwungen, ihren
Betrieb einzustellen. Daher beruhen
durch Gegenseitigkeit geförderte Normen nur auf dem kleinsten gemeinsamen
Nenner.
Bedauerlicherweise hat sich Gegenseitigkeit in der Finanzwelt recht
komfortabel eingenistet.
Einer Untersuchung der OECD von 1984 zufolge
wenden fast die Hälfte der 24 OECDMitgliedstaaten eine Art der Gegenseitigkeit im Bankwesen an. Daher

Das zweite Thema, an dem die Vereinigten Staaten interessiert sind,
ist die Politik gegenüber Fusionen
und Firmenaufkäufen. Meiner Meinung
nach bedeutet der Geist von 1992 flexiblere Märkte, auf denen ganz allgemein gesprochen Investitionsentscheidungen von finanzpolitischen Zielen
geleitet und nicht durch einzelstaatliche Erwägungen eingeschränkt werden.
Die Fähigkeit zur Fusion mit anderen Firmen in dieser Region wird
für europäische Unternehmen ein entscheidener Faktor im Hinblick auf die
Frage sein, ob der neue Gedanke des
europäischen Binnenmarkts alte Vorurteile überwunden hat. Vorschläge auf
diesem Gebiet befinden sich noch im
Frühstadium. Ich möchte unsere Position aber schon zu Beginn der Diskussion deutlich machen.
Aus unserer
Sicht sollten die Rechte von Firmen
aus Drittländern bei der Fusion mit
oder Übernahme von europäischen Firmen nicht eingeschränkt werden. Fusionen und Übernahmen, die den Wettbewerb nicht einschränken, sind der
Lebensnerv eines gut funktionierenden
Marktes.

�Wie Sie sicherlich wissen, haben
wir in den Vereinigten Staaten erfolgreich jene Zusatzartikel aus dem
Handelsgesetz gestrichen, die - wenn
auch nur in bescheidenem Maße - bestehende Rechte ausländischer Firmen
zum Erwerb von amerikanischen Unternehmen eingeschränkt hätten. Unsere
Botschaft ist klar: offenere - und
nicht geschlossenere - Märkte sind
der Schlüssel zu gesünderen Volkswirtschaften und einer Stärkung der
freien Welt.
Abschließend möchte ich nochmals
betonen, daß der gemeinsame europäische Binnenmarkt europäischen und
ausländischen Firmen enorme Möglichkeiten und Chancen eröffnet.
Neue
Investitionsentscheidungen
und Marketingstrategien werden schon
heute eingeleitet.
Die Zusammenarbeit zwischen Tishman-Speyer, Citicorp und der Frankfurter Messe- und
Ausstellungs-GmbH bei der Durchführung dieses ehrgeizigen Bauvorhabens
ist in der Tat ein Beispiel für die
jetzt entstehenden Geschäftsbeziehungen und Chancen.
•
Die Furcht vor Wettbewerb und
Protektionismus, vor einer "Festungsmentalität", wird durch die Unsicherheit über derzeitige und noch vor uns
liegende
Veränderungen
ausgelöst.
Vor 25 Jahren hat Präsident Kennedy
in genau dieser Stadt festgestellt:
"Veränderung ist das Gesetz des Lebens. Und diejenigen, die nur in die
Vergangenheit schauen oder die Gegenwart betrachten, werden die Zukunft
ganz bestimmt verpassen."
Diese Worte haben eine besondere
Bedeutung für all jene, die mit der
Gestaltung des Europas der neunziger
Jahre befaßt sind. Ganz sicher werden diejenigen, die an der heutigen
Grundsteinlegung zu jenem innovativen
Bauvorhaben beteiligt sind, die Zukunft nicht verpassen.
* * * * * *

- 5 -

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

'VON**

13. Juni 1988

27

DIE AMERIKANISCHE PRÄSENZ IM PERSISCHEN GOLF
- Chronologie der Ereignisse in den letzten zwei Jahren -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Chronologie zum
Engagement der Vereinigten Staaten im Golf, die den Zeitraum der vergangenen
zwei Jahre abdeckt.

1986
12. Mai
Ein amerikanischer Zerstörer verwarnt eine iranische Fregatte bei ihrem offensichtlichen Versuch, das
amerikanische Handelsschiff "President McKinley" im Golf von Oman abzufangen. Dem Verteidigungsministerium
zufolge leisten die Iraner der Aufforderung Folge, "die freie Durchfahrt des Schiffes zu gewährleisten",
und drohen keine Kampfhandlungen an.
16. November
Kuwait
informiert die anderen
Mitglieder des Rates für die Zusammenarbeit im Golf, der sich aus einer
Gruppe arabischer Staaten zusammen-

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Embassy of the United States of America

setzt, über seine Bestrebungen um internationale Hilfe für seine Schiffe
im Golf. Die Bitte erfolgt nach einem verstärkten Angriff des Iran auf
Schiffe unter kuwaitischer Flagge und
Schiffe auf der Reise von und nach
Kuwait.

1987
13. Januar
Kuwait richtet die Anfrage an die
Botschaft der Vereinigten Staaten, ob
seine Schiffe bei einer Registrierung
unter amerikanischer Flagge unter den
Schutz der US-Navy gestellt würden.
29. Januar

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Präsident Reagan bekräftigt sein
Engagement
für
freien
Öltranport
durch die Straße von Hormus und gestattet Kuwait die Umflaggung seiner
Schiffe, sofern diese amerikanischen
Vorschriften entsprechend ausgerüstet
sind.
6. Februar
Die Vereinigten Staaten bestätigen Kuwait gegenüber, die amerikanische Marine würde alle Schiffe unter amerikanischer Flagge im höchstmöglichen Ausmaß und mit allen verfügbaren Mitteln zu unterstützen.
2. März

Iran greift innerhalb von acht
Tagen einen dritten Tanker mit dem
Bestimmungshafen Kuwait an und warnt
Kuwait vor der Inanspruchnahme amerikanischen Schutzes.
17. Mai
Die
amerikanische
Fregatte
"Stark" wird von zwei Raketen eines
irakischen Kampfflugzeuges getroffen.
Dabei werden 37 Besatzungsmitglieder
getötet. Der Irak entschuldigt sich
für das "Versagen des Piloten", aber
Außenminister Shultz erklärt, der
Zwischenfall "demonstriert die Härte
des Krieges zwischen Iran und Irak,
nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für andere Länder".

Eine kuwaitische Reederei ersucht
darum, sechs Handelsschiffe umflaggen
zu dürfen.
7. März
Die Vereinigten Staaten bieten
elf kuwaitischen Tankern Schutz an.
Die Entscheidung zur Umflaggung der
Tanker wird von Präsident Reagan nach
Konsultatonen mit dem Verteidigungsminister, dem Marineminister, dem Nationalen Sicherheitsberater und anderen Regierungsvertretern getroffen.
10. März
Kuwait erklärt, das amerikanische
Angebot zu seinem Schutz annehmen zu
wollen.
4. April
Verteidigungsminister
Caspar
Weinberger verfügt eine stärkere Präsenz der Marine im Golf.

18. Mai
Präsident Reagan beruft eine Zusammenkunft der Planungsgruppe zur
nationalen Sicherheit (NSPG) ein, um
die Gesamtlage im Golf zu überprüfen
und bekräftigt das Engagement der
Vereinigten Staaten zur "Unterstützung der Selbstverteidigung unserer
Freunde im Golf und Gewährleistung
des freien Öltransports in der Straße
von Hormus".
Nach dem Treffen der NSPG veröffentlicht das Weiße Haus eine Erklärung, derzufolge Präsident Reagan für
die amerikanischen Schiffe im Golf
erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet
hat. Die Erklärung enthält die Warnung: "Im Zustand erhöhter Alarmbereitschaft werden die Flugzeuge jedes
Landes (Iran und Irak) beschossen,
die sich in offensichtlich feindlicher Absicht nähern, bis sie uns von
ihren Absichten in angemessener Form
in Kenntnis setzen".

14. April
21. Mai
Die Sowjetunion erklärt, Kuwait
drei Tanker zum Öltransport durch den
Persischen Golf überlassen zu wollen
und damit die Möglichkeit zu erhöhen,
daß sowjetische Kriegsschiffe diese
begleiten.

Die
amerikanische
Küstenwache
veröffentlicht eine Entbindung vom
amerikanischen Seerecht, um die zügige Umflaggung kuwaitischer Tanker unter amerikanische Flagge sicherzustellen.

11. Mai
_ 2 -

�29. Juli

16. Juni
Wie aus Berichten des Verteidigungsministeriums an den Kongreß zu
entnehmen ist, operieren amerikanischen Seestreitkräfte, die den Begleitschutz der Handelsschiffe im
Golf sichern, nach extrem verschärften Einsatzrichtlinien. Diese neuen
Bestimmungen sind dem Pentagon zufolge seit dem Angriff auf die "Stark"
in Kraft. Gleichzeitig verlautet aus
Schiffahrtskreisen, daß die Iraner
den Golf verminen.
30. Juni
Präsident Reagan erklärt - unbeeinflußt durch die Einwände des Kongresses - daß die Vereinigten Staaten
weiterhin die Absicht haben, Tankern
im Golf Begleitschutz zu gewähren.
Hochrangige Regierungsvertreter erklären auf einer Pressekonferenz des
Weißen Hauses gegenüber Journalisten,
daß es trotz des erheblichen Risikos
weit risikoreicher ist, nichts zu tun.
1. Juli

Der Regierung zufolge hat das
Verteidigungsministerium
acht
Hubschrauber in den Golf beordert, um
die Minen zu suchen und zu entschärfen.
10. August
Ein
amerikanischer
Supertanker
wird unmittelbar außerhalb des Golfs
von Minen getroffen. Großbritannien
und Frankreich entsenden Minensuchboote und Versorgungsschiffe in die
Region.
20. August
Der Iran bekennt sich zur Verlegung von Minen "zur Verteidigung unseres
Kiistenstreifens".
"Solange
sich ausländische
Streitkräfte im
Golf befinden, ist der Einsatz solcher Mittel zur Blockierung des Zugangs
nur
verständlich",
erklärt
Kamal Kharazi, Sprecher ces iranischen
Obersten
Verteidigungsrats
und Leiter des Kriegsinformationszentrums dieser Behörde.

Berichten zufolge finden amerikanische Einheiten auf den Schiffahrtsrouten im Golf zwölf Minen.
21. Juli
Gemäß dem Abkommen mit den Vereinigten Staaten werden zwei kuwaitische Öltanker umgeflaggt.
Ihre
arabischen Namen werden in "Gas
Prince" und "Bridgeton" geändert.
22. Juli
Die erste Flotte amerikanischer
Kriegsschiffe und umgeflaggter kuwaitischer Öltanker erreicht den Persischen Golf.
24. Juli
Einer
der
von
amerikanischen
Schiffen
eskortierten
kuwaitischen
Tanker, die "Bridgeton", läuft in der
Nähe der Insel Farsi auf eine Mine.

15. September
Drei italienische Minensuchboote
und Unterstützungsschiffe kommen den
amerikanischen, britischen und französischen Schiffen bei der Minenräumung der Gewässer zu Hilfe. Eine Woche später beteiligen sich auch zwei
holländische Minenjagd- und zwei belgische Minensuchboote an der Aktion.
Die europäischen Regierungen erklären, individuell und nicht als Teil
der vereinigten Streitkräfte unter
amerikanischem Kommando operieren zu
wollen.
21. September
Ein amerikanicher Kampfhubschrauber nimmt einen iranischen MLnenleger
im Golf unter Beschuß; Berichten zufolge werden fünf Iraner getötet und
26 gefangengenommen. Das Weiße Haus
erklärt, die in internationalen Ge-

- 3 -

�wässern 80 Kilometer nordöstlich von
Bahrain gelegten Minen bedeuteten eine "Provokation", die "eine unmittelbare Bedrohung" für amerikanische und
andere Schiffe darstelle.
"Die Aktionen der Streitkräfte
der Vereinigten Staaten wurden in
Ausübung unseres Rechts auf Selbstverteidigung gemäß Artikel 51 der
Charta der Vereinten Nationen durchgeführt", stellt Präsident Reagan in
einem Brief an die Parteivorsitzenden
im Kongreß fest und fügt hinzu, "Minenverlegen auf hoher See ohne vorherige Benachrichtigung und in einem
Gebiet mit Schiffahrtsbeschränkungen
ist ungesetzlich und bedroht ernsthaft die weltweite öffentliche Ordnung sowie die Sicherheit der internationalen Handelsschiffahrt".
8. Oktober
Amerikanische
Kampfhubschrauber
versenken drei iranische Patrouillenboote, nachdem ein amerikanischer Beobachtungshubschrauber unter Beschuß
genommen wurde.
15. Oktober
Eine vermutlich in China hergestellte iranische Rakete des Typs
Seidenraupe
setzt
einen
amerikanischen Tanker in kuweitischen Gewässern in Brand und verursacht umfangreiche Schäden, es wird jedoch niemand verwundet.
16. Oktober
Ein kuwaitischer Tanker wird von
einer iranischen Rakete des Typs Seidenraupe getroffen.

die Bohrinsel sei für Angriffe auf
die zivile Schiffahrt genutzt worden
und die militärische Reaktion darauf
habe in "der gesetzmäßigen Ausübung
des in Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen verankerten Rechts
auf Selbstverteidigung" bestanden.
"Die Vereinigten Staaten wünschen
keine militärische Konfrontation mit
dem Iran", erklärt der Präsident,
"aber die iranische Regierung sollte
sich keine Illusionen über unsere
Entschlossenheit und Fähigkeit machen, unsere Schiffe und unsere Interessen vor nicht provozierten Angriffen zu schützen."
12. Dezember
Amerikanische Streitkräfte retten
28 Menschen von einem Tanker, der von
einem iranischen Schiff in Brand gesetzt wurde.

1988
12. Januar
Verteidigungsminister
Carlucci,
der über seine jüngste Reise in den
Golf Bericht erstattet, stellt in einem Fernsehinterview fest, daß die
Vereinigten Staaten "keineswegs die
Absicht zu einer Änderung ihrer Politik" in der Region haben und fügt
hinzu:
"Die Iraner sind sich der
Tatsache sehr wohl bewußt, daß wir im
Falle eines iranischen Angriffs bereit sind, uns zu verteidigen, daß
wir die Fähigkeit haben, uns zu verteidigen, und daß wir zu einem Vergeltungschlag ausholen werden."
17. Februar

19. Oktober
Als Vergeltung für die einige Tage zuvor erfolgten Angriffe auf die
Tanker
zerstören
amerikanische
Kriegsschiffe eine Bohrinsel vor der
Küste, die Berichten zufolge als
Stützpunkt für iranische Kanonenboote
dient.
In einer offiziellen Stellungnahme erklärt Präsident Reagan,

Die Vereinigten Staaten verringern die Zahl ihrer Schiffe im Golf
auf 28 Kriegsschiffe.
14. April
Die amerikanische Fregatte "USS
Samuel B. Roberts" läuft in internationalen Gewässern vor der Küste von

�Katar auf eine Mine; 10 Seeleute werden verwundet und das Schiff ernsthaft beschädigt.
In einem Schreiben an die Parteivorsitzenden im Kongreß erklärt Präsident Reagan, die amerikanischen
Streitkräfte blieben im Golf, um
Frieden und Stabilität in der Region
herbeizuführen und seien bereit "alle
erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sich, die Schiffe unter amerikanischer
Flagge sowie amerikanische Menschenleben zu schützen".
18. April
Amerikanische Kriegsschiffe zerstören zwei iranische Bohrinseln, die
vom Iran zu militärischen Zwecken genutzt wurden. Sechs iranische Schiffe werden kampfunfähig gemacht oder
versenkt. Der Angriff erfolgte auf
Anweisung von Präsident Reagan, der
die Parteivorsitzenden
von seiner
Entscheidung in Kenntnis setzte.

und ein zweites getroffen hatten.
Das Passagierflugzeug wurde Irrtümlich für ein F-14-Kampfflugzeug amerikanischer Bauart gehalten. Präsident Reagan und der Vorsitzende der
Vereinigten
Stabschefs,
Admiral
William J. Crowe Jr., bringen ihr
tiefes Bedauern über den Zwischenfall
zum Ausdruck.
5. Juli
In einem Schreiben an den Sprecher des Repräsentantenhauses und den
Senatspräsidenten pro tempore, stellt
Präsident Reagan fest, die amerikanische Aktion im Golf sei "im Einklang mit unserem verbrieften Recht
auf Selbstverteidigung" erfolgt. Er
wiederholt, die Vereinigten Staaten
bedauerten den tragischen Verlust an
Menschenleben zutiefst.

29. April
Präsident Reagan erteilt der Marine den Befehl, ihre Rolle im Golf
auszuweiten, um neutralen, nichtkommunistischen
Schiffen
ebensolchen
Schutz zu gewähren wie den Schiffen
unter amerikanischer Flagge.
2. Juli
Ein amerikanisches Kriegsschiff
reagiert auf den Notruf eines dänischen Supertankers, der von iranischen Kanonenbooten im Golf angegriffen wird und gibt einen Warnschuß ab.
3. Juli
Ein iranischer Airbus mit 290
Passagieren stürzt, von einer von der
"USS Vincennes" abgefeuerten Rakete
getroffen, über dem Golf ab. Es gibt
keine überlebenden.
Dem Verteidigungsministerium zufolge ist der Abschuß erfolgt, kurz nachdem ein amerikanischer Hubschrauber beschossen
wurde und amerikanische Kriegsschiffe
ein iranisches Kanonenboot versenkt
- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

\ o N ^

13. Juli 1988

27

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DUKAKIS ENTSCHEIDUNG FÜR BENTSEN SCHAFFT AUSGEWOGENHEIT
Kurzbiographie des Vizepräsidentschaftskandidaten Lloyd Bentsen

WASHINGTON - (AD) - Lloyd Miliard Bentsen, Jr., der von Michael Dukakis
als Demokratischer Vizepräsidentschaftskandidat bestimmte 67jährige Millionär
und Senator aus Texas hat das, was Dukakis braucht, um zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt zu werden: starke Anziehungskraft auf die
Wähler in einem wichtigen amerikanischen Bundesstaat.

Texas ist eines der großen Lose,
die bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu ziehen sind. Durch
sein 29 Mitglieder umfassendes Wahlmännergremium - das drittgrößte nach
New York und Kalifornien - wird der
Staat zu einem enorm wichtigen Faktor
bei der Strategie beider Parteien.
Hinzu kommt, daß der mit Ölvorkommen
reich gesegnete südwestliche Bundesstaat eine der Hauptquellen für Wahlkampfspenden ist. Keinem Demokraten
ist es je gelungen, ins Weiße Haus
einzuziehen, ohne den Staat Texas gewonnen zu haben. Dieser Tatsache war
sich Michael Dukakis sicher bewußt,
als er seine Wahl am 12. Juli bekanntgab.
Den beliebten Favoriten texanischer Wähler - Bentsen wurde zu-

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nächst ins Repräsentantenhaus und
dann in den Senat von Texas gewählt kennzeichnet darüber hinaus die Tatsache, daß er den damaligen republikanischen Kandidaten George Bush bei
einer Wahl schlug. Bentsen überlistete Bush im Jahr 1970, als Bush ihn
bei seinem ersten Anlauf auf das Amt
im Senat herausforderte. Bentsen erreichte seinerzeit 53,3 Prozent der
Stimmen; als er 1976 die Wiederwahl
gegen einen anderen Herausforderer
anstrebte, konnte er das Ergebnis sogar noch auf 56,8 Prozent steigern.
Trotz der Popularität in seinem
Heimatstaat könnten Bentsen noch einige Auseinandersetzungen bevorstehen, wenn er und Bush am 8. November
um die Stimmen der Texaner ringen.
Obwohl Bush - wie auch Dukakis - in

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�Massachusetts geboren, hat der Vizepräsident den "Lone Star State" zu
seiner Heimat erklärt und im Laufe
der Jahre viel für die dortige Ölindustrie getan.
Meinungsumfragen
zufolge
liegt
Bush in Texas in Führung. Die Umfragen deuten aber auch darauf hin, daß
sich Dukakis Chancen für einen Wahlsieg in dem Staat durch Bentsen verbessert haben. Auf Fragen zu den
Spekulationen, wonach Dukakis den texanischen Senator zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten machen würde,
antwortete Bush kürzlich: "Ich mache
mir deshalb keine Sorgen. Wir können
den Staat gewinnen, auch wenn die
Wahl auf Bentsen fällt."
Bentsen, dessen Wahl nur sechs
Tage vor dem Nominierungsparteitag
der Demokraten in Atlanta angekündigt
wurde, ist für texanische Verhältnisse ein Liberaler. Im Vergleich zu
Dukakis gilt er allerdings als konservativ. Somit gleicht er - neben
anderen Pluspunkten - die Liste der
Demokraten ideologisch aus.
Ein möglicher Nachteil könnte
sich für Bentsen daraus ergeben, daß
er außerhalb der Grenzen von Texas
den amerikanischen Wählern nur wenig
bekannt ist.
Politische Analytiker
neigen dazu, dies herunterzuspielen,
weisen jedoch darauf hin, daß die
Wähler in der Regel für den Hauptkandidaten auf der Liste stimmen, vorausgesetzt, es gibt keine Kontroverse
über den Vizepräsdidentschaftskandidaten.
Die

Partnerschaft

zwischen

Dukakis und Bentsen ruft Erinnerungen
an eine andere Verbindung zwischen
Massachusetts und Texas wach - an
John F. Kennedy
und Lyndon B.
Johnson, die 1960 das Weiße Haus
übernahmen.
Bald
darauf
wurde
Johnson als erster Texaner Präsident
der Vereinigten Staaten.
Der elegant gekleidete, grauhaarige und aristokratisch auftretende
Bentsen gilt als geschickter Politi-

ker. Wie sonst könnte jemand so lange Zeit seiner Karriere im Senat das
amerikanische Unternehmertum fördern
und gleichzeitig den amerikanischen
Gewerkschaften positiv gegenüberstehen? Bentsen hat in den Vereinigten
Staaten auf Gewerkschaftsversammlungen Reden gehalten und ist ein Freund
des Präsidenten der AFL-CIO, Lane
Kirkland. Obwohl er sich zu Gewerkschaftsfragen nicht immer in ihrem
Sinne ausspricht, haben die Gewerkschaftsfunktionäre seine Wahl sofort
gutgeheißen.
Als Sproß einer wohlhabenen Großgrundbesitzerfamilie aus dem Tal des
Rio Grande in Texas wurde Bentsen
1948 im Alter von 27 Jahren in sein
erstes Amt im Repräsentantenhaus in
Washington gewählt. Er hatte seinen
Sitz in drei aufeinanderfolgenden
Amtsperioden inne, stellte sich jedoch nicht zur Wiederwahl, um in der
Privatwirtschaft
tätig
zu werden.
1970 wurde er Präsident einer Holding-Gesellschaft in Houston.
Bentsen hat bereits Erfahrung mit
Präsidentschaftswahlen.
Er
bewarb
sich schon 1976 erfolglos um die Nominierung der Demokraten, fiel aber
dann zu Beginn des Jahres aus dem nationalen Wettbewerb.
Im Jahr 1984
war er als Kandidiat für die Vizepräsidentschaft des Demokraten Walter
Mondale
gegen Ronald Reagan und
George Bush im Gespräch.
über Bentsens Ansichten zur Aussenpolitik ist wenig bekannt. Als
Vorsitzender des Finanzausschusses im
Senat spielte er jedoch eine zentrale
Rolle beim Kampf des Kongresses gegen
Reagan über die Handelsgesetze - ein
Problem, das die Demokraten bei der
Wahl erwartungsgemäß hervorheben werden. Die Demokraten haben versucht,
das Ungleichgewicht im Handel der
Vereinigten Staaten durch die Exportförderung und Vergeltung gegenüber
Ländern mit unfairen Handelspraktiken
abzubauen.
Im Jahr 1986 änderte Bentsen in
letzter Minute seine Haltung, um die

- 2 -

�Reagan-Administration bei ihrem Plan
zum Verkauf von Waffen im Wert von
265 Millionen Dollar nach Saudi-Arabien zu unterstützen. Zu diesem Geschäft gehörten etwa 1 700 Luft-LuftRaketen des Typs Sidewinder und 100
Luft-See-Raketen vom Typ Harpoon.
Bentsen wurde am 11. Februar 1921
in Mission, Texas geboren. Sein Jurastudium schloß er an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Texas ab. 1942 trat er in die
Armee ein, wo er es als B-24-Flieger
und Geschwaderkommandant im Einsatz
in Europa bis zum Major brachte. Ihm
wurden die Air Medal und das Distinguished Flying Cross verliehen.
Nach dem Krieg kehrte er nach
Hause zurück und war vor seiner Wahl
in
den
Kongreß
Bezirksrichter.
Bentsen ist verheiratet und hat drei
Kinder.

* * * * * *

-3

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

13. Juli 1988

27

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DUKAKIS WÄHLT BENTSEN ALS KANDIDAT FÜR DIE VIZEPRÄSIDENTSCHAFT
- Senator aus Texas -

BOSTON - (AD) - Michael Dukakis hat Senator Lloyd Bentsen aus Texas als
seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten bestimmt. Diese Entscheidung wurde im Rahmen einer Pressekonferenz in der Faneuil Hall in Boston an
12. Juli nach einem Vormittag der Spekulationen über die Wahl Bentsens verkündet.
In seiner Ankündigung zog Dukakis
Parallelen
zwischen
einer
Liste
Dukakis-Bentsen
und der KennedyJohnson-Liste des Jahres 1960, die
ebenfalls aus einem Präsidentschaftskandidaten des Staates Massachusetts
und einem Vizepräsidentschaftskandidaten bestand, der Senator des Staates Texas war.
"Jack Kennedy und Lyndon Johnson
schlugen den republikanischen Vizepräsidenten und Bewerber um die Präsidentschaft (Richard Nixon) im Jahr
1960, und Mike Dukakis und Lloyd
Bentsen werden ihn (Bush) im Jahr
1988 schlagen," erklärte Dukakis vor
begeisterten Anhängern.

te

Die Ankündigung von Dukakis führzu erneuten Spekulationen über

United States Information Service
Embassy of the United States of America

mögliche Auswirkungen auf die Unterstützung
von Dukakis
durch die
schwarzen Wähler.
Die Wahl eines
Senators aus einem konservativen SUdstaat könnte einigen Beobachtern zufolge möglicherweise schwarze Wähler
entfremden, die sich durch Jesse
Jacksons Wahlkampf zum Lager der Demokratischen Partei hingezogen fühlten.
Dukakis ist sich der Notwendigkeit wohlbewußt, die Loyalität der
schwarzen Wähler zu gewinnen, die
während der Vorwahlen Jesse Jackson»
Bewerbung um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat
unterstützten.
In den letzten Wochen hatte Dukakis
jedoch keinen Hehl aus seiner Verärgerung über die deutlichen Anspielungen Jacksons, wonach dieser Anspruch

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�auf die Nominierung für das Amt des
Vizepräsidenten erhob, sowie über andere Forderungen von Jackson-Anhängern gemacht.

bedeutet eine unmittelbare persönliche Herausforderung für Vizepräsident Bush, als dessen stärkste Basis
im Süden Texas betrachtet wird.

In Washington erklärte Jackson
nach der Dukakis-Ankllndigung, daß er
wahrscheinlich die von der Partei nominierten
Kandidaten
unterstützen
werde. Eine eindeutige Unterstützung
der Dukakis-Bentsen-Liste blieb jedoch aus.

Der 67jährige Bentsen wurde erstmals im Jahr 1970 in den Senat gewählt, als er den damaligen republikanischen
Kandidaten
George
Bush
schlug. Gegenwärtig ist er Vorsitzender des mächtigen Finanzausschusses des Senats. Diese Position hat
ihn zur Schlüsselfigur in den diesjährigen
Auseinandersetzungen
zwischen Kongreß und Präsident Reagan
über die Handelsgesetzgebung gemacht.
Außerdem war er ein Hauptbeteiligter
bei der anstehenden Reform der Sozialgesetze.

"Zweifellos werde ich die Liste
unterstützen, die vom Konvent in der
nächsten Woche aufgestellt wird," erklärte er vor Reportern. "Der richtige Zeitpunkt ist jedoch ein wichtiger Faktor in diesem Prozeß."
"Meine Kampagne wird uneingeschränkt an diesem Prozeß teilnehmen.
Wir werden diesen Prozeß beherzigen
und jedermann dazu auffordern, desgleichen zu tun." Weiter erklärte
er:
"Meine Pläne sind unverändert.
Mein Name wird für die Nominierung
als Präsidentschaftskandidat eingebracht werden."
Jackson lehnte es ab, zu Berichten Stellung zu nehmen, denen zufolge
Dukakis ihn nicht vorher über die
Entscheidung informiert habe, Bentsen
für die Nominierung als Vizepräsidentschaftskandidat
zu
empfehlen.
"Es wäre unangemessen, wenn ich jetzt
dazu Stellung nähme," erklärte er.
Die Art seines Vorgehens war Bestandteil seines Wahlkampfs, und ein strategischer Schachzug, um seine Organisation zu stärken."

Bentsens Vater war ein vermögender Rancher, und Bentsen ist ein
wohlhabender Geschäftsmann mit einem
persönlichen Vermögen von weit über
einer Million Dollar. Meinungsumfragen zufolge ist er unter den amerikanischen Wählern noch nicht sehr bekannt .
Die
Entscheidung
von
Dukakis
stellt praktisch sicher, daß Bentsen
beim Konvent der Demokraten in Atlanta am 21. Juli formell nominiert
werden und er im Herbst gemeinsam mit
Dukakis in den Wahlkampf gegen die
Republikaner ziehen wird.

"Meine
Verpflichtung
besteht
nicht darin, auf seine Strategie zu
reagieren, sondern darin, meine eigene zu bekräftigen, eine progressive
Koalition aufzubauen und die nationalen Prioritäten zu verändern," betonte Jackson.
Die Wahl Bentsens erscheint geeignet, die Unterstützung für Dukakis
unter den konservativen Wählern zu
stärken, insbesondere bei den Wählern
in den Südstaaten.
Dieser Schritt
- 2 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
'^r,oN^

Wissenschaft und Technik

13. Juni 1988

27

WARNZEICHEN:

ÖKOLOGISCHE KRISEN

Rücksichtsloser Technikgebrauch kommt uns teuer zu stehen -

WASHINGTON - (AD) - "Hört auf die Delphine!" überschrieb im Spätsommer
vergangenen Jahres die "New York Times" einen Kommentar, in dem beschwörend
auf die Notwendigkeit strafferer und umfassender UmweltSchutzmaßnahmen hingewiesen wurde. Anlaß war ein ungewöhnliches Delphinsterben entlang der Atlantikküste. Im Gegensatz zu anderen Sommern, in denen 17 bis 20 verendeten
Tiere gefunden wurden, schwemmte nun das Meer allein zwischen Virginia und New
Jersey mehr als 200 tote und sterbende Delphine an. Bei vielen lösten sich
Hautpartien ab, Mundhöhle und Rachen waren voller Geschwüre.

Etwa zur gleichen Zeit wurde in
der Chesapeake Bay vor Maryland und
um Long Island vor New York, Connecticut ein katastrophales Fischsterben
beobachtet.
Sommeralgen vermehrten
sich explosionsartig, was man in dieser Form nicht kannte. Auch die Lage
in den Buchten und Flußmündungen sei
angespannt, hieß es weiter. Laichgründe und Aquakulturen seien in Gefahr. Der Fischfang, der zu etwa 70
Prozent in diesem oder jenem Punkt
auf die Mündungsgebiete angewiesen
sei, werde immer stärker beeinträchtigt.
Eine Krankheit unter den Delphinen konnte nicht ausgeschlossen, aber
auch nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Ahnliche Vorfälle hatte
es bereits gegeben: So waren von En-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

de 1979 bis Mitte 1980 allein an den
Küsten der etwas nördlicher gelegenen
Bundesstaaten Massachusetts bis Maine
mehr als 500 Robben infolge einer Influenzavirus-Infektion verendet. Virusinfektionen sind auch die unmittelbare Todesursache bei den fast
2 000 Seehunden, die seit Mitte Mai
dieses Jahres bisher an Nord- und
Ostseeküsten gefunden wurden.
Die ungewöhnliche Krankheitsanfälligkeit der Tiere dürfte allerdings mit einer allgemeinen Schwächung der Abwehrkräfte infolge der
fortschreitenden Vergiftung ihrer Umwelt durch Schadstoffe zusammenhängen. Diese werden als Industrieabfälle verschiedenster Art oder mit
Spillwasser von Schiffen aus "beseitigt", gelangen mit Abwässern und

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�Schwemmwasser vom Land über die Flüsse oder als Aerosole über die Atmosphäre ins Meer. Hat die Forschung
schon Schwierigkeiten, dem natürlichen Kreislauf der Stoffe nachzuspüren, so sind ihr die Wirkungsmechanismen und Wirkungsdimensionen der
durch menschliche Aktivitäten freigesetzten und zusätzlich in die Ozeane
eingebrachten Stoffe noch weitgehend
unbekannt.
Sie verändern jedenfalls die Lebensbedingungen der tierischen und
pflanzlichen Organismen bis hin zu
den kleinsten und primitivsten Lebensformen. Heiße Sommer wie die der
letzten Jahre - manche Wissenschaftler sehen darin bereits Vorboten des
gefürchteten "Treibhauseffekts", den
die steigende Menge von Kohlendioxyd
in der unteren Luftschicht vor allem
durch die zunehmende Verwendung fossiler Brennstoffe, der Mengen von
Methan, Stickoxyden und anderen Gasen
bewirkt - tragen zusätzlich zur Störung natürlicher Gleichgewichte bei.
Seit der Verabschiedung des amerikanischen Gesetzes gegen Wasserverschmutzung im Jahr 1972, das Behörden
und Wirtschaft der USA bisher mehr
als 300 Milliarden Dollar kostete,
hat sich zwar der Zustand vieler Binnengewässer merklich verbessert. Inzwischen verfügen auch die meisten
Städte über zweistufige Kläranlagen.
Aber erst seit 1986 kümmert man sich
in einigen KUstenregionen - insbesondere
im
Wassereinzugsgebiet
der
Chesapeake Bay - auch darum, das von
landwirtschaftlich genutzten Flächen
und von Straßen abgeschwemmte Wasser
wegen seines hohen Gehalts an Stickstoff und Phosphaten aus Dünger in
Klärprozesse
einzubeziehen.
Damit
sollen dem Schwemmwasser bis zu 40
Prozent der Chemikalien entzogen und
so die Uberfütterung der Algen mit
Nährstoffen verringert werden. Das
Verfahren ist jedoch recht kostspielig-

Auch "Saurer Regen" schädigt das
Meer

Daß Schwefel- und Stickoxyde aus
Schornsteinen, Autoabgasen und von
Agrarflächen nach komplexen Reaktionen in der Atmosphäre den Säuregehalt
der Niederschläge erhöhen, ist längst
bekannt. Vor allem Wälder und das
Leben in Binnengewässern leiden darunter, die Wasser- und Bodenqualität
verschlechtert sich, Bauwerke werden
zerstört. In einem Anfang Mai 1988
veröffentlichten
Bericht
vertreten
Wissenschafter
des
"Environmental
Defense Fund" (EDF), einer gemeinnützigen Organisatiaon in New York, die
Meinung, daß insbesondere Stickoxyde
im sauren Regen bereits zu 25 Prozent
für Schäden an der Tierwelt in den
KUstengewässern verantwortlich seien.
Sie beeinträchtigten "direkt Ressourcen im Meer, die von Millionen Menschen genutzt werden", und trügen zur
Eutrophie durch Uberdüngung bei.
Bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA wurde der EDF-Befund zunächst mit Zurückhaltung aufgenommen.
Auch die Meinungen der
Wissenschaftler, die Ende Mai bei Anhörungen vor einem US-Kongreßausschuß
zu Wort kamen, waren geteilt. Während die einen rieten, zur Veröffentlichung im Mai 1990 vorgesehene Ergebnisse einschlägiger, im Auftrag
der Regierungen Kanadas, der USA und
der Bundesrepublik Deutschland durchgeführter Studien abzuwarten, hielten
andere das bereits vorliegende Material für ausreichend, um die weitere
Emission von Schadstoffen gesetzlich
einzudämmen. Würde jetzt - so Dr.
James Galloway von der Universität
Virginia - die Emission von Schwefel
erneut um 50 Prozent reduziert, könnten in etwa zehn Jahren viele der
versauerten Süßwasserseen und Flüsse
wieder einen akzeptablen pH-Wert (Parameter für den Säurespiegel) aufweisen.
Demgegenüber
behauptet
George
Hidy vom "Electric Power Research Institute" (Forschungsstelle des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft),
in den Vereinigten Staaten gebe der
Grad der Umweltbelastung durch sauren
Regen keinen Anlaß zu der Vermutung,

�daß menschliche Gesundheit gefährdet
sei oder Umweltkatastrophen vor der
Tür stünden.
Striktere Kontrollen
solle man zugunsten noch gründlicherer Informationen um fünf bis zehn
Jahre aufschieben, weil die sofortige
Einführung neuer Vorschriften der
amerikanischen Wirtschaft in ihrer
schwierigen Wettbewerbssituation eine
unnötig große Belastung aufbürde.

Autoabgase sollen sauberer werden
UmweltschUtzer
fordern
jedoch
dringend eine weitere Senkung zulässiger
Schadstoffkonzentrationen
in
Autoabgasen. Auch die "American Lung
Association" (Gesellschaft für Lungenforschung) setzt sich dafür ein.
Eine unter Leitung von Dr. Michael
Walsh ausgearbeitete Studie besagt,
daß in den meisten amerikanischen
Städten die Luftverschmutzung durch
Abgase die 1970 gesetzlich zugelassenen
Höchstwerte
regelmäßig
überschreite. Zwar lägen heute die Emissionen von Kohlenwasserstoffen und
Kohlenmonoxyd um 96 Prozent, die von
Stickoxyd um 76 Prozent niedriger als
vor 1970. Jedoch müßten, wie in Gesetzesvorschlägen bereits gefordert,
Kohlenwasserstoffe um weitere 47 Prozent und Stickoxyde um weitere 58
Prozent gesenkt werden. Ein Rückgang
der Kohlenmonoxydemission ergäbe sich
dann automatisch.

,
•

Die allgemeine Verbesserung der
Luftqualität sei schon allein deshalb
geringer als erhofft, weil die Verkehrsdichte immer stärker zunehme und
mit jedem Kraftfahrzeug immer mehr
Fahrkilometer
zurückgelegt
würden.
Neuesten Angaben der EPA zufolge wurde zwischen 1976 und 1985 bei Kohlenmonoxyd ein Rückgang um 30 Prozent,
bei Stickoxyd um elf Prozent und bei
bodennahem,
d.h.
troposphärischem
Ozon - dem Hauptbestandteil von Smog
- um zehn Prozent ermittelt. Dieser
Ozon ist unerwünscht und hat eine andere Entstehungsgeschichte als der
stratosphärische Ozon, der z. T. unter der Einwirkung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen abgebaut wird. Bo-

dennaher Ozon ist ein Produkt von Reaktionen freigesetzter Kohlenwasserstoffe mit Stickoxyden in der Atmosphäre, jedoch tragen auch Schadstoffemissionen aus anderen Quellen
in Verbindung mit bestimmten klimatischen Bedingungen zu seiner Anreicherung bei.
Nach Dr. Walsh leben etwa 80 Millionen Amerikaner in Regionen, wo die
Ozonkonzentration fast immer die zulässigen Höchstwerte überschreitet.
An heißen Tagen beeinträchtigt Ozon
selbst bei gesunden Personen die Lungenfunktion, verursacht Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Husten, Asthmaanfälle und führt zu Erkrankungen der
oberen Luftwege. Außerdem gehen die
Verluste der Landwirtschaft durch
Ozon aus Abgasen und Abluft der Industrie in die Milliarden.

Giftanreicherung an Wasseroberflächen
Die hauchdünne Oberflächenschicht
der Meere, Seen, Meeresbuchten und
anderen Gewässern scheint für die Anreicherung von Schadstoffen eine viel
wichtigere Rolle zu spielen als man
bisher annahm. Dies gilt in erster
Linie für Schadstoffe aus der Luft,
aber auch aus Abwässern. Dr. John T.
Hardy, Biologe an der Staatsuniversität Oregon in Corvallis, fand einem
Bericht der
"International Herald
Tribüne" zufolge an Oberflächen toxische Stoffe in Konzentrationen, die
ein Vielfaches, ja bis zum Tausendfachen der Werte betrugen, die nur
wenige Zentimeter darunter im Wasser
gemessen wurden.
Aber
gerade
die
Oberflächenschicht ist ein Ort, wo sich die
mikroskopisch
kleinen
pflanzlichen
und tierischen Organismen sammeln,
von denen für die NahrungsVersorgung
der Menschen wichtige Fischarten und
Schaltiere im Frühstadium leben.
Selbst bei Gewässern, die als "gesund" und sauber gelten, könnten toxische Stoffe in der dünnen obersten
Schicht gefährlich hohe Konzentratio-

- 3 -

�nen erreichen, sagt Hardy. Deshalb
seien dort entnommene Wasserproben
z.B. auch geeignet, jeweilige Trends
von Schadstoffimmissionen, also der
Ablagerung von Luftverunreinigungen,
anzuzeigen.
Physikprofessor Hermann Gucinski
(Maryland) beobachtete bei Studien in
der Chesapeake Bay, daß zwar Wind,
Strömungen oder Tierbewegungen die
Oberflächenschicht aufrissen, diese
sich aber sofort wieder stabilisiere,
sobald z. B. der Wind aufhöre. Die
Fremdstoffe würden infolge der Oberflächenspannung des Wassers und eigener chemischer Eigenschaften in der
dünnen Schicht an der Oberfläche gehalten, ob sie nun aus der Luft kämen
oder aus tieferen Schichten nach oben
transportiert würden. Allerdings sei
die Verweildauer - Stunden, Tage, Wochen - für die einzelnen Komponenten
sehr
unterschiedlich.
Labor- und
Feldexperimente im Puget-Sund, wo die
Erschließung der Ö'lfelder zu größerer
Umweltverschmutzung geführt habe als
ursprünglich vermutet, haben ergeben,
daß die konzentrierte, wenn auch in
ihrer
Zusammensetzung
wechselnde
Giftmixtur der Oberfläche kleinere
Lebewesen töten kann.
Die Anlagerung von Schmutzrändern
(Badewannenrand-Effekt) unter Gezeitenwirkung an der Küste könnte eine
Rolle spielen, wenn z.B. Giftstoffe
in den Sand vordringen.
Womöglich
seien bislang nicht erklärbare bakterielle Infektionen bei Schaltieren,
durch die Population im Bereich des
Puget-Sund und der Chesapeake Bay
stark dezimiert wurden, auf diesem
Weg zustande gekommen.

Metallische Gifte
Indirekt trägt saurer Regen auch
zu der wachsenden Belastung der Umwelt mit Schwermetallen bei.
In
kalkarmen Gebieten z.B. werden diese
in Gewässern mit hohem Säuregrad
leichter aus dem Untergrund gelöst.
Die Hauptquellen der Freisetzung von
Quecksilber, Cadmium, Blei, Nickel,

Zink, Kupfer, Aluminium oder Elemente
wie Selen sind allerdings wiederum
Industrieprozesse,
Heizkraftwerke,
Müll und Kohlenasche. Im Gegensatz
zu vielen organischen Schadstoffen
sind sie jedoch nicht biologisch abbaubar. Sie verbleiben im Ökosystem
und werden in Wasser und Boden, in
Pflanzen und Tieren der gesamten Nahrungskette allmählich auf toxische
Konzentrationen angereichert.
Nach einer in der Zeitschrift
"Nature" (Ausgabe vom 12. Mai 1988)
veröffentlichten
Untersuchung
von
Jerome 0. Nriagu und Jozef M. Pacyna
dürfte in Europa, Nordamerika und
Asien die Süßwasserkontamination mit
Metallen weitaus größer sein als vermutet. In einigen Teilen Japans und
Europas übersteigen die Metallkonzentrationen in Böden bereits die natürlichen Fähigkeiten des Ökosystems zur
Selbstreinigung.
Dank der Einführung strenger Kontrollen über Bleizusätze zu Benzin in
Nordamerika
und
Europa sei, wie
Nriagu feststellte, seit 1975 die Belastung der Luft mit Cadmium, Blei,
Zink
und
Kupfer
zurückgegangen.
Weltweit gesehen besteht aber das
Problem weiter - es verlagert sich
nur von den Industrie- zu den Entwicklungsländern, in denen es keinerlei Kontrollen über Blei- und andere
toxische Metallemissionen gebe.
Robert A. Duce, Atmosphärenphysiker an der Universität von Rhode Island, bestätigt Beobachtungen der
beiden Wissenschaftler aufgrund von
Messungen in abgelegenen Regionen des
Pazifik. Dabei wurden u.a. Metallemissionen Tausende von Kilometern
von ihrer Quelle entfernt aufgespürt.
Nriagu sieht darin Anzeichen für eine
"stumme Epidemie von metallischer Umweltvergiftung" .

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