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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

17

24. April 1985
I N H A L T

DOKUMENTATION
Der 8. Mai: Rückblick und Ausblick
- Von Arthur F. Burns, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland Präsident Reagan wird KZ-Gedenkstätte besuchen
- Rede vor der Conference on Religious Liberty USA und UdSSR beenden 5. Gesprächsrunde über Nonproliferationsfragen
- Presseerklärung des US-Außenministeriums -

INFORMATION
Whitehead zum neuen Stellvertretenden US-Außenminister nominiert

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Mensch im Weltraum durch nichts zu ersetzen
- Erfahrungen aus dem DISCOVERY-Flug -

* * * * *

Um Über/cndung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�17

24. April 1985

DER 8. MAI: RUCKBLICK UND AUSBLICK
- Von Arthur F. Burns -

Bonn -(AD)- Der nachstehende Beitrag des amerikanischen Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland, Arthur F. Burns, erschien mit
Datum vom 29. April 1985 in dem
SPECIAL REPORT: EUROPE TODAY der
Zeitschrift TIME.

Der 8. Mai 1945, ein Datum, das sich für immer in das Bewußtsein all
derer eingegraben hat, die die Umwälzungen des Zweiten Weltkrieges überlebt haben, kennzeichnet einen der großen Wendepunkte der westlichen Geschichte.

Im Rückblick erkennen wir, daß das Kriegsende die längste Ä'ra

des Friedens und des Wohlstands eingeleitet hat, derer sich Europa je erfreut hat.

Daß dies so kommen würde, war im Jahr 1945 noch keineswegs

abzusehen.

Der Krieg hat auch die Bedingungen der europäischen Sicherheit drastisch verändert.

Die große Kriegsallianz der Vereinigten Staaten und

der Sowjetunion brach unter dem Druck des sowjetischen Expansionismus

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sowjetischen Expansionismus auseinander.

Aber wie während der Jahre ih-

res Bündnisses spielten beide Mächte auch weiterhin eine zentrale Rolle
für die Zukunft Europas.

Die Konfrontation zwischen Ost und West wurde

zu einer bitteren Tatsache des Lebens in Europa.

In dem Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges legten die Nationen des Westens die Animositäten der Vergangenheit bei und schufen die
Grundlagen für eine neue Ära des Fortschritts.

Durch den weitreichenden

Marshall-Plan Amerikas unterstützt, machten sich die Europäer energisch
daran, ihre Städte und ihre Industrie wieder aufzubauen.

Gemeinsam mit

den Vereinigten Staaten schufen sie ein liberales weltweites Handelssystem.

In Europa begannen sie, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu

gestalten, aus denen die Europäische Gemeinschaft entstand.

Sie nahmen

ehrgeizige Austauschprogramme für Studenten, Journalisten und Lehrer in
Angriff, um die Verständigung unter den Völkern Westeuropas zu fördern.
Angesichts der kolossalen sowjetischen Militärmacht an den Grenzen Westeuropas schlössen sie sich mit den Vereinigten Staaten und Kanada in der
Organisation des Nordatlantischen Bündnisses zusammen.

Infolge dieser

Entwicklungen ist ein Krieg zwischen Nachbarn im Westen heute undenkbar
geworden, und die politische Union Europas ist eine von vielen gehegte
Hoffnung.

Wirtschaftliche Dynamik wurde das Kennzeichen des Nachkriegseuropa.
Die Bundesrepublik Deutschland, die sich im wahrsten Sinne des Wortes aus
den Ruinen erhob, stand in vorderster Linie.

Die Quelle ihres Erfolges

wurde schon 1950 für jeden Besucher Deutschlands sichtbar, wo Bauarbeiter
oft in der Nacht bei elektrischem Licht arbeiteten, um Termine einhalten
zu können.

In dem Jahrzehnt nach 1949 hat sich das Bruttosozialprodukt

Westdeutschlands mehr als verdoppelt.

Dieses rasche Wachstum wurde ohne

Einschränkung der sozialen Errungenschaften erreicht.

Im Gegenteil, das

Land schuf nicht nur ein starkes Wirtschaftssytem, sondern auch ein humanes.

Heute ist die Demokratie in Westdeutschland tief verwurzelt, und

das soziale und wirtschaftliche System sorgt großzügig für die Belange
des Volkes. Dies gilt weitgehend auch für das übrige Westeuropa.

Heute werden diese Leistungen oft nicht hinreichend gewürdigt, und es
- 2 -

�und es ist viel von europäischem Pessimismus die Rede.

In der ganzen

Welt hat man den Eindruck, daß die Strömungen der Zukunft an Europa vorübergehen.

Warum?

Erstens ist die politische Grundlage des europäischen Selbstvertrauens erschüttert worden.

Die Europäer fühlten sich hilflos, als Konflikte

im Nahen Osten die Ölpreise in den Himmel schießen ließen.

Der sowjeti-

sche Expansionismus, der während der Entspannung der siebziger Jahre in
Schach gehalten zu sein schien, hat die Europäer gegen Ende jenes Jahrzehnts erneut beunruhigt.

Die Unterdrückung Polens, die auf die brutale

Invasion Afghanistans folgte, hat gezeigt, daß die weithin gehegten Annahmen bezüglich eines zurückhaltenden sowjetischen Verhaltens nicht mehr
haltbar waren.

Zweitens, und das ist noch wichtiger, hat eine Konjunkturflaute den
Niedergang des politischen Vertrauens begleitet und bis zu einem gewissen
Grad verstärkt. Der Ölpreisschock der siebziger Jahre hat das wirtschaftliche Wachstum gebremst und es der alternden Industrie des Kontinents zusätzlich erschwert, sich zu behaupten.
wirkten in die gleiche Richtung.

Entwicklungen innerhalb Europas

Sein System der sozialen Sicherheit,

das während der fünfziger und sechziger Jahre leicht getragen werden
konnte, hat sich nach 1970 sehr rasch ausgeweitet.

In dem Maße, in dem

die Sozialausgaben und Subventionen für unrentable Unternehmen in die
Höhe gingen, stiegen auch die Steuern und die Haushaltsdefizite.

Die Be-

lastungen der Industrie durch Reglementierung vervielfachten sich, die
Macht der Gewerkschaften nahm zu, die Arbeitsmärkte erstarrten völlig,
und die Inflationsraten schnellten hoch.

Dies hatte zur Folge, daß die

Gewinne allmählich sanken, die Kapitalinvestitionen in Unternehmen nicht
länger gediehen und die Arbeitslosigkeit auf ein beunruhigendes Niveau
stieg.

Diese Entwicklungen standen in scharfem Gegensatz zu einer nach-

haltigen Vermehrung der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und zu
dem bemerkenswerten Wachstum der freien Volkswirtschaften in Ost- und
Südostasien.

Viele Europäer haben in den letzten Jahren zum erstenmal an

ihrer Fähigkeit zu zweifeln begonnen, mit der Zukunft fertig zu werden.

Ich begreife diese Befürchtungen, aber ich teile sie nicht.

Nach

�nicht.

Nach vierjähriger eingehender Beobachtung der Verhältnisse in

Europa sehe ich Anlaß zum Vertrauen in die Zukunft Westeuropas.

Erstens haben sich die massiven Anstrengungen der Sowjetunion, Zweifel am

militärischen und politischen Engagement Amerikas für Europa zu

wecken, als erfolglos erwiesen.

Westdeutschland, Großbritannien, Italien

und in jüngster Zeit auch Belgien haben unerschütterlich an dem NATO-Beschluß von 1979 festgehalten, modernisierte Kernwaffen zu stationieren,
wenn die Sowjets sich weigerten, ihre auf die Städte und militärischen
Einrichtungen

Westeuropas

gerichteten

tödlichen Waffen

zu verringern.

Das NATO-Bündnis hat damit die schwerste Bewährungsprobe in seiner Geschichte bestanden.

Diese Demonstration

europäischer

Entschlossenheit

hat in nicht geringerem Umfang als Präsident Reagans Strategische Verteidigungsinitiative dazu beigetragen, die Sowjets an den Verhandlungstisch
in Genf zurückzubringen.

Infolgedessen haben sich die Aussichten für den

Weltfrieden verbessert.

Zweitens konnte trotz der weitverbreiteten Arbeitslosigkeit der letzten Jahre die soziale Stabilität in ganz Westeuropa aufrechterhalten werden.

Darüber hinaus sind radikale wirtschaftspolitische Ansätze im all-

gemeinen vermieden worden. Wo sie - wie in Frankreich im Jahr 1981 - versucht worden sind, wurden sie später wieder verworfen.

Drittens hat sich die Konjunktur in Westeuropa in den letzten beiden
Jahren wieder erholt, und wenn auch der Aufschwung bisher bescheiden war,
so

verbessern

Schritt.

sich

die

längerfristigen

Aussichten

doch

Schritt

für

In den wichtigsten Ländern Europas hat man damit begonnen, die

Fesseln zu sprengen, die die Kreativität lähmen und dem konstruktiven
Wandel im Wege stehen.

Die Staatshaushalte werden in Ordnung gebracht,

den inflationären Kräften wird erfolgreich Einhalt geboten, und den Kräften des Marktes wird mehr Spielraum eingeräumt.

Man tritt mehr und mehr

dafür ein, die erdrückende Last zu erleichtern, die die Besteuerung der
Individualeinkommen und geschäftlichen Transaktionen den Unternehmen und
Investitionen aufbürdet.

Langsam aber sicher macht man es innovations-

freudigen Unternehmern leichter, in neue und bereits bestehende Märkte
einzudringen.
Viertens ist

�Viertens ist und bleibt die Leistungsfähigkeit seiner Bevölkerung die
lebenswichtigste

Hilfsquelle

Europas.

Während

meiner

Jahre in West-

deutschland habe ich eine beträchtliche Zeit damit verbracht, mit jungen
Menschen zu sprechen.

Ich fand, daß Hochschulstudenten heute in erster

Linie an ihrem Studium und weniger an Demonstrationen auf den Straßen
interessiert sind.

Ich fand, daß die meisten von ihnen konstruktiv über

ihre Karriere denken und Vertrauen in ihre Zukunft zum Ausdruck bringen eine Haltung, die ich noch vor drei oder vier Jahren nicht entdecken
konnte.

Die Hoffnung, diese fundamentalste aller wirtschaftlichen Kräf-

te, beginnt in der Generation wieder zu blühen, die in 15 oder 20 Jahren
die

politische

wird.

und

wirtschaftliche

Führung

in Deutschland

übernehmen

Ich bin davon überzeugt, daß auch in anderen Teilen Westeuropas

ähnliche Veränderungen im Gange sind.

Wenn wir also des 40. Jahrestages des Ende des Zweiten Weltkrieges
gedenken, dann können alle, die an dem gemeinsamen Unterfangen des westlichen Bündnisses beteiligt sind, mit Befriedigung auf ihre Leistungen
zurückblicken und mit Zuversicht in die Zukunft schauen.

Wir müssen uns

jedoch der ernsten Probleme bewußt bleiben, vor denen wir stehen.

Berlin

ist noch immer eine geteilte Stadt, Deutschland ist noch immer ein geteiltes Land, Europa ist noch immer ein geteilter Kontinent, das Wettrüsten dauert noch immer an, die politische Union der westeuropäischen
Länder ist noch immer nicht erreicht, und die weitverbreitete Arbeitslosigkeit, die ihren Schatten über die Volkswirtschaften Westeuropas wirft,
ist noch immer nicht überwunden.

Man ist sich heute über diese Probleme

besser im klaren, als noch vor einigen Jahren, und es besteht Grund zu
der Hoffnung, daß man ihnen mit allen Mitteln zu Leibe rücken wird.

* * * * *

- 5 -

�24. April 1985

17

PRÄSIDENT REAGAN WIRD KZ-GEDENKSTÄTTE BESUCHEN
- Rede vor der Conference on Religious Liberty-

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan wird während seines Besuches
in der Bundesrepublik Deutschland eines der ehemaligen Konzentrationslager besuchen. Dies erklärte er in einer Rede am 16. April 1985 in
Washington von der "Conference on Religious Liberty".

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Es ist mir eine große Ehre, zu dieser Versammlung zu sprechen. Ich
weiß, daß viele von Ihnen von weither gekommen sind, um heute hier zu
sein, und daß Sie hierauf viel Zeit, viel Energie und viel Sorgfalt
verwendet haben. Und ich kann nur, genau wie Sie, hoffen, daß jene, die
überall in der Welt wegen ihrer Überzeugung

leiden, aus Ihrer Arbeit

neuen Mut schöpfen.

Die Geschichte der Religion

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
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Telex: 8-85432

�Die Geschichte der Religion und ihrer Auswirkungen auf die Zivilisation kann nicht in wenigen Tagen, geschweige denn Minuten, zusammengefasst

werden.

Aber

ein

entscheidendes, gemeinsames Kennzeichen

aller

Religionen ist die Unterscheidung, die sie zwischen dem Diesseitigen und
dem Jenseitigen treffen. Aus allen Religionen klingt deshalb letztlich
das Wort aus dem Matthäusevangelium: "Gebt Gott, was Gottes ist, und dem
Kaiser, was des Kaisers ist."

Diese Weisung lehrt uns, daß der Mensch nicht gänzlich dem Staat
unterworfen sein kann, daß es noch ein anderes Reich gibt, einen eben
unerklärlichen Bereich des Denkens und Handelns des einzelnen, der heilig
ist und der Kontrolle des Staates gänzlich entzogen. Dieser Gedanke stand
auch immer im Mittelpunkt der Entwicklung der Menschenrechte.

Nur in einem geistigen Klima, das zwischen der Stadt Gottes und der
Stadt des Menschen unterscheidet, das ausdrücklich die Unabhängigkeit des
Reichs Gottes anerkennt und alle Einmischungen des Staates in dessen Vorrechte verbietet, nur in einem solchen Klima konnte der Gedanke der Menschenrechte des einzelnen Wurzeln schlagen, sich entfalten und schließlich blühen und gedeihen.

'Wir haben dieses Klima in allen Demokratien und in unserer eigenen
politischen 'Überlieferung. Die demokratische Konzeption unserer Gründerväter wurzelte in der 'Überzeugung, daß allen Menschen von ihrem Schöpfer
bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen worden sind. Und deshalb schufen sie ein Regierungssystem, dessen erklärtes Ziel der Schutz dieser
gottgegebenen Rechte war und ist.

Aber wie Sie nur allzu gut wissen, gibt es heute viele politische
Regime, die die Vorstellung zurückweisen, derzufolge ein Mann oder eine
Frau zu Gott eine größere Loyalität empfinden darf als zum Staat. Als
Marx sein politisches System entwarf, war eine seiner zentralen Thesen
die, daß religiöse Überzeugung zur Zersetzung seiner eigenen Konzeption
führen könnte. Im kommunistischen System sollte denn auch die herrschende
Partei genau die Attribute für sich in Anspruch nehmen, die der religiöse

- 2-

�die der religiöse Glaube allein Gott zuschreibt und der Staat sollte zum
obersten Richter über die Fragen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der
Moral werden.

Marx nannte die Religion einen Feind des Volkes - eine Droge, Opium
für die Massen. Und Lenin sagte, Religion und Kommunismus seien sowohl in
der Theorie als auch in der Praxis nicht miteinander zu vereinbaren. Die
Religion sei zu bekämpfen.

All dies illustriert nur eine Tatsache, die es, wie ich meine, zu
begreifen gilt. Atheismus ist kein zufälliges Element des Kommunismus,
nicht nur Teil der Sache. Er ist die Sache selbst. In Ländern, die unter
die Herrschaft des Kommunismus geraten sind, ist es oft genug die Kirche,
die die stärkste Barriere gegen ein vollkommen totalitäres System bildet.
Und so sind die totalitären Regime stets bestrebt, entweder die Kirche zu
zerstören oder, wenn sich dies als unmöglich erweist, sie zu untergraben.
In der Sowjetunion wurde die Kirche von der kommunistischen Revolution sofort angegriffen. Aber die Sowjets bezeichnen ihre Maßnahmen - in
Reaktion auf die Empfindlichkeit des Westens hinsichtlich der Verweigerung von Grundfreiheiten - als rein defensiv.

Im Jahr 1945 traf sich Josef Stalin mit Harry Hopkins, den Harry
Truman geschickt hatte, um verschiedene Ost-West-Probleme zu besprechen.
Mitten in einem Gespräch über Politik warf Stalin folgendes ein: 1917, so
Stalin, habe die Kommunistische Partei Rußlands das Recht auf Religionsfreiheit als Teil ihres politischen Programms verkündet. Aber die Kirchen
Rußlands hätten über die Sowjetregierung einen Bann ausgesprochen und die
Gemeindemitglieder

aufgefordert, sich dem

Aufruf

der Roten Armee zu

widersetzen. Was konnten wir anderes tun, so Stalin, als der Kirche den
Krieg zu erklären. Er sicherte Hopkins jedoch zu, daß der Zweite Weltkrieg den Gegensatz zwischen Kirche und Staat beendet habe und der Kirche
jetzt die Religionsfreiheit zugesichert werden könnte. Dies aber ist, wie
Sie wissen, nie geschehen.

Die Geschichte lehrt uns,
- 3-

�Die Geschichte lehrt uns, daß man eine Kirche terrorisieren, nicht aber
all das Gute vernichten kann, was in jedem Menschenherzen wohnt. Und deshalb gibt es trotz der damit verbundenen Gefahren überall in der kommunistischen Welt Christen und Juden und Moslems, die auch weiterhin ihre
Religion ausüben. Viele mußten ihren Mut mit dem Gefängnis bezahlen. Wie
etwa Valerie Martschenko, der erst vor einigen Monaten in einem sowjetischen Gefängniskrankenhaus im Alter von 37 Jahren starb. Er war ein Gelehrter und ein Christ, der noch während seines letzten Gerichtsverfahrens von seinem Glauben an Gott und seinem Vertrauen in das Gute im
Menschen sprach. Oder wie Pater Gleb Yakunin, der erst kürzlich für fünf
Jahre nach Sibirien verbannt wurde. Auch er ein "Gefangener des Glaubens". Oder Bronislaw Borowski, der dafür verurteilt wurde, daß er Bibeln
in die Tschechoslowakei geschmuggelt hatte. Und ihre Namen stehen für
viele.

Dr. Ernest Gordon, Präsident der Organisation CREED, einer christlichen Vereinigung, die sich darum bemüht, Dissidenten zu mehr Rechten zu
verhelfen, sprach auf einer Reise, die er vor kurzem nach Osteuropa
unternommen hatte, mit einem Priester, der zehn Jahre in Haft gewesen
war. Der Priester bat ihn, dem Westen eine Botschaft zu überbringen. Wir
leben, so der Priester, mitten in einem Krieg - nicht einem nuklearen,
sondern einem geistigen. Der Niederschlag der atheistischen Explosion
zeigt sich überall. Aber Dr. Gordon fügte auch hinzu: "Dieser Niederschlag mag zwar überall sein, aber wir sollten uns auch daran erinnern,
daß Gott gleichfalls überall ist und nicht einmal Tyranneien ihn fernhalten können."

Wir in den Vereinigten Staaten haben gegen diese schreckliche Mißhandlung von Menschen protestiert, die nichts weniger als Helden dieses
Jahrhunderts sind. Erst vor kurzem wieder überreichten Mitglieder des
Kongresses, die in Moskau mit Generalsekretär Gorbatschow zusammentrafen,
diesem eine Liste mit den Namen baltischer und ukrainischer Frauen und
Männer, die aus Gewissensgründen inhaftiert sind; dabei sorgten der Rat
für sowjetische Juden und andere Gruppen sich unermüdlich darum, sicherzustellen, daß die Kongreßdelegation nicht ohne umfangreiche Daten über
die Unterdrückung der Juden in der Sowjetunion dorthin reiste.

Religiöse
•r

4"

Verfolgung

�Religiöse Verfolgung beschränkt sich natürlich nicht nur auf Europa.
Es gibt sie im Iran, dessen Führung praktisch den Baha1 is den Krieg erklärt hat; es gibt sie in Afghanistan, wo das sowjetische Militär gegenüber der moslemischen Bevölkerung zu immer grausameren Maßnahmen greift;
und es gibt eine weitere Variante der Unterdrückung religiöser Freiheit
auch im Nicaragua des sandinistischen Regimes.

In Nicaragua

steht das sandinistische Regime vor einer politisch

aktiven Kirche, die - obwohl sie die Revolution unterstützte - nunmehr
als ein Haupthindernis dabei angesehen wird, die totalitäre Kontrolle zu
vervollständigen. Erst vor kurzem sagte der nicaraguanische Bischof Pablo
Antonio Vega: "Wir leben mit einer totalitären Ideologie, die niemand in
diesem Land möchte."

Die Sandinisten unternehmen den Versuch, die Kirchenhierarchie in ein
schlechtes Licht zu rücken und zu spalten. Und auf einen neuen Bereich
gilt es ganz besonders zu achten: Wie alle kommunistischen Regime tragen
dorthin

reiste.die

Sandinisten

ihre

Ideologie

in

das

Bildungssystem

hinein und haben mit großangelegten Kampagnen begonnen, Kinder und Erwachsene zu indoktrinieren.

Aber die katholische Kirche kämpft darum, ihre Autonomie zu bewahren
und diese Indoktrinierung von ihren Kirchen und Schulen fernzuhalten. Ich
selbst habe gerade eine mündliche Botschaft des Papstes erhalten, in der
er uns drängt, unsere Bemühungen in Mittelamerika fortzusetzen.

Nun, das, was ich erwähnte, ist noch nicht gelöst. Kuba löste das
Problem, indem alle Privatschulen, einschließlich der kirchlichen Schulen, geschlossen wurden. Die allgemeine Lage der Religionsfreiheit in
Nicaragua wird durch Aussagen aus verschiedensten Quellen belegt, am
deutlichsten aber durch jene, die diesem brutalen Regime entronnen sind.

So hörten wir kürzlich von einem Geistlichen der evangelischen Kirche

- 5-

�der evangelischen Kirche in einem nicaraguanischen Ort, der den Freiheitskämpfern mitteilte, die Sandinisten hätten gedroht, 3 000 Mitglieder
seiner Kirche in Umsiedlungslager zu schicken. Der Geistliche und die
Mitglieder seiner Gemeinde verbergen sich inzwischen in Höhlen und provisorischen Behausungen auf dem Lande.

Die Sandinisten bedrohen auch Juden. Zwei nicaraguanische Flüchtlinge, Sarita und Oscar Kellermann, berichteten von einem sandinistischen
Bombenanschlag auf ihre Synagoge. Die Sandinisten beschmierten die Synagoge mit den Worten "Was Hitler anfing, werden wir zu Ende führen". Und
an das Haus der Kellermanns: "Juden raus aus Nicaragua".

Lassen Sie mich hier anfügen, daß Berichte wie diese hier von organisiertem Zwang, Brutalität und Terror der Grund dafür sind, daß wir den
Kongreß um Hilfe ersuchen, damit den Freiheitskämpfern und den Opfern des
sandinistischen Regimes geholfen werden kann.

Wenn ich in diesen Tagen an Nicaragua denke, so meine ich auch jetzt,
daß man jede neue Regierung daran messen kann, ob sie die ungehinderte
Religionsausübung zuläßt oder nicht. Wenn nicht, so kann man sicher sein,
daß sie ein Feind der Menschheit ist, denn sie unternimmt den Versuch,
das zu verbannen, was das Schönste im Herzen des Menschen ist.

Aber wir sollten nicht verzweifelt sein, denn dies ist nicht die Zeit
dafür. Wir leben zwar in einem dramatischen Zeitalter; überall in der
Welt wird die Staatsmaschinerie wie nie zuvor gegen die Religionsfreiheit
eingesetzt. Aber gleichzeitig erscheinen auch überall in der Welt neue
Gruppen Gläubiger, überall in der Dunkelheit zeigt sich Licht, und man
gibt Gott wieder die Ehre.

Vielleicht ist dies die größte Ironie des kommunistischen Experimentes. Es ist ja gerade der Druck, den es ausübt, der wiederum die Kraft,
die Reibung und die Wärme zu erzeugen scheint, die es dem tiefen Glauben
ermöglicht, erneut als Flamme emporzuschlagen.

Ich bin der 'Überzeugung,
- 6-

�Ich bin der Überzeugung, daß das wichtigste Element unserer Verteidigung der Freiheit unser Beharren darauf ist, unsere Stimme für die Sache
der religiösen Freiheit zu erheben. Ich würde es gerne sehen, wenn sich
dieses Land erneut mit ganzem Herzen dieser Sache widmen würde. Ich
schließe mich Ihrem Wunsch an, daß die protestantischen Kirchen Amerikas,
die katholische Kirche und die jüdischen Organisationen sich jener ihrer
Mitglieder erinnern, die in anderen Ländern im Gefängnis oder in Gefahr
sind. Wir sind die Wächter unserer Brüder, wir alle. Und ich hoffe, daß
die Botschaft dieser Konferenz alle in der Welt erreicht, die wegen ihres
Glaubens inhaftiert sind: Tröstet euch, man hat euch nicht vergessen.
Wir, eure Brüder und Schwestern in Gott, haben eure Sache zur unsrigen
gemacht. Und wir geloben, nie einzuhalten, bis ihr die Freiheit wiedererlangt habt, die euer Geburtsrecht als Kinder Gottes ist.

Lassen Sie mich nun für einen Augenblick ein Thema berühren, das
einen Sturm der Kontroverse ausgelöst hat - meine Entscheidung, einen
Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, sowie meine Entscheidung, beim
Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland das ehemalige Konzentrationslager Dachau nicht zu besuchen. Es war und bleibt mein Ziel, wie das
von Bundeskanzler Kohl, diesen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland
anläßlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa nicht einfach zur
Erinnerung an den militärischen Sieg vor vierzig Jahren zu nützen, sondern auch an die Befreiung Europas, an die Wiedergeburt der deutschen
Freiheit und an die Versöhnung unserer beiden Länder zu denken.

Mein Ziel war und ist es, nicht die Verbrechen des Dritten Reiches in
den zwölf Jahren seiner Herrschaft erneut zu betonen, sondern die gewaltigen Leistungen des deutschen Volkes in den vierzig Jahren der Freiheit,
der Demokratie und des Friedens zu feiern. Damit sollte die Welt daran
erinnert werden, daß seit dem Ende dieses schrecklichen Krieges die Vereinigten

Staaten

und

die Bundesrepublik

Deutschland

ein historisches

Verhältnis geschaffen haben - nicht zwischen Supermacht und Satellit,
sondern zwischen Schwesterrepubliken, die durch gemeinsame Ideale, durch
Bündnis und durch Partnerschaft miteinander verbunden sind. Damit, daß

- 7-

�Damit, daß Bundeskanzler Kohl und ich übereinkamen, gemeinsam einen Kranz
auf dem Friedhof für die gefallenen Deutschen des Krieges niederzulegen,
sollen die vierzig Jahre der Freundschaft zwischen einem freien Deutschland und den Vereinigten Staaten, zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Volk gefestigt werden. Aus diesem Grund habe ich die Einladung
nach Bitburg angenommen, und deshalb gehe ich auch nach Bitburg.

Was meine Entscheidung, nicht nach Dachau, einer jener Stellen der
großen moralischen Obszönität dieser Ära zu gehen, anbelangt, so wurde
sie aufgrund meines irrtümlichen Eindrucks getroffen, ein solcher Besuch
stehe außerhalb des offiziellen Programms. Der jüngste Brief von Bundeskanzler Kohl jedoch machte deutlich, daß die Einladung zum Besuch eines
ehemaligen Konzentrationslagers tatsächlich Teil der geplanten Reiseroute
ist. Ich habe daher diese Einladung nunmehr angenommen und mein Stab in
der Bundesrepublik sucht nach einem Ort, der in unseren zeitlichen Rahmen
paßt.

Ich habe immer gesagt, ich sage es heute und ich werde es auch bei
jener Gelegenheit sagen, daß wir den Holocaust niemals vergessen und nie
wieder zulassen dürfen, daß sich eine solche Scheußlichkeit je wiederholt.

Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie alle.

- 8-

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

24. April 1985

17

USA UND UDSSR BEENDEN 5. GESPRÄCHSRUNDE ÜBER NONPROLIFERATIONSFRAGEN
- Presseerklärung des US-Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium veröffentlichte am
19. April 1985 im Anschluß an die fünfte Runde der amerikanisch-sowjetischen Konsultationen über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen die
folgende Presseerklärung:
Die Vereinigten Staaten und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben gerade ihre fünfte Konsultationsrunde über Nonproliferationsfragen beendet. Diese Konsultationen fanden vom 15. bis zum 19.
April

in Helsinki

statt. Die

vier

vorausgegangenen Treffen hatten -

beginnend im Dezember 1982 - in Washington, Moskau und Wien stattgefunden. Diese Konsultationen rührten ursprünglich von Gesprächen zwischen
Außenminister Shultz und Außenminister Gromyko im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Oktober 1982 her.

Die Konsultationen

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Telex: 8-85432"

�Die Konsultationen deckten eine ganze Bandbreite von Themen ab einschließlich der Aussichten auf Stärkung des internationalen Nonproliferationssystems, der Dritten ÜberprUfungskonferenz des Nonproliferationsvertrags (NPT), der Bedeutung der nuklearen Exportkontrollen und des
beiderseitigen Bestrebens der Vereinigten Staaten und der UdSSR, die
Internationale Atomenergiebehörde

(IAEA) zu stärken. Die amerikanische

Delegation wurde von Sonderbotschafter Richard T. Kennedy, die sowjetische Delegation von A. M. Petrosyants, dem Vorsitzenden des Staatskomitees für Atomenergie, geleitet.

Botschafter Kennedy charakterisierte diese Konsultationen als freundlich und geschäftsmäßig; beide Seiten hätten ein gemeinsames Interesse
daran, die Proliferation

zu verhindern und anderen Ländern dabei zu

helfen, sich der friedlichen Vorteile der Atomenergie zu erfreuen. Die
amerikanische Delegation brachte ihre besondere Wertschätzung

für das

kooperative Verhältnis zum Ausdruck, das sich zwischen beiden Seiten entwickelt hat und das sie in die Lage versetzte, sowohl technische wie auch
politische Probleme auf produktive Weise zu diskutieren.

Diese Konsultationen haben den Wunsch der USA und der UdSSR verdeutlicht, in einem Bereich positive Ergebnisse zu erzielen, der für die
Sicherheit

der gesamten Welt

von entscheidender Bedeutung

ist. Diese

Konsultationen schaffen zugleich einen positiven Rahmen für die Möglichkeit dieser beiden Länder, auf Fortschritt in Bereichen des beiderseitigen Interesses hinsichtlich der Nonproliferation wie auch umfassenderer
technischer und politischer Fragen hinzuarbeiten.

- 2-

�24. April 1985

17

WHITEHEAD ZUM NEUEN STELLVERTRETENDEN US-AUSSENMINISTER NOMINIERT

WASHINGTON -(AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 18. April 1985 John
C. Whitehead zum neuen Stellvertretenden Außenminister der Vereinigten
Staaten

nominiert. Whitehead,

desssen

Ernennung

noch der Bestätigung

durch den amerikanischen Senat bedarf, tritt die Nachfolge von Kenneth
Dam an, der einen Posten als Vizepräsident der Computerfirma IBM übernimmt.

John C. Whitehead, der sich vor kurzem aus dem Bankgeschäft zurückzog, wurde am 2. April 1922 in Evanston im Staate Illinois geboren. Bis
1943 besuchte er das Haverford-College und diente anschließend in der
amerikanischen Marine. Im Jahre 1947 erwarb er den akademischen Grad eines M.B.A. an der Harvard-Universität.

Zuletzt war Whitehead Kopräsident und Seniorpartner der Firma Goldman, Sachs and Company, einer internationalen Investitionsbank; er bekleidete diesen Posten 37 Jahre lang und wird auch weiterhin als Vorsitzender des internationalen Beratungsgremiums der Firma fungieren. Er

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�fungieren. Er hatte ferner Direktorenposten in führenden amerikanischen
Gesellschaften

inne

und

war

Vorsitzender

des

Internationalen

Rettungsausschusses. Ferner ist er Mitglied des Rates für Auswärtige
Beziehungen und des Zentrums für Strategische und Internationale Studien
an der Georgetown-Universität so- wie Treuhänder des Haverford-College
und der Carnegie Corporation. Schließlich gehört er der vom Präsidenten
eingesetzten Kommission für Regierungsaustausch an.

* * * * *

- 2-

�24. April 1985

17

MENSCH IM WELTRAUM DURCH NICHTS ZU ERSETZEN

-Erfahrungen aus dem DISCOVERY-Flug
beim 16. Einsatz eines Raumtransporters -

- (AD). - "Wir wissen, daß Sie dort oben einige Enttäuschungen erlebt
haben - aber wir können, alles in allem, stolz sein auf den vierten Flug
der DISCOVERY und auf das, was Sie erreicht haben", sagte Präsident
Reagan in einem Telefongespräch mit den sieben Astronauten, die sich gerade auf die Rückkehr zur Erde am nächsten Tag vorbereiteten. Die Landung
des am 12. April 1985 gestarteten Raumtransporters erfolgte am 19. April
gegen 16 Uhr auf der Piste des Kennedy-Raumfahrtzentrums in Florida. Die
Besatzung, bestehend aus Karol Bobko (Kommandant), Donald Williams (Pilot), den Missionsspezialisten Dr. Margaret Rhea Seddon, David Griggs und
Jeffrey Hoffman sowie Jake Garn, US-Senator von Utah, und Charles Walker
als Nutzlastspezialist für die Fa. McDonnell Douglas, betrat nach sieben
Tagen im Weltraum wieder heimatlichen Boden.

Nach dem

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Nach dem problemlosen Absetzen des Nachrichtensatelliten ANIK C-l im
Auftrag der kanadischen Gesellschaft "Telesat Canada" wenige Stunden nach
Erreichen der DISCOVERY-Umlaufbahn in ca. 370 km Höhe war am 14. April
SYNCOM IV-3 (auch als LEASAT 3 bezeichnet) an der Reihe. Dieser von der
Firma

Hughes

Communications

Inc. gebaute

riesige

Nachrichtensatellit

sollte über dem Pazifik stationiert werden. Zwei solcher Geräte stehen
der US-Marine bereits zur Verfügung, zwei weitere sind zur Vervollständigung eines weltweiten Nachrichtenverkehrs zwischen mobilen Land-, Seeund Fliegereinheiten erforderlich. Die Satelliten werden von der Herstellerfirma an die US-Marine vermietet.

Eine gewisse Zeit nach dem Absetzen aus dem Nutzlastraum der DISCOVERY in die Erdumlaufbahn hätte das Feststofftriebwerk im Satelliten automatisch zünden sollen, um ihn auf die Betriebshöhe von 35 680 km, eine
sogenannte erdsynchrone Bahn, zu katapultieren. Aber LEASAT, ein zylinderförmiger Koloss von 6,9 Tonnen Masse, blieb "stumm", die Automatik zur
Aktivierung seiner Stromkreise funktionierte nicht. Optische Inspektionen
durch die DISCOVERY-Besatzung ergaben, daß ein 13 cm langer Hebel an der
Außenseite nicht umgelegt war, was nach dem Absetzen aus dem Nutzlastraum
automatisch

hätte

geschehen

sollen.

Dadurch

wäre

das

Energiesystem

schrittweise aktiviert, die Rotation des Satelliten beschleunigt worden.
Nach 45 Minuten hätte das Feststofftriebwerk gezündet.

Im Kontrollzentrum Houston, bei der Firma Hughes und an Bord suchte
man fieberhaft nach Möglichkeiten, um diesen Hebel doch noch zu betätigen. Die Besatzung bastelte aus allen möglichen Utensilien, u. a. ein
paar Metallrohren und mehrfach aufgeschnittenen Kunststoffeinbänden von
Kladden, in denen Eintragungen zum Flugablauf gemacht wurden, zwei Behelf sgeräte. In einem weder geplanten noch zuvor geübten Ausstiegsmanöver
von drei Stunden Dauer befestigten Jeffrey Hoffman und Dave Griggs die
"Fänger", im Aussehen einer Fliegenklatsche recht ähnlich, an der Spitze
des sogenannten Robotarms. Dr. Margaret Rhea Seddon, deren eigentliche
Aufgabe als Ärztin die Durchführung medizinischer Experimente war, sollte
aus dem Orbiter-Cockpit den ferngesteuerten, 15 cm langen Greifarm so an
den Satelliten heranführen, daß einer der Fänger den Hebel am Satelliten
- 2 -

�am Satelliten zu fassen bekam.

In den Morgenstunden des 16. April hatten Bokbko und Williams die
DISCOVERY zum Rendezvous mit LEASAT geführt und sie aus ursprünglich 80
km Entfernung auf nur neun Meter Abstand heranmanövriert. Rhea Seddon gelang es zweimal, mit einem der provisorischen Fanggeräte den Hebel zu
fassen. Sie stand unter großem Zeitdruck. Denn für das "Greifen" und Umschalten standen nur sechs Minuten zur Verfügung, weil für die - bei erfolgreichem Ablauf zu erwartende - Zündung des Satelliten eine ganz bestimmte Position zur Erde notwendig war. Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, daß er - bei fristgerechtem Ablauf der elektrischen Automatik
bis zur Zündung - auf falschen Kurs geraten wäre. Außerdem mußte die
DISCOVERY genügend Zeit haben, sich aus dem Brennbereich des starken
Triebwerkes

in

sichere Entfernung

abzusetzen. Aber

nach dem

zweiten

Greifversuch wurde klar, daß der Hebel klemmte, sich überhaupt nicht
rührte. Statt desssen wurde durch ihn eines der drei Kunststoff-"Bänder"
am Fanggerät, die aus dem Kladdendeckel gefertigt waren, abgerissen.

Vom Kontrollzentrum kam die Anweisung, den Versuch abzubrechen. Zwar
hatte man auch ein weiteres Außenmanöver erwogen, in dem ein Astronaut
von einer Arbeitsplattform an der Spitze des Robotarmes aus versuchen
sollte, den Hebel mit der Hand oder mit Hilfe einer Schlinge zu greifen
und zu betätigen. Aber diese Idee wurde bald als zu gefährlich aufgegeben. Der Satellit befand sich ja in Rotation. Für den GreifVorgang selbst
standen jeweils nur Sekunden zur Verfügung, in denen eien unkontrollierte
Bewegung des Astronauten diesen in größte Gefahr hätte bringen können vor allem dann, wenn sich das Objekt, zwar gewichtlos, aber mit 6,9
Tonnen Masse, auf ihn zubewegt hätte.

Und es enthält nach wie vor mehr als drei Tonnen Treibstoff, in
fester und in flüssiger Form. Der für die Lageregelung vorgesehene Flüssigtreibstoff Hydrazin gilt als besonders gefährlich, so daß auch wegen
einer möglichen Bergung des gestrandeten LEASAT 3 im Verlauf eines späteren Raumtransporter-Unternehmens zuvor sehr genau untersucht werden muß,
ob dies überhaupt zu riskieren wäre. Steven Dorfman, Präsident von Hughes
- 3 -

�von Hughes Communications Inc., ist in diesem Punkt noch skeptisch. Aber
er möchte erst einmal die Analyse der Experten abwarten, was die Ursache
des Versa- gens sein könnte.

Auf die Versicherungsprämien für Raumfahrtgeräte dürfte dieser Vorfall seine Auswirkungen nicht verfehlen. LEASAT ist mit 85 Millionen Dollar versichert. Davon werden 30 Prozent von der Gruppe "International
Technology Underwriters" getragen. James Barrett, der Präsident des Unternehmens, ist der Meinung, daß dieser Versicherungsfall "den Markt erheblich beeinflussen wird". Im vergangenen Jahr haben die Versicherungsgesellschaften für den Verlust von Satelliten 282 Millionen Dollar ausbezahlt. (An Startgebühren für LEASAT 3 hatte die Firma Hughes 18 Millio-

&lt;

nen Dollar an die NASA - U.S. Behörde für Luft- und Raumfahrt - bezahlt.)
Alle Beteiligten sind sich darüber einig, daß die NASA bzw. die Astronauten keine Schuld treffe. Der Fehler sei vielmehr bei der Herstellerfirma
oder deren Zulieferern zu suchen.

Charles Walker, Biotechniker, nahm bereits zum zweiten Mal an einem
Raumtransporterflug teil. Seine Aufgabe war erneut, ein Hormon zu synthetisieren, das nur in der Schwerelosigkeit hergestellt werden kann. Welcher Art dieses Hormon ist und welche Funktion es hat, wurde bisher von
McDonnell Douglas nicht bekanntgegeben. Es verlautete lediglich, daß es
in Tierversuchen und dann am Menschen erprobt werden solle. Erfülle es
die Erwartungen, werde man die Produktion im Weltraum für medizinische
Zwecke aufnehmen. Ein weiteres biotechnisches Experiment galt der Kristallzüchtung von Proteinen, um deren Struktur genau bestimmen zu können.
Dies ist die Voraussetzung dafür, "maßgeschneiderte" pharmazeutische Sub-

,

stanzen zur gezielten Beeinflussung bzw. Hemmung anormaler Vorgänge im
Körper zu entwickeln.

»

Senator Garn, Beobachter für den US-Kongreß und Vorsitzender des für
das NASA-Budget zuständigen Unterausschusses, hatte eine Kurzausbildung
als Nutzlastspezialist absolviert. Er wollte sich für medizinische Experimente zur Verfügung stellen und sich an den Versuchen beteiligen, mit
einfachen Mitteln und Spielzeugobjekten die Effekte von Schwerelosigkeit
- 4 -

�von Schwerelosigkeit zu demonstrieren. Der daraus hergestellte Film wird
als Unterrichtsmate- rial in Grundschulen und in den unteren Klassen von
Oberschulen

verwendet

Papiersegler

filmen.

werden.
"Er

Der

fliegt

Senator

eigentlich

ließ

beispielsweise

ganz ähnlich

einen

wie auf der

Erde", kommentierte Jake Garn. "Aber er bewegt sich langsamer und viel
leichter, wenn er geworfen wird, und er durch die Kabine segelt". Als
Garn

ihn

wieder

eingefangen

hatte

und

"fallen"

ließ,

schwebte

der

Papiersegler bewegungslos im Raum.

Jake Garn bekam die Raumkrankheit während der ersten zwei Flugtage
ausgeprägt zu spüren - von Zeit zu Zeit machten sich Übelkeit und Schwindelgefühl äußerst unangenehm bemerkbar. In der Startphase wurden bei dem
ehemaligen Fliegeroffizier bis zum Eintritt des Raumtransporters in die
Erdumlaufbahn zahlreiche Körperfunktionen erfaßt und gemessen: fünf Sensoren waren am Kopf, vier in der Magengegend und drei am Brustkorb befestigt.

Besonders

intensiv

wurden

bei

dem

jüngsten,

amerikanischen Raumtransporters, Reaktionen

dem

16. Flug

eines

des Herz- und Kreislaufsy-

stems der Astronauten beobachtet. Mit Hilfe des in den USA entwickelten
Echokardiographien ließen sich Veränderungen am Herzen und in den Blutgefäßen unter dem Einfluß der Schwerelosigkeit präzise erfassen. Die Daten
geben Anhaltspunkte dafür, mit welchen Gegenmaßnahmen schädlichen Auswirkungen bei langem Aufenthalt im Weltraum begegnet werden sollte.

"Der Echokardiograph sendet Schallwellen aus und nimmt die Echos auf,
die auf einem Bildschirm das untersuchte Organ darstellen", eklärte Dr.
Seddon bei einer Fernsehsendung aus der DISCOVERY den Zuschauern, während
sie Schallköpfe des Instruments am Brustkorb eines der Astronauten befestigte. "Das Bild können wir auf unserem Videoband speichern. Wir können
sogar bei guter Wiedergabe auf dem Bildschirm das Herzinnere von unten
betrachten und dabei in alle vier Kammern hineinsehen. Wir wollen unter
anderem herausfinden, ob und welche Unterschiede sich in bezug auf die
Größe von Herz und Herzkammern sowie auf das Blutvolumen während des Fluges einstellen. Im Weltraum ist es ohnehin anders als auf der Erde, weil
sich hier die Herzposition anscheinend etwas verändert. Deshalb müssen
- 5 -

�Deshalb müssen wir die besten Punkte zum Ansetzen der Schallköpfe erst
suchen."
Senator Garn, der für den US-Senat einen offiziellen Bericht über
seine Eindrücke und Erfahrungen an Bord des Raumtransporters DISCOVERY
ausarbeiten wird, zeigte sich besonders beeindruckt von den Tätigkeiten
und Funktionen eines Astronauten. Das menschliche Denk- und Entscheidungsvermögen, menschliches Handeln im Weltraum sei durch nichts zu ersetzen, meinte er.

* * * * *

- 6 -

�</text>
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