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\ ü N

Sonderdienst

4

13. April 1988

DIE SICHERHEITSPOLITIK DES BÜNDNISSES
IM ZEITALTER SICH WANDELNDER OST-WEST-BEZIEHUNGEN

Rede von
Botschafter Richard R. Burt
gehalten vor den Delegierten heim außenpolitischen Kongreß der CDU
"FREIHEIT, SICHERHEIT, ZUSAMMENARBEIT"

Sperrfrist;

Donnerstag, 14. April 1988, 10.45 MESZ

United States Information Service,
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�BONN - (AD) - Dem amerikanischen Botschafter Richard R. Burt zufolge sind
Konzepte, die eine "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Warschauer Pakt, eine
Entnuklearisierung Europas, eine "defensive Verteidigung" oder die Entamerikanisierung der westlichen Verteidigung propagieren, mit gravierenden Mängeln
behaftet und unnötig. Während er eine konstruktive Debatte über alternative
Strategien und Strukturen der NATO befürwortete, vertrat Burt in einer am 14.
April 1988 in Bonn vor den Delegierten beim außenpolitischen Kongreß der CDU
über "Freiheit, Sicherheit, Zusammenarbeit" gehaltenen Rede die Auffassung,
daß keines der in jüngster Zeit vorgebrachten Konzepte eine gültige Alternative zur heutigen Struktur der westlichen Sicherheit biete. Der Botschafter
sicherte die Unterstützung der Vereinigten Staaten für ein Gesamtkonzept zu,
dessen Formulierung heute schon innerhalb der NATO Gestalt annehme.
Die Rede des amerikanischen Botschafters hat folgenden Wortlaut (es gilt
das gesprochene Wort):

Wir befinden uns in einer interessanten
und
vielversprechenden
Phase der Ost-West-Beziehungen. Dies
gilt ganz besonders für die Rüstungskontrolle. Nach einem von Fehlstarts
und Stagnation gekennzeichneten Jahrzehnt haben wir jetzt ein Abkommen
von großer Tragweite unterzeichnet den INF-Vertrag.
Ferner haben wir
beträchtliche Fortschritte im Hinblick auf ein Abkommen über den Abbau
strategischer Waffen erzielt; wir
sind mit der Aushandlung von Einzelheiten eines Verbots chemischer Waffen befaßt, und wir werden gegebenenfalls in Kürze eine neue Gesprächsrunde über das konventionelle Gleichgewicht mit dem Osten aufnehmen.
Die Chancen für Fortschritte in
den Ost-West-Beziehungen sind natür-

lich nicht auf Rüstungskontrolle allein begrenzt. Die Sowjetunion hat
dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan zugestimmt.
Ein das gesamte
Spektrum der regionalen Probleme umfassender
Dialog
ist
zwischen
Washington und Moskau zustandegekommen. Und beflügelt durch Perestrojka
und Glasnost im eigenen Land ist der
Klimawechsel - wenn auch noch eher
zögerlich - in der gesamten Sowjetunion allmählich spürbar. Den Völkern Europas bieten sich nun in zweifacher Hinsicht Chancen: der Osten
könnte sein Schicksal selbst in die
Hand nehmen - und der Westen einen
schrittweisen Abbau der Schranken anstreben, die den europäischen Kontinent weiterhin teilen.
Angesichts

dieses

sich

abzeich-

�nenden Wandels sollte es nicht überraschen, daß man sich im Westen - und
insbesondere in der Bundesrepublik
Deutschland - zunehmend damit auseinandersetzt, wie die Sicherheit des
Westens in Zukunft besser gestaltet
werden sollte. Die in weiten Teilen
Europas inzwischen verbreitete Auffassung, die Sowjetunion stelle keine
ernsthafte
militärische
Bedrohung
mehr dar, hat diesen Trend ebenso begünstigt wie die Fortschritte, die
wir bereits im Bereich der atomaren
Rüstungskontrolle erzielt haben. So
konnten wir in der öffentlichen Diskussion eine Reihe von neuen Ansätzen
zum Thema westliche Sicherheit beobachten - einige eher radikal, andere
mit einem gemäßigten Unterton, aber
dennoch mit Schwierigkeiten behaftet.
Einige dieser neuen Ansätze würden das derzeitige Fundament der
westlichen Sicherheit maßgeblich verändern, wenn nicht sogar vollständig
ins Wanken bringen.
Einem - dem
vielleicht radikalsten - dieser Ansätze zufolge würden wir unser traditionelles Vertrauen auf militärische
Einsatzbereitschaft und die gefestigte Struktur des Bündnisses zugunsten
einer sogenannten "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Warschauer Pakt
und einer vagen Politik gegenseitiger
Beteuerungen des Verzichts auf Aggressionen aufgeben.
Diesem Ansatz
liegt anscheinend der Gedanke zugrunde, die Europäer in Ost und West sähen sich einer gemeinsamen Gefahr
ausgesetzt - der Bedrohung durch
Krieg und Vernichtung - und sollten
versuchen, diese Gefahr durch gemeinsame politische Maßnahmen zu überwinden statt durch die Beibehaltung der
Streitkräfte. Militärische Bündnisse
und die Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft - so die Behauptung
weiter - sind weit davon entfernt,
den Frieden zu sichern und tragen nur
dazu bei, Mißtrauen und Unsicherheit
zu nähren.
Eine zweite Kategorie der neuen
Vorschläge
zur Sicherheit fordert
zwar keine Abkehr vom Bündnis, aber
einen radikalen Wandel der bestehen-

den NATO-Doktrin und Struktur. Einem
solchen Vorschlag zufolge würde die
atomare Komponente des Verteidigungspotentials der NATO abgebaut, wohingegen die konventionelle Truppenstruktur weitgehend unberührt bliebe.
Dieser Vorschlag scheint sich aus der
irrigen Auffassung abzuleiten, der
INF-Vertrag
stelle
einen
ersten
Schritt in Richtung auf die unvermeidliche Entnuklearisierung Europas
dar, und könnte vielleicht in Verbindung mit einer einschneidenden Reduzierung der strategischen Waffen zur
vollständigen Abschaffung der nuklearen Abschreckung selbst führen. Er
geht davon aus, daß eine stabile konventionelle Verteidigung auf der Ebene eines annähernden Gleichgewichts
zwischen Ost und West Aggressionen
ebenso erfolgreich abschrecken kann,
wie dies in den vergangenen 40 Jahren
mit Nuklearwaffen möglich war.
Einer Spielart dieses Ansatzes
zufolge sollte der Westen gleichzeitig mit dem Verzicht auf nukleare Abschreckung auch seine konventionellen
Streitkräfte umstrukturieren und ihnen die Fähigkeit zu Offensivoperationen nehmen. Aufgrund dieser Theorie der "defensiven Verteidigung"
sind
Struktur
und Rüstungen
der
Streitkräfte beider Bündnisse heutzutage vorwiegend auf raumgreifende Offensiven ausgerichtet. Damit tragen
sie zur Verfestigung von Bedrohungsvorstellungen auf beiden Seiten sowie
einer Verstärkung des Risikos bei,
daß eine politische Krise zwischen
Ost und West einen vernichtenden bewaffneten Konflikt zur Folge haben
könnte.
Bei dem Versuch, jegliche
Fähigkeit zu Offensivaktionen abzubauen, würden die Befürworter der
"defensiven Verteidigung" die einsatzbereiten Truppen verringern und
den Bestand an Panzern, Artillerie
und Strike-Flugzeugen erheblich abbauen - falls erforderlich durch Verhandlungen mit dem Osten, oder im
Falle des Scheiterns solcher Verhandlungen, einseitig.
Sie planen eine
Streitkräftestruktur, die vorwiegend
aus ausschließlich "defensiv" bewaffneten Reservisten besteht und auf

- 2 -

�Barrikaden und andere passive Mittel
zurückgreift, um den Vormarsch des
Feindes aufzuhalten. Falls erforderlich würde eine Strategie der Guerilla-Kriegführung
angewendet, um die
Invasoren zu schwächen und schließlich zu vertreiben.
Einer dritten Kategorie neuer Ansätze im Bereich der Sicherheit zufolge würde das Atlantische Bündnis
politische Veränderungen
in seiner
Struktur erfahren.
Vorrangig unter
diesen Ansätzen
ist der Vorschlag
einer Entamerikanisierung des Bündnisses und der vollständigen Übernahme
der
eigenen
Verteidigungslast
durch die Europäer.
Dieser Ansatz
fordert die Beibehaltung der derzeitigen Militärstrategie des Bündnisses
und beständiges Vertrauen auf nukleare Abschreckung.
Dadurch würde die
durch den Abzug amerikanischer Truppen entstandene Kluft im konventionellen Bereich mit europäischen und
insbesondere
französischen
Streitkräften
überbrückt,
wobei
Großbritannien und Frankreich die Rolle
der Vereinigten Staaten als nuklearer
Garantiemacht übernehmen würden.
Eine fruchtbare Diskussion über
alternative Strategien und Strukturen
im Bündnis sollte begrüßt und gefördert werden. Selbst wenn sich diese
Alternativen
als nicht
praktikabel
erweisen
sollten, zwingt
uns
die
bloße Tatsache ihrer Erwägung zum
überdenken
unserer
derzeitigen Sicherheitspolitik, um deren Gültigkeit
erneut zu bekräftigen oder die unseres Erachtens erforderlichen Anpassungen
vorzunehmen.
Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren sollten wir zu einer genauen Überprüfung
jedes einzelnen dieser in letzter
Zeit
erörterten
Sicherheitskonzepte
bereit sein. Wir sollten jedoch auch
willens sein, in der Öffentlichkeit
das Augenmerk auf die gravierenden
Mängel zu lenken, die sich bei genauer Überprüfung ergeben haben. Ebenso
wie das Befürworten eines Arguments
ist seine Widerlegung elementarer Bestandteil jeder fruchtbaren und konstruktiven Debatte.

- 3

Lassen Sie mich zunächst zum Konzept einer "Sicherheitspartnerschaft"
mit dem Osten Stellung nehmen.
Sicherlich sollten wir mehr Offenheit
in den Ost-West-Beziehungen anstreben:
Jede Seite sollte in der Lage
sein, die eigenen besonderen Sicherheitsinteressen mit der anderen zu
besprechen, die ihrerseits wiederum
bereit sein sollte, sie konstruktiv
zu behandeln.
Genau dies versuchen
wir derzeit mit der Sowjetunion zu
erreichen. Von Offenheit zu Partnerschaft überzugehen hieße jedoch, die
grundlegende Tatsache zu ignorieren,
daß zumindest nach dem heutigen Stand
nur eine geringe Übereinstimmung der
Sicherheitsinteressen in Ost und West
vorliegt.
Das Atlantische
Bündnis
wurde als ein freier Zusammenschluß
demotcratischer Staaten zu dem Zweck
geschaffen, ihre territoriale Integrität und ihre Lebensweise gegen
ausländische Aggression zu verteidigen.
Dies ist auch weiterhin der
Fall.
Trotz "Glasnost" bleibt der
Warschauer Pakt ein Instrument zum
Erhalt des sowjetischen Imperiums in
Osteuropa - und damit der unnatürlichen Teilung des Kontinents.
Wir
müssen klar erkennen, daß sich die
sowjetische
militärische
Bedrohung
gegenüber
Westeuropa
unter
Gorbatschow nicht gewandelt hat. Das
wesentliche Problem europäischer Sicherheit ist auch weiterhin die Tatsache, daß Kampfkraft, Doktrin und
Ausbildung des Warschauer Pakts auf
die Führung eines Offensivkrieges auf
westeuropäischem
Territorium
ausgerichtet sind. Es kann keine wirksame
Strategie für den Westen geben, die
diese zentralen
Punkte außer acht
läßt. Wir sollten ferner in Erinnerung behalten, daß eine Sicherheitspartnerschaft mit einer Sowjetunion,
die ihre Besetzung Osteuropas aufrechterhält, uns die Last der Mitverantwortung für diese Besetzung auferlegen würde.
Das Konzept einer "Sicherheitspartnerschaft"
hat
außerdem
den
schwerwiegenden Mangel, daß es die
Ost-West-Beziehungen
lediglich
auf
ihre militärische Dimension verrin-

�gert.
Es ignoriert die Hauptursache
für die Spannungen in Europa und wendet sich lediglich den Symptomen zu.
Wie Präsident Reagan in seiner Rede
vor dem Brandenburger Tor im vergangenen Juni bemerkte:
"Ost und West
mißtrauen sich nicht, weil wir bewaffnet sind. Wir sind vielmehr bewaffnet, weil wir einander mißtrauen.
Und unsere Differenzen beziehen sich
nicht auf Waffen, sondern auf Weltanschauungen."
Selbstbestimmung
und
Menschenrechte sind ebenso Bestandteil der Sicherheit zwischen Ost und
West wie militärische Stärke und Fähigkeiten.
Bis zur Überwindung der
unnatürlichen Teilung Europas ist jeder Gedanke an die Schaffung einer
"Sicherheitspartnerschaft"
mit
dem
Osten, gelinde gesagt, verfrüht.
Obwohl damit zumindest die Grundstruktur
des
Bündnisses
erhalten
bliebe, ist auch das Konzept der
"konventionellen
Abschreckung"
im
Grunde ebenso wenig durchführbar wie
das
der
"Sicherheitspartnerschaft".
Immer wieder - und am verheerendsten
im Jahr 1914 - hat die Existenz eines
konventionellen
Gleichgewichts
den
Ausbruch eines Krieges nicht verhindern können, und es gibt keinen Grund
zu der Annahme, daß diese historischen Abläufe in absehbarer Zukunft
eine Umkehrung erfahren können. Nur
eine glaubhafte Androhung des Einsatzes nuklearer Waffen kann einen möglichen Angreifer wirklich abschrecken
und somit den Frieden erhalten. Die
nukleare Abschreckung hat uns in den
vergangenen 40 Jahren gute Dienste
erwiesen, und dies sollte so bleiben.
Wir sollten daher die Gipfel-Erklärung der NATO vom März dieses Jahres
begrüßen, in der eine deutliche Bestätigung für die Beibehaltung der
nuklearen Abschreckung sogar für den
Fall enthalten ist, daß wir auf dem
Verhandlungswege zu einem Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa gelangen.
"Defensive
Verteidigung"
verstärkt lediglich die Nachteile der
"konventionellen Abschreckung".
Sie
würde der NATO die Beweglichkeit neh-

men, die zur Erwiderung einer Offensive des zahlenmäßig überlegenen Gegners notwendig ist.
Sie würde uns
dazu zwingen, unsere Strategie der
Vorneverteidigung
zugunsten
einer
Verteidigung in der Tiefe aufzugeben
- eine Strategie, die von Generationen politisch und militärisch Verantwortlicher im Westen einstimmig abgelehnt wurde.
Innerhalb der engen
Grenzen Mitteleuropas ist die Verteidigung in der Tiefe gleichbedeutend
mit einer Aufforderung zum Rückzug an
den Rhein.
Sie hätte die völlige
Verwüstung eines Großteils der Bundesrepublik
Deutschland
zur Folge,
eine Verwüstung, die schlimmer als
die des Zweiten Weltkrieges wäre.
Anhänger
der "defensiven Verteidigung" behaupten, ein schwer bewaffneter und zahlenmäßig überlegener Angreifer könne von Partisanen besiegt
werden, die mit
Panzerabwehrwaffen
und ähnlichem ausgerüstet sind.
Die
öffentliche Meinung in Großbritannien
hat diese bizarre Vorstellung ganz
richtig als Scherz abgetan, als diese
vergangenes Jahr im Wahlkampf vorgebracht wurde.
Kein Kenner militärischer Strategien kann dies ernst
nehmen. Kann sich jemand einen Guerillakämpfer vorstellen, der - nur
mit einer Panzerfaust bewaffnet
massivem Artilleriebeschuß widersteht
und dann sowjetische Panzerformationen im Teutoburger Wald oder in den
Straßen
Hamburgs
systematisch
ausschaltet?
Das letzte dieser neuen Konzepte
- die Entamerikanisierung der westlichen Sicherheit - basiert auf einem
grundlegenden Mißverständnis über die
Rolle der amerikanischen Streitkräfte
in Europa sowie über die Auswirkungen
des INF-Vertrages. Die amerikanische
Präsenz in Europa kann nicht lediglich als zahlenmäßige Größe bewertet
werden, als eine gewisse Anzahl von
Personalstellen, die genausogut von
Europäern
besetzt
werden
könnten.
Sie ist vielmehr elementarer Bestandteil einer Strategie, mit der die
Verteidigung Europas und der Vereinigten Staaten aneinander gekoppelt
sind. Es liegt auf der Hand, daß eu-

- 4 -

�ropäische Soldaten diese Rolle nicht
übernehmen können.
Die Befürworter
einer Entamerikanisierung des Bündnisses - auf beiden Seiten des Atlantiks - liegen außerdem schlicht
falsch mit ihrer Annahme, die Beseitigung amerikanischer Mittelstreckenraketen würde letzten Endes zu einem
vollständigen
Abzug
amerikanischer
Truppen aus Europa führen. Amerikanische Streitkräfte bleiben so lange in Europa, wie die Europäer dies
wünschen. Dies möchte ich hier unmißverständlich zum Ausdruck bringen.
Die
Entamerikanisierung
wirft
darüber hinaus eine Reihe weiterer
sehr heikler Fragen auf. Würden die
europäischen Nationen wirklich die
Reihen
der abziehenden Amerikaner
füllen, indem sie den Umfang ihrer
Armeen und ihrer Verteidigungshaushalte vergrößern?
Meiner Meinung
nach könnte ein Abzug amerikanischer
Truppen keinen stimulierenden, sondern eher einen demoralisierenden Effekt haben, der die Europäer dazu
veranlaßt, weniger anstatt mehr zu
tun. Wären Großbritannien und Frankreich darauf vorbereitet, ihren nuklearen Schutz auf die nicht atomar
bewaffneten Länder Westeuropas auszuweiten?
Das bezweifle ich.
Und
schließlich, wie würden letztere an
Entscheidungen zu nuklearen Fragen
teilhaben, wenn Großbritannien und
Frankreich tatsächlich die nuklearen
Garantiemächte für Westeuropa würden?
Unter solchen Umständen würde ich ein
fast unlösbares Problem der Handhabung nuklearer Fragen vorhersehen.
Abgesehen von diesen Argumenten
stellt sich uns die entscheidende
Frage, ob im Gegensatz zu den Erfahrungen zweier Weltkriege das europäische Gleichgewicht nun ohne einen
amerikanischen Beitrag aufrechterhalten werden kann. Wenn die Demokratien Westeuropas glauben, ohne amerikanische Unterstützung in Frieden und
Freiheit leben zu können, würden die
Amerikaner diese Last gerne ablegen.
Wir müssen uns jedoch davor hüten,
beim amerikanischen Kongreß den Eindruck zu erwecken, Europa halte unse-

ren Beitrag für überflüssig, wenn er
dies in Wirklichkeit nicht ist.
Meine Schlußfolgerung aus diesem
kurzen Überblick lautet, daß keines
dieser neu vorgeschlagenen Konzepte
für die Gestaltung der westlichen Sicherheit eine vernünftige Alternative
bietet.
Alle sind mit gravierenden
Mängeln behaftet. Außerdem sind sie
unnötig. Die bloße Tatsache, daß wir
in eine dynamische Phase der OstWest-Beziehungen
eingetreten
sind,
macht nicht zwangsläufig die Preisgabe oder Umstrukturierung des Atlantischen Bündnisses und einen Vorstoß
ins Ungewisse - mit all den damit
einhergehenden Risiken - erforderlich.
Struktur und Strategie des
Bündnisses, wie sie sich in den vergangenen 40 Jahren herausgebildet haben, behalten im Kern heute wie auch
in Zukunft ihre Gültigkeit. Dies war
die zentrale Aussage des NATO-Gipfels
im März. Mit anderen Worten, wie ich
zu sagen pflege: "Wenn etwas nicht
kaputt ist, soll man nicht daran
herumreparieren." Dies ist - meiner
Ansicht nach - der Ausgangspunkt des
von der Christlich Demokratischen
Union am 18. Februar vorgelegten Diskussionsentwurfs zur Außen-, Sicherheits-,
Europa- und
Deutschlandpolitik.
Wie gesagt - das Festhalten an
der Grundstruktur und -Strategie des
Bündnisses schließt andererseits evolutionäre
Anpassungen
nicht
aus.
Tatsache ist, daß die Geschichte der
NATO eine Geschichte stetiger Anpassung an neue technologische und politische Möglichkeiten ist. Zwei dieser gegenwärtig stattfindenden Anpassungsvorgänge sind im Hinblick auf
ihr Potential für eine Stärkung der
Fähigkeiten und des Zusammenhaltes
des Bündnisses besonders bedeutsam.
Erstens ist die weitere Europäisierung des Bündnisses - wiewohl wir
einer Entamerikanisierung entgegentreten sollten - strategisch und politisch sehr wohl sinnvoll. Die Vereinigten Staaten unterstützen die
Stärkung des europäischen Pfeilers

- 5 -

�voll und ganz. Wir begrüßen die Wiederbelebung der WEU, den Ausbau und
die Intensivierung der deutsch-französischen Sicherheitsbeziehungen sowie die Diskussionen über Sicherheitsfragen im Rahmen der europäischen
politischen
Zusammenarbeit.
Diese Bemühungen zur Konsolidierung
des europäischen Pfeilers zielen - so
wie es sein sollte - darauf ab, die
amerikanische Beteiligung am Bündnis
zu ergänzen anstatt sie zu ersetzen.
Neben
den potentiellen
praktischen
Vorteilen
im militärischen
Bereich
haben diese Bemühungen zwei bedeutende politische Vorzüge. Erstens wird
in dem Maße, in dem sich Europa mit
der eigenen Verteidigung identifizieren kann - so daß die NATO nicht lediglich als amerikanische Institution
betrachtet wird - die Unterstützung
für das Bündnis in der europäischen
Öffentlichkeit
wachsen.
Zweitens
wird die Stärkung des europäischen
Pfeilers dazu beitragen, die Amerikaner - und insbesondere skeptische
Kongreßabgeordnete - zu überzeugen,
daß die Europäer der Verteidigung Europas genauso verpflichtet sind wie
sie selbst.
Die zweite Anpassung ist die Neueinschätzung der nuklearen Notwendigkeiten und der Rüstungskontrollprioritäten des Bündnisses, wie sie - zumindest hier in der Bundeshauptstadt
- unter dem Begriff "Gesamtkonzept"
verstanden
wird.
Die
Vereinigten
Staaten unterstützen die Entwicklung
eines
solchen Gesamtkonzepts.
Der
NATO-Gipfel im März hat uns mit der
Verabschiedung
einer
ausführlichen
Erklärung zur konventionellen Stabilität auf diesem Weg einen bedeutenden Schritt vorangebracht.
Die Arbeit hat bereits begonnen: Die Hochrangige Beratergruppe und die Nukleare Planungsgruppe der NATO untersuchen die Anforderungen an die NATO
nach dem INF-Vertrag und die Ständigen Vertreter in Brüssel wurden beauftragt,
ein
weitreichendes
Rüstungskontrollkonzept
auszuarbeiten,
das auf dem Kommunique von Reykjavik
vom Juni 1987 fußt.

Bei der Formulierung eines Gesamtkonzepts wird das Bündnis die besonderen Interessen seiner Mitgliedstaaten
berücksichtigen
müssen.
Zweifellos nimmt die Bundesrepublik
Deutschland mit Blick auf ihre exponierte
geographische
Lage,
ihren
nichtnuklearen Status und als Teil
der gespaltenen deutschen Nation eine
besondere Stellung ein.
Die durch
diese besondere Stellung auferlegten
Lasten können jedoch nicht durch die
Beseitigung
der amerikanischen nuklearen Präsenz auf deutschem Boden
gemindert werden.
Eine Entnuklearisierung würde diese Lasten noch erhöhen.
Die Antwort auf die besondere
Stellung der Bundesrepublik Deutschland ist vielmehr, die Konzeption der
nuklearen Risikoteilung innerhalb des
Bündnisses zu bewahren. Für die Vereinigten Staaten bedeutet Risikoteilung die Absage an das Konzept der
Begrenzung eines Atomkrieges auf europäisches Gebiet; für die Bundesrepublik bedeutet es die Ablehnung der
Entnuklearisierung ihres Territoriums.
Natürlich wird nicht nur in Europa Druck zur Neueinschätzung und Revidierung
der
Grundstruktur
und
-Strategie der NATO ausgeübt.
Der
gleiche Druck besteht auch in den
Vereinigten Staaten in Form von vage
definierten Vorschlägen, denenzufolge
wir
uns
der
internationalen
Verpflichtungen entledigen und in eine
Art von Festung Amerika zurückziehen
sollten.
Manch einer in den Vereinigten Staaten möchte unseren nuklearen Schutzschild abbauen und unsere strategischen Streitkräfte nur
zu unserer eigenen Verteidigung reservieren.
Andere möchten die Zahl
der in Europa stationierten amerikanischen Truppen drastisch reduzieren
- bis hin zu einem vollständigen Abzug. Und wieder andere möchten denjenigen Verbündeten, die nicht "genug" für die Verteidigung ausgeben wie immer man dies definieren mag -,
hohe Strafzölle auferlegen.
Glücklicherweise
werden
diese
Gedanken
weiterhin vom amerikanischen Wähler
abgelehnt.
In den Vereinigten Staaten besteht immer noch ein breiter

- 6 -

�r

Konsens zugunsten der beständigen Unterstützung des Atlantischen Bündnisses und der amerikanischen Verpflichtung für die Verteidigung Europas.
Vor kurzem schlug Außenminister
Shultz als Parole des Bündnisses in
der gegenwärtigen Phase des Wandels
im Ost-West-Verhältnis "auf geradem
Kurs" vor. Dieser aus der Seefahrt
entlehnte Begriff trifft meiner Meinung nach insbesondere auf die Herausforderungen und Chancen zu, mit
denen wir uns heute konfrontiert sehen. Wir müssen einen aktiven Dialog
mit dem Osten führen, der auf die Beseitigung der Ursachen von Spannungen
und auf die Reduzierung der RUstungsniveaus - nuklear und konventionell abzielt. Gleichzeitig müssen wir jedoch Schritte zur Sicherung der weiteren Lebensfähigkeit, Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit unserer konventionellen und nuklearen Streitkräfte
in die Wege leiten. Nur ein Bündnis,
das dem heutigen in Beschaffenheit
und Struktur in etwa entspricht, kann
diese beiden unerläßlichen Aufgaben
erfüllen.

- 7 -

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