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                  <text>AMERIKA DIENST
'VON

4

1 2 . November 1986

38

I N H A L T

DOKUMENTATION

Shultz kritisiert Osteuropa in der Menschenrechtsfrage
- Rede von Außenminister shultz vor dem wiener KSZE-Folgetreffen

Shultz enttäuscht von Rüsturgsgesprächen
- Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz vom 6. November 1986

HINTERGRDNDMATERIAL

Nicaragua - Revolution in der Familie
- Von shirley Christian (Copyright (c): Shirley Christian)

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
12. November 1986

38

SHÜLTZ KRITISIERT OSTEUROPA IN DER MENSCHENRECHTSFRAGE
- Rede von Außenminister Shultz vor dem Wiener KSZE-Folgetreffen WIEN - (AD) - Außenminister Shultz sprach am 5. November
Vertretern der 35 Teilnehmerstaaten beim Wiener Folgetreffen
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und traf im
ges mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse zu einem
persönlichen Gespräch zusammen.

1986 vor den
der Konferenz
Laufe des Tadreistündigen

In seiner Rede wies Shultz besonders darauf hin, daß bei Überprüfung der
Einhaltung der Schlußakte von Helsinki nicht nur Fragen der Rüstungskontrolle,
sondern insbesondere auch der Bereich der Menschenrechte behandelt würden.
"Wenn die Gerechtigkeit verletzt und die Freiheit verwehrt wird, erhöhen sich
die Möglichkeiten für Konflikte unweigerlich", so Shultz.
Nachfolgend drucken wir den Redetext im Wortlaut:

Wir danken der österreichischen
Bevölkerung als Gastgeber dieser Konferenz
für
ihre
großzügige Gastfreundschaft.
Wir freuen uns über
die besondere Herzlichkeit und Höflichkeit, mit der wir begrüßt wurden.
Wir - die 35 Nationen vielfältiger und unterschiedlicher politischer
Systeme - sind hier in dem gemeinsamen Bestreben zusammengekommen, eine
dauerhaftere Grundlage
für Frieden
und Versöhnung zwischen den Völkern
des Osten und des Westens zu schaf-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fen.
Die Schlußakte von Helsinki
liefert uns die Richtlinien für unsere Arbeit. Sie gibt das Versprechen
für einen sichereren Frieden und für
mehr Zusammenarbeit zwischen unseren
Völkern - ein Versprechen, das nur
durch eine stärkere Wahrung der Menschenrechte
und
der
grundlegenden
Freiheiten für jeden einzelnen Menschen eingelöst werden kann.
Es sollte unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieses Versprechen zu erfüllen und den in der Schlußakte von
Helsinki niedergelegten Verpflichtun-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gen nachzukommen.
Um das zu tun,
müssen wir Vergangenheit und Gegenwart
betrachten, aber
auch
einen
Blick in die Zukunft werfen.
Wir
können und sollten nicht leichtfertig
über unsere Erfahrungen und Enttäuschungen des vergangenen Jahrzehnts
hinweggehen. Wir müssen uns mit den
Fällen beschäftigen, da es die Regierungen versäumt haben, die Prinzipien
durchzusetzen,
zu deren Einhaltung
sie sich in der Schlußakte freiwillig
verpflichtet haben.
Eine
solch kritische Rückschau
ist notwendig, wenn die Konferenz
beim Abbau des Mißtrauens und beim
Aufbau
von Vertrauen
echte Fortschritte erzielen soll. Gleichzeitig
bietet uns die Konferenz aber auch
eine wichtige Möglichkeit der Vorausschau. Sie gibt uns die Chance, eine
Zukunft zu prägen, die die schöpferischen Energien all unserer Völker
freisetzt.
Die Welt bewegt sich auf eine
Zeit
dramatischer
technologischer
Veränderungen zu, auf eine Zeit, in
der die alten Denk- und Verhaltensmuster der Vergangenheit für die neue
Wirklichkeit
zunehmend
unzureichend
werden. Die traditionellen Schranken
von Zeit und Raum werden von Tag zu
Tag mehr von modernen Transport- und
elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten unterhöhlt; die von Regierungen errichteten Schranken
zwischen
Völkern aber bleiben bestehen.
Mit
den althergebrachten Maßnahmen industrieller Entwicklung - und im umfassenderen Sinne auch der militärischen
und politischen Stärke - gelingt es
immer seltener, zu den echten Quellen
sozialer
Vitalität
vorzudringen.
Statt der überkommenen Methoden zentralisiert getroffener Entscheidungen
im Management macht die Informationstechnologie größere Dezentralisierung
und mehr Initiative des einzelnen

möglich und notwendig.
Dieser Trend kann für all jene,
die menschliche Kreativität schätzen,
nur eine Quelle der Hoffnung sein.
In Zukunft wird sich der wahre Maßstab für die Dynamik einer Gesellschaft - und einer Staatengemeinschaft - darin zeigen, wie freimütig
sie Wissen und schöpferische Leistung
des Menschen fördert, nützt und anderen zugänglich macht, und wie sie
selbst Nutzen aus dieser Kreativität
des Individuums zieht. Es sind genau
diese - für den Fortschritt dieses
anbrechenden neuen Zeitalters so notwendigen - Ziele der Freiheit und Offenheit, die bereits in der Schlußakte verankert sind.
In dem Bemühen,
die überkommenen Teilungen zu überwinden, liefert uns die Schlußakte
Richtlinien und Verpflichtungen für
die Zukunft. In den vergangenen vier
Jahrzehnten ist Europa wieder aufgebaut worden. Für die Zukunft setzen
wir unsere Hoffnung auf ein wiedervereinigtes Europa.
Die Grundsätze
der Schlußakte sind - wenn sie von
allen
Teilnehmerstaaten
der
KSZE
vollständig in die Tat umgesetzt werden - das Versprechen auf ein Europa
voller Vitalität, Zuversicht und Fähigkeit zum Fortschritt, eines Europa, für dessen Völker Unabhängigkeit
und Freiheit gesichert sind.
In der Schlußakte wurde erkannt,
daß Frieden nicht nur die Abwesenheit
von Krieg bedeutet.
Wirklich konstruktive
europäische
Beziehungen
sind mehr als nur das Faktum des diplomatischen Dialogs. Um mit den Worten von Präsident Reaganzu sprechen:
"Wahrer Frieden gründet sich auf die
Säulen der Freiheit des einzelnen,
der Menschenrechte, der
nationalen
Selbstbestimmung und des Respekts für
die Regeln des Gesetzes."

- 2 -

�Die Bedeutung Europas für Amerika
Ich bin nach Wien gekommen, um
erneut die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten zu bekräftigen, entschieden
- gemeinsam
mit
unseren
Freunden - für die Unterstützung der
vollständigen Anwendung der Prinzipien
der
Schlußakte
einzutreten.
Diese Prinzipien
liefern auch die
Grundlage für unsere eigene Politik.
Das amerikanische Volk
unterstützt
voll und ganz das Ziel einer wiedervereinten, freien und
unabhängigen
Gemeinschaft
der
Staaten
Ost- und
Westeuropas.
Diesem Ziel sind wir,
und nicht etwa als Außenseiter, verpflichtet. Als Erben und Kinder Europas teilen wir die Hoffnungen und
beteiligen uns an den Verpflichtungen
für Europa. Europa und Amerika sind
durch die Bande der Geschichte, der
Familien, der breitgestreuten gemeinsamen
Interessen
und
gemeinsamer
Wertvorstellungen
eng
miteinander
verbunden; nur auf unsere eigene Gefahr hin können wir die Bedeutung und
Stärke dieser Bande außer Acht lassen.
Sicherheit und Wohlstand unserer
Völker sind eng miteinander verbunden. Wir haben - durch die Zeit nach
dem Ersten Weltkrieg - aus unseren
bitteren
Erfahrungen
gelernt,
daß
sich die Vereinigten Staaten nicht
von Europa abwenden können. Der Isolationismus war ein Kurs, der uns ins
Unglück gestürzt hat, und wir sind
entschlossen, ihn nicht zu wiederholen. In den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hat sich Amerika wieder mit
den Staaten Europas zusammengeschlossen - einmal, um die Geisel der Tyrannei zu besiegen und dann, um Europa dabei zu helfen, seine Stärke mit
Hilfe des genau vor vierzig Jahren
begonnen Marshall-Planes wiederzuerlangen.
Heute

drücken

die

Vereinigten

Staaten ihren Einsatz für Europa auf
vielfältige Art und Weise aus. Unsere aktive Teilnahme an der KSZE ist
nur eine davon. Wir glauben, daß wir
bei der Verwirklichung der Zielsetzungen der KSZE eine positive und
wichtige Rolle spielen müssen. Diese
Rolle werden wir weder aufgeben noch
verringern.
Das amerikanische Volk glaubt an
die in der Schlußakte niedergelegten
Grundsätze von Freiheit und Offenheit. Wir vertrauen auf die Lebensfähigkeit unserer demokratischen Werte, und wir sind stolz darauf, sie in
einem offenen und friedlichen Wettbewerb mit anderen Werten zu prüfen.
Aber wir versuchen weder, anderen unsere Werte aufzuzwingen, noch können
wir akzeptieren, daß einige Regierungen den Anspruch auf ein vermeintlich
verbrieftes Recht erheben, ihre eigene Ideologie durch Gewalt oder subversive Mittel zu exportieren.
Wir
respektieren, daß andere Gesellschaften anderen Normen folgen, aber wir
können nicht die Taten solcher Regierungen ignorieren, die ihrer Bevölkerung die grundlegenden Menschenrechte
verweigern. Wir fordern keine militärische
Überlegenheit
für
uns
selbst, aber wir können auch nicht
den Anspruch anderer auf ein Recht
sogenannter "gleicher Sicherheit" akzeptieren, das für die jeweiligen
Nachbarstaaten Unsicherheit mit sich
bringt.
Wir haben versucht, die Staaten
Osteuropas und die Sowjetunion zu einer konstruktiven Diskussion über all
die Themenkreise zu bewegen, die uns
trennen. wir machen uns keine Illusionen darüber, daß unsere - auf so
ganz anderer Vorstellung von Individuum und Staat beruhenden - Verschiedenheit auf einfache Art und Weise
gelöst werden kann.
Aber wir glauben, daß es möglich ist, in den Ost-

- 3 -

�West-Beziehungen ein größeres gegenseitiges Verständnis und Vertrauen
aufzubauen.
Im Bereich der nuklearen Rüstungskontrolle könnten wir bei unseren jüngsten Diskussionen mit den Sowjets eine Wasserscheide erreicht haben.
Bei anderen Themenkreisen
Menschenrechte und regionale Konflikte - fehlt auch weiterhin jede positive Bewegung. Um den Portschritt in
all diesen Bereichen zu fördern, hat
sich Präsident Reagan im vergangenen
Monat mit Generalsekretär Gorbatschow
in Reykjavik getroffen.
Sie haben
ihre - vor einem Jahr in Genf begonnene - Diskussion über die gesamte
Bandbreite der zwischen Ost und West
anstehenden Themen fortgeführt. Ihr
zweitägiges Treffen hat ein neues Kapitel in unserem Dialog auf höchster
Ebene eingeleitet. Grundlegende Differenzen bestehen weiterhin; dennoch
haben der Präsident und der Generalsekretär ihr früheres Abkommen darüber bestätigt, daß es wünschenswert
ist, die Beziehungen weiter auszubauen und nach Übereinstimmungen zu
streben, wo immer das möglich ist.

Möglichkeiten für Fortschritte bei
der Rüstungskontrolle
Wenden wir uns zunächst der Rüstungskontrolle zu.
Dort gibt es
jetzt viel zu tun. Die in Reykjavik
erzielten Fortschritte müssen energisch weiterverfolgt werden. Was uns
angeht, so sind die amerikanischen
Verhandlungsführer bereit, dies auf
schöpferische Art und Weise und ohne
Verzug zu tun. Ich werde heute noch
und auch morgen den sowjetischen Außenminister Schewardnadse treffen, um
unseren Meinungsaustausch fortzusetzen. Ich möchte noch sagen, daß wir
eine hochkarätige Delegation mitgebracht haben, zu der unsere drei maß-

geblichen Unterhändler in Genf gehören.
Die Vereinigten Staaten suchen
seit langem nicht nur Begrenzungen
für das künftige Wachstum bei den sowjetischen und amerikanischen Atomwaffen, sondern deren substantielle
Verringerung.
Deshalb fühlten wir
uns ermutigt, als der Präsident und
Generalsekretär
Gorbatschow
sich
grundsätzlich darauf einigten, als
ersten Schritt eine 50prozentige Verringerung der sowjetischen und amerikanischen strategischen atomaren Offensivwaffen in einem Fünfjahreszeitraum vorzunehmen. In bezug auf atomare Mittelstreckenraketen erzielten
wir eine Einigung über noch drastischere Einschnitte, von heute 1 300
Gefechtsköpfen auf seiten der Sowjets
auf lediglich 100 Gefechtsköpfe für
jede Seite weltweit bei INF-Systemen
mit längerer Reichweite.
Außerdem
sollte eine Obergrenze für INF-Systeme kürzerer Reichweite festgelegt und
auch Verhandlungen über ihre Verringerung abgehalten werden.
Unsere beiden Staaten haben heute
eine historische Chance, schnell zu
einer formellen Einigung über diese
Reduzierungen bei offensiven Atomwaffen zu kommen. Wir bauen darauf, daß
die Sowjetunion sich uns dabei anschließt. Der Präsident und der Generalsekretär haben den Grundstein
für eine Verbesserung der Verifikation bestehender Vereinbarungen zur
Begrenzung
von
Atomtests
gelegt.
Beide Seiten haben vorgeschlagen,
Verhandlungen zur Testfrage auf den
Weg zu bringen, und sie haben eine
Tagesordnung diskutiert, die den Anliegen beider Seiten gerecht würde.
Wichtige
Meinungsunterschiede
zur
Frage der strategischen Verteidigung
bleiben bestehen. Der Präsident reagierte auf sowjetische Besorgnisse,
indem er vorschlug, daß beide Seiten

�in einem Zeitraum von zehn Jahren ihre
strategischen
Verteidigungsprogramme auf Forschung, Entwicklung und
Testaktivitäten beschränken, die im
Rahmen des ABM-Vertrages zulässig
sind. Dies würde in einem Zusammenhang mit ständigen Verringerungen bei
den amerikanischen und sowjetischen
Offensivkräften stattfinden und im
Verlauf dieses Jahrzehnts zur Abschaffung
der
offensiven ballistischen Raketen führen, und zwar in
beiderseitigem
Einverständnis, daß
jede Seite danach das Recht hätte,
moderne Vereidigungssysteme zu stationieren, falls keine anderen Vereinbarungen getroffen werden.
In Reykjavik wollte die Sowjetunion jedoch noch weiter gehen - sie
wollte über die bestehenden Regelungen des ABM-Vertrages hinaus unsere
Forschungsarbeiten derart beschränken, daß das amerikanische SDI-Programm außer Funktion gesetzt würde.
Dies

können

wir

nicht

akzeptieren.

Der Westen benötigt ein energisches
SDI-Programm, wie es gemäß ABM-Vertrag zulässig ist - als Investition
und Rückversicherung für ein sichereres
und
stabileres
strategisches
Gleichgewicht, ein Gleichgewicht, das
nicht mehr nur auf der Androhung gegenseitiger Vernichtung beruht. Verteidigungssysteme können sogar den
Weg zu noch ehrgeizigeren Verringerungen der offensiven Atomwaffen eröffnen als jene, die ich schon erwähnt
habe.
Solche Reduzierungen
können jedoch nur dann realisiert
werden, wenn wir die Fortschritte in
der Behandlung der Gründe erzielen,
aus denen die westliche Abschreckung
heute auf Atomwaffen gegründet sein
muß. Dazu gehören die Unsicherheit
und Ungewißheit, die der Warschauer
Pakt durch die Stationierung massiver
konventioneller Kräfte, einschließlich des großen Potentials an chemischen Waffen hervorgerufen hat. Zu-

sammen mit unseren NATO-Verbündeten
haben wir versucht, dieses Ungleichgewicht
bei
den
konventionellen
Streitkräften innerhalb der andauernden MBFR-Gespräche zu behandeln. Gegen Ende vorigen Jahres hat die westliche Seite bei den MBFR-Verhandlungen einen wichtigen neuen Vorschlag
auf den Tisch gelegt, der darauf angelegt
war, die Besorgnisse des
Ostens zu berücksichtigen und den Weg
zu einer Einigung zu bereiten. Der
Osten hat darauf noch nicht konstruktiv reagiert.
Die Vereinigten Staaten sind dem
Ziel einer Stärkung der Stabilität
und Sicherheit in ganz Europa verpflichtet. Wir glauben, daß dieses
Ziel durch vermehrte Offenheit und
die Schaffung eines überprüfbaren,
umfassenden und stabilen Gleichgewichts der konventionellen Streitkräfte auf niedrigerem Niveau gefördert werden kann. Im vergangenen Mai
haben

die

Außenminister

der

NATO-

Staaten die Bedeutung dieser Aufgabe
anerkannt. Zusammen mit unseren Verbündeten untersuchen wir gegenwärtig,
wie die ziele, die in unserer Erklärung von Halifax zur konventionellen
Rüstungskontrolle formuliert wurden,
am besten zu verwirklichen sind.

Die Bedeutung der Menschenrechte
Rüstungskontrolle
kann
jedoch
als Prozeß nicht losgelöst von anderen Quellen der Spannungen in den
Ost-West-Beziehungen
existieren.
Wenn Rüstungskontrollmaßnahmen einen
bedeutsamen Beitrag zur Stabilität
leisten sollen, dann können sie nur
Bemühungen zur Beseitigung grundlegenderer Ursachen von Verdächtigungen
und politischer Konfrontration verstärken, nicht ersetzen.
Nirgends
hat das Problem des Mißtrauens und
der Spaltung zwischen Ost und West

- 5-

�eine größere Bedeutung als im europäischen Kontext.
Seit 1945 werden
dieser Kontinent und seine Bewohner
von einer künstlichen Barriere geteilt. Diese Barriere ist nicht vom
Westen errichtet worden.
Die Mitglieder des atlantischen Bündnisses
und die verschiedenen neutralen und
blockfreien Staaten Europas haben weder die Trennung von Familien erzwungen, noch haben sie unseren Bürgern
das Recht auf Bewegungsfreiheit verweigert. Wir haben nicht danach gestrebt,
unsere
Gesellschaften
von
konkurrierenden Ideen abzuschotten durch Pressezensur, Störung von Radiosendungen oder andere Mittel. Wir
haben keine Drohungen oder bewaffnete
Interventionen benutzt, um einzelne
Länder zur Blockdisziplin zu zwingen.
Die Schlußakte von Helsinki und das
Schlußdokument von Madrid gehen umfassend auf das Dilemma des geteilten
Europa ein. Sie erkennen an, daß die
Freiheit einzelner Männer und Frauen
ein grundlegendes Element von Stabilität und Sicherheit in Europa sein
muß. Wenn die Gerechtigkeit verletzt
und die Freiheit verwehrt wird, dann
wächst unvermeidlich das Konfliktpotential zwischen den Staaten.
Der
delikate Prozeß der Bildung von Vertrauen, Zusammenarbeit und Sicherheit
wird untergraben.
Präsident Reagan
hat dies am besten ausgedrückt als er
erklärte:
"Einer Regierung, die das
Vertrauen ihrer eigenen Bevölkerung
bricht, kann man nicht trauen, wenn
es darum geht, Vereinbarungen mit
ausländischen Mächten zu halten....
Wir messen Worten, die bei Treffen
ausgesprochen werden, weniger Bedeutung bei als den Taten, die darauf
folgen."
Die Verpflichtungen der Schlußakte stellen ein notwendiges Gleichgewicht
her
zwischen den verwandten
Problemen der militärischen Sicherheit, des politischen Vertrauens, der
- 6

wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der
grundlegenden
Menschenrechte
und
Freiheiten
sowie
der
zwischenmenschlichen Kontakte. Es ist wichtig,
daß wir dieses Gleichgewicht
aufrechterhalten.
Wir
sollten
Fortschritte in all diesen Bereichen begrüßen und ermutigen.
Wir sollten
jedoch nicht glauben, irgendein einzelnes Element allein könne ausreichend sein, um das Ganze zu tragen.
Das Versäumnis unsererseits, die volle Anwendung der Schlußakte anzustreben - unsere Duldung einer selektiven
Einhaltung dieser Verpflichtungen würde weitere Bemühungen einer stabileren Friedenssicherung untergraben.
Ungeduld bei den Schwierigkeiten zur
Sicherstellung der Einhaltung sollte
uns nicht dazu veranlassen, an weiteren Verhandlungen
um ihrer selbst
willen teilzunehmen. Wir müssen der
Vorstellung widerstehen, daß die Herbeiführung eines Konsenses Kompromisse verlangt, die von der Schlußakte
versprochene
Rechte verändern
oder
verweigern. Ein Ausweg aus der Verletzung
bestehender
Verpflichtungen
kann nicht dadurch gefunden werden,
daß wir uns in neue Verpflichtungen
flüchten.
Bei einer Rückschau auf die Anwendung der in der Schlußakte enthaltenen Verpflichtungen können wir einige bedeutende Ergebnisse feststellen.
Während des vergangenen Jahrzehnts hat unter dem Schirm der KSZE
eine
bemerkenswerte Ausweitung
der
menschlichen
Kontakte
zwischen Ost
und West stattgefunden. Sie hat den
gegenseitigen Austausch von einfachen
Menschen über die Grenzen eines immer
noch geteilten Europa hinweg gefördert.
Aufbauend auf der Schlußakte
hat das Schlußdokument
von Madrid
wichtige neue Verpflichtungen im Hinblick
auf
Menschenrechte,
gewerkschaftliche und religiöse Freiheiten
und
Familienzusammenführung
hinzu-

�gefügt.
Das Madrider Schlußdokument hat
außerdem
die Unannehmbarkeit
einer
direkten oder indirekten Unterstützung des Terrorismus als Grundprinzip
niedergelegt. Es forderte verstärkte
internationale
Zusammenarbeit
beim
Kampf gegen diese Bedrohung. Traurigerweise haben die Ereignisse der
vergangenen Monate die dringende Notwendigkeit einer solchen Zusammenarbeit noch unterstrichen.
In Stockholm haben unsere Staaten
eine Übereinkunft zu vertrauensbildenden Maßnahmen im militärischen Bereich angenommen.
Wenn sie getreulich angewandt wird, dann ist diese
Übereinkunft dazu angetan, das Risiko
eines Konflikts in Europa zu vermindern, indem militärische Aktivitäten
berechenbarer und Möglichkeiten politischer
Einschüchterung
verhindert
werden.
Aber der Erfolg beim Stockholmer
Treffen in diesem Herbst wirft nur
ein umso deutlicheres Licht auf den
enttäuschenden Mangel an Fortschritt
bei anderen Aspekten der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa.
Insbesondere sind wir noch
immer bei den Ostblockstaaten Zeuge
einer tragischen Situation im Bereich
der Menschenrechte.
Die Liste der
ständigen
MenschenrechtsVerletzungen
ist erschreckend lang.
In der Sowjetunion
schmachten
41 Mitglieder
der zur Überwachung der Verwirklichung der Schlußakte von Helsinki gegründeten Bürgerrechtsgruppe - unter
ihnen Anatoli Martschenko und Anatoli
Korijagin - in der Verbannung. Noch
viele andere Sowjetbürger sind wegen
des
Versuchs
eingekerkert,
ihre
Grundrechte auszuüben.
Dazu gehören
Russen, Ukrainer, Balten, Juden sowie
Männer und Frauen anderer Nationalitäten.
Einer der
herausragendsten

Bürger
des
Landes,
Dr.
Andrej
Sacharow, lebt noch immer in der Verbannung, in der Ausländern nicht zugänglichen Stadt Gorki von der Außenwelt abgeschlossen.
Die Schlußakte
von Helsinki und die Universelle Erklärung der Menschenrechte sind feierliche Übereinkommen, auch von der
Sowjetunion freiwillig unterzeichnet,
in denen das Recht auf Auswanderung
festgehalten
ist.
Diese
Abkommen
sind ebenso ernst, durch ihre Unterzeichnung ebenso bindend wie jede Rüstungskontrollvereinbarung, die sich
denken läßt. Deshalb sind auch hier
Verifikation
und Einhaltung
gefordert. Und doch wird Eheleuten amerikanischer Bürger
das Ausreisevisum
verweigert, wird Hunderttausenden von
jüdischen Bürgern der Sowjetunion genau wie armenischen, deutschen und
anderen - die Erlaubnis zur Auswanderung verwehrt. Dies ist eine direkte
Verletzung - klar, eindeutig, unmißverständlich - dessen, wozu sich das
Land mit seiner Unterschrift verpflichtet hat.
Andernorts im Osten wurden Mitglieder der Charta 77, der Katholischen Kirche und der Jazzmusikerabteilung der Musikergewerkschaft entweder belästigt oder verhaftet - etwa
in der Tschechoslowakei. Die mutigen
Mitglieder von Solidarnosc mußten in
Polen Xhnliches erleiden. Das Recht
zur Ausübung der Religion und zur
Wahrnehmung kultureller und nationaler Rechte wird auch weiterhin vielen
Männern und Frauen in vielen Ostblockstaaten ungehindert beschränkt.
Dies gilt insbesondere für religiöse,
kulturelle oder ethnische Minderheiten - wie sich dies jüngst erst wieder in dem Programm der forcierten
kulturellen Assimilierung der türkischen Bürger Bulgariens zeigte.
Obwohl sich die schwerwiegendsten
Verletzungen der in Helsinki einge-

- 7 -

�gangenen Verpflichtungen im Bereich
der Menschenrechte zutragen, streben
die Vereinigten Staatgen doch ausgewogenen Fortschritt bei allen Aspekten des KSZE-Prozesses an. Beim Wiener Treffen werden wir mit allen interessierten Staaten auf eine umfassende Verwirklichung der Verpflichtungen hinarbeiten, wie sie in der
Schlußakte von Helsinki, dem Madrider
Abschlußdokument und im Stockholmer
Dokument enthalten sind.
Im
Bereich
der
Menschenrechte
werden wir uns um die vollständige
Einhaltung der Verpflichtungen bemühen, wie sie bereits von all den Unterzeichnerstaaten
der
Schlußakte
eingegangen wurden. Wir bemühen ums
um Schritte, die uns der Verwirklichung der ziele näherbringen, wie sie
unter Prinzip VII und Korb III formuliert wurden.
Im Bereich der Wirtschaftsbeziehungen sind wir bereit, entsprechend
der Bestimmungen der Schlußakte neue
Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zu
erkunden.
Im Bereich der Information werden
wir uns um eine Stärkung und Ausweitung der Verpflichtungen bemühen, die
Hindernisse bei der Kommunikation abzubauen,
insbesondere, die Störung
von Rundfunksendungen - eine Verletzung einer internationalen Übereinkunft, wie dies auch von den Vereinten Nationen dokumentiert ist. Derlei muß aufhören.
Im Bereich der Sicherheit begrüßen wir das positive Ergebnis von
Stockholm.
Die Vereinigten Staaten
werden den Wortlaut der Stockholmer
Vereinbarung rasch und vollständig in
die Tat umsetzen.
Wir drängen darauf, daß alle anderen Gleiches tun.
Die vollständige Einhaltung durch die
Sowjetunion, insbesondere der Verifi-

zierungsbestimmungen des Stockholmer
Dokumentes, wird ein wichtiger Gradmesser für die Möglichkeiten weiteren
Fortschritts im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle sei.
Die Details der Stockholmer Vereinbarung zeigen, daß es noch immer
erhebliche Möglichkeiten für Verbesserungen im Bereich der Vertrauensund
Sicherheitsbildung
gibt.
Das
Konzept der Offenheit, das im Mittelpunkt aller Versuche zur Verringerung
der
Gefahr
eines
Überraschungsangriffs steht, muß erst noch gänzlich
verwirklicht
werden.
Daher
liegt
noch immer eine wichtige Aufgabe vor
der KSZE - Förderung der umfassenden
Verwirklichung der KVAE und Untersuchung der Möglichkeiten, wie die in
Stockholm begonnene Arbeit zur Verstärkung der Vertrauensbildung fortgeführt werden kann.
Die
Intensität
unserer
eigenen
Verpflichtung zum Erfolg dieses Folgetreffens kam in dem außergewöhnlichen Maß an Zusammenarbeit zwischen
unserer Regierung und dem Kongreß bei
der Vorbereitung dieses Treffens zum
Ausdruck, unsere Delegation wird von
einem unserer erfahrensten Leute der
KSZE-Diplomatie, Botschafter
Warren
Zimmermann, geleitet. Er hat eng mit
der
amerikanischen
KSZE-Kommission,
unter der fähigen Führung von Senator
Alfonse D* Amato und des Kongreßabgeordneten steny Hoyer, zusammengearbeitet.
Zu seiner Delegation gehört
eine ganze Reihe hervorragender Privatleute. Sie hat eine ganze Reihe
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen konsultiert.
Diese Delegation
repräsentiert
die
Vielfalt
Amerikas und die europäischen Wurzeln
Amerikas.
Ihre Stimme ist ein Echo
der Hoffnungen und Anliegen des amerikanischen Volkes.

- 8 -

�Die Zukunft
Herr Vorsitzender, ich habe vorhin
von der Vergangenheit - ihren überkommenen Teilungen - und von der Zukunft - ihren Verheißungen eines wiedervereinten Europa - gesprochen.
Die noch immer bestehende Teilung Europas ist eine Quelle der Spannung,
die zeitweilig uns alle bedrohte.
Was aber am wichtigsten ist, sie bedeutet eine tödliche Unterdrückung
von Pluralismus, Offenheit und ungehinderter Erkenntnissuche für Menschen und Gesellschaften einiger der
hier vertretenen Staaten.
Da wir
nicht versucht haben, vor unseren eigenen Völkern Barrieren zu errichten,
haben die Nationen Westeuropas, Nordamerikas und Ostasiens wie auch anderer Weltgegenden die Wiederversöhnung
ehemaliger Feinde und eine dramatische Zunahme von Wohlstand und schöpferischen Leistungen erlebt.
Ihre
Erfolge, der Antrieb für diese Portschritte gründen sich auf die Ideen
und Werte, wie sie in der Schlußakte
enthalten sind, einschließlich des
Glaubens an
- menschlichen Fortschritt,
- geistige Freiheit,
- politische und religiöse Toleranz
und
- die demokratischen Rechte und den
schöpferischen Genius des Individuums.

ist unsere gemeinsame Verpflichtung,
alles zu tun, damit dieses Versprechen erfüllt wird,

Wir in Amerika warten auf eine
Zeit, da alle Menschen in der Gemeinschaft der KSZE Teil an diesem Geist
der Offenheit und der Kreativität haben und an einer ähnlichen Freisetzung der geistigen und sozialen Energie teilhaben können. Unser ziel ist
eine Zukunft, in der alle Völker der
hier vertretenen Staaten, der kleinen
wie der großen, gedeihen und dadurch
zu einem sichereren Frieden und größerer Freiheit beitragen können. Das
ist das Versprechen von Helsinki. Es
- 9 -

*****

�reo STV

AMERIKA DIENST
Dokumentation

VDN^

12. November 1986

38
SHULTZ ENTTXüSCHT VON

RÜSTUNGSGESPRXCHEN

- Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz vom 6. November 1986 WIEN - (AD) - In einer einführenden Erklärung zu Beginn seiner Pressekonferenz in Wien hat Außenminister Shultz am 6. November 1986 erklärt, daß seine
soeben beendeten Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse
keine bedeutenden Fortschritte bei Rüstungskontrollfragen gebracht hätten.
"Ich kann nicht behaupten, daß diese Treffen irgendeine wichtige Bewegung in
Sachen Rüstungskontrolle gebracht haben, und ich bedauere dies", sagte Shultz.
Nachfolgend bringen wir die Erklärung des amerikanischen Außenministers im
Wortlaut:

Wir sind mit der festen Absicht
hierher gekommen, auf den Ergebnissen
von Reykjavik aufzubauen.
Außerdem
waren wir bereit, dies mit Geduld zu
tun, was auch der Fall sein muß, da
der Rhytmus und das Tempo dieser Verhandlung von keiner Seite der anderen
aufgezwungen werden kann.
Ich kann
nicht
von Fortschritten
berichten,
wie wir sie gern erzielt hätten. Wir
werden aber weiterhin auf Fortschritte in allen Bereichen unserer breitgefächerten Tagesordnung mit der Sowjetunion hinarbeiten.
Ich habe gerade

fünfstündige Ge-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

spräche
mit
Außenminister
Schewardnadse,
darunter
ca.
drei
Stunden unter vier Augen, abgeschlossen.
Die Treffen befaßten sich mit
allen vier Bereichen unserer Tagesordnung. Die amerikanische Seite ist
hierher gekommen, um die Ergebnisse
von Reykjavik festzuklopfen und auf
ihnen aufzubauen.
Wir haben unsere
führenden
Experten mitgebracht, um
hier die Art intensiver Gespräche
durchführen zu können, die während
der letzten Monate zu Fortschritten
geführt hat.
Die Experten tagten
gestern über drei Stunden lang. Ich

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�kann nicht behaupten, daß diese Treffen irgendeine wichtige 3ewegung in
Sachen Rüstungskontrolle gebracht haben, und ich bedauere dies. Es gab
Bewegung in anderen Sereichen, und
ich werde Ihnen darüber nun berichten.

genwärtig studieren sie diesen Vorschlag und ich erwarte, daß wir sie
zu gegebener zeit in Angriff nehmen
werden.

Zu bilateralen Angelegenheiten.
Zunächst zu den Menschenrechten
Ich benutzte unser Vieraugengespräch dazu, in eingehender und offener Weise unsere dringendsten Anliegen zu den Menschenrechten und humanitären Fragen zur Sprache zu bringen. Im Verlauf der Gespräche drängten wir die Sowjets, einen regelmäßigen Prozeß zur Überprüfung solcher
Anliegen ins Leben zu rufen.
Wir
glauben, sie stimmen mit uns jetzt
überein, daß diese Fragen Teil der
regelmäßigen Überprüfungen zu bilateralen Themen sein sollen, und wir
werden sie dabei zur Sprache bringen.
Ich werde selbstverständlich weiterhin diese Probleme auf meiner Ebene
aufgreifen, so wie wir dies bei allen
Treffen mit den Sowjets tun werden.
Es ist wichtig, daß es den Sowjets
bewußt wird, welch große Bedeutung
wir im Westen sowjetischen Menschenrechtsverletzungen
beimessen
und
welch ernstes Hindernis sie für langfristige Fortschritte in unseren Beziehungen darstellen.

zu regionalen Problemen
Es hat eine Ausweitung des Dialogs stattgefunden.
Wir haben 1985
eine Serie von Expertentreffen abgehalten, und wir haben diese Serie
dieses Jahr wiederholt.
Im August
haben wir ein neues, breitgefächertes
Treffen auf Unterstaatssekretärsebene
eingeführt.
Wir haben den Sowjets
gegenüber vorgeschlagen, daß wir mit
der Planung einer neuen Serie derartiger Treffen beginnen sollten. Ge-

In Reykjavik haben wir uns auf
ein ziemlich ehrgeiziges Programm bilateraler Aktivitäten geeinigt. Diese Arbeit ist seitdem weitergegangen
und hat zu Ergebnissen geführt.
In
der vorigen Woche haben wir uns beispielsweise auf grundlegende Elemente
der Zusammenarbeit beim zivilen Raumfahrprogramm
verständigt.
Es
gab
auch in anderen Bereichen - wie etwa
Kernfusion, Verkehrswesen und Energie
gute
Gespräche.
Außenminister
Schewardnadse und ich waren darüber
einig, daß dieses bilaterale Arbeitsprogramm weitergeführt werden sollte.
Wir haben ausführlich über die
Kontrolle von Atomwaffen gesprochen.
Seit Reykjavik war es unser ziel, auf
den dort erreichten Ergebnissen aufzubauen und sie bei den Genfer Verhandlungen in Taten umzusetzen. Und
tatsächlich
haben . die
Vereinigten
Staaten dies getan, indem sie die Ergebnisse von Reykjavik zum Bestandteil unserer Verhandlungsposition in
Genf gemacht haben.
Wir sind deshalb nach Wien gekommen, um den in Reykjavik erzielten
Fortschritt zu bestätigen.
zusätzlich gibt es noch einige sehr wichtige Bereiche bei allen drei Verhandlungsgebieten von Genf, in denen Meinungsverschiedenheiten
bestehen
START, INF und Weltraumverteidigung.
Wir sind in der Hoffnung hierher gekommen, diese unterschiedlichen Haltungen diskutieren, klarstellen und,
wenn möglich, verringern zu können.
Mit anderen Worten: Wir sind hierher
gekommen, um Fortschritte zu errei-

- 2 -

�chen. Wir haben unsere Rüstungskontrollexperten mitgebracht, und wir
hatten Papiere zu jedem der wichtigen
Themen hinsichtlich der Kontrolle von
Atomwaffen erstellt.
Diese Papiere
enthielten sowohl Gebiete der Übereinstimmung wie auch solche mit unterschiedlichen Haltungen. Wir haben
darin unsere Positionen sowie unsere
Einschätzung der sowjetischen Positionen klar zum Ausdruck gebracht.
Leider
war
es
nicht
möglich,
Fortschritte
zu erzielen, wie wir
dies erhofft hatten.
Diese Fragen
werden von unseren Unterhändlern in
Genf weiterverfolgt werden, indem sie
weiterhin die neuen Vorschläge der
Vereinigten Staaten erläutern, die
den
in Reykjavik
erzielten
Fortschritt
widerspiegeln.
Um
den
Schwung nicht erlahmen zu lassen, haben wir außerdem vorgeschlagen, daß
die amerikanischen und sowjetischen
Experten sich zwischen den Runden der
Nuklearund Weltraumgespräche treffen
- die gegenwärtig laufende wird Anfang nächster Woche zu Ende gehen und
die nächste wird erst im Januar beginnen.
Wir haben also vorgeschlagen, daß die Experten sich treffen,
wie sie dies vergangenen Sommer getan
haben und sich darüber Gedanken machen, ob Fortschritte möglich sind,
wie sie dies im vergangenen Sommer
taten. Dieses Angebot liegt auf dem
Tisch. Wir haben eine Sprachregelung
vorgeschlagen, die es erlauben würde,
mit Verhandlungen zur Atomtestfrage
zu beginnen.
Die Sowjets schienen
kein Interesse daran zu haben.
Der
Außenminister und ich haben uns über
Rüstungskontrolle im konventionellen
Bereich und über chemische Waffen unterhalten.
Ich habe dabei betont,
daß Fortschritte auf diesen Gebieten
notwendigerweise Fortschritte bei der
Verringerung von Atomwaffen begleiten
müßten. Ich führte außerdem aus, daß
in beiden Fällen die Verifikation ein

Schlüsselfunktion
hat.
Wir
warten
weiterhin auf ernsthafte sowjetische
Bemühungen,
auf
unsere
diesbezüglichen Vorschläge einzugehen.
Wir haben den Sowjets ein Paket
vorgelegt, in dem das enthalten war,
worüber
unserer
Meinung
nach
in
Reykjavik Einigung erzielt wurde und
wo Unterschiede bestehen. wir haben
darin unsere Position und unsere Einschätzung ihrer Position dargelegt.
Lassen sie mich auf
Gebiete eingehen.

jedes dieser

Zu START
Den Ausgangspunkt bildet die Einigung von Reykjavik auf 1 600 Interkontinentalraketen,
U-bootgestützte
ballistische Raketen und schwere Bomber. Zu diesen Systemen würden maximal
6 000
Gefechtsköpfe
gehören.
Darin herrschte Übereinstimmung. Wir
haben die in Reykjavik erarbeitete
Zählregelung für Bomber wiederholt.
Der nächste von uns vorgeschlagene Schritt sieht vor, innerhalb dieses Rahmens untergrenzen hinzuzufügen.
Wir
haben Untergrenzen
von
4 800
Gefechtsköpfen
auf
ballistischen Raketen, 3 300 ICBM-Gefechtsköpfen sowie 1 650 Gefechtsköpfen auf
erlaubten ICBM, außer den auf leichten und mittleren silogestützten ICBM
mit sechs oder weniger Gefechtsköpfen
montierten,
vorgeschlagen.
Diese
Zahlen stellen eine substantielle Bewegung in Richtung auf die sowjetische Position dar. Diese Verringerungen würden phasenweise durchgeführt und bis Ende 1991 beendet.
Wir haben außerdem Verifikationsvorschläge
gemacht,
über
die
im
Grundsatz in Reykjavik gesprochen und
Einigung erzielt worden war.
Diese

- 3 -

�sehen umfassenden Datenaustausch, Beobachtungen vor Ort der Reduzierung
auf vereinbarte Stärken, eine wirksame Überwachung verbleibender Bestände
und damit verbundener Einrichtungen,
einschließlich Inspektionen vor Ort,
vor.
Dies ist im Grundsatz unsere Position bei START.
Dort ist unserer
Meinung nach in Reykjavik Übereinstimmung erzielt worden und es ist
wichtig, dort weiterzumachen.

in Reykjavik geeinigt hatten.
Diese
Obergrenzen würden in Kraft bleiben,
bis sie durch eine Vereinbarung über
weitere Verringerungen ersetzt werden.
Anschlußverhandlungen mit dem
Ziel einer weltweiten Abschaffung von
INF-Raketen längerer Reichweite auf
beiden Seiten würden zu einem bestimmten Termin beginnen. Diese würden auch die Frage der INF-Raketen
kürzerer Reichweite einbeziehen.

Zur Weltraumverteidigung
2U INP
Unser Vortrag zu INF begann mit
der Lösung, zu der in Reykjavik Einigung erzielt worden war - die Beschränkung
auf
100
Gefechtsköpfe
weltweit auf jeder Seite bei den Mittelstreckenraketen längerer Reichweite.
Die 100 Gefechtsköpfe der sowjetischen Seite würden im asiatischen Teil der Sowjetunion stationiert werden, die 100 amerikanischen
in den Vereinigten Staaten.
Keine
Seite würde solche Raketen in Europa
stationieren. Grundsätzlich war dies
die Einigung von Reykjavik.
Diese
Reduzierungen
würden
phasenweise
durchgeführt und bis Ende 1991 abgeschlossen werden.
Wir haben unsere
Position
zu den Raketen
kürzerer
Reichweite erklärt, wonach deren Anzahl auf oder unter das gegenwärtige
sowjetische Niveau beschränkt werden
sollte und daß die Vereinigten Staaten selbstverständlich das Recht auf
die gleiche Anzahl besäßen. Wir sehen, daß die Sowjets der Überzeugung
sind, ihr heutiges Monopol bei diesen
Waffen solle eingefroren werden. Wir
können dies nicht akzeptieren.
In bezug auf INF haben wir dieselben Verifikationsgedanken
vorgebracht, die ich soeben für START
nannte und auf die wir uns im Prinzip

Wir
haben
unsere
Bereitschaft
wiederholt, zehn Jahre lang auf unser
Recht zur Kündigung des ABM-Vertrages
zu verzichten.
In diesem Zeitraum
würden beide Seiten alle Vorschriften
des ABM-Vertrages strikt einhalten.
Innerhalb der ersten fünf Jahre dieser ZehnJahresfrist würden die strategischen Offensivwaffen beider Seiten um 50 Prozent verringert, wie ich
soeben erklärte.
In den folgenden
fünf Jahren würden nach unserer Position die verbleibenden ballistischen
Offensivraketen beider Seiten beseitigt. Nach der sowjetischen Position
würden alle strategischen Offensivwaffen abgeschafft.
Am Ende dieses
Zehnjahreszeitraums würde es unserer
Ansicht nach jeder der Seiten freigestellt
sein,
moderne
strategische
Verteidigungssysteme zu stationieren,
falls beide Seiten sich nicht anderweitig einigen würden. Wiederum würden die Verifikationsprinzipien, die
ich eben erwähnte, auch auf dieses
Abkommen anzuwenden sein.

Zum Bereich der Verifizierung
Da es in Reykjavik zwischen den
beiden führenden Männern ein erhebliches Maß an Diskussion gab und sie
einander
bestätigten,
daß
umfangreiche und detaillierte Verifizierung

�Abkommen dieses Umfang zu begleiten
hätte, gaben wir zu diesem Thema noch
einige
gesonderte
Erklärungen
ab.
Wir machten im einzelnen unsere Sicht
von der zentralen Rolle der Verifizierung bei diesem Prozeß wie auch
die Notwendigkeit deutlich, parallel
wirksame Maßnahmen auszuhandeln, die
beiden Seiten Vertrauen in die Einhaltung
der
Verpflichtungen
geben
sollten, die übernommen werden.

und, wo möglich, eine Annäherung der
Standpunkte zu erreichen. Der einzig
wirkliche Fortschritt, von dem ich
berichten kann, besteht darin, daß
wir wieder
einmal unsere Position
verdeutlicht haben und unsere Bereitschaft bekräftigten, bei der Beantwortung dieser wichtigen Fragen fortzufahren.

Zur Frage der Atomversuche

* * * * *

Wir umrissen die Basis, auf der
wir bereit sind, Verhandlungen über
die Einstellung von Atomversuchen zu
beginnen.
Bei diesen Verhandlungen
würde es zunächst darum gehen, die
Verifizierungsfragen im Zusammenahng
mit bestehenden Verträgen zu beantworten.
Sobald
es hier
Klarheit
gibt, könnten beide Seiten sofort parallel mit der Verringerung und Beseitigung
von Kernwaffen beginnen,
was letztlich zu einer Einstellung
der Atomversuche führen würde.
Sie können also sehen, daß wir
unsere Sicht der Dinge, wo wir nach
Reykjavik stehen, in einiger Deutlichkeit dargelegt haben.
Die von
uns vorgeschlagenen Abkommen sind für
beide Seiten fair und wären ein dramatischer Schritt vorwärts. Und ich
bin immer noch davon überzeugt, daß
wir in vier oder fünf Jahren beim
Blick zurück auf Reykjavik von einem
ganz entscheidenden Treffen sprechen
werden, wenn Rhythmus und Geschwindigkeit
dieses Prozesses zunehmen.
Wir haben unsere Formulierungen zu
dem vorgelegt, worüber Übereinkunft
erzielt wurde und wo noch Meinungsverschiedenheiten
verblieben
sind,
haben wir unsere Positon und auch unser Verständnis der sowjetischen Position verdeutlicht. Unser Ziel war
es,
unsere
Position
klarzustellen
- 5 -

�^£°s7&lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
12. November 1986

38

NICARAGUA - REVOLUTION IN DER FAMILIE
- Von Shirley Christian Der folgende Text dient der Information
unserer Leser und repräsentiert nicht
die offizielle Politik der Regierung
der Vereinigten Staaten.
Shirley Christian, Trägerin des Pulitzer-Preises für ihre Arbeiten über
Lateinamerika, ist Autorin des Bestsellers "Nicaragua - Revolution in der
Familie". In einem neuen Kapitel der Paperback-Ausgabe dieses Buches,
"Epilog" überschrieben und nachstehend abgedruckt, bringt sie ihre ungeschminkte Darstellung von Nicaraguas Vergangenheit und Zukunft auf den
neuesten Stand.
(Copyright (C): Shirley Christian)
Zu Beginn des Jahres 1986 schien
es für die Lage in Nicaragua keinen
befriedigenden Ausweg zu geben. Auf
der einen Seite gab es ein gut gerüstetes, wegen seiner Außenpolitik
für die Vereinigten Staaten und für
viele andere Länder der Region unannehmbares marxistisches Regime - unannehmbar auch wegen seiner Innenpolitik für jene Nicaraguaner, die politischen
Pluralismus
anstrebten.
Auf der anderen Seite warf die umfangreiche antisandinistische Streitmacht für die Vereinigten Staaten moralische und ethische Fragen auf; zudem fehlte ihren Aktionen die emotio-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

nale Unterstützung der internationalen Staatenwelt, die in den Jahren
1978 und 1979 zur Rechtfertigung der
bewaffneten Opposition gegen Somoza
beigetragen hatte.
Die Sandinistische Front wäre
wahrscheinlich zu einer Fußnote der
Geschichte geworden, wäre vor Ende
1978 ein gemäßigtes Regime in der Lage gewesen, in Nicaragua die Macht zu
ergreifen.
Aber der Carter-Administration gelang es nicht, die Entscheidung zu treffen, die hierfür
notwendig war; sie konnte aber auch

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nicht die Entscheidung treffen, die
militärische und politische Unterstützung Somozas wieder aufzunehmen,
die gleichermaßen den Aufstieg der
Sandinisten verhindert hätte - obgleich aller Wahrscheinlichkeit nach
mit anderen unerwünschten Folgen.
Die Vereinigten Staaten ignorierten
die Bedeutung, die sie selbst für die
Geschichte Nicaraguas hatten, indem
sie sich weigerten, ihre Macht dafür
einzusetzen, Nicaragua beim Aufbau
einer politisch offenen Gesellschaft
zu helfen. Die Carter-Administration
tat keins von beidem: weder stützte
sie Somoza, noch machte sie ihm deutlich, daß er zu gehen habe. Somoza
selbst war zum Ausharren entschlossen
und glaubte angesichts der Unentschlossenheit im Weißen Haus, die
Vereinigten Staaten wieder auf seine
Seite ziehep zu können, um die Guerilla doch noch militärisch zu besiegen.
Der Aufstieg der Somoza-Dynastie
und die Tatsache, daß sie sich fast
ein halbes Jahrhundert an der Macht
gehalten hat, ist eine Last, die beide - die amerikanische wie auch die
nicaraguanische Geschichte - zu tragen haben. Der Kampf der Sandinisten
um die Macht wiederum wurde durch die
Weigerung der Somoza-Seite gefördert,
das politische System all jenen zu
öffnen, die sich an ihm beteiligen
wollten. Aber die These, wonach Diktatur der Rechten Diktatur der Linken
zeugt, ist hier nicht völlig anwendbar. In der Tat erlaubte die SomozaDynastie ein größeres Maß an politischer, sozialer und wirtschaftlicher
Freiheit als die meisten Regime dieser Art, und in diesem Umfeld entwickelten sich auch gemäßigte politische Alternativen zu Somoza. Zum
Teil ergab sich dies aus Nicaraguas
eigener politischer Geschichte. Außerdem trugen die Vereinigten Staaten
über zwei Jahrzehnte hinweg ihr Teil

zur Entwicklung solcher Alternativen
bei: sie gewährten ihre Hilfsprogramme staatlichen wie auch nichtstaatlichen Institutionen, sie unterstützten den Gemeinsamen Markt Mittelamerikas wie auch unabhängige Gewerkschaftsgruppierungen und sie unterhielten Kontakt mit oppositionellen
Politikern. Als das Ganze sich jedoch zuspitzte, fehlte es jedoch an
der Entschlossenheit Somozas wie auch
der
Carter-Administration,
einen
friedlichen Übergang zu gewährleisten. Wegen des Wunsches, das Prinzip der Nichteinmischung hochzuhalten, konnte die Carter-Administration
Somoza nicht zu dem Zeitpunkt zum Abdanken bringen, als eine gemäßigte
Regierungsumbildung möglich gewesen
wäre.
Die Führung der Sandinistischen
Front beabsichtigte die Errichtung
eines leninistischen Systems vom Tag
ihres Einmarsches in Managua an
gleich, ob sie es so nannten oder
nicht.
Ihr Ziel war es, sich die
Mittel zu verschaffen, fast alle Aspekte des nicaraguanischen Lebens zu
kontrollieren - von Bohnen und Reis
bis hin zur Religion. Dies zeigte
sich in Dingen wie etwa der Schaffung
von Blockkomitees und anderen Organisationen unter dem FSLN-B anner, dem
Druck auf die Medien zwecks Unterstützung der FSLN, in der Bedeutung,
die man dem Unterfangen beimaß, die
Kirche der FSLN gegenüber freundlich
zu

stimmen,

im

politischen

Einsatz

der Armee, in der raschen Entwicklung
und Ausweitung des Staatssicherheitsapparats und in den unterschiedlichsten Erklärungen und Dokumenten über
künftige Pläne der FSLN. All dies
tat sich bereits vor Ende 1979, zu
einer Zeit, als die wesentliche Zielsetzung
der
Carter-Administration
hinsichtlich der Sandinisten darin
bestand, nichts zu tun, was den Anschein hätte erwecken können, die
2 -

�Vereinigten Staaten seien dafür verantwortlich, wenn Nicaragua die Richtung Kubas einschlüge. Auch war dies
vor dem Zeitpunkt, als die Republikaner Ronald Reagan zum erstenmal nominiert hatten. Dies zur Wiederlegung
der Argumente, wonach der Antagonismus seitens der Vereinigten Staaten
Nicaragua erst auf den totalitären
Weg gebracht habe. Alle Signale seitens der sandinistischen Führung, irgend etwas anderes als ein leninistisches System in Nicaragua zu beabsichtigen, wurden - wie sie dies auch
mehrere Male eingestand - aus taktischen oder strategischen Überlegungen
gesetzt, nicht aber aus Überzeugung.
Man kann nicht behaupten, die
Sandinistische Front sei von Moskau
oder Havanna ins Leben gerufen worden, aber sicher ist, daß die Sandinisten vom Tag der Schaffung der FSLN
im Jahr 1961 an enge Beziehungen zu
diesen Ländern dachten.
Die Beziehungen zu Kuba wurden durch militärische Ausbildung, Beratung und durch
die Unterstützung ausgebaut, die die
Kubaner den Sandinisten vor und während ihres Aufstand gewährten. Diese
Unterstützung war mit der Verpflichtung verbunden, auch anderen Guerillaorganisationen zu helfen. Nach ihrer Machtergreifung wandten sich die
Sandinisten rasch und gern Moskau zu
- indem sie erst bulgarische Wirtschaftsberater
akzeptierten,
dann
Verbindung zu den Sowjets im militärischen Bereich suchten und sich dann
schließlich den Sowjets im Austausch
für immer mehr Waffen sogar selbst
anboten. In gewissem Sinn verkauften
sie sich selbst, um dadurch die Möglichkeit zu haben, sich angesichts
einer verfehlten Politik und weitverbreitetem Unglück an der Macht zu
halten.
Aber diese Verbindung war
auch Folge des Glaubens der Sandinisten an ihre eigenen Prinzipien,
Folge der ideologischen Überzeugung,

die sie hatten und für die sie den
Zorn der Vereinigten Staaten zu riskieren bereit waren.
Wenn auch das Argument etwas für
sich hat, daß diese militärische Abhängigkeit vom Sowjetblock hätte verhindert werden können, wären die Vereinigten Staaten in den ersten Monaten des neuen Regimes bereit gewesen,
der Sandinistischen
Armee militärische Ausrüstung anzubieten, so ist
es doch sehr wahrscheinlich, daß die
ideologische Loyalität der sandinistischen Führung gegenüber den Marxismus-Leninismus wie auch die Tatsache,
daß die Vereinigten Staaten nie bereit gewesen wären, Waffen in dem Umfang zur Verfügung zu stellen, wie es
die Sandinisten
zur Konsolidierung
ihrer Macht im Innern für notwendig
erachteten, jede derartige Vereinbarung zunichte gemacht hätten.
Die Innenpolitik der Sandinisten
säte den Samen für den Aufstieg der
Contras.
Es waren die gebrochenen
Versprechen und die Ausübung totaler
Macht seitens der FSLN, die viele
derjenigen, die vormals die Opposition gegen Somoza angeführt hatten, danach zur bewaffneten Opposition gegen
die Sandinisten brachten und die dabei Grund zur gemeinsamen Sache mit
den Nationalgardisten des alten Regimes fanden.
Es ist auch wahr, daß
die Reagan-Administration vor allem
durch Gewährung von CIA-Geldern einige jener Leute dazu ermutigte, die
friedliche Opposition im Land selbst
aufzugeben und ins Exil zu gehen.
Angesichts all dessen, was sich in
Nicaragua im ersten Jahr etwa nach
dem Sturz Somozas zutrug, war bewaffnete Opposition gegen die FSLN unvermeidlich, obwohl die Dimensionen, die
sie
erreichte,
Ergebnis
amerikanischer Unterstützung waren.

- 3 -

Zwei grundlegende Einwände wurden

�gegen die Contras erhoben - sogar bei
vielen amerikanischen und ausländischen Kritikern der Sandinisten. Einer stellte die Moral der Entscheidung der Vereinigten Staaten in Frage, eine paramilitärische Streitmacht
mit Mitteln zu versehen und zu beraten, Häfen zu verminen und - in einem
Ausbildungshandbuch der Contra - die
Ermordung sandinistischer Gefolgsleute im ländlichen Bereich zu sanktionieren. Es gab guten Grund für diese
Einwände - zumindest hinsichtlich der
konkreten Maßnahmen -, aber es war
nicht so leicht, gegen das Grundprinzip einer Unterstützung der Contras
zu argumentieren. Dies war vielmehr
im Licht dessen zu sehen, welchen
Wert die Sache selbst hatte, welchen
Umfang die Streitkräfte hatten, denen
sich die Antisandinisten gegenübersahen und ob noch andere Mittel zur
Verfügung standen.
Der zweite Einwand geht dahin,
daß die Contras nichts erreichten,
sondern nur zu Tod und Zerstörung,
einschließlich der Tötung von Zivilisten, beitrugen und daß sie den
Sandinisten erst den Grund für deren
repressive Politik lieferten. Dies
unterstellt, die Sandinisten hätten
eine solche Politik nicht betrieben,
wenn es keine Contras gegeben hätte
und ignoriert dabei die ganze Abfolge
von Ereignissen der Jahre 1979 und
1980. Hätte es keine Contras gegeben, so hätten die Sandinisten keine
Rechtfertigung für die Einlagerung
von Nahrungsmitteln, für die Einführung des Wehrdienstes und für den
Druck auf die Bevölkerung gehabt,
sich der Miliz anzuschließen.
Das
Fehlen der Contras und anderen Drucks
von außen hätte es aber auch der Sandinistischen Front leichter gemacht,
gegen die Presse, die Kirche und die
Oppositionsgruppen vorzugehen, ohne
internationale Kritik auf sich zu
ziehen. So ist es zum Beispiel rich-

tig, daß der Ausnahmezustand im März
1982 in Reaktion auf den ersten größeren Angriff der Contras ausgerufen
wurde; richtig ist aber auch, daß die
Erklärung
des
Ausnahmezustandes
letztlich die Einschränkungen formalisierte, die de facto bereits erlassen und verwirklicht worden waren.
Es mag richtig sein, daß die Operationen der Contras den Umfang der
Kaffeernten 1983 und 1984 verringerten, aber die Contras zwangen die
FSLN auch dazu, sich bei ihrer Agrarpolitik umzuorientieren - von Staatsgütern weg und hin zu individuellem
Eigentum.
Kurz: wenn es auch stimmt, daß
die Umstände in Nicaragua ohne die
Contras vielleicht
in wirtschaftlicher Hinsicht marginal besser gewesen wären, so stellte ihre Existenz neben all dem anderen äußeren und inneren Druck - doch das dar, was es an
geringer Hoffnung gab, um die Sandinistische Front dazu zu zwingen,
strukturelle Veränderungen größeren
Umfangs in Richtung auf ein offenes
politisches System zu akzeptieren.
Unter jenen, die Mittelamerika im
Randbereich
amerikanischer
Politik
debattierten und analysierten - Akademiker, Gelehrte, Autoren von Zeitungskommentaren, Mitglieder früherer
Administrationen und Kritiker innerhalb der Reagan-Administration -,
wurde oft argumentiert, eine Verhandlungslösung zwischen den Vereinigten
Staaten und der FSLN sei möglich.
Solch eine Lösung, so wurde behauptet, könne einen Tauschhandel beinhalten: Beibehaltung der Macht durch
die Sandinisten im Gegenzug zu einer
Beendigung ihrer Unterstützung marxistischer
Guerillagruppen
andernorts. Dies war eine Version des Vorschlags, den der ehemalige stellvertretende
Außenminister
Thomas
0.
Enders der FSLN im August 1981 ge-

- 4-

�macht hatte. Idee des Arguments war,
daß die Sandinisten Anfang 1986 nach
Jahren des Guerillakriegs vielleicht
eher geneigt seien, den Sicherheitsbedenken
der
Vereinigten
Staaten
Rechnung zu tragen.
Allerdings beinhaltete ein solches Abkommen für die Vereinigten
Staaten praktisch das Ende der Contras. Dies wiederum hätte im Innern
zu einer Konsolidierung des sandinistischen Regimes wie auch zu einem
stillschweigenden amerikanischen Einverständnis mit einer Politik geführt, die niemals zu dem politischen
Pluralismus führen würde, der das
Ziel so vieler Nicaraguaner war - zunächst, als sie sich gegen Somoza
stellten und später, als sie sie gegen die Sandinistische Front wandten.
Es wäre ein Frieden ohne echte Lösungen gewesen, ein Frieden, der die
meisten der ausstehenden Probleme
nicht gelöst hätte.
Diese Frage des internen politischen Pluralismus sowie das Ausmaß,
bis zu dem die Vereinigten Staaten
intervenieren können oder sollten, um
ihn herbeizuführen, ist das eigentliche Dilemma für die Vereinigten
Staaten bei einem Großteil ihrer außenpolitischen Beziehungen und insbesondere in Mittelamerika und in der
Karibik.
Intervention
bedeutet
hierbei
nicht
nur
direkte
militärische
Schritte, sondern auch umfassendere
Versuche, die Innenpolitik eines Landes durch all die Methoden zu beeinflussen, die den Vereinigten Staaten
zur Verfügung stehen. Sollten wir
mit einem Einmarsch in Nicaragua nur
dann drohen, wenn dort MiGs eingeführt werden, oder könnten wir eine
Intervention oder andere Formen des
Drucks im Interesse internen Wandels
rechtfertigen?
Selbst wenn zu den

Taktiken, die in Frage kämen, eine
Invasion nicht gehören würde - könnte
man sie rechtfertigen?
Genau wie die Frage der Intervention die Carter-Administration verfolgt hatte, so verfolgte sie auch
die Reagan-Administration, die - bei
aller unterschiedlichen Formulierung
ihrer Lösung auch nie näherkam.
Ein Großteil der Verwirrung über die
Ziele und die Funktion der Contras
bezog sich auf diese Diskussion.
Die
Reagan-Administration,
die
zögerte, eine offen interventionistische Politik zu verfolgen, hatte
sich zunächst geweigert, den legitimsten Teil der nicaraguanischen Frage
direkt anzugehen: die Innenpolitik
der FSLN.
Stattdessen erfand das
Weiße Haus andere Gründe für Ausbildung und Finanzierung der Contras.
Es behauptete öffentlich, die ContraKräfte existierten, um die Waffenlieferungen von Nicaragua an die Guerilla der Nationalen Befreiungsfront
Farabundo Marti in El Salvador zu unterbrechen,
obgleich
CIA-Vertreter
die militanten Contras in dem Glauben
belassen durften, .sie kämpften für
die Rettung ihres eigenen Landes.
Obgleich die Beweise logistischer und
beratender Verbindungen zwischen den
Sandinisten und den Salvadorianern
erheblich waren - wozu auch die Anwesenheit hochrangiger Vertreter der
salvadorianischen Guerilla in Managua
gehört -, wurden verhältnismäßig wenig Waffentransporte aufgebracht, wobei dies offiziellen honduranischen
oder costaricanischen Stellen gelang
nicht aber den nicaraguanischen
Freiheitskämpfern. Infolgedessen attackierten die Kritiker der Politik
Reagans die Unterstützung der Contras
mit diesen Argumenten, was in den Augen der Weltöffentlichkeit zu einer
Schwächung der Sache der Contras und
der gesamten nicaraguanischen Opposi-

- 5 -

�tion führte. Eine der wesentlichen
ethischen Fragen hinsichtlich der
amerikanischen Rolle bei der Aufstellung der Contras war, ob die Vereinigten Staaten Menschen manipulieren
sollten, die für ihr Land nur das anstrebten, wozu die Vereinigten Staaten sie schon seit langem ermutigt
hatten - in Opposition zu Somoza die
Chance zu erhalten, die Probe auf politischen Pluralismus als Mittel zu
machen, die Probleme des Landes in
den Griff zu bekommen. Für diejenigen, die sich gegen die Sandinisten
gestellt hatten, war stets innerer
Wandel in Nicaragua das Ziel - ganz
unabhängig von ihren eigenen Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Zwisten. Und doch wurden sie
bisweilen wegen der Art und Weise ihres Einsatzes als Söldner angesehen.
Im September 1983 wurde die Rechtfertigung für eine Unterstützung der
Contras auf eine breitere Grundlage
gestellt, doch basierte sie noch immer auf der Außenpolitik der Sandinisten. Erst als der Kongreß 1984
die Unterstützung des CIA einstellte,
begann die Reagan-Administration, die
Existenz der Contras auf der Grundlage der sandinistischen Innenpolitik
zu rechtfertigen.
Selbst dann war jedoch nicht eindeutig klar, ob der eigentliche Zweck
der Contras in den Überlegungen der
Reagan-Administration darin bestand,
die Sandinisten zu stürzen (oder einen grundlegenden strukturellen Wandel innerhalb des Regimes zu erzwingen), oder lediglich darin, einen
Bauern auf das Schachbrett zu stellen, der wieder weggenommen werden
konnte, um etwas anderes dadurch zu
gewinnen - seien es Konzessionen bei
der Guerilla-Frage in El Salvador,
sei es ein Rückzug der Ostblock-Berater in Nicaragua.
Wäre es der
Reagan-Administration
zum Beispiel
ernst mit dem Versuch gewesen, die

FSLN zu stürzen, so hätte sie die Bemühungen
der Contras unterstützt,
Aufstandsbewegungen
in
städtischen
Gebieten zu intensivieren, wie dies
die FSLN selbst 1978-1979 getan hatte. Stattdessen wurde dieser Gedanke
Anfang 1983 fallengelassen, weil dem
CIA zufolge in den Medien das Argument auftauchte, die Contras versuchten, etwas ganz anderes zu tun, als
die Waffenlieferungen für die Guerilla in El Salvador zu unterbinden.
Allmählich änderte sich jedoch
die Einstellung im Kongreß und erlaubte es der Administration, ihre
Politik unmittelbarer auf innenpolitische Fragen in Nicaragua zu konzentrieren. Mitte 1985 hatte die Mehrheit des Kongresses die Argumente des
Außenministeriums zu zwei wesentlichen Punkten übernommen: der grundsätzlich repressiven Natur des FLSNRegimes und seiner Munitionslieferungen wie auch anderer Unterstützung
der Guerilla in El Salvador. Obwohl
es in der Öffentlichkeit auch weiterhin viele Stimmen gab, die entweder
die Innenpolitik der Sandinisten verteidigten oder aber die 3edeutung der
Waffenfrage herunterspielten - sie
gehörten hauptsächlich zu kirchlichen
Gruppen, Solidaritätsbewegungen und
Akademikern -, hatten sich die Meinungen derjenigen, die direkt mit der
politischen Entscheidungsfindung beschäftigt waren, erheblich einander
angenähert. Kongreß und Administration teilten Schritt für Schritt ihre
Bedenken über die Sandinisten und sahen gemeinsame Ziele in Mittelamerika, auch wenn es noch immer Meinungsverschiedenheiten
bei
konkreten
Schritten und Verfahrensweisen gab.
Diese Verschiebung führte dazu, daß
der Kongreß für eine Wiederaufnahme
der Hilfe für die Rebellen stimmte.
Dafür verlangte der Kongreß, daß alles öffentlich zu tun sei und zwang
die Administration, ihr Vorgehen un-

- 6-

�ter menschenrechtlichen und politischen Erwägungen zu konzipieren und
zu rechtfertigen. Der Kongreß selbst
wurde in die Verantwortung miteinbezogen, eine politisch und militärisch
verläßliche Kraft zu schaffen, um den
Sandinisten zu begegnen. Doch gab es
viele, die auch weiterhin daran zweifelten, ob die Contras die Sandinistische Front je würden besiegen können
oder ob Druck überhaupt Konzessionen
seitens der FSLN ermöglichen würde.
Jene, die ohnehin die Rebellen mit
Nachdruck unterstützten, gingen davon
aus, daß es notwendig sei, über eine
lange Zeit hinweg auszuharren und abzuwarten, bis sich eine Möglichkeit
ergeben würde - wie dies Castro bei
den von ihm unterstützten Gruppen sah.
Mit dem Vorschlag eines mittelamerikanischen Friedensvertrags, bekannt unter dem Namen "CONTADORA" nach der panamaischen Insel, wo man
im Januar 1983 mit einem Entwurf begann -, wurde der Versuch unternommen, sich mit der Vielzahl der Probleme Mittelamerikas auseinanderzusetzen, indem die Unterzeichnerstaaten zu Demokratisierung im Innern, zu
Rüstungsabbau und zum Abzug ausländischer Militärberater verpflichtet
wurden. Die FSLN signalisierte ihre
Bereitschaft zur Unterzeichnung des
ersten Vertragsentwurfs, als dieser
Mitte 1984 erstellt wurde, doch zog
sich die sandinistische Regierung
nach einem Jahr der Verhandlungen, im
Verlauf derer die Bedenken der vier
anderen mittelamerikanischen Länder
und der Vereinigten Staaten zur Sprache gebracht werden sollten, zurück,
als ein neuer Entwurf fertiggestellt
war und erklärte, daß der eigentliche
Disput zwischen ihr und den Vereinigten Staaten bestehe, nicht zwischen
den
mittelamerikanischen
Staaten.
Die zentrale Frage, so die Sandinistische Front, sei, daß die Vereinigten
Staaten die antisandinistischen Re-

belllen unterstützten und darüber auf
bilateraler Basis verhandelt werden
müsse. Die Vereinigten Staaten bestanden jedoch weiterhin darauf, keine weiteren
bilateralen Gespräche
mehr mit Nicaragua zu führen, solange
die Sandinisten nicht einen "Dialog"
mit Vertretern der bewaffneten Rebellen und anderen Oppositionsgruppen
eröffneten.
Gegen Ende 1985 schien sich der
CONTADORA-Prozeß totgelaufen zu haben, aber Anfang 1986 machten die
vier Staaten, die sich für den Vertragsentwurf eingesetzt hatten - Venezuela, Mexiko, Kolumbien und Panama
-, eine Anstrengung, ihn wieder mit
Leben zu erfüllen. Sowohl die Sandinisten als auch die Vereinigten Staaten
signalisierten
Unterstützung.
Doch das Haupthindernis, der streit
über das politische Prinzip, bestand
weiter.
Hierbei ging es nicht um
Waffen, sondern um Politik. Die Sandinisten einerseits, die vier anderen
mittelamerikanischen Regierungen wie
auch die nicaraguanischen Freiheitskämpfer und die Vereinigten Staaten
andererseits, standen sich in ihren
Ansichten hinsichtlich der Art der
wünschenswerten politischen Systeme
diametral
gegegenüber.
Letztlich
ging es um die Frage, ob es möglich
war, eine Einigung zwischen jenen
herbeizuführen, die grundsätzlich an
eine
leninistische
Regierungsform
glaubten, und den anderen, die den wenn auch bisweilen höchst schwierigen - Versuch machten, im wesentlichen liberale Systeme einzuführen.
Obwohl es einige Meinungsverschiedenheiten unter den vier anderen mittelamerikanischen Ländern wie auch gegenüber den Vereinigten Staaten gab,
wie die Fragen angegangen werden
könnten, so gab es doch prinzipielles
Einverständnis darüber, daß die wirklich großen Probleme der Region mit
der Existenz des sandinistischen Re-

- 7-

�gimes
in Nicaragua
zusammenhingen.
Selbst wenn die Sandinisten schließlich
einen
Vertrag
unterschreiben
würden: die Erfahrung hatte gezeigt,
daß es zu einer wirklich grundsätzlichen Änderung ihrer Politik nur angesichts wirklicher oder vermuteter
militärischer Gewalt oder irgendeines
anderen unüberwindbaren Drucks kommen
würde.
In den Vereinigten Staaten und in
den westlichen Industriestaaten gibt
es eine Tendenz, die Krisen Mittelamerikas allgemein entweder als Folge
kubanischer und sowjetischer Unterstützung von Aufständen oder sozialer
Mißstände zu sehen.
All diese Elemente waren in Nicarauga bei dem Aufstand gegen Somoza vorhanden, wenn
auch an den Wurzeln des Disputs die
Frage stand, wie und von wem die öffentliche Politik
gestaltet
werden
sollte, welches die philosophischen
Grundlagen
der
Entscheidungsfindung
sein sollten, die die Nicaraguaner
nach eineinhalb Jahrhunderten der Unabhängigkeit noch immer zu bestimmen
versuchten.
Hieran entzündete sich
der Aufstand
gegen Somoza, obwohl
schließlich auch andere Elemente Unterstützung der Aufstände von außen
sowie
wirtschaftliche
und
soziale
Fragen - dazu beitrugen. Desgleichen
war der Versuch töricht, den Wert der
sandinistischen
Regierung
auf
der
Grundlage ihrer Wirtschaftsund Sozialpolitik zu bestimmen, solange die
Frage danach, wer ein Recht zum Regieren hatte und wie die Regierung
gewählt werden sollte, noch nicht beantwortet war. Wäre man die politische Problematik zuerst angegangen gleich, ob gegenüber Somoza oder später den Sandinisten -, so hätte es
dies den Vereinigten Staaten ermöglicht, auch ihre anderen Bedenken zu
behandeln - die nationale Sicherheit
und das ganze Spektrum menschen- und
bürgerrechtlicher Fragen. Es ist un-

wahrscheinlich, daß eine politische
Demokratie im Sinne der Vereinigten
Staaten
oder
Europas
militärische
Bündnisse schmiedet und Waffenarsenale aufhäuft, die amerikanischen Interessen zuwiderlaufen.
Gleichzeitig
schafft dies die Möglichkeit, politische Unterdrückung zu beenden, sich
mit der sozialen und wirtschaftlichen
Ungerechtigkeit
auseinanderzusetzen
und die Herrschaft des Rechts einzusetzen, bei der die Gerichte eine
Kontrollfunktion gegenüber Auswüchsen
von Militär und Exekutive ausüben.
Um dies zu verwirklichen, bedarf
es jedoch eines stärkeren Maßes der
Intervention,
als
die
Vereinigten
Staaten in ihrer jüngeren Geschichte
einzugehen bereit waren - von Situationen abgesehen, da die Entwicklung
den
Punkt
konkreter
militärischer
Operationen
erreichte.
Sogar
als
Präsident Hoover Anfang 1933 die amerikanischen
Marineeinheiten
abzog,
tat er dies hauptsächlich in Reaktion
auf den Aufschrei in der Öffentlichkeit gegen eine Intervention.
Teil
des Problemes ist der negative Beigeschmack, den das Wort Intervention
hat. Grundlegende Aspekte der internationalen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg sind Nichteinmischung
und Selbstbestimmung,
obgleich die
meisten Regierungen der Dritten Welt
sich mehr damit beschäftigten, sich
vom Podium internationaler Foren für
Nichteinmischung stark zu machen, als
Selbstbestimmung im eigenen Land zu
praktizieren.
Kuba und die Sowjetunion
vermeiden
diesen
schlechten
Beigeschmack, den das Wort Intervention hat, indem sie ein anderes - Internationalismus nämlich - verwenden,
um ihre Bemühungen zu umschreiben,
die Entwicklung anderer Länder in dirigistischer, totalitärer Richtung zu
beeinflussen.

- 8 -

Man

kann

sicher

argumentieren,

�daß die Vereinigten Staaten nicht immer dort intervenieren können, wo es
auf der Welt eine Regierung gibt, die
ihnen nicht gefällt und daß sie nicht
den Weltpolizisten spielen können.
Aber Außenpolitik muß in Reaktion auf
die Dynamik
konkreter Situationen
formuliert werden und die innenpolitische Situation, die geographische
Lage eines Landes und die Geschichte
seiner Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten mit in Rechnung stellen. Nur
wenn die Vereinigten Staaten die demokratische Entwicklung auf langfristiger Grundlage fördern, können sie
hoffen, die unangenehme Alternative
zu vermeiden, entweder Truppen zu
senden oder mit unerträglichen Situationen leben zu müssen.

wurden. Die Errichtung eines totalitären Regimes wurde tragischerweise
als sekundär erachtet. Wie so oft in
der Vergangenheit mußte Nicaragua die
bittere Erkenntnis machen, daß seine
eigenen Bedürfnisse und Träume zum
Faustpfand von Streitfragen jenseits
seiner Grenzen geworden sind.

Die bittere Lektion für die Vereinigten Staaten besteht darin, daß
eine Demokratie - insbesondere eine,
die eine weitgespannte Beteiligung an
der Ausformulierung und Verwirklichung ihrer Außenpolitik erlaubt die Entwicklung nicht zu einem Punkt
treiben lassen darf, der nur die harte Wahl zwischen nationaler Sicherheit und nationalem Gewissen zuläßt.
Die Vereinigten Staaten sollten nicht
zulassen, daß sie in die Notlage geraten, in einem Bereich wie Mittelamerika, mit dem sie so viel verbindet,
entweder
eine
represssive
Rechtsdiktatur akzeptieren zu müssen,
weil diese keine Bedrohung der nationalen
Sicherheit
der
Vereinigten
Staaten darstellt - oder aber eine
repressive Linksdiktatur im Austausch
zu deren Zugeständnis, die Regierung
eines Nachbarstaates nicht zu stürzen
oder sich keine MiGs zu beschaffen.
Es hat lang gedauert, bis man aus
dieser Lektion in Nicaragua gelernt
hat. Jene, die dort Demokratie wollten, standen zwischen allen Fronten
und mußten zusehen, wie ihre Ziele
zur Geisel der Prioritäten anderer
- 9-

* * * * *

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