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                  <text>AMERIKA DIENST
VON

Sonderdienst

4

25. November 1987

DIE REVOLUTION IM INFORMATIONSWESEN
UND DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Der amerikanische Botschafter Richard R. Burt hat auf dem BertelsmannForum am 24. November die deutschen und amerikanischen Massenmedien dazu aufgerufen, sich intensiver darum zu bemühen, die breite Öffentlichkeit besser
über die drängenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit zu unterrichten.
Im Zusammenhang mit den revolutionären Entwicklungen im Bereich der Massenkommunikation verwies Burt auf das Paradoxon, daß "es mehr Informationen
gibt, aber weniger Verständnis".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:

Die
Bemerkung, wir
lebten
im
Zeitalter einer Revolution im Informationswesen, ist zu einem Gemeinplatz geworden. Aber selbst wenn es
sich hierbei um einen Gemeinplatz
handelt, ist es doch eine unbestreitbare Tatsache.
Diese Revolution hat zwei Dimensionen, die beide in den Auswirkungen
moderner Technik auf die Kommunikation begründet sind. Erstens ist die
Fülle der uns heute zur Verfügung
stehenden Informationen im wahrsten
Sinne des Wortes überwältigend.

In den Vereinigten Staaten erscheinen zum Beispiel etwa 1 700 Tagesund
9 000 Wochenzeitungen.
Der
Leser kann unter mehr als 11 300
Zeitschriften wählen, die nahezu alle
Interessengebiete abdecken. Amerikaner haben über einen der 7 000 Kabelfernsehsender Zugang zu insgesamt 150
Fernsehkanälen, von denen viele 24
Stunden täglich senden.
Das Radionetz ist mit seinen mehr als 9 000
Stationen in den Vereinigten Staaten
ebenso weitverzweigt.
Bei den gedruckten Medien können sich Amerika-

�ner zum Beispiel einem der 50 000
neuen Bücher zuwenden, die jedes Jahr
von über 350 verschiedenen Verlagshäusern herausgegeben werden.
Die Zahlen sind in Europa gleichermaßen beeindruckend.
Allein in
der Bundesrepublik
werden
jährlich
etwa ebensoviele Bücher veröffentlicht wie in den Vereinigten Staaten,
5 000 davon als Übersetzungen aus dem
Englischen.
Das
Verlagswesen
hat
seit
dem
zweiten Weltkrieg
einen
ebenso großen Aufschwung erfahren wie
das Fernsehen. Im Jahr 1950 stellten
auf der Frankfurter Buchmesse lediglich 460 Verlage aus. In diesem Jahr
waren es 7 147.
Deutsche Verleger
bringen inzwischen 6 900 verschiedene
Publikationen auf den Markt. In der
Bundesrepublik werden über 1 300 Tages- und Wochenzeitungen herausgegeben, und die Gesamtzahl der Zeitungsleser ist sicher größer als in den
Vereinigten
Staaten.
Rundfunk
und
Fernsehen sind in der Bundesrepublik
in geringerem Umfang ausgebaut als in
meinem Land, dennoch gibt es neun
Rundfunkstationen und 10 Kabelsender,
die täglich mehr als 60 Stunden Fernseh- und 700 Stunden Rundfunkübertragungen senden - wenn man die zahlreichen deutschen Haushalten zugänglichen Sendungen aus dem Ausland unberücksichtigt läßt.
Die zweite Dimension dieser Revolution im Kommunikationswesen ist Geschwindigkeit.
Heute arbeiten wir
weltweit
mit
"Echtzeit"-Informationen. Rundfunk und Fernsehen ermöglichen uns mehr denn je die unmittelbare Teilnahme an überall stattfindenden Ereignissen. Wir können das Geschehen im Augenblick seines Geschehens miterleben. Spätestens am nächsten Tag liefert uns die Morgenzeitung ein breites Spektrum von Analysen und Hintergrundberichten.

All dies ist möglich, weil in den
vergangenen vier Jahrzehnten im Kommunikationswesen wahrhaft spektakuläre Fortschritte stattgefunden haben.
Die Massenmedien, Vertreter aus Wirtschaft und Regierung, Forscher und
Büroangestellte können auf elektronischem Wege Informationen
austauschen, sich von Satelliten abgegebene
oder durch Glasfaserkabel verbreitete
Signale zunutze machen und damit in
Bruchteilen von Sekunden Kontinente
verbinden.
Von jedem Computerterminal hier haben Sie zum Beispiel sofortigen Zugang zu Hunderten von Datenbanken in den Vereinigten Staaten
und
anderswo.
Für
Dokumente
und
graphische Darstellungen gibt es Telefax, mit dem Vorlagen bildgetreu
übermittelt werden können. Nachrichtenagenturen
können auf elektronischem Wege Berichte weltweit übermitteln, während ihre Kunden denselben
Computer, mit dem sie einen Bericht
empfangen, zu dessen Weitergabe zum
Druck und zur Übermittlung der Informationen
an
den
Leser
benutzen.
Fernsehzuschauer können an jedem mit
einer Videokamera erreichbaren Schauplatz dabeisein.
Aber diese Umwälzungen im Informationswesen enthalten ein Paradoxon.
Es gibt mehr Informationen, aber weniger Verständnis.
Zumindest was die westliche Welt
betrifft, sind sowohl politische Entscheidungsträger als auch die Öffentlichkeit ohne Frage besser informiert
als noch vor einem Jahrhundert oder
auch nur vor einem Jahrzehnt.
Aber
das heißt nicht, daß wir einander
besser verstehen.
Die Informationen
haben nicht etwa Vorurteile und engstirniges Denken abgebaut, die - mehr
noch als schlichte Ignoranz - die Zusammenarbeit erschweren.
Zum Teil

- 2

ergibt

sich

unser

Pro-

�blem aus der Revolution im Informationswesen selbst. Wie die von mir
angeführten wenigen Beispiele zeigen,
ertrinken wir buchstäblich in Informationen.
Und diese
Informationen
stürzen so schnell auf uns ein, daß
ein Bemühen um Verständnis der Ereignisse in der Welt dem Versuch gleichkommt, einen Film im Zeitraffer zu
verstehen.
Aber das reicht als Erklärung dafür nicht aus, warum sich Europäer
und Amerikaner in einer zunehmend integrierten und interdependenten Welt
politisch und psychologisch einigeln.
Das ist keine Erklärung dafür, warum
wir mehr denn je zu Mißverständnissen
neigen als jemals zuvor, warum wir an
überholten,
unvollständigen,
stark
vereinfachten oder ganz einfach falschen Bildern und Klischeevorstellungen festhalten und sie dazu benutzen,
eigennützige und kurzsichtige politische Maßnahmen zu rechtfertigen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schien
es, als ob wir die Lektionen der
zwanziger und dreißiger Jahre gelernt
hätten - daß eine Politik, die sich
auf
Kirchturmdenken
und nationalen
Egoismus stützt, langfristig destruktiv und sinnlos ist. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hat eine begabte Generation von Amerikanern und
Europäern optimistisch
und erfolgreich an der Sicherheit und dem Wohlstand des Westens gearbeitet.
Wir
haben gemeinsam Sicherheitsvereinbarungen getroffen und Bündnisse zu unserem Schutz geschaffen.
Wir haben
destruktiven
Protektionismus
durch
ein offenes internationales Handelssystem ersetzt. Wir haben neue pädagogische Austauschprogramme erarbeitet, die Wissenschaftler und Studenten aus der gesamten westlichen Welt
zusammengeführt haben.
Aber

in

den

vergangenen

Jahren

ist meiner Ansicht nach unsere Fähigkeit zur Erarbeitung gemeinsamer Ziele stetig unterhöhlt worden. Mit dem
Heranwachsen einer neuen Generation
ohne persönliche Erinnerung an die
Kriegsjahre haben westliche Politiker
zu erkennen versäumt, daß das internationale System den Erfordernissen
eines neuen Zeitalters angepaßt werden mußte. Die wirtschaftlichen und
politischen Schockwellen der späten
sechziger und siebziger Jahre haben
daher die alte Mentalität des Einzelkämpf ertums wiederbelebt.
Ich erkenne insbesondere die zunehmende Hinwendung zum wirtschaftlichen Kirchturmdenken.
Amerikaner,
Europäer und Japaner stimmen überein,
daß freier Handel uns mehr Wohlstand
und
Sicherheit
bringt.
Aber
wir
scheinen alle unsere eigenen Entschuldigungen für eben die Entscheidungen zu haben, die weltweit das
Wirtschaftswachstum
lähmen und das
offene
Welthandelssystem
aushöhlen.
Als Ergebnis davon befinden wir uns
in einem Teufelskreis, der - wenn er
nicht unterbrochen wird - unsere Kassen
leeren, unseren
Lebensstandard
verringern und in einen neuen Handelskrieg münden wird.
Und
Kirchturmdenken
beschränkt
sich bei weitem nicht nur auf den
Handel.
in den Vereinigten Staaten
tendieren wir zunehmend zum Unilateralismus, der mit einer Reihe von
Verzerrungen und falschen Vorstellungen gerechtfertigt wird. von meinen
Landsleuten sind Vorwürfe zu vernehmen, die Europäer seien zu sehr geneigt, sich sowjetischem Einfluß anzupassen. Andere vertreten die Ansicht, die Europäer seien in bezug
auf ihre Verteidigung Schmarotzer und
nicht bereit, die zu ihrem Schutz
notwendigen Opfer
zu bringen; sie
ließen sich von Terroristen erpressen
und zeigten selten Bereitschaft, die

- 3 -

�Vereinigten
Staaten bei
regionalen
Konflikten in der Dritten Welt zu unterstützen.
Auf der anderen Seite scheinen zu
viele Europäer der Ansicht zu sein,
die Amerikaner hielten an der starren
Ideologie
des
Kalten
Krieges
der
fünfziger Jahre fest, die eine mögliche Entwicklung besserer Ost-West-Beziehungen
nicht zuläßt; Amerikaner
seien hoffnungslose
Waffenfanatiker
und nur allzu leicht zu deren Gebrauch bereit.
Ferner besteht die
Meinung, eine amerikanische Bereitschaft, in regionale Konflikte einzugreifen oder gegen Terroristen vorzugehen, sei unberechenbar, nicht vorherzusehen und gefährlich.
Wir nehmen auf beiden Seiten des
Atlantiks einen Auftrieb engstirniger
Vorschläge
und
Denkschemata
wahr.
Sie haben ihren Ursprung vornehmlich
an den beiden extremen Enden des politischen Spektrums, die (wenn auch
aus sehr unterschiedlichen Gründen)
Europa und Amerika voneinander abgekoppelt
sehen möchten.
Unglücklicherweise finden diese Schemata immer
mehr Eingang ins allgemeine öffentliche
Denken.
Auf
amerikanischer
Seite gibt es protektionistische Gesetzesentwürfe, die sich durchaus mit
Smoot-Hawley messen können; kurzsichtige Vorschläge zur Einsparung von
Milliarden Dollar durch den Abzug unserer Truppen aus Europa; sogar Vorschläge zur Wiedergewinnung unseres
"Handlungsspielraumes" durch Austritt
aus der NATO.
In Europa hören wir intellektuelle Rechtfertigungen der "Xquidistanz"
zwischen den "Supermächten", begründet in ihrer sogenannten "moralischen
Gleichwertigkeit".
Es gibt zunehmend
Forderungen
nach
Denuklearisierung,
"defensiver
Verteidigung"
und
der
"Europäisierung Europas".
- 4

Nahezu all diesen Vorschläge ist
eines gemein - sie sind extrem engstirnig.
Viele
ihrer
Befürworter
streben nach einer einfachen Lösung
für schwierige Probleme in der Wirtschaft und im Haushalt, einer Lösung,
die uns nicht zwingt, die Vorzüge der
amerikanischen
Konsumgesellschaft
oder des europäischen Wohlfahrtsstaates
aufzugeben.
Manche
Politiker
hoffen auf Stimmen bei den nächsten
Wahlen.
Andere
sind
einfach
bestrebt, Sicherheit um jeden Preis zu
erlangen - koste es, was es wolle.
Aber
solche Ideen wären lediglich
leicht zu verwerfende Hirngespinste
extremistischer Außenseiter, wenn sie
nicht ihren Widerhall im Bewußtsein
der Öffentlichkeit fänden.
Und die
Öffentlichkeit
wird meiner
Ansicht
nach nicht von simplem Egoismus getrieben. In der Tat denken die Menschen überall, sie brächten Opfer und
zeigten Flexibilität, Kreativität und
ihre Bereitschaft zur Übernahme von
Risiken, ausländische "Freunde" täten
jedoch genau das Gegenteil.
Kurzum, zahlreiche Probleme entstehen aus Fehleinschätzungen, die
trotz der Revolution im Informationswesen weiterhin gedeihen.
Und wenn
wir nicht daran arbeiten, diese Fehleinschätzungen aus der Welt zu schaffen,
könnten
wir
in
ernsthafte
Schwierigkeiten geraten.
Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Lösung
für das Problem der Fehleinschätzungen - größeres Verständnis. Wie ich
bereits angedeutet habe, führen mehr
Informationen und bessere Technik im
Kommunikationswesen
nicht
notwendigerweise zu besserem Verständnis. Im
Falle der Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland können wir dieses bessere Verständnis nur erreichen, wenn wir sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zwischen unseren beiden Ländern erkennen

�- und uns diese auch bewußt machen.
Meiner Meinung nach hat das Amerikabild
der
Deutschen
und
das
Deutschlandbild der Amerikaner in der
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg drei
Stadien durchlaufen.
Das erste Stadium dauerte von
Kriegsende bis in die sechziger Jahre.
Die schreckliche Erfahrung der
Jahre 1933 bis 45, die offene amerikanische Politik nach dem Krieg und
die Großzügigkeit einzelner Amerikaner führten dazu, daß zahlreiche, vor
allem junge Deutsche den Vereinigten
Staaten
Modellcharakter
beimaßen.
Das traf auf ein breites
Spektrum
der deutschen Gesellschaft und sogar
auf viele Intellektuelle zu.
Somit
hatten die Vereinigten Staaten in der
Zeit des Wiederaufbaus, den fünfziger
Jahren, diesem Land ihren Stempel
aufgedrückt. Die oberflächlichen Gemeinsamkeiten wurden so beträchtlich,
daß ein Besucher nahezu jeder deutschen Stadt sich vorstellen konnte,
in den Vereinigten Staaten zu sein.
Auf beiden Seiten entwickelte sich
ein Mythos über unsere Beziehungen der Mythos gleicher Identität.
Aber die deutsche Hinwendung zu
Amerika in den fünfziger Jahren war
zu unkritisch und die deutsche Betrachtungsweise nahezu aller Aspekte
des amerikanischen Lebens zu idealistisch.
Der amerikanische Blickwinkel war das Spiegelbild der deutschen Betrachtungsweise - angesichts
so großer Ähnlichkeit mit den Vereinigten Staaten sahen Amerikaner die
Bundesrepublik zunehmend als "KleinAmerika", das zufällig in Europa beheimatet war.
Diese Ansichten brachten Erwartungen mit sich, die am Ende nicht
aufrechterhalten werden konnten. Das
führte zum zweiten Stadium unserer

Beziehungen
in der
Nachkriegszeit.
Als die Bundesrepublik sich dem Ende
ihrer erfolgreichen Wiederaufbauphase
näherte, begannen die Deutschen wiederum
über
ihre
eigene
Identität
nachzudenken, darüber, was es heißt und was es heißen sollte - Deutscher
zu sein. Weil die Deutschen ihre Gesellschaft der Nachkriegszeit so sehr
nach amerikanischem Muster ausgerichtet hatten, wurde die Diskussion über
die deutsche Identität ironischerweise vornehmlich über amerikanische Lebensqualität und amerikanische Politik geführt. Der in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren vor
allem durch den Vietnamkrieg entfachte Aufruhr teilte Amerika. Aber er
hatte hier vielleicht noch größere
Auswirkungen. Wir in den Vereinigten
Staaten haben einen Krieg verloren.
Viele, vor allem junge Deutsche, haben ihr Ideal verloren.
Die Vereinigten Staaten, denen in den fünfziger Jahren Modellcharakter zugekommen war, hatten für viele junge Deutsche in den siebziger Jahren ein Negativ-Image.
Amerikaner, die der Fehleinschätzung einer Amerikanisierung der Bundesrepublik unterlagen, fühlten sich
durch
die
scheinbar
schonungslose
Kritik der Deutschen verunsichert und
betroffen. Viele betrachteten Kritik
an den Vereinigten Staaten als Zeichen eines virulenten Antiamerikanismus in der Bundesrepublik.
Auf beiden Seiten bekamen viele das Gefühl,
unser gesamtes Verhältnis sei in Gefahr.
In den achtziger Jahren haben wir
begonnen, uns dem dritten Stadium in
unserem Verhältnis
anzunähern, das
weder romantisch verbrämt noch desillusioniert
ist
sondern
auf
einer
realistischeren Einschätzung unserer
Unterschiede und Gemeinsamkeiten beruht.

- 5 -

�Dieses neue Stadium wird von der
Tatsache geprägt, daß die Deutschen
jetzt gegenüber den Vereinigten Staaten ihre eigene Identität zu finden
und zu behaupten suchen.
Ein neues
Interesse an deutscher Geschichte ist
erwacht, ein neuer Stolz auf deutsche
Kultur
und die neue Bereitschaft,
einem gewissen Bewußtsein deutscher
Leistungen in einer Reihe von Lebensbereichen offen Ausdruck zu verleihen. Kurzum: es gibt zunehmend Beweise dafür, daß sich eine deutsche
Identität herausbildet - eine Identität, die sich weder als Imitation
noch als Ablehnung der Vereinigten
Staaten versteht.
Manch einer auf beiden Seiten des
Atlantiks empfindet diese Entwicklung
als beunruhigend.
Einige Beobachter
stellen Spekulationen über die Bedeutung
des Wiederauflebens
deutscher
Kultur und deutschen Stolzes an; dies
heiße, daß beide Gesellschaften auseinanderdriften und daß die enge Kooperation, die bis heute unsere Nachkriegsbeziehungen geprägt hat, unvermeidlich zum Scheitern verurteilt sei.
Ich kann solch eine düstere Prophezeiung nicht hinnehmen.
Es ist
nicht schlecht, daß die Deutschen den
Stolz auf ihre Kultur und Geschichte
wiedergewinnen - dies ist ein notwendiger Schritt auf der Suche nach
Identität. Es sollte uns nicht beunruhigen, daß wir in so vielen Dingen
verschieden sind. unsere Unterschiede sind einfach eine Tatsache, ein
Faktum,
das
auf
unterschiedlichen
geographischen Gegebenheiten und geschichtlichen
Erfahrungen beruht
und die Auswirkungen unserer Unterschiede sind genau das Gegenteil von
dem, was die Pessimisten behaupten.
Die wichtigen und interessanten Bereiche, in denen sich unsere Länder
voneinander unterscheiden, akzentuieren die sich gegenseitig ergänzenden

Starken, die meiner Meinung nach lohnende Chancen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit eröffnen.
Erstens unterscheiden wir uns der
Größe nach. Die Vereinigten Staaten
sind ein Kontinent mit nur wenigen
Nachbarn und geschützt durch zwei
Ozeane.
Die Bundesrepublik ist geographisch kompakt und von zahlreichen
Nachbarstaaten umgeben.
Während die
Vereinigten Staaten aufgrund dieser
Situation eher zum Alleingang neigen,
wird die Bundesrepublik von den Erfordernissen der internationalen Zusammenarbeit geleitet.
Zweitens unterscheiden wir uns,
wiewohl beide von Vielfalt geprägt,
eben in unserer Vielfalt.
Das auf
einer komplexen, sich ständig verändernden ethnischen Mischung beruhende
Gefüge
der
amerikanischen
Gesellschaft hat zu einem Reichtum an Sprache, Küche, Kunst, Lebensstilen und
Ansätzen zur Problemlösung geführt,
der in der Welt einzigartig ist. Die
Bundesrepublik Deutschland ist ethnisch viel homogener.
Ihre Vielfalt
hat ihre Wurzeln in Geschichte und
geschichtlichem Erinnerungsvermögen und das Ausmaß dieser Vielfalt spiegelt die Tatsache wider, daß die Bundesrepublik
- nahezu als einziges
Land in Europa - nicht eine Hauptstadt besitzt sondern deren mehrere,
eine für die Politik, eine für das
Finanzwesen, eine für den Handel und
eine für die Medien. Jede bedeutende
Stadt der Bundesrepublik spielt in
einem bestimmten Lebensbereich eine
nationale Führungsrolle.
Drittens:
Obwohl wir viele gemeinsame demokratische Institutionen
teilen, funktionieren
unsere politischen Systeme auf verschiedene Art
und Weise. Das System der Bundesrepublik beruht auf relativ zentralisierten und vergleichsweise diszipli-

�nierten politischen Parteien.
Deutsche Politiker machen Karriere, wenn
sie in ihrer Partei Karriere machen.
Dieses System dient dazu, die politischen Debatten einander
näherzubringen,
indem
es
nationalen
und
langfristig
angelegten
politischen
Maßnahmen hohe Priorität in der Innen- wie auch
in der Außenpolitik
einräumt.
Das politische System der
Vereinigten Staaten hingegen ist von
schwachen Parteien und dezentral organisierter
Macht
gekennzeichnet.
Amerikanische
Politiker haben eine
individuelle Machtbasis auf lokaler
Ebene.
Die
amerikanische
Politik
spiegelt die Vielfalt der Vereinigten
Staaten wider und projiziert diese
Vielfalt auf die Gestaltung ihrer Innen- und Außenpolitik.
Viertens sind unsere Wirtschaftsstrukturen in wichtigen Bereichen unterschiedlicher
Art.
Die deutsche
Gesellschaft ist wirtschaftlich homogener und bietet nahezu all ihren
Bürgern einen hohen Lebensstandard,
ein bemerkenswertes Maß an Arbeitsplatzsicherheit und ein verläßliches
soziales Netz.
Deutsche Unternehmen
sind auf langfristigen Erfolg angelegt, auf Sicherheit und - darüber
läßt sich streiten - auf das Erzielen
einer "annehmbaren" statt einer maximalen Gewinnmarge.
in den Vereinigten Staaten ist der Wohlstand weniger
gleichmäßig verteilt, jedoch ermutigt
die größere soziale Mobilität Innovationen, bietet immense Möglichkeiten
und erlaubt unserem Land, eine erhebliche Zahl von Einwanderern schneller
in die Gesellschaft zu integrieren.
Geschichten des Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär sind immer noch
ein normaler Bestandteil amerikanischen Lebens. Natürlich besteht neben der Möglichkeit des Erfolgs auch
die des Scheiterns; und Scheitern
kann in der amerikanischen Gesellschaft mit großen Risiken verbunden
- 7

sein, insbesondere, weil unser soziales Netz bei weitem nicht so engmaschig geknüpft ist wie das deutsche.
Risiken einzugehen ist jedoch ein anerkannter Teil des amerikanischen Systems.
Geschäftsleute
können
mit
einem
Unternehmen
scheitern
und
trotzdem in der Lage sein, mit einem
anderen Erfolg zu haben.
Im Unterschied dazu scheinen die Deutschen
eher risikofeindlich zu sein.
Fünftens ist die Bundesrepublik
Deutschland
grundsätzlich
eine beständige und gefestigte Gesellschaft.
Demgegenüber
sind
die
Vereinigten
Staaten weiterhin ein Land ruheloser
Einwanderer. Die geographische Mobilität in den Vereinigten Staaten ist
legendär.
Nahezu ein Fünftel der
amerikanischen Bevölkerung zieht jedes Jahr um - eine Statistik, die für
viele Deutsche schwer faßbar
ist.
Die Deutschen sind weniger mobil, und
diese Tatsache bringt Probleme für
Unternehmer und Regionen mit sich,
die aus den durch den technologischen
Wandel
geschaffenen
Möglichkeiten
Vorteile zu ziehen suchen. Natürlich
sind mit der amerikanischen Mobilität
auch Kosten verbunden.
Es ermangelt
uns oft an einem gewachsenen Sinn für
Tradition und Lokalpatriotismus, wie
er in der Bundesrepublik so offen
sichtbar ist.
Sechstens und letztens ist die
geographische Mobilität in den Vereinigten Staaten gepaart mit einem
fast ebensolchen Ausmaß an sozialer
Mobilität, sowohl vertikal als auch
horizontal.
Diese einmalige amerikanische Qualität führt zu gesellschaftlichen Spannungen und gelegentlichen Auseinandersetzungen, aber sie
bedeutet auch größere Möglichkeiten
und mehr Innovation. Die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Berufsgruppen ist in den Vereinigten
Staaten
besonders
ausgeprägt.

�Rechtsanwälte
werden
Unternehmer.
Unternehmer
werden Präsidenten von
Universitäten.
Professoren
gründen
Unternehmen.
Filmschauspieler werden
Politiker - und sogar Staatsmänner.
Es scheint mir, daß die Deutschen im
Gegensatz
dazu
neigen, früh
eine
Laufbahn
einzuschlagen
und
dieser
treu zu bleiben. Natürlich hat auch
dies vorteile - der erfahrene deutsche Beamte, Politiker oder Unternehmer wird in seine Tätigkeit ein Maß
an Professionalismus, eine Reihe von
Fähigkeiten und eine historische Perspektive einbringen, die ihn befähigen, die sich entwickelnden Veränderungen in ihrer "langfristigen Perspektive" zu sehen. Deshalb besteht
bei der Entscheidungsfindung in der
Bundesrepublik ein größeres Maß an
Kontinuität als in den Vereinigten
Staaten, wo in der Regierung ein Kommen und Gehen herrscht und Führungskräfte in der Wirtschaft häufiger ihren Arbeitsplatz wechseln.
Man ist
deshalb eher kurzfristigem Denken und
schnellen Entschlüssen bei Problemlösungen zugeneigt.
Ich kann unsere grundlegenden Unterschiede am besten zusammenfassen,
indem ich sage, daß die geordnetere
und weniger mobile deutsche Gesellschaft ein Gefühl der Gemeinschaft
und der Zusammengehörigkeit fördert.
Wenn man dieser Gleichung noch den
Wohlfahrtsstaat hinzufügt, dann bekommt man als Ergebnis ein hochentwickeltes Gefühl dafür, daß das Resultat
jeglicher
gesellschaftlicher
Interaktion
letzlich
"fair"
sein
sollte.
Sozial, wirtschaftlich und politisch herrscht
in den Vereinigten
Staaten ein wesentlich rauheres Klima.
Nicht alle Beteiligten werden
zum gleichen Ergebnis kommen.
Aber
unsere Gesellschaft schafft jedem die
Möglichkeit, einen Versuch zu unter- 8

nehmen.
Kurzgesagt: wo die Gesellschaft der Bundesrepublik das Bedürfnis nach Fairneß betont, legt die
amerikanische Gesellschaft die Betonung auf die Möglichkeiten.
Die Erkenntnis, daß wir nicht
gleich sind, ist wichtig, wenn wir
verstehen sollen, warum wir von Zeit
zu Zeit auf gleiche Entwicklungen unterschiedlich
reagieren.
Und
was
ebenso wichtig ist: dies ist meiner
Meinung nach der beste Grund für uns,
unsere Beziehungen zu erhalten und zu
stärken.
Unser gemeinsames strategisches Interesse macht deutsch-amerikanische
Zusammenarbeit
erforderlich. Unsere gemeinsamen politischen
Werte ermöglichen diese Zusammenarbeit.
Es sind jedoch unsere unterschiedlichen Stärken und Schwächen,
die diese Zusammenarbeit so lohnend
machen können. Jeder bringt in unser
Verhältnis Dinge ein, von denen der
andere lernen und profitieren kann.
Während wir uns also auf die
neunziger Jahre vorbereiten, sollten
wir jetzt in ein neues Stadium unserer Beziehungen eintreten, eine Phase, in der sowohl Deutsche wie auch
Amerikaner realistischere Erwartungen
aneinander haben. Wir sollten in der
Lage sein, unsere Unterschiede zu erkennen, ohne von ihnen beunruhigt zu
werden und sowohl aus den Bereichen,
in denen wir uns unterscheiden, als
auch aus unseren Gemeinsamkeiten Nutzen zu ziehen.
Wir müssen uns vor Augen führen,
daß wir unveräußerliche Werte teilen,
die es gestatten, daß die zwischen
uns bestehenden Unterschiede Möglichkeiten
anstatt
Gefahren
bedeuten.
Das amerikanische Unternehmertum kann
von deutscher Stabilität, Kontinuität
und der Fähigkeit, langfristige strategische Planungen
vorzunehmen und
hochwertige
Waren
zu
produzieren,

�lernen. Die Deutschen können lernen,
indem sie beobachten - den amerikanischen Unternehmergeist, die Bereitschaft zum Risiko und die Vitalität
im Bereich der kleineren Unternehmen.
Die Amerikaner können von den Deutschen eine Menge in bezug auf Haushaltsdisziplin
und
Spargewohnheiten
lernen - aber den Deutschen würde es
gut anstehen, herauszufinden, wie die
Vereinigten Staaten ein solch schnelles Wirtschaftswachstum erreicht und
so viele Arbeitsplätze geschaffen haben.
Der
Lernprozeß
ist
mindestens
ebenso wichtig in anderen Bereichen
der Politik. Die Vereinigten Staaten
müssen zum Beispiel ihre Neigung zum
Unilateralismus
kontrollieren,
den
Entschluß fassen, sich nicht von der
Verteidigung Europas zurückzuziehen während die Deutschen und andere Europäer bereit sein sollten, außerhalb
Europas eine umfassendere Verantwortung für die Sicherheit zu übernehmen.
Kurzum:
wir können viel voneinander lernen und uns somit gegenseitig ergänzen - aber nur, wenn wir
einander verstehen.
Das neue Bewußtsein einer nationalen deutschen Identität auf beiden
Seiten des Atlantiks kann unter diesen Bedingungen in der Tat zur Stärkung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses beitragen. Umgekehrt können amerikanische und deutsche Fehleinschätzungen
äußerst
entzweiend
wirken.
Beispielsweise
sind viele
Deutsche immer noch davon überzeugt,
sie lebten in einem kleinen, schwachen Land, das zwischen zwei Supermächten eingekeilt
und unfähig zu
entscheidender
Einflußnahme
ist.
Diese deutsche Selbsteinschätzung ist
für viele Amerikaner schwer begreiflich. Sie betrachten die Bundesrepublik als eines der stabilsten, wohl- 9

habendsten,
demokratischsten
und
mächtigsten Länder der Welt - die
größte Handelsnation der Welt, die
wirtschaftlich den vierten und vom
Verteidigungsaufwand her den dritten
Platz in der Welt einnimmt.
Setzt
man diese Gegebenheiten voraus, dann
können die Amerikaner unschwer zu der
Schlußfolgerung
gelangen,
daß
die
Deutschen zusammen mit den Japanern
darauf bedacht sind, einen möglichst
großen Anteil des Weltmarktes zu erobern und gleichzeitig die Kosten und
Risiken der Bewahrung des Friedens
und eines stabilen Weltwirtschaftssystems
den
Vereinigten
Staaten
zu
überlassen.
Diese
Fehleinschätzung
erleichtert die Rechtfertigung egoistischer, unilateralistischer amerikanischer Maßnahmen - welche wiederum
in diesem Land Neigungen zu einer Inselmentalität verstärken.
Wie können wir es bewerkstelligen, daß wir einander besser verstehen? Wie ich schon festgestellt habe,
besitzen wir viele Wege, um uns zu
verständigen, um Informationen
und
Ideen
auszutauschen.
Bisweilen
scheinen die Institutionen, durch die
wir kommunizieren, uns jedoch daran
zu hindern, einander wirklich zu verstehen.
So spielt zum Beispiel an
amerikanischen Schulen und Universitäten
der
Deutschunterricht
eine
solch untergeordnete Rolle, daß die
meisten Amerikaner von dem reichen
Vermächtnis deutscher Geschichte und
Kultur ausgeschlossen sind. Deutsche
Bildungsstätten leisten Hervorragendes auf dem Gebiet des Englischunterrichts, präsentieren
jedoch
häufig
ein solch verzerrtes Bild der amerikanischen Gesellschaft und Politik,
daß der Lernende kaum verstehen kann,
was er in dieser Sprache sieht und
hört. Um nur ein einziges typisches
Beispiel zu nennen:
in einem Text
über Minderheiten in den Vereinigten
Staaten wird erklärt: "Spricht man

�von den Negern und den Puertorikanern, dann meint man nichtorganisierte
und
ungelernte
Arbeiter,
die
schlecht
bezahlte Arbeitsplätze in
Hotels, Restaurants, kleinen Fabriken
innehaben
oder
Sozialhilfeempfänger
sind". Der Autor, dem offensichtlich
völlig entgangen ist, daß Millionen
von schwarzen und puertorikanischen
Amerikanern hochgebildet und wohlhabend sind, macht sich der Verleumdung
Amerikas als rassistischer Gesellschaft schuldig.
Austauschprogramme tragen, unabhängig davon, ob sie aus öffentlichen
oder privaten Mitteln gefördert werden, in hohem Maße dazu bei, die Menschen einander näher zu bringen und
das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Die Einfühlungsvermögen und
Verständnis für eine andere Kultur
hervorbringende persönliche Erfahrung
ist noch immer unersetzlich.
Bedauerlicherweise ist jedoch die Zahl der
Teilnehmer an solchen Programmen begrenzt.
Die Vereinigten Staaten und
die Bundesrepublik Deutschland führen
eine
Vielzahl
unterschiedlichster
Austauschprogramme
durch, aber die
sich jährlich auf einige tausend belaufende
Teilnehmerzahl
entspricht
nur einem Bruchteil der Bevölkerung
beider Länder.
Die Buchindustrie ist ein weiterer großer Kommunikator der Gesellschaft, mit dessen Hilfe eine Fülle
von Informationen von einem Land ins
andere getragen und vermittelt werden. Dennoch ist auch sie einer Reihe harter wirtschaftlicher Zwänge unterworfen - es reicht nicht aus, ein
gutes Buch zu veröffentlichen - es
muß auch verkauft werden. Die Ergebnisse sind vorhersehbar.
Eine kürzlich vom US-Informationsamt
(United
States Information Agency - USIA) erstellte Studie kam zum Beispiel zu
dem Ergebnis, daß es, trotz der in

jedem Jahr von deutschen Verlegern
übersetzten und auf den Markt gebrachten Vielzahl amerikanischer Titel schwierig ist, von Amerikanern
geschriebene
Bücher
über
amerikanische Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft in deutschen Bücherregalen
zu finden. Sachbücher verkaufen sich
in der Bundesrepublik nur in Ausnahmefällen so gut wie etwa Lee Iacoccas
Autobiographie. Die Anzahl wichtiger
deutscher Bücher, die übersetzt und
in Amerika herausgegeben werden, ist
natürlich noch geringer.
in der Welt von heute sind die
wichtigsten Kommunikationsinstitutionen
zweifelsohne
die Massenmedien,
worunter ich Zeitungen, Zeitschriften, Radio und natürlich vor allem
das Fernsehen verstehe.
Die meisten
Menschen beziehen das Gros ihrer Informationen
aus
den
Medien.
Abschließend möchte ich daher gerne einige Anmerkungen über den Journalismus und die Medien machen, weniger
aus theoretischer Sicht als aus meiner eigenen Erfahrung als Journalist.
Paradoxerweise führen die bloße
Fülle der von den Medien verarbeiteten Informationen, die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung und ihr intensiver Wettbewerb allzu häufig zu einer Berichterstattung, die trivial,
oberflächlich und sogar konformistisch ist.
Dies gilt in besonderem
Maße für das Fernsehen, zweifelsohne
das spektakulärste Produkt der Revolution in der Kommunikationstechnologie. Erst vor 50 Jahren verließen
die ersten Fernsehgeräte die Forschungslabors.
Der Preis war unerschwinglich, das Bild
schrecklich,
und es gab sowieso wenig, was man
sich ansehen konnte.
Heute ist das
Fernsehen sowohl in Amerika und - in
zunehmendem Maße - in Europa einer
der größten Industriezweige.

�Meinungsumfragen
belegen,
daß
sich die Menschen immer mehr auf das
Fernsehen als erste Informationsquelle über Ereignisse in der Welt verlassen.
Die
Aufmerksamkeit
der
"Fernsehgeneration"
ist von kurzer
Dauer, über die internationalen Themenkomplexe erfährt sie zumeist aus
den nur 30 bis 60 Sekunden dauernden
Sequenzen
in den Abendnachrichten.
Der Bürger von heute, der häufig unter zeitdruck steht, ist meist glücklich darüber, daß das Fernsehen die
scheinbar
wichtigsten
Fakten
so
schnell zur Verfügung stellen kann.
Meine
eigenen
Erfahrungen
als
Journalist haben mir zu der Überzeugung verholfen, daß das Fernsehen die
traditionelle Schwäche des Journalismus noch verschärft - um so mehr als
die gedruckten Medien, die zwangsläufig
zur Bereitstellung
eingehender
Informationen
besser
ausgerüstet
sind, beim Wetteifern um die begrenzte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
den Stil des Fernsehens zu imitieren
suchen.
Zum Beispiel zwingt das Fernsehen
den Journalisten mehr denn je, möglichst der erste mit einer Nachricht
zu sein. Einen anderen Fersehsender
um nur ein paar Minuten "auszustechen" könnte bedeuten, man kommt in
die Abendnachrichten und der andere
nicht.
Sie heimsen die Lorbeeren
ein, und er bekommt Xrger.
Für
ernsthafte
Analysen
bleibt
keine
Zeit.
Das Ergebnis des "Sensationsjournalismus" ist, daß Journalismus
als Beruf nicht diejenigen anzieht,
die komplexe Themenbereiche im einzelnen untersuchen wollen.
Der ständige Zwang zu einer Erstmeldung führt auch zu "Herden Journalismus" und dem Problem unzusammenhängender Nachrichten.
Die Journalisten versuchen sich vor dem Ausste-

chen durch eine Erstmeldung zu schützen, indem sie sich jeden Tag oder
jede Woche
untereinander
für
ein
Leitthema entscheiden. Jeder konzentriert sich in höchstem Maße auf dieses Thema - bis zur nächsten Woche,
wenn ein anderes Thema herausgegriffen wird. Wir können aus einer Vielzahl von Fernsehkanälen
auswählen,
aber nur allzu häufig wird über diesselben Nachrichten - und wenig anderes - auf jedem Kanal berichtet. Als
Ergebnis dessen ist das welterschütternde Problem von heute morgen bereits vergessen.
Der Öffentlichkeit
wird keine Gelegenheit gegeben - erst
recht nicht durch die Darstellung im
Fernsehen
- sich zu umfassenderen
Themenkomplexen eine Meinung zu bilden. Die Diskussion über die Mittelstreckenraketen ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Vor vier Jahren konzentrierten sich alle Nachrichten über INF auf die Stationierung
der
amerikanischen
Raketen.
Heute ist ihre Beseitigung, zusammen
mit den entsprechenden sowjetischen
Waffen, das Hauptthema. Aber die Medien stellen keine Verbindung zwischen diesen beiden Themen her - tragen nichts zum Verständnis der Öffentlickeit bei, daß die Stationierung von gestern die unabdingbare
Voraussetzung für das historische Abkommen von heute war.
Das Fernsehen verschärft auch den
traditionellen Hang der Journalisten
zur Übertreibung. Die Reporter haben
immer gewußt, daß es Geschichten von
"menschlichem Interesse" bedarf, um
Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen. Aber das Fernsehen trägt die
Nachrichten mit nie dagewesener Dramatik in unsere Wohnzimmer - Abend
für Abend leben wir mit den Schrecken
von Vietnam oder Beirut, dem Terror
des jüngsten Geiseldramas, mit apokalyptischen Visionen dessen, was mit
Tschernobyl, dem Einleiten von chemi-

- 11 -

�kalien in den Rhein, der explosiven
Lage am Persischen Golf auf uns zukommen wird. Die Fähigkeit des Fernsehens, jede einzelne Nachricht zu
dramatisieren, wirft zwangsläufig die
Frage auf, ob der Zuschauer dadurch
besser informiert wird - oder einfach
zu einer emotionaleren Betrachtungsweise gelangt und häufig komplexe Ereignisse nur als Zusammenprall von
Gut und Böse versteht, die sich in
nichts von den jüngsten HollywoodProdukten unterscheiden.
Was heute nicht fotografiert und
im Fernsehen übertragen werden kann,
hat
keinen
Nachrichtenwert.
Der
Krieg zwischen Iran und Irak ist
einer der blutigsten und zerstörerischsten Konflikte der jüngsten Geschichte - und dennoch besteht, weil
die Kombattanten das Fernsehen vom
Kriegsschauplatz ferngehalten haben,
in der westlichen Öffentlichkeit wenig Sorge darüber, was mit den Menschen dieser beiden Länder geschieht
- und wenig Bereitschaft, eine Politik zur Beendigung des Krieges zu unterstützen.
Natürlich ist das Fernsehen nicht
der alleinige Sündenbock.
unter den
Journalisten herrscht auch ein gewisser "Standesdünkel", der einer Entfaltung echter Sachkenntnis zuwiderläuft.
Von jedem Journalisten wird
erwartet, ein Allroundgenie zu sein,
das mit der gleichen Gewandtheit über
jede Geschichte berichten kann, sei
es die Hochzeit im Lokalteil oder
komplexe
RüstungskontrollVerhandlungen. Das Ergebnis ist allzu häufig,
daß der Leser oder Zuschauer nur eine
entsprechend oberflächliche Berichterstattung über jede Geschichte erhält. Die meisten Journalisten, die
sich mit komplizierten
politischen
Fragen auseinandersetzen, sind intelligent und haben ihr Metier von der
Pike auf gelernt, aber vielen mangelt
- 1

es an der Sachkenntnis, über diese
Sachverhalte im Zusammenhang zu berichten.
Es ist offenkundig, daß die Probleme der Medien in Europa und Amerika nicht identisch sind. In den Vereinigten Staaten machen kommerzielle
Interessen und der Medienwettbewerb
die Nachrichtenberichterstattung häufig zu einer Art Unterhaltungssendung. Dies führt notwendigerweise zu
Oberflächlichkeit.
Aber während unsere Nachrichtenmedien vielleicht zu
sehr
auf
Wettbewerb
ausgerichtet
sind, trifft dies für Ihre nicht in
ausreichendem
Maße zu.
Staatliche
Einflußnahme und Subventionen führen
zu Konformität der Medien und Politisierung der Nachrichten - die Öffentlichkeit erhält gelegentlich nur einen Aspekt einer Geschichte und nur
einen Teil der Fakten.
Dies gilt
wiederum insbesondere für das Fernsehen. Die Zunahme der privaten Kabelund Satellitenfernsehsender
in der
Bundesrepublik ist daher, denke ich,
eine positive Entwicklung, die ermutigt werden sollte. im weiteren Sinne würde sogar eine Lockerung des Telekommunikationsmarktes in der Bundesrepublik in starkem Maße zu einer
Vielfalt - und damit Qualität - der
jedermann zur Verfügung stehenden Informationen beitragen.
In diesem Zeitalter der Information müssen wir uns bewußt sein, daß
die Medien zum wichtigsten Teilnehmer
am politischen Prozeß geworden sind.
Sie haben aufgehört, bloße Beobachter
zu sein - wenn sie das je waren. Hohe Regierungsvertreter und leitende
Geschäftsführer verbringen viel zeit
damit, sich Gedanken zu machen, wie
sie und ihre Entscheidungen in der
Presse
dargestellt werden.
Häufig
sind es die Medien, von denen die Tagesordnung des öffentlichen Interesses bestimmt wird, indem sie die Auf-

t

\

'

�merksamkeit auf ein bestimmtes Thema
lenken. Ebenso häufig setzen die Medien die Handlungsparameter,
indem
sie bestimmte politische Ansätze als
gut und andere als schlecht bezeichnen.
Sollten ihnen meine Ausführungen
kritisch erschienen sein, so hoffe
ich doch, daß ich auch dem schwierigen Auftrag der Medien gerecht geworden bin.
Dennoch
haben wir
das
Recht, zu fordern, daß die Medien
sich selbst verbessern.
Die Medien
sind eine der mächtigsten Institutionen unserer Gesellschaft.
Wie jede
andere mächtige
Institution müssen
sie der übrigen Gesellschaft gegenüber verantwortlich sein. Die Medien
sollten zur Lösung unseres Problems
gegenseitiger
Fehleinschätzung
beitragen, und nicht Teil des Problems
sein.
Aber wir können nicht die ganze
Schuld den Medien anlasten oder ihnen
die gesamte Verantwortung dafür aufbürden, uns zu besser informierten
Menschen zu machen. Es ist von vordringlicher Bedeutung, daß politische
Entscheidungsträger, insbesondere die
Experten auf dem Gebiet der Außenpolitik, aktiv an der Unterrichtung der
Öffentlichkeit über komplexe Sachverhalte mitwirken. In diesem Zusammenhang habe ich mich besonders gefreut,
kürzlich
durch
Herrn
Professor
Biedenkopf
von
den
Plänen
des
Bertelsmann-Unternehmens zu erfahren,
regelmäßig stattfindende Treffen in
unseren beiden Ländern ins Leben zu
rufen, bei denen Experten und politische Entscheidungsträger mit Journalisten
zu eingehenden
Gesprächen
über die Hauptprobleme deutsch-amerikanischer Beziehungen zusammenkommen
werden.
Das ist genau die Art von
Unterstützung, die wir dem ernsthaften Journalisten gewähren müssen, der
zum besseren Verständnis zwischen un-

seren beiden Ländern beiträgt.
Es reicht nicht aus, Lippenbekenntnisse zum Recht der Öffentlichkeit auf wissen abzulegen - wir müssen auch der Tatsache Rechnung tragen, daß eine verantwortungsbewußte
Öffentlichkeit verstehen muß - denn
in einer Demokratie kann der Mangel
an Verständnis seitens der Öffentlichkeit effektives Regieren unmöglich machen. Angesichts der Wirkung
der Medien auf den Entscheidungsprozeß
kann
die
Trivialisierung
der
Nachrichten auch die Trivialisierung
der Regierungspolitik bedeuten.
Der
politische Entscheidungsträger sollte
erkennen, daß die Medien für das Verständnis unabdingbar sind, und daß
Journalismus - ebenso wie Politik,
Diplomatie, Handel oder wissenschaftliche Forschung - einer der entscheidenden Berufe des öffentlichen Lebens
ist. Wir müssen die Journalisten wie
unseresgleichen behandeln.
Für diejenigen unter uns, die mit
der Verbesserung des europäisch-amerikanischen Verständnisses beauftragt
sind, ist es frustrierend, daß so
viele Fehleinschätzungen anscheinend
unzugänglich
für Korrekturen durch
die Fülle von Informationen sind, die
über den Atlantik hin und her geschickt werden.
Unsere gemeinsamen Werte und Interessen sind jedoch ungleich größer
als unsere Unterschiede - und selbst
unsere Unterschiede bergen - wie ich
versucht habe, herauszuarbeiten - in
sich den Keim der fruchtbaren Zusammenarbeit. Wenn wir unsere Sensibilität
für Unterschiede entwickeln,
dann glaube
ich, daß
die
"reife
deutsch-amerikanische Partnerschaft",
von der ich so häufig gesprochen habe, Realität wird und nicht länger
nur eine Zielvorstellung bleibt.
* * * * * *

- 1

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