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AMERIKA DIENST
Sonderdienst
4. November 1987
DIE WELTWIRTSCHAFT:

PERSPEKTIVEN FÜR EINE GETEILTE VERANTWORTUNG

Ansprache des amerikanischen Botschafters,
Richard R. Burt
vor der
Amerikanischen Handelskammer in der Bundesrepublik,
Atlantik-Brücke,
Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar
Weißer Saal, Neues Schloß
Stuttgart
am 4. November 1987

Sperrfrist:

Mittwoch, 4. November 1987, 18.00 Uhr (MEZ)

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Herr Ministerpräsident Späth,
Herr Oberbürgermeister Rommel,
Generalbundesanwalt Rebmann,
Herr General Crowell,
General Child,
Herr Leibinger,
Professor Dr. Thümmel,
Herr Dr. Bechtle,
meine Damen und Herren.

Ich danke Herrn Ministerpräsident
Späth für seine freundlichen Begrüssungsworte. Ferner danke ich der Industrie- und Handelskammer Mittlerer
Neckar, der Repräsentanz
Stuttgart
der Amerikanischen Handelskammer in
Deutschland
sowie
der
Außenstelle
Baden-Württemberg der Atlantik-Brücke
für die Möglichkeit, heute abend hier
sein zu können.
Ich freue mich immer wieder über
einen Besuch in dem von Dynamik geprägten
Südwesten Deutschlands und
besonders in dieser schönen Stadt,

die in den deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Kriege solch einen
besonderen Stellenwert einnimmt. Bei
den Zusammentreffen mit Ihrem tatkräftigen
Ministerpräsidenten
und
zahlreichen
anderen Vertretern
des
politischen, kulturellen
und wirtschaftlichen Lebens in Baden-Württemberg habe ich einen nachhaltigen Eindruck von der Intensität und Ernsthaftigkeit
deutsch-amerikanischer
Partnerschaft in dieser Region gewonnen.
Baden-Württemberg

zählt

zu

den

�wohlhabendsten und produktivsten Regionen der Bundesrepublik und pflegt
im Handels- und
Investitionsbereich
enge Verbindungen mit den Vereinigten
Staaten und vielen anderen Ländern
der Welt.
Der Handel zwischen den
Vereinigten Staaten und dem Südwesten
der Bundesrepublik beläuft sich jährlich auf
mehr
als
20 Milliarden
D-Mark.
Angesichts
einer
solchen
Außenhandelstätigkeit
liegt es auf
der Hand, daß internationale wirtschaftliche Entwicklungen für BadenWürttemberg von existentiellem Interesse sind.
Meine Damen und Herren, die jüngsten Turbulenzen auf den Wertpapiermärkten
hielten die Aufmerksamkeit
der Welt gefangen.
Es ist unerläßlich, daß wir das
Geschehene prüfen und versuchen, unsere Lehren daraus zu ziehen.
Aber
es ist wichtig, daß wir dabei ruhig
und analytisch vorgehen und uns nicht
von Emotionen leiten lassen. Insbesondere aber sollten wir wirtschaftlichen Nationalismus und gegenseitige
Schuldzuweisungen vermeiden.
Die Ereignisse der
vergangenen
drei Wochen haben eindeutig gezeigt,
daß die Weltwirtschaft noch stärker
verflochten ist, als wir dies bisher
angenommen hatten.
Auf sehr plastische Weise sehen wir uns mit den
Konsequenzen
der
Interdependenz in
der Weltwirtschaft konfrontiert.
Es
ist daher an der Zeit, nicht länger
anklagend den Zeigefinger zu erheben.
Statt dessen müssen wir jetzt die
Lehren aus dieser Krise ziehen - nämlich, daß die Weltwirtschaft dringend
ein
System geteilter
Verantwortung
benötigt. Es gibt keinen Ersatz für
die gemeinsame Führungsrolle der maßgeblichen Handelsländer.
Bundesbankpräsident Pohl hat sich zu Beginn
dieser Wochen in New York ähnlich ge-

äußert. Gegenüber dem American Council on Germany erklärte Herr Pohl:
"Es gibt keine Alternative zur engen
Zusammenarbeit von Politikern in einer Welt, in der die Märkte so eng
verflochten
sind
und
Schockwellen
nicht auf ein Land beschränkt werden
können."
Ich stimme voll und ganz
mit ihm überein.
Im Verlauf der letzten 40 Jahre
sind wir Zeugen eines tiefgreifenden
Wandels in der Weltwirtschaft geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis
in die fünfziger und sechziger Jahre,
als Europa und Japan sich allmählich
von der Verwüstung und den Erschütterungen des Krieges erholten, waren
die Vereinigten Staaten dem Rest der
Welt wirtschaftlich überlegen.
Aber
in den vergangenen 15 Jahren hat das
Kräfteverhältnis
in
der
Weltwirtschaft einen bemerkenswerten Wandel
erfahren. Heute treten Japan und Europa, angeführt von der Bundesrepublik Deutschland, als gleichwertige
Wirtschaftspartner
der
Vereinigten
Staaten in Erscheinung.
Japan und
die Bundesrepublik allein sind für
nahezu ein Fünftel des Welthandels
verantwortlich, so daß eine in Tokio
oder Bonn eingeschlagene Politik bedeutende weltweite Auswirkungen hat.
Aber haben sich politische Entscheidungsprozesse in der Weltwirtschaft
diesen Realitäten
angepaßt?
Die effektive Organisation der heutigen mehrpoligen Weltwirtschaft erfordert eine neue Art der Zusammenarbeit. Sie verlangt, daß die Bundesrepublik, Japan und die anderen führenden Industrieländer ihre Rolle und
ihre Verantwortung neu überdenken und
demgemäß handeln.
Es ist ernüchternd, wenn man sich
vor Augen führt, daß die internationale Gemeinschaft sich bereits in der
Vergangenheit dieser Herausforderung

- 2 -

�gegenübersah und an ihr versagte. Im
19. und frühen 20. Jahrhundert hatte
Großbritannien die Vorherrschaft in
der Weltwirtschaft inne.
Der Welthandel wurde von London aus beherrscht, Großbritannien
belieferte
den Markt und stellte die zur Führung
der
Weltwirtschaft
erforderlichen
Mittel bereit. Nach dem Ersten Weltkrieg begann dieses System zu brökkeln. Gegenüber Großbritannien stieg
die
wirtschaftliche
Macht
anderer
Länder - insbesondere der Vereinigten
Staaten - an, und es wurde immer komplizierter, eine Führungsrolle in der
Weltwirtschaft zu übernehmen.
Großbritannien suchte die Unterstützung
und Kooperation der Vereinigten Staaten.
Aber bei uns war die Stimmung
von Isolationismus und die Außenpolitik von Protektionismus geprägt. Der
Kongreß
verfügte
die
berüchtigten
Smoot-Hawley-Zölle,
mit
denen
die
Weltwirtschaft praktisch zum Stillstand kam und die Große Depression
der dreißiger
Jahre noch vertieft
wurde.
In den letzten drei Wochen haben
wir eine dringende Warnung erhalten:
die Weltmärkte erfordern eine koordinierte
und effektive
Führungsrolle
der Regierungen.
Es ist zwingend
notwendig, daß die führenden Industrieländer
die
Bundesrepublik,
Japan und die Vereinigten Staaten bei der Kontrolle der Kräfte auf den
Weltmärkten
zusammenarbeiten.
Und
den geeignetsten Ausgangspunkt hierfür bietet der Handel.

II. Handel
Der Handel bildet den Grundstein
der heutigen integrierten Weltwirtschaft.
Gegenwärtig befinden sich Welthandel und Zahlungsverkehr nicht im

Gleichgewicht. Bei den beiden größten Handelsländern - den Vereinigten
Staaten und der Bundesrepublik - besteht im Handel ein erhebliches Ungleichgewicht. Die Vereinigten Staaten importieren für 150 Milliarden
Dollar mehr im Jahr als sie exportieren.
Bei der Bundesrepublik übertrifft der Export den Import um 110
Milliarden D-Mark.
In einem dynamischen
multilateralen
System
herrscht bei den Handelsbilanzen selten ein vollständiges Gleichgewicht.
Aber das erhebliche Ungleichgewicht
im Handel der Vereinigten Staaten,
der Bundesrepublik, Japans und anderer Haupthandelsländer ist nicht normal, nicht erträglich und kaum vereinbar mit einer langfristigen Stabilität im internationalen Handel und
Zahlungsverkehr.
Ich möchte mich jetzt dem amerikanischen
Handelsdefizit
zuwenden.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nahezu jeder der Meinung, daß das starke
amerikanische Wachstum die Attraktivität unserer Währung erheblich erhöhte. Das Ergebnis war ein überbewerteter Dollarkurs, der die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Produkte im In- und Ausland
untergraben
hat.
Angegriffen
vom Wechselkurs,
der schwindenden Inlandsnachfrage in
hochverschuldeten Entwicklungsländern
und relativ geringem Wachstum außerhalb der Vereinigten Staaten stagnierten unsere Exporte, während die
Importe
ins Unermeßliche
gestiegen
sind.
Manche behaupten, das Handelsdefizit spiegele die minderwertige Qualität amerikanischer Produkte wider
oder
den Niedergang
amerikanischer
Produktivität oder irgendein anderes
grundsätzliches
Problem der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit.
Aber
die Tatsachen leisten dieser Meinung
keinen Vorschub.

- 3 -

�Bis zum Jahr 1981, das heißt, bis
der Dollar eine Wertsteigerung erfuhr, hatten die Vereinigten Staaten
einen
erheblichen
Handelsüberschuß.
Es scheint schwer vorstellbar, daß
die Qualität amerikanischer Produkte
in so kurzer Zeit so rapide abgenommen haben soll.
Vielmehr hat das
amerikanische
Management
unter dem
Druck preiswerter Importe seine Kosten auf ein Minimum zurückgeschraubt
und somit im Hinblick auf Produktivität und Effizienz erhebliche Verbesserungen erzielt. Das ist nicht ohne
erhebliche Kosten und Anpassungen im
Inland erreicht worden. Der Wert der
Betriebsvermögen
ist gefallen, und
Unternehmen,
Banken
und
landwirtschaftliche
Betriebe
mußten
ihre
Pforten schließen. Aber als Ergebnis
stehen amerikanische Geschäftsbetriebe heute besser da als in vielen Jahren zuvor, um den Herausforderungen
des in- und ausländischen Wettbewerbs
zu begegnen.
Wie die Verbraucher in der Bundesrepublik bevorzugen auch die Amerikaner
Fernsehgeräte,
Fotokopierer
und Videorecorder aus Japan.
Aber
auch wir stellen Produkte her, für
die in der Welt Nachfrage besteht.
Im vergangenen Jahr erreichten die
amerikanischen Exporte in die Bundesrepublik Deutschland einen Gesamtwert
von 27 Milliarden D-Mark.
Für die
Bundesrepublik sind die Vereinigten
Staaten
der
führende
ausländische
Lieferant für Computer-Hardware and
Software. Die amerikanischen Exporte
von Maschinen, Transportausrüstungen
und
Präzisionsinstrumenten
beliefen
sich auf nahezu elf Milliarden D-Mark.
Makroökonomische
Faktoren
haben
heute den größten Einfluß auf den
amerikanischen Handel.
Die Beweise
für diese Behauptung treten gerade
jetzt zutage.
Aufgrund der augenblicklichen
hohen
Dollarabwertung

zeigen die Handelsdaten nach heutigem
Dollarkurs weiterhin ein erhebliches
Defizit der Vereinigten Staaten an.
Zieht man den Schleier des Geldes jedoch einmal beiseite, dann erkennen
wir einen schnellen Anstieg amerikanischer Exporte: im August um 15
Prozent jährlich, während unsere Importe real weder fallen noch steigen.
Dies bedeutet nicht, daß wir unsere Exportleistungen nicht noch verbessern könnten. Die Größe des amerikanischen
Binnenmarktes macht es
vielen Firmen immer noch leicht, die
Komplexität
des
Welthandels
außer
acht zu lassen. In unserem Land bestehen Gesetze und Vorschriften, die
Exporte sogar abschrecken.
Und im
Hinblick auf die für Erfolge auf Auslandsmärkten notwendigen langfristigen und geduldigen Anstrengungen müssen wir noch viel von Europa und
Japan lernen.
Wir müssen Sprachen
lernen und uns mit fremden Kulturen
vertraut machen; wir müssen lernen,
unsere Produkte ausländischen Normen
und Geschmacksrichtungen besser anzupassen.
Was wir jedoch nicht benötigen,
sind die Rezepte der Protektionisten.
Leider ist es für die Befürworter
des Protektionismus nur allzu leicht,
ihre Ansichten zu rechtfertigen. Sie
können anführen, daß amerikanischen
Herstellern ausländische Märkte nicht
in demselben Maß offenstehen, wie der
amerikanische Markt ausländischen Anbietern zugänglich ist. Zu viele europäische Regierungen subventionieren
und schützen zu viele heimische Industrien.
In der Bundesrepublik sind
Subventionen
ein solch
anerkannter
Bestandteil
des
Wirtschaftslebens,
daß man über deren verzerrende Wirkungen erst jetzt ernsthaft zu diskutieren beginnt.

- 4 -

�Allein
in
der
Bundesrepublik
Deutschland sind fast 10 Milliarden
D-Mark an Subventionen in das AirbusProgramm geflossen.
Ein Teil davon
wird zurückgezahlt werden, das meiste
jedoch nicht. Die Schaffung und Erhaltung
einer
Luftfahrtindustrie
durch Subventionen fördert im In- und
Ausland eine ineffiziente internationale Verteilung von Mitteln. Letztlich zahlen die Verbraucher in der
ganzen Welt mehr für weniger. In der
vorigen Woche haben sich amerikanische und europäische Unterhändler
erfolgreich darum bemüht, einen Rahmen zu erstellen, um unsere Meinungsverschiedenheiten in bezug auf den
Airbus beizulegen.
Eine meiner Meinung nach annehmbare Lösung wird jedoch den Abbau von Subventionen und
mehr Transparenz der Unterstützungsprogramme für den Airbus erfordern.
Auch die Politik im Telekommunikationswesen
muß überdacht werden.
Hier erleben wir schnelle Veränderungen sowohl bei den Technologien wie
auch bei den institutionellen Organisationsformen.
Auch in diesem Bereich stellen wir fest, daß der Markt
die treibende Kraft des technologischen Wandels ist.
Der internationale Wettbewerb auf
dem
Telekommunikationssektor
drängt
die Unternehmen nicht nur dazu, in
schnellerem Tempo billigere und bessere Geräte und Dienstleistungen zu
erfinden. Die umfangreiche Einbeziehung von Wettbewerbskräften hat das
Telekommunikationswesen in den Vereinigten
Staaten,
Großbritannien,
Japan und Frankreich gestärkt.
Auch
die Bundesrepublik Deutschland wird
endlich von diesem Wandel erfaßt.
Die von Professor Witte geleitete Regierungskommission für die Neuordnung
des Fernmeldewesens hat vor kurzem
ihren Bericht vorgelegt. Die Kommission hat sorgfältige und durchdachte

Arbeit
geleistet.
Unserer
Meinung
nach
verdienen
ihre
Empfehlungen
ernsthafte, schnelle und wohlwollende
Beachtung, denn auch hier kann eine
ängstliche und starre Haltung uns allen nur Schaden zufügen.
Das
schwerwiegendste
und
vordringlichste
Problem
des
heutigen
Welthandels ist jedoch die Landwirtschaft. Ganz offen gesagt, haben wir
es mit einer Krise zu tun. Die Kosten landwirtschaftlicher Unterstützungsprogramme sind außer Kontrolle
geraten.
Die Steuerzahler in der Europäischen
Gemeinschaft
werden
dieses
Jahr 26 Milliarden Dollar und die
Verbraucher zusätzlich 40 Milliarden
Dollar ausgeben, um die Gemeinsame
Agrarpolitik
zu unterstützen.
Der
Großteil dieser Gelder wird die Bauern noch nicht einmal erreichen! Dem
EG-System zufolge kostet es den Steuerzahler eine Mark fünfzig, um dem
Erzeuger eine Mark zukommen zu lassen. Es wäre sehr viel billiger, dem
Produzenten direkt die eine Mark zu
geben.
Innerhalb von wenigen Jahren ist
die Europäische Gemeinschaft vom Importeur von Agrarprodukten zu einem
Hauptexporteur geworden.
Die EG ist
heute der Welt größter Exporteur von
Butter,
Geflügel,
Rindfleisch
und
raffiniertem Zucker.
Die
Überschüsse
sind
riesig.
Eine Bonner Verbrauchergruppe berichtete kürzlich, daß die Europäische
Gemeinschaft im vergangenen Jahr über
zweieinhalb Millionen Tonnen Früchte
und Gemüse vernichtet hat.
Sie erklärte weiter, daß dieses Vernichtungsprogramm Kosten von 500 Millionen
D-Mark
verschlang, wovon
ein
Drittel auf den deutschen Steuerzahler entfiel. Die Menge vernichteter

- 5 -

�Tomaten, Pfirsiche, Spfel und anderer
Erzeugnisse war so hoch wie die halbe
Jahresproduktion
der
Bundesrepublik
Deutschland.
Aber im Agrarbereich sieht unsere
Bilanz nicht viel besser aus als Ihre. Auch uns bedrücken Subventionen
und Überproduktion.
Auf beiden Seiten des Atlantiks
ruinieren wir nicht nur uns selbst,
sondern wir fügen auch Freunden und
Verbündeten
in Industrie- und Entwicklungsländern Schaden zu.
Zur Bewältigung dieser Krise haben die Vereinigten Staaten bei der
gegenwärtig in Genf tagenden UruguayRunde multilateraler Handelsgespräche
einen
umfassenden
Reformvorschlag
vorgelegt.
Wir schlagen vor, praktisch alle Agrarsubventionen und Handelsschranken innerhalb einer Zehnjahresfrist auslaufen zu lassen.
Kritiker haben unseren Vorschlag
utopisch, naiv oder noch schlimmer
genannt. Aber da so viele unter uns
für eine so geringe Gegenleistung so
viel bezahlen, ist eindeutig die Zeit
des Handelns gekommen. Kein Land allein kann die heutigen Praktiken abschaffen, ohne durch die Maßnahmen
anderer schwer geschädigt zu werden.
Die einzige Hoffnung bietet ein umfassendes
internationales
Abkommen,
mit dem jeder zu einheitlichem Vorgehen und einem einheitlichen Zeitplan
verpflichtet wird.
Wir wissen, daß
dies ein sehr ehrgeiziges Unterfangen
ist und
daß eine
Einigung
nicht
schmerzlos sein wird.
Wenn wir jedoch Erfolg haben, werden die Vorteile für die Landwirtschaft der Welt,
den Welthandel und eine gesunde Weltwirtschaft alle Mühen und Anstrengungen wert sein.

III. Makroökonomische Politik und
Wachstum
Dies sind jedoch Ziele für die
Zukunft. Lassen Sie mich zur Gegenwart zurückkehren.
Heute befürchten
viele eine Rezession. Manchmal vergessen wir, daß sich die führenden
Industrieländer vor sechs Jahren in
einer solchen befanden. Die Arbeitslosigkeit stieg jährlich um fünf Millionen, und die Inflationsrate betrug
nahezu zehn Prozent. Es gab Spekulationen über einen Anstieg des ölpreises auf über 50 Dollar pro Faß und
Sorgen wurden laut, einige der großen
Schuldnerländer der Dritten Welt seien der Zahlungsunfähigkeit nahe.
Heute sind die meisten OECD-Länder
von
Wohlstand
geprägt.
Die
durchschnittliche Inflationsrate ist
noch nicht einmal halb so hoch wie
vor fünf Jahren.
Die Verschuldung
der Dritten Welt ist weiterhin ein
Problem, aber die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit ist erheblich geringer geworden.
Die amerikanische Wirtschaft war
die treibende Kraft hinter dieser bemerkenswerten Kehrtwendung. Wir sind
im Begriff, die längste Periode anhaltenden Wirtschaftswachstums in unserer modernen Geschichte zu verzeichnen. In den letzten drei Jahren
stieg
das Bruttosozialprodukt
real
jährlich
um
durchschnittlich
fast
vier
Prozent.
Die
Inflationsrate
fiel von über zehn Prozent in den
frühen achtziger Jahren auf ein Niveau von nur ein Prozent im vergangenen Jahr, und auch dieses Jahr bleibt
der Preisanstieg
gering.
Fast 14
Millionen neuer Arbeitsplätze wurden
in den vergangenen fünf Jahren in den
Vereinigten Staaten geschaffen.
Professor
Lester
schaftswissenschaftler

- 6

Thurow, Wirtam
Massachu-

�setts Institute of Technology, hat
geschätzt, daß das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten zusätzlich zu neuen Arbeitsplätzen in
der amerikanischen Wirtschaft sechs
Millionen Arbeitsplätze in Europa und
Japan geschaffen hat. Ohne das amerikanische Wirtschaftswachstum in den
achtziger
Jahren wären Europa und
Japan heute damit beschäftigt, sich
von einer Rezession zu erholen, anstatt sie zu verhindern.
Wie Sie sicherlich wissen, hat
das amerikanische Wirtschaftswachstum
der letzten Jahre jedoch auch seinen
Preis
gefordert.
Die
Vereinigten
Staaten verzeichnen heute sehr hohe
Defizite
in Haushalt
und Handel.
Wirtschaftswissenschaftler
sind
bekannt dafür, daß sie über fast alles
unterschiedlicher Meinung sind. Über
einen Punkt sind sich jedoch fast alle einig:
Diese in der Weltwirtschaft
bestehenden
Ungleichgewichte
in Finanzwesen und Handel - einschließlich der amerikanischen Haushalts- und Handelsdefizite - lassen
sich nicht aufrechterhalten.
Langfristig werden die Wirtschaftskräfte
uns wieder ins Gleichgewicht zurückdrängen.
Die Kurseinbrüche an den Aktienmärkten könnten uns jedoch zum Teil
die Botschaft vermitteln, daß langfristige
Perspektiven
ungemütlich
kurz werden. Anpassung - eine Rückkehr zum Gleichgewicht - wird stattfinden, gleichgültig, ob wir uns dagegen wehren oder sie fördern.
Die
Wahl vor der wir stehen - und es ist
unsere einzige Wahl - ist, ob wir uns
auf einem hohen Handelsniveau durch
Wachstum oder auf einem niedrigen
durch Rezession anpassen.

IV.

Anpassung

Welchen Weg könnte die Anpassung
einschlagen?
Einige vertreten die
Auffassung, daß Protektionismus der
Weg zur Wiederherstellung des Gleichgewichts ist. Sie glauben, daß verminderter Zugang ausländischer Produkte zu den amerikanischen Märkten
der einfachste und logischste Weg zur
Verringerung des Handelsdefizits der
Vereinigten Staaten ist.
Eine Verlangsamung
der amerikanischen Konjunktur wäre eine weitere Möglichkeit.
Wenn wir in den Vereinigten
Staaten die Bremse anziehen, würden
sich die Importe verringern und das
Handelsdefizit sinken. Ein Zusammenbruch des Dollar würde ein Gleichgewicht erzwingen, jedoch auf Kosten
höherer
Zinssätze.
Ist
dies
das
Gleichgewicht,
das
wir
anstreben?
Eindeutig nicht.
Dies würde verlangsamtes Weltwirtschaftswachstum, höhere Arbeitslosigkeit und schlechtere Aussichten
für die hochverschuldeten
Entwicklungsländer
zur Folge haben.
Die
Welt würde in eine Rezession gestürzt.
Die Herausforderung, mit der wir
uns konfrontiert sehen, ist der notwendige Abbau der Ungleichgewichte,
während gleichzeitig ein hohes Niveau
der Wirtschafts- und Handelstätigkeit
aufrechterhalten wird. Die Ereignisse der vergangenen drei Wochen bestätigen, daß dies am besten - und in
der Tat ausschließlich - auf gemeinsamer Basis erreicht werden kann.
Die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und andere führende Wirtschaftsnationen müssen gemeinsam einen Prozeß der Anpassung
einleiten, durch den Ungleichgewichte
bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung
einer gesunden Weltwirtschaft verringert werden.

- 7 -

�Die erforderliche Anpassung hat
unterschiedliche, sich jedoch gegenseitig
verstärkende Bemühungen zur
Folge.
Mit anderen Worten, es muß
eine
Arbeitsteilung
zwischen
den
Uberschußländern
und den defizitär
wirtschaftenden
Ländern geben.
Im
Handelsbereich wird von den Vereingten Staaten die Ablehnung protektionistischer Maßnahmen gefordert sowie
die kontinuierliche Anpassung an die
Mechanismen
ausländischen
Wettbewerbs.
Von der Bundesrepublik wird
die Lockerung von Verkrustungen des
Markts durch Deregulierung, Liberalisierung und Kürzung von Subventionen
verlangt.
Bei der Steuer- und Währungspolitik
kommt den Vereinigten
Staaten die Aufgabe zu, weiterhin
energisch eine Politik zu verfolgen,
die auf eine Verringerung des Haushaltsdefizits ausgerichtet ist. Die
Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland
ist
es,
nichtinf lationärr.s
Wachstum im Inland zu fördern.
In den vergangenen Jahren konnte
das
Wirtschaftswachstum
in
Europa
bestenfalls als mäßig bezeichnet werden. In den Ländern der Europäischen
Gemeinschaft sind 16 Millionen Menschen ohne Arbeit und seit den siebziger Jahren wurden unter dem Strich
gesehen so gut wie keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Die Europäer
- einschließlich zahlreicher Bundesbürger - scheinen der Auffassung zu
sein, wenn Europa bereit ist, mit hoher
Arbeitslosigkeit
und
relativer
Stagnation zu leben, so sei dies Europas Sache und zwar ausschließlich.
Heute abend habe ich keine wichtigere
Botschaft zu übermitteln, als ihnen
folgendes zu sagen: Alles, was Europa im Bereich des Wachstums unternimmt, ist entscheidend für die Gesundung der Weltwirtschaft.
Gleichgültigkeit
und
Selbstzufriedenheit
könnten die Welt in eine Rezession
treiben.

Der entscheidende Punkt ist nämlich, daß die Vereinigten Staaten es
sich nicht länger leisten können, für
die Welt der Konsument zu sein, auf
den man in letzter Minute zurückgreift.
Wir können nicht weiterhin
für anhaltendes Weltwirtschaftswachstum sorgen und gleichzeitig unser eigenes Ungleichgewicht beheben.
Angesichts der gegenwärtigen Situation vernimmt man in der Bundesrepublik Deutschland häufig das Argument, eine drohende Inflation verhindere entschiedenere Bestrebungen zur
Stimulierung des Wachstums. Mit einem weit unterhalb seinen Möglichkeiten liegendem Wirtschaftswachstum und
einer - in diesem Jahr - höchstwahrscheinlich weniger als ein Prozent
ausmachenden Inflationsrate erscheint
mir die Furcht vor diesem Gespenst
der Inflation unbegründet.
Die fünf
führenden
deutschen
Wirtschaftsforschungsinstitute scheinen meine Meinung zu teilen und haben in dieser
Woche eine auf größere Expansion ausgerichtete Politik gefordert.
Seien Sie versichert, ich bin mir
des Beitrags voll und ganz bewußt,
den die Vereingten Staaten zu diesem
Anpassungsprozeß leisten müssen. Die
Hand in Hand gehenden Handels- und
Haushaltsdefizite
müssen
verringert
werden.
Und sie verringern sich.
Wie ich bereits erwähnte, steigen die
amerikanischen Exporte drastisch an.
Das Bundeshaushaltsdefizit, das sich
im Fiskaljahr 1986 auf 220 Milliarden
Dollar belief, ging im Jahr 1987 um
70 Milliarden zurück.
Ein weiter Weg liegt noch vor
uns, aber echte Fortschritte sind bereits erzielt worden.
Es mag Sie
überraschen, daß das Haushaltsdefizit
der Vereingten Staaten, wenn die sehr
hohen Haushaltsüberschüsse der Bundesstaaten und Gemeinden hinzugerech-

- 8 -

�net werden, insgesamt gesehen niedriger ist als das der OECD-Länder im
Durchschnitt.
Diskussionen zwischen
dem Präsidenten und dem Kongreß über
eine weitere Reduzierung des Defizits
sind mit erneuter Dringlichkeit aufgenommen worden, und zusätzliche einschneidende Kürzungen stehen in Aussicht. Die Vereinigten Staaten bemühen sich intensiv, die von ihnen geforderten
Anpassungen
vorzunehmen.
Es ist von vorrangiger Bedeutung, daß
sie im Einklang mit den deutschen
stehen.
Lassen Sie mich dies eindeutig
klarstellen:
Ich spreche nicht über
die inzwischen angezweifelte Lokomotiv-Theorie der siebziger Jahre. ich
spreche vielmehr von einer koordinierten
Strategie
des
stabilen,
nichtinflationären Wachstums der führenden Industrienationen.
Nur wenn
die Bundesrepublik bereit ist, eine
Strategie zugunsten des Wachstums zu
verabschieden, wird es möglich sein,
ein hohes Niveau im Welthandel und
bei der Wirtschaftstätigkeit zu erzielen.

V.

Schlußbemerkung

Inmitten der Aufregung über die
jüngsten Ereignisse ist es von vorrangiger Bedeutung, die Dinge in ihrer richtigen Perspektive zu belassen.
Die nach dem Zweiten Weltkrieg
gegründeten
internationalen
Wirtschaftsinstitutionen haben uns gute
Dienste geleistet. Es ist nicht zuviel gesagt, daß sie hervorragend
funktioniert haben.
Sie haben uns
Stabilität
und Wohlstand gebracht,
die in der Geschichte ihresgleichen
suchen.

sich

Vor
25 Jahren stellte mancher
noch ernsthaft die Frage, ob

zentral
gelenkte Wirtschaften
oder
freies
Unternehmertum
größere
Aussichten
für
die
Befriedigung
der
wirtschaftlichen Bedürfnisse der Welt
hätten.
Diese Diskussion ist beendet. Heute sind die Marktkräfte und
Marktinstitutionen weltweit als die
mächtige
Antriebskraft
für
wirtschaftlichen Wohlstand anerkannt, die
sie tatsächlich sind. Diese Tatsache
wird von den Entwicklungen in China
und der Sowjetunion noch untermauert.
Die Vereinigten Staaten spielen
in der Weltwirtschaft immer noch eine
bedeutende Rolle.
Aus gutem Grund
blicken die freien Menschen - ebenso
wie die unfreien - auf die Vereinigten Staaten als politische, wirtschaftliche und moralische Führungskraft.
Und wir sind immer noch bereit und in der Lage, diese Rolle zu
übernehmen.
Aber die Welt kann sich nicht
länger auf die Vereinigten Staaten
allein verlassen, wenn es um die in
der Weltwirtschaft notwendige Führung
geht.
Der beispiellose wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit
war so durchgreifend und so erfolgreich, daß die relative Wirtschaftsmacht anderer - besonders Japans und
der Bundesrepublik - sich erheblich
verbessert hat.
Mit dieser
Macht
entsteht Verantwortung.
Die Wirtschaftsmächte der Welt müssen über
engstirnige
Anliegen
hinausschauen.
Jeder von uns sollte seine Handlungen
in einer weiteren Perspektive betrachten. Wir müssen die Auswirkungen unserer politischen Maßnahmen und
die Untätigkeit der anderen auf das
Wohlergehen und das gesamte Erscheinungsbild der Weltwirtschaft abwägen.
Die Vereinigten Staaten akzeptieren ihre Verantwortung.
Wir müssen
das Handels- und Haushaltsdefizit abbauen und gleichzeitig ein Wachstum

- 9 -

�ohne
Inflation hervorbringen.
Die
Pflicht, die der Bundesrepublik und
ihren europäischen Partnern zukommt,
besteht darin, größere Märkte für ihre eigenen sowie die Produkte der
Welt
bereitzustellen.
Die Bundesrepublik muß das Wirtschaftswachstum
mit einer angemessenen Mischung aus
Währungspolitik, steuerlichen Maßnahmen und Strukturpolitik ankurbeln.
Bei unserem Zusammentreffen heute
abend können wir uns eines Gefühls
der Besorgnis über die Solidität der
Weltwirtschaft nicht erwehren.
Ich
wiederhole nochmals: Die Märkte haben gerade eine ernstliche Warnung
möglicher
Konseguenzen
des
wirtschaftlichen
Nationalismus,
wirtschaftlicher
Engstirnigkeit
und
Selbstzufriedenheit abgegeben.
Gleichzeitig ist dies ein Augenblick
historischer
Chancen.
Mit
Weitblick und politischem Mut können
wir ein System geteilter Verantwortung hervorbringen.
Dies muß unser
Ziel sein.

* * * * * *

�</text>
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      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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