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                  <text>«fc°s^

VON

AMERIKA DIENST
4

2 1 . J a n u a r 1987

I N H A L T

DOKUMENTATION

Die vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland:
Moderne Gesellschaftssysteme und ihre Herausforderungen
- Rede von Botschafter Burt vor dem Tönnissteiner Kreis -

HINTERGRUNDMATERIAL

Rüstungskontrollinitiativen der Vereinigten Staaten
- Bericht des Weißen Hauses -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Analyse des "Stoffwechsels" in der Stratosphäre
- Mit Forschungsflugzeug chemischen Prozessen in der Luft auf der
Spur -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

^

21. Januar 1987

DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND:
MODERNE GESELLSCHAFTSSYSTEME UND IHRE HERAUSFORDERUNGEN
- Rede von Botschafter Burt vor dem Tönnissteiner Kreis BONN - (AD) - In einer am 18. Januar 1986 vor dem Tönnissteiner Kreis in
Maria Laach gehaltenen Rede ging der amerikanische Botschafter besonders auf
drei wichtige Herausforderungen der modernen demokratischen Gesellschaften
ein: die Herausforderung des moralischen und geistigen Relativismus für unsere
Grundwerte, die Herausforderung des Provinzialismus für die internationale Zusammenarbeit und die Herausforderung der zunehmenden Verkrustung innerhalb der
modernen Gesellschaft. Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen wies Botschafter Burt den Medien eine besondere Rolle zu.
Die Rede des amerikanischen Botschafters hat folgenden Wortlaut:
Meine Damen und Herren, ich freue
mich, heute morgen bei Ihnen sein zu
dürfen.
Christoph Bertram hat mir
von der wichtigen Arbeit berichtet,
die der Tönissteiner Kreis leistet,
um jüngere Akademiker wie Sie auf ihre Tätigkeit im Umfeld internationaler Beziehungen vorzubereiten - auf
den höchsten Ebenen der Regierung, in
multinationalen
Organisationen, dem
Bankenwesen, im Handel und im Hochschulbereich.
Heute bilden internationale Probleme größere Herausforderungen, sie

sind komplexer und haben eine unmittelbarere Bedeutung für unseren Alltag als jemals zuvor. Die Verantwortung für die Behandlung dieser Probleme wird zunehmend Ihnen und Ihrer
Generation in der gesamten westlichen
Welt
zufallen.
Ihre Verantwortung
wird schwer wiegen.
Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland sind von besonderer
Bedeutung.
Unsere Beziehungen sind
komplexer und intensiver Natur, weil
zwischen unseren Ländern ein reger

- 1-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Austausch besteht. Wir arbeiten eng
zusammen für den Fortschritt in einer
Reihe von Bereichen, die uns beide
gleichermaßen angehen - an der Erhaltung und Verbesserung unserer Verteidigung, der Suche nach echter Rüstungskontrolle, an der Stärkung unseres offenen Handelssystems, am Umweltschutz und an der Förderung des
weltweiten Wirtschaftswachstums.
Es
ist dies die reife Partnerschaft, von
der ich so oft gesprochen habe.
Angesichts der in der nächsten
Woche in der Bundesrepublik anstehenden Wahlen werde ich mich wohl besser
wie ein guter Diplomat verhalten und
nicht allzu sehr auf tagespolitische
Fragen eingehen.
Ich möchte diese
Gelegenheit vielmehr dazu benutzen,
einige der langfristigeren Probleme
zu untersuchen, denen sich unsere Gesellschaftssysteme
stellen
müssen,
wenn
sie
die
heute
anstehenden
schwierigen internationalen Probleme
erfolgreich lösen wollen.
Einige von Ihnen haben vielleicht
den Artikel gelesen, den ich kürzlich
für 'Die Zeit' geschrieben habe und
in dem ich die Meinung vertrat, daß
unsere
Gesellschaftssysteme
keineswegs
identisch
sind.
Es bestehen
zwischen uns bedeutende Unterschiede
an historischer Erfahrung, geographischer Lage, im sozialen, wirtschaftlichen und politischen System
und in der Denkweise.
Und trotzdem sehen wir uns, obschon wir keine Zwillinge sind, als
moderne
Demokratien
vielfach
den
gleichen Problemen und Herausforderungen gegenüber.
Heute möchte ich
eher näher auf unsere Gemeinsamkeiten
als auf unsere Unterschiede eingehen.
Ich glaube, daß es im einzelnen drei
grundlegende Herausforderungen sind,
denen sich unsere beiden Länder und
auch andere moderne Gesellschaftssy-

steme stellen müssen, wenn wir die
Probleme von heute und morgen bewältigen wollen.
Die erste Herausforderung liegt
im moralischen und geistigen Relativismus.
Es scheint in unseren Gesellschaftssystemen zunehmend Verwirrung über Grundwerte zu bestehen.
Wir sind
unsicher darüber, welche
Maßstäbe uns bei unseren Versuchen
leiten sollen, Entwicklungen im Inland zu bewältigen, und zu beurteilen, wie unsere Länder am besten zum
internationalen Frieden und zur internationalen
Stabilität
beitragen
können.
Zweitens stellt sich uns die Herausforderung
des
Provinzialismus.
Unsere Generation hat ein internationales System geerbt, in dem die westlichen Länder bereit sind, Probleme
aus einer gemeinsamen globalen Perspektive
zu betrachten.
Aber
ich
fürchte, daß wir zunehmend in unsere
alte Gewohnheit zurückverfallen, jedes Problem aus dem Blickwinkel eines
eng gefassten nationalen Standpunktes
zu betrachten.
Drittens sehen wir uns der Herausforderung einer zunehmenden Verkrustung unserer jeweiligen Gesellschaft
gegenüber.
Flexibität
und
Kreativität, die notwendig sind, um
mit neuen Problemen fertigzuwerden,
werden
allzu
oft
durch
zunehmend
starre Einrichtungen in den Bereichen
Politik, Wirtschaft und im Bildungswesen erstickt.
Es gibt auf die Frage, wie wir
die Denkweise angehen sollen, die
solche Herausforderungen hervorbringt
keine leichten Antworten.
Sie kehrt
in der Geschichte unseres Jahrhunderts immer wieder. zeitweise schien
es, als ob der Schock des Zweiten
Weltkrieges uns im Westen letztlich

2 -

�gelehrt hätte, daß bestimmte Werte
fundamentaler Art sind, daß eine auf
engem nationalen Eigeninteresse aufgebaute Politik sich selbst ausschaltet und daß Gesellschaften nur blühen
können, wenn sie neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sind.
Aber mit
der auf den Erfolg folgenden Selbstzufriedenheit
und
dem
Schock
der
jüngsten Vergangenheit haben sich die
alten Ansichten wieder
eingeschlichen.
Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um ihnen entgegenzutreten, Maßnahmen, die sich vor allem auf Offenheit gründen. Heute möchte ich Ihnen
in groben Zügen einige mögliche Maßnahmen vorstellen und dabei auch besonders auf die Medien eingehen, denen bei der Sicherung dieser Offenheit eine besondere Verantwortung zukommt.
Lassen Sie mich dennoch zunächst
auf jede dieser grundsätzlichen Herausforderungen im einzelnen eingehen.

Moralischer Relativismus
Zunächst möchte ich über den moralischen und geistigen Relativismus
sprechen. In einer Welt der Veränderungen bringt jeder Tag neue Ideen,
neue Ideologien und neue Werkzeuge,
mit deren Hilfe wir mit den uralten
Problemen
des menschlichen
Daseins
fertigwerden können. Aber der soziale und technologische Wandel führt
auch zu Störungen und stellt unsere
traditionellen Wertmaßstäbe in Frage.
Der scharfsinnige britische Schriftsteller Paul Johnson hat in seinem
Buch "Modern Times" herausgestellt,
daß Philosophen, Psychologen und Politikwissenschaftler
zu Anfang des
20. Jahrhunderts die Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts hinwegfegten, ohne etwas von vergleichbarem
Wert an ihre Stelle zu setzen.
Es
war das von ihnen geschaffene "mo-

ralische Vakuum", das uns
in die
schrecklichen Zeiten zu Anfang und in
der Mitte des 20. Jahrhunderts geführt hat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr
die gesamte westliche Welt eine erneute Bestätigung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Aber der
Erfolg der demokratischen Wiedergeburt Europas brachte Gleichgültigkeit
mit sich und letztendlich eine neue
Verwirrung der Werte.
Diese Verwirrung wurde durch den Aufruhr reflektiert und verstärkt, den alle westlichen Gesellschaften in den späten
sechziger und frühen siebziger Jahren
erfuhren.
Der amerikanische Erziehungsminister William J. Bennett sagte, "wir haben es unseren sozialen
und kulturellen Institutionen gestattet, sich von ihrer ursprünglichen
Bestimmung zu entfernen; wir haben es
versäumt, Klarheit über die von uns
vertretenen Normen und die Grundlagen
für unser Urteil zu schaffen, oder
wenn wir uns selbst eine Meinung gebildet hatten, haben wir das Umfeld
öffentlicher Diskussionen den Kräften
des moralischen und geistigen Relativismus überlassen".
Sowohl in Amerika als auch in
Europa hatte der Druck des schnellen
Wandels einen auflösenden Einfluß auf
zwei für die Ausprägung von Werten
und moralischen Grundsätzen wichtige
Institutionen - die Familie und das
Bildungssystem.
Die dritte hierzu
zählende Institution, die Kirche, hat
Anzeichen
von Unsicherheit
gezeigt
und einzelne
religiöse Führer und
Gruppen
sind
zuweilen
relativistischen Trugschlüssen erlegen.
Sowohl in Amerika als auch in Europa ist man zunehmend besorgt über
das, was viele als Zerfall der Familie ansehen. Heute lassen sich weniger als zehn Prozent aller amerikan-

- 3-

�ischen
Haushalte
der
sogenannten
"traditionellen
Familie" mit einem
verdienenden Ehemann, einer Hausfrau
und Mutter und ein oder zwei Kindern
zuordnen.
Teilweise
spiegelt dies
die zunehmende Emanzipation der Frau
wider, nachteilig aber ist, daß eine
von zwei Ehen mit einer Scheidung endet und die Zahl der Familien mit einem
alleinerziehenden
Elternteil
ständig steigt. In Europa haben wir
niedrige Geburtenraten und nehmen die
zunehmende Tendenz der sozialen Einrichtungen wahr, verstärkt Funktionen
der Familie zu übernehmen.
Diese
Veränderungen gefährden die Fähigkeit
der
Gesellschaft, wichtige
soziale
Werte von einer Generation an die
nächste weiterzugeben. Solche Sorgen
bestehen nicht nur im konservativen
Feld der politischen Landschaft. Die
Grünen und die Anhänger ihrer Politik
sprechen ebenfalls von der "Auflösung
der Gesellschaft".
Der
Zerfall der
traditionellen
Familie erlegt unseren formalen Bildungseinrichtungen eine große zusätzliche Verantwortung auf. Leider sind
auch diese ins Wanken geraten.
in
den Vereinigten Staaten gab es bis
vor kurzem einen stetigen Qualitätsrückgang bei der Bildung an Grundschulen und weiterführenden Schulen,
ein Ergebnis von zu vielen fruchtlosen Bildungsexperimenten und zu wenig
Hinwendung
zu
den
Grundlagen.
William Bennett betonte, was Schulen
bieten sollten: "einen systematischer
Zugang zu unserer westlichen Erfahrungswelt mit ihrem klassischen und
christlich-jüdischen Erbe, den Ereignissen der amerikanischen und europäischen Geschichte, der politischen
Struktur
westlicher
Gesellschaften,
den großen Werken westlicher Kunst
und Literatur, den wichtigsten Leistungen der Naturwissenschaften...".
Er glaubt, daß Schulen dies nur allzu
häufig nicht bieten.

Es mag in Europa, wo die Ausbildung der Grund- und der weiterführenden
Schulen
geringeren
Belastungen
ausgesetzt ist als in den Vereinigten
Staaten, weniger Anlaß für eine Bewegung "Zurück zu den Grundlagen" geben.
Aber ich glaube, daß Europa
sehr wohl Probleme mit der Struktar
des weiter führerenden Bildungssystems
hat.
In der Bundesrepublik und anderswo bedeutet der rapide Anstieg
von Studenten an Universitäten einen
Qualitätsverlust.
Viele
Studenten
und ihre Eltern glauben einfach immer
noch, daß eine Universitätsausbilduig
die Mitgliedschaft in einer gesellschaftlichen und wirtchaftlichen Elite garantiert, und diese Einstellung
ermutigt sicher nicht zu harter Arbeit oder wirlichkeitsnaher Auswahl.
Wie wir kürzlich in Frankreich sahen,
haben Regierungen mit schwerwiegenden
Problemen zu kämpfen, wenn sie versuchen, mit den Problemen fertigzjwerden, wenn sie den Zugang zur Universität kontrollieren, von Studenten
verlangen, sich an den Ausbildungskosten zu beteiligen oder strengere
Leistungsmaßstäbe anlegen wollen. In
der
Bundesrepublik
begünstigt
die
akademische Mode, alle sozialen Einrichten "kritisch" zu untersuchen genau das, was eigentlich
vermieden
werden soll - Verwirrung und moralischen
Relativismus.
Dem "kritischen" Wissenschaftler wird so vermittelt das zu betonen, was an unseren Werten und Institutionen falsch
ist und niemals, was richtig ist.
Wie Paul Johnson überzeugend ausführt, war es die Zunahme von moralischem Relativismus, die den Aufstieg des Faschismus und Bolschewismus mit ihren grandiosen Projekten
der sozialen Reorganisation, die Millionen Leid und Tod brachten, erst
ermöglichte.
Diese Erfahrung können
wir
nicht
selbstgefällig
auf
die

�staubigen Seiten unserer Geschichtsschreibung zurückverweisen. Wie auch
immer unser Engagement für Frieden
und Demokratie aussehen mag, der geistige Relativismus macht es manchmal
unmöglich, sich auf vernünftige Urteilskriterien zu einigen, nach denen
wir unsere Politik im In- und Ausland
gestalten können.
Der französische
Schriftsteller
Jean-Francois
Revel
schreibt:
"Einer
Zivilisation, die
sich wegen ihrer Eigenarten und Taten
schuldig fühlt, wird die Energie und
Überzeugung fehlen, sich selbst zu
verteidigen".
Zahlreiche
Europäer
und einige
Amerikaner glauben, daß es die einzig
wichtige Wahrheit über die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sei,
daß beide eine ungeheure und zahlenmäßig etwa gleich große Militärmacht
beherrschen.
Nachdem sie diesen augenfälligen Punkt bemerkt haben, fühlen sich diese Leute geistig dazu berechtigt, die Tatsache außer Acht zu
lassen, daß militärische Macht eine
der wenigen diesen beiden Gesellschaften
gemeinsamen
Eigenschaften
ist.
Manche Europäer ziehen besonders in diesem Land den bequemen,
aber gefährlichen Schluß, die beste
Politik sei eine "Äquidistanz" zwischen diesen beiden gleichermaßen unmoralischen - oder
amoralischen
Ländern.
Solche Ansichten sind ein
besonders zerstörerisches Produkt der
durch moralischen
Relativismus bedingten fehlenden festen Maßstäbe.
Das grundlegende Hindernis
für
den Frieden in Europa besteht heute
meiner Ansicht nach in der Teilung
Europas.
Diese Teilung hat nicht
stattgefunden, weil zwei gleichmaßen
machthungrige Supermächte Europa in
klassische
Einflußgebiete
aufteilten;
vielmehr
bestehen
Spannungen
und Konflikte weiter fort, weil Europa in freie und unfreie Staaten ge-

teilt ist. Wie das jüngste spanische
Referendum über die Mitgliedschaft in
der NATO zeigt, ist die NATO ein Verteidigungsbündnis für freie Nationen,
mit freiwilliger Mitgliedschaft. Wie
die wiederholten Aufstände
in der
DDR, in Ungarn, der Tschechoslowakei
und Polen zeigen, ist der Warschauer
Pakt eine Einrichtung der gewaltsamen
Knechtschaft der Völker Mittel- und
Osteuropas
im Dienste des sowjetischen Imperialismus.
Sicherheitsvereinbarungen und Rüstungskontrollabkommen
sind
sehr
wichtig.
Aber sie werden nicht in
dem Maße zum Frieden beitragen, wie
Maßnahmen, die darauf abzielen, die
Teilung Europas stufenweise zu überwinden, indem sie in östlichen Gesellschaftssystemen Veränderungen im
Hinblick auf größere Offenheit und
eine erhöhte Beachtung der Menschenrechte herbeiführen.
Der moralische
Relativismus kann uns jedoch blind
machen für die Tatsache, daß die Teilung zwischen Ost und West im wesentlichen in unterschiedlichen menschlichen
und politischen Werten besteht, nicht im geopolitischen Wettbewerb.
Es ist noch einfacher - und dabei
genauso gefährlich - im Hinblick auf
die Dritte Welt dem moralischen und
geistigen Relativismus in die Falle
zu gehen. Wir wissen zum Beispiel,
daß Demokratie für uns am besten ist.
Aber wir denken vielleicht, daß Diktatur für andere gut genug sei, weil
wir daran zweifeln, daß sie für die
Demokratie gerüstet sind, oder weil
wir glauben, daß Demokratie nichts
weiter als eine Schöpfung der westlichen Kultur ist. In Wahrheit glauben Millionen von Asiaten, Afrikanern
und Lateinamerikanern
rund um die
Welt, von Indien bis nach Argentinien, von den Philippinen bis nach
Costa Rica, daß sie das gleiche Recht

- 5-

�auf Freiheit und eine pluralistische
Demokratie haben wie wir.
Wenn wir unsere Maßstäbe auf die
Dritte Welt anwenden, tun wir dies
oft auf erstaunlich widersprüchliche
Art und Weise. Ein großer Teil der
westlichen
Intellektuellen
fordert,
daß gegen Südafrika wegen der dort
herrschenden offensichtlichen Verletzungen
der Menschenrechte
härteste
Maßnahmen ergriffen werden sollten.
Aber in anderen Fällen - Uganda in
den siebziger Jahren unter Amin liefert ein hervorstechendes Beispiel ist es für den Westen leicht, über
Massenmord und eine krasse Verletzung
der Menschenrechte hinwegzusehen.
Diese doppelte Moral, die mangelnde Bereitschaft oder Unfähigkeit,
moralische Unterscheidungen zu treffen, führt zu groben außenpolitischen
Fehlern, die auf Vorurteile und Eigeninteresse zurückzuführen sind. So
weigern sich viele, zu unterscheiden
zwischen den amerikanischen Bemühungen zur Wiederherstellung der Demokratie in Grenada und dem kontinuierlichen Drang der Sowjetunion, den
Wunsch des afghanischen Volkes nach
Unabhängigkeit und nationaler Selbstbestimmung zu unterdrücken. Dieselben Menschen, die die Regierung Chiles verurteilen, gewähren dem gleichermaßen
gewalttätigen
und unterdrückerischen Regime in Nicaragua ihre Unterstützung.
Werte und Normen sind ein unerläßlicher Bestandteil der Außenpolitik.
Wir müssen wissen, wofür wir
stehen, was wir verteidigen und was
unsere Zielsetzungen sind.
Die Erlangung von Frieden und Stabilität in
Europa fordert zunächst einmal die
Beachtung
von
Menschenrechten
und
Werten. Die Förderung der Menschenrechte und des politischen Wandels im
Osten ist für den Helsinki-Prozeß le-

benswichtig.
Wir
dürfen
die
Rüstungskontrolle nicht außer acht lassen, aber es kann keine wirkungsvolle
Rüstungskontrollpolitik
geben,
die
nicht Teil einer weiter gefaßten politische Strategie ist, mit der die
Menschenrechte gefördert werden.

Provinzialismus
Die zweite Herausforderung, der
wir uns gegenübersehen, ist ein wiederauflebender Provinzialismus.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
brach im Westen der pragmatische Internationalismus in großem Stil aus.
Eine begabte Generation von Amerikanern und Europäern erkannte, daß eine
auf bloßem nationalem Eigeninteresse
begründete Politik nicht länger wirkungsvoll war und man sich eine solche nicht leisten könne. Wir hatten
gelernt, daß wir die Interessen aller
westlichen Länder berücksichtigen und
unterstützen mußten - ebenso wie die
der Dritten Welt.
Daher haben wir gemeinsame Sicherheitsvereinbarungen und Bündnisse
entwickelt, um uns alle zu schützen.
Wir
haben die
selbstzerstörerische
protektionistische Handelspolitik der
zwanziger und dreißiger Jahre in neue
Zusammenschlüsse wie GATT und die Europäische
Gemeinschaft
umgewandelt,
mit deren Hilfe ein offenes internationales
Handelssystem
geschaffen
werden soll.
Wir haben vergleichsweise neutrale internationale Hilfsprogramme zum Wiederaufbau und später
zur Wirtschaftshilfe ins Leben gerufen.
Wir haben neue Austauschprogramme entwickelt, um Wissenschaftler, Studenten etc zusammenzuführen,
die das Grundwissen und Verständnis
für eine offenere Welt vermitteln
konnten.
Aber

in den letzten Jahren konn-

�ten wir weniger Bereitschaft zur Zusammenarbeit
an gemeinsamen
Zielen
erkennen.
Dieser neue Provinzialismus ist sowohl auf unsere Erfolge wie
auch auf unsere Niderlagen zurückzuführen. Für Amerikaner und Europäer
waren die
fünfziger
und sechziger
Jahre eine Zeit, in der wir wußten,
daß wir bei der Lösung großer Probleme zusammenarbeiten mußten - aber wir
waren optimistisch, daß wir uns dadurch
grundlegende
Sicherheit
und
dauerhaften Wohlstand sichern konnten.
Wir hatten mehr Erfolg als erwartet. Aber mit zunehmendem Wohlstand
und - wie wir dachten - zunehmender
Sicherheit, mit der heranwachsenden
Generation, die keine persönliche Erinnerung mehr mit den Kriegsjahren
verband, empfanden wir das internationale System zunehmend als selbstverständlich. Wir haben es versäumt,
zu sehen, daß es sich an die neuen
Erfordernisse eines neuen Zeitalters
anpassen mußte.
Dann gab es die
wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen der sechziger und siebziger Jahre. Diese ließen unsere alten Ängste und Unsicherheiten wieder
aufleben und haben manchen vom Fehlschlag
der
internationalen
Politik
überzeugt.
Die alte Mentalität des
"jeder für sich" kam wieder auf und
brachte die Gefahr eines neuen Zeitalters des nationalen Egoismus mit
sich.
Unterschiedliche Einstellungen in
Europa und Amerika haben ebenfalls
zum neuen Provinzialismus beigetragen.
Wir haben das 20. Jahrhundert
auf sehr
unterschiedliche Art und
Weise erlebt.
Obwohl Europa heute
freier und wohlhabender ist als jemals
zuvor,
so
haben
doch
die
schrecklichen
Erfahrungen
dieses
Jahrhunderts viele Bürger pessimistisch, mißtrauisch und skeptisch werden lassen, was ihre Fähigkeit zur

Gestaltung der Zukunft betrifft. Europäer tendieren daher zu einer Politik, die europäische Interessen von
den
Auswirkungen
der
Ereignisse
trennt, bei deren Beeinflussung sie
sich machtlos fühlen.
Das 20. Jahrhundert war freundlicher zu den Amerikanern, die teilweise durch ihre geographische Lage
von den über Europa hinwegfegenden
Stürmen geschützt waren.
Für die
Vereinigten Staatn war dies hauptsächlich ein Jahrhundert der Errungenschaften und Siege. Unser manchmal
angeschlagenes
Selbstbewußtsein
ist immer noch stark.
Daher ist es
ein amerikanischer Drang, sich überall auf der Welt aktiv mit internationalen Problemen zu beschäftigen.
Genau diese Verschiedenheit hat
zu der emotional geführten Diskussion
über den Angriff auf Libyen geführt,
um ein Beispiel aus jüngster Zeit zu
verwenden.
Die in Europa vorherrschende Tendenz bestand darin, sich
von libyschem Terrorismus zu isolieren während Amerika die libysche Kampagne des Terrorismus überall auf der
Welt zu verhindern suchte.
In diesem, wie auch in anderen Fällen hat
der europäische Provinzialismus den
amerikanischen
Unilateralismus
geschürt, und umgekehrt.
Der
neue
Provinzialismus
kann
sich immer des geistigen Relativismus
bedienen, um zu "beweisen", daß es
richtig ist, das zu tun, was durch
das
Eigeninteresse
diktiert
wird.
Wir sehen dies besonders deutlich,
wenn wir an die wachsende Neigung zum
wirtschaftlichen Protektionismus denken. Amerikaner, Europäer und Japaner stimmen darin überein, daß der
freie Handel
uns wohlhabender
und
stärker macht.
Wir scheinen jedoch
alle unsere eigenen nationalen Entschuldigungen bei der Hand zu haben,

- 7-

�um Entscheidungen zu treffen, die zusammengenommen
das offene Welthandelssystem untergraben könnten.
Europa
kritisiert
amerikanische
Maßnahmen, die darauf abzielen, unsere Werkzeugmaschinenindustrie zu erhalten,
nennt
sie
"protektionistisch", während es gleichzeitig energisch den europäischen Schutz für die
Montanindustrie, Werften, Stahlwerke,
Rüstungsindustrie,
Fluglinien,
den
Airbus sowie die verwirrenden und
übertriebenen Bestimmungen, die den
freien Handel mit Telekommunikationsausrüstungen unmöglich machen, verteidigt. Die gemeinsame Agrarpolitik
der Europäischen Gemeinschaft ist für
das offene Handelssystem des Westens
sogar noch bedrohlicher. Von den Europäern als notwendig gerechtfertigt,
um die Zerrüttung ihrer Gesellschaften zu verhindern, verzerrt die gemeinsame Agrarpolitik den Weltmarkt
und schädigt insbesondere die amerikanischen Landwirte.
Aus denselben
Gründen
werden
die
amerikanischen
Subventionen für die Landwirtschaft
von den Amerikanern
gerechtfertigt
und von den Europäern verurteilt.
Die Japaner bezeichnen es wiederum als unfair, wenn die Vereinigten
Staaten
die
Automobilimporte
oder
Frankreich die Importe von Videorecordern
beschränken
während
sie
selbst es als ganz richtig empfinden,
die meisten im Ausland hergestellten
industriellen
und
landwirtschaftlichen Produkte durch komplexe und
undurchsichtige
nichttarifäre
Handelsschranken von ihren Märkten auszuschließen,
obwohl Amerikaner berechtigterweise
stolz darauf sind,
daß ihre Wirtschaft Importen gegenüber offener ist als jede andere,
sind sie trotzdem allzu bereit, dem
Sirenengesang des Protektionismus Beachtung zu schenken. In letzter Zeit
ist es Präsident Reagan zum Beispiel

nur unter großen Anstrengungen gelungen, Vorschläge zum Schutz der amerikanischen Schuh- und Textilhersteller
abzuwenden.
Wir sind im Begriff, in einen
Teufelskreis einzutreten, der, wenn
er nicht durchbrochen wird, unsere
Budgets sprengen, die Europäische Gemeinschaft in den Bankrott treiben
und einen neuen Handelskrieg entfachen wird.
Und wir sind in diesem Spiel ja
nicht die einzigen Teilnehmer.
Die
meisten Europäer, vielleicht besonders die Deutschen, stimmen uns zu,
daß Europa und die Vereinigten Stciaten eine moralische Verpflichtung zur
Förderung politischer und wirtschaftlicher Entwicklung unter den ärmeren
Nationen der Dritten Welt haben. Es
ist aber der Handel, viel mehr noch
als Entwicklungshilfe, der der Dritten Welt hilft, und nur zu oft schadet unser Protektionismus am meisten
den Entwicklungsländern.
Den Provinzialismus zu vermeiden,
bedeutet nicht, daß wir die Welt immer aus demselben Blickwinkel betrachten müssen.
wir haben unterschiedliche geschichtliche Traditionen, wir leben in verschiedenen Teilen der Welt. Wir müssen unseren jeweiligen regional bestimmten Anliegen
sensibel gegenüberstehen und den Provinzialismus überwinden, um sie in
Betracht zu ziehen.
Es ist zum Beispiel wichtig J'ür
die Europäer, zu erkennen, daß Entwicklungen in der Karibik und in M:.ttelamerika für die Vereinigten Staaten
von
lebenswichtigem
Interesse
sind - so wie die Amerikaner verstehen müssen, wie wichtig die innerdeutschen Beziehungen für die Deutschen sind. Niemand unter uns sollte
zulassen, daß diese regionalen Anlie-

8-

�gen unsere Aufmerksamkeit so sehr in
Anspruch nehmen, daß darüber Fragen
von größerer Bedeutung ausgeschlossen
oder unsere politischen Haltungen gegenüber der restlichen Welt verzerrt
dargestellt werden. Aber wir benötigen und verdienen unsere gegenseitige
Hilfe bei der Behandlung dieser Fragen.

Gesellschaftliche Verkrustung
Die dritte und besonders komplexe
Herausforderung, die es von uns zu
bewältigen gilt, ist die der gesellschaftlichen
Verkrustungen.
Starre
gesellschaftliche,
politische
und
wirtschaftliche Institutionen können
die Flexibilität und Kreativität lähmen, die zur Bewältigung neuer Probleme notwendig sind.

gend und scheint durch eine Vielzahl
von Beweisen unterstützt zu werden.
Wir können seine Aussagen leicht auf
die
politische
Entscheidungsfindung
bei internationalen Fragen anwenden.
Um auf ein bekanntes Beispiel zurückzukommen:
sowohl
wirtschaftliche
Theorie wie auch praktische Erfahrung
haben immer wieder bewiesen, daß der
freie Handel mehr zu unserem Wohlstand beiträgt als der Protektionismus.
Dies spielt jedoch kaum eine
Rolle, wenn diejenigen, die für die
Handelspolitik
verantwortlich
sind,
zu kämpfen haben mit

Selbst unsere modernen westlichen
Gesellschaften, die so sehr auf Wandel eingestellt sind, verändern sich
nicht so einfach. In seinem wichtigen,
im Jahr
1982 veröffentlichen
Werk "Aufstieg und Niedergang von Nationen" vertritt Mancur Olson die Ansicht, dies beruhe darauf, daß stabile, erfolgreiche Gesellschaftssysteme
ein Netz zunehmend mächtiger Interessengruppen
hervorbringen.
Diese
Gruppen sind darum bemüht, jede Veränderung zu ersticken, die die Position der von ihnen Repräsentierten
bedrohen könnte.
Diese Gruppen, so
behauptet Olson, "verringern die Effizienz und das Gesamteinkommen der
Gesellschaften, in denen sie am Werk
sind....". Sie "verlangsamen die Fähigkeit
einer
Gesellschaft,
neue
Technologien einzuführen als Reaktion
auf sich verändernde Bedingungen Ressourcen neu zu verteilen und verringern so die wirtschaftliche Wachstumsrate".
Olsons

These

ist

intuitiv

zwin-

- 9-

- politisch aktiven Landwirten und
Arbeitnehmern
verfallender
Industriezweige
(zum Beispiel
in
der
Stahl- und
Automobilindustrie), die Schutz vor internationalem
Wettbewerb
verlangen,
der sie aus ihren Arbeitsplätzen,
ihren Wohnungen und ihrem geregelten Lebensablauf zu vertreiben
droht;
- Politikern, Beamten und Militärs,
die den Handel für nicht-wirtschaftliche Ziele benutzen wollen, die ihren eigenen Interessen
dienen, wie etwa dem Gewinn einer
Wahl oder der Erhaltung der nationalen Rüstungsindustrie;
- Managern, die nicht bereit sind,
Kosten und Risiken bei der Einführung
neuer
Technologien
zu
tragen oder neue Methoden auszuprobieren.
Im November hat der
stellvertretende
amerikanische
Finanzminister Richard Darman
kein Gegner des freien Handels klar seine Meinung zum Ausdruck
gebracht, daß die Manager in den
Vereinigten
Staaten einen Teil
der Schuld für den schlechten Exporterfolg unseres Landes tragen.
Er beschuldigte sie, eine "industrielle Bürokratie" geschaffen

�zu haben. Dies, so erklärte er,
ist "die Neigung der amerikanischen Industrie, so zu sein wie
die Regierungsbürokratie, die so
gern
von
Führungskräften
der
Wirtschaft beschimpft wird: aufgebläht, risikofeindlich, ineffizient und einfallslos". Und diese industrielle Bürokratie
ist
kein amerikanisches Monopol.
Mancur
Olson konzentriert sich
auf
wirtschaftliche
Verkrustungen,
aber neben Geld und wirtschaftlicher
Macht gibt es noch andere Dinge, die
Menschen
schützen wollen.
Beamte,
die das Telekommunikationsnetz, die
öffentlichen
Transportmittel
eines
Landes
oder
das
Gesundheitssystem
kontrollieren, werden beispielsweise
nicht gern ihre eigene Macht und ihr
eigenes Prestige schädigen, indem sie
diese Institutionen dezentralisieren
und von einschränkenden Bestimmungen
befreien. Journalisten, die das öffentliche
Rundfunkund
Fernsehwesen
beherrschen, werden versuchen, private
Anbieter
auszuschließen,
deren
Wettbewerb ihren Einfluß auf die öffentliche Meinung schmälern könnte.
Die Art der menschlichen Natur
wird immer eine Tendenz fördern, daß
sich in unseren Gesellschaften Netze
von Interessengruppen
bilden.
ist
eine zunehmende Verkrustung deshalb
unausweichlich?
olson führt aus, daß
in der Bundesrepublik und Japan unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
ein enormes Maß an Kreativität freigesetzt wurde. Das physische und soziale Gefüge beider Länder war zerschlagen.
Die traditionellen Interessengruppen
waren
zeitweilig
zu
schwach, um das Hervortreten neuer
gesellschaftlicher
und
wirtschaftlicher Kräfte zu verhindern.

be

In geringerem Umfang galt dasselauch für den Westen insgesamt.

All unsere Gesellschaften waren durch
den Krieg zerrüttet.
Deshalb waren
in den Vereinigten Staaten die ersten
beiden
Nachkriegs Jahrzehnte
sicherlich eine Zeit der Kreativität in der
Innen- und Außenpolitik.
Es war :.n
diesem Zeitraum, daß wir die gesetzliche Grundlage der Rassendiskriminierung beseitigten, die Frauen zu
vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft befreiten, Millionen unserer
Mitbürger aus der Armut emporhoben
und eine neue Revolution in Technologie und Informationswesen einleiteten.
Aber müssen wir wirklich erst
Krieg, Revolution und soziales Chaos
durchmachen,
um
gesellschaftliche
Verkrustungen aufzubrechen?
Das ist
die entscheidende Frage.
Und angesichts
unserer
jüngeren Geschichte
ist dies eine Frage, die wir zu allen
drei grundlegenden Herausforderungen
stellen müssen, über die ich heute
gesprochen habe.
In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hat uns der moralische Relötivismus gegenüber den unbegrenzten
Ambitionen des Totalitärismus in geistiger Wehrlosigkeit belassen.
Der
Provinzialismus
hat abwechselnd
in
Gestalt von fanatischem Nationalismus,
Imperialismus,
Isolationismus
oder
ungezügeltem
Protektionismus
zweimal das internationale Staatensystem
zerschlagen.
Unfähig
zur
Überwindung
gesellschaftlicher
Verkrustungen erfuhr eine Nation nach
der anderen den politischen, wirtschaftlichen
und
gesellschaftlichen
Zusammenbruch - und erlag dem einfachen Ausweg der Diktatur.
Das Ergebnis zeigte sich in einigen der schlimmsten Ereignisse in der
Geschichte der Menschheit, die im
Zweiten
Weltkrieg
kulminierten.
Aber, wie ich schon sagte, hat der
Schock jenes Krieges dem Westen die

10 -

�Tatsache bewußt gemacht, daß sein
überleben auf dem Spiel stand.
Wir
haben wieder gelernt, daß es Werte
gibt, für die es sich lohnt zu kämpfen und zu sterben.
Wir haben erkannt, daß wir nur durch gemeinsame,
enge nationale Interessen überwindende Bemühungen hoffen konnten, eine
Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Und unserer Gesellschaften,
ob zerschlagen
oder
lediglich erschüttert, waren genügend aufgelokkert worden, um einen außergewöhnlichen
Kreativitätsschub
zu ermöglichen, eine neue Fähigkeit, politische Grundsätze zu entwickeln, um
sich mit innen- und außenpolitischen
Problemen auseinanderzusetzen.
Aber die Jahre vergingen und wir
nahmen unsere Erfolge zunehmend als
selbstverständlich hin. Für zu viele
Angehörige
der
Nachkriegsgeneration
scheinen die Grundwerte des Westens
heute
wenig
mehr
als
langweilige
Phrasen des Establishments zu sein.
Was als innovative gesellschaftliche,
bildungspolitische
und
wirtschaftliche
Institutionen
seinen
Anfang
nahm ist heute zu neuen Netzen spezieller
Interessengruppen
herangewachsen, die unsere Gesellschaften
immer stärker umklammern.
Egoismus
und Provinzialismus scheinen wieder
legitim geworden zu sein.
Sind wir deshalb dazu verdammt,
die düstere Geschichte der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts zu wiederholen? Nun, wenn dies der Fall ist,
können wir in diesem nuklearen Zeitalter sicherlich nicht erwarten, daß
der Krieg unsere Werte wiederherstellen, unsere Lebensanschauung erweitern oder eine neue Welle der Kreativität freisetzen wird.
Ich kann Ihnen für dieses Dilemma
keine endgültigen Lösungen anbieten.
Es bleibt jedoch noch viel zu tun.

Wir können die Bedeutung von Werten in unseren eigenen Gesellschaften
bekräftigen. Wir können unsere Bildungsinstitutionen
so
umgestalten,
daß sie jungen Menschen eine solide
Grundlage geben, um die den unserer
westlichen Zivilisation zugrundeliegenden traditionellen Werte zu verstehen und sie umfassend mit neuen
Ideen vertraut machen, die sich zur
Bewältigung einer sich verändernden
Welt entwickeln. Wir können bewußte
Anstrengungen unternehmen, um unsere
grundlegenden Werte und Normen konsequent auf die Gestaltung der Innenund
Außenpolitik
anzuwenden.
Wir
können unsere Werte auf internationalem Gebiet in die Tat umsetzen, indem
wir denjenigen Ländern helfen und mit
ihnen zusammenarbeiten, die echte Bemühungen zur Enwicklung freier, demokratischer,
pluralistischer
Gesellschaften zu unternehmen, in denen die
Menschenrechte respektiert werden
selbst wenn sie noch nicht perfekt
sind. Was vielleicht das Wichtigste
ist, wir können und müssen Offenheit
in den
internationalen
Beziehungen
unterstützen, und wir müssen uns Plänen wie etwa der "neuen Weltinformationsordnung" energisch widersetzen,
die die offene Kommunikation zwischen
den Völkern ersticken würden. In einem
freien und offenen Wettbewerb
werden sich unsere westlichen Werte
des Friedens, der Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durchsetzen.
Offenheit
kann uns auch dabei
helfen, die steigende Flut des Provinzialismus zurückzudrängen. Egoismus kann nicht bei Licht gedeihen.
Wenn wir bereit sind, wirtschaftliche
und
politische
Risiken einzugehen,
können
wir
tragfähige
Kompromisse
beim Handel finden, durch die das offene Welthandelssystem
auf solider
Grundlage
wiederhergestellt
wird.
Die kommende GATT-Runde wird uns eine

11 -

�wichtige Möglichkeit geben, dies zu
tun. Wir können in unseren eigenen
Gesellschaften politische Grundsätze
entwickeln, die wirksamere Antworten
für die durch unsere fortschreitende
wissenschaftlich-technische
Revolution geschaffenen sozialen und wirtschaftlichen
Herausforderungen
liefern können als der Protektionismus.
Sowohl die Europäer als auch die Amerikaner können und müssen erkennen,
daß Europa tatsächlich eine der unentbehrlichen Säulen des Weltfriedens
ist, dessen Rolle und Verantwortung
sich weit über die Grenzen Europas
hinaus erstreckt. Die Europäer müssen Amerika in seinen Bemühungen unterstützen, mit seinen drückenden regionalen
Problemen
fertigzuwerden,
und die Amerikaner müssen dasselbe
tun - und mehr, weil die Teilung Europas nicht einfach ein regionales
europäisches
Problem,
sondern
die
grundlegende Quelle der Spannungen in
der Welt von heute darstellt.
Und wir können sicherlich eine
Menge tun, um unsere Gesellschaftlich
flexibel und kreativ zu erhalten, um
ein institutionelles Umfeld zu entwickeln, in dem es für Interessengruppen schwierig ist, Veränderungen
zu verhindern.
In den Vereinigten
Staaten haben wir für diese Bemühungen eine Vielzahl von Instrumenten
geschaffen:
- Abschaffung
einschränkender
Bestimmungen, indem wir die staatlichen Kontrollen in allen Sektoren der Gesellschaft auf ein Minimum beschränken, da solche Kontrollen einen besonders starken
Schutz für Monopole bieten;
- Privatisierung vieler staatlicher
Funktionen,
einschließlich
der
Medien, um die Bereiche möglichst
gering zu halten, in denen die
Einmischung des Staates zu Ver-

krustungen führen kann;
- Maßnahmen, um ein Höchstmaß an
freiem Wettbewerb und die Bereitstellung
von Risikokapital
für
neue experimentelle Projekte :ÜU
ermutigen;
- Schaffung von Strukturen im Bildungswesen, die die besten und
kreativsten
Studenten, Forscher
und Lehrer belohnen und ermutigen;
- Liberalisierung des internationalen
Handels,
da
ausländischer
Wettbewerb eine der mächtigsten
Kräfte des Wandels darstellt.

Die modernen Medien
Als ich darüber gesprochen habe,
was zur Bewältigung der grundlegenden
Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, getan werden kann,
habe ich sehr viel Betonung auf Offenheit gelegt.
In der Tat denke
ich, daß Offenheit wahrscheinlich der
Schlüssel zu all diesen Problemen
ist. Und die Institution, die in wie
auch zwischen unseren Gesellschaften
potentiell den größten Beitrag zur
Offenheit zu leisten vermag, sind die
Medien. Aus diesem Grunde möchte ich
noch einige besondere Bemerkungen ;su
den Medien machen. Die Medien sollten Teil
der
Problemlösung
sein,
nicht Teil des Problems selbst.
Dies gilt besonders für diejenigen unter uns, die sich mit internationalen Fragen befassen. Wie in der
Vergangenheit
verwehren
Entfernung,
unzureichende
Sprachkenntnisse
oder
willkürliche Zensur den meisten Menschen den direkten Zugang zu Informationen darüber, was in anderen Ländern vor
sich
geht.
Der
Durchschnittsbürger
in
den
Vereinigton
Staaten und Europa ist jedoch heute

- 12 -

�bemerkenswert gut informiert, selbst
im Vergleich zu seinen Eltern. Dafür
können wir uns bei den modernen Medien bedanken, die durch die von der
modernen Technik geschaffenen mächtigen neuen Instrumente zur Beschaffung
und
Übermittlung
von
Informationen
revolutioniert wurden.
Paradoxerweise haben die Medien
jedoch nicht nur unseren Informationsstand über internationale Angelegenheiten verbessert, sondern auch
zu
unserer Verwirrung
beigetragen.
Die reine Masse der uns von den Medien gelieferten Informationen, die
Geschwindigkeit, mit der sie diese
übermitteln können und ihr intensiver
Wettbewerb untereinander führen allzuoft zu einer Art von Berichterstattung, die
trivialisiert und oberflächlich wie auch paradoxerweise extrem konformistisch ist.
Insbesondere
das Fernsehen hat
größere Auswirkungen gehabt als wir
normalerweise annehmen.
Die "Fernsehgeneration" hat eine kurze Aufmerksamkeitsspanne.
Sie wird meist
durch Berichte von 15 bis 30 Sekunden
Dauer in den Abendnachrichten über
internationale Fragen informiert. Da
die ihnen zur Verfügung stehende Zeit
heutzutage so vielfältig in Anspruch
genommen wird, sind die meisten Menschen
glücklich
darüber, daß
das
Fernsehen die scheinbar wichtigsten
Tatsachen schnell präsentieren kann.
Die gedruckten Medien mögen zur eingehenden
Information
besser ausgerüstet sein, aber auch sie müssen den
Stil des Fernsehens imitieren, um mit
dem Fernsehen um die begrenzte Aufmerksamkeit
der
Öffentlichkeit
zu
konkurrieren.
Meine eigene Erfahrung als Journalist hat mich davon überzeugt, daß
das Fernsehen all die traditionellen
Probleme akzentuiert, unter denen der

Journalismus leidet.
Mehr denn je
müssen
die Journalisten
versuchen,
sich
gegenseitig
auszustechen.
Da
ist keine Zeit für ernsthafte Analysen. Den Reporter einer anderen Station bei der Übermittlung einer Story
zu schlagen, und sei es nur um wenige
Minuten, kann für den ersten bedeuten, daß er in die Nachrichten kommt
und der andere nicht. Der erste erntet die Lorbeeren und dem anderen ergeht es schlecht.
Das Resultat besteht darin, daß der Journalismus als
Beruf nicht diejenigen anzieht, die
sich tiefer mit komplexen Problemen
befassen möchten.
Die Mehrzahl der
Journalisten, die über internationale
Angelegenheiten berichten, sind intelligent und gebildet, lassen aber
oft die Sachkenntnis vermissen, um
über diese Fragen zusammhängend zu
schreiben.
Schlagzeilen Journalismus ist ein
weiteres Problem.
Journalisten versuchen, sich vor gegenseitigem Druck
zu schützen, indem sie sich zusammentun und unter sich tage- und wochenweise abmachen, was als wichtigste
Story gebracht werden soll.
Jeder
beschäftigt sich dann nur noch mit
diesem Thema - bis zur nächsten Woche, wenn sie sich alle auf eine neue
Story stürzen. In Amerika können wir
unter einer Menge von Fernsehkanälen
auswählen, aber nur zu oft wird dieselbe große Story auf jedem Kanal gebracht und sonst kaum etwas. Deshalb
ist ein Problem, das heute noch die
Welt erschüttert, morgen schon vergessen.
Schlagzeilen Journalismus bedeutet, daß die Öffentlichkeit keine
Möglichkeit hat, bedeutende Fragen so
wie sie im Fernsehen präsentiert werden, in eine Perspektive zu stellen wer kann den Zusammenhang zwischen
dem heutigen Aufmacher und irgendeinem
anderen
Ereignis, das
vorige
Woche 30 Sekunden lang über den Bildschirm flimmerte, verstehen?

- 13 -

�Das Fernsehen verstärkt außerdem
die traditionelle Tendenz des Journalismus zur Uberdramatisierung.
Reporter haben immer gewußt, daß Geschichten mit "menschlichem Interesse" benötigt werden, um Zeitungen und
Zeitschriften
zu
verkaufen.
Das
Fernsehen bringt jedoch die Nachrichten mit nie gekannter Dramatik in unsere Wohnzimmer - Abend für Abend leben wir mit den Schrecken von Vietnam, mit der Furcht der TWA-Geiseln,
mit apokalyptischen Visionen darüber,
was mit uns geschehen wird wegen
Tschernobyl; weil Chemikalien in den
Rhein geleitet werden; weil die Amerikaner
einen
Schlag gegen Libyen
durchgeführt haben. Die außergewöhnliche Fähigkeit des Fernsehens, jede
Nachricht
zu dramatisieren, zwingt
uns dazu, zu überdenken, ob es die
Zuschauer informierter macht - oder
lediglich emotionaler, mit oberflächlichem Verständnis komplexer Ereignisse, die oft nur als Aufeinanderprallen von Gut und Böse aufgefaßt
werden und sich vom neuesten Produkt
aus Hollywood nicht unterscheidet.
Offensichtlich sind die Probleme
des Medien in Europa und Amerika
nicht identisch.
Die Oberflächlichkeit ist vielleicht charakteristisch
für Amerika. Aber während unsere Medien vielleicht zu sehr auf Wettbewerb und Dramen ausgerichtet sind,
werden Sie meiner Meinung nach hierzulande zu wenig damit konfrontiert.
Das Ergebnis ist eine Konformität der
Medien - die Öffentlichkeit bekommt
bisweilen nur die eine Seite einer
Geschichte und nur einen Teil der
Tatsachen zu hören, insbesondere im
Fernsehen.
Wir
außenpolitischen
Experten
neigen dazu, die Auswirkungen der Medien auf die Gestaltung der Politik
zu unterschätzen.
Tatsächlich ver-

bringen führende Regierungsvertreter
und
Spitzenkräfte
der
Wirtschaft
enorm viel Zeit damit, sich Sorgen zu
machen, was über sie und die von ihnen getroffenen Entscheidungen in der
Presse berichtet wird.
Wegen des
großen Interesses, das eine Regierung
ihrer Darstellung in der Presse beimißt, haben die Medien großen Einfluß
auf die Entscheidungsfindung innerhalb der Regierung gewonnen.
überdies sind es oft die Medien
selbst, die die außenpolitische Tagesordnung bestimmen, indem sie die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf
bestimmte Themen lenken.
Oft legen
die Medien die Parameter von Handlungen zu diesen Fragen fest, indem sie
bestimmte politische Ansätze als gut
und andere als schlecht definieren.
Und sogar wir Experten werden mehr
davon beeinflußt, was wir im Fernsehen sehen und in der populären presse
lesen, als von dem, was wir glauben
möchten.
Ja, wir müssen davon beeinflußt werden - anders als die sowjetischen Politiker arbeiten wir in
Demokratien. Wir müssen der öffentlichen Meinung Beachtung
schenken,
und es sind die Medien, die die öffentliche Meinung bilden oder zumindest in bestimmte Kanäle lenken.
All dies bedeutet, daß außenpolitische Experten aktiv an der Erziehung der Öffentlichkeit zu diesen
komplexen Fragen beteiligt sein müssen. Wir müssen in die öffentliche
Debatte eingreifen, anstatt sie als
trivial abzutun. Wenn man den Einfluß der Medien auf den Entscheidungsfindungsprozeß
berücksichtigt,
dann kann die Trivialisierung von
Nachrichten auch zu einer Trivialisierung bei der Gestaltung staatlicher Politik führen.
Wir müssen verstehen, daß der
Journalismus - wie Diplomatie, Handel

14 -

•

,

�und akademische Forschung - einer der
grundlegenden Berufe der internationalen Angelegenheiten ist, und wir
müssen den Journalisten deshalb als
Kollegen behandeln. Gleichzeitig haben wir aber auch das Recht, von den
Medien bessere Leistungen zu verlangen. Die Medien gehören zu den mächtigsten Institutionen unserer Gesellschaft. Wie jede andere mächtige Institution müssen sie dem Rest der Gesellschaft
gegenüber
rechenschaftspflichtig sein.

Schlußfolgerungen
Sicherlich sind die Medien nur
eine unter vielen Institutionen, die
effektiv funktionieren müssen, wenn
wir den Herausforderungen des moralischen Relativismus, des Provinzialismus und der gesellschaftlichen Verkrustung begegnen sollen. Da es auf
diese grundsätzlichen Herausforderungen keine einfachen Antworten gibt,
müssen wir unsere gesamte Politik und
all unsere Institutionen einer eingehenden Überprüfung öffnen. Wir müssen im positivsten Sinn dieses Wortes
"kritisch" sein - nicht davor Angst
haben, zu ändern, was geändert werden
muß oder zu erhalten und bestätigen,
was erhaltenswert ist.
Wir können
dies am besten in einer offenen Welt
tun, wie ich sie schon oft zu früheren Anlässen beschrieben habe.
Je
mehr wir uns auf eine solche Welt zu
bewegen, desto größer wird unsere
Chance sein, vernünftige und wirksame
Antworten auf die zentralen Probleme
der Handhabung einer modernen Demokratie zu formulieren.

- 15

�AMERIKA DIENST
'VON

Hintergrundmaterial

4

21. Januar 1987

RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVEN DER VEREINIGTEN STAATEN
- Bericht des Weißen Hauses -

WASHINGTON - (AD) - Das Weiße Haus hat am 12. Januar 1987 den nachfolgend
abgedruckten Bericht veröffentlicht, in dem amerikanische und westliche Initiativen in zehn verschiedenen Bereichen der Rüstungskontrolle beschrieben
werden.

Strategische Offensivwaffen

(START)

Bei
ihren
Zusammenkünften
in
Reykjavik im vergangenen Oktober sind
Präsident Reagan und Generalsekretär
Gorbatschow
grundsätzlch
übereingekommen, in den nächsten fünf Jahren
eine 50prozentige Reduzierung strategischer Nuklearwaffen auf 1 600 nukleare Trägersysteme mit 6 000 Gefechtsköpfen auf diesen Trägersystemen herbeizuführen. Beide Seiten haben bei der Aufstellung eines Zählmodus für Bomber wichtige Fortschritte
gemacht und grundsätzlich eine Über-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

einkunft über die Notwendigkeit "erheblicher Verringerungen" bei sowjetischen schweren Interkontinentalraketen (ICBM) erzielt, die zu den Raketen zählen, die die Stabilität am
meisten untergraben.
Unsere Unterhändler in Genf haben
daraufhin sofort einen neuen amerikanischen Vorschlag zu START vorgelegt,
der die in Reykjavik akzeptierten gemeinsamen
Bereiche
berücksichtigt.
Ferner hat die Sowjetunion am 7. November einige weitere Schritte unternommen, indem sie Vorschläge unter-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�breitete, die
teilweise die Fortschritte von Reykjavik widerspiegelten. - Wir hoffen, daß diese Bereiche
der Übereinstimmung als Ausgangspunkt
dienen können, von dem aus amerikanische
und sowjetische Unterhändler
bedeutungsvolle
Verträge
für einen
Rüstungsabbau erarbeiten können.

Kern- und Weltraumwaffen
(NST) wird
es unsere Aufgabe sein, auf den in
Reykjavik erreichten Leistungen und
auf den bei der letzten NST-Runde in
Genf vorgelegten Vorschlägen aufzubauen.

Mittelstreckenwaffen (INF)
Leider koppeln die Sowjets ein
Abkommen zu START an die amerikanische
Zustimmung
zum
sowjetischen
Vorschlag
über
Verteidigungs- und
Weltraumwaffen, der letztendlich SDI
zunichte machen würde. Das ist nicht
akzeptabel und läuft den von Generalsekretär Gorbatschow im November 1985
in Genf eingegangenen Verpflichtungen
zuwider, in den Bereichen, in denen
eine gemeinsame Grundlage vorhanden
ist, voranzugehen, wozu auch das Konzept eines 50prozentigen Abbaus strategischer Offensivwaffen gehört. Die
Sowjets machen ihr Abkommen über einen 50prozentigen Abbau strategischer
Waffen ferner von der grundsätzlichen
amerikanischen Zustimmung zur völligen Abschaffung aller strategischen
Offensivwaffen
bis
1996
abhängig.
Dies ist ebenfalls zur Zeit nicht annehmbar; wenn man die massiven sowjetischen Investitionen bei konventionellen
Streitkräften
betrachtet,
sind Nuklearwaffen
unerläßlich
für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten.
Anfang Dezember haben sich Unterhändler beider Seiten zu Gesprächen
zwischen den Runden in Genf getroffen. Obwohl es bei den unterschiedlichen Standpunkten keine Annäherung
gab, glauben wir doch, daß diese Gespräche zu unseren Vorbereitungen für
die nächste Runde beitragen, weil
durch sie begrenzter, aber nützlicher
Fortschritt bei der Klärung von Punkten der Übereinstimmung und des Gegensatzes erzielt worden ist. In der
nächsten
Runde der Gespräche über

In Reykjavik gäbe es bedeutsame
Fortschritte beim Abbau der Differenzen über Mittelstreckenwaffen.
Die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben in Reykjavik grundsätzlich einer weltweiten Begrenzung von
100 Gefechtsköpfen auf Mittelstrekkenraketen
längerer
Reichweite
(LRINF) zugestimmt, von denen keine
in Europa stationiert sein sollen.
Die verbleibenden Raketen würden im
asiatischen Teil der Sowjetunion und
auf amerikanischem Territorium stationiert werden.
Die Sowjets haben
ihre hartnäckige Haltung aufgegeben,
daß britische und französische Nuklearwaffen in solch ein Abkommen eingeschlossen werden sollten. Beide Seiten kamen ferner grundsätzlich überein, INF-Systeme kürzerer Reichweite
zu begrenzen und für deren Abbau in
Genf
Folgeverhandlungen
abzuhalten.
Nach dem Treffen in Reykjavik haben
unsere Unterhändler in Genf umgehend
einen neuen amerikanischen Vorschlag
unterbreitet, der die Bereiche, bei
denen im Prinzip Übereinstimmung besteht wie auch andere Elemente, die
notwendig wären, um ein annehmbares
INF-Abkommen
zu
erlangen,
einschließt. Obwohl die Sowjets daraufhin einen neuen, auf ihrer Sichtweise
der Ereignisse in Reykjavik beruhenden Vorschlag auf den Verhandlungstisch legten, sind sie von dem bei
diesem Treffen erzielten Fortschritt
beträchtlich zurückgetreten.
Darüber
hinaus haben sich die Sowjets von ihrer beim Genfer Gipfeltreffen eingegangenen Verpflichtung zurückgezogen,

�ein separates
INF-Abkommen
zu beschließen. Sie versuchen nun, INF an
andere Bereiche der Rüstungskontrolle
zu koppeln und bestehen darauf, daß
ihre
Rüstungskontrollvorschläge
ein
"Paket" seien und nicht getrennt werden können.

Probleme der Verteidigung im Weltraum
In Reykjavik haben die Vereinigten Staaten als Antwort auf den sowjetischen Vorschlag, sie sollten eine zehnjährige Verpflichtung eingehen
und sich nicht aus dem ABM-Vertrag
zurückzuziehen, angeboten, solch eine
Zehnjahresverpflichtung bis 1996 einzugehen.
In diesem Zeitraum würde
die im ABM-Vertrag gestattete Forschung,
Entwicklung
und
Erprobung
weitergeführt. Die Vereinigten Staaten verbinden ihre Zustimmung mit:
- einem
50prozentigen
Abbau
der
strategischen Offensivwaffen der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in den ersten fünf Jahren,
- Abschaffung aller amerikanischen
und sowjetischen offensiven ballistischen Raketen in den folgenden fünf Jahren, und
- einem Abkommen, wonach beide Seiten nach
1996 moderne strategische Verteidigungssysteme stationieren könnten, wenn sie nicht
andere Vereinbarungen treffen.
Die Sowjets haben
jedoch versucht, den ABM-Vertrag einzuschränken, indem sie die Erprobung von im
Weltraum befindlichen "Bestandteilen"
eines Raketenabwehrsystems außerhalb
von Labors verbieten.
Damit würde
das amerikanische
SDI-Programm zunichte gemacht - für den Präsidenten

unannehmbar.
Vorher
hatten
die
Vereinigten
Staaten auch eine Initiative der Offenen Labors vorgeschlagen - ein vertrauensbildendes Programm gegenseitiger Informationen
und Besuchen in
Einrichtungen
für die
strategische
Verteidigung.
Im Hinblick auf AntiSatelliten-Systeme
(ASAT) haben die
Vereinigten Staaten noch keine Begrenzungsvorschläge
ausgearbeitet,
die wirklich verifizierbar wären und
im Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten lägen. Wir haben angeboten, Vorschläge
für bestimmte Rüstungskontrollmaßnahmen
zu ASAT in
Betracht zu ziehen, wenn solche Maßnahmen mit der nationalen Sicherheit
der
Vereinigten
Staaten
vereinbar
sind.

Chemische Waffen (CW)
Im April 1984 haben die Vereinigten
Staaten
bei
der
Genfer
Abrüstungskonferenz (CD) mit 40 Teilnehmerstaaten einen umfassenden Vertrag vorgeschlagen, mit dem Entwicklung, Herstellung, Gebrauch, Transfer
und die Lagerung chemischer Waffen
verboten werden. Dies wäre mit Hilfe
verschiedener Maßnahmen zu verifizieren, zu denen in Zweifelsfällen obligatorische
Überprüfungen
vor Ort
kämen. Beim Gipfeltreffen im November 1985 sind Präsident Reagan und
Generalsekretär Gorbatschow übereingekommen, die bilateralen Gespräche
zu allen Aspekten des umfassenden
Verbots chemischer Waffen zu intensivieren, die auch bei der CD verhandelt werden. Im Jahr 1986 haben wir
vier Runden von Geprächen zu einem
bilateralen
Vertrag
über
chemische
Waffen abgehalten, und für Februar
1987 ist eine fünfte Runde geplant.
Die Gespräche

für einen bilatera-

�len Vertrag haben Differenzen über
eine Abschaffung von Produktionsstätten für chemische Waffen und über von
einem möglichen Vertrag
abgedeckte
chemische
Substanzen
abgebaut.
Trotzdem bestehen darüber und in einer Anzahl anderer wichtiger Bereiche
immer noch Meinungsverschiedenheiten,
besonders in solchen, die sich mit
einer Verifizierung der Vertragseinhaltung beschäftigen. Um die Einhaltung
sicherzustellen,
fordern
die
Vereinigten Staaten systematische Beobachtung vor Ort und obligatorische
"Inspektionen bei Zweifelsfällen", um
mögliche Verletzungen zu untersuchen.
Die Sowjets haben in der Vergangenheit immer wieder darauf bestanden,
daß die Annahme der Inspektionen in
Zweifelsfällen freiwillig sei.
Obwohl sie kürzlich darauf hingewiesen
haben, daß bei bestimmten Zweifelsfällen strengere Verfahrensweisen angewandt werden sollten, so müssen sie
noch im einzelnen erklären, wie diese
genau aussehen sollen.
Darüber hinaus haben wir einen
Dialog mit den Sowjets eröffnet, wie
die Weiterverbreitung chemischer Waffen zu verhindern sei. Wir haben in
diesem Zusammenhang Exportkontrollen
und politische Schritte zur Beschränkung der Ausbreitung chemischer Waffen überarbeitet.

Atomtests
Die
Priorität
der
Vereinigten
Staaten im Bereich der Atomtests besteht in der Verbesserung der Verifizierungsprotokolle
des
bestehenden
Schwellenvertrages
(TTBT)
und
des
Vertrags
über
Atomexplosionen
zu
friedlichen Zwecken (PNET). Bei den
Treffen in Reykjavik zwischen Präsident
Reagan
und
Generalsekretär
Gorbatschow haben wir vorgeschlagen,
daß die Vereinigten Staaten und die

Sowjetunion Verhandlungen über Atomtests aufnehmen. Das Programm dieser
Verhandlungen würde zunächst in der
Lösung anstehender Fragen zur Verifikation von in TTBT und PNET definierten
Zusammenhängen
bestehen.
Wenn
diese Probleme der Verifizierung aus
der Welt geschafft und die Verträge
ratifiziert sind, würden die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
sofort Verhandlungen darüber aufnehmen, wie ein schrittweises, paralleles Programm - in Zusammenhang mit
einem Programm
zur Begrenzung und
letztendlich
zur Abschaffung
aller
Kernwaffen
durchgeführt
werden
kann, das Atomtests einschränkt und
schließlich ganz beendet.
Obwohl Anzeichen
bestehen, daß
die Sowjets sich zur Behandlung unserer Anliegen einverstanden erklären
könnten, hat es bis heute noch keine
Übereinkunft
über
die
Prioritäten
dieser Verhandlungen gegeben.
Während der dritten Runde von Experte:igesprächen zur Frage der Atomtests
ist die sowjetische Delegation von
einem ordentlichen schrittweisen Ansatz
für
Verhandlungen
abgerückt.
Wir
haben
die
Fortsetzung
dieser
Treffen im Januar vorgeschlagen.
In
Island
hat
der
Präsident
Gorbatschow gegenüber außerdem angedeutet, daß er nach Zusammentreten
des 100. Kongresses vom Senat Ratschläge und die Zustimmung zur Ratifizierung des Schwellenvertrages und
des Vertrages über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken erbitten werde,
jedoch mit dem angemessenen Vorbehalt, daß diese Verträge nicht vor
einer Regelung der Verifikationsfrage
in Kraft treten würden. Wie versprochen, hat der Präsident dieses Ersuchen am 13. Januar 1987 dem Kongreß
zugeleitet.

�Konferenz über Vertrauensbildung
Abrüstung in Europa (KVAE)

und

Die aus 35 Teilnehmerstaaten bestehende
Stockholmer
KVAE-Konferenz
wurde am 22. September mit Annahme
einer Reihe konkreter Maßnahmen vertagt, die dazu bestimmt sind, die Offenheit und Berechenbarkeit von militärischen Aktivitäten in Europa zu
stärken.
Diese Maßnahmen, die die
Vorschläge der NATO-Staaten einbeziehen, sehen die frühzeitige Notifizierung aller militärischen Aktivitäten
oberhalb einer Schwelle von 13 000
Soldaten oder 300 Panzern vor, die
Beobachtung von militärischen Aktivitäten oberhalb einer Schwelle von
17 000 Mann sowie jährliche Vorschauen auf geplante militärische Aktivitäten.
Die Übereinkunft enthält außerdem Vereinbarungen über Inspektionen vor Ort aus der Luft und zu Land
zur Verifizierung. Obwohl bescheiden
im Ausmaß, hat die Sowjetunion mit
diesen Bestimmungen zum ersten Mal
Inspektionen auf ihrem eigenen Territorium zur Verifizierung einer internationalen
sicherheitsvereinbarung
zugestimmt.

Bilaterale vertrauensbildende Maßnahmen
Der
Vorschlag
der
Vereinigten
Staaten zur Verbesserung der Kommunikation über den heißen Draht wurde
von der Sowjetunion angenommen und
wird gegenwärtig durchgeführt.
Der
amerikanische Vorschlag für Zentren
zur Verminderung des atomaren Risikos
wird gegenwärtig von der Sowjetunion
geprüft.
Vertrauensbildungsinitiativen über einen Informationsaustausch
zwischen den Militärs und zur Notifizierung bei Abschüssen von ballistischen Raketen sowie über strategische Manöver wurden ebenfalls von den
Vereinigten Staaten vorgeschlagen.

Gegenseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa
(MBFR)
Am 5. Dezember 1985 hat die NATO
eine neue Initiative mit dem Ziel der
Berücksichtigung
östlicher
Anliegen
vorgeschlagen. Der Vorschlag hat die
westliche Forderung über eine vorherige Einigung bei der Datenfrage in
bezug auf die Truppen des Ostens fallengelassen.
Die Sowjets hatten behauptet, diese westliche Forderung
stelle das primäre Hindernis auf dem
Weg zu einer Einigung dar. Der Vorschlag forderte außerdem eine zeitlich befristete erste Phase für den
Rückzug von 5 000 amerikanischen und
11 500 sowjetischen Soldaten, die von
einer dreijährigen Verpflichtung zur
NichtVerstärkung der Truppen gefolgt
sein würde, die von allen Parteien
mit Streitkräften in dieser Zone mit
dem Ziel eingegangen werden sollte,
die Stärke der verbleibenden Streitkräfte zu verifizieren. Die verbleibenden
Truppenstärken
würden
durch
nationale technische Mittel, vereinbarte Ein- und Ausreisepunkte sowie
30 jährliche Inspektionen vor Ort verifiziert werden.
Bis heute haben
die Sowjets der westlichen Initiative
noch keine konstruktive Antwort erteilt.

Die hochrangige Arbeitsgruppe der
NATO zur Rüstungskontrolle im konventionellen Bereich
Die Arbeitsgruppe hat dem Nordatlantikrat am 11. Dezember 1986 ihren
Bericht über die zukünftige Richtung
der NATO-Rüstungskontrollpolitik vorgelegt. Bei diesem Treffen gaben die
NATO-Minister ihre Annahme der "Brüsseler Erklärung" bekannt, in der die
Bereitschaft der NATO erklärt wird,

�neue Verhandlungen mit dem Warschauer
Pakt aufzunehmen mit dem Ziel, ein
"verifizierbares,
umfassendes
und
stabiles Gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte auf niedrigerem
Niveau" in ganz Europa vom Atlantik
bis zum Ural zu schaffen. Die NATO
hofft, Anfang des Jahres 1987 mit Gesprächen beginnen zu können, um ein
Mandat für neue Verhandlungen zu entwickeln.
Die
Brüsseler
Erklärung
fordert außerdem getrennte Verhandlungen, um die Ergebnisse der KVAE
auszubauen und zu erweitern.

Der vertrag
Kernwaffen

zur Nichtverbreitung

folgende Chronologie amerikanisch-sowjetischer
Rüstungskontrollverhandlungen im Jahr 1986 veröffentlicht:

von

Vom 15.-18. Dezember 1986 hielten
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
in Washington die achte
Runde einer andauernden Serie von
Konsultationen
zur
Nichtverbreitung
von Kernwaffen ab, die im Dezember
1982 begonnen hatte. Diese Konsultationen erstreckten sich auf ein breites Spektrum von Fragen, einschließlich der Aussichten für eine Stärkung
der
internationalen
Regelungen zur
Nichtverbreitung,
der
Unterstützung
des Vertrages
zur Nichtverbreitung
von Kernwaffen und des gegenseitigen
Wunsches der Vereinigten Staaten und
der UdSSR, die Internationale Atomenergieorganisation
(IAEO) zu stärken. Diese Konsultationen sind keine
Verhandlungen sondern eher Gespräche
zur Überprüfung verschiedener Fragen
beiderseitigen Interesses.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
haben beide ein starkes Interesse,
die gefährliche Ausbreitung von Atomwaffen zu verhindern und haben sich
darauf verständigt, diese Konsultationen als ein Forum der Diskussion
und des Meinungsaustauschs zu benutzen.
Das Weiße

Haus

hat außerdem

die
- 6 -

�Amerikanisch-sowjetische Rüstungskontrollverhandlungen 1986
Nuklear- und Weltraumgespräche
Runde IV - 16. Januar - 4. März
Runde V - 8. Mai - 26. Juni
Runde VI - 18. September - 13. November
Konferenz
Runde
Runde
Runde
Runde

über Vertrauensbildung und Abrüstung in Europa (multilateral)
IX - 28. Januar - 15. März
X - 15. April - 23. Mai
XI - 10. Juni - 18. Juli
XII - 19. August - 19. September

Konferenz über Abrüstung (multilateral)
Rumpfsitzung des Ausschusses für chemische Waffen - 13.-31. Januar
Frühlingssitzung - 4. Februar - 25. April
Sommersitzung - 10. Juni - 29. August
Konsultationen des Vorsitzenden des Ausschusses für chemische Waffen
- 24. November - 17. Dezember
Beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa
(multilateral)
Runde 38 - 30. Januar - 20. März
Runde 39 - 15. Mai - 3. Juli
Runde 40 - 25. September - 4. Dezember
Amerikanisch-sowjetische Expertengespräche über Rüstungskontrolle
Nuklear- und Weltraumgespräche (NST)
- 11.-12. August in Moskau
- 5.-6. September in Washington
- 2.-5. Dezember in Genf auf Verhandlungsführerebene
Beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa (MBFR)
- 6.-7. August in Moskau
- 10.-11. September in Moskau
Konferenz über Vertrauensbildung und Abrüstung in Europa (KVAE)
- 14.-15. August in Stockholm
Gespräche über einen Vertrag über chemische Waffen
- 28. Januar - 3. Februar in Genf
- 15.-25. April in Genf
- 1.-18. Juli in Genf
- 28. Oktober - 18. November in New York
Gespräche über die Nichtverbreitung von chemischen Waffen
- 5.-6. März in Bern
- 4.-5. September in Bern

- 7-

�Atomtests
- 25. Juli - 1. August in Genf
- 4.-18. September in Genf
- 13.-25. November in Genf
Zentren zur Verringerung des atomaren Risikos
- 5.-6. Mai in Genf
- 25. August in Genf
Gespräche über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT]
- 15.-18. Dezember in Washington

* * * * * *

- 8~

�AMERIKA DIENST
'VON

4

Wissenschaft und Technik

21. Januar 1987

ANALYSE DES "STOFFWECHSELS" IN DER STRATOSPHÄRE
Mit Forschungsflugzeug chemischen Prozessen in der Luft auf der Spur -

WASHINGTON - (AD) - Ein nach Art
und Umfang bisher einzigartiges Forschungsprojekt, organisiert von mehr
als 50 Wissenschaftlern der NASA (USBehörde für Luft- und Raumfahrt) und
NOAA (US-Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung) , begann am 15.
Januar
1987 auf der Südhalbkugel,
über der Nordregion Australiens werden von Bord des amerikanischen Spezialflugzeuges ER-2
(ER steht für
"Earth Resources") in 18 000 m Höhe
und mehr, jedenfalls über den mächtigen Gewitterwolken, Luftproben genommen und im Flugzeug automatisch er-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

faßt, zum Teil auch bereits analysiert.
Zur gleichen Zeit sondieren
niedriger
fliegende
Flugzeuge
die
tieferen Schichten der amboßförmigen
Gewitterwolken.
Ziel der Experimente
ist es, nicht nur die Mengen von Wasserdampf sowie Art und Konzentrationen der Schwebstoffe in der Luft zu
bestimmen, sondern auch den Weg von
Luft, Gasen und Aerosolen aus niedrigen in höhere atmosphärische Schichten sowie chemische Umsetzungen bei
diesen Vorgängen
aufzudecken.
Man
hofft, dadurch Prozesse besser als
bisher erfassen zu können, die die

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Ozonschicht zerstören.
Die wissenschaftliche Nutzlast im
ER-2-Flugzeug, 16 speziell für dieses
Projekt entwickelte und vollautomatisch
arbeitende Instrumente, mißt
auch den Ozongehalt der durchflogenen
unteren Stratosphäre.
ER-2 ist der
einzige Flugzeugtyp, mit dem bei Unterschallgeschwindigkeit in so großen
Höhen geflogen werden kann.
Fünf
Jahre Vorbereitung hat das jetzt in
Angriff genommene Projekt gekostet.
Die Instrumente sind so ausgelegt,
daß der Pilot nur einen Schalter zu
bedienen braucht, um sie zu aktivieren.
Alles übrige - Kalibrieren,
Überprüfen, Erfassen und Aufzeichnen
von Daten - geschieht vollautomatisch
und wartungsfrei.
Diese erste Meßperiode soll ca.
einen Monat dauern.
Später ist geplant, mit einem ähnlichen Projekt
das berüchtigte "Ozonloch" über der
Antarktis näher zu untersuchen. Dabei handelt es sich um einen Bereich
in der Stratosphäre von der Ausdehnung Nordamerikas, in dem in den Monaten September und Oktober der Ozongehalt bis um 40 Prozent absinkt.
Das bedeutet eine erhebliche Störung
des natürlichen Gleichgewichts
für
den Auf- und Abbau der Ozonschicht,
die wegen ihrer Filterfunktion gegen
gefährliche
ultraviolette
Strahlung
von der Sonne wichtig für das Gedeihen, ja die Erhaltung allen Lebens
auf der Erde ist. In Hunderten von
Millionen Jahren hat sich eine bestimmte Konzentration an Ozonmolekülen (dreiatomiger Sauerstoff) in der
Stratosphäre eingependelt. Schon eine Verdünnung um ein Prozent könnte,
wie Wissenschaftler
der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA schätzen, unter anderem die Zahl der Erkrankungen an Hautkrebs um jährlich
20 000
allein
in
den
Vereinigten
Staaten erhöhen.

Eine Anreicherung von Ozon in bodennahen Luftschichten, unterhalb der
Stratosphäre, der dort durch photochemische Reaktionen bestimmter Luftschadstoffe entsteht, stört ebenfalls
das ökologische Gleichgewicht.
Die
Untersuchung der Auswirkungen dieses
"Tiefen''-Ozons steht noch ziemlich am
Anfang.
Jedenfalls erweist er sich
als Umweltgift, vor allem für Pflanzen.
Eine genaue Kenntnis von Transport- und Umsetzungsvorgängen für Gase und Aerosole in den Luftschichten
bis etwa 2 0 oder 25 km Höhe könnte
helfen, Antworten auf die Frage zu
finden, wie denn bestimmte Stoffe und
Verbindungen
in
die
oberen
Luftschichten gelangen - Stoffe, zu denen
zum Beispiel auch die an der Ozonschicht nagenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe
gehören.
Einer
ziemlich
verbreiteten Theorie zufolge werden
Luftmassen, Wasserdampf und chemische
Stoffe durch die Wolken in den Tropen
in die Atmosphäre getragen: Die oberen Wolkenschichten kühlen vom Weltraum her ab, während die unteren
Schichten von der Erde her erwärmt
werden.
Das
erzeugt
aufsteigende
Konvektionsströmungen.
Ob oder inwieweit solche Vorgänge mit Veränderungen der Ozonschicht in Zusammenhang gebracht werden können, ist noch
unklar.
Die amerikanische Forschergruppe, die im Herbst 1986 in der
Antarktis eine Studie speziell zur
Aufklärung der Ursachen für das seit
1979 regelmäßig beobachtete "Ozonloch" durchführte, vermochte
keine
definitive Antwort zu geben.
Aber
sie ist überzeugt, triftige Gegenbeweise gegen Theorien zu haben, denenzufolge Aufwinde oder starke Sonnenaktivität den Abbau der Ozonschicht
bewirkten. Sie vermute vielmehr, daß
in erster Linie ein chemischer Prozeß
dafür verantwortlich sei.

�Dem steht die Hypothese einer anderen
NASA-Gruppe
entgegen.
Sie
glaubt auf Grund von Satellitenbeobachtungen
herausgefunden
zu haben,
daß die Sonne, nicht Chemikalien,
Ozonabbau bewirke.
Durch ungewöhnlich starke Sonnenaktivität, die Ende
1979 ihren Höhepunkt hatte, seien die
Konzentrationen
an
Stickstoffdioxyd
in der Stratosphäre zwischen 1979 und
198 4 um 75 Prozent gestiegen.
Das
habe zu einem weltweiten Rückgang der
atmosphärischen
Ozonkonzentrationen
und einem deutlichen Abbau über der
Antarktis geführt, heißt es in ihrer
Studie. Eine weitere Hypothese hatten einige Wissenschaftler der Universität Colorado auf einer Tagung
der Amerikanischen Geophysikalischen
Gesellschaft im Dezember 1986 in San
Francisco parat:
Sie vermuten, daß
durch Aschewolken von Vulkanausbrüchen in den Jahren 1978 bis 1982 Meßdaten, die Forschungssatelliten zur
Erde
schickten, verfälscht wurden,
weil die Instrumente an Bord der Satelliten
für solche Phänomene gar
nicht eingerichtet waren und sie deshalb nicht "verarbeiten" konnten. So
könnte zum Beispiel eine durch Sulfate vulkanischen Ursprungs verursachte
Streuung
elektromagnetischer
Strahlung bei Beobachtungen aus dem Weltraum fälschlicherweise als Anzeichen
für eine Ausdünnung der Ozonschicht
interpretiert werden.

* * * * * *
- 3

�</text>
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