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                  <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

2 9 . A p r i l 1987

16

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan drängt auf sowjetische Antwort zu Verifizierungsvorschlägen
- Stellungnahme zum Auftakt der neuen Verhandlungsrunde -

WIRTSCHAFT
Reagan erörtert Handel zwischen USA und Japan

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Null-Lösung ist keine "Erbsenzählerei"
- von Paul Nitze -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Konfrontiert mit AIDS-Gefahr
- Ein Virus fordert verantwortliches Denken und Handeln bei jedem
einzelnen heraus * * * * * *

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Embassy of the United States of America

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�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

29. April 1987

16
REAGAN DRÄNGT AUF SOWJETISCHE ANTWORT
ZU VERIFIZIERUNGSVORSCHLÄGEN

Stellungnahme zum Auftakt der neuen Verhandlungsrunde -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat die Sowjetunion am 23. April 1987
dazu aufgerufen, durch eine Antwort auf die amerikanischen Vorschläge zur Verifizierung zu Fortschritten bei den Verhandlungen über die Mittelstreckenwaffen (INF) zu kommen. In einer schriftlichen Stellungnahme zum Auftakt einer
neuen Runde der Genfer INF-Gespräche betonte der Präsident, daß "eine weltweite Null-Lösung" das bevorzugte Ergebnis für die Vereinigten Staaten und seine
Verbündeten bleibt.
Nachstehend geben wir den Text der Verlautbarung des Präsidenten wieder:

Heute beginnt die neue Verhandlungsrunde zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion über INF,
eines der drei Elemente der Genfer
Verhandlungen
über
Kern- und Weltraumwaffen.
Die Vereinigten Staaten
kehren zu diesen Verhandlungen mit
der Entschlossenheit zurück, auf den
Fortschritten aufzubauen, die im Verlauf der Begegnungen von Außenminister Shultz in der vergangenen Woche
in Moskau erreicht worden sind. Obwohl noch eine Anzahl von zentralen
Problemen gelöst werden müssen und
noch vieles zu verhandeln bleibt,

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sind die Aussichten
kommen gestiegen.

auf ein

INF-Ab-

Generalsekretär
Gorbatschow und
ich haben uns über den grundsätzlichen Aufbau eines INF-Abkommens,
also über das Wesen und das Niveau
des Abbaus von INF-Raketen längerer
Reichweite, in Reykjavik
geeinigt,
und dies spiegelt sich in dem Vertragsentwurf wider, den die amerikanischen
Unterhändler
letzte
Woche
vorgelegt
haben.
Dieser
Entwurf
schlägt eine Verringerung auf eine
vorläufige weltweite Obergrenze von

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�je 100
Sprengköpfen
auf
amerikanischen und sowjetischen landgestützten INF-Raketen längerer Reichweite
im nicht europäischem Raum vor, bei
gleichzeitigen
weltweiten
Beschränkungen
von
INF-Raketen
kürzerer
Reichweite auf gleiche Niveaus, sowie
Bestimmungen für eine wirksame Verifikation.
Die Vereinigten
Staaten
und ihre NATO-Verbündeten bevorzugen
jedoch weiterhin bei INF längerer
Reichweite eine Null-Lösung - die
Vernichtung dieser gesamten Kategorie
von Raketen.

Es ist die Entschlossenheit der
Vereinigten Staaten und der Verbündeten
zur Aufrechterhaltung
unserer,
meines Erachtens weiterhin unteilbaren Sicherheit, die uns diese Gelegenheit gegeben hat, ein historisches
Abkommen zu erreichen, durch welches
zum ersten Mal atomare Waffen tatsächlich
verringert
würden.
Botschafter Glitman und die Mitglieder
der amerikanischen Delegation haben
bei diesen Bemühungen gute Arbeit geleistet, und sie genießen auch weiter
meine vollste Unterstützung.

Eines der zentralen Probleme, das
noch gelöst werden muß, ist das der
INF-Raketensysteme kürzerer Reichweite. Wir und unsere Verbündeten streben seit
langem nach angemessenen
weltweiten
Beschränkungen
bei
INF
kürzerer Reichweite innerhalb eines
ersten
INF-Abkommens.
Die Sowjets
haben früher einer Einbeziehung von
Beschränkungen
für
INF
kürzerer
Reichweite in ein erstes INF-Abkommen
zugestimmt, aber
nun scheinen sie
sich mit INF kürzerer Reichweite sowohl im Rahmen eines INF-Abkommens
als auch in separaten Verhandlungen
befassen zu wollen.

Die Verifikation ist ein weiteres
zentrales Problem, das gelöst werden
muß.
Wir können bei diesem grundsätzlichen Thema solange keine Fortschritte erzielen, bis die Sowjets
auf die umfassenden Vorschläge zur
Verifikation detailliert geantwortet
haben, die von den Vereinigten Staaten in Genf schon unterbreitet wurden. Die Verifikation würde erleichtert, wenn die Sowjets eine weltweite
Null-Lösung für INF längerer Reichweite akzeptieren würden.
Dies ist
das bevorzugte Ergebnis der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten,
und wir werden weiter nach der sowjetischen Zustimmung zu diesem Vorschlag streben.

Während der kürzlichen Begegnungen
von
Außenminister
shultz
in
Moskau haben die Sowjets deutlich gemacht, daß ihre Position in den getrennten Verhandlungen über INF kürzerer Reichweite eine Null-Lösung zum
Ziel haben würde, und sie schlugen
eine weltweite Lösung vor.
Die sowjetische Position bleibt jedoch in
ihren wesentlichen Teilen noch auszuarbeiten, und wir hoffen, daß dies
während der kommenden Runde geschehen
wird. Mittlerweile finden schon enge
Konsultationen mit unseren Verbündeten über dieses Problem statt, und
wir stehen ebenfalls mit den Führern
des Kongresses in Verbindung.

Wir
kehren hoffnungsvoll, aber
auch realistisch, zu diesen Gesprächen zurück. wir wissen, daß es eine
Anzahl von Problemen gibt, deren Lösung ein besonders hartes Verhandeln
erfordert. Aber in enger Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in Europa und Asien sind wir bereit, unseren
Teil zu tun, und wir hoffen, daß die
Sowjets mit einer vergleichbaren Entschlossenheit
an den Verhandlungstisch zurückkehren.

- 2 -

+ +++++

�AMERIKA DIENST
Wirtschaft

29. April 1987

16

REAGAN ERÖRTERT HANDEL ZWISCHEN USA UND JAPAN

WASHINGTON - (AD) - Am 25. April 1987 hielt Präsident Reagan seine wöchentliche Rundfunkansprache aus Camp David, Maryland. Im nachfolgenden geben
wir den Wortlaut der Ansprache wieder.

Meine lieben Mitbürger! Der japanische
Premierminister
Nakasone
wird mir nächste Woche im Weißen Haus
einen Besuch abstatten.
Ich messe
diesem
Besuch
besondere
Bedeutung
bei, da ich erwartungsgemäß das Thema
der Beziehungen mit unserem guten
Freund Japan wiederaufnehmen werde die im Großen und Ganzen ausgezeichnet sind - gleichzeitig jedoch auch
die jüngsten Unstimmigkeiten zwischen
unseren beiden Ländern über die Handelsprobleme ganz oben auf unserer
Tagesordnung stehen werden.

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Wie Sie vielleicht bereits gehört
haben werden, habe ich in der vergangenen Woche einige japanische Produkte mit neuen Zöllen belegt, als Reaktion auf die Nichteinhaltung der Abkommen, die die Japaner mit uns über
elektronische Geräte, die sogenannten
Halbleiter, geschlossen haben.
Solche Zölle, Handelsschranken oder Restriktionen jeglicher Art zu verhängen sind Schritte, die ich ungerne
unternehme.
Und als nächstes werde
ich Ihnen die folgerichtigen wirtschaftliche Gründe dafür benennen daß solche Handelshemmnisse langfri-

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�stig gesehen jeden amerikanischen Arbeitnehmer
und
jeden
Konsumenten
treffen.
Aber bei den japanischen Halbleitern liegt der Fall etwas anders.
Uns lagen klare Beweise vor, daß japanische Unternehmen unfaire Handelspraktiken anwendeten, die eine Verletzung des Abkommens zwischen Japan
und den Vereinigten Staaten darstellten.
Wir erwarten von unseren Handelspartnern die Einhaltung ihrer Abkommen. Wie ich immer wieder betont
habe, ist unsere Verpflichtung
zu
freiem Handel auch eine Verpflichtung
zu fairem Handel.
Sie sollten jedoch wissen, daß
wir mit der Verhängung dieser Zölle
nur versuchten, ein spezielles Problem in den Griff zu bekommen und
nicht, einen Handelskrieg auszulösen.
Ich
werde
also
Premierminister
Nakasone in der nächsten Woche eben
diese Botschaft übermitteln: Daß wir
bei den Handelsproblemen sehr gerne
zur Zusammenarbeit bereit sind und
diese
Handelsbeschränkungen
sobald
wie möglich gerne wieder
aufheben
werden.
Wir wollen dies tun, weil
unseres Erachtens sowohl Japan als
auch die Vereinigten Staaten die Verpflichtung zur Förderung des Wohlstands und der wirtschaftlichen Entwicklung haben, die nur durch den
freien
Handel herbeigeführt werden
können.
Diese Botschaft des freien Handels habe ich vor einigen Wochen führenden kanadischen Regierungsvertretern übermittelt und mir wurde dort
ein warmer Empfang bereitet. In der
Tat wird man sich überall auf der
Welt zunehmend der Tatsache bewußt,
daß der Weg zu Wohlstand für alle Nationen in der Ablehnung protektionistischer Gesetzgebung und in der
Förderung des fairen und freien Han-

dels besteht.
Hierfür gibt es natürlich gute
historische Gründe.
Diejenigen von
uns, die die Große Depression miterlebt haben, sind von den Erinnerungen
an die durch sie verursachten Leiden
tief gebrandmarkt.
Und heute argumentieren zahlreiche Wirtschaftsanalytiker und Historiker dahingehend,
daß die zu jener Zeit verabschiedete
Gesetzgebung der hohen Zölle, der sogenannte Smooth-Hawley-Zoll, die Depression noch gravierend verschärfte
und
die
wirtschaftliche
Gesundung
verhinderte.
Dies beweist Ihnen, daß es zunächst aussieht, als würde man die
patriotische Sache verfolgen, indem
man amerikanische Produkte und Arbeitsplätze schützt, wenn man sagt:
"Wir verhängen Zölle für ausländische
Produkte". Und manchmal kann man sogar kurzfristige Erfolge verzeichnen
- jedoch nur kurzfristige.
Was
schließlich
geschieht, ist
folgendes: Zuerst verlassen sich die
im Inland gewachsenen Industrien zunehmend auf den Schutz der Regierung
in Form von hohen Zöllen. Sie beenden den Konkurrenzkampf und verfolgen
nicht länger einen innovativen Führungsstil und technologischen Wandel,
die für den Erfolg auf Weltmärkten
unerläßlich sind.
Und während all
dies vonstatten geht, geschieht noch
etwas viel schlimmeres, da hohe Zölle
unweigerlich zu Vergeltungsmaßnahmen
des Auslands führen und heftige Handelskriege
auslösen.
Das Ergebnis
sind immer mehr Zölle, immer höhere
Handelsschranken
und
immer weniger
Wettbewerb.
Aufgrund der durch die
Zölle künstlich hochgehaltenen Preise, die einen Ausgleich für mangelnde
Leistungsfähigkeit und schlechtes Management schaffen sollen, hören die
Leute bald auf zu kaufen. Und dann

�kommt es zum Schlimmsten: Die Märkte
schrumpfen und brechen zusammen, Geschäfte und Industrien müssen schließen - und Millionen von Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz.
Die Erinnerung an diese Ereignisse der dreißiger Jahre hat mich, als
ich nach Washington kam, in dem Entschluß bestärkt, dem amerikanischen
Volk die protektionistische Gesetzgebung zu ersparen, die den Wohlstand
zerstört.
Dies war natürlich nicht
immer
leicht.
Ebenso wie in den
dreißiger Jahren gibt es auch heute
diejenigen im Kongreß, die auf den
schnellen
politischen
Vorteil
aus
sind;
die Amerikas Wohlstand zugunsten der kurzfristigen Anziehungskraft, die dies für einige spezielle
Interessengruppen besitzt, aufs Spiel
setzen wollen;
die vergessen, daß
mehr als fünf Millionen amerikanische
Arbeitsplätze direkt mit dem ausländischen Exportgeschäft und zusätzliche
Millionen mit Importen verknüpft sind.

über diese gefährliche Gesetzgebung
auf dem laufenden halten, denn sie
stellt nur eine andere Form des Protektionismus dar und um sie abzuschaffen, könnte ich Ihre Hilfe benötigen. Vergessen Sie nicht: Amerikas Arbeitsplätze und Wachstum stehen
auf dem Spiel.
Bis nächste Woche. Ich danke für
Ihre Aufmerksamkeit und Gott schütze
Sie.

Nun, diese Arbeitsplätze habe ich
nie aus dem Blick verloren. Und insgesamt gesehen, haben wir im Handelsbereich gut abgeschnitten.
In einigen ausgesuchten Fällen, wie bei den
japanischen
Halbleitern, haben wir
Schritte
zur
Beendigung
unfairer
Praktiken gegen amerikanische Produkte unternommen, aber wir haben stets
unsere
grundsätzliche,
langfristige
Verpflichtung zu freiem Handel und
Wirtschaftswachstum aufrechterhalten.
Für mein Treffen mit Premierminister Nakasone und angesichts des
bevorstehenden Wirtschaftsgipfels in
Venedig ist es daher von vordringlicher Bedeutung, Optionen des Präsidenten in diesen Handelsangelegenheiten
mit
ausländischen
Regierungen
nicht einzuschränken.
Bedauerlicherweise versuchen einige Mitglieder des
Kongresses genau das. Ich werde Sie
- 3 -

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'VON

Hintergrundmaterial

4

16

29. April 1987

DIE NULL-LÖSUNG IST KEINE "ERBSENZÄHLEREI'
- Von Paul Nitze -

Der folgende Artikel erschien zuerst am 24. April 1987 in der Washington Post.
Der Autor ist Sonderberater des Präsidenten und des Außenministers für Rüstungskontrollangelegenheiten.

Brent Scowcroft kritisiert mehrere der Argumente, die ich an dieser
Stelle am 30. März vorgebracht habe,
um die Position der Reagan-Administration
zur
Rüstungskontrolle
zu
verteidigen. Ich bleibe jedoch meinen Ansichten treu.
Scowcroft fährt mit seiner Kritik
an der Null-Lösung für Mittelstrekkenraketen fort und fragt, warum wir
uns überhaupt dazu entschlossen haben, Pershing II-Raketen und Marschflugkörper zu stationieren, wenn andere in Europa stationierte nukleare

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Systeme ausreichen, um
nische Verteidigung an
koppeln.

die
die

amerikaNATO zu

Die Antwort ist zweifach und wurde im Doppelbeschluß der NATO von
1979 deutlich niedergelegt.
Erstens
entschied das Bündnis, daß es kriegsschauplatzgebundene Raketen mit der
Fähigkeit,
Ziele
auf
sowjetischem
Territorium
zu bedrohen, brauchte,
weil die Sowjets Raketen unterhalb
der
interkontinentalen
Reichweite,
also die SS-20, stationierten, wodurch die NATO-Länder von Sowjet-

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�ischem Territorium aus bedroht wurden.
Zweitens beschloß das Bündnis,
daß die Abschaffung der SS-20 und anderer sowjetischer Raketen dieser Kategorie die Notwendigkeit
für die
Stationierungen seitens der NATO aufheben würde. Mit anderen Worten: die
amerikanischen
INF-Systeme
dienten
dazu, die Verbündeten nochmals der
fortbestehenden Wirksamkeit der Abschreckungsstrategie der NATO angesichts der SS 20-Raketen zu versichern.
Wie die Verbündeten selbst
deutlich machten, wäre eine solche
Versicherung in Anbetracht der anderen Beiträge der Vereinigten Staaten
zur Verteidigung der NATO unnötig,
wenn die SS 20-Raketen beseitigt würden, wie dies die Null-Lösung vorsieht.

ten heißt, ist der dritte. Daß die
NATO über 4 000 nukleare Gefechtsköpfe in Europa behalten würde, um ihre
Doktrin der
flexiblen Reaktion zu
stützen und die Ankopplung zu sichern, ist ein vierter.
(Ich möchte
anmerken, daß die Administration frühere sowjetische Vorschläge für asymmetrische Reduzierungen bei den INFRaketen zurückgewiesen hat, weil das
Ergebnis ungleich gewesen wäre und
nicht in unserem Interesse lag.)
überdies würden asymmetrische Reduzierungen bei INF einen guten Präzedenzfall für die asymmetrischen Reduzierungen bedeuten, die wir für akzeptable Abkommen über konventionelle
Streitkräfte und chemische Waffen benötigen würden.

Scowcroft
betrachtet
außerdem
mein Lob für die Null-Lösung als einer guten asymmetrischen Reduzierung
mit Geringschätzung
und behauptet,
dies sei Ausdruck eines unwürdigen,
unkonzeptionellen
"erbsenzählerischen"
Ansatzes
zur
Rüstungskontrolle.

Im strategischen Bereich kritisiert Scowcroft die Administration
wegen des in Reykjavik unterbreiteten
Angebots eines zehnjährigen Zeitraums
des Nichtrückzugs vom ABM-Vertrag,
was seiner Meinung nach SDI gefährden
würde, im Austausch für Reduzierungen
der offensiven Systeme, die seiner
Meinung
nach
lediglich
symmetrisch
erfolgen würden.

Würde man sein Urteil über ein
Rüstungskontrollabkommen
einzig
und
allein auf die Anzahl der abgebauten
Waffen gründen, so wäre dies in der
Tat
gedankenlose
"Erbsenzählerei".
Andererseits sind die in Frage stehenden Zahlen ein Faktor, der zusammen mit anderen militärischen und politischen Gesichtspunkten zu berücksichtigen ist, die unsere und die Sicherheit unserer Verbündeten tangieren. Im Fall der INF-Systeme längerer Reichweite, bei denen ein Ungleichgewicht von fünf zu eins besteht, sind asymmetrische Reduzierungen zu unseren Gunsten bedeutsam.
Daß das Ergebnis einen Gleichstand
bei dieser Waffenkategorie bedeutet,
ist ein weiterer bedeutsamer Faktor.
Daß es Null in Europa für beide Sei-

Keine dieser Behauptungen
hält
einer
Überprüfung
stand.
Die
in
Reykjavik
vorgelegte
amerikanische
Offerte zu SDI war von der Beseitigung offensiver ballistischer Raketen
abhängig und hätte die Weiterführung
eines
umfassenden
Forschungs- und
Entwicklungsprogramms mit einem klaren Ziel zugelassen - Stationierung
nach 1996, falls die Verteidigungssysteme die von uns gesetzten Kriterien
erfüllen.
Die
Unterstützung
des
Kongresses für SDI wird durch die von
uns gemachten Angebote nicht gefährdet; sie wäre durch die unnachgiebige
Weigerung
der Vereinigten
Staaten,
die Angelegenheit zu diskutieren, gefährdet.

- 2 -

�Im offensiven Bereich würden die
von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Untergrenzen im Zuge des
von beiden Seiten vorgenommenen 50prozentigen
Abbaus
zwangsläufig
zu
asymmetrischen Reduzierungen führen,
und zwar bei den Waffen, die wir für
die destabilisierendsten halten - für
Gefechtsköpfe ballistischer Raketen,
insbesondere
auf denjenigen ICBMs,
bei denen die Sowjets gegenwärtig im
Vorteil sind.
Dabei haben die Sowjets doch gerade zugestimmt, ihre
Gefechtsköpfe auf schweren ICBMs, den
bedrohlichsten von allen, um 50 Prozent zu reduzieren, wobei sie heute
davon 3 000 besitzen und wir Null.
Scowcroft erklärt, daß weniger Atomwaffen nicht ipso facto die strategische Stabilität erhöhen.
Dies ist
wahr, aber
für
unseren
Vorschlag
nicht zweckdienlich.
Schließlich
zieht Scowcroft es
vor, Henry Kissingers Forderung nach
einer
sofortigen
Stationierungsentscheidung für SDI zu ignorieren - die
ich als bis zu dem Zeitpunkt verfrüht
kritisiert habe, an dem wir entscheiden, ob Verteidigungssysteme überlebensfähig und kosteneffektiv und damit stabilisierend wären - und verteidigt Kissinger mit dem allgemein
gehaltenen Argument, daß wir SDI von
der amerikanisch-sowjetischen Tagesordnung absetzen sollten.
Mehr
als
die
meisten
anderen
sollte Scowcroft erkennen, daß dieser
Vorschlag
unrealistisch
ist.
Eine
Weigerung, SDI mit den Sowjets zu
diskutieren,
würde
sicherlich
der
Möglichkeit stabilisierender Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen ein Ende bereiten und das SDIProgramm selbst im Kongreß ernsthaft
gefährden.

* * * * * *
- 3 -

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Wissenschaft und Technik

29. April 1987

16

KONFRONTIERT MIT AIDS-GEFAHR
Ein Virus fordert verantwortliches Denken und Handeln bei jedem
einzelnen heraus -

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor des "Nationalen Instituts für Allergie
und Infektionskrankheiten" der Medizinischen Bundesforschungsanstalten (NIH)
der Vereinigten Staaten, Dr. Anthony Fauci, erörterte in einer Fernsehsatellitendiskussion mit Wissenschaftlern in Europa die Problematik der Immunschwächekrankheit AIDS. Die Gespräche zwischen Dr. Fauci in einem Studio in
Washington und den Teilnehmern in Lissabon, Rom, Mailand, Bonn, Den Haag und
Istanbul zum gegenwärtigen Stand von Forschung, Vorbeugung und Therapie wurden
über das WORLDNET-System des US-Informationsamtes (USIA) ermöglicht.

Mit
beispiellosen
Anstrengungen
versuchen Mediziner aus Forschung und
Praxis, Epidemiologen, Mikrobiologen,
Pharmazeuten
sowie Mitarbeiter
von
Gesundheitsbehörden, national wie international, auf vielen Ebenen gegen
diese Krankheit anzugehen. Was Studien und wissenschaftliche Informationen anbelangt, hat die Zusammenarbeit selten so rasch und engagiert
eingesetzt wie angesichts der Aufgaben, die sich durch AIDS als Krankheit und gesellschaftliches Problem
stellen. Ein Erfolg in medizinischer
Sicht bei der Bekämpfung dieser erst

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seit wenig mehr als fünf Jahren bekannten Infektionskrankheit ist noch
kaum
erkennbar,
ihre
Ausbreitung
alarmierend.
Ein
Hoffnungsschimmer
für die Betroffenen: Das erste Medikament gegen AIDS, AZT (Handelsname
"Retrovir"), wurde in den USA im März
1987 freigegeben.
Mit diesem Präparat lassen sich
Symptome
bestimmter
Begleit- bzw.
Folgeerkankungen
von AIDS abschwächen. AIDS ist eine Virusinfektion,
die natürliche Abwehrmechanismen des
menschlichen
Körpers
lahmlegt
und

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�deshalb andere Krankheitserreger sowie bestimmte Arten von Krebs begünstigen. Eine Behandlung mit AZT kann
die Grunderkrankung AIDS nicht heilen, aber das Fortschreiten des körperlichen und geistigen Verfalls verlangsamen.
Wenn
mehr
Erfahrungen
über den günstigsten Modus für die
Dosierung undn mögliche zusätzliche
Medikationen
vorliegen,
hofft man
auch die unerwünschten Nebenwirkungen
besser in den Griff zu bekommen.
Der Erreger der erworbenen Immunschwächekrankheit AIDS ist ein überaus komplexes Virus aus der Gruppe
der Retroviren. Seit Jahrzehnten war
bekannt, daß Retroviren Tierkrankheiten auslösen.
Ende der siebziger
Jahre wurde ein Retrovirus, HTLV-I,
als Erreger einer seltenen Form von
Leukämie beim Menschen ermittelt. Im
Jahr 1982 wurde bei Dr. Robert Gallo
(NIH) ein weiteres HTLV-I ähnliches
Retrovirus gefunden, das mit der sogenannten Haarzell-Leukämie in Zusammenhang steht.
Es erhielt die Bezeichnung HTLV-II.
Ein Jahr später
schließlich entdeckte eine Forschergruppe vom Pasteur-lnstitut in Paris
unter Leitung von Luc Montagnier den
AIDS-Erreger, der damals den Namen
LAV
("Lymphadenopathie-assoziiertes
Virus") erhielt. Dr. Gallo und Mitarbeiter fanden wenig später, Anfang
1984, ebenfalls ein AIDS-erzeugendes
Retrovirus.
Sie nannten es HTLV-III
("Human T-Lymphotrophic Virus", Typ
III).
Als sich die Gleichartigkeit
von LAV und HTLV-III herausstellte,
einigte man sich auf die Umbenennung
beider
in HIV ("Human Immunodeficiency Virus").
Zwei Jahre später,
1986, wurde noch ein AIDS-verursachendes Retrovirus gefunden, bei dem
die Inkubationszeit bis zum Ausbruch
der Krankheit aber offenbar länger
ist.
Beide AIDS-Viren werden jetzt
mit
den
Bezeichnungen
HIV-I
und
HIV-II unterschieden.
Zu der letzt-

genannten Retrovirusgruppe zählt auch
das 1986 entdeckte HTLV-IV. Ob dieses ebenfalls AIDS auslösen kann,
weiß man noch nicht sicher zu sagen.

Ubertragungswege
Die Erkenntnisse über die Übertragungswege
für AIDS-Viren
durch
sexuelle Kontakte und Blut wurden in
letzter
Zeit
erheblich
erweitert.
Die frühere Meinung, daß insbesondere
Homosexuelle,
Rauschgiftsüchtige
(durch
das
Benutzen
infizierter
Spritzen) und Bluter (auch gelegentliche Empfänger von Bluttransfusionen) durch Blut und Blutprodukte von
infizierten Spendern gefährdet seien
bzw. bis zur Entwicklung von Verfahren zur Keimfreimachung von Spenderblut gefährdet waren, mußte revidiert
werden.
Heute steht fest, daß auch
bisexuelle und heterosexuelle Personen (durch Sperma und Vaginalflüssigkeit) die Infektion weitergeben. Babies erkranken an AIDS, wenn sie vor
und während der Geburt über das Blut
der
infizierten
Mutter
angesteckt
wurden.
In den Vereinigten Staaten
kennt man Dr. Fauci zufolge Hunderte
solcher
Fälle; in manchen afrikanischen Ländern dürften sogar bis zu
20 Prozent der Neugeborenen infiziert
sein.
Vor allem bei Rauschgiftsüchtigen
ist immer deutlicher eine "Rückübertragung" von Frauen auf Männern zu
erkennen. Dies war Dr. Fauci zufolge
auch bei Infizierten durch Blutkonserven und bei den weiblichen Sexualpartnern von Blutern zu beobachten.
Die umfangreichsten
"harten Daten"
zur
heterosexuellen
Ubertragbarkeit
von AIDS dürften aus Zentralafrika
kommen, wo es zweifellos eine primäre, sekundäre und tertiäre Ausweitung
gebe - von Männern auf Frauen, von
Frauen auf Männer, durch Anal- eben-

- 2 -

�so wie durch vaginalverkehr.
Die Anfang der achtziger Jahre
als risikofrei angesehenen Bevölkerungsgruppen werden, so Dr. Fauci,
immer kleiner, und es sei anzunehmen,
daß sich jetzt schon in jeder Bevölkerungsgruppe
infizierte
Personen
fänden.
Infektionen
bei
Heterosexuellen nähmen besonders rasch zu.
(Dr. C. Everett Koop, "Surgeon General" der USA, befürchtet, daß die
Seuche unter heterosexuellen Personen
eine
ähnliche
Ausbreitungsgeschwindigkeit erreicht wie dies Anfang der
achtziger Jahre unter Homosexuellen
der
Fall
war.)
Laut
Dr.
Fauci
schätzt man in den USA die Zahl der
Infizierten auf ein bis zwei Millionen, von denen in fünf Jahren 29 bis
30 Prozent das Bild der Vollerkrankung zeigen dürften. Das bedeute um
1991 etwa 270 000 AIDS-Kranke in den
Vereinigten Staaten.
Millionen - wahrscheinlich Millionen in zweistelliger Zahl - seien
in
Zentralafrika
infiziert.
Dort
dürfte der Prozentsatz der "Konversion",
d.h.
des
Übergangs
einer
asymptomatischen
Infektion
in
die
Vollerkrankung,
sehr
wahrscheinlich
genau so sein wie in den Vereinigten
Staaten. Deshalb sei mit einer enormen Zunahme von AIDS-Fällen in den
nächsten fünf Jahren zu rechnen. Ob
sich HIV-II bzw. LAV-II, die gegenwärtig in Westafrika
(Guinea-Bissau
und Kap Verde) vorherrschende Infektion, auch auf andere Teile Afrikas
oder auf die übrige Welt ausweiten
werde, könne man heute noch nicht sagen. Aber es gebe keinen Grund für
die Annahme, daß dies nicht geschieht.
Denn auch HIV-II wird auf
sexuellem Wege und durch infiziertes
Blut übertragen.
"Es hat ganz den
Anschein, daß wir künftig mehr von
diesen anderen Retroviren sehen werden", meinte Dr. Fauci.

Einige
Wissenschaftler
fragten
bei der WORLDNET-Ubertragung nach der
Bedeutung von Hautkontakten und dem
Austausch von Speichel beim Küssen
für eine Übertragung von HIV.
Dr.
Fauci
schließt eine Infektionsmöglichkeit durch Speichel nicht ganz
aus, obgleich bisher ungefähr nur bei
jedem 40. HlV-Infizierten Viren im
Speichel
festgestellt wurden.
Aus
diesem Grund empfehle man im Zusammenhang mit "safe sex", den Austausch
von Speichel zu vermeiden.
Was die
Langhans-zellen
und
Kerationozyten
(bestimmte Zellgruppen in Hautgewebe)
angeht, habe man, so Dr. Fauci, zwar
klare Beweise für die Möglichkeit einer
Infektion der Langhans-Zellen,
nicht aber der Keratinozyten mit HIV.
Es lägen keine überzeugenden Anzeichen dafür vor, daß HIV-Viren durch
Hautkontakt
übertragen
würden.
Hauptquellen
der
Ansteckung
seien
nach wie vor Sexualkontakt, Blut oder
Blutprodukte oder die Virusübertragung von der Mutter auf das Kind.

Lebensweise und Eigenverantwortung
Das Thema "Sexualverhalten" habe
deshalb eine ganz außerordentliche
Bedeutung.
Aufklärung und Information der Bevölkerung stünden, solange
es weder Impfstoffe noch Heilungsmöglichkeiten gebe, absolut im Vordergrund, sagte Dr. Fauci. Dabei müßten
die Aktionen auf jede einzelne Bevölkerungsgruppe
zugeschnitten
werden,
wenn das, was sie vermitteln sollen,
auch wirklich verstanden werden und
überzeugen
soll.
Jedem
einzelnen
müsse klar gemacht werden, wie wichtig sein persönliches Verhalten für
den eigenen Schutz und den des Partners, darüber hinaus für den Schutz
der nachfolgenden Generation tatsächlich ist.

- 3 -

�Aufklärungsaktionen
sei
es
zu
verdanken, daß man in den USA in
letzter Zeit unter Homosexuellen einen Rückgang neuer AIDS-Erkrankungen
und neuer Fälle von Rektalgonorrhoe
um mindestens 90 Prozent verzeichnen
könne.
Auf diese Risikogruppe konzentrierten sich in erster Linie die
Appelle, Kondome zu benutzen und den
Partnerwechsel
einzuschränken.
Mit
wesentlich mehr Problemen habe man
aber bei Drogensüchtigen zu kämpfen,
von denen viele - männlich wie weiblich - sich zur Beschaffung von Drogen prostituieren.
Der Masse der Bevölkerung müsse,
so Dr. Fauci, klar gemacht werden,
welcher Art die Risiken sind und welches Ausmaß diese haben.
Obgleich
Verhaltensweisen sehr schwer zu beeinflussen seien, hoffe man doch, die
richtigen Ansätze dafür zu finden.
Denn gegenwärtig seien dies der einzige Weg und die einzige "Waffe", um
der Weiterverbreitung der AIDS-Infektion entgegenzuwirken.
Deshalb halte, er, Dr. Fauci, neben Aufklärungsaktionen öffentlicher Stellen von der
kommunalen bis zur Bundesebene z.B.
auch
umfangreiche
Pressekampagnen,
Informationen über Funk und Fernsehen
für eine gute Sache, sofern sie qualifiziert sind. Sie können viel dazu
beitragen, Klarheit darüber zu schaffen, wo die Risiken liegen und wo sie
nicht
liegen.
Ebenso
können
und
sollten sie unnötige und irrationale
Ängste abbauen. Verantwortungsbewußter Journalismus sei hier ganz besonders gefordert.

Kinder als Opfer von AIDS
Bei Babies äußert sich eine AIDSErkrankung anders als bei Erwachsenen
und wird deshalb häufig erst spät erkannt. Während bei Erwachsenen eine
Lungenentzündung vom Typ Pneumocystis
- 4

carinii und das Kaposi-Sarkom Hinweise auf eine AIDS-Infektion geben, beobachtet man bei Kindern
zunächst
wiederholte, bakterielle, virale und
bestimmte
Pilzinfektionen, Enzephalitis, Lymphozytose in Verbindung mit
interstitieller Pneumonie.
Ähnliche
Erkrankungen gibt es aber auch bei
nicht mit HIV infizierten Kindern.
Deshalb ist bei geringstem Verdacht
in dieser Altersgruppe ein Test auf
HIV-Antikörper ungemein wichtig.
An
AIDS erkrankte Kinder bleiben in ihrer körperlichen Entwicklung in der
Regel stark zurück.
Es kommt zu
Krampfanfällen, Erblindung, abnormen
Bewegungen, Gehirnatrophie und Gefäßsklerosen im Gehirn. Für die geistige Entwicklung gibt es kaum eine
Chance - die fortschreitende Demenz
zeigt
einen
besonders
auffälligen
klinischen Verlauf.
Dennoch heißt auch bei Säuglingen
und Kleinkindern, ähnlich wie bei Erwachsenen, eine Infektion mit AIDSViren nach dem gegenwärtigen Wissensstand nicht, daß die Krankheit in
Vorstadien
oder als Vollerkrankung
tatsächlich zum Ausbruch kommen müsse, obgleich eine Infektion mit Retroviren niemals rückgängig zu machen
ist. Vielmehr scheinen bei einem gewissen
Prozentsatz der
Infizierten
immunologische Prozesse einzusetzen,
die es nicht zu den katastrophalen
Auswirkungen kommen lassen.
Der Situation infizierter Kinder
galten denn auch immer wieder Fragen
an Dr. Fauci, insbesondere im Hinblick auf einen Impfstoff gegen AIDS
und auf die Probleme AIDS-kranker
Kinder
in
wissenschaftlicher
und
ethischer Sicht.
Mit dem letztgenannten Fragenkomplex, zu dem auch
die gesellschaftlichen Probleme gehören, befasse man sich, so Dr. Fauci,
gegenwärtig sehr intensiv. Was Vakzine angehe, so bemühten sich in den

�USA derzeit mehrere Gruppen bei der
FDA (US-Bundesbehörde für Lebens- und
Arzneimittelkontrolle) um die Genehmigung
zu einer Erprobung
("Erste
Phase") verschiedener Impfstoffe am
Menschen.

Impfstoff und Medikamente
Dabei handle es sich in erster
Linie
um rekombinante
DNS-Proteine
des AIDS-Virus.
Tests an kleinen
Versuchstieren sowie an Affen, etwa
an Schimpansen, seien schon vorgenommen
worden
und
würden
weiterhin
durchgeführt.
Dabei achte man sehr
viel mehr auf Sicherheit als auf
Wirksamkeit, weil es keine strikte
Analogie zwischen dem Tiermodell und
dem menschlichen Organismus gebe. In
der Testfolge sei ratsam, die Vakzinmodelle mit rekombinanter DNS, dann
die rekombinanten Hüllenproteine oder
den wirksamen Vakzinanteil einzusetzen. An einen Totimpfstoff wage man
sich deshalb nicht heran, weil die
Gefahr bestehe, daß Nukleinsäuren des
Virus schädliche Gene in die Wirtszelle einbringen.
Die erste Phase der Erprobung am
Menschen dürfte Ende 1987 oder Anfang
1988 beginnen. Aber selbst wenn die
Entwicklung mit Erfolg weitergeführt
werden könne, sei im Hinblick auf die
Natur des Virus und der AIDS-Erkrankung kaum vor Mitte der neunziger
Jahre mit einem für die allgemeine
Bevölkerung einsatzfähigen Impfstoff
zu rechnen.
Im Hinblick auf Kinder
seien die Probleme besonders groß,
weil insbesondere Impfverfahren erst
einmal an Erwachsenen eingehend getestet werden müßten, ehe man daran
denken könne, sie bei Kindern anzuwenden.
Bei Medikamenten
anderes.
Dr. Fauci

sei dies etwas
berichtete, daß

z.B. in die laufenden Studien mit
"Retrovir"
(AZT
Azidothymidin)
jetzt auch Kinder einbezogen wurden.
Dieses Präparat könne den klinischen
Status von Patienten mit einer Enzephalopathie (nichtentzündliche Hirnschäden, z.B. mit Bewußtseinsstörungen, Psychosen, unter Umständen Koma)
verbessern. AZT kann die Blut-HirnSchranke passieren und die Vermehrung
von AIDS-Viren in den Gehirnzellen
blockieren.
Das Passieren der BlutHirn-Schranke sei ein ganz wichtiger
Gesichtspunkt auch bei allen anderen
Medikamenten
(z.B. DDC, Peptid T,
AL7-21) , die sich aber zumeist noch
im Frühstadium der Entwicklung befinden .
Die Wirksamkeit von AZT sei bei
erwachsenen AIDS-Patienten mit "Pneumocystis
carinii"-Lungenentzündung
(PCP) beobachtet worden. Jetzt liefen Studien an Patienten mit KaposiSarkom,
weitere
Testprogramme
bei
Kindern und bei neuro-psychiatrischen
Krankheitsbildern.
Untersuchungen
über den Einsatz von AZT bei fortschreitender allgemeinen Lymphadenopathie und bei asymptomatischen Virusträgern beginnen in Kürze.
DDC ist eine dem AZT analoge Verbindung. Nach Dr .Fauci habe man gewisse begründete Hoffnungen, daß DDC
niedriger
dosiert als AZT gegeben
werden könne und vielleicht weniger
toxisch sei. Mit AL7-21 habe man gerade eine erste Studie in vitro (d.h.
an Zellkulturen) in Angriff genommen.
Es scheint das Einnisten der Viren zu
blockieren.
Ob dies auch in vivo
(d.h. im lebenden Organismus) der
Fall sein werde, bleibe abzuwarten.
Peptid T schließlich erfordere weitere Studien, um eine frühere Beobachtung, daß es die Bindung des Virus an
die Zelle zu blockieren vermag, bestätigen zu können.
Erst wenn dies
nachgewiesen sei, denke man an eine

- 5 -

�Erprobung am Menschen.
Wegen der noch sehr beschränkten
Verfügbarkeit von Retrovir (AZT) werde in den Vereinigten Staaten das
Präparat im Verkauf derzeit nur für
Patienten mit symptomgesicherter HIVInfektion (AIDS) oder bei ARC (Symptomenkomplex in Verbindung mit HIVInfektion) und PCP oder bei einer
sehr niedrigen Zahl von T-4-Lymphozyten im Blut (200 pro cbmm und weniger) abgegeben.
Der niedrige T-4Lymphzytenspiegel mache deutlich, daß
das körpereigene Abwehrsystem zur Bekämpfung von Krankheitserregern nicht
mehr fähig sei.
Man hoffe von den
Ergebnissen der Studien weitere Kriterien zu erhalten, um AZT für mehr
Patientengruppen freigeben zu können
und die Anwendung flexibler zu gestalten - sofern nicht aus einer unzureichenden Verfügbarkeit des Medikaments Engpässe erwachsen.
Dr. Fauci hatte bereits in einer
vorangegangenen
WORLDNET-Diskussion
darauf aufmerksam gemacht, daß in den
Vereinigten Staaten immer mehr Arten
von Krebs in Verbindung mit einer
AIDS-Infektion
beobachtet
würden.
Sie beschränkten sich nicht mehr auf
das
Kaposi-Sarkom
und
B-ZellenLymphome. Vielmehr eobachte man z.B.
eine besorgniserregende Zunahme von
gewissen
soliden
Tumoren,
Bauchspeicheldrüsenkrebs,
von
T-ZellenLeukämie und Lymphdrüsengeschwülsten
bei einer Doppelinfektion mit HTLV-I
und
HIV.
Vermutlich
bekomme
man
künftig noch andere Neoplasmen zu sehen, deren Entstehung mit der Unterdrückung der immunologischen Abwehrreaktionen
durch die HIV-Infektion
zusammenhängt.
Auf die Frage, ob er in speziellen Impfprogrammen gegen die sogenannten opportunistischen Infektionen
bei AIDS-Patienten einen Sinn oder
- 6

eine Chance sehe, meinte Dr. Fauci,
daß man sich in der Praxis davon kaum
etwas versprechen
könne.
Denn es
handle sich bei den meisten Infektionen um nichts anderes als um Re-Infektionen.
Ein gutes Beispiel sei
das Cytomegalovirus, mit dem aller
Wahrscheinlichkeit nach ein AIDS-Patient nicht primär infiziert werde.
Viel eher dürfte eine alte Infektion
neu aufflammen. Dasselbe gelte z.B.
für Infektionen mit dem Epstein-BarrVirus und für Toxoplasmose. Auch gegen die anderen opportunistischen Infektionen (Parasiten bei PCP, M y k o bakterien) dürfte in der Praxis bei
AIDS-Kranken kein Impfschutz möglich
sein.
Zur
Inkubationszeit
für
AIDS,
d.h. der Zeit von der Infektion bis
zum Auftreten
von
einem
zunächst
vielleicht untypischen Krankheitsbild
und schließlich der Vollerkrankung,
könne man nur bedingt Aussagen machen, meinte Dr. Fauci, weil der Beobachtungszeitraum
einfach noch zu
kurz sei. Bisher sei z.B. bekannt,
daß eine HIV-Infektion sieben Jahre
und länger zurückliegen könne, ehe es
zu einer Vollerkrankung komme.
Und
von dieser wisse man ohnehin erst
seit Ende der siebziger Jahre. Für
exaktere und definitive Angaben seien
weitere Jahre der Beobachtung erforderlich. Allem Anschein nach gebe es
Faktoren, durch die aus einer latenten, gewissermaßen schlummernden Infektion plötzlich ein aktiver Prozeß
werde, wobei sich die Viren geradezu
explosionsartig vermehrten.

Pflege
Viele beschäftigte die Frage der
Pflege AIDS-kranker Menschen. In den
USA werde Dr. Fauci zufolge großer
Werte darauf gelegt, Pflegepersonal
und Angehörige medizinischer Berufe

�fortlaufend
über
die neuesten Erkenntnisse
zur Über tragbar keit und
anderen Aspekten einer HIV-Infektion
zu
unterrichten.
Krankenschwestern
seien angewiesen, die gleichen strikten Vorsichtsmaßnahmen wie bei Patienten mit Hepatitis-B anzuwenden d.h.
bei
Kontakt
mit
Blut
oder
Schleimhaut des Kranken Handschuhe zu
tragen.
"Astronautenkleidung"
sei
jedoch nicht erforderlich.
in Umsicht, Vorsicht und gesundem Menschenverstand sehe man die beste Garantie, um zu vermeiden, beispielsweise über eine eigene Hautverletzung
Keime aus dem Blut von HIV-Kranken,
etwa aus einer Spritze, aufzunehmen.
Dennoch käme zur Verhütung solcher
Infektionen, auch durch Sexualkontakt
mit einem infizierten, einem noch in
der Entwicklung befindlichen Verfahren zur Anwendung von menschlichem
Immunoglobulin (zur verstärkten Neutralisierung bestimmter, mit der Infektion
in
Zusammenhang
stehender
Prozesse) sehr große Bedeutung zu.

gen
ausgelöst
werden.
Die
Grüne
Meerkatze erkrankt selbst nicht. Das
könnte bedeuten, daß diese Spezies
über viele, vielleicht unzählige Generationen Anpassungsmechanismen entwickelt hat, so daß ihr die immunopathologischen Auswirkungen des Virus
nichts mehr anhaben. Andere Tierarten, z.B. Rhesusaffen, seien jedoch
nicht angepaßt, so daß für sie die
Infektion den Tod bedeute.

Nicht minder wichtig sei die Weiterentwicklung
der
Testverfahren.
Dr. Fauci verwies auf ein neues Verfahren, das zuerst an Serien afrikanischer
Patienten
getestet
worden
sei.
Es sei sehr billig, leicht
durchzuführen und bringe schon nach
wenigen Minuten das Resultat. Dagegen seien die üblichen Tests - ELISA
und "Western Blot" - sehr zeitaufwendig und relativ kostspielig.

Die Tatsache, daß sich AIDS in
manchen Ländern, wie etwa den USA und
neuerdings in Europa so rasch ausbreitete, in arabischen Ländern dagegen nicht, hänge wohl nicht zuletzt
mit den Sozialstrukturen, dem kulturellen Erbe und der Lebensweise zusammen, meinte Dr. Fauci. Die immer
wieder geäußerte Frage, ob vielleicht
bestimmte
Insekten
(z.B. Moskitos,
Mücken) als Überträger zu vermuten
seien, konnte
Dr. Fauci
aufgrund
zahlreicher
Studien
eindeutig
mit
"Nein" beantworten.

Quelle der HIV-Erreger

Wann Menschen erstmals von HIV
infiziert wurden, wisse man nicht.
Das klinische Syndrom kenne man seit
etwa zehn bis 15 Jahren. Jedoch existiere ein Blutserum aus Zaire aus
dem Jahr 1959, das sich beim ELISAund Western Blot-Test eindeutig als
HIV-positiv
erwies.
Möglicherweise
existierten, so Dr. Fauci, schon lange
Zeit unerkannt
Infektionsherde,
vielleicht in Zentralafrika. Ob auch
in anderen Teilen der Erde, entziehe
sich noch der Kenntnis der Wissenschaftler .

Die Wissenschaftler
sind
jetzt
überzeugt, daß AIDS aus Afrika kommt.
Als Quelle komme wahrscheinlich eine
Affenart, die Grüne Meerkatze, in
Frage.
Tierversuche hätten gezeigt,
berichtete Dr. Fauci, daß durch Viren
des Typs STLV-III von Grünen Meerkatzen bei Rhesus-Affen AIDS-Erkrankun- 7 -

�Glossar:
AIDS

"acquired immune deficiency Syndrome",
erworbene Immunschwäche

ARC

"AIDS related complex",
AIDS-assoziierter Symptomkomplex mit bestimmten
chronischen Krankheitsbildern

AZT

Azidothymidin ("Retrovir"),
Medikament in der AIDS-Therapie

Cytomegalovirus

Virus aus der Gruppe der Herpesviren, das bei
einer Infektion in der Schwangerschaft schwere
Mißbildungen verursacht, bei gesunden Erwachsenen nur ganz selten zu einer Erkrankung
führt. In AIDS-Patienten dagegen kann die Infektion Lungenentzündung, Entzündung der Netzhaut, der Leber, der Nieren und des Darmes
hervorrufen.

DNS

Desoxyribonukleinsäure,
Träger des Erbgutes zur Weitergabe von Erbmerkmalen.

ELISA

"enzyme-linked immunosorbent assay" ,
Test zum Nachweis von AIDS-Antikörpern im Blut

Epstein-Barr-Virus

vermutlich die Ursache für den "Burkitt-Tumor"
der Lymphknoten. Im tropischen Afrika, in
Lateinamerika und Neuguinea tritt die Erkrankung epidemieartig bei Kindern und Jugendlichen auf.

HIV

"human immunodeficiency virus",
Erreger der Immunschwächekrankheit beim
Menschen

HTLV

"human T-cell lymphotrophic virus",
befällt T-Lumphozyten, die für immunologische
Reaktionen eine Schlüsselfunktion haben.
Vier Typen von HTLV-Viren sind bisher bekannt.

Kaposi-Sarkom

Tumor der Blut- und Lymphgefäßwandung.

LAV

"lymphadenopathy-associated virus" ,
so bezeichnet von französischen Forschern in
ersten Berichten über den Erreger der AIDSKrankheit.

- 8-

�PCP

"Pneumocystis carinii pneumonia",
bei AIDS-Kranken besonders häufige, gefährliche
Infektion. Sie gilt als eine der opportunistischen Infektionen, die infolge des Fehlens
körpereigener Immunreaktionen auftreten, und
wird durch Parasiten des Typs Pneumocystis
carinii verursacht.

Western Blot-Verfahren

Nachweistest für eine Infektion mit AIDSErregern, der die Identifizierung von Antikörpern gegen spezifische Eiweißmoleküle ermöglicht. Er gilt als genauer für die Erfassung von Antikörpern gegen HIV in Blutproben
als ELISA, ist allerdings sehr zeit- und
kostenaufwendig.

* * * * * *

- 9-

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