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                  <text>2 5 . September 1985

38

INHALT
INFORMATION
Gedanken zur Geschichte und Fortentwicklung der deutschamerikanischen Beziehungen
- Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika, Richard
Burt, anläßlich des 200. Jahrestages des ersten amerikanisch-preussischen Vertrages in der Staatsbibliothek Berlin am 25. Sept. 1985 DOKUMENTATION
Reagan umreißt Handelspolitik der USA
- Rede vor amerikanischen Unternehmern Reagan-Pressekonferenz vom 17. September
- Auszüge HINTERGRUND
UDSSR verstärkt um westliche Technologie bemüht
- Erklärung von US-Verteidigungsminister Weinberger WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Die erste Begegnung mit einem Kometen
- Amerikanische Raumsonde durchflog Schweif von "Giacobini-Zinner"

* * * * *

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�25. S.eptember 1985

38

GEDANKEN ZUR GESCHICHTE UND FORTENTWICKLUNG
DER DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN

- Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika,
RICHARD BURT,
anläßlich des 200. Jahrestages des ersten
amerikanisch-preußischen Vertrages in der Staatsbibliothek Berlin
am 25. September 1985 -

"Dies ist der liberalste Vertrag, den unabhängige Mächte jemals eingegangen sind...Er wird in vollerem Umfang dazu beitragen, eine allgemeine Befriedung herbeizuführen als irgendeine Maßnahme, die die Menschheit bisher versucht hat", so schrieb George Washington. Er meinte damit das damals gerade geschlossene Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten von
Amerika und dem Königreich Preußen.

Auf beiden Seiten des Abkommens standen überragende Figuren der Aufklärung. Hier in dieser Stadt regierte Friedrich der Große, Freund der

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Freund der fortschrittlichsten Denker seiner Zeit, Förderer der Künste,
ein Soldatenkönig, aber auch ein Philosophenkönig. Einer der wichtigsten
Männer, die

auf

amerikanischer

Seite unterzeichnet

hatten

- Benjamin

Franklin - war ein universalgebildeter Philosoph und Staatsmann, eine der
größten geistigen Gestalten seiner, ja, jeder Zeit. Der abgeschlossene
Vertrag wurde von der Londoner Monthly Review als "die beste Lektion in
Humanität" bezeichnet, "die ein Philosophenkönig (Friedrich der Große),
in Übereinstimmung mit einem philosophischenen Patrioten (Franklin) handelnd, den Fürsten und Staatsmännern der Erde überhaupt erteilen konnte."

Selten hatte ein Abkommen bedeutsamere Gründerväter oder fand wärmere
Unterstützung. Dieser Vertrag war innovativ und selbst aus heutiger Sicht
bemerkenswert weitsichtig. Er betonte das Konzept der Handelsliberalisierung. Er machte das Wohlergehen und das Glück der Menschen zu seinem Ziel
und nicht die Macht und Vorrechte der vertragschließenden Staaten. Er
legte Regeln für die Behandlung Kriegsgefangener fest und nahm damit viel
von der späteren Genfer Konvention von 1929 vorweg. Es handelte sich hier
um ein weitblickendes Abkommen, das solche modernen Konzepte wie Freihandel, Menschenrechte und Rüstungskontrolle aufgriff.

Im Laufe der zwei Jahrhunderte, seit dieses Dokument unterzeichnet
wurde, haben sich unsere beiden Länder, Deutschland und Amerika, voneinander entfernt und gerieten schließlich zweimal in Konflikt miteinander,
nur um schließlich ein Band zu schmieden, dessen Festigkeit, Intensität
und Bedeutung in der menschlichen Geschichte wahrscheinlich nicht seinesgleichen hat. Auf einer Feier wie dieser hier ist es natürlich für einen
amerikanischen Botschafter in Deutschland verlockend, seine Ausführungen
ausschließlich auf diese letzten vierzig Jahre zu konzentrieren, in denen
die Geschichte der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit so positiv und
das Ausmaß unser gemeinsamen Leistungen so

eindrucksvoll waren.

Und doch hat uns die Geschichte durch die Tragödie ebenso viel zu
lehren wie durch den Triumph. Wir erleben hier in der Bundesrepublik
Deutschland ein erneutes Interesse an der deutschen Vergangenheit, vor
allem an der Geschichte jenes Staates, dessen Hauptstadt Berlin war, und
- 2-

�war und um die herum das moderne Deutschland aufgebaut wurde. Dieses Interesse wird durch das Gebäude symbolisiert, in dem wir jetzt zusammengekommen sind, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz.

Wenn Sie mir erlauben, möchte ich deshalb einen Rückblick auf die
ganzen

zwei

Jahrhunderte

der

Beziehungen

zwischen

amerikanischen

und

deutschen Regierungen geben und nicht nur auf das anfängliche Versprechen, das dieser Vertrag im Sinne der geistigen wie auch kommerziellen
und politischen Übereinstimmung der Interessen gab, sondern auch auf die
tiefe Enttäuschung dieser Hoffnungen und schließlich auf ihre endgültige
Bewertung in der Schaffung einer besonderen Beziehung zwischen unseren
beiden Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als dieser Vertrag vor 200 Jahren unterzeichnet wurde, befanden sich
die Vereinigten Staaten und Preußen in einer vergleichbaren internationalen Position. Sie waren beiden Außenseiter

im internationalen System.

Amerika war ein Außenseiter, weil es physisch isoliert war, weil seine
Bewohner oder deren Vorfahren beschlossen hatten, Europa zu verlassen,
weil sie als Amerikaner beschlossen hatten, ihre politische Unabhängigkeit von Europa zu bekräftigen, und weil sie ein einzigartiges politisches System eingeführt hatten, das die meisten europäischen Monarchien
zutiefst

beunruhigte. Preußen

Dreißigjährige
Deutschland

Krieg und

wiederum

war ein Außenseiter, weil der

der daraus resultierende Westfälische

Friede

für über zwei Jahrhunderte zur Spaltung und Machtlosigkeit

verurteilte.

Die relative Schwäche beider und das, was sie als Gefahr seitens
Großbritanniens und Frankreichs empfanden, trug in beiden Ländern zu der
weitverbreiteten Auffassung bei, daß sie etwas Besonderes seien und deshalb als Modell für die übrige Welt dienen könnten.

Aber es gab noch weitere Ähnlichkeiten zwischen beiden Staaten. Wie
Gräfin Dönhoff schrieb, hingen beide Staaten ursprünglich der Philosophie
der Aufklärung an. Das Preußen Friedrich des Großen war ein Zentrum der
religiösen Toleranz in Europa. Er gewährte vielen aus religiösen Gründen
- 3-

�religiösen Gründen Verfolgten Asyl, den Hugenotten aus Frankreich und anderen von andernorts. Er war der erste Herrscher in Europa, der die Folter abschaffte. Er gewährte den Jesuiten Zuflucht als der Papst ihren Orden auflöste. Er baute in dieser Stadt für seine katholischen Untertanen
die große St. Hedwigskirche.

Auch die Gründerväter Amerikas waren Söhne der Aufklärung. Die Verfassung, die sie entwarfen, und unsere vorausgegangene Revolution waren
Marksteine in der Verbreitung der Gedanken der Aufklärung. Und die Amerikaner haben sich lange Zeit Deutschland so wie Amerika vorgestellt. Einer
der größten amerikanischen Historiker, George Bancroft, der letzte amerikanische Gesandte in Preußen und erster Gesandter im Deutschen Reich,
schrieb 1870, daß "die deutschen Institutionen und die unserigen sich
stark ähneln."

Aber die beiden Länder begannen auseinanderzutreiben. Deutsche und
amerikanische Historiker - Golo Mann und Gordon Craig zählen sicherlich
zu den herausragendsten - sind sich hinsichtlich der Ursachen einig. Was
vielen berühmten Amerikanern ein aufgeklärtes Preußen zu sein schien,
wurde eben dies immer weniger. Der Rationalismus des 18. Jahrhunderts
hatte Amerika zu einer individualistischen, dezentralisierten Demokratie
geführt. In Preußen und später im Kaiserreich führte die Aufklärung jedoch zu einer Konzentration auf das persönliche Eigenleben und damit zu
einer Abneigung, am öffentlichen Leben und somit an der Politik teilzunehmen. Dies überließ die Regierung, und vor allem die Außenpolitik, den
Händen einiger weniger, fast allmächtiger Gegner der Demokratie: der Monarchie und einer Offizierskaste.

Der imperialistische Wettlauf beider Länder nach Kolonien wurde durch
die sang- und klanglose Entlassung des unersetzlichen Lotsen des Reiches,
Fürst Bismarck, durch den jungen Kaiser und dessen unüberlegten, gierigen
Griff nach Weltmacht verschärft. Und so kämpften Deutschland und die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg als Gegner. Amerikas Eintritt in den
Ersten Weltkrieg trug entscheidend zur Beendigung dieses Konflikts bei.
Aber sofort danach zog sich Amerika in eine unrühmliche Isolation zurück.
- 4-

�Isolation zurück. Es trug damit dazu bei, die Grundlagen einer neuen,
stabilen internationalen Ordnung zu zerstören, nachdem die Stützen der
alten Ordnung weggefegt worden waren.

Die sich abmühende Weimarer Demokratie brachte eine Neubelebung deutscher demokratischer Traditionen, die niemals zuvor zu vollem Erfolg gekommen, die aber auch nie ganz ausgestorben waren. Die Weimarer Verfassung spiegelte den gleichen Nachdruck auf religiöse Freiheit wider, wie
sie in der Verfassung des gescheiterten Frankfurter Parlamentes von 1348,
ja sogar in einem Artikel des preußisch-amerionischen Vertrages niedergelegt war, dessen 200. Jahrestag wir heute hier feiern. Im Bewußtsein
der Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs Deutschlands,
sollte die Weltwirtschaft wieder gedeihen, boten die Vereinigten Staaten
der Weimarer Republik beträchtliche wirtschaftliche Hilfe. Diese Politik
wurde nachdrücklich von dem damaligen Handelsminister und späteren Präsidenten Herbert Hoover vertreten.

Aber die finanzielle Unterstützung seitens Amerikas konnte kein Ersatz sein für die notwendigere amerikanische Verpflichtung zu Stabilität
und Frieden in Europa, wie sie vom Völkerbund vorgesehen worden war. Unter dem wachsenden inneren und äußeren Druck ürach die Weimarer Republik
schließlich zusammen; Nazismus und Faschismus triumphierten, und Europa
taumelte in einen schrecklichen Alptraum hinein.

Bundespräsident von Weizsäcker erklärte am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag: "Hitler wollte die Herrschaft über Europa und zwar durch
Krieg." Aus jüngeren Forschungen geht hervor, daß er tatsächlich auch die
Absicht hatte, schließlich die Vereinigten Staaten zu erobern. Er unterschätzte, wie der Kaiser, Macht und Willen Amerikas völlig. Aus dem eitlen Traum des Isolationismus aufgerüttelt, schloß sich Amerika mit seinen
Verbündeten zusammen, um Hitler und seinen Mitverbrechern die endgültige
Niederlage zu bereiten.

Bundespräsident

von

Weizsäcker

führte

in

der

gleichen

Rede aus:

"...wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges
- 5-

�eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg."

Danach standen die Deutschen, vor alLem in Berlin und die Berliner,
lange Krisen durch, widersetzten sich erfolgreich der Tyrannei und verteidigten ihre Freihsit und Sicherheit. Die Berliner, unterstützt durch
die Verbündeten, hielten die drei Westsektoren dieser Stadt als eine Insel der Freiheit aufrecht. Man darf niemals vergessen, daß die ersten Europäer, die gegen kommunistische Versuche ihrer Unterwerfung rebellierten, Berliner waren, die die gewaltsame Vereinigung von Sozialdemokraten
und Kommunisten

ablehnten, die Stalin

jnd Ulbricht in der Sowjetzone

durchsetzten.

Dafür, daß sie zu diesem Sieg der Freiheit inspirierten und hinführten, verdienen Ernst Reuter und Kurt Schumacher zu den Helden unserer
Zeit gerechnet zu werden. Der erste landesweite Aufstand gegen kommunistische und ausländische Herrschaft 195:&gt; begann in Berlin und breitete
sich über ganz Ostdeutschland aus.
In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts haben unsere beiden Länder,
Deutschland und die Vereinigten Staaten, ihre Idee einer Sonderstellung,
ihr Sendungsbewußtsein und ihre gegenseitige Feindseligkeit aufgegeben.
Unter der überparteilichen außenpolitischen Führung von Truman, Vandenberg, Eisenhower und Acheson wandte sicn Amerika vom Isolationismus ab
und einem aktiven Engagement zu, das durch den Marshall-Plan, das Punkt-Vier-Programm und die Gründung der NATO symbolisiert wurde.

Die Bundesrepublik Deutschland wurde ein integraler Bestandteil des
Westens.

Ihre Führer errichteten

einen neuen

liberalen

demokratischen

Staat. Konrad Adenauer führte eine zweite politische Revolution in Westeuropa durch: die deutsch-französische Versöhnung, die Errichtung der Europäischen Gemeinschaft und den deutschen Beitritt zur NATO. Es war in
der Tat Adenauer, der zusammen mit Schuman, de Gasperi und Monnet Europa
aus einem Schlachtfeld in ein gemeinsames Unterfangen des Friedens und
der Stabilität durch Einheit verwandelte. Unter der Führung von Konrad
-6-

�von Konrad Adenauer gaben die Deutschen all das auf, was Professor Richard Löwenthal als 'Zwischenkultur1 bezeichnet hat - eine kulturelle Haltung, die besagt, daß Deutschland sich sowohl von Ost als auch von West
unterscheidet -, als auch die 'Schaukelstellung', eine Politik des Jonglierens zwischen Ost und West, gaben es auf zugunsten der Einigung Westeuropas mit Deutschland als vollem und gleichwertigem Partner.

Ein

ancerer

wichtiger

Mitbegründer

des

neuen

und

demokratischen

Deutschlands ist ein Mann, dessen Tod wir in dieser Woche betrauern, Axel
Springer. Er hatte in seiner Jugend erlebt, daß ein Tyrann als erstes die
Medien in seine Gewalt bringt, um die Information zu unterdrücken und die
Kritik zum Schweigen zu bringen. Nach dem Kriege macnte sich Springer
rasch und tatkräftig daran, dem deutschen Volke wieder eine freie und unabhängige

Fresse

zurückzubringen, jenen

Eckpfeiler

eines

unabhängigen

Landes. Darüber hinaus trat er für eine Vision eines Deutschlands ein,
gegründet auf der doppelten Idee von Demokratie und Einheit. Diese Vision
kommt vielleicht am besten durch die Örtlichkeit des Verlagshauses von
Axel Springer hier in Berlin zum Ausdruck.

Wenn man aus dem Jahr 1985 auf die Geschichte der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zurückblickt, dann lassen sich meiner Meinung nach mehrere Schlußfolgerungen ziehen, die von dauernder Bedeutung
sind.

Erstens, das deutsch-amerikanische Verhältnis ist stets nur dann voll
zur Entfaltung gekommen, wenn beide Seiten sich einer Koinzidenz ihrer
strategischen Interessen und Werte erfreuten. Ende des 18. Jahrhunderts
und Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die beiden Staaten, Amerika und
Preußen, ähnliche Positionen an der Peripherie inne und hatten ein gemeinsames Interesse daran, die Achtung der Rechte kleinerer Staaten zu
sichern.

Aber obwohl einige Amerikaner der Meinung waren, daß die Vereinigten
Staaten und Preußen ähnliche Gesellschaftssysteme hätten, war dies nicht
der Fall und dies wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer deutlicher.

�immer deutlicher. Andererseits hatten

Amerika und Deutschland

in den

zwanziger und dreißiger Jahren ähnliche politische Systeme und soziale
Wertvorstellungen. Aber obgleich die Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum der Weimarer Republik moralische und sogar finanzielle Unterstützung
zuteil werden ließsen, erkannten sie nicht das vitale geopolitische Interesse, das sie an der Sicherheit und wirtschaftlichen Stabilität der europäischen Demokratien, einschließlich der sich abmühenden deutschen Demokratie, hatten. Erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist uns
eine echte Koinzidenz deutscher und amerikanischer Strategie und politischer Interessen gelungen, eine Koinzidenz, in der 'Realpolitik' und moralisches Gebot in Einklang wirken und unsere beiden Länder zur Zusammenarbeit zwingen.
Wenn diese Zusammenarbeit fortdauern soll, dann müssen wir ihre beiden Wurzeln pflegen. Die Hauptmotive der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit sind und bleiben gemeinsame Wirtschafts- und Sicherheitsanliegen.
Wir müssen dafür sorgen, daß neue Generationen die potentiellen Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen durch Engstirnigkeit und durch den
sowjetischen Expansionismus auch wirklich begreifen. Gleichzeitig dürfen
wir die Werce nicht vernachlässigen, die uns noch enger verbinden - unsere gemeinsamen Wertvorstellungen von der Rolle des einzelnen in der Gesellschaft, der Funktion des Staates und der Würde des Menschen.
Eine zweite Lehre unserer Geschichte, die mit der ersten eng zusammenhängt, ist die Notwendigkeit, unsere Werte aktiv zu verteidigen, für
unsere Ideale einzutreten und jene zu unterstützen, die unsere Vorstellungen teilen. Diese Lehre ist den Amerikanern schwergefallen. Wir haben
es aus unserer Tradition heraus vorgezogen, daß unsere Nation andere allein durch ihr Beispiel führen und als das ideale 'neue Jerusalem' wirken
solle, das andere Gesellschaften bewundern und nachahmen sollten. Aber
der Erste und der Zweite Weltkrieg haben gezeigt, daß es selbst für eine
Großmacht nicht genug ist, allein durch ihr Beispiel führen zu wollen.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es heute Spuren einer ähnlichen Auffassung - eine Überzeugung, daß Deutschland aufgrund seiner Geschichte und als derzeit geteilter Staat im Wesentlichen eine passive
- 8-

�eine passive Rolle in der internationalen Politik spielen sollte. Glücklicherweise ist dies nicht mehr die vorherrschende Auffassung in unseren
beiden Ländern. Damit hat die Bundesrepublik Deutschland einen großen und
innovativen Beitrag zur Praxis internationaler Angelegenheiten geleistet,
und zwar durch die Schaffung und Finanzierung von 'Stiftungen' politischer Parteien, die sich als eines ihrer Ziele die Ausbreitung demokratischer Werte gesetzt haben. Die Lebenskraft der neuen Demokratien in Portugal und Spanien ist nicht zuletzt dieser deutschen Hilfe zu verdanken.

Die dauerhafteste und wichtigste amerikanische Verpflichtung zur Verteidigung gemeinsamer Werte ist selbstverständlich das NATO-Bündnis. Aber
die

Anziehungskraft

der

Demokratie

und

der persönlichen

Freiheit

ist

weltweit, und die Fortschritte in Richtung auf dieses Ziel sind in letzter Zeit selbst in der Dritten Welt augenfällig geworden. Von Lateinamerika bis Süd- und Südostasien ist die Demokratie in wachsendem Maße nicht
nur die Woge der Zukunft, sondern eine Realität von heute. In Polen wie
in Südafrika, in Afghanistan wie in Nicaragua erleben wir täglich den Beweis, daß Freiheit eine weltweite Erwartung ist, die zwar zeitweilig unterdrückt, aber niemals ausgelöscht werden kann.

Die dritte Lektion der Geschichte ist, daß für die absehbare Zukunft
die Sicherheit Europas das aktive und nnh^ltpnHp—FnrpQgment amerikanischer Macht erfordert. Aber wenn die Sicherheit Europas von amerikanischer Macht abhängt, dann hängt sie noch viel mehr von europäischen Anstrengungen, und vor allem den Anstrengungen des bevölkerungsreichsten,
wohlhabendsten

Staat

Westeuropas, der

Bundesrepublik

Deutschland,

ab.

Diese Anstrengungen aufzugeben oder zu verringern und als Folge die Verringerung der Verpflichtung Amerikas herauszufordern, würde das Risiko
eines Krieges und damit die Sicherheit der Niederlage wesentlich erhöhen.
Jene, die durch die Schaffung kernwaffenfreier Zonen, durch den Abzug
amerikanischer

Streitkräfte

oder dadurch

"die Abschreckung überwinden"

wollen, daß sie den verbündeten Streitkräften die Fähigkeit zum Gegenangriff nehmen, überlassen an erster Stelle Berlin und schließlich ganz
Westeuropa auf Gnade oder Ungnade der Sowjetunion.

Wir

müssen

�Wir müssen also aus der Geschichte lernen und dürfen ihre Lehren
nicht in den Wind schlagen. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
streben danach, das Gleichgewicht der Macht aufrechtzuerhalten, von dem
der Frieden abhängt, aber sie wollen das auf einem niedrigeren Stand des
Risikos und der Kosten tun. Wir wollen bedeutsame, aber ausgewogene Verringerungen

der

nuklearen

und

konventionellen

Streitkräfte

sowie

die

ganzliche Beseitigung chemischer Waffen aushandeln. Wir wollen die Abschreckung aufrechterhalten, während wir über eine beiderseits nützliche
Verringerung unserer Verteidigungsanstrengungen und einer erweiterten Zusammenarbeit auf anderen Gebieten gemeinsamen Interesses verhandeln. In
diesem Geiste sehen wir dem Genfer Treffen zwischen Präsident Reagan und
Generalsekretär Gorbatschow entgegen. Wir hoffen inbrünstig, daß dies der
erste Schritt in einem produktiven neuen Dialog auf höchster Ebene unserer beiden Regierungen sein wird.

Dies führt mich zu der vierten und letzten Schlußfolgerung hinsichtlich

der deutsch-amerikanischen

Beziehungen. Während

der letzten

vier

Jahrzehnte haben wir zusammen eine Sicherheitsstruktur in Europa und ein
internationales Handelssystem aufgebaut, das Europa die längste Periode
des Friedens und der Prosperität in seiner Geschichte beschert hat. Zusammen haben wir die Demokratie in Westeuropa gefestigt und den Funken in
andere Länder getragen. Zusammen haben wir mit dem Osten verhandelt und
Abkommen wie das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin erreicht, die die Spannungen abgebaut, das Leben unserer Völker verbessert und die Aussichten
für noch grundlegendere Verbesserungen in der Zukunft geschaffen haben.

Auf der Grundlage dessen, was wir in der Vergangenheit geleistet haben, müssen wir deshalb zu dem Schluß kommen, daß die künftigen Chancen
und Möglichkeiten der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit eindrucksvoll
sind. Sicherlich sind die vor aus liegenden Probleme beachtlich. Wir müssen zusammen an bedeutsamen Rüstungsverringerungen arbeiten. Wir müssen
dem Protektivi^niig—widerstehen—und

ein offenes Handelssystem stärken.

Wir müssen unsere Gesellschaften dazu entwickeln, Vorteile aus den Möglichkeiten neuer Technologien zu ziehen. Wir müssen diese neuen Technologien auf die Lösung großer sozialer wie auch wirtschaftlicher Probleme
- 10-

�wirtschaftlicher Probleme und vor allem auf den Schutz der Umwelt ausrichten. Wenn wir zusammenarbeiten, dann können wir, dessen bin ich sicher, bei all diesen und anderen dringenden Aufgaben Erfolg haben.

Wenn

wir, Herr

Regierender

Bürgermeister, über

unser

bilaterales

Bündnis sprechen, dann wäre es ein Versäumnis, wenn wir uns nicht auch
den weitergefaßten transatlantischen Bindungen zuwenden würden. Die Vereinigten Staaten haban seit den Tagen von Monnet, Schuman und Adenauer
die europäische Einigung nachdrücklich unterstützt. Wir stimmen mit Bundeskanzler Kohl überein, daß die Aufgabe der Staatsmänner heute darin bestehen

muß, den

europäischen

Pfeiler

der transatlantischen

Brücke

zu

stärken. Kein amerikanischer Präsident ist in seiner Unterstützung dieses
Prozesses rückhaltloser als Präsident Reagan. Er erklärte im Sommer dieses Jahres vor dem Europaparlament: "Amerika bleibt, wie vor vierzig Jahren, der Einheit Europas verschrieben. Wir betrachten ein starkes und
vereintes Europa auch weiterhin nicht als einen Rivalen, sondern als einen um so stärkeren Partner."

Präsident Reagan teilt auch mit Bundeskanzler Kohl und anderen hier
eine weitergefaßte, längerfristige Vision von Europa, eines Europas, das
die derzeitigen Schranken überwindet, die diese Stadt, diese Nation und
diesen Kontinent teilen. Wir unterstützen also die Bemühungen des Bundeskanzlers und der Regierung, im Innern und kooperativ friedlich auf die
Schaffung eines größeren Europas hinzuarbeiten, eines Europas freier Völker, eines Eiuropas, in dem ein wiedervereintes Deutschland seinen ihm zustehenden Platz einnehmen kann.

Heute, nach 200 Jahren, treten die deutsch-amerikanischen Beziehungen
in das Stadium einer, wie ich es nennen möchte, reifen Partnerschaft ein.
Es ist eine Partnerschaft, weil wir in den Vereinigten Staaten deutschen
Anliegen, Hoffnungen

und Wünschen

gegenüber

sensitiver

geworden

sind,

weil die Deutschen zu recht als vollwertige Partner behandelt werden wollen. Es ist eine
Deutschland

als

reife Partnerschaft, weil sowohl die Bundesrepublik

auch

die

Vereinigten

Staaten

dazu

bereit

sind,

daß

Deutschland größere Verantwortung übernimmt und der internationalen Ge- 11-

�internationalen Gemeinschaft neue Führungsimpulse gibt.
Aufgrund des Einflusses unserer beider Länder, der Dynamik unserer
Gesellschaften und der Großzügigkeit unserer Völker bietet diese Partnerschaft großiB Möglichkeiten. Und so hat aas, was vor 200 Jahren begonnen
hat, schließlich Frucht getragen. Der Freundschafts- und Handelsvertrag
von 1785 zwischen seiner Majestät dem König von Preußen und den Vereinigten Staaten von Amerika hat zwei kleine Länder verbunden, aber er war das
Werk großer Männer, und er hat große Prinzipien zum Ausdruck gebracht.
Herr Regiereinder Bürgermeister, wir dürfen stolz sein.

* * * * *

- 12-

�38

25.September 1985

REAGAN UMREISST HANDELSPOLITIK DER USA
- Refle vor amerikanischen Unternehmern -

WASHINGTON -(AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 23. September 1985
vor amerikanischen Unternehmern im Weißen Haus die Handelspolitik der
Vereinigten Staaten dargelegt, die auf freien Handel und offene Märkte
abzielt. Reagan forderte eine stärkere Öffnung ausländischer Märkte für
amerikanische Exporte und kündigte Gegenmaßnahmen an, wenn andere Länder
weiter unfaire Handelspraktiken betrieben. Er habe, so sagte der Präsident, seinen Sonderbeauftragten für Handelsfragen, Clayton Yeutter, angewiesen, den internationalen Handel genau zu beobachten und Verfahren zu
entwickeln, um unfairen Handelspraktiken begegnen zu können.

Die vom amerikanischen Fernsehen übertragene Ansprache des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich über diese Gelegenheit, zu Ihnen über die drängenden
Fragen der Herausforderung Amerikas auf dem Gebiet des Handels in den
achtziger Jahren und darüber hinaus zu sprechen.

Lassen

Sie

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Lassen Sie mich zu Beginn sagen, daß unsere Handelspolitik fest auf
der Grundlage freier und offener Märkte - des freien Handels - steht. Ich
bin mir, wie Sie auch, der unausweichlichen Schlußfolgerung bewußt, die
uns die Geschichte gelehrt hat: Je freier der Fluß des Welthandels ist,
umso größer ist die Fülle des menschlichen Fortschrittes und der Frieden
unter den Nationen.

Ich brauche Ihnen sicherlich nicht die Vorteile freier und offener
Märkte zu erklären. Sie schaffen mehr Arbeitsplätze, eine produktivere
Nutzung der Ressourcen unseres Landes, eine raschere Innovation und einen
höheren Lebensstandard. Sie stärken unsere nationale Sicherheit, weil
dann unsere Wirtschaft, das Fundament unserer Verteidigung, stärker ist.

Ich freue mich, daß die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg die entscheidende Rolle dabei gespielt haben, ein offenes Handelssystem zu gewährleisten und zu fördern. Und ich weiß, daß dieses System
zum Nachteil aller zusammenbrechen wird, venn wir jemals in der Verteidigung und Förderung des weltweiten freien Handelssystems nachlassen.
Aber unsere Rolle kann unsere Handelspartner nicht von ihrer großen
Verantwortung befreien, uns in dem Streben nach einem offeneren Handelssystem zu unterstützen. Kein Land, selbst wenn es so groß und so stark
ist wie die Vereinigten Staaten, kann allein ein freies Handelssystem
sicherstellen. Alles, was wir und andere getan haben, um für den freien
Fluß von Gütern und Dienstleistungen und Kapital zu sorgen, basiert auf
Kooperation. Unsere Handelspartner müssen mit uns zusammen daran arbeiten, das Handelssystem zu verbessern, das so viel zum wirtschaftlichen
Wachstum und der Sicherheit unserer Verbündeter und uns selbst beigetragen hat.

Und lassen Sie mich Ihnen, den führenden Persönlichkeiten der Industrie, hier sagen, daß meine Bewunderung für die Geschäftswelt in den
Vereinigten Staaten größer ist denn je. Sie wissen, daß es in Washington
- 2 -

�in Washington Leute gibt, die gelegentlich zu vergessen scheinen, um was
es bei der Wirtschaft eigentlich geht. Sie überreichen mir Berichte, in
denen es heißt, die "Wirtschaft" tue dies und die "Wirtschaft" tue das aber sie reden nie vom Geschäft. Irgendwo auf ihrem Karriereweg haben
diese Leute in Washington vergessen, daß die Wirtschaft Geschäft ist. Das
Geschäft scnafft neue Produkte und neue Dienstleistungen. Das Geschäft
schafft Arbeitsplätze. Das Geschäft schafft Wohlstand für unsere Gemeinden und für unser ganzes Land. Und Geschäft besteht aus den Menschen, die
es betreibeii - von dem leitenden Direktor bis zum Arbeiter in unseren
Fabriken.

Ich wei3 auch, daß die amerikanische Geschäftswelt niemals vor der
Konkurrenz Angst gehabt hat. Ich weiß, daß die amerikanische Wirtschaft
so innovativ, so leistungsfähig und wettbswerbsfähig ist, wie jede andere
in der Welt, wenn gleiche Wettbewerbsbedingungen

herrschen. Ich weiß

auch, daß der amerikanische Arbeiter ebenso gut und produktiv ist wie
jeder andere in der Welt.

Und aus diesem Grunde müssen sich all? an die Regeln halten, wenn das
internationale Handelssystem funktionieren soll - alle müssen dafür sorgen, daß die Märkte offen sind. Und vo: allem, freier Handel ist per
definitionem fairer Handel.

Wenn Binnenmärkte für Exporte anderer geschlossen werden, dann ist
das kein freier Handel mehr.

Wenn Regierungen ihre Hersteller und Landwirte subventionieren, so
daß sie Güter zu Dumpingpreisen auf andere Märkte werfen können, dann ist
das kein freier Handel mehr.

Wenn Regierungen die Fälschung oder Nachahmung amerikanischer Erzeugnisse dulden, dann stehlen sie uns unsere Zukunft, und dann ist das kein
freier Handel mehr.

Wenn Regierungen

�Wenn Regierungen Industriezweige zum eigenen Handelsvorteil subventionieren und für die Kosten bürgen, dann legen sie dem Konkurrenten eine
unfaire Last auf, und das ist kein freier Handel mehr.

Ich habe vier Jahre lang in Versailles und Williamsburg, in London
und Bonn versucht, unsere Handelspartner dazu zu bewegen, ihre Handelsschranken abzubauen, ihre Subventionen und anderen unfairen Handelspraktiken aufzugeben, in Verhandlungen über eine noch weitere Öffnung der
Märkte einzutreten und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT),
die internationale Übereinkunft, die den Welthandel bestimmt, zu stärken.
Ich werde diese 'Siele weiterverfolgen.

Aber ich möchte auch dem amerikanischen Volk und unseren Handelspartnern signalisieren, daß wir all die Maßnahmen ergreifen werden, die notwendig sind, um unsere Rechte und Interessen im internationalen Handel
gemäß unseren Gesetzen und des GATT zu vertreten, und dafür zu sorgen,
daß andere ebenfalls ihre Verpflichtungen und ihre Handelsabkommen mit
uns erfüllen.

Ich bin der Überzeugung, daß ein Handel, wenn er nicht allen gegenüber fair ist, nur dem Namen nach 'frei' ist.

Ich werde nicht die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie die
amerikanische

Wirtschaft

wegen

unfairer

Handelspraktiken

im Ausland

untergeht. Ich werde nicht die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie
amerikanische Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren, weil andere Länder
sich nicht an die Regeln halten.
Wir haben unserer Wirtschaft Anreize gegeben, um ihr Wachstum zu
geben und Arbeitsplätze zu schaffen. Und, wie Sie wissen, die Wirtschaft
hat sich belebt. Wir haben in den letzten 33 Monaten über acht Millionen
neue Arbeitsplätze geschaffen. Allein seit 1980 ist die Gütererzeugung um
17 Prozent gestiegen.

Aber

ich

�Aber ich habe nicht vergessen, daß selbst im Rahmen dieser Prosperität einige Industriezweige und Arbeitnehmer vor Schwierigkeiten stehen.
Den Arbeitnehmern gegenüber, die durch industrielle Umstrukturierungen
ihren Arbeitsplatz verloren haben, sind v/ir zur Hilfe verpflichtet.
Jenen Industriezweigen gegenüber, die Opfer unfairen Handels geworden
sind, werden wir uns unermüdlich bemühen, für eine Beseitigung dieser
Praktiken ::u sorgen.
Erst vor einigen Wochen habe ich don Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten gebeten, eine Untersuchung über unfaire Handelspraktiken
durchzuführen - das erste Mal, daß ein Fräsident so etwas getan hat. Und,
wie Sie wissen, haben wir selbst drei Fälle aufgerollt, um ein koreanisches Gesetz, das einen fairen Wettbewerb amerikanischer Versicherungsgesellschaften verbietet, sowie ein brasilianisches Gesetz zu untersuchen, das den Verkauf von amerikanischen Hochtechnologieprodukten einschränkt sowie schließlich
amerikanischer

japanische Einschränkungen

Tabakerzeugnissse.

Ich

habe

ferner

für den Verkauf

den

amerikanischen

Handelsbeauftragten angewiesen, die laufenden Fälle von Restriktionen des
Gemeinsamen Marktes für Dosenobst und japanische Einschränkungen für die
Importe von Leder und Lederschuhbekleidung beschleunigt zu klären.

Aber ich meine, es muß noch mehr getan werden. Ich gebe daher heute
bekannt: Ich habe Botschafter Yeutter angewiesen, die Dinge ständig zu
beobachten und Maßnahmen in Fällen von unfairem Handel zu ergreifen, die
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer benachteiligen. Ich habe den
Finanzminister angewiesen, mit dem Kongreß zusammenzuarbeiten, um einen
Fonds von 300 Millionen Dollar zu schaffen, der Mischanleihen-Kredite in
Höhe von einer Milliarde Dollar

absichern soll. Diese Mittel werden

unsere Verluste gegenüber Handelspartnern ausgleichen, die zu Mitteln
greifen, die praktisch als Subventionen zu bezeichnen sind, um amerikanischen Unternehmen den fairen Zugang zu den Weltmärkten zu verwehren.
- 5 -

�zu verwehren. Und ich habe die Anweisung erteilt, daß diese Initiativen
fortgesetzt werden, bis unfaire Kreditsubventionen unserer Handelspartner
durch Verhandlungen mit ihnen abgeschafft worden sind.
Ich habe des weiteren Finanzminister Jim Baker angewiesen, die Teilnehmer der Konferenzen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank
in Seoul darüber zu informieren, daß wir bei unseren Überlegungen und
Entscheidungen

die

Handelspraktiken

anderer

Staaten

mit

in Rechnung

stellen werden.

Ein

Hauptfaktor

Kombination

aus

des

unserer

Anwachsens
sehr

schwachen Wirtschaftstätigkeit

unseres

starken

Handelsdefizits

war

die

Wirtschaftstätigkeit

und

der

unserer Haupthandelspartner

während der

vergangenen vier Jahre. Das hat zu einer Verringerung unserer Exporte
geführt und zu der Schwäche der anderen Währungen gegenüber dem Dollar
beigetragen; dadurch wurden weitere Importe in die Vereinigten Staaten
begünstigt und unsere Exporte benachteiligt.

Gestern

habe

ich Finanzminister

Baker

angewiesen, gemeinsam

mit

seinen Kollegen der anderen großen Industriestaaten Maßnahmen zur Förderung eines stärkeren und ausgewogeneren Wachstums unserer Volkswirtschaften anzukündigen und dadurch die anderen Währungen zu stärken. Dies wird
den amerikanischen Produkten bessere Märkte schaffen und die Wettbewerbslage unserer Industrie, Landwirtschaft und Arbeitnehmer verbessern.
Ich habe den Außenminister angewiesen, zeitliche Begrenzungen bei den
laufenden Verhandlungen anzustreben, um Märkte bei speziellen Produktbereichen in Japan zu öffnen.
Ich habe den amerikanischen Sonderbeauftragten für Handelsverhandlungen angewiesen, die Verhandlungen mit allen Staaten zu beschleunigen, wo
Fälschung und Nachahmung amerikanischer Waren betrieben wird, damit diese
Praktiken

baldigst

eingestellt

werden.

Und

ich

hoffe

auf

die

�auf die Zusammenarbeit mit dem Kongreß, um die Bemühungen zum Schutz von
Patenten, von Urheberrechten, von Firmenzeichen und anderen Rechten an
geistigem Eigentum zu verstärken.
Und schließlich verfüge ich heute die Einsetzung einer speziellen
Kommission, zusammengesetzt aus den zuständigen Behörden unserer Regierung, deren Aufgabe darin bestehen wird, gegen uns gerichtete unfaire
Handelspraktiken

aufzudecken,

sowie

Strategien

und Programme

zu ent-

wickeln und durchzuführen, um jenen rasch zu begegnen und sie aus der
Walt zu schaffen.

Ich hoEfe auch auf die Zusammenarbeit mit dem Kongreß bei der Verwirklichung

der

notwendigen Gesetzgebung, die uns dabei helfen wird,

freien und fairen Handel zu fördern und die Arbeitsplätze amerikanischer
Arbeitnehmer zu sichern. Zu den Themen, die wir gemeinsam angehen sollten, gehören:
- Gesetze zur Unterstützung unserer neuen Initiativen im Bereich der
Handelsverhandlungen, die - neben annderem - die Zölle verringern und
darum bemüht sein sollten, alle anderen Handelshindernisse abzubauen.

- Schutz geistiger Eigentumsrechte, einschließlich des Schutzes gegen
Handel mit Waren, die amerikanische Patentrechte übertreten, längerfristige Kredite für landwirtschaftlich genutzte Chemikalien sowie Beseitigung des Mißbrauches des Gesetzes der Informationsfreiheit, womit unserer
Geschäftswelt geholfen würde, ihren Besitzstand zu halten.

- Verbesserung

unserer Antidumping- und Ausgleichsabgaben-Gesetze,

damit auch die Staatswirtschaftsländer einem vorhersehbaren Preisgefüge
unterliegen und dadurch unsere Unternehmen die Möglichkeit haben, sich
gegen unfaires Dumping durch solche Länder zu schützen. Wir sollten diese
Gesetze auch verbessern, damit die Geschäftswelt umfassenden und raschen
Schutz dabei erhält, wenn sie Hilfe gegen unfaire Importe braucht.

- Erweiterung unserer

�- Erweiterung unserer Handelsgesetze, um zu zeitlichen Begrenzungen
bei der Regelung von Streitigkeiten und zu einem beschleunigten Spezialverfahren bei verderblichen Gütern zu gelangen. Wir sollten keine Fälle
mehr zulassen, die 16 Jahre lang dauern und keine Schlichtungen mehr
tolerieren, die so kostspielig und zeitraubend sind, daß jede Hilfe unwirksam ist.

Ich weise auch den Arbeitsminister an, Möglichkeiten zu prüfen, um
Arbeitnehmern zu helfen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, damit sie
in einem neuen Industriezweig wieder eine Beschäftigung finden können.
Ich hoffe bei dieser Aufgabe, die von 30 entscheidender Bedeutung ist,
auf eine Zusammenarbeit mit dem Kongreß.

Zudem begrüße ich die Vorschläge von Mitgliedern des Kongresses bei
anderen anstehenden Gesetzen, die die Förderung eines freien und fairen
Handels zun Ziel haben. Ich werde mit ihnen zusammenarbeiten, damit es
zur Verabschiedung guter Gesetze kommt. Im Gegensatz hierzu werde ich
mich mit Nachdruck gegen alle Maßnahmen wenden - und gegebenenfalls mein
Veto einlegen -, die meiner Meinung nach das wirtschaftliche Wachstum
schädigen, Arbeitsplätze beseitigen und den Welthandel verringern.

Aber ich werde diese Diskussion nicht zu einem Ende kommen lassen,
ohne nicht alle an unser oberstes Ziel zu erinnern - die Ausweitung
freier und offener Märkte überall. Es gibt Leute, die aus guten Motiven
heraus Gesetze und Programme vorgeschlagen haben, die ihrer Natur nach
rein protektionistisch sind. Diese Vorschläge würden die Preise der Güter
und Dienstleistungen in die Höhe treiben, die die amerikanischen Verbraucher im ganzen Land zu zahlen haben würden. Sie würden zur Vergeltung
durch unsere ausländischen Handelspartner einladen, es käme umgekehrt zum
Verlust von Arbeitsplätzen für jene amerikanischen Arbeitnehmer, die in
Industrien tätig sind, die Opfer einer solchen Vergeltung sein würden,
und die Stabilität des internationalen Währungs- und Handelssystems käme
durcheinander.

Endergebnis
- 8 -

solch

�Endergebnis solch kontraproduktiver Vorschläge wäre nicht der Schutz
der Verbraucher, Farmer oder Geschäftsleute. Tatsächlich würde das Gegenteil eintreten. Wir würden Marktanteile, Arbeitsplätze und unseren Wohlstand verlieren.

Um die Hindernisse für die freien Märkte abzubauen, werden wir unsere
Bemühungen verstärken, eine neue GATT-Verhandlungsrunde mit unseren Handelspartnern einzuläuten und hoffen, daß die GATT-Mitglieder gleichfalls
der Ansicht sind, daß Handelsschranken für den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, mit Dienstleistungen, Technologien, Investitionen und
den klassischen Industriezweigen abgebaut werden müssen.

Aber wenn diese Verhandlungen nicht in Gang kommen oder wenn es nur
zu unzureichenden Fortschritten kommt, werde ich unsere Unterhändler anweisen, regionale und bilaterale Abkommen mit anderen Staaten zu sondieren.
Hier bei uns werden wir mit unseren Bemühungen fortfahren, übermäßige
öffentliche Augaben zu beschneiden und unseren Vorschlag der Steuerreform
voranzutreiben, der von entscheidender Bedeutung dafür ist, unsere eigene
Volkswirtschaft zu stärken und die amerikanische Geschäftswelt auf den
Weltmärkten wettbewerbsfähiger zu machen.

Des weiteren werden wir unsere Handelspartner dazu ermutigen - wie
dies auf dem Bonner Gipfel vereinbart wurde -, ihr eigenes wirtschaftliches Wachstum

durch

Überwindung

der Starrheit und Unausgewogenheiten

ihrer Volkswirtschaften zu beschleunigen. Und wir werden sie dazu drängen, eine solide Finanz- und Währungspolitik zu betreiben, um sich umfassend an dem Wachstumspotential zu beteiligen, das es für alle gibt.

Wir werden uns um Stärkung und Verbesserung der Wirkungsweise des
internationalen
weniger

Währungssystems

entwickelten

Staaten

bemühen und werden die verschuldeten,
der

Welt

dazu

ermutigen, Investitions-

�Investitionshindernisse abzubauen und zu beseitigen sowie die internen
Restriktionen aus der Welt zu schaffen, die ihr eigenes Wirtschaftswachstum blockieren.

Lassen Sie mich zusammenfassen. Unsere Verpflichtung zum Freihandel
gilt unvermindert. Wir werden tatkräftig unsere Politik der Förderung
freier und offener Märkte in diesem Land und in der ganzen Welt fortsetzen. Wir werden darauf bestehen, daß alle Länder sich ihrer Verantwortung stellen, den freien Handel überall zu bewahren und zu verbessern.
Möge

jedoch

niemand

an

unserer

Entschlossenheit

zweifeln, uns allen

unfairen Handelspraktiken entgegenzustellen. Es ist nicht richtig, daß
der amerikanische Arbeitnehmer und der -amerikanische Geschäftsmann auch
weiterhin die Lasten tragen, die ihnen durch jene auferlegt werden, die
das Welthandelssystem mißbrauchen.

Wir wollen keinen Handelskrieg mit anderen Staaten; wir wollen, daß
andere Staaten

sich uns dabei anschließen, das Welthandelssystem zum

Nutzen aller auszuweiten und zu verbessern.
Wir wollen andere Staaten nicht davon abhalten, Güter in den vereinigten Staaten zu verkaufen; wir wollen aber auch anderen Staaten mehr
von unseren Gütern verkaufen.

Wir haben nicht vor, Amerika vor dem Erfolg anderer zu schützen; wir
wollen alle in den Erfolg des amerikanischen Traums einbeziehen.

- 10 -

�25. September 1985

38

REAGAN-PRESSEKONFERENZ VOM 17. SEPTEMBER 1985
- Auszüge -

WASHINGTON -(AD) - Präsident Ronald Reagan gab auf einer vom amerikanischen Fernsehen übertragenen Pressekonferenz am 17. September 1985
seiner Hoffnung Ausdruck, daß sein Treffen mit dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow im November in Genf zu einer Änderung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im positiven Sinne führen werde. Gleichzeitig steckte Reagan den amerikanischen Standpunkt ab. Der Präsident
nahm auch in innen- und wirtschaftspolitischen Fragen Stellung und wandte
sich mit allem Nachdruck gegen prohibitionistische Maßnahmen.

Nachfolgend geben wir seine einleitende Erklärung und die Fragen und
Antworten im Zusammenhang mit dem amerikanisch-sowjetischen Verhältnis im
Wortlaut wieder:

Erklärung: Guten Abend, Bitte nehmen Sie Platz. Ich habe eine Erklärung abzugeben.

Wir

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

sind

Tel 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Wir sind erfreut, daß wir zunehmende Beweise für eine neue Stärke
unserer Wirtschaft

durch

unsere Politik

niedriger

Steuern

und eines

freien und fairen Handels feststellen können. Amerika nimmt hinsichtlich
seines Wachstums seit 33 aufeinander folgenden Monaten in der Welt eine
führende Position ein und hat über acht Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen. Die Inflation wurde unter vier Prozent gehalten, während es
Ländern, die an hohen Steuern und protektionistischer Politik festhalten,
nicht nur nicht gelungen ist, unsere Leistung zu erreichen, sondern es
auch zu einem Rückgang der Arbeitsplätze und einem Abfluß ihrer Investitionen in die Vereinigten Staaten kam.

Der Motor unseres Fortschrittes ist die Chance, die der einzelne hat.
Ich ersuche daher den Kongress, mit mir zusammen und nicht gegen mich zu
arbeiten, wenn es darum geht, die Bundesausgaben in Schranken zu halten,
unseren Plan für eine faire Besteuerung und weitere Senkung der Steuersätze zu verabschieden, geschlossene Märkte in Übersee zu öffnen und
andere Nationen zu drängen, ihre Steuern zu senken, um ihre Volkswirtschaften und ihre Fähigkeiten zu stärken, amerikanische Erzeugnisse zu
kaufen.
Wir brauchen ein stärkeres Wachstum - nicht nur im eigenen Lande,
sondern in der ganzen Welt. Und wir brauchen freien und fairen Handel für
alle. Das ist der Weg der Kooperation und des Erfolges, der unser Volk
noch produktiver macht und der zu einem Jahrzehnt des Wachstums und in
den nächsten vier Jahren zu zehn Millionen neuen Arbeitsplätze führen
kann.

Aber es gibt auch einen anderen Weg, der nur wegführen kann von
Chance und Fortschritt: Ein sinnloses Losstürmen auf dem Weg zum Protektionismus wird sich als eine Einbahnstraße zur wirtschaftlichen Katastrophe erweisen. Das ist die Lehre aus dem Smoot-Hawley-Steuergesetz von
1930, das dazu beitrug, einen weltweiten Handelskrieg auszulösen, der
sich ausbreitete, verschärfte und sich zu der schwersten Depression in
der Geschichte auswuchs. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe es erlebt.

Ich

habe

�Ich habe die Agonie dieses Landes erlebt und gespUrt, was dieses
schreckliche Gesetz mit sich brachte. Wenn wir den gleichen Fehler noch
einmal begehen, dann werden wir diesen Preis erneut bezahlen müssen.
Amerikaner, deren Arbeitsplatz von Exporten von Maschinen, Flugzeugen,
hochtechnischer Elektronik und chemischer Erzeugnisse abhängt, wären die
ersten Opfer einer Vergeltung.

Landwirtschaft
befinden,

würden

und Industrie, die sich bereits in Schwierigkeiten
noch

verwundbarer

werden. Protektionistische

Zölle

würden zur Vergeltung einladen, die, wie ich bereits sagte, im wahrsten
Sinne des Wortes Zehntausenden amerikanischen Familienfarmen den wirtschaftlichen Todesstoß versetzen könnte.

Wir haben angefangen, in den letzten viereinhalb Jahren viele gute
Dinge für Amerika zu erreichen. Es bleibt noch viel zu tun, und es kann
noch getan werden. Lassen Sie uns daher nicht all diesen Fortschritt und
all unsere Hoffnung auf die Zukunft aufs Spiel setzen, indem wir beginnen, uns auf eine schiefe Ebene impulsiver Handlungen und unkluger Urteile zu begeben. Jetzt ist die Zeit fUr kühle Köpfe und klare Weitsicht.

Frage: Herr Präsident, wenn Sie jetzt dem Gipfeltreffen immer näher
rücken, ist eine der großen Fragen, ob Sie bereit wären, die Möglichkeiten zu sondieren, auf einen Handel mit den Weltraumwaffen oder großen
Verringerungen des sowjetischen Arsenals einzugehen.

Antwort: Nein, wir reden hier von der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI). Es tut mir leid, daß irgend jemand die Bezeichnung "Krieg
der Sterne" erfunden hat, denn um einen solchen handelt es sich nicht es geht lediglich darum, ob es uns gelingt, eine defensive Waffe zu
finden, damit wir mit dem Gedanken Schluß machen können, daß unsere
Abschreckung von der Androhung der Vergeltung abhängen sollte - gleich,
ob seitens der Sowjets oder ob von unserer Seite -, von dem Abschlachten
von Millionen von Menschen durch Nuklearwaffen. Und statt solcher Art

�statt solcher Art Verhandlungen sollten wir uns auf diesem Gipfeltreffen
mit der

Frage

beschäftigen, wie wir

uns als Alternative

zu dieser

blanken, nackten nuklearen Drohung jeder Seite - uns gegenseitig in die
Luft zu jagen - defensiven Waffen zuwenden könnten. Und ich hoffe, daß
wir, sollte sich eine solche Waffe als praktikabel erweisen, dann eine
echte Chance haben, schrecklichen Offensivwaffen - diese Kernwaffen völlig abschaffen zu können.

Und

ich möchte auch darauf hinweisen: In der Frage, ob das als

Trumpfkarte bei Verhandlungen benutzt werden sollte, bin ich der Meinung,
dies sollte keinesfalls so sein. Es ist eine Tatsache, daß die Sowjetunion uns in dieser Art von Forschung voraus Ist - sie betreibt das schon
sehr viel Länger - und ebenfalls nach einer Defensivwaffe sucht.

Frage: Her Präsident, Sie wollen damit also wirklich sagen, daß Sie
darüber nicht verhandeln werden, und daß Sie wirklich Versuche durchführen wollen, nur um herauszufinden, ob es durchführbar ist. Aber bereiten
Sie damit nicht den Weg für eine Militarisierung der Himmel vor, weil die
Sowjets praktisch gezwungen sind, eine Waffe zu bauen - eine Offensivwaffe, um dem Krieg der Sterne zu begegnen?

Antwort:

Nein,

die

strategische

Verteidigungsinitative,

die

wir

anstreben, ist etwas, das - wie früher etwa ein Flugabwehrgeschütz gegen
Bomber - gegen diese Offensivwaffen - diese Raketen - benutzt werden
könnte. Das bedeutet nicht, daß wir überhaupt nicht verhandeln wollen.
Praktisch war es doch so, daß die Seite, die

- in all den Monaten in

Genf und bei den Rüstungskontrollverhandlungen - nicht verhandeln wollte,
die Sowjetunion war.

Wir haben mindestens sechs Versionen möglicher Verringerungen und
sechs verschiedene Wege angeboten, um ihr Interesse an Verhandlungen mit
uns über eine Verringerung der Gefechtsköpfe zu wecken. Sie haben nichts
gebracht. Sie will einfach nicht reden oder verhandeln.

Aber bei dem ursprünglichen Gedanken von Waffen im Weltraum ging es

�ging es darum, zusätzlich zu den Raketen, die wir gegenwärtig haben, der
Fähigkeit, sie abzurufen und auf jedes Ziel nach Wahl in der ganzen Welt
einzusetzen, und da waren wir uns einig.

Das ist keineswegs das, worüber wir jetzt reden. Wir sprechen von
einer Waffe, die keine Menschen tötet - sie vernichtet Waffen. Und wie
ich bereits sagte, sie (die Sowjets) haben diesen Weg sondiert, aber hier
gibt es viel Verhandlungsspielraum. Man könnte darüber sprechen, sich für
den Fall, daß sich eine solche Waffe als praktikabel erweist, vor einer
Dislozierung mit anderen Ländern zuammenzusetzten und zu sagen: "Nun, ist
das nicht eine Antwort?"

Ich sehe das nicht als etwas an, was wir unserem Arsenal hinzufügen
würden, um unsere Kapazität ihnen (den Sowjets) gegenüber zu vergrößern.
Ich sehe das so, daß dann die Zeit kommen wird, wo wir sagen könnten:
"Ist das nicht für uns alle die Antwort auf die Frage, ob wir Kernwaffen
brauchen?"

Frage:

Herr

Präsident, warum

haben

die Vereinigten

Staaten

die

Erwartungen für das Gipfeltreffen, wenn Sie im November mit Gorbatschow
zusammenkommen, ständig so heruntergespielt? Selbst als die Sowjetunion
immer wieder behauptet hat, Gipfeltreffen seien für große und wichtige
Entscheidungen da und damit unsere Erwartungen erhöht hat.

Antwort: Es beunruhigt mich etws, daß sie alles Mögliche tun, um Erwartungen zu wecken - besonders angesichts von Gipfeltreffen der Vergangenheit und dessen, was sie da gebracht haben.

Vielleicht sind wir zu sehr besorgt. Aber wir machen uns Sorgen, daß
sie eine Euphorie wecken könnten und die Menschen von diesem Gipfeltreffen beinahe ein Wunder erwarten könnten. Aber ich scheue mich nicht, hier
ganz klar zu sagen, daß wir dieses Gipfeltreffen sehr ernst nehmen und
daß wir versuchen werden, echte

Gespräche zu führen, die zu einer Verän-

derung des Verhältnisses zwischen unseren beiden Ländern führen könnten;
nicht, daß wir

uns

lieben lernen werden

- das nicht -, aber eine

�aber eine Änderung, durch die wir diese Gefahr eines möglichen Krieges
oder eines nuklearen Angriffs zwischen uns ausräumen könnten und wir
schließlich zu der Einsicht gelangen, daß wir - obwohl wir ihr System
nicht schätzen und sie nicht das unsrige - in der Welt zusammenleben
müssen und wir in Frieden zusammenleben können. Und das werden wir sehr
ernst nehmen.

Frage: Das läßt darauf schließen, daß sie in der Lage sein werden,
irgend eine Art von Übereinkommen zu erreichen. Können Sie ein Übereinkommen erreichend- Oder glauben Sie, daß dieses Treffen hauptsächlich dazu
dient, sich kennenzulernen?

Antwort: Nein, das muß mehr sein als ein bloßes Kennenlernen - obwohl
auch das wichtig ist. Wie Sie wissen, he.be ich schon früher gesagt, man
beginnt nach meiner Ansicht Probleme zu lösen, wenn man anfängt, statt
übereinander miteinander zu reden. Und ich meine, es ist höchste Zeit,
daß wir miteinander reden.

Frage: Herr Präsident, wir haben dieser Tage einen Versuch mit einer
Antisatellitenwaffe

durchgeführt

und

die Sowjets haben erklärt, dies

zeige, daß Sie es mit einer Beschränkung des Wettrüstens im Weltraum
nicht ernst meinten und daß es das Gipfeltreffen erschwere. Warum mußten
diese Versuche jetzt durchgeführt werden? Hätten wir nicht bis nach dem
Gipfeltreffen warten können?

Antwort: Nein, ich glaube nicht, weil wir, wie ich gesagt habe, aufholen müssen - wir liegen zurück - und dies war der Zeitplan, den wir bezüglich der Entwicklung dieser Waffe einzuhalten hofften. Und die Versuche wurden nicht wegen oder aus Überlegungen bezüglich des Gipfeltreffens
durchgeführt. Der Versuch stand einfach an. Sie haben solche Versuche
durchgeführt, und wir haben sie deswegen nicht beschimpft.

Frage:

Zum

Gipfeltreffen,

Sir:

Die

britische

Premierminister in

Margaret Thatcher kam mit Gorbatschow zusammen und sagte: "Ich mag Herrn
Gorbatschow und wir können miteinander verhandeln." Ist es Ihrer Meinung
- 6 -

�Ihrer Meinung nach wichtig, daß Sie und Gorbatschow sich auf dem Gipfeltreffen mögen, um miteinander verhandeln ;:u können?

Antwort: Ich habe nicht die Absicht, ihm einen Freundschaftsring oder
so etwas zu verehren. Dieser Meinung bin ich ernsthaft. Ich glaube, sie
hat das so beobachtet, und es ist wahrscheinlich - wie unsere eigenen
Leute, die drüben waren, unsere Gruppe von Senatoren, die mit ihm zusammenkamen, festgestellt haben - daß er ein umgänglicher Mensch ist. Auch
ich werde das sicherlich sein. Es ist nicht notwendig, daß wir uns lieben
oder uns mögen. Es ist nur notwendig, daß wir bereit sind, einzusehen,
daß zum Wohle der Menschen, die wir vertreten auf dieser Seite des Ozeans
und dort drüben, daß jedermann besser daran sein wird, wenn wir bezüglich
der Kriegsgefahr

zu Entscheidungen kommen können. Wir sind die beiden

einzigen Länder der Welt, so glaube ich, die einen Weltkrieg beginnen
könnten. Und wir sind die beiden einigen, die ihn verhindern können. Und
ich glaube, das ist eine große Verantwortung gegenüber der ganzen Menschheit, und die sollten wir wirklich ernst nehmen.

Frage: Manche Leute glauben, daß die Sowjets den Propagandakrieg vor
dem Gipfeltreffen gewinnen; daß Gorbatschow in den letzten Tagen eine
Reihe von Vorschlägen für Versuchsmoratorien für eine C-Waffenfreie Zone
in Europa gemacht hat, während die Vereinigten Staaten eine Antisatellitenwaffe erproben und eine Komponente von SDI. Wenn sie (die Sowjets)
also von Frieden sprechen, während wir Waffen erproben, schlägt dann
Gorbatschow Sie nicht mit Ihren eigenen Waffen.
Antwort: Ich habe keinen Propagandakrieg angefangen. Ich bereite mich
darauf vor, zu diesem Treffen zu gehen und über etwas zu reden, über das
meiner Meinung nach geredet werden muß.

Ich glaube, was Sie erwähnten,

ist die Fortsetzung

einer alten

——-*

Propagandakampagne, die hauptsächlich auf unsere Verbündeten in Europa
"ab"zlelt und dem Bemühen dient, den Eindruck zu erwecken, wir seien die
Kriegstreiber und sie die lieben Menschen, ich glaube nicht, daß unsere

�daß unsere Verbündeten darauf hereinfallen, und ich nehme das überhaupt
nicht ernst. Gorbatschow kann jede Taktik anwenden, die er will. Wir
werden uns treffen, und wir werden ernsthaft über die Fragen sprechen,
die ich gerade erwähnt habe.

Frage:

Sie sind

als recht geschickter

Unterhändler bekannt, und

manche Leute glauben, daß Sie, selbst für den Fall Sie wären bereit, über
SDI zu verhandeln, uns das jetzt hier nicht sagen, sondern bis Genf
warten würden. Wollen Sie dem amerikanischen Volk heute abend mitteilen,
daß Sie jeden Handel mit den Sowjets zu diesem Zeitpunkt der Erprobung,
Dislozierung, Forschung oder Entwicklung von SDI ausschließen?

Antwort: Was ich sagen will, ist, daß die Forschung, ob eine solche
Waffe machbar ist, keinen Vertrag verletzt. Sie wird fortgesetzt werden.
Dabei wird es eines Tages, wenn dieser Punkt erreicht ist, um Versuche
gehen. Auf der anderen Seite werde ich kurz vor der Dislozierung anhalten, weil ich, wie ich bereits erklärt habe, bereit bin, mit unseren
Verbündeten darüber zu sprechen, und mit den Sowjets - überhaupt mit
jedem - darüber zu sprechen, welche Bedeutung es hätte, wenn es so benutzt werden könnte, daß es die Welt von der nuklearen Bedrohung befreien
würde.

Frage: Aber Entwicklung und Erprobung - Sie schließen einen Handel
darüber aus?
Antwort: Ich meine, es handelt sich hier um legitime Forschung, und,
jawohl, ich schließe einen Handel darüber aus. Es macht mir nichts aus und ich pflege, wie Sie schon sagten, normalerweise nicht über Verhandlungsstrategie zu sprechen -, das heute hier zu sagen. Aber das ist zu
wichtig für die Welt, als daß wir bereit wären, das als Gegenleistung für
eine andere Zahl von Nuklearraketen anzubieten, wenn ohnehin schon genug
vorhanden sind, um unsere beiden Länder in die Luft zu jagen.

- 8 -

�25. September 1985

38

UdSSR VERSTÄRKT UM WESTLICHE TECHNOLOGIE BEMÜHT
- Erklärung von US-Verteidigungsminister Weinberger -

WASHINGTON -

(AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar

Weinberger gab im Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines Berichtes
über "Die Beschaffung militärisch wichtiger westlicher Technologie durch
die Sowjetunion" am 18. September

1985 im US-Verteidigungsministerium

eine Erklärung ab, die folgenden Wortlaut hat:

Wir legen dem amerikanische Volk heute einen zutiefst ernüchternden
Bericht vor und veröffentlichen Einzelheiten darüber, auf welche Weise
sich die Sowjets in einer massiven und weltweiten Anstrengung darum bemühen, ihre Waffen zu verbessern, indem sie sich unsere westliche Technologie

beschaffen. Die

sensitiven

Informationen, die bislang geheim

waren und die wir jetzt preisgeben, konzentrieren sich auf legale wie
illegale Aktivitäten der Sowjetunion in den Vereinigten Staaten und stellen meiner Meinung nach ein weit ernsthafteres Problem dar, als wir dies
bislang vermutet hatten.

Enthüllungen

aus

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Enthüllungen aus jüngster Zeit in Europa machen gleichfalls deutlich,
daß ähnliche nachrichtendienstliche und damit verwandte Bemühungen des
Sowjetblocks auch weiterhin in mit uns verbündeten und befreundeten Ländern in größtem Umfang durchgeführt werden.

Der heutige Bericht ist das Ergebnis einer die gesamte Regierung
umfassenden Bemühung, an der rund 22 Behörden beteiligt waren. Da die
Einsicht

in das Ausmaß dieses Problems der Schlüssel dazu

Unterstützung
heute

ist, die

der Öffentlichkeit zu erlangen, veröffentlichen wir ihn

in dem Versuch, diesem gefährlichen Abfluß unserer wichtigsten

nationalen Mittel in diesem Bereich - d. h. natürlich unserer Hochtechnologie, unserer überlegenen Technologie - Einhalt zu gebieten, da dieser
Abfluß zu unseren potentiellen Gegnern schon zu lang andauert.

Dieser Bericht wirft ein Schlaglicht auf eine Statistik, die das erstaunliche Ausmaß der sowjetischen Übernahme westlicher Technologie enthüllt. Schätzungen sogar der Gegenseite zufolge profitieren mehr als
5 000 militärische Forschungsprojekte der Sowjetunion in beträchtlichem
Maß von der aus dem Westen beschafften Technologie. Daran läßt sich der
Umfang und das Ausmaß ihrer Programme ermessen, ich habe lediglich 5 000
Projekte ausgewählt. Leider gibt es noch viele andere. Bei 27 Prozent
handelt es sich um Projekte, wo das Forschungsstadium übersprungen wurde,
oder

die

Zeit

zur

Entwicklung

eines Waffensytems erheblich

verkürzt

wurde. Bei zwei Prozent wurde eine bestimmte Richtung eingeschlagen und
diese dann verfeinert oder geändert, als unsere Technologie erhältlich
wurde; bei fünf Prozent handelte es sich um Forschungsprojekte, die überhaupt erst dadurch aufgenommen wurden. Es ist dies hier kein Versuch, auf
die Be3eutung eines jeden dieser 5 000 Projekte einzugehen. Aber jedes
davon ist von Bedeutung und nimmt die Gestalt eines verbesserten Waffensytems an, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben.

Konkret bedeutet dies, daß wir die Aufrüstung der Sowjetunion subventionieren; die Kosten hierfür sind natürlich erschreckend. Dadurch, daß
sie sich systematisch westliche Geheimnisse beschaffen - von Herstellern

�von Herstellern von hochtechnologisehen Erzeugnissen, von Forschungszentren und Universitäten, von Auftragnehmern für den Verteidigungsbereich gewinnen die Sowjets bei manchen ihrer militärischen Programme bis zu
mehreren Jahren, sparen

jährlich

in der wissenschaftlichen

Forschung

gewaltige Summen und zwingen uns, für unsere eigene Verteidigung weit
mehr auszugeben, als dies sonst der Fall wäre.

Das Bild des sowjetischen Programms; ist meiner Meinung nach sehr
deutlich: Es werden Tausende von Geheimdienstoffizieren, Wissenschaftlern, Diplomaten sowie Militärpersonal und Spione eingesetzt und ohne
Skrupel auch Kollaborateure im Westen verwandt. Die Sowjets operieren an
zv/ei Fronten. Zum einen haben sie sich eine VieLzahl von Material bei
militärischer und exportkontrollierter Hardware des Westens beschaft; zum
andern haben sie auch viele - gleich, ob geheime, nicht geheime oder sich
im Eigentum von Firmen befindliche - Dokumente erlangt, derer sie sich
bedienen, um die Wirksamkeit ihrer Waffen und ihrer militärischen Ausrüstung zu verbessern.

An der Spitze dieser Aktivitäten steht der Direktor der sowjetischen
Militärisch-industriellen
risch-industrielle

Kominission

Instrumentarium

(VPK), die das mächtigste militäin der

Sowjetunion

darstellt. Sie

setzt sich aus den Direktoren der wichtigsten Industriezweige zusammen,
die militärische Güter produzieren; an ihrer Spitze steht ein Herr Smirnoff. Sie arbeitet sehr eng mit dem Staatsausschuß für Wissenschaft und
Technologie zusammen sowie mit dem KGB und der GHJ, dem militärischen
Gegenstück zum KGB. Sie beschaffen, was ihnen die sowjetische Verteidigungsindustrie als notwendig zeigt, und sie beschaffen es sich im Westen.
Es wird zur Stärkung und Modernisierung der sowjetischen Kriegsmaschinerie verwendet, wobei vieles hereingeholt wird, was auf den ersten Blick
seinen militärischen Wert nicht erkennen läßt. Dieser Tatbestand ist auch
das Argument, das häufig von Leuten ins Spiel gebracht wird, deren Interesse vor allem der Förderung des Handels gilt: Es gehe um Dinge, die keinen besonderen militärischen Wert hätten. In der Sowjetunion kann nahezu
alles militärisch verwertet werden und nahezu alles, was beschafft wird,
wird

als Ergebnis einer direkten Anforderung des Militärs beschafft,

�des Militärs beschafft, übersetzt und durch diese verschiedenen Organisationen wirksam eingesetzt. Es gibt eine Art von Prüfliste, in die alles
eingetragen wird, was man möchte; links wird dann niedergelegt, was man
erhalten hat und so kann man im Vergleich sehen, wie die Dinge stehen.

Ein anderer Teil der sowjetischen Beschaffung geht über das Außenhandelsministerium und die Geheimdienste; ihce Aufgabe ist es, an die Objekte selbst heranzukommen, Tausende von Objekten - Exportkontrollen unterliegende Mikroelektronik, Computer aller Art, an denen sie schon lange
Zeit interessiert sind sowie andere Güter aus dem Westen, die der Exportkontrolle unterliegen.

All diese Güter werden direkt in der sowjetischen Produktion benützt,
um ihre vecalteten Fabriken effizienter

zu machen; natürlich verletzt

Hardware, die auf diese Weise erlangt wocden ist, unsere Exportkontrollgesetze sowie die unserer Verbündeten.

Die Vereinigten Staaten haben bereits eine ganze Reihe von Schritten
unternommen, um den Sowjets ihre Beschaffung zu erschweren oder in manchen Fällen unmöglich zu machen. Die Administration hat ihr Exportkontrollsystem in den vergangenen fünf Jahren erheblich verstärkt und wir
haben ein glaubwürdiges Programm erarbeitet, das wirklich zu einer Kraft
geworden ist, mit der diejenigen rechnen müssen, die den Versuch unternehmen, unsere Technologien in die falschen Bahnen zu lenken. Wir drängen
unsere Verbündeten und andere befreundete Staaten darauf, sicherzustellen, daß die technologische Führung, die der Westen noch immer innehat,
nicht untergraben wird, damit unsere Soldaten sich nicht eines Tages auf
dem Schlachtfeld Waffen gegenübersehen, die durch unsere eigene Technologie entwickelt wurde - was in der Vergangenheit schon geschehen ist.
Wir hoffen, daß es in Zukunft nicht mehr geschehen wird.

Sicherheit im technologischen Bereich ist eine absolut lebenswichtige
Komponente unserer Verteidigung. Ohne die technologische Führungsposition
des Westens, die wir

innehaben, wäre unsere Fähigkeit, eine wirksame

�r
eine wirksame Abschreckung aufrechtzuerhalten, äußerst gefährdet, aber
viel mehr muß zu diesem ganzen Thema noch gezeigt, und viel mehr muß noch
gesagt und getan werden.

- 5-

�Wi//en/chaft
und Technik

Li

United States Information Service
Embassy of the United States of America

25.September 1985

38

DIE ERSTE BEGEGNUNG MIT EINEM KOMETEN
Amerikanische Raumsonde durchflog Schweif von "Giacobini-Zinner"

- (AD) - Das Rendezvous der ICE-Raumsonde mit einem Kometen, das erste in der Geschichte der Raumfahrt überhaupt, war weniger riskant als
von den Wissenschaftlern befürchtet. ICE

(Abkürzung f'ir "International

Cometary Explorer" - Internationale Kometensonde) durchflog am 11. September 1985 die 'Nahtstelle' zwischen Kopf und Schweif des Kometen Giacobini-Zinner etwa 8000 km hinter dem Kern des Kometenkopfes. Dabei stellte
sich heraus, daß der Schweif - zumindest in diesem Bereich - sehr viel
weniger Staubteilchen enthielt, als Theorien über seine Zusammensetzung
hatten vermuten lassen. Jedenfalls kam es weder zu einer Beschädigung der
Sensoren und Antennen noch wurde die Leistungsfähigkeit der Solarzellen
auf der Außenseite des trommeiförmigen Satelliten beeinträchtigt. Sie
versorgen ihn durch die Umwandlung von Sonnenlicht in Elektrizität mit
Strom für den Betrieb der Bordgeräte.

ICE - 1,5 m hoch, 1,7 m im Durchmesser, Antennenspannweite mehr als
90 m - übermittelte dem "Goddard Space Flight Center", einem Forschungs-

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�einem Forschungsinstitut der US-Behörde für Luft- und Raumfahrt (NASA) in
Greenbelt (Maryland), eine Fülle neuer und überaus wichtiger Daten. Der
Satellit wurde zum Vorreiter der fünf Kometensonden, die von der Sowjetunion, der europäischen Organisation für Weltraumforschung sowie Japan
auf den Wej geschickt wurden, um den Kometen Halley während der Phase
seiner größten Annäherung im März 1986 eingehend zu untersuchen.

Ursprünglich hatte ICE die Aufgabe, als eine von drei Sonden den Sonnenwind und dessen Auswirkungen auf das erdmagnetische Feld in einem ganz
bestimmten Bereich zwischen Sonne und E;:de zu beobachten. Im Jahr 1978
unter der Bezeichnung ISEE-3 ("International Sun-Earth Explorer") von den
USA als amerikanischer Beitrag zu einem r.nternationalen Forschungsprojekt
gestartet, wurde der Satellit (Masse: 422 kg) ab Mitte 1982 allmählich
umgelenkt mit dem Ziel, ihn zu einem Rendezvous mit dem Kometen Giacobini-Zinner zu führen. Im Gegensatz zum Halleyschen Kometen, der alle 76
Jahre seine größte Sonnennähe erreicht, beträgt die Umlaufzeit dieses
"Vagabunden" nur sechseinhalb Jahre. Als besonderer Vorteil war die Tatsache zu werten, daß Giacobini-Zinner

zum Rendevous-Zeitpunkt mit der

Sonde nur 70 Millionen km von der Erde entfernt war, während der Abstand
des Kometen Halley zur Erde in der Zeit der intensiven Beobachtungen im
nächsten Jahr fast 130 Millionen Kilometer betragen wird. Um die Meßdaten
gut zu empfangen, sind leistungsstärkere Sender erforderlich, als dieser
Forschungssatellit sie an Bord hat.
Ähnlich wie bei den interplanetaren VOYAGER-Sonden der Vereinigten
Staaten, die unter Ausnutzung der Gravitationskraft von Großplaneten auf
neue Bahnen katapultiert wurden, benutzte man zusätzlich die Gravitationskraft des Erdmondes, um die nun in ICE umbenannte Sonde auf einen Kurs
zu bringen, auf dem sie die Bahn des Kometen Giacobini-Zinner kreuzen
würde. Mit nur 120 km Abstand von der Mondoberfläche schwang sie im Dezember 1983 am Erdtrabanten vorbei. Die ihr dabei erteilte Beschleunigung
reichte aus, um die Flugrichtung für ein Zusammentreffen mit dem Kometen
einhalb Jahre später vorzugegeben. Allerdings wurden immer wieder Nachkorrekturen mit Hilfe der kleinen Bordtriebwerke erforderlich. Denn die
Bahn eines Kometen kann sich bei Annäherung an die Sonne sprunghaft an-

�sprunghaft ändern. Sie wird dadurch mitbestimmt, wieviel und wie rasch
Materie aus seinem Kern verdampft und wie sich auf Grund solcher Vorgänge
der Schweif auf der sonnenabgewandten Seite ausrichtet.

Von Erdobservatorien aus wurde die Gesamtlänge des Schweifes von Giacobini-Zinner mit ca. 750 000 km ermittelt. Die Dicke im Durchflugbereich
wurde mit ca. 5000 km angenommen. Aber ICE brauchte erheblich länger für
den "Durchgang", als man angesichts dieses Wertes erwartet hatte, nämlich
20 Minuten. Somit mußte die Schweifzone unittelbar hinter dem "Kopf"
22000 bis 24000 km breit sein. Es ist jener Bereich, wo sich Plasma aus
verdampften und ionisierten Molekülen zum Schweif formiert.

Die Sonde
Kohlenmonoyd

fand elektisch geladene Moleküle von Wasser

(HO) und

(CO). Dies sei, meinte der Leiter der Abteilung Astronomie

am Goddard-Institut, John Brandt, die eiste direkte Bestätigung der Annahme, daß ein Komet einem "schmutzigen Schneeball" ähnlich sei. Entgegen
den Schweif-Modellen erwies sich der Schweif von Giacobini-Zinner ("G-Z")
als ein nicht symmetrisches Gebilde. ICE registrierte, so wird jedenfalls
auf Grund der Messdaten vermutet, die "Schockwelle" auf der der Sonne zugekehrten Seite, die der dem Kometen entgegenströmende Sonnenwind verursacht. Bereiche starker

Turbulenz

folgten solcher

relativer Ruhe und

niedrigerer Plasmatemperaturen. Bestimmte Radiowellen

zeigten dann an,

daß sich die Sonde im SchweifZentrum befand, wo die Dichte der Materie am
größten ist. Aber erst nach Zurücklegen einer Gesamtstrecke von mehr als
300 000 km seit Erfassen der ersten "G-Z"-Meßdaten war anzunehmen, daß
die Sonde den Einflußberich des Kometen Giacobini-Zinner wieder verlasen
hatte. Auf ihrem Weiterflug ist im März 1986 ein Durchgang durch die Region zwischen unserer Erde und dem Halleyschen Kometen mit Messungen des
Sonnenwindes zu erwarten. Sie wird dann weitere Daten über den möglichen
Einfluß eines Kometen im Raum zwischen der Sonne und ihrem Trabanten
übermitteln.

Zur Zeit des ICE-Rendevous mit Giacobini-Zinner berieten in Washington Mitarbeiter internationaler Forschungseinrichtungen über die Koordinierung des Projekte ihrer Länder zum Studium von Kometen. Die Vertreter

�Die Vertreter der Sowjetunion, Westeuropas und Japans werteten die ICE-Mission als ungemein wertvolle Hilfe

für ihre eigenen Programme: Die

Sowjets wollen mit zwei Sonden, die europäischen Länder mit einer Sonde
im März des kommenden Jahres den Kern des; Halleyschen Kometen fotografieren, während zwei japanische Sonden Sonnenwindphänomene in Kometennähe
untersuchen sollen. Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, zur gleichen
Zeit mit einem Raumtransporter ein Teleskop für Ultraviolett-Astronomie
und drei Kameras in eine Erdumlaufbahn zu bringen, um von dort aus sieben
bis zehn Tage lang den Halleyschen Kometen zu beobachten.

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