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                  <text>AMERIKA DIENST
V,oN ^

20.

19

Mai 1 9 8 7

•

I N H A L T

DOKUMENTATION

Glasnost und das Bündnis
- Rede von Botschafter Burt vor der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtiqe Politik -

HINTERGRUNDMATERIAL

Studie des US-Außenministeriums befürwortet weite Interpretation
des ABM-Vertrages
- Artikel über Informationsqespräche mit Sofaer und Nitze -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�;e° ST&gt;

AMERIKA DIENST
Dokumentation

20. Mai 1087

19
GLASNOST UND DAS BÜNDNIS

Rede von Botschafter Burt vor der Deutschen Gesellschaft
für Auswärtiqe Politik -

BONN - (AD) - In einer am 20. April 1987 vor der Deutschen Gesellschaft
für Auswärtiqe Politik in Bonn qehaltenen Rede hat der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Richard R. Burt, die Sowjetunion aufqefordert, der Breschnew-Doktrin eine Absaqe zu erteilen. "Wenn die Sowjetunion
am Erfolq von Glasnost interessiert ist, muß sie die Breschnc-wDok tr in aufqeben. Die Teilunq Europas kann solanqe nicht erleichtert oder abqeschafft werden, wie sie von der Roten Armee aufrechterhalten wird, und dazu würde eine
Abkehr von der Breschnew-Doktrin neue Horizonte für Buropa und auch für die
Sowjetunion eröffnen."
Nachfolgend bringen wir die Rede des amerikanischen Botschafters im Wortlaut.
Vielleicht weht ein neuer Wind
aus der Sowjetunion.
Eine Gesellschaft, die so erstarrt, so unglaubwürdiq zu sein schien, scheint heute
Zeichen des Wandels zu zeiqen. Russische Wörter - "Glasnost" (Offenheit)
und "perestroika"
(Umgestaltung) - werden im qesamten Westen
vernommen.
Die Folqen sowjetischen
Verhaltens werden in der qanzen Welt
gespürt. Es gibt vielleicht kein anderes Volk, das diese Entwicklunq so
aufmerksam verfolgt, wie die Deutschen .

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Hier wie auch in meinem Land ist
die Hoffnung weitverbreitet« daß der
Wandel in cier Sowjetunion eine Veränderung zum Resseren mit sich bringt,
und zwar nicht nur für das sowjetische Volk, sondern auch für die sowjetischen
Beziehungen
zur übrigen
Welt.
Es besteht ein Gefühl neuer
Chancen werden in den Ost-West-Reziehunqen, insbesondere im Bereich der
Rüstunqskontrolle.
Die
Hoffnunqen
sind besonders hochgespannt im Hinblick auf den Abschluß eines Abkommens über Mittelstreckenwaffen - um
diese gesamte Kategorie von Waffen in

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Europa gemäß dem von Präsident Reagan
vor sechs Jahren unterbreiteten Vorschlag abzuschaffen.
Die
Reqierung
der
Vereinigten
Staaten teilt diese Hoffnungen auf
konkrete Fortschritte voll und ganz
und tut ihr möglichstes, um sie zu
erfüllen.
Die Vereinigten
Staaten
sind
besonders befriedigt darüber,
daß die Sowjetunion jetzt den Vorschlag des Bündnisses über IMF-Systeme aufgegriffen hat.
Der Abschluß
eines Abkommens über diese Kategorie
von Waffen würde einen wertvollen
Beitrag zur europäischen Sicherheit
leisten.

kontroll vorschlagen und, noch bedenklicher, Europa bilde einfach die Arena für den Wettstreit und die Vorherrschaft der Supermächte.
Das dagegen verordnete politische
Rezept heißt
"Europäisierung Europas".
Dieser Ansicht zufolge sollte
Europa aus den Klauen der Supermächte
befreit werden. In seiner extremeren
Form führt dieser Gedanke logischerweise zur sowjetischen Idee des Hauses Europa - der Befreiung Europas
von der nichteuropäischen Supermacht
- den Vereinigten Staaten.

Das Problem der europäischen Teilung
Das europäische
Sicherheitsprohlem liegt jedoch wesentlich tiefer
als das Problem der Rüstungsniveaus.
Der Rüstungswettlauf in Europa ist
sogar eher das Symptom des Problems
als dessen Ursache, und wenn wir uns
dieser Ursache zuwenden, müssen wir
die historischen Wurzeln des Problems
untersuchen.
Mit
Ihrer
Erlaubnis
möchte ich dies heute abend tun.
Es
gibt
zwei
weitverbreitete,
miteinander konkurrierende Meinungen
zum Wesen des europäischen Sicherheitsproblems.
Die eine besagt, daß
der Rüstungswettlauf das Grundproblem
ist und führt diesen wiederum auf den
Wettstreit der Supermächte in Europa
zurück.
Jüngste
Meinungsumfragen,
von denen ich Kenntnis erlangt habe,
besagen, daß solches Gedankengut allgemein verbreitet ist.
Laut einer
vom "Stern" im März veröffentlichten
Meinungsumfrage glaubten 49 Prozent
der
Befragten, daß Generalsekretär
Gorbatschow größere Anstrengungen für
Frieden
und
Abrüstung
unternimmt,
während nur 9 Prozent das gleiche von
Präsident Reagan annahmen. Ich finde
dies beunruhigend, da sich darin die
Meinung widerspiegelt, der Friede in
Europa sei das Produkt von Rüstungs- 2

Der zweite und produktivere Ansatz einer Betrachtungsweise des Problems der europäischen Sicherheit besteht darin, es als Ergebnis der Teilung Europas anzusehen.
Die europäische Teilung ist die Quelle des Problems, nicht das Wettrüsten oder der
Wettstreit der Supermächte an sich.
Und die Lösung des europäischen Sicherheitsproblems
besteht
in
der
Überwindung der Teilung des Kontinents.
Um Fortschritte bei der Überwindung der Teilung Europas zu machen,
müssen wir zunächst verstehen, warum
Europa geteilt ist. Und gerade hier
begeben sich viele auf Irrwege. Ich
persönlich bin tief davon berührt,
daß es hier in der Bundesrepublik
Deutschland wie auch in den Vereinigten Staaten jungen Leuten im Hinblick
auf die Teilung Europas oft an historischem
Bewußtsein
fehlt.
Dieser
allzu verbreitete unhistorische Ansatz führt oft zu der vereinfachenden
Diagnose des "Wettstreits der Supermächte" und zu ähnlich schlichten und
irreführenden Lösungen.
Die

Teilung

Europas

nach

dem

�Zweiten
Weltkrieq
veranschaulichte
ein in der Geschichte immer wiederkehrendes Phänomen. Wenn ein historisches Problem qelöst ist, taucht
ein
neues
auf.
Die
Niederlaqe
Deutschlands im Zweiten Weltkrieq bereitete
der katastrophalen
Politik
von Adolf Hitler und der Ausbreitunq
deutscher
Macht ein Ende.
Leider
brachte der Krieq jedoch auch die Rote Armee nach Mitteleuropa. Die Sowjetunion war nicht länger eine von
mehreren
europäischen
Großmächten.
Sie wurde zur dominierenden Macht Europas.
Die
Resetzunq
Osteuropas
durch die Rote Armee wurde zum grundleqenden europäischen Sicherheitsproblem der verqanqenen vier Jahrzehnte,
und dies ist auch heute noch der Fall.
Die daraus folqende Teilunq Europas kann deshalb aus den grundverschiedenen amerikanischen und sowjetischen Vorstellunqen von der Nachkrieqswelt heraus verstanden werden.
Die amerikanische Vorstellunq war von
Offenheit
qepräqt
- von
demokratischen Institutionen und einem freien
internationalen
Handelssystem.
Dazu qehörte die Erwartunq, daß die
Europäer unter dem Schutz eines überqeordneten, durch die Vereinten Nationen gewährleisteten
internationalen Sicherheitssystems ihre eigenen
Angelegenheiten
bewältigen
würden.
Die sowjetische Vorstellung, soweit
wir sie ermitteln können, sah ein geschlossenes System vor - die Grenzen
des sowjetischen Reiches würden nach
außen verschoben und sicherer v/erden.
In einem Essay über den kalten Krieg
hat
der
amerikanische
Historiker
Arthur Schlesinger diese gegensätzlichen Ansätze als den "universalistischen" und den der "Einflußsphäre"
beschrieben.
Um aufzuzeigen, wie Europa geteilt wurde, möchte ich fünf Thesen
zum amerikanischen und sowjetischen

Verhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit vortragen und zur Diskussion stellen.
ich hoffe, daß diese
detaillierte Untersuchung der historischen Tatsachen manche Fehlschlüsse
über diesen Zeitraum zerstreuen und
einige Hinweise darauf qeben wird,
wie das europäische Sicherheitsproblem heute wirksam anqegangen werden
kann.

1.

Erstens: die Ziele der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
im Nachkriegseuropa waren grundverschieden.

Die Vereinigten Staaten befürworteten Demokratie und nationale Unabhängigkeit, in seinem Ruch "The Cold
War as History" beschrieb Louis Halle
die amerikanische Vorstellung folgendermaßen: eine weltweite internationale Gemeinschaft, die in einer Art
von Parlament der Nationen demokratisch orqanisiert sein sollte und in
der alle Mitglieder Selbstbestimmung
durch freie Wahlen nach westlichem
Modell qenießen würden.
Diese Vorstellunq wurde recht problemlos in
ganz Westeuropa verwirklicht.
Daqegen
waren die
sowjetischen
Absichten in Osteuropa offen expansionistisch.
Zu Reqinn des Jahres
1945 erklärte Stalin dem jugoslawischen Kommunisten Milovan Djilas, was
dieser in seinem Ruch "Gespräche mit
Stalin" ber ichtet:
"Dieser Krieg ist nicht wie die
vergangenen; wer ein Territorium besetzt, zwingt diesem auch sein eigenes Gesellschaftssystem auf.
Jeder
setzt sein eigenes System durch, soweit eine Armee reichen kann.
Es
kann nicht anders sein."
Der stellvertretende sowjetische
Außenminister, Maxim Litwinow, er-

- 3 -

�klärte
1946:

in

einem

Interview

im

Jahr
2.

"In Rußland hat eine Rückkehr zum
veralteten Konzept von Sicherheit in
Form von Territorium stattgefunden je mehr man davon hat, desto sicherer
ist man."
Bei Krieqsende hatten die Sowjets
Teile von Finnland, die drei baltischen Staaten, einen Teil von Ostpreußen,
Ostpolen
und
Teile
der
Tschechoslowakei und Rumäniens direkt
annektiert. Der Großteil Osteuropas,
der nicht unmittelbar der Sowjetunion
einverleibt wurde, qelangte unter die
zunehmend straffe und repressive sowjetische Kontrolle.
Die
Forderung
der
Sowjetunion
nach absoluter Sicherheit für sich
selbst bedeutete absolute Unsicherheit für ihre Nachbarstaaten - Verlust von Gebieten, Entzug der nationalen Unabhängigkeit und Aufnötigung
harter totalitärer Regime.
Die Sowjets hatten ihr Sicherheitsproblem
gelöst - aber ein neues für all ihre
europäischen Machbarn geschaffen.
Noch alarmierender für den Westen
war Stalins offensichtlicher Wunsch
nach Expansion über Osteuropa hinaus.
Schon im Jahr 1945 übte er Druck auf
die Türkei aus, um diese zu veranlassen, zwei Provinzen im Nordosten abzutreten und den Sowjets Stützpunkte
in der Ägäis und an den Meerengen
einzuräumen - Forderungen, die bis zu
seinem Tod Bestand hatten.
Im Jahr
1946 etablierte das sowjetische Militär ein Marionettenregime im Norden
Irans.
Der vertraglich vereinbarte
Truppenabzug fand erst unter internationalem
Druck
statt.
Das sowjetische Verhalten war noch besorgniserregender, als für die Sicherheit
der Sowjetunion keine aktuelle Bedrohung bestand.

Damit komme ich zu meiner zweiten
These» Sie besagt, daß im Gegensatz zur Sowjetunion die Vereinigten Staaten abrüsteten und
sich in den ersten Jahren nach
dem Zweiten Weltkrieg militärisch
weitgehend aus Europa zurückzogen.

Stalin gegenüber erklärte Präsident Roosevelt im Februar 194 5 in
jalta,
daß
amerikanische
Truppen
nicht viel, länger als zwei Jahre nach
Krieqsende in Europa verbleiben würden.
Er blieb seinen Worten treu:
die amerikanischen Truppen wurden von
3 Millionen Mann im Jahr 1945 auf
391 000 im Jahr 1947 abgebaut.
Das
amerikanische
Verteidigungsbudget
fiel von 81 Milliarden Dollar im Jahr
1945 auf 13 Milliarden Dollar im Jahr
1947.
Die Wehrpflicht wurde in den
Vereinigten
Staaten
wieder
abgeschafft.
Die amerikanischen Verteidigungsbemühunqen
blieben nach
Kriegsende
fünf Jahre lang auf diesem niedrigen
Niveau,
während
der
sowjetischen
Machtübernahme in der Tschechoslowakei, der Blockade Berlins, des Falls
von China an kommunistische Kräfte
und der Explosion der ersten sowjetischen Atombombe im Jahr 1949. Amerikanische
Militärberater
warnten
Präsident Truman, daß alles, was über
einen
kleinen
Konflikt
im Ausland
hinausging,
eine
Teilmobilisierung
von Reserven erforden würde.
Erst
nach der nordkoreanischen Invasion in
Südkorea im Jahr 1950 begann schließlich der Ausbau der amerikanischen
militärischen Fähigkeiten.
Darüber hinaus besaßen die Vereinigten Staaten in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg weder ein bedeutendes Atomwaffenarsenal

�noch die erforderlichen Trägersysteme. Noch im Frühjahr 1047 wurde Präsident Truman von seinen Reratern informiert, daß lediqlich eine Handvoll
atomarer
Gefechtsköpfe
existierten
und keiner davon einsatzbereit war.
naqeqen
unterhielt die Sowjetunion in den Nachkriegsjähren ein umfangreiches stehendes Heer. nie meisten europäischen und amerikanischen
Beobachter schätzten die Gesamtstärke
der sowjetischen Truppen im Jahr 1948
auf vier bis fünf Millionen Mann qeqenüber einer amerikanischen Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann weltweit. Der RAND-Forscher Thomas Wolfe
schätzt, daß mindestens dreißiq sowjetische Divisionen in Europa weniqer als
zehn locker
koordinierten
britischen, französischen und amerikanischen Divisionen qeqenüberstanden.
Die Europäer betrachteten dieses
militärische Unqleichqewicht als qefährlich, lanqe bevor viele Amerikaner zu der qleichen Einschätzunq qelanqten, und sie unternahmen im Jahr
1948 selbst den ersten Schritt zu einer qemeinsamen Verteidiqunq, indem
sie den Brüsseler Vertraq unterzeichneten, der ein Bündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten ins Leben rief.
Lothar
Ruehl hat die militärische Laqe folgendermaßen charakterisiert:
"Nachdem Deutschland als Militärmacht ausqeschaltet worden war, konnten weder die volle Wiedererstarkunq
Frankreichs noch die fortqesetzte Mobilisierung
britischer
Streitkräfte
im Kräfteverhältnis zur Sowjetunion
auch nur ein annäherndes Gleichgewicht in den Konfliktoptionen aufrechterhalten;
denn
keines
dieser
westlichen Länder hätte die Mobilisierung seiner Streitkräfte und seiner Wirtschaft auf dem in Kriegszeiten erreichten Stand halten können."

Deshalb drängten die verantwortlichen
europäischen
Politiker
die
Amerikaner, ihr Engagement in Europa
wiederaufzunehmen.
Raymond Aron bemerkte dazu:
"... es geschah auf Verlangen der
Europäer, daß der Nordatlantikvertraq
unterzeichnet wurde, und es geschah
auf Verlangen der Europäer
ebenso
sehr wie auf Vorschlaq der Amerikaner, daß der Mann, der den Kreuzzuq
qeqen das Dritte Reich befehliqt hatte, als Befehlshaber der Streitkräfte
der Orqanisation des Nordatlantikvertrages nach Europa zurückkehrte."

3.

Meine dritte These besagt, daß
das Engagement der Vereinigten
Staaten in Europa in den frühen
Nachkriegsjahren hauptsächlich
dazu diente, die europäische
Wirtschaft wiederaufzubauen und
ein offenes Handelssystem zu
schaffen.

In einem Beitrag für die Zeitschrift
"Diplomatie
History"
beschrieb Robert Pollard die amerikanische Wirtschaftspolitik folgendermaßen :
"Die
politisch
Verantwortlichen
in den Vereinigten Staaten nahmen an,
daß ein Umfeld des freien Handels ohne Diskriminierung - die "offene Tür"
- durch das Prinzip der vergleichbaren Ausgangslage die Vorteile des
friedlichen Wettbewerbs, des gleichen
Zugangs zu Rohstoffen und der höchsten Effizienz bieten und gleichzeitig stabile und demokratische Gesellschaftssysteme
im
Ausland
stärken
würde."
Pollard bemerkt, daß die
Nachkr iegsgeneration verantwortlicher
amerikanischer
Politiker
durch
die
Große Depression und die Ereignisse,
die zum Zweiten Weltkrieg führten,

- 5 -

�grundleqend beeinflußt worden waren.
Sie waren davon überzeugt, daß nationalistische
Handelspolitik,
Protektionismus und wirtschaftliche Rivalitäten eine Hauptursache des Krieges
bildeten.
Sie waren entschlossen,
ein System ins Leben zu rufen, das
diese Gefahren vermeiden würde.
Die amerikanische Wirtschaftspolitik war auf eine allgemeine wirtschaftliche
Erholung
ausgerichtet,
nicht
darauf,
der
amerikanischen
Wirtschaft besondere Vorteile zu verschaffen.
Amerikanische
Investoren
zögerten, in Übersee zu investieren.
Im Jahr 1950, wie im Jahr 1940, investierten die Europäer vie] mehr in
den Vereinigten Staaten als Amerikaner in Europa. überdies waren wichtige
Bereiche
der
amerikanischen
Wirtschaft gegen den Abbau von Zöllen
und anderen Handelsschranken, der ein
zentrales Element der amerikanischen
Politik zur Förderung einer gesunden
Weltwirtschaft darstellte.
Die Vereinbarungen
von Bretton
Woods und der Marshall-Plan waren
ebenfalls dazu gedacht, den allgemeinen Wohlstand zu fördern.
Pollard
erinnert uns daran, daß das System
von Bretton Woods politisch neutral
sein und sowohl den kapitalistischen
wie auch den sozialistischen Ländern
dienen sollte.
Um sowjetische Unterstützung zu
gewinnen, wurde den Sowjets zum Beispiel ein Stimmrecht im internationalen
Währungsfonds
eingeräumt, das
viel bedeutender war, als aufgrund
ihrer wirtschaftlichen Rolle angemessen gewesen wäre. Dem IWF sollte jedes Recht verwehrt werden, den Wert
des Rubel zu regulieren.
Wie Pollard
bemerkte, entstand
der Marshall-Plan aus einem wachsenden Gefühl der Furcht amerikanischer

Regierungsbeamter, daß Westeuropa auf
einen
politischen
und
wirtschaftlichen Zusammenbruch zusteuerte. Der
Plan wurde unterschiedslos der Sowjetunion und den Staaten Europas angeboten.
Insgesamt lagen während des Zeitraums von 1946 bis 1949 die Wirtschaftsbeihilfen und Kredite der Vereinigten Staaten an das Ausland bei
mehr als fünf .Milliarden Dollar jährlich. Die von der Marshall-Plan-Hilfe angekurbelte industrielle Produktion Westeuropas wuchs von 1947 bis
1951 um ein Drittel.
nie Sowjetunion
lehnte das in
Bretton Woods entworfene offene internationale
Handelssystem
schließlich ab. Stattdessen hatte sie schon
Anfang
1945 damit begonnen, ihren
osteuropäischen Satelliten geschlossene und autark gelenkte Wirtschaftsformen
aufzuzwingen.
Umfangreiche
Reparationszahlungen wurden von der
sowjetischen
Zone Deutschlands und
von Osteuropa verlangt. Nachdem die
sowjetischen Vertreter zunächst Interesse
am
Marshall-Plan
bekundet
hatten, nahmen sie eine ablehnende
Haltung ein und zwangen die Tschechoslowakei und Polen ebenfalls zur
Absage, obwohl diese sich gerne beteiligt hätten. Außerdem zwangen die
Sowjets die Polen und die Tchechoslowaken, ihre Beziehungen zum IWF abzubrechen .

4.

Meine vierte These lautet:
Die
sowjetische Politik, die zur Teilung Europas führte, zog auch die
Teilung Deutschlands nach sich.

Die Sowjetunion begann bald mit
der Errichtung eines gesonderten Systems in der Ostzone Deutschlands.
Grundbesitz
wurde
konfisziert
und
kollektiviert.
Die Industrie wurde

- 6 -

�verstaatlicht.
Im Jahr 1946 wurde
die SPD der Ostzone und Ost-Berlins
zum Zusammenschluß
mit der Kommunistischen
Partei gezwungen.
Ostdeutschland wurde zum integralen Bestandteil
des
sowjetischen
Herrschaftsgebiets.
Zu
dieser
Zeit
schlössen
die
grundlegenden sowjetischen Interessen
aus der Sicht der Sowjets selbst ein
freies und vereintes Deutschland aus.
Das vorrangige sowjetische Interesse
lag in der Bewahrung ihres Reichs.
Es gibt einige historische Beweise für die sowjetischen Absichten bezüglich
der
Einheit
Deutschlands.
Djilas berichtet uns, daß Stalin und
andere sowjetische Regierungsvertreter im Jahr 1946 darauf bestanden,
daß ganz Deutschland
kommunistisch
sein sollte, und er führt diese optimistischen
Stellunqnahmen
darauf
zurück, daß die Sowjets vom Rausch
des Sieges und der Hoffnung auf die
wirtschaftliche und politische Auflösung Westeuropas erfaßt worden waren.
Im Jahr 1948 vermerkt Djilas jedoch
einen Wandel: Stalin sagte nun, daß
Deutschland in ein westlich orientiertes Westdeutschland und ein kommunistisches
Ostdeutschland
geteilt
werden würde. Der zentrale Bestandteil sowjetischer Politik war der Erhalt und, wenn möglich, die Erweiterung
der
sowjetischen
Macht
in
Deutschland:
entweder Wiedervereinigung
unter
kommunistischem
Regime
oder fortdauernde Teilung und Kontrolle des Ostens.
Die Niederschlagung der Arbeiterrevolte in der DDR im Jahr 1953, der
ungarische Aufstand im Jahr 1956 und
der Prager Frühling von 1968 lieferten nachdrückliche Beweise für den
vorrangigen Wunsch der Sowjets, ihr
Reich unbeschadet zu erhalten.
Der
frühere
hohe
sowjetische
Diplomat

Arkadij Schewtschenko hat berichtet,
daß sich die sowjetischen Hauptzielsetzungen früherer Jahrzehnte bis zum
Jahr 1970 nicht geändert hatten. In
jenem Jahr entschied das Politbüro,
daß Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands nur stattfinden
könnten,
wenn
die
Bundesrepublik
Deutschland aus der NATO austräte und
ein kommunistischer Staat werden würde.
Die Stalin-Note von 1952 schien
eine
Wiedervereinigung
anzubieten.
Tatsächlich war dies jedoch nicht der
Fall, denn die grundsätzlichen Interessen hatten sich überhaupt nicht
geändert.
Der historische Zusammenhang verdeutlicht diesen Widerspruch.
Die
ursprüngliche
Stalin-Note
deutete nur vage an, wie eine Wiedervereinigung erreicht werden sollte,
und sie versprach keine freien Wahlen.
Die Verhandlungen wären wahrscheinlich in jene endlosen Streitereien ausgeartet, die auch die vorherigen Debatten zwischen den Sowjets
und den Alliierten über Deutschland
gelähmt hatten. Selbst wenn die Sowjets theoretisch freien Wahlen zustimmten, so hatten sie doch in der
Praxis die Institution der
freien
Wahlen in ganz Osteuropa zerstört.
Der einzig ernsthafte Versuch des
Ostens zu einer Wiedervereinigung war
die nordkoreanische Invasion in Südkorea im Jahr 1950.
Für die Westdeutschen schien eine wiederbelebte
Vier-Mächte-Kontrolle
überdies
die
schwer errungene Unabhängigkeit und
Freiheit der Bundesrepublik zu gefährden.
Es war kein Wunder, daß
westliche Staatschefs, einschließlich
Adenauer, die Stalin-Note nicht als
eine echte Chance betrachteten, obwohl sie die sowjetischen Absichten
mit einer Reihe von Noten sondierten.
Raymond Aron erläutert die westlichen
Zweifel:

- 7 -

�"Obwohl es zwischen 1953 und 1954
Anzeichen einer Bereitschaft zu Verhandlungen
über
Deutschland
gab,
sucht man verqeblich nach Beweisen
für eine sowjetische Billigung der
Zugeständnisse, die nötig gewesen wären, um irgendeiner dieser Verhandlungen zum Erfolg zu verhelfen. Hätten Stalins Nachfolger wirklich freie
Wahlen in einer demokratischen Republik zugelassen, auf die Gefahr hin,
das Gesicht zu verlieren und ihr Imperium zu schwächen?"
Seine Antwort
ist ein nachdrückliches Nein.

5.

Meine fünfte und abschließende
These lautet: Die Vereinigten
Staaten unternahmen nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges beträchtliche Anstrengungen zur Fortsetzung der kooperativen Beziehungen
mit der Sowjetunion, während die
Sowjetunion den Konflikt schon
für unvermeidbar hielt.

Arthur Schlesinger hat die Situation wie folgt beschrieben: "Im Jahr
1945 lag der Unterschied
zwischen
Amerika und Rußland darin, daß einige
Amerikaner grundsätzlich langfristig
an einen möglichen modus vivendi mit
Rußland glaubten;
während die Russen, so weit man dies sagen kann,
höchstens einen kurzfristigen modus
vivendi mit den Vereinigten Staaten
für möglich
hielten."
Schlesinger
vermerkt, daß der amerikanische Außenminister Byrnes von 1945 bis 1946
"seinen langen und fruchtlosen Werbefeldzug durchführte, um die Russen
davon zu überzeugen, daß Amerika nur
solche Regierungen in Osteuropa anstrebte, die sowohl freundschaftliche
Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten als auch alle demokratischen Elemente des Landes repräsentieren sollten". Entsprechend stellten die Vereinigten Staaten der Sowjetunion im

Jahr 1946 285 Killionen Dollar als
besondere
Entlastungszahlungen
zur
Verfügung, und 45 Millionen Dollar
sogar noch im Jahr 1947, als sich der
kalte Krieg verschärfte.
Amerikanische Nachkriegs-Anleihen
für die
Sowjetunion im Umfang von einer bis
sechs Milliarden
Dollar wurden zu
verschiedenen Zeiten angeboten.
Die
Vereinigten
Staaten
legten
den
Baruch-Plan zur Abschaffung der Kernwaffen und die gemeinsame friedliche
Nutzung der Atomenergie vor. Im Verlauf der Jahre 1945 und 1946 schlugen
die Vereinigten Staaten eine Folge
von Austauschprogrammen mit der Sowjetunion mit so ungleichen Teilnehmern wie dem Chor der Roten Armee und
der Princeton Universität vor.
Schlesinger nennt als Gründe dafür, warum die Sowjetunion auf die
amerikanischen Gesten nicht im Geist
der Zusammenarbeit antworteten, die
sowjetische Ideologie, Stalins paranoide Persönlichkeit und die nationalen
sowjetischen
Interessen.
Er
zieht die Schlußfolgerung, daß sich
die Sowjetunion im Oktober 1945 für
den isolationistischen Weg entschieden hatte. nies bedeutete natürlich
ebenso die Isolierung des osteuropäischen Vorfelds der Sowjetunion.
Warum habe ich die unmittelbare
Nachkriegsgeschichte
so
detailliert
wiederaufgerollt?
Ich wollte damit
nicht andeuten, daß Gorbatschows Initiativen unbedeutend seien oder die
sowjetische Politik sich nicht ändern
könne. Ich wollte vielmehr hervorheben, wie und warum das grundlegende
Sicherheitsproblem Europas entstanden
ist.
Die wesentlichen Tatsachen des
heutigen europäischen Lebens - die
Existenz zweier Bündnissysteme, die
amerikanische militärische Präsenz in
Europa, der Rüstungswettlauf - haben
ihren Ursprung
in der erzwungenen
Teilung des Kontinents und der er-

�zwunqenen Teilung Deutschlands.
Die amerikanischen Truppen kamen
nach Europa als Reaktion auf die Teilunq Europas, nicht als deren Ursache.
Sie kamen, weil die politisch
Verantwortlichen
Westeuropas
sie
wollten, und weil sie qemeinsamen Sicherheitsinteressen
dienten.
Sie
bleiben in Europa, nicht um die Teilunq fortbestehen zu lassen, sondern
um das Selbstbestimmunqsrecht auf dem
qesamten Kontinent am Leben zu erhalten. Die amerikanischen Truppen werden gehen, wann immer ihre Anwesenheit hier nicht länqer erwünscht ist.
Dies ist der fundamentale Unterschied
zwischen der amerikanischen und der
sowjetischen Truppenpräsenz in Europa. Und wenn Sie mir qestatten, etwas provozierend zu sein - dies ist
ein Unterschied, den Sie als führende
Vertreter der deutschen Außenpolitik
der
jüngeren Generation
in diesem
Lande nicht hinreichend vermitteln.
Diejenigen, die zu einer "Europäisierunq Europas" auffordern, müssen
Sorge tragen, daß ihr Ruf nach einer
Abkopplunq der Supermächte von Europa
- insbesondere der Vereinigten Staaten - nicht die Rückkehr zu der unmittelbaren Nachkriegssituation herbeiführt:
ein Europa, in dem ein
Land - die Sowjetunion - die unangefochtene Herrschaft hat.
Ohne die
amerikanische Präsenz in Europa wären
die sowjetischen Streitkräfte denjenigen
Westeuropas
weit
überlegen.
Die Schranken, die Europa teilen,
würden nicht fallen - sie würden sogar noch höher werden. Eine einseitige westliche Abrüstung oder eine
Abkopplung von Europa könnte sehr qut
jene Kräfte in Bewequng setzen, die
sowjetische Expansion und politische
Einschüchterung
nach
dem
Zweiten
Weltkrieg in die vorderste Front gebracht haben.

Es ist daher offensichtlich, daß
die "Europäisierung Europas" eher ein
Schlagwort
als
eine
Antwort
ist.
Aber um echte Lösungen zu finden, ist
es wichtig, daß Westeuropa und die
Vereinigten Staaten zunächst zu einer
gemeinsamen
Einschätzung
der Natur
des Problems qelanqen;
beide müssen
sich zweitens auf eine wirksame Strateqie einiqen.
Wie ich angedeutet
habe, lieqt der Kern des europäischen
Sicherheitsproblems
in der Teilunq
Europas, und der Westen muß auf eine
allmähliche Verrinqerunq und schließliche Überwindung des Problems hinarbeiten.
Dies sollte das Hauptziel
westlicher Politik gegenüber der Sowjetunion und Osteuropa sein.

Glasnost und das Bündnis
Wie ich bereits angedeutet habe,
gibt es Anzeichen für einen Wandel in
der sowjetischen Haltung. "Glasnost"
wird von der Sowjetunion als ein bedeutender Schritt zur Offenheit innerhalb der Sowjetunion beschrieben.
Es ist jedoch angebracht, nach der
Bedeutung von Glasnost für Europa im
weiteren Sinne zu fraqen.
Für eine endgültige Beurteilung
ist es noch zu früh, aber wir schätzen
Gorbatschows
Initiative
als
ernsthaft und bedeutsam ein.
Innenpolitisch sind in der Sowjetunion
einige
wenige
konkrete
Schritte unternommen worden und es
gibt Hinweise darauf, was noch folgen
könnte. Einige wenige politische Gefangene wurden freigelassen, und die
Medien sind etwas offener geworden.
Es ist jedoch insgesamt gesehen noch
nicht klar, wie die Worte in Taten
umgesetzt werden oder ob sie dauerhafte Ergebnisse zeitigen werden.
Wir

- 0

können

davon

ausgehen,

daß

�Gorbatschow seine eigene politische
Tagesordnung verfolgt und nicht die
des Westens. Wie Henry Kissinger bemerkt hat, könnte Gorbatschows Hauptmotivation einzig darin liegen, eine
wirtschaftlich stärkere, leistungsfähigere und militärisch mächtigere Sowjetunion zu schaffen.
Für den Westen ist dies nicht unbedingt eine
günstige Entwicklung.
nie Westeuropäer
begreifen nur undeutlich die
verschlungene
innere
Dynamik,
die
diesem Prozeß zugrunde liegt. Direkte westliche Bemühungen zur Einflußnahme auf Entwicklungen im Innern der
Sowjetunion
könnten
unwirksam
sein
oder sogar eine gegenläufige Wirkung
haben. Die Außenpolitik des Westens
muß sich weiterhin auf eine solide
Analyse
der
westlichen
Interessen
gründen und nicht auf die Hoffnung,
den bevorzugten Gruppierungen innerhalb der sowjetischen Führung in irgendeiner
Form behilflich sein zu
können.
Insbesondere sollten keine
Konzessionen
gemacht
werden,
die
sachlich nicht gerechtfertigt sind.
Zusätzlich
zu einer
Auswertung
der Veränderungen, die im inneren der
Sowjetunion stattfinden, müssen wir
auch die Auswirkungen von Glasnost
auf die Außenpolitik der Sowjetunion
untersuchen.
Hier sollten wir mehr
tun als Gorbatschow beim Wort nehmen
- wir sollten Glasnost auf die Probe
stellen.
Insbesondere
sollten wir
die Sowjetunion auffordern, Glasnost
auf Osteuropa anzuwenden - ein solcher Wandel könnte die Teilung Europas mildern und schließlich beenden.
Nachdem Gorbatschow Glasnost in
der Sowjetunion in die Wege geleitet
hat, sieht er sich jedoch in Osteuropa mit einem Dilemma konfrontiert.
Die Ausdehnung von Glasnost auf Osteuropa wird in Moskau wahrscheinlich
dahingehend
interpretiert, daß man
die Kontrolle der westlichsten Pro- 1

vinzen des sowjetischen Reichs aufs
Spiel
setzen
würde.
Andererseits
würde Unterdrückung in Osteuropa angesichts der fortschreitenden Reformen in der Sowjetunion einen Widerspruch schaffen, der auf lange Sicht
nicht aufrechterhalten werden könnte.
Was ist die Lösung für Gorbatschows Dilemma?
Es wäre vielleicht
an der Zeit für die sowjetischen Regierungsvertreter, sorgfältig zu erwägen, ob die historische Entscheidung der Sowjets nach dem Zweiten
Weltkrieg, ein geschlossenes, imperiales System zu gründen, wirklich
von Vorteil war. Der relative Wohlstand des Westens und die Rückständigkeit des Ostens legen die Vermutung nahe, daß dies nicht der Fall
war.
Ebenso wie Chruschtschows Entstalinisierung in den fünfziger Jahren wird Gorbatschows Glasnost-Politik neue Strömungen in Osteuropa auslösen.
Die Sowjetunion ist vor die
Wahl gestellt, die Initiative zu ergreifen und die Ausweitung von Glasnost auf Osteuropa zu gestatten oder
von der ansteigenden Welle der Unzufriedenheit dort mitgerissen zu werden.
Die Ausweitung von Glasnost auf
Osteuropa würde die Ost-West Spannungen beträchtlich verringern. Die sowjetische Beherrschung ihrer aufsässigen Nachbarn war eine Hauptursache
der Instabilität im Europa der Nachkriegszeit.
Seit dem zweiten Weltkrieg
wurden
sowjetische
Truppen
dreimal zur Unterdrückung spontaner
Aufstände in Osteuropa in Bewegung
gesetzt.
Wenn den
osteuropäischen
Staaten mehr Freiheit zur Verwaltung
ihrer eigenen Angelegenheiten gewährt
würde, könnte diese unbeständige Lage
entspannt werden.

Glasnost und die Breschnew-Doktrin

�Mir scheint, daß sich die sowjetische Führunq dem grundlegenden Konflikt zwischen der Aufrechterhaltung
eines Reiches in Osteuropa und den
Erfordernissen
von
Glasnost
noch
stellen muß. Stattdessen besteht zur
Zeit eine unsichere und sogar gefährliche Situation, in der die sowjetische Führung die Vorzüge von Glasnost hochlobt, aber mit Gewalt reagieren könnte, wenn Glasnost tatsächlich auf Osteuropa ausgedehnt würde.
Die Zukunft der Breschnew-Doktrin
ist daher meines Erachtens die entscheidende Feuerprobe für die neue
sowjetische Politik.
Diese Doktrin
ist die Verkörperung der langfristigen sowjetischen Politik, sich die
Kontrolle über Osteuropa zu sichern
- mit Gewalt, wenn notwendiq.
Elementare
Bestandteile
von
Glasnost
sind Offenheit, Innovation und Aufhebung der Kontrolle. Eine von Moskau
gesteuerte und eingeschränkte Glasnost-Politik für Osteuropa wäre überhaupt
keine Glasnost-Politik.
Und
die durch Glasnost geweckten Erwartungen können auch nicht unterdrückt
werden. Die Sowjetunion muß sich daher zwischen diesen beiden unvereinbaren Spielarten ihrer Politik entscheiden:
der Breschnew-Doktrin und
wahrhafter Glasnost-Politik.
Das hinter der Einführung von
Glasnost stehende Eingeständnis der
Sowjets bedeutet, daß die Politik der
vergangenen
vier Jahrzehnte, deren
zentraler Bestandteil die BreschnewDoktrin
ist, schlecht
funktioniert
hat.
Die logische
Schlußfolgerung
ist, daß die alte Politik zugunsten
der neuen weichen sollte.
Diese These ist einfach aufgestellt:
Wenn die Sowjetunion am Erfolg von Glasnost interessiert ist,
muß sie die Breschnew-Doktrin aufge-

ben.
Sie muß in der Theorie wie in
der Praxis, im öffentlichen wie im
privaten Bereich abgeschafft werden.
Die Osteuropäer können keine offeneren Gesellschaften schaffen oder normale Beziehungen mit dem Westen gestalten, wenn sie militärischen Druck
oder eine Intervention der Sowjetunion fürchten müssen, sobald sie die
Grenzen
der von Moskau diktierten
Orthodoxie überschreiten.
Die Teilung Europas kann solange
nicht
erleichtert oder
abgeschafft
werden, wie sie von der Roten Armee
aufrechterhalten wird.
Im Gegensatz
dazu
würde
eine
Abkehr
von
der
Breschnew-Doktrin neue Horizonte für
Europa und auch für die Sowjetunion
eröffnen.
Natürlich sollten wir nicht nur
die Hände in den Schoß legen und auf
sowjetische Initiativen warten.
Der
Westen sollte zu einer gemeinsamen
Beurteilung des Problems kommen - der
Teilung Europas und ihrer Konsequenzen. Wir sollten unser eigenes Programm zur Förderung der Offenheit aktiv verfolgen.
Glasnost sollte in
Osteuropa auf die Probe gestellt werden.
Die Liberalisierung sollte auf
bilateraler
wie auf
multilateraler
Ebene ermutigt werden. Mehr Raum für
freies Unternehmertum
und offenere
politische
Systeme sollten
begrüßt
werden.
Das
KSZE-Instrumentarium
sollte
dazu verwendet werden, den Osten für
die Wahrunq der Menschenrechte in der
Form verantwortlich zu machen, wie
sie in der Schlußakte von Helsinki
verabschiedet
wurde.
Der
Westen
sollte mit Nachdruck die umfassende
Einhaltung der Verfügungen von Helsinki
über
Familienzusammenführung
und Besuche, freien Informationsfluß
und die Wahrung der Grundfreiheiten
verfolgen.
Die
Verfügungen
der

- 11 -

�Schlußakte
über Tourismus, Jugendtreffen
und
Kultur- und
Bildunqsaustauschproqramme sollten nachdrücklich
zur Förderung echter menschlicher Kontakte eingesetzt werden.

Deutschland und Berlin
Glasnost sollte vor allem dort
auf die Probe gestellt werden, wo das
Problem der Teilunq Europas am gravierendsten ist - in Deutschland und
Berlin.
Zu Recht unterstützt der
Westen weiterhin die Bemühungen der
Bundesrepublik
Deutschland,
die
menschlichen Bürden der Teilung zu
erleichtern.
Im Zeitalter Gorbatschows scheint die sowjetische Politik in diesem Bereich jedoch bisher
eher von der Sucht nach Kontrolle als
von irgendeinem Anzeichen von Offenheit geleitet zu sein.
Die Sowjetunion wacht mit besonders strenger Hand über die innerdeutschen Beziehungen.
Aufgrund offensichtlicher sowjetischer Einwände
sind Gespräche
auf höchster Ebene
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vereitelt worden.
Zu diesem und anderen innerdeutschen
Themen ist der sowjetische Ansatz von
altmodischem Mißtrauen und einer Verkrustung geprägt, die eher an die
Stalin-Sra erinnern als an den derzeitigen Reformeifer.
Nirgendwo ist die Realität der
Teilung
Europas
unmittelbarer
und
schmerzlicher als in Berlin. Die Sowjetunion hat eine anerkannte Rolle
als eine der vier Mächte, die für die
Stadt verantwortlich sind.
Die sowjetischen
Behörden
könnten
ihre
Macht
in Berlin zur Erleichterung
vieler Probleme der Stadt einsetzen.
Doch auch hier widersetzt sich das
sowjetische Verhalten in vieler Hinsicht hartnäckig einem konstruktiven

Wandel - also die Antithese zu Glasnost.
In ihren Bestrebungen zur Überwindung dieser Probleme, pflegt die
Bundesrepublik
ihre Beziehungen mit
der DDR mit einem hohen Maß an Geschicklichkeit
und einigem Erfolg.
Hier ist dem Gedanken der humanitären
Zusammenarbeit zwischen Ost und West
der Weg bereitet worden.
Die halbe
Million Bürger der DDR, denen im
letzten Jahr der Besuch im Westen bewilligt wurde, sind eine Anerkennung
der geduldigen Bemühungen der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren.

)

k

Es könnte jedoch noch sehr viel
mehr getan werden, wenn die Sowjets
eine
positivere
Haltung
einnehmen
würden.
Der
innerdeutsche
Reiseverkehr
ist noch weit von einer Aufhebung der
Beschränkungen
entfernt.
Vielen
Deutschen im Osten sind alle Kontakte
oder Verbindungen mit dem Westen untersagt.
Die Berliner können zwischen den
beiden Teilen der Stadt nicht einfach
hin und her reisen. Dies sollte ihnen jedoch nicht nur in diesem 750.
Jubiläumsjahr, sondern auch in allen
anderen
Jahren
ermöglicht
werden.
Die Sowjetunion vereitelt die fortschrittlichen
Errungenschaften
des
Viermächteabkommens,
wie
die
Aufrechterhaltung
und Entwicklung
der
Bindungen Berlins an die Bundesrepublik Deutschland, während sie darauf
besteht, jede mögliche Restriktion zu
erzwingen.
sie boykottiert internationale Treffen in oder über Berlin.
Sie hat Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Ländern
des Warschauer Pakts behindert, indem
sie die wirksame Einbeziehung Berlins
zu blockieren versuchte.

I

�Das Traqischste für die Berliner
ist, daß der Schießbefehl und die
Berliner
Mauer
fortbestehen.
Eine
sowjetische Parteiführung, die sich
so meisterhaft auf Public Relations
versteht, müßte sich bewußt sein, wie
schädiqend diese Schrecken für ihr
Image in der Welt sind.
Die Sowjetunion
ist nicht der
Drahtzieher hinter allen derzeitigen,
die
innerdeutschen
Beziehungen
und
Berlin betreffenden Problemen, aber
ich bin der Überzeugung, daß diese
ohne ihre Zustimmung nicht fortbestehen könnten.
Viele dieser Probleme
sind den Konzeptionen der inneren Sicherheit zu verdanken, die von den
sowjetischen Lehrern gepredigt werden.
Die Situation Berlins und der
innerdeutschen Beziehungen würde sich
ändern, und vielleicht dramatisch ändern, wenn die Sowjetunion den Geist
von Glasnost in diesen Bereich einbringen würde.
Als eine der Schutzmächte Berlins
halten sich die Vereinigten Staaten
bereit, Bemühungen, der Stadt zu helfen, zu unterstützen.
Eine unserer
vordringlichsten Aufqaben ist dabei
die Aufrechterhaltung des Berlin-Status. Der Status ist nicht eine Angelegenheit
anachronistischer
Rechtsfragen. Er bildet die Grundlage für
die fortdauernde stabile Existenz und
Lebensfähigkeit der Stadt.
Er begründet das unbestrittene Recht der
Alliierten zum Schutz der Stadt und
der Freiheiten der Berliner. Er sichert die Lebensader des garantierten
Zugangs zur Stadt. Es ist die nachdrückliche Geltendmachung des besonderen Status Berlins, die die Stadt
davor bewahrt, der Willkür des Ostens
ausgeliefert zu sein.
Das Verhältnis zwischen Berlin
und der Bundesrepublik
Deutschland
ist ein zentraler Aspekt des Berlin-

Status, ein Aspekt, der weiterhin vom
Osten in Frage gestellt wird.
Das
Viermächteabkommen sieht vor, daß die
Bundesrepublik Deutschland die Interessen der Westsektoren Berlins international
in
allen
Angelegenheiten
vertritt, die den Status und die Sicherheit der Stadt nicht berühren,
und daß die Bindungen zwischen den
Westsektoren und der Bundesrepublik
aufrechterhalten und weiterentwickelt
werden sollen. Die Sowjetunion sowie
die übrigen Staaten des Warschauer
Pakts widersetzen sich der Anwendung
dieser
Bestimmungen
und behaupten,
die Westsektoren seien ein getrenntes
politisches Gebilde.
Diese Haltung
des Ostens schafft Spannungen zwischen dem Wunsch nach Fortschritten
mit dem Osten und den Erfordernissen
des Berlin-Status.
Die Vereinigten Staaten erwarten
weiterhin, daß die Sowjetunion und
die DDR Fortschritte mit der Bundesrepublik Deutschland auch auf Berlin
ausdehnen werden. Die Aufrechterhaltung einer positiven Lage in und um
Berlin erfordert es, daß die Westsektoren voll und qanz an den Vorteilen
verstärkter
Ost-West-Zusammenarbeit
teilhaben.
Wie der Regierende Bürgermeister Diepgen zu Recht ausgeführt hat, sind solche Fortschritte
nicht nur durch das Viermächteabkommen geboten. Sie sind auch zentraler
Bestandteil der in der Schlußakte von
Helsinki enthaltenen Vereinbarungen.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied bei der Art und Weise, in der wir diese Ziele für Berlin
verfolgen können. Niemand stellt die
Vertretung
Bayerns,
Baden-Württemberqs oder Nordrhein-Westfalens durch
die Bundesrepublik in Frage. Niemand
bezweifelt ihre Bindungen an die Bundesrepublik, in Berlin jedoch werden
diese
grundlegenden
Prinzipien Tag
für Tag umstritten und müssen ebenso

- 13 -

�oft erneut geltend gemacht werden.
Andernfalls riskiert die Stadt, ankerlos
in der
Mitte Europas
und
Deutschlands zu treiben.
Das Ziel
des Westens muß weiterhin
in der
Stärkung der Bindungen zwischen den
Westsektoren und der Bundesrepublik
und der Beziehungen zwischen Berlin
und den Alliierten bestehen.
Die
Berliner
sollten
gleichermaßen
an
Fortschritten zwischen Ost und West
teilhaben.
Aber beim Streben nach
Chancen mit dem Osten müssen wir
sicherstellen, daß unsere Bemühungen
nicht die langfristige politische und
wirtschaftliche
Lebensfähigkeit
der
Stadt schwächen und die der alliierten
Schutz- und
Unterstützungsfunktion
zugrundeliegende
rechtliche
Grundlage sowie die volle Teilnahme
der Bürger Berlins am Leben der Bundesrepublik Deutschland.
Für uns ist es jedoch am wichtigsten im Gedächtnis zu behalten,
daß der Status nicht eine Behinderung
beim Abbau von Barrieren in der Stadt
ist, sondern ein Mittel, um sicherzustellen, daß diese Barrieren eines
Tages entfernt werden. Dies gilt besonders für den Anspruch des Ostens,
daß Ost-Berlin die Hauptstadt der DDR
ist und damit von den Rechten und der
Verantwortung
der vier Mächte für
Berlin als Ganzes nicht länger betroffen ist. Ost-Berlin als Teil der
DDR und als ihre Hauptstadt anzuerkennen bedeutet, die Dauerhaftigkeit
und Rechtmäßigkeit der Teilung der
Stadt einzugestehen. Die Aufrechterhaltung des Viermächtestatus Berlins
ist im Gegensatz dazu die Bekräftigung des Ziels eines wiedervereinigten Berlin und eines wiedervereinigten Deutschland.
Es ist vor allem
die
Präsenz
der
Verbündeten
in
Berlin, die weiterhin als Symbol für
die Welt steht, daß die deutsche Fra-'
ge offen und die gegenwärtige Teilung
des Landes unannehmbar bleibt.

Was ist über die Zukunft zu sagen?
Der Westen sollte den Osten
stets an die Unannehmbarkeit der andauernden
Teilung
von
Berlin,
Deutschland und Europa erinnern. Wir
sollten wahrhafte Offenheit mit Nachdruck verfolgen. Der Sowjetunion muß
die Erkenntnis näher gebracht werden,
und wir müssen sicherstellen, daß
auch unsere Jugendlichen dies erkennen, daß die Teilung Europas die Wurzel der Unsicherheit auf diesem Kontinent ist, daß sie die Hauptursache
des Rüstungswettlaufs und der Kriegsbedrohung hier darstellt, ebenso wie
sie unzähligen menschlichen Tragödien
zugrundeliegt.
Wie
der
griechische
Philosoph
Heraklit zutreffend feststellte, ist
es unmöglich, zweimal in den gleichen
Fluß zu steigen - das Vergangene ist
unwiederbringlich
verloren.
Aber
Arthur Schlesinger lenkt unsere Aufmerksamkeit auch zu Recht auf die
Zyklen der Geschichte. Nationen können sich mehr als einmal mit gleichartigen Situationen konfrontiert sehen.
Sie können gut, schlecht oder
ganz einfach anders reagieren.
Es
ist unmöglich festzustellen, ob die
heutige Zeit für die Sowjetunion eine
solche
Zeit der Entscheidung
ist.
Aber dennoch ist es unbedingt erforderlich, daß der Westen die sich möglicherweise ergebenden neuen Chancen
mit der Sowjetunion klar erkennt und
daß wir unsere Vorbereitungen treffen, um darauf reagieren zu können.
Wir
müssen
die
Sowjetunion
auch
furchtlos
dazu auffordern, bessere
Denk- und
Verhaltensmuster
anzuwenden. Vor allem ist es wichtig, nicht
der Vermutung zu erliegen, daß mit
dem Senken des Eisernen Vorhangs vor
mehr als vierzig Jahren das europäische Drama zum Ende gebracht wurde.
Im Gegenteil, ich bin davon
überzeugt, daß glücklichere Akte fol-

- 14 -

�qen werden, wenn sich dieser Vorhang
eines Tages - und das muß er - wieder hebt.

* * * *

- 15

�AMERIKA DIENST
4

^r

6

VION *

Hintergrundmaterial
20. Mai 1987

19

STUDIE DES US-AUSSENMINISTERIUMS BEFÜRWORTET WEITE INTERPRETATION
DES ABM-VERTRAGES
- Artikel über Informationsgespräche mit Sofaer und Nitze -

WASHINGTON - (AD) - Die Reaqan Administration qab am 13. Mai 1987 bekannt,
daß aus zwei Teilen einer Studie des Außenministeriums über den ARM-Vertraq
hervorqeht, daß eine "weite Interpretation" des Vertraqes seinem Wortlaut und
der Geschichte seiner Verhandlungen zufolge gerechtfertigt ist.

Der
Rechtsberater
im Außenministerium, Richter
Abraham Sofaer,
wies ebenfalls darauf hin, daß "keine
während des Prozesses der Ratifizierung
unternommenen Handlunqen
oder
abgegebenen
Stellungnahmen
die von
den
Sov/jets während
der
ABM- und
SALT I-Verhandlunqen für sich selbst
beibehaltene
Flexibilität
wirkungsvoll eingeschränkt haben".
Anläßlich
eines
Informationsgesprächs zur Vorlage der beiden Berichtsteile erklärte er, "die Sowjets
widersetzten
sich
unnachgiebig der

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Bestimmung, die unbekannte, auf zukünftiger Technologie basierende Teile betrifft und stimmten letztendlich
nur einer Beschränkung von deren Stationierung zu".
Sofaer zufolqe kommt die Studie
des Außenministeriums außerdem zu dem
Schluß, daß die Ratifizierung des
ABM-Vertraqes den Präsidenten im Sinne des Gesetzes nicht auf die enqe
Interpretation des Vertraqes festlegt.
Er betonte, daß die Reaqan-Administration ihre engen Konsultatio-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nen mit dem Kongreß und den Verbündeten darüber weiter fortführen wird,
"ob wir das Programm der Strategischen
Verteidigungsinitiative
umstrukturieren sollen, um uns die weite Interpretation zunutze zu machen".
Sofaer erklärte, mit dem Abschluß
eines dritten Teils der Studie, der
sich mit späteren Abkommen und Praktiken der Vertragsparteien befassen
wird, könne zum 1. Juni gerechnet
werden.
Bei
dem
Informationsgespräch
sprach auch der Sonderberater
des
Präsidenten für Rüstungskontrollfragen und Teilnehmer an den Verhandlungen zum ABM-Vertrag, Botschafter Paul
Nitze. Nitze erklärte, die Untersuchung der Verhandlungspapiere "stützt
in erheblichem Maße die Annahme, daß
sich die Sowjets nicht an die enge
Sichtweise gebunden haben, wenn man
die Maßstäbe anlegt, die sie bei der
Festlegung ihrer eigenen rechtlichen
Verpflichtungen gelten lassen".
Nitze wies darauf hin, daß die
Sowjets die von den Amerikanern vorgeschlagene Sprachregelung zurückgewiesen hätten, durch die sie "eindeutig an die enge Sichtweise gebunden
worden wären".
Botschafter Nitze betonte ferner,
daß "der Lauf der Verhandlungen für
eine weite Interpretation
spricht.
Der Präsident unterzieht diese Angelegenheit einer Prüfung. Er hat sich
verpflichtet, nicht die weite Interpretation anzuwenden, bevor nicht all
unsere Studien fertiggestellt und die
Angelegenheit nicht vollständig mit
dem Kongreß und unseren Verbündeten
besprochen worden ist" .
Sofaer verwies darauf, daß sein
Büro nach Fertigstellung der dritten
Studie über den Prozeß des ABM-Ver-

trages einen Bericht darüber vorlegen
wird, welches "Gewicht jedem Teil des
Beweismaterials" beigemessen
werden
soll.
Er erklärte, es stelle nach dem
Völkerrecht eine "Verpflichtung" dar,
einen Vertragstext in gutem Glauben
"im Hinblick auf den Zweck des Vertrages hin" zu interpretieren.
Sofaer wies darauf hin, Reagan
habe das Problem einer Interpretation
des ABM-Vertrages angeschnitten und
"wir erklären jetzt, daß die weite
Interpretation völlig rechtmäßig ist".
Angesichts
der
Einzigartigkeit
dieser Situation - des Wandels in der
Interpretation des Vertrages - bemerkte er, der Präsident sähe es als
notwendig an, dem Kongreß diese Veränderung zu erklären.
Sofaer wies darauf hin, daß die
Sowjetunion jetzt zu denjenigen gehöre, die behaupten, die Regierung habe
keine solide Grundlage für ihre Forderung, während die Reagan-Administration "nicht behauptet, daß die
Dinge eindeutig lägen - ein Weg wie
der andere...
wir haben behauptet,
daß die Dinge so vieldeutig sind, daß
an sie nicht der sowjetiche Maßstab
anzulegen
sei, wie sie
ihn sich
selbst in der Geschichte auferlegt
haben - der strikte Maßstab der Konstruktion".
"Die Unterlagen sind so unterschiedlich und so vieldeutig, daß sie
sich dadurch nicht gebunden haben",
erklärte Sofaer und fügte hinzu, "es
gibt eine solide Grundlage für das,
was wir getan haben".
"Wir meinen nicht, daß es darin
keine Tatsachen gibt, die sich nicht
zur Unterstützung einer engen Interpretation benutzen ließen", bemerkte

- 2 -

\

*

�Sofaer.
"Wir sagen, es gibt eindeutige Beweise, die das unterstützen,
was uns als eine sehr vernünftige
Leseart des Vertrages erscheint".

f

'

Sofaer erklärte, er würde nach
Durchsicht der Verhandlungsprotokolle
Reagan darauf hinweisen, "daß die Sowjetunion, wenn ihr diese Protokolle
vorlägen, in der Lage wäre - ihre
Praxis vorausgesetzt - zu sagen, daß
sie nicht an die enge Interpretation
gebunden ist".
Nitze erklärte, die Sowjets hätten in den vergangenen Jahren "eine
Haltung eingenommen, die meiner Ansicht
nach
vollständig
von
der
Sprachregelung des Vertrages und von
dessen
Verhandlungsprotokollen
abweicht" .

- 3 -

�</text>
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