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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

18. Dezember 1985

50

I N H A L T
DOKUMENTATION
Berlin und die Sache der Freiheit
- Rede des US-Außenministers in Berlin HINTERGRUNDMATERIAL
Die amerikanische Strategische Verteidigungsinitiative:
Eine ethische Wertung
•
- Von Paul H. Nitze Die Menschenrechte vor dem Hintergrund der Ost-WestBeziehungen
- Von Richard Schifter WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Vorstoß in die rätselhafte Welt des Uranus
- Raumsonde VOYAGER 2 kommt am 24. Januar 1986 zum
Rendezvous Wir wünschen unseren Beziehern ein
frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein
friedliches und erfolgreiches Neues Jahr
* * * * *

Um Uber/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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�18. Dezember 1985

50

BERLIN UND DIE SACHE DER FREIHEIT
- Rede des US-Außenministers in Berlin -

BERLIN - (AD) - Der amerikanische Außenminister George P.
Shultz hat am 14. Dezember 1985 erneut die Verpflichtung der
Vereinigten Staaten zur Verteidigung der Freiheit in Berlin
bekräftigt.
In einer Rede vor der Berliner Pressekonferenz
sagte Shultz, es gebe keinen anderen Ort, "an dem die Vorzüge
der Freiheit offensichtlicher sind als in Berlin." Das Ziel
der Anstrengungen der Vereinigten Staaten und des Westens müsse die Überwindung der Teilung Berlins, Deutschlands und Europas sein.
Die Rede
Wortlaut:

des amerikanischen

Außenministers

Herr Meier, verehrter Herr Außenminister
Regierender Bürgermeister, liebe Berliner:

hat

folgenden

Genscher,

Herr

Berlin besitzt eine ganz besondere Qualität.
Ein Besuch
in dieser großartigen Stadt bedeutet, sich an die Segnungen
der Freiheit und an unser aller Verantwortung zu ihrer Erhaltung zu erinnern. Es ist eine erfrischende Erfahrung für jeden amerikanischen Außenminister. Zusammen mit mehr als 6 000
Amerikanern, die der Verteidigung Ihrer Freiheit verpflichtet
sind, bin ich stolz hier zu sein.
An keinem anderen Ort wird das entscheidend wichtige Problem, mit dem der Westen konfrontiert ist, klarer als in

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D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�als in Berlin. Sicherlich gibt es keinen anderen Ort, an dem
die Vorzüge der Freiheit offensichtlicher sind als in Berlin.
Es ist aber auch ernüchternd festzustellen, daß an keinem anderen Ort die Bedrohung unserer Demokratie, unserer Sicherheit
und unserer Lebensweise tiefer in die Landschaft eingegraben
ist als hier in dieser geteilten Stadt.
Ich habe diese Stadt schon einmal als Privatmann besucht.
Das war im Frühjahr 1982. Damals sah ich ein klein wenig davon, frei von den Dienstpflichten und ohne die Begleitmannschaft eines Außenministers.
Ich bewunderte die Schätze des
Dahlemer Museums und des Charlottenburger Schloßes. Aber ich
war gleichermaßen beeindruckt von Berlin als einer Stadt von
heute - einer lebendigen Stadt, einer Stadt voll jugendlicher
Energie und Frische und lebhafter Entwicklung.
Berlin kann stolz darauf sein, wieder eine der lebendigsten und beeindruckendsten Städte Europas darzustellen. Wieder zieht es junge Leute an, die etwas lernen und erleben wollen; es lockt Männer und Frauen vieler Nationalitäten auf der
Suche nach einem Neubeginn.
Seine Universitäten, die einst
eines der größten Zentren (europäischen) Lernens waren, haben
ihren außergewöhnlichen Ruf wiedergewonnen. Der Genius deutscher Kultur ist neu erblüht in Gestalt der Deutschen Oper und
des Schiller-Theaters, und die ganze Welt beneidet Sie um die
Berliner Philharmoniker.
Berlin ist auch eine Stadt, in der das freie Unternehmertum zu neuer Blüte gelangt ist. Berliner gründen neue Firmen,
vermarkten neue Produkte und probieren neue Geschäftsideen
aus. In den letzten fünf Jahren wurden über 300 Hochtechnologieunternehmen gegründet. Universitäten arbeiten eng mit Forschungsinstituten und der Privatindustrie zusammen. Das erinnert mich an meine Zeit bei der Universität Stanford, als ich
im Silicon Valley wohnte, wo man die selbe Art von Partnerschaft gut beobachten kann.
Das Gedeihen dieser Stadt ist ein Verdienst ihrer fähigen
Regierung. Gleichzeitig ist es aber auch ein Zeugnis für den
Charakter der Berliner - und, so möchte ich anfügen, für die
Stärke und die Kraft der Werte, von denen freie Menschen überall begeistert werden.
Diese Werte, die von Berlin verkörpert werden - das ist
es, worüber ich heute Abend zu Ihnen sprechen möchte. Sie,
die Sie in dieser Stadt leben, verstehen die Realitäten der
Ost-West Beziehungen, - ihre Grenzen wie ihre Möglichkeiten.
Sie sind Optimisten und Realisten zugleich.
Ihre Geschichte
seit 1945 enthält viele Lehren - Lehren die wir alle in der
freien Welt beherzigen sollten, wenn wir uns bemühen, das Verhältnis zwischen Ost und West zu verbessern.
Lassen Sie

�Lassen Sie mich diese Lehren benennen: Erstens ist es für
uns alle wichtig zu verstehen, was die Berliner begreifen,
wenn sie auf diese grausame Mauer blicken, die diese Stadt
teilt: Sie wissen, daß die Unterschiede zwischen Ost und West
viel mehr sind als lediglich Mißverständnisse. Berliner wissen, daß Zwang und Kontrolle die Grundlagen der Regierungsautorität auf der anderen Seite bilden, und deshalb verstehen
Sie, daß Kanonen, Panzer und Raketen ein Ausdruck dieses
grundsätzlichen Unterschiedes sind, nicht dessen eigentliche
Ursache. Die Berliner Mauer existiert nicht, weil Waffen existieren; die militärische Konfrontation beruht auf einem politischen System, das so sehr von Gewalt abhängt, daß es eine
Berliner Mauer errichten mußte.
Aus diesem Grunde hat sich
Präsident Reagan bemüht, die amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollprobleme in ihren politischen Zusammenhang einzuordnen. Ost und West müssen Fortschritte in bezug auf unsere fundamentalen politischen Streitfragen machen um das Risiko
zu vermindern, daß wir unsere Waffen gegeneinander einsetzen
- und um die Anzahl der Waffen auf beiden Seiten zu verringern.
Zweitens ist die politische Trennungslinie, die Europa
durchschneidet, nicht das Ergebnis einer demokratischen Entscheidung der hier lebenden Menschen.
Berliner wissen, daß
ihre Stadt - wie ganz Deutschland - nicht geteilt ist, weil
ihre Bürger entschieden haben, daß dies so sein solle. Fast
einem Drittel des deutschen Volkes wurde das Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten. Diese Menschen haben nicht dafür gestimmt, unter einem kommunistischen System zu leben oder von
ihren Freunden und Verwandten im Westen getrennt zu sein. Und
die Nationen Osteuropas haben niemals das Recht erhalten, das
in den Abkommen während und nach dem Krieg - einschließlich,
wie ich betonen möchte, des Jalta-Abkommens - festgelegt ist,
über ihre Regierungsform und ihr Gesellschaftssystem selbst zu
entscheiden. Im Gegenteil. In den Nachkriegsjahren haben wir
wiederholt beobachtet, daß die Menschen in Ostdeutschland und
Ostberlin sowie die Bürger Osteuropas nicht in einem durch
Stacheldraht geteilten Kontinent leben möchten, unter Regierungen, die auf militärischer Macht beruhen.
Drittens besitzt das strahlende Licht der Freiheit eine
Anziehungskraft, die von keiner noch so großen Einschüchterung
oder Unterdrückung ausgelöscht werden kann.
Die Mauer ist
nicht erbaut worden, um Invasoren fernzuhalten, sondern um die
Menschen am Verlassen des Landes zu hindern. Deshalb ist sie
ein schweigender, aber aussagekräftiger Zeuge des moralischen
Zustandes des kommunistischen Systems und für das Leuchtfeuer
der Freiheit, das die Westsektoren Berlins immer verkörpert
haben. In Westberlin wählen freie Männer und Frauen, die von
ihrem Schöpfer mit Rechten und freiem Willen ausgestattet wurden, ihre eigenen Führer und bestimmen selbst über ihre Zukunft. Es war Ihr Mut als Verteidiger der Freiheit, der John
F. Kennedy dazu veranlaßte im Namen aller freien Völker zu

�Volker zu sagen, daß wir alle Berliner sind. Alle freien Völker stehen in Ihrer Schuld, weil Sie so gut und unter solch
schwierigen Bedingungen die Lebenskraft und den Erfolg der
Freiheit demonstriert haben.
Niemand kann den Ost- und die
Westsektoren dieser Stadt besuchen und vergleichen, ohne mit
neuem Vertrauen in die Zukunft der Freiheit zurückzukehren.
Genausowenig kann der Besucher der Westsektoren irgendwelche Zweifel über die Absichten des Westens hegen. Warum sollten wir das Risiko eines Krieges eingehen wollen, wenn wir
geistig und materiell so viel in Frieden schaffen und erreichen können? Dies ist für uns die vierte Lehre von Berlin.
Fünftens wissen die Berliner, daß die Sowjets ihren Vorteil durch Druck zu erreichen suchen, wenn sie Schwäche und
Unentschlossenheit zu sehen glauben. 1948 haben sie versucht,
diese Stadt auszuhungern und die Alliierten zu ihrem Verlassen
zu zwingen.
Sie nahmen an, daß die Berliner, erschöpft vom
Kriege und von den Anstrengungen des Wiederaufbaus einer verwüsteten Stadt, einfach aufgeben würden, und daß die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich hilflos dabei zuschauen würden. Aber die Sowjets rechneten nicht mit dem Mut
der Menschen in dieser Stadt und mit der Einigkeit und Entschlossenheit der Westmächte, die die größte Luftbrücke der
Geschichte einrichteten. Als wir alle Sie entschlossen unterstützten und die Macht hatten, unserer Position Nachdruck zu
verleihen, blieb den Sowjets keine andere Wahl, als ihre Blokkade aufzugeben.
Gleichermaßen besaßen wir die Stärke und
Entschlossenheit, um allen sowjetischen Pressionen in den späteren Krisen um Berlin zu widerstehen.
Deshalb ist die sechste Lehre, daß westliche Einigkeit,
Stärke und Geduld notwendig sind, um die Freiheit zu sichern.
Sie sind außerdem Voraussetzungen für einen Abbau von Spannungen und für fruchtbare Verhandlungen mit unseren östlichen
Nachbarn.
Dies ist die wahre Bedeutung des Viermächteabkommens von 1971.
Wichtige praktische Verbesserungen für das
tägliche Leben, für Reisen und Kommunikation wurden erreicht,
weil der Westen sich stark und einig zu grundlegenden Prinzipien bekannte.
Es gibt noch weitere Beispiele. In den letzten zwei Jahren haben westliche Einigkeit und Festigkeit es uns ermöglicht, den NATO-Doppelbeschluß vom Dezember 1979 durchzuführen
und das Gleichgewicht bei den nuklearen Mittelstreckensystemen
in Europa zu wahren. Wir wurden nicht in Furcht und Schrecken
versetzt, als die Sowjets die Genfer Verhandlungen über strategische Waffen und Mittelstreckensystemen im Dezember 1983
verließen und sagten, daß sie niemals verhandeln würden, falls
die Raketen stationiert würden. Das Bündnis hielt fest zusammen, und die Sowjets kehrten 1985 an den Verhandlungstisch zurück. Dann sagten die Sowjets, sie würden über keine Ve rrin- 4 -

�keine Verringerung der Offensivwaffen reden - weder in den
Verhandlungen über strategische Waffen noch in denen über Mittelstreckensysteme - bis sich die Vereinigten Staaten zur Aufgabe der Strategischen Verteidigungsinitiative bereit erklärten.
Dies, so hat Präsident Reagan deutlich klar gemacht,
werden wir nicht tun. Und wieder erbrachte unsere Festigkeit
Resultate. Ungefähr vor zwei Monaten machten die Sowjets einen Gegenvorschlag.
Er hatte tiefgreifende Fehler, aber in
ihm akzeptierten die Sowjets das Prinzip tiefer Einschnitte in
das Offensivpotential, auf denen der Präsident schon seit langem bestanden hatte. Die Vereinigten Staaten haben mit eigenen neuen Ideen geantwortet und während des Treffens zwischen
dem Präsidenten und Herrn Gorbatschow in Genf wurde den Verhandlungen neuer Schwung verliehen. Wie in der Vergangenheit
hängen Fortschritte in der Zukunft in großem Maß von westlicher Einigkeit und Standfestigkeit ab.
Herausforderungen der Zukunft
Die Vereinigten Staaten und die Bevölkerung Berlins haben
zusammen einen langen Weg zurückgelegt. Wie sieht nun die Zukunft aus?
Als Präsident Reagan im Oktober vor der Vollversammlung
der Vereinten Nationen sprach, erinnerte er uns, daß dort, wo
Unterdrückung, Teilung oder gegenseitige Furcht herrschen,
oder wo wir unsere Augen von unliebsamen Tatsachen abwenden,
es keinen wahren Frieden geben kann. Wir wollen einen Frieden, der durch Regierungen garantiert wird, die freien Bürgern
verantwortlich sind, einen Frieden, in dem die Mauern der
Trennung offener Kommunikation Platz machen, einen Frieden,
der sich auf ein Gleichgewicht der Sicherheit gründet, nicht
aber auf ein Gleichgewicht des Schreckens; und wir wollen einen Frieden, in dem die Anwendung von Gewalt der echten Einhaltung der Charta der Vereinten Nationen durch alle Staaten
Platz gemacht hat. Der einzig wahre Frieden ist der, der sich
auf Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit stützt; diese Prinzipien sind die beste Grundlage einer sicheren, friedlichen
und glücklichen Welt.
Dies ist unsere Vision und wird es bleiben. Sie werden
sich daran erinnern, daß Präsident Reagan bei seinem BerlinBesuch im Jahr 1982 die Führung der Sowjetunion dazu aufforderte, sich ihm dabei anzuschließen, die Hoffnungen auf Einheit, Frieden und Wohlstand zu erfüllen, die diese Stadt repräsentiert. In seiner Berliner Friedensinitiative unterbreitete der Präsident neue Vorschläge, um die Gefahr eines Atomkriegs zu verringern und die Kontakte zwischen den Menschen in
Ost und West zu verstärken. Leider schien die Sowjetunion im
Jahr 1982 nicht in der Lage zu sein, auf die Vorstellungen des
Präsidenten einzugehen. Vielleicht gibt es heute mehr Hoff-

�mehr Hoffnung. Lassen Sie mich in diesem Sinne etwas über unsere Zusammentreffen mit Generalsekretär Gorbatschow in Genf
und über unsere Pläne und Ziele für die Zukunft sagen.
Das Genfer Treffen war für beide Seiten der Mühe wert,
weil es aus Realismus geboren wurde und sich zu einem wohldurchdachten Meinungsaustausch entwickelte.
Im Zeitalter der
thermonuklearen Waffen weiß jeder, daß unsere Meinungsverschiedenheiten in Schach gehalten werden müssen; unser Wettbewerb muß durch ein Gefühl für die gemeinsamen Gefahren und
durch das Bewußtsein unserer gemeinsamen Zukunft geregelt werden.
Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow sprachen
über die großen Fragen unserer Zeit. Der Präsident erklärte,
für wie bedenklich das amerikanische Volk und unsere Verbündeten seit einigen Jahren die umfangreiche sowjetische Aufrüstung und die Einstellung der Sowjetunion hinsichtlich der
Einhaltung bestehender Rüstungskontrollabkommen halten.
Der
Präsident erläuterte unsere Vorschläge für radikale Verringerungen - konrete, ausgewogene und verifizierbare Verringerungen, die das strategische Gleichgewicht stabiler machen und
die Kriegsgefahr weiter mindern würden. Er beschrieb unsere
Strategische Verteidigungsinitiative.
Er erklärte Herrn Gorbatschow, daß SDI-Forschung ein nichtnukleares Verteidigungssystem bedeutet - ein System zur Abwehr eines Angriffs, das
niemanden bedroht und möglicherweise eines Tages alle Nationen
von der Drohung gegenseitiger Vernichtung befreit. Wir wüßten
davon, so sagte er ihm, daß sowjetische Wissenschaftler seit
mehr als 15 Jahren Forschung auf dem Gebiet der gleichen Technologien betreiben und daß die sowjetische Militärdoktrin
schon immer den Wert von Verteidigungssystemen betont hat.
Der Präsident brachte seine feste Überzeugung zum Ausdruck,
daß wir - sollte sich unsere Forschung tatsächlich als erfolgreich erweisen - gemeinsam auf eine sicherere und von Defensivsystemen beherrschte Welt hinarbeiten sollten.
Die beiden Führer waren sich darin einig, unsere Meinungsverschiedenheiten auch weiterhin tatkräftig und zielstrebig
auszuhandeln - und ich betrachte dies als ein gutes Ergebnis.
Wir kamen des weiteren überein, einer ganzen Reihe anderer Rüstungskontrollbemühungen einen Ansporn zu geben - etwa in Einklang mit dem Vertrag von 1968 über die Verhinderung der Weiterverbreitung von Kernwaffen; den Abbau der Gefahr eines
Überraschungsangriffs in Europa; und die Beendigung der weiteren Ausbreitung chemischer Waffen. Natürlich haben die Vereinigten Staaten einen umfassenden und weltweiten Vertrag vorgeschlagen, der chemische Waffen verbieten soll.
Die beiden Seiten sprachen auch über die Gefahren, die
sich aus regionalen Konflikten für den Weltfrieden ergeben.
Der Präsident machte deutlich, daß unsere Sympathien stets mit
- 6 -

�stets mit jenen sind, die gegen Tyrannei für die Freiheit
kämpfen.
Aber er unterstrich auch, daß wir an politische,
nicht an militärische Lösungen denken. Die beiden Seiten kamen überein, über diese Probleme in Zukunft regelmäßige Gespräche zu führen und damit auf der Außenministerebene zu beginnen.
Der dritte Problemkreis, über den wir sprachen, waren die
Menschenrechte.
Die Geschichte vermittelt uns keine deutlichere Lehre als diese: Regierungen, die die Rechte ihres eigenen Volkes achten, achten naturgemäß auch die Rechte ihrer
Nachbarn.
Und das Lechzen nach Freiheit ist ein weltweites
Phänomen, ja, es steht im Mittelpunkt der meisten Unruhen, deren Zeuge wir auf der ganzen Welt sind. Daher sind die Menschenrechte, und das sagte der Präsident, keine abstrakte moralische Frage - sie sind ein Thema des Friedens.
Schließlich sprachen wir auch über die Hindernisse, die es
bei der Kommunikation zwischen unseren Gesellschaften gibt.
Die Amerikaner möchten mehr über die Menschen in der Sowjetunion wissen. Und die Menschen in der Sowjetunion haben unserer Ansicht nach ein Recht, mehr über die Amerikaner zu erfahren - über unser Verlangen nach Frieden und über die Funktionsweise unseres freien Systems.
Wir gelangten zu einem
neuen Abkommen über wissenschaftlichen, pädagogischen und kulturellen Austausch, und kamen des weiteren überin, daß er
künftighin verstärkt werden sollte.
Wie Sie wissen, war Herr Gorbatschow damit einverstanden,
die Vereinigten Staaten im nächsten Jahr zu besuchen, und Präsident Reagan wird im darauffolgenden Jahr die Sowjetunion besuchen. Wir sind uns der Grenzen wie auch der Möglichkeiten
von Gipfeltreffen bewußt. Aber wir sind der Ansicht, daß ein
weiterer Dialog der politischen Spitzen unter vier Augen uns
weiterbringen kann. Genau wie wir Illusionen auf unserer Seite zu vermeiden haben, müssen wir sie auch auf der sowjetischen Seite verjagen. Treffen wie dieses können dazu beitragen, sowjetische Illusionen hinsichtlich der Entschlossenheit
des Westens zu zerstreuen. Und das ist gut so.
Es dient der neuen sowjetischen Führung, wenn sie unmittelbarer Zeuge unserer Entschlossenheit wird.
Und es dient
der Welt sicherlich, wenn diese Männer sehen, daß die Demokratien gegen Druck fest bleiben - und auch, daß wir bereit sind,
mit ihnen konstruktiv über die ganze Bandbreite unserer Meinungsverschiedenheiten zu sprechen. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen; aber wir sind für ein Geben und Nehmen bei
Verhandlungen und für gerechte Lösungen der Probleme bereit,
die uns trennen.
Dies sind Lektionen, die wir alle von den tapferen Einwohnern Berlins gelernt haben. Was wird nun die Zukunft für die-

�für diese Stadt bringen?
Es ist nicht überraschend, daß sich manche Berliner fragen, warum sie 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer
unter einem Besatzungsregime leben müssen. Sie fragen sich,
ob es nicht an der Zeit sei , die Überreste einer vergangenen
Zeit zu beseitigen, Aber ich glaube, wir alle begreifen, warum diese Überreste noch immer notwendig sind.
Die sowjetischen und ostdeutschen Ziele haben sich weder
in Deutschland, noch in Europa geändert. Europa, Deutschland
und Berlin sind noch immer geteilt.
Und diese künstlichen
Teilungen sind in sich selbst eine Ursache der Spannungen.
Ein grundsätzlicher Aspekt der westlichen Suche nach dem
Frieden muß die Überwindung dieser Teilungen sein. Aber solange es diese gibt, sind die westlichen Verbündeten bereit,
ihre Rolle beizubehalten und in Berlin als die Sachwalter der
geteilten deutschen Nation zu handeln.
Was schützen wir? Erstens das kostbare Recht aller Deutschen auf Selbstbestimmung. Die Teilung dieser Stadt und die
Teilung Deutschlands sind unnatürlich und unmenschlich. Wenn
wir in Berlin bleiben und hier unsere Rechte wahren, so demonstrieren wir zusammen mit unseren Verbündeten in aller Deutlichkeit vor der Welt, daß wir die Einverleibung Osteuropas einschließlich der Deutschen Demokratischen Republik und OstBerlins - in eine sowjetische Einflußsphäre nicht hinnehmen.
Wenn wir die Freiheit in Berlin aufrechterhalten, legen wir
Zeugnis für unsere Verpflichtung zur Freiheit von ganz Europa
ab.
Die Sowjets und die Ostdeutschen wissen das. Warum sonst
würden sie sonst so viele Anstrengungen unternehmen, die Lebensfähigkeit dieser Stadt durch Mauern zu blockieren und zu
untergraben? Das Gedeihen Berlins ist eine lebendige Herausforderung an ihre Ansprüche und ihre Ambitionen. Ich kann Ihnen versichern, daß sich die Vereinigten Staaten sehr genau
der wichtigen Rolle Berlins in Europa und in der westlichen
Welt bewußt sind. Unsere Verpflichtung zur Freiheit der Westsektoren ist unerschütterlich. Unser Beharren auf die strikte
Beachtung und volle vertragliche Einhaltung des Viermächteabkommens, wie es für alle vier Sektoren von Berlin Gültigkeit
hat, ist unerschütterlicher denn je.
Aber unsere Verantwortlichkeiten enden hier noch nicht.
Und auch nicht unsere Ziele oder Träume für diese großartige
Stadt. Wie sagte Bundespräsident von Weizsäcker, Ihr hervorragender ehemaliger Regierender Bürgermeister: Die Amerikaner
kamen 1945 nach Berin als Befreier - und wurden Verbündete und
Freunde. Wir glauben, in den letzten 40 Jahren sind wir auch
echte Partner geworden.
Im Bildungsbereich
- 8 -

�Im Bildungsbereich etwa gibt es die zweisprachige John F.
Kennedy-Schule; das Kennedy-Institut an der Freien Universität; die Gedächtnisbibliothek in Kreuzberg; und das Aspen-Institut, das der in New Hampshire geborene Shep Stone leitet,
der inzwischen Ehrenbürger von Berlin ist. Als wir uns heute
Nachmittag zusammen mit meiner Frau trafen entdeckte ich, daß
sie und er beide in Noshua im Staate New Hampshire aufgewachsen sind.
Wir sind auch Partner in Industrie und Entwicklung.
Die
amerikanische Industrie hat in dieser Stadt erheblich investiert.
Zehn Prozent der Industrieproduktion Berlins kommen
von amerikanischen Firmen.
Neue Investitionen kommen hinzu,
und wir in Washington tun alles in unserer Macht Stehende, um
amerikanische Firmen dazu zu ermutigen, sich in dieser hervorragenden Stadt niederzulassen.
Wir wollen aber noch mehr tun - weil wir daran glauben,
daß Sie uns nicht nur in unserer verteidigungspolitischen und
rechtlichen Eigenschaft bei sich haben wollen; weil wir uns
geehrt fühlen, mit dieser großartigen Stadt und ihren Einwohnern verbunden zu sein und weil wir Vertrauen in Ihre Zukunft
haben. Dies ist eine Partnerschaft, die beide Seiten bereichert. Wir sind der Überzeugung, daß wir durch unsere fortgesetzte Zusammenarbeit ein Ingredienz beisteuern, das diese
Stadt einmalig unter den deutschen Städten macht. Berlin ist
eine
wirklich
internationale
Stadt, eine
kosmopolitische
Stadt, ein Ort, an dem Europäer und Amerikaner für Freiheit
und Fortschritt zusammenarbeiten.
Berlin ist heute - wie all die Jahre seit 1945 - ein Modell für uns alle im Westen, ein Leuchtfeuer für all jene, die
sich - gleich wo - nach der Freiheit sehnen. Alle, die diese
Stadt besuchen, sollten über den Stacheldraht und die Mauersteine nachdenken, die diese Stadt zweiteilen. Aber sie sollten auch Berlins pulsierende Freiheit, die Dynamik und den
Geist der Stadt sehen. Sie sollten sich aus erster Hand ein
Gefühl für die Bedeutung von Freiheit verschaffen und für den
Mut, der sie bewahrt.
Das ist die eigentliche Lektion, die das heutige Berlin
erteilt.
Die Renaissance dieser großartigen Stadt, die 1987
ihren 750. Geburtstag begehen wird, ist ein Tribut an den
Glauben und an die Werte, die uns alle leiten; und sie ist eine Inspiration für den Blick in die Zukunft des Westens.

* * * *

- 9-

�18. Dezember 1985

50

DIE AMERIKANISCHE STRATEGISCHE VERTEIDIGUNGSINITIATIVE
EINE ETHISCHE WERTUNG
- Von Paul H. Nitze -

Der ameri kanische Sonderb erater
für Abrüs tungsfra gen, Bot Schafter Paul H. Nitze , hat deen Institut fü r Theologie und Frieden
in Barsbü ttel das nachfol gende
Referat z ur Verfü gung ges teilt,
Das Insti tut hat vom 5. b is 7.
Dezember 1985 in Bonn ein Symposium üb er "Die Strategi sche
Verteidig ungsinit iative: Versuch eine r ethisc hen Wert ung"
abgehalte n, in de ssen Rah men
der Beitr ag Nitze s veröffentlicht wur de, der in der d eutsehen Übe rsetzung folgend en
Wortlaut hat:
Im Rahmen interner Erwägungen der Außenund Verteidigungspolitik müssen selbstverständlich praktische Gesichtspunkte
des nationalen Eigeninteresses sorgfältig analysiert werden.
Aber für die Vereinigten Staaten, und ich nehme an, auch für

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�auch für die westlichen demokratischen Länder im allgemeinen,
schaffen ethische Überlegungen die Atmosphäre und die Grenzen
innerhalb derer die politischen Entscheidungen gefällt werden.
Daher ist es angebracht, daß ich die amerikanische Strategische Verteidigungsinitiative, oder SDI, auch vom ethischen
Standpunkt aus und nicht nur unter den üblichen Gesichtspunkten beleuchte. Es kommt mir besonders gelegen, das SDI-Programm aus dieser Sicht erörtern zu können, da der Hauptanstoß
zu dieser Initiative ein moralischer ist.
In einer Einführung zu diesem Symposium wurde erwähnt, daß
sich die moralische Beurteilung einer Handlung auf zwei reale
Aspekte stützt: Die Absicht einerseits, und die zu erwartenden Konsequenzen andererseits. Natürlich können solche "realen Aspekte" gleichzeitig schwer zu erfassen und kontrovers
sein. Ich möchte zunächst unsere geistige Einstellung zur Ethik unserer gegenwärtigen Position der Abschreckung untersuchen und dann auf unsere Absichten in bezug auf das SDI-Programm (über die ziemliche Klarheit herrscht) eingehen, um mich
dann dem Thema der zu erwartenden Konsequenzen der Dislozierung SDI-artiger Systeme zuzuwenden (über die die Meinungen
noch stark auseinandergehen).
Die Ethik der Abschreckung
Unser grundsätzliches Ziel ist es, in Frieden und in Freiheit zu leben. Um den Frieden zu wahren, ist es notwendig,
diejenigen, die sich aus Krieg oder Kriegsdrohungen Vorteile
versprechen, abzuschrecken.
Abschreckung basiert darauf, daß
potentielle Angreifer einen wirkungsvollen Widerstand zu erwarten haben, der ihnen einen eventuellen Vorteil verwehrt und
das Risiko eines unannehmbaren Schadens androht.
Abschrekkung, die sich auf die Fähigkeit zur Verteidigung gründet, ist
ethisch gerechtfertigt, weil sie es uns ermöglicht, unsere
Freiheit zu wahren. Wir sollten uns jedoch bemühen, Abschrekkung und Verteidigung mit der geringst möglichen Gewaltanwendung zu erreichen, die mit dem Zweck vereinbar ist. Wenn es
keine andere Alternative zur Drohung mit nuklearer Vergeltung
gibt, dann ist diese notwendig und moralisch gerechtfertigt.
Wenn es jedoch möglich ist, durch ausreichende Verteidigungsmaßnahmen, wie sie das SDI-Programm vorsieht, einen Angriff
dadurch zu verhindern, daß man einem potentiellen Angreifer
die Aussicht auf einen militärischen Erfolg nimmt, dann wird
eine Verschiebung des Schwerpunktes auf die Verteidigung zu
einem ratsamen und ethischen Vorgehen.
DIE ABSICHTEN

�DIE ABSICHTEN DER VEREINIGTEN STAATEN
Das Grundprinzip
Seit Präsident Reagan im März 1983 die amerikanische Regierung angewiesen hat, eine genaue Untersuchung der Möglichkeiten einer strategischen Verteidigung anzustellen, sind die
Handlungen der Vereinigten Staaten sowohl als Reaktion als
auch als Inspiration verstanden worden.
Die Strategische Verteidigungsinitiative der Vereinigten
Staaten ist teilweise eine Reaktion auf sowjetische Aktivitäten auf dem Gebiet der strategischen offensiven und defensiven
Waffen.
Als die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion 1972 den
ABM-Vertrag unterzeichneten, hofften wir und nahmen an, daß
die in diesem Vertrag niedergelegte strenge Begrenzung der
ballistischen Raketen es ermöglichen würde, bedeutende Reduzierungen in strategischen offensiven Kernwaffen auszuhandeln.
Man glaubte, daß das nukleare Verhältnis stabil sein würde, wenn jede Seite ein überlebensfähiges offensives Gegenschlagpotential hätte, das dem des Gegners ungefähr gleichkäme
und gleichzeitig praktisch einem Angriff durch ballistische
Raketen - und damit einem Gegenschlag
der anderen Seite
- schutzlos ausgeliefert sein würde. In solch einer Situation
hätte keine Seite einen Anreiz dazu, selbst unter den unheilvollsten Bedingungen einen Erstschlag zu versuchen. Man nahm
an, daß auf diese Weise eine Möglichkeit zu einer strategisch
bedeutsamen Begrenzung und Verringerung der offensiven Waffen
geschaffen worden sei.
Leider war dem nicht so. Im Laufe der SALT II- und der
START-Verhandlungen 1982-83 haben die Sowjets wenig echte Bereitschaft gezeigt, über ernsthafte Begrenzungen oder Verringerungen der Offensivwaffen zu sprechen.
Stattdessen haben
sie ihre strategischen Offensivarsenale in den Jahren nach
1972 stark ausgebaut. Die Sowjetunion hat die Möglichkeiten
der Kombination von Mehrfachgefechtsköpfen, großen ballistischen Raketen und erhöhter Treffsicherheit, die unter SALT I
und II erlaubt sind, voll ausgenutzt. Sie hat diese Kombination benutzt, um das beunruhigendste Element der gegenwärtigen
strategischen Gleichung zu schaffen - ein Arsenal von ballistischen Raketen, die in der Lage sind, praktisch alle Ziele in
den Vereinigten Staaten zu treffen, die den festinstallierten
landgestützten Teil unseres Gegenschlagpotentials ausmachen.
Diese Entwicklungen auf der offensiven Seite der Gleichung widersprechen völlig den Erwartungen, die wir 1972 hegten.
Im selben

�Im selben Zeitraum haben die Sowjets bedeutende Anstrengungen auf dem defensiven Sektor unternommen.
Im Laufe der
letzten 20 Jahre haben sie etwa ebensoviel für strategische
Verteidigung ausgegeben wie für ihre massive Aufrüstung mit
offensiven Kernwaffen. Als Folge dieser Ausgaben besitzt die
Sowjetunion heute ein dichtes Luftverteidigungsnetz, extensive
passive Verteidigungsanlagen und die einzigen einsatzbereiten
ABM- und Antisatellitensysteme der Welt. Darüber hinaus haben
die Sowjets seit Jahren große Mittel und Anstrengungen in die
Untersuchung derselben Technologien investiert, die wir jetzt
im Rahmen von SDI untersuchen.
Die Gesamtheit der sowjetischen offensiven und defensiven
Aktivitäten seit 1972 - von denen einige bestehende Rüstungskontrollverträge verletzen oder zumindest schwerwiegende Fragen bezüglich ihrer Einhaltung aufwerfen - ist ein überzeugender Beweis dafür, daß die Sowjets den Begriff der stabilen gegenseitigen Abschreckung, auf der wir den ABM-Vertrag aufgebaut geglaubt hatten, nicht akzeptiert haben.
Die amerikanische Strategische Verteidigungsinitiative ist
daher eine umsichtige Reaktion auf das sowjetische Vorgehen
und könnte schon auf dieser Basis alleine als moralisch gerechtfertigt verteidigt werden.
Aber sie ist weit mehr als
das. Sie entspringt weitgehend Präsident Reagans Überzeugung,
daß diese Initiative ein moralisches Gebot darstellt. Während
die Abschreckung, die auf der Androhung offensiver nuklearer
Vergeltung basiert, weiterhin die Grundlage der westlichen
Sicherheitspolitik bilden muß, solange es noch keine besseren
Mittel der Abschreckung gibt, dürfen wir uns auf die Dauer
nicht damit zufrieden geben. Präsident Reagan hat die Frage
aufgeworfen, ob es nicht möglich sein könnte, ein besseres und
freundlicheres Bild der Zukunft zu bieten - einer Zukunft, in
der sich die Abschreckung mehr auf die Fähigkeit zur Verteidigung gründet als auf die zur vernichtenden Vergeltung. Wenn
es einen besseren Weg gibt, sind wir verpflichtet, ihn zu
suchen.
Präsident Reagans Erklärung seiner Beweggründe für die
Strategische Verteidigungsinitiative weist eine erstaunliche
Ähnlichkeit auf mit der Darlegung der ethischen Kriterien für
die Abschreckung durch die deutschen Bischöfe in ihrem gemeinsamen Hirtenbrief von 1983. In diesem Hirtenbrief wird darauf
hingewiesen, daß Papst Johannes Paul II. erklärt hat, daß man,
um den Frieden zu sichern, sich nicht damit zufriedengeben
darf, das Vernichtungspotential auf ein Minimum zu reduzieren,
weil selbst ein geringes derartiges Potential immer die reale
Gefahr der Explosion in sich birgt. Die Bischöfe schreiben,
daß "deshalb alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft
die dringende Pflicht (haben), mit aller Anstrengung nach Alternativen zur Androhung von Massenvernichtung zu suchen."
Präsident
Reagans
- 4 -

�Präsident Reagans Suche nach Alternativen wurde von technologischen Fortschritten, die seit 1972 gemacht worden sind,
begünstigt. Ende der sechziger Jahre, als wir ABM-Systeme untersuchten, kamen wir zu dem Schluß, daß es beim damaligen
Stand der Technologie billiger war, mehr Offensivsysteme zu
bauen, um die ABM-Systeme zu überwinden, als mehr defensive
Systeme zu bauen. Die Technologie ist seitdem gewaltig fortgeschritten, und es mag in Zukunft sehr wohl möglich sein, zur
gegenteiligen Schlußfolgerung zu kommen.
Große Fortschritte sind gemacht worden in bezug auf die
Wirksamkeit und Kostensenkung auf vielen Gebieten, die mit der
Verteidigung gegen ballistische Raketen im Zusammenhang stehen, wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Mikroelektronik, der
Datenverarbeitung und der Sensoren. Diese Fortschritte können
es nun ermöglichen, überlebensfähige und kostengünstige Verteidigungssysteme zu bauen, die noch vor 15 Jahren völlig außerhalb unserer technischen Möglichkeiten lagen.
Worum geht es bei dem Programm?
Bevor ich über die voraussichtlichen Folgen der Weiterführung des SDI-Konzepts spreche, wäre es vielleicht nützlich,
noch einmal genau darzulegen, worum es sich beim SDI-Programm
eigentlich handelt, denn es gibt da viele falsche Vorstellungen. SDI ist ein Forschungsprogramm, das die Machbarkeit neuer Verteidigungstechnologien auf der Erde und im Weltraum untersuchen soll. Wir haben keine Entscheidungen getroffen, die
über die Forschung hinausgehen.
Das Programm steht voll in
Einklang mit dem ABM-Vertrag, dem Weltraum-Vertrag und dem
Teststopp-Vertrag und wird entsprechend durchgeführt.
Sollte SDI erweisen, daß neue Verteidigungstechniken machbar sind, d.h. daß sie den hohen Anforderungen hinsichtlich
Überlebensfähigkeit und Kostenwirksamkeit entsprechen können,
so könnte man unserer Ansicht nach das strategische Gleichgewicht durch eine stärkere Betonung derartiger Verteidigungssysteme stärken. Überlebensfähige und kostenwirksame Verteidigungssysteme könnten die Erstschlagspläne eines potentiellen
Angreifers derart komplizieren, daß er einen Angriff nicht
ernsthaft in Betracht ziehen könnte, und das würde erhöhte Abschreckung bedeuten.
Außerdem würde beim Vorhandensein solcher Verteidigungsmöglichkeiten jede weitere Aufrüstung im Offensivbereich sinnlos, weil damit jeder Anreiz entfiele, sie
durch Verstärkung der offensiven Streitkräfte zu überwinden.
Vielmehr würden derartige Verteidigungssysteme einen mächtigen
Anreiz zur umfassenden Reduzierung des Offensivpotentials bieten, da mit ihrem Vorhandensein ballistische Offensivraketen
weitgehend ihren militärischen Wert verlieren würden.
Langfristig
- 5 -

könnte

�Langfristig könnte die Strategische Verteidigung einen
wichtigen Beitrag zur Beseitigung aller Atomwaffen leisten.
Die Erreichung dieses letztlichen Zieles würde natürlich weit
mehr Kooperationsbereitschaft im Ost-West-Verhältnis voraussetzen, also eine Atmosphäre, in der sich z.B. Bemühungen zur
Reduzierung der konventionellen Streitkräfte auf einen niedrigeren Stand und eine Stärkung des Vertrauens auf beiden Seiten
ebenfalls als erfolgreich erweisen müßten.
Doch selbst, wenn alle Atomwaffen beseitigt würden, so wären doch die technischen Kenntnisse, die zur Herstellung derartiger Waffen nötig sind, weiterhin vorhanden, und wir würden
uns mit der Gefahr des Hintergehens, bzw. der Ausnutzung durch
verantwortungslose Elemente auseinandersetzen müssen.
Nichtnukleare Verteidigungssysteme würden diese Funktion erfüllen.
Wir haben keine vorgefaßten Meinungen hinsichtlich der Ergebnisse des Forschungsprogramms, d.h. ob sich daraus brauchbare neue Verteidigungsmöglichkeiten ergeben werden, oder ob
die Abschreckung weiterhin fast ausschließlich auf einer offensiven nuklearen Vergeltungskapazität beruhen muß.
Unser
kurzfristiges Ziel im Bereich der Rüstungskontrolle ist eine
Rückkehr zu der Situation, die in den siebziger Jahren ins Auge gefaßt worden war, nämlich stark reduzierte und stabilere
Offensivkräfte und volle Einhaltung des ABM-Vertrages.
Die Ergebnisse des SDI-Forschungsprogramms werden die Informationen und Daten liefern, die eine künftige Administration und ein künftiger Kongreß brauchen werden, um irgendwann
in den nächsten zehn Jahren sachkundig darüber entscheiden zu
können, ob man zu einer Mischung von Offensiv- und Defensivpotential übergehen soll, bei der der Rolle der Verteidigung
größeres Gewicht beigemessen wird, als das zur Zeit der Fall
ist.
Konsequenzen
Ich habe versucht, das Wesen des SDI-Programms und die ihm
zugrunde liegenden Absichten im einzelnen darzulegen.
Ich
finde, daß es hinsichtlich dieser Realitäten eigentlich keine
Kontroversen geben dürfte. Mir ist jedoch klar, daß es hinsichtlich der voraussichtlichen Konsequenzen einer Weiterführung des SDI=Konzepts
zu Meinungsverschiedenheiten
kommen
kann, weil Voraussagen über die Zukunft immer eine gefährliche
Sache sind.
Was geschieht, wenn sich unsere Hoffnungen erfüllen?
Wenn die zukünftige Entwicklung unserer Hoffnungen entsprechend verläuft, dann kann es hinsichtlich der positiven
- 6 -

�der positiven Folgen für den Weltfrieden kaum Zweifel geben.
Wenn sich neue Verteidigungstechniken als machbar erweisen und
damit eine stärkere Betonung des Verteidigungsaspekts wünschenswert erscheint, denken wir an ein gemeinsames Vorgehen
mit der Sowjetunion, mit dem Ziel, eine ständige Kontrolle der
Offensiv- und Defensivsysteme beider Seiten zu gewährleisten
und damit das Vertrauen aller Länder in die Wirksamkeit und
Stabilität des strategischen Gleichgewichts zu stärken.
Ich sagte schon, daß wir nicht mit Sicherheit das Ergebnis
unserer Forschungsarbeiten voraussagen können. Wir wissen jedoch, daß Stabilität eines der Kriterien für die Entscheidung
darüber sein wird, ob eine Dislozierung gerechtfertigt ist.
Wenn ein Verteidigungssystem nicht ausreichend überlebensfähig
wäre, könnte der Gegner in einer Krise durchaus versucht sein,
den ersten Schlag gegen verwundbare Teile des Verteidigungssysteme zu führen. Unsere Kriterien zur Prüfung der Uberlebensfähigkeit garantieren, daß ein derart verwundbares System
nicht disloziert würde und jedes System, das tatsächlich disloziert würde, ausreichend überlebensfähig wäre, um die Sowjets davon zu überzeugen, daß sie es nicht mit Erfolg angreifen könnten.
Unser Kriterium für die Kosteneffektivität wird sicherstellen, daß ein disloziertes Verteidigungssystem ein starker
Anreiz sein würde, keine weitere Offensivwaffen zu entwickeln,
da solche Waffen mehr kosten würden, als die zusätzlichen Verteidigungsmittel, die man zu ihrer Abwehr brauchen würde. Wir
wollen deshalb bei unserer Auswertung der durch die SDI-Forschung entwickelten Möglichkeiten mit berücksichtigen, inwieweit bestimmte Defensivsysteme aufgrund ihrer Beschaffenheit
den Gegner zu dem Versuch reizen könnten, sie einfach mit Hilfe zusätzlicher Offensivwaffen zu überwinden, während andere
Systeme eine solche Gegenanstrengung verhindern könnten. Wir
streben Verteidigungsmöglichkeiten an, die den Gegner von einem Versuch, ihnen mit zusätzlichen Offensivwaffen zu begegnen, abhalten würden.
Sowjetische Reaktionen
Die Einschätzung möglicher sowjetischer Reaktionen auf die
amerikanischen Bemühungen im Bereich der strategischen Verteidigung spielt bei der Beurteilung der zu erwartenden Konsequenzen eine wichtige Rolle, und das ist einer der Gründe für
die heftige Debatte um die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI). Zudem werden die Einschätzungen und Reaktionen der
Sowjets während der Forschungsphase wichtig sein, ohne Rücksicht darauf, ob sich im Zuge der Forschung neue Technologien
für die strategische Verteidigung als machbar erweisen oder
nicht. Wir glauben jedoch nicht, daß die Reaktion der Faktor
ist, auf den es ankommt. Wir glauben zwar, daß eine amerika-

�eine amerikanisch-sowjetische Kooperation beim Übergang zu einer stärker verteidigungsorientierten Einstellung wünschenswert wäre, können aber dennoch den Sowjets kein Veto-Recht bei
künftigen Dislozierungen zu Verteidigungszwecken einräumen.
Unsere moralische Verpflichtung (die sich mit unseren eigenen Interessen deckt) gegenüber den Sowjets besteht darin,
klar zum Ausdruck zu bringen, daß wir mit SDI positive Ziele
verfolgen und unser Wunsch eines gemeinsamen Übergangs zu einem stärker auf die Verteidigung ausgerichteten Gleichgewicht
aufrichtig ist.

Die Sowjets haben uns bisher wenig Grund zu der Annahme
gegeben, daß sie vom gegenseitigen Nutzen eines Gleichgewichts
der Abschreckung, das stärker auf Verteidigung ausgerichtet
ist, überzeugt sind.
Generalsekretär Gorbatschow hat dieses
Argument während seiner Gespräche mit Präsident Reagan am 19.
und 20. November energisch zurückgewiesen.
Er schien jedoch
gleichzeitig davon überzeugt zu sein, daß Präsident Reagans
Darlegung der Gründe für das SDI-Programm ehrlich gemeint war.
Die mangelnde sowjetische Bereitschaft, dem Vorschlag, daß
beide Seiten sich stärker auf die Verteidigung konzentrieren,
zuzustimmen, erklärt sich sicherlich zum Teil aus dem kurzfristigen politischen Gewinn, der sich mit Attacken gegen das
amerikanische SDI-Programm erzielen läßt, sowohl im Hinblick
auf die Förderung des inneren Widerstands in den Vereinigten
Staaten, als auch in bezug auf die Herbeiführung von Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten. Die Sowjets halten offenbar die Weiterführung ihres
eigenen strategischen Verteidigungsszstems für vorteilhaft.
Im übrigen wissen wir, daß sowjetische Positionen sich abrupt
ändern können, und wir sind überzeugt, daß bezüglich SDI bei

�SDI bei ihnen das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Wir können die Chancen für einen technologischen Erfolg
bei SDI noch nicht voll abschätzen. Wir können auch die politischen Konsequenzen unserer Bemühungen noch nicht mit Sicherheit voraussagen. Zuversichtlich können wir sein hinsichtlich
der moralischen Rechtfertigung der Strategischen Verteidigungsinitiative und unseres Bestrebens, dafür zu sorgen, daß
als Folge des Programms die Stabilität wächst und das Risiko
eines Krieges verringert wird.

- 9 -

�Hinterofundmaterial
United States Information Service
Embassy of the United States of America

18. Dezember 1985

50

DIE MENSCHENRECHTE VOR DEM HINTERGRUND DER
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
- Von Richard Schifter -

Der U nters taat ssek retär für Me nsehen recht sfra gen und h umanitä re
Angel egenh eite n im amer ikanisc hen
Außen minis teri um, Richa rd Schi f ter,
hat a m 16. Dez embe r vor der De utsehen Gese Ilse haft für Auswärt ige
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Welt, aber das Int eress e liege
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Lösun g des Pro blem s." Nachfol gend
der W ortla ut d er A usfüh rungen des
Unter Staat ssek retä rs in leicht gekürzt er un d be arbe itete r Form.

BONN - (AD) - Kurs vor der Genfer Gipfelkonferenz bot sich
mir die Gelegenheit, mit einer Reihe europäischer Journalisten
zu sprechen, und zwar über die Menschenrechtsfrage im Zusammen-

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�in Zusammenhang mit dem Genfer Gipfeltreffen.
Ich erklärte,
daß, zumindest was die Vereinigten Staaten beträfe, Menschenrechte eines der in Genf aufzuwerfenden Themen sei.
Bevor ich mich auf eine Diskussion über die dieses Thema
betreffenden Einzelheiten einlassen konnte, warfen einige Journalisten die umstrittene Frage auf, ob es denn für die Vereinigten Staaten richtig sei, während der Gipfelkonferenz das
Thema Menschenrechte anzuschneiden.
"Wir sehen der Gefahr eines Atomkrieges ins Auge," erklärten sie.
"Das ist hier die
Hauptfrage. Sollten die Vereinigten Staaten es riskieren, die
Stimmung zu verschlechtern und so die Möglichkeit eines Abkommens zum Abbau der Waffenarsenale zu verringern?"
Ich gab darauf eine zweifache Antwort.
Ich wies darauf
hin, daß die Sowjetunion unserer Ansicht nach bei Abrüstungsverhandlungen rational und nicht emotional handelt.
Für die
sowjetische Seite werde die Annahme oder Ablehnung eines Abkommens zur Reduzierung der Waffen nicht davon abhängen, ob gewisse andere, bei der Konferenz eingebrachte Themen ihr genehm wären oder nicht. Diese Entscheidung werde nur auf der Grundlage
einer in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Beurteilung sicherheits- und wirtschaftsorientierter Überlegungen getroffen.
Was unsere Motivation, die Menschenrechtsfrage zur Sprache
zu bringen, betreffe, so erklärte ich weiter, müsse man im Auge
behalten, daß die Amerikaner genau dies von ihrem Präsidenten
erwarten.
Und über diese Erwartungen der amerikanischen Öffentlichkeit werde die Exekutive durchaus direkt in Kenntnis
gesetzt, sei es durch direkt an das Weiße Haus gerichtete Briefe oder Telefonanrufe, sei es indirekt durch den Kongreß. Und
obwohl der Präsident zweifellos eine moralische Verpflichtung
fühlte, die Menschenrechtsfrage in Genf zur Sprache zu bringen,
so sollten doch das Interesse der amerikanischen Bevölkerung an
dem Thema Menschenrechte und die daraus hervorgehenden politischen Prinzipien, nach denen ein amerikanischer Präsident handeln muß, nicht unterschätzt werden.
Zur Erklärung dieses Phänomens, des tiefgreifenden Interesses der amerikanischen Öffentlichkeit an der Menschenrechtsfrage, möchte ich sagen, daß, im Gegensatz zu den Europäern, die
Amerikaner die Außenpolitik im allgemeinen nicht so sehr vom
geographischen Standpunkt aus betrachten.
Der Durchschnittsamerikaner hat sich seit jeher durch zwei Weltmeere von den
Problemen der restlichen Welt abgeschirmt gefühlt. Demnach ist
er auch bedeutend weniger an Außenpolitik interessiert als der
Europäer. Er macht sich nicht allzuviele Gedanken über die Art
der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und irgendeinem bestimmten Land, es sei
denn, er wird persönlich und direkt betroffen, wie im Falle des
Imports von Produkten, die eine Konkurrenz für die von ihm
selbst produzierten Erzeugnisse darstellen, oder wenn es um

- 2 -

�es um Exportmöglichkeiten eines Produkts geht, an dessen Produktion und Verkauf er beteiligt ist.
Für die meisten Amerikaner ist es der Mangel an Nachbarländern, der sie dazu führt, sich mehr auf inländische Probleme
als auf die Außenpolitik zu konzentrieren.
Um das Interesse
der amerikanischen Öffentlichkeit an einer außenpolitischen Angelegenheit zu wecken, muß diese schon von äußerst großer Bedeutung sein. Und damit eine Angelegenheit heutzutage äußerst
wichtig erscheint, muß sie schon ausführlich und über einen
längeren Zeitraum hinweg in den allabendlichen Fernsehnachrichten behandelt werden.
Es gibt auch gewisse außenpolitische Angelegenheiten, die
durchaus von größerer Bedeutung sind und denen die amerikanische Öffentlichkeit daher ihr Interesse widmet, die gleichzeitig traditionelle Themen internationaler Politik sind.
Zum
Beispiel beschäftigen die Amerikaner sich sehr mit der militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion. Vor nicht allzu langer
Zeit war es unsere Verwicklung in den Vietnamkrieg, die ihr Interesse in Anspruch nahm, und einige Jahre darauf die Besetzung
der amerikanischen Botschaft in Teheran.
Und dann gibt es das Interesse an Berichten über menschliche Schicksale.
Die Aufmerksamkeit der Amerikaner richtete
sich ganz intensiv auf die Dürre- und Hungerprobleme in Afrika
und auf die durch das Erdbeben in Mexiko ausgelöste Not. Wenn
sie der amerikanischen Öffentlichkeit nahegebracht werden, erzeugen solche Ereignisse bei dieser eine außerordentlich mitfühlende Reaktion; eine Reaktion, die sich in der Meinung ausdrückt, daß unbedingt etwas zur Linderung des Leidens der Menschen getan werden müsse.
Gleichermaßen gibt es auch ein Interesse an Leiden, die aus
politischer Verfolgung und Unterdrückung resultieren.
Und in
dem selben Maße wie die Amerikaner von ihrer Regierung erwarten, daß sie alle sonstigen Angelegenheiten zurückstellt, um
anderen Ländern bei der Überwindung von Naturkatastrophen zur
Seite zu stehen, so erwarten sie auch von ihr, daß sie sich bemüht, allen Handlungen ausländischer Regierungen zur Unterdrükkung ihrer eigenen Bürger ein Ende zu setzen.
Was ich hier soeben beschrieben habe ist die Reaktion des
Durchschnittsamerikaners; die Reaktion eines Amerikaners, der
sich nicht mehr mit dem fremden Land identifiziert, dem seine
Vorfahren entstammen; des Amerikaners, dessen Wurzeln man in
diesem Land über Generationen zurückverfolgen kann.
Es gibt
aber auch noch die Gruppe der neu Eingewanderten, die möglicherweise ein besonderes Interesse an den Angelegenheiten ihres Heimatlandes oder des Geburtslandes ihrer Eltern beibehalten, und deren Unruhe besonders geweckt wird, wenn sie erfahren, daß die Regierung jenes Landes ihre Verwandten oder Freun-

�oder Freunde unterdrückt.
Und sie erwarten von der amerikanischen Regierung, daß diese eingreift, um die Unterdrückung
dort zu beenden.
Die amerikanische Anteilnahme an der Menschenrechtsproblematik ist daher eine ganz natürliche Folge der einzigartigen
geographischen Lage unseres Landes. Sie ist jedoch bei weitem
nicht der einzige Faktor, der zu einer aktiven Menschenrechtspolitik beiträgt.
Der andere durchaus bemerkenswerte Aspekt
der amerikanischen Politik ist die relativ unbedeutenden Rolle
der Parteiorganisation und
-struktur bei der Wahl von Präsidenten und Kongreßmitgliedern.
Dadurch, daß die Partei hier
keine Vermittlerrolle übernimmt, sind die Amtsinhaber dem Wähler direkt verantwortlich.
Folglich wird das Interesse der
Wähler an Menschenrechtsfragen den Amtsinhabern, und letztendlich dem außenpolitischen System, weitaus direkter vermittelt,
als dies im Rahmen der europäischen parlamentarischen Demokratien der Fall ist.
Ich möchte betonen, daß sämtliche Faktoren, die ich soeben
aufgeführt habe, schon lange vor Präsident Carters formeller
Erklärung galten, seine Regierung werde sich weltweit für die
Förderung der Menschenrechte einsetzen. Ja, sogar schon 1907,
während der Präsidentschaft Theodore Roosevelts, protestierten
die Vereinigten Staaten bei der Regierung des Zaren Nikolaus
II. gegen die Verfolgung russischer Juden im Rahmen der damaligen Pogrome. Dies wurde übrigens als eine ungeheuerliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Russischen Reiches
zurückgewiesen.
All das soll jedoch nicht heißen, daß die Meinung, wonach
das Interesse an Menschenrechtsfragen ein wesentlicher Bestandteil amerikanischer Außenpolitik sei, nicht auch auf Widerstand
gestoßen wäre, und zwar von Seiten jener, die glauben, unser
Land müsse praktischer handeln und bei der Ausarbeitung seiner
Politik hauptsächlich auf seine geopolitischen und wirtschaftlichen Vorteile achten. Und genau diese Meinung ist über die
Jahre von einer ganzen Reihe von Berufsdiplomaten und auch Außenministern vertreten worden. Ich möchte Ihnen jedoch zu zeigen versuchen, daß das tiefe Interesse des amerikanischen Volkes sich wirkungsvoll bei unserer Regierung als für die Außenpolitik verantwortliche Instanz durchgesetzt hat - nebenbei bemerkt, ein hervorragendes Beispiel für das Funktionieren einer
wahren Demokratie. Und dies ist - um noch einmal an meine zu
Beginn gemachten Aussagen zu erinnern - der Grund dafür, daß
man vom Präsidenten der Vereinigten Staaten die Einbringung der
Menschenrechtsfrage in Genf erwartete.
Das große Interesse des amerikanischen Volkes an der Menschenrechtsproblematik
spiegelt sich in der Tatsache wieder,
daß die Stellung, die ich jetzt einnehme, nämlich die des Unterstaatssekretärs für Menschenrechtsfragen und humanitäre An-

�humanitäre Angelegenheiten, vor sieben Jahren durch ein vom
Kongreß verabschiedetes Gesetz ins Leben gerufen wurde.
Die
meisten meiner Kollegen nehmen als Unterstaatssekretäre Positionen ein, die administrativ durch den Außenminister im Rahmen
seiner weitreichenden Handlungsvollmachten geschaffen wurden.
Meine Stellung ist, wie bereits erwähnt, eine durch Gesetz geschaffene.
Weiterhin wurde ein Großteil der Aufgaben meines
jetzigen Amtes nicht durch eine administrative Entscheidung des
Außenministers, sondern durch Gesetze des Kongresses geschaffen.
Ich habe mich sehr bemüht, die Rolle der amerikanischen Öffentlichkeit insgesamt bei der Ausarbeitung der amerikanischen
Außenpolitik ausführlich zu behandeln, weil sie gelegentlich
vollkommen übersehen wird.
Manche Experten, vor allen Dingen
hier auf dem Kontinent, sprechen von den Menschenrechten manchmal als dem Rohrstock, mit dem die Vereinigten Staaten der Sowjetunion eins auf die Finger geben, und als lediglich einen
weiteren Aspekt in der Rivalität der Supermächte.
Sie werden höchstwahrscheinlich erstaunt sein, wenn ich erkläre, daß viele von uns die Dinge nicht in diesem Licht sehen. Ich muß hier betonen, daß unsere Schwierigkeiten mit der
Sowjetunion ganz und gar nicht daher stammen, daß die Sowjetunion und wir einen Streit haben, der sich von den Differenzen
aller Anderen mit den Sowjets trennen läßt. Wir befinden uns
nicht mit der Sowjetunion in einem Wettstreit über die Beherrschung von Rohstoffen oder Märkten.
Wenn man es sich genau
überlegt, dann müßte es - nach der traditionellen marxistischen
Lehre - ein Wettstreit zwischen den Vereinigten Staaten, Japan
und der Europäischen Gemeinschaft sein, der heute den Weltfrieden bedroht.
Ich denke es ist auch allen klar, daß wir nicht
daran interessiert sind, auch nur einen Quadratzentimeter sowjetischen Staatsgebietes in unsere Gewalt zu bringen.
Unserer Meinung nach sind unsere Meinungsverschiedenheiten
mit der Sowjetunion auf zwei Aspekte der sowjetischen Politik
zurü ckzuführen: ihren imperialistischen Expansionismus und die
TatsächMißa chtung der Menschenrechte ihrer eigenen Bürger.
lieh besteht eine Beziehung zwischen diesen beiden Aspekten der
Dabei sollte man jedoch die Tatsache
sowj etichen Politik.
nich t außer acht lassen, daß sowjetischer Expansionismus und
die sowjetische Einstellung gegenüber den Menschenrechten nicht
spez ifisch amerikanische Interessenbereiche berühren. Mit Ausnahm e des sowjetischen Eindringens in Mittelamerika ist der sowjet ische Expansionismus für jedes andere freiheitsliebende
Volk von ebenso großer oder sogar noch größerer Bedeutung als
für uns.
(Dabei möchte ich nicht sagen, daß die sowjetische
Roll e in Mittelamerika nicht auch für Europa von großer Bedeutung ist). Gleiches gilt auch für die Menschenrechte: Es handelt sich hierbei keinesfalls um einen marginalen Aspekt im
Wett streit zwischen uns und der Sowjetunion oder bei unseren
verm eintlichen Bemühungen um die Weltherrschaft. Für uns steht

�uns steht die Menschenrechtsfrage im Zentrum der Meinungsverschiedenheiten zwischen der Sowjetunion und dem Westen.
Sie
ist kein spezifisch amerikanisches Problem, sondern ein Problem, das alle freiheitsliebenden Völker angeht - ganz gleich,
wo Menschen ihrer Rechte beraubt werden und ganz gleich, wie
viele davon betroffen sind.
Es bleibt noch die Frage offen, was man tun könnte und
sollte, um eine positive Veränderung der Menschenrechtssituation in der Sowjetunion herbeizuführen. Manche sind der Meinung, man sollte darüber schweigen und in Anwesenheit der Vertreter totalitärer Staaten nur Themen zur Sprache bringen, über
die sich Einigung erzielen läßt. Ihr Argument: "Laßt den Dingen Zeit. Die Lage wird sich dann schon bessern."
Ich habe schon erklärt, warum die Vereinigten Staaten diesem Rat nicht folgen können. Unser Volk würde derlei nicht akzeptieren.
Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, warum man die Menschenrechtsfrage zur Sprache bringen sollte.
Die Erfahrung
zeigt, daß internationale Entspannung nicht zur Lockerung der
internen Kontrollen in der Sowjetunion führt. Wenn wir einen
Blick auf die letzten dreißig Jahre werfen, sehen wir, daß das
Chruschtschow'sehe "Tauwetter" auf dem Höhepunkt des Kalten
Krieges kam.
Und es war dieses "Tauwetter", das letztendlich
zur Entspannung zwischen der Sowjetunion und dem Westen führte.
Umgekehrt fiel die Sowjetunion nur anderthalb Jahre nach Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki - also während der Entspannungsperiode - in eine Unterdrückungspolitik zurück, von
der wir alle gehofft hatten, sie sei ein für allemal Vergangenheit .
Außerdem setzten in der Sowjetunion gerade im Jahr 1977 also zu Beginn der Verhandlungen, die zum SALT II-Abkommen
führten - die Festnahmen, Verfolgungen und schweren Bestrafungen all jener ein, die auf die Einhaltung der Schlußakte gedrängt hatten. Die Unterdrückung dieser Dissidenten wurde in
den folgenden Jahren immer stärker - obwohl die Verhandlungen
über SALT II weitergingen, obwohl Präsident Carter in seiner
bekannten Notre-Dame-Rede an das amerikanische Volk erklärt
hatte, die unangemessene Furcht vor dem Kommunismus sei nun
überwunden und obwohl - oder vielleicht gerade weil - die amerikanische Regierung weniger über Menschenrechte in der Sowjetunion sprach als am Anfang der Carter-Administration.
Die Geschichte der letzten 30 Jahre belegt daher, daß internationale Spannungen von einem Tauwetter in der Sowjetunion
begleitet werden können und daß internationale Entspannung auch
von Verschärfung der Unterdrückung in der Sowjetunion begleitet
werden kann. Es sieht ganz so aus, als seien die sowjetische
Außen- und Innenpolitik nicht so eng miteinander verzahnt, wie

�verzahnt, wie dies manche glauben.
Was bewirkt unter diesen
ischen Menschenrechtspolitik?

Umständen

Kritik

an

der sowjet-

Wir können natürlich keine mathematischen Beweise dafür erbringen, daß die Kritik des Westens letztendlich zu einer Abwendung der Sowjetunion von ihrer Politik führen wird.
Doch
könnte dies durchaus der Fall sein:
Die sowjetische Führung
scheint sich nämlich über das allgemeine Bild, das die Welt von
ihr hat, Gedanken zu machen. Sie möchte die Anerkennung, die
ihrer vermeintlichen Größe und Bedeutung in der Welt entspricht. Und sie möchte nicht der Schande ausgesetzt sein, von
der Welt für eine der schlimmsten Tyranneien gehalten zu werden.
Sicherlich möchte die Sowjetunion auch noch aus konkreteren
Gründen der öffentlichen Kritik hinsichtlich ihrer Einstellung
zur Menschenrechtsfrage entgehen. Zur Förderung ihrer eigenen
außenpolitischen Ziele will sie sowohl in Westeuropa als auch
weltweit Sympathien gewinnen. Sie versteht, daß Berichte über
sowjetische Menschenrechtsverletzungen nur zu einem Sympathieverlust im Ausland führen und ihre außenpolitischen Ziele beeinträchtigen, wenn sie in der Öffentlichkeit diskutiert werden.
Sie werden sich vielleicht fragen, warum die öffentliche
Meinung eine so wichtige Rolle spielt, wenn doch das Verhalten
der Sowjetunion hinsichtlich der Menschenrechte letztlich von
internen Umständen abhängig ist.
Dazu zweierlei:
Zunächst
wird wahrscheinlich auf höchster Ebene eine grundsätzliche politische Richtlinie erlassen, um zum Beispiel jegliches Abweichen von der offiziellen Regelung zu unterdrücken.
Über die
praktische Durchführung jedoch, kann durchaus auf einer weit
niedrigeren Regierungsebene entschieden werden. Proteste gegen
empörende staatliche Maßnahmen könnten daher zu einer Änderung
der Taktiken führen, selbst wenn die grundsätzlichen Strategien
dieselben bleiben.
Daher ist eine Änderung der Taktiken zwar
nicht unbedingt die Lösung des zugrunde liegenden Problems, jedoch profitiert der einzelne, dessen Last dadurch etwas erleichtert wird, von einer solchen Änderung der Taktik.
Lassen Sie mich diesen Punkt veranschaulichen, indem ich
Sie daran erinnere, daß die übliche Verfahrensweise in der Sowjetunion, Dissidenten in psychiatrische Kliniken einzuweisen,
eine wahrhaft schockierende Verletzung der Menschenrechte bedeutet. Dieselben Dissidenten hätten der Verleumdung des Staates angeklagt und strafrechtlich verfolgt werden können.
Aus
irgendwelchen uneinsichtigen Gründen wird jedoch die Einweisung
in eine psychiatrische Klinik als geeignetere Strafe angesehen.
Man kann nur hoffen, daß der weltweite Aufschrei der Entrüstung
gerade gegen diese Form der Menschenrechtsverletzung die Sowjetunion bereits dazu veranlaßt hat, ihre Taktiken etwas zu
ändern und sie dazu bringen wird, diese grausame Verfahrenswei-

- 7 -

�grausame Verfahrensweise vollkommen einzustellen.
Eine Änderung der Taktiken hinsichtlich menschenrechtlicher
Praktiken sollte natürlich nicht unser einziges Ziel sein - und
hier komme ich zu meinem zweiten Punkt: Ich muß zugeben, daß
auch das gesellschaftliche System, zu dem wir gehören, seine
Probleme hat.
Außerdem muß ich zugeben, daß diese Probleme
sich nicht einfach durch Errichtung einer Demokratie und durch
Respektierung der Menschenrechte lösen lassen. Man kann jedoch
beim Blick auf das letzte ViertelJahrtausend der Geschichte der
westlichen Zivilisation sagen, daß die Ideen und Ideale, die
dem Zeitalter der Aufklärung entstammen, folgendes beweisen:
Sie haben den Menschen weltweit zu dem verholfen, was unsere
Unabhängigkeitserklärung als "Streben nach Glück" bezeichnet,
und dies war sicherlich alle Mühen wert. War es nicht Winston
Churchill, der sagte, die Demokratie sei die schlimmste Regierungsform mit Ausnahme aller anderen? Es scheint mir eine Tatsache, daß das westliche Modell besser als irgendein anderes
nur denkbares System funktioniert und daß die Achtung der Menschenrechte grundsätzlicher Bestandteil dieses Modells ist.
Ich möchte hier kurz eine Frage beantworten, die mir während der letzten Tage öfters gestellt wurde, warum nämlich die
Vereinigten Staaten nur Länder unter sowjetischem Einfluß und
nicht auch andere wegen Menschenrechtsverletzungen kritisieren.
Ich meine, die Annahme, die dieser Frage zugrunde liegt, ist
falsch.
Wir kritisieren Menschenrechtsverletzungen, wo immer
sie auftreten. Unser Interesse liegt nicht an Kritik, sondern
an der Lösung des Problems. Wir versuchen, wo immer dies möglich ist, die Probleme auf diplomatischem Wege zu lösen. Wenn
das gelingt, ist es nicht notwendig, an die Öffentlichkeit zu
treten. Nur wenn solche Versuche nicht zum gewünschten Resultat führen, oder wenn von vornherein klar ist, daß der Staat,
über den wir Beschwerde führen, nicht bereit ist, die Angelegenheit ernsthaft mit uns zu besprechen, appellieren wir an die
Öffentlichkeit.
Um nun auf mein Hauptthema zurückzukommen:
Wir haben
durchaus keinen Grund, uns unserer Ideologie zu schämen. Wir
können und sollten weiterhin für sie eintreten und sie verteidigen. Tun wir das, so wird unsere Botschaft zweifellos weit
über die Grenzen unserer westlichen Welt hinausreichen.
Wir
hoffen, daß diese Botschaft die heute für die Politik in der
Sowjetunion Verantwortlichen und jene, die sie in Zukunft bestimmen werden, erreicht.
Und dabei hoffen wir, daß die Sowjetunion allmählich im eigenen langfristigen Interesese handelt und nicht nur ihre Taktik, sondern auch ihre grundsätzliche Einstellung zur Menschenrechtsfrage ändert.
Es ist interessant, daß nach Abschluß des Genfer Gipfeltreffens Präsident Reagan vor dem Kongreß und Generalsekretär
Gorbatschow während einer Pressekonferenz bei der Erwähnung des

�Erwähnung des Themas, mit welchem ich mich hier auseinandergesetzt habe, annähernd dieselben Worte gebrauchten. Beide verpflichteten sich zur Vermeidung von Situationen, durch die sie
sich
möglicherweise in eine militärische Auseinandersetzung
verstricken könnten. Gleichzeitig erklärten jedoch beide, daß
die im Bereich der Ideen und Ideale bestehende Konkurrenz bleiben würde.
Was ich Ihnen hier übermitteln wollte, ist, daß wir den
Aufgaben, die sich aus einer solchen Konkurrenz ergeben, nicht
ausweichen sollten. Manche von Ihnen werden sich an die mutigen Worten von Otto Wels erinnern, der sich am 23. März 1933 im
Reichstag während einer Debatte über Hitlers Ermächtigungsgesetz erhob, um für die Sache der Freiheit, der Demokratie, der
menschlichen Anständigkeit und der Menschenrechte zu plädieren.
Der Sache, für die er sich damals einsetzte, gilt auch heute
noch unser Bestreben. Wir sollten ihn als ein Beispiel des Mutes in Erinnerung behalten. Wir, die wir im Gegensatz zu Otto
Wels nichts riskieren, wenn wir uns für die Menschenrechte einsetzen, sollten daher auch nicht zögern, dies zu tun.
Freiheit, Demokratie und menschliche Würde, sind eine Sache, die es
wert ist, dafür einzutreten. Unsere Unterstützung dieser Rechte soll auch weiterhin laut und deutlich sein.

* * * * *

- 9 -

�50

18. Dezember 1985

V0RST0SS IN DIE RÄTSELHAFTE WELT DES URANUS
Raumsonde VOYAGER 2 kommt am 24. Januar 1986 zum
Rendezvous -

- (AD) - In wenigen Wochen wird die amerikanische Raumsonde VOYAGER 2 den fernen Planeten Uranus passieren. Es ist die
erste von Menschenhand geschaffene Instrumentenplattform, die
Einblicke und Sondierungen "vor Ort" am drittgrößten Planeten
unseres Sonnensystems ermöglicht. Im Jahr 1781 durch den Engländer William Herschel entdeckt, bewahrte er lange Zeit seine
Geheimnisse. So sah man beispielsweise erst im Jahr 1977 mit
Hilfe eines sehr starken Teleskops, daß er, ähnlich wie Saturn, ein Ringsystem besitzt. Neun Ringe konnte vor dem Hintergrund eines sehr hellen Sterns ausgemacht werden. Sie zählen zu den dunkelsten Objekten im Sonnensystem.
Die Wissenschaftler vermuten, daß sie aus stark kohlenstoffhaltigem Material oder aus Methaneis bestehen. Auch fünf Monde hat man
bisher gefunden. Aber es ist durchaus möglich, daß ihn noch
mehr, allerdings kleine Trabanten
innerhalb des Ringsystems
umkreisen.
Die blaugrüne Welt des Uranus ist von der Erde aus einer
Beobachtung kaum zugänglich.
"Selbst bei den leistungsfähigsten Teleskopen erscheinen der Planet und seine Monde nur
als winzige Lichtflecke", sagt Burton Edelson von der Abteilung Weltraumforschung des amerikanischen Amtes für Luft- und

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Luft- und Raumfahrt (NASA). Zum ersten Mal in der Geschichte
der Forschung werde VOYAGER 2 das unbekannte Gesicht des Uranus enthüllen und Beobachtungen an einem Ort ermöglichen, "wo
bislang niemand war - in einer dunklen, kalten Region, im
Grenzbereich unseres Sonnensystems zum interstellaren Raum".
Grenzbereich - ein relativer Begriff. Denn mit einem mittleren Abstand von 2,872 Milliarden Kilometern von der Sonne (Erde: 149,6 Millionen km) nimmt Uranus eher eine mittlere Position in unserem Sonnensystem ein. Pluto, der äußerste Planet,
umkreist das Zentralgestirn auf einer mehr al5,,59 Milliarden
km entfernten Bahn.
Uranus ist nach Jupiter und Saturn der drittgrößte Trabant
der Sonne. VOYAGER 2, seit mehr als acht Jahren auf dem Weg
durch den interplanetaren Raum, übermittelte bereits 1979 und
1981 faszinierende und aufsehenerregende Fernsehaufnahmen mehr als 70 000 -, dazu unzählige Meßdaten von Jupiter und Saturn samt Monden und Ringsystemen zur Erde. Jetzt fliegt er
mit 72 000 km pro Stunde (relativ zur Erde) der blaugrünen
rätselhaften Welt des Uranus entgegen und wird am 24. Januar
1986 mit 81 500 km Abstand seine größte Annäherung erreichen.
Einen der fünf bekannten Monde, Miranda, wird die Sonde sogar
aus nur 29 000 km Entfernung beobachten können. Dieser Trabant hat knapp 500 km Durchmesser und gilt als der Innenmond
des Uranus.
In dem Zeitraum von vier Stunden vor bis zwei Stunden nach
dem Rendezvous mit dem Planeten werden die elf Instrumente an
Bord auf Hochtouren arbeiten. Schon im Frühsommer dieses Jahres wurde einer der Bordcomputer umprogrammiert, um z.B. die
Bilddaten so zu komprimieren und neu zu verschlüsseln, daß in
der wichtigsten Beobachtungsphase pro Tag 200 Aufnahmen zur
Erde übermittelt werden können. Von jedem einzelnen Bildelement wird dann nicht mehr der absolute, sondern der relative
Helligkeitswert gesendet. Die Zeit für die Übertragung läßt
sich dadurch auf weniger als die Hälfte reduzieren. Das jetzt
weitaus leistungsfähigere Kodierungssystem an Bord, das u.a.
Fehlerquellen im Datenstrom weiter einschränkt, machte allerdings kompliziertere Aufnahme- und Aufbereitungsverfahren in
den Empfangsstationen erforderlich.
Große Antennenanlagen in
der USA, Australien und Europa wurden zusammengeschaltet, um
die Empfindlichkeit zur Aufnahme der Signale zu erhöhen. Wegen der großen Entfernung der "Sendestation" VOYAGER 2 kommen
diese nur noch stark abgeschwächt hier an.
Wissenschaftliche Aufgaben beim Rendezvous von VOYAGER 2
mit dem Planeten Uranus sind u.a. Ermittlung seiner Rotationsgeschwindigkeit, Sondierung
seiner Atmosphäre, Beobachtung
bzw. Postionsbestimmung von Wolken, Messung von Windgeschwindigkeiten in der jetzt auf der Sonnenseite liegenden südlichen
Hemisphäre, Suche nach weiteren Monden und Ringen (zwei der
dünnen bisher bekannten neun Ringe sind stark exzentrisch),
Studium der Mondoberflächen - soweit dies möglich ist.
Angesichts der
- 2 -

�Angesichts der sehr kurzen Nahbeobachtungsphase wahrend
des Vorbeiflugs mit hoher Geschwindigkeit und der wegen des
schwachen Sonnenlichts notwendigen langen Belichtungszeit für
die Aufnahmen der Fernsehkamera ergibt sich ein besonderes
Problem.
Um das "Verschmieren" der Aufnahmen vom Uranus zu
verringern, muß die Bordkamera von VOYAGER 2 eine entsprechende Gegenbewegung ausführen.
Dies geschieht jetzt durch Drehung bzw. Gegenlaufen ihrer Montageplatte zur Flugrichtung.
Zusätzliche Schwierigkeiten ergeben sich aus der langen Laufzeit der Signale von der Sonde zur Erde oder von Funkbefehlen
von der Erde - sie beträgt beim Rendezvous von VOYAGER mit
Uranus zwei Stunden und 45 Minuten und ist bedingt durch die
große Entfernung.
Zwischen Erde und Sonne beträgt die Laufzeit nur acht Minuten.
Das erste Bild vom Uranus übermittelte die Sonde am 15.
Juli 1985. Der Planet habe ausgesehen wie ein "blauer, rasch
fliegender Tennisball", sagte Edelson.
Von seiner Gashülle
war nichts zu erkennen. "Aber wir erlebten doch schon einige
Überraschungen", meint der Wissenschaftler. So lasse das Fehlen von Radioemissionen vom Uranus auf ein sehr schwaches Magnetfeld schließen - sofern er überhaupt eines besitzt. Vielleicht sei es auch von ganz ungewöhnlicher Natur.
Bei seinem Umlauf um die Sonne liegt Uranus, im Gegensatz
zu allen anderen Planeten, gewissermaßen auf der Seite. Seine
Achse ist - vielleicht verursacht durch eine Kollision mit einem anderen Körper - um mehr als 90 Grad gekippt, so daß er
als einziger Planet im Sonnensystem nicht senkrecht oder zur
Senkrechten leicht geneigt, sondern horizontal und parallel
zur Umlaufebene rotiert.
Für eine Sonnenumrundung benötigt
Uranus 84 Jahre. Dabei ist der eine Pol jeweils 42 Jahre lang
der Sonne zugekehrt (gegenwärtig ist es der Südpol), während
sich der andere Pol im Dunkeln, auf der Nachtseite befindet.
Aufgrund dieser Faktoren dürften die Wetterbedingungen ganz
ungewöhnlich sein.
Möglicherweise habe sich ein besonderer
atmosphärischer Mechanismus entwickelt, meint Projektwissenschaftler Edward Stone vom "California Institute of Technology", um die am einen Pol deponierte Wärme zum kühleren Äquatorbereich und weiter zum anderen Pol zu transportieren. Eine
innere Wärmequelle scheine nicht vorhanden zu sein. "Wir werden uns das Wettersystem ansehen und auch auf der dunklen Seite des Uranus die Temperaturen messen, die als sehr tief angenommen werden."
Die mittlere Oberflächentemperatur wird mit
minus 200 Grad Celsius angegeben.
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler besitzt Uranus einen
Gesteinskern etwa von der Größe der Erde (sein Volumen macht
das Fünfzigfache des Erdvolumens aus). Unterhalb seiner Atmosphäre und dunstigen Wolkenschicht könnte sich ein Meer geschmolzenen Eiswassers befinden, vermutet Stone.
Aufgrund
früherer Beobachtungen sei auch die Möglichkeit nicht von der

�von der Hand zu weisen, daß das Verhältnis von Wasserstoff zu
Helium in der Atmosphäre ganz anders als erwartet sein könne vielleicht gar mit einem Anteil von 40 Prozent Helium, was
einzigartig im Planetensystem wäre.
Die Nahbeobachtungen am Uranus
1986. Dann befindet sich VOYAGER 2
die Sonde weiterführt zum Planeten
Milliarden Kilometer).
Dort wird
treffen.

* * * * *

dauern
bereits
Neptun
sie am

bis zum 25. Februar
auf einem Kurs, der
(Sonnenabstand: 4,5
25.August 1989 ein-

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              <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Berlin und die Sache der Freiheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Außenministers in Berlin -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Strategische Verteidigungsinitiative:&lt;br /&gt;Eine ethische Wertung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Paul H. Nitze -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Menschenrechte vor dem Hintergrund der Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Richard Schifter -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vorstoß in die rätselhafte Welt des Uranus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Raumsonde VOYAGER 2 kommt am 24. Januar 1986 zum Rendevous -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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