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                  <text>AMERIKA DIENST

2 . März 1988

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan:

USA und NATO Rente ins am in die Zukunft

- Worldnet-Ansprache von Präsident Reagan Carlueci:

INF bedeutet keine AbkoppelunR von Europa

- Worldnet-Interview mit dem amerikanischen Verteidigungsminister

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Remeinsame Sicherheit ist nicht teilbar - Die westliche Allianz
muß einig, und stark bleiben
- Von Rozanne Ridgeway, Abteilungsleiterin im amerikanischen Außenministerium für europäische und kanadische Angelegenheiten -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
RettunRsgerät für DISCOVERY-BesatzunR
Magnetisches Resonanzverfahren zum Aufspüren von GefäßverenRunR

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

9

2. März 1988
REAGAN:

USA UND NATO GEMEINSAM IN DIE ZUKUNFT

- Worldnet-Ansprache von Präsident Reagan WASHINGTON - (AD) - In seiner vom Fernsehsender Worldnet des US-Informationsamtes übertragenen Ansprache anläßlich des bevorstehenden NATO-Gipfels
erklärte Präsident Reagan am 23. Februar 1988, auch nach dem INF-Vertrag würden 4 000 amerikanische Nuklearwaffen und 300 000 Soldaten "als Garantie für
die enge Verflechtung unserer jeweiligen Zukunft" in Europa stationiert bleiben.
Präsident Reagan wird Anfang dieses Monats in Brüssel mit den Staats- und
Regierungschefs der NATO-Mitgliedsstaaten zusammentreffen und bekräftigte in
diesem Zusammenhang erneut, daß die NATO "das Kernstück der Außenpolitik und
eigenen Sicherheit der Vereinigten Staaten darstellt". Reagan betonte ferner,
"ein Angriff auf München kommt einem Angriff auf Chicago gleich".
Nachfolgend veröffentlichen wir die per Satellit übertragene Fernsehansprache Präsident Reagans im Wortlaut.

In wenigen Tagen werde ich mich
auf dem Weg nach Europa zum Treffen
der Staats- und Regierungschefs des
Nordatlantischen Bündnisses befinden.
Dies ist unsere erste Zusammenkunft
nach der Unterzeichnung des INF-Vertrages
durch
Generalsekretär
Gorbatschow und mich in Washington im
Dezember vergangenen Jahres. Dieses
Abkommen war ein Schritt in Richtung
auf Frieden und Freiheit in der Welt
und ein entscheidender Sieg für das
Atlantische Bündnis. Bei dem bevorstehenden Gipfel werden wir also den
Erfolg einer vor mehr als acht Jahren

United States Information Service
Embassy of the United States of Ar

von uns in die Wege geleiteten Politik feiern können, und wir werden uns
die Frage stellen müssen: Was ist
als nächstes zu tun? Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen einige Gedanken vortragen, die wir uns in den
Vereinigten Staaten über das Bündnis,
den INF-Vertrag und den vor uns liegenden Weg machen.
Die NATO bildet das Kernstück der
Außenpolitik und eigenen Sicherheit
der Vereinigten Staaten. Die Bewahrung Europas in Frieden, Freiheit und
Demokratie ist für die Bewahrung der

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Vereinigten Staaten in Frieden, Freiheit
und
Demokratie
unabdingbar.
Wenn die uns verbündeten Demokratien
nicht sicher sind, können wir nicht
sicher sein. Wenn Sie bedroht werden, sind wir bedroht. Wenn Sie sich
nicht im Frieden befinden, können wir
nicht in Frieden leben. Ein Angriff
auf Sie ist ein Angriff auf uns.
Dies ist nicht nur eine Sache vertraglicher Formulierungen, so wichtig
diese auch sein mögen.
Dies sind
Tatsachen - ebenso wie die Tatsache
bestehen bleibt, daß eine Bedrohung
der Sicherheit der Staaten Maine, New
York oder Kalifornien gleichzeitig
eine Bedrohung aller 50 amerikanischen Bundesstaaten ist. Kurz gesagt: Ein Angriff auf München kommt
einem Angriff auf Chicago gleich.
Wir Amerikaner haben uns mit der
Erkenntnis schwer getan, wie eng
Frieden und Freiheit der Vereinigten
Staaten mit dem Schicksal Europas
verflochten sind. Eine aus der Zeit
Präsident Washingtons stammende Tradition war es, "ständige Bündnisse"
zu vermeiden. Und dennoch befanden
wir uns bereits zweimal im Verlauf
dieses Jahrhunderts, als Frieden und
Freiheit in Europa auf dem Spiel
standen, inmitten eines Kampfes.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges hatten wir gehofft, Frieden,
Freiheit und Demokratie seien in Europa endlich für immer gewährleistet.
Obwohl die Vereinigten Staaten über
mehrere Jahre hinweg bei Nuklearwaffen eine Monopolstellung einnahmen,
lag es uns fern, von diesem Vorteil
zum territorialen oder irgendeinem
anderen Nutzen zu profitieren. Wir
kehrten nach Hause zurück, legten unsere Unifomen ab und die Zivilkleidung wieder an und nahmen das normale
Leben mit unseren Familien in unseren
Gemeinden wieder auf. Die Europäer
sagen häufig, wir Amerikaner seien

naiv. Nun, vor 40 Jahren traf dies
wahrscheinlich zu.
Wir mußten bald lernen, daß die
Welt nach dem Krieg nicht dem entsprach, worum wir während all dieser
jahrelangen Kämpfe gebetet hatten.
Mit zunehmender Besorgnis und Ohnmacht mußten wir beobachten, wie die
Sowjets der in Jalta eingegangenen
Verpflichtung zur Durchführung freier
Wahlen in Osteuropa den Rücken kehrten.
In ganz Osteuropa blieb die
Rote Armee weiterhin eine in vollem
Umfang mobilisierte Besatzungsarmee.
Es gab Versuche, die Demokratien in
Westeuropa zu unterwandern und es gab
das sowjetische Abenteuer in Griechenland, das dem heutigen Unterfangen der Sowjets in Mittelamerika
nicht unähnlich ist.
Als Westeuropa - mit Hilfe des
Marshall-Plans - den Wiederaufbau in
Angriff nahm, begannen alle unsere
Nationen, sich des Charakters der sowjetischen Bedrohung der Demokratien
bewußt zu werden. Und so kamen wir angefangen mit dem Brüsseler Vertrag
von 1948, der die Gründung der Westeuropäischen Union (WEU) zur Folge
hatte und dann, ein Jahr später, des
Nordatlantikvertrages, der sich auf
Kanada und die Vereinigten Staaten
sowie andere europäische Nationen erstreckte - für die Sache der gemeinsamen Sicherheit und des Friedens zusammen. Bei der Unterzeichnung des
Nordatlantikvertrages erklärte Präsident Harry Truman, durch diese Partnerschaft "versuchen wir, einen von
Aggression und Machteinsatz freien
Frieden in der nordatlantischen Gemeinschaft hervorzubringen". Und er
fügte hinzu, "Dieses Gebiet war der
Brennpunkt der letzten beiden Weltkonflikte. Dieses Gebiet vor Krieg
zu bewahren wird ein großer Schritt
in Richtung auf dauerhaften Frieden
in der ganzen Welt sein."

�Frieden war stets das Ziel des
Bündnisses
und
der Zweck seiner
Streitkräfte und Strategien. Und für
nahezu 40 Jahre ist Frieden seine Errungenschaft gewesen - ein Zeitraum
europäischen Friedens, der in der Geschichte seinesgleichen sucht, in dem
wir in den Demokratien in Freiheit
leben und Wohlstand vermehren konnten.
Die Friedensstrategie der NATO
ist stets einfach gewesen - Abwendung
der Aggression, noch vor ihrem Beginn. Genug Stärke und Entschlossenheit beweisen, so daß kein Gegner
auch nur einen Moment lang glauben
könnte, Krieg mache sich bezahlt.
Zunächst bedeutete das atomare
Monopol der NATO einen nuklearen
Schutzschild. Später wurde eine flexiblere Reaktion erforderlich - mit
der wir auf jegliche Art von Agriff
reagieren konnten. Ja, strategische
Nuklearwaffen waren und sind - ebenso
wie andere Nuklearwaffen - nach wie
vor notwendig. Dies kam auch in der
von Präsident Mitterrand im Dezember
vergangenen Jahres abgegebenen Erklärung zum Ausdruck: "zwischen Ost und
West ist der Weltfrieden gewährleistet worden...
durch das nukleare
Gleichgewicht". Aber Mitte der sechziger Jahre mußten wir feststellen,
daß das strategische nukleare Gleichgewicht allein nicht ausreicht, um
den Frieden zu bewahren. Die Gegner
des Bündnisses dürfen sich nicht dem
Glauben hingeben, unsere einzig mögliche Antwort auf einen begrenzten
Angriff sei das Auslösen eines interkontinentalen nuklearen Schlagabtauschs. Sollten sie sich jedoch diesem
Glauben hingeben,
könnten sie bezweifeln, daß wir eine solche Antwort
riskieren würden und versucht sein,
uns auf die Probe zu stellen.
Das
ist natürlich genau der
Grund, warum die in der zweiten Hälf-

te der siebziger Jahre begonnene Stationierung der SS-20 Mittelstreckenraketen mittlerer Reichweite durch
die Sowjets solch eine bedrohliche
Herausforderung
darstellte.
Die
SS-20 waren nicht nur eine neue Waffe, sondern eine völlig neue Dimension der Bedrohung, der die NATO
nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hatte.
Ohne Provokation oder
Vorwarnung erschütterte die Sowjetunion die Grundstruktur des europäischen Friedens.
Wie hat der Westen reagiert? Im
Jahr
1977
lenkte
Bundeskanzler
Schmidt unser Augenmerk auf die Bedrohung durch die sowjetischen SS-20.
Im Dezember 1979 verabschiedete die
NATO den Doppelbeschluß.
Die Vereinigten Staaten versuchten zunächst mit den Sowjets zu verhandeln, um sie zum Abzug der SS-20
oder der Zustimmung zum niedrigst
möglichen Gleichstand amerikanischer
und sowjetischer Systeme zu bewegen.
Solange die Sowjets von der Aufgabe
dieser Raketen nicht überzeugt werden
könnten, würde die NATO ebenfalls
eine begrenzte Anzahl ihrer eigenen
INF-Raketen stationieren - die amerikanischen Pershing II und landgestützten Marschflugkörper.
Diese Entscheidung zielte nicht
auf die Stationierung von mehr Raketen in Europa, sondern auf das genaue
Gegenteil ab.
Wie Valery Giscard
d'Estaing sagte, bestand das "bevorzugte Ziel darin, die Sowjetunion zum
Abbau der SS-20 zu zwingen".
Und dies ist uns jetzt gelungen.
Es war nicht leicht. Die Europäer
wissen das nur zu gut. Sie haben
viele Demonstrationen - viele gewalttätige Demonstrationen - gegen die
Stationierung beobachtet. Sie hörten
die zornigen Stimmen, mit denen die

- 3 -

�Vereinigten Staaten und die NATO vermeintlicher Kriegsabsichten beschuldigt wurden.
Sie haben Wahlkämpfe
miterlebt, bei denen die Stationierung zum Thema gemacht wurde. Sie
haben beobachtet, wie die Sowjets auf die pazifistische Gesinnung setzend - meinen Vorschlag zum vollständigen Abbau der INF-Raketen längerer
Reichweite von 1981 als unrealistisch
und nicht ernstgemeint ablehnten,
später den Verhandlungstisch verließen und sowohl vor als auch nach
ihrer Rückkehr ein Ultimatum nach dem
anderen stellten.
Sie konnten den
Mut Ihrer politischen Entscheidungsträger bezeugen, als sie zum Entschluß des Bündnisses standen - vor
allem die politisch Verantwortlichen
der fünf Stationierungsländer: Großbritannien, Belgien, Italien, die
Niederlande und die Bundesrepublik
Deutschland.
Viele derjenigen, die jeden einzelnen Schritt der NATO-Politik angefochten haben, nehmen jetzt deren Erfolg für sich in Anspruch. Diejenigen, die gegen eine Stationierung waren, haben gewonnen - sagen sie.
Premierministerin Thatcher hat den
Kern der Sache getroffen, als sie
kürzlich erklärte, und ich zitiere:
"Ohne die Entschlossenheit der NATO
zur Stationierung wäre das INF-Abkommen nie unterzeichnet worden". Und
sie stellte fest, "die SS-20 wären
immer noch aufgestellt, und wir hätten keinerlei Argument zur Verfügung
gehabt, die Sowjets von ihrem Abbau
zu überzeugen". Und es sind nicht
nur die SS-20, die demontiert werden,
sondern auch die SS-4 und die sowjetischen INF-Raketen kürzerer Reichweite, die SS-12 und SS-23, die an
sich schon eine wachsende Bedrohung
der Sicherheit des Bündnisses darstellten, da sie konventionelle oder
chemische - und auch nukleare - Gefechtsköpfe tragen können. Der INF-

Vertrag bedeutet tatsächlich einen
Sieg für die NATO. Und er sollte den
Kritikern der NATO eine Lektion erteilen.
Ich bin mir bewußt, daß manche
bei dem Abkommen immer noch ein ungutes Gefühl haben. Einige sind über
den konventionellen und chemischen
Vorteil der Sowjets besorgt und darüber,
daß
die
Beseitigung
der
Pershing
II
und
landgestützten
Marschflugkörper den Westen diesen
sowjetischen Streitkräften gegenüber
noch verwundbarer macht. Andere betrachten voll Sorge das Bindeglied
zwischen den amerikanischen und den
europäischen Stützpfeilern der NATO.
Ihre bange Frage lautet, ob der Frieden noch sicher ist, wenn diese Waffen verschrottet worden sind?
Ich bin froh, darauf mit einem
eindeutigen "Ja" antworten zu können.
Die ca. 4 000 in Europa verbleibenden
Nuklearwaffen bilden ein starkes Bindeglied zwischen den Stützpfeilern
der NATO - ebenso wie die mehr als
300 000 amerikanischen Soldaten und
ihre Familien, die in Europa leben
und arbeiten. Die verbleibenden Nuklearwaffen sind gleichmäßig auf das
Gebiet der NATO verteilt - und nicht
in einem Land konzentriert und setzen
somit auch kein Land einem besonderen
Risiko aus.
Um den Frieden gewährleisten zu
können, müssen diese Nuklearwaffen an
ihrem gegenwärtigen Standort verbleiben bis wir auf dem Kontinent mehr
Ausgewogenheit bei den konventionellen Streitkräften erzielen können.
Aufgrund ihrer Existenz und der sowjetischen Kenntnis darüber können
wir das Gleichgewicht beibehalten,
das den Frieden erhält.
Die Vereinigten Staaten bleiben
der NATO-Strategie der flexiblen Re-

- 4 -

�aktion unerschütterlich verpflichtet,
und wir in den Vereinigten Staaten
werden unseren Teil dazu beitragen,
um sicherzustellen, daß die NATO all
jene modernen - konventionellen und
nuklearen - Streitkräfte aufrechterhält, die für die Beibehaltung dieser
Strategie notwendig sind. Schließlich ist unser Ziel nicht ein von
Atomwaffen oder Panzern und Armeen
befreites Europa, sondern ein Europa,
in dem es keine Kriege gibt. Heute
haben wir ein solches Europa, ein Europa im Frieden, das wir erhalten
wollen.
Wenn wir uns die nächsten zehn
Jahre der NATO vor Augen führen, ist
es unsere Aufgabe, all unsere Streitkräfte für den Frieden - einschließlich der nuklearen Streitkräfte - modern und effektiv zu erhalten. Das
wird kontinuierliche Arbeit erfordern,
weil
Militärmaschinerien
schnell veralten. Ferner ist es notwendig, daß wir bei Entwicklung und
Erwerb von Waffen und Material intelligent vorgehen - damit wir für
unser Geld den besten Gegenwert erhalten. Ich selbst rechne mit dem
Pfennig und bin froh, daß die NATO
Wirtschaftlichkeit ernst nimmt.
Bessere Zusammenarbeit unter den
Ländern Westeuropas wird auch der
Verteidigungsplanung und anderen Bereichen förderlich sein, wie wir bereits im Persischen Golf gesehen haben. Und ich möchte hinzufügen, daß
wir Amerikaner eine Zusammenarbeit im
Verteidigungsbereich zwischen unseren
europäischen Partnern auf multilateraler wie auch auf bilateraler Ebene
befürworten, die ihrem Wesen nach der
Kooperation gleichen sollte, wie sie
die Westeuropäische Union und die
Deutschen, Franzosen und andere Regierungen im Rahmen des Bündnisses
demonstriert haben.

Diese Kooperation und Koordination ist für die Stärkung des europäischen Pfeilers im Bündnis - und
damit des gesamten Bündnisses - unabdingbar.
Wir Amerikaner werden unseren
Beitrag zum Erhalt eines starken
Bündnisses leisten.
Unsere Streitkräfte werden in Europa als Garantie
dafür bleiben, daß unsere und Ihre
Zukunft untrennbar verknüpft sind.
Wir werden weiterhin unsere Streitkräfte und den - starken und modernen
- nuklearen Schutzschild beibehalten.
Und wir werden unsere Strategische Verteidigungsinitiative nachdrücklich weiterverfolgen.
Ich muß
noch einmal darauf eingehen, daß zu
Beginn große Verwirrung über unser
SDI-Programm bestand. Es wurde vielfach als "Krieg der Sterne" bezeichnet. Es hieß, dadurch würden amerikanische Waffen gefährlich weit in
den Weltraum eindringen. Es wird jedoch zunehmend erkannt, daß durch
diese Technologie die Bedrohung durch
Waffen nicht erhöht, sondern begrenzt
wird. Sie wird Menschen schützen und
verteidigen. SDI birgt das Versprechen, die Last des nuklearen Terrors
von der Menschheit abzuwenden und
diese Welt sicherer zu machen.
Nicht nur die Vereinigten Staaten
besitzen ein Strategisches Verteidigungsprogramm.
In den letzten zehn
Jahren haben die Sowjets 200 Milliarden Dollar für ihre strategische Verteidigung ausgegeben.
Es wäre ein
schwerwiegender Fehler, dieses Programm nicht weiter zu verfolgen.
Noch bevor es endgültig Wirkung zeitigt, wird die Strategische Verteidigung Abschreckung stärken. Wer auch
immer den Westen mit einem Erstschlag
außer Gefecht zu setzen gedenkt, wird
seine Position überdenken müssen,
weil dadurch das sowjetische Vertrau-

�en auf den militärischen Erfolg eines
solchen Angriffs erschüttert wird.
Aber die Aufrechterhaltung der
Verteidigungsbereitschaft und -fähigkeit unserer Streitkräfte ist nicht
etwa der einzige Punkt auf der Tagesordnung des Bündnisses. Wir wollen
eine sicherere Welt, eine Welt mit
Streitkräften geringeren Umfangs und
weniger Waffen und gleichzeitig das
entscheidende Gleichgewicht beibehalten, das den Frieden gewährleistet.
Das ist das Ziel der gegenwärtig in
Genf geführten START-Verhandlungen ein 50prozentiger Abbau der strategischen
Arsenale
der
Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion.
Wir streben im Bündnis schon lange nach einer Behebung des Ungleichgewichts
bei
den
konventionellen
Streitkräften in Europa.
Wir wünschen ferner größere Offenheit, mehr
Vertrauen und verbesserte Sicherheit,
von denen alle Länder profitieren.
Die erste Priorität aller neuen Verhandlungen muß die Beseitigung der
konventionellen Fähigkeiten zu Überraschungsangriffen und Großoffensiven
sein.
Die Vereinigten Staaten hoffen,
daß die Warschauer Pakt-Staaten sich
gemeinsam mit den NATO-Verbündeten
auf eine Korrektur des vor allem bei
Panzern und Artillerie - den am meisten bedrohenden Landstreitkräften bestehenden Ungleichgewichts konzentrieren. Ein von mehr Sicherheit gekennzeichneter Frieden erfordert, daß
keine Seite ohne Vorwarnung mit ihren
konventionellen Streitkräften einen
massiven Schlag ausführen kann. Ein
besseres Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften von Ost
und West macht erhebliche Reduzierungen bei den Warschauer Pakt-Staaten
erforderlich - umfangreichere als die
von uns gegebenenfalls vorzunehmenden

- weil ihre Streitkräfte größer und
in stärkerem Maße bedrohend sind.
Wir müssen verifizieren können, daß
sich die Stärke ihrer Streitkräfte im
vereinbarten Rahmen befindet.
Das
mag ehrgeizig klingen, aber wir haben
aus dem Erfolg des Bündnisses mit dem
INF-Vertrag gelernt, daß hochfliegene
Träume durch Solidarität, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen Wirklichkit werden können.
Schließlich streben wir auch bei
den Genfer Rüstungskontrollverhandlungen ein wirksames, verifizierbares
und wirklich weltweites Verbot aller
chemischen Waffen an.
Strategische
Rüstungsreduzierungen, ein Gleichgewicht bei den konventionellen Waffen, ein wirksames
Verbot chemischer Waffen - dies sind
unsere Prioritäten für alle Verhandlungen nach dem INF-Vertrag.
Und dennoch vernehmen wir im Vorfeld dieser Verhandlungen Stimmen,
die uns zu einer Abkehr von unserer
Strategie der Kombination von Stärke
und Verhandlungen veranlassen wollen.
Sie sind der Ansicht, die Sowjetunion
habe sich unter ihrer neuen Führung
gewandelt, und
im Zeitalter von
Glasnost könnten wir den Sowjets eher
trauen.
Aber können wir es uns leisten,
zu vergessen, daß Glasnost noch weniger Jahre vom Zeitalter des Gulag
trennen als die NATO besteht? Tatsächlich kollidiert in der Sowjetunion heute eine Politik mit Namen
Glasnost mit der Realität politischer
Unterdrückung.
Wir können es uns
nicht leisten, zu vergessen, daß wir
es mit einem politischen System, einer politischen Kultur und einer politischen Geschichte zu tun haben,
die viele Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte zurückzuverfolgen sind. Das

- 6 -

�Pendeln zwischen Glasnost und Gulag
ist weder neu noch gilt es ausschließlich für die Sowjetunion. In
der Geschichte hat dies immer wieder
stattgefunden, wenn ein neuer Zar auf
den Thron kam oder auch während der
Regierungszeit eines einzelnen Zaren.
Wir können es uns nicht leisten, unsere Sicherheit gegen potentielle Motive Einzelner oder moderne Theorien
neuer Führungsspitzen zu verpfänden.
Wir müssen an der Strategie der Stärke und des Dialogs festhalten, die
den Frieden erhalten und für uns beim
INF-Vertrag bemerkenswerte Leistungen
hervorgebracht hat.
Wir müssen uns vergegenwärtigen,
daß für die NATO das Problem nicht im
Heute oder Morgen besteht. Es geht
darum, wie Europa in 15 Jahren aussehen wird. Die Sowjets sprechen über
Offenheit bei internationalen Angelegenheiten. Im vergangenen Jahr habe
ich an der Berliner Mauer erklärt,
daß es für die Sowjets ein einfaches
Mittel gibt, um zu beweisen, wie
ernst sie es mit der Offenheit meinen. Sie können an der Grenze von
Ost nach West beginnen. Sie können
eine Ausweitung des zivilen Luftverkehrs nach Berlin zulassen, so daß
die Stadt zum zentralen Luftkreuz in
Mitteleuropa werden kann. Sie können
zusammen mit Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten
mehr internationale Zusammenkünfte in
Berlin fördern. Sie können Jugendlichen in Ostberlin den Besuch des
Westsektors erlauben, um dort an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Sie könnten gemeinsam mit den
Westmächten internationale Sportveranstaltungen in der ganzen Stadt gestatten und ermutigen. Und sie können die Berliner Mauer niederreißen.
Ich kann den Sowjets heute nur
sagen, daß ich meine Vorschläge in
Berlin schon vor neun Monaten unter-

breitet habe. Die Menschen in Berlin
und ganz Europa verdienen eine Antwort. Machen Sie einen Anfang. Bestimmen Sie einen Termin - ein festes
Datum - an dem sie die Mauer niederreißen werden und tun Sie es dann
auch. Dies wäre die eindrucksvolle
Demonstration wahren Engagements für
Offenheit.
In ganz Osteuropa und auch innerhalb der Sowjetunion blicken wir auf
die sowjetische Führungsspitze, damit
sie ihre Ernsthaftigkeit der in Helsinki eingegangenen Verpflichtungen
für
Menschenrechte
unter
Beweis
stellt. Wir warten darauf, daß die
Sowjetunion nicht mehr länger in regionale Konflikte eingreift und in
stärkerem Maße den Reiseverkehr zwischen Ost und West fördert.
Dies
sind die Säulen, auf denen eine dauerhafte Verbesserung der Beziehungen
ruhen muß.
Die
grundlegenden
Meinungsverschiedenheiten zwischen Ost und West
haben nichts mit dem Waffenniveau zu
tun. Wir mißtrauen uns nicht, weil
wir bewaffnet sind. Wir sind vielmehr bewaffnet, weil wir einander
mißtrauen. Das ist eine Frage von
Werten, Überzeugungen und moralischen
Grundsätzen.
Das läßt sich an zahlreichen Beispielen belegen. Wie haben die Sowjets Deutschland und das deutsche
Volk nach dem Krieg behandelt? Was
haben die Demokratien getan? Wie behandeln die Sowjets Länder der Dritten Welt wie etwa Afghanistan oder
Äthiopien heute? Was tut dagegen der
Westen? Wie sieht es heute in Osteuropa aus? Und wie in Westeuropa?
Oder noch einfacher: Was verstehen die Sowjets unter Begriffen wie
Demokratie, Freiheit und Frieden?
Ich bedaure, sagen zu müssen, daß sie

- 7 -

�darunter nicht dasselbe verstehen wie
wir.
Verhandlungen zwischen Ost und
West bedeuten keinen Einklang moralischer Grundsätze oder Lebensstile.
Wir müssen dies öffentlich und wiederholt sagen. So lange wie der Unterschied zwischen Ost und West der
Unterschied
zwischen
Unterdrückung
und Freiheit ist, so lange wie Europäer im Osten nicht frei sprechen und
beten können, so lange wie riesige
Armeen in Osteuropa gegen den Westen
in Stellung gebracht und in gleicher
Weise zum Erstschlag wie die Truppen
der NATO nur zur Verteidigung gegen
einen Angriff ausgebildet werden - so
lange diese Situation in der Welt
vorherrscht, muß die Strategie und
Daseinsberechtigung der NATO darin
bestehen, die Aggrssion zu stoppen,
noch bevor sie ausgeführt wird.

Würde des Menschen, oder, wie Abraham
Lincoln gesagt hat, den Glauben daran, daß "kein Mensch das Recht hat,
einen anderen ohne dessen Zustimmung
zu beherrschen".
Wir alle halten
dieses Motto in Ehren. Wir verteidigen es gemeinsam. Wir haben das Dach
dieser großartigen Struktur eines
Bündnisses fest gefügt, um dieses
Motto gegen alle Stürme und Angriffe
abzustützen.
Die Atlantische Gemeinschaft ist
das Haus der Demokratie. Das Atlantische Bündnis ist der Bewahrer des
größten Vermächtnisses Europas an die
Zukunft - der Freiheit des Menschen
und der Herrschaft der Demokratie.
Das ist die Herausforderung, die sich
dem Bündnis jetzt stellt - stark zu
bleiben, so daß künftige Generationen
Frieden und Freiheit erleben werden
wie wir.

Ich habe bereits auf Äußerungen
Präsident Trumans anläßlich der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrages hingewiesen. Bei dieser Gelegenheit hatte er ebenfalls im Zusammenhang mit dem Bündnis bemerkt, wir
seien "wie eine Gruppe von Hausbewohnern, die am selben Ort leben, und
die Entscheidung treffen, ihren gemeinsamen Interessen dadurch Ausdruck
zu verleihen, daß sich sich zu ihrem
gegenseitigen Schutz formell in einem
Verbund zusammenschließen".
In den vergangenen 40 Jahrn sind
wir im Bündnis noch enger zusammengewachsen. Heute leben wir zwar nicht
mehr nur am selben Ort, sondern in
einem einzigen Haus, einem Haus, das
eines Tages die gesamte Menschheit zu
seinen Bewohnern zählen kann - dem
Haus der Demokratie. "Im Haus meines
Vaters gibt es viele Wohnungen". Im
Haus der Demokratie gibt es viele
Sprachen und vielfältige nationale
Traditionen, aber nur ein Ideal - die

- 8-

Vielen Dank und Gott segne Sie.

* * * * * *

�v\N

,-ör,

'VON

AMERIKA DIENST

^ X

Dokumentation

^

2. März 1988

CARLUCCI:

INF BEDEUTET KEINE ABKOPPELUNG VON EUROPA

- Worldnet-Interview mit dem amerikanischen Verteidigungsminister WASHINGTON - (AD) - Im Vorfeld des am 2. und 3. März in Brüssel stattfindenden Gipfeltreffens der NATO-Partner stellte sich Verteidigungsminister
Carlucci am 26. Februar über Worldnet - dem Fernsehsender des US-Informationsamtes - den Fragen ausländischer Journalisten. Carlucci zufolge ist das Gipfeltreffen "lohnenswert", weil es "wichtig ist, daß Staats- und Regierungschefs einander über Rüstungskontrolle, Lastenteilung und andere Bereiche konsultieren. Der Verteidigungsminister betonte ferner, der INF-Vertrag würde
"keineswegs" zur Abkoppelung Westeuropas von den Vereinigten Staaten führen,
und er ging auch auf das noch auszuhandelde START-Abkommen ein, daß er als
"militärisch in unserem Interesse" bezeichnete.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut des Fernsehinterviews in Auszügen:
Moderator:
Herr Verteidigungsminister, wird der INF-Vertrag Ihrer
Ansicht nach eine Abkoppelung der
Vereinigten Staaten von der NATO mit
sich bringen?
Carlucci:
Keineswegs.
Die
Vereinigten Staaten engagieren sich
auch weiterhin in der NATO für eine
Strategie der flexiblen Reaktion.
Wir hegen nicht die Absicht, die Zahl
unserer in NATO-Ländern stationierten
300 000 Soldaten zu verringern.
Wir

unterhalten

in

Europa

etwa

United States Information Service
Embassy of the United States of America

4 000 Nuklearwaffen.
Wir sind der
NATO voll und ganz verpflichtet. Der
INF-Vertrag deutet nicht im entferntesten darauf hin, daß es möglichweise in unserem Verhältnis mit Europa
zu einer Abkoppelung kommen könnte.
Frage:
Herr
Verteidigungsminister, Sie haben vor einigen Wochen
in München die Modernisierung der
noch in der Bundesrepublik stationierten Nuklearwaffen gefordert. Sie
haben über Kurzstreckenraketen gesprochen, die das Modell "Lance" ersetzen sollen.
Ein weiteres Ge-

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Telex: 8-85432

�sprächsthema waren die taktischen Boden-Luft-Raketen, nukleare Artillerie
und Flugzeuge mit nuklearen Fähigkeiten.
Halten Sie diese Forderung immer
noch
aufrecht,
nachdem
Präsident
Reagan und Bundeskanzler Kohl übereingekommen sind, daß im Augenblick
in dieser Angelegenheit kein Entscheidungsbedarf besteht?
Carlucci:
Es geht hier nicht
um unsere Forderung.
Im Jahr 1983
sind
die
führenden
Politiker in
Montebello
zusammengekommen.
Die
Premierminister,
Präsidenten
und
Kanzler haben gemeinsam die Entscheidung zur Modernisierung der Nuklearwaffen getroffen.
Die Entscheidung
wurde vom Obersten Allierten Befehlshaber Europa (SACEUR) angenommen und
gilt immer noch.
Die Mehrzweckkampfflugzeuge werden modernisiert.
Unsere nukleare
Artillerie wird modernisiert. Natürlich müssen alle Streitkräfte auf dem
Kriegsschauplatz mit modernstem Gerät
ausgerüstet sein. Es ist im Hinblick
auf ein Nachfolgemodell der Lance-Raketen noch keine spezielle Entscheidung gefallen, aber auch das war Bestandteil des Montebello-Beschlusses.
Das ist ein kontinuierlicher Prozeß. Es ist keine Frage meiner Forderungen, sondern
die Frage der
Durchführung einer von den Staatsund Regierungschefs des NATO-Bündnisses getroffenen Entscheidung.
Frage:
(Tonstörungen)
...
diese von ihnen genannten Waffen...
würden höchstwahrscheinlich deutsches
Territorium treffen.
Verstehen Sie
die Besorgnis über das besondere Risiko, das unser Land zu tragen gezwungen sein könnte?

Carlucci:
Wir
stimmen
nicht
zu, daß die Bundesrepublik Deutschland im Falle eines Nuklearkrieges
das einzige Ziel wäre. Meiner Ansicht nach würde es schwierig für Sie
werden, die anderen NATO-Verbündeten
davon zu überzeugen.
Einige
unserer
Mehrzweckkampfflugzeuge - die F-lll zum Beispiel sind in Großbritannien stationiert.
Darüber hinaus befinden sich noch
weitere
Mehrzweckkampfflugzeuge
in
den Benelux-Ländern. Sie alle wären
Ziele, so daß kein Grund zu der Annahme besteht, die Bundesrepublik sei
das einzige Ziel, wenn die Abschrekkung versagt. Natürlich hoffen wir,
daß die Abschreckung nicht versagt.
Frage: Falls es zu einem konventionellen Krieg kommen sollte,
würde der erste Schritt dazu in der
Bundesrepublik vorgenommen - könnte
es sein, daß die Kurzstreckenraketen
zur Explosion gebracht werden?
Carlucci:
Ich stimme dem wiederum nicht zu. Wenn es zu einem
konventionellen Krieg kommt, wird natürlich die andere Seite versuchen,
die Angriffsfähigkeiten aus der Luft
zu neutralisieren. Einige der Luftstreitkräfte sind nicht in der Bundesrepublik, sondern in anderen Ländern stationiert.
Tatsache ist, daß ein Angriff gegen einen Verbündeten einen Angriff
gegen alle Verbündeten bedeutet. Wir
sitzen hier alle in einem Boot. Es
gibt keine "Singularität".
Frage:
Besteht
seitens Ihrer
Regierung die Absicht - ich denke
hierbei an unsere Engpässe bei der
Besoldung der von uns in der Bundesrepublik benötigten Soldaten - die
Zahl Ihrer Soldaten in unserem Land
zu reduzieren?

- 2 -

�Carlucci:
Nein,
wir
hegen
nicht die Absicht, unsere Soldaten in
der Bundesrepublik zahlenmäßig zu reduzieren.
Wir haben noch ernstere
Haushaltsprobleme als die Bundesrepublik Deutschland.
Unserer Ansicht
nach sollten unsere Verbündeten einen
größeren Beitrag leisten.
Wenn Sie unsere Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt betrachten, so sind diese
entschieden höher als die Verteidigungsausgaben der anderen Verbündeten. Es muß also von seiten unserer
europäischen
Verbündeten
vermehrte
Anstrengungen geben, einen Teil dieser Last zu übernehmen.
Frage:
Wie ist Ihre Reaktion
auf das, was Sie selbst in ihrem Bericht an den Kongreß moderne sowjetische Friedensoffensive genannt haben, mit der meiner Ansicht nach ein
Keil in die NATO getrieben werden
soll? Wie reagieren Sie auf (Tonstörungen) ... nur zu sehr auf historische Rüstungskontrollabkommen drängen und Europa auf eine noch gefährlichere Weise der sowjetischen Überlegenheit
ihrer
konventionellen
Streitkräfte aussetzen?
Sollte nicht gemäß den Vorschlägen von Frau Thatcher der Reduzierung
konventioneller
Streitkräfte
erste
Priorität eingeräumt werden, nachdem
bei MBFR so geringe Fortschritte erzielt worden sind oder auch angesichts der Übereinkunft, daß es ein
breiteres Forum und einen weitergefaßten Verhandlungsgegenstand - vom
Atlantik zum Ural - geben sollte?
Carlucci:
Wir müssen der sowjetischen
Rüstungskontrolloffensive
entgegentreten.
Ich weiß nicht, ob
das der richtige Begriff ist. Es
handelt sich hierbei sicherlich um
eine Propaganda-Offensive im Bereich

der Rüstungskontrolle, weil das INFAbkommen primär auf die Initiative
der NATO und nicht auf den Anstoß der
Sowjets zurückgeht.
Dort wird viel über Rüstungskontrolle gesprochen.
Wir dürfen Rüstungskontrolle nicht als Selbstzweck
betrachten, sondern als Mittel zur
Stärkung der Sicherheit der NATO.
Wenn das Abkommen diese Probe besteht, sollten wir es ausführen. Unserer Einschätzung nach besteht der
INF-Vertrag diese Probe. In diesem
Sinne haben wir auch im Senat argumentiert.
Im Hinblick auf die bei START
vorgesehenen 50prozentigen Reduzierungen sind wir der Ansicht, daß dies
auch militärisch in unserem Interesse
liegt.
Ich denke, es hat sich an
vielen Beispielen gezeigt, daß die
Sowjetunion in der Lage ist, ballistische Offensivraketen in einem Ausmaß
zu bauen, das - offen gesagt - weit
über das des Westens hinausgeht.
Es ist wichtig, daß wir Obergrenzen für diese Waffensysteme festsetzen können.
Gleichzeitig sind wir
auch der Ansicht, daß es wichtig ist,
die sogenannten Gespräche über Stabilisierung fortzuführen - über Reduzierungen im konventionellen Bereich.
Beim im vergangenen Herbst in Reykjavik abgehaltenen Außenministertreffen fiel die Entscheidung zugunsten
eines umfassenden Rahmenwerks für die
Rüstungskontrolle aus, mit dessen
Hilfe wir vom INF-Vertrag über das
START-Abkommen bis hin zu Reduzierungen bei den chemischen Waffen und im
konventionellen Bereich gelangen würden.
Wir müssen an all diesen Dingen
arbeiten.

- 3 -

Frage:

Ich

möchte

eine

Frage

�ohne unmittelbaren Bezug zur NATO
stellen. Herr Verteidigungsminister,
liegen Ihnen Informationen über die
mögliche Stationierung sowjetischer
Truppen und Panzer in Armenien zur
Kontrolle von Aufständen vor?
Carlucci:
Nein, darüber habe
ich keine Informationen. Es hat wohl
einige Presseberichte über sowjetische Truppen in diesem Gebiet gegeben. Ich kann das zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigen.
Frage:
Herr Carlucci, hat die
italienische Regierung bereits ein
Abkommen mit den Vereinigten Staaten
über den Transfer von 72 amerikanischen F-16 von Spanien zu einem militärischen Stützpunkt in Italien unterzeichnet?
Wenn dem so ist, zu
welchen Bedingungen?
Carlucci:
Die italienische Regierung hat kein solches Abkommen unterzeichent.
Wir betrachten dies
nicht als bilaterale Angelegenheit.
Weder die italienische Regierung noch
die Vereinigten Staaten sehen dies
als bilaterale Angelegenheit.
Sie
ist Sache der NATO und darüber wird
in Brüssel diskutiert werden.
Die italienische Regierung hat
eindeutig erklärt, sie betrachte die
Fähigkeit des 401. Taktischen Geschwaders als sehr wichtig für die
Südflanke der NATO und sei bereit, zu
überprüfen, was zur Erhaltung dieser
Fähigkeit getan werden kann.
Gleichzeitig muß die NATO selbst
herausfinden, welche Ressourcen für
die Infrastruktur des Geschwaders benötgit werden, aber dazu hat die italienische Regierung noch keine Entscheidung getroffen.
Frage:
Herr
Verteidigungsminister, um der Klarheit willen möchte

ich nochmals auf ihren jüngsten Besuch in Lissabon zurückkommen - vor
dem Besuch unseres Premierministers
in den Vereinigten Staaten.
Nach ihren Gesprächen mit Kollegen in Lissabon gab es Presseberichte, denen zufolge unser Verteidigungsminister mit Ihnen ein Abkommen
über die Bedingungen zur Nutzung der
Azoren geschlossen hat...
Als der
Premierminister sich in Washington
aufhielt, gab es wiederum Berichte
der amerikanischen und der hiesigen
Presse, daß kein Abkommen unterzeichnet wurde.
Tatsächlich bestanden
zahlreiche Meinungsverschiedenheiten.
Könnten Sie zunächst die Gespräche erläutern und auch über das sprechen, was in Lissabon mit dem Verteidigungsminister unterzeichent wurde
und was man hier dazu sagte. Und
könnten Sie zweitens etwas über Ihre
gestrigen Diskussionen mit unserem
Premierminister in Washington sagen?
Carlucci:
Es wurde kein Abkommen zwischen mir und dem Verteidigungsminister
unterzeichnet.
Wir
sind übereingekommen, daß ich eine
hochrangige Delegation militärischer
Vertreter nach Lissabon entsenden
würde, damit sie gemeinsam mit dem
portugiesischen Militär ihren Bedarf
an Ausrüstung bestimmen und dann
festlegen, wie wir bei der Deckung
dieses Bedarfs behilflich sein können.
Das Abkommen über die Azoren ist
eine vollendete Tatsache. Das Abkommen ist existent. Er steht nicht zur
Wiederverhandlung an.
Im Zusammenhang mit diesem Abkommen hat der Premierminister
vorgestern
hier
in
Washington um Konsultationen nachgesucht. Wir werden diese Konsultationen abhalten, zu denen meiner Ansicht
nach auch solche Dinge wie Wirtschafts- und Militärhilfe zählen

- 4 -

�welche Probleme es auch sonst geben
mag.
Gleichzeitig hat der Premierminister angedeutet, es sei keine Frage, daß die amerikanische Präsenz auf
den Azoren verringert werden sollte.
Deshalb haben wir diesen Konsultationen gerne entgegengesehen. Wir werden mit der portugiesischen Regierung
zusammenarbeiten, um ihr auf jede erdenkliche Weise zu helfen, ihre sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse zu decken.
Frage:
Herr
Verteidigungsminister, die Verteidigung Dänemarks
ist in starkem Maße von der Unterstützung durch die NATO und die Vereinigten Staaten abhängig. Inwieweit
sind Sie und die Vereinigten Staaten
bereit, Kürzungen des dänischen Verteidigungshaushalts
zu
akzeptieren
und uns dennoch Hilfe zu leisten?
Eine Reihe dänischer Politikern
glauben augenscheinlich, sie könnten
die Verteidigungsausgaben weiterhin
beschneiden, weil ihren Aussagen zufolge die Verteidigung Dänemarks im
Interesse der NATO liegt, so daß sie
uns ungeachtet unseres eigenen Tuns
helfen werden.
Wie lauten die Vorschläge der
NATO und der Vereinigten Staaten dazu?
Carlucci:
Wir
sind natürlich
enttäuscht, daß Dänemark einen derart
geringen Beitrag zu der gemeinsamen
Verteidigung leistet, indem es seine
eigenen Streitkräfte beibehält.
Wir haben mit der dänischen Regierung Konsultationen darüber abgehalten. Wir haben die dänische Regierung gedrängt, mehr zu tun. Ich
bin sehr wohl bereit, zuzugeben, daß
das NATO-BUndnis im Interesse der
Vereinigten Staaten liegt - darauf

haben wir immer hingewiesen.
Es
liegt jedoch auch im Interesse unserer Verbündeten.
Wir sitzen hier alle in einem
Boot. Es geht nicht um die Frage,
daß einer weniger tut und die anderen
zwingt, mehr zu tun. Es geht um die
Notwendigkeit für uns alle, mehr zu
tun. Wir hoffen also, daß Dänemark
in Zukunft bereit sein wird, seine
Anstrengungen im Bereich der Verteidigung zu verstärken. Das ist für
uns alle von Bedeutung.
Frage:
Herr
Verteidigungsminister, kann ich Ihnen bei dieser Gelegenheit eine Frage zur derzeitigen
Lage in Panama stellen? Die Möglichkeit einer militärischen Intervention
der Vereinigten Staaten in Panama
kann im Augenblick nicht ausgeschlossen werden - wie schätzen Sie die Situation in Panama angesichts der
scheinbar
neugewonnenen
Stärke
Noriegas ein?
Senator D'Amato hat
vor zwei Stunden amerikanische Militärintervention gefordert. Wird dies
im Augenblick ernsthaft erwogen oder
vollständig ausgeschlossen?
Carlucci:
Natürlich kann angesichts einer solchen Situation nichts
vollständig
ausgeschlossen
werden.
Ebensowenig werden ernsthafte Erwägungen angestellt.
Wir sind über
diese Wende der Ereignisse natürlich
nicht erfreut, es wäre jedoch verfrüht, zu diesem Zeitpunkt Maßnahmen
zu ergreifen.
Frage:
Sie sagten, als Ergebnis des INF-Vertrages werde es keine
Abkoppelung
amerikanischer
Truppen
von der Verteidigung Europas geben.
Hier stimme ich mit Ihnen überein.
Aber besteht nicht eine Abkoppelung
im Hinblick auf die Verwundbarkeit
der Sowjetunion, wenn die amerikanischen Raketen, die sowjetisches

- 5 -

�Territorium treffen können, abgezogen
werden?
Der Abbau auf sowjetisches Territorium
gerichteter
amerikanischer
Waffen war seit den siebziger Jahren
stets
Ziel
sowjetischer
Politik.
Bisher war sie zum Scheitern verurteilt, scheint jetzt jedoch Erfolg zu
haben. Meiner Ansicht nach besteht
tatsächlich eine Abkoppelung bei der
Verwundbarkeit der Sowjetunion und
der von Europa insgesamt.
Zweitens wird Ihren Ausführungen
nach die flexible Reaktion durch den
INF-Vertrag
nicht
beeinträchtigt.
Ist es nicht so, daß die flexible Reaktion sich auf die Qualität der Abschreckung gründet - auf die Gefahr
einer Eskalation - und trifft es
nicht ebenfalls zu, daß der INF-Vertrag einige Ungleichgewichte bei einer späteren Eskalation behebt?
Nachdem ich dies alles gesagt habe, möchte ich wie bereits zu Beginn
dieses Worldnets nochmals betonen,
daß ich dennoch eine Ratifizierung
des Vertrages befürworte.
Carlucci: Wir müssen zum Zweck
der Stationierung von Pershing-Raketen zurückkommen. Als Teil des Doppelbeschlusses bestand der Zweck darin, die Sowjets zu Verhandlungen
über den Abbau der SS-20, SS-4 und
SS-5 zu bewegen.
Dieses Ziel haben wir erreicht.
Es gibt andere Waffensysteme, die zu
einem Schlag gegen die Sowjetunion
fähig sind; zum Beispiel können die
in Ihrem Land stationierten F-lllBomber die Sowjetunion treffen. Und
die Unterseeboote der Poseidon-Klasse
der NATO können die Sowjetunion treffen.
Das

sowjetische

Territorium

ist

also nicht unverwundbar. Das Kernstück der flexiblen Reaktion besteht
in unserer Fähigkeit - wie von Ihnen
ausgeführt
- durch konventionelle
Streitkräfte und kriegsschauplatzgebundene Nuklearstreitkräfte zu strategischen Streitkräften hin zu eskalieren.
Strategische Streitkräfte können
die Sowjetunion zweifelsohne treffen.
Darin besteht die Verbindung zwischen
den Vereinigten Staaten und der NATO.
Meiner Ansicht
nach sollten die
Pershings und landgestützten Marschflugkörper nicht unter dem Aspekt eines Ungleichgewichtes bei den letzteren gesehen werden.
Betrachtet man diese Ungleichgewichte, warum sollte man dann nicht
auch die 300 000 amerikanischen und
60 000 britischen in der Bundesrepublik stationierten Soldaten berücksichtigen. Auch beim Mehrzweckkampfflugzeug bis hin zur nuklearen Artillerie und den Lance-Raketensystemen
bestehen noch alle möglichen Ungleichgewichte.
Das Kernstück unserer Abschrekkung, die Strategie der flexiblen Reaktion, bleibt intakt. In diesem Zusammenhang muß festgestellt werden,
daß unsere Vereinigten Stabschefs den
INF-Vertrag militärisch als Vorteil
für die NATO eingeschätzt haben, da
die SS-20, SS-4, SS-5 und insbesondere die SS-23 die Sowjets in die Lage
versetzten, entweder mit Nuklearwaffen oder in einigen Fällen sogar mit
chemischen Waffen einen Schlag gegen
Häfen und das Schienennetz der NATO
auszuführen.
Das Kernstück der Bündnisstrategie liegt in unserer Fähigkeit zur
Stärkung Europas.
Die Beseitigung
dieser Fähigkeit
auf sowjetischer
Seite hat unsere Fähigkeit zur Stär-

- 6 -

�kung Europas verbessert.
Dies ist unserer Ansicht nach ein
gutes Ergebnis und zahlenmäßig gesehen ein asymmetrischer Abbau. Zweifelsohne können die Sowjets einen
Ausgleich mit strategischen Systemen
schaffen, jedoch nicht ohne gewisse
Schwierigkeiten. Die NATO kann natürlich im Großen und Ganzen dasselbe
tun.
Frage:
Herr Minister, in zwei
Wochen werden Sie mit Ihrem sowjetischen Kollegen Jasow zusammenkommen. Ich würde gerne wissen, was Sie
von diesem Treffen erwarten.
Betrachten Sie es vorwiegend als einen
symbolischen Akt oder denken Sie, daß
(unverständlich)
ein
militärisches
Glasnost auf beiden Seiten kurzfristig fertige Ergebnisse hervorbringen
kann und welche Art von Ergebnissen?
Carlucci:
Diese
Frage
kann
wohl am besten mit einem Blick auf
die Tagesordnung beantwortet werden.
Wir haben vor, unsere jeweilige Militärdoktrin zu erörtern.
Dieser Vorschlag wurde von Generalsekretär Gorbatschow unterbreitet,
als er hier in Washinton zu Besuch
war und die Sowjets sprechen, wie Sie
wissen, von einer neuen Strategie des
vernünftigen Mindestmaßes an Verteidigungsfähigkeit. Wir sind uns nicht
ganz sicher, was darunter zu verstehen ist und möchten gerne mehr darüber hören.
Unsere Doktrin ist relativ bekannt, aber wir erläutern sie gerne
im einzelnen und insbesondere im Hinblick auf unsere Strategische Verteidigungsinitiative, die für niemanden
eine Bedrohung darstellt.
Zweitens beabsichtigen wir, die
RUstungskontrollangelegenheiten
von

den konventionellen über START bis
hin zu den Verhandlungen über chemische Waffen zu überarbeiten, nicht
als getrennten Verhandlungsgegenstand
- das ist Sache der Außenminister -,
sondern generell unter dem Aspekt von
Verteidigung und Sicherheit.
Drittens haben wir gebeten, daß
gefährliche Vorkommnisse auf die Tagesordnung gesetzt werden.
Wie Ihnen allen sicherlich bekannt sein dürfte, wurde auf einige
unserer militärischen Verbindungsleute, die von der Bundesrepublik aus
für die DDR zuständig sind, geschossen.
Ein Beauftragter wurde brutal
ermordet. Bei dem Vorfall im Schwarzen Meer wurden unsere Schiffe beschädigt.
Unsere Piloten wurden von Laserstrahlen getroffen. Solchen Vorkommnissen muß Einhalt gebeten werden und
wir müssen sie mit unseren sowjetischen Kollegen besprechen.
Schließlich möchten wir dort, wo
es im Interesse des gegenseitigen
Verständnisses liegen könnte, eine
Reihe von Kontakten zwischen unseren
Militärs in die Wege leiten. Auch
dies möchten wir erörtern.
Frage:
Beabsichtigen die
einigten Staaten, ein Junktim
schen dem Abbau konventioneller
steme und der Unterzeichnung
START-Vertrages herzustellen?

VerzwiSydes

Carlucci:
Nein, diese beiden
Verhandlungen sollten im Wesentlichen
für sich alleine betrachtet werden.
Ein START-Abkommen ist noch in ziemlich welter Ferne. Die neuen Verhandlungen über konventionelle Systeme - die sogenannten "Gespräche über
Stabilisierung" - sind noch nicht
aufgenommen worden, und es handelt

- 7 -

�sich hierbei um Verhandlungen
Bündnis zu Bündnis.

von

Im Rahmen der KSZE nehmen auf unserer Seite ungefähr 26 Nationen an
den unterschiedlichsten Verhandlungen
teil, die eigentlich nicht miteinander verbunden werden können. Gleichzeitig ist es jedoch wünschenswert,
daß beide Verhandlungen aufgrund der
großen Asymmetrien im konventionellen
Bereich so schnell wie möglich vorankommen.
Frage:
Trotz
Ihrer
früheren
Ausführungen scheint in der Bundesrepublik ein echtes Problem bei der
weiteren Modernisierung der nuklearen
Arsenale kürzerer Reichweite zu bestehen.
Werden Sie beim NATO-Gipfel und
bei dem Nachfolgetreffen in Dänemark
im April
auf
den Beschluß von
Montebello drängen, oder werden Sie
das Gewicht auf Reduzierungen im konventionellen Gleichgewicht verlagern,
was anscheinend dem Wunsch der Deutschen, Briten und anderen entspricht?
Carlucci:
Ihre Frage zielt am
Wesentlichen vorbei.
Der Beschluß
von Montebello ist bereits durchgeführt.
Mehrzweckkampfflugzeuge werden modernisiert. Wir befassen uns
jetzt mit anderen Waffensystemen, die
für die taktische Luft-Boden-Rakete
geeignet sein könnten, die Teil des
Montebello-Beschlusses ist.
Die nukleare Artillerie ist in
beträchtlichem Umfang erneuert worden. Wir erörtern jetzt Systeme, die
als Nachfolger der Lance-Raketen in
Frage kommen könnten, aber wir sprechen hier von einem System, das im
Jahr 1995 stationiert werden soll,
und bis dahin ist ja noch etwas Zeit.
Der

Modernisierungsprozeß

macht

Fortschritte. Ich weiß nicht, welche
Entscheidungen getroffen werden müssen. Im Augenblick wird alles getan.
Frage: Herr Carlucci, wäre die
amerikanische Regierung bereit, diesem Montebelloprozeß der Modernisierung taktischer Nuklearwaffen Einhalt
zu gebieten, falls Herr Gorbatschow
einen Vorschlag zum Abbau aller nuklearen Gefechtsfeldwaffen kürzerer
Reichweite (SNF) im Rahmen einer
dreifachen Null-Lösung unterbreiten
würde, der mit einem Angebot zur Aufnahme von Verhandlungen über den Abbau konventioneller Streitkräfte gekoppelt wäre?
Carlucci:
Das
ist
natürlich
eine hypothetische Frage, die nicht
unbedingt beantwortet werden sollte,
da sie der anderen Seite Anhaltspunkte über unsere Verhandlungsposition
geben könnte. Ich möchte aber dennoch sagen, daß ich den Zusammenhang
zwischen diesen beiden Punkten nicht
ganz sehe. Der Modernisierungsprozeß
findet statt, und niemand hat seine
Aufgabe gefordert.
Ich weiß also nicht, warum wir
nicht einfach so weitermachen sollten
wie bisher. Wenn ein Vorschlag über
SNF unterbreitet wird, muß er im Zusammenhang mit dem Außenministertreffen von Reykjavik gesehen werden, bei
dem das schrittweise Vorgehen für die
RüstungskontrollVerhandlungen festgelegt wurde. Diesen Rahmen habe ich
bereits beschrieben, und wir werden
im Einklang damit verfahren müssen.
Frage:
Jeder scheint für den
NATO-Gipfel die Vorhersage anzustellen, daß er praktisch nicht mehr als
eine schlichte Wiederholung der NATOPläne sein wird.
Sehen Sie einen
Gipfel zu diesem Zeitpunkt als wirklich gerechtfertigt an?

.

%

�Carlucci:
Meiner Ansicht nach
ist ein Gipfel sehr nützlich.
Zu
diesem Zeitpunkt befinden wir uns
zweifelsohne an einem Wendepunkt unserer Beziehungen mit der Sowjetunion, die Ereignisse überstürzen
sich auch innerhalb des Bündnisses,
und es ist unerläßlich, daß die politischen Entscheidungsträger einander
zu Themenkomplexen wie Rüstungskontrolle, Lastenteilung, den Aktivitäten der nuklearen und der Verteidigungsplanungsgruppe sowie zum OstWest-Handel konsultieren.

stem für die taktische Luft-Boden-Rakete, die Teil des Montebello-Beschlusses ist, und wir erörtern auch
Systeme, die als Nachfolger der
"Lance" zur Stationierung im Jahr
1995 in Frage kommen könnten.
Der Prozeß macht also Fortschritte, und zu diesem Zeitpunkt sind mir
keine Unstimmigkeiten bekannt.

Es gibt eine Unmenge von Themen,
die erörtert werden müssen. Ein Gipfeltreffen muß keine spektakulären
Ergebnisse zeitigen, um erfolgreich
zu sein. Ein Gipfel hat dann Erfolg,
wenn er zum beständigen Zusammenhalt
des Bündnisses beiträgt, und ich bin
sicher, daß dies bei diesem Gipfeltreffen der Fall sein wird.
Frage:
Nach dem Abkommen zwischen Reagan und Gorbatschow vom vergangenen Dezember waren sich Bonn und
London uneinig über die Notwendigkeit
einer Modernisierung taktischer Nuklearwaffen in Europa. Erachten Sie
diese Modernisierung für notwendig,
und denken Sie, daß sie beim NATO—
Gipfel in Brüssel in der kommenden
Woche erörtert wird?
Carlucci:
Mir sind Unstimmigkeiten über die Modernisierung unbekannt. Die Entscheidung zur Modernisierung wurde von den Staats- und Regierungschefs in Montebello im Jahr
1983 getroffen. Meiner Meinung nach
haben alle dem Montebello-Beschluß
zugestimmt.
Der Modernisierungsprozeß kommt
voran.
Mehrzweckkampfflugzeuge werden modernisiert, die nukleare Artillerie wird modernisiert. Wir alle
befassen uns mit einem geeigneten Sy-

- 9-

�v Ä ^ &lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
2. März 1988

DIE GEMEINSAME SICHERHEIT IST NICHT TEILBAR DIE WESTLICHE ALLIANZ MUSS EINIG UND STARK BLEIBEN
Von Rozanne Ridgeway, Abteilungsleiterin im amerikanischen Außenministerium für europäische und kanadische Angelegenheiten -

Copyright (c); Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 46 vom 24. Februar 1988

WASHINGTON - Während der amerikanische Senat über das Mittelstrekkenabkommen berät, können wir damit
beginnen, das letzte Kapitel einer
Erfolgsgeschichte der NATO zu schreiben.
Im letzten Jahrzehnt hat das
westliche Bündnis auf eine unerhörte
sowjetische Drohung - die Stationierung der SS-20-Raketen - mit einer
gemeinsamen Politik reagiert. Diese
Politik beruhte auf Lastenteilung,
maßvollen Stationierungen und hartnäckigen Verhandlungen. Sie hat nun
zu einer Vereinbarung geführt, aufgrund derer die SS-20-Drohung gänz-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lich verschwinden wird. Ich möchte
zwei Faktoren hervorheben, die für
diesen Prozeß von besonderer Bedeutung waren: die grundlegende Überzeugung der NATO, daß gemeinsame Sicherheit nicht teilbar sei, und die
FUhrungsrolle
der
Bundesrepublik
Deutschland.
Das Mittelstreckenabkommen verbessert die westliche Sicherheit auf
zwei wesentliche Weisen. Erstens reduziert es die sowjetische nukleare
Drohung für die gesamte NATO, weil
schon stationierte Raketen und Ab-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�schußrampen abgebaut werden, die mehr
als 1 600 Sprengköpfe tragen können eingeschlossen
sind
alle
SS-20-,
SS-4-, SS-5-, SS-12- und SS-23-Systeme. Im Gegenzug bauen die Vereinigten Staaten die etwa 400 landgestützten Marschflugkörper und Pershing-2Raketen ab, die sie in Europa stationiert hatten. Trotz dieser Reduzierungen bleibt die Fähigkeit der NATO
erhalten, einen Angriff mit einem
ganzen Arsenal nuklearer Kräfte abzuschrecken.
Zum zweiten hat dieser Prozeß der
Sowjetunion
klargemacht,
daß
die
westliche Allianz den politischen
Willen und den Zusammenhalt hat, bei
ihrer vereinbarten Politik zu bleiben
und
Einschüchterungsversuchen
oder
sowjetischen Propagandaoffensiven zu
widerstehen.
Die Forderung der NATO nach einer
Vereinbarung
wurde
hervorgerufen
durch die einseitige sowjetische Stationierung neuer und destabiliserender Waffen, die 1977 begann: Es handelte sich um die SS-20. Diese über
drei Sprengköpfe verfügende Rakete
hat eine größere Reichweite und ist
treffsicherer als die vorher stationierten SS-4- und SS-5-Raketen, die
nur einen Sprengkopf besitzen. Von
ihren Stationierungsorten auf sowjetischem Gebiet aus können die SS-20
Ziele in ganz Europa, im Nahen Osten,
in Nordafrika und in großen Teilen
Asiens und der pazifischen Welt erreichen. Die Transportfähigkeit der
SS-20 ermöglicht es auch, daß diese
Systeme schnell an anderen Orten stationiert werden können, um die Drohung gegenüber
irgendeinem sowjetischen Nachbarn stärker fühlbar zu
machen.
Befürchtungen angesichts dieses
Waffenaufwuchses der Sowjetunion äusserten zuerst europäische NATO-Mit-

glieder; der damalige Bundeskanzler
Helmut Schmidt drückte sie 1977 in
einer Rede in London erstmals drfentlich aus. Das führte zu Konsultationen innerhalb der NATO, die schließlich in den Doppelbeschluß des Jahres
1979 mündeten.
Der Doppelbeschluß
forderte einerseits eine begrenzte
Stationierung
amerikanischer
Pershing-2-Raketen
und
Marschflugkörper. Er rief andererseits die Sowjetunion dazu auf, Verhandlungen
über die Mittelstreckenwaffen zu führen, mit dem Ziel, ein Gleichgewicht
auf niedrigerem Niveau zu erreichen.
Viele dachten, der Doppelbeschluß
könne nie verwirklicht werden. Zuerst verweigerten die Sowjets sogar
Verhandlungen. Und Skeptiker behaupteten, daß die NATO die Stationierung
nie verwirklichen werde.
Aber die
solidarische Unterstützung für Verhandlungen und Stationierungen blieb
in der NATO trotz großen innenpolitischen Drucks erhalten - dank mutiger politischer Führung in der Bundesrepublik Deutschland und in anderen Stationierungsländern.
Die Bundesrepublik spielte während der gesamten Zeit eine Schlüsselrolle, über den ganzen Konsultationsprozeß hinweg - in regelmäßigen
Treffen der NATO, in der "NATO Special Consultative Group" und "High
Level Group" sowie in Treffen der Minister und Regierungschefs - hatte
die Bundesrepublik großen Anteil an
der Bestimmung der Allianzpolitik.
Die Bundesrepublik half dabei, zu erkennen, daß man der Drohung der SS-20
begegnen müsse; sie half dabei, den
Doppelbeschluß der NATO zu entwikkeln; und sie war bei denen, die die
ursprüngliche "Null-Lösung" vorschlugen. Sie gehörte zu den fünf Verbündeten, die amerikanische Nuklearwaffen stationierten, und ging, zusammen
mit Italien und Großbritannien damit

- 2 -

�im Jahr 1983 voran, trotz innenpolitischer
Kontroversen,
sowjetischer
Drohungen und sogar angesichts des
Abbruchs der Verhandlungen durch die
Sowjetunion. Die Bundesrepublik erkannte auch die Notwendigkeit, die
sowjetische Nuklearrüstung
in den
Reichweiten von 500 bis 1 000 Kilometer zu begrenzen, und die Bundesregierung verhielt sich konstruktiv und
verantwortungsbewußt angesichts eines
sowjetischen Versuchs, der in letzter
Minute eine Vereinbarung verhindert
hätte,
nämlich
die
westdeutschen
Pershing-IA-Raketen in das Mittelstreckenabkommen einzubeziehen.
Auf diese Weise ist durch Stärke,
Einigkeit und intensive Konsultationen nicht nur das erste Abkommen in
der Geschichte erreicht worden, mit
dem nukleare Angriffswaffen reduziert
werden, sondern auch das erste Abkommen, das sich mit der sowjetischen
nuklearen Bedrohung der europäischen
NATO-Partner beschäftigt. Dieses Abkommen hat zudem das strengste Verifikationsregime in der Geschichte der
Rüstungskontrolle.
Natürlich löst das Mittelstrekkenabkommen nicht alle unsere Probleme. Dazu war es auch nie gedacht.
Im Nuklearzeitalter gibt es kein
"Sanktuarium" - weder in der NATO
noch im Warschauer Pakt. Es ist eine
unausweichliche Folge der Geographie,
daß einige NATO-Staaten der sowjetischen Drohung stärker ausgesetzt
sind als andere. Die Türkei, Norwegen und die Vereinigten Staaten haben gemeinsame völkerrechtliche Grenzen mit der Sowjetunion. Doch eine
Abschreckung, die auf dem Prinzip der
gemeinsamen Sicherheit beruht, bedeutet auch, daß der Angriff auf einen
Verbündeten ein Angriff auf alle ist.

Das Mittelstreckenabkommen stärkt
die NATO
Auf absehbare Zeit wird das strategische nukleare Arsenal der Sowjetunion weiterhin jede Nation auf der
Erde bedrohen, ob sie ein direkter
Nachbar ist oder auf der anderen Seite des Globus liegt. Das ist ein
Grund
dafür, warum Gedankenspiele
über
"atomwaffenfreie
Zonen" oder
"Korridore" in Europa sinnlos sind.
Es ist auch der Grund dafür, daß wir
die Erreichung eines überprüfbaren
Abkommens, mit dem dieses Langstrekkenarsenal halbiert werden soll, zu
unserer obersten Priorität erklärt
haben. Aber das Mittelstreckenabkommen ist besonders wichtig, weil es
die sowjetische Drohung gegen das
Territorium der europäischen NATOPartner reduziert, während es die
Drohung gegenüber den nordamerikanischen NATO-Mitgliedern nicht verändert. Von der Abrüstung der SS-12
und SS-23 haben diejenigen NATO-Verbündeten, die dem Warschauer PaktTerritorium am nächsten liegen, den
größeren Nutzen.
Indem das Mittelstreckenabkommen
die NATO stärkt, kommt es natürlich
uns allen zugute. Die Einheit des
Bündnisses
Ist
grundlegend.
Abschreckung ist unteilbar.
Deshalb
sind auf dem Territorium vieler Mitgliedstaaten der Allianz nukleare und
konventionelle Streitkräfte stationiert.
Nuklearfähige Trägersysteme
gehören zu den militärischen Kräften
vieler unserer Alliierten.
Dennoch bleiben die strategischen
Nuklearkräfte der Vereinigten Staaten
der letzte Garant der NATO-Abschrekkung. Auch nach dem Mittelstreckenabkommen werden die Vereinigten Staaten immer noch eine Schlachtordnung
nuklearer Systeme in Europa haben;
sie umfaßt luftgestützte Waffen, die

- 3 -

�in das sowjetische Territorium hineinreichen, und landgestützte Systeme. Der Oberste Alliierte Befehlshaber in Europa (SACEUR) verfügt weiterhin über seegestützte Raketen, die
der Verteidigung Europas zugeordnet
sind.
Die Abschreckungsmacht der
NATO in Europa muß und wird stark
bleiben. Mehr als 300 000 amerikanische Soldaten sind in Europa stationiert. Welch besseres Symbol der
Ankoppelung könnte es geben als diese
Amerikaner, die mit ihren Familien
unter den Menschen in der Bundesrepublik Deutschland und den anderen alliierten Ländern leben und arbeiten?
Gleichzeitig hat sich die NATO
verpflichtet - und diese Verpflichtung bleibt bestehen -, nicht mehr
nukleare Waffen in Europa zu stationieren, als nötig sind, um die strategische Abschreckung aufrechtzuerhalten. Die NATO hat nie an einen
sinnlosen Aufwuchs ihrer nuklearen
Kräfte geglaubt.
Statt dessen hat
sie einseitig die amerikanischen nuklearen Kräfte in Europa wesentlich
reduziert, entsprechend der Entscheidung von Montebello aus dem Jahr
1983. Seit 1979 sind mehr als 2 400
amerikanische Nuklearwaffen zurückgezogen und nicht ersetzt worden. Der
Vorrat hat den niedrigsten Stand seit
20 Jahren erreicht. Doch die NATO
muß auch die diesem Abzug korrespondierende Verpflichtung von Montebello
ernst nehmen, die verbleibenden Nuklearkräfte zu modernisieren, damit
alles getan wird, um die Abschreckung
glaubwürdig zu halten.
Das Mittelstreckenabkommen wird
die Sicherheit der Allianz nicht nur
dadurch verbessern, daß es eine nukleare Drohung gegen Europa abbaut,
sondern auch dadurch, daß es die
wachsende Drohung entfernt, die im
Augenblick gegen unsere konventionelle
Verstärkungsfähigkeit
gerichtet

ist, nämlich die sowjetischen SS-12
und SS-23, die in der Lage sind, konventionelle, chemische oder nukleare
Sprengköpfe zu tragen. Es erübrigt
sich, hinzuzufügen, daß die gesamte
sowjetische Bedrohung unserer gemeinsamen Sicherheit nicht auf einen
Schlag eliminiert werden kann. Wir
können auch nicht darauf vertrauen,
daß sich jenes sowjetische Verhalten,
das unsere Verteidigungsallianz in
erster Linie begründet hat, auf einmal grundlegend ändert.
Angesichts
der wachsenden sowjetischen Drohung
muß auch die NATO ihre Anstrengungen
verstärken, um das konventionelle Ungleichgewicht zu korrigieren.
Die Minister der Partnerstaaten
haben die wichtigsten Lücken unserer
konventionellen Rüstung erkannt und
unternehmen Anstrengungen, ihnen zu
begegnen. Das schließt das "Programm
zur Verbesserung der konventionellen
Verteidigung" (conventional defense
improvement program) ein. Wir müssen
diese Initiative mit Nachdruck weiterführen, denn diese Maßnahmen sind
wesentlich, wenn wir weiter darauf
vertrauen wollen, daß weder ein konventioneller noch ein nuklearer Krieg
in Europa je wieder geführt werden
kann. Gleichzeitig steht das Problem
der anhaltenden Ungleichgewichte bei
den konventionellen und chemischen
Waffen an obersten Stelle der Rüstungskontrollagenda, und wir werden
darauf achten, daß jede Verminderung
dieser Waffen nicht einem Verbündeten
zum Nachteil gereicht.
Doch die eigentliche Stärke der
NATO liegt in der Einigkeit über ihren Zweck. Unsere erfolgreiche Erfahrung mit dem Mittelstreckenabkom- .
men und die Führungsrolle, die dabei '
von der Bundesrepublik und den anderen Stationierungsländern der NATO
gespielt wurde, hat das Konzept der
gemeinsamen Sicherheit aller Allianz-

- 4 -

�mitglieder gestärkt. Die Vereinigten
Staaten bleiben diesem Konzept verpflichtet, nicht nur theoretisch,
sondern auch in der Struktur und den
Stationierungsorten
ihrer
Streitkräfte.
Weil wir die politisch schwierigen Stationierungen und ein ehrgeiziges RUstungskontrollziel seit 1979
verfolgt haben, haben die westlichen
Staaten einen historischen Vertrag
erreicht, der ihre Sicherheit verbessert. Das Mittelstreckenabkommen beweist auch den Wert jenes Ansatzes,
der im Harmel-Report vor 20 Jahren
beschlossen wurde: Verteidigung und
Dialog. Es zeigt, daß wir den Frieden in Freiheit erhalten können, wenn
wir einander vertrauen, einig und
stark bleiben, gleichzeitig aber vorsichtig und nachdrücklich verhandeln,
um die Abschreckung auf einem niedrigeren Waffenniveau zu verbessern.

- 5 -

�AMERIKA DIENST
'VON

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Wissenschaft und Technik
2. März 1988

RETTUNGSGERÄT FÜR DISCOVERY-BESATZUNG

WASHINGTON - (AD) - Der voraussichtlich im August startende Raumtransporter DISCOVERY, wird mit einem Rettungsgerät für die Astronauten ausgerüstet.
Es soll ihnen in einem Notfall die Möglichkeit geben, während der Gleitphase
vor einer Risikolandung den Orbiter rechtzeitig zu verlassen. Gegenwärtig befinden sich zwei Typen solcher Rettungsgeräte In der Erprobung.

Wie Arnold Aldrich, Direktor des
Raumtransportersystems der US-Behörde
für Luft- und Raumfahrt (NASA), kürzlich vor einem Senatsunterausschuß
erklärte, wäre jedoch keines der beiden Geräte in einer Notlage ähnlich
jener von Nutzen, wie sie vor zwei
Jahren mit dem CHALLENGER-Unglück
eintrat. Derzeit gibt es am Startplatz nur Rettungsmöglichkeiten für
den Fall, daß vor Beginn des Starts
eine
Gefahrensituation
eintritt.
Dann könnten sich die Astronauten in
große Körbe aus Drahtgeflecht flüchten, die auf der Ebene des Einstiegs

United States Information Service
Embassy of the United States of America

in den Orbiter auf der StartturmPlattform bereitstehen und an 360 m
langen Kabeln in sicherer Entfernung
zu Boden gebracht werden. Unterirdische Bunker bieten dort den notwendigen Schutz.
Dem Bericht zufolge würden bei
dem einen der Systeme in der Erprobungsphase kleine Raketen benutzt, um
die Besatzungsmitglieder nacheinander
mit ca. 900 kp Schubkraft (bei einer
vom Körper des Astronauten weggelenkten Strahlrichtung) aus der aufgesprengten Luke in sichere Distanz zum

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�Fluggerät zu ziehen.
Beim zweiten
System dient nach dem Öffnen der Luke
ein teleskopartig verlängerter Ausleger als "Schiene", an der die Astronauten über eine Seilverbindung entlanggleiten, bis sie sich in sicherer
Entfernung lösen. In beiden Fällen
erfolgt die Landung am Fallschirm.
Der als Kommandant für den
DISCOVERY-Flug vorgesehene Astronaut
Frederick Hauck plädiert für das
zweite System, falls sich beide bei
den Tests als gleichwertig erweisen.
Es habe den Vorteil, weniger Raum im
Orbiter zu beanspruchen und keine Explosivstoffe zu benötigen. Den Raumtransporter in seiner jetzigen Konstruktion auf ein anspruchsvolleres
Rettungssystem umzurüsten, erfordere
einige Jahre. Aus diesem Grund könnten prinzipielle Verbesserungen erst
bei der nächsten Generation solcher
Fluggeräte berücksichtigt werden.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
'VON

Wissenschaft und Technik

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2. März 1988

MAGNETISCHES RESONANZVERFAHREN ZUM AUFSPÜREN VON GEFÄSSVERENGUNG

- (AD) - Zur Diagnose und Lokalisierung von Ablagerungen in Arterien und
Venen, insbesondere in der Karotis (KopfSchlagader) und in den Herzkranzgefäßen, möchte eine Forschergruppe vom Elektronik-Laboratorium der StanfordUniversität (Kalifornien) die bisher üblichen Methoden durch die Anwendung eines von der Kernspintomographie abgeleiteten Verfahrens ersetzen.

Der Hauptvorteil der von Professor
Albert
Macovski
und
Dwight
Nishimura entwickelten Technik, die
in Kürze zur klinischen Erprobung
freigegeben wird, besteht darin, daß
der Patient weder einer Belastung
durch Strahlung noch den Risiken ausgesetzt wird, die sich bei den heute
üblichen invasiven Verfahren ergeben.
Dazu zählt zum Beispiel auch das Einspritzen von Kontrastmitteln für die
Druchführung einer Angiographie oder
Phlebographie.
Macovski

zufolge

erfordern

eine

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Embassy of the United States of America

Röntgen-Angiographie, mit der Verengungen oder Verschlüsse von Blutgefäßen ermittelt werden oder eine Sondierung von Arterien mittels Katheter
die stationäre Aufnahme des Patienten. Das trifft auch bei nuklearmedizinischen Diagnostikverfahren zu.
Außerdem werden sie erst in einem
Stadium eingesetzt, in dem Symptome
für Störungen der Durchgängigkeit von
Blutgefäßen bereits offenkundig geworden sind.
Den Wissenschaftlern in Stanford
geht es nicht nur darum, Risiken für

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�den Patienten zu vermeiden, sondern
auch
Gefäßverengungen
bereits
im
Frühstadium zu erfassen. Und das ermöglicht
die MRI-Technik
(MRI "Magnetic Resonance Imaging"), die
Nishimura inzwischen an sich selbst
schon mehr als 200 Mal erprobt hat.
Unter der Einwirkung des vom MRI-Gerät erzeugten starken Magnetfeldes,
geben die Kerne von Wasserstoffatomen
typische Signale ab. Diese Signale
werden mittels Computer normalerweise
für die Bildgebung zum Beispiel zur
Darstellung innerer Organe und Gewebeschichten genutzt.

Verfahrens für die Diagnostik wird
gegenwärtig noch durch Vergleichsverfahren nach der üblichen Angiographie-Technik überprüft. An der sehr
viel komplizierteren Sichtbarmachung
der Durchgängigkeit der Herzkranzarterien
wird
noch
gearbeitet.
Nishimura berichtete auf einem Symposium der "Society for Magnetic Resonance" Ende Februar 1988 in Boston
über die neue Methode.

Macovski und Nishimura analysieren jedoch nur das Signal des in den
Gefäßen strömenden Blutes und filtern
das Signal des umgebenden "stationären" Gewebes aus. Für die Darstellung der Karotis-Arterien am Hals
sind zwei Aufnahmeserien erforderlich:
Bei der ersten Sondierung
richten sich die Protonen der Wasserstoffatome im Blut und des Umgebungsgewebes, die wie winzige Stabmagnete
reagieren, am Magnetfeld aus. Das
gilt ebenso für die Protonen des neu
einströmenden Blutes. Bei der zweiten Serie wird durch eine kleine, am
Nacken plazierte Spule ein zusätzliches Magnetfeld angelegt, das die
Protonen des ausströmenden Blutes als Stabmagneten gesehen - in bezug
auf
das
ursprüngliche
Magnetfeld
"kippen" läßt. Knochen und übriges
Gewebe in der Region, die abgebildet
wird, geben das gleiche Signal wie
zuvor ab. Vom Blut kommt dagegen ein
entgegengesetztes Signal. Mit Ausnahme der Blutdaten sind die beiden
Aufnahmeergebnisse
identisch.
Zur
exakten Auswertung werden die Signale
von Muskel- und Knochengewebe subtrahiert. Der ganze Vorgang nimmt etwa
vier Minuten in Anspruch und kann ambulant durchgeführt werden.
Die

Zuverlässigkeit

des

neuen
- 2 -

* * * * * *

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