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                  <text>AMERIKA DIENST
"VON**

15. April

14

1987

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan;

Amerikanisch-sowjetische Beziehungen kommen voran

- Ansprache vor dem Los Angeles World Affairs Council -

Kommission zur Untersuchung der Sicherheit in Moskauer Botschaft
eingesetzt
- Stellungnahme Präsident Reagans -

Glasnost und der Konsens im Westen
- Ansprache des amerikanischen Botschafters in Berlin -

WIRTSCHAFT
Amerikanisch-japanische Gespräche über Halbleiter ohne Ergebnis
- Erklärung des Büros des amerikanischen Handelsbeauftragten -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Hautkrebsrisiko wächst
- Vorsorgliche Maßnahmen gegen Ozonabbau dringendes Gebot

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 f onn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
V,oN^

Dokumentation

15. April 1087

14

REAGAN: AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN KOMMEN VORAN
- Ansprache vor dem Los Angeles World Affairs Council LOS ANGELES - (AD) - Präsident Reagan zufolge kommen die amerikanischsowjetischen Beziehungen voran "ohne Grund für große Begeisterung oder für
große Besorgnis" zu bieten.
In einer Ansprache vor dem Los Angeles World
Affairs Council erklärte der Präsident am 10. April 1987, er habe Außenminister Shultz beauftragt, im Rahmen seines Besuchs in Moskau "ein breites
Spektrum von Problemen zwischen unseren beiden Ländern" anzusprechen.
Dazu
gehörten der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan, Fortschritte für
ein Abkommen über Mittelstreckenraketen, ein beiderseitiger 50prozentiger Abbau der strategischen Atomwaffenarsenale, das Streben nach einem sichereren
strategischen Gleichgewicht durch verstärktes Vertrauen auf defensive Systeme
sowie die Lösung der Auswanderungsfrage.
Nachfolgend bringen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut:

Ich freue mich, heute hier vor
Ihnen über den gegenwärtigen Stand
der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sprechen zu können. Bevor ich
dies tue, möchte ich jedoch zu den
jüngsten
Enthüllungen
über sowjetische Spionageaktivitäten gegen die
amerikanische
Botschaft
in
Moskau
Stellung nehmen.
Es gibt keinerlei
Entschuldigung für das, was die Sowjets getan haben oder für die Art
und Weise, in der das Sicherheitsproblem in Moskau behandelt wurde.
Nun, denjenigen, die meinen, daß

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Embassy of the United States of America

diese jüngsten Ereignisse ein neues
Licht auf die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen werfen, sage ich:
'Wo sind Sie denn gewesen?1
Jeder,
der mit dem Charakter des sowjetischen Regimes, seiner Ideologie und
seiner Absichten vertraut ist, weiß,
daß solche Handlungen der Sowjets
keine Überraschung darstellen.
Seit den frühesten Tagen dieser
Administration habe ich darauf bestanden, daß unsere Beziehungen mit
den Sowjets auf Realismus anstatt Illusionen
beruhen müssen.
Ja, die

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Grundlage unserer Außenpolitik hat ja
seit Anbeginn gerade darin bestanden,
bei der Beschreibung der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
kein
Blatt vor den Mund zu nehmen - und
klar zu verstehen zu geben, wofür unserer Ansicht nach die Sowjets eintreten und wofür wir selbst eintreten.
Das
mag
einleuchtend
klingen,
aber als wir im Jahr 1981 die Regierungsgeschäfte
übernahmen,
bestand
die klare Notwendigkeit, dies erneut
zu erklären.
Lassen Sie mich heute
diese Ansichten darlegen und die Beziehungen
zwischen
unseren
Ländern
einer Überprüfung unterziehen.
Wir haben einen Rahmen für die
Auseinandersetzung
mit den
Sowjets
geschaffen; wir haben darauf bestanden, daß Fortschritte in vier entscheidenden Bereichen vorangetrieben
werden müssen:
Erstens, das Streben nach verifizierbarer
und stabilisierender
Rüstungskontrolle mit Betonung auf verifizierbar; zweitens, auf dem Verhandlungsweg
erzielte Lösungen
für
regionale
Konflikte; drittens, die
Förderung
der Menschenrechte
sowie
viertens, erweiterte Kontakte zwischen unseren Völkern.
Diese Tagesordnung verkörpert eine konsequente und langfristig angelegte Politik, in der sich unsere moralischen Werte, unsere strategischen
Interessen und unsere Verpflichtungen
gegenüber unseren Freunden und Verbündeten widerspiegeln.
Sie beruht
nicht auf falschen Hoffnungen oder
Wunschdenken bezüglich der Sowjets;
sie beruht auf einer freimütigen Einschätzung sowjetischer Handlungen und
einem langfristigen Verständnis ihrer
Absichten.

in
einigen
Bereichen
dieser
vier
Punkte Bewegung und Fortschritte erlebt haben. Nehmen Sie zum Beispiel
die Rüstungskontrolle.
Im Verlauf
unserer beiden Treffen - unserem Kamin-Gipfel in Genf und unseren Gesprächen im Hofdi-Haus in Reykjavik haben Herr Gorbatschow und ich bedeutende Schritte nach vorn unternommen.
Wir haben Hindernisse aus dem Weg geräumt und uns historischen Abkommen
zur
Reduzierung
der
strategischen
Atomwaffen und der atomaren Mittelstreckenraketen angenähert.
In den
Monaten
nach
Reykjavik
waren
die
Fortschritte langsamer als ich erhofft hatte, aber in den letzten Wochen haben die Sowjets eine neue
Ernsthaftigkeit gezeigt.
Es besteht
jetzt die klare Möglichkeit für einen
Durchbruch
in den Gesprächen über
Mittelstreckenraketen.
Nun zur Frage der Menschenrechte.
Auch hier haben wir einige positive
Entwicklungen festgestellt. Die Verbannung von Andrej Sacharow wurde
aufgehoben und er darf jetzt seine
Meinung frei äußern. Einige politische Gefangene wurden entlassen. Die
Auswanderungszahlen für März und April sind bis jetzt gestiegen.
Es
wird über Änderungen sowjetischer Gesetze gesprochen.
Ein weniger zentralistischer Ansatz für die sowjetische Wirtschaft ist im Gespräch, wodurch der Initiative des Einzelnen
mehr Raum gegeben würde. Wir werden
sehen, ob diese Diskussionen zu irgendetwas führen werden.
Im Bereich des bilateralen Austauschs, haben wir Einigung über erweiterte
sowjetisch-amerikanische
Kontakte erzielt. Austauschprogramme
in den Bereichen Kultur und Wissenschaft sowie zwischen den Bürgern
beider Länder sind seit Genf drastisch vermehrt worden.

Ich kann Ihnen berichten, daß wir
- 2 -

�Aber all dies aufzuzählen heißt
nicht, da3 man unrealistisch sein
oder die weiteren Zusammenhänge außer
acht lassen soll. Weiterhin bestehen
ernsthafte Probleme.
Bei den Rüstungsverhandlungen
zum
Beispiel
bleibt die Verifizierung wegen der
ungenügenden Einhaltung früherer Abkommen durch die Sowjets ein entscheidendes Problem.
Die
Sowjets
haben
auch
ihre
grundsätzliche Strategie nicht aufgegeben, diese Verhandlungen
zu dem
Versuch zu benutzen, unsere Verbündeten und Freunde in Europa und Asien
und die Vereinigten Staaten zu entzweien. Die Sorgen unserer Verbündeten sind von zentraler Bedeutung.
Wir können es beispielsweise nicht
zulassen, daß der Gewinn der Reduzierung von Mittelstreckenraketen längerer Reichweite durch ein weiterbestehendes Ungleichgewicht bei den Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite untergraben oder umgangen wird,
bei denen die Sowjets einen enormen
Vorteil besitzen.
Lassen Sie mich
noch einmal erklären: die Vereinigten
Staaten werden weiterhin enge Konsultationen mit ihren Verbündeten vornehmen und wir werden ihre vitalen
Interessen nicht preisgeben, nur um
ein Abkommen zu unterzeichnen.
Leider versuchen die Sowjets auch
weiterhin, die Strategische Verteidigungsinitiative zunichte zu machen.
Ich habe einige sehr entgegenkommende
Vorschläge
dergestalt
unterbreitet,
daß für eine gewisse Zeitspanne keine
strategischen
VerteidigungsSysteme
stationiert würden - während wir und
die Sowjets Verhandlungen über einen
kooperativen tibergang zu einer neuen
Art strategischen Gleichgewichts führen, bei denen die Abschreckung auf
dem Schutz von Menschenleben anstatt
ihrer Bedrohung beruht.

Herr Gorbatschow selbst hat unlängst das "Gleichgewicht des Schrekkens" als Strategie der Friedenserhaltung kritisiert und gefordert, die
Nukleardoktrinen wahrhaft defensiv zu
gestallten. Nun, ich stimme ihm zu.
Ein Friede, der auf strategischen
Verteidigungssystemen beruht, die einen Angriff abfangen und neutralisieren können - einhergehend mit radikalen Reduzierungen der Offensivraketen
-, dies ist der sicherste Weg von allen .
Wie ich schon nach dem Genfer
Gipfeltreffen
sagte, sind
Treffen
zwischen unseren höchsten politischen
Vertretern kein Gefallen, den eine
Seite der anderen tut.
Sie können
aber hilfreich sein. Und in diesem
Zusammenhang erkläre ich, daß meine
Einladung an Herrn Gorbatschow zu einem Besuch in den Vereinigten Staaten
weiterhin Bestand hat. Der Willkommensteppich bleibt ausgerollt.
Im
Bereich
der
Menschenrechte
sind unsere Sorgen ebenfalls grundlegender Natur. obwohl wir die Lösung
einiger weithin bekannter Einzelfälle
begrüßen, suchen wir nach Anzeichen,
daß die Sowjetunion beabsichtigt, ihren Verpflichtungen gegenüber allen
ihren Bürgern gemäß ihren eigenen Gesetzen und gemäß den Vereinbarungen
von Helsinki gerecht zu werden. Ein
System, das Europa
in künstlicher
Teilung beläßt, die Religion und religiöse Kontakte unterdrückt, weiterhin Radiosendungen stört und amerikanische Journalisten unter erlogenen
Anschuldigungen
verhaftet, bedeutet
ein Problem für andere Staaten. Keine Nation wird mit ihren Nachbarn in
Frieden leben, wenn sie nicht auch
Frieden mit ihren eigenen Bürgern
schließt.
Die
Menschenrechte
sind
also
nicht nur eine "innere" Angelegen-

- 3 -

�heit. Sie sind in Wirklichkeit eine
Frage des Friedens. Andrej Sacharow
hat dies sehr gut zum Ausdruck gebracht als er erklärte: "Ich bin davon
überzeugt, daß
internationales
Vertrauen, gegenseitiges Verständnis,
Abrüstung und internationale Sicherheit undenkbar sind ohne eine offene
Gesellschaft
mit
Informations- und
Gewissensfreiheit, der Freiheit zu
veröffentlichen und dem Recht zu reisen und das Land zu wählen, in dem
man leben möchte".
Leider sind die Nachrichten über
den noch verbleibenden Punkt auf unserer Tagesordnung nicht gut.
Ich
spreche von dem Problem der militärischen Konflikte in Regionen der Dritten Welt - wo die Tatsachen sowjetischen Vorgehens brutal, eine Gefahr
für den Frieden und unsere zukünftigen Beziehungen sind. Trotz des angeblichen Wunschs nach
friedlicher
Beilegung dieser Konflikte, trotz Ankündigungen
von
Waffenstillständen
und Reden über
"nationale Versöhnung",
führen
sowjetische
Truppen
weiterhin einen schrecklichen Krieg
gegen das Volk von Afghanistan.
Die militärische Bedrohung
des
mit uns befreundeten Pakistan eskaliert in einem Maße, daß sie das Risiko einer größeren Konfrontation in
sich birgt. In Äthiopien, Angola und
Kampuchea unterstützt die Sowjetunion
weiterhin die brutalen Kriege leninistischer Regime gegen ihre eigenen
Völker. In Nicaragua können wir eine
ebensolche Kampagne an unseren eigenen Küsten beobachten, mit der drohenden Destabilisierung ganz Mittelamerikas und der Verweigerung des
Rechts des nicaraguanischen Volkes
auf die Bestimmung seiner eigenen Zukunft.
Die Welt wird diese Politik des
globalen Expansionismus nicht länger

hinnehmen.
In den vergangen Jahren
konnten wir eine neue Tendenz beobachten - die Ausbreitung der Demokratie von Lateinamerika bis hin zu den
Philippinen, die von einer weltweiten
Revolutionierung des Wirtschaftsdenkens begleitet wurde - die Tendenz zu
politischer
und
wirtschaftlicher
Freiheit als Mittel, Wirtschaftswachstum und menschlichen Fortschritt in
der sich entwickelnden Welt zu fördern. Die Vereinigten Staaten stehen
zu ihrer Verpflichtung, diese Entwicklung
zu
größerer
persönlicher
Freiheit und nationaler Selbstbestimmung weiterhin zu unterstützen - und
jeglicher Versuchung nach einer Umkehrung derselben zu widerstehen.
In
der
jüngsten
Vergangenheit
machten sich Anzeichen bemerkbar, daß
die Sowjetunion nach diplomatischen
Wegen zu einer Beendigung ihres Krieges mit Afghanistan suchen könnte.
Die Sowjetunion sollte wissen, daß
die Vereinigten Staaten keinen strategischen vorteil in Afghanistan suchen.
Sie sollte aber auch wissen,
daß eine politische Beilegung des
Konflikts solange nicht durchführbar
sein wird, bis die Sowjetunion ihre
Truppen unverzüglich und vollständig
abzieht und dem afghanischen Volk
echte Selbstbestimmung gewährt.
Das
Widerstandsbündnis nimmt eine zunehmend bedeutendere Rolle ein und wir
werden
es
weiterhin
unterstützen.
Wir werden jede gerechte Beilegung
unterstützen, die ein wahrhaft unabhängiges
und neutrales Afghanistan
schaffen wird, das den Bedürfnissen
des freien afghanischen Volkes gerecht wird.
Desgleichen erreichte die Militär- und Wirtschaftshilfe des sowjetischen Blocks an das sandinistische
Regime in Nicaragua im vergangenen
Jahr noch nie dagewesene Summen in
Milliardenhöhe; Anzahl und Entwick-

�lungsstand der Waffenlieferungen haben ein gefährliches Ausmaß erreicht.
Wir haben das Recht und in der Tat
auch die Pflicht, unsere Freunde in
dieser Hemisphäre gegen eine solche
eklatante Intervention zu unterstützen.
Das sowjetische Verhalten wird
hier die Feuerprobe unserer Beziehung
bestehen müssen.
Auch in Angola können wir eine
Eskalation des sowjetischen und kubanischen
militärischen
Engagements
in dem vergeblichen Streben nach einem militärischen
Sieg beobachten.
Hier fordern wir eine politische Lösung und den raschen Abzug von Fidel
Castros 35 000 kubanischen Söldnern
aus Angola.
Kampuchea ist ein weiteres tragisches Beispiel der von Vietnam auferzwungenen und von der UdSSR unterstützten
Aggression
und Besetzung.
Das Volk von Kampuchea hat genug gelitten; es ist Zeit für wahrhafte
Selbstbestimmung
und
Frieden
in
Kampuchea.
Was steht also heute auf unserer
Tagesordnung?
Lassen Sie mich dies
im einzelnen ausführen.
Erstens muß die blutende Wunde
Afghanistan
geheilt
werden.
Ich
möchte die Aufforderung an die UdSSR
richten, noch im Verlauf dieses Kalenderjahres ein Datum festzusetzen,
an dem sie mit dem zügigen Abzug der
sowjetischen Truppen beginnt.
Zweitens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam ein Abkommen
über
Raketen
mittlerer
Reichweite
voranzutreiben, das die Sicherheit
insgesamt und die militärische Stabilität verbessert. Die Themenkomplexe
der Verifizierung
und der flittelstreckensysteme
kürzerer
Reichweite
müssen auf eine Weise gelöst werden,

daß
die
Sicherheitsinteressen
Verbündeten gewahrt bleiben.

der

Drittens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam eine 50prozentige Kürzung
unserer
strategischen
nuklearen Arsenale in der Form vorzunehmen, daß sie zu einer Stärkung der
Stabilität beiträgt.
Unser SDI-Programm sollte einer solchen Kürzung
nicht im Wege stehen - ebensowenig
wie die seit langem bestehenden sowjetischen
strategischen
Verteidigungsprogramme dieser Kürzung im Wege
stehen.
Viertens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam ein sicheres
strategisches Gleichgewicht anzustreben, indem man sich weniger auf gegenseitige offensive Bedrohungen und
mehr auf defensive Systeme verläßt,
die niemanden bedrohen.
Und schließlich ist es an der
Zeit, das Thema Auswanderung zu lösen
- und zwar endgültig.
Es ist Zeit
für eine entschieden liberalisierte
Auswanderungspolitik
und
größere
Freiheiten
für
diejenigen
Juden,
Christen und Völker anderen Glaubens,
die in der Sowjetunion bleiben möchten. Wenn dies geschieht, werden wir
darauf antworten.
Wenn
ich
die
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen mit einem Wort
umreißen müßte, so würde ich sagen,
sie kommen voran. Dies ist weder ein
Grund für große Begeisterung, noch
für große Besorgnis. Und vielleicht
sollte man die Beziehungen mit seinen
Gegnern auf diese Weise charakterisieren.
Wir haben Hoffnungen, und
wir sind entschlossen, und wir kommen
voran. Um diesen Prozeß in Gang zu
halten, habe ich Außenminister George
Shultz beauftragt, nach Moskau zu
reisen und ein breites Spektrum von
Themen zu besprechen, die unsere bei-

- 5 -

�den Länder betreffen.
Wenn ich mir die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen der vergangenen sechs Jahre betrachte, sollten
Sie wissen, daß ich dabei an die Antwort erinnert werde, die Harry Truman
gab, als jemand zu ihm sagte: "Mach
ihnen die Hölle heiß, Harry" und er
erwiderte:
"Ich habe niemals absichtlich
irgendjemandem
die Hölle
heiß gemacht. Ich sage ihnen nur die
Wahrheit...und sie denken, das ist
die Hölle".
Als die Vereinigten Staaten ihre
Bündnisse
und
militärische
Stärke
wiederaufbauten und den Sowjets gegenüber eine feste Haltung einnahmen,
erachteten einige dies als provokativ. Als die Vereinigten Staaten umfassende Vorschläge zum Abbau von
Waffen machten, sagten andere, unsere
Weigerung, sie sofort aufzugeben zeige Kompromißlosigkeit. Als die Vereinigten Staaten sich für die Freiheit aussprachen und an das Gewissen
der Menschheit angesichts totalitärer
Aggression oder Menschenrechtsverletzungen appellierten, kritisierten einige diese Beteuerungen als Gefährdung der heiklen Verhandlungen. Als
wir unsere Haltung zu SDI klarmachten
und in Reykjavik an ihr festhielten,
gab es wieder andere, die das Ende
der Abrüstungsbemühungen befürchteten.
Ich denke, was uns die letzten
sechs Jahre gelehrt haben - und daran
müssen wir uns jetzt erinnern, denke
ich - ist, daß die Schaffung eines an
Spannungen ärmeren Umfelds Realismus
und die Bereitschaft erfordert, im
Angesicht von Bedrohungen, Protesten
und sorgenvollen Vorhersagen für unsere Werte und Verpflichtungen einzutreten.
Wir müssen uns auch daran
erinnern, daß die Stimmen der Panikmacher oder der Beschwichtiger das
sorgsame Streben nach Frieden stören,

wenn sie in ihrer Hast, ein Abkommen
zu unterzeichnen oder einen Vertrag
in die Wege zu leiten, Gerechtigkeit
und weltweite Freiheit als Ziele der
amerikanischen Außenpolitik aus den
Augen verlieren.
Ich bin daher davon überzeugt,
daß der von uns in Verhandlungen erzielte Fortschritt darauf zurückgeführt werden kann, daß wir in unseren
öffentlichen
Erklärungen
aufrichtig
waren. Bei meinem Amtsantritt und im
weiteren
Verlauf
der
vergangenen
sechs Jahre habe ich meine Meinung
über die sowjetische Ideologie und
deren Absichten stets freimütig zum
Ausdruck gebracht.
Ich wollte nicht
unnötig
antagonistisch
sein,
ich
wollte mich nur zu einer der schwerwiegendsten Lektionen der Geschichte
bekennen: daß das erste Ziel aggressiver Mächte darin liegt, den Willen
der möglichen Gegner zu brechen - und
so die freien Nationen zu dem Gedanken zu verleiten, daß öffentliche Äußerungen der Wahrheit oder moralische
Proteste gegen Aggressionen in sich
selbst Akte kriegerischer Handlungen
sind.
Und die Geschichte lehrt, daß,
wenn - im Namen des Friedens - freie
Nationen solche subtilen Einschüchterungen
stillschweigend
hinnehmen,
dies den Zusammenbruch ihrer eigenen
Selbstachtung und Freiheit unmittelbar nach sich zieht. Die Geschichte
zeigt immer wieder, daß Konflikte aus
den
Fehleinschätzungen
aggressiver
Mächte entstehen, die den Willen demokratischer Nationen zum Widerstand
falsch einschätzen.
Freimut und Realismus gegenüber
den Sowjets haben dem Friedensprozeß
geholfen -i denn sie sind nicht nur
die unerläßliche Bestätigung unserer
eigenen moralischen Stärke, sondern
auch ein Signal an unsere Sowjet-

�ischen Gegenspieler, daß man jeglicher Versuchung der Ausbeutung westlicher
Illusionen widerstehen muß,
weil solche Illusionen nicht länger
existieren.
Heine Damen und Herren, ich habe
von der Zukunft oft als dem frischen
und stärker werdenden Wind der Zukunft gesprochen. In diesem Bild zu
sprechen bedeutet nicht, ein Volk
oder eine Nation zu bedrohen, sondern
nur, die heiligste Hoffnung und den
ältesten Traum der Menschheit zu erneuern: Fine Welt, in der materielle
Wünsche erfüllt und menschliche Freiheit bewahrt werden und Frieden und
Brüderlichkeit unter den Völkern vorherrschen.
Diese Ziele sollten gefeiert und diese Wahrheiten sollten
ohne Entschuldigungen gegenüber irgendjemandem verfolgt werden.
Abschließend möchte ich Ihnen von
einer kleinen Begebenheit berichten,
die ich gestern den Jugendlichen in
Purdue erzählt habe. Ich erhielt einen Brief, in dem ein Mann sagte, daß
man nach Japan gehen und dort leben
könne und nicht Japaner werden könne.
Daß man in die Türkei gehen und dort
leben könne und nicht Türke werde,
oder
nach
Griechenland
und
nicht
Grieche v/erde, oder nach Frankreich
und nicht Franzose werde.

Teil
men
ist
alle

Aber jeder, gleich von welchem
der Welt, kann nach Amerika komund Amerikaner werden.
und es
vielleicht an der Zeit, daß wir
dies begreifen.

- 7 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
15. April 1987

14
KOMMISSION ZUR UNTERSUCHUNG DER SICHERHEIT
IN MOSKAUER BOTSCHAFT EINGESETZT
- Stellungnahme Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - In einer Stellungnahme vor Journalisten hat Präsident
Reagan am 7. April 1987 seiner Besorgnis "über die Verletzung der Sicherheit
in unserer Moskauer Botschaft" Ausdruck verliehen.
Er kündigte die Einsetzung von Arbeitsgruppen der Regierung an, die innerhalb von 90 Tagen einen Bericht über die Hintergründe der Affäre vorlegen sollen. Gleichzeitig erklärte er, daß die Vereinigten Staaten ihr neues Botschaftsgebäude in Moskau nur dann beziehen werden, wenn sie von seiner Sicherheit überzeugt sind.
Nachstehend drucken wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Ich bin heute hierher gekommen,
um Ihnen mitzuteilen, daß ich über
die Verletzung der Sicherheit in unserer Moskauer Botschaft äußerst besorgt bin. Obwohl uns noch nicht alle Fakten bekannt sind, ist deutlich
erkennbar,
daß
die
Angelegenheit
weitreichende
Konsequenzen
für die
Sicherheit haben wird und daß ein
schnelles Handeln erforderlich ist,
um weiteren Schaden für unsere nationale Sicherheit abzuwenden.

Lage

Als vor zwei Wochen der Ernst der
klar wurde, habe ich eine Sit-

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zung meiner nationalen Sicherheitsberater einberufen und Frank Carlucci
aufgefordert, unverzüglich mit einer
internen Bewertung des Schadens zu
beginnen. Und heute möchte ich einige zusätzliche Maßnahmen ankündigen.
Die Vereinigten
Staaten werden
ihr neues Botschaftsgebäude in Moskau
nur beziehen, wenn ich mich vergewissert habe, daß wir gefahrlos in ein
abgesichertes Botschaftsgebäude einziehen können.
Ebenso wird es der
Sowjetunion solange nicht gestattet
sein, ihre neuen Einrichtungen in

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�Washington zu beziehen, bis ein Umzug
beider Länder zur gleichen Zeit möglich ist.

wiederum
umfassende Emfehlungen zu
Spionageabwehr und Sicherheitsmaßnahmen, Vorgehensweisen und Verantwortlichkeiten vorlegen soll.

Ich habe den Außenminister angewiesen, die Sicherheit von Botschaften zum einem Haupttagesordnungspunkt
seiner
bevorstehenden Gespräche in
Moskau zu machen, und ich habe den
ehemaligen Verteidigungsminister Mel
Laird gebeten, den Vorsitz über eine
Arbeitsgruppe zu übernehmen, die im
Verantwortungsbereich
des
Außenministers steht und zur Überprüfung und
Bewertung der Lage dienen soll. Außerdem habe ich die Vorsitzende meines Beirates für die Auswertung von
Auslandsnachrichten
(PFIAB),
Botschafterin Anne Armstrong, damit beauftragt, die Abläufe und Maßnahmen
zu überprüfen, die weltweit in unseren Botschaften angewandt werden, um
amerikanische Einrichtungen zu schützen. Ich habe darum gebeten, daß mir
diese beiden Berichte vom Außenminister und vom PFIAB innerhalb von 90
Tagen übergeben werden.
Insbesondere sind sowohl der Außenminister wie auch der PFIAB damit
beauftragt worden, den derzeitigen
Zustand unseres neuen Gebäudes zu beurteilen und gleichzeitig festzustellen, ob das Gebäude jemals wieder sicher sein wird, oder ob ein vollständiger Abriß und Wiederaufbau nötig
ist.
Schließlich habe ich den Außenminister und den Verteidigungsminister
beauftragt, mir Empfehlungen auszuarbeiten, wie man in Zukunft das Sicherheitspersonal an der amerikanischen Botschaft in der Sowjetunion
und in anderen Ländern im Hinblick
auf die Dauer der Dienstzeiten, die
Auswahl der Mitarbeiter und deren Beaufsichtigung handhaben soll.
Diese
Berichte werden mit dem Nationalen
Sicherheitsrat
abgestimmt, der mir
- 2 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
r

1*

^

ckS

Dokumentation
15. April 1987

14
GLASNOST UND DER KONSENS IM WESTEN

- Ansprache des amerikanischen Botschafters in Berlin BERLIN - (AD) - In seiner Ansprache anläßlich der 14. Deutsch-Amerikanischen Konferenz der Atlantik Brücke in Berlin hat Botschafter Richard R. Burt
am 11. April 1987 erklärt, der Westen müsse sich sowjetischen Bestrebungen widersetzen, ein von Atomwaffen freies Europa zu schaffen. "Insbesondere müssen
wir Einigung darüber erzielen, daß es eine Grenze gibt, jenseits derer das
Bündnis der Erweiterung der Null-Lösung in der nuklearen Rüstungskontrolle ein
klares 'Nein' entgegenstellen wird." Es müßten "deutliche Verbindungen zwischen den konventionellen und nuklearen Verhandlungen in Europa" hergestellt
werden und weitere Reduzierungen bei den Atomwaffen könnten "nur im Kontext
neuer Fortschritte in Richtung auf ein Gleichgewicht bei den konventionellen
Streitkräften erfolgen".
Die Ansprache von Botschafter Burt hat folgenden Wortlaut:
Ein gutes Mittagessen bietet jedem Redner
eine Herausforderung
insbesondere die, jedermann wachzuhalten. Es ist ebenso eine Gelegenheit, Dinge zu äußern, die ohne eine
Grundlage von gutem Essen und gutem
Wein etwas schwer verdaulich wären.
Meiner Ansicht nach gibt es einige
wichtige Dinge, die gerade jetzt zu
den deutsch-amerikanischen und europäisch-amerikanischen Beziehungen gesagt werden sollten, und ich möchte
Richard Perle versichern, daß ich dabei nicht um den heißen Brei herumreden werde.

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Embassy of the United States of America

Ich
könnte
meine
Ausführungen
kaum an eine geeignetere Zuhörerschaft richten. Sie nehmen als Hüter
der deutsch-amerikanischen Beziehungen an dieser 14. Jahreskonferenz der
Atlantik Brücke teil. Sie sind diejenigen, die in oder außerhalb der
Regierung entscheidenden Einfluß darauf ausüben, was zwischen unseren
beiden Ländern vorgeht.

Ein neues Zeitalter für die OstWest-Beziehungen

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Telex: 8-85432

�Wir treten in einen neuen Zeitabschnitt der Ost-West-Beziehungen ein,
mit dem sich eine Reihe wichtiger
Herausforderungen und Chancen eröffnen.
Herrn Gorbatschows "Glasnost"Politik weist auf die Möglichkeit
wichtiger Entwicklungen innerhalb der
sowjetischen
Gesellschaft
hin.
Gleichzeitig haben die Sowjets positiv auf eine seit langem bestehende
Rüstungskontrollinitiative
des
Westens reagiert.
Es besteht jedoch kein Grund zu
der Annahme, daß Gorbatschow versucht, die Sowjetunion in eine Demokratie nach" westlichem Muster umzuwandeln. Es gibt keinen Beweis für
einen Wandel in der geopolitischen
Strategie der Sowjets, keinen Abbau
der
sowjetischen Unterstützung
für
die Diktaturen in Kuba, Nicaragua und
Vietnam, keine Lockerung der Besetzung Afghanistans, keine Auflösung
des osteuropäischen Reiches. Gorbatschow schafft seinem Volk neue Anreize und etwas mehr Preiraum, um die
sowjetische Gesellschaft gefestigter,
effizienter und produktiver zu machen
- so daß die Sowjetunion wirkungsvoller mit dem Westen konkurrieren kann.

die der Westen nutzen kann, wenn wir
uns in den kommenden Monaten über unsere Ziele und Taktiken einigen und
einen
Konsens darüber
herbeiführen
können, wie diese durchzuführen sind.
Meiner Ansicht nach werden wir jedoch
neue Möglichkeiten zur Schaffung einer
sichereren
und
kooperativeren
Grundlage für die Ost-West-Reziehungen
verschenken,
wenn
wir
nicht
schädliche Differenzen bei der Sicherheitsund
Wirtschaftspolitik
ausräumen, die die Zusammenarbeit im
Westen untergraben.
Heute möchte ich über drei Bereiche sprechen, in denen der westliche
und besonders der deutsch-amerikanische Konsens unerläßlich ist, wenn
wir uns die sich durch das neue Zeitalter der Ost-West-Beziehungen bietende Gelegenheit zunutze machen wollen. In solch einem vielversprechenden Moment
können wir
uns
keine
Kirchturmpolitik,
keinen
Provinzialismus
und
keinen
Protektionismus
leisten, wie sie auf beiden Seiten
des Atlantiks zunehmend in Mode kommen.

Wenn "Glasnost" bedeutet, daß der
Wettbewerb zwischen Ost und West auf
eine zivilisiertere Art und Weise
durchgeführt wird als in der Vergangenheit, sollten wir Gorbatschows Bemühungen begrüßen. Aber wie zivilisiert der Wettbewerb auch betrieben
werden mag, es wird dabei dennoch um
Grundsätzliches gehen.
Veränderungen in der Sowjetunion
zwingen westlichen Regierungen eine
Reihe neuer
Dilemmas und Probleme
auf, zu denen Entscheidungen getroffen werden müssen. Die gegenwärtigen
Veränderungen
in
der
Sowjetunion
scheinen eine Gelegenheit zu bieten,
- 2 -

- Erstens müssen wir uns dem Drängen
für
ein
atomwaffenfreies
Westeuropa
widersetzen
und uns
Rüstungskontrollabkommen
entgegenstellen, deren Ergebnis es wäre, Europa de facto in eine atomwaffenfreie Zone umzuwandeln.
- Zweitens müssen wir
uns gegen
mangelhaft durchdachte Vorschläge
für einen erheblichen Abbau amerikanischer Kampftruppen auf europäischem
Boden
wenden
und
gleichzeitig
romantische
Ideen
zurückweisen,
westeuropäische
Streitkräfte rein defensiv umzurüsten.
- Drittens müssen wir auch dem zunehmenden Druck für einen wirt-

�schaftlichen Protektionismus entgegentreten, der verheerende Auswirkungen auf den Welthandel hätte
und
ernstliche
politische
Spannungen hervorbringen würde.

Jenseits der Null-Lösung; Ein
sicherheitspolitisches Konzept für
Europa

Ich persönlich glaube und habe
auch schon an anderer Stelle darauf
hingewiesen, daß die Abschaffung aller
SS-20,
Pershing-Raketen
und
Marschflugkörper in Europa sowie die
Reduzierung der SS-20 in Asien westlichen Interessen entgegenkommen würde:

Lassen Sie mich zunächst auf das
Problem
der
Atomwaffen
eingehen.
Zwei Generationen von Amerikanern und
Europäern haben ein System der Sicherheit
errichtet und verbessert,
das Westeuropa seit vierzig Jahren
Stabilität und Freiheit geboten hat.
Es hat viele Umwälzungen gegeben,
aber die Grundlage dieses Systems ist
immer noch das anhaltende Engagement
der amerikanischen atomaren und konventionellen Macht in Europa.
Diese Grundlage könnte durch eine
kluge sowjetische Rüstungskontrollpolitik sowie durch mangelnde Einheitlichkeit im strategischen Denken des
Westens untergraben werden.
Wie jede Rüstungskontrollverhandlung und wie auch jeder Handel mit
einem Gegner waren die Verhandlungen
über Mittelstreckenwaffen umstritten
und sind dies umso mehr, je näher sie
ihrem Abschluß entgegen gehen.
Als Präsident Reagan im November
1981
die
"Null-Lösung"
vorschlug,
wurde dies von manchen als kluger Eröffnungszug zu komplexen Verhandlungen bejubelt und von anderen als Behinderung des Fortschritts verdammt.
Nur dadurch, daß die Sowjets dieses
Konzept als Grundlage für ein Abkommen akzeptiert haben, hat die NullLösung als Basis einer neuen strategischen Realität in der Öffentlichkeit zu Diskussionen Anlaß gegeben.

- 3 -

- Solch ein Abkommen wird, wenn
auch in geringem Maße, die Gefahr
eines Atomkrieges abbauen, Spannungen zwischen Ost und West lindern und die Aussichten auf einen
zukünftigen Rüstungsabbau verbes-'
sern.
- Der mit solch einem Handel einhergehende Austausch ist für den
Westen günstig.
Die NATO würde
572 noch nicht vollständig stationierte Pershings und Marschflugkörper im Austausch für die
Zerstörung von 1224 gegenwärtig
stationierten Gefechtsköpfen auf
SS-20 Raketen aufgeben. Bei einem
fehlenden Abkommen
könnten
die
Sowjets
ihre Stationierung
von SS-20 und deren Nachfolgesystemen verstärkt fortsetzen.
- Eine "Null-Lösung" wird wirkungsvoll die Fähigkeit der Sowjets
beschneiden, Europa mit atomarer
Zerstörung von einem sowjetischen
Sanktuarium aus zu bedrohen. Die
Sowjetunion
wird eine wichtige
militärische Option und ein politisches Instrument verlieren - es
wird ihr das Ziel verweigert werden, für das sie die SS-20 zunächst gebaut und stationiert hat.
- Schließlich wird der Abschluß einer solchen Übereinkunft das Vertrauen der Öffentlichkeit in die
Fähigkeiten
des Bündnisses zur
Handhabung der Ost-West Beziehungen erheblich stärken.
Er wird
die Unterstützung für die atlan-

�tischen Beziehungen erhöhen. Er
wird
diejenigen
rechtfertigen,
die sich, wie Präsident Reagan,
Bundeskanzler Kohl und Premierministerin Thatcher ernsthaft für
die europäisch-amerikanische Zusammenarbeit einsetzen und die in
den schwierigen frühen achtziger
Jahren für das Bündnis einstanden. Er wird den Beweis erbringen, daß wir nur ein Gleichgewicht durch Rüstungskontrolle erlangen können, wenn wir uns auch
- falls erforderlich - dazu bereit finden, ohne Rüstungskontrolle auszukommen. Das alte Paradoxon, daß wir "rüsten müssen,
um abzurüsten" wird sich als berechtigte Politik bestätigen.
Die Null-Lösung beinhaltet jedoch
auch Risiken.
Die NATO gibt damit
sowohl Waffen als auch militärische
Optionen auf - Waffen und Optionen,
bei denen wir bedeutende finanzielle
und erhebliche politische Investitionen vorgenommen haben.
Gleichzeitig
erhöht jedes Rüstungskontrollabkommen
mit seinem Abschluß die Bedeutung
dessen, was keiner Kontrolle unterliegt. Im Falle eines INF-Abkommens
erlangt das bestehende Ungleichgewicht bei den
Kurzstreckensystemen
sowie den konventionellen Streitkräften und chemischen Waffen zunehmende
Bedeutung. Aus diesem Grunde hat der
auf der Null-Lösung basierende Ansatz
für ein INF-Abkommen zu einer Reihe
von Einwänden
seitens aufmerksamer
und besorgter Beobachter Anlaß gegeben.
- Erstens besteht die Befürchtung,
der Abzug amerikanischer Pershing
II und Marschflugkörper aus Europa könnte die Verknüpfung zwischen
amerikanischer
strategischer Abschreckung und der Verteidigung Europas schwächen.

- Zweitens wurde die Sorge geäußert, die Strategie der flexiblen
Reaktion des Bündnisses sei ohne
die durch amerikanische Raketen
gebotene Fähigkeit zur Eskalation
nicht mehr realisierbar.
- Drittens besteht weitverbreitete
Besorgnis darüber - und dies ist
vielleicht der wichtigste Punkt
-, daß die Erlangung einer NullLösung bei Mittelstreckenraketen
längerer Reichweite in Europa unweigerlich zu einer Null-Lösung
bei allen Atomwaffen in Europa
führen könnte.
Durch die atomwaffenfeindliche Haltung zu beiden Seiten des Atlantiks könnten
westliche
Regierungen
so unter
Druck gesetzt werden, daß sie
weitere Abkommen schließen, die
Europa
gänzlich ohne nukleares
Abschreckungspotential
beließen.
Und die Sowjets könnten sehr wohl
bereit sein, ihre Kurzstreckensysteme aufzugeben und sich auf ihre Überlegenheit im konventionellen Bereich zu verlassen, um einen atomwaffenfreien Kontinent zu
beherrschen.
Diese Sorgen sind berechtigt und
ich teile sie. Aber ich glaube, daß
ein Abkommen über eine Null-Lösung
bei den INF-Raketen längerer Reichweite ein Risiko darstellt, das einzugehen sich lohnt. Gleichzeitig ist
es ein Risiko, das sorgfältige Überlegung und vorausschauende Vorbereitung
unsererseits
erfordert.
Wir
könnten uns bald einer neuen strategischen und politischen Situation gegenübersehen, die durch den Abzug
amerikanischer und sowjetischer Raketen längerer Reichweite aus Europa
hervorgerufen würde. Bevor diese Situation eintritt, müssen wir im Bündnis ein gemeinsames Konzept erarbeitet haben, wie wir diesen veränderten
Umständen gerecht werden und was wir

�als nächstes tun sollen.
Bevor wir
uns von der öffentlichen Meinung und
dem Druck seitens der Sowjetunion zur
Schaffung eines atomwaffenfreien Europa hinreißen lassen, müssen wir uns
auf eine alternative Strategie und
die Sicherung öffentlicher Unterstützung für diese sowie auf eine Reihe
alternativer
Zielsetzungen
für die
RüstungskontrollVerhandlungen einigen.
Bei Inangriffnahme dieser Aufgabe
sollten wir uns fragen, warum Gorbatschow die Null-Lösung bei INF überhaupt akzeptiert hat.
Die Antwort
besteht zum Teil darin, daß das Bündnis
angesichts
des
sowjetischen
Drucks und des öffentlichen Protests
Entschlossenheit gezeigt hat, als es
darum ging, die Stationierung von Raketen voranzutreiben.
Die sowjetische Kampagne der Angst, die das
Bündnis von der Stationierung der
INF-Systeme
abbringen
sollte, hat
nicht funktioniert. Aber wir sollten
uns nichts vormachen.
Wie ich bereits angedeutet habe, könnte Gorbatschows Entscheidung auch den bewußten
ersten Schritt
in einer
Strategie
darstellen, der NATO ihre nukleare
Abschreckung zu entziehen und somit
Europa den überlegenen konventionellen Streitkräften der Sowjets als
Geisel zu überlassen.
Das Bündnis
braucht daher nicht nur eine eigene
Strategie für zukünftige Verhandlungen, sondern auch politischen Mut Mut, um der unvermeidlichen Euphorie
zu widerstehen, die mit einem neuerlichen INF-Abkommen einhergehen wird.
Soweit ich das für die Zukunft
beurteilen kann, wird sich die Sicherheit des Westens auf nukleare Abschreckung
verlassen
müssen.
Das
wird bestimmt solange der Fall sein,
wie die Sowjets eine überwältigende
Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften und chemischen Waffen
haben und solange, wie die sowjet-

ische Regierung weiterhin Gewalt und
die Androhung von Gewalt als Instrumente internationaler Politik anwendet.
Wenn der Westen sich weiterhin
auf Abschreckung verlassen muß, muß
Europa - und hier besonders die Bundesrepublik Deutschland - weiterhin
seine Sicherheitspolitik auf die erweiterte
Abschreckung
stützen, das
heißt, auf den nuklearen Schirm der
Vereinigten Staaten.
Meiner Ansicht nach hängt die
Glaubwürdigkeit
der
amerikanischen
nuklearen
Garantie
letztlich
immer
noch von der Stationierung umfangreicher
konventioneller
und strategischer
Streitkräfte der Vereinigten
Staaten in Europa ab.
Insbesondere
kann nur die Stationierung einer bedeutenden Anzahl und Vielfalt amerikanischer Atomwaffen in Europa die
unerläßliche Verbindung zwischen den
konventionellen Fähigkeiten des Bündnisses auf der einen und dem amerikanischen strategischen Abschreckungspotential
auf
der
anderen
Seite
schaffen. Und wenn wir nicht den politischen Willen besitzen, diese Waffen auf dem Territorium in Stellung
zu bringen, das zu verteidigen sie
bestimmt sind, wie könnte dann irgend
jemand glauben, daß wir entschlossen
sind, sie auch zu benutzen? Wir müssen George Shultz' Konzeption von einer "weniger nuklearen Welt" im Licht
dieser grundlegenden Prinzipien verstehen - sie ist keine Formel für ein
von Atomwaffen freies Europa.
In der Welt nach der Null-Lösung
werden eine erweiterte Abschreckung
und die flexible Reaktion weiterhin
ihre Gültigkeit als strategische Konzeptionen besitzen. Wir können diese
Konzeptionen mit einer geringeren Anzahl von Atomwaffen anwenden als wir
zur Zeit besitzen - dies ist aber nur

- 5 -

�dann möglich, wenn die strategische
Verpflichtung Amerikas in einer anhaltenden nuklearen Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa verankert
bleibt.
Die Haltung des Westens bei den
RüstungskontrollVerhandlungen
muß
auch nach der Erreichung der "NullLösung" in den Verhandlungen über
Mittelstreckenraketen von der Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der
erweiterten
Abschreckung
bestimmt
sein.
Das Bündnis muß umgehend zu
einem Konsens über die Führung dieser
Anschlußverhandlungen kommen und einen
konzeptionellen
Rahmen entwikkeln, der es uns gestatten wird, alle
möglichen
Ergebnisse
auszuwerten.
Insbesondere müssen wir Einigung darüber erzielen, daß es eine Grenze
gibt, jenseits derer das Bündnis der
Erweiterung der Null-Lösung in der
nuklearen Rüstungskontrolle ein klares "Nein" entgegenstellen wird.
Zusätzlich müssen wir die Beziehung zwischen Verhandlungen über nukleare Streitkräfte in Europa und Bemühungen untersuchen, auf dem Verhandlungswege Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte zu erreichen.
Diese Gespräche sollten sich
auf die Streitkräftekategorien
mit
offensiven Fähigkeiten konzentrieren,
besonders auf gepanzerte Kräfte und
Artillerie.
Wir
sollten deutliche
Verbindungen zwischen den konventionellen und nuklearen Verhandlungen in
Europa in Betracht ziehen und klarstellen, daß es einen Punkt gibt, an
dem wir nicht zu weiteren Reduzierungen der nuklearen Kräfte der NATO bereit sind, außer im Kontext neuer
Fortschritte
in
Richtung
auf
ein
Gleichgewicht bei den konventionellen
Streitkräften.

Die Herausforderung der konven-

tionellen Verteidigung
Damit komme ich zu der zweiten
Gruppe von Herausforderungen, denen
wir uns stellen müssen. Das Engagement der amerikanischen Nuklearmacht
ist nur eine Dimension der westlichen
Strategie. Das Engagement amerikanischer
konventioneller
Streitkräfte
ist ebenso unverzichtbar - und mit
der Annäherung an eine weniger nukleare Welt wird es noch wichtiger werden.
Es ist deshalb beunruhigend, das
Entstehen
einer
unheiligen Allianz
zwischen Elementen der europäischen
Linken
und
einigen
amerikanischen
Konservativen zu beobachten, die den
Abbau der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa zum Ziel hat.
Auf
der
amerikanischen
Seite
gründet sich die Argumentation für
einen erheblichen oder totalen Abzug
amerikanischer Truppen aus Europa auf
drei schwerwiegende Trugschlüsse:
Erstens, daß wir dadurch enorme
Finanzmittel einsparen würden. Einige behaupten, die amerikanische Verpflichtung für die NATO koste uns bis
zu 150 Milliarden Dollar jährlich.
Sie meinen, wir könnten dieses Geld
einfach durch den Abzug aus Europa
einsparen - ein leichter und politisch schmerzloser Ausweg aus unseren
Haushalts- und Handelsbilanzdefiziten.
Nun, dies ist wirklich ökonomischer Voodoo-Zauber . Wir würden diese Einsparungen nicht vornehmen können, wenn aus Europa abgezogene Truppen in die Vereinigten Staaten oder
andere Regionen verlegt würden. Ja,
eine Verlegung würde letzten Endes
wahrscheinlich mehr kosten als wir
heute ausgeben.
Die

- 6

Vereinigten

Staaten

werden

�nur dann beträchtliche Einsparungen
erzielen, wenn die aus Europa abgezogenen Truppen demobilisiert werden.
Wenn dies der dahinterstehende Gedanke ist, dann sollten diejenigen, die
ihn unterstützen, offen kundtun, daß
sie einen ungeheuren Schritt einseitiger Abrüstung anstreben.
Der zweite Trugschluß kommt in
der
Behauptung
zum Ausdruck, die
strategische Bedeutung Westeuropas im
Vergleich zu anderen Regionen sei im
Schwinden
begriffen.
Zbigniew
Brzezinski
hat darauf hingewiesen,
daß die amerikanischen Interessen in
Regionen wie dem Persischen Golf,
Südwestasien und Mittelamerika direkt
bedroht sind.
Er argumentiert, daß
eine Truppenverminderung
in Europa
uns besser in die Lage versetzt, auf
Krisen in diesen und anderen Regionen
zu reagieren.
Leider teilen die Sowjets Zbigs
Einschätzung nicht.
Sie betrachten
Europa weiterhin als den entscheidenden strategischen Gewinn.
Die meisten, am besten ausgerüsteten und
ausgebildeten
sowjetischen
Streitkräfte sind gegen Westeuropa aufgestellt.
Diese
Streitkräfte
sind
ständig
stärker
geworden,
nicht
schwächer. In dem Ausmaß, in dem wir
Bedrohungen in anderen Regionen ausgesetzt sind, müssen wir uns diesen
stellen. Aber wenn wir dies nur dadurch versuchen, daß wir Truppen aus
Europa abziehen, machen wir es lediglich wahrscheinlicher, daß Konflikte
andernorts auf Europa überspringen,
wo wir nach einem Truppenabzug ernstlich im Nachteil wären.
Der dritte Trugschluß bezüglich
eines Truppenabzugs ist der schlimmste von allen. Er manifestiert sich
in dem Argument, daß sich die Europäer zusammenreißen und mehr für sich
selbst tun würden, wenn die Amerika-

ner weniger für Europa täten.
In
dieser Idee zeigt sich ein grundsätzliches Mißverständnis der
heutigen
Realitäten in Europa.
Teilweise ist gerade durch die
von der amerikanischen Truppenpräsenz
in Europa gewährte Stabilität die
allmähliche Annäherung Westeuropas an
wirtschaftliche und politische Einheit ermöglicht worden.
Die Befürworter eines amerikanischen Rückzugs
können nicht erklären, wie ihre Politik einen Antrieb für die noch stärkere Einheit bilden könnte, die für
die Entwicklung
eines
integrierten
westeuropäischen VerteidigungsSystems
notwendig ist. Selbst die Franzosen
erklären, daß die amerikanische Militärpräsenz
noch
unersetzlich
ist.
Sie sagen offen, daß sie nicht in der
Lage wären, die amerikanische Sicherheitsgarantie für die Bundesrepublik
Deutschland durch eine eigene zu ersetzen .
Natürlich
leisten die Europäer
schon jetzt eine großen Beitrag zur
Verteidigung der NATO.
Die meisten
unter Ihnen wissen zum Beispiel, daß
in Mitteleuropa über die Hälfte der
NATO-Truppen, 60 Prozent ihrer Kampfpanzer und 30 Prozent ihrer Kampfflugzeuge von den Deutschen gestellt
werden.
Die
Bundesrepublik
zahlt
über ein Viertel des NATO-Infrastrukturprogramms , fast so viel wie die
Vereinigten Staaten. Sie leistet bedeutende Militärhilfe
an Griechenland, die Türkei und Portugal. Ein
erweiterter
Blick auf das Bündnis
zeigt, daß die Europäer 90 Prozent
der Landstreitkräfte, 75 Prozent der
Seestreitkräfte und 50 Prozent der
Luftstreitkräfte der NATO in Westeuropa stellen.
Die "unaufrichtigen"
europäischen Verbündeten stationieren
Hunderte von amerikanischen mobilen
Raketen auf ihrem Boden während wir
Amerikaner noch nicht einmal eine

- 7 -

�einzige landgestützte mobile
in Stellung gebracht haben.

Rakete

Bei
Berücksichtigung
des
proKopf-Beitrags stellen die Amerikaner
mehr Geld, die Europäer mehr menschliches Potential für die gemeinsame
Verteidigung zur Verfügung. In einer
idealen Welt würde man sich vielleicht ein größeres europäisches Verteidigungsbudget und die Wehrpflicht
in Amerika wünschen, aber die heutige
Realität ist das Produkt einer historischen Entwicklung, die nur allmählich überwunden werden kann.
insgesamt gibt es keinen Grund
anzunehmen, daß eine Verminderung der
amerikanischen
Bemühungen hier
die
Europäer stimulieren würde, mehr für
die Verteidigung auszugeben, genausowenig wie man annehmen könnte, daß
Kürzungen in den europäischen Verteidigungshaushalten
die
Vereinigten
Staaten
zur
Wiedereinführung
der
Wehrpflicht veranlassen würden.
Ich
bin davon überzeugt, daß eine Verminderung der amerikanischen Truppenpräsenz genau den gegenteiligen Effekt
hätte.
Amerikanische Truppenverminderungen
würden
gerade
diejenigen
entmutigen, die sich für verstärkte
europäische
Verteidigungsbemühungen
einsetzen. Ein Abzug würde die Linken in Europa stärken, die behaupten,
die Vereinigten Staaten seien ein unzuverlässiger Verbündeter und die einer einseitigen Abrüstung als Mittel
zur Erzielung einer Verständigung mit
der Sowjetunion das Wort reden.
Somit spielen konservative Kritiker des Bündnisses in den Vereinigten
Staaten den linken Gegnern der NATO
in Europa in die Hände. Hier entspringt das Gerede von einer "Europäisierung
Europas" einer Neigung,
die Präsenz und Haltung der amerikanischen
und
sowjetischen
Truppen
gleichzusetzen und diese Präsenz als

Ursache anstatt als Symptom der Teilung Europas anzusehen. Entgegen allen historischen Erfahrungen besteht
Sympathie für die Ansicht, die Sowjets seien in Osteuropa verblieben,
weil die Amerikaner im Westen geblieben seien und daß sie abziehen würden, wenn wir das gleiche täten.
Die Endziele der amerikanischen
Unilateralisten und der europäischen
Linken sind einander entgegengesetzt.
Dies bedeutet aber nicht, daß sie bei
der Erreichung ihres Nahziels erfolglos sein werden - der Schwächung der
amerikanischen Verpflichtung für Europa.
Diejenigen unter uns, die an
die fortdauernde Bedeutung der atlantischen Bindung glauben - und ich
hoffe, daß dazu alle der heute hier
Versammelten gehören - sollten diese
Möglichkeit besser erkennen.
Die von mir angebotenen Rezepte
sind leichter auszusprechen als zu
verwirklichen.
Während wir uns auf
eine weniger nukleare Welt zubewegen,
muß Europa mehr, nicht weniger, für
seine
konventionelle
Verteidigung
tun.
Es muß sicherlich einäugigen
Vorschlägen
widerstehen, durch die
die europäischen Streitkräfte jeglicher Fähigkeit zur Durchführung offensiver Operationen beraubt würden.
In der Zwischenzeit muß der Kongreß
davon überzeugt werden, daß der langsame aber in den vergangenen beiden
Jahrzehnten stetige Aufwärtstrend bei
den
europäischen
Verteidigungsanstrengungen nur dann aufrechtzuerhalten ist, wenn die Vereinigten Staaten
weiterhin ihren Beitrag leisten.
Das Bündnis muß auch zu einem
besseren Verständnis der Sicherheitszusammenarbeit außerhalb Europas gelangen, wodurch die Vereinigten Staaten in die Lage versetzt werden, ihre
hier stationierten Streitkräfte wirkungsvoller für mögliche Einsätze au-

�ßerhalb ihres eigentlichen Stationierungsgebiets zu verwenden. Die Europäer selbst sollten mehr Verantwortung für den Schutz und die Förderung
westlicher Interessen in Gebieten der
Dritten Welt von entscheidender Bedeutung übernehmen. Wenn Europa dies
tut, sollten die Vereinigten Staaten
bereit
sein, engere
Konsultationen
durchzuführen und einseitige Lösungen
zu vermeiden.
Letzten Endes läuft alles auf das
folgende hinaus: zu einer Zeit, in
der wir
unser nukleares Abschrekkungspotential
reduzieren und über
gegenseitige Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte verhandeln,
wäre ein einseitiger Abzug amerikanischer Truppen aus Europa bestenfalls
ein Hasardspiel.
Leider scheint es auf beiden Seiten des Atlantiks zu viele Möchtegernspieler
zu
geben.
Wir
haben
jetzt eine bedeutende Chance, unsere
Zusammenarbeit im Bereich der konventionellen Verteidigung zu festigen.
Es wäre eine Schande, wenn sich die
zu erwartenden politischen Dividenden
eines historischen Rüstungskontrollabkommens im nuklearen Bereich in gegenseitigen Beschuldigungen oder in
der Zurückweisung romantischer Phantasien auflösen würden anstatt dafür
verwendet zu werden, die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Erfordernisse unserer gemeinsamen Verteidigung zu gewinnen.

Die wirtschaftliche Dimension der
westlichen Sicherheit
Ebenso wäre es eine Schande, wenn
wir wirtschaftliche Differenzen ausufern ließen.
Wir neigen dazu, die wirtschaftliche Dimension der Sicherheit außer

acht zu lassen oder zumindest herunterzuspielen.
Nach vier Jahrzehnten
des Wohlstands haben wir vergessen,
daß Wirtschaftspolitik ein integraler
Bestandteil
der
Sicherheitspolitik
ist. In einem neuen Buch mit dem Titel "Economic Security and the Origins of the cold War" weist Robert
Pollard, der gegenwärtig Mitarbeiter
in unserem Münchner
Konsulat ist,
darauf hin, daß "die politisch Verantwortlichen
in
den
Vereinigten
Staaten die Wirtschaftspolitik gegenüber dem Ausland von 1945 bis zum
Vorabend des Korea-Krieges als Hauptinstrument der amerikanischen Sicherheit benutzten" und daß "die wirtschaftliche Zusammenarbeit der wichtigsten
nichtkommunistischen
Mächte
nach dem Zweiten Weltkrieg die Aussichten für eine politische und militärische
Partnerschaft
grundlegend
verbesserte".
Heute, genau wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit gilt, daß die
wirtschaftliche, politische und militärische
Partnerschaft
Teil
eines
Ganzen sind und daß, wie Pollard
feststellt, "wirtschaftliche Spannungen dem Bündnis irreparablen Schaden
zufügen könnten, wenn sie nicht eingedämmt werden".
Lassen Sie mich betonen, daß ich
damit nicht ein "Junktim" von sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen
Themen in manipulativer Weise andeuten möchte.
Es wäre unverantwortlich, den amerikanischen
nuklearen
Schutzschild oder die amerikanischen
Truppen
in Europa als Druckmittel
einzusetzen, um unseren Verbündeten
wirtschaftliche Konzessionen abzugewinnen.
Es steht jedoch eine der herausragendsten Errungenschaften der Nachkriegszeit, die Schaffung eines offenen westlichen
Handelssystems, auf

- 9 -

�dem Spiel. Auf beiden Seiten des Atlantiks können wir ein Wiederaufleben
Protektion istischer
Einstellungen,
wirtschaftlicher Kirchturmpolitik und
wirtschaftlicher Alleingänge beobachten.
Es ist das gewaltige amerikanische Handelsbilanzdefizit, das zur
Zeit
zur
größten
Besorgnis
Anlaß
gibt.
Das amerikanische Handelsbilanzdefizit
würde
natürlich
stark
verringert, wenn wir eine wirtschaftliche Rezession oder einen Sturz des
Dollars erleben würden. Entwicklungen dieser Art, die den Vereinigten
Staaten kurzfristig zu einer etwas
ansehnlicheren Handelsbilanz verhelfen könnten, würden jedoch alle treffen - nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Europäer.
Die
Reagan-Administration
beabsichtigt, ihre Bemühungen zur Reduzierung des Haushalts- und Handelsbilanzdefizits
fortzuführen
und eine
solide Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die auf die Aufrechterhaltung
eines vernünftigen Maßes an nichtinflationärem
Wachstum
ausgerichtet
ist.
Dies wird nur möglich sein,
wenn die freien Industrienationen bei
der weiteren Öffnung der Weltwirtschaft zusammenarbeiten können.
Schnelleres
Wachstum
außerhalb
der Vereinigten Staaten bildet einen
wesentlichen Bestandteil dieser Öffnung. Politische Maßnahmen, die eine
Verlangsamung
des
Wirtschaftswachstums und Unterdrückung der Gesamtnachfrage zur Folge haben, verhindern
Importe beinahe ebenso wirksam wie
Zölle und Quoten. In den vergangenen
Jahren hat Amerika die gesamte Weltwirtschaft mit sich gezogen.
Zwischen 1980 und 1982 belief sich das
Weltwirtschaftswachstum
im
Durchschnitt auf weniger als 1,5 Prozent
und verdoppelte sich in den nächsten

drei Jahren hauptsächlich weil sich
die Importe der Vereinigten Staaten
aufgrund der schnell wachsenden amerikanischen Wirtschaft um nahezu 40
Prozent
erhöhten.
Die Vereinigten
Staaten nahmen vom Zuwachs der Exporte der Entwicklungsländer mehr auf
als die gesamte übrige Welt.
Die Industrieländer profitierten
ebenfalls enorm von der wachsenden
amerikanischen Nachfrage.
Von 1983
bis 1986 wurden die Exporte der Bundesrepublik in die Vereinigten Staaten nahezu verdoppelt.
Da die Inlandsnachfrage in der Bundesrepublik
jedoch sehr viel langsamer anstieg
als in den Vereinigten Staaten, hielten die Importe nicht Schritt. Der
Überschuß
der
Bundesrepublik
beim
Handel mit den Vereinigten Staaten
belief sich auf mehr als 800 Prozent
und im vergangenen Jahr machte dieser
Überschuß mehr als ein Viertel des
gesamten deutschen Handelsüberschusses aus.
In dem Maße, in dem es den Vereinigten Staaten gelingt, ihr Handelsbilanzdefizit zu verringern, sehen sich die Exportländer gezwungen,
einen Ausgleich für die durch das
amerikanische Handelsbilanzdefizit in
der Vergangenheit bedingte Nachfrage
zu schaffen - oder sie sehen sich
ernsthaften
Schwierigkeiten
gegenüber.
Weltwirtschaftswachstum
ist
der einzige Weg, diese Nachfrage zu
wecken. Daher ist die Förderung des
ausgewogenen
und
anhaltenden,
auf
stabile währungs-, Steuer- und strukturpolitische
Maßnahmen
gegründeten
Wachstums durch die jeweiligen Länder
unerläßlich.
Wachsende Märkte haben jedoch nur
für diejenigen einen Wert, die Zugang
zu diesen Märkten haben. Der Marktzugang
ist elementarer
Bestandteil
eines offenen
internationalen Han-

- 10 -

�delssystems
- und
einer
wirksamen
wirtschaftlichen
Partnerschaft
zwischen den westlichen Staaten.
Inzwischen sollten bereits jedem
Kind die Folgen des Protektionismus
bekannt sein. Dem freien Handel entgegengestellte
Hemmnisse
- einschließlich künstlicher Exportsubventionen
- führen
zu
einer
unwirtschaftlichen
Nutzung
knapper Wirtschaftsressourcen
und
verlangsamen
damit das Wirtschaftswachstum, hemmen
Innovationen und behindern die Verbreitung neuer Technologien. Protektionismus verringert die Produktivität.
Durch Protektionismus werden
mehr Arbeitsplätze zerstört als neue
geschaffen.
Er führt zu einer Verzerrung der Märkte, Wechselkurse und
Kapitalflüsse.
Eine protektionistische Politik ist selten nützlich für
das Land als Ganzes, sondern nur für
einzelne
Interessengruppen.
Und
selbst "geschützte" Produzenten verlieren
häufig mehr Verkaufsanteile
auf ausländischen Märkten als sie auf
heimischen Märkten gewinnen.

Politischer Druck zur Bewältigung von
Inflation und Arbeitslosigkeit, die
sich wandelnde internationale Wettbewerbsstruktur
und
die
Forderungen
einzelner Interessengruppen drohen zu
einer immer protektionistischeren Politik auf beiden Seiten des Atlantiks
zu führen.
In
den
Vereinigten
Staaten
herrscht die weitverbreitete Ansicht,
daß die anderen Länder amerikanische
Exporte nicht so sehr nach den Regeln
des redlichen Wettbewerbs behandeln,
wie dies mit deren Exporten in die
Vereinigten
Staaten der Fall ist.
Das
hohe
Handelsbilanzdefizit
der
Vereinigten Staaten wird von den Amerikanern als ein Beweis dieses Arguments angesehen.

Um die möglichen Folgen des Protektionismus
in
seiner
extremsten
Form auszumachen, brauchen wir uns
nur die sowjetische Wirtschaft anzusehen.
Parteichef Gorbatschow ringt
wie jeder sowjetische Parteiführer in
den vergangenen 30 Jahren mit einem
Wirtschaftssystem, das - abgeschirmt
von der Konkurrenz von außen - nicht
in der Lage ist, genügend Wohlstand
zu erzeugen, um dem sowjetischen Volk
einen annehmbaren Lebensstandard zu
geben.

Der Präsident hat bis heute dem
Ruf nach mehr Protektionismus mit
großem politischem Mut widerstanden.
Im vergangenen Jahr verhinderte er
neue Bestrebungen nach Schutzzöllen
für die Produkte der Textil-, Druckund der heimischen Schuhindustrie.
Es wird schwieriger werden, diesen
Grundsatz in diesem Jahr beizubehalten. Viele der neuen Kongreßmitglieder haben in ihren Wahlkreisen Unterstützung für von Importen verdrängte
Arbeitnehmer und Industrien versprochen.
Und jetzt, da die Wahlkampfvorbereitungen
für
die
Präsidentschaftswahl im Jahr 1988 getroffen
werden, ergreifen einige Kandidaten
schon Partei für eine protektionistische Gesetzgebung
als ein Mittel,
sich die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern.

Wir in der westlichen Welt legen
Lippenbekenntnisse für die Vorteile
des freien Handels ab. Aber wir alle
scheinen
unsere eigenen nationalen
Entschuldigungen für einmal getroffene Entscheidungen zu haben, die das
offene Welthandelssystem untergraben.

Protektionismus - und, als Spiegelbild
dessen,
Exportsubventionen
und Ausfuhrkredite - sind nicht die
einzigen Ursachen des amerikanischen
Handelsbilanzdefizits.
Wie ich bereits ausgeführt habe, spielt das
schnelle
amerikanische
Wirtschafts-

- 11 -

�kaum weiterbestehen könnten.

Wachstum eine große Rolle.
Und es
trifft ebenfalls zu, daß die mit einem sehr großen heimischen Absatzmarkt gesegneten amerikanischen Firmen
ihre Exportmöglichkeiten
nicht
entsprechend oder schnell genug entwickelt haben. Es ist jedoch unehrlich, wenn Deutsche behaupten, daß
die amerikanische Wirtschaft nicht
wettbewerbsfähig sei und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem sie die Schutzmaßnahmen der Bundesrepublik für Kohle und Stahl, Schiffswerften, Fluglinien und Flugzeugindustrie, Telekommunikations- und
Rüstungsindustrie
und die Bauern vehement verteidigen.
Dem Verkauf amerikanischer Produkte
werden in Europa zunehmend Hemmnisse
in den Weg gelegt und zwar genau in
den Bereichen, in denen sie am wettbewerbsfähigsten sind.
Lassen Sie mich einige Beispiele
hierzu anführen.
- Die gemeinsame Agrarpolitik fördert den subventionierten Wettbewerb mit den amerikanischen Bauern sowohl auf den heimischen europäischen als auch auf den ausländischen Märkten und dies mit
einem
gewaltigen
Kostenaufwand
für den europäischen Steuerzahler.
- Umfangreiche und strikte Zulassungs- und Wettbewerbsregeln verhindern den Verkauf von ausländischem Telekommunikationsgerät und
den damit verbundenen Dienstleistungen in Europa. Regierungseigene
Telekommunikationsmonopole
kaufen
überwiegend
inländische
Produkte.
- Die europäischen Regierungen haben Millarden von D-Mark, Francs
und Pfund in Programme zum Bau
von
zivilen
Transportflugzeugen
investiert, die ohne diese Subventionen
höchstwahrscheinlich

- In weiten Bereichen der Rüstungsindustrie werden mit kostenintensiven europäischen Entwicklungsprogrammen
Fähigkeiten
erneut
entwickelt, die bereits von Anbietern in den Vereinigten Staaten geliefert werden.
Ich bin
ein Befürworter der deutsch-französische Zusammenarbeit auf dem
Gebiet der Sicherheit. Aber ist
es wirklich sinnvoll, wenn diese
beiden Länder Milliarden für die
Entwicklung eines neuen Angriffshubschraubers ausgeben, der nicht
vor Ende des nächsten Jahrzehnts
einsatzbereit sein wird, wenn ein
vergleichbares amerikanisches System bereits jetzt zur Verfügung
steht?
Wenn die Handelspartner der Vereinigten Staaten den Fluß der amerikanischen Handelsgüter genau dort umleiten, wo sie am wettbewerbsfähigsten sind, müssen sie sich nicht wundern, wenn der Ruf lauter wird, dasselbe mit ihren Handelsgütern vorzunehmen, ich bin kein Verfechter dieses Kurses. Ebensowenig ist der Präsident ein Verfechter dieses Kurses.
Es bedarf jedoch nicht viel Phantasie, sich seine Anziehungskraft für
eine Wählerschaft vorzustellen, die
davon überzeugt ist, ungerecht behandelt zu werden.

Auf dem Weg zu einer neuen internationalen Zusammenarbeit
Die Aufrechterhaltung eines lebensfähigen nuklearen Abschreckungspotentials, das anhaltende Engagement
amerikanischer
konventioneller
Streitkräfte in Europa, der Schutz
des offenen Handelssystems - dies alles ist von vorrangiger Bedeutung für
unsere Sicherheit.
Wie ich heute

- 12 -

�schon betont habe, sieht sich jedoch
unsere Fähigkeit, einen Konsens über
eine durchführbare Politik auf diesen
Gebieten zu erzielen, von der wachsenden Neigung zu amerikanischem Alleingang und europäischer Kirchturmpolitik bedroht.
Wie die diesjährige Veröffentlichung der jährlich vom Chicagoer Rat
für Auswärtige Beziehungen durchgeführten Meinungsumfrage über die amerikanische Außenpolitik belegt, ist
sich die Mehrzahl der Amerikaner der
weltweiten Verantwortung ihres Landes
bewußt und versteht die Notwendigkeit
von Konsultationen. Aber die Amerikaner hören nicht immer auf ihre
Freunde. Wir neigen dazu, ungeduldig
und nach schnellen Lösungen bestrebt
und nicht bereit zu sein, die Verzögerungen und Vielschichtigkeiten hinzunehmen, die ein gemeinsames Vorgehen mit sich bringt.
Die Europäer messen den engen Beziehungen, die sie im Bereich des
Handels und der Kultur untereinander
und mit den anderen Ländern der Welt
haben, einen hohen Wert bei.
Sie
ziehen es jedoch vor, ihre Bemühungen
bei der Bewältigung politischer und
sicherheitsrelevanter
Probleme
auf
Europa zu beschränken und unangenehme
Probleme andernorts anderen zu überlassen - gewöhnlich den Vereinigten
Staaten. Diese Tendenzen nähren und
verschärfen sich gegenseitig.
Während Europa versucht, sich von äußeren Bedrohungen zu isolieren, versucht Amerika, sie ohne angemessene
Beratung und Zusammenarbeit mit anderen zu bewältigen.
Der amerikanische Alleingang und
die europäische Kirchturmpolitik werden in den Vorschlägen sichtbar, Europa durch die Abkoppelung vom amerikanischen nuklearen Abschreckungspotential "atomwaffenfrei" zu machen.

Diese Einstellungen liegen auch den
Vorschlägen beider Seiten über einen
Abzug amerikanischer Truppen aus Europa zugrunde. Es ist diese Denkweise, die wir hinter den amerikanischen
Klagen über "europäische Schwächlinge" und die europäische Besorgnis
über die "Rambomanie" ausmachen können. Und natürlich führen sowohl Alleingänge als auch diese Kirchturmpolitik zu einem sehnsüchtigen Verlangen nach wirtschaftlicher Autarkie dünn verschleiert mit dem Argument,
daß protektionistische Lösungen die
unmittelbar anstehenden Wirtschaftsprobleme bewältigen könnten.
Meine Vision der Zukunft - und
auch Ihre, hoffe ich - räumt der
Partnerschaft
zwischen
Europa
und
Amerika einen zentralen Platz ein.
Die Nachkriegszeit ist vorüber. Europa hat sich vollständig von der
Verwüstung
erholt, die der Zweite
Weltkrieg für Menschen und Volkswirtschaften
brachte.
Die europäische
Wirtschaftsmacht hat wieder an Bedeutung in der Welt gewonnen. Die europäischen
Verteidigungsfähigkeiten
entsprechen denen einer Supermacht.
Europäische Entscheidungen haben einschneidende Auswirkungen auf die Menschen überall auf der Welt, nicht nur
die Europäer.
Dies alles bedeutet, daß Amerikaner wie Europäer lernen müssen, ihre
Beziehung neu zu überdenken und über
neue Formen der Zusammenarbeit nachzudenken, mit denen sie den Herausforderungen einer neuen Welt begegnen
können.
Es reicht nicht mehr aus,
daß wir unsere Beziehung "verwalten"
- nur die Äußerlichkeiten zurechtbasteln, während alles Wesentliche unverändert bleibt.
Wenn
es wirklich
eine
"reife
Partnerschaft" zwischen den Vereinigten Staaten und Europa geben soll,

- 13 -

�muß sie auf einen Konsens gegründet
sein - den Konsens darüber, wie die
Sicherheit in einer weniger nuklearen
Welt aufrechterhalten
werden kann,
wie die Abkoppelung
amerikanischer
Stärke von Europa verhindert werden
kann, wie ein offenes internationales
Handelssystem angesichts neuer Technologien und neuer Konkurrenten beibehalten und erweitert werden kann.
Eine sich wandelnde Welt eröffnet
neue Möglichkeiten, aber sie unterzieht unsere Beziehung auch neuen
Prüfungen.
Ob wir diese Prüfungen
erfolgreich bestehen werden, wird in hohem Mäße - von den heute hier
Anwesenden abhängen.
Ich danke Ihnen.

* * * * * *
- 14 -

�AMERIKA DIENST
Wirtschaft

^rION

15. April 1987

14

AMERIKANISCH-JAPANISCHE GESPRÄCHE ÜBER HALBLEITER OHNE ERGEBNIS
- Erklärung des Büros des amerikanischen Handelsbeauftragten WASHINGTON - (AD) - Das Büro des amerikanischen Handelsbeauftragten (USTR)
hat am 10. April 1987 eine Erklärung veröffentlicht, wonach die zweitägigen
Gespräche zwischen Handelsexperten der Vereinigten Staaten und Japans die Vereinigten Staaten nicht dazu bewegen konnten, die Anhebung der Zölle für japanische Halbleiter-Produkte auszusetzen. Die lOOprozentige Anhebung der Zölle
für eine Reihe japanischer Halbleiter-Produkte soll am 17. April 1987 in Kraft
treten, da Japan sich nicht an die Vereinbarung gehalten hat, Halbleiter auf
Drittmärkten nicht unter den Herstellungskosten zu verkaufen. Ein weiterer
Teil der Vereinbarung, der den verbesserten Zugang amerikanischer HalbleiterProdukte zum japanischen Markt vorsah, ist amerikanischen Vertretern zufolge
ebenfalls nicht erfüllt worden.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Die
Vereinigten
Staaten
haben
zweitägige Konsultationen mit Vertretern der japanischen Regierung über
das amerikanisch-japanische Halbleiter-Abkommen beendet.
Diese Gespräche waren von der japanischen Regierung gemäß den Bestimmungen dieses
Abkommens erbeten worden, die schnelle Konsultationen in besonderen Situationen vorsehen.
Im Verlauf dieser Konsultationen brachte die amerikanische Delegation erneut die Überzeugung der Vereinigten Staaten zum
Ausdruck, daß die Vereinbarung nicht
erfüllt worden ist.
Die amerikani-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

sche Delegation
erklärte
außerdem,
daß konkrete Beweise für die Tatsache
benötigt werden, daß Halbleiter auf
Drittmärkten nicht
länger
zu Dumping-Preisen verkauft werden und daß
der japanische Markt für amerikanische Exporte geöffnet wird, bevor die
Delegation Präsident Reagan empfehlen
würde, seine Absicht zur Verhängung
von Sanktionen gegen japanische Exporte
zu ändern.
Unserer
Ansicht
nach haben die Konsultationen keine
Grundlage geliefert, um die Korrektheit der Daten bezüglich des Marktzugangs oder des Dumpings in Drittlän-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�d e m in Frage zu stellen, auf denen
die Entscheidung des Präsidenten vom
27. März 1987 beruhte. Wie von der
Administration
wiederholt
erklärt
wurde, sind die Vereinigten Staaten
davon überzeugt, daß das Abkommen zur
Sicherstellung des fairen Handels mit
Halbleitern notwendig ist. Die Vereinigten Staaten möchten das Abkommen
nicht
kündigen.
Wir
werden
von
jüngst getroffenen Maßnahmen Japans
ermutigt, die eine Änderung der Handelspraktiken
im
Halbleiterbereich
zum Ziel haben und hoffen, daß dies
zur Einhaltung des Abkommens durch
japanische "nternehmen führen wird.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
r/

^7

^

&lt;£

Wissenschaft und Technik
15. April 198 7

14

HAUTKREBSRISIKO WÄCHST
- Vorsorgliche Maßnahmen gegen Ozonabbau dringendes Gebot -

- (AD) - über die Zunahme von Hautkrebs in "nahezu epidemieartigem Ausmaß"
in den Vereinigten Staaten berichtete kürzlich Dr. D. Rigel (Klinikum der Universität New York) einem Unterausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses.
Das Komitee hatte für Anhörungen zum Problem "Gefährdung der Ozonschicht" Vertreter von Regierung und Industrie sowie Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen geladen.

Dr. Darrel Rigel äußerte angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren u.a. die Vermutung, daß
wohl jeder siebente Amerikaner früher
oder später von Hautkrebs befallen
werde.
Zwar gehe es dabei zunächst
noch in begrenztem Umfang um die gefährlichste Form, das "maligne Melanom".
Dieser von den pigmentbildenden Zellen der Haut ausgehende Tumor
kann, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird, Metastasen im ganzen
Körper
herbeiführen.
Die
meisten
Hautkrebsarten seien glücklicherweise
leichter in den Griff zu bekommen und

United States Information Service
Embassy of the United States of America

führten selten zum Tode,
rechtzeitig
erkannt
und
werden.

wenn sie
behandelt

Dr. Rigel zufolge nehmen aber gerade Erkrankungen an malignem Melanom
erschreckend zu - allein in den letzten sieben Jahren um 83 Prozent.
Noch vor fünf Jahren wurde angenommen, daß das Risiko bei 1:250 läge
und vielleicht bis zum Jahr 2000 auf
1:150 ansteigen werde. Dieser letztgenannte Schätzwert mußte inzwischen
jedoch auf 1:90 korrigiert werden.
Für mindestens 75 Prozent der Todes-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�fälle an Hautkrebs sei, so Dr. Rigel,
das maligne Melanom verantwortlich zu
machen, das sich immer rascher ausbreite.
Derzeit
sei
eine
noch
schnellere Häufigkeitszunahme nur für
Lungenkrebs bei Frauen zu erkennen.
Noch vor fünf Jahren wurde Hautkrebs bei Personen unter 40 Jahren
selten diagnostiziert. Heute dagegen
erkrankten, wie Rigel berichtete, immer häufiger Zwanzig- bis Dreißigjährige. Viele Mediziner schrieben dies
u.a. der Tatsache zu, daß ungeachtet
der Warnungen von ärztlicher Seite
immer mehr Menschen, und gerade junge
Leute, ihren Körper mehr als früher
intensiver Sonnenbestrahlung aussetzten.
Solche Warnungen hätten aber
umso mehr Gewicht, als inzwischen so
gut wie erwiesen ist, daß die Ozonschicht in der Lufthülle unseres Planeten durchlässiger für ultraviolette
Strahlung geworden ist.
Bei normaler Dichte wird die für
alles Leben auf der Erde gefährliche
Ultraviolettstrahlung von der Sonne
durch die Ozonschicht zu mehr als 90
Prozent
zurückgehalten.
Die
als
"Ozon" bezeichneten dreiatomigen Sauerstoffmoleküle natürlichen Ursprungs
sind in der Stratosphäre in Höhen
zwischen etwa 12 und 50 km in unterschiedlichen
Konzentrationen
verteilt.
Die Gesamtmenge ist jedoch
gering.
Sie ergäbe, würde man das
Gas sammeln können, nur eine wenige
Millimeter dicke Schicht.
Aufgrund
der
Daten
von
Forschungssatelliten und vom Boden aufgelassenen Meßsonden wurde die Anfang
der siebziger Jahre von zwei amerikanischen Wissenschaftlern aufgestellte
Theorie, daß bestimmte Chemikalien,
vor allem Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FKW), an dieser lebenswichtigen
Schutzhülle in der Erdatmosphäre nagten, zumindest in bezug auf die "Ver-

dünnung" des Ozons bestätigt.
Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten und in Europa befaßten sich eingehend damit, die dabei wirksamen
chemischen und physikalischen Prozesse aufzuklären und zu berechnen. Es
wurden Modelle erarbeitet, denenzufolge jetzt mindestens vier denkbare
Mechanismen
zur Diskussion stehen.
Aber die Materie erweist sich als so
komplex, daß man von schlüssigen Antworten noch weit entfernt ist.
Nach
Ansicht
von
Dr.
Robert
Watson, Chefwissenschaftler der NASA
für das Projekt "Lebensraum Erde"
("Global
Habitability
Project") ,
dürfte keiner der vier angenommenen
Hauptfaktoren allein für den Ozonabbau verantwortlich sein. Sicherlich
spielen anthropogene, also vom Menschen verursachte Einflüsse, eine wesentliche
Rolle, ebenso meteorologische Vorgänge, wahrscheinlich auch
die Sonnenaktivität.
Material
von
Vulkanausbrüchen und in die Lufthülle
einsickerndes Methan aus natürlichen
Quellen komplizieren zusätzlich Berechnungen für chemische Prozesse in
der
Atmosphäre, die
speziell
der
Stickstoff- und
Chlorchemie
gelten.
Man weiß z.B. inzwischen, daß ein
einziges FKW-Molekül, das in die Atmosphäre gelangt, etwa 10 000 Ozonmoleküle zerstören kann.
Neue Fragen werfen jüngste Forschungsergebnisse aus der Antarktis
auf, wo amerikanischen Wissenschaftlergruppen von August bis Oktober
1986 das berüchtigte "Ozonloch" studierten,
(über der Antarktis kommt
es, bisher sehr viel massiver als
über Skandinavien, im Frühjahr zu einer auffallenden Ausdünnung des stratosphärischen Ozons.)
Forscher von
der Universität Wyoming fanden nämlich bei Messungen* bis 30 km Höhe
heraus, daß u.a. zwischen 12 und 20
km der Ozonverlust insgesamt 35 Pro-

�zent betrug. Gleichzeitig waren aber
im Bereich zwischen 14 und 18 km mehr
als 70 Prozent und in einer weiteren
1 bis 5 km dicken Luftschicht sogar
90 Prozent gegenüber den Anfangswerten im August verloren gegangen. Für
die relativ enge "Schichtung" mit
ganz unterschiedlichen Ozonkonzentrationen gibt es noch keine Erklärung.
Interessanterweise
enthält
aber
das Ozonloch über der Antarktis, wie
Dr. Susan Solomon mit Kollegen von
der Bundesbehörde für Meeres- und Atmosphärenforschung
(NOAA) entdeckte,
das 20- bis SOfache der erwarteten
Werte für ein bestimmtes Chlormolekül
(0 Cl 0 ) . Dieses Molekül wird mit
den in der Atmosphäre außerordentlich
langlebigen FKW-Verbindungen in Zusammenhang gebracht.

&gt;

«

Aber nicht nur der Abbau von Ozon
in der Stratosphäre, sondern auch die
Anreicherung von Ozon in der Troposphäre schafft Probleme. Dieses unterste Stockwerk der Lufthülle reicht
von der Erdoberfläche bis etwa 12 km
Höhe
(Mittelwert).
Hier wird die
Ozonbildung unter Mitwirkung von Sonnenenergie in erster Linie durch photochemische Umsetzungen von Abgasen
und andere, durch menschliche Aktivitäten in die Luft eingebrachte Stoffe
ausgelöst bzw. gefördert.
Auch bestimmte natürliche Gase sind an den
Prozessen
beteiligt.
Dieser
eher
"künstliche" Ozon in der Troposphäre
ist Gift im Lebensraum der pflanzenund Tierwelt wie des Menschen. Mittel und Wege, ihn zu vermindern, sind
ebenso wenig bekannt wie eine Möglichkeit, Ozon in der Stratosphäre
anzureichern, um so die Erdoberfläche
besser gegen ultraviolette Sonneneinstrahlung (UV-Strahlung) zu schützen.

auf
auf

Die Auswirkungen von UV-Strahlung
die menschliche Gesundheit und
natürliche Ökosysteme zu Lande

wie im Wasser waren und sind Gegenstand zahlreicher Studien. So konnte
in den Vereinigten Staaten z.B. die
Hautkrebshäufigkeit unter dem Einfluß
von UV-Strahlung als eine Funktion
sowohl der geographischen Breite als
auch der Höhe über dem Meeresspiegel
recht gut dokumentiert werden.
Und
neuerdings scheint manches dafür zu
sprechen, daß Komponenten des UVLichtes auch das menschliche Autoimmunsystem hemmen. Dies erwähnte Botschafter Richard Benedick, der die
Vereinigten Staaten auf der jüngsten
Verhandlungsrunde der Partnerstaaten
des UN-Umweltprogramms in Wien vertrat, gegenüber europäischen Wissenschaftlern und Journalisten auf einer
Fernseh-Pressekonferenz.
Die Wiener Tagung im Februar 1987
brachte die Bemühungen vor allem der
Vereinigten Staaten um das Zustandekommen eines Protokolls zur "Konvention über den Schutz der Ozonschicht"
nun doch ein gutes Stück näher. Dabei geht es um die Einschränkung der
Produktion
und Emission ozonschädlicher Chemikalien, die bis in die
Stratosphäre gelangten. Entsprechende erste Maßnahmen haben die USA und
die skandinavischen Länder mit dem
Verbot von Treibgasen in Sprühflaschen schon vor Jahren getroffen.
Europäische Länder, Japan und die Sowjetunion
weigerten
sich
jedoch,
gleichzuziehen,
solange
nicht
die
wissenschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Ozonabbau
in der
Stratosphäre geklärt sind. Der Verlust beträgt inzwischen, weltweit gesehen, ca. drei Prozent. Somit wäre
Vorsorge auch ohne ausreichende wissenschaftliche Belege angebracht.
Eine weitere Verminderung der gegensätzlichen Meinungen insbesondere
von
Produktion
und Anwendung
von
FluorchlorkohlenwasserStoffen
erhofft
man sich nun von der Wiederaufnahme

�der Gespräche über das Ozonprotokoll
in Wien am 22. April. Diesen Gesprächen soll eine große diplomatische
Konferenz in Montreal vom 14. - 18.
September
folgen.
Botschafter
Benedick zeigte sich außerordentlich
beeindruckt von der Haltung einiger
Entwicklungsländer wie Ägypten, Argentinien, Brasilien oder Kenia, die
das Protokoll - und damit erhebliche
Einschränkungen für FKW-Stoffe in ein
paar Jahren - unterstützen. Denn die
Anwendung von Ersatzstoffen ist auch
eine wirtschaftliche Fragen.

* * * * * *

�</text>
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