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                  <text>AMERIKA DIENST

30

2 . September 1987

i
I N H A L T

DOKUMENTATION

Reagan:

Unterstützung für demokratischen Widerstand in Nicaragua

- Ansprache Präsident Reagans in Radio Liberacion -

Reagan;

UdSSR muß sich zum Weltfrieden bekennen

- Rundfunkansprache Präsident Reagans -

Neuester Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Rede von Fritz W. Ermarth vor der Chautauqua-Konferenz

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'V,oN^

2. September 1987

30

REAGAN:

UNTERSTÜTZUNG FÜR DEMOKRATISCHEN WIDERSTAND IN NICARAGUA
- Ansprache Präsident Reagans in Radio Liberacion -

SANTA BARBARA - (AD) - Präsident Reagan hat der demokratischen Widerstandsbewegung Nicaraguas gegenüber sein Versprechen der Unterstützung durch
die Vereinigten Staaten erneuert, da "wir das gleiche Ziel anstreben - die Demokratie" .
Der Präsident gab diese feste Zusage in einer von Radio Liberacion am 25.
August 1987 in Nicaragua gesendeten Rundfunkansprache. Die Anführer der Widerstandsbewegung hatten diese Botschaft bei ihrem Treffen mit dem Präsidenten
am 5. August gefordert.
Nachfolgend drucken wir die Ausführungen Präsident Reagans im Wortlaut.
Die vier Präsidenten der demokratisch regierten Länder Mittelamerikas
haben sich mit den kommunistischen
Herrschern Nicaraguas
in Guatemala
zusammengesetzt, um einen Friedensplan für Mittelamerika auszuhandeln.
Das Gipfeltreffen wurde mit einem vom
Versprechen der Demokratie getragenen
Abkommen für den regionalen Frieden
beendet. Dieser Friedensplan fordert
tiefgreifenden politischen und sozialen Wandel in Nicaragua.
In den vor uns liegenden Wochen
werden wir unsere Hoffenungen an der

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Realität messen, und Versprechen werden an Taten gemessen werden.
Die
Unterzeichnung des Friedensplans von
Guatemala war ein bedeutsamer Akt des
Vertrauens. Aber unser Vertrauen muß
durch
Realismus
gemäßigt
werden.
Denn Vertrauen ohne Realismus wird
nicht zu Frieden führen, sondern zu
Desillusionierung und der ständigen
kommunistischen Herrschaft, die eine
Bedrohung für die anderen, im Entstehen begriffenen, Demokratien in Mittelamerika darstellt.
Die

Sandinisten

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haben

ihr Ver-

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Telex: 8-85432

�sprechen zur Wahrung Ihrer Rechte gegeben, als Sie diesen Friedensplan
unterzeichnet haben - Rechte, die Sie
Ihnen in den vergangenen acht Jahren
verweigert haben.
Sie versprachen,
Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung
und das Recht auf Versammlungfreiheit
zu wahren.
Sie versprachen politische und religiöse Freiheit und die
Pressefreiheit.
Sie versprachen den
Zugang aller politischen Parteien und
Meinungsträger zu den Kommunikationsmitteln. Sie versprachen freie Wahlen.
Die Sandinisten haben Ihnen jetzt
das Versprechen der Demokratie gegeben - und die Welt ist Zeuge. Ebenso
wie Sie hoffe ich, daß sie dieses
Versprechen halten werden. Aber wie
Sie weiß auch ich, daß der Bürgerkrieg in Nicaragua begann, als die
Sandinistas Ihnen Demokratie versprachen, diesem Versprechen jedoch nicht
nachgekommen sind. Dieser Kampf wird
ein Ende finden, wenn dieses Versprechen erfüllt worden ist.
Eine der im Plan von Guatemala
festgelegten Vorbedingungen für die
Beendigung
der Kampfhandlungen
ist
Demokratie für Nicaragua. Dies wird
als
"GLeichzeitigkeit"
bezeichnet.
Mit ihrer Zustimmung zum Plan von
Guatemala haben die Sandinistas ihre
Zustimmung zur Beendigung der Unterdrückung
gegeben, die gleichzeitig
mit dem Ende der Kampfhandlungen verwirklicht werden muß.
Die Sandinistas haben uns dies schon früher
versichert und daher schenkt ihnen
niemand mehr Glauben.
"Gleichzeitigkeit" muß
Freiheit
an
vorderster
Front bedeuten, oder es ist kein reeller Handel.
Wir werden die demokratischen Anführer
Mittelamerikas
und
unsere
Landsleute in Nicaragua bei ihrer Suche nach einer diplomatischen Lösung

des Krieges unterstützen, der Ihr
Land heimgesucht hat. Aber wir werden an unserer Politik festhalten.
Unsere Zielsetzungen sind unverändert
- Frieden und Demokratie für Nicaragua.
Unsere Verpflichtung zu Freiheit und Demokratie hat eine politische Bewegung und die Hoffnung auf
Befreiung
ausgelöst.
Aus
diesem
Grunde stehen das Volk Nicaraguas und
das Volk
Mittelamerikas
in
Ihrer
Schuld.
Ich weiß, es ist Ihr sehnlichster Wunsch, in ein befreites Nicaragua
heimzukehren.
Sie
können
sich der Unterstützung Ihres Kampfes
durch uns jetzt und in der Zukunft
gewiß sein, da wir das gleiche Ziel
anstreben - die Demokratie.
Bis dem nicaraguanischen Volk die
Grundfreiheiten gewährt worden sind,
werden Sie Ihren Kampf fortsetzen dessen bin ich mir bewußt. Und die
Vereinigten Staaten werden Ihnen zur
Seite stehen. Das Ziel der Reise ist
"Nicaragua libre". Wir dürfen nicht
rasten, bevor wir dieses Ziel erreicht haben.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
2. September 1987

30
REAGAN:

UdSSR MUSS SICH ZUM WELTFRIEDEN BEKENNEN

- Rundfunkansprache Präsident Reagans -

LOS ANGELES - (AD) - Die Sowjetunion "muß (ihre) imperialen Abenteuer aufgeben, wenn die Welt wahren Frieden erleben soll", erklärte Präsident Reagan
am 29. August. 1987
In seiner wöchentlichen Rundfunkansprache an die Nation appellierte der
Präsident erneut an die Sowjetunion, ihre Aufwendungen für militärische Zwecke
allgemein bekanntzugeben und die neuen Waffensysteme offen zu diskutieren. In
Anlehnung an einige der in seiner Ansprache vom 26. August über den Stand der
sowjetisch-amerikanischen Beziehungen zum Ausdruck gebrachten Gedankengänge
verwies Präsident Reagan darauf, daß Washington und Moskau Gegner seien, weil
der Kreml dies so gewollt habe.
Er forderte den sowjetischen Parteichef
Gorbatchow erneut auf, seine innenpolitische Kampagne der "Glasnost" oder Offenheit mit größerer Flexibilität bei der Außenpolitik einhergehen zu lassen.
Nachfolgend drucken wir die Ausführungen Präsident Reagans im Wortlaut.
Meine lieben Mitbürger, in diesem
Sommer würden wir alle am liebsten
die Arbeit vergessen, frei nehmen und
uns erholen.
Vielleicht ergeht es
Ihnen jedoch so wie mir, und Sie setzen sich während Ihres Urlaubs gedanklich mit größeren Problemen auseinander als den alltäglichen - zum
Beispiel dem Problem, welche Richtung
wir
langfristig
einschlagen
sollen
und wie wir dieses Ziel erreichen
wollen.

über eines der vordringlichsten Probleme zu sprechen:
Den Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion.
Wie Ihnen sicherlich bekannt sein wird, hatte ich bereits vor einigen Tagen Gelegenheit,
vor einer Versammlung in Los Angeles
und über Satelliten-Übertragung vor
einer anderen Tagung in New York Ausführungen zu diesem Thema machen zu
können.
Ich möchte jedoch auch zu
Ihnen darüber sprechen.

Ich hoffe, Sie gestatten mir einige Minuten Ihrer Zeit, um zu Ihnen

Heute stehen sich Amerika und die
Sowjetunion als Gegner gegenüber, wie

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�bereits seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs.
Amerikaner haben diese
Feindschaft nicht gewollt. Vor seinem Tode sprach Präsident Franklin D.
Roseveit für alle Amerikaner, als er
seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, daß
die Sowjets nach Beendigung des Krieges mit uns an der Gestaltung einer
Welt in Demokratie und Frieden zusammenarbeiten würden.
Von diesem Gedanken geleitet begab sich Roosevelt
im Jahr 1945 zur Konferenz von Jalta,
um mit Stalin zusammenzutreffen. Die
Sowjets nährten dort seine Hoffnungen
mit der Zustimmung, freie und unbehinderte Wahlen
in osteuropäischen
Ländern wie Polen abzuhalten, sobald
der Frieden eingetreten sei.
Innerhalb von zwei Jahren brachen
sie ihr Versprechen.
Dann begannen
sie, freie Länder wie Griechenland
und die Türkei zu unterwandern. Erst
danach gaben die Vereinigten Staaten
widerstrebend zu, daß die Sowjets ihre Gegner sind.
Die
Ziele
unserer
Außenpolitk
sind heute noch die gleichen wie in
den
vergangenen
vier
Jahrzehnten.
Wir lehnen Totalitärismus, insbesondere
imperialistisch-expansionistischen Totalitärismus ab. Wir treten
für Demokratie und Menschenrechte ein
und wir sind für weltweiten Wohlstand, der nur durch freie Volkswirtschaften entstehen kann und die Verwirklichung
menschlichen
Wohlergehens, das nur durch politische Freiheit hervorgebracht werden kann.
Als meine Regierung die Amtsgeschäfte vor sechseinhalb Jahren übernahm, mußten wir feststellen, daß die
amerikanische Politik diese vornehmsten Ziele in einigen entscheidenden
Bereichen aus dem Blick verloren hatte. Der massiven sowjetischen Aufrüstung im Verlauf der siebziger Jahre
stand Untätigkeit seitens der Ameri-

kaner gegenüber.
Die Sowjets hatten
einige Tausend Gefechtsköpfe hinzugefügt, moderne Mittelstreckenwaffen in
Europa eingeführt und ihre vierte Generation von Interkontinentalraketen
stationiert - während wir nur zusahen.
In der Zwischenzeit erstrecken
sich die sowjetischen Machenschaften
in der Dritten Welt bis auf Länder
wie Afghanistan, Kambodscha, Angola
und Nicaragua.
Vieles davon hat sich heute geändert. Wir haben unser Militär aufgerüstet, und die Sowjets haben mit einer neuen Bereitschaft zu ernsthaften
Gesprächen über Abrüstung auf unsere
neue Stärke reagiert. In der Vergangenheit haben Rüstungskontrollabkommen lediglich die Regeln dafür festgelegt, wie schnell unsere beiden
Länder die Anzahl ihrer Nuklearwaffen
steigern konnten.
Vor sechs Jahren haben wir erklärt,
Rüstungskontrollgespräche
müßten ein anderes Ziel verfolgen.
Wir sollten versuchen, die Zahl der
Nuklearwaffen zu verringern. Auf dem
Gebiet
der
bodengestützten Mittelstreckenraketen schlug ich vor, diese
einfach völlig abzuschaffen.
Heute stehen wir kurz vor einem
Vertragsabschluß mit den Sowjets, um
genau dies zu tun. Gleichzeitig haben wir mit der Entwicklung von Technologien begonnen, die der ganzen
Menschheit die Furcht vor Nuklearraketen nehmen könnte:
Eine strategische Verteidigung zur Abwehr nuklearer ballistischer Raketen.
In den vergangenen sechseinhalb
Jahren haben wir ferner einen neuen
Ansatz gegenüber den sowjetischen Machenschaften entwickelt.
Wir haben
erklärt, Amerika habe eine moralische
Verpflichtung,
denjenigen
beizustehen, die tapfer für die Freiheit und

�gegen die von den Sowjets geschürte
Unterdrückung in ihren Heimatländern
kämpfen. Wenn die Welt wahren Frieden erleben soll, müssen die Sowjets
diese imperialen Abenteuer aufgeben.

samkeit.

Gott schütze Sie.

* * * * *

,

\

'

Diese Woche schlug ich eine Reihe
von Maßnahmen vor, die von den Sowjets unternommen werden können, um
die Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten zu verbessern.
Sie können
ihre Truppen aus Afghanistan abziehen, die Berliner Mauer niederreißen
und freie Wahlen in Osteuropa zulassen.
Und da in diesem Monat die
freie polnische Gewerkschaft "Solidarität" ihren siebten Jahrestag feiert
und dies gleichzeitig der 19. Jahrestag des Einmarschs der Sowjetunion in
die Tschechoslowakei ist, haben die
Sowjets eine besonders gute Gelegenheit, der Gewalt als einem Mittel zur
Verhinderung der Liberalisierung Osteuropas abzuschwören. Nach den gleichen
Prinzipien
könnten
sie
ihre
Hilfsmaßnahmen für das sandinistische
Regime in Nicaragua beenden, das dessen Nachbarn subversiv unterwandert.
Die Sowjets könnten ferner ihre
Verteidigungsausgaben offenlegen, damit die Weltöffentlichkeit eine Überprüfung vornehmen kann.
Sie können
einen gültigen und umfassenden Verteidigungshaushalt vorlegen und Stärke und Zusammensetzung ihrer Streitkräfte veröffentlichen.
Sie können
Diskussionen
über
die
wichtigsten
neuen militärischen Programme in ihrem Parlament, dem Obersten Sowjet,
gestatten.
Bei uns in der Heimat müssen wir
uns an die Lektion der vergangenen 40
Jahre erinnern:
Amerika muß stark
und entschlossen bleiben, wenn die
Welt echten Frieden erfahren will und
sich die Freiheit durchsetzen soll.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerk- 3 -

�AMERIKA DIENST
'VON

&lt;*

Dokumentation
2. September 1987

30

NEUESTER STAND DER AMERIKANISCH-SOWJETISCHEN

BEZIEHUNGEN

- Rede von Fritz W. Ermarth vor der Chautauqua-Konferenz -

CHAUTAUQUA, NEW YORK - (AD) - Im folgenden drucken wir den Wortlaut der
von Fritz w. Ermarth, Fachberater des Präsidenten und Leitender Direktor für
europäische und sowjetische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat, am
25. August 1987 vor der III. Chautauqua-Konferenz über sowjetisch-amerikanische Beziehungen gehaltenen Rede.
Es ist mir eine besondere Ehre,
an dieser außergewöhnlichen Zusammenkunft teilnehmen zu dürfen.
Solche
Versammlungen stellen den Wunsch der
politisch Verantwortlichen und Völker
unserer beiden Länder unter Beweis,
einen Kurs des besseren Verständnisses zu verfolgen. Sie sind ein Ausdruck des guten Willens, der Hoffnung
auf die Zukunft unserer Länder und
der Menschheit an sich und des Vertrauens darauf, daß der offene Dialog
zwischen den Bürgern einen der Bestandteile bildet, die diese Zukunft
vielversprechender machen können.

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Das Menschengeschlecht hat in der
Tat eine vielversprechende
Zukunft
vor sich.
Ungeachtet der Probleme,
die es häufig für uns birgt, der verblüffenden Fortschritte der Wissenschaft, der Verbreitung wirtschaftlicher
Eigendynamik, der Menschen,
Gedanken und Informationen, die um
die Welt reisen - ist die Menschheit
der Ursprung unseres großen Optimismus für eine gemeinsame Zukunft.
Wir
sehen uns mit zahlreichen
gleichgelagerten
Problemen
konfron-

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�tiert.
Aber
wir
sehen
uns auch
grundlegenden
Unterschieden
gegenüber, die die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion nun seit mehreren Generationen trennen.
Es sind politische Kontroversen darüber, wie die
menschliche Gemeinschaft sich verwalten und miteinander
in Verbindung
treten sollte.
Es sind die Themenkomplexe Krieg und Frieden, bei denen
der Rüstungswettlauf nur Symptom und
Wirkung ist.
Wir müssen diese Konflikte unvoreingenommen diskutieren, denn sonst
werden wir kein Einverständnis erzielen.
Eine
oberflächliche
Freundschaft birgt die Aussicht auf übertriebene Enttäuschung in sich - eine
Tatsache, die wir mehr als einmal in
der
Geschichte unserer
Beziehungen
beobachten konnten.
In meinem Ausführungen werde ich mich vorwiegend
auf Beschwerden konzentrieren.
Aber
der wahre Zweck dieser Bestandsaufnahme ist, die vielversprechenden Ansätze in unseren Beziehungen voranzutreiben. Obwohl überall auf der Welt
gefährliche Krisenherde bestehen, von
denen wir aufgesogen werden könnten,
scheinen die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion, insgesamt gesehen,
eher bestrebt, Konfrontationen vermeiden zu wollen, denn auf diese aus
zu sein.
Eines der wichtigsten Abkommen
über
nukleare
Abrüstung
scheint in greifbare Nähe gerückt zu
sein. Die ihm zugrundeliegenden Geschehnisse und Neuerungen können jedoch von niemandem unter uns in ihrem
vollen Umfang verstanden werden, ohne
eine Rückschau vorzunehmen.
Die Sowjetunion befindet sich in einem faszinierenden Prozeß der Selbstüberprüfung und Erneuerung, der tiefgreifende Auswirkungen auf uns alle haben
könnte.
Und schließlich möchte ich
noch hinzufügen, daß wir uns derzeit
nicht mit einem solchen Vorfall wie
der Verhaftung des Journalisten Nick

Daniloff konfrontiert sehen, der zu
einem
plötzlichen
Abbruch
unseres
Dialogs führen kann.
Im vergangenen Jahr hat mein Vorgänger,
der
jetzige
amerikanische
Botschafter in Moskau, Jack Matlock,
bei
der
amerikanisch-sowjetischen
Chautauqua-Konferenz in Latvia einen
umfassenen Bericht der amerikanischen
Sicht des großen politischen Wettstreits zwichen Ost und West vorgelegt, der einmal als der Kalte Krieg
bezeichnet worden war.
ich möchte
Ihnen diese Rede auch heute noch wegen ihrer Tragweite, Objektivität und
Gegewartsbezogenheit
empfehlen.
In
seinen Ausführungen erklärte Matlock,
wie die amerikanische Politik gegenüber der Sowjetunion als Reaktion auf
die fremdenfeindliche und hegemonistische Vorgehensweise der UdSSR in
der Stalin-Sra entstand - einer Ära,
deren Vermächtnis noch heute andauert.
Er beschrieb die vier Punkte
umfassende
Tagesordnung
Präsident
Reagans für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen: Abrüstung, Lösung
regionaler
Konflikte,
Fortschritte bei der Wahrung der Menschenrechte und Verbesserung unserer
bilateralen Verhandlungen.
Man muß sich hierbei vor Augen
halten, wir lebenswichtig diese Tagesordnung als Ganzes für die allgemeine Verbesserung
der
Beziehungen
zwischen unseren beiden Ländern ist.
Jeder Bereich dieser Tagesordnung ist
von wesentlicher Bedeutung. Mit jedem dieser Bereiche nimmt unsere Einschätzung des sowjetischen Verhaltens
und dessen Auswirkungen auf die von
uns geäußerte Besorgnis Gestalt an.
Daher ist es uns unmöglich, die vollständige politische und militärische
Bedeutung
eines
Rüstungskontrollabkommens zu beurteilen - vor allem,
wenn es sich um ein sehr ehrgeiziges
handelt - ohne einen Bezug zu den Er-

- 2 -

�eignissen in Afghanistan, zu den Büros, wo über die Schicksale der Verweigerer
und
Dissidenten
befunden
wird, und zu den Ereignissen um unsere Botschaft in Moskau herzustellen.
"An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen." Mit diesem Gesetz müssen alle
Regierungen leben.

Afghanistan und andere regionale
Konflikte
Von all den Konflikten, die eine
Belastung für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen darstellen, ist
keiner schmerzlicher und gefährlicher
als der sowjetische Versuch der Eroberung
Afghanistans.
Dieser Krieg
dauert nun schon nahezu ein Jahrzehnt
an; die Verluste an Menschenleben
sind fast die höchsten, die seit dem
Zweiten Weltkrieg in einem Konflikt
je zu beklagen waren.
Die sowjetische Entschlossenheit, diesen Krieg
zu gewinnen, bringt mutwillige Zerstörung entlang der Grenzen zu Pakistan und Terrorismus im Lande mit
sich, der durch die vom Geheimdienst
des Regimes in Kabul begangenen Verbrechen noch verschärft wird.
Es
liegen bereits öffentliche Berichte
vor, wonach der Krieg auf sowjetisches Territorium
ausufert.
Die
sowjetische Strategie ist also eindeutig auf eine Ausweitung des Krieges ausgerichtet.
Was sollen wir zweieinhalb Jahre
nach Beginn des Zeitalters "der neuen
Denkweise" von diesem Beispiel sowjetischer Führungskraft halten?
Zweifelsohne können wir neue Taktiken beobachten, wir vernehmen neue Worte.
Aber was wir beobachten, ist nicht
neu:
das Bestreben, unter unterschiedlichsten Deckmänteln ein kommunistisch beherrschtes, Moskau gegenüber loyales Regime aufzuzwingen,
das offensichtlich den Willen des af- 3

ghanischen Volkes mißachtet.
In Privatunterhaltungen wird uns
versichert, daß das Najib Regime in
Kabul nicht kommunistisch sei. Nun,
ich überlasse es anderen, eine Charakterisierung vorzunehmen, aber ich
weiß, daß es nicht unabhängig oder
repräsentativ
für
das
afghanische
Volk ist. Uns wird versichert, eine
Koalitionsregierung sei möglich und
diese Koalition benötige keine kommunistische Mehrheit - natürlich so
lange das Heer und die Geheimpolizei
in den Händen der Machthaber verbleiben.
Wir werden aufgefordert, die
sogenannte
nationale Aussöhnung
zu
akzeptieren, Pakistan von einer Beendigung seiner Unterstützung und Offenheit
gegenüber
dem
afghanischen
Widerstand zu überzeugen und unsere
Unterstützung
beider
Gruppierungen
abzubrechen.
Damit würden wir den
Fremdmächten das Argument an die Hand
geben, den Besetzern politisch den
Sieg zu gewähren, den sie dem afghanischen Volk nicht mit Gewalt abringen können.
Die Vereinigten Staaten
und die ganze Welt können dem nicht
zustimmen.
Einige
der
sowjetischen Regierungssprecher äußern sich, ausnahmslos in privaten Kreisen, dahingehend,
daß das ganze Unternehmen ein großer
Fehlschlag war, in der Tat war...und
immer noch ist.
Das einzig angebrachte bei einem solchen gescheiterten Unterfangen ist, es aufzugeben.
Sobald die sowjetische Regierung eine
überzeugende Entscheidung trifft, Afghanistan ohne Vorbehalte bezüglich
der Kontrolle über das Land sich
selbst zu überlassen, sind Lösungen
möglich, mit denen die Würde des sowjetischen Staates und seiner legitimen Sicherheitsinteressen respektiert
werden.
Frieden und Freiheit für das Volk

�von Afghanistan sind Grund genug für
eine solche sowjetische Entscheidung.
Hinzu kommt eine Verringerung der
Möglichkeiten für einen Konflikt noch
größeren Ausmaßes in der Region. Vor
allem würde jedoch die sowjetische
Entscheidung zur Beendigung ihrer kolonialen
Machenschaften
in Afghanistan mehr bewirken, als irgendeine
Maßnahme die Welt - die muslemische
Welt, die westliche Welt, Sie und
mich - überzeugen könnte, daß die
UdSSR von Menschen regiert wird, die
die Rechte und Freiheiten anderer respektieren können.
Weiter westlich, in Südasien, waren wir bei der Erarbeitung gemeinsamer Standpunkte etwas erfolgreicher.
Wir haben gleichlaufende Interessen
an einer politischen Beendigung des
Krieges zwischen Iran und Irak festgestellt.
Auf diese gleichlaufenden
Interessen aufbauend haben wir gemeinsam mit allen anderen Mitgliedern
des Weltsicherheitsrates
über eine
Resolution abgestimmt, die einen Waffenstillstand und den Rückzug zu den
festgesetzten Grenzen fordert.
Bis
zu diesem Punkt sind wir einer Meinung.
Wir möchten jedoch noch weitergehende
Gemeinsamkeiten
erarbeiten.
Wir sind der Meinung, daß es
jetzt an der Zeit für eine zweite Resolution des UN-Sicherheitsrates ist,
eine Resolution, die Sanktionen in
Form eines Waffenembargos für jedwede
Partei in dem Konflikt verhängt, die
zur Zustimmung
zu einem gerechten
Frieden
nicht
gewillt
zu
sein
scheint.
Andere Nationen sind bereit, solch eine Resolution zu unterstützen.
Bedauerlicherweise scheint
die Sowjetunion
noch abgeneigt zu
sein, sich uns anzuschließen.
Statt
dessen benutzt sie ihren diplomatischen Einfluß in der Region - bis hin
zum Dialog mit dem Iran - um Feindseligkeiten gegen unsere außerordentlich gemäßigten Schritte zu schüren,

die wir zur Abwendung von Angriffen,
Beruhigung exponierter Regionalstaaten und zum Schutz lebenswichtiger
Seewege unter beträchtlichem Risiko
für uns selbst unternommen haben.
Bei dem Versuch, alle die komplexen
politischen und militärischen Nuancen
einzuordnen, stoßen wir auf eine beunruhigende Frage:
Ist die Sowjetunion wirklich an Frieden und Stabilität an ihrer südlichen Grenze interessiert?
Oder ist sie auf eine
neue
Runde
des
jahrhundertealten
Spiels um Südasien aus, das unweigerlich zu Instabilität, Spannung und
möglicher Konfrontation führen wird?
Können wir hier wirklich "neue Denkweisen" beobachten oder sind es eher
alte Gewohnheiten?
Die gleiche Frage stellt sich etwas umfassender im Mittleren Osten.
Im vergangenen Jahr konnten wir einige verhaltene Gesten Moskaus an Israel wahrnehmen.
Gleichzeitig
hat
Moskau seine Bestrebungen verdoppelt,
seine Rolle
im Friedensprozeß sicherzustellen.
Unserer Meinung nach
demonstriert Moskau mit der Sicherstellung
einer
solchen Rolle konstruktive Absichten, den Worten auch
Taten folgen zu lassen. Moskau sollte die israelische Besorgnis über die
diplomatischen
Beziehungen
und die
jüdische
Auswanderung
beschwichtigen.
Und ganz allgemein sollte
Moskau seine Verbündeten, die eine
ablehnende
Haltung
einnehmen,
zum
friedlichen Dialog bewegen.
Sowjetische Machthaber beanspruchen aufgrund der geographischen Nähe
häufig
Einflußnahme
im
Mittleren
Osten.
Gelegentlich beschweren sie
sich über die Vereinigten Staaten,
die nicht zur Anerkennung der UdSSR
als gleichberechtigte Supermacht in
diesem und anderen Gebieten bereit
sind.
Diese Behauptungen und Proteste sind unangebracht. Tatsache ist,

,

i

�daß echter und rechtmäßiger Einfluß
in einer vielschichtigen, aber zusammenwachsenden Welt sich nicht aus
geographischer Nähe und noch weniger
aus
militärischer
Macht
ableitet.
Letzten Endes leitet er sich aus konstruktivem Verhalten ab, das auf die
Erfüllung der legitimen Bestrebungen
der Völker in der fraglichen Region
ausgerichtet ist, ebenso wie auf die
Erstickung
ihrer
gefährlichen Konflikte.
In den seit dem Zweiten
Weltkrieg vergangenen Jahren konnten
wir feststellen, daß die sowjetische
Politik gegenüber der Dritten Welt
insgesamt gesehen eine eher destabilisierende als stabilisierende Wirkung hatte, revolutionären Autoritarismus eher förderte als demokratische Entwicklung
und unverantwortliche Akteure freigebig mit Waffen
versorgte.
offizielle
sowjetische
Ankündigungen der "neuen Denkweise"
und gemeinsames Sicherheitsdenken geben zu Hoffnungen Anlaß, daß dies ein
Wandel zum Besseren hin sein wird.
Aber wir warten noch immer auf konkrete Beweise hierfür.

zur Sicherstellung des Vertrauens bei
der Einhaltung
würden völlig neue
Formen
der
Vor-Ort-Inspektion
der
Einrichtungen
beider
Parteien einschließen.

Rüstungskontrolle

Die UdSSR hat dieses mögliche Abkommen jetzt grundlos und böswillig
über den Haufen geworfen, indem sie
plötzlich auf der Einbeziehung der
nuklearen Gefechtsköpfe beharrt, die
den Vereinigten Staaten gehören, ihrer Kontrolle unterliegen und für die
72 Pershing lA-Raketen zur Verfügung
gestellt werden, die sich im Besitz
der Bundesrepublik Deutschland befinden und von ihr betrieben werden.
Dieses Kooperationsprogramm mit einem
der wichtigsten Verbündeten ist mehr
als 20 Jahre alt und datiert aus der
Zeit lange vor den sowjetischen SS-20
und amerikanischen INF-Raketen, die
den Anlaß für diese Verhandlungen gegeben haben. Es stammt aus der Zeit
des
Nichtverbreitungsvertrages
von
1967 und entspricht ihm inhaltlich.
Wir haben seit langem eindeutig klar
gemacht, daß diese bestehenden Regeln
der Kooperation mit unseren Verbündeten nicht Bestandteil der amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen sind.

In Genf ist ein wahrhaft historisches Abkommen über nukleare Abrüstung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in greifbare
Nähre gerückt. Die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner haben in
der Vergangenheit ihre Nukleararsenale einseitig abgebaut, während die
Sowjetunion ihre kontinuierlich vergrößert hat.
In den 20 Jahren der
Verhandlungen
über
nukleare
Abrüstung haben wir jedoch noch nie eine
Reduzierung der Nuklearwaffen mittels
eines Abkommens zwischen den Supermächten erzielt. Dies wäre eine signifikante
Errungenschaft.
Ungefähr
1 000 amerikanische und sowjetische
Raketen würden abgebaut.
Maßnahmen

Sowjetische
Regierungsvertreter
versichern
uns, daß
die mit
den
Pershing lA-Raketen verbundenen Probleme militärisch irrelevant seien.
Die gleichen Regierungsvertreter bestehen jedoch darauf, daß sie von
politischer Bedeutung sind. Dies ist
zweifelsohne richtig. Aber sie sind
politisch
von entschieden
größerer
Bedeutung für die NATO als für die
UdSSR, es sei denn, die Sowjets hätten ein Interesse daran, die Abrüstungsverhandlungen eher dazu zu benutzen, der NATO politischen Schaden
zuzufügen, als vielmehr stabilisierende Abkommen zu erzielen. Je länger die sowjetische Seite an ihren
realitätsfernen
und
unannehmbaren

- 5 -

�Forderungen bezüglich der Pershing 1A
festhalten, desto zwingender ergibt
sich die Schlußfolgerung, daß sie Ärger und nicht Fortschritte machen
will.
Das Vorgehen bei den Rüstungskontrollverhandlungen
ist
einfach.
Erstens müßten wir ein INF-Abkommen
erfolgreich zu Ende bringen. Weiterhin sollten wir Fortschritte bei der
50prozentigen Kürzung der interkontinentalstrategischen Waffen bis hin zu
einem START-Abkommen mit wirksamer
Verifizierung und angemessenen Untergrenzen zur Sicherstellung des strategischen
Gleichgewichts
erzielen.
Die Vereinigten Staaten sind dazu bereit.
Wir
hoffen, die UdSSR ist
ebenso
bereit.
Es
besteht
kein
Grund, warum ein START-Abkommen eine
Überarbeitung des ABM-Vertrages zum
Abblocken unseres SDI-Programms erforderlich machen sollte, wie die Sowjets, die über den größten strategischen Verteidigungsapparat der Welt
verfügen, weiterhin fordern.
Obwohl
noch sehr viel getan werden muß, ist
ein wirksames weltweites Verbot chemischer Waffen erreichbar.
Dann, so
scheint mir, werden alle weiteren Bestrebungen, eine Reduzierung der Nuklearstreitkräfte auszuhandeln, nicht
nur theoretisch, sondern auch praktisch zweifelsohne äußerst sorgfältig
überprüft werden, während wir beobachten, wie die INFund START-Vereinbarungen ihrer Aufgaben gerecht werden und wir uns dem außerordentlich
schwierigen nächsten Thema auf der
umfassenden
strategischen
Tagesordnung der Rüstungskontrolle zuwenden:
der Reduzierung des Ungleichgewichts
bei den konventionellen Streitkräften
und dem Abbau der drohenden Aggression in Europa. Obwohl sie vage formuliert und leicht propagandistisch
sind, bekräftigen die jüngsten Ankündigungen des Warschauer Pakts die Bereitschaft zu einer Beseitigung des
- 6

Ungleichgewichts bei den konventionellen Streitkräften in Europa, das
den Warschauer Pakt eindeutig bevorzugt und eine der Hauptursachen des
gesamten strategischen Rüstungswettlaufs sind.
Lassen Sie mich dies
ganz klar sagen: Technisch und politisch wird diese Aufgabe sehr schwer
durchführbar sein, da die bedrohende
offensive Schlagkraft der Streitkräfte, auf deren Reduzierung solche Verhandlungen abzielen, in die komplexen
Zusammenhänge von Truppenstärke, Gerätebestand, Stationierung, Doktrin,
Führung sowie die geographischen Gegebenheiten zahlreicher Länder eingebettet sind. Guter Wille, Ernsthaftigkeit und das Vermeiden windiger
Ankündigungen werden für einen Erfolg
unabdingbar sein.
Und schließlich können wir Rüstungskontrolle nicht ohne die Notwendigkeit einer vollständigen Einhaltung
der
Abkommen
diskutieren.
Das Verhalten der sowjetischen Seite
in der Vergangenheit gibt hier zu
ernsthafter Besorgnis Anlaß. Die politisch
anspruchsvolle
Tagesordnung
der Rüstungskontrolle macht es erforderlich, daß der Verhandlungsprozeß von der Last bestehender Vertragsverletzungen befreit wird.
Um
eines der wichtigsten Beispiele zu
zitieren bedeutet dies, daß das Radar
von Krasnojarsk, das eine eindeutige
Verletzung
des
ABM-Vertrages
darstellt, abgebaut werden muß.

Menschenrechte
Das Thema Menschenrechte
steht
aus ganz offensichtlichen Gründen auf
der
Tagesordnung
der
amerikanischsowjetischen
Gespräche.
Es
geht
hierbei um eine moralische Verpflichtung.
Es ist ein politisches Thema
bei unserer eigenen Innenpolitik, und
dazu stehen wir. In den internatio-

�nalen Beziehungen befaßt man sich mit
der Frage der Menschenrechte im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
und der Abkommen von Helsinki.
Am
wichtigsten aber ist, daß es sich um
ein Thema der Friedens- und Sicherheitspolitik handelt, denn mächtige
Staaten wahren die Rechte ihrer Nachbarn fast genauso wie die Rechte ihrer eigenen Bürger.
Die sowjetische Führung hat sich
ganz klar dazu entschlossen, in bezug
auf Menschenrechte "aus der Defensive
herauszukommen", um es einmal so auszudrücken.
Und wir bergrüßen dies,
denn dadurch sind willkommene Verbesserungen zustande gekommen. Außerdem
fühlen wir uns durch die direkten und
offenen Angriffe von Sprechern der
Sowjetunion zur Situation der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten nicht beleidigt. Kein Staat ruht
wie eine Insel in sich selbst. Auch
wenn wir die von allen als positiv
bewerteten Schritte der Sowjetunion
im einzelnen analysieren, muß dennoch
die Bedeutung
dessen
unterstrichen
werden, was noch vor uns liegt. Über
150 politische Gefangene sind freigelassen worden; doch viele Hunderte
bleiben inhaftiert, und ihre Freilassung ist von moralisch verwerflichen
Versprechungen des Häftlings abhängig
gemacht worden.
Religiös Andersdenkende erfahren auch weiterhin eine
außerordentlich
grobe
Behandlung.
Die Sowjetunion hat größere Bereitschaft zur Bewilligung von Auswanderungen gezeigt und könnte die Mehrzahl der zur Zeit inhaftierten jüdischen Minderheiten freilassen.
Aber
es werden auch weiterhin Anträge aufgrund
fälschlicher
Annahmen
abgelehnt, wie etwa Zugang des Anwärters
zu geheimen Unterlagen. Und man befürchtet, sobald diese Minderheiten
freigelassen sind, könnte neuen Anwärtern die Tür vor der Nase zugeschlagen werden. Zahlreiche getrenn-

te Familien müssen immer noch zusammengeführt werden; kein rechtmäßiges
Interesse des Staates oder des Gesetzes sollte einem solchen Vorgehen im
Wege stehen.
Es erübrigt sich, an dieser Stelle auf Verbesserungen der Menschenrechtssituation
hinzuweisen.
Aber
wir suchen nach Fortschritten beim
gesamten Klima der Menschenrechte und
nach
überzeugenden
Beweisen dafür,
daß der Ursprung dieser Verbesserungen nicht nur in diplomatischem Geschick, sondern im Streben nach Gerechtigkeit an sich liegt.
Letzten
Endes sind Menschenrechte politische
Rechte; dazu gehört das Recht, die
eigene politische Meinung auszudrükken, genauso wie das aktive Handeln
der Bürger, der ethnischen und religiösen Minderheiten, und ebenso das
Handeln abhängiger Staaten, und zwar
nach gerechten und demokratischen Gesetzen.

Bilaterale Fragen
Lassen Sie mich zwei wichtige bilaterale Fragen ansprechen. Erstens,
die diplomatische Vertretung.
Die
Vereinigten Staaten haben seit Jahren
unannehmbare
Bedingungen
toleriert,
unter denen unser Land in der Sowjetunion und die Sowjetunion in den Vereinigten Staaten diplomatisch vertreten war.
Diese Vertretung war dem
schamlosen Mißbrauch von Seiten der
Sowjets ausgesetzt und stand im Widerspruch zu unserer Sicherheit und
Selbstachtung.
wir haben auf eine
Beseitigung dieser Ungerechtigkeiten
hingearbeitet.
Mittlerweile sind anhaltende Bestrebungen der Sowjets zu Tage getreten, unsere diplomatischen Einrichtungen in der Sowjetunion lahm zu legen, bis hin zum tatsächlichen Ein-

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�dringen in unser neues Botschaftsgebäude in Moskau. Dies sprengt jedes
Vorstellungsvermögen.
Solche
Entwicklungen werfen die Frage auf, mit
der wir uns überall konfrontiert sehen:
Was für ein Land ist die Sowjetunion, und ist sie bereit, internationale Beziehungen in zivilisierter Weise zu gestalten?
Die Regierung und der Kongreß der Vereinigten
Staaten
haben
sich
nachdrücklich
verpflichtet
sicherzustellen,
die
Voraussetzungen für unsere diplomatische Vertretung in der Sowjetunion
so sicher, erträglich, modern und
bequem zu gestalten wie die, welche
die Sowjetunion in unserem Land genießt - ungeachtet der deutlichen
Unterschiede
unserer
Gesellschaftsformen. Wir werden Phantasie, Arbeit
und Geld brauchen, um wirklich bequeme und nützliche Bedingungen für
eine kreative Diplomatie zu gewährleisten. Wir werden ferner ein ungewöhliches Maß an Geduld und Zusammenarbeit im Umgang mit der sowjetischen Seite brauchen, wenn wir zu
der
Verbesserung
der
Beziehungen
kommen wollen, die wir beide anstreben.
Das zweite bilaterale Thema, das
ich hier ansprechen möchte, hat mit
Informationspolitik
einschließlich
der Propaganda zu tun.
Es hat bereits positive Entwicklungen auf diesem Gebiet gegeben. Die Sowjetunion
hat ihre Störungen der in Landessprache
ausgestrahlten
Sendungen
der
"Stimme Amerikas" (VOA = Voice of
America) beendet. Sie hat ihre Störsender jedoch auf andere Sendeanstalten gerichtet, insbesondere auf "Radio Liberty". Wir drängen auf eine
Beendigung sämtlicher im Rahmen der
internationalen
Abkommen
illegalen
Störungen, Die Sowjetunion sendet in
beträchtlichem Umfang auf Kurzwellenfrequenzen in die Vereinigten Staaten, strebt aber nach einem Zugang zu
dem viel umfangreicheren Mittelwel- 8

lenbereich.
Im Einklang mit unseren
eigenen Rechtsvorschriften suchen wir
nach Wegen, dies zu ermöglichen. Bis
es soweit ist, warnen wir die Sowjetunion
und
ihren Verbündeten
Kuba
nachdrücklich vor der Benutzung kubanischer
Mittelwellensender
derart,
daß die legitimen kommerziellen Rechte amerikanischer Stationen verletzt
und diese im Ergebnis gestört werden.
Wir haben erlebt, wie gedeihlich sich
Austauschprogramme
zwischen
unseren
Ländern entwickelt haben, wofür dieses Treffen ein Beispiel ist.
Es
gibt wieder
mehr
wissenschaftliche
Austauschprogramme; ihr Nutzen liegt
in den menschlichen Kontakten sowie
in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit.
Der Austausch von Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen
ist im Aufschwung. In unseren jeweiligen Medien werden viel wahrheitsgemäßere und interessantere Informationen über unsere beiden Länder vermittelt. Es kann noch viel mehr getan werden, aber man kann auf beiden
Seiten eine gesteigerte Handlungsbereitschaft beobachten.
Aus diesem Grund ist es besonders
bedauerlich, eine beachtliche Eskalation böswilliger offizieller Propaganda der Sowjetunion über die Vereinigten Staaten feststellen zu müssen.
In den vergangenen Monaten haben die
offiziellen sowjetischen Medien die
Vereinigten Staaten direkt oder unterschwellig beschuldigt,
- AIDS in amerikanischen militärischen Labors zu entwickeln;
- an sogenannten ethnischen Waffen
zu arbeiten, die alle Rassen mit
Ausnahme
der Weißen
vernichten
können;
- Friedensdemonstranten
in
Europa
gefährlicher Mikrowellen-Bestrah-

,

t

�lung auszusetzen;
- sich
an
dem
Joneston-Massaker
beteiligt zu haben;
- Olaf Palme ermordet zu haben;
Ein besonders widerliches Beispiel dieser Art von Propaganda ist
die Veröffentlichung von Falschmeldungen
in
der
"Prawda",
der
"Iswestia" und der "Sowjetskaja Kultura", wonach Amerikaner Kinder aus
Latein-Amerika unter dem Vorwand der
Adoption abgeholt und dann in Wirklichkeit als Organspender mißbraucht
und getötet haben.
Diese Art von Propagandaaktivitäten folgt einem generellen Muster.
Zunächst wird ein Gerücht in speziell
zu diesem Zweck betriebenen Medien in
die Welt gesetzt, um dann von offiziellen sowjetischen Organen aufgegriffen und von sowjetischen Nachrichtendiensten zur Weiterverbreitung
verarbeitet zu werden.

nen, wie ihr Land in unseren Medien
dargestellt wird.
Es handelt sich
hierbei um private kommerzielle Unternehmen, auf die von Seiten der
amerikanischen Regierung auf keinen
Fall Einfluß genommen werden darf.
Solchen
Darstellungen
stehen
zahlreiche Veröffentlichungen in sowjetischen Büchern und Filmen mit antiamerikanischen Themen gegenüber, in
einem Land, wo sämtliche Veröffentlichungen
in
Regierungshand
liegen.
Man muß jedoch sehr stark unterscheiden
zwischen ganz offensichtlicher
Fiktion, ob nun zu Unterhaltungszwekken oder zur Indoktr ination, ob geschmacklos oder künstlerisch, und einer blanken Lüge, die von Organen der
Regierung als Tatsache verkauft wird.
Die Autoren solchen Materials mögen
unsere
Beschwerden
beachten
oder
nicht. Aber sie sollen weder bei ihrer Arbeit anonym bleiben, noch soll
unser
politisches Verhältnis davon
unberührt bleiben.

Schlußbemerkungen
Amerikaner fühlen sich durch eine
derartige offizielle, wenngleich verdeckte,
sowjetische
Propaganda
zu
Recht beleidigt. Dies könnte uns sogar Schaden zufügen, insbesondere in
Teilen der Dritten Welt, obwohl das
schwer meßbar ist. Am bedeutendsten
ist hierbei nicht die Frage, was über
die Vereinigten Staaten gesagt oder
ihnen zugefügt wird, sondern was dies
über die Sowjetunion aussagt und daher ihr zufügt. Dieser offiziell abgesegnete Unfug stammt aus denselben
Büros, sogar von denselben hochrangigen Personen, die uns glauben machen
wollen, daß im Kreml eine neue Denkweise verbreitet sei. Was sollen wir
mit solchen Anschuldigungen anfangen?
Ich bin davon überzeugt, daß viele sowjetische Bürger die Art ableh-

Ich bezweifle nicht, daß unsere
sowjetischen Gäste viele der von mir
vorgebrachten Klagen zurückweisen und
ihrerseits
einige
Beschwerden
und
Einwände vortragen werden.
Und in
der anschließenden Debatte werden wir
zu einer korrekten Beurteilung des
derzeitigen
Stands der
sowjetischamerikanischen Beziehungen gelangen.
Beobachter auf beiden Seiten werden
behaupten, eine solche gegenseitige
Kritik würde die Stimmung verderben
und unsere Bemühungen um Verständnis
behindern. Doch ich möchte wiederholen, was ich bereits ausgeführt habe:
wir müssen offen ansprechen, was uns
beunruhigt und trennt, sonst werden
wir keine Verbesserung des Verständnisses erzielen.

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�Der derzeitige Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen ist so
uneinheitlich, wie schon seit langem
- eine Mischung aus Konflikten und
unseren Bemühungen zur Vermeidung von
Konfrontationen;
dem
Streben
nach
Verständnis für die Unterschiede zwischen uns und dem Aufbau engerer Zusammenarbeit.
Was die amerikanische
Sicht der Tendenzen und zukünftiger
Entwicklungen
betrifft, möchte ich
auf den Präsidenten verweisen, der
morgen zu Ihnen sprechen wird, und
auf den stellvertretenden Außenminister Whitehead, der im Lauf der Woche
das Wort an Sie richtet.
Es erscheint mir angebracht, mit
einigen Bemerkungen über die bedeutsamen
Entwicklungen
innerhalb
der
Sowjetunion abzuschließen.
Sie können gelegentlich
lesen,
einige
amerikanische
Regierungsvertreter seien skeptisch über die innenpolitischen Entwicklungen in der
Sowjetunion,
über
"Glasnost"
und
"Perestroika". Lassen Sie mich Ihnen
versichern, sie zweifeln nicht daran,
daß etwas wichtiges und vielleicht
vielversprechendes
geschieht.
Aber
sie sind skeptisch darüber, was es
wirklich ist, wie weit es gehen wird,
und was es letztlich für das Verhalten der Sowjetnuion gegenüber der
Welt bedeuten wird. Rußland und die
Sowjetunion haben schon vorher Perioden der Reform erlebt, und diese
Epochen waren unmittelbar von Stagnation und Unterdrückung gefolgt. Gelegentlich waren die Phasen der Reform von gefährlichen Aktionen in der
Außenpolitik begleitet.
Ist "Perestroika" ein Prozeß, der
die Sowjetunion
zu neuen Anstrengungen ermutigt, die Kontrolle über
andere anzustreben?
Oder wird dies
zu einer neuen Aussöhnung und Freund- 10

schaft mit den Nachbarn führen? Wir
wissen es nicht, und soweit ich das
sagen kann, wissen auch die meisten
Sowjetbürger dies nicht.
Die wahre
Absicht
politisch
Verantwortlicher
kann nicht immer zwangsläufig aus dem
geschlossen werden, was sie sagen.
Außerdem liegen die Ergebnisse großer
historischer Entwicklungen nicht allein in den Händen der Politiker.
Generalsekretär
Gorbatschow
hat
vernünftigerweise
festgestellt, daß
echte "Perestroika", also eine andauernde Wiederbelebung
der sowjetischen Gesellschaft, Kraft von unten
benötigt, neue Wege des Denkens und
Handelns der Menschen.
Im Gegenzug
wird dies neue Formen der Toleranz
und des Antriebs von den politisch
Verantwortlichen erfordern.
Die daraus resultierende Unruhe, so wird
uns
versichert,
wird
für
viele
furchterregend und für alle ungewiß
sein. Das Ergebnis steht nicht fest.
Und die Außenpolitik der führenden
westlichen Nationen kann nicht auf
ein ganz bestimmtes Ergebnis setzen.
Die Politik muß von Skepsis und
Vorsicht geprägt sein. Aber sie muß
auch von Hoffnungen und Visionen inspiriert sein.
Damit ist die Hoffnung des amerikanischen Volkes und
seiner politisch Verantwortlichen gemeint, daß
"Perestroika"
bei
der
Schaffung
eines größeren Maßes an
Wohlstand und Freiheit in der Sowjetunion und in Osteuropa erfolgreich
sein wird. Erfüllt von unseren eigenen Werten und unserer langen Erfahrung glauben wir, daß die Sowjetunion
ein toleranteres und freieres Land
werden muß, wenn sie wohlhabender und
produktiver werden will.
Dann wird
sie auch ein umgänglicher Nachbar in
der Welt sein.
Es erfordert nicht allzu viel
Phantasie, sich eine Sowjetunion vor-

t

»
K

�zustellen, in der etwas erreicht wurde, das unserem Verständnis von Gerechtigkeit und Freiheit, von Toleranz zwischen Staat und Bürgern, zwischen Nationalitäten und religiösen
Gruppen
und
zwischen Nationen und
Nachbarn näher
kommt.
Auf dieser
Aussicht, so unsicher sie auch sein
mag, gründet sich die Vision eines
wahren und dauerhaften Friedens zwischen unseren Ländern, ein Friede getragen von Harmonie und Freundschaft.
Bis dahin arbeiten wir gemeinsam
an der schwierigen und widersprüchlichen Beziehung, die wir zueinander
haben.
Die Vereinigten Staaten sind
auf diese Arbeit mit der Sowjetunion
vorbereitet. Wir werden jedoch auch
weiter darauf bestehen, daß Frieden
und Freiheit Hand in Hand gehen müssen.

* * * * *

�</text>
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