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                  <text>ERIKA DIENST
*.

8

26. Februar

1936

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan fordert Abschaffung amerikanischer und sowjetischer
Mittelstreckenraketen
- Antwort auf Gorbatschows Vorschläge -„
Europa und das Bündnis - Rückkehr zum Zwei-Säulen-Konzept
- Rede des US-Botschafters Richard R. Burt vor dem
Oberseeclub in Hamburg -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
US-RAUMTRANSPORTERPROGRAMM

I

UNTER NEUER LEITUNG

- Erste Trümmer der rechten Feststoffrakete geborgen -

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VoN

Dokumentation

4

26. Februar 1986

REAGAN FORDERT ABSCHAFFUNG AMERIKANISCHER UND SOWJETISCHER
MITTELSTRECKENRAKETEN
- Antwort auf Gorbatschows Vorschläge -

Washington - ( A D ) - Nach Aussagen von Präsident Reagan haben
amerikanische Unterhändler jetzt einen "konkreten Plan" vorgelegt, der in Europa und Asien die Abschaffung sowohl der amerikanischen Pershing II-Raketen und bodengestützten Marschflugkörper als auch sowjetischer SS-20-Raketen fordert.
In einer schriftlichen Erklärung vom 2 4 . Februar betonte
der Präsident, sein Plan fordere, daß "all diese Raketen bis
zum Ende dieses Jahrzehnts von der Erdoberfläche entfernt werden" .
Der Plan wurde als Antwort auf Generalsekretär Gorbatschows Vorschläge vom 1 5 . Januar vorgelegt. Reagan bat die
Sowjetunion, den neuen amerikanischen Vorschlag "sorgfältig zu
prüfen" und am Genfer Verhandlungstisch "konkret darauf zu
antworten".
Nachfolgend bringen wir die Erklärung Präsident Reagans im
Wo r 11 a u t:
Am 15. Januar habe i ch die Tatsache begrüßt, daß die Sowjetunion Rüstungskontroi lvorschläge vorgelegt hatte, von denen
wir erhofften, daß sie d en Fortschritt bei den Genfer Treffen
und anderen Verhandlunge n unterstützen würden. Ich stellte
fest, daß einige Teile d er sowjetischen Ankündigung konstruktiv zu sein scheinen und auf unseren Vorschlägen, die wir bereits zu einem früherem Zeitpunkt auf den Verhandlungstisch
gelegt hatten, aufbauen, Andere Teile widerspiegeln jedoch
frühere sowjetische Stan dpunkte, die ein ernsthaftes Hindernis
für den Fortschritt dars teilen.
Wir haben diese sowjetischen

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Ideen sehr genau analysiert

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�genau analysiert und uns eingehend mit unseren Freunden und
Verbündeten in Europa und Asien besprochen, bevor wir der Sowjetunion antworteten. Diese Konsultationen waren ausgezeichnet
und haben uns wichtige Denkanstöße gegeben; wir haben jetzt
unsere Analyse vervollständigt und eine Entscheidung getroffen. Ich habe dies den politisch Verantwortlichen unserer
Bündnisstaaten mitgeteilt und Generalsekretär Gorbatschow geantwortet.
Ich habe Herrn Generalsekretär Gorbatschow gegenüber meinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, in den wichtigsten Foren der
Rüstungskontrolle und in den anderen Schlüsselbereichen der
amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen Fortschritte zu erzielen: bei den regionalen Fragen, Menschenrechten und bei bilateralen Angelegenheiten. Ich habe die Haltung der Vereinigten
Staaten bekräftigt, daß die ersten Schritte im Bereich der nuklearen Rüstungskontrolle in einschneidenden Kürzungen bei den
amerikanischen und sowjetischen Offensivwaffen bestehen sollten, über die im Augenblick in Genf verhandelt wird.
Im Hinblick auf das Konzept, das vom Generalsekretär als
sein "Plan" zur Abschaffung aller Nuklearwaffen bis zum Ende
des Jahrhunderts vorgelegt wurde, freue ich mich darüber, daß
die Sowjetunion im Prinzip unserem Endziel, der Hinwendung zur
- wenn möglich - totalen Abschaffung nuklearer Waffen,
zuzustimmen scheint. Man braucht nicht darauf hinzuweisen, daß
dies vorsichtig geschehen muß, im Einvernehmen mit den allgemeinen Anforderungen an die Sicherheit und Stabilität der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten.
Als Mittel zur Erreichung dieses Zieles unterstützen wir
einen Prozeß, durch den die vereinigten Staaten und die Sowjetunion die ersten Schritte unternehmen würden, indem sie auf
beiden Seiten das Prinzip der Verringerung von nuklearen Offensivwaffen um 50 Prozent verwirklichen und entsprechend anwenden sowie über ein Abkommen bei Mittelstreckenwaffen verhandeln. Wir glauben, daß wir uns weiterhin unmittelbar auf
die baldige Erfüllung dieser ersten notwendigen Schritte konzentrieren sollten.
Wir freuen uns auch darüber, daß die Sowjetunion jetzt öffentlich unsere seit langem eingenommene Haltung anerkannt
hat, daß die Verifizierbarkeit der verhandelten Abkommen den
wichtigsten Punkt darstellt. Wir beabsichtigen, am Verhandlungstisch, wenn nötig, alle Probleme der Verifizierung und
Gorbatschows öffentliches Angebot konkret zu untersuchen.
Auf der anderen Seite sind viele der besonderen Einzelheiten, die in den folgenden Phasen des sowjetischen "Planes"
vorgeschlagen wurden, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eindeutig
noch nicht in Erwägung zu ziehen. Unserer Ansicht nach wird
die völlige Abschaffung nuklearer Waffen gleichzeitig die Be- 2-

�die Berichtigung des Ungleichgewichts bei konventionellen und
anderen Waffen erfordern und die völlige Erfüllung gegenwärtiger und zukünftiger vertraglicher Verpflichtungen, die friedliche Lösung regionaler Konflikte auf eine Art und Weise, die
Wahlfreiheit ohne Einmischung von außen erlaubt sowie ein von
der Sowjetunion gezeigtes Engagement für friedlichen Wettbewerb. Leider gehen die Einzelheiten des sowjetischen "Plans"
nicht auf diese gleichermaßen unerläßlichen Anforderungen ein.
Ich würde gern an all diesen Fronten Fortschritte erzielen.
Während wir uns allgemein um Fortschritt bemühen, gibt es
einen Bereich, von dem ich hoffe, daß wir hier zu einem unmittelbaren Fortschritt gelangen werden: bei den Verhandlungen
über nukleare Mittelstreckenwaffen. Heute haben unsere Unterhändler in Genf einen konkreten Plan vorgelegt, der die Abschaffung von amerikanischen Pershing-II-Raketen, bodengestützten Marschflugkörpern und sowjetischen SS-20-Raketen
nicht nur in Europa, sondern auch in Asien fordert und mit
dessen Hilfe alle Raketen dieser Art bis zum Ende des Jahrzehnts von der Erdoberfläche entfernt werden sollen.
Ich rufe die Führung der Sowjetunion auf, die Einzelheiten
unseres neuen Vorschlags sorgfältig in dem Geiste, in dem er
vorgelegt worden ist, zu prüfen und am Verhandlungstisch konkret darauf zu antworten. Ich fordere die Sowjetunion auf,
auch auf die konkreten und umfassenden Vorschläge zu antworten, die die Vereinigten Staaten am 1. November in Genf vorgelegt hatten. Diese Vorschläge betrafen alle drei Bereiche
der Nuklear- und Weltraumgespräche (NST). Unglücklicherweise
wurden unsere Vorschläge zu strategischen Nuklearwaffen
sowie Verteidigungs- und Weltraumwaffen nicht beantwortet.
Lassen Sie mich betonen, daß wahrer Fortschritt beim Abbau
nuklearer und anderer Waffen nur in vertraulichen Gesprächen
am Verhandlungstisch erreicht werden kann. Die vereinigten
Staaten tragen ihren Teil dazu bei, den praktikablen Prozeß
des Gebens und Nehmens, der zu einschneidender Abrüstung führen kann, bei den Nuklear- und Weltraumgesprächen zu unterstützen. Mit ebensolchem Einsatz unserer sowjetischen Verhandlungspartner sind wirkliche Fortschritte jetzt nähergerückt.

- 3-

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VION &amp;

26. Februar 1986

EUROPA UND DAS BÜNDNIS Rückkehr zum Zwei-Säulen-Konzept

- HAMBURG - (AD) - In einer Red e vor dem Hambu rger Uberseeklub hat der amerikanische Botsc hafter in Bonn, Richard R.
Burt, am 25. Februar das Thema "Eur opa und das Bün dnis - Rückkehr zum Zwei-Säulen-Konzept" behan delt. Er erinne rte an die
Erfolge des Atlantischen Bündnisses beim Widerstan d gegen sowjetische Versuche, Sonderbeziehunge n zwischen den Verein igten
Staaten und der Sowjetunion auf Kos ten der europäi sehen Sicherheit herzustellen. "Wir werden uns auch weiter hin sowjetisehen Versuchen widersetzen, die Si cherheit des Bü ndnisses
durch die Herstellung eines separat en 'eurostrateg ischen'
Gleichgewichts zu unterteilen. Wir werden mit unse ren Bemühungen fortfahren, um sicherzustellen, daß Westeuropa ein Recht
auf Sicherheit behält, das unserem eigenen und jen em der Sowjetunion entspricht," betonte er.
Die Rede des Botschafters hat folgenden Wortlaut:
Herr Professor Stödter, Herr Präsident Schulz, Herr Senator Lange, Herr Generalkonsul Ezen, sehr geehrte Mitglieder
des Uberseeklubs - Ich freue mich sehr, in Hamburg zu sein und
betrachte es als ein Privileg, heute diese Gelegenheit zu haben, zu Ihnen über ein Thema zu sprechen, das meiner Ansicht
nach für die Überlegungen politischer Entscheidungsträger auf
beiden Seiten des Ozeans von zentraler Bedeutung ist - die Zukunft des westlichen Bündnisses.
Ich glaube, dies ist heute ein ganz besonders angemessener

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�besonders angemessener Ort, um meine Gedanken über das Bündnis
darzulegen. In seiner langen und stolzen Tradition als Mitglied der Hanse symbolisiert Hamburg seit Jahrhunderten für
Deutschland das Tor zur Welt und gehört bis heute zu den Städten Deutschlands mit dem wohl ausgeprägtesten internationalen
Charakter. Es ist darüber hinaus eine Stadt, die sich einer
langen und treuen Befolgung der Prinzipien von Demokratie und
Freiheit rühmen kann, die die Grundlage des Bündnisses bilden.
Und was könnte ein angemessenerer Rahmen für diese Ansprache
sein als der Uberseeklub, der mit Stolz auf seinen Beitrag zur
Neugestaltung der internationalen Beziehungen Deutschlands
nach zwei Weltkriegen zurückblicken kann?
Einige von Ihnen werden sich vielleicht fragen, warum ich
zu diesem gegenwärtigen Zeitpunkt gerade das Thema des Atlantischen Bündnisses gewählt habe, anstatt über die Aussichten
auf Verbesserung der Ost-West-Beziehungen und besonders auch
der Rüstungskontrolle zu sprechen. Dies ist, was die Ost-West-Beziehungen anbelangt, wirklich eine ereignisreiche Zeit, man
denke nur an die erfolgreichen "Kamingespräche" beim Gipfeltreffen im vergangenen November, die dramatische Freilassung
Anatolij Schtscharanskis vor zwei Wochen und die neuen Vorschläge, die in die Diskussion um nukleare und konventionelle
Rüstungskontrolle eingebracht wurden.
Natürlich besteht, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten, großes Interesse an der Zukunft unserer Beziehungen. Aber wenn wir über das Atlantische Bündnis sprechen,
sprechen wir in gewissem Sinne über den Prozeß des Ost-West-Dialoges, zumal die Entwicklung einer einigen und einheitlichen globalen Vorgehensweise notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Verhandlungen mit dem Osten darstellt. Dieses Axiom
ist nirgendwo stärker zum Ausdruck gekommen als in Genf, wo
die Solidarität und die Entschlossenheit des Westens zweimal,
in den Jahren 1982 und 1985, die Sowjetunion dazu brachten, an
den Verhandlungstisch zurückzukehren. Und ich bin fest davon
überzeugt, daß die Einheit und Entschlossenheit des Bündnisses
eine große Rolle bei der Anregung zu dem sowjetischen Gegenvorschlag vom letzten Herbst und auch bei den jüngsten Vorschlägen von Generalsekretär Gorbatschow gespielt haben und
somit dazu beitrugen, jene Möglichkeiten zu schaffen, die sich
uns jetzt vielleicht bei der Rüstungskontrolle bieten.
Eine Allianz in der Krise?
Erst vor einigen Jahren noch war es auf beiden Seiten des
Atlantik Mode, vom Bündnis im Zusammenhang mit einer fundamentalen Existenzkrise zu sprechen. Sogar heute wird manchmal die
Frage gestellt: Kann das Atlantische Bündnis überleben, und
wenn das der Fall ist: In welcher Form kann es überleben? Ich
glaube, daß Sie mir aber zustimmen werden, daß die Ereignisse

�die Ereignisse der vergangenen paar Jahre ziemlich eindeutig
gezeigt haben, daß es gar keine grundlegende Krise des Bündnisses gibt. Wir haben die Entscheidung über Mittelstreckenwaffen vom Dezember 1979 erfolgreich durchgeführt und dies angesichts systematischer und hartnäckiger sowjetischer Anstrengungen, die Entscheidung zunichte zu machen und dadurch die
Handlungsfähigkeit des Bündnisses zu untergraben. In der Zwischenzeit steigt die Unterstützung für das Bündnis seitens der
Regierungen und der Öffentlichkeit. Einer jüngsten Meinungsumfrage des Emnid-Instituts zufolge befürworten 87 Prozent der
westdeutschen Bevölkerung die weitere Mitgliedschaft in der
NATO - ein gesunder Anstieg von 9 Prozent gegenüber 1981 und
ein noch dramatischerer Meinungsumschwung gegenüber 1983. Ähnliche Studien zur Einstellung der Öffentlichkeit in anderen
westlichen Ländern - meines eingeschlossen - spiegeln die
deutschen Ergebnisse wider.
Obwohl wir eigentlich nicht länger vor einer Krise Angst
zu haben brauchen, können wir es uns doch nicht leisten, der
Zukunft des Bündnisses gleichgültig gegenüberzustehen. Sowohl
in Europa als auch in Amerika scheinen gegenseitige Ressentiments wieder zuzunehmen. Diese Vorbehalte gehen im Falle Amerikas von der Annahme aus, daß Europa nicht gewillt ist, seinen fairen Anteil an den Lasten des Bündnisses zu tragen, besonders was die Berücksichtigung gemeinsamer globaler Interessen betrifft. In Europa nährt diese Vorbehalte die Annahme,
daß die Vereinigten Staaten sowohl in Bezug auf ihre Wirtschafts- als auch auf ihre Sicherheitspolitik zu erdrückend
und auch zu rasch bereit seien, Europa in ihre eigenen Streitigkeiten zu verwickeln.
In einem 1984 erschienenen Essay hat Henry Kissinger diese
gegenseitigen Ressentiments sehr gut umrissen. Er schrieb:
"Auf beiden Seiten des Atlantik sehen wir uns von der
Dominanz der Innenpolitik über globale politische
Strategien bedroht. In Europa führt dies in allzu vielen
Ländern zu einem kaum verhüllten Neutralismus. In den
Vereinigten Staaten beschleunigt dies unsere bereits
starke Tendenz zu Unilateralismus und Isolationismus".
Ich zitiere diesen Passus nicht, weil ich ihm unbedingt
zustimme, sondern als ein Beispiel für die Art von Ressentiments, die sich aus der Vorstellung eines Ungleichgewichts innerhalb des Bündnisses ergeben.
Dieser Vorstellung eines militärischen und politischen Ungleichgewichts sind verschiedene Überlegungen entsprungen, die
sich für beträchtliche Veränderungen in der künftigen Struktur
und in der Zielsetzung des Bündnisses einsetzen, was letztlich
einer Entfremdung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa
gleichkäme. Eine der Theorien, auf die ich in der Bundesrepu- 3 -

�der Bundesrepublik Deutschland gestoßen bin, vertritt die Ansicht, Europa müsse sich "europäisieren", indem es seine Verbindungen zu den Vereinigten Staaten lockere. So könne Europa
seine eigenen Interessen weitgehend mit einer Politik der
Äquidistanz zu beiden Supermächten verfolgen. Auf der anderen
Seite des Atlantik hat sich eine unilateralistische Bewegung
herausgebildet, die behauptet, die Vereinigten Staaten würden
nur allzu oft durch ihre Verbündeten gelähmt und müßten ihre
frühere Handlungsfreiheit in der Weltpolitik wiedergewinnen.
Diese Denkrichtung sieht Europa als zu schwach, unentschlossen
und unfähig an, der sowjetischen Herausforderung zu begegnen,
während es dadurch die Vereinigten Staaten an entschlossenem
Handeln hindert.
Ich kann keiner dieser beiden Theorien zustimmen. Durch
die Unterschätzung der wahren Stärke und des Potentials des
Bündnisses verzerren sie die Realität. Wir können uns weder
von den gemeinsamen Werten und Prinzipien, die das Rückgrat
des Bündnisses bilden, noch von den gemeinsamen Erfahrungen
der vergangenen vierzig Jahre abwenden. Ein Bruch zwischen den
europäischen und amerikanischen Partnern des Bündnisses ist
weder möglich noch wünschenswert.
Aber wir können es uns auch nicht leisten, diese beiden
Theorien einfach zurückzuweisen. Wir müssen mit den Gründen
fertigwerden, die sich hinter dieser Verstimmung verbergen.
Wir müssen auch weiterhin den Pfad der engeren Konsultationen
und Zusammenarbeit, wie auch einer gleichmäßigeren Lastenverteilung im Bündnis verfolgen. Zu diesem Zweck benötigen wir
für das Bündnis und dessen Zukunft auch einen theoretischen
überbau, ein Konzept, das nicht nur unsere alltäglichen Bemühungen leiten und inspirieren wird, sondern uns dabei hilft,
auch weiterhin die öffentliche Unterstützung für das Bündnis,
besonders seitens der jüngeren Leute, zu behalten. Die Idealvorstellung wäre dabei eine gleichberechtigte und reife Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, eine
Vision, wie sie Präsident Kennedy im Jahre 1962 in seinem Vergleich der zwei Säulen formuliert hat, der erst kürzlich wieder sowohl von europäischen als auch amerikanischen Regierungsvertretern bekräftigt wurde.
Um dieses Konzept und die mit ihm verbundenen Aufgaben in
einen angemessenen Rahmen zu stellen, würde ich gern kurz auf
die entscheidenen Jahre des Bündnisses eingehen und auch die
frühen Erfolge beim Aufbau eines vereinteren Europa und der
Förderung einer gleichberechtigteren Partnerschaft nachzeichnen. In seiner Anfangszeit im Jahre 1949 war das Nordatlantische Bündnis natürlich ganz anders, als es sich uns heute darstellt. Europa hatte gerade angefangen, sich wirtschaftlich
und politisch von dem verheerendsten und zerstörerischsten
Krieg seiner Geschichte zu erholen. Im Gegensatz dazu waren
die Vereinigten Staten mit einem erheblichen Zuwachs an wirt-

�an wirtschaftlicher Stärke, militärischer Kraft und politischem Einfluß aus dem Krieg hervorgegangen. Unter Mißachtung
ihrer isolationistischen Traditionen verwandten die Vereinigten Staaten ihre Energie darauf, Europa beim Wiederaufbau seiner Wirtschaft zu unterstützen und die westliche Verteidigung
gegenüber der sowjetischen Aggression und Subversion sicherzustellen. Die wirtschaftliche und politische Vorherrschaft der
Vereinigten Staaten spiegelte sich in der Verteidigungskonzeption des Bündnisses wieder. In diesen frühen Jahren hing die
Verteidigung Europas fast vollständig von der amerikanischen
strategischen Abschreckung ab und von der verbindenden Wirkung
amerikanischer Truppen in Europa.
In dem Jahrzehnt, das auf die Gründung der NATO folgte,
gelang es Europa, seine wirtschaftliche Stärke und politische
Stabilität wiederherzustellen. Das Wirtschaftswunder in der
Bundesrepublik Deutschland wurde von einem soliden, wenn auch
manchmal weniger dramatischen, wirtschaftlichen Wachstum in
den anderen Ländern Westeuropas begleitet. Wieder einmal näher
ten sich die Europäer dem amerikanischen Produktions- und
Konsumniveau an. Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge
von 1957 wurde ein wichtiger, konkreter Schritt zur Schaffung
einer größeren europäischen Einheit unternommen. Die Vereinigten Staaten ihrerseits unterstützten stetig den Wiederaufbau
der europäischen Wirtschaft und begrüßten das Hervortreten
Europas als echter wirtschaftlicher Partner.
In den frühen sechziger Jahren machte sich jedoch zu beiden Seiten des Atlantik ein wachsendes Gefühl der Enttäuschung
darüber breit, daß die voranschreitende wirtschaftliche Einheit Europas nicht mit einem vergleichbaren Fortschritt im politischen und sicherheitspolitischen Bereich einherging. Aus
diesem Grunde gab es in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren Bemühungen, der politischen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit in Europa einen Impuls zu geben.
Ein prominenter Amerikaner, der solch einen Anstoß geben
wollte, war Präsident John F. Kennedy. Das von ihm postulierte
Ideal war das einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und einem stärker vereinten, verantwortungsbewußten Europa, die als zwei Säulen einer stärkeren
und leistungsfähigeren Allianz fungieren sollten. In seiner
Rede in der Independence Hall von Philadelphia am 4. Juli 1962
erklärte Kennedy:
"Wir betrachten ein starkes und vereintes Europa nicht als
Rivalen sondern als Partner...Ein vereintes Europa wird in
der Lage sein, eine bedeutendere Rolle in der gemeinsamen
Verteidigung zu spielen, großzügiger auf die Bedürfnisse
ärmerer Staaten zu reagieren, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Zollschranken abzubauen, Handels-,
Rohstoff- und Währungsprobleme zu lösen und eine

�und eine koordinierte Politik in allen wirtschaftlichen,
politischen und diplomatischen Bereichen zu entwickeln...
Wir sind bereit, mit einem vereinten Europa die Möglichkeiten zur Bildung einer konkreten atlantischen Partnerschaft zu besprechen, einer für beide Seiten vorteilhaften
Partnerschaft zwischen der neuen, sich gegenwärtig in Europa entwickelnden Union und der alten amerikanischen
Union, die hier vor 175 Jahren gegründet wurde."
Lassen Sie mich diesen historischen Überblick kurz unterbrechen um auf einen, mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig
erscheinenden, Punkt einzugehen. Es wurde in der Vergangenheit, und es wird auch noch heute darauf hingewiesen, daß die
Vereinigten Staaten es lieber mit einem schwachen und zersplitterten Europa als mit einem starken und geeinten zu tun
hätten. Wie Kennedys Worte jedoch anschaulich beweisen, stimmt
dies einfach nicht. Amerikanische Führer vor und nach Kennedy
haben konsequent ein geeinteres Europa unterstützt. Präsident
Reagan tat dies besonders unmißverständlich während seiner Rede vor dem Europäischen Parlament im vergangenen Mai. Diese
Politik manifestierte sich kürzlich auch in der amerikanischen
Unterstützung für den Beitritt Spaniens und Portugals zur Europäischen Gemeinschaft.
Die amerikanische Unterstützung für ein vereinteres Europa
basiert nicht auf Altruismus, sondern auf Eigeninteresse, und
dies kann auch ihre Dauerhaftigkeit erklären. In einer 1982 in
London gehaltenen Rede stellte Henry Kissinger diesen Punkt
besonders klar heraus:
"Es ist den Vereinigten Staaten psychologisch - nicht
nur physisch - unzumutbar, die einzige oder auch nur die
Hauptquelle von Initiative und Verantwortung in der nichtkommunistischen Welt zu sein. Die amerikanische Unterstützung der europäischen Einigung war deshalb ein Ausdruck
von Eigeninteresse, auch wenn sie unter der Flagge des Altruismus segelte; sie bedeutete für uns einen Vorteil,
auch wenn wir manchmal dafür in Form von aufeinanderprallenden Sichtweisen bezahlten - vorausgesetzt, daß wir
einen Weg zu kreativer Einigkeit über grundsätzliche Fragen gefunden haben."
Trotz einiger fehlerhafter Anfänge schritt der Prozeß der
wirtschaftlichen und politischen Integration Europas während
der sechziger und siebziger Jahre stetig voran. Einige der
Projekte für mehr Integration, wie etwa das der Multilateralen
Nuklearstreitmacht (MLF), waren schlecht geplant und führten
zu nichts, und es gab Zeiten, in denen nationalistische Tendenzen sich wieder zu verstärken drohten. Jedoch ergab sich
während dieser Jahre durch den Eintritt Großbritanniens in die
EG sowie durch die Institutionalisierung außenpolitischer Konsultationen innerhalb des EG-Mechanismus auch eine Stärkung

�eine Stärkung der europäischen Struktur. Eine weitere bedeutende Leistung dieser Jahre bestand in der Schaffung des Europäischen Währungssystems, das eine Antwort auf die durch die
Ölkrise und die weltweite Rezession der frühen siebziger Jahre
verursachten Währungsschwankungen darstellte. Anders als in
den dreißiger Jahren brachten die wirtschaftlichen Erschütterungen der siebziger Jahre die Europäer einander näher, anstatt sie auseinanderzutreiben.
Während des gleichen Zeitraums bewegten sich die transatlantischen Beziehungen voran, wenn auch in einem etwas ungleichmäßigen Tempo. Besonders während des Vietnam-Krieges beschäftigten die Vereinigten Staaten sich zusehends mit ihren
Interessen und Verpflichtungen in anderen Teilen der Welt. In
den frühen siebziger Jahren wurde der amerikanischen Öffnung
nach China und der Verbesserung der Beziehungen zur Sowjetunion weitgehend eine höhere Priorität eingeräumt als der Pflege
des Verhältnisses zu Europa. Während mehrerer Jahre in den
frühen bis zur Mitte der siebziger Jahre wurde das Bewußtsein
Washingtons von innenpolitischen Streitfragen beherrscht. Als
Ergebnis dieser Ablenkungen dauerte es letztendlich weit länger als ein Jahr, um die Ziele des von Kissinger proklamierten
"Europäischen Jahres" zu verwirklichen. Am Ende dieses Jahrzehnts waren die Institutionen, Kanäle und politischen Praktiken der transatlantischen Zusammenarbeit in mehr oder minder
der Weise gestärkt, wie dies sich Kissinger 1973 vorgestellt
hatte.

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre hat sich das Tempo der europäischen Integration und der transatlantischen Zusammenarbeit merklich erhöht. Meiner Ansicht nach, und dies
bringt mich zur Hauptthese dieser Rede, beobachten wir gegenwärtig in den Vereinigten Staaten und Europa eine Konvergenz
von Faktoren, die uns eine nie dagewesene Gelegenheit bietet,
der Realisierung von Kennedys Vision eines Bündnisses, das auf
zwei gleichen Säulen ruht, näherzukommen.
Wie kann ich diese optimistische Bewertung rechtfertigen?
Zunächst möchte ich auf die sichtbare Existenz einer neuen

�einer neuen Schubkraft hinter der Europäischen Integration
hinweisen. Zweitens ist die transatlantische Zusammenarbeit
nicht nur intensiviert worden, sondern sie besitzt auch eine
neue Qualität. Und drittens haben sich die Staatsmänner Europas und der Vereinigten Staaten erneut der Bildung einer wirklich ebenbürtigen Partnerschaft verschrieben.
Diese neue Schubkraft für die Integration erstreckt sich
nicht nur auf den Beitritt von zunächst Griechenland und dann
Spanien und Portugal zur Europäischen Gemeinschaft, wodurch
Europa der Einheit einen Schritt nähergekommen ist. Sie manifestiert sich außerdem in einer weiteren Intensivierung der
außenpolitischen Konsultationen innerhalb der Gemeinschaft und
in der jüngsten Ergänzung der Römischen Verträge zur Einführung des Mehrheitsentscheids und der Abschaffung von Binnenzöllen bis 1992. Diese Vertragsergänzung bildet einen der
wichtigsten und ehrgeizigsten Schritte zur Integration seit
Gründung der Gemeinschaft. Wir sind in den letzten Jahren auch
Zeuge einer wachsenden Bereitschaft zur Beschäftigung mit anderen Teilen der Welt seitens der Gemeinschaft auf der Grundlage einer gemeinsamen Politik geworden. Dabei denke ich beispielsweise an das im November 1985 in Luxemburg unterzeichnete Kooperationsabkommen mit den Staaten Zentralamerikas sowie
die engere Zusammenarbeit der EG mit den ASEAN-Staaten.
Die Verstärkung der französisch-deutschen Zusammenarbeit
im politischen und militärischen Bereich bildet die Grundlage
für diese neue Schubkraft hinter der europäischen Integration.
Zusammen mit der wachsenden Kooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland, Italien und Großbritannien bildet das
französisch-deutsche Verhältnis den Ausgangspunkt für die
Schaffung der zweiten Säule des Atlantischen Bündnisses.
Die Erhöhung des Tempos und der Qualität von transatlantischem Dialog und Zusammenarbeit ist in jüngster Zeit an verschiedenen Fronten zutage getreten. Besonders wichtig waren in
diesem Zusammenhang die Konsultationen innerhalb des Bündnisses zu den Verhandlungen mit der Sowjetunion - ein Thema,
auf das ich später noch einmal zurückkommen werde. Aber ich
möchte zusätzlich anmerken, daß die regelmäßigen Konsultationen zwischen den Vereinigten Staaten und der EG-Präsidentschaft offener und produktiver geworden sind. Und die Treffen
der Siebener-Gipfel, welche selbstverständlich auch Japan und
Kanada einschließen, haben sich zu einem wirksamen Mechanismus
zur politischen Koordinierung nicht nur eines breiten Spektrums von wirtschaftlichen und politischen Fragen, sondern wie die Erklärung von Williamsburg zeigt - auch von Sicherheitsfragen entwickelt. Durch diese Gipfeltreffen bekräftigen
die sieben Teilnehmerstaaten ihre weltweite Verantwortung und üben sie auch aus.
Die seit langem bestehende Verpflichtung der politisch

�der politisch Verantwortlichen in Europa und den Vereinigten
Staaten bezüglich des Ziels einer ebenbürtigeren Partnerschaft
innerhalb des Rahmens des Atlantischen Bündnisses ist von den
Fortschritten, die wir in den letzten Jahren in Richtung auf
dieses Ziel gemacht haben, sowohl stimuliert als auch gekräftigt worden. Es ist zutiefst beeindruckend zu sehen, mit welcher Festigkeit und Einstimmigkeit die führenden Politiker auf
beiden Seiten des Ozeans während des letzten Jahres das vor
zwei Jahrzehnten formulierte Ideal der zwei Säulen bekräftigt
haben. In seiner Rede während einer Sondersitzung des Straßburger Parlaments erklärte Präsident Reagan am 8. Mai des vorigen Jahres:
"...Wie vor vierzig Jahren bleibt Amerika der Einheit
Europas verschrieben. Wir betrachten ein starkes und
vereintes Europa auch weiterhin nicht als einen Rivalen,
sondern als einen umso stärkeren Partner. John F. Kennedy
hat...dieses Ziel zu einem Grundgebot der amerikanischen
Nachkriegspolitik erklärt. Diese Politik betrachtete die
Neue und die Alte Welt als Doppelsäulen einer
weitergefaßten demokratischen Gemeinschaft. Wir Amerikaner
betrachten die Europäische Einheit weiterhin als eine
lebenswichtige Kraft dieses historischen Prozesses."
In einer Ansprache in der Heidelberger Universität am 8.
Februar ging Bundesaußenminister Genscher direkt auf Präsident
Reagans Unterstützung für ein starkes und geeintes Europa ein,
indem er sagte:
"Für die Europäer bedeutete es die Botschaft, daß
Erwachsene auch die Verantwortung und die Pflichten von
Erwachsenen haben. Wenn wir so das Verhältnis einer
selbstbewußten, sich selbstfindenden Gemeinschaft der
europäischen Demokratien auf dieser Seite des Atlantik zu
den Demokratien Nordamerikas verstehen, dann gewinnt unser
Bündnis . "
Bundeskanzler Kohl hat seinerseits in seiner Rede vor der
Nordatlantischen Versammlung in Stuttgart vom 20. Mai 1985 die
Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland auf dieses Zwei-Säulen-Konzept wiederholt:
"Verstärkte sicherheitspolitische Zusammenarbeit der
Europäer gehört im besonderen Maße zu den aktuellen, uns
gestellten Aufgaben. Es geht darum, den europäischen
Pfeiler des Bündnisses und damit die Verteidigungsfähigkeit der Allianz insgesamt zu stärken."
Und der gleiche Tenor kam in der Ahlener Rede des Kanzlerkandidaten Johannes Rau vom 16. Dezember 1985 zum Ausdruck:
"Europa muß endlich als fester Pfeiler einer atlantischen

�einer atlantischen Brücke sein außen- und sicherheitspolitisches Gewicht in das westliche Bündnis und in die
Bündnispolitik einbringen."
In jeder dieser Erklärungen, aus denen ich gerade zitiert
habe, kommt die Erkenntnis zum Ausdruck, daß die europäische
Einigung am besten nicht durch den Gegensatz zu, sondern durch
Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten gefördert werden
kann.
So erzielen wir wichtige Fortschritte auf dem Weg zur
Schaffung einer ebenbürtigeren transatlantischen Partnerschaft. Weitere Fortschritte sind jedoch nicht selbstverständlich. Wie ich vorhin schon andeutete: wenn wir der Selbstgefälligkeit erliegen, riskieren wir, daß sowohl in Europa als
auch in Amerika die Ressentiments über die Fehler wachsen, die
der eine beim anderen sieht.
Um dem Fortschritt neue Schubkraft zu verleihen, müssen
wir weiterhin an der Schaffung dessen arbeiten, was ich als
reife Partnerschaft bezeichnet habe. In der Vergangenheit habe
ich diesen Begriff vorwiegend zur Charakterisierung des bilateralen Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik Deutschland
und den Vereinigten Staaten benutzt. Er ist jedoch gleichermaßen auf die Beziehungen zwischen Europa insgesamt und den
Vereinigten Staaten anwendbar.
Wie können wir eine reife Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa am besten hegen? Erstens müssen
beide Partner Versuchungen von Kirchturmpolitik auf der einen
Seite und Selbstisolierung auf der anderen widerstehen. Wir
Amerikaner beobachten in Europa bisweilen eine Tendenz, Probleme aus einer begrenzten regionalen Perspektive zu betrachten und über Ereignisse oder Herausforderungen in anderen Teilen der Welt hinwegzugehen. Einige Amerikaner meinen, daß die
Europäer sich nicht genügend mit dem ganzen Ausmaß der durch
das sowjetische und kubanische Eindringen in Zentralamerika
verursachten Bedrohung, dem sowjetischen Krieg gegen das Volk
von Afghanistan, dem Anwachsen der sowjetischen Militärmacht
im Pazifik und dem internationalen Terrorismus befassen. Andererseits gibt es in den Vereinigten Staaten eine nur unzureichende Würdigung des beträchtlichen Beitrags, den Europa
bereits für seine eigene Sicherheit wie für den Weltfrieden
leistet, aber auch ein unzureichendes Verständnis der unterschiedlichen historischen, sozialen und geopolitischen Umstände, unter denen die politisch Verantwortlichen in Europa und
in den Vereinigten Staaten ihre Entscheidungen treffen müssen.
Kirchturmpolitik in Europa und
Vereinigten Staaten schaukeln sich
gel an Bereitschaft in Europa, die
ter Perspektive zu sehen, ermutigt
- 10 -

Selbstisolierung in den
gegenseitig hoch. Der ManDinge in größerer, weltweiunilaterale Tendenzen in

�Tendenzen in den Vereinigten Staaten. Ein amerikanischer Mangel an Sensibilität für europäische Probleme verstärkt Tendenzen zur Kirchturmpolitik auf dieser Seite des Atlantik.
Eine reife Partnerschaft erfordert daher Ausweitung und
Verbesserung des transatlantischen Konsultations- und Entscheidungsprozesses in der Absicht, dieses Kirchturmdenken zu
überwinden und die Selbstisolierung unnötig zu machen. Wir
Amerikaner erkennen an, daß wir dabei eine wichtige Rolle
spielen müssen. Aber auch auf diesem Gebiet haben wir jüngst
bedeutende Fortschritte erzielt. Konsultationen mögen früher
einmal wenig mehr als Vorankündigungen des politischen Kurses,
den wir zu steuern beabsichtigten, für unsere europäischen
Verbündeten bedeutet haben. Heute stellen sie in zunehmendem
Maße einen echten Austausch von Ansichten und Vorschlägen dar,
der vor dem Fällen von Entscheidungen stattfindet.
Diese neue Qualität der amerikanisch-europäischen wie auch
amerikanisch-deutschen Konsultationen wurde in jüngster Zeit
bei drei Gelegenheiten anschaulich verdeutlicht.
Erstens gehörten die Konsultationen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren europäischen Partnern vor und nach dem
Gipfeltreffen im November zu den wohl intensivsten und produktivsten, die es je gab. Die Staats- und Regierungschefs waren unmittelbar daran beteiligt. Im Verlauf dieser Konsultationen empfahl Bundeskanzler Kohl dem Präsidenten mit Nachdruck, sich so bald wie möglich mit Gorbatschow auf informelle
Weise unter vier Augen zu treffen. Dies war schließlich beim
Gipfel der Fall.
Ein zweites Beispiel dieser qualitativen Verbesserung der
Konsultationen zeigt sich in den Konsultationen zwischen den
Vereinigten Staaten und ihren europäischen Verbündeten über
die Genfer Nuklear- und Weltraumgespräche. In der Tat sind
die Häufigkeit und die Intensität dieser Konsultationen in der
Geschichte des Bündnisses beispiellos.
Schließlich - aber durchaus nicht am unbedeutendsten ist die lange und enge Zusammenarbeit zwischen Europa und
Nordamerika beim Helsinki-KSZE-Prozeß eine weitere Illustration dafür, wie die Konsultationen innerhalb des Bündnisses
nunmehr diese neue Ebene erreicht haben.
Die Durchführung des INF-Beschlusses vom Dezember 1979 hat
dem transatlantischen Konsultationsprozeß einen ganz wesentlichen Impetus verliehen. Die Besondere Beratungsgruppe der NATO
hat bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Position bei der INF-RUstungskontrolle eine entscheidende Rolle gespielt. Als Ergebnis dessen haben die Vereinigten Staaten mit Erfolg in Genf
die Interessen ihrer Verbündeten geschützt - in deutlichem
Gegensatz zu den Erfahrungen mit den SALT-Verhandlungen in den
- 11 -

�in den späten siebziger Jahren, als Helmut Schmidt neben
anderen richtig erkannte, daß die Vereinigten Staaten den
europäischen Sicherheitsinteressen nicht die angemessene
Aufmerksamkeit zuteil werden ließen.
Daher haben wir bei den Genfer Verhandlungen seit 1981 mit
Erfolg den anhaltenden sowjetischen Bemühungen widerstanden,
eine besondere Beziehung zu den Vereinigten Staaten herzustellen, die dazu geführt hätte, daß Europa als eine zweitklassige
Region mit verringerter Sicherheit behandelt worden wäre.
Wir werden uns auch weiterhin sowjetischen Versuchen widersetzen, die Sicherheit des Bündisses durch die Herstellung
eines separaten "eurostrategischen" Gleichgewichts zu unterteilen. Wir werden mit unseren Bemühungen fortfahren, um sicherzustellen, daß Westeuropa ein Recht auf Sicherheit behält,
das unserem eigenen und jenem der Sowjetunion entspricht.
Diese Bereitschaft seitens der Vereinigten Staaten zum
Schutz der lebenswichtigen Sicherheitsinteressen ihrer Verbündeten kommt deutlich in Präsident Reagans Reaktion zu Beginn
dieser Woche auf Gorbatschows Rüstungskontrollvorschlag vom
15. Januar zum Ausdruck. In dieser Hinsicht sind drei Elemente
der Antwort des Präsidenten von besonderer Bedeutung:
Wir werden auch weiterhin auf dem Grundsatz beharren,
daß Verringerungen bei den nuklearen Mittelstreckensystemen
großer Reichweite (LRINF) in weltweitem Zusammenhang zu sehen
sind. Wir werden nicht zulassen, daß die Sowjets einen Keil
zwischen unsere europäischen und unsere asiatischen Verbündeten treiben.
Wir werden nicht im Namen der britischen oder der
französischen Regierung verhandeln, und wir werden nicht zulassen, daß die Sowjetunion einen Keil zwischen Nuklearund
Nicht-Nuklear-Staaten des Bündnisses treibt.
Insbesondere werden wir auf Kürzungen bei den nuklearen Mittelstreckensystemen kurzer Reichweite (SRINF) bestehen,
damit es der Sowjetunion nicht möglich wird, uns von unseren
deutschen Verbündeten zu trennen.
Neben dem Schutz der Interessen Europas im Nuklearbereich
sind die Vereinigten Staaten auch bereit, im Bereich der konventionellen Verteidigung enger und ausgewogener zusammenzuarbeiten. In den letzten Jahren wurde die Zweibahnstraße bei der
Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich immer mehr zu einer
Realität. Im Jahr 1980 überstiegen die europäischen Käufe von
amerikanischem Material die amerikanischen Käufe von europäischem Material in einem Verhältnis von 9 zu 1. 1985 war dieses
Verhältnis auf weniger als 3 zu 1 gefallen. Im Fall deutscher
Käufe von amerikanischem Material und vice versa ist der Wan- 12 -

�der Wandel noch dramatischer; von einem Verhältnis von 40 zu 1
im Jahr 1977 zu nahezu 2 zu 1 im Jahr 1984.
In dieser Hinsicht möchte ich auf den sogenannten Nunn-Gesetzeszusatz zum Bewilligungsgesetz des Verteidigungsministeriums von 1986 als ernsten und neuen Beweis für die amerikanische Reife und Bereitschaft hinweisen, eine echte Zweibahnstraße zu verfolgen. Dieses Gesetz stellt Mittel bereit, die
für Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich der
konventionellen Verteidigung verwendet werden sollen, die in
Zusammenarbeit mit den europäischen NATO-Ländern durchgeführt
werden. Von den letzteren fordert es jedoch auch ihren eigenen
fairen Anteil zu den Kosten für diese Projekte beizutragen.
Wir hoffen sehr, daß die Bundesrepublik Deutschland und unsere
anderen NATO-Verbündeten diese einzigartige Gelegenheit zur
Zusammenarbeit ergreifen werden, die das Nunn-Amendment bietet
Was bedeutet eine reifere transatlantische Partnerschaft
konkret für die Europäer? Sie bedeutet erstens, daß die Europäer auch weiterhin ihre Verfahrensweisen zur Koordination
ihrer Außen- und Sicherheitspolitik verbessern, damit sie
noch besser in der Lage sind, mit einer Stimme mit den Vereinigten Staaten zu sprechen. Das ist meiner Meinung nach
selbstverständlich .
Eine reife Partnerschaft bedeutet außerdem, daß die Europäer mit der Zeit in der Welt entsprechend ihrer gemeinsamen
Stärke, Bevölkerung und ihres Reichtums größere Verantwortung
übernehmen müssen. Europa hat bereits zur Aufrechterhaltung
einer stabilen internationalen Wirtschaftsordnung beträchtliche Verantwortung übernommen. Wir würden eine vergleichbare
Entwicklung im politischen und sicherheitspolitischen Bereich
begrüßen. Für Europa geht es schließlich in Gebieten außerhalb
Europas, genau wie für die Vereinigten Staaten, um sehr viel.
Ja, Europa liegt näher als Amerika an vielen der Unruheherde
dieser Welt und hängt stärker als Amerika von den internationalen Märkten und von externen Rohstoffquellen ab. Die Frage,
wie ein starkes, stabiles und gedeihliches Europa seinen Beitrag zu Frieden und Sicherheit der Welt verstärken kann, verdient immer neue Überlegungen.
Im Bereich der Sicherheit beinhaltet eine reife Partnerschaft zudem, daß Europa im Lauf der Zeit für seine eigene
Verteidigung größere Verantwortung übernimmt. Damit will ich
keinesfalls vorschlagen, daß wir die Konzepte der gemeinsamen
Sicherheit und der erweiterten Abschreckung aufgeben, die dem
BUndis zugrundeliegen. Ein Angriff auf ein Mitglied des Bündnisses muß auch weiterhin als ein Angriff auf alle angesehen
werden. Auch darf es keine Verringerung der amerikanischen
Verpflichtung zur Verteidigung Europas geben. Innerhalb dieser
Parameter ist meiner Meinung nach jedoch genügend Raum, damit
Europa nach und nach mehr tut.
Aber während
- 13 -

�Aber während die Forderung an die Europäer ergeht, im Verteidigungsbereich mehr zu tun, müssen die Amerikaner sich
stärker der Tatsache bewußt werden, wie erheblich die Last
ist, die die Europäer bereits tragen. Nirgends ist diese Last
wahrscheinlich deutlicher als in der Bundesrepublik Deutschland. Die Streitkräfte des Bündnisses, die in diesem dichtbevölkerten Land stationiert sind, beeinflussen das Leben Millionen Deutscher, die tagtäglich ihrem Tun ausgesetzt sind.
Dadurch, daß sie die Stationierung von so vielen ausländischen
Truppen auf ihrem Boden akzeptieren, leisten die deutschen
Bürger einen einzigartigen Beitrag zur Verteidigung des Bündnisses .
Wie ich bereits erwähnt habe, würden weitere Schritte in
Richtung auf die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen
Außenpolitik von den Vereinigten Staaten unterstützt. Letztlich läge die wirkliche Probe auf diesen Prozeß in der Qualität und der Wirksamkeit der konkreten gemeinsamen Politik,
nicht aber nur in der Tatsache ihres Gemeinschaftscharakters.
Harmonisierung der Politik ist weniger ein Ziel an sich, als
ein Mittel zu einem einflußreicheren Europa. Die jüngsten Verfeinerungen der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die wachsenden deutsch-französischen Bindungen, die Wiederbelebung der Westeuropäischen-Union (WEU) sowie die verstärkte Bereitschaft zur Übernahme einer sinnvolleren Rolle in
Gebieten außerhalb Europas - all dies sind positive Elemente. Aber wenn Europa wirklich seine Stimme sowohl innerhalb
als auch außerhalb seiner Grenzen deutlicher hörbar werden
lassen möchte, dann muß seine gemeinsame Politik den sehr konkreten Einfluß, den sogar einzelne europäische Mächte besitzen, noch verstärken und ausweiten. In diesem Zusammenhang
scheint mir die Ergänzung der Römischen Verträge, in bestimmten Fällen Mehrheitsentscheidungen zu ermöglichen, als ein
wichtiger Schritt vorwärts zum Aufbau nicht nur eines geeinteren, sondern auch einflußreicheren Europas.
Reife Partnerschaft bedeutet nicht notwendigerweise, daß
Europa und die Vereinigten Staaten gleichermaßen an allen Aufgaben beteiligt sein sollten, die vor ihnen liegen. Hier ist
Raum für eine gewisse Arbeitsteilung. Sowohl aus geschichtlichen als auch aus politischen Gründen gibt es Aufgaben, die
die Europäer besser oder wirksamer bewältigen können als die
Amerikaner - und umgekehrt. So ist es zum Beispiel aus
historischen wie aus geographischen Gründen sinnvoll, wenn
Frankreich dabei vorangeht, dem Tschad behilflich zu sein,
sich gegen Libyen zu verteidigen, genau wie es sinnvoll ist,
wenn die Bundesrepublik bei der Hilfe für die Türkei, einem
der wichtigsten Verbündeten an der Südflanke der NATO, vorangeht. Aber die Vision einer umfassenden Arbeitsteilung, bei
der Amerika einen Großteil der Kosten und Risiken des Schutzes
der westlichen Interesse in den Unruheherden der Welt übernimmt, während sich Westeuropa darauf konzentriert, Brücken
- 14 -

I

�konzentriert, Brücken zum Osten zu schlagen, ist eine Teilung,
die sowohl für Amerika als auch für Europoa unannehmbar sein
sollte. Europa ist zu groß geworden, zu wohlhabend, zu stabil
und zu sicher - und es geht für es um zu viel - , als daß
es die schwierigen Aufgaben der Verteidigung der westlichen
Interessen in der ganzen Welt den Vereinigten Staaten überlassen könnte.
Und die vereinigten Staaten haben umgekehrt zumindest
gleiches Interesse daran und gleiche Verantwortung dafür, konstruktivere Ost-West-Beziehungen zu schaffen und müssen dies
akzeptieren. Außenminister Genscher selbst unterstrich in seiner Rede in der Heidelberger Universität am 8. Februar diesen
Punkt, daß sowohl die Vereinigten Staaten als auch Kanada in
das "große Konzept für eine friedliche Zukunft Europas" einbezogen worden seien, das die Schlußakte von Helsinki darstellt.
Die Entwicklung einer reifen Partnerschaft zwischen Europa
und Amerika wird in einem großen Maß von der anhaltenden Entwicklung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Bundesrepublik Deutschland abhängen. Die Bundesrepublik
hat enge und produktive Bindungen zu Frankreich, Großbritar
nien und ihren anderen europäischen Partnern entwickelt, und
der Prozeß der europäischen Integration dreht sich um diese
Beziehungen. Gleichzeitig besteht zwischen den Vereinigten
Staaten und der Bundesrepublik Deutschland eine ganz besondera
Beziehung, die sich auf Bindungen aus Geschichte und Gegenwart
wie auch auf die Präsenz von fast einer Viertelmillion amerikanischer Soldaten auf deutschem Boden gründet. Die Bundesrepublik Deutschland kann daher als ein Anker für die transatlantischen Beziehungen dienen und gleichzeitig der Motor bei
der Schaffung der europäischen Einigung sein. Diese Rollen
sind ganz und gar nicht unvereinbar. Bundeskanzler Kohl und
Außenminister Genscher haben beide betont, daß die deutschen
Bemühungen um die Förderung der europäischen Einheit und die
transatlantische Partnerschaft parallel laufen können und sollen .
So dürfte vielleicht deutlich geworden sein, daß das Bündnis keiner grundsätzlichen Krise ausgesetzt ist. Vielmehr
sieht es sich auf beiden Seiten des Atlantik einer wachsenden
Verstimmung ausgesetzt, die von dem subjektiven Eindruck eines
Ungleichgewichts innerhalb des Bündnisses herrührt. Wie ich
heute abend zu verdeutlichen versucht habe, haben wir während
der letzten Jahre beträchtliche Fortschritte bei der Überwindung dieses Problems erzielt. Europa ist stärker, einiger und
effektiver geworden, während die Vereinigten Staaten dadurch
eine neue Art von Reife gezeigt haben, daß sie ihre Verbündeten noch einger konsultieren und deren Interessen noch größere
Beachtung schenken. Aber wir können es uns nicht leisten,
selbstgefällig zu werden und müssen uns bemühen, diesen Elan
beizubehalten. Ich glaube, daß wir der Zukunft mit Optimismus
- 15 -

�mit Optimismus entgegensehen können, im Vertrauen darauf, daß
die politisch Verantwortlichen in Europa und in Amerika der
Aufgabe, ein stärkeres Europa und ein stärkeres Bündnis aufzubauen, gewachsen sind.

* * * * *

- 16 -

�^°-s^

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

26. Februar 1986

8

US-Raumtransporterprogramra unter neuer Leitung
- Erste Trümmer der rechten Feststoffrakete geborgen -

- (AD) - Kon teradmiral Richard H. Truly, Befehlshaber für
Raumflugaufgaben der US-Marine und ehemaliger NASA-Astronaut,
übernimmt die Le itung des amerikanischen Raumtransporterprogrammes sowie de r Untersuchungen der US-Behörde für Luft- und
Raumfahrt (NASA) zur Challenger-Katastrophe. Die Berufung
Trulys wurde am 20. Februar 1986 von Dr. William Graham, dem
amtierenden Verw altungschef der NASA, in Washington bekanntgegeben. Jesse W. Moore, der bisherige Direktor für bemannten
Raumflug, wird n euer Direktor des Johnson-Raumfahrtzentrums in
Houston (Texas) .
Konteradmiral Truly will, wie er erklärte, alles daran
setzen, das Problem zu finden und auszuräumen, das zu dem Unglück vom 28. Janaur 1986 führte. Der Prozeß der Entscheidungsfindung innerhalb der NASA müsse jetzt "bis ins allerkleinste Detail untersucht werden - und das wird auch geschehen". Durch die Überprüfung im Zusammenhang mit dem tragischen
Unfall müsse gewährleistet werden, daß die "Organisation und
die Verfahrensweisen der NASA die richtigen sind", sagte Truly
und fügte hinzu: "Wir haben auch zuvor sehr schwierige Zeiten
gemeistert".
Dem Astronautenteam der NASA gehörte Richard H. Truly von
1969 bis 1983 an. Im November 1981 war er Kopilot von Joe
Engle beim zweiten Raumtransporterflug (Columbia), und im August/September 1983 führte er als Kommandant die Challenger
während eines sechstätigen Fluges um die Erde. Es war der ach-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�der achte Einsatz einer amerikanischen Raumfähre. Zum ersten
Mal wurden damals Start und Landung bei Nacht durchgeführt.
"Als Vorsitzender der NASA-Stäbe für Konstruktion und Datenanalyse wird er (Truly) die Analyse des vorhandenen Materials
überwachen, das mit dem Challenger-Unglück zusammenhängt",
sagte Dr. Graham. "In dieser Position steht er an der Spitze
des Managements für das Raumflugprogramm."
William Rogers, der Vorsitzende der Untersuchungskommission des Präsidenten, räumte am 15. Februar in einer Erklärung
ein, daß es im EntScheidungsprozeß innerhalb der NASA vor dem
Unglücksstart "möglicherweise zu Fehlern gekommen ist". Die
Kommission forderte, daß NASA-Mitarbeiter, die an diesem Entscheidungsprozeß beteiligt waren, nicht an Untersuchungen im
Zusammenhang mit ihren eigenen Aktivitäten teilnehmen.
Aus einer von Rogers am 19. Februar herausgegebenen Erklärung geht hervor, daß mindestens drei hohe Beamte der NASA,
die an der Entscheidung zur Startfreigabe für Challenger mitwirkten, keine Kenntnis davon hatten, daß Ingenieure der Herstellerfirma der Feststoffraketen wegen des Kälteeinbruchs in
Florida vom Start abrieten. Die Kommission habe, so Rogers,
von der Empfehlung einiger Ingenieure der Firma Morton Thiokol
vom 27. Januar erfahren, Challenger angesichts der Wetterbedingungen nicht starten zu lassen. Jedoch habe die Firma noch
am selben Tag ihren Beschluß wieder zurückgenommen. Die Rogers
-Kommission gab Anweisung, bei der NASA und der Herstellerfirma alle Unterlagen (Dokumente und Memoranda) von Personen, die
offiziell an der umstrittenen Entscheidung für den Start beteiligt waren, zu sammeln und sicherzustellen.
Die Ingenieure waren vor allem besorgt, daß infolge der
Nachtkälte die Synthesegummi-Dichtungen zwischen den vier primären Motor Segmenten der Feststoffrakete ihre Elastizität verlieren und deshalb nicht mehr funktionstüchtig sein würden. In
einem solchen Fall könnten die extrem heißen Gase (mit Temperaturen von mehr als 3200 Grad Celsius), die durch den Mittelkanal strömen und mit dem Austritt aus der Düse am Ende der 45
m langen Rakete den Schub erzeugen, sich auch einen Weg quer
zur normalen Richtung nach außen bahnen, und zwar in Höhe der
Dichtungen ("0-Ringe"). Mit dem unterschiedlich zusammengesetzten Granulat des festen Treibstoffs, das nach zwei Minuten
ausgebrannt ist, werden gesteuert durch Hemmsubstanzen in bestimmten Höhenbereichen der Füllung von insgesamt 503 940 kg
Gewicht, Schubleistungen zwischen 1,5 Millionen kp und
908 000 kp erreicht.
Die "Nahtstellen" für die vier Hauptsegmente, die wiederum
aus 11 Grundsegmenten bestehen, werden von außen her durch
stählerne Bänder, Bolzen, Ringklammern mit Haken und weitere
Vorrichtungen gesichert. Außerdem sind die O-Ringe, die als
Primär- und Sekundärdichtungen dienen, zuvor einer Spezialbe-

�einer Spezialbehandlung unterworfen worden, die dem Synthesegummi optimale Dichtungseigenschaften unter den vorgesehenen
Betriebsbedingungen verleiht. Die Druckentwicklung im Inneren
der Motor Segmente nach dem Zünden der Rakete wird nämlich dazu
genutzt, mit Hilfe der O-Ringe die Nahtbereiche zwischen den
Hauptsegmenten regelrecht zu versiegeln. Spalten und Lücken,
die infolge kleiner Unebenheiten oder Versetzungen beim mechanischen Zusammenfügen der Hauptsegmente noch vorhanden sind,
werden durch sie geschlossen. Das funktioniert aber nur, wenn
das Material nicht durch Kälte, d.h. Temperaturen von weniger
als 4,4 Grad Celsius, versprödet ist und somit unter Druckeinwirkung nicht mehr elastisch reagieren kann. Temperaturfühler
hatten, wie sich inzwischen herausstellte, an der rechten
Feststoffrakete Minusgrade bis 13 Grad Celsius unter Null gemessen. Prof. Feynman, Mitglied der Rogers-Kommission,
schließt angesichts dieser starken Unterkühlung ein kleines
Leck im Sauerstoff- oder Wasser Stoffbehälter des externen
Flüssigtreibstofftanks nicht aus, weil die Nachtkälte allein
das wohl kaum habe bewirken können.
Flammendurchbruch
Das Studium der Einzelbilder auf den Hunderten von Filmen,
die den Startvorgang bis zur Katastrophe festhielten, ließ
sehr bald vermuten, daß an der Verbindungsstelle zwischen dem
untersten, 12,6 m langen Hauptsegment, das mit der Austrittsdüse für die Brenngase abschließt und dem 8,2 m langen vorletzten Hauptsegment der Feststoffrakete ein Flammendurchbruch
erfolgt war. Die erste Spur war ein Feuerschweif in diesem Bereich zwischen der rechten Zusatzrakete und dem externen
Treibstofftank, 58 Sekunden nach dem Start und ca. 15 Sekunden
vor der Explosion von Tank und Orbiter. Ein zweites, erst später bekannt gewordenes Indiz ist dichter schwarzer Rauch, der
bereits 1,4 Sekunden nach dem Start auf der vom Orbiter abgewandten Seite der rechten Zusatzrakete ausgestoßen wurde. Die
Schwarzfärbung könnte ein Hinweis auf Verbrennen der O-Ringe
zwischen dem vorletzten und letzten Hauptsegment des Motors
sein. Demnach müßten auch die kittähnliche Masse aus asbestverstärktem Zinkchromat und das Glasfaserband, die als Hitzeschutz für die Gummidichtungen dienten, zerstört worden sein.
Zu den im Zusammenhang mit der Unfallursache verdächtigen
Punkten gehören jetzt auch die Einlaßöffnungen von der Außenseite, von denen aus unmittelbar nach dem Zusammenbau der
Feststoffraketen-Segmente im Kennedy-Raumfahrtzentrum die
Dichtungsfunktion der O-Ringe unter Druck geprüft wird. Sie
müssen anschließend mit einem Schraubstöpsel verschlossen und
versiegelt werden. Geschieht dies unsachgemäß oder wird dabei
etwas übersehen, so ergäbe sich an einer solchen Stelle ein
Leck, aus dem Flammen austreten könnten.
Aus internen,

�Aus internen, von der NASA veröffentlichten Memoranda geht
hervor, daß mit den Synthesegummi-Ringen fast das ganze letzte
Jahr hindurch umfangreiche Tests durchgeführt wurden, nachdem
Zweifel an ihrer Funktionstüchtigkeit aufgekommen waren, in
einem Memorandum hatte Rüssel Bardos von der Arbeitsgruppe
"Antriebe" für den Raumtransporter am Marshall-Raumfahrtzentrum in Huntsviile (Alabama) erklärt, er stimme mit anderen Ingenieuren ebenso wie mit der Herstellerfirma Morton-Thiokol,
darin überein, daß gewisse Konstruktionsveränderungen erforderlich seie. "Die gegenwärtigen Konstruktionen und die Prüfmethoden für die O-Ring-Dichtungen müssen verbessert werden",
schrieb Bardos, fügte aber hinzu: "Ich halte das Problem nicht
für so schwerwiegend, um ihren Einsatz in fliegendem Gerät zu
untersagen". Die Veränderungen dürften ohnehin längere Zeit in
Anspruch nehmen. Sie würden hinsichtlich Konstruktion und Verfahrenstechniken Änderungen notwendig machen, die kostspielige Qualifikationsprozesse erfordern. "Ehe wir irgendwelche
Konstruktionsänderungen in die Wege leiten, sollten wir uns
vergewissern, daß wir die gegenwärtige Konstruktion und das
Problem, das es mit ihr gibt, voll und ganz verstehen. Meine
größte Sorge ist, daß versucht werden könnte, das Problem
übereilt zu lösen."
Hinsichtlich der Betriebsbedingungen wird darauf verwiesen, daß mit dem Zünden der Feststoffrakete der Innendruck innerhalb von 0,6 Sekunden von Null auf 63,3 kg/qcm ansteigt und
20 Sekunden lang bei diesem Wert bleibt. Dies bewirkt eine
Streckung der Stahlhülle und gleichzeitig eine Dehnung nach
den Seiten, wodurch z.B. die Hakenverbindung zwischen den Motorsegmenten eine leichte Kipp- oder Drehbewegung erfahren
kann. Sollte sich dadurch ein Spalt in der Nahtstelle vergrössern, würden -so ist es jedenfalls vorgesehen - Druckkräfte
aus dem Innern so auf die Gummidichtungen wirken, daß das Vordringen heißer Gase zur Wandung abgeblockt werden könnte.
Wracks der rechten Feststoffrakete geortet
Inzwischen hat ein Mini-U-Boot mit vier Mann Besatzung
kleine Teile der rechten Feststoffrakete, eines Zusatzträgers
für die Raumfähre Challenger, aus dem Atlantik geborgen. Weitere Wrackteile liegen ca. 64 km nordöstlich von Kap Canaveral
in 360 m Tiefe. Eine Anzahl größerer Teile wurden von der
U-Boot-Besatzung mit Fernsehkameras fotografiert.
Einem Bericht von Oberst Edward O'Conner zufolge, der als
Direktor der Such- und Bergungsaktion der US-Luftstreitkräfte
die Operationen zur Auffindung der Challenger-Wrackteile und
ihrer Trägerraketen leitet, wurde auf Grund der Seriennummer
an einem geborgenen Hydraulikteil das Wrack als die rechte
Feststoffrakete identifiziert. Bei den von der "Johnson Sea
Link 2" mit einem mechanischen Arm geborgenen Trümmern handelt

�Trümmern handelt es sich um Teile des kegelförmigen Heckmantels aus dickem Aluminium, der etwa zwei Meter lang ist und
fast 5,5 Tonnen wiegt.
Keines der bis jetzt geborgenen oder fotografierten Trümmer enthält die O-Ringe oder Teile aus dem Verbindungsbereich
für die Hauptsegmente. Wie O'Conner sagte, hänge der Fortgang
der Bergungsarbeiten davon ab, was die NASA für ihre Untersuchungen benötige. Die Bergungsoperationen, die künftig von
"Nr. 1", einem Atom-U-Boot der US-Marine mit sieben Mann Besatzung, unterstützt werden, könnten wegen der Wassertiefe und
der Strömungen Monate in Anspruch nehmen. "Wenn wir die gesamte rechte SRB (Feststoffrakete) bergen sollen, deren Trümmer
auf dem Meeresgrund verstreut liegen und die wir noch nicht
alle orten konnten, werden wir wohl vier bis sechs Monate
brauchen", meinte O'Conner.

5 -

�</text>
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