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                  <text>AMERIKA DIENST
"4-

"""

Ä«

29. J u n i 1986

25

INHALT

DOKUMENTATION

Carluccl warnt vor Wunschdenken bezüglich der Sowjets
- Ansprache des Verteidigungsministers vor dem
Nationalen Presseclub -

Keine Veränderung bei Einsatzkonzept und Doktrin des
Warschauer Pakts
- Erklärung der amerikanischen Delegation bei MBFR -

HINTERGRUNDMATERIAL

Fortschritte bei den Genfer Verhandlungen über Kern- und
Weltraumwaffen
- Bericht von ACDA-Direktor B u m s an den Kongreß -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

29. Juni 1988

25
CARLUCCI WARNT VOR WUNSCHDENKEN BEZÜGLICH DER SOWJETS

- Ansprache des Verteidigungsministers vor dem Nationalen Presseclub WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister Frank
Carlucci zufolge müssen sich die Vereinigten Staaten vor einer Politik der
"Uberreaktion" und des "Wunschdenkens" bezüglich der Möglichkeit echter Reformen in der Sowjetunion hüten und sich die Tatsache vor Augen führen, da3 sie
nur in begrenztem Maße auf das Geschehen in der Sowjetunion Einfluß nehmer.
können.
In einer Bestandsaufnaheme von "Gipfeltreffen, Sicherheit und dem OstWest-Dialog" erklärte Carlucci in seiner Ansprache vor dem Nationalen Presseclub am 27. Juni 1988: "Die nackte Wahrheit ist, daß unsere Möglichkeiten zur
Einflußnahme auf den Wandel in der Sowjetunion begrenzt sind" und daß wir
"einfach nicht vorhersagen können, welche Auswirkungen dies nach sich ziehen
wird".
Nachfolgend bringen wir die Rede im Wortlaut.
Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, heute vor den Mitgliedern des
Nationalen Presseclubs sprechen zu
dürfen.
Seit dem Treffen zwischen Präsident
Reagan
und
Generalsekretär
Gorbatschow in Moskau ist ein Monat
vergangen. Heute möchte ich mit Ihnen gemeinsam die vor uns liegenden
Projekte erörtern - welche Strategie
im Anschluß an den Gipfel am besten
zur Behebung der Spannungen geeignet
ist und der Verbesserung der Sicherheit der Vereinigten Staaten und der
Verbündeten dient.
Als Augenzeuge des Gipfelprozesses bin ich davon überzeugt, daß unser anhaltender Dialog mit den Sowjets
in Moskau
einen
weiteren

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Schritt nach vorne gekommen ist. Bei
der vierteiligen Tagesordnung konnten
wir in jedem Bereich Fortschritte erzielen - bei den Menschenrechten, bilateralen und regionalen Konflikten
sowie bei der Rüstungskontrolle - die
inzwischen fester Bestandteil unserer
Treffen mit der Sowjetunion geworden
sind.
Das Gipfeltreffen hat auch großes
Interesse an den Entwicklungen geweckt, die zur Zeit in der Sowjetunion stattfinden - und die Hoffnung
genährt, daß der Prozeß des inneren
Wandels positive Auswirkungen auf das
sowjetische Verhalt en im internationalen Umfeld haben möge.
Es besteht kein Zweifel, daß ein
solcher Prozeß in die Wege geleitet

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�worden ist, er ist jedoch noch in
keiner Weise abgeschlossen. Das angemessene Verhalten gegenüber Entwicklungen im Inneren der UdSSR unter
diesen Umständen ist, aufnahmebereit
aber wachsam zu sein.
Ich möchte
Präsident Reagan aus seiner Ansprache
nach dem Gipfel im Rathaus der City
von London zitieren: "Wenn ein ehrlicher Wandel stattfindet, stehen wir
diesem
unvoreingenommen
gegenüber.
Aber wir müssen auch wachsam sein,
wir müssen stark bleiben und wir müssen zuversichtlich sein."
Trotz der Konzentration auf den
Wandel in der UdSSR war der Moskauer
Gipfel in vieler Hinsicht der logische Höhepunkt der seit Jahren von
den Vereingten Staaten verfolgten Politik. Nehmen wir zum Beispiel den
INF-Vertrag: Schon im Jahr 1981 hat
Präsident Reagan die "Null-Lösung"
vorgeschlagen, die als Grundlage für
den heute gültigen Vertrag diente.
Und der Präsident hat auch angesichts
des enormen Gegendrucks, der von einigen amerikanischen wie auch sowjetischen RUstungskontrollexperten auf
ihn ausgeübt wurde, an der Null-Lösung festgehalten. Auch im Bereich
der Menschenrechte können wir Kontinuität verzeichnen.
Die Neuheit,
Präsident Reagan auf dem Roten Platz
zu sehen, sollte nicht die Tatsache
verschleiern, daß er mit denselben
lange bewährten Ansichten zu den
Grundrechten
und
Freiheiten
nach
Moskau gefahren ist und - wie er in
seinen Gesprächen mit sowjetischen
BUrgerrechtlern unter Beweis gestellt
hat - nicht zögert, diese auch zu artikulieren.
Es gibt zahlreiche Anzeichen, die
den zur Zeit in der Sowjetunion
stattfindenden tiefgreifenden Wandel
belegen: lange verbotene Bücher werden jetzt veröffentlicht, politische
Kontroversen und öffentliche Proteste
finden ihren Weg in die offizielle
Presse.
Selbst die Vergangenheit
wird
der
"Reform"
unterworfen:
Stalin wird nun zunehmend kritisiert,
seine Gegner rehabilitiert; und in
den Schulen sind Geschichtsprüfungen

abgesagt worden, während die Schulbücher neu geschrieben werden. Das
andere Kernstück der Reform, die
wirtschaftliche Umstrukturierung, ist
- wenn auch noch nicht sehr weit
fortgeschritten - ein Thema icitensiver öffentlicher Diskussionen. Bei
der Parteikonferenz, die morgen in
Moskau eröffnet wird, könnte sehr
wohl die Rolle der Partei neu definiert werden.
Der Schlüssel im Verhalten zu den
Sowjets liegt heute darin, den Wandel
in der richtigen Perspektive zu sehen.
Die bloße Tatsache, daß ein
Wandel stattfindet, verrät uns noch
nicht, wohin dieser Wandel führen
wird.
Es liegt an uns, den harten Realitäten ins Auge zu blicken, von denen die Grenzen des Wandels definiert
sind - die Umstände, die ihm im Wege
stehen.
Dies bedeutet, sich der
Grenzen sowjetischer Reformen bewußt
zu sein - und unserer eigenen begrenzten Fähigkeiten, die Ereignisse
zu kontrollieren.
Und es gibt Grenzen. Das vorsichtige Tempo der sowjetischen Wirtschaftsreform ist nicht auf Unsicherheit über die Richtung zurückzuführen, die diese Reform einschlagen
muß. Von den politisch Verantwortlichen in der Sowjetunion wird sehr
wohl verstanden, daß die Hauptursache
für wirtschaftliche Stagnation in der
Kontrolle des Staates zu suchen ist,
und der Schlüsel zur Wiederbelebung
der Wirtschaft liegt in der Lockerung
des staatlichen Zugriffs.
Es gibt
eine Vielzahl von Möglichkeiten, um
dies herbeizuführen: der Staat könnte einige Elemente der Planwirtschaft
abbauen, um Spielraum für den Mechanismus von Angebot und Nachfrage zu
schaffen, oder den Entscheidungsprozeß dezentralisieren. Solche Schritte würden die Wirtschaftsleistung
verbessern, jedoch nur auf Kosten der
staatlichen Kontrolle der Wirtschaft
- und dies ist die politische Barriere, die der Perestrojka im Wege
steht.
Die zentrale Kontrolle ist

- 2 -

�etwas gelockert worden, aber es gibt
keine Anzeichen dafür, daß Perestrojka die Beseitigung des Systems bedeutet. Wie man wirtschaftliche Notwendigkeiten mit der politischen Realität
in
Einklang
bringt
ist
Gorbatschows Problem - und es ist
kein leichtes Problem.
Auch Glasnost, dem zweiten Grundelement des sowjetischen Reformprogramms, sind Grenzen gesetzt.
Es
gibt, wie ich bereits gesagt habe,
eine wirkliche Öffnung - ebenso besteht jedoch der begründete Eindruck,
daß Glasnost ein Fenster ist, das jederzeit wieder geschlossen werden
kann. Wir müssen die Distanz zwischen Glasnost und der Redefreiheit
westlicher Prägung zur Kenntnis nehmen. Gegenwärtig ist Glasnost im engeren Sinne vom Staat beeinflußt und das ist weit von dem entfernt,
was wir unter den Grundrechten freier
Rede und offenen Meinungsaustauschs
verstehen, die vom Staat nicht beschnitten werden können und die wir
schützen müssen.
Alle uns bisher vorliegenden Beweise deuten darauf hin, daß das gegenwärtig in der Sowjetunion durchgeführte Reformprogramm nicht auf eine
Umwandlung des Systems an sich, sondern auf dessen effizientere Gestaltung ausgerichtet ist - auf seine
Wiederzubelebung - ohne Veränderung
der Grundstrukturen von Einparteienherrschaft und Staatskontrolle.
Wir müssen die sowjetische Reform
in der richtigen Perspektive betrachten und gleichzeitig auch die Grenzen
unserer Fähigkeit zur Beeinflussung
der Ereignisse anerkennen. Von einigen Kreisen werden die Vereinigten
Staaten aufgefordert, ihre Politik
neu zu formulieren, um den Erfolg der
sowjetischen Reformen zu ihrem Ziel
zu machen. Ich kann mir keinen gefährlicheren Weg vorstellen, um eine
über das Ziel hinausschießende Politik mit Wunschdenken im Hinblick auf
deren Ergebnis zu kombinieren.
Wir

müssen

klare

Vorstellungen

davon haben, was die amerikanische
Politik leisten kann und was nicht.
In den internationalen Beziehungen
können Festigkeit und Entschlossenheit des Westens das Verhalten der
Sowjets beeinflussen, wie wir bei der
INF-Frage und Afghanistan gesehen haben. Unsere Fähigkeit zur Beeinflussung inneren Wandels in der UdSSR ist
jedoch eine andere Sache. Wir können
auf Veränderungen hoffen, wir können
sie begrüßen, wenn sie zustande kommen. Die nackte Wahrheit ist, daß
unsere Möglichkeiten zur Einflußnahme
auf den Wandel in der Sowjetunion
sehr begrenzt sind. Trotz der unlängst an die Öffentlichkeit gedrungenen politischen Auseinandersetzungen unter führenden sowjetischen Politikern ist die Funktionsweise des
sowjetischen Systems in seinem Innern
- die Fraktionen, die Machtkämpfe,
die verschiedenen Interessen - grundsätzlich immer noch jedermann außerhalb des Kremls unbekannt. Als Ergebnis dessen wissen selbst die politisch Verantwortlichen im Westen
über die Ziele und Absichten der sowjetischen Führung wenig mehr als der
sowjetische Durchschnittsbürger.
Wenn man als Katalysator des Wandels fungieren möchte, besteht eine
große Gefahr:
Wir können einfach
nicht vorhersagen, welche Auswirkungen dies nach sich ziehen wird.
Wenn das Endresultat der Reform
eine weniger expansionistische Sowjetunion ist, die ihre gegenwärtig
für militärische Zwecke eingesetzten
Ressourcen reduziert, die ihr seit
langem verzögertes Versprechen zur
Respektierung der Grundfreiheiten und
Menschenrechte
einlöst, die einem
Dialog mit dem Westen aufgeschlossen
gegenübersteht, dann wird dies ein
Wandel zum Besseren sein. Wenn andererseits das Endprodukt der sowjetischen Umgestaltung nicht mehr als
die Entwicklung - vielleicht sogar
mit westlicher Hilfe - eines stärkeren industriellen Motors ist, um die
sowjetische Militärmaschinerie anzutreiben, dann werden wir es im Westen
mit einer weit gefährlicheren Bedro-

- 3 -

�hung zu tun bekommen als heute.
Die Tatsache allein, daß ein Wandel stattfindet, birgt keinen Hinweis
darauf, ob dieser zum Besseren oder
zum Schlechteren vonstatten geht.
Unser Denken - oder unsere Politik darf nicht von unserem Wunsch nach
Wandel beherrscht werden.
Wie sollen wir also in unseren
Beziehungen mit den Sowjets vorgehen?
Meine Antwort lautet, daß wir den
Kurs, der uns zum Moskauer Gipfel geführt hat, beibehalten sollen.
- Wir müssen ein klares Gefühl für
die Unterschiede behalten, die
das amerikanische und das sowjetische System trennen - selbst,
wenn wir versuchen, diese Unterschiede abzubauen.
- Wir müssen vermeiden, Ursache und
Wirkung zu verwechseln, indem wir
annehmen, daß Spannungen deshalb
existieren, weil wir bewaffnet
sind, wiewohl es tatsächlich so
ist, daß wir bewaffnet sind, weil
die amerikanischen und sowjetischen
Ziele
und
Interessen
Spannungen hervorrufen.
- Zuallererst müssen wir und unsere
Verbündeten uns an unseren eigenen
Sicherheitsbedürfnissen
orientieren.
In der Rüstungskontrolle dürfen
wir beispielsweise nicht vergessen,
daß weniger Raketen nicht gleich mehr
Sicherheit bedeuten. Unser Ziel bei
der Erzielung von Rüstungsreduzierungen besteht darin, die Stabilität auf
niedrigerem Niveau zu erhöhen - nicht
nur, die Waffen zu reduzieren. Wir
können Systeme, die zur Aufrechterhaltung eines soliden Verteidigungspotentials notwendig sind - wie etwa
seegestützte
Marschflugkörper
-,
nicht einfach deshalb preisgeben, um
die Verifizierung eines RUstungskontrollabkommens zu vereinfachen.
Ebenso wichtig
unsere Kontrollen

ist es, daß wir
im Hinblick auf

strategisch
wichtige
Technologien
beibehalten, auch wenn wir danach
streben, die Spannungen mit den Sowjets abzubauen.
In den siebziger
Jahren haben die Vereinigten Staaten
es den Sowjets gestattet, große Mengen an moderner Technologie zu erwerben. Dadurch wurde es ihnen ermöglicht, die seit langem bestehende
Lücke
zwischen
der
militärischen
Technologie der Sowjets und des Westens zu verringern. Durch die Verschärfung der Kontrollen über den
Fluß sicherheitsempfindlicher Technologie hat die Reagan-Administration
diesen Trend umgekehrt. Wir haben es
den Sowjets bedeutend erschwert, die
Früchte westlicher Technologie in
Form von neuen und raffinierteren
Waffensystemen gegen uns zu verwenden. Der Schutz unseres qualitativen
Vorsprungs ist von entscheidender Bedeutung für den Westen, der sich traditionell erheblich auf seine technologische Überlegenheit verläßt, um
den quantitativen Vorsprung der sowjetischen Streitkräfte wettzumachen.
Jetzt ist es nicht an der Zeit,
in unserer Wachsamkeit nachzulassen.
Wir haben allen Grund anzunehmen, daß
die Sowjets unsere Technologie als
einen Weg ansehen, um nicht nur wirtschaftliche, sondern auch militärische Vorteile zu gewinnen.
Aus
besten strategischen Gründen können
wir es uns nicht leisten, dies geschehen zu lassen.
Bei meinen Zusammenkünften mit
dem
sowjetischen
Verteidigungsminister Jasow habe ich mir vergegenwärtigt, daß der Dialog als Selbstzweck wertlos
ist, sondern ausschließlich als Mittel zur Verbesserung unserer Sicherheit. Unsere Gespräche in Bern und vergangenen Monat
in Moskau waren offen - und wie ich
denke, gerade aufgrund dessen - konstruktiv. Wir haben viel dadurch gewonnen, daß wir die Gelegenheit hatten, unsere Meinungsverschiedenheiten
zu bereinigen und Wege zur möglichen
Verbesserung unserer Beziehungen zu
erforschen.

- 4 -

�Aus diesem Grund werde ich Anfang
August zu einem dritten Treffen mit
Minister Jasow nach Moskau zurückkehren.
Wie bei unseren früheren Zusammenkünften wird unsere Tagesordnung
Möglichkeiten zur Vermeidung gefährlicher
militärischer
Zwischenfälle
wie auch die Ausweitung der Kontakte
im militärischen Bereich umfassen.
Darüber hinaus werden Minister Jasow
und ich erneut unseren Dialog über
die Militärdoktrin aufnehmen.
Die
Sowjets erheben weiterhin Anspruch
auf ihren Kurswechsel im Hinblick auf
ein
eindeutig
defensives
militärisches Einsatzkonzept.
Ich für
meinen Teil habe eindeutig dargelegt,
daß die Vereinigten Staaten einen
solchen Kurzwechsel begrüßen würden,
der nach wie vor etwa 15 bis 17 Prozent des sowjetischen BSP verschlingt
- aber daß wir trotz der sowjetischen
Behauptungen keine Veränderungen bei
der sowjetischen Streitkräftestruktur
und keine Verminderung der für das
sowjetische
Militär
aufgewendeten
Ressourcen feststellen können.
Der
zahlenmäßige Vorteil der Sowjets gegenüber der NATO bei Panzern und Artillerie, zusammen mit dem Schwergewicht auf einsatzfähigen Manövergruppen, luft- und seegestützten Streitkräften und Brückenlegegerät zur Unterstützung eines Vorstosses deuten
unzweifelhaft darauf hin, daß die offensive Ausrichtung der sowjetischen
Streitkräfte erhalten bleibt.
Der Schlüssel zur Förderung des
gegenwärtig mit den Sowjets geführten
Dialogs liegt in der Erkenntnis der
Bedeutung von Gesprächen aus einer
Position der Stärke heraus. In dieser Hinsicht
nahm
der Weg zum
Moskauer Gipfel seinen Anfang lange
bevor Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow gegenseitige Besuche in ihren Hauptstädten vereinbarten. Er begann mit dem vor mehr
als sieben Jahren gefaßten Entschluß
Präsident Reagans, Amerikas Verteidigung wiederaufzubaunen.
Wenn die
Vereinigten Staaten dieses Wiederaufbauprogramm nicht durchgeführt hät-

ten, gäbe es meiner Überzeugung nach
heute keinen inhaltsreichen Dialog
mit den Sowjets.
Und die Vereinigten Staaten sind
heute in jeder Hinsicht viel stärker
als noch zu Beginn der achtziger Jahre. Sie alle kennen die wichtigsten
Bestandteile unseres Wiederaufbauprogramms - die Modernisierung unserer
strategischen Triade und unserer konventionellen Streikträfte. Ich nöchte einige ebenso wichtige, aber weniger bekannte Indikatoren unseres verbesserten Verteidigungskonzepts aufführen:
- Wir haben in den vergangenen sieben Jahren mehr als 50 Milliarden
Dollar für Munition und Ersatzteile aufgewendet.
- Wir haben das Material für uasere
Streitkräfte in Europa um 15C
Prozent aufgestockt.
- Wir haben unsere Transportfähigkeiten in der Luft um 18 Millionen Tonnenmeilen pro Tag erhöht das sind 70 Prozent mehr als 1980.
- Die Seetransportfähigkeit ist im
selben Zeitraum um 50 Prozent gestiegen.
Insgesamt haben diese Leistungen
zur Verbesserung der Fähigkeit des
Landes beigetragen, Macht zu dokumentieren und damit eine Aggression abzuschrecken.
Die Anerkennung für die Wiederherstellung von Amerikas Stärke gebührt Präsident Reagan, dem Kongreß
und dem amerikanischen Volk, die den
gefährlichen
Niedergang
amerikanischer Macht erkannt und die Bestrebungen zum Wiederaufbau unterstützt
haben. Aber mit dieser Anerkennung
geht die Verantwortung einher, heute
in unseren Bemühungen nicht nachzulassen und daß dafür auch wirklich
kein Grund besteht.
Nach dem Moskauer Gipfel bin ich
nach Japan und in die Republik Korea

- 5 -

�gereist, um dort mit den Staatschefs
der beiden Länder zusammenzutreffen.
An meinem letzten Tag in Korea habe
ich die Gegend nördlich von Seoul besucht, um die amerikanische Soldaten
zu besuchen, die auf dem sogenannten
DMZ-Streifen Wache stehen - einer der
Grenzlinien, die freie Nationen von
den uns bedrohenden Kräften abtrennen. Von den dortigen Wachtürmen aus
gesehen ist die Bedrohung immer allgegenwärtige Realität - sie ist keine
Theorie, die man allzu leicht übersehen könnte.
Mein Führer war ein Unteroffizier
der US-Armee, James Haie, ein junger
Mann aus Portland in Oregon, der
jetzt
auf
einem Wachturm seinen
Dienst verrichtet, der nur wenige Meter vom feindlichen Territorium entfernt ist. Haie zeigte mir die von
diesem
gefährlichen
Stellungspunkt
sichtbaren nordkoreanischen Posten und noch etwas anderes. Er hat mir
vor Augen geführt, was es ist, das
Amerika und seinen Verbündeten Freiheit und Frieden beschert: Wachsamkeit und Entschlossenheit.
Eben diese Haltung bestimmt unseren Ansatz bei den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.
Die politischen Maßnahmen der
vergangenen sieben Jahre haben eine
Grundlage für bessere Beziehungen zur
Sowjetunion geschaffen und die Serie
der Gipfeltreffen hat einen nützlichen Dialog hervorgebracht.
Als
Ergebnis davon sind wir nunmehr in
einer Position, positiv auf echte
Veränderungen in der sowjetischen Politik, beim Einsatzkonzept und Verhalten zu regieren, wann immer diese
auch stattfinden mögen. Auf genau
diese Art und Weise müssen wir die
Beziehungen zur Sowjetunion handhaben: Immer offen für die Aussichten
eines Spannungsabbaus, aber in jedem
Fall entschlossen zur Aufrechterhaltung unserer Sicherheit.
* * * * *

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�AMERIKA DIENST
^7

Dokumentation

&lt;£*

25

29. Juni 19811
KEINE VERÄNDERUNG BEI EINSATZKONZEPT UND DOKTRIN DES WARSCHAUER PAKTS
- Erklärung der amerikanischen Delegation bei MBFR -

WIEN - (AD) - Der Chefunterhändler der amerikanischen Delegation bei der
MäFR-Verhandlungen, Botschafter Stephen Ledogar, erklärte am 23. Juni 1983 bei
eLner Plenarsitzung, die von den Regierungen des V/arschauer Pakts vorgebrachte
Aikündigung eines neuen Engagements für konventionelle Rüstungskontrolle hätte
bii den Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenverm;nderunger
ii Mitteleuropa (MBFR) keine neuen, konkreten Rüütungskontrollvorschläge hervorgebracht.
Ledogar zufolge bieten die von den Ostblockstaaten unterbreiteten Vorschläge bei den nunmehr 15 Jahre dauernden Gesprächen keine angemessene Verifizierung und "würden damit nicht die Zielsetzungen erfüllen, auf die siel
beide Seiten zu Beginn dieser Verhandlungen geeinigt haben".
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Presseerklärung der amerikanischen
Delegation, der Botschafter Ledogars Rede zugrunde Liegt.
Botschafter Stephen J. Ledogar,
ChefUnterhändler der Delegation der
Vereinigten
Staaten
von
Amerika
sprach heute im Namen der westlichen
Regierungen vor der Plenarversammlung. In seiner Rede verwies er darauf, daß Ost und West diese Verhandlungen seit nunmehr 15 Jahren führen.
Das deutet Ledogar zufolge auf eine
umfangreiche Erfahrung mit Rüstungskontrolle hin, und die westliche Seite ist der Ansicht, daß regelmäßige
Überprüfungen für alle Beteiligten
von Nutzen sind. Der Auffassung des
Westens zufolge bildet der Verhandlungsprozeß selbst einen der wichtigsten Aspekte dieser Erfahrung. Erfolge in der Rüstungskontrolle verlangen von den Unterhändlern harte
Arbeit, einen konstruktiven Ansatz,
Geduld und Phantasie und von ihren

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Regierungan eine feste politische
Verpflichtung. Die Teilnahme allein
reicht nicht aus. Ohne echten Einsatz für die beiderseits vereinbarten
Zielsetzungen und die Entschlossenheit, mit der anderen Seice an der
Verwirklichung dieser Ziele zu arbeiten, werden die Probleme, die zunächst einmal auf beiden Seiten zur
Aufnähme der Gespräche geführt haben,
nicht gelöst.
In diesem Zusammenhang begrüßt
der Westen die öffentliche Ankündigung der Regierungen des Warschauer
Pakts über ihr neues Engagement f U :
die konventionelle Rüstungskontrolle.
Dem Westen wird vermittelt, daß in
Hinblick auf die militärische Lage in
Europa ein neues Zeitalter angebrochen ist, und man hört aus dem Ost-

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Telex: 8-85432

�block von einer Vielzahl unterschiedlicher
Rüstungskontrollpläne,
Umstrukturierung der Streitkräfte und
Neuformulierung der Doktrin auf der
Basis "defensiver Verteidigungshaltung" und "vernünftigen und ausreichenden Verteidigungsniveaus".
Bis
jetzt hat der Westen jedoch weder
vergleichbare Veränderungen im grundlegenden Einsatzkonzept und der Doktrin des Warschauer Paktes verzeichnet noch bestehen Anzeichen dafür,
daß er seinen erheblichen militärischen Vorteil gegenüber der NATO abbaut.
Ebensowenig haben wir hier
neue, konkrete RUstungskontrollvorschläge vernommen - trotz der Tatsache, daß dieses Forum mit der Berücksichtigung genau dieser Fragen
befaßt ist.
Die westliche Seite ist insbesondere durch das plötzliche Interesse
des Ostblocks am Datenaustausch und
einer vorher dazu abzuschließenden
Vereinbarung neugierig geworden, umsomehr, als der Ostblock als fordernde Partei auftritt - und den Westen
öffentlich ins Gebet nimmt, weil er
auf seine Vorschläge nicht positiv
reagiert. Im Prinzip ist ein Datenaustauch in der Anfangsphase sinnvoll. Beide Seiten würden Datenmaterial vorlegen, vergleichen und verifizieren, so daß eine Einigung über
das bestehende Streitkräfteniveau und
später über die Maßnahmen erzielt
werden könnte, die zur Erlangung der
Zielsetzungen
erforderlich
sind.
Tatsächlich ist dies der Ansatz, den
der Westen bei diesen Verhandlungen
seit vielen Jahren verfolgt. Die dabei gewonnenen Erfahrungen haben den
Westen davon überzeugt, sich eines
anderen Ansatzes zu bedienen, und
laut Botschafter Ledogar sind sie es
wert, einer erneuten Prüfung unterzogen zu werden.
Beide Seiten haben in den siebziger Jahren Datenmaterial vorgelegt,
die Zahlen wichen jedoch stark voneinander ab. Darüber hinaus war das
höchst allgemeine Datenmaterial unmöglich zu verifizieren und eignete
sich nicht als Grundlage für eine

Statistik und für den Streitkräftevergleich, für die es wohl beabsichtigt war.
Es wurde offensichtlich, daß der
Ostblock das Problem des Datenmaterials als Prozeß für Verhandlungen
über den Umfang der Reduzierungen und
nicht als Bestrebung betrachtete,
eine einheitliche sachliche Grundlage
zu schaffen, auf der bei Verhandlungen über Reduzierungen und Begrenzungen aufgebaut werden konnte.
Der Westen hat als ersten Schritt
zur Beilegung der Differenzen wiederholt einen systematischen Vergleich
einzelner Zahlen von Ost und West
vorgeschlagen. Der Westen hat ebenfalls beantragt, daß beide Seiten
eine Arbeitsgruppe zur Klärung der
Angelegenheiten einrichten sollten.
Der Ostblock hat dies verweigert.
Der Westen versucht auch weiterhin,
das Problem des Datenaustauschs realistisch und flexibel anzugehen - und
er hat seine Position einige Male in
dem Versuch revidiert, dem Ostblock
entgegenzukommen.
Dies geschah zum
Beispiel bei den Gesprächen von 1976
bis 1979 über die Bestimmung der zu
zählenden einzelnen Streitkräfteteile
und bei den beschränkteren Erfordernissen unseres Vorschlags vom Dezember 1979. Dennoch hat der Ostblock
die Sorge des Westens über wenig repräsentatives Datenmaterial als unwesentlich abgetan und sie als absichtliches Hindernis für Fortschritte bezeichnet. Der Ostblock kam zu dem
Schluß, daß der Westen entweder das
strittige Datenmaterial des Ostblocks
akzeptieren oder sich mit einfachen
Stellungnahmen beider Seiten begnügen
müsse, denen zufolge es nach Reduzierungen keine Aufrüstung geben würde.
In dem Bemühen zur Überwindung
dieser Sackgasse beim Datenmaterial
schlug der Ostblock im Februar 1983
vor, jede Seite solle ihre eigenen
Reduzierungen im Hinblick auf allseits gleiche Obergrenzen festlegen.
Der Westen hat daraufhin das Angebot
unterbreitet, von seiner Forderung
nach einer vorherigen Vereinbarung

- 2 -

�über den Datenaustausch abzusehen,
betrachtet aber dennoch den Austausch
detaillierter Zahlen über Streitkräfte als wesentlichen Bestandteil der
Verhandlungen
über
konventionelle
Streitkräfte. Dies steht im Einklang
mit dem Schwerpunkt, den der Westen
auf Ergebnisse und die Stärke der
verbleibenden Reststreitkräfte legt.
Dieser Ansatz fand seinen Niederschlag in unserer Initiative vom Dezember 1985. Der Ostblock hat diese
Initiative jedoch bis auf den heutigen Tag abgelehnt.
Beim NATO-Gipfel im März diese
Jahres haben die Staats- und Regierungschefs der NATO die Zielsetzungen
und Prioritäten für neue Gespräche
über konventionelle Rüstung umrissen.
Sie stellten fest, daß das konventionelle Ungleichgewicht in Europa nach
wie vor das Kernstück der Sicherheitsproblerae in Europa bildet und
das vorrangige Ziel der NATO bei einer erneuten Gesprächsrunde in der
Behebung dieses Ungleichgewichts liege. Der offizielle sowjetische Sprecher reagierte darauf unmittelbar mit
der Feststellung, die Kampfpotentiale
der beiden Bündnisse seien tatsächlich bereits nahezu gleich. Solche
Äußerungen sind ein Hinweis dafür,
daß die beiden Seiten in der Frage
der Truppenstärken noch weit voneinander entfernt sind; für den Westen
sind sie zumindest ein Anzeichen dafür, daß die von den Sowjets beim Kategorisieren und Zählen der Truppen
angewandten Methoden sich von denen
des Bündnisses grundsätzlich unterscheiden.
Abgesehen von dem Problem bei den
Daten ist der Westen jedoch über die
Diskrepanz zwischen dem von der sowjetischen Seite gezeigten neuen Enthusiasmus
für
konventionelle
Rüstungskontrolle und dem hier an den
Tag gelegte Verhalten in höchstem
Maße erstaunt. Die westliche Seite
hat auf eine solche Manifestation in
diesem Bereich nahezu 15 Jahre lang
gewartet und in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat der Westen noch
nicht einmal eine gebührende Antwort

auf seine Initiativen erhalten.
Anstelle dessen haben die Sowjets
vielmehr Vorschläge unterbreitet, die
keine angemessene Verifizierung vorsehen und die daher den von beiden
Seiten zu Beginn dieser Verhandlungen
vereinbarten
Zielsetzungen
nicht
Rechnung tragen. Sie haben sich geweigert, diese Vorschläge zu überarbeiten und auf die grundsätzlichen
Bedenken des Westens einzugehen. Sie
haben es abgelehnt, die westlichen
Vorschläge ernsthaft in Erwägung zu
ziehen oder auch nur konstruktiv darauf einzugehen. Und jetzt unterstüzten die Sowjets in der Öffentlichkeit
"neue" Rüstungskontrollvorschläge im
konventionellen Bereich, die eine
Wiederholung
zahlreicher
Elemente
sind, mit denen wir uns hier in diesem Forum seit Jahren - ohne Erfolg auseinandergesetzt haben.
Man kommt daher zwangsläufig zu
der Schlußfolgerung, daß sich die Sowjets in diesem Forum inkonsequent
verhalten haben. Um nur ein Beispiel
zu nennen: Die Sowjets lehnen die
derzeitige Initiative des Westens als
Grundlage für ernsthafte Verhandlungen ab, da sie eine Reduzierung der
Rüstungen als Teil einer Übereinkunft
in der ersten Phase nicht erforderlich machen würde. Von 1975 bis 1979
hatte der Westen Vorschläge auf dem
Verhandlungstisch, in denen die Rüstungen enthalten waren. Die Sowjets
behaupten ferner, die vom Westen vorgeschlagenen
Verifizierungsmaßnahmen
seien übertrieben. Während die Sowjets in diesem Forum dem Vertragsentwurf vom Februar 1986 weiterhin
den Vorzug geben, der nicht angemessen verifiziert werden könnte, behaupten sie an anderer Stelle öffentlich, daß sie bei der Verifizierung
genauer seien als der Westen.
Die Sowjets lehnen die derzeitige
Initiative des Westens auch mit dem
Argument ab, die vorgeschlagenen Reduzierungen seien unbedeutend.
Von
1979 bis 1985 hatte der Westen jedoch
Vorschläge für den anfänglichen Abbau
von 13 000 amerikanischen und 30 000

- 3 -

�sowjetischen Soldaten auf dem Verhandlungstisch, dem eine Reihe stufenweiser Reduzierungen folgen sollte, bis der Gleichstand von 900 000
Luft- und Bodentruppen erreicht ist.
Die Sowjets waren nicht interessiert.
Im Jahr 1984 unternahm die westliche Seite eine Reihe von Schritten,
um den Sowjets entgegenzukommen. Zusätzlich zu etwas gelockerten Bestimmungen über eine vorherige Einigung
in der Datenfrage umfaßten sie auch
die Annahme des sowjetischen Vorschlags, den Gleichstand in einem
kürzeren Zeitraum zu erreichen sowie
des Vorschlags der anderen Seite, die
meisten Reduzierungen in Einheiten
vorzunehmen. Die Sowjets waren nicht
interessiert.
Tatsächlich erfolgten
die negativen Reaktionen genau an dem
Tag, an dem die Initiative des Westens unterbreitet wurde.
Die Initiative der westlichen
Seite vom Dezember 1985 ist seitdem
nicht wesentlich konstruktiver behandelt worden - obwohl sie in einer
Reihe von Punkten den Sowjets gegenüber entscheidende Konzessionen machte.
Es handelte sich hierbei um
sorgfältig erwogene Bemühungen des
westlichen Bündnisses, die Pattsituation dieser Gespräche zu beenden und
zwar basierend auf der Annahme, wenn
beide Seiten einen ersten Schritt unternehmen würden, kämen weitere und
bedeutendere zweifelsohne nach. Dei
Westen ist weiterhin der Überzeugung,
nur ein nüchterner und realistischer
Ansatz bei der Rüstungskontrolle sei
von Erfolg gekrönt. Die Sowjets lehnen diesen Ansatz in diesem Forum
nach wie vor ab. Bei den jüngsten
öffentlichen Stellungnahmen zu diesem
Thema haben die Sowjets außerdem angedeutet, daß sie unter zukünftigen
RUstungskontrollbestrebungen
eher
grandiose Gesten und den alles umfassendenen großen Plan verstehen als
den langfristigen, aufreibenden Prozeß, der sie tatsächlich sind.
Mit dieser Darstellung in der Öffentlichkeit haben die Sowjets dennoch hohe Erwartungen für die Rü-

stungskontrolle der Zukunft geweckt.
Damit haben sie eine ernsthafte Verantwortung übernommen.
Der Westen
begrüßt Absichtserklärungen im Hinblick auf konventionelle Rüstungskontrolle, stellt jedoch fest, daß
deren Durchführung echtes Engagement,
Flexibilität und harte Arbeit erforderlich macht.
In seiner jüngsten
Ansprache vor der Sondersitzung der
Vereinten Nationen zu Abrüstungsfragen erklärte der britische Außenminister Sir Geoffrey Howe, der Schlüssel sei Realismus - die Konzentration
auf das Mögliche, nicht das Utopische. Abrüstung mit Worten allein
funktioniere nicht - sie erfordere
vielmehr harte Arbeit, gründliches
Nachdenken, zähe Verhandlungen, Klarheit und Zielstrebigkeit. Der amerikanische Außenminister machte vor
den Vereinten Nationen ähnliche Ausführungen: "Um bei unserem Unterfangen erfolgreich zu sein, müssen wir
unsere Visionen realistisch verwirklichen.
Wunschdenken ist nicht am
Platze...
mitreißende Grundsatzerklärungen sind abgebracht, aber noble
Worte allein können keine konkreten
Taten ersetzen".
Die militärische Konfrontation in
Europa hat zu lange existiert, um
hinweggefegt oder durch Wunschdenken
oder schlichte Rhetorik radikal verändert werden zu können. Wenn wir
über die Teilung zwischen Ost und
West reden, sprechen wir über die
seit Jahrzehnten bestehende Teilung
von Staaten und Völkern. Wir sprechen von tiefsitzendem Mißtrauen. In
diesem Zusammenhang konnten wir in
den vergangenen 40 Jahren in Europa
die stetige Expansion der Militärmacht des Warschauer Pakts beobachten.
Wir konnten auch beobachten,
wie diese Macht Anwendung findet.
Die Verringerung dieser Konfrontation
wird nur schrittweise möglich sein
und Rüstungskontrolle ist nur eines
der Elemente eines umfassenderen Versuchs zur Verbesserung der Ost-WestBeziehungen.
Der Erfolg oder das
Scheitern
der
RUstungskontrollverhandlungen kann jedoch tiefgreifende
Auswirkungen auf den Prozeß als Gan-

- 4 -

�zes haben. Dies macht sie zu einem
außerordentlich ernsthaften Anliegen
und fordert von uns ein Höchstmaß an
Bemühungen, Geduld und Entschlossenheit.

* * * * *

- 5

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

29. Juni 1988

25

FORTSCHRITTE BEI DEN GENFER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
- Bericht von ACDA-Direktor Bums an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde, Generalmajor William Bums, berichtete heute von "guten Fortschritten"
bei den Genfer Verhandlungen über die Begrenzung von Atomtests. Genv?insam mit
weiteren Regierungsvertretem legte er dem Unterausschuß des Kongresses für
Auswärtige Angelegenheiten am 28. Juni 1988 seinen Bericht vor.
Nachfolgend bringen wir die Ausführungen von Generalmajor Bums im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, seit meiner
Bestätigung als Direktor der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde
diesem Unterausschuß meinen ersten
Bericht zu dem außerordentlich wichtigen Problem der amerikanischen Haltung zu Kernwaffenversuchen vorlegen
zu können. Meine Ausführungen werden
sich vornehmlich darauf konzentrieren, wie unsere Haltung zu Atomtests
unsere umfassenden Ziele im Bereich
der nationalen Sicherheit und die damit verbundenen Zielsetzungen bei der
Rüstungskontrolle
unterstützen und
wie unsere Verhandlungen über Kernwaffenversuche sich auf diese Haltung
auswirken. Ich bin der festen Überzeugung, daß ein tragfähiges Atomtestprogramm für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten unabdingbar ist.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Seit dem Zweiten Weltkrieg gründet sich unsere nationale Sicherheit
auf die Strategie der Abschreckung,
die auf Stärke und den sich gegenseitig ergänzenden konventionellen und
nuklearen Waffensystemen beruht. Wie
Sie sicherlich wissen, haben die Sowjetunion und ihre Verbündeten einen
deutlichen Vorteil gegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten im Bereich der konventionellen
Waffensysteme, insbesondere bei Artillerie, Panzern und Landstreitkräften.
Angesichts dieser Bedrohung
bilden die amerikanischen Nuklearwaffen den Eckpfeiler unserer Fähigkeit
zur Abschreckung von Aggression gegen
die Vereinigten Staaten und das westliche Bündnis und sind damit die
treibende Kraft bei der Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�der Welt.
Die Glaubwürdigkeit unseres nuklearen Abschreckungspotentials ist
ein direktes Ergebnis unserer nuklearen Versuchsprogramme.
Wir müssen
sicherstellen, daß unsere Nuklearwaffen zuverlässig, sicher und wirksam
sind, wenn sie unseren gegenwärtigen
und
zukünftigen militärischen Anforderungen gerecht werden sollen.
Unsere Erfahrungen mit 43 Jahren nuklearer Abschreckung haben die Notwendigkeit von Versuchen eindeutig
belegt und solange unser Abschrekkungspotential aufrechterhalten werden muß, werden Versuche auch weiterhin erforderlich sein.
Der mit den Versuchen zur Aufrechterhaltung
der
Zuverlässigkeit
unseres nuklearen Bestands geleistete
Beitrag ist unbestreitbar. Seit 1958
ist ein Drittel aller entwickelten
Waffen zur Lösung von Problemen Versuchen im Anschluß an die Stationierung unterzogen worden. Aufgrund von
Versuchen waren wir zum Beispiel in
der Lage, mit großer Aussicht auf Erfolg die Probleme bei dem landgestützten
Marschflugkörper-Gefechtskopf W84 zu lösen. Die permanente
Fähigkeit zur Durchführung von Versuchen ist zur Bewältigung von Problemen erforderlich, die sich mit zunehmender Überalterung unserer Bestände ergeben werden.
Nukleartests gestatten uns auch,
die Sicherheit und Sicherheitsvorrichtungen weiter zu verbessern, die
eine Explosion oder unberechtigten
Gebrauch von Nuklearwaffen verhindern. Zahlreiche Waffensysteme werden zum Beispiel seit neuestem mit
einem unempfindlichen, hochexplosiven
Sprengsatz ausgerüstet, wodurch unsere Chancen beträchtlich erhöht werden, daß unsere Nuklearwaffen selbst
die extremsten Zwischenfälle ohne
eine hochexplosive Detonation überstehen. Versuche sind auch erforderlich, um Vertrauen zu schaffen, daß
Nuklearwaffen ihren Leistungsanforderungen mit dem neuen hochexplosiven
Material gerecht werden.

Um sowjetische Vorteile bei Militärtechnologie und Strategie auszugleichen, müssen wir unseren Waffenbestand modernisieren. Damit unsere
Führungs- und
Kommunikationseinrichtungen vor einem sowjetischen Nuklearangriff geschützt sind, müssen wir
außerdem das nukleare Strahlungsumfeld mit einer tatsächlichen Atomexplosion simulieren.
Die Vereinigten Staaten nehmen zu
den Kernwaffenversuchen eine besonnene Haltung ein. Sie nehmen solche
Tests weder häufiger noch mit höheren
Detonationswerten als nötig vor. Unser Testprogramm steht seit jeher im
Einklang mit dem Vertrag zur Begrenzung von Kernwaffenversuchen aus dem
Jahr 1963. Ferner haben wir die in
dem im Jahr 1974 unterzeichneten, jedoch nicht ratifizierten Schwellenvertrag (TTBT) definierte Obergrenze
für den Detonationswert von 150 Kilotonnen eingehalten.
Jegliche
Testbegrenzungen,
die
noch restriktiver als die im TTBT
niedergelegten ausfallen, können nur
in Zusammenhang mit einem integrierten und umfassenden Konzept der atomaren und konventionellen Rüstungskontrolle erwogen werden.
Es ist
naiv, anzunehmen, daß Testbegrenzungen allein zur Lösung der schwierigen
Probleme des RüstungskontroLlprozesses beitragen können. Ein umfassendes Testverbot wird nicht zwangsläufig zu einer Reduzierung der Kernwaffen führen.
Stattdessen würde ein
solches Verbot im heutigen Umfeld des
Vertrauens auf atomare Abschreckung
wahrscheinlich zu verstärkter Unsicherheit führen, da der Verzicht auf
Tests das Vertrauen in diese Abschreckung untergraben und deshalb
einer Reduzierung der atomaren Arsenale eher abträglich sein würde. Wir
sollten zunächst wirksame und verifizierbare Rüstungskontrollvereinbarungen aushandeln, die eine Reduzierung
der Anzahl von Waffen auf beiden Seiten vorsehen und Vertrauen schaffen,
daß beide Seiten diese Vereinbarungen
einhalten.
Weitere
Beschränkungen
für Kernwaffenversuche sind nur im

- 2 -

�Zuge eines verringerten Vertrauens
auf
Kernwaffen
zur
Abschreckung
zweckmäßig.
Deshalb haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion in einer
gemeinsamen Erklärung vom 17. September 1987 ihre Übereinkunft verkündet,
umfassende, stufenweise Verhandlungen
über die Begrenzung von Kernwaffenversuchen aufzunehmen. Die formellen
Verhandlungen begannen im November
1987 in Genf.
Wir haben mit den Sowjets als ersten Schritt vereinbart, wirksame Verifizierungsmaßnahmen für den Schwellenvertrag (1974) sowie den Vertrag
über Kernexplosionen zu friedlichen
Zwecken [PNET] (1976) auszuhandeln,
die beide unterzeichnet, aber nicht
ratifiziert wurden.
Sobald unsere
Bedenken in bezug auf die Verifizierung beigelegt und die Verträge ratifiziert sind, werden die Vereinigten
Staaten dieser Übereinkunft zufolge
bereit sein, mit der Sowjetunion Verhandlungen über Möglichkeiten aufzunehmen, ein stufenweises Programm der
Begrenzung von Kernwaffenversuchen in
Zusammenhang mit einem Parallelprogramm zur Reduzierung und letztlichen
Beseitigung aller Kernwaffen durchzuführen.
Bei den TTBT/PNET-ProtokollVerhandlungen machen wir gute Fortschritte.
Sowohl die Sowjets als
auch wir haben Protokollentwürfe für
beide Verträge vorgelegt. Zusätzlich
verständigt-or» sich Präsident Reagan
und Generalsekretär Gorbatschow beim
Washingtoner Gipfel im Dezember 1987
auf die Durchführung von gemeinsamen
Verifizierungsexperimenten
auf
dem
Testgelände der jeweils anderen Seite. Das gemeinsame Verifizierungsexperiment wird Möglichkeiten zur Messung des Detonationswertes einer einzelnen Kernexplosion auf jedem der
beiden Versuchsgelände bieten, wobei
jeweils die von beiden Seiten vorgeschlagenen Methoden
zur Anwendung
kommen. Mit Hilfe dieses Experiments
werden wir der Sowjetunion die von
ihr zur Annahme der von amerika-

nischer Seite routinemäßig angewandten CORRTEX-Methode benötigten Informationen liefern. CORRTEX ist unseres Erachtens die genaueste, unaufdringlichste Technik zur Verifizierung des Detonationswertes von Kernexplosionen.
Während einer der entscheidenden
Gesichtspunkte bei Verhandlungen über
Kernwaffenversuche die wirksame Verifizierung ist, so ist diese sicherlich nicht das einzige Kriterium bei
der Entscheidung, ob weitere Beschränkungen im nationalen Interesse
der Vereinigten Staaten liegen, wie
in meiner Erklärung zum Ausdruck
kommt. Deshalb ist die Prämisse, daß
weitere Fortschritte bei der seismischen Verifizierung schon irger.dwie
den Weg zu einem umfassenden Testverbot freimachen werden, wie dies von
einigen Kongreßmitgliedern unter Verweis auf den OTA-Bericht (OTA =
Office of Technology Assessment = etwa "Amt für Technologiebewertung")
über
"Seismologische
Verifizierung
von Verträgen über Kernwaffenversuche" behauptet wird, unbegründet.
Ferner zeigen alle bis heute gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse, daß seismologische Methoden
für die wirksame TTBT-Verifizierung
unzureichend sind, und - wie Botschafter Robinson noch verdeutlichen
wird -, deshalb hat sich- die Administration notwendigerweise auf die Erlangung einer wirksamen Verifizierung
des TTBT und des ihn begleitenden
PNET als Hauptanliegen in Bereich der
Kernwaffenversuche konzentriert.
Die Notwendigkeit wirksamer Verifizierung ist offensichtlich, wenn
man die sowjetische Bilanz der Einhaltung des TTBT prüft. Im vergangenen Jahr kam die Administration nach
sorgfältiger und umfassender Diskussion im Hinblick auf die 150 Kilotonnen-Schwelle des TTBT zu dem Schluß,
daß
"wahrscheinliche
Verletzungen"
der rechtlichen Verpflichtungen gemäß
TTBT stattgefunden haben.
Ferner
verstärkt die Gesamtbeweislage die
Erkenntnisse der Vergangenheit über

- 3 -

�wahrscheinliche Verletzungen des TTBT.
Die den niedrigen Schwellen beim
Detonationswert oder einem Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot
(CTB) immanenten Verifizierungsprobleme bereiten größere Schwierigkeiten als der Schwellenvertrag.
Mit
abnehmendem Detonationswert steigen
die Schwierigkeiten bei der Überwachung und die Möglichkeiten für Vertragsumgehungen. Darüber hinaus gibt
es mehr Anreize für Täuschungsversuche.
Legt man die Möglichkeiten
der Umgehung zugrunde, würden die Sowjets von unentdeckten oder unklaren
Verletzungen eines CTB oder einem
niedrigen Detonationswert profitieren; die Kernwaffenarsenale können
effektiver unterhalten werden, und
sie könnten mehr Vertrauen in ihre
Fähigkeit zur Aufrechterhaltung und
Verbesserung ihres Kernwaffenarsenals
gewinnen. Für die sich strikt an ihre vertraglich
eingegangenen Verpflichtungen
haltenden
Vereinigten
Staaten wird es zunehmend schwierig,
angesichts niedrigerer Detonationswerte den militärischen Notwendigkeiten
der
Aufrechterhaltung
einer
glaubwürdigen Abschreckung gerecht zu
werden.
Der Schlußsatz in der Einleitung
der Zusammenfassung des OTA besagt:
"Ein solcher Vertrag (sehr niedrige
Schwelle oder CTB) könnte immer noch
im nationalen Interesse liegen, wenn
unter
Berücksichtigung
seismologischer und nichtseismologischer Verifizierungsmethoden
die
Bedeutung
unentdeckter Verletzungen von den
Vorteilen eines solchen Vertrages
aufgewogen würde."
Meiner Ansicht
nach wird diese Situation nicht eintreten, solange unser Land auf eine
glaubwürdige
nukleare
Abschreckung
vertraut.
Was andere Teile des OTA-Berichts
betrifft, so ist es schwierig, besondere Diskussionspunkte in einem Dokument aufzugreifen, dessen Tenor sehr
wirkungsvoll zur Einseitigkeit des
Berichts beiträgt. Zum Beispiel ist
die von den Autoren in dem Teil der

Zusammenfassung, der sich mit der
Vertragseinhaltung beschäftigt, vertretene Auffassung, "die Sowjets beachten Begrenzungen des Detonationswertes im Rahmen der Beschränkung auf
150 Kilotonnen
laut Schwellenvertrag", nur der Teil eines Zitats, dem
im Original hinzugefügt ist: "Trotz
der statistischen Unsicherheit bei
der Schätzung des Detonationswertes
und Unklarheiten bei der Übertragung
amerikanischer Erkenntnisse auf das
sowjetische Versuchsgelände ist jedoch die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß einige der sowjetischen Tests über der Grenze lagen."
Ein weiteres Beispiel ist die gewagte Behauptung im Teil über Verifizierung von TTBT und PNET: "Bei der
Einteilung des sowjetischen Testgeländes in Raster und Anwendung moderner seismologischer Methoden könnte
der Unsicherheitsfaktor bei der seismologischen Schätzung
des Detonationswerts auf einen mit CORRTEX vergleichbaren Stand reduziert werden."
Im Hinblick darauf sind Versuche unternommen worden, aber es handelt
sich hierbei immer noch um einen Forschungsgegenstand und nicht um eine
erprobte Methode.
Daher ist eine
solche, nicht von technischen Erfahrungen untermauerte Hypothese für den
Laien und auch für manche Experten in
gefährlichem Maße irreführend.
Insgesamt zerstört die Abschaffung der Tests ohne Abschaffung der
Notwendigkeit von Nuklearwaffen die
Glaubwürdigkeit
unseres
Abschrekkungspotentials und untergräbt unsere
Fähigkeit, wirksame und verifizierbare RUstungskontrollabkommen auzuhandeln. Meiner Ansicht nach haben die
Rüstungskontrollinitiativen des Präsidenten in den vergangenen acht Jahren die Erhaltung der Stabilität und
eine starke, glaubwürdige Abschrekkungsfähigkeit betont.
Der Erfolg
des für die Rüstungskontrolle vom
Präsidenten verfolgten Ansatzes tritt
durch den Abschluß des INF-Vertrages
zutage.
Im Bereich der Atomtests
wird sein Erfolg insofern sichtbar,
als er nicht zu unrealistischen Vor-

�schlagen im Hinblick auf eine atomwaffenfreie Welt geführt hat, sondern
dazu, daß die Sowjets einen konstruktiven, praktischen und methodischen
Ansatz für Verhandlungen über Atomtests akzeptiert haben.

* * * * *

i

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