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A«

10. September 1986

29

INHALT

DOKUMENTATION

Stärke Amerikas fördert weiltweite Stabilität
- Harvard-Rede von US-Außenminister Shultz -

Das deutsch-amerikanische Verhältnis; die Bedeutung visionären Denkens
- Ansprache von US-Botschafter Richard R. Burt -

Senat verurteilt Verhaftung Daniloffs durch die Sowjets
- Resolution einstimmig verabschiedet -

HINTERGRUND

Die Herausforderung an die Demokratie in Mittelamerika
- Dokumentation in vier Teilen - Teil I -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

10. September 1986

29

STÄRKE AMERIKAS FÖRDERT WELTWEITE STABILITÄT
- Harvard-Rede von US-Außenminister Shultz -

BOSTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister Shultz betonte in einer Rede anläßlich des 350jährigen Bestehens der amerikanischen Universität Harvard am 5. September 1986, die wiedergewonnene militärische Stärke
der Vereinigten Staatgen fördere die weltweite Stabilität im Rahmen einer
expandierenden freien Weltwirtschaft.
Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Harvard - diese großartige Institution steht für eine große Tradition
geistiger Offenheit, für freie Forschung und Streben nach Wahrheit. Und
weil sie die Alma Mater so vieler Präsidenten, Gouverneure, Senatoren,
Außenminister und anderer hoher Beamter war, verkörpert sie auch eine Verpflichtung an das Land - sich dem Wohlergehen der Nation und ihrer verantwortlichen Führungsrolle in der Welt zu widmen.
Ich weiß also, daß ich zum rechten Ort gekommen bin, um meinem Zorn
über die Verhaftung von Nick Daniloff Ausdruck zu verleihen, der 1956 zu
den Absolventen von Harvard gehörte.
Die zynische Verhaftung eines unschuldigen amerikanischen Journalisten
erinnert uns an etwas, was uns bereits bekannt ist: unsere Tradition der
freien Forschung und der Offenheit wird von den Sowjets verachtet. Damit
zeigt sich die Schattenseite einer Gesellschaft, die es fertig bringt,
sich auf Geiselnahme als Instrument der Politik zu verlegen. Wir sollten

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Wir sollten keinesfalls über irgendeinen "Handel" im Fall Daniloff
sprechen. Wir, und Nick selbst, haben diese Möglichkeit ausgeschlossen.
Die sowjetische Führung muß weise genug sein, um diesen Fall so schnell
wie möglich in Übereinstimmung mit den Geboten menschlichen Anstands und
zivilisierten Benehmens unter den Nationen zu lösen.
Ich weiß also, daß ich zum rechten Ort gekommen bin, um von Besorgnissen zu sprechen, über einige beunruhigende Tendenzen, die ich in diesem
Land sehe - von einigen wichtigen Lektionen, die Amerika in den letzten
Jahren gelernt hat und von anderen, die wir offensichtlich noch nicht gelernt haben. Diese beunruhigenden Tendenzen in unserem Land erscheinen
deshalb besonders paradox, weil sie vor dem Hintergrund machtvoller positiver Kräfte auftreten, die heute in der ganzen Welt am Werk sind, Kräfte,
die uns eine außergewöhnliche Chance bieten, falls wir diese Chance nutzen.

Der Wandel und seine positiven Auswirkungen
Was ist in den 50 Jahren seit der 300-Jahrfeier von Harvard nicht alles in der Welt geschehen 1 Kriege, Revolutionen, soziale Umwälzungen und
Fortschritte - das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der die Ereignisse
stattfanden, erscheinen dramatischer und sogar noch mehr mit Gefahren und
Verheißungen verbunden als im Gesamtzeitraum der voraufgegangenen drei
Jahrhunderte zusammengenommen.
Wir alle wissen, daß insbesondere die Beziehungen unseres Landes zu
den anderen Ländern dieser Welt in diesen 50 Jahren dramatischsten Veränderungen unterlagen. Und in mancher Hinsicht beschleunigt sich dieser
Wandel noch. Die Diplomatie ist kein gemütlicher Beruf mehr - zumindest
für Amerikaner. Sie kann es nicht sein, wenn irgendwo in der Welt zu jeder Stunde und an jedem Tag für uns gefährliche oder auch vorteilhafte Ereignisse stattfinden. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Nachrichtenaustausch zwischen dem Außenministerium und unseren Auslandsvertretungen um ca. 5o Prozent erhöht. Und doch ist es erst 25 Jahre her, daß
Dean Rusk das Operationszentrum des Außenministeriums schuf, um uns ein
Führungs- und Kommunikationssystem an die Hand zu geben, das rund um die
Uhr im Einsatz ist. In Krisenzeiten, wenn verschiedene Regierungsbehörden
in einem "Krisenstab" zusammengefaßt werden, um die Ereignisse rund um die
Uhr zu beobachten und darüber Bericht zu erstatten, benötigen wir besondere Kommunikationseinrichtungen zu ihrer Unterstützung. Im Jahr 1980 hatten wir ein solches Zentrum; heute besitzen wir drei, und es kommt manchmal vor, daß alle drei gleichzeitig im Einsatz sind. Seit ich vor vier
Jahren mein Amt antrat, mußten wir uns 18mal solcher Einrichtungen bedienen, um uns mit Krisen wie der Entführung von Flug 847 der TWA durch Terroristen, dem Erdbeben in Mexiko und dem Regierungswechsel auf den Philippinen zu befassen.
Die Verschiedenheit dieser Beispiele spricht ebenso für sich wie die
explosive Ausweitung der Kommunikationsmittel, durch die uns all diese Geschehnisse so nah gebracht werden.
Bisweilen ordnen

�Bisweilen ordnen wir Zeitabschnitten der Geschichte Bezeichnungen im
Hinblick auf das zu, wovon sie hauptsächlich geprägt wurden. So gab es
ein Agrarisches Zeitalter, ein Zeitalter der Industriellen Revolution; es
gab ein Zeitalter der Religion und eines, das vom Aufstieg des Nationalismus geprägt war. unsere Zeit, und die der nächsten Zukunft kann jedoch
nicht mit einem einzigen Wort oder Motto erfaßt werden. Unser Zeitalter
ist von vielen scheinbar widersprüchlichen Kräften geprägt:
- obwohl unser Planet durch die Kommunikationsmittel immer kleiner
wird und die Wirtschaft unsere wechselseitige Abhängigkeit verstärkt, ist
der Nationalismus stärker als je zuvor;
- die Technologie entwickelt sich in schwindelerregendem Tempo und
trotzdem entwickelt sich die Religion überall auf der Welt wieder zu einer
mächtigen politischen Kraft.
Ein bedeutender Trend ist jedoch schon erkennbar. Die fortgeschrittenen Staaten der Welt befinden sich schon inmitten einer neuen wissenschaftlichen und technologischen Revolution - einer Revolution, von deren
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und strategischen Folgen
wir erst die Anfänge spüren.
Das Industrielle Zeitalter geht seinem Ende entgegen; in einigen Teilen der Welt gehört es bereits der Vergangenheit an. Vor hundert Jahren
ging unser Land von der agrarischen zur industriellen Phase seiner Entwicklung über. Heute bleiben wir landwirtschaftlich und industriell produktiv. Wir können uns mehr als selbst ernähren. In den vergangenen 20
Jahren betrug der Anteil der Industrieproduktion an unserem Bruttosozialprodukt konstant 22 Prozent obwohl der Anteil von Arbeitskräften, die zur
Herstellung dieser Güter benötigt wurden, im gleichen Zeitraum von 24 auf
18 Prozent gesunken ist. Wenn wir jedoch trotzdem versuchen wollen, unserem Zeitalter einen Namen zu geben, dann müßten wir es als Zeitalter der
Information bezeichnen. Und es verspricht, die Struktur unserer Volkswirtschaften und das politische Leben auf diesem Planeten so gründlich zu
verändern, wie dies bei der Industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts der Fall war.
Ich betrachte dies als einen sehr vielversprechenden Trend. Er bildet
einen Antrieb für ein neues Zeitalter des Wachstums, eine Herausforderung,
die zu meistern die freien Nationen der Welt in der besten Ausgangslage
sind. Der Präsident erfaßte diese Grundbeziehung zwischen Freiheit und
Fortschritt als er feststellte:
"überall beginnen Menschen und Regierungen zu erkennen, daß das Geheimnis einer fortschrittlichen neuen Welt in der Kreativität des menschlichen Geistes liegt... Unsere offene Befürwortung der Freiheit als Lokomotive des Fortschritts (ist einer der) wichtigsten Wege, um eine Welt zu
schaffen, in der Wohlstand allgemein verbreitet ist, Konflikte eine Ausnahme darstellen und Menschenwürde einen Bestandteil des täglichen Lebens
darstellt."
Der schnelle

�Der schnelle technologische Fortschritt ist beunruhigend; einige der
Grundlagen, die von vergangenen Gesellschaften als selbstverständlich hingenommen wurden, sind verschwunden. Und trotzdem ist es selbst inmitten
dieses enormen Wandels möglich, einige grundlegende und unveränderte Wahrheiten zu finden, auf die man sich verlassen kann.
So ist es kein Zufall, daß wieder einmal die freien Nationen Quelle
technologischer Neuerungen sind. Wieder einmal hat sich ein Wirtschaftssystem, das freier wissenschaftlicher Forschung, unternehmerischer Risikobereitschaft und Freiheit des Konsumenten kongenial ist, als Quelle der
Kreativität und des Mechanismus für die weite Verbreitung von Neuerungen
erwiesen. Wieder einmal ist ein politisches System, dem ein freier Fluß
von Ideen und Informationen, von Menschen und Gütern über Landesgrenzen
hinweg willkommen ist, ja, das gerade deshalb so erfolgreich ist, natürlicher Nährboden des Fortschritts. Wieder einmal finden die Entwicklungsländer auf der Suche nach ihrem eigenen Weg zu einer besseren Zukunft im
Westen ihren natürlichen Partner für gemeinsame Projekte. Und wieder einmal wendet sich sogar die kommunistische Welt an den Westen als Quelle moderner Technologie.
Unsere Gegner stehen wirklich vor einem unausweichlichen Dilemma. Sie
sehen das neue nach-industrielle Zeitalter heraufziehen und sie sehen
gleichzeitig, daß der Westen gut gerüstet ist, um daraus Nutzen zu ziehen. Wenn sie sich jedoch der Revolution auf dem Informationssektor und
den aus ihr erwachsenden Vorteilen öffnen, riskieren sie die Grundlagen
ihrer politischen Macht - die Bemühungen zur Kontrolle von Gedanken und
Verhaltensweisen durch Aufrechterhaltung eines strengen Monopols über Informationen und freie Kommunikation. Sie fürchten, die Kontrolle darüber
zu verlieren, was ihre Bürger lesen und sehen. Wie kann ein System, das
Fotokopiergeräte und Vervielfältigungsapparate einer strengen Kontrolle
und Aufsicht unterwirft, die Vorteile von Videosystemen und Personal-Computern ausnutzen? Mit jeder technischen Neuerung werden die Führer der
totalitären Welt an ihr quälendes Dilemma erinnert: sie können entweder
ihre Gesellschaften den Freiheiten öffnen, die für das Streben nach technischen Fortschritt unabdingbar sind, oder sie laufen Gefahr, daß sie noch
weiter hinter den Westen zurückfallen. In Wirklichkeit mag es für sie jedoch schon zu spät sein, um den Anschluß an die Zukunft herzustellen.
Wir ziehen daraus den Schluß, daß die Revolution im Informationswesen
für Amerika sehr vielversprechend ist. Und doch ist sie nur eine der positiven Kräfte, die gegenwärtig in der Welt am Werk sind. Lassen Sie mich
Ihnen einige weitere Beispiele aus anderen Bereichen geben, von denen wir
in den letzten Jahren erfahren haben:
Erstens ist uns vor Augen geführt worden, daß Freiheit wieder eine revolutionäre Kraft ist. Diktaturen - ob rechts oder links - sind nicht von
Dauer. In Afghanistan, Angola, Kambodscha und Nicaragua haben Imperialismus, Unterdrückung und Reglementierung Widerstandsbewegungen hervorgebracht, die für die Rechte kämpfen, die ihnen von der kommunistischen
Herrschaft verweigert werden. In Südafrika steht das System der Apartheid
mehr unter Druck als je zuvor. In Lateinamerika hat die Sehnsucht nach

�Sehnsucht nach Demokratie das politische Aussehen eines ganzen Kontinents
verändert. Entgegen den Erwartungen, die viele noch vor fünf oder sechs
Jahren hegten, sind El Salvador, Honduras und Guatemala dem demokratischen
Beispiel Costa Ricas in Mittelamerika gefolgt - nur Nicaragua steht bei
dieser Entwicklung im Abseits. Auf den Philippinen hat dieselbe Sehnsucht
einen bemerkenswerten Übergang zu einer neuen Demokratie verursacht.
Thailand ist noch nicht die Aufmerksamkeit zuteil geworden, die es verdient. Scharfe politische Gegensätze haben dort kürzlich zu einer lebhaft
umkämpften Wahl geführt, deren Ergebnisse zu einer Regierungsneubildung
führten. Vor noch nicht allzu vielen Jahren wurde angenommen, daß die
Zahl demokratischer Staaten zu einer abnehmenden und belagerten Minderheit
werden würde; heute ist die Vitalität der demokratischen Idee die bedeutendste politische Realität unserer Zeit.
Und wir haben wieder einmal gelernt, daß zwischen Freiheit und wirtschaftlichem Fortschritt ein Zusammenhang besteht. Heute bestreiten nur
wenige Länder auf der Welt, daß unternehmerische Initiative in einer von
Marktkräften geprägten Umgebung die Lokomotive für Entwicklung und Wachstum darstellt. Auf den Wirtschaftsgipfeln haben alle führenden Industrieländer zur Kenntnis genommen, daß strukturelle, staatlich verordnete Unbeweglichkeit das Haupthindernis auf dem Weg zu neuem Wachstum bildet.
Während der Sondersitzung der Vereinten Nationen im Mai haben die afrikanischen Länder - darunter diejenigen, die am meisten unter Experimenten
kollektivistischer Planung zu leiden hatten - ein außergewöhnliches Dokument vorgelegt, in dem offenere Märkte und weniger staatliche Einmischung
gefordert wird. Diese Wahrheiten werden heute auch in der kommunistischen
Welt zur Kenntnis genommen, wie die Reformen in China und Ungarn zeigen.
Hier bei uns haben wir die Wahrheit wiederentdeckt, daß genauso, wie
Amerikas Schwäche die Welt zu einem gefahrvolleren Ort macht, Amerikas
Stärke Aggressionen abschreckt und Zurückhaltung sowie Verhandlungsbereitschaft fördert. Wir haben erlebt, wie der Wiederaufbau von Amerikas Verteidigung in den frühen achtziger Jahren den Sowjets einen Anreiz gab, zu
den Rüstungskontrollverhandlungen zurückzukehren. Unsere Fähigkeit, im
Ausland Machtmittel einzusetzen, hat uns dabei geholfen, unsere vitalen
Interessen zu wahren und unsere Freunde vor Subversion und Aggression zu
schützen. Unser militärischer Schlag gegen Libyen - den wir als letztes
Mittel nach Jahren des Terrorismus seitens Gadhafi unternahmen - hat gegenüber Freund und Feind ein machtvolles Zeichen gesetzt. Der Tag ist
noch nicht gekommen, an dem der Terrorismus, gleich anderen Aspekten des
Barbarentums unserer Zeit, als überwunden betrachtet werden kann. Aber
dieser Tag wird kommen - und wenn er kommt, wird die Geschichte zeigen,
daß Amerikas Entschlossenheit, gestützt durch unsere Macht, das Gleichgewicht zugunsten von Frieden und Sicherheit verändert hat.
Die letzten Jahre haben uns außerdem noch eine weitere Wahrheit ins
Gedächtnis zurückgerufen: Amerika ist eine mächtige und konstruktive
Macht für Fortschritt und menschliche Freiheit in der Welt. Während der
letzten dreieinhalb Jahrhunderte, derer wir uns heute erinnern, haben Amerikaner daran geglaubt, daß dieses Land eine moralische Bedeutung und Verantwortung hat, die unsere militärische und wirtschaftliche Macht über-

�Macht übersteigen. In unserem Nationalcharakter existiert eine unwiderstehliche Strömung, die uns dazu veranlaßt, Beispiel für Humanität und
Vorkämpfer für die Gerechtigkeit zu sein.
Dies hat teilweise mit unserer Geschichte zu tun. Unser Kampf für Gerechtigkeit und politische Freiheit begann nicht weit von hier entfernt
- mit mehr als einer Handvoll Harvard-Männern in der Vorhut. Vor etwas
über einem Jahrhundert haben wir den blutigsten Krieg unserer Geschichte
gekämpft, um dem Fluch rassisch begründeter Unterdrückung ein Ende zu setzen. Heute dauert dieser große Kampf für Gerechtigkeit in unserem eigenen
Land an. Mit der führenden Rolle, die unser Land in der Welt eingenommen
hat, besonders während der letzten fünfzig Jahre, bemühten wir uns immer
darum, dieselben hohen Maßstäbe und moralischen Ziele, die wir für uns
selbst ansetzen, auch auf unsere internationalen Bestrebungen anzuwenden.
Von der Gründung der Vereinten Nationen über den Marshall-Plan, die Bildung unserer demokratischen Bündnisse, unsere Unterstützung der Entkolonisierung und der wirtschaftlichen Entwicklung bis hin zu unserer Haltung
als Vorkämpfer der Menschenrechte - diese Nation kann stolz sein auf das,
was sie in der Welt erreicht hat. Und wir sollten besondere Befriedigung
aus der Tatsache schöpfen, daß wir die von mir vorhin beschriebenen Tendenzen sehen können - die Verbreitung von Demokratie und wirtschaftlicher
Freiheit, die neue technologische Revolution -, Tendenzen, die wiederum
bedeuten, daß wir die Geschichte auf unserer Seite haben.

Tendenzen, die unsere Zukunft bedrohen
Und doch wächst heute, da wir selbst sehen können, daß eine bessere
Zukunft sich entwickeln kann, wenn - und vielleicht nur dann - Amerika daran beteiligt ist, wieder einmal der Druck in unserem Land, uns von der
Welt abzuwenden. Unheilvolle Entwicklungen drohen uns in nächster Zukunft, und nur die Wenigsten unter uns sind sich vielleicht dessen bewußt.
Und dies ist nicht das erste Mal. Unsere Nation hat sich mehr als
einmal vom Engagement in die Isolation begeben, und sogar in den Jahrzehnten, seitdem wir angeblich unsere isolationistische Vergangenheit hinter uns gelassen haben, sind wir bisweilen wieder von der Illusion verlockt worden, daß wir die Gerechtigkeit durch Selbstgerechtigkeit aus der
Isolation heraus fördern können, daß wir den Frieden schon dadurch stärken, daß wir ihn wünschen. Wir sind ein ungeduldiges Volk. Bisweilen
scheint es unsere Überzeugung gewesen zu sein, daß Probleme entweder
schnell gelöst werden sollten oder überhaupt nicht, daß wir unseren Prinzipien am besten dienen, wenn wir uns in die richtige Pose werfen oder
wenn wir etwas tun, was uns - für den Moment - ein gutes Gefühl bereitet.
Es ist Zeit für uns aufzuwachen - bevor wir die Zukunft der Welt und
unsere eigene aufs Spiel setzen. Diese Gefahren treten in verschiedenen
Formen auf, aber allen gemeinsam ist ein gedankenloser Eskapismus, ein
Rückzug aus der Verantwortung, ein Versuch, der Realität unserer Abhängigkeit von der Welt sowie der Abhängigkeit der Welt von uns zu entkommen.
Ob wir dies nun zugeben oder nicht: zusammengenommen sind sie nichts weniger als ein Rückfall in den Isolationismus, der einst die Welt wieder
einer Katastrophe entgegentreiben könnte.
Ein Anzeichen

�Ein Anzeichen von Gefahr ist das Übel des Protektionismus. Nie seit
den Tagen von Smoot-Hawley sind die Kräfte des Protektionismus im amerikanischen Kongreß so mächtig gewesen wie heute. Aus den Erfahrung von vor
fünfzig Jahren sollten wir gelernt haben, daß der Protektionismus uns und
unsere Handelspartner nur verarmen läßt, daß er unvermeidlich zu Vergeltung führt und die Antriebskräfte des Welthandels und damit des weltweiten
Wirtschaftswachstums zum Erliegen bringt.
In den frühesten Tagen unserer Nation verstanden die Gründerväter der
Vereinigten Staaten, daß der freie Handel den Schlüssel zu Wachstum und
Wohlstand bildete. Innerhalb der Grenzen unserer Nation schufen sie ein
offenes Handelssystem, und das Resultat bestand in der größten - und deshalb zugleich reichsten - Wirtschaft der Welt. Ebenso hatten die Staatsmänner, die nach dem Zweiten Weltkrieg politische Verantwortung trugen,
die Lektionen der dreißiger Jahre begriffen. Sie etablierten eine immer
offenere Weltwirtschaft, und Generationen profitierten von dem Wachstum
und der Stabilität, die daraus folgten. In der Weltwirtschaft von heute
hängt unser Wohlstand und der anderer Länder sogar noch stärker von einem
offenen Handelssystem ab.
Jetzt breiten sich jedoch Protektionismus und andere gegen den Wettbewerb gerichtete Praktiken wie etwa Subventionen spiralenförmig aus, und
gefährden einige unserer wichtigsten sicherheitspolitischen Beziehungen zu
anderen Ländern. Die jungen Demokratien auf den Philippinen und in Lateinamerika, die mit Schulden belasteten ärmeren Länder und auch viele befreundete Nationen auf der ganzen Welt, die alle ihren Weg zurück zum
Wohlstand finden wollen, sehen den vor ihnen liegenden Weg durch den Protektionismus in unserem Land bedroht. Weil unsere Wirtschaft die größte
ist - und weil wir immer eine Säule des freien Handels waren - werden wir,
wenn wir nachgeben, den auf der ganzen Welt bestehenden Hoffnungen auf
Wohlstand und Frieden unsäglichen Schaden zufügen. Und unsere eigenen zukünftigen Bürger werden uns dafür verantwortlich machen, daß wir versagt
haben, als es darum ging, die Interessen unseres Landes zu vertreten.
Eine andere Art des Auswegs stellt der selbstgerechte Moralismus dar.
Ich muß sagen, daß ich Anzeichen dafür in dem leidenschaftlichen Bemühen
um Strafmaßnahmen gegen Südafrika erkenne. In Wirklichkeit haben jedoch
die Vereinigten Staaten seit dem von Präsident Kennedy verhängten Verbot
des Verkaufs militärischer Güter im Jahr 1962 bis hin zu den zahlreichen
Maßnahmen, die mit Präsident Reagans Präsidialerlaß von 1985 verfügt wurden, fortwährend Sanktionen verhängt. Und jetzt verlangsamt der freie
Markt selbst den Schritt der südafrikanischen Wirtschaft. Aber Sanktionen
sind keine Lösung. Die Adressaten politischer Sanktionen werden zunehmend
unbeugsamer und können sich ihrer eigenen Verantwortung entziehen, indem
sie "Einflüsse von außen" zum Sündenbock erklären. Die weißen Südafrikaner müssen erkennen , daß sie das Unglück der Apartheid selbst geschaffen
haben und daß sie es auf eine tatkräftige und gesetzmäßige Art und Weise
beheben müssen, wenn ihre eigenen Interessen fortbestehen sollen. Die
jetzt im Kongress vorgeschlagene Bandbreite von Sanktionen würde Amerika
auf zweifache Art und Weise schaden; indem sie die Befürworter der Apartheid in die Lage versetzen, uns für die katastrophale Wirtschaftslage Süd- 7 -

�Wirtschaftslage Südafrikas verantwortlich zu machen und gleichzeitig unsere Präsenz, unseren Einfluß und unser Vorbild als Antriebskraft für einen wirtschaftlichen und politischen Wandel drastisch beschneiden. In der
Illusion, unseren Einfluß auf die Ereignisse zu verstärken, könnten wir
uns als Ergebnis unserer Abweseneit von der südafrikanischen Bühne schnell
am Rande wahrer Machtlosigkeit wiederfinden.
Der Übergang von der Tyrannei zur Demokratie ist ein delikater Prozeß. Manchmal funktioniert er überhaupt nicht, wie etwa im Iran oder in
Nicaragua. Manchmal ist er auch erfolgreich, wie in Spanien, Portugal,
den Philippinen oder in Lateinamerika. Wir sollten unsere Position klar
vertreten: wir sind für ein schnelles Ende der Apartheid und für einen
friedlichen Übergang zu einem demokratischen System. Es ist nicht unsere
Aufgabe, einen Rassenkrieg anzufachen oder eine Polarisierung zu beschleunigen, die diesen einleiten könnte. Unsere Moral und unsere Grundwerte
müssen sich in unserer Außenpolitik vollständig widerspiegeln. Aber wir
sollten uns vor einer selbstgerechten Moral hüten, mit der wir uns ins eigene Fleisch schneiden und die somit unseren moralischen Zielsetzungen zuwiderläuft.
Weitere Beispiele unserer Tendenz zum Rückzug liefert unsere diplomatische Ungeduld. Die Verfolgung praktischer politischer Lösungen auf dieser Welt erfordert Beständigkeit, Verständnis für Vielfalt und die Anerkennung der Notwendigkeit von Kompromissen. Nur auf dem Verhandlungswege
binden wir andere Nationen in positive Zielsetzungen ein. Aber gerade das
Konzept von Verhandlungen wird heutzutage durch eine Vielzahl von Mißverständnissen beeiträchtigt.
Diejenigen, die dringend Verhandlungen fordern, sehen oft nicht, daß
Diplomatie durch Stärke untermauert werden muß. Andere argumentieren - zu
Recht - daß wir niemals aus der Position der Schwäche heraus verhandeln
sollten und behaupten danach, daß wir es aus der Position des Stärkeren
heraus nicht nötig haben, zu verhandeln. Wieder andere sprechen uns jeglichen Einfluß ab oder wollen einseitige Zugeständnisse rechtlich verankern, manche wiederum fürchten Verhandlungen, weil sie annehmen, daß wir
dabei lediglich ausgenutzt werden. Viele verzweifeln an den Vereinten
Nationen und den ihnen innewohnenden beunruhigenden Tendenzen, aber manche
würden eher ihre Herausforderungen und Möglichkeiten ausschlagen als von
unserer Fähigkeit Gebrauch zu machen, ihre Funktionsfähigkeit zu verbessern. Wir müssen unsere Position in den Vereinten Nationen auf positive
Weise festigen, damit nicht andere, deren Interessen unseren entgegenstehen, unseren Platz einnehmen.
Gleichgültig, ob es um regionale Konflikte, Rüstungskontrolle oder
Handelsfragen geht, verbünden sich also Elemente aus allen Teilen des politischen Spektrums, wenn es darum geht, Ratschläge des Eskapismus zu erteilen. Das ist eine Verleugnung der Wirklichkeit. Realität ist, daß Bemühungen zur Lösung von Problemen zwischen Nationen unerläßlich und letztendlich unvermeidbar sind. Realität ist, daß Demokratien keine Politik
der Unnachgiebigkeit unterstützen werden. Realität ist auch, daß viele
praktische und realisierbare Ziele durch hartnäckige Verhandlungen erreicht werden können. Verhandlungen können funktionieren.
Es gibt schließlich
- 8 -

�Es gibt schließlich noch eine weitere außergewöhnliche Entwicklung:
Der Angriff des Kongresses auf den Haushalt für auswärtige Angelegenheiten. Wir sehen uns dem Abbau, ja, dem Abschlachten des wichtigsten Instruments unserer Außenpolitik gegenüber: der Fähigkeit, unsere Interessen
und Ideale in erheblichem Maße zu vertreten und zu unterstützen. Wir stehen vor einer selbstverschuldeten Krise, die, wenn sie nicht bewältigt
wird, in erheblichem Maße die Fähigkeit der Vereinigten Staaten beeinträchtigen wird, ihre Führungsrolle in der Welt aufrechtzuerhalten, die
internationale Sicherheit zu verbessern und die Sache der Freiheit, Demokratie und des menschlichen Fortschritts zu unterstützen.
Es fällt mir schwer, davon in Harvard zu sprechen, wo George C. Marshall einen Plan vorschlug, der die Vereinigten Staten mit der Zukunft Europas verband. Er sprach für eine Generation von Staatsmännern beider politischer Parteien, die die Lektionen der dreißiger Jahre gelernt hatten
und die den Vereinigten Staaten eine Verpflichtung für die Welt zuschrieben, für ein offenes Wirtschaftssystem und für die Verteidigung der Freiheit gegen die Tyrannei. Sie begründeten die Säulen des Systems der Nachkriegszeit,
- das Währungssystem von Bretton Woods, das die Welt verband,
- das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und seine
Folgekonferenzen,
- den Marshall-Plan und die Weltbank, die Mechanismen für
internationalen Wiederaufbau und Entwicklung (der Marshall-Plan
machte damals 11 Prozent des Gesamthaushalts aus) und
- die NATO.
Die Leistungen der Politiker der Nachkriegszeit bedeuteten die Durchsetzung von Theorien, Erkenntnissen und Führungskraft, die vorher entwikkelt und auf breitester Basis angelegt waren. Sie wurden zu Grundpfeilern
der Demokratie, des Wohlstandes und der Sicherheit des Westens, wie wir
ihn heute kennen.
Im Januar dieses Jahres legte Präsident Reagan dem Kongreß einen Haushaltsentwurf für internationale Angelegenheiten im Finanzjahr 1987 vor,
den wir bereits auf ein Minimum begrenzt hatten. Er umfasste lediglich
zwei Prozent des gesamtes Bundeshaushalts. Trotzdem hat der augenblickliche Kongreßbeschluß zum Haushalt diesen minimal angelegten und wohlüberdachten Entwurf nochmals um 27 Prozent gekürzt. Und die jüngsten Maßnahmen des Kongresses würden den verbleibenden Betrag noch weiter einschränken und beschneiden.
- Diese Kürzungen werden uns, zusammen mit den Bestimmungen über die
Höhe von Hilfsleistungen an einige wenige Länder, über die Hälfte unserer
gesamten sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Unterstützung an viele Länder der Welt entziehen. Gerade dies sind Länder, die für unsere für
unsere Interessen und unsere Sicherheit eine Schlüsselposition einnehmen

�Schlüsselposition einnehmen und denen wir beim Übergang zur Demokratie und
wirtschaftlichen Freiheit helfen müssen. Die Dollars, die wir für eine
solche Untestützung ausgeben, sind das kostengünstigste Geschäft bei all
unseren nationalen Sicherheitsbemühungen.
- Das heißt, daß wir eine Reihe unserer diplomatischen Vertretungen
schließen und unser Personal im Ausland einschränken müssen - bis auf einen Personalstand, der unter demjenigen liegen wird, wie er zu den Zeiten
bestanden hat, als George C. Marshall Außenminister war.
- Es heißt weiter, daß wir unsere Mittel für die multilateralen Entwicklungsbanken, die für den wirtschaftlichen Fortschritt der Dritten Welt
sehr wichtig sind, um ein Drittel kürzen müssen,
- Das bedeutet auch einen Schlag für unsere Bemühungen um eine Einschränkung der Produktion und des illegalen Exports von Drogen aus dem
Ausland, gerade wo unsere Programme zu wirken beginnen.
- Und es bedeutet auch die Schließung amerikanischer Büchereien und
Kulturzentren im Ausland und eine Einschränkung der Sendungen der 'Voice
of America'.
Ich bin nicht nach Harvard gekommen, um Ihnen lediglich von einer weiteren bürokratischen Schlacht um den Haushalt zu berichten. Die Auswirkungen dieser Kürzungen werden zusammen mit den drastischen Einschränkungen im Verteidigungshaushalt, ausuferndem Protektionismus und dem moralischen Wunsch nach Rückzug von den Belangen der Welt für unsere auswärtigen
Beziehungen verheerend sein. Das hieße, die vergangenen fünfzig Jahre, in
denen Amerika eine positive Führungsrolle in der Welt innehatte, zunichte
zu machen; es wäre einfach gedankenlos, das gerade jetzt zu tun, wo so
viele positive Trends in der Welt sichtbar werden und so viele Möglichkeiten offen vor uns liegen.
Die Geschichte zeigt uns, daß der amerikanische Rückzug in diesem
Jahrhundert nur die weltweit bestehenden Gefahren und das Risiko von Konflikten verstärkt. Die strategischen und wirtschaftlichen Konsequenzen
des Smoot-Hawley-Zolls trugen - zusammen mit den Illusionen des Isolationismus und verminderter Verteidigungsfähigkeit - dazu bei, die internationalen Spannungen anzufachen, die zum Zweiten Weltkrieg führten. (Sogar in
den siebziger Jahren haben wir gesehen, daß unsere Gegner, deren Absichten
den von uns verfolgten Prinzipien diametral entgegenstehen, Vorteil daraus
ziehen, wenn Amerika sich auf sich selbst zurückzieht.)
Warum sollen wir also nach innen blicken, wenn andauerndes Engagement
Früchte trägt? Wir sind eine Nation von beispielloser Stärke, - sowohl
auf strategischer, als auch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene
- und haben einmalig glückliche Voraussetzungen. Wenn unsere Wirtschaft
stark ist, wenn unsere Position in der Welt gesichert ist, vergißt man nur
zu leicht, daß viele Länder der Welt um uns herum immer noch von wenigen
Rücksichtslosen regiert sind, die nicht zögern werden, das Vakuum auszufüllen, das entsteht, wenn wir uns zurückziehen.

Ein offenes
- 10 -

�Ein offenes Fenster zur Welt
Meine Rede begann damit, daß diese bedeutende Universität der richtige
Ort ist, um darüber zu sprechen, was Amerika und die Welt in den vergangenen Jahren gelernt haben. Heute, wo wir alle uns Harvards rühmen, wo die
höhere Bildung in Amerika ihren Anfang nahm, denken wir nicht nur daran,
was Harvard als Universität bedeutet hat, sondern auch an die Bedeutung
der Institution für Amerika und für unser zukünftiges Engagement in der
Welt.
Meiner Ansicht nach ist Amerikas Vergangenheit durch das große Thema
'Offenheit' gekennzeichnet.
Bruce Catton, Historiker des Bürgerkrieges, beschrieb einmal die Gründung seiner Heimatstadt Benzonia in Michigan im Jahre 1858. Er beschrieb
die Menschen, die "daran glaubten, daß es eine Zukunft geben würde und die
daran bauten. Wenn sie sich umschauten, sahen sie Menschen statt Bäume.
Das was ihr Leben ausmachte, war nicht so sehr die Umwandlung von Baumstämmen in Bretter, sondern vielmehr die Gründung einer menschlichen Gesellschaft. (...) Benzonia wurde von den Menschen gegründet, die glaubten,
daß der Rand eines endlosen Waldes genau der richtige Ort sei, um ein College zu gründen".
Immer wieder wiederholten die Amerikaner in jedem Teil unseres Landes
diesen Akt der Schöpfung. Genauso wie das puritanische Massachusetts am
Rande der Zivilisation nicht ohne eine LehrInstitution auskommen konnte,
so haben immer wieder vorausschauende Amerikaner es ihnen gleichgetan und
sind so schließlich 1636 zu jenem prophetischen Ereignis gelangt, das die
Universität Harvard ins Leben rief.
Unsere Universitäten nehmen in der Welt eine Führungsrolle ein, weil
wir eine offene Gesellschaft haben - offen gegenüber Menschen, Ideen, Unternehmungen und Wandel.
Ich habe einen großen Teil meines Lebens an der Universität verbracht. Ich habe dort gelehrt, aber ich habe auch eine Menge gelernt.
Eine Sache, die ich gelernt habe - die sich bei meinen Reisen um die Welt
bestätigt hat - ist, daß unsere Colleges und Universitäten zu Amerikas
größten Errungenschaften zählen. Es gibt auf der ganzen Welt nichts, das
unserem Ausbildungssystem gleichkommt. Alfred North Whitehead hat 1927 in
diesem Zusammenhang gesagt, daß die Vereinigten Staaten "in der Entwicklung eine Führungsrolle übernommen haben, die sich unter entsprechender
Anleitung als einer der glücklichsten Schritte erweisen könnte, die die
Zivilisation bis jetzt unternommen hat".
Heute wendet sich die Welt uns vor allem wegen unserer Offenheit zu.
Nach Harvard kommen, wie an alle großen Universitäten, Studenten aus allen
Erdteilen auf der Suche nach neuen Dimensionen des Verständnisses und der
Analyse, neuen Trends von Theorien und Innovationen, neuen Entwicklungen
im Bereich des menschlichen Wissens. Heute studieren über 340 000 junge
Männer und Frauen aus Übersee in den Vereinigten Staaten, um nur einige
- 11 -

�nur einige Zahlen zu nennen: 21 000 kommen aus Malaysia, 18 000 aus Nigeria, 6 000 aus Großbritannien. Es ist besonders dankenswert, daß China,
eine Nation, die über so lange Zeit hinweg versucht hat, sich von der Aussenwelt abzuschließen und sich nach totalitärem Vorbild auszuformen, jetzt
mehr als 15 000 Studenten jährlich hierher schickt.
Die amerikanische Universität war immer die Heimat derjenigen Grundsätze, die Amerika geformt haben - von den theologischen Disputen des
16. Jahrhunderts bis hin zu den modernen Diskussionen über die Rolle unseres Landes in der Welt. Heute ist unser Universitätssystem Teil der Entwicklung einer besseren Weltgesellschaft.
Amerika ist durch seine großen privaten Institutionen und durch seine
Menschen unauflöslich mit der Welt verbunden - und durch deren internationale Interessen, Reisen und Verbindungen.
Wie paradox ist es demnach, daß die amerikanische Reierung jetzt möglicherweise - vielleicht unbewußt und unsicher - mit unseren nach außen
schauenden Bürgern und ihren breit gestreuten Interessen in die falsche
Richtung abgleitet.
Heute ändern sich unsere Ideen und Interessen. Wir haben die Wahl.
Ich fordere heute ein neues Bewußtsein für die Tatsache, daß Amerika - die
Regierung und die Menschen - der Welt gegenüber offen und engagiert bleiben muß, oder wir riskieren den Verfall unserer Substanz als Volk und unsere Berufung als eine Nation.
Ich glaube, daß diese berunruhigenden Trends, die ich gerade beschrieben habe, nicht repräsentativ dafür sind, was dieses Land und seine Menschen wirklich denken. Als größte Demokratie der Welt muß Amerika alle
anderen daran erinnern, daß es eine Alternative zu Tyrannei, Unterdrückung
und Verzweiflung gibt. Diejenigen, die ein College an den Rand eines endlosen Waldes gebaut haben, waren keine furchtsamen und schüchternen Menschen. Sie sind ihrer Verantwortung nicht ausgewichen. Sie waren praktisch denkende Männer und Frauen. Sie waren erdverbunden und realistisch
und ihr Leben wurde von einem Traum, einer Vision gelenkt und vom Pflichtgefühl gegenüber zukünftigen Generationen gelenkt.
Lassen Sie uns diese Tradition hochhalten Es ist eine wirklichkeitsund praxisbezogene Tradition, dem Fortschritt offenener Gesellschaftssysteme verpflichtet. Es ist eine Aufforderung an uns, Vertrauen in die
Zukunft zu zeigen, wie es nur Offenheit und Freiheit hervorbringen können.

* * * * *

- 12 -

�AMERIKA DIENST
^7

Dokumentation

C*

10. September 1986

29

DAS DEUTSCH-AMERIKANISCHE VERHÄLTNIS:
DIE BEDEUTUNG VISIONÄREN DENKENS
- Rede des amerikanischen Botschafters in Stuttgart -

STUTTGART - (AD) - Der amerikanische Botschafter, Richard R. Burt, hat
einen neuen Geist visionären Denkens und des Optimismus in den Vereinigten
Staaten und der Bundesrepublik Deutschland gefordert, der dem in der unmitteloaren Nachkriegszeit von Amerikanern und Deutschen gezeigten ebenbürtig sein solle.
In einer Rede anläßlich von Feierlichkeiten zum vierzigsten Jahrestag
der "Rede der Hoffnung" des amerikanischen Außenministers James F. Byrnes
erklärte der Botschafter, daß "dieser Tag den Beginn 'positiver' vierzigster Jahrestage symbolisiert - Gedenkfeiern zu Ereignissen und Beschlüssen, die das Fundament unserer Nachkriegswelt legten".
Nachfolgend bringen wir die Rede des amerikanischen Botschafters im
Wortlaut:
In den letzten beiden Jahren haben wir viele 40. Jahrestage bedeutender Eraignisse in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg begangen. Die
meisten dieser Anlässe waren dem Gedenken an wichtige Schlachten oder militärische Siege gewidmet. Obwohl diese epochalen Ereignisse letztendlich
zu Hitlers Niederlage führten, forderten sie doch auch einen tragischen
Preis an Menschenleben. In Europa wie in den Vereinigten Staaten wecken
sie immer noch bittere Erinnerungen und schreckliche Bilder.
Der heutige

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�De:: heutige Tag symbolisiert den Beginn einer hoffnungsvolleren Reihe
40. Jahrestage. In der Zukunft werden wir "positive" Jahrestage begehen
können - Gedenkfeiern zu Ereignissen und Beschlüssen, die das Fundament
unsere: Nachkriegswelt legten.
Die vielleicht bedeutendste Leistung der Nachkriegszeit bestand in der
Entstehung eines neuen und demokratischen Deutschland. Die Bundesrepublik
repräsentiert die besten Traditionen der westlichen Kultur. Sie hat in
Zusammenarbeit mit der atlantischen Gemeinschaft dabei mitgewirkt, unseren
Völkern mehr Freiheit und Stabilität zu geben, als dies jemals in der jüngeren Vergangenheit der Fall gewesen ist.
Es ist bemerkenswert, daß so viele der Grundlagen dieser Gemeinschaft
in den ersten beiden Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt wurden. Oft
waren sie das Ergebnis amerikanischer Initiativen, wie etwa des MarshallPlans. Andere ebenso historische Leistungen waren das Produkt des Hutes
und de: Kreativität des deutschen Volkes.
Die Berliner Kommunal wähl vom 20. Oktober 1946 ist dafür ein Beispiel. Trotz sowjetischen Zwangs statteten die Berliner die demokratischen Parteien mit einer überwältigenden Mehrheit aus und fügten den Kommunisten eine nachdrückliche Niederlage zu. Es ist eine tragische Tatsache, daß dies nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige freie Wahl blieb,
an der alle Berliner sich beteiligen konnten. Aber es war das erste Mal
von vielen, daß die Bevölkerung von Berlin freiheitsliebenden Völkern in
der ganzen Welt Hoffnung gab.
r^ine wichtige Rolle bei der Demokratisierung Deutschlands in diesen
frühen Jahren spielten die deutschen Universitäten. In der Amerikanischen
Zone wirden sechs der sieben Vorkriegsuniversitäten Anfang 1946 wieder eröffnet. Zehntausende heimkehrender Soldaten fanden durch ein universitätsotudium den Weg zu einem neuen Leben.
Einer der frühesten und sicherlich einer der wichtigsten Schritte zum
Aufbau dieses neuen Deutschland wurde vor genau vierzig Jahren hier in
dieser großartigen Stadt Stuttgart getan. Dieses Ereignis war eine Rede
des amerikanischen Außenministers James Byrnes.
Ich bin Ministerpräsident Späth und Oberbürgermeister Rommel dankbar
für die Gelegenheit, an diesem Jahrestag hier zu sprechen. Ich fühle mich
besonders durch die Tatsache geehrt, daß Bundesaußenminister Genscher, der
hier zum 20. Jahrestag der Byrnes-Rede eine hervorragende Ansprache zur
politischen Rolle Deutschlands gehalten hat, heute hier unter uns weilen
kann, da wir ihren 40. Jahrestag begehen. Ich bin außerdem hocherfreut
über die Anwesenheit von General Dick Lawson, einer der hervorragendsten
militärischen Persönlichkeiten Amerikas.
Ich möchte versuchen, die Ansicht eines Amerikaners zum Hintergrund
und zu den Folgen dieser Rede beizutragen. Und, wichtiger noch, ich
möchte versuchen darzustellen, wie meiner Meinung nach die von James
Byrnes formulierten Ideen uns in Zukunft leiten können.
Um die Bedeutung

�Um die Bedeutung dieser Rede vollständig zu würdigen, müssen wir uns
die Lage Europas an diesem 6. September 1946 vor Augen führen.
Außenminister Byrnes hatte sich drei Monate lang fast ständig mit seinen britischen, französischen und sowjetischen Kollegen in Paris getroffen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Gestalt des Nachkriegseuropa zu bestimmen. Wie der Minister in seinen Memoiren selbst schrieb, bestand die
wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe in der Zukunft Deutschlands.
Nun war Deutschland in vier Besatzungszonen geteilt. Berlin wurde von
den vier Mächten separat verwaltet. Trotz der während der letzten Kriegsmonate erzielten Vereinbarungen hatte es keine Fortschritte bei der Überwindung sowjetischer Vorbehalte gegen den Aufbau einer zentralen Verwaltung gegeben.
Diese Verzögerung hatte eine immense Wirkung auf die deutsche Bevölkerung. Die Sowjetunion blockierte Nahrungsmittellieferungen von ihrer Zone
ins übrige Deutschland. Sie verlangte eine Vereinbarung über ein weitreichendes Reparationsprogramm, einschließlich der Viermächtekontrolle
über das Ruhrgebiet, als Vorbedingung für die Lieferung von Nahrungsmitteln.
In den Westzonen existierten die meisten Bewohner von 1 000 Kalorien
pro Tag. Dies ist weniger als das zum Überleben notwendige Minimum. Amerika gab 200 Millionen Dollar jährlich aus, um die deutsche Bevölkerung
verpflegen zu helfen. Die CARE-Lieferungen begannen im August 1946 - ein
weiterer bedeutender vierzigster Jahrestag, den wir dieses Jahr begehen.
Der ursprüngliche amerikanische Plan für Deutschland hatte in der Errichtung eines wiedervereinigten, entmilitarisierten Staates bestanden.
Der entmilitarisierte Status sollte dabei von den vier Siegermächten garantiert werden. Im April 1946 schlug Außenminister Byrnes die Einführung
einer Viermächtekommission zur Ausarbeitung eines Friedensvertrages vor,
der auf diesen Prinzipien beruhen sollte. Großbritannien und Frankreich
stimmten zu. Der sowjetische Außenminister Molotow lehnte es ab, über den
Vorschlag überhaupt zu reden.
Die sowjetischen Vorschläge hinsichtlich Deutschlands waren in einer
Rede enthalten, die Molotow am 10. Juli 1946 im Rahmen der Pariser Konferenz hielt. Der sowjetische Außenminister behauptete, die UdSSR unterstütze ein vereintes Deutschland mit einer starken industriellen Basis.
Es gab jedoch sowjetische Vorbedingungen, insbesondere eine befriedigende
Zahlung von Reparationen. Am ominösesten war Molotows Argumentation, wonach der Abschluß eines Friedensvertrages "für einige Jahre" vertagt werden müsse.
In einigen wenigen entscheidenden Monaten trat somit der Umriß der
Nachkriegsentwicklung klar zutage. Man konnte beobachten, wie die ersten
Anzeichen des großen Ringens um Herz und Seele Europas, das später den
ganzen Kontinent erfaßte, sich entfalteten. Minister Byrnes brachte klar
zum Ausdruck, wie Amerika beim Aufbau der Nachkriegswelt helfen wollte.

�helfen wollte. Das sowjetische Verhalten enthüllte eine zielbewußte Kampagne zur Kontrolle, die Deutschland und Europa bis auf den heutigen Tag
in Teilung verharren läßt.
Die sowjetischen Vertreter lehnten es ab, über eine zentrale Verwaltung Deutschlands überhaupt zu diskutieren. Sie verlangten umfassende Reparationen und verwehrten dem deutschen Volk das Recht auf Selbstbestimmung. Sie stellten öffentlich und in vertraulichen Gesprächen klar, daß
ein Friedensvertrag solange aufgeschoben würde, bis nicht genau definierte
Vorbedingungen, einschließlich der Zahlung von Reparationen, erfüllt seien.
In seinen Memoiren beschrieb Minister Byrnes seine Reaktion auf Molotows Rede folgendermaßen:
"Mit dieser Erklärung wurden unsere Befürchtungen bestätigt, wonach
die Sowjetunion, wenn sie nicht durch die Weltmeinung dazu gezwungen
würde, in den kommenden Jahren einem Friedensvertrag mit Deutschland
nicht zustimmen würde. Sie würde ihr Vetorecht im Alliierten Kontrollrat sowie im Rat der Außenminister dazu benutzen, um die Annahme
ihres Konzepts einer 'demokratischen' Regierung zu sichern; um eine
teilweise Kontrolle über die deutsche Industrie zu sichern... und die
Zahlung von Reparationen in Höhe von 10 Milliarden Dollar durchzusetzen."
Einen Tag nach Molotows Rede, am 11. Juli 1946, kündigten die britischen und amerikanischen Behörden die Vereinigung ihrer Zonen zur sogenannten Bizone an. Frankreich schloß sich ihnen später an. Dieser
Schritt wurde von der Sowjetunion als Anfang der Teilung Deutschlands verurteilt. In Wirklichkeit zielte die sowjetische Politik darauf ab,
Deutschland und seine Bevölkerung als Geiseln zu halten. In zynischer
Weise sollten eine ausreichende Ernährung und der wirtschaftliche Wiederaufbau hinausgeschoben werden, bis die politischen Forderungen der Sowjets
erfüllt waren. Der Prozeß des Wiederaufbaus in den westlichen Zonen
konnte nur beginnen, wenn diese selbst den ersten Schritt taten.
Der Minister hatte ursprünglich beschlossen, eine Erklärung zur amerikanischen Politik solange aufzuschieben, bis der Rat der Außenminister
sich über die Zukunft Deutschlands im klaren war. Die Molotow-Rede veranlaßte ihn, seine Meinung zu ändern.
Byrnes entschloß sich, seine Ansprache in Stuttgart, dem Sitz des Länderrats der Ministerpräsidenten der amerikanischen Zone, zu halten. Die
amerikanischen Behörden hatten schon in Januar 1946 die ersten Kommunalwahlen organisiert. Der Länderrat bildete das sichtbarste Ergebnis der
amerikanischen Bemühungen um den Aufbau einer demokratischen Regierung in
Deutschland.
Der Minister reiste nach Stuttgart von Berlin aus, wo er sich mit General Clay beraten hatte. Er beschloß, die Reise im Zug zurückzulegen,
damit er sich aus erster Hand einen Eindruck von der völligen Verwüstung
Deutschlands machen konnte. Während seiner Reise traf er auf viele amerikanische Soldaten.
Nach seiner

�Nach seiner Ankunft in Stuttgart hielt Minister Byrnes ein Treffen mit
dem Länderrat ab. Dann begab er sich in das Württembergische Staatstheater, das zu jener Zeit der einzige noch intakte größere Versammlungsort in
Stuttgart war. Die Atmosphäre dieses Tages wurde mir von Professor
William Griffith beschrieben, einem der großen amerikanischen DeutschlandKenner, der jetzt in Bonn zu meinen Mitarbeitern gehört. Im Jahr 1946 war
er als junger Offizier bei den Besatzungsbehörden in München.
Professor Griffith erinnert sich, wie er mit einem Gefühl der Erwartung nach Stuttgart reiste. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Besatzungsmächten waren weithin bekannt. Er und seine Kollegen wußten
nicht, was die Rede enthalten würde. Wahrscheinlich hat es einige Zeit
gedauert, bis die meisten der Zuhörer sich darüber klar wurden, was für
einen Wendepunkt sie darstellte.
Der Rahmen der Veranstaltung entsprach ganz der amerikanischen Tradition. Zusätzlich zu den militärischen Vertretern saßen zwei Senatoren neben Byrnes auf dem Podium - Senator Vandenburg aus Michigan, ein Republikaner, und Senator Tom Connolly aus Texas, ein Demokrat -, um den starken
überparteilichen Konsens hinsichtlich seiner Politik zu unterstreichen.
Beide spielten in der Folgezeit eine bedeutende Rolle bei der Sicherung
der Zustimmung zu solch wichtigen Initiativen wie dem Marshall-Plan und
der NATO. Der Minister wurde von einer amerikanischen Militärkapelle eingeführt. Als er sich zum Podium begab, spielte die Kapelle den bekannten
Schlager "Stormy Weather".
Das Ziel von Byrnes bestand jedoch darin, Stürme zu vermeiden. In
dieser historischen Ansprache ging er hinsichtlich der amerikanischen Politik in Europa zwei Verpflichtungen ein:
- Erstens: Amerika würde nicht den Fehler des Ersten Weltkriegs wiederholen. "Wir haben gelernt," so erklärte er, "...daß wir in einer
Welt leben, von der wir uns nicht isolieren können. Wir haben gelernt, daß Frieden und Wohlergehen unteilbar sind und daß Frieden und
Wohlergehen nicht auf Kosten des Friedens und Wohlergehens eines anderen Volkes erkauft werden können."
- Zweitens: Amerika beabsichtigt nicht, ein besiegtes Deutschland
hart zu behandeln. Minister Byrnes beendete seine Rede mit der folgenden Ankündigung: "Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen
Volk die Regierung Deutschlands zurückzugeben. Das amerikanische Volk
will dem deutschen Volk helfen, seinen Wegzurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt.
Selbst Reden eines Außenministers können die Welt nicht über Nacht
verändern. Doch wie die zwei Senatoren, die Byrnes begleiteten, demonstrierten, sprach der Minister nicht für sich allein. Diese historische Ansprache enthielt eine Verpflichtung des gesamten amerikanischen Volkes,
sich weiterhin in der Welt zu engagieren. Sie reflektierte außerdem die
in Anierika noch immer bestehende große Sympathie für das deutsche Volk.
Schon im Jahr 1946 waren wir entschlossen, Deutschland und Europa auf den
Weg ler Freiheit und des Wohlstandes zurückzuführen.
Außenminister Byrnes'
- 5 -

�Außenminister Byrnes' Rede war jedoch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Betrachtet man das Ausmaß der Zerstörung und des Leids im
Deutschland des Jahres 1946, dann muß der Plan des Ministers zur Schaffung
eines wohlhabenden und demokratischen Deutschland vielen der damaligen Zuhörer unrealistisch - ja, sogar utopisch - erschienen sein. Fachleute
sagten zu jener Zeit voraus, daß Deutschland Jahrzehnte benötigen würde,
um bei der Industrieproduktion wieder das Vorkriegsniveau zu erreichen.
Die Wiederherstellung der Wirtschaft erschien als ferner, vielleicht unerreichbarer Traum.
Die Fachleute hatten jedoch das außer Acht gelassen, was Byrnes verstanden hatte - die Kraft visionären Denkens. Sie vergaßen, daß selbst
die außergewöhnlichsten Aufgaben verwirklicht werden können, wenn den Menschen seine Phantasie beflügelt.
Heute, da wir uns wieder in einem Zeitalter des Wandels befinden, ist
die Erinnerung an die Vision von Minister Byrnes und Menschen wie ihm von
ganz besonderer Bedeutung. Viele junge Leute scheinen zu glauben, daß die
Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg einer Zwangsläufigkeit unterlagen.
Die Führungsrolle Amerikas in der Nachkriegszeit, zum Beispiel, wird in
Deutschland heute als zwangsläufige Entwicklung dargestellt.
In Wirklichkeit waren sich viele Amerikaner in der Nachkriegszeit
nicht über ihre Rolle im klaren. Innerhalb der Truman-Administration gab
es erhebliche Diskussionen über die Behandlung Deutschlands sowie darüber,
ob man sich weiterhin in Europa engagieren sollte. Im Jahr 1946, wie auch
heute, denken Amerikaner nicht in Kategorien wie Einflußsphären oder
Gleichgewicht der Kräfte. Wir wollten Europa zur "Normalität" zurückführen und dann nach Hause gehen.
Die amerikanische Abkehr vom Isolationismus war kein leichter
Schritt. Sie wurde durch Mut und Entschlossenheit der politisch Verantwortlichen in beiden großen Parteien bewirkt. Die Rede von Außenminister
Byrnes war genauso dazu bestimmt, das amerikanische Volk vor den Gefahren
des Isolationismus zu warnen wie dazu, das deutsche Volk von unserer Politik der Versöhnung und des Heilens in Kenntnis zu setzen.
Die westliche Welt hatte deshalb Glück in jenen Jahren. Wir wurden
von Persönlichkeiten mit Vorstellungskraft und Mut regiert. Sie ließen
sich von Zerstörung und Unordnung nicht entmutigen. Stattdessen betrachteten sie die Nachwirkungen des Krieges als eine Gelegenheit zur Schaffung
einer neuen Welt - einer Welt, aus der die Bedingungen, die zum Zweiten
Weltkrieg geführt hatten, für immer verbannt waren.
In den folgenden zehn Jahren entwickelte sich unsere westliche Partnerschaft rasch. Träume wie der Marshall-PIan, die Montan-Union, der IWF
und die Weltbank sowie die OECD wurden bald zur Realität. Mit amerikanischer Unterstützung trugen die führenden Politiker aller großen Parteien
Deutschlands zur Schaffung der wohlhabenden und demokratischen Bundesrepublik bei, die Minister Byrnes in seiner Rede prophezeit hatte.
Natürlich ist

�Natürlich ist das deutsche Wirtschaftswunder wohlbekannt. Das politische und gesellschaftliche Wunder, das gleichzeitig stattfand, wird weniger gewürdigt. Im Jahr 1945 war den demokratischen Wurzeln, die in
Deutschland gewachsen waren, in zwölf Jahren der Diktatur der Nährboden
entzogen gewesen. Die Nation lag gebrochen und besiegt am Boden. Ihre
politischen Institutionen waren zerstört und diskreditiert.
Der Aufbau der Demokratie war unter den Bedingungen, die in den Nachkriegsjahren existierten, nicht leicht. Sie wurde durch die Vereinigten
Staaten und Großbritannien nicht aufgezwungen - derlei wäre auch gar nicht
möglich gewesen. Die Demokratie war in der Bundesrepublik erfolgreich wegen des Mutes, der Entschlossenheit und des Weitblicks Millionen einfacher
Bürger.
Wie ich erst kürzlich in einer in Nürnberg gehaltenen Rede feststellte, hat sich die deutsche Demokratie zu einer unglaublich erfolgreichen
staatsbürgerlichen Kultur weiterentwickelt. Freie Wahlen sind nicht der
einzige Maßstab dieser Kultur. Ein starkes Geflecht demokratischer Institutionen hat sich in allen Teilen des öffentlichen Lebens entwickelt. Die
Universitäten, die Gewerkschaften, die Nachrichtenmedien und die Unternehmen sind zum Modell für demokratische Staaten in der ganzen Welt geworden.
Werfen wir noch einmal einen Blick auf dieses demokratische Wunder,
während wir über die Lektionen der unmittelbaren Nachkriegszeit nachdenken. Unser demokratisches System wird umso mehr gedeihen, je besser wir
die Anstrengungen und den Mut verstehen, die zu seinem Aufbau notwendig
waren. Ich glaube, dieser Beitrag wird von der Nachkriegsgeneration
manchmal als selbstverständlich vorausgesetzt. Deshalb ist es von ganz
entscheidender Bedeutung, daß die jüngeren Leute auf beiden Seiten des Atlantik sich die politischen Leistungen der Nachkriegszeit in Erinnerung
rufen, insbesondere die gemeinsame politische Vision so vieler Deutscher
und Amerikaner. Es wäre eine Tragödie, wenn diese außerordentliche Periode deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit vergessen - oder, schlimmer noch,
verzerrt - würde.
Und es besteht wirklich die Gefahr solcher Verzerrungen. So hat beispielsweise ein deutscher Historiker während einer Konferenz über die
Nachkriegszeit angeblich behauptet, die amerikanische Besatzungsmacht habe
den Aufbau einer freien und demokratischen Gewerkschaftsbewegung in der
Bundesrepublik Deutschland zunichte gemacht. Diese offenkundige Verzerrung der Nachkriegsgeschichte ist ein Affront gegenüber jenen Millionen
arbeitender Frauen und Männer, die am Aufbau der freien Gewerkschaftsbewegung in Deutschland beteiligt waren und auch gegenüber meinen Landsleuten,
die an diesem Prozeß teilhatten.
Wie eine Veröffentlichung des DGB-Vorstands aus dem Jahr 1984 dokumentiert, war die deutsch-amerikanische Gewerkschaftssolidarität im Kampf gegen den Nationalsozialismus in der Zeit von 1933 bis 1945 ganz außerordentlich. Diese Zusammenarbeit intensivierte und verstärkte sich noch in
der Zeit unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als amerikanische
Gewerkschaften - und ihre weitblickende Führung - ihren Einfluß darauf

�Einfluß darauf verwandten, Plänen zur Entindustnalisierung Deutschlands
entgegenzutreten, eine massive Kampagne in die Wege leiteten, um deutsche
Arbeitnehmer mit Lebensmittelpaketen zu versorgen und mit Nachdruck die
Wiedergeburt freier und demokratischer Gewerkschaften unterstützten, die
zu einem Eckpfeiler des neuen Deutschland wurden.
Wie anders sähe Europa heute aus, wenn unsere gemeinsame Vision einer
demokratischen Zukunft auf dem ganzen Kontinent geteilt worden wäre. Es
ist tragisch, daß die sowjetische Führung von ganz anderen Vorstellungen
geleitet wurde - einer Gesellschaft, die sich auf Feindseligkeit und Reglementierung gründet. Diese Sichtweise machte es den Sowjets unmöglich,
die Kraft des demokratischen Ideals zu erkennen. Es führte vielmehr dazu,
Streben und Trachten des Menschen zu ignorieren und brachte eine ständige
Bedrohung des Friedens in Europa. Aus dem gleichen Grund kam die Sowjetunion ihren Verpflichtungen zu freien Wahlen in Osteuropa nicht nach und
ließ auch die Wiedervereinigung Deutschlands nicht zu.
Die Reaktion des Westens war das NATO-Bündnis. Die Präambel des Nordatlantikvertrags verdeutlicht die visionäre Natur des Bündnisses. Sie
stellt fest: Die Unterzeichnerstaaten "sind entschlossen, die Freiheit,
das gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die auf den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit der Person und der Herrschaft des
Rechts beruhen, zu gewährleisten." Und als die Bundesrepublik 1955 der
NATO beitrat, fanden diese Grundsätze speziell für die Zukunft der
deutschen Nation und das Ziel der Wiedervereinigung ihre Anwendung. Von
Anfang an unterstützte die NATO die deutsche Wiedervereinigung auf der Basis der freien Selbstbestimmung in beiden Teilen des Landes - und tut dies
noch immer.
Wären unsere westlichen Vorstellungen in ganz Europa Wirklichkeit geworden, wäre weder ein westliches Militärbündnis, noch die Stationierung
amerikanischer Truppen und Raketen in Europa notwendig gewesen. Denn Ursache der Spannung in Europa ist die Teilung dieses Kontinents, nicht aber
das Wettrüsten, das nur ein Symptom dieser Spannung darstellt. Hätte man
es allen Völkern in ganz Europa ermöglicht, über ihre eigene Art zu leben
zu entscheiden, so stünden wir nicht vor den gefährlichen Spannungen oder
der Notwendigkeit, große Summen für die Rüstung auszugeben.
Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Wenn das Begehen eines Jahrestages dieser Art überhaupt eine Bedeutung haben soll, dann muß er als ein
Leitfaden für die Zukunft dienen. Die Geschichte läßt sich nicht einfrieren. Neue Herausforderungen und neue Bedrohungen sind auf uns zugekommen. Wenn wir sie in Zukunft genauso wie in der Vergangenheit meistern
wollen, müssen wir an die Erfahrungen der vergangenen vierzig Jahre denken
und sie auf die Welt vor uns anwenden.
Die derzeitigen Herausforderungen sind um nichts weniger beängstigend
als jene, mit denen sich die Staatsmänner vor vierzig Jahren konfrontiert
sahen. In vieler Hinsicht ist die Aufgabe sogar noch schwieriger - allein
schon deshalb, weil die Konturen der Politik weit verschwommener sind.
Unsere Vorgänger waren durch das Erlebnis eines schrecklichen Krieges angetrieben.
Unsere Bemühungen

�Unsere Bemühungen heute finden vor dem Hintergrund eines vierzigjährigen Erfolges statt. Unsere Völker leben in Wohlstand und Sicherheit. Die
neuen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind nicht immer so klarumrissen, wie jene vor vierzig Jahren. Mitunter ignorieren wir auch Bedrohungen, weil wir ihre Bedeutung für unsere Sicherheit oder unseren Wohlstand nicht sehen. Oder aber einige der neuen Probleme sind so komplexer
Natur, daß allein ihre Existenz unseren Bürgern Angst einflößt. Es ist
ein Paradox, vor dem wir stehen: Herausforderungen werden entweder unterschätzt und ignoriert, oder überschätzt und zu katastrophalen Proportionen
aufgebläht.
Diese beiden Bedrohungen - Furcht und Desinteresse - können unsere
Stärke untergraben. Die Weigerung, sich den Problemen zu stellen, kann zu
gefährlicher Immobilität führen. Befürchtungen hinsichtlich unserer
Fähigkeit, mit den neuen Herausforderungen fertigzuwerden, kann dazu führen, daß wir unserer Freunden mißtrauen und unsere Feinde beschwichtigen.
So bin ich persönlich beispielsweise besorgt darüber, daß einige amerikanische Kritiker Deutschlands behaupten, der Bundesrepublik fehle es an
dem Willen, etwas für ihre Verteidigung zu tun und dabei den gewaltigen
deutschen Beitrag zu unseren gemeinsamen Bemühungen vergessen. Umgekehrt
gibt es in Deutschland einige Leute, die in jeder amerikanischen Maßnahme
zur Stärkung des Westens einen aggressiven Plan zur Beherrschung der Welt
sehen.
Keine dieser Haltungen ist logisch, nicht einmal rational. Aber sie
zeigen, wie leicht unsere Völker in den Teufelskreis von Unwissenheit und
Mißtrauen geraten können.
Wenn unsere Leistungen in den nächsten vierzig Jahren genauso gut sein
sollen wie in den vergangenen vier Jahrzehnten, müssen wir der Offenheit
und dem Verständnis von James Byrnes nacheifern. Dies wird vor allem für
die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland von besonderer
Bedeutung sein. Unsere Stärke, unsere Stabilität und unsere geographische
Lage werden unseren beiden Ländern noch zusätzliche Lasten auferlegen, was
Weitblick und Führung anbelangt.
Angesichts ihre Lage im Zentrum Europas und als Teil eines gespaltenen
Landes ist die Bundesrepublik Zwängen ausgesetzt, wie sie noch kein anderes westliches Land erfahren hat. In Deutschland steht das demokratische
Ideal tagtäglich vor Herausforderungen. Mitunter muß es den Anschein haben, als sei die Situation der Bundesrepublik erstarrt, eingefroren. Verbesserungen scheinen in weiter Ferne zu liegen.
Nach vierzig Jahren, so ist bisweilen der Eindruck, sind die alten
Prinzipien in eine Sackgasse geraten, E S besteht die Gefahr, daß Entmutigung an die Stelle von Hoffnung als Grundprinzip des öffentlichen Lebens
tritt. Aber wir können auch optimistisch reagieren, wie dies unsere Vorgänger vor vierzig Jahren taten. Wir können die komplizierte Situation in
Deutschland und Europa als eine Gelegenheit ansehen, die Kraft des demokratischen Ideals in der neuen Phase der Geschichte, in die wir gerade
eintreten, hervorzuheben.
Das es Grund
- 9 -

�Daß es Grund zur Hoffnung gibt, läßt sich am Verlauf der Beziehungen
zwischen Ost und West verdeutlichen. Vor vier Jahren sagten viele eine
Eiszeit bei den Beziehungen zwischen Ost und West voraus. Und doch gab es
noch niemals eine solche Vielzahl von Treffen zwischen amerikanischen und
sowjetischen Repräsentanten wie gerade heute. Außenminister Shultz und
der sowjetische Außenminister Schewardnadse werden sich diesen Monat erneut treffen, um die Vorbereitungen für das nächste Gipfeltreffen zwischen
Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow fortzusetzen. Präsident
Reagan formulierte es in einer bedeutsamen Rede in Glassboro, New Jersey,
im Juni so:
"Wenn beide Seiten wirklich den Fortschritt wollen, dann sollte dies
einen Wendepunkt bei den Bemühungen markieren, aus unserem Planeten eine
sicherere und friedlichere Welt zu machen."
Aber unser Bemühen um den Frieden ist nicht auf Europa oder Nordamerika begrenzt. Eine der wichtigsten Botschaften für die Zukunft besteht darin, daß das Streben nach Demokratie sich weit über unsere beiden Staaten
hinaus entfaltet. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben über hundert
neue Staaten die politische Szene betreten. Diese Staaten sind mit Problemen konfrontiert, die noch weit ernsterer Natur sind als jene, vor denen Europa vor vierzig Jahren stand.
Die Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas führen einen gewaltigen
Kampf gegen Armut, Krankheit und Unterentwicklung. Sie streben auf der
Grundlage traditioneller Kulturen nach der Entwicklung moderner Gesellschaften. Frustration und Hoffnungslosigkeit sind in diesen Ländern weit
gefährlicher als in Deutschland.
Viele dieser Länder sind weit von uns entfernt, aber sie haben für unsere eigene Zukunft unmittelbare Bedeutung. Die Demokratie ist nicht so
weit verbreitet und nicht so abgesichert, als daß es sich die demokratischen Staaten erlauben könnten, die Notlage anderer sich abmühender Staaten zu ignorieren. Ich bin davon überzeugt, daß diese Staaten rascher Erfolg haben werden, wenn sie für ein offenes, demokratisches System optieren.
Wenn wir der übrigen Welt dabei behilflich sein können, das demokratische System zu verstehen und anzunehmen, werden auch unsere eigenen Ideale
gestärkt. Genau wie die Erfolge bei unserer Unterstützung der Verteidigung der Demokratie in Berlin meine eigene Nation inspirierte, so kann
auch die Gemeinschaft des Westens ihr eigenes demokratisches System stärken, indem sie anderen Staaten dabei behilflich ist, sich der Wohltaten
unseres offenen Systems zu erfreuen.
Die Herausforderung, vor der sich die Bundesrepublik Deutschland heute
befindet, besteht darin, bei der Bewältigung dieser Aufgabe eine führende
Position zu übernehmen. Vor vierzig Jahren machten es sich die Vereinigten Staaten zur Aufgabe, Deutschland bei seiner Rückkehr zur Gemeinschaft
freier Nationen zu helfen. Jetzt erwarten andere Staaten eine solche Hilfe von Deutschland. Ich finde es höchst ermutigend, wie die Bundesrepu- 10 -

�die Bundesrepublik sich dieser Herausforderung stellt. Nur wenige Staaten
tragen weltweit eine solch große Verantwortung.
Die Botschaft einer Offenen Welt ist ein kraftvolles Rezept für Erfolg. Wenn wir durch unsere Zusammenarbeit für Demokratie und Offenheit
unsere Ideale stärken, so stärken wir zugleich ihre Attraktivität in Osteuropa. Positive Entwicklungen in Asien und Lateinamerika demonstrieren
diese Attraktivität des demokratischen Ideals. Wenn wir dort auch weiterhin Erfolge erzielen, kann Osteuropa nicht für immer in der Rückständigkeit von Teilung und Unterdrückung verharren.
Zusammengefaßt: wir sollten uns diese Vision wieder zueigen machen,
wie sie Außenminister Byrnes vor vierzig Jahren formulierte. Wir sollten
keine Angst vor Träumen und vor dem Entwurf einer besseren Zukunft haben.
Und wie ich schon so oft gesagt habe: Deutschland und die Vereinigten
Staaten sollten sich in einer reifen Partnerschaft zusammenschließen, in
der jeder einen gerechten Anteil an den Lasten und an der Verantwortung
für das Wohl unserer westlichen Gemeinschaft trägt.
Sogar in unseren beiden Ländern stellen manche Leute bisweilen diese
Vision in Frage. Ihrer Meinung nach ist die Welt zu kompliziert oder zu
gefahrvoll. Ein Festhalten an unseren Idealen bedeute nur die Gefahr, andere dazu zu bringen, gegen uns zurückzuschlagen.
Für mich ist das Defätismus. Und es ist ein Rezept für Versagen.
Tatsachen sind nicht alles.
Unsere Art zu leben bezieht ihre Kraft aus unserer Hingabe. Unsere
Aufgabe besteht jetzt darin, stolz auf das von uns Geleistete zu sein und
voll Hoffnung hinsichtlich dessen, was wir in Zukunft noch tun können.
Dieser Stolz und diese Hoffnung werden den weiteren Erfolg unserer Vision
sicherstellen - unserer westlichen Vision von der Menschheit.
Wie es seiner Herkunft aus den Südstaaten entspricht, war Außenminister Byrnes ein Mann der wenigen Worte. Aber oft ist gerade Kürze besonders aussagekräftig. Und ich meine, er formulierte unsere westliche Botschaft besonders prägnant in der Schlußpassage seiner 1947 geschriebenen
Memoi ren:
"...nicht selten war ich zutiefst entmutigt. Unsere wiederholten Bemühungen, Zusammenarbeit in einer friedlichen Welt zu erreichen,
schienen immer nur auf schroffe Abweisung zu stoßen. Aber mit Geduld
und Entschlossenheit setzten wir unsere Anstrengungen fort. Ich habe
die Hoffnung nicht verloren, auch wenn ich heute Abfolge und Betonung
umkehren würde. Ich würde nämlich sagen, daß unsere Politik eine Politik der Festigkeit und der Geduld sein sollte... Mit dem Ziel eines
gerechten Friedens inspiriert uns die Vergangenheit der Freiheit und
ruft uns die Zukunft der Freiheit."

* * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

10. September 1986

29

SENAT VERURTEILT VERHAFTUNG DANILOFFS DURCH SOWJETS
- Resolution einstimmig verabschiedet -

WASHINGTON - (AD) - In einer am 9. September 1986 einstimmig verabschiedeten Resolution verurteilt der amerikanische Senat die Sowjetunion
"wegen der ungerechtfertigten Verhaftung und Anklage von Nicholas
Daniloff" und verlangt die "unverzügliche und bedingungslose Freilassung"
des amerikanischen Journalisten.
Die Resolution des Senats hat folgenden Wortlaut:
Die Verhaftung und Anklage von Nicholas Daniloff, Korrespondent von
U.S. News and World Report, durch die Regierung der Sowjetunion aufgrund
falscher Beschuldigungen steht in klarem Gegensatz zu den anerkannten Normen des Völkerrechts und der bürgerlichen Freiheiten.
Die Behandlung von Herrn Daniloff stellt eine unentschuldbare Verweigerung der Rechte eines Journalisten dar, seinen Beruf legitim auszuüben
und ist außerdem eine Verletzung sowjetischer Verpflichtungen in Zusammenhang mit der Schlußakte von Helsinki, insbesondere Korb III, Abschnitt 2,
Artikel (c) über die Prinzipien zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen
für Journalisten, in dem es heißt: "...die beteiligten Staaten bekräftigen, daß die legitime Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit Journalisten
weder der Gefahr der Ausweisung noch anderer Bestrafung aussetzen wird."
Die Handlungen der sowjetischen Regierung verletzen des weiteren Geist
und Buchstaben der Bestimmungen, die auf der KSZE-Folgekonferenz in Madrid

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Tel.: 0228-339 2035
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�in Madrid im März 1983 verabschiedet wurden, insbesondere Korb III, Zusammenarbeit auf humanitärem und anderen Gebieten, wo bekräftigt wird, daß
die beteiligten Staaten "...auch nach Mitteln und Wegen suchen werden, um
Journalisten aus anderen beteiligten Staaten zu unterstützen und sie damit
in die Lage zu versetzen, praktische Probleme, mit denen sie konfrontiert
sein mögen, zu lösen..." und "...weitere Möglichkeiten zu schaffen und,
falls nötig, die Bedingungen für Journalisten aus anderen beteiligten
Staaten zu verbessern, um persönliche Kontakte und Verbindungen zu ihren
Quellen herzustellen und aufrechtzuerhalten;"
Aufgrund dieser Tatsachen beschließt der Senat der Vereinigten Staaten, daß der Senat
1. die Sowjetunion wegen der ungerechtfertigten Verhaftung und Anklage
von Nichols Daniloff verurteilt und von der Sowjetunion seine unverzügliche und bedingungslose Freilassung aus der Haft verlangt;
2. seine tiefe Sorge darüber zum Ausdruck bringt, daß das Versäumnis
der Sowjetunion, diesen Fall unverzüglich und gerecht zu lösen, die konstruktiven Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken zu untergraben droht und die Aussichten
für ein Gipfeltreffen zwischen Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow gefährdet und
3. alle verantwortlichen Nachrichten- und Medienorganisationen, die
sowjetischen Nachrichtenorganisationen Unterstützung, Mitgliedschaft oder
sonstige Privilegien gewähren, dazu auffordert, geeignete Schritte in Erwägung zu ziehen, um die Forderung nach Daniloffs Freilassung zu unterstreichen.

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AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

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29

10. September 1986

Wir beginnen in dieser Ausgabe mit dem Abdruck der vierteiligen Reihe
"Die Herausforderung an die Demokratie in Mittelaraerika", die sich mit
der gegenwärtigen Situation und dem weltpolitischen Kontext dieser Region
beschäftigen wird.
Die vollständige Serie erscheint Ende des Jahres als illustrierte
Broschüre.

DIE HERAUSFORDERUNG AN DIE DEMOKRATIE IN MITTELAMERIKA
Teil I

Sowjetischer Expansionisraus in Mittelamerika
In Mittelamerika steht die nationale Sicherheit aller amerikanischen
Länder auf dem Spiel. Wenn wir uns dort nicht verteidigen können, können
wir nicht erwarten, woanders zu bestehen. Unsere Glaubwürdigkeit würde
zusammenbrechen, unsere Bündnisse zerfallen, und die Sicherheit unseres
Vaterlandes wäre gefährdet. Wir haben ein großes Interesse, eine moralische Pflicht und eine ernste Verantwortung. Dies ist kein Problem der
Parteien. Es ist vielmehr eine Frage, wie wir uns selbst, unseren Freunden und der Nachwelt gegenüber unseren moralischen Verpflichtungen nachkommen. Es ist eine Pflicht, die uns allen zufällt - dem Präsidenten, dem
Kongreß und dem Volk. Wir müssen sie gemeinsam ausüben. Wer von uns würde die Verantwortung dafür tragen wollen, daß wir es nicht geschafft haben, unserer gemeinsamen Verpflichtung nachzukommen?
Präsident Ronald
Reagan vor beiden
Häusern des Kongresses im April 1983
Die Herausforderung

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Die Herausforderung und ihre Entgegnung
Der kommunistische Block stellt heute eine ernste Herausforderung für
die Demokratie in Mittelamerika dar. Den Völkern dieser Region steht der
Verlust ihrer Freiheit bevor, wenn ihre Regierungen den von Kommunisten
unterstützten Guerillas zufallen sollten, die die Macht an sich zu reißen
versuchen. Die Vereinigten Staaten sehen sich wegen des sowjetischen Expansionismus ebenfalls einer Bedrohung ihrer Sicherheit und ihres wirtschaftlichen Wohlergehens ausgesetzt. Das strategische Ziel der Sowjetunion besteht darin, die Vereinigten Staaten zu zwingen, ihre politische
Aufmerksamkeit und ihre militärischen Mittel auf ihre kritische Südflanke
zu richten und damit weg von jenen Regionen der Welt, die für die Sowjets
lebenswichtig sind. IM dieses Ziel zu erreichen, bewaffnen, trainieren
und kontrollieren die Sowjets und ihre Stellvertreter, wie Kuba und Nicaragua, marxistisch-leninistische Guerillas besonders in El Salvador, aber
auch in den anderen mittelamerikanischen Ländern. Diese Guerillas verkünden, daß ein Wandel sich nur gewaltsam vollziehen kann und versuchen, Ablehnung in Rebellion zu verwandeln, indem sie die politischen, sozialen
und wirtschaftlichen Schwachpunkte ausnutzen, von denen diese Region so
lange Zeit geplagt wurde. Wenn diese Völker jedoch Hoffnung haben, Chancen erhalten und Vertrauen in ihre Zukunft zeigen, wird der Kommunismus
wenig Aussicht auf Erfolg haben. Die Erwiderung der vereinigten Staaten
auf diese kommunistische Herausforderung geht deshalb von der Annahme aus,
daß es auch die Sicherheit der Vereinigten Staaten stärken wird, wenn die
Länder Mittelamerikas die Mittel erhalten, um friedfertige, wirtschaftlich
gesunde und demokratische Gesellschaftssysteme aufzubauen, weil dann der
Kommunismus keine Wurzeln schlagen und die Sowjets mit dem strategischen
Vorteil versehen kann, nach dem sie streben.
Um den Ländern Mittelamerikas dabei zu helfen, dem sowjetischen Expansionismus entgegenzutreten, betreiben die vereinigten Staten eine Politik, die auf vier separaten, sich aber gegenseitig verstärkenden Elementen
beruht:
Demokratie ist ein zentraler Faktor dieser Politik, weil die Vereinigten Staaten glauben, daß aus Wahlen hervorgegangene Regierungen nicht nur
die Rechte ihrer Bürger respektieren, sondern auch jene ihrer Nachbarstaaten. Seit 1981 hat es in Mittel- und Südamerika mehr Wahlen gegeben
als in irgendeinem FünfJahreszeitraum in der Geschichte dieser Region.
Diese Tatsache zeigt deutlich, daß die Menschen in der Region ihre eigenen
Führer lieber selbst auswählen wollen, anstatt sie von Extremisten der
rechten oder linken Seite aufgezwungen zu bekommen. Demokratie ist aber
nicht endgültig; sie ist vielmehr ein empfindlicher Prozeß, der vorsichtig
genährt und dem dauernde Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Die Demokratie versucht, dem Volk und seinen Vertretern politische Macht einzuräumen, nicht nur den dünnen Schichten der politisch Extremen.
Wirtschaftliche Entwicklung ist unabdingbar, weil Armut und soziale
Ungerechtigkeit dem Kommunismus die Möglichkeit für Gewalt und Subversion
schaffen. Die F/itwicklungspolitik der Vereinigten Staaten zielt darauf
ab, das Leben der Menschen in der Region zu verbessern und Enttäuschung

�und Enttäuschung durch Hoffnung zu ersetzen. Aus diesem Grund sind fast
75 Cents eines jeden für die Länder Mittelamerikas ausgegebenen Dollars
der US-Hilfe in die wirtschaftliche Unterstützung geflossen. Das Ziel der
Vereinigten Staten ist es, diesen Ländern dabei zu helfen, zu einem sich
selbst erhaltenden Wirtschaftswachstum zu gelangen, um sie in die Lage zu
versetzen, Arbeitsplätze und Möglichkeiten für ihre Bürger zu schaffen.
Diplomatie geht davon aus, daß der Dialog eine Vorstufe zum Frieden
darstellt und daß Worte den Kugeln vorzuziehen sind. Aber den Worten müssen Taten folgen, und sie müssen an einen wahrhaften, dauerhaften Frieden
geknüpft sein, nicht an einen vorübergehenden Waffenstillstand, der andauernde Aggression bemäntelt. Eine friedliche Lösung für die Region kann
am besten durch den CONTADORA-Prozeß erzielt werden, ebenso wie durch den
innenpolitischen Dialog zwischen den Regierungen und den Rebellenbewegungen im jeweiligen Land. Ein echter Dialog könnte Rebellengruppen dazu
veranlassen, ihre Waffen niederzulegen und auf sicherem und fairem Wege
innerhalb eines demokratisch fundierten politischen Prozesses in Wettstreit zu treten.
Verteidigung ist notwendig, um die Länder der Region zu ihrer eigenen
Verteidigung mit Waffen und militärischer Ausbildung zu versehen. Die Militärhilfe der vereinigten Staaten ist ein Schild, hinter dem alle anderen
Elemente der Politik geschützt werden. Die Wirtschaftshilfe der Vereinigten Staten an diese Länder allein wird wenig gegen die Guerillas ausrichten, die von Kuba, Nicaragua und dem übrigen kommunistischen Block mit
großen Mengen an Waffen und Munition ausgerüstet werden.

Die sowjetische Politik
Diese vierteilige Erwiderung auf den sowjetischen Expansionismus ist
erfolgreich, aber die Herausforderung Moskaus und seiner Klienten in der
Region ist enorm. Die Sowjetunion gibt im Karibischen Raum fünfmal so
viel Geld aus wie die Vereinigten Staaten.
Seit 1980 beliefen sich die sowjetischen Lieferungen von Bombern, Panzern, Kriegschiffen, Boden-Luft-Raketen und anderem Kriegsmaterial an Kuba
auf mehr als 4 Milliarden Dollar. Darüber hinaus ist Material für etwa
600 Millionen Dollar aus dem Ostblock nach Nicaragua gegangen, also insgesamt 5 Milliarden Dollar an militärischem Gerät nur an diese beiden Länder. Diese Zahlen schließen nicht die Ausgaben für Ausbildung ein. Im
Vergleich dazu belief sich die Militärhilfe der Vereinigten Staaten an
ganz Mittelamerika in diesem Zeitraum zusammen mit der Ausbildung auf etwa
1 Milliarde Dollar. Die Militarisierung dieser Region geht also auf das
Konto Moskaus, nicht Washingtons.
Die sowjetische Wirtschaftshilfe an Kuba hat seit 1980 20 Milliarden
Dollar überschritten, während sich die amerikanische Wirtschaftshilfe an
die mittelamerikanischen Länder auf etwa 4 Milliarden Dollar belief. Die
Sowjets gewähren also mehr Wirtschaftshilfe an Kuba als an alle anderen
Hilfsempfänger auf der Welt zusammengenommen.
Trotzdem die

�Trotzdem die Last der Unterstützung an Kuba schwer wiegt, hält die
Sowjetunion die politischen, strategischen und möglichen militärischen
Vorzüge, einen Stützpunkt in der westlichen Hemisphäre aufrechtzuerhalten,
der Mühe für wert. Die Ideologie spielt bei den sowjetischen Überlegungen
eine große Holle , wie auch die Schaffung zusätzlicher kommunistischer
Staaten die Lehren des Marxismus-Leninismus bestätigt und somit die Sowjetunion selbst stützt. Die Kreml-Führer hoffen, daß die Vereinigten
Staaten letztlich so sehr um die Wirren im mittelamerikanischen und Karibischen Raum besorgt sein werden, daß sie militärisch und politisch nur
unzureichend in der Lage sind, den sowjetischen Initiativen in anderen
Schlüsselregionen der Welt entgegenzutreten.
Die Sowjets betrachten Lateinamerika und die Karibik seit langem als
die "strategische Rückseite" der Vereinigten Staaten, beklagen sich aber
dennoch über den "geographischen Fatalismus", der sie ihrer Ansicht nach
unfähig macht, auf die mögliche Achillesferse ihres Gegners Druck auszuüben (1). Im vergangenen Vierteljahrhundert haben sich die Sowjets jedoch
darum bemüht, die Schwachstellen der Region im Namen der "anti-imperialistischen" Revolution auszunutzen. Sowjetische Führer sehen in Mittelamerika eine ausgezeichnete Gelegenheit, um die Vereinigten Staaten zu beschäftigen - den "Hauptgegner" sowjetischer Strategie - und so für sich
selbst eine größere Handlungsfreiheit im Weltgeschehen zu schaffen.
Obwohl Moskau im Karibischen Becken wahrscheinlich keine direkte militärische Herausforderung gegenüber den Vereinigten Staaten aufbauen wird,
so versuchen die Sowjets doch, soviel Unruhe wie möglich in einem Gebiet
zu stiften, das die strategische Kreuzung der westlichen Hemisphäre bildet: die Meerenge von Florida, die an Kuba vorbeiführt, wäre die Hauptroute sowohl amerikanischer Truppen nach Europa wie auch der Versorgungsschiffe, die in einem Notfall in Europa 60 Prozent der Verstärkung und des
Nachschubs an die NATO liefern würden. Darüber hinaus wird fast die Hälfte der Importe und Exporte der Vereinigten Staaten durch diese Gewässer
transportiert und zwei von drei den Panamakanal durchquerenden Schiffen
tragen Güter aus den oder in die Vereinigten Staaten. Mehr als die Hälfte
des von den vereinigten Staaten benötigten Erdöls passiert diese Meerenge, über Kuba hofft die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten dazu zwingen zu können, ihre Aufmerksamkeit auf ein Gebiet zu richten, das in der
Vergangenheit kein Sicherheitsproblem war.

Die Notwendigkeit der Information
Im März 1985 veröffentlichten Außen- und Verteidigungsministerium den
Bericht über "Die sowjetisch-kubanische Verbindung in Mittelamerika und im
Karibischen Raum", um die Öffentlichkeit von dem Ausmaß der sowjetischen
und kubanischen Interventionen in der Region zu unterrichten (2). Die besprochenen Fragen sind komplexer Natur und werden wahrscheinlich kurz und
mittelfristig einen tiefgreifenden Einfluß auf die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ausüben, innerhalb einer Demokratie besteht eine fundamentale Verantwortung der Regierung darin, die Öffentlichkeit über die außenpolitischen Herausforderungen, denen sich das Land stellen muß, aufzuklären und zu informieren, wie auch über die ergriffenen Maßnahmen, um dieser

�um dieser Herausforderung zu begegnen. Aus diesem Grunde wurde auch die
vorliegende Publikation "Die Herausforderung an die Demoratie in Mittelamerika" erstellt, um die Öffentlichkeit in dieser Region von der Außenpolitik der vereinigten Staaten, den strategischen Ambitionen der Sowjets
und den möglichen Konsequenzen zu unterrichten, die sich ergeben können,
wenn sich die Erwiderung der Vereinigten Staaten gegenüber diesen Herausforderungen an die Demokratie als unzulänglich erweisen sollte.

KUBA: DER SOWJETISCHE VERTRETER IM KARIBISCHEN RAUM
Ursprünge des kubanischen AufStandes
Die neuere Geschichte Kubas beginnt mit dem 26. Juli 1953, als Fidel
Castro und seine Anhänger die Moncada-Kasernen in der im Osten Kubas gelegenen Stadt Santiago angriffen. Der Angriff schlug fehl, ein Großteil der
Truppe wurde getötet und Fidel und sein Bruder Raul inhaftiert. Ihr Leben
blieb jedoch verschont, und beide wurden unter der von der Regierung Fulgencio Batista erlassenen Amnestie im Jahr 1955 freigelassen. Die Brüder
gingen daraufhin nach Mexiko und fuhren mit ihrem Komplott zum Sturz der
Regierung Batistas fort. Im Navember 1956 verließen die Castros und ihre
Anhänger Mexiko mit der Absicht, einen Aufstand in Kuba zu initiieren.
Batistas Truppen fingen die Rebellen ab und vertrieben das Häuflein der
82 Mann innerhalb von drei Tagen nach dessen Landung am 2. Dezember 1956
im Ostteil Kubas. Die wenigen überlebenden flohen in die nahegelegende
Bergkette der Sierra Maestra, wo Castro begann, seine Guerilla-Armee wiederaufzubauen .
Castros flamboyanter Stil und sein Talent, durch den Guerillakampf die
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ließen ihn in den Vereinigten Staaten
schnell zu einer romantischen Figur werden. Da Castro seine Ziele sogar
gegenüber einigen seiner Kampfgenossen eher vorsichtig umschrieb, wurde er
als ein potentieller Befreier betrachtet. Dieser Ruf zusammen mit
Batistas strengen Maßnahmen veranlaßten schließlich die Regierung Eisenhower dazu, Kuba die Militärhilfe zu versagen. Batistas geschwächte Truppen wurden somit demoralisiert und der Diktator floh. Castro marschierte
daraufhin am 8. Januar 1959 im Triumphzug in Havanna ein (3).
Mit der Machtergreifung Fidel Castros brach im Karibischen Becken ein
neues Zeitalter an. Während die meisten Diktatoren mit der innenpolitischen Kontrolle zufrieden gewesen waren, exportierte Castro bald seine eigenen revolutionären Methoden auch nach draußen. Die gegen die Vereinigten Staaten gerichtete Haltung des Castro-Regimes war von Anfang an beschlossene Sache. Im Frühjahr des Jahres 1959 besuchte Castro die Vereinigten Staaten, verbot jedoch seinen wirtschaftspolitischen Beratern, mit
Washington über Auslandshilfe zu sprechen, ein Thema, das seitens der Vereinigten Staaten sehr wohl zur Diskussion stand(4). Castro besprach jedoch bald eben diese Hilfe mit Moskau und nährte dabei den Mythos, daß die
feindliche Haltung der Vereinigten Staaten ihn dazu gezwungen habe, Hilfe
bei den Sowjets zu suchen. Im Dezember 1961 hielt Castro eine Rede, in
der er erklärte, daß er seine wahre politische Anschauung während seines

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�während seines Kampfes gegen Batista verborgen habe, daß er ein Marxist
und Leninist sei und es auch bis zu seinem Tod bleiben würde (5). Erst im
Januar 1984 hat Castro zugegeben, daß die Antwort der Vereinigten Staaten
auf seine Aktivitäten nur eine geringe Rolle bei seiner Annahme des Kommunismus gespielt habe und fügte hinzu, daß "wir uns unwiderruflich als
Marxisten und Leninisten betrachten" (6).
Castros Hinwendung zu Moskau verhalf ihm zu größerem internationalen
Ruhm, als er ihn jemals als kubanischer Staatsmann und lateinamerikanischer Revolutionär hätte ereichen können. Ein Beobachter Castros formulierte das so:
Es sind letztlich die Sowjets, die Castro eine Rolle auf der größeren
Bühne der Weltpolitik verschaffen, die ihm gefällt und die es ihm erlaubt, das zu verfälschen, was andernfalls eine mehr nach innen gerichtete und daher auch konstruktivere Form von kubanischem Nationalismus gewesen wäre.
Das kubanische Volk hat Castros weltpolitische Rolle mit dem Verlust
politischer Freiheit und unausgesetztem wirtschaftlichen Notstand teuer
bezahlt. Seine Söhne sind bei zahlreichen Abenteuern im Ausland ums Leben
gekommen, besonders in Angola seit 1975. Castros internationaler politischer Ehrgeiz wurde durch die sowjetische Wirtschafts- und Militärhilfe
möglich gemacht, die Moskau aus sehr praktischen strategischen Gründen zur
Verfügung gestellt hat.
Die sowjetisch-kubanische Verbindung
Das Ausmaß der sowjetischen Militärhilfe während der vergangenen zwei
Jahrzehnte hat Castros einstmals improvisierte Guerilla-Armee von etwa
4 000 Mann, die keinerlei Schlagkraft über kubanische Küsten hinaus hatte, in eine bewaffnete Armee von 297 000 Soldaten verwandelt. Ohne sowjetische Militärhilfe hätten Castros "internationalistische" Truppen dem
Ehrgeiz ihres Anführers, eine Rolle auf der weltpolitischen Bühne zu spielen, nicht genügt. Mit sowjetischer Anleitung und Hilfe hat Castro das
kubanische Volk einer unvergleichlich brutaleren Diktatur als der Batistas
unterworfen und Kuba zu einem integralen Element des sowjetischen strategischen Netzwerks gemacht. Kuba dient jetzt als Stützpunkt der Sowjetunion im Karibischen Raum, stellt in dieser Form eine Bedrohung für die
Stabilität dieser Hemisphäre dar und bildet das Zentrum von Ausbildung und
Ausrüstung für Guerillas und Terroristen - besonders solcher aus Lateinamerika.
Die Sowjets haben dabei geholfen, in Kuba eine militärische Maschinerie in Gang zu setzen, die gleich ihren eigenen Truppen organisiert ist.
Kuba hat etwa 162 000 aktive Soldaten und zusätzlich 135 000 Reservisten,
die innerhalb von zwei Tagen mobilisiert werden können. Diese Reservearmee ist gut ausgebildet und teilweise kampferprobt, weil Tausende der im
Verlauf der letzten zehn Jahre nach Afrika geschickten Soldaten der Reserve angehörten. Castro unterhält mehr Soldaten in Afrika - etwa 40 000 -,

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�etwa 40 000 als Batista in seiner gesamten Armee hatte. Castro hat die
kubanische Gesellschaft weiter militarisiert und seine Kontrolle über die
Bevölkerung weiter ausgebaut, indem er eine "territoriale Miliz" von über
einer Million Menschen ins Leben rief (bei einer Gesamtbevölkerung von
10 Millionen), die einzig dem Zweck dient, Kuba im Falle einer Invasion zu
verteidigen.
Dieser Staat hat jetzt fast 1 000 Panzer, etwa 200 modernste Bomber
und eine zunehmend schlagkräftige Marine. Die Sowjetunion hat Castro Unterseeboote, Fregatten und mit Torpedos ausgerüstete Tragflächen-Schnellboote als Patrouillenboote zur Verfügung gestellt. Die Sowjets haben seit
1969 25mal Kriegsschiffe in den Karibischen Raum geschickt und führen häufig mit Castros Marine Manöver zur See durch. Die Sowjets betrachten den
Karibischen Raum als eine mögliche Schwachstelle der Vereinigten Staaten
und haben die Gelegenheit ergriffen, Kuba in einen unsinkbaren "Flugzeugträger" zu verwandeln (8) .
Aus Kubas Sicht heraus hat seine strategische Beziehung zur Sowjetunion ihre Ursprünge in dem Urteil Castros, daß ihn seine Außenpolitik von
den Vereinigten Staaten entfremden werde und er daher einen mächtigen Verbündeten brauche. Seiner Ansicht nach verringert ein Bündnis mit Moskau
das Risiko für Kuba. Für Kuba stellt die Sowjetunion den Garanten, hinter
dessen Schutz sich Havanna sicher dabei fühlt, seinen radikalen Umbruch
der kubanischen Gesellschaft und der außenpolitischen Mission zu verfolgen, zu deren Durchführung Castro fest entschlossen ist. Von Anfang an
war Moskau eine sehr wichtige Quelle wirtschaftlicher Hilfe und Unterstützung, ohne die Kuba niemals den Kurs hätte nehmen können, den es schließlich genommen hat. Für Moskau bot Kuba die Möglichkeit, sowjetische Macht
einzusetzen und Einfluß in der westlichen Hemisphäre zu gewinnen und auch,
die Vereinigten Staaten dazu zu veranlassen, sich mehr als in der jüngsten
Vergangenheit der Sicherheit seiner eigenen Region zu widmen. Diese Beziehung zwischen Moskau und Havanna hat auch die Möglichkeit beträchtlich
erhöht, daß eine künftige Revolution in der Region, wo sie auch verwurzelt
sein mag, ost-westliche Dimensionen annehmen könnte. Daher rechnet sich
jede Seite bei dieser sowjetisch-kubanischen Verbindung Vorteile aus.
Kuba hat einen großen Bruder, der es beschützt, und die Sowjetunion hat
eine neue Möglichkeit zur Veränderung des strategischen Gleichgewichts.
Um diese Möglichkeit so gut wie möglich auszunutzen, haben die Sowjets
wenigstens 7 000 Mann an militärischem und nachrichtendienstlichem Personal auf Kuba. Sie unterhalten einen militärischen Beraterstab von 2 800
Mann, um die ungeheuer große kubanische Militärmaschinerie auszubilden und
unterhalten zu helfen. Sie haben darüber hinaus eine 2 800 Mann starke
Infanterie-Einheit in Kuba stationiert. Der militärische Einfluß des
Kreml breitet sich in Kuba, wie auch in den Staaten des Warschauer Paktes,
stärker aus. Man nimmt an, daß die Sowjetunion den Kubanern die militärische Ausrüstung und Ausbildung kostenlos zur Verfügung stellt und daß der
Gebrauch des kubanischen Stützpunktes quasi den Ausgleich schafft. Diese
Stützpunkte geben den Sowjets im Handlungsspielraum und beim Nachrichtendienst Vorteile. Der größte unmittelbare Nutzen, den Moskau aus Kuba
zieht, ist die nachrichtendienstliche Einrichtung der Sowjets in Dourdes

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�in Lourdes nahe Havanna. Von dort aus, ihrem modernsten elektronischen
Horchposten außerhalb der Sowjetunion selbst, beobachten etwa 2 100 sowjetische Nachrichtentechniker das militärische und wirtschaftliche Nachrichtennetz der Vereinigten Staaten ebenso wie die vom nahegelegenen Cape Canaveral ausgehende Kommunikation im Weltraum. Ebenso hören die Sowjets
Telephongespräche privater Bürger in den Vereinigten Staaten ab.
Eine weitere militärische Dividende, die die Sowjets aus ihrer Investition in Kuba ziehen, ist die Eähigkeit, Spionage- und Ausbildungsmissionen mit Langstrecken-Aufklärern und gegen Unterseeboote gerichteten
Flugzeugen entlang der Ostküste der Vereinigten Staaten durchzuführen.
Diese Flugzeuge beobachten wichtige Verteidigungseinrichtungen der Vereinigten Staaten, die Bewegungen der Atlantischen Flotte und die AtomU-Boote der Vereinigten Staaten. Zugang zu Kuba bedeutet für die weltpolitische Strategie des Kreml einen unschätzbaren Vorzug. Sollten sich die
sowjetischen Statsmänner in Zukunft entscheiden, eine direktere und aktivere Rolle in der westlichen Hemisphäre zu spielen, würden Kubas Luft- und
Marinestützpunkte (über die Jahre hinweg mit sowjetischen Geldern und
technischer Unterstützung erbaut) eine ausgezeichnete Plattform zur Ausbreitung der sowjetischen Militärmacht darstellen.

Mittelpunkt für Subversion und Terrorismus
Ein wichtiges langfristiges Ziel der sowjetischen und kubanischen Führung ist es, die Vereinigten Staaten von einem, ihrem Glauben nach zunehmend radikalisierten und kommunistischen Lateinamerika zu entfremden.
Castro strebt bereits seit langer Zeit danach, ein Katalysator für Guerilla-Kriegsführung zu sein, die zu marxistisch-leninistischen Regierungen
in Lateinamerika führen soll. Aber die Sowjets, die in den sechziger Jahren eine andere Taktik verfolgten, rieten zur Vorsicht und legten Castro
nahe, seine eigene Machtergreifung zu sichern, bevor er andere Länder anging. Während des vergangenen Jahrzehnts haben die Sowjetunion und Kuba
jedoch zusammengearbeitet, um die Zersetzung der pro-westlichen Regierungen aktiv voranzutreiben. Sie tun dies, indem sie die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten der Region ausnutzen. Die Sowjets benutzen somit Kuba nicht nur als strategischen Stützpunkt, sondern
auch als ein Ausbildungslager und eine Bühne für potentielle Castros, und
das mit Castros enthusiastischer Hilfe.
Daß die opportunistischen Sowjets die Region als ein verlockendes Ziel
der Ausbeutung betrachten, wurde durch ein "Gesprächsprotokoll" aufgedeckt, das sich bei den 35 000 Pfund von Dokumenten befand, die von Truppen der Vereinigten Staaten und der Karibik während der Befreiungsoperation auf Grenada im Oktober 1983 beschlagnahmt wurden. Diese Akte eines
Zusammentreffens vom April 1983 zwischen dem sowjetischen Außenminister
Gromyko und dem damaligen Premierminister von Grenada, Maurice Bishop,
zeigte, daß die Sowjets die Region als "einen kochenden Kessel" betrachteten (9). Einen Monat eher sagte der sowjetische Spitzenmilitär, Marschall
Nikolai Ogarkow, seinem grenadischen Amtskollegen, daß es "über Jahrzehnte
hinweg nur Kuba in Lateinamerika gab, heute gibt es hingegen Nicaragua,

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�hingegen Nicaragua, Grenada, und es findet ferner ein ernsthafter Kampf in
El Salvador statt". Ogarkow versicherte seinem Kollegen aus Grenada des
weiteren, daß die Sowjetunion Grenada die notwendige militärische Ausrüstung zur Verfügung stellen würde (10).
Moskau hat einem sehr willigen Castro die Aufgabe übertragen, die
Mehrheit der Guerillas und Saboteure auszubilden, die die sowjetisch-kubanische Strategie durchführen sollen. Trainingslager in Kuba geben Ausländern intensiven militärischen Unterricht in der Taktik kleiner Einheiten,
für Sprengstoffanschläge und andere Elemente der Guerilla-Kriegsführung
sowie für marxistisch-leninistische Schulung. Absolventen der Ausbildungslager Castros agieren nicht nur in Lateinamerika, sondern schließen
auch Terroristen der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) und anderer
radikaler Gruppen der ganzen Welt ein. Aber gerade in Mittelamerika hat
Castro in den vergangenen Jahren die größten Anstrengungen unternommen.
Ein lebhaftes Beispiel für Kubas zentrale Rolle, gemeinsam mit Nicaragua die kommunistisch geleitete Rebellion in El Salvador zu inszenieren,
stellt Adin Ingles Alvarado dar, ein Offizier der Volksbefreiungstruppe
(FPL), der größten Guerilla-Einheit in El Salvador. Ingles war am Angriff
auf das Hauptquartier der Vierten Brigade der Salvadorianischen Armee am
30. Dezember 1983 beteiligt. Später war er von der Sache der Guerillas
enttäuscht und lieferte sich selbst im April 1985 den Regierungsbehörden
aus. Ingles sagte in einem in El Salvador landesweit übertragenen Fernsehprogramm über den Angriff:
Wir begannen, den Angriff auf die Vierte Brigade in Kuba zu planen,
wo sie 28 Mann nahmen, um sie speziell für die Operation auszubilden... ich war einer der 28, die in Kuba ausgebildet wurden, um diese
Operation gegen die Vierte Brigade durchzuführen. Wir unternahmen sogar KampfÜbungen, wobei ein Modell der Garnison verwendet wurde. Ich
war in der Führung der Gruppe. Gemeinsam besprachen wir die Pläne bezüglich der Durchführung des Angriffs mit den kubanischen Beratern und
den Männern, die die Operation durchführen sollten. Neben der Ausbildung erhielten wir auch alle das Material zum Einsatz gegen die Vierte
Brigade. Sprengstoff, Maschinengewehre und Munition wurden von Kuba
geschickt. Nicaragua war nur Durchgangs- bzw. Aufmarschort. Dort
wurden die Vorkehrungen zur Durchführung getroffen. Dann wurde das
Material zu den Guerillas in El Salvador weitertransportiert. Das war
die Rolle Nicaraguas.
Kubas Fähigkeit, Chaos in Mittelamerika zu schaffen, wurde durch die
Machtübernahme 1979 von Castros langjährigen Schützlingen, den Sandinisten, dramatisch erhöht. Zum erstenmal gelang es einer Regierung, die von
Marxisten-Leninisten geführt wurde, sich in Mittelamerika zu verschanzen.
Für Castro schienen sich zwanzig Jahre der Bemühungen auszuzahlen, als
nicht nur die Sandinisten in Nicaragua, sondern auch Maurice Bishops New
Jewel-Bewegung in Grenada an die Macht gelangten.

Castros Schüler

�Castros Schüler kommen an die Macht
Maurice Bishops Diktatur dauerte nur vier Jahre und endete am 19. Oktober 1983, als er durch Mitglieder seiner eigenen New Jewel-Movement-Partei umgebracht wurde. Diese Aktion hatte eine Periode der Anarchie zur
Folge, die schließlich Grenadas Generalgouverneur veranlaßte, die Vereinigten Staaten und die Länder der östlichen Karibik zu ersuchen, die Ordnung wiederherzustellen. Die darauf folgende Rettungsoperation brachte
Grenada wieder auf den Weg zu einer repräsentativen Regierung.
Bishop hatte versucht, den Weg zu verfolgen, den Castro in den sechziger Jahren gegangen war. Er versprach, die Demokratie zu fördern und die
Lebensqualität des Volkes von Grenada zu verbessern. Er hatte jedoch genausowenig die Absicht zur Realisierung der Denokratie wie Kuba. Obgleich
er sich in der Öffentlichkeit wie ein Sozialdemokrat gab, enthüllten
Bishops Erklärungen im Privatbereich etwas ganz anderes. Zu den Dokumenten, die im Oktober 1983 aufgefunden wurden, gehörte ein "vertrauliches"
Gespräch, das Bishop am 13. September 1982 hatte. In dieser "Stoßrichtungsrede" zeigte sich seine Absicht, eine marxistisch-leninistische Regierung zu schaffen. Was die Rechtmäßigkeit des Ganzen anbelangte, erklärte Bishop in grenadischem Stil:
überlegt doch nur, Kameraden, wie die Gesetze in diesem Land gemacht
werden. Die Gesetze in diesem Land werden gemacht, wenn das Kabinett
zustimmt und wenn ich ein Dokument im Namen des Kabinetts unterzeichne. Und das muß dann jeder im Land befolgen - ob es ihm paßt oder
nicht. Oder überlegt einmal, wie Menschen in diesem Land verhaftet
werden. Wir fragen nicht erst nach Abstimmungen. Man wird verhaftet,
wenn ich einen Befehl unterschreibe, nachdem ich mit dem Ausschuß der
Partei für Nationale Sicherheit oder mit einem höheren Parteigremium
gesprochen habe. Wenn ich erst einmal unterschrieben habe - ob es denen nun paßt oder nicht -, dann haben sie sich daran zu halten.
Sowjets und Kubaner waren schnell bei der Hand, um Bishop und seiner
Partei zu helfen, als diese die Macht übernahm. Im Oktober 1983 hatte das
kleine Grenada mehr Mann unter Waffen und verfügte über mehr Waffen und
Ausrüstung, als all seine Nachbarn in der östlichen Karibik zusammen - dazu noch Pläne, Grenada die größte Militärmacht der Welt in Relation zur
Bevölkerung zu geben.
Die aufgefundenen Dokumente enthüllten, daß diese Militärhilfe des
Sowjetblocks Grenada als Folge von geheimen Verträgen und Abkommen gewährt
worden war. Sowjets und Kubaner akzeptierten grenadische Delegationen
zwecks deren Ausbildung in militärischer und paramilitärischer Tätigkeit,
Propaganda, Subversion der Kirchen und allgemeiner politischer Indoktrination. Grenadiner wurden zwecks Ausbildung in die UdSSR und nach Kuba geschickt (13).
Ein wichtiges Element dieser Abkommen waren die erheblichen Geldbeträge und der Einsatz von Personal, um das Volk von Grenada hinsichtlich der
Grundlagen des Marxismus-Leninismus zu indoktrinieren. Als sich die

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�sich die Regierung Bishop im Sommer 1983 vor eine interne politische Krise
gestellt sah, reagierte sie mit der Ankündigung eines umfassenden "ideologischen Intensivkurses" für die gesamte Bevölkerung der Insel. Die Dokumente enthüllen, daß sowjetische Instruktoren an diesem "Intensivkurs" beteiligt waren (14).
Die Rettungsoperation durch die Vereinigten Staaten und die Staaten
der östlichen Karibik im Oktober 1983 wurde durch das Volk von Grenada in
überwältigendem Ausmaß unterstützt. Eine Befragung durch CBS eine Woche
nach der Operation zeigte, daß 91 Prozent der Befragten dieser Rettungsoperation absolut zustimmten(15).
Für Castro und die sowjetische Führung war die Niederlage ein erheblicher - wenn auch nur zeitweiliger - Rückschlag. In Nicaragua jedoch
hatten die Sandinisten feste Kontrolle über ein zunehmend totalitäres Regime, und die Vision einer Konsolidierung und Expansion des MarxismusLeninismus in Mittelamerika schwebte Castro, seinen Gönnern und seiner
Klientel noch immer vor.

NICARAGUA:

MARXISMUS UND MILITARISMUS

Die Ursprünge des sandinistischen Regimes
Als die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) und ihre Verbündeten die Dynastie Somozas, die 42 Jahre lang gewährt hatte, stürzten
und selbst am 19. Juli 1979 an die Macht kamen, ritten die Sieger auf einer Welle des nationalen und internationalen guten Willens. Allgemeiner
Eindruck in der Welt war, daß eine kleine Gruppe junger Davide - "Rock 'n'
Roll-Rebellen...(16) begeistert von Baseball, Bier und Bruce Springsteen"
- einen brutalen Goliath besiegt hatte. Die Gegnerschaft zur Somoza-Diktatur hatte sich ab Mitte der siebziger Jahre immer weiter ausgebreitet,
und die Ermordung eines der führenden Kritiker Somozas, des Herausgebers
von La Prensa, Pedro Joaquin Chamorro, löste Demonstrationen der öffentlichen Empörung aus, einschließlich eines längeren Generalsteiks. Die
Sandinisten zehrten von diesem immer stärkeren Unwillen, und der Sturm
Eden Pastoras (des Commandante Zero) auf den Nationalpalast im August jenen Jahres beflügelte die Phantasie des nicaraguanischen Volkes und der
ganzen Welt.
Ende 1978 begannen die Reihen der FSLN anzuschwellen - von gerade einigen hundert Militanten, aus denen die Front bis dahin stets bestanden
hatte, auf fast 1 000 Kombattanten (17). Im darauffolgenden Sommer war
ihre Zahl auf etwa 5 000 angewachsen(18). Obgleich zahlenmäßig kleiner
als die 14 000 Mann starke Nationalgarde Somozas, zogen die Sandinisten zu
Beginn des Jahres 1979 Nutzen aus der wachsenden Opposition zu Somozas Unterdrückung und erhielten große Mengen an Material aus dem Ausland. Zahlreiche Waffen und viel Munition kamen aus Kuba. Auch Venezuela und Panama
stellten den Sandinisten große Mengen an Waffen zur Verfügung, während
Costa Rica zustimmte, daß die Sandinisten sein Territorium als Zufluchtsort nutzten.
Im Gegensatz
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�Im Gegensatz hierzu war die Nationalgarde Somozas vom Volk isoliert
und hatte Versorgungsschwierigkeiten. Die Vereinigten Staaten hatten im
Februar 1977 ihre Militärhilfe an Somoza eingestellt. Im Juni 1979 unternahm die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) den ungewöhnlichen
Schritt, den Sturz der Regierung eines Mitgliedslandes zu unterstützen und
forderte den "definitiven Austausch" des Somoza-Regimes(19). Ohne Hoffnung auf Hilfe von außen und nach Verlust der Kontrolle über den größten
Teil des eigenen Territoriums floh Somoza am 17. Juli aus Nicaragua. Die
Nationalgarde löste sich im wahrsten Sinn des Wortes über Nacht auf; viele
der Gardisten, einschließlich des größten Teils der höherrangigen Offiziere, flohen ins Exil, während etwa 3 000 andere, meist angeworbene Leute,
von der neuen Regierung ins Gefängnis geworfen wurden(20). Heute befinden
sich noch immer 1 500 bis 2 000 dieser Gardisten in Haft.

Die sandinistische Machtübernahme
Die sandinistische Führung war für den bewaffneten Kampf von entscheidender Bedeutung, obgleich sie nur eine kleine Minderheit derjenigen ausmachte, die sich gegen die Diktatur Somozas gestellt hatten. Geschäftsleute, Bauern, Arbeiter, Studenten und Nicaraguaner aller Schichten setzten sich für den Sturz des Diktators ein. Die fast gänzliche Einstimmigkeit beim Kampf gegen Somoza und seine willkürliche Anwendung von Gewalt
führte zu großer Zerstörung und vielen Toten - und sie führte in die
Schlagzeilen der Medien der ganzen Welt. Der Sieg der Sandinisten und
ihrer Verbündeten ließ bei vielen die Hoffnung wach werden, eine neue Ära
sei für dieses Land angebrochen. Die Führung der FSLN hatte sich öffentlich verpflichtet, die Grundsätze des politischen Pluralismus, einer gemischten Volkswirtschaft und einer bündnisfreien Außenpolitik einzuhalten (21). Da diese Verpflichtung die offizielle Position der neuen Regierung zum nationalen Wiederaufbau (GRN) widerzuspiegeln schien, erfreute
sie sich breiter internationaler Unterstützung, wobei die Vereinigten
Staaten dabei führend waren, was sich in den darauffolgenden 18 Monaten in
118 Millionen Dollar an Wirtschaftshilfe und humanitärer Hilfe ausdrückte. Dies war mehr, als jedes andere Land dem neuen Regime zur Verfügung
gestellt hatte - und mehr, als die vereinigten Staaten Somoza in den vorangegangenen vier Jahren gegeben hatten. Auch europäische und lateinamerikanische Länder, vor allem Venezuela, schickten Hilfe in das verarmte
und vom Krieg verwüstete Nicaragua.
Obgleich die Sandinisten erheblich marxistisch-leninistisch ausgerichtet waren und ihre Führung eng mit Fidel Castro verbunden war, stellte die
FSLN noch immer nur ein Element der breiten und populären Koalition gegen
Somoza dar, die die GRN stellte. Die Vereinigten Staaten, die lateinamerikanischen und die europäischen Staaten hofften, daß der marxistischleninistische Schwung der jugendlichen Sandinistenführung durch die gemässigteren Mitglieder der Koalition etwas abgeschwächt würde.
Eins war falsch an dieser Analyse. Die Sandinisten hatten die Gewehre
und waren nicht bereit, diese oder die Macht, die der militärische Erfolg
ihnen gebracht hatte, abzugeben. Sie waren davon überzeugt, daß die

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�daß die Rettung Nicaraguas in einer marxistischen Wirtschaft und in leninistischer Politik lag.
Fidel Castro, der Gönner der Sandinisten, warnte sie jedoch, nicht in
derselben Geschwindigkeit fortzufahren, die sie in den frühen sechziger
Jahren vorlegten, als sie die politische Orientierung des neuen Regimes
nannten. Castro wollte, daß die Sandinisten eine der seinen ähnliche kommunistische Diktatur etablierten, riet ihnen jedoch, dies mit einer Behutsamkeit zu tun, die die westlichen Länder dazu bringen würde, die finanzielle Hilfe zur Verfügung zu stellen, die für die neue Regierung notwendig war. Bayardo Arce, eines der führenden Mitglieder der FSLN, formulierte es ein paar Jahre später in einer denkwürdigen geheimen Rede so:
Unsere strategischen Verbündeten raten uns, uns selbst nicht als
Marxisten-Leninisten darzustellen... Nicaragua wird das erste Beispiel
des Aufbaus des Sozialismus mit Hilfe der Dollars des Kapitalismus
sein.
In den vergangenen sechs Jahren haben die Sandinisten nicht nur diesen
Rat befolgt, sondern haben allmählich mit ihren "strategischen Verbündeten" mitgehalten. Genau wie die Führungen in der Sowjetunion, den Staaten
Osteuropas, Vietnams und Kubas haben die Sandinisten nunmehr eine Pressezensur erlassen, einen mächtigen geheimpolizeilichen Apparat eingerichtet,
systematische Angriffe auf organisierte Religionsgemeinschaften gestartet
und eine große Militärmacht entwickelt.
Eden Pastora, der berühmte "Comandante Zero" der Zeit des Kampfes gegen Somoza und später stellvertretender Verteidigungsminister der Sandinisten, jetzt aber eine der Führungsgestalten des demokratischen Widerstandes gegen die Sandinisten, antwortete auf die Frage "Wo liegt Ihrer
Meinung nach die größte Schuld der neun Comandantes?":
Darin, daß sie die einzige Chance verspielten, die je ein Volk in der
Geschichte hatte, echte Unabhängigkeit auszuüben, denn mit all der
Hilfe, die uns die Welt damals zukommen ließ, hätten wir eine Vielzahl
von Wirtschaftspartnern haben können und Abhängigkeit von einem einzigen vermeiden können. Kein anderes Land der Welt hatte die gleiche
Chance. Peru, Kolumbien, Ecuador, Panama, Venezuela, Costa Rica, sogar die Araber halfen uns. Wir verloren alles, als wir uns zum Spießgesellen der UdSSR machten.

FUSSNOTEN
1. Committee on Foreign Affairs, U.S. House of Representatives: "The
Soviet Union in the Third World, 1980-85: An Imperial Bürden or Political
Asset?" (Washington, D.C.: Congressional Research Service, 23. September
1985), S. 284-286.
2. U.S. Department of State/Department of Defense: "The Soviet-Cuban
Connection in Central America and the Caribbean" (Washington, D.C.:
März 1985).
3. Als
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�3. Als erschöpfende Analyse der kubanischen Geschichte mit besonderer Betonung auf Castros Kampf gegen Batista und die darauffolgende Regierung
Castro siehe Hugh Thomas: "Cuba: The Pursuit of Freedom" (New York, Harper
and Row, 1971).
4. Rolando Bonachea: "United States Policy Tbward Cuba, 1959-1961," unveröffentlichte Dissertation, Georgetown Uhiversity, 1974.
5. Thomas, S. 1373
6. Radiosendung im Madrid Dornestic Service, 5. Januar 1984. Foreign
Broadcast Information Service (FBIS), Lateinamerika, 9. Januar (-ERR0R-)Q4.
7. Mark Falcoff: "Uhscrambling Cuban Messages" (Washington, D.C.: Cuban
American National Foundation, Inc., 1983), S. 10.
8. Jerry Flint: "Cuba: Russia's Wondrous Weapon," Forbes, 28. März 983,
S. 39.
9. Ein Microfiche dieses Dokuments, dessen Original von der amerikanischkaribischen Sicherheitstruppe während der Rettungsaktion in Grenada im
Oktober 1983 entdeckt wurde, kann zur Prüfung beim National Archive in
Washington, D.C. unter der Dokumenten-Nr. DSI-83-C-004845 eingesehen
werden.

10. I b i d . , Dokumenten-Nr. DSI-83-C-004844.
11. Ingles gab diese Erklärung in einem Fernsehprogramm in San Salvador
mit dem Titel "Cuatro Comandantes", Cadena Nacional, am 11. Juni 1985 ab.
12. U.S. Department of State: Maurice Bishop's "Line of March" Speech,
13. September 1982, Grenada Occasional Papers - No. 1 (Washington, D.C:
August 1984).
13. U.S. Department of State/Department of Defense: "Grenada Documents: An
Overview and Selection, (Washington, D.C, September 1984), S. 17-1 - 17-8.
14. Paul Seabury und Walter A. McDougall, Hrsg.: "The Grenada Papers" (San
Francisco: Institute for Contemporary Studies, 1984) S. 101-104.
15. U.S. Department of State/Department of Defense: "Grenada: A
Preliminary Report (Washington, D.C, 16. Dezember 1983) S. i
16. Paul Hollander: "The Newest Political Pilgrims", Commentary,
August 1985, S. 37.
17. "Rebeis Train Tb Overthrow Somoza", Washington Post, 15. Oktober 1978.
18. "Nicaraguan Junta Assumes Rule in Jubilant Managua", Washington Post,
21. Juli 1979.
19. Organisation

- 14 -

*

�19. Organisation Amerikanischer Staaten: "Seventeenth Meeting of
Consultation of Ministers of Foreign Affairs", Resolution II, Dokument
40/79, Rev. 2, Washington, D.C., 23. Juni 1979.
20. Shirley Christian: "Nicaragua: Revolution in the Family" (New York:
Random House 1985), S. 133.
21. Organisation Amerikanischer Staaten: "Report on the Situation of Human
Rights in the Republic of Nicaragua", 30. Juni 1981, S. 4-5. Die weiteren
Unterzeichner dieses Briefes waren Daniel Ortega (der heutige Präsident
von Nicaragua), Sergio Ramirez (heute Vize-Präsident), Moises Hassan
(heute Bürgermeister von Managua) und Alfonso Robelo (heute einer der
Führer der UNO, die in Opposition zum Sandinisten-Regime steht; zusammen
mit Violetta Chamorro war Robelo eines der beiden nichtmarxistischen Mitglieder der ursprünglichen Junta.

* * * * *

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