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                  <text>Ä8^

VON

AMERIKA DIENST
Sonderdienst

^

4. Mai 1988

DIE SOWJETISCHE MILITÄRMACHT 1988
Siebte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsministeriums -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministerium hat am 29.
April 1988 die siebte, 175seitige Dokumentation über die sowjetische Militärmacht mit dem Untertitel "Eine Einschätzung der Bedrohung" veröffentlicht.
Die Broschüre gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt neun Kapiteln.
Teil 1:

Der Charakter der sowjetischen Bedrohung

Kapitel I:

Die sowjetische nationale Sicherheitspolitik

Kapitel II: Die sowjetische Außenpolitik unter Gorbatschow
Kapitel III: Die Zuweisung militärischer Mittel
Kapitel IV: Sowjetische strategische Programme und Weltraumstreitkräfte
Kapitel V:

Die sowjetischen konventionellen Streitkräfte

Teil 2: Eine Einschätzung der Bedrohung
Kapitel VI: Das strategische Gleichgewicht
Kapitel VII: Regionale und funktionale Gleichgewichte
Kapitel VIII:

Forschung und Entwicklung:

Kapitel IX: Kollektive Sicherheit:

Der technologische Wettbewerb

Unsere Risiken und Verpflichtungen

Im folgenden bringen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Frank
Carlucci im Wortlaut sowie eine Zusammenfassung der Broschüre nach Kapiteln.

Vorwort
Seit 1981 veröffentlicht das Verteidigungsministerium eine Einschätzung der militärischen Stärke der Sowjetunion. Diese Publikation mit dem
Titel Die sowjetische Militärmacht
hat dem amerikanischen Volk, unseren
Freunden und Verbündeten in der gesamten Welt und anderen eine klare,
prägnante Beschreibung
der sowjetischen militärischen Fähigkeiten geliefert.
Dieses Jahr haben wir einen etwas
anderen Ansatz gewählt und uns eine
umfassendere Betrachtungsweise der im
Zusammenhang mit der sowjetischen militärischen Stärke seit 1981 beobachteten Tendenzen und Auswirkungen zu
eigen gemacht. Teil 1 des vorliegen-

den Dokuments beschreibt die traditionellen
Komponenten
sowjetischer
Militärmacht. Kapitel I liefert einen Überblick über die sowjetische
militärische
Strategie,
Politik,
Struktur sowie Einsatz- und FUhrungsgrundsätze.
Kapitel II analysiert
die sowjetische Außenpolitik unter
Generalsekretär Gorbatschow. Kapitel
III befaßt sich mit der materiellen
Grundlage der militärischen Stärke
der Sowjets. Kapitel IV analysiert
die sowjetischen strategischen Offensiv- und
Verteidigungsstreitkräfte
sowie die Weltraumstreitkräfte. Kapitel V liefert eine Übersicht über
die konventionelle Militärmacht der
Sowjets.
Um die möglichen Auswirkungen der
sowjetischen
militärischen
Stärke

�vollständig zu begreifen, ist es jedoch notwendig, die militärischen Fähigkeiten der Sowjets im Verhältnis
zu denen der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten zu untersuchen.
Teil 2 von Die sowjetische Militärmacht 1988 stellt diese sowjetische
Stärke in einen Zusammenhang, indem
er eine Einschätzung des militärischen Gleichgewichtes in allen relevanten Bereichen vornimmt. Kapitel
VI behandelt die Geschichte und den
heutigen Zustand des Gleichgewichts
zwischen
unseren
strategischen
Streitkräften und denen der Sowjetunion.
Kapitel VII enthält unsere
Einschätzung des militärischen Kräfteverhältnisses in Europa, Südwestasien und dem Fernen Osten sowie des
Kräfteverhältnisses zur See und unsere vergleichbaren Fähigkeiten zur
Verlagerung militärischer Macht. Da
sowohl die Vereinigten Staaten als
auch die UdSSR sich zur Verbesserung
ihrer jeweiligen militärischen Fähigkeiten in starkem Maße auf Technologie stützen, liefert Kapitel VIII
eine vergleichende Einschätzung darüber, wie neue Technologien unsere
Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft beeinflussen werden.
Kapitel
IX schließt mit einer Betrachtung
darüber, wie wir unsere kollektive
Sicherheit angesichts der von der Sowjetunion ausgehenden Bedrohung am
besten stärken und Mittel zur Verfügung stellen können, um dieser Bedrohung wirksam entgegenzutreten.
Wie in den früheren Ausgaben
lenkt die diesjährige Ausgabe von
Die
sowjetische
Militärmacht
die
Aufmerksamkeit auf einige der seit
Veröffentlichung von Die sowjetische
Militärmacht 1987 beobachteten bedeutenderen Entwicklungen in der sowjetischen militärischen Stärke, darunter:
- Das seit langem bestehende Programm der Sowjets zum Bau tief
unter der Erde gelegener Einrichtungen zum Schutz ihrer Führung
während eines Atomkrieges wird
detailliert zum ersten Mal in der
diesjährigen Ausgabe behandelt.
- 2

- Die Erststationierung der schienengest Utzten Interkontinentalrakete (ICBM) SS-24.
- Der Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten (SL-16) wurde einsatzreif.
- Der erste Einsatz des Raumtransporters für schwere Nutzlasten
(SL-X-17) wurde beobachtet.
- Der seegestützte Marschflugkörper
SS-N-21 wurde einsatzreif.
- Ein vierter Flugzeugträger der
KIEW-Klasse wurde einsatzreif.
- Ein drittes atomgetriebenes Angriffs-U-Boot
der
AKULA-Klasse
lief vom Stapel und
- das luftgestUtzte Frühwarn- und
FUhrungssystem
I1-76/MAINSTAY
wurde einsatzbereit.
Dies sind lediglich die jüngsten
Beispiele für den anhaltenden Ausbau
der sowjetischen nuklearen und konventionellen Fähigkeiten. Seit 1981
wurde praktisch jede Komponente der
sowjetischen Militärmacht erweitert
und modernisiert:
- Die
sowjetischen
strategischen
atomaren
Offensivstreitkräfte
werden weiter verbessert. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde die
Stationierung der vierten Generation von ICBMs abgeschlossen der SS-17, SS-18 und SS-19. Im
Jahr 1985 leiteten die Sowjets
mit der straßenmobilen SS-25 die
Einführung der fünften Generation
von ICBMs ein.
- Das mit 20 ballistischen Raketen
vom
Typ
SS-N-20
ausgerüstete
Atom-U-Boot (SSBN) TYPHOON wurde
eingeführt und kurz darauf auch
das mit SS-N-23 Raketen bewaffnete SSBN vom Typ DELTA IV.
- Der mit dem atomar bestückten
Marschflugkörper längerer Reichweite vom Typ AS-15 bewaffnete

�Bomber BEAR H wurde eingeführt,
und die Stationierung des neuen
strategischen Bombers BLACKJACK
steht kurz bevor.
- Die Sowjets fahren mit der Modernisierung ihres Verteidigungssystems gegen ballistische Raketen
um Moskau fort, indem sie es zu
einem zweischichtig angelegten,
aus silogestlitzten, weitreichenden und modifizierten Abwehrflugkörpern vom Typ GALOSH, silogestlitzten schnell-beschleunigenden
endoatmosphärischen
Abwehrflugkörpern vom Typ GAZELLE sowie damit verbundenen Gefechts-, Leitund
Kampfführungsradarsystemen,
einschließlich des neuen phasengesteuerten Großradars vom Typ
PILL BOX in Puschkino, bestehenden Verteidigungssystem umrüsten.
- Die umfassende Modernisierung der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte
in den achtziger
Jahren, darunter Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge sowie Uberund
Unterwasserschiffe
stellt
eine bedeutende Verbesserung sowjetischer militärischer Fähigkeiten
dar.
Der
Kampfpanzer
T-80, der Schützenpanzer BTR-80,
die Luftabwehrkanone SPAA-M-1986,
die Boden-Luft-Rakete SA-12 und
die ballistische Kurzstreckenrakete SS-23 sind seit 1981 einsatzreif geworden.
- Das Flugzeug Su-25/FR0GF00T sowie
die
Flugzeuge
Su-27/FLANKER,
MiG-29/FULCRUM und MiG/FOXHOUND,
alle modernster Bauart, sind heute einsatzreif und in großen Zahlen stationiert.
- In der sowjetischen Marine ist
ein mit Startrampen ausgerüsteter
Flugzeugträger von 65 000 Tonnen
im Bau. Zusätzlich stellten die
Sowjets vier neue Klassen von
übe rwasserschiffen, zwei Klassen
von Angriffs-U-Booten, sechs neue
Uberwasserwaffensysteme
sowie
sechs neue Klassen von AllzweckU-Booten in Dienst.

Die sowjetische Militärmacht und
die von ihr verkörperte Bedrohung
sind also keine abstrakten Begriffe.
Die Bereitschaft der Sowjets zum Einsatz militärische Macht, um Willfähigkeit durch Drohungen oder sogar
die
Überschreitung
internationaler
Grenzen in einer bewaffneten Aggression - wie in Afghanistan - zu erpressen, ist unbestreitbar.
Die Sowjets vermitteln jedoch
heutzutage international ein völlig
neues Bild und rufen dadurch die
Hoffnung eines grundlegenden Wandels
in ihrem internationalen Verhalten
hervor.
Ob diese Veränderungen
falls sie sich durchsetzen - eine
echte Chance für grundlegendere Verbesserungen in unseren Beziehungen
mit der Sowjetunion bedeuten, bleibt
abzuwarten. Obwohl wir den auf Konkurrenz und vorwiegend auf Gegnerschaft beruhenden Charakter unseres
Verhältnisses mit der Sowjetunion anerkennen, ist es unsere Politik, den
Dialog mit ihr zu fördern, um Chancen
für konstruktivere Beziehungen zu
nutzen. Im Geist dieser Politik traf
ich mich kürzlich mit dem Verteidigungsminister der Sowjetunion, General Dimitri Jasow. Ich verfolgte dabei die Absicht, eine Vielzahl von
Sicherheitsfragen
zu
diskutieren,
darunter die Verhinderung gefährlicher Unfälle. Ich wollte außerdem
ein besseres Verständnis öffentlicher
Erklärungen der Sowjets über eine
"defensive Doktrin" und ihres Konzepts des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" gewinnen.
Unsere
Gespräche erbrachten, wenn überhaupt,
nur wenige Informationen über die
Frage, ob es tatsächlich eine neue
sowjetische Doktrin gibt und, falls
es sie gibt, ob diese substantielle
Veränderungen
in der sowjetischen
Streitkräftestruktur und bei den Militärausgaben nach sich ziehen wird.
Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, welche Veränderungen im sowjetischen
Einsatzkonzept
definitiv
stattfinden könnten, falls eine wahrhaft "defensive" Doktrin auf der
Grundlage des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" umgesetzt würde.

- 3-

�Während wir weiterhin auf bedeutsame Veränderungen bei den Sowjets in
bezug auf weniger aggressive und gefährliche Maßnahmen und Einsatzkonzepte hoffen, haben wir bis heute
keine Beweise gesehen, die auf eine
Veränderung des offensiven Charakters
der Streitkräftestruktur und des Stationierungsmusters der UdSSR hindeuten.
Weder die Produktion militärischer Ausrüstung noch die Militärausgaben wurden reduziert. Im Gegenteil, der sowjetische Militärhaushalt, der sich auf 15 bis 17 Prozent
des
Bruttosozialproduktes
beläuft,
wächst auch unter Generalsekretär
Gorbatschow weiter jährlich um drei
Prozent. Noch wichtiger: Das in der
vorliegenden Broschüre dargestellte
Einsatzkonzept und die militärischen
Fähigkeiten der Sowjets, sind mit
einem defensiven Einsatzkonzept nicht
zu vereinbaren.
Wir alle würden
ernsthafte Bemühungen der Sowjets zur
Veränderung ihres militärischen Einsatzkonzepts begrüßen, insbesondere,
wenn diese mit sichtbaren Reduzierungen bei Streitkräften und Ausgaben
einhergehen. Wir werden dies weiterhin beobachten, ohne in unserer Wachsamkeit nachzulassen.
Ich hoffe, daß dieses realistische Porträt der militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion und der von
diesen für die freie Welt verkörperten militärischen Bedrohung allen
Amerikanern, unseren Freunden und
Verbündeten eine Hilfe sein wird, um
das enorme Ausmaß und den Umfang der
vor uns liegenden Herausforderungen
im Bereich der Sicherheit zu erfassen. Wir dürfen uns von den sowjetischen
militärischen
Fähigkeiten
nicht einschüchtern lassen, obwohl
diese
sicherlich
gewaltig
sind.
Stattdessen müssen wir unsere Entschlossenheit zur Bewahrung unserer
Freiheiten und unserer nationalen Sicherheit stärken und ein dauerhaftes
Programm für unsere kollektive Sicherheit entwerfen.
Nur so können
wir, unsere Verbündeten und unsere
Freunde die Vorzüge der Freiheit für
uns und unsere Nachwelt sichern.

KAPITEL I

DIE SOWJETISCHE NATIONALE SICHERHEITSPOLITIK
In der sowjetischen nationalen
Sicherheitspolitik
werden
folgende
Prioritäten gesetzt:
- Stärkung des sowjetischen politischen Systems und Erhaltung der
Herrschaft der KPdSU.
- Ausdehnung und Stärkung des sowjetischen Einflusses weltweit.
- Verteidigung
der
sowjetischen
Heimat und des Staates gegen eine
mögliche Aggression.
- Aufrechterhaltung
der
Vorherrschaft
über
den
sowjetischen
Grenzen
benachbarte
Land- und
Seegebiete.
Obwohl die Sowjets den Frieden
dem Krieg vorziehen, sind sie durchaus willens, ihre Interessen durch
Einschüchterung,
Ausübung
diplomatischen Drucks oder direkte Gewaltanwendung - wie in Ungarn, der Tschechoslowakei und Afghanistan - durchzusetzen.

Tendenzen innerhalb des Systems
Obwohl sich die sowjetischen Ziele nicht geändert haben, erkannten
Gorbatschow und seine Verbündeten,
daß zur Umstrukturierung des sowjetischen Systems neue politische Maßnahmen angezeigt waren.
Sie waren
entschlossen,
das
politische
und
wirtschaftliche System neu zu beleben
und das Image der Parteiführung im
In- und Ausland dadurch zu erneuern,
daß sie sich als Vertreter einer neuen, jüngeren, dynamischeren und fähigeren Generation sowjetischer Politiker darstellten.
Sie präsentierten
ihren Entwurf eines umstrukturierten
sowjetischen Systems unter dem Namen
"Perestrojka".

Frank C. Carlucci
Verteidigungsminister
- 4 -

�Was sich nicht verändert hat, ist
die Tatsache, daß die Sowjetunion
sich auch weiterhin auf militärische
Macht stützt, um ihre politischen
Maßnahmen zu unterstreichen sowie auf
die anhaltende Bereitschaft der sowjetischen Führung, die für die Aufrechterhaltung
ihrer
militärischen
Macht benötigten Mittel zur Verfügung
zu stellen.

Krieges - in bestimmten Bereichen eines Kriegsschauplatzes möglicherweise
auch defensive Operationen durchführen müssen. Ihre Zielsetzung in der
Ausbildung besteht jedoch darin, so
schnell wie möglich zur Gegenoffensive überzugehen.

Sowjetische Militärdoktrin und Strategie

In seiner Rede auf dem 27. Parteitag der KPdSU im Februar 1986 erwähnte Gorbatschow das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", ohne dies näher zu erklären.
Seit jener Rede gab es zahlreiche Erwähnungen eines "Gleichstandes auf
niedrigerer Ebene" sowie weitere Erklärungen der Führung über ein ausreichendes Niveau.

Die
sowjetische
Militärdoktrin
betrachtet Krieg als eine Fortsetzung
der Politik und betont offensive Operationen.
Die sowjetische Militärführung hat diese Prinzipien als
grundlegend erkannt, wenn ein bewaffneter Konflikt zu ihren Gunsten entschieden werden soll.
Für die Sowjets würde ein Sieg in einem konventionellen oder nuklearen Krieg die
Niederwerfung
oder
Neutralisierung
der Vereinigten Staaten und der NATO
sowie das Überleben der von der Partei
beherrschten
politisch-ökonomischen Struktur in der Heimat beinhalten.
Die
sowjetische
Militärdoktrin
erkennt heute an, daß weder strategische Nuklear- noch konventionelle
Streitkräfte
allein
"entscheidend"
sind, sondern daß sie ihre beste Wirkung nur zusammen entfalten. Die Sowjets haben enorme Mittel ausgegeben,
um ihre konventionellen Streitkräfte
zu modernisieren und auszubauen, während sie gleichzeitig mit dem Ausbau
ihrer strategischen nuklearen Offensiv- und Defensivstreitkräfte fortfuhren und damit ihre Fähigkeit unterstrichen haben, sowohl unter nuklearen wie unter konventionellen Bedingungen zu kämpfen.
In den achtziger Jahren haben die
Sowjets außerdem damit begonnen, defensive Operationen in eine generell
offensive Strategie einzubauen. Die
Sowjets haben immer den Gedanken akzeptiert, daß sie - für einen begrenzten Zeitraum
eines künftigen

Der Einfluß Gorbatschows auf die
Militärdoktrin

Bis heute gibt es jedoch keinen
Grund zu dem Schluß, daß das Konzept
des "vernünftigen und ausreichenden
Niveaus" eine Aufgabe oder auch nur
eine Modifizierung der charakteristischen offensiven militärischen Strategie
der
Sowjets
bedeutet.
Gorbatschow und
seine Verbündeten
sind sich genau wie ihre Vorgänger
der Tatsache voll bewußt, daß sich
der Status der Sowjetunion als Supermacht sowie ihre Fähigkeit zur Erlangung ihrer strategischen Ziele aus
ihrer militärischen Macht ableiten.
Falls
bedeutende
Veränderungen
stattfinden, dann könnten sie den Bereitschaf tsgrad,
Streitkräftestruktur, Durchhaltevermögen, Ausbildung
und Operationen betreffen.
Sollten
solche Veränderungen eingeleitet werden, könnte das Ergebnis ebenso gut
eine weniger umfangreiche und trotzdem
schlagkräftigere
offensive
Streitkräftestruktur
sein
eine
Struktur, die auf jeden Fall ausreichend wäre, um die sowjetischen
politischen und militärischen Ziele
zu verfolgen, die sich nicht wirklich
verändert haben.
Das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" steht außerdem im Einklang mit
den seit langem existierenden sowje-

- 5 -

�tischen Zielen, die NATO zu spalten,
die
Streitkräftemodernisierung
der
USA und der NATO zu verlangsamen, das
SDI-Programm durch Rüstungskontrolle
zu Fall zu bringen und den Sowjets
Zeitgewinn zu verschaffen, um ihren
wirtschaftlichen, technologischen und
industriellen Initiativen zum Durchbruch zu verhelfen.

Weitere Aussichten
Die aktive Öffentlichkeitsarbeit
der Sowjets, mit der das im Westen
bestehende Bild der UdSSR verändert
werden soll, hat gezeigt, daß man
sich des Einflusses der westlichen
Massenmedien sehr wohl bewußt ist.
Die Sowjets haben wohl kaum ihre seit
langem bestehenden Ambitionen aufgegeben, dominierende Weltmacht zu werden.
Für die nächsten zehn Jahre
kann man davon ausgehen, daß die Sowjets mit Hochdruck innenpolitische
Initiativen
zur Neubelebung ihrer
Wirtschaft, Modernisierung ihrer industriellen Basis und Beschaffung der
zur Aufrechterhaltung einer mächtigen
Militärstreitmacht
auf allen Konfliktebenen notwendigen Technologien
verfolgen werden.
Die Sowjets werden an dem Konzept
festhalten, daß die Verteidigung der
UdSSR auf einer Streitmacht beruhen
muß, die zur Ergreifung der Offensive
und Zerstörung der Kriegführungsmittel des Gegners in der Lage ist.
Diesem Konzept zufolge müssen ihre
Streitkräfte vorbereitet sein, auf
allen Konfliktebenen zu kämpfen und
die Oberhand zu gewinnen.

KAPITEL II

DIE SOWJETISCHE AUSSENPOLITIK UNTER
GORBATSCHOW
Die sowjetische Außenpolitik hat
ihr traditionelles langfristiges Ziel
einer Veränderung im "Kräfteverhältnis" zu ihren Gunsten nicht aufgegeben. Unter Gorbatschow beabsichtigen
die Sowjets, in der Vergangenheit erzielte Vorteile dadurch zu bewahren,
daß sie kreativer mit der Weltpolitik
und der Weltwirtschaft umgehen. Es
kann erwartet werden, daß die UdSSR
weiterhin westliche Interessen durch
Diplomatie, Militär- und Wirtschaftshilfe sowie die Unterstützung von dem
Westen feindlich gesonnenen Stellvertretern, Regimen und Bewegungen herausfordern wird. Die Sowjets werden
auch weiterhin ihre eigenen mächtigen
Streitkräfte entwickeln und stationieren.
Generalsekretär
Gorbatschow
strebt danach, die UdSSR durch Erhöhung der Wirtschaftsleistung im Inund Ausland sowie durch den Ausbau
der Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt, die vormals als zum "westlichen Lager" zugehörig eingestuft
wurden, international zu einem geschickteren Konkurrenten zu machen.
Diese Bestrebungen sind Teil einer
langfristig angelegten Strategie mit
dem Ziel, Chancen auszunutzen, die
den Sowjets unter der früheren, starreren Außenpolitik entgangen wären.
Gorbatschows Außenpolitik wird danach
trachten, die Sowjetunion als eine
Macht darzustellen, deren Ziel die
Förderung politischer und wirtschaftlicher Lösungen für regionale und
weltweite Probleme ist.
Die sowjetische Führung hat begonnen, die Notwendigkeit eines "neuen Denkens" in der Weltpolitik zu betonen, insbesondere in den Fragen von
Krieg und Frieden sowie bei Konzepten
der internationalen Sicherheit. Die
erklärten Ziele der sowjetischen Aussenpolitik enthüllen jedoch die Tatsache, daß "neues Denken" die Dogmen

�des Kommunismus nicht verändert hat.
Der Unterschied zwischen dem "neuen
Denken" und gegenwärtigen Handlungen
findet seinen Niederschlag auch in
der sowjetischen Politik gegenüber
der Dritten Welt.
Unter Gorbatschow wurde in der
sowjetischen Außenpolitik damit begonnen, ein subtileres Verständnis
des
sowjetisch-amerikanischen
Verhältnisses zu betonen.
Ihre Ziele
sind jedoch weiterhin:
- Der Versuch, den Rüstungskontrollprozeß zu benutzen, um die
geplante Modernisierung und Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte zu schützen;
-

die NATO zu spalten und die Vereinigten Staaten von Europa abzukoppeln;

- den weiteren Zugan zu westlicher
Technologie und Westkrediten zu
sichern;
- die Aushöhlung westlicher RUstungsprogramme, insbesondere von
SDI sowie der Streitkräftemodernisierung der USA und der NATO.

wjetischen Zugang zu westeuropäischen
Krediten, Technologie und Handel auszuweiten und neutralistische Elemente
in Westeuropa durch eine selektive
Politik der Unterstützung und Manipulierung "progressiver" Elemente zu
ermutigen, wobei das Hauptaugenmerk
den antinuklear eingestellten Arbeiterund sozialistischen Parteien
sowie den verschiedenen Friedensbewegungen gilt.
Mit der Unterzeichnung des INFVertrages im Dezember 1987 hielt die
Sowjetunion weiterhin an ihrer Ansicht fest, daß ihre Politik gegenüber Westeuropa traditionellen sowjetischen Zielen dienen und den sowjetischen Einfluß in dieser Region verstärken wird. Zum Beispiel versuchen
die Sowjets weiterhin, kriegsschauplatzgebundene nukleare Plattformen
in die neuen Verhandlungen über die
konventionellen Streitkräfte einzubinden. Außerdem haben sie Begrenzungen von Aktivitäten auf See vorgeschlagen, mit denen die Stationierung
amerikanischer Marinesysteme zur Unterstützung der Nord- und Südregionen
der NATO beschnitten würde.
Diese
Vorschläge zeigen, daß die politischen Ziele der Sowjets im Hinblick
auf Westeuropa fortbestehen.

Sowjetische Regionalpolitik
Die weiteren Aussichten
Westeuropa
Unter Gorbatschow wurde das traditionelle Ziel der UdSSR mit neuem
Elan angegangen, einen Keil zwischen
die Vereinigten Staaten und die NATO
zu treiben, indem u. a. innerhalb
Westeuropas die Besorgnis über amerikanische Verteidigungsprogramme geschürt wird. Das grundsätzliche sowjetische Ziel bleibt die Veränderung
des politischen Status quo in Europa
zu Gunsten der UdSSR. Um dies zu erreichen, versuchen die Sowjets: ihren erheblichen Vorteil bei konventionellen und nuklearen Gefechtsfeldwaffen gegenüber der NATO zu wahren,
die amerikanischen politischen und
militärischen Bindungen mit Westeuropa zu schwächen oder aufzulösen, so-

Gorbatschows "neues Denken" spiegelt in erster Linie einen Stilwandel
wider, während seine diplomatischen
Initiativen neue Taktiken beinhalten.
Durch die Kultivierung eines weniger
bedrohlichen internationalen Images
zielt Moskau darauf ab, die Aufmerksamkeit vom sowjetischen Militarismus
und Abenteurertum in der Außenpolitik
abzulenken.
Aus der Sicht Moskaus
wird das sich daraus ergebende internationale Klima die sowjetischen Aussichten zur Aufrechterhaltung einer
weltweiten vorteilhaften "Kräfteverhältnisses" verbessern, insbesondere
in einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation. Gleichzeitig wird Moskau das
Ziel verfolgen, seine Macht und seinen Einfluß auszudehnen, den äußeren

- 7 -

�Druck auf seine Vasallenstaaten zu
mildern, die Chancen des Ost-WestHandels zu erweitern, sich westliche
Technologie zu verschaffen und die
sowjetische Wirtschaft zu verjüngen.
Insgesamt wäre es verfrüht, zu entscheiden, ob Veränderungen im Stil
der
sowjetischen
Außenpolitik
schließlich die grundsätzlichen Ziele
Moskaus beeinflussen werden. Letztlich könnte die UdSSR beabsichtigen,
die verbesserte Position, die sie
sich als Ergebnis innerer Reformen zu
erringen hofft, zu benutzen, um wirkungsvoller mit dem Westen im politischen,
militärischen
und
wirtschaftlichen Bereich zu konkurrieren.

KAPITEL III

DIE ZUWEISUNG MILITÄRISCHER MITTEL
Die sowjetische Verteidigungslast
ist von 14 bis 16 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts im Jahr
1980 auf etwa 15 bis 17 Prozent im
Jahr 1987 gestiegen - ungefähr das
Zweieinhalbfache der amerikanischen.
Noch aufschlußreicher ist die Tatsache, daß die sowjetischen Ministerien für Verteidigungsindustrien heute etwa 60 Prozent des lebenswichtigen Industriezweiges für Maschinenbau/Metallverarbeitung ausmachen.
Die sowjetische Führung ist offensichtlich besorgt über den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaft, der
zukünftige militärische Erfordernisse
zu gefährden droht. Die Führung betrachtet das heutige Wirtschaftswachstum als unzureichend, um die militärischen Fähigkeiten und den Lebensstandard auf dem gewünschten Niveau
zu halten und gleichzeitig genügend
Mittel bereitzustellen, um in das'
künftige wirtschaftliche und militärische Wachstum zu investieren.
Um der Sowjetunion einen Spitzenplatz in militärischer und ziviler
Technologie
zu
verschaffen,
hat
Gorbatschow ein Wirtschaftsprogramm
zur schnellen Modernisierung der Maschinenproduktion des Landes vorgeschlagen. Durch enorme Investitionen
beabsichtigt Moskau, die Produktion
neuer und moderner Maschinen und Ausrüstung zu beschleunigen, mit denen
die ausgediente industrielle Basis
des Landes erneuert werden soll.
Priorität wird in der Hochtechnologie
den Bereichen Mikroelektronik, Computerwesen, Automation moderner Werkzeugmaschinen, Instrumenten und Biotechnologie zugeschrieben.
Innerhalb der Führung scheint ein
Konsens
über
die
Notwendigkeit
wirtschaftlicher Reformen, aber ein
Dissens
über
die
Geschwindigkeit
und die Art des Wandels zu bestehen insbesondere in empfindlichen poli-

- 8 -

�tischen Bereichen.
Gorbatschow hat verdeutlicht, daß
die wirtschaftliche Erneuerung ein
langfristiges Projekt ist, das mindestens zehn bis 15 Jahre in Anspruch
nehmen wird, wenn nicht eine ganze
Generation. Sie wird unzählige kurzfristige Anpassungen erfordern, von
denen viele zerstörerisch und verwirrend sein können.
Kurzfristig ist es unwahrscheinlich, daß wirtschaftliche Reformen
und industrielle Modernisierung die
militärische Produktion beeinflussen
werden. Aufgrund hoher Investitionen
der Vergangenheit ist die Rüstungsindustrie sehr wohl in der Lage, die
gegenwärtige Generation von Waffensystemen zu produzieren. Im 12. Fünfjahresplan (1986-1990) wurde der Rüstungsindustrie weiteres Wachstum zugesichert. In dem Maß, in dem die
neuen wirtschaftlichen Reformen erfolgreich sind, werden sie langfristig dem Militär zugute kommen, indem
sie eine modernisierte Produktionskapazität und einen verläßlichen Nachschub an Rohstoffen, Subkomponenten
und anderen Produkten hoher Qualität
bereitstellen, die für modernste Waffensysteme benötigt werden.

fast die Hälfte des weltweiten Ausstoßes militärischen Materials und
produziert drei Viertel der ballistischen und Boden-Luft-Raketen der
Welt, über die Hälfte der Kampfpanzer
und Bomber sowie über ein Drittel der
Artillerie, U-Boote, Kampfflugzeuge,
Marschflugkörper,
leichten
Panzerfahrzeuge und Militärhelikopter. Obwohl diese führende Stellung durch
die verstärkte Waffenproduktion der
Vereinigten Staaten leicht reduziert
wurde, produzieren die Sowjets bei
den meisten Typen im Vergleich zum
Westen immer noch mit einer Rate von
über zwei zu eins.

Produktion für die Landstreitkräfte
Die vier wichtigsten Panzerhersteller der Sowjetunion haben mehr
als 40 000 moderne Panzer - einschließlich des T-64, T-72 und T-80 für die sowjetische Armee, den Warschauer Pakt und die Armeen ihrer Vasallenstaaten produziert.
Der T-80
und einige der T-64 und T-72 sind
jetzt mit neuer Technologie ausgestattet, wie etwa reaktive Panzerung,
Laser-Entfernungsmesser und verbesserte Panzergeschütze, die ihre Fähigkeiten erheblich erhöht haben.

Militärische Produktion

Produktion für die Seestreitkräfte

Bis 1982 hatte die sowjetische
Rüstungsindustrie ein Jahrzehnt des
Ausbaus erfahren und war nun besser
ausgerüstet, größere Mengen modernen
Geräts zu produzieren als jemals zuvor.
Heute konzentrieren sich die
Sowjets auf die Herstellung technologisch ausgereifter Waffen und darauf,
ihrem Militär neue Systeme zur Verfügung zu stellen, die den Westen in
anderen Bereichen, wie etwa im Weltraum, herausfordern.
Währenddessen
wurde die Fähigkeit zur Produktion
großer Mengen an Gerät beibehalten.

Die Sowjets bauen zwei Klassen
von nukleargetriebenen Raketenunterseebooten (SSBN) - die THPHOON und
die DELTA IV. Ferner wird die OSCAR
II-Klasse nukleargetriebener und mit
Marschflugkörpern
bestückter
Angriff sunterseeboote
(SSGN) gebaut,
drei Klassen nukleargetriebener UBoote (SSN) - SIERRA, AKULA und
VICTOR III - und die KILO-Klasse dieselgetriebener
Angriffsunterseeboote
(SS).

Insgesamt befindet sich die sowjetische
Produktion
militärischer
Ausrüstung seit 1980 auf einem hohen
Niveau.
Die Sowjetunion steht für

Sowjetische Werften bauen acht
Klassen von Überwasserkriegschiffen
in Serie. Die erste Einheit einer
neuen Klasee von Flugzeugträgern mit
einer Verdrängung von 65 000 Tonnen die
Größenordnung
amerikanischer

- 9 -

�Flugzeugträger - wird zur Erprobung
auf See vorbereitet.
Ein zweiter
Flugzeugträger dieser Klasse wird zur
Zeit bei Nikolajew gebaut.

Flugzeugproduktion
Die Sowjets unternehmen erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Flugzeuge und konzentrieren sich vor allem auf modernste Modelle. Obwohl ihre neuen
Modelle kostspieliger und schwieriger
zu entwickeln sind sowie eine längere
Konstruktionsphase erfordern werden
als die anderen Modelle, wird ihre
höhere Qualität die sowjetische Luftwaffe
und
die
Luftverteidigungsstreitkräfte in die Lage versetzen,
ihren Anforderungen besser gerecht zu
werden, obwohl sie unter Umständen
die eingesetzten Flugzeuge in einem
geringeren Verhältnis als eins zu
eins ersetzen könnten.
Mittelfristig werden sich die Sowjets wahrscheinlich auf die Herstellung von Kampfflugzeugen für ihre
strategische Verteidigung und taktische Einsätze konzentrieren.
Mit
hoher Wahrscheinlichkeit werden weitere Produktionsstätten die Herstellung dieser modernen Flugzeuge aufnehmen.

Raketenproduktion
Seit 1981 hat die Sowjetunion die
Serienproduktion der vierten Generation ihrer ICBMs abgeschlossen und
eine große Zahl von Systemen der
fünften Generation hergestellt. Gegenwärtig werden Nachfolgemodelle für
Raketen der vierten und fünften Generation entwickelt, deren Produktion
wahrscheinlich in Kürze aufgenommen
wird. Der Schwerpunkt liegt hierbei
auf der Entwicklung von ICBM-Streitkräften mit erheblich größerer Flexibilität, Uberlebensfähigkeit und Wirkung.
Das Nachfolgemodell der ICBM des
Typs SS-18 wird bald in Serie gehen;

die Serienproduktion der schienengesttitzten mit festem Treibstoff angetriebenen ICBM des Typs SS-24 ist bereits aufgenommen worden. Die experimentelle Flugerprobung neuer SLBMs
könnte noch vor 1990 aufgenommen werden.
Als Ergebnis ihrer Expansion
bei für den Weltraum produzierenden
Industrieanlagen und Abschußvorrichtungen werden die Sowjets bald ihre
Fähigkeit bei Abschüssen im Weltraum
um ein Drittel steigern können. Mit
der Produktion von SL-16 und SLVs vom
Typ SL-X-17 der Saturn V-Klasse (mit
einer Nutzlastkapazität von jeweils
über 15 000 und über 100 000 Kilo)
werden die Sowjets ihre Nutzlastkapazität in den kommenden Jahren verdoppeln.

Demographie und das sowjetische
Militär
Die militärischen Fähigkeiten der
Sowjets wurden sowohl durch das langsame Bevölkerungswachstum in den europäischen Republiken als auch durch
die damit verbundenen Veränderungen
in der ethnischen Zusammensetzung der
Bevölkerung beeinflußt. Der wichtigste Einzelfaktor mit Auswirkungen auf
die Truppenstärke des sowjetischen
Militärs ist die Zahl der verfügbaren
Wehrpflichtigen.
Die Zahl der Wehrpflichtigen in
der Sowjetunion sank zu Beginn der
achtziger Jahre rapide und erreichte
im Jahr 1987 ihren Tiefstand. Die
seit 1981 bei der Geburt von Kindern
gewährten Vergünstigungen werden bis
1999 die Zahl der verfügbaren Wehrpflichtigen leicht ansteigen lassen.
Darüber hinaus wird sich auch durch
strikte Kriterien bei der Zurückstellung vom Wehrdienst die Zahl der
Wehrpflichtigen leicht erhöhen.

Weitere Aussichten
Obwohl die Sowjets zugeben, daß
die Supermächte der Zukunft tragfähige Volkswirtschaften und Industrien
haben müssen, die technisch auf dem

- 10 -

�neuesten Stand sind, werden sie keineswegs das opfern, was sie als Sicherheitserfordernisse erachten. Obwohl das Militär angewiesen ist, den
zivilen Sektor bei seinen Umstrukturierungsbemühungen zu unterstützen,
besteht der vordringliche Auftrag des
militärischen Sektors weiterhin darin, das sowjetische Heer mit dem modernsten Waffensystemen auszurüsten.
Auch wenn Gorbatschows Modernisierungsprogramm
scheitern
sollte,
wird die nationale Sicherheit wichtigstes Ziel bleiben, und die Sowjets
werden bei Bedarf neue militärische
Programme auf Kosten der zivilen
Wirtschaft
verfolgen.
Sollten
Gorbatschows Programme jedoch Erfolg
zeitigen, wird sich der Westen im 21.
Jahrhundert einer wirtschaftlich, politisch, technologisch und militärisch erheblich stärkeren Sowjetunion
gegenübersehen.

KAPITEL IV

SOWJETISCHE STRATEGISCHE PROGRAMME
UND WELTRAUMSTREITKRAFTE
In den vergangenen zehn Jahren
haben die Sowjets für ihre offensiven
und defensiven strategischen Programme zu etwa gleichen Teilen Mittel im
Gegenwert von ca. 400 Milliarden Dollar bereitgestellt - für jedes Programm etwa 20 Milliarden Dollar pro
Jahr.
Für Weltraumprogramme belief
sich die Summe im gleichen Zeitraum
auf 80 Milliarden Dollar.
Seit 1981 wurden die sowjetischen
strategischen
Offensivstreitkräfte
kontinuierlich aufgestockt, nachdem
die Stationierung einer vierten Generation
von
Interkontinentalraketen
(ICBMs) (der SS-17, SS-18 und SS-19)
abgeschlossen war. Im Jahr 1987 wurde mit der Stationierung der schienengestutzten ICBMs vom Typ SS-24 begonnen.
Bei der sowjetischen, mit
ballistischen Raketen bestückten UBootflotte wurden die TYPHOON eingeführt, die mit 20 Raketen vom Typ
SS-N-20 (mit jeweils 20 Mehrfachgefechtsköpfen) ausgerüstet sind, unmittelbar gefolgt von der neuen DELTA
IV mit den noch moderneren SS-N-23.
Die Fähigkeiten sowjetischer Langstreckenbomber wurden durch die Einführung des - mit dem atomaren
Marschflugkörper AS-15 ausgestatteten
- Bombers vom Typ BEAR H verbessert.
Die Stationierung des neuen strategischen Langstreckenbombers BLACKJACK
steht unmittelbar bevor.
Im Bereich der strategischen Verteidigung modernisieren die Sowjets
ihr Raketenabwehrsystem um Moskau und
ersetzen 64 alte, nachladbare und
landgestützte
Abschußvorrichtungen
des Typs GAL0SH mit einer zweischichtigen Verteidigung, die sich aus silogestützten Abwehrflugkörpern längerer Reichweite - modifizierten GALOSH
-, silogestützten, schnell-beschleunigenden endoatmosphärisehen Abwehrflugkörpern des Typs GAZELLE und dem
neuen phasengesteuerten Radar vom Typ

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�PILL BOX bei Puschkino in der Nähe
von Moskau zusammensetzt. Diese Phase des Modernisierungsprogramms könnte Ende der achtziger Jahre abgeschlossen sein.
Im Weltraum haben die Sowjets ihre MIR-Weltraumstation in Umlauf gebracht, einen neuen Rekord beim bemannten Raumflug aufgestellt, die
Flugtauglichkeit eines Objekts erprobt, das wahrscheinlich ihr Weltraumflugzeug werden wird und einen
neuen Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten vom Typ SL-16 disloziert.
Darüber hinaus haben die Sowjets ihr
Raumfahrzeug mit großer Trägerkapazität vom Typ SL-X-17 stationiert, das
eine Nutzlast von über 100 000 Kilo
transportieren kann. Vom SL-X-17 aus
kann eine sowjetische Raumfähre starten, die den Sowjets zufolge bereits
im Flug erprobt wurde.

Strategische Streitkräfte
Die Strategischen Raketenstreitkräfte (SRF) spielen bei den sowjetischen Streitkräften die wichtigste
Rolle. Zu ihnen zählen über 6 000
der insgesamt 10 000 nuklearen Gefechtsköpfe auf sowjetischen strategischen Waffen.

den das Kernstück des gegenwärtigen
strategischen Arsenals der Sowjets.
Sie können gehärtete Ziele wie etwa
ICBM-Silos
und
Kommandostützpunkte
zerstören. Diese Rakete - die größer
ist als das amerikanische Modell
PEACEKEEPER - ist im Laufe der letzten sieben Jahre modernisiert worden.
Der größte Teil der gegenwärtigen
Streitkräfte besteht aus SS-18 Mod 4
mit 10 MIRVs. Die SS-18 allein könnten mit zwei Gefechtsköpfen pro Ziel
65 bis 80 Prozent aller amerikanischen ICBM-Silos zerstören und dennoch 1 000 Gefechtsköpfe übrig behalten. Die SS-18 haben zusammengenommen etwa 3 000 Gefechtsköpfe.
Die Sowjets haben ferner ihre
beiden anderen ICBMs der vierten Generation, die SS-17 und SS-19, modernisiert.
Die SS-19 Mod 3 ist mit
sechs MIRVs ausgerüstet und der Größe
nach der amerikanischen Rakete vom
Typ PEACEKEEPER vergleichbar.
Die
SS-17 Mod 3 ist weniger zielgenau als
die SS-18, trägt vier Gefechtsköpfe
und kann ungehärtete Ziele treffen.
Sowohl die SS-17 als auch die SS-19
sind in der Wahl ihrer Ziele flexibel
- sie können mit insgesamt 2 700 Gefechtsköpfen sowohl eurasische als
auch Ziele in Übersee treffen und ermöglichen es damit den Sowjets, sich
der Situation anzupassen, die mit dem
INF-Vertrag geschaffen worden ist.

Entwicklung der ICBM-Streitkräfte
Von 1980 bis 1988 fand eine
schnelle Modernisierung und Weiterentwicklung des sowjetischen ICBM-Arsenals statt. Das sowjetische Arsenal ist aufgestockt, und einzelne Raketen sind durch neue Modelle mit
größerer Zielgenauigkeit und Überlebensfähigkeit ersetzt worden. Ständige Verbesserungen sind im Gange.
Bis Mitte der neunziger Jahre werden
die Sowjets eine völlig neue Generation zunehmend zielgenauer und vielfach mobiler Raketen disloziert haben, die eine größere Bedrohung für
die strategischen Streitkräfte der
Vereinigten Staaten bieten.
Schwere ICBMs vom Typ SS-18 bil-

Die Sowjets haben mit der Einführung einer fünften Generation von
ICBMs mit hohem Wurfgewicht und grosser Zielgenauigkeit begonnen.
Sie
benutzen Feststoff-Treibmittel (die
länger haltbar sind und eine geringere Wartung erfordern), sind vollständig mobil und damit sehr Uberlebensfähig. Die gegenwärtig in einer frühen
Entwicklungsphase
befindliche
SS-24 ist mit der amerikanischen
PEACEKEEPER
zu
vergleichen.
Sie
trägt zehn Gefechtsköpfe und ist sowohl auf der Schiene wie auch in Silos stationierbar.
Bis 1990 werden die Sowjets, wenn
sie ihre Modernisierungen im gegenwärtigen Tempo fortführen, in der La-

- 12 -

�ge sein, 15 000 Gefechtsköpfe zu stationieren.
Darüber hinaus könnten
diese Waffen in den nächsten zehn
Jahren auf moderneren, fähigeren und
überlebensfähigeren
strategischen
Trägersystemen
montiert
werden.
Wahrscheinlich werden die Sowjets bis
Mitte der neunziger Jahre die dritte
Generation ihrer Raketen stufenweise
vollständig abgezogen haben, während
die vierte Generation durch gegenwärtig in der Entwicklung und Erprobung
befindliche Systeme ersetzt werden
wird. Das Nachfolgemodell der SS-18,
eine zielgenauere Version als das
Vorläufermodell, ist gerade erprobt
worden; Vorbereitungen für die Stationierung dieser Rakete sind im Gange.
Im Oktober 1987 protestierten
die Vereinigten Staaten gegen die offensichtliche Absicht der Sowjets,
das SS-18 Nachfolgemodell so zu erproben, daß seine Wiedereintrittsflugkörper in der Nähe der stark bevölkerten Insel Hawaii landen. Mobile SS-24 und SS-25 mit FeststoffTreibmittel sind voll einsatzfähig
und werden ihrerseits in den nächsten
zehn Jahren durch Nachfolgemodelle
ersetzt werden. Diese Modernisierung
wird sicherstellen, daß die sowjetischen ICBM-Streitkräfte die größte
und modernste strategische Streitmacht der Welt bleiben.

Entwicklungen bei den U-Boot-gestUtzten Raketen
In den vergangenen Jahren haben
die sowjetischen Seestreitkräfte zunehmendes Interesse am Nordpol als
militärisches Einsatzgebiet für ihre
nukleargetriebenen U-Boote (SSBN) gezeigt, mit denen die Sowjets die
Uberlebensfähigkeit
ihrer
U-Boot
Flotte verbessern wollen.
In jüngster Zeit haben die Sowjets die FUhrungs- und Kommunikationseinrichtungen ihrer Seestreitkräfte verbessert und ein Kommunikationsystem mit extrem niedrigen Frequenzen (ELF) disloziert, um die Kommunikation mit ihren SSBN zu gewährleisten. Neu stationierte Flugzeuge

vom Typ BEAR J sind ein zusätzliches
Mittel effektiver Kommunikation, da
sie Kommunikation auf sehr niedrigen
Frequenzen (VLF) mit kreuzenden SSBNs
bieten.
Die Sowjets könnten noch in diesem Jahr mit der Flugerprobung einer
modifizierten Version der Rakete des
Typs SS-N-20 auf See beginnen. Die
Erprobung einer modifizerten Version
der SS-N-23 wird möglicherweise im
Jahr 1988 abgeschlossen werden. Verbesserte Zielgenauigkeit der neuesten
sowjetischen
SLBM-Systeme
zusammen
mit möglichen Anstrengungen zur Vergrößerung des Wiedereintrittsflugkörpers der SLBM und Erhöhung der
Sprengkraft des Gefechtskopfs wären
eine Bestätigung für Moskaus Pläne
zum Ausbau seiner Fähigkeiten zur
Zerstörung gehärteter Ziele bei den
SLBM-Streitkräften. Die neue U-BootKlasse ALEXANDER BRYKIN wird diese
modernen Raketen auf SSBNs nachladen
können. Mit dieser Fähigkeit können
die sowjetischen SSBNs zusätzliche
Ziele gefährden.

Entwicklungen bei der strategischen
Luftfahrt
Jüngste sowjetische Anstrengungen
im Bereich der strategischen Luftfahrt, insbesondere bei den Langstreckenbombern der Typen BEAR H und
BLACKJACK, signalisieren ihr gesteigertes Interesse an einer Angriffsflotte bemannter Bomber, mit denen
ihre strategischen Streitkräfte vielfältigere Aufgaben wahrnehmen könnten.
Insgesamt sind elf Bomber des
Typs BLACKJACK gebaut worden, und das
erste BLACKJACK Regiment sollte sich
in diesem Jahr zu formieren beginnen.
Das Rückgrat der modernen sowjetischen Streitmacht von Interkontinentalbombern der achtziger Jahre
wird jedoch der mit luftgestützten
Marschflugkörpern des Typs AS-15/KENT
ausgerüstete BEAR H-Bomber bleiben.
Die Sowjets haben in ihrem Arsenal
100 weitere BEAR-Bomber und Transportflugzeuge für Luft-Boden-Raketen.

- 13 -

�BEAR H-Bomber werden regelmäßig bei
simulierten Angriffen auf Nordamerika
beobachtet. Wenn der BLACKJACK-Bomber einsatzbereit ist, kann er ähnliche Einsätze fliegen.
Der gegenwärtige sowjetische Verband interkontinentaler Bomber ist
flexibler und überlebensfähiger als
je zuvor. Vor der jüngst erfolgten
Einführung der Marschflugkörper längerer Reichweite hätten sowjetische
Bomber zur Durchführung ihrer Angriffe in kanadischen oder amerikanischen
Luftraum eindringen müssen.
Jetzt
kann der BEAR H-Bomber seine AS-15
weit vor der Küste in Stellung bringen und dennoch Ziele in Nordamerika
treffen. Der BLACKJACK wird in der
Lage sein, Angriffe aus der Ferne und
im Luftraum selbst mit einer Vielfalt
von Nuklearraketen und Bomben durchzuführen.

Entwicklungen bei den Marschflugkörpern

Mittelstreckenraketen
Die Rolle sowjetischer Mittelstreckenraketen wird wahrscheinlich
angesichts des INF-Vertrages von anderen Systemen übernommen werden.
Der Vertrag verlangt die ersatzlose
Vernichtung aller existierenden Raketen und Abschußvorrichtungen in einem
Zeitraum von drei Jahren, einschließlich der ballistischen Raketen der
Typen SS-20, SS-4 und SS-5, ferner
der erprobten, aber nicht stationierten
Marschflugkörper
des
Typs
SSC-X-4. Nach Inkrafttreten des Abkommens könnten sich die Sowjets jedoch anderen strategischen ballistischen Raketen (ICBMs und SLBMs) sowie Flugzeugen und möglicherweise
seegestützten Marschflugkörpern zuwenden, um ihre strategischen Voraussetzungen
für
eurasische
Kriegsschauplätze zu schaffen.

Kurzstreckenraketen

Die Sowjets stehen kurz vor der
Entwicklung einer Reihe von modernen
Marschflugkörpersystemen.
Auf
See
haben sie die seegestützten Marschflugkörper (SLCM) des Typs SS-N-21
erprobt.
Eine Reihe sowjetischer
vielseitig einsetzbarer Angriffs-UBoote der Typen VICTOR, AKULA oder
SIERRA könnten die SS-N-21 transportieren und abschießen. Darüber hinaus ist ein mit Atomraketen bestücktes U-Boot der YANKEE-Klasse für den
Transport
von
Raketen
des
Typs
SS-N-21 umgerüstet worden. Mit diesen zielgenauen Raketen, die nukleare
Gefechtsköpfe tragen, könnten sowohl
Ziele auf eurasischen als auch auf
nordamerikanischen Kriegsschauplätzen
angegriffen werden. Die größere Rakete des Typs SS-NX-24, die von besonderen U-Boot-Plattformen wie etwa
einem U-Boot der YANKEE-Klasse transportiert werden könnten, wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren
einsatzfähig.

Nukleare Kurzstreckenraketen mit
einer Reichweite von weniger als
1 000 Kilometern (SRINF) werden ebenfalls vom INF-Vertrag erfaßt. Insbesondere die Raketen der Typen SCALEBOARD und SS-23/SPIDER werden innerhalb von achtzehn Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages abgebaut
sein. Obwohl der INF-Vertrag damit
die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearwaffensysteme beseitigt, werden
die Sowjets eine mehr als ausreichende Fähigkeit erhalten, um ihren Landstreitkräften Unterstützung mit taktischen Nuklearwaffen zu leisten.

Strategische Verteidigung
In einer dramatischen Abkehr von
früheren Behauptungen, lediglich die
Vereinigten Staaten "militarisierten"
den Weltraum, räumte Generalsekretär
Gorbatschow am 30. November 1987 ein,
daß auch die Sowjetunion Forschungsvorhaben zur strategischen Verteidigung durchführt. Er erklärte: "Die
Sowjetunion tut dasselbe, was die
Vereinigten Staaten tun, und ich den-

- 14 -

�ke, wir führen eine Grundlagenforschung durch, die sich mit den Aspekten beschäftigt, die in den Vereinigten Staaten von SDI abgedeckt werden."

Radaranlagen (LPARs) zum Beispiel in
Krasnojarsk deuten darauf hin, daß
die Sowjets möglicherweise eine ABMVerteidigung ihres nationalen Territoriums vorbereiten.

Verteidigung mit ballistischen Raketen

Am 5. September 1987 erhielt eine
Delegation des amerikanischen Kongresses erstmalig die Gelegenheit zum
Besuch der Einrichtungen in Krasnojarsk, die den ABM-Vertrag verletzen.
Die Gruppe konnte bestimmte Bereiche
der Sende- und Empfangsstation besichtigen. Die bei diesem Besuch gewonnenen Erkenntnisse erhärteten die
Meinung, daß das Radar zur Erfassung
und Verfolgung ballistischer Raketen
bestimmt ist.

Die Sowjets haben das einzige
einsatzbereite
Raketenabwehr- oder
ABM-System der Welt, und ein im Jahre
1980 begonnenes und nun nahezu abgeschlossenes
Konstruktionsprogramm
wird ein erweitertes und modernisiertes System einer zweischichtigen Verteidigung mit 100 Abschußvorrichtungen hervorbringen. Wenn das System
im Jahr 1989 einsatzbereit wird, können mit seiner Hilfe bestimmte Führungskader und strategisch wichtige
Einrichtungen in der Umgebung Moskaus
geschützt werden.
Zum neuen ABM-System um Moskau
gehören zwei Abwehrflugkörper, eine
modifizierte
Abwehrrakete
längerer
Reichweite vom Typ GALOSH, mit der
Wiedereintrittsflugkörper (RVs) ausserhalb der Atmosphäre abgelenkt werden sollen und die hoch beschleunigende Rakete kürzerer Reichweite vom
Typ GAZELLE, mit der RVs nach ihrem
Wiedereintritt in die Erdatmosphäre
abgelenkt werden sollen.
Für die
neuen Abwehrflugkörper sind neue gehärtete Silos gebaut worden. Die modifizierten Raketen der Typen GALOSH
und GAZELLE werden wahrscheinlich im
Jahr 1988 oder 1989 einsatzbereit
sein.
Das große vielseitige phasengesteuerte Radar von Puschkino steht
kurz vor seiner Vollendung und ist
ebenfalls integraler Bestandteil des
neuen ABM-Systems um Moskau. Das Radar wird mit seinem Auffaßbereich von
360 Grad die neuen Abwehrflugkörper
unterstützen. Es soll etwa im Jahr
1989 voll einsatzfähig sein.
All diese Aktivitäten, wie auch
die um die Mitte der neunziger Jahre
erwartete Vollendung
des gesamten
Netzes der großen phasengesteuerten

Moderne Technologien für die strategische Verteidigung
Moskau hofft, daß die erheblichen
Investitionen in den Entwurf und Bau
von Hoch-Energielasern Lasersysteme
für die strategische Luftverteidigung, weltraumgestutzte Satellitenabwehr und möglicherweise Raketenabwehr
hervorbringen werden.
Die ersten
Prototypen-Systeme, von denen einige
nur eine begrenzte Einsatzfähigkeit
haben, könnten noch vor Ende des
Jahrzehnts
fertiggestellt
werden,
aber außer im Bereich der Luftverteidigung werden voll einsatzfähige Verteidigungssysteme auf keinen Fall vor
Ende der neunziger Jahre erwartet.
Die Sowjets könnten zu Beginn der
neunziger Jahre ebenfalls bodengestützte Laser für die Raketenabwehr
haben und gegen Ende der neunziger
Jahre mit der Erprobung eines Stationierungssystems in beschränktem Umfang beginnen.
Obwohl die Sowjets gegen Mitte
oder Ende der neunziger Jahre den
Prototyp
einer
Teilchenstrahlwaffe
erproben könnten, wird es einsatzfähige Systeme zur Zerstörung von Satelliten oder Raketen im Anflug nicht
vor dem 21. Jahrhundert geben.

- 15 -

Die

Sowjetunion

hat

ebenfalls

�Forschung für den Einsatz von Radiofrequenzwaffen
durchgeführt,
die
elektronische
Komponenten von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen oder Satelliten abfangen oder
zerstören können. Eine landgestützte
Version einer solchen Waffe könnte in
den neunziger Jahren erprobt werden.

Passive Verteidigung
Die Hauptzielsetzungen des heute
bestehenden Programms zur passiven
Verteidigung sind:
Kontinuität und
gesichertes
überleben
der
sowjetischen Führungsspitze, Planungen für
eine wirkungsvolle Mobilisierung von
Arbeitskräften
und
Wirtschaft
im
Kriegsfall, Schutz der Industrieanlagen und der unerläßlichen Arbeitskräfte sowie Schaffung einer glaubwürdigen Fähigkeit zum Wiederaufbau.
Integraler Bestandteil sowjetischer
Programme zur passiven Verteidigung
sind Tausende von gehärteten Einrichtungen.
Eine besondere Rolle spielen dabei unterirdische Einrichtungen, in
denen die sowjetische Führungsspitze
vor den Auswirkungen eines Nuklearkrieges geschützt werden soll. Weder
Veränderungen in der sowjetischen
Führung noch die Umstrukturierung des
strategischen Gleichgewichts und die
mit diesem Wandel einhergehende Ausarbeitung der militärischen Doktrin
haben das Engagement für dieses Programm erschüttern können. Die Einrichtungen werden von einem sehr leistungsfähigen
Kommunikationssystem
unterstützt, das sich aus Geräten vor
Ort und ferngesteuerten Anlagen zusammensetzt und es der Führung gestattet, Befehle zu senden und Berichte zu empfangen.
Diese
Einrichtungen
verfügen
ebenfalls über sehr leistungsfähige
Überlebenssysteme, mit denen sich die
Insassen gegen chemische und biologische Angriffe schützen können. Die
Sowjets bereiten den Schutz ihrer
Führungsspitze besonders intensiv um
Moskau vor wegen dessen entscheiden-

der Rolle bei der Organisation im
Kriegsfall; ähnliche Programme gibt
es jedoch auch in anderen wichtigen
Städten.
Die immensen und anhaltenden Investitionen der Sowjets in Einrichtungen zum Schutz ihrer Führungsspitze deuten auf die Überzeugung der Sowjets hin, daß die Vorteile diese erheblichen Kosten aufwiegen.

Streitkräfte im Weltraum
Das anhaltende sowjetische Engagement im Weltraum wurde im Mai 1987
von Generalsekretär Gorbatschow bekräftigt: "Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen und unsere
Vormachtstellung bei der Eroberung
des Weltraums nicht aufgeben."
Die Sowjets haben gegenwärtig etwa 50 verschiedene Weltraumsysteme
für militärische und zivile Einsätze.
Dazu zählen bemannte Raumstationen
(MIR) und Satelliten zur Aufklärung,
Erfassung von Abschüssen, Navigation,
für metereologische Zwecke und zur
Kommunikation. Bei einigen Satellitensystemen haben die Sowjets eine
Monopolstellung, etwa bei RORSAT,
ELINT und EORSAT.
Um ihre eindrucksvolle Zahl von
100 Abschüssen pro Jahr aufrechtzuerhalten, verfügen die Sowjets über etwa zwanzig Abschußrampen und verwenden acht einsatzfähige Trägersysteme
für Nutzlasten. Ein neuntes Trägersystem vom Typ SL-X-17 befindet sich
in der Entwicklung und Erprobung.
Die hohe Abschußquote gestattet es
den Sowjets, eine zunehmende Zahl aktiver Satelliten in der Erdumlaufbahn
zu halten - im Jahr 1987 waren es 150
gegenüber 120 im Jahr 1982. Mindestens neunzig Prozent der sowjetischen Satelliten in der Erdumlaufbahn befinden sich dort zu militärischen Zwecken und unterstützen offensive oder defensive Einsätze.

- 16 -

�Neue Abschußsysteme für den Weltraum
Der Erfolg des sowjetischen Weltraumprogramms läßt sich weitgehend
auf den vielfältigen und zuverlässigen Bestand an Abschußvorrichtungen
für Weltraumträgersysteme (SLVs) und
die dazu gehörigen Einrichtungen zurückführen.
Ca. jeden dritten Tag
schießen die Sowjets einen Satelliten
ab und bedienen sich dabei eines der
acht Typen einsatzfähiger SLVs. Die
beeindruckende Fähigkeit der UdSSR,
verschiedene
Trägerraketen
abzuschießen und Nutzlasten in die Erdumlaufbahn zu bringen, würde den Sowjets im Krisenfall einen Vorteil
beim Einsatz militärischer Mittel
verschaffen.
Trotz ihrer gegenwärtigen Abschußfähigkeit erweitern die Sowjets
das Arsenal ihrer SLVs mit neuen erweiterungsfähigen
Abschußvorrichtungen und wiederverwendbaren bemannten
Raumfahrzeugen.
Die
Stationierung
der SL-16 aus der TITAN-IIlC-Klasse
mit mittlerer Trägerkapazität und der
schweren SL-X-17 der SATURN-V-Klasse
wird die Nutzlastkapazität der Satelliten erhöhen, die von den Sowjets
in Erdumlaufbahnen gebracht werden
können.

Die SL-16 kann eine Nutzlast von
mehr als 15 000 Kilogramm in eine
erdnahe Umlaufbahn bringen.
Mit der Einführung der SL-16 und
SL-X-17 und dem erwarteten verstärkten Einsatz der SLV vom Typ SL-12 und
SL-13 können die Sowjets die von ihnen in den Weltraum transportierten
Nutzlasten erheblich erhöhen.

Weitere Aussichten
Auch wenn ein Vertrag zum Abbau
der strategischen Waffen unterzeichnet und ratifiziert wird, werden die
Sowjets weiterhin ihre strategischen
Nuklearwaffen, insbesondere im Hinblick auf Zielgenauigkeit, Mobilität
und Überlebensfähigkeit, verbessern.
Bestrebungen
in den Bereichen
Forschung und Entwicklung deuten darauf hin, daß die Sowjets den Weltraum
für offensive und defensive Zwecke zu
nutzen beabsichtigen. Wenn sich die
gegenwärtigen Tendenzen fortsetzen,
sind es militärische Voraussetzungen,
die das Weltraumprogramm

steuern.

Am 15. Mai 1987 haben die Sowjets
die erste Flugerprobung der SL-X-17
durchgeführt, der
sie den Namen
"Energiya" gaben.
Sie haben offen
erklärt, daß "Militärexperten an der
Herstellung und Erprobung der neuen
Abschußvorrichtung mitgewirkt haben."
Die SL-X-17 wird benutzt, um die
sowjetische Raumfähre als eine ihrer
Nutzlasten
abzuschießen.
Mögliche
Nutzlasten der SL-X-17 wären Module
für eine große Weltraumstation, Komponenten für bemannte und unbemannte
interplanetarische Missionen und möglicherweise ASAT und Waffen zur Verteidigung gegen ballistische Raketen
sowie andere Komponenten des strategischen
Verteidigungsprogramms
der
Sowjets.
- 17 -

der

Sowjets

�- Mehr als 20 Kriegschiffe (von
Flugzeugträgern bis zu Zerstörern),
einschließlich
zweier
Flugzeugträger der KIEV-Klasse,
ergänzen den Bestand.

KAPITEL V
DIE SOWJETISCHEN KONVENTIONELLEN
STREITKRÄFTE

In diesem Jahrzehnt sind bei
keinem Teil der sowjetischen Militärmacht tiefgreifendere Verbesserungen
vorgenommen worden als bei den konventionellen
Streitkräften.
Die
nachfolgend aufgeführten Modernisierungen sind für die allgemeine Aufrüstung bei der konventionellen Streitkräften repräsentativ:
- Die Anzahl der wichtigsten Kampfpanzer der Typen T-64 und T-72
ist stetig gestiegen, und der Bestand ist um den neuen T-80 und
in den letzten Jahren um ein
Nachfolgemodell des T-72 erweitert worden.
- Gezogene Artillerie und Granatwerfer werden zunehmend durch Artillerie auf Selbstfahrlafetten
ersetzt, von denen alle auch für
chemische Salven geeignet sind,
während solche mit 152 mm oder
mehr nukleare Salven feuern können.
- Die Anzahl der Kampfflugzeuge und
Kampfbomber, zu denen jetzt die
modernen MiG-29/FULCRUM und die
MiG 31/FOXHOUND sowie die Su27/FLANKER und die S-24/FENCER
zählen, hat sich um 38 Prozent
erhöht.
- Der Aufklärer I1-76/MAINSTAY ist
jetzt einsatzfähig und verbessert
die sowjetische Frühwarnfähigkeit
und KampffUhrung.
- Verschiedene
Waffensysteme
für
die Luftverteidigung sind disloziert worden, einschließlich der
in jeder Höhe fliegenden BodenLuft-Raketen der Typen SA-10 und
SA-12. Beide sind mobil und haben die Fähigkeit zur Abwehr von
Raketen
(Marschflugkörpern
und
einigen ballistischen Raketen).

- Sieben neue Klassen vielseitig
einsetzbarer U-Boote sind hinzugekommen.
Wichtige Entwicklungen bei den
sowjetischen konventionellen Streitkräften betreffen:
-

Kriegschauplatzgebundene
strategische Einsätze sowie die nuklearen und nichtnuklearen Streitkräfte, die im Verbund operieren
können,

- Landstreitkräfte, zu denen jetzt
211 aktive Divisionen und Tausende von verbesserten Waffensystemen zählen,
- Konventionelle
Luftstreitkräfte,
die umstrukturiert und mit verschiedenen Modellen moderner neuer Flugzeuge ausgestattet worden
sind,
- Seestreitkräfte und Marineflieger, die verschiedene neue Waffensysteme eingeführt und damit
die Feuerkraft auf jedem Schiff
und jedem U-Boot erheblich erhöht
haben,
- Tendenzen bei allen Streitkräften, zu denen ein gewaltiges Netz
von Führungs- und Kommunikationseinrichtungen zählt, eine hohe
Einsatzbereitschaft, ein umfassendes System zur Mobilisierung
von Soldaten und Gerät und eine
Infrastruktur für die Logistik
und Durchhaltefähigkeit, mit denen
mannigfaltige
strategische
Offensiven
unterstützt
werden
können.

�Krlegschauplatzgebundene strategische Einsätze
Ein wichtiger Teil der sowjetischen Reaktion auf Veränderungen
bestand in der Entwicklung kriegsschauplatzgebundener
strategischer
Einsätze. Dieses Konzept liefert einen Rahmen für die Integration von
Streitkräften und für eine Strategie,
die darauf abzielt, einen schnellen
nichtnuklearen, oder - falls vom
Feind erzwungen - einen Einsatz mit
verbundenen Waffen auf einem Kriegsschauplatz (TVD) zu führen.
Trotz der seit 1980 vorgenommenen
Verbesserungen ihrer Doktrin, Organisation und dem Gerät wird in jüngsten
sowjetischen Veröffentlichungen die
Sorge deutlich, daß man nicht in der
Lage sein könnte, unmittelbar offensive Einsätze zu beginnen. Der in
diesem Zusammenhang betonte Faktor
ist die zunehmende Bedeutung eines zu
Beginn ausgeführten Verteidigungseinsatzes.
Eine hiermit in Zusammenhang stehende Veränderung der Doktrin liegt
in der zunehmenden Besorgnis der Sowjets, sie könnten einen Gegner nicht
mehr in einem kurzen, schnellen offensiven Einsatz von einigen Wochen
Dauer
besiegen.
Ein
zukünftiger
Krieg könnte vielmehr eine Folge von
Einsätzen sein, die über einen längeren Zeitraum erfolgen, was teilweise
auf die gewaltigen Ressourcen der
heute bestehenden Bündnisse zurückzuführen ist. Die jüngsten Konflikte
im Nahen Osten und im SUdatlantik
deuten auf die zu erwartenden enormen
Verluste an Soldaten und Gerät hin
und betonen die zunehmende Bedeutung
strategischer Reserven.

Landstreitkräfte
Die sowjetischen Landstreitkräfte
halten den größten Anteil bei den gesamten
sowjetischen
Streitkräften.
Beim Gerät verfügen die sowjetischen
Landstreitkräfte
zum
gegenwärtigen
Zeitpunkt über 53 000 Kampfpanzer,

60 000
Panzerfahrzeuge
(APC/IFV),
48 000 Artilleriegeschütze, Granatwerfer
und
Mehrfachraketenwerfer
(MRL), 4 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Luft-Raketen (SAM) (ausschließlich Tausender tragbarer Systeme),
7 000
Teile
Flugabwehr-Artillerie
(AAA), 1 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Boden-Raketen (SSM), 4 500 Hubschrauber und mehr als 1 900 000 Soldaten.
Die Zahl der bei den sowjetischen
Landstreitkräften vorhandenen neueren
Kampfpanzer der Typen T-64, T-72 und
T-80 steigt ständig und die bei den
Einheiten an der Front eingesetzten
älteren Typen T-54/55 und T-62 werden
zunehmend ersetzt.
Zusätzlich wird
jetzt ein neuer sowjetischer Panzer
auf der Basis des T-72 mit besserem
Schutz, verbesserter Mobilität und
mehr Feuerkraft eingesetzt. Moderne
Panzer umfassen jetzt etwa 40 Prozent
der Streitkräfte. Gleichzeitig führen die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt Programme
durch, im Rahmen derer ältere Panzer
etwa mit neuen Waffen aufgerüstet
werden und eine neue Panzerung erhalten, um ihren Schutz gegen neue Präzisionswaffen des Westens zu verbessern.
Zusätzlich zu diesen Modernisierungen wird jetzt von den Sowjets die
neue tragbare, von der Schulter aus
abzufeuernde SAM vom Typ SA-16 eingesetzt, die ältere SA-7 und SA-14 ergänzt oder ersetzt. Die Einführung
zweier neuer Angriffshubschrauber der
Typen HAVOC und HORKUM wird in Kürze
erwartet.
Konventionelle Luftstreitkräfte
Die wichtigste Entwicklung im Bereich der SAM war in diesem Jahrzehnt
die Stationierung der SA-10, die ihre
Einsatzfähigkeit
erstmals
in Jahr
1980 erlangte. Die noch fähigere für
jede Höhe geeignete SA-X-12B/GIANT
wird bald einsatzbereit sein und damit die sowjetische strategische Verteidigung zusätzlich stärken.

- 19 -

�Es wird erwartet, daß die Sowjets
Mitte der neunziger Jahre zwei neue
Jäger produzieren werden - einen offensiven Luftabwehr-Jäger, den LuftUberlegenheitsjäger (ASF) und einen
defensiven Abfangjäger (CAF). Beide
Flugzeuge sollen bis 1990 einsatzbereit sein.
Die sowjetischen Luftstreitkräfte
sind mit einer zunehmenden Zahl von
Frühwarnsystemen des Typs MAINSTAY
ausgerüstet worden, und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden mehr als
ein Dutzend produziert. Das MAINSTAY
hat sowohl eine luftgestützte Radarplattform zur Auffindung von Zielen
auf niedriger Höhe als auch die Fähigkeit, bei der Luftabwehr eingesetzte Abwehrraketen auf Ziele außerhalb der Reichweite landgestützter
Systeme zu lenken. Die Kombination
von MAINSTAY und Abwehrraketen längerer Reichweite wie etwa der F0XH0UND
geben den Sowjets erstmals die Fähigkeit, ihre strategische Luftverteidigung weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus einzusetzen.
Mit
dem MAINSTAY sind die Sowjets ferner
in der Lage, über dem TVD eine
Schlacht in der Luft zu führen.

Seestreitkräfte
Ein wichtiger Bestandteil der sowjetischen Stärke auf See sind die
vieseitig einsetzbaren U-Boot-Streitkräfte - die größten der Welt. Heute
zählen dazu etwa 300 aktive Einheiten, von denen etwa die Hälfte nukleargetrieben ist. Die jüngsten sowjetischen Konstruktionspläne betonen
die

Verbesserung

des Geräuschpegels,

der Geschwindigkeit, Waffenvielfalt
und den Einsatz modernster Technologie. Im Jahr 1984 wurde die Spitzeneinheit einer zweiten Klasse von
VICTOR III Verfolgungsschiffen, die
SSN der AKULA-Klasse eingeführt. Die
mit erheblich verbesserter Technologie zur Geräuschdämpfung ausgerüstete
AKULA gilt als das fähigste AngriffsU-Boot der sowjetischen Marine.
Die

sowjetische

Marine

ist um-

fangreicher, besser ausgerüstet und
in bezug auf ihre Struktur und Fähigkeiten ausgewogener als jemals zuvor,
wenn es darum geht, den Anforderungen
eines konventionellen oder nuklearen
Krieges auf nahezu jeder Ebene gerecht zu werden. Es Ist zu erwarten,
daß die Sowjets die zunehmende Fähigkeit ihrer vielseitig einsetzbaren
Marine stärker betonen und weiterhin
die traditionelle Vorherrschaft des
Westens auf den offenen Meeren herausfordern werden.

Aussichten für die vielseitig einsetzbaren sowjetischen Streitkräfte
Die konventionellen Streitkräfte
der Sowjets werden im Hinblick auf
ihren Umfang, ihre Fähigkeiten und
ihre Mobilität weiterhin wachsen.
Trotz ihrer erklärten Politik eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" werden die Sowjets ihre konventionellen und taktischen Streitkräfte weiterentwickeln, um bei einem
weltweiten Konflikt in höchstem Maße
offensive Strategien anwenden zu können.
Ihrer Auffassung zufolge könnten anhaltende Entwicklungen bei den
NATO-Streitkräften ihre Fähigkeit zur
Durchführung einer Offensive herausfordern. Die anhaltenden, komplexen
und todbringenden Einsätze bei einer
schauplatzgebundenen Kriegführung erfordern ihrer Meinung nach verbesserte Durchhaltefähigkeit, umfangreiche
Streitkräfte und leistungsfähige Führungs- und
Kommunikationseinrichtungen. Die Sowjets werden alle notwendigen Entwicklungen bei der Streitkräftestruktur und Innovationen für
Taktik und Einsatz vornehmen, um sicherzustellen, daß sie ihre Ziele im
strategischen Bereich erreichen.

Allgemeine Tendenzen bei den Streitkräften
Die Sowjets richten ihre Aufmerksamkeit in verstärktem Maße auf funkelektronische
Kampfführung
(REC),
Einsatzbereitschaft, ein System zur
Mobilisierung, Logistik und Durchhal-

- 20 -

�tefähigkeit, insbesondere die Logistik bei den Land-, Luft- und Seestreitkräften, Mobilität und den Ausbau ihrer Luftbrücke, wobei der im
Jahr 1987 erfolgte erstmalige Einsatz
des Transportflugzeuges CONDOR hervorzuheben ist.

Weitere Aussichten
Die in den achtziger Jahren auf
allen Ebenen erfolgte Modernisierung
der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte, einschließlich Panzern,
Artillerie,
Kampfflugzeugen
sowie
Oberwasser- und Unterseekampfschiffen
stellt eine echte Revolution der militärischen Fähigkeiten der Sowjets
dar.
Der Umfang und die Bedeutung
dieser Programme wird noch in den
nächsten zehn Jahren Auswirkungen
zeitigen. Mit der zunehmenden Genauigkeit der Trägersysteme und der
größeren
Sprengkraft
verbesserter
konventioneller Munition werden auch
die taktischen und strategischen Einsätze auf konventioneller Ebene an
Bedeutung gewinnen.

KAPITEL VI

DAS STRATEGISCHE GLEICHGEWICHT
Ein klares Bild des strategischen
Gleichgewichts ergibt sich nicht allein durch Auszählen der Systeme der
jeweiligen Seite, sondern eher durch
eine Auswertung der kompensatorischen
Reaktion. Unter bestimmten Umständen
kann eine Seite der destabilisierenden offensiven Stationierung eines
Gegners eigene Dislozierungen entgegenstellen - offensive, defensive
oder eine Kombination von beidem.
Das Strategische Modernisierungsprogramm der Vereinigten Staaten und die
Strategische
Verteidigungsinitiative
(SDI) sind die Antwort auf die Herausforderung durch massive und anhaltende atomare Aufrüstung der Sowjetunion in den siebziger Jahren. Es
erscheint daher angebracht, diese
Programme als Reaktion auf sowjetische Initiativen zu betrachten, die
auf eine Aushöhlung der amerikanischen nuklearen Abschreckung abzielen. Ein solcher Ansatz führt zu einer realistischeren Bestandsaufnahme
der strategischen Modernisierung bis
hin zur Wiederherstellung und Wahrung
des
strategischen
Gleichgewichts.
Nachfolgend einige Beispiele der derzeitigen und vorgesehenen amerikanischen Programme:
- Das als Reaktion auf die sowjetischen Vorteile verbesserte Potential
amerikanischer
Raketen
zur schnellen Zerstörung gehärteter Ziele wird durch die erhöhte
Zielgenauigkeit und Eindringfähigkeit der amerikanischen Systeme mit Luftstrahltriebwerk, insbesondere der luftgestUtzten und
fortschrittlichen
Marschflugkörper des Typs B-1B, ergänzt. Mit
Hilfe dieser Verbesserungen läßt
sich eine wirksame Vergeltung gegen sowjetische Silos unter allen
Kriegsbedingungen und angesichts
technologischer Innovationen führen.
Die sowjetische Führung
mißt den Interkontinentalraketen
(ICBM) bei der Verwirklichung ih-

- 21 -

�rer strategischen Ziele beträchtliche Bedeutung bei. Wenn die
Vereinigten Staaten diesen Systeme keine glaubwürdige Vergeltungsdrohung
entgegenstellen,
würde die amerikanische Abschrekkung unterminiert und das Vertrauen der sowjetischen Führung
verstärkt, ihr Ziele erreichen zu
können.
Die Sowjets versuchen, die ICBMUberlebensfähigkeit
durch
die
Stationierung von straßenmobilen
SS-25 und schienengestutzten, mit
Mehrfachgefechtsköpfen bestückten
SS-24 sicherzustellen. Die Pläne
der Vereinigten Staaten zur kompensatorischen Reaktion erstrekken sich auf verbesserte Sensoren
und Fähigkeiten zur Neufestlegung
von Zielen zum Auffinden und Angriff mobiler sowjetischer Ziele.
Der B-2 ATB und andere in der
Entwicklung
befindliche
System
sollen bei dieser Aufgabe eine
entscheidende Rolle spielen.
Die Flotte der sowjetischen nukleargetriebenen
Unterseeboote
(SSBN) wird durch die Stationierung der zielgenaueren SS-N-20
mit großer Reichweite und von unterseebootgestutzten
ballistischen Raketen (SLBM) des Typs
SS-N-23 sowie durch die ausgereifteren und geräuschärmeren Unterseeboote
der
DELTA
IVund
TYPOON-Klasse
verstärkt.
Eine
verbesserte Version der SS-20-N
befindet sich wahrscheinlich im
Entwicklungsstadium.
Der
SLCM
längerer Reichweite vom Typ SSN-21 ist bereits einsatzreif, und
die Sowjets erproben einen weiteren neuen Marschflugkörper längerer Reichweite, den SS-NX-24.
Die kompensatorischen Reaktionen
der Vereinigten Staaten beinhalten nicht nur ein wirksames Programm zur U-Boot-Bekämpfung, mit
dem das Aufspüren und Ausschalten
sowjetischer U-Boote verbessert
wird sowie ausgereiftere Sensoren
zum Auffinden der SLBM-Abschußvorrichtungen, sondern auch die

vorgesehene Stärkung der amerikanischen Luftverteidigung.
- Die Sowjets setzen die Stationierung des neuen, mit modernen
ALCMs bestückten BEAR H-Bomber
fort und entwickeln einen anderen
Interkontinentalbomber,
den
BLACKJACK. Die Vereinigten Staaten reagieren darauf mit der Verbesserung ihrer Luftverteidigung
durch die Stationierung von überhorizontalen Zielerfassungssystemen mit Rückstreuung (OTH-B) und
Modernisierung der Frühwarnsysteme großer Reichweite mit dem
Nordwarnsystem (NWS). Die Kombination von OTH-B und NWS stellt
das Ausmachen sowjetischer ALCMs
und
ihres Trägerflugzeugs bei
Reichweiten sicher, die der Nationalen Kommandostelle (NCA) genügend Zeit zur Entscheidungsfindung und den amerikanischen Offensivstreitkräften Zeit zu Uberlebensaktionen läßt. Das Technologieprogramm der Luftverteidigungs-Initiative ist der Schlüssel zur Entwicklung von Technologien zur Bekämpfung zukünftiger
Generationen
der
sowjetichen
Luftbedrohung.
- Die Bekämpfung der sowjetischen
Überlegenheit bei der Luftverteidigung stellt eine besondere Herausforderung dar.
Die Reaktion
der Vereinigten Staaten erstreckt
sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
auf die durch den ALCM und den
B-1B erreichte verbesserte Eindringfähigkeit sowie auf die vorgesehene Stationierung der Angriffsrakete
kurzer
Reichweite
(SRAM II), den ACM und B-2.
Für die unmittelbare Zukunft erscheint die vorgesehene Modernisierung amerikanischer Offensivstreitkräfte und Uberwachungssysteme ausreichend zur Aufrechterhaltung einer
starken Abschreckung gegen einen sowjetischen Nuklearangriff auf die
Vereinigen Staaten und ihre Verbündeten. Die Sowjets streben die Fähigkeit an, Offensivschläge mit Vertei-

- 22 -

�digungsvorbereitungen zu verbinden,
um so den Schaden erheblich zu begrenzen, den ein amerikanischer Vergeltungsschlag
verursachen
könnte.
Um zu gewährleisten, daß die Sowjets
dieses Ziel in absehbarer Zukunft
nicht verwirklichen, ist es unabdingbar, daß das Strategische Modernisierungsprogramm bis zu seiner logischen
Vollendung fortgesetzt wird. Man muß
sich vor Augen zu führen, daß die
einzelnen Bestandteile dieses Programms
darauf
ausgerichtet
sind,
nicht nur vergangene und gegenwärtige
Mängel zu beheben, sondern auch die
vorgesehenen sowjetischen Pläne der
Unterminierung
des
strategischen
Gleichgewichts zu vereiteln.
Die Sowjets besitzen zur strategischen Verteidigung ca. 2 000 Abfangjäger (die Vereinigten Staaten
dagegen 300), 7 000 Radars zur strategischen Luftverteidigung (die Vereinigten Staaten 118) und über 9 000
Abschußvorrichtungen für Boden-LuftRaketen ebenfalls zur strategischen
Luftverteidigung
(die
Vereinigten
Staaten besitzen keine solche). Mitte der siebziger Jahre bauten die
Vereinigten Staaten den einen im Rahmen des ABM-Vertrages erlaubten Stationierungsort für ABM-Systeme ab;
die Sowjetunion hat ihren Stationierungsort beibehalten und Ausbau und
Modernisierung dieses Geländes nahezu
beendet.
Das amerikanische SDI-System ist die unerläßliche Reaktion
auf diese aktiven sowjetischen Bestrebungen im Bereich der strategischen Verteidigung; von noch größerer Bedeutung ist jedoch, daß SDI
langfristig gesehen eine stabilere
und sicherere Basis der Abschreckung
verspricht.
Das SDI-Programm macht beträchtliche Fortschritte bei der Entwicklung von Technologien, die eine Verteidigung gegen ballistische Raketen
ermöglicht.
Wenn diese Bemühungen
Erfolg haben, brauchen die Vereinigten Staaten sich nicht mehr ausschließlich auf strategische Offensivkräfte verlassen. In dem Maße, in
dem diese Art von Verteidigung bal-

listische Raketenstreitkräfte außer
Gefecht setzt, würde ein jeglicher
Versuch der sowjetischen Führung zum
Einsatz
ihrer
Offensivstreitkräfte
vereitelt, nicht nur aufgrund ihrer
Berechnungen über Aussichten und Wirkung der amerikanischen Vergeltung,
sondern aufgrund der Annahme, daß ihr
Angriff das militärische Ziel nicht
erreichen würde.
Ziel der Sowjets ist eine modernisierte Verteidigung bis hin zur Erforschung einer Vielzahl von Technologien, die bereits im Rahmen des
amerikanischen SDI-Programms entwikkelt werden.
Ihr auf ballistische
Raketen gestütztes Verteidigungsprogramm hat gegenüber SDI gewisse Vorteile. Erstens war die sowjetische
Führung lange Zeit von der Bedeutung
defensiver Streitkräfte für ein ausgewogenes militärisches Einsatzkonzept überzeugt und die sowjetische
Militärdoktrin mißt der strategischen
Verteidigung eine Schlüsselrolle bei.
Zweitens haben die Sowjets durch
die Modernisierung des Moskauer ABMSystems eine hervorragende Infrastruktur zur Abwehr ballistischer Raketen erhalten. Dank dieser Infrastruktur verfügt die Sowjetunion über
aktive Raketenabfangjäger und RadarProduktionsstätten, operative Erfahrung mit ABM-Systemen und deren wechselseitigen Einsatz mit strategischen
Offensivstreitkräften,
sowie
einen
Kader von ABM-Personal.
Drittens gestatten raumgreifende
sowjetische
Verteidigungsbemühungen
umfassende und intensive Programme
mit einer Vielzahl konkurrierender
Technologien.
Mit diesen entscheidenden Bestrebungen erzielen die Sowjets beträchtliche Vorteile bei der
Erforschung von Verteidigungsoptionen
der Zukunft.
Diese Vorteile sowie
die ihnen zugrundeliegenden Programme
werfen das SDI-Programm der Vereingten Staaten um Jahre zurück.
Das
amerikanische
Strategische
Modernisierungsprogramm wird zusammen
mit SDI die Fähigkeit zur Abwehr von

- 23 -

�Angriffen stärken, die Krisenstabilität verbessern und einen Anreiz für
die Sowjets darstellen, einen entsprechenden Rüstungsabbau vorzunehmen
und dadurch die Sicherheit der Vereinigen Staaten und ihrer Verbündeten
erhöhen.
Die truppenübergreifenden
Verbesserungen der amerikanischen nuklearen Abschreckung haben die Chancen für gerechte und verifizierbare
Rüstungsbegrenzungen erhöht, da sie
Zeichen amerikanischer Entschlossenheit sind und den Vereinigten Staaten
gestatten, aus einer Position der
Stärke heraus zu verhandeln. Die eskalierende Natur der sowjetischen Bedrohung und die Auswirkungen der sowjetichen Aktionen auf das strategische Gleichgewicht erfordern jedoch
die Aufrechterhaltung von Fähigkeiten
und Glaubwürdigkeit der strategischen
Abschreckung der Vereinigten Staaten.

KAPITEL VII

REGIONALE UND FUNKTIONALE GLEICHGEWICHTE
Eine umfassende Bestandsaufnahme
des
Kräfteverhältnisses
erfordert
eine vergleichende Analyse amerikanischer und sowjetischer Fähigkeiten
über das gesamte Spektrum eines Konflikts hinweg. Hierbei werden entsprechende Streitkräfte wie Panzer
und Panzerabwehr, Flugzeuge und Flugzeugzabwehr verglichen, um die relativen Stärken und Schwächen auszumachen. Die Strategien, Einsatzkonzepte, Einsatzbereitschaft sowie eine
Fülle nicht quantifizierbarer Faktoren betreffen die zukünftigen Komponenten des Kräfteverhältnisses.

Nichtstrategische Nuklearstreitkräfte
Nuklearwaffen mit einer Reichweite von weniger als 5 500 Kilometern
werden häufig als Nichtstrategische
Nuklearstreitkräfte
(NSNF) bezeichnet.
In der Regel werden sie auf
oder um das ihnen zugewiesene Gefechtsfeld stationiert. In der NATO
bilden die NSNF das Bindeglied zwischen den konventionellen Streitkräften und der nuklearen Abschreckung
des Bündnisses.
Seit 1981 sind fünf einschneidende Veränderungen bei den NSNF zu beobachten. Erstens die Stationierung
von Pershing II und GLCMs durch die
NATO als Reaktion auf die sowjetische
Dislozierung von SS-20-Mittelstrekkenraketen. Gleichzeitig wurden die
Verhandlungen über den Abbau dieser
und
anderer
Mittelstreckensysteme
fortgesetzt.
Zweitens begannen die Sowjets mit
der Modernisierung anderer Raketensysteme und ersetzten den SCUD durch
die SS-23, ein moderneres System längerer Reichweite und größerer Zielgenauigkeit.
- 24 -

�Drittens faßten die Außenminister
der NATO im Jahr 1983 in Montebello
den Beschluß, den nuklearen Bestand
der NATO um 1 400 Gefechtsköpfe zu
reduzieren.
Gleichzeitig
wurden
Schritte zur Modernisierung und Verbesserung
der
Uberlebensfähigkeit
verbleibender Trägersysteme unternommen.
Die Verwirklichung der Verpflichtung von Montebello zur Modernisierung der genannten Systeme muß
weiterhin vorrangiges Ziel des Bündnisses bleiben.
Die vierte größere Veränderung
betrifft die erhöhte Zahl von Nachladeflugkörpern, die von den Sowjets
anstelle ihrer Abschußvorrichtungen
für Raketen kürzerer Reichweite (weniger als 500 Kilometer) an der vorderen Front stationiert wurden. Diese Raketensysteme sind nicht vom INFVertrag betroffen.
Die fünfte entscheidende Veränderung der NSNF-Kategorie ist die Nuklearfähigkeit der sowjetischen Artillerie. Die allgemeine Tendenz bei
NSNF ging dahin, die gefechtsfeldgebundene Nuklearfähigkeit
des Warschauer Pakts soweit aufzustocken,
daß er heute über eine beträchtlich
größere Fähigkeit in dieser Kategorie
verfügt als die NATO, unabhängig von
den asymmetrischen Reduzierungen, die
sich aus dem Abbau der INF-Waffenkategorie ergeben werden.

Luftstreitkräfte
In den vergangenen Jahren haben
die Sowjets durch die Modernisierung
ihrer Luftstreitkräfte mit Bombern,
Jagdbombern, Kampfflugzeugen und Abfangjägern, die über ebensolche Fähigkeiten verfügen wie die FrontLuftstreitkräfte der NATO die Bestrebungen der NATO in diesem Bereich zunichte gemacht. Eine Übersicht über
die Modernisierung der sowjetischen
Luftstreitkräfte zeigt ferner, daß
die Sowjets bis weit in die neunziger
Jahre Flugzeuge wie die MiG-29 und
Su-27 mit denselben Fähigkeiten wie
die Front-Kampflugzeuge der NATO dis-

lozieren werden.
Aller Voraussicht
nach werden sie ihre Luftrauraüberwachung-Abfangfähigkeit durch die Stationierung einer größeren Zahl ihrer
Version des AWACS, des MAINSTAY, verbessern. Ferner zeigt Moskau zunehmend Interesse an Luftbetankungsfähigkeiten, einschließlich der Entwicklung des neuen MIDAS-Panzerflugzeugs, das den Kampfradius ihrer
Luftstreitkräfte potentiell erhöht.
Während die Tendenzen beim Kräfteverhältnis in der Luft nicht so ungünstig erscheinen wie an Land, stellen sie doch eine ernsthafte Bedrohung der NATO durch den Warschauer
Pakt dar, deren Ausmaß noch zunehmen
kann.

Landstreitkräfte
An Land befindet sich die NATO
nach wie vor im Nachteil. Die Modernisierungsbestrebungen des Bündnisses
in den vergangenen sieben Jahren haben jedoch vor allem bei Panzern,
Schützenpanzern und Artillerie den
Warschauer
Pakt davon abgehalten,
seinen Vorteil beim Streitkräftepotential an unmittelbar verfügbaren am
Kriegsschauplatz
stationierten
und
mobilen Streitkräften beträchtlich zu
vergrößern. Die Situation eines annähernden Gleichgewichts bei anderen
Kategorien wie kriegsschauplatzgebundenen Nuklear- und Luftstreitkräften
verschärft den Nachteil der NATO bei
den Landstreitkräften erheblich und
macht ihn damit zum vorrangigen Problem für den Westen.

Durchhaltefähigkeit
Die Durchhaltefähigkeit der Truppen im Kampf ist für das militärische
Gleichgewicht von ebenso großer Bedeutung wie deren Struktur, Ausbildung und Stationierung.
In dieser
komplexen Kategorie sind zwei Bereiche von besonderer Bedeutung: Munitionsbestand und Unterstützungsinfrastruktur. Im Hinblick auf den Munitionsbestand hat die NATO seit den

- 25 -

�siebziger Jahren einige Fortschritte
erzielt.
Auch der Warschauer Pakt
hat die Durchhaltefähigkeit verbessert, wie durch die erhöhte Munitlonslagerungsfä'higkeit nicht nur in
Osteuropa, sondern auch in den rückwärtigen westlichen Militärdistrikten
der Sowjetunion belegt wird. Als Ergebnis hätten die Streitkräfte des
Warschauer Pakts auf den westlichen
TVDs derzeit ausreichend Munition, um
60 oder 90 Tage währende Offensivoperationen zu unterstützen.

Einsatzkonzepte
Die achtziger Jahre waren sowohl
für die NATO als auch den Warschauer
Pakt eine Phase der Neubewertung von
Doktrin und Einsatzkonzepten.
Die
NATO machte sich die Strategie des
Angriffs der nachfolgenden Streitkräfte (FOFA) als Teil einer Verteidigungsstrategie zu eigen, die der
Bedeutung einer zweiten Staffel für
den Angriffsplan des Warschauer Pakts
Rechnung trägt. FOFA ist auf einen
Angriff gegen die Streitkräfte des
Warschauer
Pakts mit Luftsystemen
ausgerichtet, noch bevor sie den
Kriegsschauplatz erreichen, und darauf, diese Truppen aufzuhalten, zu
zerschlagen und in gewissem Umfang zu
zerstören.
Die derzeit erforderlichen Fähigkeiten zur Durchführung von
FOFA hängen von der Bereitschaft der
NATO zur Verwirklichung der notwendigen Programme zur Verbesserung der
Streitkräfte ab.
Der Warschauer Pakt scheint dieses neue NATO-Konzept ernst genommen
zu haben und nimmt bei Streitkräften
und Ausbildung die entsprechenden
Veränderungen vor, um der Aufgabe defensiver Operationen Rechnung zu tragen. Im Gegensatz zu der bisherigen
ausschließlichen Betonung offensiver
Operationen scheint der Warschauer
Pakt jetzt gleichzeitigen Defensivoperationen mehr Aufmerksamkeit zu
widmen als zuvor. Dennoch ist er
weiterhin davon überzeugt, daß Defensivoperationen
allein
nicht
ausreichen.

Abschreckung
Der Versuch, die sowjetische Bewertung des militärischen Gleichgewichts zu verstehen, ist für eine genaue Bestandsaufnahme der Abschrekkungsqualität der NATO-Streitkräfte
unerläßlich.
Die Sowjets scheinen durch die
Nuklearstreitkräfte der NATO in hohem
Maße abgeschreckt zu werden, was zum
Teil auf die Eskalationswirkung der
Verbindung von nuklearen und konventionellen Waffen zurückzuführen ist,
die der Strategie der flexiblen Reaktion zugrundeliegt und ferner auf das
mangelnde Vertrauen der Sowjets in
ihre Fähigkeit, jeden Konflikt auf
konventioneller Ebene zu halten und
eine Eskalation zu kontrollieren,
falls Nuklearwaffen zum Einsatz kommen.
Auf konventioneller Ebene könnten
die Sowjets trotz ihrer Vorteile zu
dem Schluß kommen, daß ihnen im Falle
eines Krieges in Europa nicht in ausreichendem Maße Streitkräfte zur Verfügung stehen, um ihnen den Erfolg
mit großer Wahrscheinlichkeit zu garantieren. Angesichts der FOFA-Strategie der NATO werden sie den Gedanken einer Vornestationierung ihrer
Reservetruppen
wenig
abgewinnen.
Schließlich ist es die sowjetische
Bewertung des relativen Stands der
Truppenvorbereitungen von NATO und
Warschauer Pakt, zusammen mit der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen durch
die NATO, die das entscheidende Kriterium für jede Entscheidung der Sowjets bilden, einen konventionellen
Konflikt auszulösen.
Während die Sowjets die Fähigkeit
anstreben, die NATO vom Einsatz nuklearer Waffen abzuhalten, haben sie
zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, dies
tatsächlich zu tun. Trotz der ungünstigen Bedingungen bei den konventionellen Land- und Luftstreitkräften,
mit denen sich die NATO konfrontiert
sieht und angesichts der Verbesserun-

- 26 -

�gen bei den taktischen Nuklearwaffen
der Sowjetunion ist es unwahrscheinlich, daß die Sowjets großes Vertrauen in ihren derzeitigen Truppenvorteil setzen, um ihre politisch-militärischen Ziele in der erforderlichen
Zeit zu verwirklichen.

Verteidigungsstrategie
Obwohl
die
Nuklearstreitkräfte
der NATO für die Abschreckung unabdingbar sind, hat der Warschauer Pakt
jetzt und in Zukunft einen Vorteil
bei
Quantität,
Uberlebensfähigkeit
und
Flexibilität
seiner
Nuklearstreitkräfte. Aufgrund dieser Situation wird der effektive Beitrag verringert, den Nuklearwaffen zur Fähigkeit der NATO leisten könnten, sich
selbst im Falle eines Scheiterns der
Abschreckung erfolgreich zu verteidigen.
Ferner hat der Warschauer Pakt
zur Zeit bei den chemischen Offensiv- und
Defensivfähigkeiten
einen
enormen Vorteil vor der NATO, obwohl
die Sowjets zum Teil aufgrund eines
möglichen
Vergeltungsschlages
der
NATO abgeneigt sein könnten, chemische Kriegführung einzuleiten.
Das operative, gefechtsfeidgebundene strategische Konzept des Warschauer Pakts zielt immer noch auf
einen raschen, konventionellen Sieg
über die NATO ab, während gleichzeitig in zunehmendem Maße Defensivoperationen in die offensive Gesamtstrategie aufgenommen werden. Das vorrangige Ziel dieses Einsatzkonzepts
liegt darin, die nukleare Überlebensfähigkeiten der NATO zu zerstören,
große Verbände der Landstreitkräfte
der NATO zu vernichten und rasch die
Häfen am Ärmelkanal zu erreichen, um
Verstärkung und Nachschub zu unterbinden.
Die oben genannten Fakten lassen
unter anderem den Schluß zu, daß die
NATO im Falle eines Krieges in Europa
binnen Tagen oder Wochen bei der Verteidigung gegen einen konventionellen

Angriff - insbesondere in der Zentralregion - zum Einsatz von Nuklearwaffen gezwungen sein könnte.
Abschreckung nach dem INF-Vertrag
Mit der Unterzeichnung des INFVerträges wurde das Augenmerk der
westlichen Öffentlichkeit auf anhaltende Ungleichgewichte und Mängel bei
bestimmten entscheidenden Kategorien
der konventionellen NATO-Streitkräfte
gelenkt. Der Vertrag beleuchtet auch
gefährliche Tendenzen des Einsatzkonzepts der Sowjetunion und die relativen Vorteile, über die sie im Bereich
der Kommunikationswege sowie bei deren Verstärkung und Nachschub verfügt.
Die NATO muß weiterhin ein breites Spektrum konventioneller und nuklearer Fähigkeiten aufrechterhalten,
um über die zur Abschreckung von Aggression erforderliche Flexibilität
zu verfügen. Das Bündnis muß gleichzeitig die Verbesserung seiner konventionellen Streitkräfte nachhaltig
betreiben.
Trotz des INF-Vertrags bleibt die
Notwendigkeit der Abschreckung bestehen, einschließlich
des nuklearen
Elements der Abschreckungsgleichung
insgesamt, dank derer die Bündnispartner in den vergangenen vierzig
Jahren in Freiheit leben konnten.
Das amerikanische Engagement für ein
freies Europa bleibt unvermindert bestehen und sollte von der Sowjetunion
nicht falsch eingeschätzt werden.
Während die strategischen Nuklearstreitkräfte weiterhin das Fundament
der Abschreckung bilden, tragen auch
die Dislozierung der amerikanischen
gefechtsfeldgebundenen nuklearen und
konventionellen Streitkräfte in Europa sowie die vorne stationierten
Mehrzweck-Marineeinheiten
zur
Abschreckung bei und sind somit das
Mittel zur Durchführung unserer Strategie der flexiblen Reaktion, sollte
die Abschreckung scheitern. Um weiterhin sowjetische Aggression abschrecken und damit den Frieden in
Europa bewahren zu können, müssen die

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�Pläne des Bündnisses zur Modernisierung der nuklearen und konventionellen Streitkräfte verwirklicht werden.

KAPITEL VIII

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG;
DER TECHNOLOGISCHE WETTBEWERB
Im Rahmen ihrer Abschreckungsstrategie stutzen sich die Vereinigten Staaten sehr stark auf ihre technologische, nicht so sehr auf die
rein zahlenmäßige Überlegenheit. Ihre gefestigte Position in der Technologie hat die rein numerischen Vorteile der Sowjetunion stets ausgeglichen und somit der Abschreckung
Vorschub geleistet.
Die Sowjets haben es sich eindeutig zum Ziel gesetzt, die zur Verbesserung ihrer Waffen notwendigen FuEMittel bereitzustellen. Der derzeit
vom Westen bei den militärischen Fähigkeiten
gehaltene
technologische
Vorsprung ist gefährdet, wenn nicht
sogar ausgehöhlt. Um seine Führungsposition zu behaupten, muß der Westen
seine technologischen Vorteile voll
ausschöpfen. Doch diese Vorteile haben lediglich temporären Charakter
und können schnell ausgeglichen oder
aufgehoben werden. Wenn die Sowjets
ihre umfassenden Anstrengungen fortsetzen, werden sie schließlich Hochtechnologiewaffen in Bereichen besitzen, wo wir über solche nicht verfügen. Wenn sie die Initiative ergreifen und auch weiter den technologischen Vorsprung des Westens mindern, werden die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten dazu gezwungen
sein, sogar noch mehr Mittel aufzuwenden oder größere Risiken für die
gemeinsame Sicherheit hinzunehmen.
Aufgrund der Entschlossenheit der
Reagan-Administration, die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten
Staaten wiederherzustellen, lagen die
amerikanischen
Beschaffungsausgaben
für 1987 ungefähr 32 Prozent über den
vergleichbaren Ausgaben der Sowjetunion.
Die kumulativen Verteidigungsausgaben der Sowjetunion im Bereich FuE haben jedoch die der Vereinigten Staaten überstiegen, und
aufgrund der Engpässe im amerika28 -

�nischen Haushalt ist davon auszugehen, daß die Zuwachsraten zukünftiger
FuE-Investitionen
der
Sowjetunion
über den amerikanischen FuE-VerteidigungsInvestitionen liegen werden.
Daher ist es dringend erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zur
Aufrechterhaltung
ihres
technologischen Vorsprungs wohlüberlegte Investitionen vornehmen. Dabei streben
sie als Teil ihrer Bemühungen die
Einführung von Wettbewerbsstrategien
in Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten an, was zu einer Überwindung der
zahlenmäßigen Überlegenheit der Sowjets beitragen und die sowjetischen
Initiativen im technologischen Wettbewerb verteuern wird.

Die sowjetische Herausforderung
Obwohl die sowjetischen FuE-Verteidigungsinvestitionen die der Vereinigten Staaten übertrafen, konnten
die Sowjets aufgrund ihrer Produktivitätsprobleme die Vereinigten Staaten nicht überrunden. Die intensiven
sowjetischen Bemühungen zur Verbesserung von Qualität und Produktivität
ihrer jetzt schon breiten wissenschaftlichen und technologischen Basis ist ein ernstzunehmendes Problem
zukünftiger
amerikanischer
Sicherheitspolitik.
Neben der beindruckenden Entwicklung eigener Hochtechnologien arbeitet die Sowjetunion an der Verbesserung zahlreicher militärischer Projekte mit im Westen erworbener moderner Technologie. Obwohl viele dieser
westlichen Technologien auf ganz legalem Wege in die Sowjetunion gelangt
sind, haben sich die Sowjets eine
Fülle von Information auf betrügerische und illegale Weise verschafft.
Dadurch sind sie in der Lage, die
ganz erheblichen bei der Grundlagenund angewandte Forschung und Entwicklung anfallenden Kosten zu umgehen.

Tendenzen bei Schlüsseltechnologien
Nachstehend
einige
ausgewählte
Tendenzen in der Grundlagentechnologie, wo es In den kommenden 20 Jahren
infolge von Fortschritten zu ganz erheblichen Veränderungen bei den sowjetischen und amerikanischen Fähigkeiten zur Kriegführung kommen kann:
Aerodynamik:
Umfangreiche
Investionen in der Erforschung der Aerodynamik in Verbindung mit einem der
größten Windkanäle der Welt haben die
Sowjets in die Lage versetzt, Weltraumsysteme zu entwickeln, die in zunehmendem Maße mit ihren westlichen
Konkurrenzmodellen gleichziehen können.
Infolgedessen sind die neuen
sowjetischen Flugzeuge erheblich leistungsfähiger und mit viel ausgerelfteren elektronischen Teilsystemen und
Bewaffnungen ausgerüstet
als ihre
Vorgänger.
Die Vereinigten Staaten
halten jedoch den Vorsprung bei Berechnungsfähigkeiten
in der Aerodynamik.
Biochemische
Technologie:
Die
Sowjetunion hat bemerkenswerte Fortschritte bei biologischen Technologien, wie beispielsweise der Genmanipulation erzielt.
Es könnte sein,
daß sie derzeit mit Hilfe dieser
Technologie eine neue Generation chemischer und biologischer Kampfstoffe
entwickelt.
Auf
dem Gebiet der
Grundlagenforschung liegen die Vereinigten Staaten in der biochemischen
Technologie derzeit gegenüber den Sowjets deutlich in Führung.
Computer/Software:
Die
vordringlichste technologische Notwendigkeit in der Sowjetunion bleibt die
Verbesserung der Datenverarbeitung.
Die Sowjets führen in ihren Schulen
im ganzen Land das Fach Informatik
ein, um eine "Armee von Programmierern" hervorzubringen.
In den Vereinigten Staaten wird die Anwendung
von Technologien zur Daten- und Informationsverarbeitung
auch
weiter
eine Schlüsselrolle bei der qualitativen Verbesserung von militärischem
Gerät spielen.

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�Gerichtete Energie: Der Westen
ist im Besitz eines vielschichtigen
Programms Gerichteter Energie, zu dem
Laser, Mikrowellen und Teilchenstrahlen für strategische und taktische
Zwecke gehören. Während der Westen
bei
Dauerstrichlasern
mit
hoher
Durchschnittsleistung an der Spitze
liegt, führen die Sowjets bei den Impulslasern,
Radiofrequenzen
und
Strahlenwaffen mit geladenen Teilchen.
Laser:
Die Lasertechnologie in
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ist generell auf vergleichbarem Niveau. Die Vereinigten Staaten legen jedoch den Schwerpunkt auf
die Entwicklung moderner Lasertypen
zur Anwendung im Bereich der strategischen Verteidigung.
Einsatzfähige
sowjetische bodengestutzte Laser zur
Verteidigung gegen ballistische Raketen werden voraussichtlich nicht vor
dem Jahr 2000 stationiert werden.
Teilchenstrahlen:
Die
Sowjetunion betreibt eine umfangreiche Erforschung von Technologien zur Anwendung von Teilchenstrahlwaffen, und
ein großer Teil der Technologien für
Teilchenbeschleuniger ist von den Sowjets erfunden worden.
Radiofrequenzen:
Zahlreiche
Energieträger der Hochleistungsradiofrequenz (RF) und der Hochleistungsmikrowellen (HPM) wurden von den Sowjets entwickelt. Sie sind gegenüber
dem Westen auf diesem Gebiet führend.
Der Westen will jedoch mit den Fähigkeiten der Sowjets gleichziehen und
macht bei vielen neuen Arten von RFund HPM-Energieträgern Fortschritte.
Elektronische
Materialien
und
Produktion mit integrierten Schaltkreisen:
Insgesamt ist der Westen
auf diesem Gebiet klar in Führung.
Jüngste Fortschritte bei supraleitfähigen Materialien eröffnen die Möglichkeit einer revolutionierten Anwendung von Sensoren, Signalverarbeitung, magnetischer Energiespeicherung
und anderen Vorrichtungen. Die Vereinigten Staaten sind aufgrund ihrer
langen Tradition der Forschungsför-

derung in einer hervorragenden Position, um diese jüngsten Entdeckungen
voll auszuschöpfen.
Elektrooptik (einschließlich Infrarot): Infolge erheblicher sowjetischer Aufwendungen für elektrooptische (EO) Technologien in zahlreichen Anwendungsgebieten, wie etwa
Aufklärung, Kommunikation, Navigation
und Zielerfassung hat der Westen nur
noch einen ganz geringen Vorsprung
auf diesem Gebiet.
Sprengstoffe:
Bei
konventionellen Sprengstoffen haben die Sowjets erhebliche Fortschritte erzielt. Ihre Produktionsquote ist bei
den meisten Kategorien hochexplosiver
konventioneller
Sprengstoffe
höher
als die des Westens. Die Sowjetunion
ist jedoch bei der Großserienproduktion moderner hochexplosiver konventioneller Sprengstoffe (HMX) etwas im
Rückstand.
Chemische Waffen:
Obwohl die
Vereinigten Staaten Im Hinblick auf
Quantität keineswegs mit den Sowjets
gleichziehen wollen, ist die amerikanische chemische Waffentechnologie
vergleichbar oder besser.
Amerikanische binäre Waffentechnologie symbolisiert den Stand der Technik.
Materialien:
Auf
bestimmten
Gebieten sind sowjetische Materialien
für FuE und Verarbeitungstechniken
weltweit führend. Im Bereich der Metallverarbeitung liegen die Sowjets
ebenfalls vorn.
Produktion/Herstellung:
Die
Sowjets sind im Besitz ausgezeichneter technischer Möglichkeiten zur
Verarbeitung von Rohmaterialien in
militärische Endprodukte. Sie haben
beispielsweise die größte Schmiedeund Strangpresse der Welt gebaut.
Die Vereinigten Staaten führen auf
den Gebieten der modernen Produktionstechnik, die sich auf Computertechnologie wie Automation, computerentworfenes Design und computergestützte Produktion sowie weitere vergleichbare Grundlagentechnologien beruhen .

- 30 -

�Automation und künstliche Intelligenz:
Die
Vereinigten
Staaten
sind in der Automations-Grundlagentechnologie gegenüber der Sowjetunion
hauptsächlich wegen ihrer Stärken bei
der Computerisierung und Software
führend. Man muß jedoch davon ausgehen, daß die Sowjets sich auf die zügige Einführung einer Art von Automation konzentrieren, die kein hohes
Maß technischer Perfektion verlangt.
Sensoren:
Die
Sowjets
haben
sich - angesichts westlicher Gegenmaßnahmen - nachdrücklich auf die
Entwicklung einer großen Zahl von
Sensoren verschiedenster Art und Frequenz auf einer hohen Entwicklungsstufe verlegt. Die Vereinigten Staaten haben den Gesamtumfang der verfügbaren technischen Gegenmaßnahmen
nur
zögerlich
ausgenutzt.
Daher
könnte es sein, daß amerikanische
Sensoren unnötigerweise gegenüber dem
wirkungsvollen sowjetischen Programm
aus einsatzfähigen elektronischen Gegenmaßnahmen (ECM) verwundbar sind.
Radarmerkmalreduzierung
(Tarnkappentechnologie):
Die
Sowjets
entwickeln Technologien zur Radarmerkmalreduzierung, und es könnte
sein, daß sie diese Techniken in
Flugzeugen und anderen militärischen
Waffensystemen erproben. Schon bald
könnten Sie mit der begrenzt einsatzfähigen
Stationierung
einiger
"Tarnkappen"-Technologien
beginnen.
Die Vereinigten Staaten haben wahrscheinlich einen erheblichen Vorsprung gegenüber den Sowjets bei der
praktischen Anwendung der Radarmerkmalreduzierung bei militärischen Systemen.

KAPITEL IX
KOLLEKTIVE SICHERHEIT:
UNSERE RISIKEN UND VERPFLICHTUNGEN
Wie die vorliegende Publikation
"Sowjetische Militärmacht 1988" beweist, haben sich das sowjetische
Verhalten und die Art der militärischen Aufrüstung in den achtziger
Jahren nur wenig verändert, wohingegen Amerikas Reaktion auf dieses Verhalten einen ganz erheblichen Wandel
erfahren hat. Die Nachhaltigkeit unserer umfassenden Reaktion hat dazu
geführt, daß die Sowjets zu ernsthaften und realistischen Verhandlungen
zurückgekehrt sind.
isin Schwerpunkt im Hinblick auf
unsere Position gegenüber der Sowjetunion muß jedoch hervorgehoben werden. Er betrifft die durch erhebliche Kürzungen unserer Verteidigungsausgaben entstandenen Anforderungen. Die im Jahr 1985 eingeleitete Tendenz des Abbaus von Verteidigungsaufwendungen ähnelt immer mehr
den ruinösen siebziger Jahren, und es
besteht kein Grund zu der Annahme,
daß die aus der Sicht unserer Gegner
mit einem Rückzug Amerikas von seinen
weltweiten Verpflichtungen verbundenen Konsequenzen sich in irgendeiner
Weise von den damaligen unterscheiden.
Wir wissen, daß Generalsekretär
Gorbatschow mit der Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft unzufrieden ist. Die Mittel zum Wiederaufbau und zur neuerlichen Ankurbelung der zivilen Wirtschaft werden
jedoch nicht zu Lasten der militärischen Fähigkeiten gehen.
Vielmehr
gehen wir von einem anhaltenden Wachstum in diesem Bereich aus. Während
ein Ziel der Reformen Generalsekretär
Gorbatschows das Wachstum der inländischen Wirtschaft ist, trifft es
ebenso zu, daß eine Hauptmotivation
für diese Reformen in der Entwicklung
einer
langfristig
wirkungsvolleren
Konkurrenzfähigkeit auf militärischem
Gebiet besteht.

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�Daher werden - ungeachtet der
weit
verbreiteten
Reformvorschläge
des Generalsekretärs und der Möglichkeiten bedeutungsvoller Veränderungen
- die tatsächlichen sowjetischen militärischen Fähigkeiten auch weiterhin verbessert und ausgeweitet. Unsere Verteidigungspolitik kann nicht
auf öffentlichen sowjetischen Erklä- rungen oder Hoffnungen auf ein gemäßigtes Verhaltens im Kreml beruhen.
Wir müssen vielmehr sicherstellen,
daß wir die Mittel zur Handhabung der
sowjetischen Bedrohung besitzen, die
sich in ihrem Verhalten und ihren Fähigkeiten, nicht in ihren Worten offenbart.
Wir gehen davon aus, daß das
strategische Gleichgewicht heute weitestgehend stabil ist. Doch angesichts der anhaltenden sowjetischen
Anstrengungen zur Modernisierung ihrer strategischen Offensivstreitkräfte ist es auch weiter unsere Verpflichtung, unsere offensiven und defensiven
strategischen
Fähigkeiten
fortlaufend zu modernisieren, um den
Sowjets zu zeigen, daß sie keinen militärisch nutzbaren Vorteil auf dem
Gebiet der strategischen Nuklearwaffen besitzen.

Verringerung der Streitkräftestruktur.
Welche Auswirkungen Glasnost oder
die Hoffnung auf einen bedeutungsvollen Wandel in der Sowjetunion auch
haben mögen, die Verpflichtung für
die Sicherheit des Westens liegt wie
immer in unserer Hand. Unsere 40jährige Erfahrung hat es bewiesen: wenn
wir das Erforderliche zum Bau und zur
Modernisierung der notwenigen Verteidigungsstreitkräfte tun und der Welt
eine politische und moralische Führungsrolle anbieten, können wir unsere Gegner von der Versuchung gefährlicher Abenteuer abhalten, während
wir gleichzeitig denjenigen Hoffnung
bieten, die für ihre Befreiung von
den Fesseln der Tyrannei und der Unterdrückung kämpfen.

Gorbatschows
Bestrebungen
zur
Einführung
von
Glasnost
und
Perestrojka sind deutlich sichtbare
Zeichen wesentlicher neuer Anstrengungen zur Wiederbelebung der sowjetischen Wirtschaft - Anstrengungen,
die zur Unterstützung langfristiger
Ziele als lebenswichtig betrachtet
werden.
Gorbatschows Bemühungen sind jedoch nicht einfach und mit einigen
Risiken behaftet. Wenn er zu vorsichtig vorgeht, wird es vielleicht
keine Verbesserung der Wirtschaft geben. Wenn Gorbatschow seine Reform
zu ehrgeizig durchsetzt, könnte eine
Gegenbewegung unvorhergesehene politische und soziale Folgen haben. Aus
streng militärischer Sicht ist der
letztlich gültige Maßstab für eine
echte Reform die nachprüfbare Reduzierung der Militärausgaben und eine

- 32 -

* * * * *

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